10 JAHRE BULLEREI Wie konnte das bloß passieren?

 
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BULLETTE
DIE BULLEREI-GA ZET TE                                                 JUBIL ÄUMSAUSGABE

  Sommer 2019
                Schutzgebühr 3 Euro

          10 JAHRE BULLEREI           Wie konnte das bloß passieren?
10 JAHRE BULLEREI Wie konnte das bloß passieren?
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                                                                                                                                                                                      Babak                                     Eric                                                        Ankathrin                       Dominique                               Sasha                        Darija                             Moritz

                                                                                                                                                                                                                                                              Tom

                                                                                                                                                                                    Melanie                                   Natalia                        Rico                               Anna                                                               Shawn                      Sebastian                            Antonia

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   Lisa

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          Claudia & Zoe                                                                                  Frank #ausderreihe
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          „Wer bei uns

                                                                                                                                                                                                                                                                                                        und frech sein.
                                                                                                                                                                                   Franziska                                  Martin                       Claudia                               Tim                                                                Moritz                       Soraia

                                                                                                                                                                                                                              Bianca                        Lukas                                                                 Elias                                                          Anne                               Hanna

                                                                                                                                                                                  Maximilian                                                                                                 Jennifer                                                        Louisa-Madlen

                                                                                                                                                                                                                                        Das wäre fatal!“
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          muss intelligent
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             arbeiten will,

                                                                                                                                                                                  Niphakorn                                    Anna                         Nicole                             Yannik                              Rita                          Finn-Erik                     Rebecca                            Katharina

                                                                                                                                                                                                                                                                     Weil dumm und frech:
                                                                                                                                                                                      Sheriff                                 Nancy                          Luke                               Denis                             Julia                               Inga                       Sarah                                Tina

                                                                                                                                                                                                Tom Rossner, Betriebsleiter

Hier spricht der Gast: „Großzügig bot man uns im noch halb leeren Restaurant einen alten Schultisch aus der Grundschule an. Für drei Erwachsene. Nein Danke!“ (Yelp, 12.2.2010)
                                                                                                                                                                                   Christina                                   Benni                       Hannes                            Natascha                            Simon                           Christoph                        Jana                               Henri
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              DIE LEUDE
10 JAHRE BULLEREI Wie konnte das bloß passieren?
MOINSEN                                                                                                                                                              3

                                            KÜCH E
  Gruß aus der

                                         „Als wir vor zehn Jahren die Bullerei
                                          eröffnet haben, hatten wir kein Konzept.
                                          Wir wussten nur: Wir wollen einen
                                          Ort für jeden, ohne Schwellenangst.“

                                                                                   E
                                                                                                                                        Konzept. Wir wussten
                                                                                                                                        nur: Wir wollen einen
                                                                                                                                        Ort für jeden, ohne
                                                                                                                                        Schwellenangst. Unseren
                                                                                                                                        Lieblingsladen. Den
                                                                                                                                        Laden, in dem wir selber
                                                                     Eine Bulette macht satt,                                           gerne Gäste wären.
                                                                     auch emotional – ein                                                 Woran erkennt man ein
                                                                     Gericht, das einen in den                                          gutes Restaurant? Daran,
                                                                     Arm nimmt. Eine Bulette                                            dass man sich dort wohl
                                                                     will nicht mehr sein als                                           fühlt, ganz banal. Ein
                                                                     sie ist – ein ehrliches,                                           gutes Restaurant ist ein
                                                                     authentisches Gericht.                                             Zuhause auf Zeit. Für
                                                                     Eine Bulette sagt jedem                                            uns beide ist die Bullerei
                                                                     am Tisch: „Sei Du selbst,                                          längst Heimat.
                                                                     greif kräftig zu!“                                                   Wir wünschen Euch
                                                                       Und so könnten wir uns                                           viel Spaß mit der
                                                                     keinen besseren Namen                                              Geschichte unseres
                                                                     vorstellen für die Jubi-                                           Lieblingsrestaurants.
                                                                     läumszeitschrift unserer
    Das ist gebongt! Das Restaurant der
    Bullerei eröffnete am 1. Juli 2009, das                          Bullerei als eben diesen:                                          Ran an die „Bullette“!
    Deli schon ein paar Tage früher, und so
    stammt der erste Bon von dort. Heute                             „Bullette“.
    hängt er gerahmt über der Eingangstür
    zu den Büros im ersten Stock.                                      Als wir vor zehn Jahren                                          Tim Mälzer
                                                                     die Bullerei eröffnet                                              & Patrick Rüther
                                                                     haben, hatten wir kein
Hier spricht der Gast: „Wenn nicht bald bahnbrechende Veränderungen stattfinden, wird es dieses Restaurant nicht mehr lange geben!“ (TripAdvisor, 21.3.2010)
10 JAHRE BULLEREI Wie konnte das bloß passieren?
4                                                                                                                                                                                   JA NEE, IS‘ KL AR

