Stiftungswelt SOMMER - Stiften verbindet Gemeinsam für mehr Zusammenhalt - Stiftungen.org
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SOMMER
Stiftungswelt
2020
Stiften verbindet
Gemeinsam für mehr Zusammenhalt
ESSAY: Aleida Assmann über
Zusammenhalt und Gemeinsinn
AKTUELLES: Stiftungen in
Zeiten der Corona-Krise
REPORT: Das Potenzial deutscher
Stiftungen für die SDGsStiftungsmanagement
auf Augenhöhe.
Anspruch verbindet.
Für meine gemeinnützige Stiftung hat eine stabile Vermögens-
entwicklung erheblichen Einfluss auf die Finanzierung unserer Projekte.
Die speziell ausgebildeten Berater der Weberbank berücksichtigen
bei der Verwaltung des Stiftungsvermögens selbstverständlich die
in unserer Satzung festgehaltenen ethischen Investmentvorgaben.
Mein Berater bei der Weberbank Actiengesellschaft:
Robby Pietschmann, Leiter Institutionelle Kunden,
Tel. 030 89798-588, robby.pietschmann@weberbank.de
Die Privatbank der Hauptstadt.Intro
Liebe Leserinnen und Leser,
„Wir müssen zusammenhalten.“ Diesen Satz haben wir alle in
den letzten Wochen oft gehört, geschrieben und in (virtuellen)
Gesprächen gesagt. Doch was verstehen wir eigentlich darunter?
Diese und viele andere Fragen hätte ich gerne mit Ihnen in Leip-
zig auf dem Deutschen Stiftungstag diskutiert. Unseren Kongress
mussten wir absagen, das Thema ist aber nach wie vor hochaktuell.
Am 1. Oktober, dem europaweiten Tag der Stiftungen, zeigen
1
wir daher, wie sich Stiftungen unter dem Motto „wir zusammen“
für die Gesellschaft einsetzen und Menschen (wieder) zusammen-
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Intro
bringen – analog und digital.
Zusammenhalt als starke solidarische Stiftungsgemeinschaft
ist wichtiger denn je. In diesem Sinne haben zahlreiche Mitglieds-
stiftungen durch substanzielle Beitragserhöhungen geholfen, die
durch die Absage des Deutschen Stiftungstages entstandene finan-
zielle Last mit einem großartigen Signal des Zusammenhalts auf-
zufangen. Dafür sage ich Ihnen in unser aller Namen herzlichen
Dank.
Prof. Dr. Joachim Rogall
Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen
Foto: David AusserhoferDie Fotos im Titel dieser
Ausgabe stammen von dem
Fotografen Frank Schinski.
2
Was hält seine Bilder
zusammen?
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Inhalt
Durch freie Projekte oder Auftragsarbeiten, an denen ich
eigentlich ständig arbeite, gelange ich immer wieder an
verschiedene Orte des gesellschaftlichen Lebens und
Zusammenlebens. Die hier gezeigten Arbeiten stammen aus
ganz verschiedenen Fotoreihen. Das Verbindende dabei ist
Stiftungsinfo Servicebeilage exklusiv für unsere Mitglieder
der Versuch, mich an das Wesentliche alltäglicher Situationen
Stiftungsinfo heranzutasten. Als Fotograf bin ich bestrebt, in den kleinen
Sommer 2020 Dingen größere Zusammenhänge zu verhandeln. Oft werde ich
5 Wie Stiftungen dabei in genau jene Bereiche unseres Alltags geführt, deren
richtig in Immobilien
investieren 9 Wann
gesellschaftliche Relevanz mich dann oft selbst überrascht.
der Einstieg in Venture Ich suche nach Situationen, die uns die gelegentlich absurde
Capital lohnenswert ist
11 Welche drei Dimension unseres Handelns vor Augen führen.
Schritte zur wirksamen Jedes Foto im Titel dieser Ausgabe trägt einen
Stiftungskommunikation
führen eigenen Untertitel. Damit Sie sich zunächst selbst ein Bild
machen können, stehen diese auf dem Kopf. Viel Spaß beim
Perspektivwechsel!
Frank Schinski
STIFTUNGSINFO
Unsere Mitglieder erhalten
zu jeder Stiftungswelt diese
hilfreiche Servicebeilage.InhaltStiftungswelt Sommer 2020
7 – 39
Titel
Stiften verbindet
1 Intro 33 Kooperation im Stiftungssektor Neue Zahlen
4 Panorama des Bundesverbandes zum Thema Kooperation
im Stiftungssektor
35 Das Ganzheitliche fehlt Interview mit Coach
Titel und Kommunikationstrainer Jens Hüttner über
das Arbeiten mit anderen
7 „Jetzt wächst zusammen, was nicht
zusammengehört“ Ein Essay von 37 Angriffe auf die Nachhaltigkeitsziele
Rechte Strömungen setzen die Zivilgesellschaft 3
Aleida Assmann
unter Druck
11 Zusammenhalten im Gegensatz
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Inhalt
Vier Beispiele, wie Stiftungen Gemeinschaft
ermöglichen
40 Gemeinsam zu mehr Nachhaltigkeit
13 Best Practice: Zusammenhalten Stiftungen
Das Potenzial der deutschen Philanthropie für
fördern den gesellschaftlichen Zusammenhalt.
die Sustainable Development Goals (SDGs)
Aber wie? Ein Überblick
44 In der Ruhe liegt die Kraft Was tun, wenn es
17 „Wir kommen da nur durch, wenn wir
auf dem Aktienmarkt plötzlich turbulenter wird?
zusammenhalten“ Interview mit Sebastian
Gallander, Geschäftsführer der 48 Unterstützung in Corona-Zeiten Rechtliche
nebenan.de Stiftung und finanzielle Erleichterungen für Stiftungen in
der Corona-Krise
20 Alle unter einem Dach Bürgerhäuser sind
lebendige Orte der Begegnung. Wie hier
Gemeinschaft entsteht 50 Personalia
25 „Wann, wenn nicht in solch einer Krise, 54 Meldungen
ist die Zeit für Stiftungen“ Mit kreativen Ideen 58 Medien
reagieren Stiftungen auf die Corona-Krise 62 Exklusiv für Mitglieder
28 Die verbindende Kraft von Dialog und 63 Outro/Impressum
Begegnung Zusammenhalt aus der Perspektive
64 Abgestaubt
kirchlicher Stiftungen
Fotos: Frank Schinski
31 Zusammenhalt durch wirkungsvolle
Projekte Wie durch eine bundesweite Lernplatt-
form langfristige Partnerschaften entstandenPanorama
30,3
Prozent der Jugendlichen und
jungen Erwachsenen engagie-
ren sich außerhalb traditionel-
ler Strukturen und in informell
gegründeten Gruppen. Ein gro-
ßer Teil des jungen Engagements
(64,2 Prozent) findet jedoch noch
immer in klassischen Organisati-
onsstrukturen, etwa in Stiftungen
oder Vereinen, statt. Fast jeder
fünfte Engagierte (21,9 Prozent)
Anstifter ist zudem in online organisierten
Gruppen aktiv.
Stiftungen starten #Atemmasken-
Quelle: Dritter Engagementbericht.
Challenge gegen Coronavirus Zukunft Zivilgesellschaft: Junges
Engagement im digitalen Zeitalter.
4 Gemeinsam mit verschiedenen Stiftungen hat der Bundesverband Hg. vom Bundesministerium für
Deutscher Stiftungen die #AtemmaskenChallenge ins Leben gerufen. Aus Familie, Senioren, Frauen und
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Panorama
stiftungseigenen Stoffen werden dabei Atemmasken genäht, die das Lo- Jugend
go oder einen Slogan der eigenen Organisation tragen. Mittlerweile haben
sich diverse Stiftungen an der Challenge, die unter dem Hashtag #Atem-
maskenChallenge vor allem auf Twitter und Instagram stattfindet, betei-
ligt. Ziel der Aktion ist es, das Infektionsrisiko mit dem Coronavirus zu
reduzieren und so die gegenseitige Rücksichtnahme und den gesellschaft-
lichen Zusammenhalt zu stärken. Stiftungen und andere gemeinnützige
Organisationen sind auch weiterhin aufgerufen, sich an der Aktion zu be-
teiligen und eigene Atemmasken zu produzieren.
