MIETER ECHO Irgendwas bauen - Neue Regierende, alte Wohnungskrise - Berliner MieterGemeinschaft eV

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MIETER ECHO Irgendwas bauen - Neue Regierende, alte Wohnungskrise - Berliner MieterGemeinschaft eV
MIETERECHO
 Zeitung der Berliner MieterGemeinschaft e.V.   www.bmgev.de Nr. 422 Februar 2022

  Irgendwas bauen
Neue Regierende, alte Wohnungskrise
MIETER ECHO Irgendwas bauen - Neue Regierende, alte Wohnungskrise - Berliner MieterGemeinschaft eV
IMPRESSUM                                                                         GESCHÄFTSSTELLE
 Herausgeberin: Berliner MieterGemeinschaft e.V.                                   Berliner MieterGemeinschaft e.V.
                                                                                   Möckernstraße 92 (Ecke Yorckstraße), 10963 Berlin
 Redaktion MieterEcho: Joachim Oellerich (V.i.S.d.P./ Chefredaktion),              Telefon: 030 - 2168001, Telefax: 030 - 2168515
 Jutta Blume (Schlussredaktion/ CvD), Andreas Hüttner, Rainer Balcerowiak,         www.bmgev.de
 Hermann Werle, Philipp Möller, Matthias Coers (Bildredaktion),
 G. Jahn (Mietrecht)                                                               ÖFFNUNGSZEITEN
                                                                                   Montag, Dienstag, Donnerstag 10 bis 13 Uhr und 14 bis 17 Uhr
 Kontakt: Telefon: 030 - 21002584, E-Mail: me@bmgev.de                             Mittwoch 10 bis 13 Uhr
 Grafik: nmp (Gestaltung/ Satz/ Bildredaktion)                                     Freitag 10 bis 13 Uhr und 14 bis 16 Uhr

 Titelbild: Bwag/Wikipedia
                                                                                   Fahrverbindung:
 Belichtung und Druck: Königsdruck Berlin
                                                                                   u Möckernbrücke, Mehringdamm, Yorckstraße, i Yorckstraße, ; M19
 Redaktionsschluss: 17.01.2022
                                                                                   Bankverbindung:
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 © Berliner MieterGemeinschaft e.V.
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                                                                                   Die Berliner MieterGemeinschaft bietet ihren Mitgliedern persönliche
 Mitgliedsbeitrag abgegolten. Namentlich gekennzeichnete Beiträge stimmen
                                                                                   Mietrechtsberatung an (siehe Seite 31 und hintere Umschlagseite).
 nicht notwendigerweise mit der Meinung der Redaktion überein. Für unverlangt
                                                                                   Die rollstuhlgerechten Beratungsstellen sind durch - gekennzeichnet.
 eingesandte Manuskripte oder Fotos wird keine Haftung übernommen.
                                                                                   Achtung! In unserer Geschäftsstelle und in den Vor-Ort-Büros findet
                                                                                   während der Öffnungszeiten keine Rechtsberatung statt.

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 Bei der Berliner MieterGemeinschaft können Ratsuchende kostenlos               Bitte ankreuzen und mit Briefmarken im Wert von 1,00 € einfach an
 folgende Informationsblätter bestellen:                                        folgende Adresse schicken:

                                                                                                                                                         B ERLINER M IETERG EMEINSCHAFT E. V.
                                                                                                                                                                                         Möckernstraße 92 · 10963 Berlin · Telefon 216 80 01
                                                                                Berliner MieterGemeinschaft e.V.
 Betriebskostenabrechnung                 Mietvertrag
                                                                                Möckernstraße 92
 Eigentümerwechsel                        Modernisierung                      10963 Berlin

 Heizkostenabrechnung                     Schönheitsreparaturen
                                                                                NAME

 Kündigung durch den                      Umwandlung und
  Vermieter                                 Wohnungsverkauf                     VORNAME

 Mängelbeseitigung                        Untermiete                          STRASSE

 Mieterhöhung                             Wohnfläche
                                                                                PLZ                            ORT

 Mietpreisbremse                          Wohnungsbewerbung

 Mietsicherheit/Kaution                   Zutritt und Besichtigung

 BEZIRKSGRUPPENTREFFEN
                                                                                 Marzahn Jeden letzten Montag im Monat, 19 Uhr
 Bei den Bezirksgruppentreffen findet keine Rechtsberatung statt.                Lebensnähe e.V. Begegnungsstätte, Alt-Marzahn 30
 Rechtsberatung erfolgt ausschließlich durch Rechtsberater/innen in den          i Marzahn Ee M6, M8, 18 ; X54, 154, 192, 195
 dafür ausgewiesenen Beratungsstellen (siehe 3. und 4. Umschlagseite).
                                                                                 Neukölln Jeden letzten Montag im Monat, 19 Uhr
 Friedrichshain Jeden 3. Donnerstag im Monat, 20 Uhr                             Beratungsstelle, Sonnenallee 101
 Stadtteilbüro, Warschauer Straße 23, -                                          u Rathaus Neukölln ; M41, 104, 167
 u Frankfurter Tor Ee M10                                                        E-Mail: neukoelln@bmgev.de
 E-Mail: friedrichshain@bmgev.de
                                                                                 Prenzlauer Berg Jeden 2. Mittwoch im Monat, 20 Uhr, in virtueller Form als
 Kreuzberg Jeden 1. Donnerstag im Monat, 19 Uhr                                  Video- und Telefonkonferenz; Zugangsdaten bitte erfragen via E-Mail an
 Geschäftsstelle der Berliner MieterGemeinschaft, Möckernstraße 92               prenzlauerberg@bmgev.de
 u Möckernbrücke, Mehringdamm, Yorckstraße i Yorckstraße ; M19
 E-Mail: kreuzberg@bmgev.de                                                      Wedding Jeden 2. Donnerstag im Monat, 19 Uhr
                                                                                 Tageszentrum Wiese 30, Wiesenstraße 30
 Lichtenberg Jeden 1. Montag im Monat, 18 Uhr                                    u und i Wedding u Nauener Platz i Humboldthain
 Café Wostok, Weitlingstraße 97                                                  E-Mail: wedding@bmgev.de
 i Nöldnerplatz ; 240, 194
 E-Mail: lichtenberg@bmgev.de                                                    Folgende Bezirksgruppen treffen sich unregelmäßig:
                                                                                 Schöneberg, Spandau, Tempelhof
                                                                                 Ort und Termin der Treffen bitte erfragen unter 030 - 21002584.
                                                                                 Aktuelle Termine unter: www.bmgev.de/verein/bezirksgruppen.html
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INHALT                                                                        Liebe Leserinnen und Leser,
TITEL                                                                         Delta hin, Omikron her, die Transaktionsumsätze der Immobi-
                                                                              lienwirtschaft in Deutschland im Jahr 2021 wurden durch Co-
4        Neue Gesichter und alte Probleme
         Das Personaltableau des neuen Berliner Senats		                      rona nicht geschwächt. Ganz im Gegenteil! Die gut infor-
         Rainer Balcerowiak                                                   mierte Immobilien Zeitung drückt das so aus: „2021 war ein
                                                                              goldenes Investmentjahr.“ Ob trotz oder wegen der Pandemie
6        Wenn Bauen zum Selbstzweck wird                                      kümmert die Investoren wenig, denn es waren vor allem die
         Wohnungspolitische Sackgassen von Rot-Grün-Rot		                     Mega-Deals, die zu dem Rekord führten. „Mit einem ge-
         Andrej Holm                                                          schätzten Volumen von 23,5 Milliarden Euro war die Über-
                                                                              nahme der Deutschen Wohnen nicht nur die größte Transakti-
9        „Aktivist im Parlament“
         Interview mit Ferat Koçak				                                        on des Jahres, sondern auch die größte Immobilientransaktion
         Rainer Balcerowiak                                                   auf dem deutschen Wohninvestmentmarkt überhaupt. Als eu-
                                                                              ropäischer Immobiliengigant verfügt Vonovia nun über rund
10       Mit Schattenhaushalten aus der Krise?		                              568.000 Wohnungen“, stellt Michael Bender von Jones Lang
         Koalitionsvertrag bietet Spielräume für eine Investitionsoffensive   Lasalle fest.
         Marcel Schneider
                                                                              Doch damit nicht genug, zwei weitere Mega-Deals trieben die
                                                                              Umsatzbilanz in die Höhe. Zum einen verkaufte das schwe-
12       Handschrift der FDP
         Mietenregulierung für Bundesregierung kein Thema 		                  dische Immobilienunternehmen Akelius sein gesamtes Portfo-
         Rainer Balcerowiak                                                   lio in Deutschland mit 14.050 Wohnungen in Berlin und
                                                                              3.590 Wohnungen in Hamburg für einen geschätzten Kauf-
14       Waterkant in Investorenhand 			                                      preis von mehr als 5 Milliarden Euro an den ebenfalls in
         Was in Hamburg nicht funktioniert, soll in Berlin Vorbild werden     Schweden ansässigen Immobilienkonzern Heimstaden. Und
         Philipp Möller
                                                                              zum anderen kaufte das Land Berlin von den börsennotierten
BERLIN                                                                        Wohnungsunternehmen Deutsche Wohnen und Vonovia für
                                                                              rund 2,5 Milliarden Euro Wohnungen zurück.
16       Unterstützen statt privatisieren                                     Wenn auch solche Mega-Deals nicht in jedem Jahr zustande
         Pandemie wirkt sich auf die Situation der Landesunternehmen aus      kommen, die Immobilienbranche befürchtet auch für 2022
         Benedict Ugarte Chacón                                               keinen Einbruch. Sie vertraut auf das steigende Geldvermö-
                                                                              gen der besserverdienenden Mittelschicht in der Hoffnung,
18       Auf dem Weg ins Wettbewerbsdesaster?
                                                                              dass es von deutschen Kapitalsammelstellen in die Immobili-
         Die Ausschreibung des Berliner S-Bahnbetriebs hat begonnen
         Jorinde Schulz und Carl Waßmuth                                      enfonds gelenkt wird. Gleichzeitig wird die Stimmung durch
                                                                              die Inflation angeheizt, von der sich die Investmentmakler
20       Rolle rückwärts beim Mieterschutz                                    ebenfalls eine steigende Nachfrage nach Sachwerten erwar-
         Reinickendorf: „Ampel“ will keine weiteren Milieuschutzgebiete       ten. Nicht zuletzt richtet sich das Vertrauen der Immobilien-
         Felix Lederle                                                        händler daneben auf das Freiwerden deutscher Staatsanleihen
                                                                              in Höhe von einer Billion Euro in den nächsten Jahren und
21       „Hände weg vom Wedding“                                              deren teilweiser Verwandlung in Betongold. Alles in allem er-
         Die Stadtteilinitiative verbindet Mietenpolitik und Arbeitskämpfe
                                                                              scheint der Wohninvestmentmarkt in einer fortgeschrittenen
         Peter Nowak
                                                                              Boomphase.
22       „Die Werkzeuge der Herrschenden“                                     Die Aussichten der Mieter/innen sind dagegen weniger rosig.
         Großprojekt am Hermannplatz soll durchgesetzt werden		               In den Wohnungsmarkt fließendes Geldkapital sucht seine
         Niloufar Tajeri                                                      Rendite und die kann es nur in Form von Mieten generieren.
                                                                              Das heißt, je mehr Kapital sich in diesem Bereich anhäuft, de-
23       Quadratisch, praktisch und gar nicht gut			                          sto größer wird der Druck auf die Mieten. Eine Enteignung
         Wohnen in der Europacity ist teuer aber nicht attraktiv		            großer Wohnungskonzerne ist daher eine Maßnahme, durch
         Susanne Torka
                                                                              die den zu erwartenden Mietsteigerungen am wirksamsten
MIETRECHT
		AKTUELL                                                                     Grenzen gesetzt werden könnte. Doch die Immobilienbranche
                                                                              zeigt sich durch solche Aussichten wenig beunruhigt. Dazu
24       Mieter/innen fragen – wir antworten			                               scheint auch angesichts des widerwilligen politischen Um-
         Koalitionsvertrag 2021 der neuen rot-grün-roten Landesregierung      gangs mit dem Volksbegehren wenig Grund zu bestehen.
         Rechtsanwalt Marek Schauer

