Kreativität - WER HAT IDEEN WER BAUT DIE ZUKUNFT WER SCHAFFT NEUE WERTE WER ENTDECKT DAS UNBEKANNTE WER TRAUT SICH
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DAS UNTERNEHMENSMAGAZIN
Kreativität
WIR SIND CHEMIE!
3⁄2015
WER HAT IDEEN? WER BAUT DIE ZUKUNFT?
WER SCHAFFT NEUE WERTE? WER ENTDECKT
DAS UNBEKANNTE? WER TRAUT SICH?
SERGIO ALBIAC ENTWICKELT COMPUTERPROGRAMME, DIE DATEN IN PORTRÄTS ÜBERSETZENwww.blumenbar.de
LIVE AUS DEM
SCHWARZGELBEN HERZEN
DES FUSSBALLS
Man muss ein Spiel auch lesen können – die dramatischste
Saison von Borussia Dortmund, erzählt von den namhaftesten Ball- und
Wort spielern der deutschen Literatur. Mit Gastbeiträgen von
Jürgen Klopp, Sebastian Kehl und Oliver Kirch.
r Kolu m ne
D a s B uc h z u
r tspor t”
“E von ik Wo
MORITZ RINKE (HRSG.)
Man muss ein Spiel auch lesen können
240 S. | Illustriert von Tim Dinter
€ [D] 14,95 | ISBN 978-3-351-05025-2
Auch als E-Book erhältlich
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industries3
editorial
»Kreativität
ist die Kraft,
die Probleme in
Fortschritt
verwandelt.« Liebe Leserinnen und Leser,
zwei Drittel aller Berufe, die die nächste Generation ausüben
wird, sind heute noch nicht einmal bekannt. Viele
Probleme, die sie dann lösen muss, können wir derzeit noch
gar nicht sehen.
Der Blick nach vorn braucht eine gute Portion Mut und
Zuversicht. Denn schon die aktuellen globalen Herausfor
derungen wie Bevölkerungswachstum, Klimawandel, Wasser
knappheit und das verständliche Bedürfnis aller Menschen
nach Wohlstand scheinen die Ressourcen unseres Planeten zu
überfordern.
Alldem kann der Mensch eine Kraft entgegensetzen, die
einzigartig und unerschöpflich ist: seine Kreativität. Die
Klaus Engel, Vorsitzender des Vorstandes Fähigkeit, für neue Herausforderungen stets neue Lösungen
der Evonik Industries AG zu finden, zeichnet uns Menschen aus.
Kreativität ist die Schlüsselkompetenz für das 21. Jahrhun
dert. In allen Disziplinen der Wissenschaft betreten Forscher
täglich Neuland. Wirtschaft und Industrie arbeiten ständig an
Innovationen. Für uns bei Evonik heißt das, unseren Mitarbei
tern den notwendigen Freiraum zu bieten, damit sich Talent
und Neugier, Forschergeist und Mut entfalten. So entsteht
Kreativität: diese Kraft, die Probleme in Fortschritt verwan
delt und so Zukunft erst möglich macht.
Moderne Technologie steht heute weltweit nahezu jedem
Unternehmen zur Verfügung. Die Unterschiede liegen oft nur
noch in Details. Über den Erfolg von Innovationen entschei
det dann die Kreativität in den Köpfen der Mitarbeiter. Wer
versteht die Bedürfnisse seiner Kunden schneller, wer erfüllt
sie zuverlässiger? Wer hat die besten Ideen und findet als
Erster Lösungen für Herausforderungen, die andere noch gar
nicht sehen?
Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre mit diesem
Heft über Menschen, die kreativ sind – und damit die Zukunft
schaffen.
Titel: Künstler: Sergio Albiac | Foto: Evonik
Herzlichst
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industries4
definition
Kre a ti vi tät
HERKUNFT Vom lateinischen „creare“:
schöpfen, zeugen, (er)schaffen. Als
deutsches Wort ist es noch jung:
impressum 1973 stand es erstmals im Duden.
TYPISCHE VERBINDUNGEN Forschung,
Herausgeber
Evonik Industries AG
Rüdiger Oppers
Rellinghauser Straße 1–11
Bildung, Kommunikation, Innovation
45128 Essen
Objektleitung
Urs Schnabel
SYNONYME Einfallsreichtum, Fantasie,
Beratung und Konzept
Manfred Bissinger
Erfindungsgabe, Genie, Intelligenz
Chefredaktion
Christof Endruweit
(V. i. S. d. P.)
ANTONYME Fantasielosigkeit, Lethargie,
Redaktion
Ralf Grauel (Leitung)
Michael Prellberg
(Textchef); Uwe Killing,
Stumpfsinn, Einfallslosigkeit
Tom Rademacher, Rainer
Schmidt, Petra Thorbrietz,
Klaus Vogt (Mitarbeit)
Chef vom Dienst
GEBRAUCH
Inga Borg
Bildredaktion und Layout
ALLGEMEIN: die Fähigkeit einer
C3 Creative Code and
Content GmbH Berlin
Agentur und Anschrift
der Redaktion
BISSINGER[+] GmbH
Medien und Gruppe oder eines Individuums, in
fantasievoller und gestaltender Weise
Kommunikation
An der Alster 1
20099 Hamburg
info@bissingerplus.de
Druck
Neef+Stumme
premium printing
zu denken und zu handeln
WIRTSCHAFT: Erschaffung neuer Märkte,
Wittingen
Copyright
© 2015 by Evonik
Produkte und Dienstleistungen
Industries AG, Essen.
Nachdruck nur mit
Genehmigung der Agentur.
Der Inhalt gibt nicht in
SPRACHWISSENSCHAFT: die Fähigkeit, neue,
jedem Fall die Meinung
des Herausgebers wieder.
Fragen zum
zuvor nie gehörte Begriffe zu bilden
Evonik-Magazin
Telefon:
+49 201 177-3152
E-Mail: evonik-magazin@
und sie anzuwenden
evonik.com
Telefax:
+49 201 177-703152
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industries5
i n h a lt
menschen und werte
Fotos: Jan Burwick, Intertopics | Grafik: C3 Visual Lab
8 Porträts
Kreative Menschen lassen sich leiten von ihrer
Inspiration, von ihren Ahnungen und Träumen.
Und wissen, was als nächster Schritt folgt:
harte, zielgerichtete Arbeit. Dank dieser
Kombination bereichern sie unser Leben.
14 Kreativität lernen
Welche wirkt? Und welche nicht? Bestsellerautor Bas Kast hat sie alle
ausprobiert – und stellt die acht besten Kreativitätsstrategien vor.
20 Essay
Müßiggang führt auf direktem Weg zu Ideen und überraschenden
Ergebnissen. Ein Loblied auf die Langeweile.
22 Wortsport
Man muss ein Spiel auch lesen können: Spieler der
„Autoren-Nationalmannschaft“ schreiben auf, was sie beim
Fußball erlebt haben.
24 Bildstrecke
Kreativität mag im Kopf entstehen. Wir zeigen, wo sie sich
präsentiert: Orte der Kreativität.
»Niemand erfindet aus wirtschaft und
dem Nichts etwas, auf gesellschaft
das die Welt gewartet hat. 34 Kreativität und Industrie
Der Zufall trifft nur Jeder Konzern basiert auf einer Kernidee, die jahrzehntelang für
Auftrieb und Erfolg sorgt. Aber wie geht es danach weiter?
einen vorbereiteten Geist.«
Holm Friebe denkt darüber nach, wie Kreativität und Industrie Dazu: kreative Rekonstruktionen der Momente, in denen Eis am
miteinander auskommen. Schöpferkraft ist flink und kaum Stiel, Kaffeefilter, Post-its und Kugelschreiber erfunden wurden.
zu fassen. Organisationen dagegen brauchen Standards. Dabei hat
jeder Konzern mal als fixe Idee begonnen, wie die Marke Velcro
beweist – in Deutschland besser bekannt als Klettverschluss. forschung und
technologie
42 Reportage
Start-ups und Palmen, Straßenkunst und Hightech: ein Streifzug
durch Tel Aviv, eine der kreativsten Städte der Welt.
48 Case Study
Gute Ideen brauchen Nährboden und Zeit zum Wachsen.
Ein Besuch bei Creavis, der Innovationseinheit von Evonik.