»Mit der Natur lässt sich
nicht verhandeln.«
Klaus Milke in der aktuellen Folge vom Goodcast, dem Podcast des Bundesverbandes Deutscher StiftungenMeistgelesen auf stiftungen.org
Drei Fragen an
Fritz Keller
DFL Stiftung
Was macht Fußball aus: das Spiel
oder das Gemeinschaftserlebnis?
Fritz Keller: Fußball ist Gemeinschaft.
Auf dem Platz und der Tribüne finden
ganz unterschiedliche Menschen zusam-
Kurzarbeitergeld – auch für men, die sonst womöglich keine Berüh-
Fotos: Heinrich-Böll-Stiftung/Sandra Prehn, Deutscher Engagementpreis, Pavel Richter, Katrin Kowark, Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius, Deutsche Telekom Stiftung, Stiftung Mercator, Stiftung Lesen (#AtemmaskenChallenge),
gemeinnützige Unternehmen rungspunkte hätten. Genau solche Be-
gegnungen wollen wir auch mit der Ar-
Neue Regelungen aufgrund der Corona-Pandemie: Kurzarbeit kann beit der DFB-Stiftungen ermöglichen. Ich
dann beantragt werden, wenn 10 Prozent der Beschäftigten von dem hoffe sehr, dass der Fußball schon bald
Arbeitsausfall betroffen sind. www.stiftungen.org/kurzarbeitergeld wieder als Spiel wahrgenommen werden
kann, das Leichtigkeit und Lebensfreude
vermittelt. Ein Spiel, das wir lieben. Und
das unsere Gesellschaft bereichert.
Die Welt wird nach Corona eine an-
dere sein: Gilt das auch für den Fuß-
ball? Der Fußball ist ein Spiegel der Ge-
sellschaft. So wie sie nach Corona eine
andere sein wird, weil keiner ihrer Tei-
le von dieser Krise unberührt bleibt, so
©Wolfilser - stock.adobe.com (Kurzarbeitergeld), Gates Archive (Gates Foundation), Frank Beer (Frank Wettlauffer), carsten-kobow.de (Fritz Keller)
„Für unsere Arbeit brauchen wir wird auch der Fußball ein anderer sein.
politische Stabilität“ Er muss aber auch ein anderer sein.
Denn die Corona-Krise hat uns gezeigt, 5
Über die Bill & Melinda Gates Foundation wird in der Corona-Kri- wie anfällig, wie fragil er teilweise ist.
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Panorama
se kontrovers diskutiert. Im letzten Jahr trafen wir Tobias Kahler, Daraus erwächst die Pflicht, die richti-
Leiter des deutschen Stiftungsbüros, und sprachen mit ihm über Bill gen Lehren zu ziehen, um denen, die
Gates und die Arbeit der Stiftung hierzulande. nach uns kommen, nicht Probleme zu
www.stiftungen.org/gates-foundation hinterlassen, sondern Lösungen.
Wird das Erlebnis Fußball in Zukunft
digitaler? Auch der Fußball wird, wie der
Rest der Gesellschaft, noch digitaler wer-
den. Er wird aber, ob digital oder analog,
immer für Emotionen und Gemeinschaft
stehen. ←
Warum Divestment wirkt
Wirtschaftsberater Frank Wettlauffer hat argumentiert, dass Divest-
ment-Strategien und nachhaltiges Anlegen nichts Gutes bewirken
und sogar Schaden anrichten. Ali Masarwah von der Fonds-Rating-
Fritz Keller ist Präsident des
agentur Morningstar verteidigt das Divestment. Eine Replik. Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und
www.stiftungen.org/divestment Mitglied des Stiftungsrates der DFL StiftungDie Moskauer Metrostation Majakowskaja gehört zu den ältesten Stationen des Landes. Jede Minute kommt hier ein Zug – schon deshalb hält sie wie kaum etwas die russische Metropole zusammen
„Jetzt wächst
zusammen, was nicht
zusammengehört“
Wir müssen darüber nachdenken, wie
wir Gemeinsinn – dieses wertvolle und
knappe Gut – wieder herstellen können.
Ein Essay von Aleida Assmann →Wer Zusammenhalt sagt, denkt an et-
was, das von oben zusammengehalten
werden muss, weil es unter besonde-
rem Druck steht. Mit dem Wort Ge-
meinsinn geht man nicht von einem
Kollektiv wie der Gesellschaft aus,
sondern von den Voraussetzungen
→→ Die Corona-Krise stellt alles in Prioritäten zu überdenken und zu jus- der Einzelnen, die etwas einbringen.
den Schatten, was wir bisher über tieren. In einer solchen Zeit erscheint Diese Bewegung kommt von innen,
Gemeinsinn wussten oder zu wissen es sinnvoll, neu über Gemeinsinn nicht von außen, sie muss von den
glaubten. Je größer die Not, desto tie- nachzudenken. Menschen selbst aufgebaut werden.
fer die Einsichten in dieses wertvolle Was ist Gemeinsinn? Die ein- Zusammenhalt richtet sich gegen ei-
und knappe Gut. Seit sich die ganze fachste Definition hat der ehemalige ne von außen oder innen kommende
Welt mit leichten zeitlichen Verschie- US-Präsidentschaftskandidat Bernie Gefahr: Wir halten zusammen gegen
bungen durch die Pandemie im ulti- Sanders gegeben: „Not me. Us!“ Nicht Spaltendes und Bedrohliches. Beim
mativen Krisenmodus befindet, ist je- ich, sondern wir. Auch der Philosoph Gemeinsinn werden Einzelinteressen
dem bewusst geworden, dass Allein- Karl Jaspers hat nach dem Zweiten zurückgestellt und der Blick auf etwas
gänge nicht weit tragen, wir alle im Weltkrieg in den 1940er-Jahren dafür Übergreifendes gerichtet, das jenseits
selben Boot sitzen und jederzeit auf eine treffende Formel gefunden, als er von Herkunft und Zugehörigkeit ver-
die Unterstützung und Hilfe anderer schrieb: „Wahrheit ist, was uns verbin- bindet. Gemeinsinn bedeutet nicht
angewiesen sein können. Auch die det.“ Die westliche Marktgesellschaft vordringlich, sich ein- und unterzu-
Gesten des Abgrenzens haben in An- hat, wie wir wissen, Egoismus und ordnen, sondern den Anderen einzu-
steckungszeiten einen höheren ‚Ge- Wettbewerb stark gemacht, aber we- beziehen. Er ist nicht das Gegenteil
mein-Sinn‘. Sie dienen nicht feindli- nig in Gemeinsinn investiert. Inzwi- von Individualismus, sondern von
cher Abwehr, sondern dem gegensei- schen ist noch der kollektive Egoismus Egoismus und fordert zu einem Den-
tigen Schutz. Physisches Abstandhal- der Nationen hinzugekommen, die ken in größeren Zusammenhängen
ten ist in der neuen übergreifenden sich gegenseitig überbieten. Der in- und Bindungen auf.