   Die            1.   Gästebewertung:
                                                                                             2009: 12 Köche · 2019: 27 Köche

   „Location: rustikal-gemüt-
   lich. Service: Locker, aber
   unaufmerksam. Nahrung:
   Portion übersichtlich, Soße
   wässrig, Rhabarberschorle
   bestand ausschließlich aus
   Wasser. Fazit: Kann ja noch
   werden. Muss aber nicht.“

                  BURRATA
   Yelp, 6.7.2009

                                                                                                                                                7200
                                                                                                                         Bullerei jedes Jahr.
 8000 Portionen

                                                                                                                                                           Schachteln

                                                                                                                                                ZIGARETTEN
                                                                                                                         serviert die

                                                                                                                                                     hat Tim Mälzer
                                                                                                                                                     seit Eröffnung
                                                                                                                                                        geraucht.

                                                                                                                                                350    davon hat er

                                                                                                                                                0
                                                                                                                                                      selbst bezahlt.

                                                                                                                                                                  Weine

28
                                                                                                                                                                  lagern
                                                                                                                                                                 im Keller
                                                       Konzerte gab es bislang                                                                                 der Bullerei.
                                                       in der Bullerei.                                                                                        (Die Bullerei
                                                                                                                                                                hat keinen
                                                       Darunter: The BossHoss,                                                                                    Keller.)
                                                       Sasha, Udo Lindenberg,
                                                       Max Mutzke, H-Blockx,
                                                       Rea Garvey u. v. m.
Hier spricht der Gast: „Teuer, laut, das Essen bestenfalls mittelmäßig, Ambiente-Bierzelt ohne Blaskappelle und nich' lustig. Ohne Promibonus gäb' es einen Mc Donalds mehr.“ (OpenTable, 6.7.2015)
10 JAHRE BULLEREI Wie konnte das bloß passieren?
3 4
INSIDE BULLEREI                                                                                                                                                                          5

                                                              Schließtage leistet sich die Bullerei jedes Jahr:
                                                              den 1.1. (Neujahr), den 24.12. (Heiligabend) und
                                                              den höchsten Bullerei-Feiertag (Sommerfest).
                                                                                                                      Farbeier
                                                                                                                  flogen 2010 an

         60 140 55 30
                                                                                                                    die Fassade.

          Sitzplätze                                  Sitzplätze                                                     Euro gibt der
            gibt es                                   gibt es im                                                        Gast im        mal im Monat
           im Deli.                                  Restaurant.                                                      Schnitt aus.       trifft sich
                                                                                                                                      unser Service-
                                                                                                                                         Team zur
                                                                                                                                     Lagebesprechung.

                                                                                                                                     IMPRESSUM
                                                                                                                                     HERAUSGEBER
                                                                                                                                     Bullerei GmbH & Co. KG
                                                                                                                                     Geschäftsführer: Tim Mälzer & Patrick Rüther
                                                                                                                                     PROJEKTLEITUNG
                                                                                                                                     Anja Laukemper & Tom Rossner
                                                                                                                                     tom.rossner@bullerei.com
                                                                                                                                     ART DIREKTION & GESTALTUNG
                                                                                                                                     Thomas Elmenhorst · thomaselmenhorst.de
                                                                                                                                     Anja Laukemper · anjalaukemper.de
                                                                                                                                     BILDER
                                                                                                                                     Stefan Armbruster (S. 17) · stefanarmbruster.com
                                                                                                                                     Matthias Haupt (S. 17) · matthiashaupt.de
                                                                                                                                     Norman Konrad (S. 1, 8, 10, 11, 24) · normankonrad.de
                                                                                                                                     Frank Meyer · jumpallintheair.de