52 Serie: Meilensteine der Chemie
Durch Isophoron glänzen Lacke, schirmt uns Sonnencreme ab,
drehen sich die Rotoren von Windkraftanlagen und werden Schiffe
und Brücken vor Rost geschützt.
Standards
03 Editorial
04 Definition / Impressum
06 Facts + Figures: Menschen und Werte
32 Facts + Figures: Wirtschaft und Gesellschaft
40 Facts + Figures: Forschung und Technologie
54 Berührungspunkt
Edition
Wissen Posterbeileger: Die Welt der Bionik Haifische, Geckos, Fledermäuse: Sie haben, was wir nicht haben –
Millionen Jahre Entwicklungszeit, die wir nun munter abkupfern.
№5
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industriesmenschen und werte
Facts + Figures
3 fr agen an
Paul Collard
»Woher kommen die
Berufe der Zukunft?«
1 Stellt unser
Bildungssystem
die Weichen richtig
für das Arbeits
leben der Zukunft?
Rund 60 Prozent der
Berufe, denen wir in
Selbst musizieren macht klug 20 Jahren nachgehen
werden, sind heute
noch gar nicht erfun-
den. Deshalb sollten
3 Wie messen Sie
den Erfolg Ihrer
Arbeit?
Die schlechte Nachricht vorab: Jahrelang positiv auf die Konzentrationsfähigkeit, wir an Schulen keine Wir stellen fest, dass
beschallten werdende Mütter ihren Bauch Disziplin und Kreativität von Kindern aus. Jobsucher heranbil- Schüler viel motivier-
mit Musik in der Hoffnung, klügere Kinder den, sondern Persön- ter, selbstbewusster
zu bekommen. Studenten der Universität Zuhören hilft ein bisschen. Auch wenn lichkeiten, die fähig und zielorientierter
im kalifornischen Irvine hatten nach dem das Musikhören nicht schlauer macht, es sind, ihre Kreativität, als im Frontalunter-
Hören einer Mozart-Sonate bei einem Test stimuliert beim Arbeiten und Lernen. Das soziale Kompetenz richt agieren. Das
für räumliches Denken besser abgeschnit- belegt die englische Verhaltenstherapeutin und emotionale Intel- Gleiche gilt für die
ten. Doch dieser „Mozart-Effekt“ gilt heute Emma Gray mit ihrer Langzeitstudie. Sie ligenz einzusetzen. Lehrer: Wir ermu-
Um selbst einen Job tigen auch sie, ihr
als Legende, als statistischer Ausreißer, an empfiehlt für naturwissenschaftliche oder
zu kreieren oder auch kreatives Potenzial
den davon unbeeindruckt weiterhin vier mathematische Aufgaben einen Sound mit verschiedene Tätig- mehr auszuschöpfen
von fünf US-Amerikaner 80 bis 100 Beats, weil keiten auszuüben. und die Methoden
glauben. Und eben auch Erste Geige in Europa der die für das ratio- nach Auslaufen des
2
Die Länder mit dem höchsten Anteil an
viele Deutsche. Bürgern, die eine Musikschule besuchen
nale Denken zustän- Wo setzt Ihre Programms weiter
dige linke Hirnhälfte Arbeit an? anzuwenden.
Liechtenstein
Die gute Nachricht aber anspricht. Das kommt Mit der Organisation
20 %
lautet: Musikhören kann Pop- und Klassikfans „Creativity, Culture
Schweden
uns schlauer machen – entgegen. Die rechte and Education“ haben
12 %
wir in Großbritan- Paul Collard
allerdings nur, wenn die Schweiz Hirnhälfte ist für die ist ein renommierter
nien an rund 2.700 Bildungsreformer. An
gehörte Musik selbst pro- 11 % Emotionalität zustän- Schulen projektbezo-
duziert wird. Eine Studie Slowakei dig und treibt künstle- Modellversuchen seiner
gen gearbeitet, heute Organisation „Creativity,
der Harvard University 8% rische Prozesse voran. auch in Norwegen, Culture and Education“
belegt: Das Spielen eines Tschechien Und das gern mit 145 Pakistan, Australien beteiligen sich auch rund
Instruments wirkt sich 8% Beats pro Minute. und in Deutschland. 140 deutsche Schulen.
Blau
top 5 der k r e ativsten örtchen
Wo uns die Ideen erwischen
6,4%
Quelle: Umfrage des Beratungsunternehmens IQudo
12,1% auf dem
am Arbeitsplatz
Sofa
steigert die Kreativität, haben
Forscher in Vancouver heraus
gefunden, Rot hingegen fördert
7,1%
beim Joggen
die Konzentration. Selbst Kinder
spielzeug aus blauen Elementen 6,7% 23,5%
steigert die Lust am Neuen. beim Spazierengehen im Bad
(13,5% Wanne & Dusche,
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industries
10% Toilette)7
menschen und werte
facts+figures
musenküsse
Klötzchenschule: Das
Kreative
Kniffe
Curriculum baut auf
Noppensteinchen.
Brian Eno
Der Musiker singt gern
in einem Laienchor, „um
einfach nur Teil eines
Klangs zu sein“. Das
stärke die Wachsamkeit.
Gerhard Richter
Im Atelier sortiert der
Maler Dinge oder spielt
mit Architekturmodel-
len: „Auf eine Idee zu
warten ist gefährlich.“
Fotos: shutterstock, International School of Billund, action press (2), imago, Jörg Schwalfenberg, picture alliance | Illustrationen: Lyndon Hayes/dutchuncle, C3 Visual Lab
DIE LEGOSCHULE Cornelia Funke
5
Spielen im Un- Mathe, Englisch, den Anforderungen ermutigen, um sich Die Schriftstellerin zieht
Lego, Bio: ein nor- sich in ihr Gartenhaus
terricht ist hier des internationalen als starke Persön-
zurück, hört klassische
maler Schultag auf Schulabschlusses lichkeit besser den
ausdrücklich der Internationalen „IB“. Sogenannte Herausforderungen Musik und flüstert dort
Vorteile
gewünscht: zu Schule von Billund. Spiellabors, die auf einer sich rasant ver- für
jeden Satz vor sich hin,
bevor sie ihn aufschreibt.
Besuch in der In der Unterrichts- den ersten Blick wie ändernden Welt stel-
einheit „Freies Bauen Kinderparadiese im len zu können.“ Für
Internationalen mit Legosteinen“ Einkaufszentrum das Unternehmen
das Lernen mit
Steckbauklötzen
Schule im sollen motorische wirken, sind integ- Lego ist die Schule
dänischen Fähigkeiten sowie raler Bestandteil des Teil ihres Konzepts, 1
kreatives Denken Konzepts. Es geht Billund mit seinen Kinder entwickeln
Billund – der gestärkt werden. um die Förderung 6.000 Einwohnern Ideen und vertiefen
Stadt, aus der Dass Lego ganz „systematischer zur „Hauptstadt der
sich in eine Sache.
die Legosteine selbstverständlich Kreativität“, wobei Kinder“ umzubauen.
kommen. zum Lehrplan der sich die Initiatoren 2 Woody Allen
Quelle: „Mehr Musenküsse“, Mason Currey/Arno Frank (Verlag Kein & Aber)
Mein Werk! Stolz auf Warten hilft dem Filme-
Privatschule zählt, auf wissenschaftliche Kritiker finden, macher: „Ich ziehe mich
hängt allerdings auch Erkenntnisse und die Konzern-Privat- das Erschaffene stimu-
liert und motiviert. aus und warte, bis mir
mit ihrem Gründer Studien berufen schule weiche das so kalt ist, dass ich heiß
zusammen: Der heißt (siehe „5 Vorteile“). öffentliche Bildungs- duschen will.“
Kjeld Kirk Kristian- Allen gemeinsam: system auf. Viele El- 3
sen, und ihm gehört Spielerisches Lernen tern jedoch sind von Wörter und Sätze wer-
der benachbarte ist nachhaltig, das der kreativen Vielfalt den ähnlich kombiniert
Lego-Konzern. Bauen mit variablen des Billund-Lehrplans wie die Steine.
Steinen stärkt das beeindruckt: Die
130 Schüler aus 20
Nationen besuchen
Selbstbewusstsein. Zahl der Interessen-
ten übersteigt die
4
Logik und Fantasie
die zweigliedrige In der Präambel Plätze (monatliche mischen sich zu „syste-
Schule (bis Klasse 10) der im August 2013 Gebühr: 470 €). matischer Kreativität“.