Grammatik des Gemeinsinns, die wir disch-britische Autor Salman Rushdie Wir stehen heute am Ende der
gerade zu buchstabieren lernen, zum hat kürzlich in einem Interview fest- Entwicklung einer friedlichen Erfolgs-
8 Zeichen sozialer Solidarität gewor- gestellt, dass die drei Länder, in denen geschichte der Europäischen Union.
den. er gelebt hat und weiterhin lebt, alle Das europäische Wir ist gespalten,
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Zusammenhalt
Es gibt ein Wort, das selten ge- dieses eine Modell verkörpern: Na- was vor Kurzem noch als Konsens gel-
braucht wird und auch jetzt nicht in rendra Modi mit „India first!“, Boris ten konnte, stößt heute an klare Gren-
Umlauf ist, obwohl es in der gegen- Johnson mit „Britain first!“ und Do- zen der Zustimmung. Das Modell der
wärtigen Krise einen besonderen Sinn nald Trump mit „America first!“. In zivilen Gesellschaft sieht sich inzwi-
erhält: ‚Moratorium‘. Es kommt nicht Europa und in Deutschland hat der schen durch das Gegenmodell einer
von lateinisch ‚mors‘ für Tod wie das Nationalismus inzwischen aggressi- ‚unzivilen‘ Gesellschaft infrage ge-
Wort ‚Mortalität‘, sondern von latei- ve Züge angenommen und spaltet die stellt. Daran ist nicht zuletzt das In-
nisch ‚mora‘ für Frist und Aufschub. Gesellschaft durch Hass und völkische ternet beteiligt, in dem die Meinungs-
Im ökonomischen Zusammenhang Parolen. freiheit zur Meinungsenthemmung
steht ein Moratorium für Aufschub Die Rede vom ‚gesellschaft- verkommen ist und kräftig zur Entfes-
oder die Tilgung von Schulden, in der lichen Zusammenhalt‘ ist schon seit selung von Hass, Hetze und Gewalt
jetzigen Krise kommt noch die zeitli- einigen Jahren die meistgebrauchte beiträgt. Demagogen haben Konjunk-
che Bedeutung des Anhaltens und der Formel in der politischen Rhetorik.
Verlangsamung dazu. Das Leben im Sie kam nicht nur in der Weihnachts-
Stillstand bzw. in einer Kurve, auf de- ansprache 2019 von Frank Walter
ren Abflachung man hofft, erleben wir Steinmeier mehrfach vor, sie wird in-
gerade als ein ökonomisches Desaster. zwischen auch von rechtsradikalen
Das geistige Moratorium dagegen bie- Gruppen in Anspruch genommen.
tet eine unverhoffte Chance, die dar- Wenn man das Wort ‚Zusammen-
in bestehen könnte, die eigenen Wer- halt‘ durch ‚Gemeinsinn‘ ersetzt, ver-
te, Lebensformen, Konventionen und schiebt sich ein wenig die Perspektive.tur, Hassrhetorik mit Shitstorms und geln des Umgangs, die für alle gelten.
Morddrohungen breitet sich aus und Thomas Mann sprach in diesem Sin-
in Schockstarre erleben wir, wie sich ne einmal von einem ABC des Men-
Gewalt in Form von politischen, ras- schenanstands. Ich fasse diese Regeln
sistischen und antisemitischen An- unter dem Stichwort ‚Menschenpflich-
schlägen ausbreitet. ten‘ zusammen und sehe in ihnen eine
Es reicht aber nicht, nur über wichtige Ergänzung zu den Menschen-
Spaltung und Hass zu sprechen, wir rechten. Es gibt sie nämlich seit Jahr- einem neuen Kanon von Menschen-
müssen auch darüber nachdenken, hunderten und Jahrtausenden in allen pflichten im Sinne gelebter Demo-
wie wir Gemeinsinn wiederherstel- Kulturen und Religionen der Welt. Ihr kratie im Alltag – als Verhaltensre-
len können – und das auf allen Ebe- Leitsatz ist die sogenannte Goldene geln in der Ehe und Familie, aber auch
nen: auf Ebene der EU, der Nation, Regel: „Was du nicht willst, dass man vor der Haustür, auf der Straße, in der
der Städte und der Schulen. Nach dir tu’, das füg auch keinem andern Nachbarschaft, den Städten, Gemein-
dem Fall der Mauer galt der Satz von zu.“ Die Grundregeln mitmenschli- den und Vereinen und natürlich auch
Willy Brandt: „Jetzt wächst zusam- cher Solidarität finden sich in altägyp- in den Schulen. Für das soziale Ler-
men, was zusammengehört!“ Heute tischen Beamtengräbern ebenso wie in nen, das auch besondere Achtung ge-
gilt der Satz: „Jetzt wächst zusammen, den mittelalterlichen „sieben Werken genüber der natürlichen Umwelt ein-
Fotos: vorherige Doppelseite: Frank Schinski, Foto (Ausschnitt): Jussi Puikkonen/KNAWKNAW Koninklijke Nederlandse Akademie van Wetenschappen; CC BY 2.0, via Wikimedia Commons (Aleida Assmann)
was nicht zusammengehört.“ Deutsch- christlicher Barmherzigkeit“. Was ich schließt, gibt es lange Erfahrungen,
land ist mitten im Prozess der Um- erst später herausfand: 1997 wurden Expertise und konkrete Angebote,
wandlung in ein Einwanderungsland diese Regeln in aktualisierter Form die nur wieder in die Praxis zurück-
und braucht entsprechend Raum und als 19 „Menschenpflichten“ von einem finden müssen. Gerade auch die Stif-
Zeit für Veränderung. Auf der Ebene InterAction Council reformuliert, von tungen können in das knappe – aber
der Städte und Kommunen werden Staatmännern wie Helmut Schmidt nachhaltige Gut – Gemeinsinn in-
die Herausforderungen konkret. Da- und Shimon Peres unterzeichnet und vestieren: in Form von Programmen
bei wird beides sichtbar: Engagement der UNO vorgelegt, wo sie leider in für soziale Bildung und das Training
für Integration ebenso wie Blockie- einer Schublade verschwanden und von Mitmenschlichkeit. Damit könn-
rung, Fortschritte ebenso wie Provo- vergessen wurden (zum Glück gibt es ten sie helfen, die Bande der Gesell-
kationen. Je mehr wir den Raum ein- mittlerweile eine Neuauflage). schaft gegen die Brutalisierung einer
schränken, über den wir sprechen, des- Gemeinsinn ist weit mehr als rohen Bürgerlichkeit zu wappnen, der
to offener treten die Probleme zutage. eine schöne Tugend von besonders fortschreitenden Einsamkeit und Iso- 9
Kindergärten und Schulen sind heute fürsorglichen und empathischen Men- lation vieler Menschen in Form von
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Zusammenhalt
der Ort, wo unterschiedliche kulturel- schen. Der Begriff steht vielmehr für Infrastrukturmaßnahmen und Nach-
le Identitäten, Herkünfte und Biogra- ein aktives Sozialverhalten und eine barschaftshilfen etwas entgegenzuset-
fien aufeinandertreffen. Ein zusätzli- politische Kultur, die weitergegeben, zen und die Zivilgesellschaft in dem
ches Einfallstor für Konflikte ist dabei gelernt und täglich gelebt werden zu stärken, was sie ausmacht, nämlich
die Parallelwelt des Internets, die mas- muss. Eine solche Kultur beruht auf Zivilität. ←
siv zur Verrohung der Kommunika-
tion und zur Verherrlichung von Ge-
walt beiträgt – man denke nur einmal
an die neue Achse zwischen Christ-
church, Halle und Hanau!
Bei der Suche nach einer deut-
schen Leitkultur, die die einen immer
schon besitzen und die anderen jetzt
schnell lernen müssen, werden stets
die Unterschiede zwischen Einheimi-
Über die Autorin Aleida Assmann zählt zu den bekanntesten Kulturwissenschaftlerinnen
schen und Zugewanderten betont. Ei- Deutschlands. Von 1993 bis zu ihrer Emeritierung unterrichtete sie als Professorin für Anglistik
ne praktische Alternative könnte darin und Allgemeine Literaturwissenschaften an der Universität Konstanz und ist bis heute u.a. Mit-
bestehen, sich auf verbindliche Regeln glied in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften sowie in der Nationalen
Akademie der Wissenschaften Leopoldina. Zusammen mit ihrem Mann, dem Ägyptologen Jan
eines friedlichen Zusammenlebens Assmann, prägte sie maßgeblich den Begriff des „Kulturellen Gedächtnis“. 2018 wurden Aleida
und den Respekt gegenüber dem An- und Jan Assmann mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.
