Hamlet LANDESTHEATER SCHWABEN - Theaterpädagogische Materialmappe

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Hamlet LANDESTHEATER SCHWABEN - Theaterpädagogische Materialmappe
LANDESTH EATER
                             SCH WABEN

Theaterpädagogische Materialmappe

                           Hamlet
       Tragödie von William Shakespeare

                  Deutsch von Erich Fried

   Claudia Schilling (Theaterpädagogin) TEL: 08331 94 59 14 FAX: 08331 94 59 33
            MAIL: claudia.schilling@landestheater-schwaben.de
LANDESTH EATER
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INHALT
Termine .................................................................................................................................................................................................................................................4
Besetzung.............................................................................................................................................................................................................................................5
Shakespeare ........................................................................................................................................................................................................................................6
Hamlet...................................................................................................................................................................................................................................................8
Das Elisabethanische Theater ....................................................................................................................................................................................................... 12
Rache ................................................................................................................................................................................................................................................. 16
Verrückter Geist ............................................................................................................................................................................................................................... 19
Melancholie, Depression ................................................................................................................................................................................................................ 21
Zur Vor - und Nachbereitung ........................................................................................................................................................................................................ 35

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Shakespeares HAMLET (1602) ist das meistgespielte Stück der Weltliteratur und auch über 400 Jahre nach seiner
Entstehung ein brisantes Geneartionendrama, eine Heldenreise in den Abgrund und das größte Theaterrätsel aller Zeiten.

Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters, des Königs von Dänemark, ist Hamlets Welt aus den Fugen: Die Umstände des
Todes sind ungeklärt, die Königin ist schon wieder verheiratet - mit dem Schwager Claudius, dem neuen, auffälligen
diplomatischen Herrscher. Prinz Hamlet, vom Studium heimgekehrt zur Trauerfeier des Vaters, gerät in den Strudel des
politischen Umbruchs und in einen tiefen inneren Konflikt: Politik und Persönliches, alte und neue Welt lassen sich nicht
in Einklang bringen. Der Geist von Hamlets Vater spricht von Mord und fordert Rache. Überall scheinen Gefahr und Intrige
zu lauern, im Hofstaat, bei seinen Freunden, sogar bei der geliebten Ophelia. Hamlet, überfordert und verzweifelt, stellt
sich wahnsinnig... Oder wird er tatsächlich verrückt unter dem Druck, erwachsen zu werden, handeln zu müssen, ohne zu
wissen wie? Was ist war und was ist Täuschung, welche Weltsicht ist die Richtige? Was macht uns zum politischen
Menschen? Hamlet zaudert lange und läuft dann Amok - mit dramatischen Folgen. Prinz Hamlet, Shakespeares wohl
berühmteste und schillerndste Figur, ist ein Suchender und ein Fanatiker, ein existentiell Getriebener und
Liebessehnsüchtiger zugleich. Vielleich aber auch nur ein besonders sensibler und klarsichtiger junger Mensch, der an
der Realität zerbricht...

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TERMINE                                           SCH WABEN

Fr      12.10.2018    20:00
Mi      17.10.2018    20:00
So      04.11.2018    19:00
Fr      28.12.2018    20:00
Sa      23.02.2019    20:00
Di      16.04.2019    20:00
Do      18.04.2019    20:00
Großes Haus

Kartenreservierung:
08331 – 9459 16                                              Mo-Fr         11-18 Uhr
vorverkauf@landestheater-schwaben.de                         Sa            10-14 Uhr

Schulvorstellung

Fr       18.01.2019 10:00
Mo       21.01.2019 10:00

Gastspiele

Di       23.10.2018   20:00       Dillingen - Stadtsaal
Mi       07.11.2018   19:30       Ottobrunn - Wolf Ferrari Haus
Di       22.01.2019   20:00       Sonthofen - Haus Oberallgäu
Di       26.02.2019   09:00       Mindelheim - Stadttheater
Do       21.03.2019   10:00       Rosenheim - Kultur und Kongresszentrum
So       07.04.2019   19:00       Winnenden - Hermann-Schwab-Halle
Do       25.04.2019   20:00       Tuttlingen - Stadthalle

Spieldauer: 2h 45min einschließlich Pause

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BESETZUNG
Inszenierung                                                                Jochen Strauch
Bühne und Kostüm                                                            Frank Albert
Sound und Komposition                                                       Matthias Schubert
Dramaturgie                                                                 Anne Verena Freybott
Regieassistenz & Inspizienz                                                 Finn Bühr

Hamlet                                                                      Jana Arne Looss
Gertrud                                                                     Claudia Frost
Ophelia                                                                     Regina Vogel
Polonius                                                                    André Stutlik
Claudius                                                                    Jens Schnarre
Rosenkranz, Güldenstern, Totengräber, Osric                                 Sandro Šutalo
Horatio                                                                     David Lau
Laertes                                                                     Tobias Loth

★
Jochen Strauch
Ist gelernter Theaterregisseur, erste Erfahrungen sammelte er im Schauspiel Köln, bei den Münchner Kammerspielen als Assistent von Jan
Bosse und Dieter Dorn. Sein erstes Engagement als junger Regisseur und Dramaturg führte ihn ans Deutsche Schauspielhaus in Hamburg,
wo er u.a. die Komödie „Hysterikon“ mit Ingrid Lausund entwickelte und mit Andreas Beck im Autorenprojekt Schreibtheater internationale
Autoren inszenierte. Seit 2002 arbeitete er freischaffend als Regisseur in Deutschland, der Schweiz und Italien (z.B. „Die Räuber“, „Der
Zauberer von Oz“, „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“, „If we lost each other tomorrrow“ u.a. Oper Lübeck, Theater Kanton Zürich, Quarteri
dell’Arte Viterbo/Rom).
2009 graduierte er parallel zum Regieberuf als Stipendiat im Executive Master in Arts Administration an der Universität Zürich und übernahm
sein erstes Engagement im Management von Theatern als Kommunikationsexperte des Thalia Theaters in Hamburg. Seit der Spielzeit
2017/18 ist er wieder fokussiert als freischaffender Regisseur tätig.
Jochen Strauch lebt in Welt, einem kleinen Dorf an der Nordsee bei St. Peter-Ording. HAMLET ist seine erste Arbeit in Memmingen.

★
Frank Albert
Studierte Architektur und Design an der Akademie der bildenden Künste in Stuttgart und an der Kingston University London sowie Bühnen-
und Kostümbild an der Technischen Universität Berlin. Für seine Abschlussarbeit zu „Der Ring des Nibelungen“ erhielt er ein Stipendium für
Robert Wilsons Watermill Center in New York. Seit 2004 ist Frank Albert als freischaffender Szenograf tätig und konzipiert, gestaltet und
realisiert temporäre Architekturen, installative Orte und Räume für Theater und Ausstellungen. Neben Theatern im In- und Ausland, wie u.a.
der Oper Göteborg, dem Staatstheater Nürnberg und der Oper Linz, arbeitet Frank Albert auch für Kulturinstitutionen wie das Festival Musica
Sacra in Paderborn oder das Kammermusikfestival in Nürnberg. Darüber hinaus gestaltete er Räume für das Dokumentationszentrum
Nürnberg, das Museum für Architektur und Ingenieurskunst und das Deutsche Museum in München.
Mit dem Regisseur Jochen Strauch verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit, u.a. erarbeiteten sie zusammen „Misery“ von Stephen
King am Pfalztheater Kaiserslautern, „Die Räuber“ von Friedrich Schiller an den Kammerspielen Paderborn, sowie zuletzt „Nathan der Weise“
von Gotthold Ephraim Lessing am Theater Wilhelmshaven, „1984“ von George Orwell am Theater KIel und „Am Boden“ von George Brant am
Theater Coburg. HAMLET ist nach VERBRENNUNGEN in der Regie von Kathrin Mädler seine zweite Arbeit am Theater Memmingen.