10000
                                                                                                                                     Philipp Rathmer (S. 2) · philipprathmer.com
                                                                                                                                     ILLUSTRATIONEN
                                                                                                                                     Rocket & Wink · rocketwink.com
                                                                                                                                     REDAKTION & TE XTE
                                                                                                                                     Tobias Becker · tobias-becker.org
                                                                                                                                     LEKTORAT
                                                                                                                                     Dörte Brilling · brilling.de
                                                                                                                                     KÜNSTLERBE TREUUNG KONZERTE
                                                                                                                                     Salome Agyekum
                                                                                                                                     salome@goodgirls-entertainment.de
                                                                                                                                     LITHOGRAFIE
                                                                                                                                     Megs Litho · megs-litho.de
   Portionen Rinderfilet kommen pro Jahr auf                                                                                         Michael Eggers & Georg Schreiyäck

      den Tisch. Das sind fast 2,5 Tonnen.                                                                                           DRUCK
                                                                                                                                     v. Stern’sche Druckerei · vonsternschedruckerei.de

Hier spricht der Gast: „Mein Steak hier war härter als das Leben... und deshalb einmal und nie wieder!“ (Tripadvisor, 11.2.2016)
10 JAHRE BULLEREI Wie konnte das bloß passieren?
WO
 6                                                                                                                                                                                     R A U S C H-E S S AY

                                                                      gesellschaftliche Probleme, keine Frage. Auch
                                                                      volkswirtschaftlich sind sie eine Belastung. Aber
                                                                      der gesamte Ernährungsdiskurs verläuft heute
                                                                      moralistisch, fad und oberlehrerhaft. Erst kommt
                                                                      das Fressen, dann kommt die Moral, dichtete
                                                                      einst Bertolt Brecht. Heute hat man den Ein-
                                                                      druck, manch einer fresse sich an der Moral satt.
                                                                         Kaum eine Religion kommt ohne Essensre-
                                                                      geln aus, die Regeln stiften Identität, grenzen
                                                                      die eigene Gruppe von anderen Gruppen ab, die
                                                                      Gläubigen von den Ungläubigen. Heute ist das
                                                                      Essen selbst die neue Religion, die Religion der
                                                                      säkularen Gesellschaft.
                                                                         Ein bekannter Smoothiehersteller trägt einen
                                                                      Heiligenschein im Label, „Innocent“ nennt er
                                                                      sich, unschuldig. Genau darum geht es heute
                                                                      oft, wenn es um Ernährung geht: Unschuld, Un-
  Wo sind die Wilden, die Maßlosen, die Unver-                        beflecktheit, Reinheit. Clean Eating.
  nünftigen? Wo, zum Himmel, sind die Sünder?                            Orthorexia nervosa heißt ein neues psycho-
     Das Leben leben, es mal krachen lassen – auch                    logisches Phänomen: das übermäßige Bemühen,
  dafür ist ein Restaurant doch da.                                   sich richtig zu ernähren. Manche Experten
     Konfetti! Party! Karneval!                                       sprechen gar schon von einer neuen Form der
     Stattdessen schmieren Menschen sich zu                           Essstörung, den Besser-Essern. Nicht selten setzen
  Hause Halbfettmargarine aufs Brot und wenn sie                      die Besser-Esser auf sogenanntes Free-From-
  ausgehen, bestellen sie Kaffee ohne Koffein. Mit                    Food. Je kürzer die Zutatenliste, desto besser.
  Hafermilch, versteht sich. Sie gehen in Kneipen                        Der Mensch ist, was er isst, sagte der Philo-

