STARKEN - NEUES PROGRAMM - LSVD

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STARKEN - NEUES PROGRAMM - LSVD
Juli 2018
Heft 25

               . .
             STARKEN
                                 miteinander

            NEUES PROGRAMM         NEUE POLITIK         NEUE PROJEKTE
              Verbandstag 2018    Nach der Eheöffnung   Vernetzen und Beraten

              H I R S C H F E L D - E D DY - S T I F T U N G
STARKEN - NEUES PROGRAMM - LSVD
Inhalt
                                                                                                                                                                                                      Alles Gute zur Verfassung
                                                                           bundesverband!                                                   länder!
                                                                                3 Alles Gute zur Verfassung                                 28 Neue Aktionspläne
                                                                           		     Editorial                                                 		 Wo bleibt Bayern?

                                                                                                                                                                                                      E
                                                                                4 Was wir erwarten                                          29 Sport frei                                                  s sind unruhige, unberechenbare Zeiten. Gewissheiten werden aufge­
                                                                           		     Politik nach der Eheöffnung                               		 Sportjahr in Berlin-Brandenburg                             kündigt, Grenzen des Sagbaren bewusst und kalkuliert in eine Richtung
                                                                                                                                                                                                           verschoben, die Beschimpfungen und Gewaltphantasien als „Mut zur
        STARKE
 8-14   PROJEKTE!
                                                                             6 Neues Programm
                                                                           		 Menschenrechte, Vielfalt und
                                                                                                                                            30 Bunt ist besser!
                                                                                                                                            		 Neues Gesicht
                                                                                                                                                                                                      Wahrheit“ feiern. Menschen werden dazu angestachelt, ihren Hass und ihre
                                                                                                                                                                                                      Verachtung stolz in die Kommentarspalten oder auf die Straßen zu tragen.
                                                                           		 Respekt                                                                                                                 Und der Hass ist in den Parlamenten angekommen.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Foto: Christine Fiedler / LSVD
                                                                                                                                            32 Sichtbar in BaWü
        Miteinander stärken
                                                                           15 Die Salonfähigen                                              		 Regenbogenfamilienfreizeit                               „Es wird besser“ – dieser Optimismus erfüllte lange Zeit das Enga­ge­
        Queer Refugees                                                     		 Wie Medien berichten                                                                                                    ment und eine Politik für Menschenrechte, Vielfalt und Respekt. Aber was,
                                                                                                                                            32 Senior*innen stärken                                   wenn nicht? Augenblicklich gibt es vielmehr eine sehnsüchtige Glorifizie­rung
        Beratungskompetenz zu                                              16 10 Jahre Denkmal                                              		 Gesetz in Hamburg                                      vergangener Zeiten, die für Lesben, Schwule, bisexuelle, trans- und interge­
        Regenbogenfamiilien                                                		 Festakt mit Bundespräsident                                                                                             schlechtliche Menschen garantiert keine guten Zeiten waren.
                                                                                                                                            33 Mehr Akzeptanz
                                                                           18 Starker Verband                                               		 IDAHOT 2018                                               Uns wird derzeit vielmehr vor Augen geführt, wie fragil und zerbrechlich Normen des respektvollen und gewaltfreien
                                                                           		 30. Verbandstag in Köln                                                                                                 Umgangs eigentlich sind. Unabhängig davon, dass sie im Alltag oft nicht eingelöst werden, plötzlich gelten sie nicht mal mehr
                                                                                                                                            34 Aus dem Aktionsfonds                                   als allgemein menschliche Werte, sondern als abzulehnende „linksgrün versiffte Umerziehung“.
                                                                           22 Projekt Masakhane                                             		 Projekte unterstützen
                                                                           		 Afrikanische Aktivistinnen                                                                                                 Gerade vor diesem Hintergrund ist die verfassungsrechtliche Garantie des bisher Erreichten ein dringendes Gebot der
                                                                                                                                            54 Aktiv in den Ländern                                   Stunde. Wir brauchen einen verbrieften Schutz, eine Sicherheit, die nicht mit einfacher Mehrheit gekippt werden kann. In
                                                                           35 Mitglied werden                                               		 LSVD-Adressen                                          Artikel 3 unseres Grundgesetzes muss endlich stehen, dass auch niemand wegen seiner sexuellen und geschlechtlichen
                                                                           		 LSVD unterstützen lohnt sich                                                                                            Identität diskriminiert werden darf. Die rechtliche Gleichstellung ist viel besser gesichert, wenn sie im Verfassungstext
                                                                                                                                                                                                      ausdrücklich verankert ist. Das Grundgesetz als Grundlage unseres Zusammenlebens explizit auf unserer Seite zu haben,
                                                                           36 CSD-Saison 2018                                                                                                         wäre auch für die noch zu führenden Kämpfe um Anerkennung und Respekt ungeheuer wertvoll. Denn ein solches aus­
                                  Foto: Hirschfeld-Eddy-Stiftung

                                                                           		 Give-aways des LSVD                                                                                                     drückliches Diskriminierungsverbot bringt unmissverständlich eine klare Ablehnung von Ideologien zum Ausdruck, die eine
                                                                                                                                                                                                      Ungleichwertigkeit von Menschen propagieren. Es wäre ein staatliches Bekenntnis, dass LSBTI als gleichwertiger Teil zu
                                                                           37 Gedenken                                                                                                                Deutschland gehören und ein Recht darauf haben, angst- und diskriminierungsfrei zu leben. Das würde auch unser Vertrauen
                                                                           		 Nachruf auf Eddi Stapel                                                                                                 in den Rechtstaat und eine demokratische Gesellschaft stärken.

                                                                           38 Was der LSVD macht!                                                                                                       In seiner jetzigen Fassung hat es das Grundgesetz nicht vermocht, LSBTI in Deutschland vor Verfolgung und schwer­
                                                                           		 Für Menschenrechte,                                                                                                     wiegenden Menschenrechtsverletzungen zu schützen. Bundespräsident Steinmeier erinnerte beim Festakt zum zehnjährigen

23 -27 HIRSCHFELD-
       EDDY-STIFTUNG!
                                                                           		 Vielfalt & Respekt                                                                                                      Jubiläum des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen an das Fortbestehen von staatlicher und
                                                                                                                                                                                                      gesellschaftlicher Verfolgung nach 1945: „Die Würde von Homosexuellen, sie blieb antastbar. Zu lange hat es gedauert, bis
                                                                                                                                                                                                      auch ihre Würde etwas gezählt hat in Deutschland.“
        Konferenz in Mazedonien
                                                                                                                                                                                                         Außerdem wurden die Grundrechte von LSBTI in Deutschland bislang hauptsächlich aus dem Recht auf freie Entfaltung der
                                                                                         Impressum: respekt! • Zeitschrift für Lesben- und Schwulenpolitik • ISSN 1431-701X • Herausgegeben           Persönlichkeit abgeleitet. Dieses Recht wird allerdings auch durch das sogenannte „Sittengesetz“ beschränkt. Zwar schlum­
        13 Forderungen für
                                                                                         vom Lesben- und Schwulenverband (LSVD)
        Inklusionskonzept                                                                                                                                                                             mert das Sittengesetz derzeit weitgehend inaktiv und unbeachtet in Artikel 2 der Verfassung. Aber ist es so undenkbar, dass
                                                                                         Redaktion: Markus Ulrich (Hauptverantwortlicher und V.i.S.d.P.), Günter Dworek, Klaus Jetz • Weitere
                                                                                         Autor*innen dieser Ausgabe: Klaus Bischoff, Patrick Dörr, Henny Engels, Julia Hirschmüller, Axel Hochrein,   es mit dem Wiedererstarken rechtspopulistischer und religiös-fundamentalistischer Strömungen ein unheimliches Comeback
        Stimmen zum                                                                                                                                                                                   als Grundrechtsschranke erfährt? Nein – ist es nicht!
                                                                   Elke Jansen, Kornelia Jansen, Sarah Kohrt, Ins A Kromminga, Barbara Mansberg, René Mertens, Jürgen Rausch, Lilith Raza,
        Inklusionskonzept
                                                                   Christian Rudolph, Ulrike Schmauch, Uta Schwenke, Lucie Veith • Grafik & Layout: Franka Braun • Titelfoto: Caro Kadatz •
                                                                   Druck: Spree Druck Berlin GmbH • Auflage: 10.000 • Redaktionsanschrift: LSVD-Hauptstadtbüro, Almstadtstr. 7, 10119 Berlin            2019 wird das Grundgesetz 70 Jahre – das wäre ein guter Anlass, um die Ergänzung auf den Weg zu bringen. Sie wäre eine
        Postkoloniale Praxis
                                                                   • E-Mail: presse@lsvd.de • Internet: www.lsvd.de
                                                                                                                                                                                                      Anerkennung des Unrechts, eine Konsequenz der Aufarbeitung und eine Garantie für ein „Nie wieder“.
                                                                   Es gilt die Anzeigenpreisliste vom 1. August 2015. Für unverlangt eingesandtes Bild- und Tonmaterial wird keine Haftung übernom­
                                                                   men. Namentlich gekennzeichnete Beiträge, Anzeigen und Werbebeilagen geben nicht unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.
                                                                   • Datenschutzhinweis: Die respekt! geht an alle Mitglieder des LSVD sowie an Multiplikator*innen aus Politik und                                                                                                                                 Markus Ulrich
                                                                   Gesellschaft zum Zweck der Information über die Arbeit und Ziele des LSVD. Rechtsgrundlage der Datenerhebung sind
                                                                   Art. 6 Abs. 1 lit a. und b DSGVO bzw. Art. 6 Abs. 1 lit f DSGVO. Wenn Sie die respekt nicht länger erhalten wollen, kontaktieren
                                                                   Sie uns. Sie haben jederzeit das Recht der Verarbeitung Ihrer Daten zu widersprechen, Auskunft über die bei uns über Sie gespei­
                                                                   cherten Daten zu verlangen sowie die Berichtigung oder die Löschung der Daten zu fordern. Mehr Informationen finden Sie unter
                                                                   www.lsvd.de/bottom-meta-navigation/datenschutz.html.
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                                                                   Mitglieder des LSVD bekommen die respekt! automatisch zugeschickt. Die Eintrittskarte in den LSVD finden Sie auf Seite 36.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                             respekt | editorial!                                 3
STARKEN - NEUES PROGRAMM - LSVD
„Frei und sicher leben“
           Was die Bundesregierung im Bereich LSBTI*-Politik plant,
           und was notwendig wäre