deren zu konzentrieren, also auf Re-Foto: Frank Schinski
In dem Berliner Obdachlosen-Café begegnen sich wohnungslose Menschen,
die größtenteils aus den östlichen Ländern Europas stammen. Viele von ihnen
pflegen besonders enge Beziehungen zu Hunden und anderen HaustierenZusammenhalten
im Gegensatz
Gegensätze ziehen sich an, heißt es. Doch bedeutet dies, dass Gegensätze auch
zusammengehören und sogar zusammenhalten? Vier exemplarische Beispiele zeigen,
wie Stiftungen Zusammenhalt ermöglichen
Von Esther Spang
Digital & analog: Online-Lösungen Alt & Jung: Kultur als Mittlerin
für Offline-Probleme zwischen den Generationen
Das Vorurteil: Die Digitalisierung, heißt es oft, ist schuld, Das Vorurteil: Alt gegen Jung und umgekehrt: In vielen Dis-
dass sich die Menschen immer seltener begegnen. Anstatt kussionen entsteht der Eindruck, die unterschiedlichen Ge-
uns in der realen Welt zu treffen, sitzen wir immer öfter nerationen hätten sich nicht mehr viel zu sagen. Und wenn
alleine vor Bildschirmen, so die Annahme. sie sich doch mal etwas sagen möchten, prägen oft Vorurtei-
le den Austausch. Dabei könnten beide viel voneinander ler-
Die andere Perspektive: Die Plattform nebenan.de zeigt, nen – wenn sie sich nur besser kennen würden.
dass es einen Weg jenseits dieser gängigen Klischees gibt.
Online bietet sie Platz für ganz alltägliche Fragen aus der Die andere Perspektive: Die Stiftung Generationen-Zu-
Offline-Welt: „Hat jemand noch Tomatensamen übrig?“ sammenhalt möchte zum besseren Kennenlernen beitragen. 11
– „Will jemand mit mir joggen gehen?“ „Kann jemand am Sie setzt sich gegen das Auseinanderdriften der Gesellschaft
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Zusammenhalt
Wochenende auf meinen Hund aufpassen?“ und für mehr Chancengleichheit ein, unter anderem indem
Das Ziel: konsequent den Aufbau und die Pflege von sie Räume schafft, die Begegnungen von Menschen in un-
verlässlichen Nachbarschaften fördern. Digitale Werkzeuge terschiedlichsten Lebenssituationen ermöglichen. So bringt
erleichtern die Kontaktaufnahme in der Offline-Welt. Nut- sie Jung und Alt, Menschen mit Migrationshintergrund und
zerinnen und Nutzer können unter anderem Mitteilungen Alteingesessene, Arme und Wohlsituierte ins Gespräch.
an Gruppen- und Einzelpersonen schicken. Außerdem be- Eines der Projekte der Stiftung nennt sich
steht die Möglichkeit, lokale Gruppen zu gründen und auf Kulturistenhoch2. Die Idee: Oberstufenschülerinnen und
Veranstaltungen hinzuweisen. So entstehen selbst organi- -schüler entdecken Hamburgs kulturelles Angebot gemein-
sierte Spaziergänge, Nähgruppen und Hilfsangebote für sam mit Seniorinnen und Senioren und tauschen sich da-
Senior*innen im Kiez. Dabei gelten drei simple Regeln: Sei rüber aus. Ganz nebenbei lernen sich Alt und Jung so bes-
nett, sei ehrlich, sei hilfsbereit! ser kennen.
Um das nachbarschaftliche Engagement auch ganz Welche Veranstaltungen und Orte sich dafür anbie-
explizit zu fördern, gibt es neben der Plattform noch die ge- ten? „Je nach Interesse der teilnehmenden Senioren kann
meinnützige nebenan.de Stiftung. Gemeinsam mit einem das ein klassisches Konzert sein, eine Ausstellung, ein
großen Partnernetzwerk vergibt sie jährlich den Deutschen Theaterstück – oder auch mal etwas Ungewöhnlicheres“,
Nachbarschaftspreis und bringt am bundesweiten „Tag der sagt Christine Worch, die Initiatorin des Projektes. „Zwei-
Nachbarn“ die Menschen bei Nachbarschaftsfesten zusam- mal sind je zwei unserer Tandems zum Wacken Open Air
men – ganz real und offline (zur Arbeit in der Corona-Krise gefahren. Ein damals 69-jähriger Teilnehmer sagte hinter-
siehe dazu das Interview mit Sebastian Gallander auf S. 17). her, er sei völlig begeistert davon gewesen, dass da 80.000
‚wild aussehende Menschen‘ so friedlich zusammen feiern.“Auf beiden Seiten gibt es Vorurteile. Das wichtigste Menschen & Tiere: Der richtige
Ziel der Stiftung Generationen-Zusammenhalt ist es, die- Riecher – Hundenasen gegen Krebs
se abzubauen. Dazu ist es wichtig, dass sich Jung und Alt
auf Augenhöhe begegnen. Kultur kann hier ein guter Mitt-
ler sein. Das Vorurteil: Tiere brauchen aus unterschiedlichsten
Ermöglicht wird das Projekt durch zahlreiche Unter- Gründen Hilfe, Menschen geben sie ihnen. Das ist in vielen
stützer. Die Stiftung Generationen-Zusammenhalt koope- Projekten so. Wie aber kann es aussehen, wenn die Rollen
riert mit dem Verein KulturLeben Hamburg e.V., mit Ham- wechseln, wenn Tiere durch ihre speziellen Fähigkeiten hel-
burger Schulen und mit der Hartwig-Hesse-Stiftung. Über fen, Menschenleben zu retten?
150 Veranstalter – Bühnen, Konzerthallen und Museen –
spenden Tickets. Schirmherr war zuletzt Hamburgs Erster Die andere Perspektive: Die Heidrun Seibert Stiftung hat
Bürgermeister Dr. Peter Tschentscher. eine Vision. Sie möchte, dass weniger Menschen an Krebs
sterben und fördert daher die Forschung an einer einfachen,
kostengünstigen und wirkungsvollen Früherkennungsme-
thode für Lungenkrebs.
Mensch & Natur: Treffpunkt Hier kommen Lotta und Annie ins Spiel – zwei Hun-
Vielfalt – mehr Lebenswert für alle dedamen und Profi-Schnüffelnasen. „Vor Jahren habe ich
zufällig einen Artikel über eine Studie gelesen, die belegt,
Das Vorurteil: Beim Thema Naturschutz entsteht oft dass Hunde in der Lage sind, Krebszellen zu erschnüffeln“,
der Eindruck, es handle sich um einen Konflikt zwischen erzählt Thomas Riemann-Seibert, Vorstandsvorsitzender
Mensch und Natur – zwischen Ökologie und Ökonomie. der Stiftung. „Daraus müsste man etwas machen“, habe er
Dabei stellt die von der UN in Auftrag gegebene Studie sich damals gedacht. Das Ziel: ein Gerät entwickeln, dass die
„Millennium Ecosystem Assessment“ schon 2005 fest: „Je- Technik der Hundenase nutzt, um Krebs früh zu erkennen .
der Mensch hängt vollständig von den Ökosystemen der Er- In Zusammenarbeit mit dem Klinikum Darmstadt
de ab sowie von den Leistungen und Gütern, den ‚Ökosys- entstand eine Doktorarbeit, deren Ergebnisse in Kürze ver-
temdienstleistungen‘, die sie bereitstellen.“ Was der Natur öffentlicht werden. Das vorläufige Fazit: Die Hundedamen
guttut, tut letztendlich auch den Menschen gut. sind in der Lage, die Tumorproben mit einer sehr hohen
Treffersicherheit zu erkennen.