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SHAKESPEARE
★
1564 Stratford-on-Avon (England) – Geburt wahrscheinlich am 23. April; William Shakespeare wird als drittes von acht
Kindern und erster überlebender Sohn von John Shakespeare, einem Handschuhmacher, und Mary Shakespeare, geb.
Arden, geboren. Taufe am 26. April.

ab ca.1569 Stratford-on-Avon – Der Vater ist inzwischen Bürgermeister in Stratford; vermutlich Besuch der örtlichen
„grammar school" bis der Vater in finanzielle Schwierigkeiten gerät.

1582 Stratford-on-Avon – Heirat mit der acht Jahre älteren Anne Hathaway, die aus wohlhabenden Verhältnissen
stammt. Sechs Monate später kommt Suzanne Shakespeare zur Welt. Spekuliert wird darüber, ob es eine zweite Frau
gab, die Shakespeare zu heiraten vorhatte – bis der Skandal um die schwangere Hathaway diese Verbindung zerstörte.

1585 Stratford-on-Avon – Die Zwillinge Hamnet und Judith werden geboren.

1587 Hinrichtung Maria Stuarts.

1588 Sieg über die Spanische Armada.

1586 — 1592 „lost years" oder „dark years" – Aus diesen Jahren gibt es keine Überlieferungen, nur Spekulationen.
Vielleicht hat Shakespeare als Lehrer den Lebensunterhalt für die Familie verdient, vielleicht am Gericht gearbeitet.
Vielleicht hat er sich einer Theatergruppe angeschlossen.

1592 London – Shakespeares Name taucht erstmals in gedruckter Form in der Londoner Theaterszene auf. Robert
Greene, ein Dramatiker, regt sich über einen jungen Emporkömmling „an upstart crow, beautified with our feathers"' auf.
Er scheint neidisch auf Shakespeare zu sein: „the only Shakescene in a country" - Anspielung auf Shakespeares Namen.

1592-1594 Die Londoner Theater müssen immer wieder wegen der Pest geschlossen werden. In dieser Zeit könnte
Shakespeare viel geschrieben haben, z.B. seine Vers-Epen, dem Grafen von Southampton gewidmet, und evtl. auch seine
Sonette.

1594 London – Shakespeare und mindestens zwei Kollegen spielen vor der Königin. Die Theatergruppe wird danach von
Elisabeth I. protegiert und nennt sich „The Lord Chamberlain's Men". Die Gruppe ist nicht nur bei Hofe, sondern auch
beim allgemeinen Publikum sehr erfolgreich. Shakespeare verdient – er legt regelmäßig Geld an.

1595 London – Shakespeare wird Miteigentümer bei den „Lord Chamberlain's Men“. Vermutete Entstehung von Romeo
and Juliet.

1596 Stratford – Sohn Hamnet stirbt mit 11 Jahren. Shakespeares Familie wird ein Wappen und damit der Status der
Gentry bewilligt.

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1597 Stratford – Erste Schriftveröffentlichung von Romeo
                                                      SCHand Juliet („bad quarto" / Q1). Davor gab es nur einzelne
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Textteile und Aufzeichnungen, die nach der Erinnerung einzelner Schauspieler erfolgten. Die Schauspieler arbeiteten
aufgrund des Papiermangels z.T. nur mit einzelnen Rollenblättern, hatten aber nicht immer das ganze Stück zur
Verfügung.

1599 London – Bau des „Globe Theatre"; zweite Veröffentlichung von Romeo and Juliet („good quarto" / Q2).

1601 Stratford – Vater John wird begraben; Uraufführung von Hamlet.

1603 London – Königin Elisabeth I. stirbt: Umbenennung der „Lord Chamberlain's Men" in „King's Men": Die Gruppe
spielt jetzt für König Jakob I. von England.

1604/05 London – Uraufführung von Othello (1604) und King Lear (1605).

1610/11 Stratford – Rückzug Shakespeares nach Stratford. Uraufführung von Macbeth im Jahr 1611.

1613 London – Kauf eines Hauses in London. Das „Globe Theatre" brennt nieder.

1616 Stratford – Shakespeare schreibt sein Testament; Haupterbin: Tochter Susanna. Seine Frau bekommt nur sein
„zweitbestes Bett". Er stirbt im April an seinem vermuteten Geburtstag und wird in Stratford begraben.

1623 London – Herausgabe der „Firstfolio": 1. Gesamtausgabe von Shakespeares Werken (darunter auch Romeo and
Juliet)

★
Was wissen wir über Shakespeares Leben? 1
Angesichts der vielen, oft nicht belegbaren Theorien und Erzählungen über Shakespeares Leben ist zunächst
festzuhalten, daß die gesicherten Fakten zwar nach heutigen Maßstäben spärlich sind, daß jedoch Shakespeares Leben
für einen Mann aus seiner gesellschaftlichen Schicht in seiner Zeit recht gut dokumentiert ist. Reproduktionen so gut wie
aller relevanten zeitgenössischen Dokumente finden sich in Samuel Schoenbaums William Shakespeare: A Compact
Documentary Life (2. Aufl. 1987).

Shakespeare entstammte einer in Warwickshire (im westlichen Mittelengland) ansässigen Familie und wurde 1564,
vermutlich am 23. April, in Stratford-upon-Avon als Sohn des Handschuhmachers John Shakespeare und dessen Frau
Mary geboren; seine Mutter entstammte der wohlhabenden Familie Arden. Er besuchte die Lateinschule in Stratford,
studierte aber nie an einer Universität. Als Achtzehnjähriger heiratete er 1582 die sechsundzwanzigjährige, zum
Zeitpunkt der Heirat schwangere Anne Hathaway, mit der er zunächst in Stratford lebte und drei Kinder hatte, zwei
Töchter und einen Sohn.

1
    http://shakespeare-gesellschaft.de/info/faqs/shakespeare/biographie.html

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Über die Jahre zwischen 1585 und Shakespeares ersterSCHErwähnung
                                                           WABEN als Dramatiker in London 1592 ist nichts
Gesichertes bekannt (es gibt freilich sowohl Legenden als auch plausible Theorien über diese Zeit, die manchmal als “the
lost years” bezeichnet wird). Ab Anfang der 1590er Jahre war Shakespeare Mitglied einer Londoner Theatertruppe, der
“Lord Strange’s Men”, die sich 1594 zu den “Lord Chamberlain’s Men” umorganisierten, welche sich wiederum nach
1603, der Thronbesteigung James’ I., “The King’s Men” nennen durften. Wahrscheinlich lebte Shakespeare bis zum Ende
seiner Tätigkeit in der Londoner Theaterszene (1611/1612) über lange Zeiträume von seiner Familie in Stratford
getrennt.

Als erfolgreicher Dramatiker, Schauspieler und Teilhaber seiner Truppe erwarb der geschäftstüchtige und bei vielen
beliebte Shakespeare ein kleines Vermögen, das ihn in den Stand setzte, bereits 1597 eines der stattlichsten Häuser in
Stratford zu erwerben. Nach seinem Rückzug in das Privatleben starb Shakespeare (wiederum an einem 23. April) als
wohlhabender Bürger im Jahre 1616 in Stratford. Die Todesursache ist unbekannt, aber die zittrige Unterschrift auf dem
Testament vom März 1616 läßt auf einen angegriffenen Gesundheitszustand schließen.

Die erste Gesamtausgabe der Dramen, das First Folio, gaben 1623, sieben Jahre nach Shakespeares Tod, die beiden
Theaterkollegen John Heminge und Henry Condell heraus.