       L
            ange hat es gedauert, bis sich nach der Wahl eine neue          Beide Ministerinnen sind auch im Bereich der Familien­
            Bundesregierung gebildet hat. Und im Ergebnis ist der       politik gefragt. Denn der Koalitionsvertrag verspricht die
            Koalitionsvertrag ernüchternd und enttäuschend. Nach        Stärkung und Entlastung von Familien. „Wir schreiben Fami­
       dem Motto „Es gibt viel zu tun – aber nicht durch uns“ erset­    lien kein bestimmtes Familienmodell vor. Wir respektie­
       zen allgemeine Formulierungen konkrete Festschreibungen.         ren die unterschiedlichen Formen des Zusammenlebens.“
       Wie schon in der letzten Großen Koalition ist und bleibt das     Dieses Versprechen muss sich in einer Modernisierung des
       Thema LSBTI Streitpunkt. Die Union leckt noch ihre Wunden,       Familien- und Abstammungsrechts ausdrücken. Bislang
       dass sie ihre sinnlose Blockade gegen die Eheöffnung nicht       fehlt eine rechtliche Anerkennung der vielfältigen gelebten
       aufrechterhalten konnte. Der SPD fehlte es anscheinend           Familienkonstellationen, obwohl kein Kind wegen seiner
       am notwenigen Mut oder Interesse, mehr heraus zu ver­            Familienform diskriminiert werden darf. Entschließen sich
       handeln. Eine ambitionierte Politik für LSBTI sieht jedenfalls   zwei mit­einander verheiratete Frauen, gemeinsam eine Fami­       Bundeskabinett
                                                                                                                                                                                                                                             Foto: Bundesarchiv, B 145 Bild-00401173 / Fotograf: Steffen Kugler

       anders aus.                                                      lie zu gründen, müssen die Gebärende und ihre Ehefrau end­
                                                                        lich von Geburt an automatisch rechtliche Eltern des Kindes
          So findet sich in den fast 200 Seiten des Koalitions­         sein können. Bis heute ist trotz Eheöffnung immer eine lang­
       vertrags zwar eine Verurteilung von Homosexuellen- und           wierige und diskriminierende Stiefkindadoption notwendig.            Bei dem längst überfälligen Verbot von Genitaloperationen   internationale Zusammenarbeit gegen Gewalt aufgrund der
       Trans­feindlichkeit sowie die – eigentlich selbstverständliche                                                                     an intergeschlechtlichen Kindern findet sich die begrüßens­    sexuellen Orientierung, wird gleichzeitig durch Pläne kon­
       – Aussage, dass „alle Menschen […] unabhängig von ihrer             Der LSVD fordert zudem einen verlässlichen rechtlichen         wert klare Formulierung im Koalitionsvertrag, dass diese       terkariert, Algerien, Tunesien und Marokko zu sogenannten
       sexuellen Identität frei und sicher leben können“ sollen. Wie    Rahmen für Mehrelternfamilien und die Möglichkeit, dass           zukünftig nur noch „nur in unaufschiebbaren Fällen und         „sicheren Herkunftsländern“ zu erklären, obwohl dort eine
       dieses Ziel genau erreicht werden soll, das bleibt der Vertrag   Eltern, deren Vorname oder deren Geschlechtseintrag geän­         zur Abwendung von Lebensgefahr zulässig“ sein sollen.          aktive Verfolgung von LSBTI stattfindet. Leidtragende sind
       schuldig: Ankündigungen für einen Nationalen Aktionsplan,        dert worden ist, wählen können, wie sie in das Geburten­          Zuständig sind hier Justiz- und Gesundheitsministerium. In     wie bei den geplanten ANKER-Zentren dann gerade auch
       ein Bund-Länder-Programm gegen Hasskriminalität oder             r­
                                                                         egister eingetragen werden wollen. Zukünftig sollten in          das Ressort von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU)           queere Geflüchtete, die dann kaum ausreichenden Zugang zu
       verstärkte Aufklärungsprogramme als Reaktion auf wie­            Urkunden eher geschlechtsneutrale Leittexte verwendet wer­        fallen auch das notwendige Verbot von „Umpolungs- und          Rechtsberatung haben werden.
       der ansteigende Homophobie und Transfeindlichkeit fehlen.        den. Das empfiehlt sich auch aufgrund der Entscheidung            Konversionstherapien“ an Minderjährigen, ein zu erstel­
       Versprochen wird lediglich die Fortführung und Weiter­           des Bundesverfassungsgerichts zum Personenstandsrecht,            lender LSBTI-Gesundheitsbericht sowie Maß­      nahmen für        Bei dem vorliegenden „Arbeitsprogramm“ der Regierungs­
       entwicklung entsprechender Aktionspläne gegen Rassismus          das eine dritte positive Option zu den bisherigen Einträgen       eine geschlechter- und diversitätsgerechte Gesund­heits­ver­   koalition bleibt die politische Arbeit des LSVD extrem wichtig.
       und Diskriminierung. Wir werden darauf dringen, dass die         „männlich“ und „weiblich“ einfordert.                             sorgung. Diese LSBTI-inklusive und -spezifische Gesund­        Forderungen und Notwendigkeiten müssen immer wieder
       Bekämpfung von LSBTI-Feindlichkeit und Diskriminierung                                                                             heitspolitik muss auch Element der im Koalitions­vertrag nur   und gezielt vorgetragen und eingebracht werden. Ebenso die
       zumindest weiterhin Bestandteil im Nationalen Aktionsplan           Das Bundesfamilienministerium und das dort seit der            allgemein umschriebenen Punkte im Pflegebereich und der        Zusammenarbeit mit den politischen Kräften im Parlament,
       gegen Rassismus bleibt und dort ausgebaut wird.                  letzten Legislatur eingerichtete Referat „Gleichgeschlechtliche   Ausbildung der Gesundheitsfachberufe sein. Zwar wird dort      die das bisher Erreichte nur als Grundlage für weiteren
                                                                        Lebensweisen und geschlechtliche Vielfalt“ war ein enger          die Weiterentwicklung des Präventionsgesetzes angekündigt,     Fortschritt sehen. Letztendlich kam die Eheöffnung auch nicht
          Obwohl konkrete Vorhaben im Koalitionsvertrag fehlen,         Partner für gleiche Rechte, Vielfalt und Respekt. Der LSVD        wiederum ohne konkret zu werden. Gerade im Bereich der         aufgrund des Koalitionsvertrags, sondern durch eine Initiative
       könnten gerade die Regierungsvertreter*innen der SPD in          will an die bisherige vertrauensvolle Beziehung und effektive     HIV-Prävention und der Diskussion um Prep wären deutliche      des Bundesrates in Verbindung mit der Gewissensentschei­
       ihren Ressorts einiges bewegen. So überzeugte Katarina           Zusammenarbeit anknüpfen. So verspricht die kommen­               Aussagen sehr wünschenswert gewesen.                           dung einer deutlichen Mehrheit der Bundestagsabge­ordne­ten
       Barley in ihrer kurzen Zeit als Familienministerin. Als neue     de Bundesregierung Maßnahmen zur Gleichstellung von                                                                              zu­stande. Eine Bundesratsinitiative ist auch bei dem wich­
       Justizministerin wird ihr Engagement für LSBTI nicht nur         Männern und Frauen auf dem Arbeitsmarkt, zur Bekämpfung              Der ehemalige Justizminister Heiko Maas wird als Außen­     tigen Punkt der Ergänzung des Grundgesetzes, Art 3.3. um
       bei der versprochenen Umsetzung des Urteils des Bundes­          von Sexismus sowie die Umsetzung der Istanbul-Konvention          minister hoffentlich ein besonderes Augenmerk auf die          die Merkmale der geschlechtlichen und sexuellen Identität auf
       verfassungsgerichts zum dritten Geschlechtseintrag wichtig       und ein Aktionsprogramm zur Prävention und Unterstützung          globale Menschenrechtssituation von LSBTI haben. Eine          den Weg gebracht worden. Diese „Urforderung“ des LSVD
       sein. Hier ist zwar das von der CSU besetzte Innen­ministeri­    von Gewalt betroffenen Frauen und Kindern. Wir fordern,           weitere gute Zusammenarbeit mit dem LSVD hat er ange­          gewinnt wieder an politischer Aktualität. Ihre Erfüllung wäre
       um federführend, das Justizministerium ist aber invol­           dass in all diesen gleichstellungspolitischen Maßnahmen ein       kündigt. Unterstützung wird er dabei sicherlich von Michael    für LSBTI in Deutschland ein wichtiger Garant, um frei und
       viert und hat wie auch die neue Bundesfamilien­minis­ter­­in     breiter Ansatz verfolgt wird, der der Unterschiedlichkeit der     Roth, Staatsminister im Außenministerium, bekommen. Roth       sicher zu leben.
       Franziska Giffey schon Widerspruch zur favorisierten und zu      Lebenslagen von Frauen gerecht wird und auch lesbische,           hatte schon in der letzten Legislatur in diesem Bereich viel
       kurz gegriffenen Lösung von Horst Seehofer ange­meldet. Eine     bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Frauen mitdenkt.      Gutes bewirkt. Das zukünftig das Menschenrechtsreferat des                                                   Axel Hochrein
       men­­schen­rechtsbasierte Gesetzgebung zur Anerkennung der                                                                         Auswärtigen Amtes in seine Zuständigkeit fällt, ist deshalb                                           LSVD-Bundesvorstand
       Geschlechts­identität ist auch für den LSVD unabdingbar.                                                                           eine gute Entwicklung. Die Ankündigung für eine verstärkte