Die andere Perspektive: Die Stiftung für Mensch und Um- In einem weiteren Schritt untersuchte das Krebsfor-
12 welt inspiriert Kommunen, Schulen, Unternehmen und Pri- schungszentrum Heidelberg, welche Moleküle es sind, die
vatleute seit zehn Jahren, sich für biologische Vielfalt zu die Hunde erschnuppern. Thomas Riemann-Seibert: „Auch
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Zusammenhalt
engagieren. Im Rahmen ihrer Projekte macht sie unter an- hier können wir bald konkrete Aussagen machen. Dann gilt
derem die ökonomischen und sozialen Vorteile des Natur- es damit weiterzuarbeiten und auf Basis der gewonnenen
schutzes sichtbar und regt zum Dialog an. Erkenntnisse erste Testgeräte zu entwickeln.“ ←
Weitere Schwerpunkte der Stiftungsarbeit: die
Stadt-Land-Beziehung stärken und die biologische Vielfalt
im städtischen Raum und auf dem Land fördern. Eine der
Initiativen der Stiftung ist das Verbundprojekt „Treffpunkt
Vielfalt“. Die Beteiligten gestalten und pflegen die Freiflä-
chen in Wohnquartieren naturnah. Sie helfen so Insekten,
Igeln und Co. Gleichzeitig beweisen sie, dass urbane Wohn-
siedlungen auch für die Menschen lebenswerter sind, wenn
herkömmliche artenarme Grünflächen zu Blühoasen um-
gestaltet und so aufgewertet werden. Für Wohnungs- und
Gartenbauunternehmen ist „Treffpunkt Vielfalt – naturnahe Und wie überwinden Sie Gegensätze?
Umgestaltung von Wohnquartieren“ eine große Chance, ih- Wo und wie setzt sich Ihre Stiftung für Zusammen-
ren Teil zur Erhaltung der biologischen Vielfalt beizutragen. halt ein? Welche Gegensätze helfen Sie zu über-
winden? Schreiben Sie uns an zusammenhalt@
stiftungen.org! Wir ergänzen den Beitrag online
mit Ihren Ideen und Beispielen für mehr
Zusammenhalt.Best Practice:
Zusammenhalten
Zusammenhalt entsteht nicht per Zufall. Stiftungen setzen sich gemeinsam und in verschiedenen
Formen für den Zusammenhalt der Gesellschaft ein – gerade auch in der Corona-Krise
Von Esther Spang
Fonds „Auf Augenhöhe“ Bündnis der Bürgerstiftungen
Was ist das? Der Flüchtlings-Fonds will schnell und un- Was ist das? Das Bündnis der Bürgerstiftungen ist das
bürokratisch (Zufluchts-)Räume ermöglichen, in denen Netzwerk der rund 400 Bürgerstiftungen in Deutschland.
gesellschaftlicher Zusammenhalt entstehen und Begeg- Es vertritt die Interessen der Bürgerstiftungen gegenüber
nungen auf Augenhöhe zwischen Neuangekommenen Zivilgesellschaft und Öffentlichkeit. Die Geschäftsstelle
und Alteingesessenen stattfinden können. Dafür stellt der bietet Vernetzungs- und Weiterbildungsangebote sowie
Fonds – ohne enge Fristen und kompliziertes Antragsver- Beratung für Akteure und Interessierte. In Kooperation mit
fahren – unter anderem im Zusammenwirken mit Bürger- starken Partnern setzt sie die Förderprogramme für Bürger-
stiftungen und lokalen Initiativen bis zu 5.000 Euro zur stiftungen um.
Verfügung. Die Zuwendung ist an keine konkreten Förder-
kriterien gebunden, sie basiert auf Vertrauen in die Exper- Wer steht dahinter? Hinter dem Bündnis stehen Förde-
tise der Ehrenamtlichen vor Ort. rer wie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frau- 13
en und Jugend, die Robert Bosch Stiftung, die Breuninger
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Zusammenhalt
Wer steht dahinter? Ins Leben gerufen wurde der Fonds, Stiftung, die Körber-Stiftung, die ZEIT-Stiftung, die Gerda
der sich als partnerschaftliche Unterstützungsplattform Henkel Stiftung sowie der Beauftragte für die neuen Län-
versteht, 2016 von der Software AG – Stiftung (SAGST). der im Bundeswirtschaftsministerium. Partner sind die Soft-
Beteiligt sind neben der GLS Treuhand, die die SAGST von ware AG – Stiftung, die GLS Treuhand, die Bundesarbeits-
der Antragsannahme bis hin zum Projektabschluss bei der gemeinschaft der Freiwilligenagenturen, die Stiftung Lernen
Bearbeitung der Anträge unterstützt, das Bündnis der Bür- durch Engagement sowie die Stiftung Aktive Bürgerschaft.
gerstiftungen Deutschlands im Bundesverband Deutscher
Stiftungen und über 30 weitere Stiftungen und Förderer. Was bedeutet Zusammenhalt für uns? „Zusammenhalt
Als Kooperationspartner kamen 2020 die Houses of Re- bedeutet für die Bürgerstiftungen, Verantwortung zu über-
sources hinzu. Andere ideelle und finanzielle Unterstützer nehmen, zu wissen, was vor Ort am dringendsten benötigt
sollen folgen. wird, und in Kooperation mit Partnern darauf schnell und
flexibel zu reagieren. Das geschieht auf einer gemeinsamen
Was bedeutet Zusammenhalt für uns? „Das Gefühl von Wertebasis, die sich am Grundgesetz und an den Nachhal-
Zusammengehörigkeit ist für uns als Stiftung wichtig. Es tigkeitszielen der Vereinten Nationen orientiert und de-
entsteht durch wertschätzende Begegnungen und die Ver- ren Ziel es ist, Menschen zusammenzubringen, die unsere
bundenheit mit dem Gemeinwesen sowie durch Vertrauen Gesellschaft in Vielfalt und Toleranz mitgestalten.“
in den Einzelnen.“ Ulrike Reichart,
Andreas Rebmann, Projektleiter bei der Software AG Leitung Bündnis der Bürgerstiftungen Deutschland
Wo gibt es mehr Informationen? Wo gibt es mehr Informationen?
www.fonds-auf-augenhoehe.de www.buergerstiftungen.orgAllianz für gesellschaftlichen
Zusammenhalt
Netzwerk Stiftungen und Bildung Was ist das? Wir sind gemeinnützige deutsche Stiftungen,
die sich für starken gesellschaftlichen Zusammenhalt und
Was ist das? Das Netzwerk Stiftungen und Bildung will eine aktive Zivilgesellschaft einsetzen. In der Allianz für ge-
bundesweit Wegweiser für zivilgesellschaftliches Engage- sellschaftlichen Zusammenhalt fördern wir den Austausch
ment sein. Es fördert zudem Bildungsallianzen und un- untereinander, insbesondere auf operativer Ebene. Ziel ist
terstützt andere zivilgesellschaftliche Akteure in ihrer Bil- es, die jeweils eigenen Aktivitäten besser miteinander zu
dungsarbeit. Dabei setzt es auf Kooperation von Bildungs- koordinieren und einen Rahmen zu schaffen, der Koopera-
akteuren und Wirkung auf lokaler Ebene. In diesem Jahr tionen untereinander fördert. Sowohl wissenschaftliche als
feiert das Netzwerk fünfjähriges Jubiläum. auch praktische Expertise werden in der Allianz gebündelt
Die Ziele: und aktuelle Entwicklungen bewertet. Gemeinsam entwi-
›› Förderung und Unterstützung von Kooperations- ckeln wir handlungsorientierte Empfehlungen und disku-
strukturen tieren sie mit politischen Entscheiderinnen und Entschei-
›› Förderung der Transparenz im Bildungssektor dern in Bund, Ländern und Kommunen sowie mit Vertre-
›› Identifikation und Förderung von Innovationen terinnen und Vertretern der Wissenschaft und zivilgesell-
›› Austausch und Vereinbarung von Qualitäts- schaftlichen Akteurinnen und Akteuren. Die Kooperation
standards und Evaluation umfasst Fachgespräche, Barcamps und die Durchführung
›› Repräsentation der Stiftungen im Bildungssektor gemeinsamer Projekte.
gegenüber Bund, Ländern und Kommunen
Wer steht dahinter? Alfred Toepfer Stiftung F. V. S.,
Mit aktuell 670 Teilhaberinnen und Teilhabern sowie Freun- Bertelsmann Stiftung, Breuninger Stiftung, Körber-Stif-
den des Netzwerkes aus rund 440 Organisationen ist das tung, Robert Bosch Stiftung, Stiftung Mercator, Voda-
Netzwerk Stiftungen und Bildung die größte themenbezoge- fone Stiftung sowie die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd
ne Allianz von Stiftungen im Bildungssektor in Deutschland. Bucerius.