27       RECHT UND RECHTSPRECHUNG			                                          IHR MIETERECHO
31       SERVICE
32       RECHTSBERATUNG

MieterEcho 422 Februar 2022                                                                                                               3
MIETER ECHO Irgendwas bauen - Neue Regierende, alte Wohnungskrise - Berliner MieterGemeinschaft eV
TITEL

              Neue Gesichter und alte Probleme
                                Das Personaltableau des neuen Berliner Senats ist zum Teil überraschend

        Von Rainer Balcerowiak					                                        es eine Mehrheit von 74,9%. Die Linke hatte bereits in den Ver-
        		                                                                 handlungen die Weichen für eine Neuauflage der rot-rot-grünen
        Am 21. Dezember wählte das Berliner Abgeordnetenhaus               Koalition gestellt, indem sie signalisierte, dass sie sehr billig zu
        die SPD-Spitzenkandidatin Franziska Giffey zur neuen Re-           haben sein würde. Das betraf den Verzicht auf das bisher gelei-
        gierenden Bürgermeisterin der Hauptstadt. Giffey erhielt           tete Ressort für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen und vor
        im ersten Wahlgang 84 der 139 abgegebenen Stimmen,                 allem auf die Umsetzung des erfolgreichen Volksentscheids
        mindestens zwei der anwesenden Abgeordneten aus dem                zur Enteignung großer Immobilienkonzerne, was immerhin der
        Lager der rot-grün-roten Koalition verweigerten Giffey die         wichtigste Wahlkampfschlager der Partei war. Das Thema wird
        Stimme. Anschließend wurden die zehn Mitglieder ihres              jetzt in eine Kommission zwecks „Prüfung“ ausgelagert, wäh-
        Senats ernannt, sechs Frauen und vier Männer. Nur zwei             rend die neue Senatschefin Nägel mit Köpfen macht und auf
        davon, Andreas Geisel (SPD) und Klaus Lederer (Die Lin-            ein „Bündnis für bezahlbares Wohnen“ setzt – mit jenen Kon-
        ke), gehörten bereits dem vorherigen Senat an. Der Wahl            zernen, deren Enteignung man angeblich „prüft“.
        vorangegangen waren Entscheidungen der Parteigremien
        über den Koalitionsvertrag.				                                    SPD: Giffeys erstaunliches Comeback
        		                                                                 Für Giffey ist diese von ihr geführte Landesregierung auf alle
        Bei Landesparteitagen der SPD und der Grünen stimmten 91,5         Fälle eine weiche Landung nach schweren Turbulenzen. Ihre
        bzw. 96,4% der Delegierten für die Vereinbarung. Deutlich          Traumkarriere von der Neuköllner Kommunalpolitik bis zur
        schwerer taten sich die Linken, bei denen ein Mitgliederent-       Berufung zur Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen
        scheid entscheiden sollte. Einige Parteigliederungen und auch      und Jugend im März 2018 – nebst dem Status als „SPD-Hoff-
        einzelne Abgeordnete riefen zur Ablehnung auf, vor allem we-       nungsträgerin“ für die nächsten Bundestagswahlen – schien
        gen der Mieten- und Wohnungspolitik. Doch letztendlich gab         abrupt zu enden, als aufgrund erheblicher Plagiate in ihrer Dis-
                                                                           sertation ein Verfahren zur Überprüfung ihres 2009 erworbenen
                                                                           Doktortitels eingeleitet wurde, das im Juni 2021 mit der Aber-
                                                                           kennung abgeschlossen wurde. Kurz vor der Entscheidung trat
                                                                           sie von ihrem Ministeramt zurück und startete umgehend eine
                                                                           neue Karriere als Frontfrau der Berliner SPD, die sie mit fast
                                                                           100%iger Zustimmung erst zur Landesvorsitzenden und spä-
                                                                           ter zur Spitzenkandidatin kürte. Weder die Plagiatsaffäre noch
                                                                           die Betrugsvorwürfe gegen ihren Ehemann, der seiner bevor-
                                                                           stehenden Entlassung aus dem Beamtenverhältnis durch seine
                                                                           „freiwillige“ Entpflichtung zuvorkam, spielten im Wahlkampf
                                                                           eine Rolle. Und so gelang es Giffey, die in Umfragen lange
                                                                           bei 15% dümpelnde SPD zu stabilisieren und schließlich sogar
                                                                           noch die zeitweise scheinbar uneinholbar führenden Grünen
                                                                           zu überflügeln.
                                                                           Auch die Besetzung der SPD-Senatsposten trägt Giffeys Hand-
                                                                           schrift. Das wichtige Stadtentwicklungsressort übernimmt der
                                                                           bisherige Innensenator Andreas Geisel. Fachlich ist das durch-
                                                                           aus nachvollziehbar, denn Geisel hatte dieses Amt bereits von
                                                                           2014 bis 2016 in der rot-schwarzen Koalition inne und war
                                                                           zuvor viele Jahre als Bezirksstadtrat in Lichtenberg für die-
                                                                           sen Bereich verantwortlich. In seine Senatorenzeit fallen unter
                                                                           anderem die Ausweisung von 12 neuen Stadtentwicklungs-
                                                                           gebieten und das erste „Mietenbündnis“ mit den städtischen
                                                                           Wohnungsbaugesellschaften. Geisel hatte auch stets auf den
                                                                           Schulterschluss mit der privaten Immobilienwirtschaft gesetzt
                                                                           und kann daran jetzt nahtlos anknüpfen. Wie Giffey gilt auch
                                                                           Geisel als vehementer Gegner der Enteignung großer Immo-
                                                                           bilienkonzerne und setzt vor allem auf eine Neubauoffensive.
        Franziska Giffey: weiche Landung nach schweren Turbulenzen.   		   Für diesen Senatsposten gehandelt wurde im Vorfeld auch die
        Fotos: Matthias Coers                                              bisherige baupolitische Sprecherin der SPD im Abgeordneten-