                                                                      ZUM
  ohne Kippengeruch und trinken Bier ohne Al-                         soph Ludwig Feuerbach. Das war im 19. Jahrhun-
  kohol. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie Sex                  dert. Heute ist der Mensch, was er nicht isst.
  ohne Anfassen haben wollen.
     Das sei doch Quatsch, sagen Sie? Völlig über-
  trieben? Dann überlegen Sie mal, wann Sie das
  letzte Mal auf einer Party waren, auf der niemand
  gerade Diät hielt; auf der niemand verkündete,
  temporär auf Alkohol zu verzichten, auf Zucker,
  auf Fett; auf der sich niemand gerade das Rau-
  chen abgewöhnte. Verzicht ist zur Modetugend
  unserer Zeit geworden: Vegetarismus, Veganis-
  mus, radikal regionale Küche, das Rauchverbot,
  die Trends des sogenannten Clean Eating, dazu

  HIMMEL
  die Selbstvermessung und Selbstoptimierung per
  Smartphone-App.

     Die Wiener Gesundheitspsychologin Hanni                             Das bestverkaufte Sachbuch des Jahres 2018
  Rützler hat mal die Frage aufgeworfen, wer dem                      heißt: „Der Ernährungskompass“, geschrieben
  guten Leben eigentlich mehr schade: die Ernäh-                      von Bas Kast. Ein vielsagender Titel. Offenbar
  rungsindustrie oder die Ernährungsfundamen-                         verlieren viele Menschen heute die Orientierung,
  talisten? Sie machten Essen zur neuen Religion,                     sobald sie einen Supermarkt betreten. Offenbar
  sie erzeugten wahnsinnig viel Druck. „Wir bli-                      brauchen sie jemanden, der ihnen zeigt, wo es
  cken lustfeindlich auf unsere Nahrung“, moser-                      langgeht, der sie zwischen den vollgestopften
  te Rützler in einem Interview. Und tatsächlich                      Regalen an die Hand nimmt und ihnen den Ein-
  stehen immer mehr Stoffe unter Generalverdacht:                     kaufswagen füllt.
  Nikotin und Alkohol sowieso, Fett und Zucker                           Spotten lässt sich darüber leicht, aber mit dem
  auch, Fleisch schon länger und immer häufiger                       Problem dahinter kämpfen viele: der Überfluss,
  auch Eier und Kuhmilch, Gluten und Laktose, der                     die Qual der Wahl.

  SIND
  Geschmacksverstärker Glutamat.                                         „Viele von uns schaffen es noch nicht, sich in
                                                                      dem Schlaraffenland zurechtzufinden, in dem sie
                                                                      leben“, sagt die Gesundheitspsychologin Rützler.
                                                                      Die vollen Supermärkte mögen ein altes Traum-

                                                                      DIE
                                                                      bild sein, „aber im Moment sorgen sie eher für
                                                                      Stress als für Freude.“ Wer sich Ernährungsver-
                                                                      bote auferlegt, reduziert diesen Stress.

                                                                                                                                              Die Lebensmittelauswahl unserer Großeltern
                                                                                                                                            war regional und saisonal, ob sie wollten oder
    Schon immer ging es um Distinktion, wenn es                                                                                             nicht. Wer heute will, kann Steaks aus Argenti-
  um Essen ging, schon immer waren Lebensmittel                                                                                             nien essen und dazu Wein aus Australien trinken,
  auch Statussymbole, an denen sich Bildung, Ein-                                                                                           kann sich zum Nachtisch frische Erdbeeren
  kommen, Weltanschauung ablesen ließen. Aber                                                                                               servieren lassen, selbst mitten im Winter. Hinzu
  wer heute ins Restaurant geht, will immer seltener                                                                                        kommt, dass in der säkularen Gesellschaft
  seinen guten Geschmack unter Beweis stellen –                                                                                             religiöse Essensgebote weggefallen sind. Das
  und immer häufiger seine überlegene Moral.                                                                                                Paradox: Wir haben alle Fesseln gesprengt, also
    Natürlich ist es unappetitlich, wie wir Tiere in                                                                                        legen wir uns selbst neue Fesseln an. Und so
  der industriellen Fleischproduktion behandeln.                                                                                            kommt es, dass die Sünde heute ein Imagepro-
  Und klar, übermäßiger Fleischkonsum beschleu-                                                                                             blem hat. Der moderne Mensch sehnt sich nach
  nigt den Klimawandel. Alkoholismus und Ketten-                                                                                            Orientierung, nach neuen Regeln und strengen
  rauchen, Übergewicht und Bluthochdruck sind                                                                                               Verboten. Die Sünde braucht einen PR-Berater.