HAMLET
★
Story:
Uraufgeführt 1601 in London. 1603 zum ersten Mal – vermutlich als Raubdruck - in einer Fassung veröffentlicht, die A.
W. Schlegel, der populärste deutsche Übersetzer, nicht gekannt hat. Die erweiterte zweite Hamlet-Ausgabe erschien
1604, die dritte in der Folio-Ausgabe von 1623. Die > Leitgedanken der ersten Fassung von 1603, angereichert durch
das Material der übrigen Texte, hat Hans Rothe für seinen deutschen >Hamlets benutzt.
Wer? Claudius, König von Dänemark. Hamlet, Sohn des vorigen Königs und Neffe des Claudius. Gertrude, Hamlets Mutter,
Witwe des vorigen Königs und Gattin des Claudius. Horatio, Hamlets Freund. Polonius, Oberkämmerer. Ophelia, Tochter
des Polonius. Laertes, Sohn des Polonius. Rosenkranz und Güldenstern, Hofleute. Fortinbras, Prinz von Norwegen. Der
Geist von Hamlets Vater.
Wo und wann? In Helsingör, am dänischen Königshof. Zeit: unbestimmt.
Was? Prinz Hamlet ist von der Universität in Wittenberg an den Königshof in Helsingör zurückgekehrt: sein Vater ist tot,
und Claudius, der neue König, ein Bruder seines Vaters, hat schon Gertrude, Hamlets Mutter, geheiratet. Was Hamlet
vermutet, wird ihm durch den Geist seines Vaters bestätigt: Claudius hat Hamlets Vater ermordet. Hamlet wird vom Geist
beauftragt, diesen Mord zu rächen, doch soll er dabei seine Mutter schonen.

Um den Auftrag besser ausführen zu können und um Claudius der Tat zu überführen, nimmt Hamlet sein wunderliches
Wesen an: er spricht scheinbar zusammenhanglose, doppeldeutige Sätze, in denen sich seine Taktik, Claudius zu
provozieren, und sein Ekel vor einer Welt, in der dieser Mord möglich ist, durchdringen. (Der aus dem protestantischen
Wittenberg kommende Hamlet braucht einen Beweis für Claudius` Schuld, da der Geist nach der damaligen
protestantischen Auffassung durchaus ein täuschender Teufel aus der Hölle sein könnte.

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Der Geist selbst freilich ist katholisch: er beklagt, dass erSCHohne Beichte und Letzte Ölung getötet worden ist.) Der
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Kämmerer Polonius vermutet, Hamlets Geist sei verwirrt, weil er Ophelia, die Tochter des Polonius, liebe, ohne von ihr
erhört zu werden. Hamlet, belauscht vom König und von Polonius, angewidert von Mord, Rache und dem Lauf der Welt,
rät Ophelia, in ein Kloster zu gehen (eine zu eindeutige Übersetzung; Hamlet schickt Ophelia »to a nunnery«,und so
nannte man auch das „Freudenhaus“).
Eine Schauspieltruppe gibt Hamlet Gelegenheit, dem König eine Falle, die Mausefalle«, zu bauen: er lässt die
Schauspieler vorm Hofe eine Pantomime und (vermutlich: oder) ein Stück aufführen, in dem ein König auf die gleiche
Weise wie Hamlets Vater ermordet wird und der Mörder die Königin für sich gewinnt. Bevor das Spiel noch zu Ende ist,
bricht der erregte Claudius mit dem Hofstaat auf. Nun hat Hamlet Gewissheit, doch tötet er, als sich ihm die Gelegenheit
bietet, Claudius nicht: der König betet, und Hamlet will ihn nicht in der Reue sterben lassen – was freilich auch ein
Vorwand sein kann, nicht töten zu müssen. Hamlet klagt seine Mutter so unbarmherzig an, dass der Geist seines Vaters
noch einmal erscheint, um ihn an seine Rache und die befohlene Schonung der Mutter zu erinnern.
Polonius belauscht dieses Gespräch hinter einem Vorhang und wird, als er sich durch ein Geräusch verrät, von Hamlet
erstochen, der ihn für den König hält. Um Hamlet zu beseitigen, schickt König Claudius ihn nach England, lässt ihn von
seinen Spitzeln Rosenkranz und Güldenstern begleiten, denen er einen er einen Mordbrief mitgibt - seine Empfänger
sollen Hamlet in England töten.
Hamlet entdeckt den Brief und ändert ihn ab: nun werden Rosenkranz und Güldenstern getötet. Nach Dänemark
zurückgekehrt, wird Hamlet Zeuge der Beerdigung Ophelias: sie ist, seelisch und geistig verwirrt, im Fluss ertrunken. Ihr
Bruder Laertes, entschlossen, den Tod seines Vaters Polonius zu rächen, duelliert sich mit Hamlet.
Auf den Rat von König Claudius benutzt er zu diesem sportlichen Wettkampf ein scharfes Rapier, dessen Spitze er
vergiftet. Claudius hält überdies einen Giftbecher bereit. Beim Duell vertauschen die beiden in der Hitze des Gefechtes die
Rapiere, und Hamlet tötet Laertes, der im Sterben den Mordplan gesteht. Die Königin hat versehentlich vom Giftbecher
getrunken; Hamlet ersticht den König. Der vom vergifteten Rapier verwundete Hamlet stirbt; sein letztes Wort: »Der Rest
ist Schweigen.« Fortinbras, der Prinz von Norwegen, wird das Erbe Dänemarks antreten; er lässt Hamlet mit königlichen
Ehren bestatten: »denn er hätte, wäre er hinaufgelangt, unfehlbar sich höchst königlich bewährt«.2

★
Ursprung
Saxo Grammaticus
Shakespeare war aber keineswegs der eigentliche Erfinder des HAMLET. Wie fast alle seine Stücke ist auch dieses im
Grunde nur die dramatisierende Bearbeitung eines Stoffes, der lange vor Shakespeare bekannt war und schon mehrere
Umgestaltungen erfahren hatte, bevor Shakespeare ihn zu seinem Hamlet ausformte.
Die älteste bekannte Quelle ist im Volksgut der nordischen beziehungsweise isländischen Sagen zu finden. Ein dänischer
Mönch namens Saxo Grammaticus hatte die Geschichte von »Amleth« Ende des 12. Jahrhunderts in seiner HISTORIAE
DANICAE nacherzählt. Dort lautet der ursprüngliche Name des Titelhelden »amlothi« – kein besonders schmeichelhafter
Name, denn das altnordische Wort bedeutet soviel wie »dumm, blöde, dämlich, tölpelhaft«. Hamlet, der Held der
berühmten Tragödie, war also ein dummer Tropf.
In Saxos Chronik gibt es nicht den Schatten einer Kritik an Amleth und nicht den geringsten Zweifel an der Rechtlichkeit
seines Vorgehens. Amleths Rachefeldzug und seine brutalen und sadistischen Schlächtereien werden begeistert

2
    Hensel, Georg: Spielplan. Der Schauspielführer von er Antike bis zur Gegenwart. München: Econ Ullstein Taschenbuchverlag, 2001.

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LANDESTH EATER
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                                                                                              LANDESTH EATER
gutgeheißen. Mit Amleths erfolgreicher Rache ist die Welt      wieder heil geworden. Es ist eine germanische, vorchristliche
                                                          SCH WABEN
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Moral, die hier in der primitiven alten Sage gefeiert wird.