        4                                                                                                             MieterEcho 422 Februar 2022
MIETER ECHO Irgendwas bauen - Neue Regierende, alte Wohnungskrise - Berliner MieterGemeinschaft eV
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Enteignungen stoßen in Berlin auf große Zustimmung, aber nicht beim neuen Senat.

haus, Iris Spranger. Doch in der Partei gab es erheblichen Wi-               geführt, der in der vergangenen Legislaturperiode als Frakti-
derstand gegen diese Personalie. Spranger gilt als wenig kom-                onsgeschäftsführer und haushaltspolitischer Sprecher agierte.
petent und durchsetzungsstark. Aber für die Genderarithmetik                 An seiner fachlichen Qualifikation für dieses Amt bestehen
und den Regionalproporz bei der Senatsbildung war Spranger                   parteiübergreifend wenig Zweifel. Ein in Berlin bisher kom-
als „Frau aus dem Osten“ dennoch unverzichtbar, zumal sie in                 plett unbeschriebenes Blatt ist dagegen Ulrike Gote, die für
der Partei als stellvertretende Landes- und langjährige Kreis-               die Grünen lange im bayerischen Landtag saß und seit 2019
vorsitzende von Marzahn-Hellerdorf sehr gut vernetzt ist. Sie                in Kassel als Dezernentin für Jugend, Frauen, Gesundheit und
darf jetzt als Nachfolgerin von Geisel das Innenressort leiten.              Bildung tätig war. Sie wurde zur Senatorin für Gesundheit und
Bei den beiden verbleibenden SPD-Senatsposten setzt Giffey auf               Wissenschaft ernannt.
politische Quereinsteiger/innen mit fachlichem Background.
Bildungssenatorin wird Astrid-Sabine Busse, Leiterin einer                   Die Linke: Glamourfaktor Katja Kipping
Neuköllner Grundschule und Vorsitzende des Interessenver-                    Für Die Linke behält Klaus Lederer die Ämter als stellvertre-
bands Berliner Schulleitungen. Ein Verein, der sich ausdrücklich             tender Bürgermeister und als Kultursenator. Der seit Jahren be-
nicht als gewerkschaftliche Interessenvertretung begreift und bil-           liebteste linke Landespolitiker steht für einen „realpolitischen“
dungspolitisch eher konservative Positionen vertritt.                        Kurs seiner Partei und beschwor die erneute Regierungsbeteili-
Als Wirtschaftssenator wurde der parteilose Stephan Schwarz                  gung in der innerparteilichen Debatte als „alternativlos“.
berufen. Schwarz war von 2003 bis 2019 Präsident der Berliner                Die Juristin und Hochschulprofessorin Lena Kreck wird Sena-
Handwerkskammer und leitet in dritter Generation ein großes                  torin für Justiz, Vielfalt und Antidiskriminierung. Für die bür-
Familienunternehmen für Gebäudereinigung. Verbandspoli-                      gerliche Opposition ist Kreck ein rotes Tuch, vor zwei Jahren
tisch trat er vor allem als vehementer Gegner von Rekommu-                   verhinderten CDU und FDP mit ihrer Sperrminorität die Beru-
nalisierungen im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge in                 fung Krecks in das Landesverfassungsgericht. Sie repräsentiert
Erscheinung. Entsprechend zufrieden zeigten sich die Opposi-                 vor allem den „postmodernen“ Flügel der Partei und war lange
tionsparteien CDU und FDP mit seiner Ernennung.		                            Zeit in der LGBTI-Community aktiv.
							                                                                      Die spektakulärste Personalie der Linken ist zweifellos deren
Grüne: Wahlziel verfehlt                                                     ehemalige Bundesvorsitzende Katja Kipping, die als Nach-
Die Grünen haben bei der Wahl am 26. September zwar zu-                      folgerin der wenig erfolgreichen und amtsmüden Elke Brei-
gelegt und die Linke überflügelt, aber ihr eigentliches Wahl-                tenbach das Amt der Sozialsenatorin übernimmt. Auch hier
ziel – eine Landesregierung unter ihrer Führung – deutlich                   sei die Frage erlaubt, was die über keinerlei Berufserfahrung
verfehlt. Die bisherige Fraktionsvorsitzende und gescheiterte                außerhalb der politischen Blase verfügende Kipping für diese
Spitzenkandidatin Bettina Jarasch übernimmt das für die Par-                 äußerst komplexe und anspruchsvolle Aufgabe prädestiniert.
tei wichtigste Ressort und wird Senatorin für Umwelt, Verkehr                Kipping soll schon länger im Gespräch gewesen sein, doch
und Klimaschutz. Was sie für das Amt fachlich prädestiniert,                 sie wollte laut Parteiinsidern erst ihre mögliche künftige Rolle
erschließt sich nicht so richtig. In der Vita stehen ein Magister-           in der neuen Bundestagsfraktion ausloten, wo sie aber wohl
studium in Philosophie, Politik- und Literaturwissenschaften                 kaum über den Status einer Hinterbänklerin hinausgekommen
und eine zielstrebige Parteikarriere vom Referentenjob über                  wäre.
den Landes- bis zum Fraktionsvorsitz zu Buche. Fachpolitisch                 Der neue Senat steht vor gewaltigen Problemen, vor allem in
trat sie vor allem in Familien- und Religionsfragen in Erschei-              der Wohnungspolitik, der Infrastruktur und der Sozialpolitik.
nung, untermauert durch ihr Engagement in Gremien der ka-                    Bislang hat Franziska Giffey alle Fäden in der Hand, obwohl
tholischen Kirche.                                                           sich erste Konflikte abzeichnen. Ob und in welcher Form je-
Erstmals übernehmen die Grünen in einer Landesregierung                      mand aus der Riege der neuen Senator/innen eigene Akzente
auch das Finanzressort. Es wird künftig von Daniel Wesener                   setzen kann, bleibt abzuwarten.			                              h

MieterEcho 422 Februar 2022                                                                                                                 5
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            Im Gegensatz zu den privaten bauen die lan-
            deseigenen Wohnungsunternehmen dauerhaft
            bezahlbare Wohnungen – aber viel zu wenig.
            Foto: Matthias Coers

            Wenn Bauen zum Selbstzweck wird
                                              Wohnungspolitische Sackgassen von Rot-Grün-Rot

        Von Andrej Holm						                                         und Die Linke wollte nach leichten Stimmverlusten vor allem
        		                                                            zeigen, dass ihre Unterstützung für den Volksentscheid zur
        Eigentlich ist es ganz einfach: Soziale Wohnversorgung        Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne auch nach der
        setzt einen Neubau von leistbaren Wohnungen, möglichst        Wahl noch gilt. In der Konsequenz verhandelten die drei alten
        viele Belegungsbindungen und einen effektiven Schutz          und neuen Koalitionsparteien vor allem auf eigene Rechnung.
        von Bestandsmieter/innen voraus. Nichts davon ist im neu-     Ein übergreifendes Konzept ist dem Koalitionsvertrag der Be-
        en Koalitionsvertrag zu finden. Dem privaten Neubau wird      kenntnisse und Formelkompromisse nicht anzumerken.
        der rote Teppich ausgerollt, während der kommunale Woh-
        nungsbau den sechs Wohnungsunternehmen überlassen             Baubekenntnis ohne Substanz
        wird, die schon in der Vergangenheit an der Erfüllung ihrer   Auf den ersten Blick ist in den wohnungspolitischen Abschnit-
        Neubauaufgaben scheiterten.				                               ten des Koalitionsvertrages vor allem die Handschrift der SPD
        		                                                            zu erkennen. Der Wahlkampfschlager von den 200.000 Neu-
        Der neue Koalitionsvertrag war eine schwere Geburt. Die       bauwohnungen bis 2030 durchzieht den Koalitionsvertrag und
        SPD und ihre Regierende Bürgermeisterin wollten eigentlich    die Priorisierung des Wohnungsneubaus wird allen wohnungs-
        mit der FDP regieren und hatte zum Thema Wohnungspolitik      politischen Überlegungen als Bekenntnis vorangestellt: „Die
        nur das Neubau-Mantra zu bieten. Die trotz Stimmenzuwachs     Koalition bekennt sich dazu, den Wohnungsneu- und Umbau in
        enttäuschten Grünen mussten beweisen, dass sie einen Umbau    der Stadt mit höchster Priorität voranzubringen“ (Koalitions-
        zu mehr Klimagerechtigkeit auch praktisch umsetzen können     vertrag 2021, S. 8). Zum offensichtlichen Glaubensbekenntnis