Hier spricht der Gast: “How can everyone give this place a good rating? Sorry. The food lacks good conception and basic cooking knowledge. Service is friendly but unprofessional, and the visitors are either
10 JAHRE BULLEREI Wie konnte das bloß passieren?
KRACHEN L ASSEN                                                                                                                                                                               7

                                                                                                                                               So jemanden wie den Philosophen Robert
                                                                                                                                            Pfaller. Seit Jahren predigt dieser, dass es unver-
                                                                                                                                            nünftig ist, immer vernünftig zu sein. „Wir mäßi-
                                                                                                                                            gen uns maßlos“, warnt er. „Das ist das Merkmal
                                                                                                                                            unserer Epoche, ihr Krankheitssymptom. Die
                                                                                                                                            Leute werden dazu angehalten, ihr Leben als
                                                                                                                                            Sparguthaben zu betrachten und eifersüchtig
                                                                                                                                            darauf zu achten, dass ihnen niemand etwas ab-
                                                                                                                                            knapst. Das ist eine Vorsicht gegenüber dem Le-
                                                                                                                                            ben, die das Leben selber tötet. Sie führt zu einer
                                                                                                                                            vorzeitigen Leichenstarre.“
                                                                                                                                               Um es mit einem Liedtext der Hamburger Band
                                                                                                                                            Tocotronic zu sagen: „Pure Vernunft darf niemals
                                                                                                                                            siegen.“
                                                                                                                                               Pfaller behauptet, dass alle Dinge, die uns Ge-
                                                                                                                                            nuss bereiten, auch eine Gefahr bergen, ein Prob-
                                                                                                                                            lem. Mehr noch, dass diese Dinge uns Genuss
                                                                                                                                            bereiten, eben weil sie ein Problem bergen: der
                                                                                                                                            Champagner den hohen Preis, die Sahnetorte die
                                                                                                                                            Kalorien, die Zigaretten den Teer. „Das problema-
                                                                                                                                            tisch Lustvolle bricht die ökonomische Logik des
                                                                                                                                            Haushaltens – die Vernunft“, sagt Pfaller. „Die
                                                                                                                                            unvernünftige Verausgabung beschert uns einen
                                                                                                                                            Triumph.“
                                                                                                                                               Es ist eine radikale Philosophie, die besagt,
                                                                                                                                               dass der Genuss das Leben verkürzt, aber es
                                                                                                                                            auch verbessert, Qualität statt Quantität. „Wir
                                                                                                                                            sollten nicht den Tod fürchten, sondern das
                                                                                                                                            schlechte Leben“, sagt Pfaller.
                                                                                                                                               Der Feuilletonist Peter Richter hat schon vor
                                                                                                                                            Jahren in einem klugen Büchlein für eine Kultur
                                                                                                                                            des Trinkens gestritten – und gegen das, was sich
                                                                                                                                            kultiviertes Trinken nennt: das Gläschen guten
                                                                                                                                            Rotweins, das gesund sein soll fürs Herz. „Nur so
                                                                                                                                            viel zu trinken, dass es keine Wirkung tut: Das ist
                                                                                                                                            von allen Varianten die mit Abstand erbärmlichs-
                                                                                                                                            te“, schrieb Richter. „Wer nur mal nippt, trinkt
                                                                                                                                            nicht.“
                                                                                                                                               Beim Weintrinken geht es eben nicht um
                                                                                                                                            Gesundheit, im Gegenteil, es geht nicht mal in
                                                                                                                                            erster Linie um den Geschmack. Der tiefere Sinn
                                                                                                                                            des Weins ist, dass er wirkt. Jede Party braucht
                                                                                                                                            jemanden, der das Maß des Vernünftigen für
                                                                                                                                            einen Abend durchbricht. Jemanden, der zu laut
                                                                                                                                            lacht, zu derbe Zoten reißt, zu viel trinkt. Denn
                                                                                                                                            Alkohol, so hat das Richter formuliert, „ist das
                                                                                                                                            Gleitgel für die Worte.“
                                                                                                                                               Wer nun zusammenzuckt und meint, Pfaller
                                                                                                                                            und Richter redeten dem Alkoholismus das Wort,
                                                                                                                                            der sei beruhigt. Man muss die Feste feiern, wie
                                                                                                                                            sie fallen, heißt es im Sprichwort. Umgekehrt
                                                                                                                                            gilt dasselbe: ohne Fest keine Feier. Das Fest ist
                                                                                                                                            die Ausnahme im Alltag, die Unterbrechung der
                                                                                                                                            Regel, Karneval.
                                                                                                                                               Wer hingegen jeden Tag schon morgens