Peter Sloterdijk
mit angeschlossenem eröffneten Schule Derzeit überlegt der Manchmal möchte der
Kindergarten. Das
Curriculum basiert
heißt es: „Wir möch-
ten Kinder früh zum
Spielzeughersteller,
sein Schulmodell in
5 Philosoph sein Hirn aus-
Tauschen und Helfen schalten. Also steigt er
auf dem dänischen leidenschaftlichen, andere Länder zu stärken die soziale aufs Rad und fährt los,
Schulsystem und lebenslangen Lernen exportieren. Kompetenz. oft für 100 Kilometer.
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»Meine Werke
sind Werke
der Freiheit.
Niemand kann
sie besitzen oder
kaufen.«
Foto: interTOPICS/eyevine
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menschen und werte
porträts
WAS FÄLLT
DENEN BLOSS
EIN?
Sie lassen sich leiten von ihrer Neugier, ihren Ahnungen
und Träumen. Bis die Idee endlich Form gewinnt. Diese Kreativen
wissen, was danach kommt: Ärmel hochkrempeln und machen!
So schaffen sie Wunderbares, Atemberaubendes, Neues.
Der Verzauberer Diese Seeschlange Prophetengestalt mit Jahre unermüdlichen All diese Aktionen des wenn die Installationen
leuchtet, und sie taucht wehendem, grauem Aktionsweltkünstler. Er gebürtigen Bulgaren, längst verschwunden
Der Künstler Christo nicht ab. Das verhin- Haar, seinen „schwim- verändert Landschaften der lange mit seiner sind. Das wird auch
erweitert unsere Sinne. dern 20.000 Kanister: menden Steg“ vor: und entzieht prägende 2009 verstorbenen bei der Seeschlange so
Er lässt uns Dinge Die „Floating Piers“ drei Kilometer lang, Gebäude einfach dem Frau Jeanne-Claude ein sein: Auf dem Iseosee,
sehen, indem er sie werden im Juni 2016 gefertigt aus dicht ge- Stadtbild, so wie 1995 weltweit bewundertes sagt Christo, sollen die
vor unseren Blicken zwei Inseln im Iseosee wobenem, gelb-orange in Berlin den Reichstag Künstlerpaar bildete, Menschen trockenen
versteckt. mit dem Festland ver- schimmerndem Nylon. oder vor zehn Jahren verändern auf wun- Fußes zu den Inseln
binden. In Norditalien Spektakulär – wie mit 7.500 Toren aus dersame Weise unsere flanieren können „und
bereitet Christo, halb meist bei dem mittler- Segeltuch den New Wahrnehmung. Und sie dabei die Wellen unter
Expeditionsleiter, halb weile und trotz der 80 Yorker Central Park. bleiben im Gedächtnis, ihren Füßen spüren“.
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menschen und werte
porträts
Die Schöpferin
Als Joanne K.
Rowling die Idee für
Harry Potter hatte,
wusste sie sofort: Da-
raus würde einst ein
neues, ganz eigenes
Universum entstehen.
Wer in der Bahn sitzt,
mag schon mal an
unsichtbare Gleise
denken. Die damals
25-jährige Aushilfs-
lehrerin Joanne K.
Rowling war 1990
per Zug auf dem Weg
nach London, als ihr
der nur für Zauberer
sichtbare Bahnsteig
9 3/4 einfiel. Er wurde
zum Eintrittstor in ein
fantastisches Univer-
sum, das Rowling mit
überbordenden Ideen
und sprühendem Witz
mit Leben füllte und
in dem Leser mit ihren
Helden mitwachsen
können.
Genau so war es auch
gedacht, denn als
Rowling das Buch
„Harry Potter und der
Stein der Weisen“
begann, hatte sie alle
Fortsetzungen bereits
im Kopf. Rowling hat-
te eine Vision, die sie
unbedingt ausbreiten
wollte – die Harry-
Potter-Welt. Von
Absagen der Verlage
ließ sich die seit Kind-
heitstagen schreiben-
de Engländerin nicht
entmutigen und stieg
mit 500 Millionen ver-
kauften Büchern und
acht Kinoblockbustern
zur erfolgreichsten
Autorin der Gegen-
wart auf. Denn Joanne
K. Rowling wusste um
ihre Hartnäckigkeit,
ihre Disziplin – und
dass sie sich auf ihre
Inspiration verlassen
kann.
»Ich denke
zunächst
immer an echte
Menschen.
Beim Schreiben
verwandeln sie
sich in etwas
anderes.«
Foto: dpa/picture alliance
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industries11
»Ich sehe
mich nicht als
Revolutionär.
Ich bin ein
Moderator der
Veränderung.«
Foto: Enno Kapitza/Agentur Focus
Der Macher Ideen sollen sich frei teln, demnächst als Aber so viel morgen? nicht ausreicht, Bilder für seine Umgebung ein
entfalten können. Was Intendant der Berliner Dercon mischt alle und in Hallen zu hängen. Antreiber. Er hat zwar
Museum? Theater? sie daran hindert, muss Volksbühne. „Ich denke alles auf, das hat er Mit einer ähnlichen Kunst und Theaterwis-
Chris Dercon reißt die weg. „Veränderung tut über die Strukturen des überall bewiesen, wo er Ignoranz vermeint- senschaft studiert, aber
Mauern auf. Bald wird immer weh“, sagt Chris Theaters von morgen bislang gewirkt hat. Zu- licher Grenzen hatte noch nie ein Theater
Berlin seine nächste Dercon. Allerdings nur nach“, sagt der 57-Jäh- letzt in London: Er öff- Dercon davor schon in geleitet. Reizvoll, wenn
große Baustelle. denen, die sich wohlig rige. Das passt, versteht nete die Tate Modern, München das Haus der die zentrale Frage
im Bestehenden einge- sich die Volksbühne Hort der Gegenwarts- Kunst ins 21. Jahrhun- plötzlich lautet: Was
richtet haben. Die will doch durchaus bereits kunst, für audiovisuelle dert geleitet. will und kann Theater?
der gebürtige Belgier heute als Theater von Experimente, Tanz und Im Auftreten ist Dercon Mit Dercon als Inten-
ordentlich durchrüt- morgen. Musik. Weil es eben eloquent und charmant, dant: überraschen.
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industries12
menschen und werte
porträts
Der Chemiker Die Revolution begann sich sicher auch anders Tausende Experimente reichstes Restaurant lern über „Creatividad“,
mit einer ausgepressten gewinnen.“ So begann durch, um schließlich der Welt. 2011 schloss „Innovacion“ und die
Ferran Adrià hat mit Orange. Koch Ferran er, die Küche seines Speisen in völlig neuen es: Adrià war des Geschichte des Kochens
der Molekularküche das Adrià schaute nach Fei Restaurants „El Bulli“ Aggregatzuständen Hypes überdrüssig. Nun forscht. Scheint, als
Kochen um eine Zutat erabend einem Barmixer nördlich von Barcelona zu servieren („Melo widmet er sich dem arbeitete sich Adrià ge
bereichert: Experimen zu, wie der im Frucht in eine Art Chemielabor nenkaviar“). Anfangs „Bullilab“, wo er mit rade ins nächste Thema
tierfreude. schaum löffelte, und zu verwandeln. Adrià belächelt, wurde das Botanikern, Historikern ein – bevor er es mit
dachte: „Schaum lässt kreuzte Aromen, führte „El Bulli“ bald einfluss und Kunstwissenschaft Genuss dekonstruiert.