        6                                                                                                    MieterEcho 422 Februar 2022
MIETER ECHO Irgendwas bauen - Neue Regierende, alte Wohnungskrise - Berliner MieterGemeinschaft eV
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ohne reales Fundament gerät die im Koalitionsvertrag fixierte                                    und bezahlbares Wohnen“ mit landeseigenen Wohnungsunter-
Zielzahl angesichts der Ankündigung, dass der konkrete Be-                                       nehmen (LWU), Genossenschaften und privaten Wohnungsun-
darf an zusätzlichem Wohnraum im Zuge einer Fortschreibung                                       ternehmen. Da über die Kooperationsvereinbarungen mit den
des Stadtentwicklungsplans Wohnen bis 2023 erst noch ermit-                                      landeseigenen Wohnungsunternehmen bereits jetzt Möglich-
telt werden soll (S. 13).                                                                        keiten bestehen, Zielvorgaben abzustimmen, ist der Mehrwert
Bemerkenswert ist auch, dass im Koalitionsvertrag ganz of-                                       des angekündigten Bündnisses die Einbeziehung von genos-
fensichtlich zwischen den Wohnversorgungseffekten und dem                                        senschaftlichen und privaten Bauherren.
Wohnungsbau selbst unterschieden wird und die Neubauziele                                        Doch am freifinanzierten Wohnungsbau gab es auch in den
als Selbstzweck ohne Funktion angesehen werden. So wird                                          vergangenen Jahren keinen Mangel. In den Jahren von 2017
den neuen Stadtquartieren, deren Entwicklung vorangetrieben                                      bis 2020 wurden im Durchschnitt pro Jahr über 14.500 Woh-
werden soll, für die „Schaffung von ausreichendem, bedarfsge-                                    nungen fertiggestellt. Knapp drei Viertel dieser Wohnungen
rechtem und bezahlbarem Wohnraum sowie zur Erreichung der                                        waren freifinanzierte Wohnungen von privaten und genossen-
Wohnungsbauziele“ eine hohe Bedeutung zugemessen. Dass                                           schaftlichen Wohnungsunternehmen – also Wohnungen ohne
der Wohnungsneubau gar nicht vorrangig auf die Schaffung                                         jede Sozialbindung. Im Schnitt der letzten Jahre waren das
von bedarfsgerechten und bezahlbaren Wohnungen ausgerich-                                        über 10.500 Wohnungen pro Jahr. Für den frei finanzierten
tet ist, wird auch an anderen Stellen deutlich. So verabschiedet                                 Wohnungsbau würde in den kommenden Jahren eine Neubau-
sich der Koalitionsvertrag schon mal vorsichtig aus den bishe-                                   leistung auf dem bisherigen Niveau ausreichen, um die Ziele
rigen Selbstverpflichtungen des Stadtentwicklungsplans Woh-                                      der Koalition zu erreichen. Da braucht es keine zusätzlichen
nen 2030. In dem erst 2019 beschlossenen Planungsdokument                                        Anreize aus einem Wohnungsbaubündnis.
hieß es noch:                                                                                    Ganz anders sieht es im Bereich der gemeinwohlorientierten
„Der gemeinwohlorientierte Wohnungsneubau ist eine ent-                                          Neubauten aus. Als gemeinwohlorientiert gelten in Berlin
scheidende Voraussetzung für bezahlbare Mieten. Die Hälfte                                       Wohnungen, die von den landeseigenen Wohnungsunterneh-
des erforderlichen Neubaus soll als gemeinwohlorientierter                                       men errichtet werden oder im Rahmen der Wohnraumförde-
Wohnungsbau entstehen.“                                                                          rungen bestimmte Mietpreisbindungen aufweisen. Die Zahl
Im Koalitionsvertrag hingegen verpflichtet sich die Koalition                                    der jährlich fertiggestellten Wohnungen lag im Durchschnitt
zu dem Ziel, „den Wohnungsneubau und die dazugehörige In-                                        der letzten Jahre bei knapp über 4.000 Wohnungen. Nachhol-
frastruktur in der Stadt mit höchster Priorität voranzubringen                                   bedarf im Bereich des Neubaus gibt es demnach vor allem im
(…). Das Ziel dabei ist, möglichst die Hälfte davon in dieser                                    Bereich des geförderten und kommunalen Wohnungsbaus. Ob
Legislatur im gemeinwohlorientierten und bezahlbaren Seg-                                        ein großangelegtes Bündnis mit privaten Bauunternehmen da-
ment zu errichten“ (S. 12).                                                                      bei helfen wird, darf bezweifelt werden. Bisher wurden gerade
Während das allgemeine Neubauziel nicht verhandelbar ist                                         einmal 7% der Fördergelder von privaten und genossenschaft-
und mit „höchster Priorität voranzubringen“ sei, sollen die Ge-                                  lichen Wohnungsbauprojekten abgerufen. Die mit Abstand
meinwohlaspekte „möglichst“ erreicht werden. Auch die ein-                                       meisten geförderten Wohnungen wurden von den landeseige-
geschobene Präzisierung „in dieser Legislatur“ verheißt nichts                                   nen Wohnungsunternehmen gebaut.
Gutes und kann auch als eine langfristige Abkehr von der bis-
herigen Gemeinwohlquote interpretiert werden.                                                    Kommunaler Wohnungsbau wird den LWU überlassen
Zwar müssen kleine semantische Verschiebungen nicht auf die                                      Obwohl die Neubauzahlen der letzten Jahre zeigen, dass es
Goldwaage der politischen Bewertung gelegt werden, doch                                          vor allem an den kommunalen Baukapazitäten mangelt, fin-
auch das Programm des Koalitionsvertrages hat vor allem                                          den sich im Koalitionsvertrag von Rot-Grün-Rot nur wenige
den privaten Wohnungsbau im Blick. Mit „Maßnahmen zur                                            Hinweise darauf, wie das öffentliche Bauen vorangetrieben
Beschleunigung der Planungs-, Genehmigungs- und Bauab-                                           werden kann. Der Koalitionsvertrag räumt zwar ein, dass für
läufe“ will die Koalition vor allem „Entwicklungshemmnisse                                       die „ehrgeizigen Neubauziele (…) die Neubaufähigkeit der
beim Wohnungsbau konsequent abbauen“ (S. 13). Der zweite                                         landeseigenen Wohnungsbaugesellschaften verbessert wer-
große Baustein zur Umsetzung der Neubauziele ist das bereits                                     den“ muss (S. 15) – konkret angeregt wird jedoch nur ein Prüf-
im Wahlkampf angekündigte „Bündnis für Wohnungsneubau                                            auftrag für die Bildung einer „gemeinsamen Planungs- und

                                      Freifinanzierter und gemeinwohlorientierter Neubau 2017 bis 2020

                                                         2017                          2018                          2019                        2020                   pro Jahr

  Fertigstellung gesamt                                12.785                        14.327                        16.769                       14.707                   14.647
  Freifinanziert                                        9.774                         11.004                       12.716                        8.728                   10.556
  Gemeinwohlorientiert                                  3.011                         3.323                         4.053                        5.979                    4.092
  davon LWU ohne Förderung                              2.148                         2.287                         2.113                        4.117                    2.666
  davon LWU mit Förderung                                863                           991                           1.913                       1.552                     1.330
  davon sonstige Bauherren mit
                                                           0                            45                             27                         310                        96
  Förderung

 Quellen: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2021: Baufertigstellungen; WVB 2021: Bericht zur Kooperationsvereinbarung SenSW 2021: Mitteilung zu Daten des IBB-Wohnungsmarktberichts

MieterEcho 422 Februar 2022                                                                                                                                                              7
MIETER ECHO Irgendwas bauen - Neue Regierende, alte Wohnungskrise - Berliner MieterGemeinschaft eV
TITEL