                                                                                                                                           ?
                                                                                                                                            Champagner trinkt, drei Stück Sahnetorte in sich
                                                                                                                                            reinstopft und Kette raucht, der erlebt keinen
                                                                                                                                            Triumph, im Gegenteil. Er ist ein armer Tropf. •

  SÜNDER
tourists with backpacks who want an autograph of the chef, or people that look like they had just gotten out of a swimming pool.” (TripAdvisor, 30.7.2009)
10 JAHRE BULLEREI Wie konnte das bloß passieren?
8                                                                                                                 INTERVIEW

Hier spricht der Gast: „Eigentlich könnte das Lokal von den Weight Watchers empfohlen werden.“ (Yelp, 14.1.2013)
10 JAHRE BULLEREI Wie konnte das bloß passieren?
WIE BIDDE?                                                                                                                                                                       9

                     DIGGA!                                                                                                                                       “
  „Wir brauchen Struktur,

                     Tim Mälzer und Patrick Rüther ziehen Bilanz nach
                     zehn gemeinsamen Jahren in der Bullerei.
                     Die Zutaten des Gesprächs: Bier, Wein, Eierlikör
                     und obendrauf ein paar Fragen.

  PATRI CK, TI M, S EIT Z EHN JA HR EN F ÜH RT                        ben. Und zwar meine Hälfte der Antworten.                 TIM:
  I HR G EM EI NSA M D I E B ULLER EI . KÖNNT I H R                   Als Freunde betrachte ich in meinem Leben                 100 Leute von den 100 Leuten hier wissen, wer
  EU RE AU FG A B ENTEI LUNG B ES CHR EI B E N ?                      vielleicht fünf Leute, da gehört Tim nicht dazu,          ich bin. 20 wissen, wer Patrick ist.
  TIM:                                                                das stimmt. Aber wir sind Kumpels, würde ich              PATRICK:
  Darf ich zuerst antworten?                                          sagen. Geschäftspartner wäre zu nüchtern.                 10.
  PATRICK:                                                            Dafür haben wir zu viele Dinge gemeinsam                  IH R FÜ H RT G LEICH BER ECHTIGT EINEN LA DEN,
  Du antwortest immer zuerst.                                         durchgestanden.                                           A BER NACH AU SSEN WIR K T ES MA NCH MA L SO,
  TIM:                                                                U N D W I E TE I LE N DI E S E GE S C H Ä F TS PA RTNER   A LS O B ES A LLEIN TIMS LA DEN SEI, DER LA DEN
  Ich mache alles, er kassiert ab.                                    N U N I H RE A R B E IT AU F ?                            DES FER NSEH STA R S. IST DAS EIN PRO BLEM
  PATRICK:                                                            PAS ST DI E S E S B I LD: BAU C H U N D H I RN?           Z WISCH EN EU CH ?
  Erfolg besteht zu 10 Prozent aus Inspiration und                    PATRICK:                                                  TIM:
  zu 90 Prozent aus Transpiration. Tim ist maxi-                      Quatsch.                                                  Wir haben Eheberatung gemacht.
  mal für die Inspiration zuständig. Ich bin für die                  TIM:                                                      PATRICK:
  Transpiration zuständig und halte mich daneben                      Doch, da ist schon was dran.                              Es hat ein paar Mal geknirscht, ja. Jemand ande-
  für echt inspirierend.                                              GAS U N D B R E M S E ?                                   res mit meinem Intellekt und meinen Möglich-
  TIM:                                                                PATRICK:                                                  keiten hätte das nicht so lange mitgemacht. Aber
  Lasst uns ein ernsthaftes Gespräch führen, bitte!                   Wenn Tim den Laden hier alleine gemacht hätte,            letztlich sind wir schon ein geiles Team.