»Forschung
hat immer
sehr viel mit
Neugier und mit
Leidenschaft
zu tun.«
Foto: Bloomberg/Getty Images
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»Man kann
Spitzenforschung
mit Sport
vergleichen: Es
kommt darauf
an, Topleute zu
binden.« Foto: Steffen Roth/Agentur Focus
Der Entdecker Als Biochemiker ist er Jährlich erkranken da- wickelt, um Artemisinin sagt Seeberger; mit Auf seinem Spezialge-
wahrlich eine kreative ran weltweit rund 500 (die Formel finden Sie einem Team von 85 biet (Photosynthese)
Peter Seeberger hat Größe. Aktuell liegt das Millionen Menschen. übrigens auf dem Foto Wissenschaftlern aus 15 besitzt der 49-Jährige
einen Weg gefunden, an Artemisinin, das aus Der Direktor am Pots- oben) billig und lokal zu Nationen hat er bereits weitere 15 Patente,
Malariamedikamente Blüten und Blättern des damer Max-Planck-In- produzieren. „Schwel- den Prototypen eines darunter ein Impfstoff
billig und vor Ort in Einjährigen Beifußes stitut für Kolloid- und lenländer werden ihre Bioreaktors gebaut. gegen Krankenhaus-
Afrika zu produzieren. gewonnen wird und Grenzflächenforschung Medikamente selbst Jetzt planen sie eine ers- keime, der kurz vor der
gegen Malaria hilft. hat ein Verfahren ent- erzeugen können“, te Anlage für Vietnam. Marktreife steht.
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industries14
menschen und werte
kreativität lernen
Wer das Neue will, muss
selbst neu, also anders
denken und handeln.
Diese acht Übungen
(inklusive eines Bonus)
bringen weiter.
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industries15
menschen und werte
kreativität lernen
ACHT KREATIVE
GESELLENAbschalten, einschalten oder durchdrehen? Noch einen Kaffee aufsetzen, im Park joggen
oder Gassi gehen? Meeting, Mindmap, Brainstorming? Bestsellerautor Bas Kast
hat sich auf eine Reise gemacht durch die wilde Welt der Kreativität – und alles ausprobiert.
Hier stellt er sie vor: die acht besten Kreativitätsstrategien.
Die Welt besteht einerseits aus Kreativen, zu
denen Künstler und Genies gehören, aber auch
Studienleiterin Simone Ritter. Das ungewohnte Cafete-
ria-Erlebnis hatte ihre Fantasie entfesselt.
»Wer
Werber oder Designer mit dicken schwarzen Was heißt das für die Praxis? Um Ihr Gehirn und Ihre aus der
Hornbrillen. Auf der anderen Seite gibt es den Rest: uns.
Diese Vorstellung ist so verbreitet wie grundfalsch.
kreativen Kräfte zu wecken, müssen Sie regelmäßig aus
Ihrer Alltagsroutine ausbrechen. Fahren Sie einen an-
Routine
Kreativität ist in jedem Gehirn angelegt, man muss sie deren Weg zur Arbeit. Lesen Sie eine Zeitung, die Sie ausbricht,
jedoch hervorzulocken wissen. Doch wie? Um das he- sonst nicht lesen würden. Besuchen Sie ein exotisches dessen
rauszufinden, habe ich haufenweise Studien gewälzt Restaurant, und schockieren Sie Ihre Geschmacksner-
und zwei Jahre damit verbracht, zu Forschungslabors ven. Öffnen Sie sich für das andere, das Ungewohnte. Denken
zu pilgern, mit Wissenschaftlern – meist Kognitions- wird
2 flexibler.«
psychologen und Hirnforschern – zu diskutieren und
Experimente mitzumachen. Ich wollte am eigenen Leib ÖFTER MAL WAS NEUES:
erleben, was wirkt und was nicht.
Also: Was wirkt? Hier kommen die acht wichtigsten
GEHEN SIE INS AUSLAND Simone Ritter
Sozialpsychologin
an der Universität
Kreativitätsstrategien – und ein Bonus. Im Ausland werden Sie praktisch wie von selbst immer
Nimwegen
wieder mit Ungewohntem konfrontiert. Sie brauchen
1
nur vor die Tür zu gehen, und schon werden Ihre Wahr-
IRRSINN MACHT KLUG: nehmung und Ihr Denken stimuliert. So zeigt sich, dass
VERWIRREN SIE IHRE SINNE Menschen, die länger im Ausland gelebt haben, in diver-
sen Kreativitätstests besser abschneiden. Wie eine Stu-
Im Virtual-Reality-Labor der Universität Nimwegen die des Forschers Adam Galinsky von der Columbia Uni-
setzte ich eine Datenbrille auf, die mich in eine sehr de- versity in New York offenbarte: Die Chance, dass jemand
taillierte Simulation der Uni-Cafeteria versetzte. Das das in der Kreativitätsforschung beliebte „Kerzenprob-
dreidimensionale Bild reagierte auf jede noch so kleine lem“ (siehe nächste Seite) löst, steigt mit der Anzahl der
Kopfbewegung. In dieser virtuellen Cafeteria geschah Monate, die diese Person im Ausland verbracht hat.
Merkwürdiges. Wurde eine Flasche umgestoßen, fiel
3
sie nicht zu Boden, sondern stieg in die Luft. Oder es er-
schien ein Koffer auf einem Tisch, der verschwand, so- ANDERS REDEN, ANDERS DENKEN:
bald man sich ihm näherte. Oder man selbst fegte wie
mit Riesenschritten durch den Raum.
LERNEN SIE EINE SPRACHE
Die andere Hälfte der Testpersonen lernte eine ganz Plus des Auslandsaufenthalts: Wir lernen eine Fremd-
normale Cafeteria kennen. Im Anschluss bekamen alle sprache. Und eine zweite Sprache lockert das Denken.
dieselbe Frage gestellt: Was macht Geräusche? Die Teil- Ein Beispiel dafür liefert Linguistin Lera Boroditsky von
nehmer, deren Denken zuvor von der bizarren Cafeteria der Stanford University mit der Frage: Welche Adjek-
Illustrationen: C3 Visual Lab
wach gerüttelt worden war, gaben mehr Antworten, und tive fallen Ihnen zum Wort „Brücke“ ein? Stellt man
ihre Ideen zeugten von größerer geistiger Wendigkeit. deutschen Muttersprachlern diese Frage, nennen sie oft
Ihre Beispiele beschränkten sich nicht auf Auto, Bus und Wörter wie schön, elegant, zierlich, friedlich, hübsch,
Flugzeug, sondern bei ihnen tauchten beispielsweise schlank … Wie eine Liste stereotyp weiblicher Assozia-
auch Insekten, fließendes Wasser und scheppernde tionen. Spanische Muttersprachler nennen groß, kräftig,
Töpfe auf. „Das Denken war flexibler geworden“, sagt die gefährlich, lang – alles stereotyp männlich. Woher
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industries16
Schrägdenkübungen für Einsteiger
Wir sind es gewohnt, Können und Leistung durch Zielstrebigkeit und Logik unter Beweis zu stellen.
Genau diese Attribute jedoch führen bei diesen Aufgaben zum Scheitern. Verabschieden Sie sich von Ihrer Geradlinigkeit,
denken Sie um die Ecke, führen Sie Ihre Gedanken im Kreis umher. Je entspannter und spielerischer Sie sich an den
Kreativtest machen, desto schneller werden Sie die Lösung finden. Machen Sie sich mit frischem Mut und einer ordentlichen
Portion Naivität ans Werk: Und verblüffen Sie sich selbst!
AUFGABE 1: AUFGABE 2:
DAS KERZENPROBLEM DER ABC-TEST
Vor Ihnen liegen: eine Kerze, eine Schachtel mit Reißnägeln sowie Die Aufgabe: Verbinden Sie mithilfe von Linien A mit A, B mit B und
Streichhölzer. Die Aufgabe: die Kerze so an der Wand befestigen, dass C mit C innerhalb des Quadrats. Und zwar, ohne dass sich die Linien kreuzen.
beim Anzünden kein Wachs auf den Boden tropfen kann.
Schachtel mit
Wand Reißzwecken
Streich-
hölzer
Kerze
Wer ist besser? Je länger Menschen im Ausland waren, desto höher ist Wer ist besser? Ausnahmsweise ein kleiner Tipp: Wer anfängt, die As
ihre Chance, die Aufgabe zu lösen. und die Bs zu verbinden, kommt der Lösung schneller näher.
AUFGABE 3: AUFGABE 4: AUFGABE 5:
DER WORTASSOZIATIONSTEST DAS LILIENRATSEL WAS IST ES?
Zu jeder der folgenden Dreiergruppen von Hier eine Art Variante des Wortassoziations
Worten gibt es ein viertes Wort, das sich tests, aber mehr als „Geschichte“:
irgendwie mit dem jeweiligen Trio verbinden
lässt. Wie lautet dieses vierte Wort?
Was ist:
Größer als Gott?
Fieber, Versicherung, Welt … Schlimmer als der Teufel?