                                                                                          Erste Konturen der wohnungspolitischen Kehrtwende
                                                                                          Mit dem Ringtausch der Zuständigkeiten für die verschiede-
                                                                                          nen Senatsverwaltungen ist das Ressort Stadtentwicklung und
                                                                                          Wohnen zurück an die SPD gegangen. Andreas Geisel beerbt
                                                                                          sich damit selbst als Vor-Vorgänger und kann an die Zeit von
                                                                                          2014 bis 2016 anknüpfen. In diesen Jahren wurden nur 10.000
                                                                                          Wohnungen pro Jahr fertiggestellt – unter der Zuständigkeit
                                                                                          von Katrin Lompscher und Sebastian Scheel waren es immer-
                                                                                          hin 15.000 pro Jahr. Die höchste Bauleistung der landesei-
                                                                                          genen Wohnungsunternehmen lag in der ersten Amtszeit von
                                                                                          Andreas Geisel als Senator für Stadtentwicklung bei gerade
                                                                                          einmal 1.250 Wohnungen im Jahr 2016 – in der letzten Legis-
                                                                                          latur (2017-2021) lag die durchschnittliche Zahl der kommu-
                                                                                          nalen Neubauwohnungen bei immerhin 4.000 Fertigstellungen
                                                                                          pro Jahr. Notwendig wären zwischen 8.000 und 10.000 Woh-
                                                                                          nungen pro Jahr.
                                                                                          Auch wenn Andreas Geisel, der seit 1995 in verschiedenen
                                                                                          Funktionen des Berliner Politikbetriebes verankert ist, als
                                                                                          Diplom-Ökonom des Nachrichtenwesens keine gesonderte
                                                                                          Baukompetenz mitbringt, kann sich die Wohnungswirtschaft
                                                                                          auf ihn verlassen. Als eine der ersten Amtshandlungen in neu-
                                                                                          er bzw. alter Verantwortung darf er die Mieterhöhungen für
                                                                                          200.000 Mieter/innen begleiten, mit denen die „Verluste“ aus
                                                                                          dem Mietenstopp des Berliner Mietendeckels aufgeholt wer-
                                                                                          den sollen. Katrin Lompscher hatte sich vor fünf Jahren mit der
                                                                                          Aussetzung von Mieterhöhungen bei den Sozialwohnungen ins
                                                                                          Amt eingeführt.
                                                                                          Die Schwerpunktsetzungen im 100-Tage-Programm von Rot-
                                                                                          Grün-Rot sind als klares Zeichen zu verstehen. Das Programm
                                                                                          haben die Koalitionsparteien auf einer Klausurtagung Mitte
                                                                                          Januar beschlossen. Neben der Gründung des Bündnisses für
                                                                                          den Wohnungsbau und der Einrichtung einer Senatskommissi-
        Ein effektiver Schutz vor weiter steigenden Mieten ist bisher weder auf Bundes-
                                                                                          on Wohnungsneubau (beide Themen sind bei der Regierenden
        noch auf Landesebene in Planung. Foto: Matthias Coers
                                                                                          Bürgermeisterin angesiedelt) wird eine Änderung der Bau-
                                                                                          ordnung zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und ein be-
                                                                                          schleunigter Abschluss der sogenannten Grundlagenermittlung
        Neubaueinheit“ der LWU. Der eigentlich seit Jahren fällige                        für das B-Planverfahren des umstrittenen Karstadt-Umbaus am
        Umbau der sechs privatwirtschaftlich organisierten Wohnungs-                      Hermannplatz angekündigt (vgl. S. 22 in diesem Heft). Dazu
        unternehmen im Landesbesitz kann damit nicht gemeint sein.                        kommt in den ersten 100 Tagen noch ein „Bericht zu laufen-
        Statt klarer politischer Vorgaben werden die landeseigenen                        den Wohnungsbauvorhaben“ – der, wie sollte es anders sein,
        Wohnungsunternehmen wieder einmal sich selbst überlassen.                         als „Grundlage für Maßnahmen zur Beschleunigung des Woh-
        Die Klärung zur Zusammenarbeit bei Planung und Neubau soll                        nungsbaus“ dienen soll. Bei anderen Themen setzt der neue
        „in Absprache mit den Landeswohnungsunternehmen (LWU)“                            Senat eher auf Entschleunigung: Die Passage zur Einrichtung
        erfolgen (S. 15). Da sich die LWU bereits in der Vergangenheit                    der Expertenkommission zur Enteignung großer Immobilien-
        den meisten Versuchen einer gemeinsamen Planung entzogen                          unternehmen wurde ohne weitere Bearbeitung aus dem Koa-
        haben und bisher mit der Degewo auch nur eine einzige Woh-                        litionsvertrag übernommen. Die Koalition wollte sich die gute
        nungsbaugesellschaft überhaupt eine eigene Planungsabtei-                         Stimmung der ersten Klausurtagung vermutlich nicht mit ver-
        lung eingerichtet hat, sind die zu erwartenden Synergieeffekte                    tiefenden Diskussionen zur Vergesellschaftung verderben und
        eher begrenzt. Sechs lahmende Gäule ergeben auch zusammen                         hat das Thema aufgeschoben.
        kein Rennpferd. Ohne strukturelle Veränderungen der kom-                          Der Koalitionsvertrag und auch das 100-Tage-Programm von
        munalen Wohnungswirtschaft werden sich die Neubauzahlen                           Rot-Grün-Rot zeigen, dass bau- und wohnungspolitisch in den
        durch öffentliche Wohnungsunternehmen nicht deutlich stei-                        kommenden Jahren eine Rolle rückwärts zu erwarten ist. Die
        gern lassen. Statt den kommunalen Wohnungsbau zur Chefin-                         sozialen Fragen der Wohnversorgung – so ist zu befürchten
        nensache zur erklären, werden ausgerechnet die landeseigenen                      – werden dabei wieder auf der Strecke bleiben und allenfalls
        Wohnungsunternehmen mal wieder sich selbst überlassen.                            als Nebeneffekt des privaten Geschäfts mit Grundstücken und
        In den letzten Jahren wurden bei den Grünen und Linken um-                        Wohnungen eingeplant.			                                     h
        fassende Konzepte zum Umbau der landeseigenen Wohnungs-
        unternehmen diskutiert und Vorschläge zum Aufbau von öf-
        fentlichen Baukapazitäten unterbreitet. Bis auf die Einrichtung
        einer Berliner Holz-Bauhütte als Pilotprojekt beim Umbau des
                                                                                          Der Koalitionsvertrag Berlin 2021 und das 100-Tage-Programm zum Download:
        ehemaligen Flughafens Tegel hat es keine dieser Ideen in den                      berlin.de/rbmskzl/regierende-buergermeisterin/senat/koalitionsvertrag/
        Koalitionsvertrag geschafft. 				                                                 berlin.de/rbmskzl/aktuelles/pressemitteilungen/pressemitteilung.1167780.php

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MIETER ECHO Irgendwas bauen - Neue Regierende, alte Wohnungskrise - Berliner MieterGemeinschaft eV
TITEL

                              „Aktivist im Parlament“
                          Die Linke sollte sich an die Seite der sozialen Bewegungen stellen