4   respekt | bundesverband!                                                                                                                                                                                                          respekt | bundesverband!                                                5
STARKEN - NEUES PROGRAMM - LSVD
Das volle Programm                                                                                                                                     „Schaufenster des LSVD“
Menschenrechte, Vielfalt und Respekt                                                                                                                      Bundesvorstand Günter Dworek über das neue Programm

I. Unsere Grundsätze

    Der LSVD als Bürgerrechtsverband
    Gemeinsam in Vielfalt                                                                                                                                Warum war eine Aktualisierung des LSVD-Programms notwendig?
    Viel erreicht, viel zu tun
                                                                                                                                                          Das bisher gültige Programm hatte der LSVD 2010 anlässlich des
                                                                                                                                                       zwanzigjährigen Verbandsjubiläums beschlossen. Seitdem ist unheim­
II. Zehn Eckpunkte für Menschenrechte, Vielfalt und Respekt                                                                                            lich viel passiert. Auf der positiven Seite steht: Wir haben wichtige
                                                                                                                                                       Forderungen durchsetzen können, allen voran natürlich die Öffnung
    1. Die Gleichstellung im Recht weiter entwickeln                           6. Vielfalt der Generationen und Lebenslagen im Blick haben             der Ehe, aber auch den großen politischen Durchbruch bei der
    Gleichstellung im Grundgesetz verankern                                    Jugendliche stärken                                                     Rehabilitierung der Opfer antihomosexueller Strafgesetze, auch wenn
    Den rechtlichen Schutz vor Diskriminierung ausbauen                        Coming-out in jeder Lebensphase unterstützen                            dort noch nicht alles zufriedenstellend geregelt ist. Es weiteres Beispiel

                                                                                                                                                                                                                                                                                                       Foto: Caro Kadatz
    Digitalisierung aktiv gestalten, Datenschutz ausbauen                      Für ein besseres Leben im Alter arbeiten                                ist die Medienpolitik: Durch erfolgreiche Kampagnen für eine LSBTI-
    Selbstbestimmung für transgeschlechtliche Menschen durchsetzen             Integration und Teilhabe fördern                                        Vertretung in Rundfunk- und Medienräten hat sich einiges getan. Hier
    Die Grundrechte intergeschlechtlicher Menschen verwirklichen               Selbstbestimmung für Menschen mit Behinderungen durchsetzen             und an vielen anderen Punkten musste das Programm einfach auf den
    Das Recht auf Asyl und Schutz gewährleisten                                                                                                        neuen Stand gebracht werden.
                                                                                                                                                                                                                                      Was sind die wichtigsten Änderungen bzw. Forderungen?
                                                                               7. Eine aufgeklärte und solidarische Gesundheitspolitik durchsetzen        Auf der negative Seite der politischen Entwicklung steht: In vielen
    2. Gesellschaftliche Akzeptanz stärken                                     Gesundheit fördern durch Abbau von Vorurteilen                          Ländern Europas und auch in Deutschland feiern nationalistisch-                 Menschenrechte, Vielfalt und Respekt wollen wir in allen Lebens­
    – Vielfalt wertschätzen                                                    Trans- und intergeschlechtlichen Menschen Selbstbestimmung              völkische Kräfte Erfolge. Sie nehmen auch LSBTI in Visier, wollen            bereichen. Weit oben steht die Forderung, das Erreichte auch durch die
    Gesellschaftliche Sichtbarkeit stärken                                        ermöglichen                                                          erkämpfte Rechte wieder beschneiden. Hass und Hetze müssen wir               Ergänzung des Gleichbehandlungsartikels im Grundgesetz abzusichern.
    Anerkennung von Verschiedenheit fördern                                    Pathologisierung aufarbeiten und überwinden                             entschieden entgegentreten. Daher haben wir das Profil des LSVD              Insgesamt haben wir uns bemüht, das Programm LSBTI-inklusiv zu
                                                                               „Umpolung“ ächten                                                       als Bürgerrechtsverband weiter geschärft, der sich in zivilgesell­           gestalten. Schon bislang hatten wir Forderungen zum Transsexuellen­
                                                                               HIV-Prävention stärken und modernisieren                                schaftlichen Bündnissen für Zusammenhalt und gegen jede Form von             recht und zur rechtlichen Anerkennung intergeschlechtlicher Menschen
    3. Respekt schaffen in Bildung und Erziehung,                              Die soziale Situation von Menschen mit HIV und AIDS verbessern          Diskriminierung, Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit engagiert.            im Programm, 2010 aber noch in kleinen Extra-Abschnitten. Jetzt haben
    Wissenschaft und Kultur                                                                                                                                                                                                         wir Forderungen trans- und intergeschlechtlicher Menschen inklusiv in
    Respekt und Vielfalt in Schule und Bildungsarbeit vermitteln                                                                                                                                                                    allen Themenkapiteln aufgenommen, sei es in der Bildungspolitik, sei
    Diskriminierungsfreie Forschung und Lehre fördern                          8. Verantwortung für die Vergangenheit wahrnehmen                         Wie wurde das neue Programm erarbeitet?                                    es bei der Aufarbeitung von Unrecht in der Vergangenheit oder bei den
    Vielfältige Kultur- und Medienlandschaft sichern                           Die Erinnerung an das NS-Unrecht wachhalten – Lehren für heute ziehen                                                                                rechtspolitischen Forderungen. Auch der Kampf bisexueller Menschen
                                                                               Unterdrückung und Verfolgung nach 1945 aufarbeiten                         Um aus dem Nähkästchen zu plaudern: Nach einer Strategie- und             gegen Vorurteile und Nichtbeachtung wird benannt.
                                                                               Unrecht anerkennen und Entschädigung leisten                            Schwerpunkte-Diskussion im Bundesvorstand habe ich mich hingesetzt
    4. Hass und Hetze entgegentreten                                           Engagement würdigen und Verantwortung benennen                          und einen ersten Textentwurf geschrieben. Der wurde im Bundesvor­               Der LSVD hat in den letzten Jahren auch in ausführlichen Papieren
    Wirksamen Nationalen Aktionsplan auflegen                                                                                                          stand diskutiert und die Kolleginnen und Kollegen haben Ergänzungs-          detaillierte Konzepte entwickelt, zum Beispiel zur Menschenrechtsarbeit
    Hassgewalt bekämpfen                                                                                                                               und Modifizierungsvorschläge gemacht. Der daraus entstandene ge­­            für LSBTI in der Außenpolitik und in der Entwicklungszusammenarbeit
    Kein Klima der Gewalt entstehen lassen                                     9. Gleiche Rechte, Vielfalt und Respekt in Europa befördern             mein­­same Text ging an unsere Landesvorstände zur Kommentie­rung.           oder zur Flüchtlingspolitik. Das Programm ist ein Schaufenster des
    Verantwortung der Religionsgemeinschaften einfordern                       Die Grundrechtecharta mit Leben füllen                                  Diese haben wir dann auf einem gemeinsamen Beratungs­          tref­
                                                                                                                                                                                                                          fen       Verbandes. Diese modernen Konzepte sind nun in kondensierter Form
                                                                               Den Europarat gegen Diskriminierung mobilisieren                        diskutiert. So haben die Länder wichtige Impulse beigesteuert, die           auch im LSVD-Programm wiedergegeben. Das gilt insbesondere auch
                                                                                                                                                       vielfach eingearbeitet wurden. Das Produkt dieser Beratungen hat der         für das Papier „Regenbogenfamilien im Recht“, das der Verbandstag in
    5. Familie umfassend denken                                                                                                                        Bundesvorstand als Antrag an den Verbandstag gestellt. Dort konnten          2017 nach sehr spannender Diskussion verabschiedet hatte.
    Das Familienrecht modernisieren                                            10. Die Achtung der Menschenrechte weltweit voranbringen                dann die Mitglieder ihre Ideen und Änderungsanträge einbringen. Am
    Entscheidungen vorurteilsfrei treffen                                      Die Menschenrechtsarbeit der Vereinten Nationen stärken                 Ende dieses intensiven Beteiligungsprozesses hat der Verbandstag mit            Und es sind Themen dazugekommen, die 2010 noch nicht so
    Familiengründung unterstützen                                              Alle Möglichkeiten deutscher Außenpolitik nutzen                        Riesenmehrheit bei nur einer Gegenstimme und einer Enthaltung für das        im Fokus standen, z.B. die Auswirkungen der Digitalisierung auf die
    Diskriminierung von Regenbogenfamilien im Alltag entgegenwirken            Zivilgesellschaftliches Engagement für die Menschenrechte verstärken    neue Programm votiert.                                                       Privatsphäre, auf die Grundrechte und die Sicherheit von gesellschaft­
                                                                                                                                                                                                                                    lichen Gruppen wie LSBTI, die immer noch von Diskriminierung bedroht
                                                                                                                                                                                                                                    sind. Es ist noch viel zu tun.