Essen, Beleuchtung, Straßen … Wasserlilien auf einem See verdoppeln alle Die Armen haben es.
24 Stunden ihre Ausdehnung. Bei Sommer
Die Reichen brauchen es.
Mädchen, Pflanze, Kinder … anfang schwimmt eine einzelne Lilie auf dem
See, nach 60 Tagen ist er komplett zuge Wenn man es isst (zu-
deckt. An welchem Tag ist der See zur Hälfte
Wer ist besser? Beschwipste! Nach einem bedeckt? mindest zu lange), stirbt man.
WodkaCranberryCocktail lösen Menschen
nicht nur mehr solcher Wortaufgaben, son Wer ist besser? Müde Leute! Langschläfer
dern finden das vierte Wort obendrein noch morgens, Frühaufsteher abends! Bei Mathe Wer ist besser? Müde? Oder erschöpft? Je
schneller heraus. gleichungen ist es übrigens eher umgekehrt. unkonzentrierter, desto schneller.
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menschen und werte
kreativität lernen
AUFGABE 6: »Unsere rührt der Unterschied? Im Deutschen ist „die“ Brücke
weiblich, im Spanischen ist „el puente“ männlich. Wie
DAS MUNZDREIECK Sprache Boroditsky nachweisen konnte, steuert unsere Sprache
In diesem Dreieck zeigt die Spitze nach oben. Die Auf-
lenkt unsere Fantasie in eine vorbestimmte Richtung: Je nach
dem grammatikalischen Geschlecht der Wörter fallen
gabe: drei Münzen so umzulegen, dass die Spitze des unsere uns vermehrt typisch weibliche oder männliche Asso-
Dreiecks nach unten zeigt. Fantasie.« ziationen ein. Bei mehrsprachigen Menschen erweisen
sich Assoziationen dagegen als durchmischter.
Lera Boroditsky
Linguistin und Psycho-
4
login an der Stanford
University PFLEGEN SIE EINEN BUNTEN
BEKANNTENKREIS
Wer Kontakte zu Menschen pflegt, die nicht so ticken
wie er selbst, darf ebenfalls mit einem Kreativitätsschub
rechnen. Eine Studie, die für dieses Prinzip spricht,
stammt vom Soziologen Ronald Burt der University of
Chicago. Burt legte 670 Managern des US-Elektronik-
konzerns Raytheon die Frage vor, wie man die Vorgänge
in ihrem Arbeitsbereich verbessern könnte. Hunder-
te von Vorschlägen kamen zusammen. Einige waren
top, andere Schnapsideen. Burt fand heraus, dass die
lahmsten Vorschläge von Managern kamen, die ihren
Austausch auf ihre Abteilung beschränkten. Es gab aber
auch einige, die sich darüber hinaus regelmäßig mit
Kollegen aus anderen Abteilungen des Unternehmens
austauschten. Wie Burt feststellte, hatten diese „Fremd-
geher“ auffallend oft die besten Einfälle.
Wer ist besser? Wer zweisprachig aufgewachsen ist, Sehr wahrscheinlich ist Burts Inspirationsprinzip
löst diese Aufgabe schneller. Das gilt nicht für mathe- weder auf Manager noch aufs Berufsleben beschränkt.
matische Gleichungen, wohl aber für Lösungen, die mit Soziale Vielfalt, egal ob im Beruf oder privat, erhöht die
einem gewissen Aha-Effekt verbunden sind. Bandbreite der Erfahrungen und Einfälle, mit denen wir
in Berührung kommen: Die Vielfalt stimuliert, sie regt
uns zu neuen Denkwegen an.
AUFGABE 7:
DAS ZAHLENRATSEL
5 ENTSPANNEN, LOSLASSEN, DEN GEIST
SPAZIEREN FUHREN
Wer vor einem vertrackten Problem steht, kocht sich
Das schwierigste Rätsel zum Schluss ... Einige Minuten
noch einen Kaffee, klemmt sich an seinen Schreibtisch,
sollten Sie dafür einplanen, obwohl Kinder es oft sehr
strengt sich an und versucht, sich möglichst gut auf das
schnell lösen.
Problem zu konzentrieren. In vielen Fällen ist das zwei-
fellos die richtige Strategie.
Bestimmte Probleme und Herausforderungen aller-
dings profitieren nicht von vermehrter Konzentration.
Besser ist, mental loszulassen. Der Grund dafür liegt
darin, dass Konzentration die Gedanken verengt auf
das (vermeintlich) Wesentliche. Konzentration heißt,
Nebensächliches auszublenden. Gerade bei kreativen
Problemen jedoch liegt die Lösung nicht selten in eben
diesem scheinbar Nebensächlichen.
6 ROUTINEN BRAUCHEN FEST
VERANKERTE »PAUSEN«
Wir verbinden Kreativität häufig mit Spontanität. Die
Muse küsst uns, wann sie will, nicht, wann wir wollen.
Wer jedoch die Gepflogenheiten von berühmten Künst-
lern, Schriftstellern, Regisseuren, Philosophen und
Wissenschaftlern studiert, stellt fest: Nur die wenigsten
Illustrationen: C3 Visual Lab
warten auf kusslaunige Musen. Stattdessen pflegen die
meisten einen ritualisierten Arbeitstag. Der wird un-
terbrochen oder gefolgt von einer entspannenden Pau-
Wer ist besser? Offenbar Kinder. Und entspannte se, die – und das ist entscheidend – als Teil der Arbeit
Erwachsene. Denn wer sich allzu sehr konzentriert, verstanden wird. Der Romancier Charles Dickens etwa
konzentriert sich meist auf das Falsche. saß jeden Tag um Punkt 9 Uhr am Arbeitstisch und
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menschen und werte
kreativität lernen
schrieb bis exakt 14 Uhr. Danach brach er zu einem Entscheidend war, wie sich die Gruppendynamik ge-
dreistündigen Spaziergang auf und entwickelte dabei staltete. In manchen (reinen Männer-)Gruppen kam
seine Romane weiter – ohne sich dessen jederzeit be- keine Diskussion in Gang, ein Mitglied dominierte die
wusst zu sein. Runde. Je mehr Frauen zur Gruppe stießen, desto leb-
hafter wurde der Austausch, und damit stieg auch die
7
Leistung. Ausschlaggebend war letztlich nicht das
BRAINSTORMING WIRKT Geschlecht, sondern die Interaktion: Sobald eine of-
Und plötzlich macht
es Klick! heißt das Buch, (MEIST) NICHT fene Debatte in Schwung kam, stimmte die Leistung.
in dem Bas Kast die
Neue Erfindungen und Entdeckungen entstehen heut-
Kreativitätsstrategien
ausführlich vorstellt zutage nahezu immer als Teamleistung. Was die Frage AUCH DAS GEBAUDE SPIELT
(S. Fischer, 19,95 Euro). aufwirft: Wie kommt man im Team auf neue Ideen? Die
Standardantwort darauf lautet: Brainstorming! Obwohl
EINE ROLLE
Dutzende von Studien nachweisen, wie wenig effektiv Hier der Bonus: Räumliche Nähe hilft beim Austausch,
Brainstorming-Sitzungen sind. Menschen kommen al- während große Entfernungen ausgesprochene Kom-
lein meist auf mehr und bessere Ideen als in Meetings. munikationskiller sind. Wenn die Mitarbeiter in Ein-
Wenn sie dort überhaupt zu Wort kommen. zelbüros sitzen, sollte es zusätzlich gemeinsame Räume
geben, zu denen es die Mitarbeiter immer wieder hin-
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lockt, wo sie sich spontan austauschen. Ganz weit vorn:
BEI TEAMWORK: VERMEIDEN Tischtennisplatten und Kaffeeküchen.
SIE STATUSGEHABE Auch wenn wir mithilfe von Techniken unsere Fan-
tasie entfesseln können, sollten wir uns nicht über-
Wenn Sie Projekte in der Gruppe bearbeiten, zum fordern. Kreativität ist keine generelle, sondern eine
Beispiel im Management interdisziplinärer Projekte, meist spezifische, „disziplingebundene“ Fähigkeit. Das
ist es enorm wichtig, eine Atmosphäre von Egalität, heißt: Wir können nicht in jedem Bereich kreativ sein.