Interview mit Ferat Koçak				                                                 Die Mitglieder haben mit 74,9% für den Koalitionsvertrag
                                                                              und den Eintritt in die Regierung mit SPD und Grünen ge-
MieterEcho: Sie sind als Vertreter des Bezirksverbands                        stimmt. Welche Konsequenzen hat dieses Ergebnis für Sie?
Neukölln über die Landesliste der Linken erstmals ins Ab-                     Es haben ja nur 50% der Mitglieder abgestimmt, und von de-
geordnetenhaus gewählt worden. Anschließend haben Sie                         nen rund ein Viertel gegen den Vertrag und die Regierungs-
Ihr Selbstverständnis mit den Worten „Ich bin Aktivist im                     beteiligung. Das zeigt, dass es eine große Verunsicherung
Parlament“ beschrieben. Was heißt das konkret?                                an der Basis gibt. Jetzt müssen wir vor allem sehen, wie wir
Ferat Koçak: Das bedeutet, dass für mich die sozialen                         im Vertrag benannte Punkte wie die Überwindung der Woh-
Bewegungen und die Kämpfe auf der Straße oberste                              nungslosigkeit, eine humane Migrationspolitik und mehr Par-
Priorität haben. Ich bin seit vielen Jahren in solchen Bewegungen             tizipation durchsetzen können. Und natürlich muss der Volks-
aktiv, gegen Rassismus, gegen Nazis, gegen Verdrängung                        entscheid umgesetzt werden.
aus dem Kiez. Das will ich ins Parlament tragen,
um diese Bewegungen zu stärken.                                               Vor dem Mitgliederentscheid haben Sie gewarnt, dass
                                                                              die Linke sich von den sozialen Bewegungen der Stadt
Sie haben nach dem Abschluss der Kapitulationsver-                            entfremden würde, wenn sie mit diesem Vertrag in die
handlungen vehement dafür geworben, beim Mitglieder-                          Regierung eintritt.
entscheid der Linken mit „Nein“ zu stimmen und in                             Natürlich ist diese Gefahr nach wie vor gegeben. Wir müssen
die Opposition zu gehen. Was sind denn Ihre Haupt-                            uns als Fraktion jetzt ganz klar an die Seite der Bewegungen
kritikpunkte an dem Koalitionsvertrag?                                        stellen, wenn es etwa um Räumungen und Abschiebungen
Das ist vor allem das Thema Wohnen und die gesamte Stadt-                     oder auch um den Volksentscheid geht. Da müssen wir im
planung. Die SPD übernimmt jetzt diesen Bereich, um im en-                    Parlament Flagge zeigen und gegebenenfalls auch den Koaliti-
gen Schulterschluss mit der Immobilienwirtschaft unter der                    onspartner kritisieren und unter Druck setzen.
Losung „Bauen, bauen, bauen“ zu agieren. Natürlich wollen
wir als Linke auch neue Wohnungen bauen, aber vor allem in                    Fühlen Sie sich als Mitglied einer Regierungsfraktion an
kommunaler Trägerschaft. Und wir müssen Wege finden, die                      die Fraktionsdisziplin gebunden?
Mieten gering zu halten. Schließlich gab es den erfolgreichen                 Für mich als Linker ist es problematisch, in diesem Zusammen-
Volksentscheid zur Vergesellschaftung großer Wohnungskon-                     hang von Disziplin zu reden. Ich habe schon als Kind gelernt,
zerne, der jetzt umgesetzt werden muss. Doch das ist im Ko-                   dass ich mich gegen übermäßigen Druck zu Wehr setzen muss.
alitionsvertrag nicht enthalten und mit dieser SPD auch nicht                 Ich bin seit über 20 Jahren auf der Straße aktiv und zusam-
zu machen. Aber auch in Bereichen wie Antirassismus, Kri-                     men mit vielen anderen für meine Anliegen eingetreten. Ich
minalisierung und Repression ist dieser Koalitionsvertrag für                 würde mich unglaubwürdig machen, wenn ich im Parlament
mich keine Grundlage für eine progressive Politik. Wir sollten                dann plötzlich Sachen vertrete, die dem total widersprechen.
weniger in die Aufrüstung der Polizei, dafür aber deutlich mehr               Natürlich will ich auch kein „Störfaktor“ in der Fraktion sein,
in die soziale Prävention investieren.                                        sondern vor allem für meine Positionen werben. Einen Frak-
			                                                                           tionszwang gibt es nicht, wir brauchen eine politische Kultur,
                                                                              in der andere Meinungen auch akzeptiert werden, wenn es zu
                                                                              keiner Einigung kommt. Die Diversität und Vielfalt der Partei
                                                                              macht eigentlich den Kern der Linken aus.

                                                                              Wo sind denn für Sie mögliche rote Linien?
                                                                              Ich bin ja neu im Parlament und muss mich in die ganzen Pro-
                                                                              zesse erst einarbeiten, etwa auch als Sprecher für Klimapoli-
                                        Foto: linksfraktion.de

                                                                              tik. Einige Sachen würde ich aber auf keinen Fall mitmachen.
                                                                              Das wären zum Beispiel Entscheidungen gegen ein Vergesell-
                                                                              schaftungsgesetz, für den Ausbau der Polizeikontrolle im öf-
                                                                              fentlichen Raum oder für die immer noch laufende S-Bahn-
                                                                              Ausschreibung. Da will ich dann auch in der Öffentlichkeit
  Ferat Koçak ist Diplom-Volkswirt und Spezialist für Marketing und           klarmachen, dass ich eine andere Position vertrete.
  Öffentlichkeitsarbeit. Seit vielen Jahren ist er vor allem in Neukölln in
  antirassistischen und antifaschistischen Initiativen aktiv. Er ist          Vielen Dank für das Gespräch.
  Abgeordneter der Linken im Berliner Abgeordnetenhaus.
                                                                              Das Interview führte Rainer Balcerowiak.

MieterEcho 422 Februar 2022                                                                                                                9
MIETER ECHO Irgendwas bauen - Neue Regierende, alte Wohnungskrise - Berliner MieterGemeinschaft eV
Fotos: Matthias Coers
TITEL

                              Der neue Koalitionsvertrag erlaubt Extra-
                              haushalte für Investitionen, insbesondere in
        xx                    Klimaschutz, Digitalisierung und Verkehrswende.
                              Fotos: Matthias Coers

        Die Koalition stützt die Landesunternehmen mit Corona-Krediten über 2023
        hinaus, und das zweifelsohne rechtskonform. Foto: Matthias Coers

        Mit Schattenhaushalten aus der Krise?
                     Der rot-grün-rote Koalitionsvertrag bietet Spielräume für eine Investitionsoffensive

        Von Marcel Schneider					                                                  geben. Stattdessen sollen die „rechtlichen und fiskalischen
        			                                                                        Spielräume konsequent genutzt (…) werden“. Gemeint ist
        Noch 2016 verschrieb sich die rot-rot-grüne Koalition aus-                 damit vor allem die Kreditaufnahme von rechtlich selbststän-
        weislich des damaligen Koalitionsvertrags einer vermeint-                  digen Extrahaushalten des privaten oder öffentlichen Rechts
        lich „soliden Finanzpolitik“ durch „Investieren und Konso-                 (Landesunternehmen). Ebenso kann diesen Eigenkapital zu-
        lidieren“ . Zwar wurden keine Schulden mehr getilgt, aber                  geführt werden oder an sie Darlehen vergeben werden. Mög-
        die damals im Rahmen der Konsolidierungshilfevereinba-                     lich wurden diese Spielräume, da Berlin die grundgesetzliche
        rung mit dem Bund vorhandenen Verschuldungsspielräu-                       Schuldenbremse verhalten umgesetzt hat. Ursprünglich plan-
        me bis 2019 von über 3 Milliarden Euro wurden nicht ge-                    te der nach der Wahl ausgeschiedene Finanzsenator Matthias
        nutzt. Berlin war ein Musterschüler der „Schwarzen Null“ .                 Kollatz (SPD) ohne Not eine scharfe Landesschuldenbremse.
        Durch die Zuführung an ein Sondervermögen hätte Berlin                     Diese sollte alle Extrahaushalte einbeziehen und zudem in der
        diese Mittel für zukünftige Investitionen sichern können.                  Landesverfassung verankert werden. Nur der Widerstand aus
        Das Land Brandenburg ist diesen Weg gegangen und hat                       den Reihen der SPD und der Linken hat das verhindert. Zu-
        2019 eine Milliarde Euro kreditfinanziert einem Sonderver-                 sätzlich soll die Verschuldung im Rahmen der Corona-Notlage
        mögen zugeführt – gegen den erbitterten Widerstand der                     genutzt werden, die ebenso bei der Landesschuldenbremse un-
        dortigen Linksfraktion. Nun erlaubt auch der Berliner Koa-                 berücksichtigt bleibt, dafür aber getilgt werden muss.
        litionsvertrag Investitionen über Extrahaushalte.
        					                                                                      Ausgleich coronabedingter Verluste
        Der neue Koalitionsvertrag fokussiert auf die nötigen Inves-               Der Berliner Koalitionsvertrag enthält wie der Vertrag auf
        titionen insbesondere für Klimaschutz, Digitalisierung und                 Bundesebene kein Finanztableau. Stattdessen definiert er eine
        Verkehrswende. Ein Heraussparen aus der Krise soll es nicht                Vielzahl von durchaus kostspieligen Einzelmaßnahmen, die