★
Stimmen

War Hamlet ein guter Mensch oder ein schlechter? Ich halte es durchaus für legitim, diese einfache Frage zu fragen
(obgleich die Antwort freilich nicht auch so einfach zu sein braucht); es ist, wie ich meine, eine Frage, die sich jeder yvon
literarischen Vorurteilen< freie Leser oder Theaterbesucher selber stellt und die das Stück als Ganzes unaufhörlich in
uns provoziert. Doch ist die Spannweite der Antworten, die sie gefunden hat, nicht schmaler als die der Antworten auf die
übrigen Fragen, die das Stück und seine Figuren immer wieder stellen; denn in bezug auf Hamlet (den Prinzen wie das
Stück) ist nur eines sicher: alle Interpreten stimmen darin überein, daß das Ausmaß der Meinungsverschiedenheiten
nicht größer sein könnte. Das Ergebnis ist, daß Hamlet zu der kleinen Zahl literarischer Schöpfungen gehört, die nicht
schlicht Charaktere eines Romans, Gedichts oder Theaterstücks geblieben sind. Hamlet ist zu einem Mythos geworden.
                                                                                                               Patrick Cruttwell

Es wurde einmal gesagt, das Schwierige beim HAMLET sei, letztlich zu wissen, um was es überhaupt geht. Blickwinkel
und Standort des Betrachters definieren in ganz ungewöhnlichem Maße das, was das Stück Hamlet jeweils sein soll.
Hamlet, der sich selbst ein Rätsel ist, provoziert offenbar jeden Leser, ihm Rätsellösungsvorschläge zu unterbreiten.
                                                                                                               Frank Günther

HAMLET lässt sich nicht ganz einfach aufführen. Vielleicht liegt darin seine Anziehungskraft für Regisseure
und Schauspieler. In Hamlet haben viele Generationen nach ihren eigenen Zügen gesucht und
sie gefunden. Vielleicht beruht das Geniale Hamlets gerade darin, dass man sich darin spiegeln kann.
Der vollendete Hamlet müsste gleichzeitig maximal shakespearehaft und maximal modern sein. Ist
das möglich? Ich weiß es nicht. Aber nur an diesen Fragen kann man die einzelnen Shakespeare-
Inszenierungen beurteilen. Man muss sich fragen, wieviel darin von Shakespeare und wieviel von uns
gegeben ist. Und es geht mir hier keineswegs um eine an den Haaren herbeigezogene Modernisierung,
um einen Hamlet im Existentialistenkeller. Wichtig ist nur, dass man durch den Shakespeareschen
Text hindurch zu den Erfahrungen unserer Zeit findet, zu unserer Ruhe und unserer Empfindsamkeit.
Hamlet ist wie ein Schwamm. Wenn man ihn nicht stilisiert oder antiquiert spielt, saugt er sogleich die
ganze Gegenwart in sich auf. Es ist das eigenartigste aller Stücke, die je geschrieben wurden; eben
wegen seiner Porosität, wegen seiner offenen Stellen.
                                                                                                               Jan Kott

Der Totaleindruck dieser Tragödie ist die höchst intellektuelle Verzweiflung, inmitten einer durchaus
zerrütteten Welt.
                                                                                                               Friedrich Schlegel

3
    Günther, Frank: Meisterwerk kurz und bündig. Shakespeares Hamlet. München: Piper Verlag, 2001.

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                                                         LANDESTH EATER
HAMLET wurde einmal als die Mona Lisa unter den Charakteren
                                                         SCH WABENder Weltliteratur bezeichnet. Allerdings
lächelt er nicht rätselhaft und unergründlich, sondern grübelt geheimnisvoll und unauslotbar.
Das Bild eines schwarzgekleideten Jünglings, in unendlich schöner Trauer einen weißen Totenschädel
anstarrend, prägt den Mythos des Stückes. Und so wenig, wie die Mona Lisa ihr Geheimnis preisgibt,
so beharrlich verweigert sich Shakespeares Hamlet allen Versuchen, das „Herz seines Geheimnisses“
endgültig ans Licht zu bringen.
                                                                                                             Frank Günther

Er ist also kaum der große, der außerordentliche Einzelne, der Denkertyp, erhaben über allem
Irdischen, wie ihn die Kritik gerne haben will, sondern er ist ein gehetztes Individuum, weil er sich
nicht anpasst, ein Opfer, das sich wehrt, ein Subjekt, das in der gegebenen Gesellschaft nicht lebensfähig
ist.
                                                                                                             Klaus Reichert

Shakespeares »Hamlet«, soweit er von Shakespeare herrührt, ist ein Stück, das von der Wirkung der Schuld einer Mutter
auf ihren Sohn handelt, und Shakespeare war sicht ist es rätselhaft und beunruhigend wie kein anderes. Von allen
Stücken ist es das längste und vielleicht dasjenige, mit dem Shakespeare sich am meisten abgemüht hat; und doch hat
er darin überflüssige und nicht in den Zusammenhang passende Szenen stehen lassen, die auch eine eilige
Überarbeitung hätte bemerken müssen.
                                                                                                             T. S. Eliot

Ja, Prinz Hamlet ist ein liebenswerter Prinz. Er ist schön, er ist unglücklich; er weiß alles und weiß doch nicht, was er tun
soll; er ist beneidens- und bemitleidenswert; er ist schlechter und besser als jeder andere. Er ist ein Mann, ein Mensch,
die ganze Menschheit. Du gehörst allen Zeiten und Völkern an. Du bist in drei Jahrhunderten nicht um eine einzige
Stunde gealtert. Deine Seele hat das Alter eines jeden von uns. Wir haben ein gemeinsames Dasein, Prinz Hamlet, und
Du bist das, was wir sind, ein Mensch inmitten des universellen Übels. [...] Du bist rasch und zurückhaltend, kühn und
furchtsam, wohlwollend und grausam, Du glaubst und Du zweifelst, Du bist klug und, vor allem, Du bist wahnwitzig. Mit
einem Wort, Du lebst. Wer ähnelt Dir nicht in der einen und anderen Weise?
                                                                                                     Anatole France

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                                                   LANDESTH EATER
                                                   SCH WABEN

DAS ELISABETHANISCHE THEATER

★
Schauspieltruppen
-   Es gibt zum ersten Mal seit der Antike wieder feste, professionelle Schauspielgruppen.
-   Sie standen unter dem Schutz von Protegés, häufig waren dies Adlige.
-   Die Truppen waren als Aktiengesellschaften organisiert. Schauspieler waren Aktionäre und wurden am Gewinn
    beteilig. (Die noch jüngeren Schauspieler waren angestellt.).
-   Truppen bestanden aus ca. 10-12 Schauspieler plus Boy-actors (junge Schauspieler, Knaben, die Frauenrollen
    spielten).
-   Etwa alle zwei Wochen wurde ein neues Stück herausgebracht.
-   Die Gruppen hatten bis zu 38 Stücke im Repertoire.

★
Theaterbau
-   Am Südufer der Themse (Bankside) entstandene feste Theaterbauten. Diese war außerhalb der Stadtmauern und
    damit nicht im Einflussgebiet der puritanischen Stadtregierung.
-   Bauten waren wahrscheinlich inspiriert von den Innyards (Innenhöfe) der Pubs in denen vor dem Errichten der
    Theater, häufig gespielt wurde.
-   Theater ist ein häufig achteckiger, dreistöckiger Bau.
-   Rundum sind an den Außenwänden Galerien mit
    Sitzplätzen angebracht. Im Innenhof befinden sich
    Stehplätze. An einer Außenwand befindet sich das
    Bühnenhaus. Eine Plattformbühne ragt in den Innenhof.
    In hinteren Teil ist die Bühne überdacht. In der
    Rückwand sind zwei Türen, sogenannte stage doors, für
    Auf- und Abgänge. Darüber befindet sich eine Galerie,
    die upper stage, für Balkonszenen. Ganz oben ist die
    Bühnenhütte (hut). Von dort wurde mit Trompeten der
    Beginn der Vorstellung angekündigt. Manche Theater
    hatten hier wohl auch Flugmaschinen u.ä.