Wer steht dahinter? Aktuell unterstützen 17 Förderpart- Was bedeutet Zusammenhalt für uns? „Wir erleben
nerstiftungen das Netzwerk und seine Koordinierungs- derzeit viele Herausforderungen für den gesellschaftlichen
14 stelle in der Trägerschaft des Vereins Stiftungen für Bil- Zusammenhalt in Deutschland. Dort, wo Menschen sich
dung e.V.i.Gr. Zudem arbeitet das Netzwerk eng mit dem zurückziehen, Vertrauen in Staat und Gesellschaft auf-
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Zusammenhalt
Arbeitskreis Bildung des Bundesverbandes Deutscher kündigen, Eigennutz über Gemeinsinn stellen, Ausgren-
Stiftungen, dem Bündnis der Bürgerstiftungen Deutsch- zung und Intoleranz das Wort reden, wird das Verbinden-
lands, dem Bundesministerium für Bildung und Forschung de in einer lebendigen Bürgergesellschaft geschwächt. Wir
und den Ministerien der Bundesländer zusammen. Außer- möchten zu einem Zusammenleben beitragen, das die Zu-
dem wichtig: die systematische Kooperation mit Kommu- gehörigkeit jedes Einzelnen stärkt, unabhängig von Her-
nen, zivilgesellschaftlichen Initiativen und engagierten kunft, Alter, Geschlecht, Religion oder sozialem Status.
Einzelpersonen mit Bildungsanliegen. Dies ist eine wesentliche Quelle des gesellschaftlichen Zu-
sammenhalts und ein Grundpfeiler der Demokratie.“
Was bedeutet Zusammenhalt für uns? „Eine diverse Sven Tetzlaff, Körber-Stiftung
Gesellschaft kann nur dann als Gemeinschaft wirken, wenn
sie den Zusammenhalt aller pflegt. Dazu bedarf es der un- Wo gibt es mehr Informationen?
ermüdlichen kollektiven Anstrengung, dieses Ziel als ein Kontakt über die Sprecher der Allianz:
gemeinsames zu verstehen. Im Netzwerk Stiftungen und Dr. Anna Hofmann (Zeit-Stiftung Ebelin und
Bildung arbeiten alle daran, Kooperationen zu stärken, Sy- Gerd Bucerius), Sven Tetzlaff (Körber-Stiftung),
nergien zu schaffen und dem Gemeinwohl zu dienen. Zu- Dr. Kai U
nzicker (Bertelsmann Stiftung)
sammenhalt ist damit der Kern, die Motivation und ein www.allianz-fuer-zusammenhalt.de (derzeit im Aufbau)
Ziel des Netzwerkes.“ Sabine Süß, Leiterin der
Koordinierungsstelle Netzwerk Stiftungen und Bildung
Wo gibt es mehr Informationen?
www.netzwerk-stiftungen-bildung.deFoto: Frank Schinski Mützen und Trompeten bei einem Schützenmarsch in Hannover. Die Zeremonie hat noch nicht begonnen, doch die Plätze in der Kapelle sind schon verteilt
Aufruf „Stiftungsengagement in
Zeiten der Corona-Krise“
Was ist das? Stiftungen sind für viele Organisationen im
Sozial-, Kultur-, Umwelt- oder Bildungsbereich unver-
zichtbare Partner, um Projekte und Angebote zu finanzie-
Kunst kennt keinen Shutdown ren. Die Corona-Krise betrifft viele der geförderten Orga-
nisationen unmittelbar und existenziell. Sie benötigen För-
Was ist das? Die Hamburgische Kulturstiftung hat einen derpartner, die ihnen auch in dieser Ausnahmesituation
Hilfsfonds ins Leben gerufen, um in der Corona-Krise frei- zur Seite stehen, damit sie sich weiter für ihre Zielgruppen
en Künstlerinnen und Künstlern schnell und unbürokra- einsetzen können.
tisch zu helfen. Vielen von ihnen ist durch die Absage von Die Unterstützer der Aktion haben daher eine ge-
Veranstaltungen und Schließung von Kultureinrichtungen meinsame Erklärung unterschrieben, die neun Grundsätze
ihr Einkommen weggebrochen. Unter dem Motto „Kunst für die Zusammenarbeit in der Krise definiert. Unter ande-
kennt keinen Shutdown“ soll der Hilfsfonds Kunstschaffen- rem hält sie fest, dass zugesagte Fördermittel nicht zurückge-
den durch eine unbürokratische Förderung ermöglichen, fordert werden, wenn vereinbarte Projekte aufgrund der Kri-
weiterzuarbeiten, ihre Arbeit sichtbar zu machen und neue se nicht realisiert werden können. Ein weiteres Beispiel: Die
Formate auszuprobieren. Förderstiftungen ermutigen ihre Partner, alternative Forma-
te für ihre Aktivitäten zu finden und so neue Wege zu gehen.
Wer steht dahinter? Die Hamburgische Kulturstiftung
hat den Hilfsfonds ins Leben gerufen. Als Stiftung mit klei- Wer steht dahinter? Die Aktion beruht auf einer Initia-
nem Kapital betreibt sie per se aktives Fundraising, sam- tive mehrerer Stiftungen aus dem Arbeitskreis Förderstif-
melt Spenden und geht Kooperationen mit anderen Stif- tungen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Stand
tungen ein. Unterstützt wird der Hilfsfonds unter anderem 23. Mai 2020 haben 104 Stiftungen den Aufruf unter-
von: der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S., der Claussen-Si- zeichnet.
mon-Stiftung, der Zeit-Stiftung, der Rudolf Augstein Stif-
tung, der Dorit & Alexander Otto Stiftung, der Kesting-Fi- Was bedeutet Zusammenhalt für uns? „Für uns heißt
scher Stiftung Hamburg, der Körber-Stiftung, der Klaus Zusammenhalt in dieser Situation in erster Linie Solida-
und Lore Rating Stiftung, der Gabriele Fink Stiftung, der rität. Solidarität mit unseren Förderpartnern, die in einer
16 Mara und Holger Cassens Stiftung, der Stiftung Hambur- ungleich schwierigeren Lage sind als wir Stiftungen, und
ger Hilfsspende sowie von zahlreichen Unternehmen und Solidarität mit unseren Zielgruppen, da Menschen, die oh-
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Zusammenhalt
Privatpersonen. nehin in einer angespannten sozialen Lage sind, von der
Krise besonders betroffen sind.“
Was bedeutet Zusammenhalt für uns? „Ohne Zusam-
menhalt wäre das gesellschaftliche Miteinander nichts! Das Wo gibt es mehr Informationen?
sehen wir in diesem Ausnahmezustand besonders deut- Für den Initiativkreis:
lich. Zum einen setzen sich diejenigen, denen es wirtschaft- Stephanie Reuter (Rudolf Augstein Stiftung),
lich gut geht, für benachteiligte Menschen und das gesamt- Felix Dresewski (Kurt und Maria Dohle Stiftung),
gesellschaftliche Wohl ein. Wir sind dankbar, als spenden- Karsten T immer (panta rhei Stiftungsberatung)
sammelnde Stiftung darauf bauen zu können. Zum ande- www.stiftungen.org/aufruf-foerderstiftungen ←
ren – und das finde ich besonders beglückend – spenden
auch Menschen mit geringem Einkommen für Kunstschaf-
fende, engagieren sich festangestellte Orchestermusiker für
ihre freischaffenden Kolleginnen und Kollegen und ma-
chen sich viele Künstlerinnen und Künstler für Menschen
ohne große Lobby stark. Kurz: Zusammenhalt ist, wenn
sich die Menschen untereinander solidarisch zeigen.“
Gesa Engelschall, geschäftsführender Vorstand
der Hamburgischen Kulturstiftung
Über die Autorin Esther Spang ist Systemischer Coach und
Kommunikationstrainerin. Sie berät Unternehmen und NGO in ver-
Wo gibt es mehr Informationen? schiedenen Bereichen der analogen und digitalen Kommunikation.
www.kulturstiftung-hh.de„Wir kommen da
nur durch, wenn wir
zusammenhalten“
Sebastian Gallander, Geschäftsführer der nebenan.de Stiftung, über Erkenntnisse
aus der Corona-Krise für den gesellschaftlichen Zusammenhalt
Stiftungswelt: Die Corona-Krise ältere Menschen, die nicht online ver-
machte Ihr Stiftungsthema Nach- netzt sind, aber gerade jetzt Unter-
barschaft plötzlich besonders re- stützung brauchten, mit hilfsbereiten
levant – wie wirkte sich dies kon- Nachbarn zusammenzubringen.
kret auf Ihre Arbeit aus?