        10                                                                                                               MieterEcho 422 Februar 2022
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durch Nutzung der Spielräume der Schuldenbremse gegenfi-
nanziert werden sollen.
So wird die Tilgung der Corona-Kredite gestreckt, die im Jahr
2020 im Umfang von 7,3 Milliarden Euro aufgenommen und
der Pandemie-Rücklage zugeführt wurden. Ende 2021 wa-
ren hiervon aufgrund höherer Steuereinnahmen und geringe-
rer Pandemiekosten noch über 3,5 Milliarden verfügbar. Ur-
sprünglich war geplant, ab 2023 in 27 Jahresraten zu tilgen.
Nunmehr soll die Tilgung frühestens 2027 beginnen. Die
hieraus resultierenden Minderausgaben liegen bei bis zu 270
Millionen Euro jährlich. Offen ist, was mit nicht verbrauchten
Rücklagen mitteln Ende 2023 geschehen soll. Die Koalition
erwägt hier eine Sondertilgung. Zugleich plant sie jedoch im        Die Koalition stützt die Landesunternehmen mit Corona-Krediten über 2023
Doppelhaushalt 2022/23 eine weitere Rücklagenzuführung              hinaus und das zweifelsohne rechtskonform.
über Notlagenkredite, um die coronabedingten Verluste der
Landesunternehmen auszugleichen. Mit dieser zweckgebun-             näre eine Differenzierung nach Nutzungsart und Eigentumsart
denen Rücklage können die Flughafengesellschaft, die BVG            erfolgen. Dagegen ist nichts einzuwenden, wichtiger und13,4nahe-
oder die Messe so lange unterstützt werden, bis das Einnahme-       liegender wäre es jedoch, den Tarif zukünftig durch die Länder
niveau der Vorkrisenzeit erreicht ist. Die Koalition stützt damit   progressiv auszugestalten. Wie die Ampel auf Bundesebene ist
die Landesunternehmen mit Corona-Krediten weit über das             auch der Berliner Senat nicht bereit, Umverteilung von oben
Jahr 2023 hinaus. Dies ist zweifelsohne rechtskonform, da die       nach unten zu organisieren.
Zusatzausgaben im Kausalzusammenhang mit der Pandemie
stehen. Auch weitere Darlehen an Landesunternehmen werden           Kostensteigerungen nicht abgebildet
erwogen. Zugleich sollen die Unternehmen Investitionen auch         Ausgabenseitig werden neue Stellen und eine Erhöhung der
über verstärkte Kreditaufnahmen schultern. Analog zum Bo-           konsumtiven Sachausgaben um 450 Millionen Euro jährlich
denfonds, der für den Aufbau einer strategischen Grundstücks-       versprochen. Im Kernhaushalt, also ohne Sondervermögen
reserve bereits eine Kreditermächtigung von bis zu 250 Milli-       und Extrahaushalte, wird eine Investitionsquote von ca. 8%
onen Euro erhalten hat, soll eine neue Investitionsgesellschaft     angestrebt. 2022 und 2023 sollen mindestens 3 Milliarden
gegründet werden.                                                   Euro investiert werden. Die in der Planung genannten, maß-
Es ist zu hoffen, dass diese in der Rechtsform einer Anstalt öf-    nahmenscharf belegten Investitionen für die Jahre 2022 bis
fentlichen Rechts gegründet wird, da so die Kreditkosten signi-     2025 liegen jedoch deutlich über den anvisierten Werten. Es ist
fikant gesenkt werden können. Berlin verwirklicht damit eine        daher mehr als zweifelhaft, ob die geplanten Investitionen aus-
zentrale Forderung fortschrittlicher Ökonom/innen zur Ermög-        reichend sind, zumal das Bauhauptgewerbe von massiven Kos-
lichung von Investitionen, wie die Mitglieder des Sachverstän-      tensteigerungen betroffen ist. Die Preise für Rohbauarbeiten
digenrats Monika Schnitzler und Achim Truger im aktuellen           an Wohngebäuden stiegen von August 2020 bis August 2021
Jahresbericht exemplarisch ausführen: „Eine zweite Option der       um 14,5%. Eine wesentliche Ursache liegt in den begrenzten
Kreditfinanzierung unter der Schuldenbremse besteht in der          Kapazitäten der Bauindustrie. Diese waren nach dem Ende des
Nutzung rechtlich selbständiger Extrahaushalte (…). Dies kön-       Wiedervereinigungsbooms auch aufgrund fehlender öffent-
nen [bestehende] privatrechtlich verfasste Unternehmen in öf-       licher Investitionen strukturell heruntergefahren worden. Die
fentlichem Besitz oder Anstalten öffentlichen Rechts sein (…).      Koalition verspricht zwar die „Entwicklung von Strategien im
Andere Vorschläge sehen die Nutzung rechtlich selbständiger         Umgang mit begrenzten Baukapazitäten etwa über eine Stär-
Investitionsgesellschaften vor, die öffentliche Investitionen im    kung der Bauwirtschaft und eine Ausbildungsoffensive“, doch
Auftrag des öffentlichen Sektors kreditfinanzieren könnten.“        die bisherigen Erfahrungen mit dem Wohnungs- und Schulbau
Im Koalitionsvertrag auf Bundesebene fehlt hingegen die Op-         des Landes sind eher ernüchternd. Benötigt wird vielmehr eine
tion der Gründung neuer Investitionsgesellschaften.                 klare und belastbare Selbstbindung des Senats gegenüber der
Die Möglichkeit, auf Landesebene die Steuereinnahmen zu             Bauwirtschaft, die öffentlichen Investitionen kontinuierlich zu
steigern, wird erneut nicht genutzt. Der Hebesatz der Gewer-        erhöhen. Dabei bietet der Koalitionsvertrag hierfür alle Voraus-
besteuer, der in Berlin mit 410% deutlich unter Potsdamer           setzungen. Im Kernhaushalt führt die aktuelle Steuerschätzung
Niveau (455%) liegt, soll unverändert bleiben. Stattdessen          – neben den geringeren Abflüssen aus der Pandemie-Rücklage
soll der Hebesatz mit den Brandenburger Umlandgemeinden             und der späteren Tilgung des Notlagenkredits – zu einer spür-
über einen Mindesthebesatz von 300% harmonisiert werden.            baren Entlastung des Haushalts. Gegenüber der Finanzplanung
Mit dieser unsinnigen Initiative soll wohl die nach dem Wirt-       summieren sich die Steuermehreinnahmen von 2022 bis 2025
schaftsaufschwung in Berlin überfällige Erhöhung vermieden          auf 5 Milliarden Euro.
werden. Auch der Grunderwerbsteuersatz soll mit Branden-            Die geplante Kreditaufnahme in den Extrahaushalten kann den
burg synchronisiert und dabei sollen mögliche bundesgesetz-         Kernhaushalt weiter entlasten. Ein Jahrzehnt der Investitionen
liche Änderungen für Freibeträge bei selbstgenutztem Wohnei-        im „Failed State Berlin“ wäre daher trotz Schuldenbremse und
gentum berücksichtigt werden. Offenkundig soll eine relevante       unterlassener Steuererhöhungen auf Bundesebene möglich.
Erhöhung des Steuersatzes in Berlin verhindert werden, da der       Auch eine Klage der Opposition gegen die vollständige Ver-
Satz in Brandenburg um 0,5 Prozentpunkte höher liegt. Mit der       ausgabung der Pandemie-Rücklage in den kommenden Jahren
gewünschten Förderung des Wohneigentums knüpft der neue             muss der Senat im Unterschied zum Bund und zu anderen Län-
Senat nahtlos an die Lieblingsforderung der FDP an. Bei einer       dern nicht fürchten. Da die Landesschuldenbremse nicht in der
Reform der Grunderwerbsteuer soll nach Wunsch der Koalitio-         Landesverfassung steht, gibt es kein Klagerecht.              h

MieterEcho 422 Februar 2022                                                                                                                    11
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                                                                       Auch von der neuen Bundesregierung haben Mieter/innen wenig zu erwarten –
                                                                       außerparlamentarischer Widerstand bleibt notwendig. Foto: Peter Homann

                                   Handschrift der FDP
                   Die Mietenregulierung ist im Koalitionsvertrag der Bundesregierung kein Thema

        Von Rainer Balcerowiak					                                    Besonders in Groß- und vielen Mittelstädten sowie den entspre-
        					                                                          chenden Ballungsräumen hat vor allem der Mangel an bezahl-
        Die Wohnungspolitik hat nicht nur in Berlin, sondern auch      baren Wohnungen und die weitgehend ungebremste Mieten-
        beim Wahlkampf für den neuen Bundestag eine wichtige           explosion zu großen sozialen Verwerfungen geführt. Die von
        Rolle gespielt. Im Wahlkampf haben SPD, Grüne und Die          der alten Bundesregierung auf den Weg gebrachten, halbherzi-
        Linke in ihren Programmen ein Umsteuern in der Woh-            gen Regulierungen haben kaum Wirkung gezeigt, das betrifft
        nungspolitik und auch weitergehende Mietenregulierun-          besonders die Mietpreisbremse bei Neuvermietungen. Der
        gen skizziert. Zwei dieser drei Parteien sind jetzt auch in    Wohnungsneubau im bezahlbaren Segment blieb weit hinter
        der neuen Bundesregierung vertreten, doch der mieten-          den Ankündigungen zurück. Zudem haben zwei höchstrich-
        und wohnungspolitische Teil des Koalitionsvertrages trägt      terliche Urteile zum Berliner Mietendeckel und zum kommu-
        ziemlich deutlich die Handschrift des dritten Partners – der   nalen Vorkaufsrecht in Milieuschutzgebieten die Eingriffs-
        FDP, die stets als radikale Lobbypartei der Immobilienwirt-    möglichkeiten der Länder und der Kommunen weiter einge-
        schaft positioniert war und ist. 			                           schränkt.