Offenheit und Lockerheit zu pflegen. Moderatoren kön- Wer kreativ wirken will, muss die eigenen Talente rich-
nen helfen, falls der Austausch klemmt. Wie produktiv tig einzuschätzen lernen und systematisch ausbilden.
Gleichberechtigung ist, hat ein Forscherteam für eine Das geht nicht von heute auf morgen. In der Forschung
Bas Kast ist studierter Studie festgestellt, die im Magazin Science veröffent- spricht man von der „Zehn-Jahres-Regel“: Im Schnitt
Psychologe und Biologe. licht wurde. Knapp 700 Testpersonen mussten zunächst bedarf es rund zehn Jahre intensiver Einarbeitung und
Journalistisch arbeitete einen IQ-Test absolvieren. Anschließend bekamen sie Übung, um es in einem bestimmten Feld zur kreativen
er bei Geo, Nature und Aufgaben, die sie nun zusammen in der Gruppe lö- Könnerschaft zu bringen. Das wusste schon der Erfin-
der Zeitung Tagesspie-
gel. Kast hat diverse
sen sollten. Es stellte sich heraus, dass manche Grup- der Thomas Alva Edison, als er seine berühmte Weisheit
Sachbuchbestseller pen sehr gut abschnitten, während andere schwä- festhielt: „Genie ist 1 Prozent Inspiration und 99 Prozent
geschrieben. chelten – völlig unabhängig vom IQ der Mitglieder. Transpiration.“
8 zwei Punkte, 9 einen Punkt.
(weil man die unterschiedlich schreiben kann, mit und ohne Hohlraum), 5 keinen Punkt, 6 einen Hohlraum, also einen Punkt, 7 keinen Punkt,
Die 0 besteht aus einem Hohlraum, gibt also einen Punkt, 1 hat keinen Hohlraum, also keinen Punkt, 2 ebenso, 3 ebenso, 4 kommt nicht vor
Aufgabe 7: Die Antwort lautet: 2. Maßgeblich sind nicht die Zahlen als solche, sondern die Hohlräume der Ziffern, die je einen Punkt bekommen:
Hälfte bedeckt. die Lösung …
er am Tag zuvor zur Erst wenn man mit A und B anfängt, sieht man
24 Stunden, also war vorstellbar ist, dass es mit einer Kurve gelingt.
verdoppeln sich alle kürzesten) Linie verbinden will und es schwer
bedeckt, die Lilien man die Cs gedanklich mit einer geraden (der
der See komplett Aufgabe 2: Die Blockade rührt daher, dass
Am Tag 60 ist
Ende her denken:
59. Man muss vom
Aufgabe 4: Am Tag
Aufgabe 6:
Zimmer
nichts! Fest der zu benutzen:
Die Antwort: Reise Schachtel mit den Reißnägeln als Kerzenstän-
Aufgabe 5: Aufgabe 3: Aufgabe 1: Der Trick besteht darin, die
wir hier die Lösungen:
Moment, nicht so schnell! Haben Sie es wirklich ernsthaft versucht – also nicht zu ernsthaft, sondern eher nebenbei? Okay, dann verraten
Die Rätsel-Lösung
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menschen und werte
interview
»Wir sind fortwährend
auf mentalen Zeitreisen«
Warum sind wir Menschen überhaupt kreativ?
Entwicklungspsy- native Gegebenheiten kreieren. Mittels der tion. Und sobald wir
chologe Thomas vorzustellen, und Sprache können wir etwas verstehen, setzt
Suddendorf er- können mit Einsicht von den Reaktionen unser Körper Endor
forscht die Evolution Probleme lösen. Auch anderer lernen, selbst phine frei. Der Neuro
des menschlichen produzieren viele wenn wir sie nicht wissenschaftler Irving
Geistes. Dazu Tiere Neues: Termiten selbst erlebt haben. Biederman nennt
gehört auch unser bauen Hügel, Biber Fortlaufend unter Menschen „Info
Erfindergeist. errichten Dämme. nimmt unser Geist voren“, Informations
Man könnte solches „mentale Zeitrei verschlinger, um ihren
Herr Suddendorf, Verhalten kreativ nen sen“: Wir prüfen die angeborenen Hunger
was ist Kreativität? nen. Allerdings bauen Folgen möglicher nach neuer, interpre
Die Fähigkeit, etwas meist alle Mitglieder Handlungen, ohne sie tierbarer Information
Neues zu produzie dieser Arten, bezie durchzuführen, und hervorzuheben.
ren, das als wertvoll hungsweise deren sind in der Lage, im
erachtet wird. Durch jeweiliges Geschlecht, Kopf Hindernisse zu Neugier, Vorstel-
unsere Fantasie diese Dinge. Und überwinden. lungskraft und die
können wir uns Sze nur diese Dinge. Wir Lust zum Austausch
narien vorstellen, die sehen hier nicht die Tiere können nichts machen uns zu
noch nicht real sind. unbegrenzte Vielfalt erfinden? Schöpfern?
Schon beim Sprechen der Gestaltungswei Doch, Tiere können So ist es. Wir können
sind wir kreativ und sen, wie wir sie beim auch Neues erfin Geschichten erzäh
erzeugen kontinuier Menschen antreffen. den. Schimpansen an len, uns zukünftige
lich völlig neue Sätze. Und das deutet auf der Elfenbeinküste Situationen ausmalen,
Auch wenn manche einen Unterschied hin. zum Beispiel haben über Erklärungen von
kreativer zu sein (wahrscheinlich schon Gegebenheiten nach
scheinen als andere, Was zeichnet die vor 4.000 Jahren) denken, neue Ge
Thomas Suddendorf ist
verfügt jeder von uns menschliche Kreati- entdeckt, wie man Professor für Psycho- drohen, sich verste genstände entwerfen
über enorme mentale vität aus? Nüsse mit Hammer logie an der Univer- cken, Unterstützung und uns ein nahezu
Kräfte, um Ideen, Unsere unbegrenzte und Amboss aus Stein sity of Queensland in durch seine Gruppe unbegrenztes Spek
Geschichten und Befähigung zur Vor knacken kann und Brisbane (Australien). holen oder sich in trum von Ereignissen
Die Evolution des
Problemlösungen zu stellung und Refle lernen dieses Ver menschlichen Geistes
einen unerreichbaren vorstellen. Ein Schlüs
entwickeln. xion – sowie unser halten voneinander. ist das Spezialgebiet Baumwipfel flüchten. selelement dabei ist
tiefes Bedürfnis, uns Doch selbst unsere des Entwicklungspsy- Dieses Spektrum ist eine Fähigkeit, die wir
Ist Kreativität ange- über die von unserem nächsten tierischen chologen. Für seine beim Menschen er „Rekursion“ nennen:
wissenschaftliche Ar-
boren? Oder kann Geist geschaffenen Verwandten haben heblich größer, und es das Erzeugen von
beit erhielt er zahlrei-
man sie lernen? Szenarien mit anderen einen limitierten che Auszeichnungen. ist weniger festgelegt. Verschachtelungen, in
Die Grundfähigkeit, auszutauschen. Diese „Reaktionsumfang“, 2014 erschien sein denen Grundelemente
sich Szenarien vorstel Merkmale spielen wie der Philosoph Kim populärwissenschaft- Fortlaufend suchen (Menschen, Objekte,
len und bewerten zu Hauptrollen. Sterelny es nennt; da liches Sachbuch „Der wir neue Impulse. Vorgänge) zu immer
Unterschied. Was
können, besitzen alle mit beschreibt er das den Menschen zum Warum sind wir neuen Szenarien
Menschen. Wie wir Es hat also zu tun Handlungsspektrum, Menschen macht“, das neugierig? kombiniert werden.
diese Fähigkeit be mit unserer Fantasie mit dem Organismen den Forschungsstand Tiere richten ihre Auf Rekursion wiederum
nutzen, ist allerdings und dem Drang zu auf Neues reagieren darüber dokumentiert, merksamkeit auch auf ist ein entscheidender
was wir mit anderen
Foto: Thomas Suddendorf | Illustrationen: C3 Visual Lab
erlernt. Das fantasie kommunizieren? können. Manche Ar Tieren teilen und was potenziell relevante Faktor für „Reflexion“,
reiche Spielen in der Ja, diese beide Fakto ten besitzen nur sehr spezifisch menschlich neue Information. die Fähigkeit, über
Kindheit spielt da eine ren geben uns einen wenige Mittel, zum ist – in den Bereichen Aber unser einzigarti unser eigenes Denken
Schlüsselrolle. fast unbegrenzten Beispiel auf Bedro Sprache, mentale ges Bedürfnis, unsere nachzudenken.