Sebastian Gallander:Wir mussten Wie gelang ein so kurzfristiger
sehr schnell reagieren. Eigentlich or- Komplettumbau? Unsere Stiftung Wie ist Ihr Ausblick auf die Zu-
ganisieren wir ja jedes Jahr im Früh- stammt ja aus der digitalen Start-up- kunft? Entweder wir fallen zurück in
ling den „Tag der Nachbarn“, an dem Welt, sodass wir uns seit Beginn an schädliche Verhaltensmuster von vor
in ganz Deutschland die Menschen, schnellen Innovationszyklen orien- der Krise – in Hetze und in einen kli-
die sonst nur flüchtig aneinander tieren mussten. Und natürlich war es mafeindlichen Lebenswandel. Oder
vorbeileben, zu kleinen und großen sehr hilfreich, dass wir schon vor der wir setzen das fort, was in der Krise 17
Nachbarschaftsfesten zusammen- Krise ein stabiles, vielfältiges Part- plötzlich möglich schien, wie mehr
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Zusammenhalt
kommen sollen. Dies ging nun nicht ner-Netzwerk aufbauen konnten – Solidarität und weniger Verkehr. Dies
mehr. Deshalb sagten wir kurzerhand: von der Diakonie über die Fernseh- erfordert ein nachbarschaftlicheres
Jetzt ist Tag der Nachbarn – helfen wir lotterie bis zum Deutschen Städtetag. Bewusstsein ebenso wie eine bessere
einander! Über all unsere Kommuni- digitale Koordination. Wenn wir das
kationskanäle sammelten und ver- Fällt Ihnen spontan ein besonders hinkriegen, dann kann aus der Krise
breiteten wir Tipps zur praktischen Mut machendes Beispiel aus Ihrer eine Art Katharsis werden.
Nachbarschaftshilfe. Und wir starte- Arbeit ein? Viele kleine gute Taten,
ten eine Hotline, um beispielsweise wie die der jungen Nachbarin, die für Sind Sie da optimistisch? Ja. Denn
Fotos: die Hoffotografen (Esther Spang), nebenan.de (Sebastian Gallander)
die kranke Dame von nebenan ein- Corona ist über uns gekommen wie
kaufen geht und ihr den Beutel an ein plötzlicher Schneesturm, der uns
die Türklinke hängt, ebenso wie eine gezeigt hat: Wir alle teilen das glei-
ganz große Neuerung: Da viele Mehr- che Schicksal und wir kommen da nur
generationenhäuser deutschlandweit durch, wenn wir zusammenhalten.
wegen der Infektionsgefahr vorüber- Diese Erkenntnis müssen wir jedoch
gehend schließen mussten, suchen stärker weitertragen. Deshalb gibt es
wir nun spontan gemeinsam mit ih- nun beispielsweise auch einen neuen
nen neue (digitale) Wege, um – wäh- Corona-Schwerpunkt bei der soeben
rend wie auch nach der Krise – die gestarteten Ausschreibung unseres
Über den Gesprächspartner
Sebastian Gallander ist Geschäftsführer Einsamkeit von älteren Menschen zu jährlichen Deutschen Nachbarschafts-
der nebenan.de Stiftung. bekämpfen. preises. ← Interview Esther SpangPause in einem Betrieb der Automobilindustrie. Der Herr in der roten Jacke steht auf und ist dabei, sich aus der Gruppe zu lösen
In diesem Altenheim in Braunschweig
werden ausländische – beispielsweise
vietnamesische – Pflegekräfte für die
Versorgung und Betreuung eingesetzt
Fotos: Frank SchinskiAlle unter
einem Dach
Nur weil Menschen im gleichen Stadtteil wohnen, heißt das noch lange
nicht, dass sie auch zusammenkommen, geschweige denn zusammenhalten.
Bürgerhäuser sollen das ändern. Über Stiftungen, die sich für eine gute
Nachbarschaft einsetzen
→→ Nachbarn treffen sich auf der Straße, im Supermarkt dorfer kommen zahlreich zu Sport-, Diskussions- und Kul-
oder im Hausflur. Ein kurzes Nicken, Lächeln und weiter turveranstaltungen. Das ist nicht selbstverständlich. Denn
geht’s. Doch nur, weil Menschen Wand an Wand wohnen nur weil es ein Bürgerhaus gibt, heißt das noch lange nicht,
und sich regelmäßig über den Weg laufen, sind sie noch dass die Nachbarn es auch nutzen. Da müssen sich Stiftun-
20 keine Gemeinschaft. 38 Prozent der Deutschen kennt die gen schon mehr einfallen lassen. „Das Haus im Park“ ist
eigenen Nachbarn kaum, 27 Prozent haben weniger als seit 1977 ein voller Erfolg, das hauseigene Theater hat es
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Zusammenhalt
einmal pro Woche Kontakt mit ihnen. Das hat das Markt- schwieriger. Obwohl es für alle Schichten und Kulturen ge-
forschungsunternehmen YouGov im Auftrag des Nachbar- dacht ist, ist es aus Sicht der Nachbarn eher ein Ort für Gut-
schaftsportals Nextdoor 2017 in einer repräsentativen Um- betuchte.
frage herausgefunden.
Bewohner aus einem Bezirk oder einer Stadt zu ver- Angebote für alle Zielgruppen schaffen
einen, ist also gar nicht so einfach. Genau da setzen Bür- Mit einem anderen Projekt will die Körber-Stiftung nun
gerhäuser an. Die Idee dabei: Gemeinden, Städte, Kirchen mehr Menschen erreichen: „Der Bezirk Bergedorf kam
oder eben Stiftungen stellen eine Immobilie zur Verfü- auf uns zu und hat gefragt, ob wir im Verbund mit wei-
gung, die Bürger sowie lokale Gruppen und Vereine dann teren Kooperationspartnern gemeinsam einen modernen
gratis für Veranstaltungen nutzen oder für einen kleinen offenen Begegnungsort errichten wollen“, erzählt Susanne
Betrag mieten können. So weit, so gut. Kutz, Leiterin vom „Haus im Park“ und zuständig für den
„Das Haus im Park“ in Hamburg-Bergedorf funkti- Bereich Alter und Demografie. „Diese Chance, gemeinsam
oniert nach diesem Prinzip. Die Körber-Stiftung hat hier den Zusammenhalt zu stärken und in Zeiten des demo-
einen Ort für Veranstaltungen, Kultur und die Generation grafischen Wandels den Austausch zwischen Jung und Alt
50 plus geschaffen – die Idee ging auf. Die älteren Berge- zu fördern, haben wir gern ergriffen.“ Die Pläne sind fer-
tig, die Bauarbeiten in vollem Gange. Anfang 2022 wird
das Körberhaus mitten im Zentrum des Stadtteils eröffnen.