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                    Exkurs Hamlet
                    Es ist eine der berühmtesten Passagen des Stückes. Die glorreiche Schönheit und Vollendung der Erde und des
                    darüber schwebenden, gestirnten Himmelsgewölbes werden beschworen, und ein idealisches Bild vom
                    »Meisterwerk Mensch« als gottgleicher Krone der Schöpfung wird entworfen. Die Stelle wird gerne zitiert als
                    Beispiel für Hamlets beziehungsweise Shakespeares tief philosophisches Denken über die Welt, als Botschaft und
                    Spruchweisheit zum »Nach-Hause-Tragen«.
                    Aber Vorsicht! So klingt sie nur, wenn man sie aus ihrem dramatischen Kontext reißt; es ist eine sehr schillernde
                    Passage, und wie sie wirklich »gemeint« ist, lässt sich gar nicht so sicher sagen. Zunächst einmal handelt es sich
                    nicht um eine originelle Shakespearesche Erfindung, sondern durchaus um thematische Versatzstücke, um nicht
                    zu sagen um Klischees und Allgemeinplätze der Renaissance, wie sie vielerorts zu finden sind, nicht zuletzt bei
                    Montaigne. Hamlet zitiert hier zunächst eine gängige philosophische Weltsicht.
                    Aber meint er das auch tatsächlich selbst, was er da zitiert? Es könnte sich auch um ein boshaftes Katz-und
                    Maus-Spiel mit Rosenkranz und Güldenstern handeln, um ein Zünden von Nebelkerzen, um im militaristisch
                    geheimdienstlichen Jargon zu bleiben, hinter denen er verschwinden möchte: Es könnte reine Blödelei sein. Alle
                    erwähnten Beispiele lassen sich nämlich doppeldeutig auf das konkrete Theatergebäude beziehen: Hamlet, der
                    etwas abrupt von einem »dürren Vorgebirge« redet, steht nämlich konkret auf einer vorspringenden Bretterbühne,
                    die im elizabethanischen Theaterjargon als promontory (= erstens » Vorgebirge«; zweitens »vorspringender Teil,
                    Vorbühnenpodest«) bezeichnet wurde; der » Himmel« und Baldachin kann durchaus auf den konkreten blauen
                    »Himmelsbaldachin« über der Bühne anspielen, auf dem Sonne, Mond und Sterne aufgemalt waren; this frame the
                    earth, das »Bauwerk Erde« lässt sich auf die Fachwerk Holzkonstruktion des Globe beziehen - und der Name von
                    Shakespeares Theater bedeutet ja »Globus, Welt, Erde« – mit dieser Doppeldeutigkeit spielt Shakespeare in vielen
                    Stücken. Es ist also durchaus denkbar, dass Hamlet hier ein ironisch schillerndes Spiel mit Stückrealität und
                    Theaterrealität veranstaltet und alles, was er anscheinend so tief philosophisch über die Welt« erzählt, eigentlich
                    närrisch als scheinhafte Theaterei verhöhnt: Das »Meisterwerk Mensch« kann ja ersichtlich auch hervorragend
                    morden, heucheln, sich verstellen, inzestuös huren, und Hamlet hat derzeit wenig Grund, den Menschen als
                    Wunderwesen zu apostrophieren. Vielleicht ist die Passage aber tatsächlich eine konkrete Selbstbeschreibung von
                    Hamlets umdüstertem Zustand? Hamlet erklärt ja darin auch, an einer schweren Depression zu leiden (»Hab alle
                    Heiterkeit verloren«, »es steht so schwarz um mein Gemüt«). Dieser Zustand hieß zu elizabethanischer Zeit
                    »Melancholie« und galt als klar umschriebenes, psychosomatisches Krankheitsbild (siehe Exkurs der nächsten
                    Doppelseite). Vielleicht will sich Hamlet mit dem »Wunderwerk«-Text ja auch aufrichtig den alten Freunden als
                    krank anvertrauen. Andererseit: Es gibt keinen Grund, warum Hamlet dem Mörder seines Vaters und dessen
                    Handlangern eine ernstgemeinte Selbstoffenbarung liefern sollte, im Gegenteil. Aber vielleicht ist die
                    »Melancholie«-Eigendiagnose ja gerade Teil von Hamlets Plan? Vielleicht spielt Hamlet hier nur den Aufrichtigen,
                    um überzeugend als Kranker dazustehen und damit Claudius in Sicherheit zu wiegen? Dann wäre also seine
                    »aufrichtige« Selbstbeschreibung nur Maske, und er leidet gar nicht an der Gemütskrankheit »Melancholie«? Aber
                    andererseits könnte er natürlich auch tatsächlich der Melancholie verfallen sein und mit dem, was tatsächlich ist,
                    ein scheinhaftes Spiel treiben, um mit der Wahrheit zu lügen ...
                    Was ist nun davon richtig, was ist gemeint, wie ist es gemeint? Rosenkranz und Güldenstern wissen es nicht, und
                    auch kein Betrachter des Stückes wird es je mit absoluter Sicherheit wissen - ein Vexierbild enthüllt sich.
                    Indem Hamlet hier nun in das Assoziationsfeld des Melancholikers gerückt wurde, erweitert sich das Bild. Wir
                    sehen nicht mehr nur den theaterspielenden Hamlet vor uns, der sich bewusst aus Selbstschutz hinter der Maske
                    des Narren und Blöden versteckt wie sein Vorgänger »Amleth« beim alten Saxo Grammaticus. Hamlet rückt mit
                    der klinischen Diagnose der Gemütskrankheit »Melancholie« in eine zwielichtige Zone, wo gespielter und echter
                    Wahnsinn miteinander verfließen und für die Beobachter im Stück wie für das beobachtende Publikum
                    ununterscheidbar werden.
                    Hamlets Worte und Hamlets Verhalten öffnen einen weiten Denkraum für endlos kreisende Spekulationen und
                    Vermutungen, ohne dass der Text je Halt und festen Grund darüber lieferte, was »Hamlet« wirklich ist und wirklich
                    tut. Das Ergebnis der Ausspähaktion ist mager; Rosenkranz und Güldenstern können ihrem Agentenführer Claudius
                    nichts anderes melden, als dass Hamlet zugegebenermaßen sich verstört fühle, aber nicht willens sei, ausgehorcht
                    zu werden, und » mittels Wahnsinnsposen Abstand« hält. 4

4
    Günther, Frank: Meisterwerk kurz und bündig. Shakespeares Hamlet. München: Piper Verlag, 2001.

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LANDESTH EATER
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Aufführungspraxis
-           Die Schauspieler hatten ein bestimmtes Rollenfach (Held, Schurke, Narr, Liebhaber, Mutter, Mädchen usw.).
-           Das Podium ist eine Neutralbühne. Zu keiner Zeit wird versucht, durch naturalistische Darstellung einen
            Handlungsort o.ä. scheinbar realistisch darzustellen.
-           Die Realität wird durch zeichenhafte Versatzstücke dargestellt. So kann ein Busch z.b. für einen Schlossgarten
            ebenso gut aber auch einen ganzen Wald stehen.
-           Wortkulisse oder Gesprochene Dekoration: Umwelt wird vor allem durch Worte (Text) evoziert.
-           Gespielt wurde bei Tageslicht.
-           Kostüme waren überaus opulent und ebenso zeichenhaft wie Bühne-Versatzstücke: Für ein bestimmtes Rollenfach
            oder einen bestimmtem Typen gab es Versatzstücke, die dem Zuschauer ermöglichte, ihn sofort zu erkennen.
            Ebenfalls wichtig war Farbsymbolik.
-           Schauspieler stehen in engem Kontakt zu den Zuschauern, da das Podium direkt in den Zuschauerraum hinein
            ragt. Häufig gibt es auch direkte Publikumsansprache und rampenparalleles Spiel (Monologpraxis).
-           Die Vorstellungen waren keine Kulturveranstaltungen im heutigen Sinne! Es ging um Unterhaltung und Zerstreuung.
            Währende der Vorstellung wurde gegessen, geredet, getrunken usw.