Zeitreisen, Theory
Reichtum an Möglich hungen zu reagieren. of Mind, Intelligenz,
Gedanken und Er Und so können wir
In Ihren Forschungen keiten. Wir können Eine Schnecke schützt Kultur und Moral. fahrungen auszutau auch Freude daran
vergleichen Sie unendlich viele sich, indem sie sich in schen, prädestiniert haben, über die Natur
Tiere mit Menschen. Kombinationen von ihr Haus zurückzieht. uns zu extremer Neu unserer eigenen Krea
Sind Tiere kreativ? Elementen herstel Anderen Arten stehen gier. Wie das Wort tivität und Neugier
Große Menschenaffen len, ständig neue mehr Optionen zur Neugier schon sagt, nachzudenken.
besitzen eine gewisse Verhaltensweisen, Verfügung: Ein Affe lechzen wir geradezu
Fähigkeit, sich alter Werkzeuge, Sätze beispielsweise kann nach neuer Informa Interview: Ralf Grauel
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menschen und werte
essay
Ein Loblied auf die Langeweile
Machen Sie jetzt –
Wieso ist es schade, dass wir beim leisesten Verdacht auf Leerlauf zum nächsten Bildschirm
greifen, um Mails zu checken, zu chatten, Fotos zu pinnen, nur weil die Welt in ihrem
Normalzustand nun mal nicht mit dem neuesten GoPro-YouTube-Video mithalten kann?
Weil wir dadurch auch weniger Ideen haben. Denn Kreativität braucht nicht nur Input und
Geschäftigkeit. Wer kreativ sein will, braucht auch die Pausen, den Leerlauf und das Nichts.
Das große Fressen begann irgendwann Ende
der Achtzigerjahre mit der Geburt einer Pro-
ten, denen man als finale Eskalationsstufe nach drei
Sechsen im Mathe alle elektrischen Geräte weggenom-
»Langeweile
grammiersprache, die auf den nerdigen Namen men hat, um diesem Zustand wieder zu begegnen. ist das
Hypertext Markup Language, kurz HTML, hörte. Klingt
harmlos? Ja. Aber wenn es je eine Büchse der Pandora
Denn die Langeweile ist praktisch tot. Besiegt.
Ausgemerzt. Verscharrt unter 13 Millionen Whats-
magische
gegeben hat, dann ist es ohne Zweifel die aus HTML ge- App-Nachrichten, drei Millionen Facebook-Posts und Atemholen
schmiedete Brutstätte aller Zeitfresser: das Internet.
Eine Weile lang passierte allerdings erst mal – nichts.
300.000 Google-Anfragen – pro Minute. Jeder Bild-
schirm ein Grabstein, jedes WLAN-Netz ein Friedhof,
vor einer
Man hörte nur (wenn man sehr gute Ohren besaß) das jedes Retweeten, Liken und Verlinken ein Todesstoß für Idee.«
leise Surren und Zirpen weltweit verstreuter Modems die letzten ungenutzten, unproduktiven, unaufgeregten
und Forschungsrechner, die durch ihre ersten digitalen Momente unseres dauervernetzten Lebens.
Dialoge stotterten. Aber dann, dann schlüpften sie aus Ja und? Ist es denn ein Problem, wenn wir beim leises-
der Büchse. Einer nach dem anderen und einer gieri- ten Heranflattern ungefüllter Zeit und beim entferntesten
ger als der andere: zuerst die Browser, dann die Such- Murmeln von Minuten, die keiner emotionalen Kosten-
maschinen und in immer rascherer Folge Facebook, stelle zugeordnet werden können, auf YouTube gehen,
YouTube, Twitter mitsamt ihren gefräßigen Geschwis- bei Facebook einchecken und schnell noch was googeln?
tern von Snapchat bis WhatsApp. War das denn früher, in der medialen Einöde unserer
Und es konnte losgehen. Sommerferien, wirklich besser? Und wenn ja, warum
haben wir dann unsere Mutter vorwurfsvoll angequen-
Angriff der Zeitfresser gelt: „Mama, uns ist sooo langweilig, wir wissen nicht,
Zuerst wurde die Freizeit gefressen. Dann die Pausen- was wir spielen sollen!“, als hätten wir geahnt, dass es in
zeit, dann, mit einer besonders perfiden Kombination naher, aber unerreichbarer Zukunft etwas geben wür-
aus Nullen und Einsen namens „Moorhuhn“, die Zeit de, das dieser elendig ereignisfreien Zeit etwas Sinn oder
zwischen den Pausen. wenigstens ein paar Pixel einhauchen würde?
Als das Gelage seinen Höhepunkt überschritten Ist es denn wirklich so schlimm, dass Kinder nicht
zu haben schien, krochen die Smartphones aus der die Regentropfen an der Scheibe zählen oder mit dem
Büchse und fielen über die letzten Überlebenden her Bonanzarad 200 Runden um den Baum im Hof drehen?
wie Piranhas über paddelnde Entenküken. Wenig später Schlimm nicht. Aber möglicherweise schade. Denn
waren auch sie erledigt: die Wartezeit, die Trödelzeit, die was passierte damals, nachdem Mutti uns mit einem
Unterwegszeit und die Zeit zwischen roter Ampel und „Lasst euch halt was einfallen!“ völlig ungerührt wieder
grüner Ampel. nach draußen schickte?
Die Zeit selbst haben diese Zeitfresser so natürlich Wir ließen uns was einfallen.
nicht verspeist, aber eine ganz bestimmte, spezielle
Form der Zeit, die so nutzlos, unproduktiv, oft sogar Loslegen. Einfach so
unschön war, dass sie seither kaum jemand vermisst. Gewagte Sprengstoffexperimente mit Senf, Schwarz-
Die Langeweile. pulver, River-Cola und Vaters aus der Garage geklautem
Sie erinnern sich doch, oder? Diese graue, schier Bunsenbrenner. Radtouren weit über das elterlich ge-
unüberwindlichen Wand aus den Stunden zwischen nehmigte Gebiet hinaus, von denen wir zerschrammt,
uns und „Wetten, dass ..?“? Die grinsende Gnomin, die aber triumphal zurückkehrten, beladen mit japsenden
während des Moments zwischen „planmäßige Abfahrt“ Fröschen und einem Transistorradio ohne Boxen, den
und „… aufgrund von Störungen im Betriebsablauf mit Hinterreifen mit Heftpflaster und frischem Kaugummi
einer Verspätung von …“ neben uns auf dem Bahnsteig geflickt. Und wenn die Bunsenbrenner-Gaskartusche
hin und her schlich? Genau die. leer und es zu heiß oder zu nass für draußen war, dann
Heute müssen wir hinter die Tore eines tibetischen haben wir uns, halb tot vor Langeweile, einfach eigene
Schweigeklosters verschwinden oder Kinder beobach- Spiele einfallen lassen. Heute könnten wir vermutlich
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menschen und werte
essay
nichts
Millionen verdienen mit der Onlineversion unseres
„Hot-Wheels-Weitsprung-Contest mit ohne An-
schubsen“, damals fielen uns diese Ideen einfach so
zu, in der gähnend-glühenden Leere eines Sommer-
nachmittags.
Was uns das lehrt? Dass Langeweile gar keine
langweilige Zeit ist, auch wenn sie sich so anfühlt.
Wer genau hinsieht, entdeckt, dass Langeweile in
Wahrheit das magische Atemholen vor einer großen
(oder kleinen) Idee ist, der Freiraum, in dem etwas
in uns loslässt und losläuft, ohne Plan, ohne Ziel und
ohne Kosten-Nutzen-Risiko-Chancen-Abwägung.
Mit anderen Worten: einfach so.
Finden, ohne zu suchen
Was dann geschieht, kann man im alten indischen
Märchen von den drei Prinzen Serendip nachlesen –
die es als „Prinzip der Serendipität“ inzwischen zu
wissenschaftlichem Rang gebracht haben. Diese drei
fanden auf ihren Reisen Reichtum, Glück und Weis-
heit, gerade weil sie nicht danach suchten.