                                                                   www.lsvd.de/programm

6         respekt | bundesverband!                                                                                                                                                                                                                            respekt | bundesverband!                                     7
STARKEN - NEUES PROGRAMM - LSVD
Rechtspopulismus
entgegenwirken
Erste Säule des neuen LSVD-Projekts “Miteinander stärken”

                                                                                                                                                                                                                                                                                           Grafik: graphictelling.org

I
  n jahrzehntelangen Kämpfen konnten wesentliche Fortschritte bei der           klammert er jedenfalls aus. Der Nachweis der Verbotsübertretung ist will­
  rechtlichen Anerkennung und gesellschaftlichen Akzeptanz von Lesben,          kürlich. Alle Muslim*innen pauschal als homophob und transfeindlich zu          gemeinsame Entwicklung von Aktivist*innen-Kits und Empowerment-
  Schwulen, bisexuellen, trans* und intergeschlechtlichen Menschen              bezeichnen ist dennoch falsch und wird der Heterogenität nicht gerecht.         Packs, um den faktenfreien Kampagnen von Rechtspopulist*innen und
(LSBTI*) erreicht werden. Aber auch nach der Öffnung der Ehe und dem Ur­teil    Diese Vereinfachungen spielen nur den Rechtspopulist*innen in die Hände.        Gleichstellungsgegner*innen mit kreativen Ideen und Mut entgegenzutreten         Ansprechpersonen für das LSVD-Projekt
des Bundesverfassungsgerichts zum Dritten Geschlechtseintrag bleibt noch        Gleichfalls befeuern sie einen islamfeindlichen Rassismus. Islamfeindlichen     und so den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu festigen. Eine Allianz             „Rechtspopulismus entgegenwirken“ sind:
viel zu tun. Homophobie, Transfeindlichkeit und weitere Formen der gruppen­     Einstellungen begegnet man am besten mit Fakten – das gilt übrigens auch        der Vielfaltsverteidiger*innen aufbauen – das ist eines der großen Ziele
bezogenen Menschenfeindlichkeit sind in vielen gesellschaftlichen Bereichen     für die meisten Agitationen von Rechts. Nachfragen, Gegenargumente              des Projektes.
allgegenwärtig. Zusätzlich machen Gleichstellungsgegner*innen flankiert von     bringen, klar Position beziehen und Grenzen der Diskussion aufzeigen.
religiös-fundamentalistischen Gruppen und völkischen Initiativen Stimmung       Beim Thema Islam muss deutlich gemacht werden, dass hier eine große                               Regenbogenkompetenz fördern
gegen die Akzeptanz von LSBTI* in unserer Gesellschaft. Sie diffamieren         Heterogenität unterschiedlichster Interpretationen existiert. Muslimische
Bildungspläne, greifen Projekte und Initiativen mit Unterlassungsverfügungen    LSBTI und Beispiele wie der Liberal-islamische Bund oder die Ibn-Rushd-           Die Regenbogenparlamente bilden das dritte Veranstaltungsformat des
an, lähmen Verwaltungen mit irreführenden Anfragen oder versuchen LSBTI*        Goethe-Moschee machen deutlich, dass Islam und Homosexualität sich nicht        Projektes. Mit insgesamt drei dieser Leuchtturmprojekte wollen wir in den
gegen Geflüchtete oder andere Minderheiten zu instrumentalisieren. Dieser       ausschließen müssen.                                                            wichtigsten gesellschaftlichen und politischen Bereichen die Regenbogen­
Entwicklung tritt das neue LSVD-Projekt „Miteinander stärken“ entgegen.                                                                                         kompetenz verbessern, d.h. den professionellen und diskriminierungsfreien
                                                                                  Die Teilnehmenden formulierten auch gesellschaftspolitische Forderungen,      Umgang mit Themen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt. Beim
   Ziel ist es, das gesellschaftliche Miteinander zu stärken, dem Rechts­       um Homophobie und Transfeindlichkeit den Nährboden zu entziehen.                Auftakt in Berlin trafen sich über 100 Expert*innen und Aktivist*innen
populismus Paroli zu bieten und wirksame Strategien und Bündnisse               Umfassende Landesaktionspläne wurden ebenso genannt, wie eine effektive         aus ganz Deutschland. Gemeinsam wurde diskutiert, wie Regenbogen­
                                                                                                                                                                                                                                                  Jürgen Rausch
zu entwickeln. Zusammen mit unseren Landesverbänden wollen wir die              Gesetzgebung gegen Hassgewalt, eine LSBTI*-inklusive Bildungspolitik            kompetenz als Querschnittsaufgabe verankert werden kann.
                                                                                                                                                                                                                                                  juergen.rausch@lsvd.de
Akzeptanz von LSBTI* fördern und uns und unsere Bündnispartner*innen            oder die Erweiterung des Gleichheitsartikels im Grundgesetz. Bei den                                                                                              Tel. 0221-92 59 61 13
stärken. Um gegenseitige Lernprozesse zu initiieren haben wir dabei nicht nur   Themen sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in der Bildung und in Religions­      In den Fachforen gab es einen regen Austausch darüber, was es bei­
die Community im Fokus, sondern auch Projekte aus der Rassismus- und            gemeinschaften formulierten die Aktivist*innen Anforderungen, Strategien        spielsweise braucht, um die Regenbogenkompetenz im Fußball zu verbes­
Antisemitismusprävention, aus der Jugendarbeit, aus der Bildungsarbeit,         und Maßnahmen, um für gegenseitigen Respekt und einen wertschätzenden           sern. Aktiv auf Vereine und Verbände zugehen und das Thema anpacken,
aus der Demokratieförderung, von migrantischen Organisationen oder              Umgang zu werben.                                                               war einer der wichtigsten Impulse. Beim Thema „Lebenswelten von LSBTI*
auch von Trägern aus Sport, Kultur und Wissenschaft. Gemeinsam wol­                                                                                             in den Medien“ wurde deutlich, dass es immer noch eine Diskrepanz
len wir uns gegen Rechtspopulismus und Anfeindungen stärken. Auf                   Besonders Religionsgemeinschaften sollten sich wieder stärker auf            zwischen dem gibt, was sich LSBTI* von Medien wünschen und der
regionalen Vernetzungstreffen, Konferenzen und Regenbogenparlamenten            grundlegende Werte wie Nächstenliebe, Gewaltfreiheit und ein solida­            Realität der Berichterstattung. Sichtbarkeit braucht Sicherheit und eine
bringen wir daher Ehrenamtler*innen und Fachkräfte aus der ganzen               risches Denken und Handeln konzentrieren. Auch braucht es mehr offene           wertschätzende Berichterstattung. Dazu gehört auch, dass die anhaltende
Republik zusammen.                                                              Begegnungsformate, um für einen wertschätzenden Umgang zu werben.               Unsichtbarkeit von lesbischen Frauen beendet wird und sie von Medien