Die Idee diesmal: Angebote für alle schaffen und die Berg-
dorfer so an einem Ort zusammenbringen. Die Stiftung hat
darum gemeinsam mit dem Bezirk noch weitere Organisa-
tionen für das Projekt gewonnen. Neben der Stiftung selbstziehen unter anderem eine Bibliothek, die Arbeiterwohl-
fahrt, die Volkshochschule, eine Freiwilligenagentur und
ein Theater in das lichtdurchflutete Haus direkt am Ber-
gedorfer Binnenhafen ein. Damit die Besucher nicht nur
schnell rein- und wieder rausgehen, soll zusätzlich ein Gas-
tronom einziehen und die Bergedorfer zum Verweilen ein-
laden. Die Angebotsvielfalt der verschiedenen Partner soll
das neue Haus für alle Stadteilbewohner attraktiv machen
und den Zusammenhalt fördern: „Das Haust ist architekto-
nisch so geplant, dass sich alle über den Weg laufen und so
in Kontakt miteinander kommen“, erklärt Kutz. „Und das Förderungen alleine reichen nicht
Kennenlernen ist schließlich der erste Schritt zu gegensei- Die Projekte und Veranstaltungen kommen gut in der
tigem Verständnis, woraus Gemeinsamkeit und Engage- Nachbarschaft an. Das zeigen Auswertungen und Wir-
ment entstehen.“ kungsanalysen, die das Bürgerhaus im Social-Repor-
ting-Standard Verfahren dokumentiert. Diese konsequen-
te Arbeit macht sich bezahlt: Durchschnittlich 175.000
Menschen kommen an 275 Tagen im Jahr in das Bürger-
haus. Diesen Erfolg schreibt Vorständin Scheer auch den
Ganz schön was los, Einwohnern des Stadtteils zu: „Wie das Bürgerhaus aus-
sehen und was es können sollte, haben die Wilhelmsbur-
aber das war ja auch die Idee ger schon bei der Gründung mitentschieden. Und das kön-
nen sie heute noch tun.“ So kann die Stiftung sichergehen,
die Bürger auch tatsächlich zu erreichen – schließlich kos-
tet die Immobilie auch sehr viel Geld. Für die laufenden
Kosten der Immobilie planen die Hamburger jährlich über
Dass ein solches Konzept funktionieren kann, hat 1,3 Millionen Euro ein. Die größten Kostenpunkte sind In-
eine andere Hamburger Organisation bereits unter Beweis standhaltung und Ausgaben für Personal und Programm.
gestellt: die Stiftung Bürgerhaus Wilhelmsburg. Das Bür- Diese Kosten deckt eine institutionelle Förderung der Stadt
gerhaus ist Ort der Begegnung, Kulturforum, Haus kultu- Hamburg gerade so. Weitere Mittel müssen darüber hinaus
reller Bildung und Tagungszentrum in einem – und bietet immer über Drittmittel, Spenden und weitere Fördermit- 21
entsprechend viel Raum, im wahrsten Sinne des Wortes: tel akquiriert werden. „Der Stadtteil wächst immer weiter
STIFTUNGSWELT Sommer 2020 Zusammenhalt
Der größte Saal misst 575 Quadratmeter samt 90 Quadrat- und wird super diverser. Damit wachsen auch die Anfor-
meter großer Bühne. Bei einem bestuhlten Konzert finden derungen an uns, dem müssen wir durch die Akquise im-
hier über 600 Gäste Platz. Rund 350 Gastveranstaltungen mer weiterer Fördermittel nachkommen. Das macht unsere
beherbergt das Bürgerhaus jährlich, hinzu kommen 55 wei- Stiftungsarbeit sehr schwierig. Eine Erhöhung der institu-
tere, die die Stiftung allein oder in Kooperationen auf die tionellen Förderung für Projekte wie etwa 48h Wilhelms-
Beine stellt. Ganz schön was los, aber das war ja auch die burg wäre hilfreich “, sagt Vorständin Scheer.
Idee: Das Bürgerhaus soll als kommunikativer Ort Men-
schen aller Generationen und Milieus zusammenbringen. Die Zielgruppe entscheidet über den Erfolg
„Wir wollen unsere Besucher zum Mitdenken, Mitgestalten Stiftungen, die das Projekt Bürgerhaus angehen wol-
und Mitentscheiden anregen“, sagt Katja Scheer, Vorstän- len, müssen also zwei große Herausforderungen auf dem
din der Stiftung. Deswegen realisieren die Wilhelmsburger Schirm haben: Sie müssen kostendeckend arbeiten und ih-
ihre Angebote ausschließlich in Netzwerken und Koope- re Zielgruppe im Blick haben. Denn die Kosten lassen sich
rationen. Unter dem Namen „Musik von den Elbinseln“ in der Regel nur decken, wenn das Konzept auch gut bei
bietet die Stiftung auch ein Netzwerk für lokale Profi- und der Zielgruppe ankommt und die Immobilie fleißig genutzt
Hobbymusiker, Veranstalter und andere Musikakteure an und für Veranstaltungen auch mal gemietet wird.
– denn Musik verbindet. Deswegen hilft die Stiftung seit
zehn Jahren dabei, das Festival 48h Wilhelmsburg zu ge-
stalten und realisieren. Bei 48h trifft sich der Stadtteil auf,
vor und hinter der Bühne. So begegnen sich auch Nach-
barn und Bewohner aus anderen Vierteln, die sich sonst
nicht über den Weg laufen.Auch die Bürgerstiftung Stuttgart steckt gerade eine
Menge Zeit und Energie in den Aufbau eines Bürgerhau-
ses. Die Mitglieder erarbeiten derzeit gemeinsam mit der
Stadt und dem Freiwilligenzentrum Caleidoskop einen
Plan für ein Bürgerzentrum namens „Haus des bürger-
schaftlichen Engagements“ in der Stuttgarter Mitte. Dabei
holen sich die Beteiligten Rat bei erfahrenen Organisati-
onen, die bereits ähnliche Häuser betreiben. „Bei unserer
‚Tournee der guten Orte‘ besuchen wir verschiedene Orte
für bürgerschaftlich Engagierte“, sagt Irene Armbruster,
Geschäftsführerin der Bürgerstiftung Stuttgart. „Wir wol-
len erfahren: Was läuft gut? Was nicht? Und was sollten wir
unbedingt tun, damit unser Bürgerhaus ein voller Erfolg
wird?“
Konzept vorab testen
Zusätzlich starten die Stuttgarter voraussichtlich zum Au-
gust ein Pilotprojekt auf 80 Quadratmetern. In einem ehe-
maligen Waschsalon in der Stuttgarter City wollen die Gesprächsrunden fast noch sichtbar
wurde. Die Stühle sind noch warm, die
Stiftung, die Stadtverwaltung und das Freiwilligenzent- Bergmannes, der in den Ruhestand entlassen
rum testen, wie die Idee bei den Bürgern ankommt. „Wir Überbleibsel der Abschiedsfeier eines
können das Pilotprojekt dank der Unterstützung der Stadt
Stuttgart zwei Jahre lang finanzieren. Die Zeit sollte aus-
reichen, um genug Erfahrungen und Ideen von den Besu-
chern zu sammeln“, sagt Armbruster.
Fotos: Frank Schinski
In dieser Zeit wollen sich die drei Organisatoren
auch nach einer geeigneten Immobilie umschauen. Noch
ist offen, ob das Bürgerhaus gemietet oder neu erbaut wer-
den soll. Die Entscheidung hängt letztlich von der Lage,
22 den Möglichkeiten, dem Preis und den Ideen der Bürger
ab. „Wir bekommen sehr viele Anregungen von Beteiligten
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und Bürgern. Darüber freuen wir uns sehr. Zugleich ist es
eine große Herausforderung, die vielen Ideen zu sammeln,
zu sortieren und zu prüfen“, sagt Geschäftsführerin Arm-
bruster. Schließlich kann die Stiftung nicht jedem gerecht
werden. „Wir suchen für unser ‚Haus des gesellschaftlichen
Engagements‘ nicht nach dem kleinsten gemeinsamen
Nenner, sondern nach den besten und zukunftsweisends-
ten Ideen.“ Denn nur wenn das Konzept eines Bürgerhau-
ses in sich harmonisch ist, kann es auch den Zusammen-
halt der Besucher und der umliegenden Nachbarschaft för-
dern. ← Jennifer GaricSie können auch lesen