Genau wie Alexander Fleming (Penicillin), Chris- Effizient kreativ sein, mit und oft unbemerkt Ideen heranreifen können. Sie sind
toph Kolumbus (Amerika) oder Marie Curie (Radi- Blick auf die Uhr: Das geht jener verlorene, nicht einmal mehr belächelte Zustand,
um), die ihre Entdeckungen machten, gerade weil sie garantiert schief. Richtig für den die Altvorderen ein ganz wundervolles Wort be-
gute Ideen brauchen Zeit,
nicht danach suchten. Oder August Kekulé. um sich zu entwickeln – saßen: Müßiggang.
Der entschlüsselte 1861 die bis dahin rätselhaf- und sind dann oft umso Bevor Sie das jetzt googeln: Müßiggang bezeichnet
te Molekularstruktur des Benzols buchstäblich im verblüffender. „das entspannte, von Pflichten freie Ausleben, ja sogar
Traum – vielleicht nicht die langweiligste Phase un- Nichtstun“, das lange als „unverzichtbare Grundlage für
seres Tages, aber die, in der wir keinen klaren Gedan- Kunst und Kultur“ galt. Mit anderen Worten: Leerlauf ist
ken fassen können. der beste Anlauf.
Nichts gegen konzentriertes Denken. Ohne sie Natürlich sollten wir diesen unglaublich schnellen,
wären Errungenschaften wie Beethovens 5. (Sinfo- unfassbar direkten Draht zwischen uns und buch-
nie) oder Apples 6. (iPhone) nie – und wir merken, wie stäblich der ganzen Welt genießen, die uns die Digita-
gut dieses Wort hier passt – errungen worden. Aber lisierung schenkt. Noch nie waren uns das gesammelte
wie das Ausatmen zum Einatmen, das Barfußgehen Wissen der Menschheit, die Liebste in der Ferne und
Illustrationen: Henrik Abrahams, C3 Visual Lab
zu High Heels und der High-five zum Handkuss, so lustige Katzenvideos so nah.
gehört die Langeweile zu all unserem Aus-Denken, Und doch: Wir brauchen Pausen.
An-Streben, Er-Ringen. Wie wir die bekommen? Durch digitales Zölibat
Denn diese scheinbar leeren Momente, in denen oder Internet-Rationierung wird die Langeweile kaum
wir irgendwann einmal den Aufkleber an der Rück- wieder zu Ehren kommen. Höchste Zeit für eine Exper-
wand der Bushaltestelle entdeckten oder jenes Mäd- tenbefragung, groß angelegte sozialpsychologische
chen, das wir eigentlich schon tausendmal gesehen Michael Mathias ist Autor und Studien oder wenigstens ausgedehnte Recherchen in
Kreativdirektor. Er arbeitet als
hatten – sie sind der Raum, in dem sich unsere Krea- Story-Coach und Texttrainer
den Tiefen des World Wide Web.
tivität erst entfalten kann. Sie sind die Spanne, in der unter anderem für Bosch, den Oder wir machen einfach mal wieder gar nichts.
aus Bergen von Wissen, Daten und Gegrübel endlich WDR und Gruner + Jahr. Geht doch!
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industries22
MEHR DRAMA
menschen und werte
wortsport
GEHT NICHT!
Ein Jahr lang folgten deutsche Schriftsteller und Dramatiker einer Einladung von Evonik zu den
Heimspielen von Borussia Dortmund. Anschließend haben sie ihre Beobachtungen literarisch
verarbeitet. Jetzt erscheint das Buch zur Saison. Es ist eine Liebeserklärung geworden:
an einen Verein und einen Sport, der immer wieder auch zu kreativen Steilpässen inspiriert.
Seit 2005 gibt es die Hospiz besucht. Mir Zeit und Raum sind
deutsche National war klar, irgendwann begrenzt, jedes Spiel
mannschaft der Auto werde ich ihm einen folgt einer eigenen
ren, die regelmäßig Text widmen. Dramaturgie innerhalb
bei Turnieren antritt, eines abgesteckten
seit 2008 unterstützt Ihre Geschichte Rahmens – und ist
von der Kultur spielt beim Revier doch ein Unikum.
stiftung des DFB. Ihr derby, das der BVB Es gibt aber auch
Kapitän ist der 3:0 gewann. entscheidende Unter-
Dramatiker Christoph Ein starkes Spiel, schiede. Fußball wird
Nußbaumeder. darum habe ich es meistens parteiisch
auch „Der Befreiungs- betrachtet, das emo-
Hand aufs Herz: Sie schlag“ genannt. Im tionalisiert enorm.
sind ein Fan von … Nachhinein war das
… Bayern München. dann doch zu opti- Und beim Theater?
mistisch. Ich hatte mir Theater wirft erst die
Huch, wie konnte eben ein Comeback Fragen auf, es befragt
das passieren? oder eine Art Lazarus- dich: Für wen oder
Ich bin Bayer, da war’s Effekt gewünscht. was bist du, wofür
eben nicht weit her würdest du dich ent- Menschen auf einer brodelt es in ihm? „Von Affen und Engeln“
mit der Vereinswahl. Wäre die Saison scheiden, wenn man Bühne und versuchen, Er gibt den Asketen, handelt das Stück von
Christoph Nußbaum
2014/15 ein dich in die Situation dich zu erreichen. um die Mannschaft
eder, das im Frühjahr
In Ihrem Beitrag Theaterstück, was der Figur stecken an ihre maximale uraufgeführt wurde;
begleiten Sie den für eine Gattung würde? Es hinterfragt Als Ihr Stück ur Leistungsfähigkeit von „Auba“, Reus und
BVBFan „Hase“ ins wäre es dann? deine Position. Im aufgeführt wurde, zu bringen. Und mit „Hase“ sein Beitrag
Stadion. Ein Stationendrama: Fußball ist am Ende fühlten Sie sich seiner Askese will er in der WebKolumne
EvonikWortsport.
Eine erdachte Figur, mal traurig, mal heiter. das Ergebnis entschei- da wie ein Trainer? Vorbild sein, im Sinne
aber mit einem Vor- dend, im Theater der Eher wie der Sportdi- von: Was ich kann, reingerutscht. Das
bild. Als ich Ende der Im Stadion stehen Weg dorthin. rektor, der den Nähr- könnt ihr auch. Und Kapitänsamt hat
Neunzigerjahre nach 25.000 Menschen in boden für das Erlebnis da wird es interessant. sicherlich damit zu
Berlin kam, habe ich der „Gelben Wand“. Evonik sponsert ja gelegt hat. Ich kann ja Wie kompensiert er tun, dass ich früher
mit einem Ex-Hippie Entsteht bei einem auch die Ruhrfest während der Auffüh- diese Dauervorbild- ganz gut Fußball
namens Halla in einer Theatermenschen spiele, bei denen im rung nicht eingreifen funktion? Wie geht er gespielt habe.
Kreuzberger WG Neid auf diese Zu Frühjahr Ihr „Von wie der Trainer am mit Erfolg um? Was
gewohnt. Totaler schauerzahlen? Affen und Engeln“ Spielfeldrand oder in passiert, wenn seine … und selbst von
BVB-Fan. Der war Die „Gelbe Wand“ ist uraufgeführt wurde. der Kabine. Strategie misslingt? einer Profikarriere
ziemlich ruhig – außer legendär. Aber Neid Passen Fußball und geträumt haben?
wenn es um Borussia kommt da nicht auf, es Kultur zusammen? Welche Rolle könnte Wie wurden Vielleicht mit 14 Jah-
Dortmund und um ist ja ein ganz anderer Beides kann mit sei- BVBTrainer Thomas Sie Kapitän der ren. Aber da fehlte mir
Rockmusik ging, dann Fokus. Obwohl: Auch nen Mitteln begeis- Tuchel in einem Ih AutorenNational die körperliche Durch-
nahm Halla Fahrt auf. ein Fußballspiel ist ein tern und empören, rer Stücke spielen? mannschaft? setzungsfähigkeit.
2014 ist er gestorben, ritualisierter Vorgang, auch enttäuschen. Für mich als Autor Ach, in die Rolle Interview:
ich habe ihn noch im es gibt Akteure, Jedenfalls stehen ist spannend: Wo bin ich irgendwie Christoph Bauer
3 ⁄ 2015 das magazin von evonik industriesSie können auch lesen