                                                                                                                                                                                                                                                                                             Fotos: Caro Kadatz
                                                                                Beim Thema „Bildung“ ist es wichtig, Bildungs- und Lehrpläne LSBTI*-            gehört werden. Beim Thema Internationales waren sich die Expert*innen
            Gemeinsam stärken – neue Wege gehen                                 inklusiv auszugestalten. Die Vermittlung von „sexueller und geschlechtlicher    einig: Die Zivilgesellschaft muss wieder in die Offensive gehen und dem
                                                                                Vielfalt“ müsse als Querschnittsaufgabe von Kitas, Schulen und Hochschulen      demokratiefeindlichen Mob Grenzen setzen. Der Blick nach Ungarn, Polen
   Bereits 2017 starteten die regionalen Vernetzungstreffen in Leipzig,         verstanden werden. Diese haben den Auftrag, junge Menschen zu stärken           oder in die USA zeigt uns, wie schnell ein für sicher geglaubter gesellschaft­
Mannheim, Dortmund und Magdeburg. Dort haben wir diskutiert, welche             und auf gesellschaftliche Vielfalt im Alltag vorzubereiten. Die entsprechende   licher Konsens in Frage gestellt werden kann.
Ideologien hinter den Anfeindungen von Rechts stecken, was sich hinter den      Ausgestaltung der Bildungs- und Lehrpläne, die Aufnahme der Thematik in
unheiligen Allianzen zwischen religiösen Fundamentalist*innen und Neuer         die Aus- und Weiterbildung von pädagogischen Fachkräften waren ebenso              Unter dem Motto „Akzeptanz von LSBTI* weiter gestalten“ geht
Rechten verbirgt und was man diesen Entwicklungen entgegensetzen kann.          zentrale Forderungen.                                                           es am 22. September 2018 in die nächste Runde. Gemeinsam mit
Neben dem Wunsch nach mehr Solidarität und Vernetzung wurde auch die                                                                                            dem FORUM Volkshochschule und der Stadt Köln nehmen wir beim
Forderung geäußert, öffentliche Räume und die politische Agenda wieder             Die Ergebnisse der regionalen Vernetzungstreffen werden in einem             2. Regenbogenparlament den Faden aus Berlin auf. 2019 wird dann das
selbst proaktiv zu besetzen. „Nicht spalten lassen, sondern zusammen ste­       zweiten Schritt aus wissenschaftlicher Perspektive beleuchtet. Im Oktober       3. Regenbogenparlament in Hamburg stattfinden. Alle Ergebnisse und
hen!“, das war allen Teilnehmenden wichtig. Beim Thema antimuslimischer         2018 wird in Leipzig die erste von vier Regionalkonferenzen stattfinden.        Termine finden sich auf www.miteinander-staerken.de
Rassismus wurde deutlich, dass Kritik an religiös legitimierter Homophobie      Wissenschaftler*innen, Vertretungen aus Stiftungen, aus der Politik und
notwendig ist. Ob der Koran den gleichgeschlechtlichen Geschlechtsakt ver­      Fachkräfte aus den unterschiedlichsten Bereichen werden die Ideen und                                                  Jürgen Rausch & René Mertens
bietet ist umstritten. Die Liebe zwischen zwei Personen gleichen Geschlechts    Strategien der Aktivist*innen auswerten und weiterdenken. Ziel ist die                                LSVD-Projekt „Rechtspopulismus entgegenwirken“

 8        respekt | starke projekte!                                                                                                                                                                                                                           respekt | starke projekte!                         9
STARKEN - NEUES PROGRAMM - LSVD
Lesbengruppen vernetzen                                                                                                         Selbstbestimmt
      Zweite Säule des neuen LSVD-Projekts „Miteinander stärken“
                                                                                                                                     intergeschlechtlich leben
                                                                                                                                     Dritte Säule des neuen LSVD-Projekts „Miteinander stärken”

                                                  F
                                                       ür den LSVD ist es ein zentrales politisches Anliegen, die Sichtbarkeit von
                                                       Lesben in der Gesellschaft zu verbessern. Der Verband setzt sich dafür ein,
                                                       dass Lesben in ihrer Vielfalt und ihren Potentialen, mit ihren Themen und
                                                  Interessen, in jedem Lebensalter und in ihren unterschiedlichen Lebenslagen

                                                                                                                                     I
                                                  sichtbarer werden. Das neue LSVD-Projekt „Miteinander stärken – Lesbengruppen        ntergeschlechtliche Menschen - Menschen mit Variationen
                                                  vernetzen“ plant daher im November 2018 ein bundesweites Treffen von Lesben          der Geschlechtsmerkmale - sind in Deutschland immer
                                                  und ihren Gruppen, um den Austausch und die Vernetzung untereinander zu              noch wenig sichtbar, ihre Körperlichkeit ist kaum
                                                  fördern.                                                                           akzeptiert. Variationen der Geschlechtsmerkmale gel­
                                                                                                                                     ten in vielen Fällen weiterhin als behandlungsbe­
                                                     Die Lebenssituationen von Lesben und der Grad ihrer Sichtbarkeit sind sehr      dürftig, geschlechtsverändernde medizinische Eingriffe
                                                  unterschiedlich. In manchen Bereichen und in einigen regionalen, kommunalen        an intergeschlechtlichen Kleinkindern und Kindern
                                                  und bundesweiten Netzwerken sind lesbische Frauen präsent und aktiv. Zugleich      finden weiterhin statt. Die medizinische Versorgung
                              Foto: Caro Kadatz

                                                  gibt es heute gesellschaftliche Bereiche, Medien und Themenfelder, in denen        und die Vorsorge für inter­geschlechtliche Menschen sind
                                                  Lesben und ihre Interessen, ihre Erfahrungen und Kompetenzen komplett igno­        nicht geregelt. Notwendige Untersuchungen, notwendige
                                                  riert oder nur auf diskriminierende Weise erwähnt werden. Auch wissen wir          Hormonersatztherapien und eine psychosoziale Betreuung
       Henny Engels                               aus Studien, dass viele Lesben sich nach wie vor aus begründeter Angst vor         werden ihnen vorenthalten. Diskriminierung in der Schule,
                                                  Ablehnung am Arbeitsplatz oder in ihren Familien, im Gesundheitssystem oder in     im Arbeitsleben, in der Teilhabe am Leben gehören zur                 Das Projekt wird daher zum einen die Peer-Beratungs­kompe­
                                                  Kirchengemeinden nicht zu outen wagen.                                             Alltagserfahrung intergeschlechtlicher Menschen. Eine flächen­     tenz intergeschlechtlicher Menschen erhöhen: Betroffene und
                                                                                                                                     deckende Beratungsstruktur für intergeschlechtliche Menschen       Angehörige sollen bundesweit und wohnortnah fachkundigen
                                                     Lesben sind keine homogene Gruppe. So haben Schwarze Lesben, Lesben             und ihre Familien ist noch lange nicht erreicht.                   Rat und Hilfe erhalten. Ziel ist es, die bundesweite Struktur von
                                                  of Color, migrantische Lesben, körperlich und geistig beeinträchtigte Lesben,                                                                         Peer-to-Peer-Beratung zu stärken. Verschiedene Angebote wer­
                                                  Lesben aus der Arbeiterinnenklasse, akademische und nicht akademische                 Das neue bundesweit agierende Projekt „Miteinander stär­        den die Berater*innen darin unterstützen, ihre Kompetenzen im
                                                  Lesben, Lesben mit Fluchterfahrung, alte Lesben oder lesbische Trans*frauen        ken. Selbstbestimmt intergeschlechtlich leben“ des Lesben-         Bereich Intergeschlechtlichkeit zu stärken, sich mit den aktu­
                                                  jeweils ganz spezifische Lebenswelten und Biografien. Nicht selten sind sie von    und Schwulenverbandes (LSVD) will hier ein Zeichen der             ellen Herausforderungen in den Themenbereichen geschlechtli­
                                                  Mehrfachdiskriminierung betroffen. In der Verschiedenheit lesbischer Identitäten   Veränderung setzen: Es will Aktivist*innen und Fachkräfte aus      che Vielfalt und Intergeschlechtlichkeit vertraut zu machen und
                                                  zeigt sich ihre spannende Vielfalt, aber auch die komplexe Interdependenz von      der Community und Bündnispartner*innen stärken und mit             Hürden für Ratsuchende zu verringern.
                                                  Diskriminierungserfahrungen.                                                       ihnen gemeinsam Strategien und Bündnisse für gleiche Rechte,
                                                     Ohne die Berücksichtigung ihrer Lebensrealitäten können die spezifischen        Vielfalt und Respekt entwickeln. Das Projekt wird in Kooperation      Den zweiten Schwerpunkt des Projekts bilden die Erstellung
                                                  Bedarfe und Interessen lesbischer Frauen keine Beachtung finden. Zudem birgt die   mit Intersexuelle Menschen e.V. und OII Deutschland e.V.           von Handreichungen, die spezifische Bedarfe von interge­
                                                  wachsende Salonfähigkeit rechtspopulistischer und religiös-fundamentalistischer    durchgeführt.                                                      schlechtlichen Menschen an Bundesregierung, Gesetzgeber
                                                  Diskurse eine zunehmende Akzeptanz antifeministischer Einstellungen und                                                                               und interessierte Öffentlichkeit kommunizieren. So sollen etwa
                              Foto: Caro Kadatz