★
Drama/Schriftsteller
-           Elisabethanisches Theater brachte den Beruf des „Playwriter“ hervor.
-           Die Autoren hatten einen hohen Output an Dramen, es herrschte ein sehr hoher Produktionszwang, da ca. alle zwei
            Wochen ein neues Stück herausgebracht wurde. Häufig wird daher die alleinige Autorschaft angezweifelt.
-           Den Schauspielern wurde nur ihre Rolle als Text ausgehändigt. Den restliche Hergang des Stückes bekamen sie
            lediglich als Zusammenfassung, da große Angst bestand, dass die Dramen an die Konkurrenz verkauft werden.
-           Inhaltlicher Wandel: das Handeln und die Entscheidungen der Figuren, das handelnde Subjekt, rückte ins Zentrum.
            Erste psychologische Charakter-Betrachtungen fanden statt. Die Ursache des Scheiterns ist nicht mehr das
            Schicksal, sondern der Mensch und seine Entscheidungen.
-           Keine Einheit von Ort, Zeit und Handlung.
-           Sprachliche Genialität des Autors war wichtig, da die Aufführungspraxis verlangte, dass alles Äußere (Raum,
            Tageszeit, Natur, Atmosphäre,...) durch Sprache entsteht (Wortkulisse).
-           Drei Dramentypen: Komödie, Tragödie, Historie.

★
Eine Vorstellung im Globe-Theater 5
Trompetenstöße, eine gewaltige Fahne wird gehisst und flattert über dem runden, aus Holz gebauten Theater, das rund
tausend Zuschauer fasst.

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    Hensel, Georg: Spielplan. Der Schauspielführer von er Antike bis zur Gegenwart. München: Econ Ullstein Taschenbuchverlag, 2001.

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LANDESTH EATER
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 Es ist zwei Uhr nachmittags, die Vorstellung beginnt, und
                                                        SCHsie muss in zwei bis zweieinhalb Stunden zu Ende sein, eine
                                                            WABEN
längere Spieldauer ist durch Gesetz verboten. (Schlussfolgerung am Rande: Von den Stücken Shakespeares, die mehr als
zweieinhalb Stunden erfordern, kann also nicht die tatsächliche Bühnenfassung vorliegen.)
Das wohlhabendere Publikum steigt in den Treppenhäusern zu den drei Rängen hoch; sie erlauben von drei Seiten den
Blick auf die Bühne von oben. Die feineren Herren und der Adel haben ihre Loge unmittelbar neben dem Podium, fast auf
dem Podium – es sind, wie auch heute noch üblich, die teuersten und schlechtesten, weil der Bühne zu nahen Plätze.
Durch zwei Seiteneingänge füllt sich das Parterre mit Volk, mit den »Gründlingen«: sie müssen stehen wie die
»Mosqueteros« im spanischen Hinterhoftheater, und wenn das Stück so langweilig wird, daß sie ihre müden Beine
spüren, so fangen sie an, Radau zu machen. Die Theaterautoren in England wie in Spanien nehmen darauf Rücksicht und
sorgen dafür, dass die ernsten Szenen aufregend sind und durch komische Szenen unterbrochen werden. Auf das
Fechten wartet man wie heute im Wildwestfilm auf die gezogenen Colts – es wird mit höchster Artistik und
spannungssteigernden Finten gefochten. Niemand ist hierhergekommen, um »Kunst« zu genießen – die Leute wollen
unterhalten werden. Die obersten Hofkreise besuchen das öffentliche Theater so wenig wie die Königin: gar nicht. Sie
haben ihre eigenen Aufführungen am Hof, für die das Theater zweifellos eine eigene Bühnenfassung einrichtet, und sie
haben ihre Feste und Maskenspiele, an denen die selbst als Schauspieler teilnehmen. Im Globe-Theater aber sind alle
Schichten des Volkes vertreten, und da auch Frauen ohne Begleitung Zutritt haben, wird das Theater von den
professionellen Liebeshänderinnen als Treff- und Anknüpfungspunkt besucht. Ehrbare Damen, sofern sie sich überhaupt
ins Theater wagen, verbergen ihr Gesicht hinter einer Maske.
Das rechteckige Podium der Bühne ragt weit in den runden Zuschauerraum hinein. Im Hintergrund des Podiums: zwei
Seitentüren und dazwischen die durch einen Vorhang abgeschlossene Hinterbühne. Darüber ein entsprechender Balkon
als Oberbühne. Darüber eine Hochbühne, auf der Turmszenen stattfinden oder die Musikanten sitzen.
Eine Flugmaschinerie für Gestalten aus dem »Himmel« und eine Versenkung im Podium, die zur Unterbühne, zur
»Hölle«, führt, entsprechen dem spanischen Theater, doch wird von ihnen im elisabethanischen England nur ein
bescheidener Gebrauch gemacht.

Dieser hintere Abschluss des Podiums kommt von der mittelalterlichen Himmel-Erde-Hölle-Bühne, aber das Podium, die
Erde, und die Oberbühne, der Balkon, sind die Hauptschauplätze – denn nun beherrscht das Irdische die Szene. Das
Theater ist im Grunde nichts anderes als der verbesserte Innenhof eines Gasthauses, in dem das Podium aufgeschlagen
wird; die Fenster darüber dienen als Bühnenbalkon, und die Fenster der Seitenhäuser werden als Galerie für
zahlungskräftige Zuschauer benutzt. Der Blick von oben auf das Podium und seinen hinteren Abschluß, das Spiel unter
freiem Himmel – das alles ist enger dem antiken Amphitheater mit Orchestra und Skene als dem barocken Guckkasten
mit seinen Beleuchtungseffekten im Saal verwandt.
Kein Vorhang, keine Dekorationen: die Schauplätze werden durch die Sprache in der Phantasie der Zuschauer
hervorgebracht. Ein elisabethanisches Stück beginnt also mit dem ersten gesprochenen Wort und endet mit dem letzten.
Wenn heute ein Shakespeare-Regisseur, bevor das erste Wort gesprochen ist, Dekorations-, Licht- und
Atmosphärezauber auf der Bühne treibt, so zeigt er damit, dass er nicht gesonnen ist, aus dem Geist Shakespeares zu
inszenieren, denn er zeigt den Augen, was durch die Ohren viel besser vor den inneren Augen des Publikums beschworen
wird.
Nie wird dem elisabethanischen Zuschauer die Illusion eines Schauplatzes aufgebaut; immer bleibt er sich der Tatsache
bewusst, dass auf dem Podium ein Spiel stattfindet – so können die Schauspieler der nächsten Szene schon auftreten
und reden, während die Schauspieler der vorangegangenen Szene, die irgendwo anders spielt, noch beim Abgang sind.
Im Globe-Theater sind nur die Galerien und die Hinterbühne überdacht; Podium und Parkett liegen unter freiem Himmel.
Doch so leicht es ist, durch ein paar atmosphärestarke Verse ohne jede Dekoration den Schauplatz zu wechseln, so leicht
ist es auch, durch ein paar bildkräftige Verse das Tageslicht zur Nacht zu machen.