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TITEL

Mietpreisstopp nicht in Sicht 			                                 das ist für Lay eine Mogelpackung. „Aufhorchen lässt die
Hatten SPD und Grüne im Wahlkampf noch eine Verschär-             Ankündigung, die ‚etablierte Wohnungswirtschaft‘ durch die
fung der Mietpreisbremse gefordert, ist nun davon im Koali-       Einführung einer neuen Wohngemeinnützigkeit nicht zu be-
tionsvertrag keine Rede mehr. Auch ein nur zeitlich befristeter   nachteiligen. Dabei wäre eine Bevorteilung der gemeinnützi-
Mietenstopp oder Mietendeckel in Gebieten mit angespannter        gen Wohnungswirtschaft, etwa bei der Vergabe der Gelder des
Wohnungsmarktlage ist kein Thema mehr. Vielmehr einigten          sozialen Wohnungsbaus und von Grundstücken, ein wichtiger
sich die Koalitionäre darauf, „die geltenden Mieterschutzrege-    Anreiz, damit Wohnungsunternehmen sich unter den Schirm
lungen zu evaluieren und zu verlängern“. Als kleine Fortschrit-   der Gemeinnützigkeit stellen. Zudem ist weder eine Begren-
te aus Sicht von Mieter/innen können lediglich die vereinbarte    zung auf die Kostenmiete noch die Höhe der Gewinndecke-
Absenkung der Kappungsgrenze für Kaltmietenerhöhungen             lung im Rahmen der Wohngemeinnützigkeit Teil des Koali-
von 15 auf 11% in drei Jahren und die Verbreiterung der Bemes-    tionsvertrags. Beides waren jedoch die Kernbestandteile der
sungsgrundlage für Mietspiegel gewertet werden. Diese sollen      alten Gemeinnützigkeit. Es bleibt zu befürchten, dass die neue
künftig auf Mietverträgen der letzten sieben Jahre basieren.      Wohngemeinnützigkeit eine wirkungslose Randerscheinung
Doch diese Trippelschritte können die erheblichen Mehrkos-        in der Wohnungspolitik bleiben wird“, so Lay.
ten, die auf viele Mieter/innen durch die Umlagen von energe-
tischen Modernisierungen und die erhöhten Preise für CO2-         Sprechblasen statt Maßnahmen
Emissionen zukommen, nicht mal ansatzweise kompensieren.          Weitere, nicht weiter spezifizierte Förderprogramme soll es
Konsequenzen aus den beiden erwähnten Urteilen, die in Form       „für studentisches Wohnen, für junges Wohnen und Wohnen
von Gesetzesänderungen gezogen werden müssten, sind eben-         für Auszubildende“ geben. Subsumiert werden diese weitge-
falls nicht zu erwarten. Der an der fehlenden Länderkompe-        hend substanzlosen Ankündigungen, die zudem unter dem
tenz gescheiterte Berliner „Mietendeckel“ wird mit keinem         allgemeinen „Finanzierungsvorbehalt“ stehen, in einer fulmi-
Wort erwähnt. Derart durchgreifende Regulierungen wird            nanten Sprechblase: „Wir werden eine Bau- und Investitions-
es vor allem mit der FDP nicht geben, obwohl – etwa durch         offensive starten, die die Voraussetzungen schafft schnell und
eine Ermächtigungsklausel für die Länder im Baugesetzbuch         günstig zusätzlichen Wohnraum zu schaffen und zu erhalten,
– durchaus verfassungskonforme Wege existieren. Und zur           und dadurch sowohl der Bau- und Immobilienwirtschaft lang-
gerichtlichen Aushebelung des Vorkaufsrechts der Kommunen         fristige Planungsperspektive als auch den Mieterinnen und
heißt es lediglich: „Wir werden prüfen, ob sich aus dem Urteil    Mietern Sicherheit gibt. (...) Wir werden ein ‚Bündnis bezahl-
des Bundesverwaltungsgerichts vom 9. November 2021 zum            barer Wohnraum‘ mit allen wichtigen Akteuren schließen. Wir
gemeindlichen Vorkaufsrecht in Gebieten einer Erhaltungssat-      werden zeitnah eine neue Wohngemeinnützigkeit mit steuerli-
zung (Milieuschutzsatzung) gesetzgeberischer Handlungsbe-         cher Förderung und Investitionszulagen auf den Weg bringen
darf ergibt“. Das heißt von Politsprech ins Deutsche übersetzt:   und so eine neue Dynamik (…) erzeugen“. Sehr konkret ist
Wir beerdigen die Angelegenheit.                                  dagegen ein Geschenk an die Immobilienwirtschaft: Die Steu-
Herzstück des wohnungspolitischen Teils des Koalitionsver-        erabschreibung bei Neubauten wird von zwei auf drei Prozent
trags ist der Neubau. Die Ziele klingen zunächst einigermaßen     pro Jahr angehoben. In der letzten Legislaturperiode hatten
ambitioniert. „Unser Ziel ist der Bau von 400.000 neuen Woh-      sich SPD und Grüne noch vehement dagegen ausgesprochen.
nungen pro Jahr, davon 100.000 öffentlich geförderte Wohnun-      Interessant ist auch, was alles nicht im Koalitionsvertrag steht.
gen. Dafür werden wir die finanzielle Unterstützung des Bun-      Das betrifft zum einen den Mieterschutz. Es sind keinerlei
des für den sozialen Wohnungsbau fortführen und die Mittel        konkrete Einschränkungen bei Eigenbedarfskündigungen und
erhöhen.“ Allerdings fehlt jegliche Unterfütterung mit konkre-    keine Maßnahmen gegen Zwangsräumungen aufgeführt. Doch
ten Zahlen, zumal bereits die letzte Bundesregierung mit ihren    das wäre eine der Grundvoraussetzungen, um den Plan zur
vollmundigen Neubauankündigungen grandios gescheitert ist,        „Überwindung der Wohnungslosigkeit“ umsetzen zu können.
besonders im Bereich der geförderten, bezahlbaren Wohnun-         Das Gewerbemietrecht, dessen Funktion als Verdrängungstrei-
gen. Außerdem soll ein Teil dieser Fördermittel für die „so-      ber in Innenstädten hinlänglich bekannt ist, bleibt im Koaliti-
ziale Eigenheimförderung“ verwendet werden. Wie sich die          onsvertrag gänzlich unerwähnt. Und als „völlig unzureichend“
100.000 geförderten Wohnungen zwischen Sozialwohnungen            bewertet Lay den Vertrag auch in Sachen Bodenpolitik: „Er
und Eigenheimen aufteilen, lässt der Koalitionsvertrag offen.     enthält keinerlei Maßnahmen gegen die Bodenpreisexplosi-
In der letzten Legislaturperiode wurden Eigenheime dreimal        on. Spekulative Gewinne oder generelle Bodenwertzuwächse
stärker gefördert als Sozialwohnungen.                            sollen nicht der Allgemeinheit zugeführt werden, sondern ver-
Offensichtlich ist auch, dass das alte, aus wohnungspolitischer   bleiben in privater Hand. Auch weitere wichtige Forderungen,
Sicht gescheiterte Fördersystem für den sozialen Wohnungs-        wie zum Beispiel einen Bodenfonds, die Erleichterung von
bau nicht angetastet werden soll. „Im alten Fördersystem zu       Erbpacht oder wenigstens eine Enquetekommission zur Bo-
verharren bedeutet jedoch, das Problem auslaufender Bin-          denpolitik werden im Koalitionsvertrag gänzlich außen vor
dungen auch zukünftig fortzusetzen. Eine Möglichkeit zur          gelassen.“ Zudem konnten sich die Ampelparteien nicht über
Änderung des Fördersystems hätte darin bestanden, die För-        eine Streichung der Spekulationsfrist bei privaten Immobili-
dergelder für den sozialen Wohnungsbau nur noch gemein-           enverkäufen einigen. Hier bleibt der Verkauf nach zehn Jahren
nützigen Wohnungsunternehmen zu geben. Jedoch ist davon           steuerfrei.
im Koalitionsvertrag keine Rede“, bewertet Caren Lay, Spre-       Angesichts der Regierungskonstellation war allerdings auch
cherin des Linksfraktion im Bundestag für Mieten-, Bau- und       kaum etwas anderes zu erwarten. Im Bundestag sitzt mit den
Wohnungspolitik, die Pläne. Scheinbar ein Zugeständnis der        Linken nur noch eine deutlich gerupfte Oppositionspartei, die
FDP ist die vereinbarte „Prüfung“ der Einführung einer neu-       Forderungen der Mieterbewegung teilweise vertritt. Umso
en Wohnungsgemeinnützigkeit, was von der wirtschaftslibe-         mehr kommt es in den kommenden Jahren auf den außerparla-
ralen Partei bislang kategorisch abgelehnt wurde. Doch auch       mentarischen Widerstand an. 			                                h

MieterEcho 422 Februar 2022                                                                                                     13
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