                                                  Politiken, die sich auf alle Frauen und folglich auch auf Lesben auswirken.           Das Projekt „Miteinander stärken. Selbstbestimmt interge­       für den Bereich Beratung Anforderungskataloge für professi­
                                                                                                                                     schlechtlich leben“ trägt dazu bei, dass intergeschlechtliche      onelle Beratende erarbeitet werden, im Bereich Bildung sind
                                                     In dem Projekt „Miteinander stärken – Lesbengruppen vernetzen“ wird der         Menschen - Menschen mit angeborenen Variationen der                Schulungskonzepte für lokale Bildungsträger geplant, um eine
       Ulrike Schmauch
                                                  LSVD seine langjährigen Erfahrungen in der Etablierung von Strukturen und          Geschlechtsmerkmale - als Teil des vielfältigen Mensch-Seins       zeitgemäße Aufklärung zum Thema Intergeschlechtlichkeit
                                                  gesellschaftspolitischer Arbeit nutzen, um eine bessere Vernetzung von Gruppen     anerkannt und in ihrer Körperlichkeit als gleichberechtigt und     sicherzustellen. Die Bedürfnisse und das Erfahrungswissen
                                                  und Organisationen von Lesben zu erreichen. Auf dem bundesweiten Treffen           gleichwertig akzeptiert werden. Gleichzeitig möchte es die Ver­    intergeschlechtlicher Menschen stehen dabei im Zentrum.
                                                  sollen zunächst die heterogenen Interessen und Bedürfnisse von Lesben sichtbar     netzung von Organisationen intergeschlechtlicher Menschen
                                                  gemacht werden. Aus den gewonnenen Erkenntnissen können dann Forderungen           stärken und ihre gesellschaftliche Reichweite erhöhen. Daher         Das Projekt „Miteinander stärken“ wird gefördert vom
                                                  und Handlungsstrategien für eine diskriminierungsärmere Gesellschaft und Politik   wird in einem weiteren Projektteil beraten, inwieweit die unter­   Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
                                                  erarbeitet werden, um lesbische Interessen wirksamer zu vertreten.                 schiedlichen Inter*-Selbstvertretungen und Selbsthilfegruppen      im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“.
                                                                                                                                     zu einer näheren Zusammenarbeit auf grund- und menschen­
                                                                                             Henny Engels und Ulrike Schmauch        rechtlicher Basis auf Bundesebene zusammenarbeiten können                                    Ins A Kromminga und Lucie Veith
                                                                                                    LSVD-Bundesvorständinnen         und wollen.                                                                 Projekt „Selbstbestimmt intergeschlechtlich leben“

10   respekt | starke projekte!                                                                                                                                                                                                           respekt | starke projekte!        11
STARKEN - NEUES PROGRAMM - LSVD
Vernetzung, Beratung,
Unterstützung
LSVD-Projekt „Queer Refugees Deutschland”
                                                                                                                                                                                Neben der persönlichen, telefonischen und E-Mail-Beratung stellt die voll­                                     anreisten und aus acht Staaten stammten, diskutierten hier vor allem über
                                                                                                                                                                             kommen überarbeitete und neunsprachige Webseite www.queer-refugees.de                                             Verständnis von Aktivismus und Empowerment, und wie sie ihr Engagement
                                                                                                                                                                             die zweite Säule des Projektes dar. Auf ihr finden geflüchtete LSBTI, aber                                        für die Menschenrechte für geflüchtete LSBTI im deutschen Kontext mit­
                                                                                                                                                                             auch Personen, die mit ihnen arbeiten oder sie ehrenamtlich unterstützen,                                         einander fortsetzen können. Der zweite Workshop fand dann am 3. März in
                                                                                                                                                                             umfassende Informationen. So sind auf ihr alle dem LSVD im Bundesgebiet                                           Kooperation mit den Rainbow Refugees Mainz in der rheinland-pfälzischen
                                                                                                                                                                             bekannten Angebote für LSBTI-Geflüchtete auf einer Karte verortet und die                                         Landeshauptstadt statt. Hier tauschten die nunmehr 15 Teilnehmenden aus
                                                                                                                                                                             Kontaktdaten für Geflüchtete leicht zugänglich gemacht. Zudem gibt es einen                                       neun Herkunftsländern unter dem Titel „Voneinander Lernen“ ihre Erfahrungen
                                                                                                                                                                             Materialfundus zu nützlichen Broschüren, Plakaten und Länderinformationen.                                        als geflüchtete LSBTI in Deutschland aus. Die Anwesenden brachten ihre
                                                                                                                                                                                                                                                                                               unterschiedlichen Erfahrungen aus insgesamt acht Bundesländern, aber auch
                                                                                                                                                                                Diese Informationen richten sich nicht nur an Geflüchtete, sondern auch                                        ihre jeweiligen Perspektiven als lesbische, schwule, transgeschlechtliche und
                                                                                                                                                                             an das Personal in Flüchtlingseinrichtungen. Wie gut diese in Bezug auf den                                       gender-queere Personen ein. Ziel ist es, LSBTI-Geflüchteten einen Raum und
                                                                                                                                                                             Umgang mit LSBTI-Geflüchteten geschult sind, das kann ein entscheidender                                          eine Struktur anzubieten, um für sich selber zu sprechen.
                                                                                                                                                                             Faktor für ein erfolgreiches Ankommen in Deutschland sein. Als dritte Säule
                                                                                                                                                                             bietet das Projekt daher für Unterkünfte und Beratungsstellen Schulungen zur
                                                                                                                                                                             Sensibilisierung für den Umgang mit LSBTI-Geflüchteten an. Da das Thema
                                                                                                                                                                             für die Teams in der Regel unsichtbar ist, geht die Bedeutung im Arbeitsalltag

W
          ährend in Deutschland nun auch die Ehe für gleichgeschlechtliche                                                                                                   allzu oft unter. Hier klärt das Projekt auf und entwickelt zusammen mit den
          Paare geöffnet wurde, droht vielen LSBTI in der ganzen Welt noch                                                                                                   Einrichtungen Handlungsvorschläge, wie sie ganz konkret vor Ort etwas
          Verfolgung und gesellschaftliche Ächtung. So kann in neun Ländern                                                                                                  für LSBTI-Geflüchtete tun können. Denn: Die Mitarbeitenden spielen eine
auf gleichgeschlechtliche Liebe noch die Todesstrafe verhängt werden, in                                                                                                     entscheidende Rolle bei der Weitergabe von Informationen an Geflüchtete.
vielen weiteren Staaten drohen jahrelange Gefängnisstrafen. Viele Tausende                                                                                                   Auch spielt der Umgang mit Diskriminierung und Gewalt in der Unterkunft
LSBTI sind daher in den letzten Jahren nach Deutschland geflüchtet, in der                                                                                                   eine große Rolle. Zum Abschluss der Schulungen erhalten sie Plakate,
Hoffnung, hier in Sicherheit vor Gewalt und Diskriminierung zu leben. Anders                                                                                                 Flyer, Broschüren und Aufkleber, mit denen sie die Sichtbarkeit des Themas
als für die Mehrheit der Geflüchteten ist jedoch für viele geflüchtete LSBTI                                                                                                 gewährleisten können und so klar machen: Ihr seid hier willkommen, ihr könnt
die Fluchterfahrung mit der Ankunft in Deutschland tatsächlich noch nicht                                                                                                    uns ansprechen.
vorbei. Solange sie in Gemeinschaftsunterkünften leben – viele tun dies
über Monate oder gar Jahre – ist die Angst vor Gewalt und Diskriminierung
allgegenwärtig. Hinzu kommen Erfahrungen massiver Isolation und fehlender                                                                                                                                                                                                                         Die von den Aktivist*innen angesprochenen Anliegen hat der LSVD Anfang