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So primitiv dies technisch scheinen mag, so raffiniert istSCHdasWABEN
                                                                  Verfahren: es erzwingt vom Bühnenautor Poesie, mit deren
Hilfe er das Publikum durch die Tages- und Jahreszeiten und durch die fernsten Länder führt.
Dies verlangt vom Schauspieler das äußerste an sprachlicher Präzision, Ausdruckskraft, Magie: er muss ja die
Vorstellung der Natur erzwingen. Schauspielerinnen gibt es nicht, Knaben vorm Stimmbruch spielen die Mädchenrollen.
So ist die Pikanterie der häufigen Hosenrollen für Mädchen noch gesteigert: ein Junge, der ein Mädchen spielt, das einen
Jungen spielt.
Die ersten großen deutschen Shakespeare-Verehrer, Wieland und Herder, Lessing, der junge Goethe und Schiller, hatten
keine Ahnung von der Shakespeare-Bühne. Ihre zeitgenössischen barocken Gukkasten mit Vorhang und Kulissen, mit
naturnachahmenden Bauten vor Augen, konnten sie sich über die »Regellosigkeit« Shakespeares gar nicht beruhigen,
denn sie kannten die Regeln seiner Bühne nicht, die an Geschmeidigkeit und sprachlicher Ausdruckskraft, erzwungen
durch ihre Einfachheit, dem barocken Kinozauber weit überlegen ist. Erst die Übersetzungen der Romantiker und die
theaterpraktischen Überlegungen vor allem Ludwig Tiecks haben auf die richtige Spur geführt. Seit den zwanziger Jahren
unseres Jahrhunderts wird Shakespeare mehr und mehr so oder doch so ähnlich aufgeführt wie im elisabethanischen
Theater: auf einer Podiumbühne, jetzt »Raumbühne« genannt, mit wenigen Dekorationen und »Verwandlungen« vor aller
Augen, und auf hell ausgeleuchteter Spielfläche.

RACHE
       Rache ist eines der zentralen Motive Hamlets. Der Geist des alten Hamlet bittet
       seinen Sohn, seinen Tod zu rächen. Ein Auftrag an den Sohn, der ein
       katastrophales Ende hat.

★
Dominierendes Persönlichkeitsmerkmal
Die Studie von Dr. David Chester - Assistenz-Professor für Psychologie der Virginia Commonwealth Universität fand
heraus, dass Sadismus das dominierende Persönlichkeitsmerkmal ist, das erklärt, warum bestimmte Menschen häufiger
als andere Rache üben. Die Psychologen wollten ein Bild von der Persönlichkeit desjenigen Menschen zeichnen, der
Rache sucht. Wir werden alle in unserem täglichen Leben beleidigt bzw. verletzt, aber einige von uns wollen Rache und
andere nicht. Also, was für ein Mensch sucht eher Befriedigung durch Rache?

Wer verlangt eher nach Rache?
Im Kern ist es eine Person, die dazu neigt, es zu genießen. Die Wissenschaftler führten drei Studien mit 673 Studenten
an der Universität Kentucky unter Leitung des Psychologie-Professors Dr. C. Nathan DeWall durch, in denen die
Teilnehmer Fragebögen ausfüllten, um das reale Verhalten einer Person vorherzusagen. Sie wurden gefragt, ob sie
verschiedenen Aussagen zustimmen oder nicht, wie z.B. "Wer mich provoziert, verdient von mir bestraft zu werden" und
"Wenn man mir Unrecht antut, bin ich erst wieder im Reinen mit mir, wenn ich mich gerächt habe".
Viele Menschen wollen nicht zugeben, dass sie bestimmte Eigenschaften oder Tendenzen haben, die nicht wirklich nett
oder sozial erwünscht bzw. akzeptabel sind, also muss man die Fragen auf eine ganz bestimmte Art und Weise stellen,
sagte Chester. Man fragt nicht direkt: Bist du ein rachsüchtiger Mensch? Niemand würde sagen, dass er / sie es ist.

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Durch ein tieferes Verständnis dessen, was bestimmte Menschen
                                                         SCH WABEN dazu bewegt, Rache zu nehmen, werden Forscher in
der Lage sein, Profile zu erstellen, anhand derer diejenigen identifiziert werden können, die in Zukunft am ehesten
Gewalttaten begehen.

Körperliche Aggressivität und sadistische Impulse
Die Analysen zeigten wiederholt, dass Rachegelüste mit größerer physischer (aber nicht verbaler) Aggressivität, Wut und
Feindseligkeit verbunden war.
Die Verbindung zwischen Rache und körperlicher Aggression wurde teilweise durch sadistische Impulse in Bezug auf den
Genuss von Aggression und der Tendenz, Aggression zur Verbesserung der Stimmung zu nutzen, erklärt.
Dominanzanalysen ergaben, dass solche sadistischen Impulse die größte Varianz beim Rachesuchen erklärten.

Impulsivität und Vorsätzlichkeit
Sich rächen wollen war mit größeren impulsiven Reaktionen auf negative und positive Auswirkungen verbunden, sowie
mit einer größeren Vorsätzlichkeit des Verhaltens.
Nicht jeder, der Unrecht tut, geht raus und läuft Amok an einer Schule. Nicht jeder, der Unrecht erleidet, beginnt eine
Kneipenschlägerei. Aber manche Leute tun es. So ist es wirklich wichtig, herauszufinden, wer am stärksten anfällig für
solche Rachetaten ist, um rechtzeitig vor solchen Vergeltungsmaßnahmen eingreifen zu können, sagte Chester.

Prävention von aggressivem Verhalten
Chester arbeitet auf dem Gebiet der Aggressionsforschung und leitet das Labor für Sozialpsychologie und
Neurowissenschaften in der Abteilung für Psychologie der VCU, das darauf abzielt, unser Verständnis von gewalttätigem
Verhalten zu vertiefen und die Rolle des Gehirns und der menschlichen Psychologie hinter Themen wie Rache, häuslicher
Missbrauch, Psychopathen und ähnlichen Themen zu erforschen.
Unser realistisches Ziel ist es, Gewalt und aggressives Verhalten zu reduzieren. Die häufigste Form davon ist Rache, sagte
Chester. Wenn man Mörder und Terroristen und andere Gewalttäter fragt, warum sie die Gewalttaten begingen, dann
lautet die Antwort häufig, dass sie nach Vergeltung für etwas suchten, was ihnen jemand angetan hatte.
Wenn wir also versuchen, die Aggression zu reduzieren, sollten wir damit beginnen, die Rachegefühle zu verringern,
sagte er. Und einer der besten Wege, Rache zu reduzieren, ist, herauszufinden, wer am meisten dafür anfällig ist. 6

★
Vendetta
Der Begriff „Vendetta“ leitet sich aus dem lateinischen „Vendicta“ ab, was soviel wie Rache oder Strafe bedeutet. Im
Wesentlichen bringt man mit einer Vendetta die Tötungen innerhalb einer mafiösen Vereinigung in Verbindung, aber der
Begriff der Blutrache reicht bis in frühgeschichtliche Zeiten zurück.

Die Blutrache in der Frühgeschichte
 Diese Art der Rechtsprechung spielte bei allen großen Völkern eine bedeutende Rolle, galt sogar als oberster Grundsatz
der Bestrafung. Dem sog. „Bluträcher“ oblag es, die Tötung eines nahen Familienmitglieds durch die eigene Hand am
Täter oder dessen Familie zu vergelten.
Bei den Römern war die „Rache des vergossenen Blutes“ eine in der Gesellschaft etablierte und völlig anerkannte Art der
Rechtspflege. Die Verfahrensweise wurde durch eine sehr strenge Auslegung des Talion durchgeführt, im Wesentlichen
hieß das „Gleiches mit Gleichem“ zu vergelten oder das „Wie-du-mir-so-ich-dir“-Prinzip.
6
    https://psylex.de/psychologie-lexikon/sozialpsychologie/rache.html