                                                                                                                                                         Foto: Caro Kadatz
Privatsphäre, aber auch Sorgen in Bezug auf das Asylverfahren. Denn leider                                                                                                                                                                                                                     April bereits mit der Leitung des BAMF in Nürnberg besprechen können.
gelten zum Beispiel Gesetze, die im Heimatland Homosexualität mit mehr­                                                                                                                                                                                                                        Mit großer Sorge richtet sich hier der Blick auf die laut Koalitionsvertrag
jährigen Gefängnisstrafen ahnden, für das Bundesamt für Migration und                                                                                                                                                                                                                          geplanten, sogenannten ANKERzentren, im Grunde große, weitgehend
Flüchtlinge (BAMF) für sich genommen nicht als hinreichender Schutzgrund.         Lilith Raza und Patrick Dörr leiten das Projekt                                                                                                                                                              isolierte Lager, in denen in Zukunft Asylbewerber*innen bis zum Abschluss
                                                                                  Queer Refugees Deutschland
Geflüchtete LSBTI müssen vielmehr – inzwischen in der Regel bereits wenige                                                                                                                                                                                                                     ihres Verfahrens untergebracht werden sollen. Inwieweit hier der für LSBTI-
Tage nach Ankunft in Deutschland – in einem anschaulichen und kohärenten                                                                                                                                                                                                                       Geflüchtete so entscheidende Anschluss an die Community-Strukturen,

                                                                                                                                                                                                                                                     Foto: LSVD / Queer Refugees Deutschland
Vortrag die in der Heimat erfahrene Verfolgung darstellen. Hierbei dringen     eine bundesweite Vernetzung für geflüchtete LSBTI-Aktivist*innen, und bie­                                                                                                                                      aber auch die Informationsweitergabe sichergestellt werden soll, ist noch
die Anhörungen in äußerst private und oft mit traumatischen Erlebnissen        ten Geflüchteten sowie auch für Organisationen und Einrichtungen, die mit                                                                                                                                       vollkommen unklar. Auch stellt sich die Frage, wie in solch großen Lagern
verbundene Lebensbereiche vor. Für viele LSBTI-Geflüchtete sind vor dem        Geflüchteten arbeiten, Beratung, Schulung und Unterstützung.                                                                                                                                                    LSBTI-Geflüchtete vor Gewalt und Diskriminierung geschützt werden können,
Hintergrund ihrer Erfahrungen in der Heimat Menschen aus der queeren                                                                                                                                                                                                                           zumal sich viele Asylverfahren sehr lange hinziehen und somit für man­
Szene die einzigen Personen, denen sie vertrauen können und bei denen             So können sich LSBTI direkt an das Projekt wenden und zu unter­                                                                                                                                              che geflüchtete LSBTI-Person ein freies, selbstbestimmtes Leben dort für
sie nach Unterstützung suchen. Hierzu haben sich in ganz Deutschland           schiedlichen Themen Rat suchen. Dies gilt für sowohl für Menschen, die                                                                                                                                          Monate oder Jahre kaum möglich sein wird. Wir als LSVD fordern, dass in
zahlreiche Initiativen und Gruppen gebildet, die LSBTI-Geflüchtete bei         bereits in Deutschland sind, als auch für diejenigen, die sich noch in ihren                                                                                                                                    diesen ANKERzentren das Thema queere Geflüchtete sichtbar gemacht wird.
Gewaltvorfällen, im Asylverfahren, bei der Wohnungssuche und bei der           Heimatländern befinden und sich zu dem Asylverfahren in Deutschland                                Empowerment und Vernetzung von Geflüchteten                                                                  LSBTI-Geflüchtete müssen systematisch über ihre Rechte im Asylverfahren,
Integration in Deutschland unterstützen. Die Vernetzung dieser Gruppen,        informieren möchten. Viele suchen auch Rat aus Deutschland heraus, noch                                                                                                                                         die für sie relevanten Anlaufstellen sowie über Möglichkeiten einer für diese
aber auch der geflüchteten LSBTI selbst, findet vielerorts auf lokaler oder    vor oder kurz nach dem Asylantrag, mit der Bitte um Unterstützung. Hier                                                                                                                                         besonders schutzbedürftige Gruppe angemessenen Unterbringung informiert
regionaler Ebene statt.                                                        erklären wir das Asylverfahren – vor allem auch mit Hilfe des umfassenden                        Die vierte Säule von Queer Refugees Deutschland sind die Vernetzungs-                                          werden.
                                                                               LSVD-Ratgebers zu Homosexualität und Asyl – verweisen zu Gruppen- und                         und Empowerment-Treffen mit geflüchteten LSBTI. Bereits zweimal haben
  Hier setzt das Ende 2017 gestartete bundesweite LSVD-Projekt „Queer          Beratungsangeboten vor Ort und unterstützen auch konkret bei komplizierten                    sich Aktivist*innen getroffen, um miteinander zu diskutieren, wie die Lage                                                                                        Lilith Raza und Patrick Dörr
Refugees Deutschland“ an, das von der Integrationsbeauftragten der             Fällen. Bei der außergerichtlichen Rechtsberatung wird das Team außerdem                      für geflüchtete LSBTI verbessert werden kann. Das erste Treffen am 17. und                                                                                             www.queer-refugees.de
Bundesregierung gefördert wird: Wir beiden Projektmitarbeitenden Lilith        noch verstärkt durch Maria Seitz, die ihre juristische Expertise im Asyl- und                 18. Dezember in der Bundesgeschäftsstelle in Köln stand unter dem Motto:
Raza und Patrick Dörr schaffen von der Bundesgeschäftsstelle in Köln aus       Ausländerrecht für LSBTI-Geflüchtete zur Verfügung stellt.                                    „Empowerment“. Die 13 Teilnehmenden, die aus sieben Bundesländern

12        respekt | starke projekte!                                                                                                                                                                                                                                                                                        respekt | starke projekte!                  13
STARKEN - NEUES PROGRAMM - LSVD
Beratungskompetenz zu                                                                                                                          Die „Salonfähigen“
     Regenbogenfamilien                                                                                                                             Wie Medien über Lesben, Schwule, Bisexuelle und
                                                                                                                                                    transgeschlechtliche Menschen (nicht) berichten

     Ein Projekt TO GO

                                                                                                                                                    M
                                                                                                                                                            igrant*innen mit Kopftuch, Men­          ter­
                                                                                                                                                                                                        darstellungen in Film und Fernsehen in
                                                                                                                                                            schen, die an Rollstühle „ge­fesselt“    Deutschland” der Universität Rostock von
                                                                                                                                                            sind und Artikel über „Geschlechts­      2017, die zu dem Ergebnis kam, dass offen