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Großen Bekanntheitsgrad hat hier das „Auge um Auge, Zahn        um Zahn…“ dass aus der jüdischen Rechtsprechung
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stammt. Im Judentum hatte der unabsichtliche Mörder jedoch die Möglichkeit in sogenannte Freistätten zu fliehen und
sich dort solange aufzuhalten,
bis der Blutbann aufgehoben wurde. Der absichtliche Mörder jedoch wurde vom Gericht an die Familie des Getöteten
überstellt und war somit deren Rache ausgeliefert.
Bei den Griechen galt die Blutrache für die vorsätzliche und unvorsätzliche Tötung eines Menschen und man konnte ihr
nur entkommen, wenn man entweder ein Schutzgeld zahlte oder floh und in einem anderen Land um Asyl bat.
Bei den germanischen Stämmen, insbesondere dem nordischen Zweig in Island, war es Sitte, sich durch
Blutsbrüderschaften, die in einer feierlichen Priesterzeremonie geschlossen wurden, zu verbinden. Solch eine Vereinigung
galt ein Leben lang und reichte bis in den Tod. Nicht nur das Recht, sondern die Pflicht zur Rache hatten dabei das
Familienoberhaupt und alle waffentragenden Mitglieder des Verbundes, d. h. Frauen, Kinder oder Alte waren nicht dazu
berechtigt. Gründe, um eine solche Blutrache auszuüben, waren hier nicht nur allein Mord oder Totschlag, es reichten
schon Ehrenkränkungen, Körperverletzung, Ehebruch oder Diebstahl aus. Die Vergeltung erstreckte sich in blutiger
Erbarmungslosigkeit auf den Täter, sowie dessen ganze Familie aus und reichte hin bis zur endgültigen Ausrottung der
gesamten Sippe. Blutsbrüderschaften waren und sind nach wie vor in West- und Ostafrika, sowie in verschiedenen
slawischen Regionen verbreitet.

Die Blutrache im Mittelalter
Die Blutsbrüderschaften, sowie das Prinzip der Selbstjustiz, wurde von den germanischen Gesetzen bis ins Mittelalter
übernommen. Hier unterschied man zwischen der Blutrache, die vom gemeinen Volk untereinander ausgeübt wurde und
der Ritterlichen Fehde, die wiederum durch das Fehderecht geregelt wurde. Die damaligen Gerichte versuchten die
endlosen Rachemorde innerhalb verschiedener Sippen, die oft über Generationen geführt wurden, durch die Einführung
von Geldstrafen zu unterbrechen. Dies wurde jedoch oft abgelehnt, da man es als offene Kränkung empfand, den Tod
eines Familienmitglieds mit Geld aufwiegen zu lassen. Auch die Kirche bemühte sich, durch den sogenannten
Gottesfrieden der Blutrache Einhalt zu gebieten. An vier Tagen in der Woche, nämlich von mittwochabends bis Montag
morgens mußte jede Fehde ruhen. Nach anfänglichen Erfolgen kehrte man jedoch zum willkürlichen Faustrecht zurück.
Im 13. und 14. Jahrhundert bemühten sich die Kaiser um die völlige Beseitigung der Blutrache, was jedoch in den
Anfängen nicht gelang. Erst der Mainzer Landfriede war die erste gesetzliche Regelung, die der Blutrache feste
Einschränkungen gebot. So mussten der Fehde eine formelle Ankündigung vorangehen und bestimmte Personenkreise
waren von der Blutrache völlig ausgeschlossen, wie zum Beispiel Schwangere, Kleriker, Kranke und Kaufleute samt ihrem
Hab und Gut.

Die Vendetta der heutigen Zeit
Noch in den späten Jahren des 18. Jahrhunderts war die Vendetta in Korsika so verbreitet, das man im Jahr bis zu 1000
Blutrache-Opfer zählen konnte. In Arabien, Afrika, der Türkei und Teilen Albaniens ist die Vendetta immer noch weit
verbreitet und gerät als sogenannte Ehrenmorde in die Schlagzeilen. Man zählt hier etwa ein bis zwei Opfer pro Jahr,
wobei die Dunkelziffer wahrscheinlich viel höher liegt. Besonders auf dem Balkan gilt in einigen entlegenen Regionen
noch die Auslegung des Kanun, dem Gegenstück des frühzeitlichen Talion. „Die geraubte Ehre kennt keine Buße. Sie
kann nicht verziehen werden. Die geraubte Ehre wird nur durch das Vergießen des Blutes gerächt,“ so eine Zeile daraus.
Viele Kinder haben seit dem Zeitpunkt, an dem ihre Familie unter den Blutbann geriet, das elterliche Haus nicht
verlassen, denn würden sie es tun, wären sie Freiwild für die Selbstjustiz der verfeindeten Sippe.
Im Zuge der Migration bringen Einwanderer, für die die Regeln der Blutrache einen wichtigen Stellenwert einnehmen und
die andere Ansichten über Familie und Ehre führen, auch die Vendetta in Form von Ehrenmorden und Selbstjustiz ins

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westliche Europa. Da die Blutrache wie eine Form der Religion bewahrt wird, ist eine völlige Ausrottung auch in der
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modernen Gegenwart ausgeschlossen.

VERRÜCKTER GEIST
          Hamlet stellt sich verrückt, um so seinen Racheplan an Claudius vorantreiben zu
          können. Ein Spiel, das dem Ruder läuft und vielen - einschließlich Hamlet selbst
          das Leben kostet. Doch spielt er das nur? Oder ist er am Ende wirklich irre
          geworden? Welcher Wahnsinn hat ihn befallen? Oder ist gar alles nur eine
          Wahnvorstellung?
★
Wahnvorstellungen
Wahnvorstellungen gehören zu den Denkstörungen und sind häufig in eine komplexe, sich nur dem Erkrankten
erschließende Wahnwirklichkeit gebettet. Diese Wahnwirklichkeit kann neben der eigentlichen Realität existieren oder
das Denken des Erkrankten vollständig beherrschen. Im Wahn werden Personen, Erinnerungen, Ideen und Stimmungen
falsch beurteilt und die Wahnwahrnehmung wird oft lebensbestimmend.
Für den Betroffenen ist diese Wirklichkeit unkorrigierbar richtig – er ist nicht in der Lage, seine Vorstellungen kritisch zu
hinterfragen. Das führt dazu, dass er in seinem Wahn isoliert wird, was wiederum die im Wahn auftretende krankhafte
Ich-Bezogenheit unterstützt. Einem Wahn geht oft eine Wahnstimmung voraus, in der dem Betroffenen die Welt
bedrohlich erscheint.8

Wahnhaftes Erleben bezieht sich auf eine objektiv falsche Überzeugung und eine Veränderung des Realitätsbewusstseins
infolge einer psychischen Störung oder Erkrankung. Häufig kommen Liebeswahn, Größenwahn, Eifersuchtswahn,
Verfolgungswahn sowie ein körperbezogener Wahn vor. Häufig sind die Wahninhalte auch in der Realität unmöglich, wie
z.B. die Vorstellung, von Außerirdischen bestrahlt zu werden.

Der Wahn ist dabei von den so genannten Halluzinationen abzugrenzen. Bei Ersterem handelt es sich um eine Störung
des Denkens, Letztere beschreiben eine Störung der Wahrnehmung.9

★
Psychose
Unter dem Begriff „Psychose“ fasst man eine Reihe (in vielen Fällen vorübergehender) psychischer Störungen
zusammen, bei denen die Betroffenen die Realität verändert wahrnehmen oder verarbeiten. Das Krankheitsbild bei
Psychosen ist sehr vielfältig. Betroffenen haben typischerweise Halluzinationen oder Wahnvorstellungen sowie
schwerwiegenden Denkstörungen.

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  https://www.vendetta-maske.com/wofuer-steht-vendetta/
8
  https://www.gesundheit.de/krankheiten/psyche-und-sucht/schizophrenie-wenn-die-sinne-verrueckt-spielen
9
  https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/glossar/?tx_mksglossary_pi1%5BshowUid%5D=43&cHash=838f27116d51c022384529800c96411d

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