     S
           eit Sommer 2015 setzt sich der LSVD mit dem Modell­projekt                                                                               umwandlungen“ und „Schwulen­­paraden“.           homosexuelle oder bisexuelle Akteur*innen
           „Beratungskompetenz zu Regenbogenfamilien“ dafür ein, dass                                                                               Der Berichterstattung über sogenannte            fast nie vorkamen. Zudem werden über alle
           Regenbogenfamilien in Zeiten familiärer Herausforderungen                                                                                „Rand­gruppen“ gingen der LSVD, die Leid­­       Fernseh-Programme hinweg zu 2/3 Männer
     und Belastungen leichter eine fachkundige Begleitung und Unter­                                                                                medien und die Neuen Deutschen Medien­           gezeigt. Wenn Frauen vorkommen, dann
     stützung in wohnortnahen Beratungsstellen finden können.                                                                                       macher*innen in der gemeinsamen Ver­        ­    als junge Frauen. Menschen mit sichtbarem
                                                                                                                                                    anstaltungs­­
                                                                                                                                                                reihe „Die Salonfähigen“ nach.       Migrations­ hintergrund werden nur halb
        In der Vergangenheit scheuten sich lesbische Mütter, schwule                                                                                Zusammen mit der Bundesvereinigung               so häufig im Fernsehen gezeigt, wie sie
     Väter und transgeschlechtliche Eltern häufig, eine solche Unter­                                                                               Trans* (BVT*) gestalteten wir den Abend          in der Bevölkerung vertreten sind. Diese
     stützung zu nutzen, aus der Sorge, Berater*innen könnten zu wenig                                                                              über Transgeschlechtlich­keit und Homo- bzw.     Ungleichheiten aufgrund anderer Kategorien
     über ihre Familienform wissen und ihnen möglicherweise mit                                                                                     Bisexualität.                                    sozialer Differenz bilden sich dann auch
     Vorbehalten begegnen.                                                                                                                                                                           in der Berichterstattung über Lesben und
                                                                              Ergänzend wird im Juni 2018 ein Trainingsmanual erschei­                  Caroline Ausserer (BVT*) wies zu Beginn      Schwule ab. Gibt man Homosexualität in
        In unserem Modellprojekt, das bis Sommer 2018 vom Bundes­           nen, in dem wir die projekteigenen Methoden, Erkenntnisse und           auf die oftmals reißerischen Artikel über        die Bildersuchprogramme ein, erscheinen
     ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert         Empfehlungen einer breiteren Fachöffentlichkeit zugänglich machen.      transgeschlechtliche Menschen hin. Die           als erste Ergebnisse beinah ausschließlich
     wird, geben wir Fachkräften in Beratungs­ein­richtungen bundesweit                                                                             Nennung der alten Namen („dead names“),          weiße Männerpaare, eher jüngeren Alters
     in Fortbildungen Gelegenheit, sich mit den Herausforderungen und          Lesbische Mütter, schwule Väter, transgeschlechtliche Eltern, ihre   die Abbildung früherer Fotos, eine über­         und ohne sichtbare Behinderung. Die Unter­
     Potenzialen von Regenbogenfamilien vertraut zu machen.                 Kinder und LSBTI* in der Familienplanung, die eine fachkundige          griffige Reduzierung auf Genitalien und die      schied­lichkeit innerhalb der Community
                                                                            Begleitung und Beratung nutzen wollen, finden regenbogenkompe­          Verwendung falscher Personalpronomen             wird nicht abgebildet. Bisexualität fällt eben­
       Diese Angebote finden großen Anklang, so dass wir bis zum            tente Beratungsstellen auf der Projekthomepage im Menü „Beratung        prägen die medialen Narrative. Trans­            falls oft unter den Tisch. Ulrich verwies
     Ende der Förderperiode in elf Bundesländern in über 50 Ver­            finden“.                                                                geschlechtlichkeit wird mit sexueller            auch auf Formulierungen wie „schrille
     anstaltungen gut 1.000 Berater*innen sensibilisieren und in ihrer                                                                              Orientierung durcheinander gebracht. Nicht-      Paraden“, „bekennende Homosexuelle“ oder
     Regenbogenkompetenz fördern konnten. Hiermit liegen wir weit über        Sie können auch Ausschau halten nach unseren Postern, Post­           binäre Menschen kommen so gut wie nie            „Homosexuellenmilieu“. Diese zeugen eher
     unseren im Antrag formulierten Erwartungen.                            karten und Flyern, mit denen Beratungsstellen Regenbogenfamilien        vor. Die Transition von Menschen wird als        von einer verkrampften statt selbstverständ­
                                                                            ausdrücklich willkommen heißen und zeigen, dass sie sich mit der        „Umwandlung“ beschrieben oder jemand             lichen Berichterstattung.
        Um professionell und möglichst diskriminierungsfrei mit den         Familienform vertraut gemacht haben.                                    wird „plötzlich zur Frau bzw. Mann“. Dabei
     Themen der sexuellen und geschlechtlichen Identität und der Vielfalt                                                                           erleben transgeschlechtliche Menschen ihr           Jüngst machten reißerische Artikel eine
     von Familienformen in der Beratung umgehen zu können, ist es             Interessierte Beratungsstellen können unsere Materialien mit          Coming-out und ihre Transition viel eher         angebliche „Sex-Broschüre“ für Kita-Kinder
     über einen reinen Wissenserwerb hinaus unerlässlich, auch den          Signalwirkung weiterhin über unsere Projekthomepage bestellen           als Angleichung an ihre vielleicht lange Zeit    zum Skandal. Der rechtspopulistische

                                                                                                                                                                                                                                                                                                            Fotos: Andi Weiland / Gesellschaftsbilder.de
     eigenen Gefühlen, Vorurteilen und Werten in Bezug auf diese junge      (Menü „Das Material“).                                                  verheimlichte Geschlechtsidentität. Artikel      Kampf­­­be­griff der „Früh­sexualisierung“ durfte
     Familienform nachzuspüren im Wissen um die Relativität eigener Vor­                                                                            über Transgeschlechtlichkeit wären vielmehr      da natürlich nicht fehlen. Sonst regel­mäßig
     stellungen und Wertmaßstäbe. In den Schulungen hat sich ge­zeigt,         Durch die Fortbildungen, die im Rahmen des Förderzeitraumes          eine gute Gelegenheit, um über normieren­        um die Meinungs­freiheit „besorgte Bürger“
     dass eigene Geschlechtsrollenkonzepte und die damit ver­bundenen       durchgeführt werden, können wir naturgemäß nur einen begrenz­           de Vorstellungen von Geschlecht bzw. von         forderten ein Verbot der Broschüre, dem
     Vorstellungen von Elternrollen hier ebenso wesentlich sind. Ebenso     ten Teil von Fachkräften und Institutionen erreichen. So freuen         Weiblichkeit und Männlichkeit nachzuden­         sich die CDU in Berlin vorsichtshalber gleich
     zentral ist die bewusste Wahrnehmung der Vielfältigkeit reprodukti­    wir uns, dass wir unsere Fortbildungen „Beratungskompetenz zu           ken oder die Diagnose einer psychischen          anschloss. Der Skandal basierte auf Lügen:
     onsmedizinischer Einflüsse auf unsere gesamte Familienlandschaft       Regenbogenfamilien“ auf Honorarbasis auch nach Sommer 2018              Störung als bis heute notwendiges Kriterium      Die Hand­reichung war ausdrücklich nur für
     und die Suche nach eigenen Positionen.                                 anbieten können.                                                        für eine Anerkennung der Geschlechts­­­iden­     Erzieher*innen bestimmt. Sexuelle Praktiken
                                                                                                                                                    ti­­
                                                                                                                                                      tät zu skandalisieren. Wünschenswert           waren überhaupt kein Thema, sondern eine            Für den LSVD begrüßte Henny Engels (LSVD-
                                                                                                                                                                                                                                                         Bundesvorstand, 2. Bild), für den BVT* Mari
        Im Mai 2017 haben wir in der Fachtagung „Regen­                       Interessierte Beratungsstellen und Institutionen können sich gerne    wäre es auch, über die Forderungen der           Sensibilisierung für geschlechtliche und fami­
                                                                                                                                                                                                                                                         Günther (3. Bild)
     bogen­­
           familien bewegen! Beratung zukunftsträchtig gestal­              wenden an Dr. Elke Jansen (elke.jansen@lsvd.de, Tel. 0221-925           Community oder anhaltende Gewalt- und            liäre Vielfalt. Die Berichterstattung war ein
     ten“ einige dieser Themen intensiver beleuchtet. Die Online-           961 15).                                                                Diskriminierungserfahrungen zu berichten.        Paradebeispiel, wie der Kampf um Akzeptanz
     Doku­mentation der Tagung auf der Projekt­­             home­ page                                                                                                                              im politischen Feld der Bildungspolitik und
     www.regenbogenkompetenz.de vermittelt durch vielfältige Text- und                                     Dr. Elke Jansen & Kornelia Jansen           Anschließend stellte LSVD-Pressesprecher      Repräsentation ausgetragen wird.
     Videobeiträge einen lebendigen Einblick in die Vorträge, Foren und                Projekt „Beratungskompetenz zu Regenbogenfamilien“           Markus Ulrich Beobachtungen zur Dar­
     Diskussionen.                                                                                            www.regenbogenkompetenz.de            stellung von Homosexualität vor. Er ver­           Ausführlicher Bericht unter
                                                                                                                                                    wies auf die von der MaLisaStiftung initiierte     www.lsvd-blog.de/?p=16689
                                                                                                                                                    Studie „Audiovisuelle Diversität? Geschlech­

14    respekt | starke projekte!                                                                                                                                                                                                                              respekt | bundesverband!                 15
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