  PATRICK:                                                            hätte er den Laden nach einem Dreivierteljahr             TIM:
  Das wird nichts mit Dir. Aber ich kann es ja mal                    gegen die Wand gefahren.                                  Unsere Partnerschaft ist anstrengend, mühselig,
  versuchen.                                                          TIM:                                                      aber ich weiß genau, warum ich an ihr festhalte.
  SEI D I HR M ITEI NA ND ER B EF R EUND E T ?                        Ohne Patrick liefe ich Gefahr, längst pleite zu           PATRICK:
  PATRICK:                                                            sein, aber ohne mich hätte Patrick gar kein Geld,         Tim hat genauso Glück mit mir wie ich mit ihm.
  Wir sind keine besten Freunde.                                      das er verwalten könnte.                                  WENN IH R SO WEITER SÄU SELT,
  TIM:                                                                PATRICK:                                                  BESTELLE ICH DR EI BIER .
  Wir sind keine Freunde.                                             Auf die Fragen bekommst Du von Tim keine                  WIE H A BT IH R EU CH K ENNENG ELER NT?
  PRI VAT HABT I HR NOCH NI E EI N B I ER                             ernsthafte Antwort, vergiss es.                           PATRICK:
  ZU SAMM EN G E TRUNK EN, HEI S ST ES.                               WAS WÄRE DENN EINE ERNSTHAFTE ANTWORT?                    Ich muss mal ein bisschen überlegen, wie ich das
  PATRICK:                                                            PATRICK:                                                  erzähle, ohne dass das eine Angebergeschichte
  Selten.                                                             Tim ist bereit, für seinen Bauch mit dem Kopf             wird. Für Angebergeschichten ist Tim zuständig.
  TIM:                                                                durch die Wand zu gehen. Ich bin da etwas zöger-          Ich hab' vor dem Rechtsreferendariat eine Zeit
  Nie.                                                                licher. Aber wenn wir wirklich Body und Brain             lang in Kapstadt gelebt, um noch meinen Master
  PATRICK:                                                            wären, wäre alles viel einfacher, als es ist. Ich         of Law zu machen.
  Wir haben schon häufiger zusammen was getrun-                       will auch ein bisschen Body sein, ich mache auch          TIM:
  ken, aber Tim ist kein Biertrinker.                                 gern Scheiße, ich bin auch oft genug besoffen zur         Der feine Herr Jurist.
  TIM:                                                                Arbeit gekommen.                                          PATRICK:
  Patrick, wir beide waren privat noch nie alleine                    DU W E H R ST DI C H DAGEGE N , A LS S P I ESSER          Ich hab da mehr gelebt als gelernt, bin vor allem
  was trinken. Kein Bier, kein Wein, nichts.                          H I N GE STE LLT ZU W E R DE N .                          viel Essen gegangen. Das ist 19 Jahre her. In
  PATRICK:                                                            PATRICK:                                                  Kapstadt gab es damals geile Produkte und eine
  Doch, aber da sind wir uns in die Haare geraten.                    Ich wehre mich dagegen, der Optimierer zu sein.           entspannte Art der Gastronomie. First-Class-
  In der Daniela Bar am Schulterblatt, gegenüber                      Ich habe mal Jura studiert, aber ich arbeite be-          Essen, aber die Kellner jung, cool, supernett. Und
  der Roten Flora.                                                    wusst nicht als Jurist, weil ich keinen Bock habe         die Gäste in kurzer Hose und Flip-Flops. Das gab
  TIM:                                                                auf diesen Piesel-Scheiß. Das Problem: Neben              es in Hamburg noch nicht. Hier gab es entweder
  Wie lange ist das denn her? Gab‘s da die Bullerei                   einem so chaotischen Typen wie Tim ist man                geiles Essen in spießigem Ambiente oder geile
  überhaupt schon?                                                    automatisch der Spießer. Der Optimierer. Derje-           Läden mit maximal mittelmäßiger Karte.
  PATRICK:                                                            nige, der sagt: „Digga, wir brauchen Struktur!“           TIM:
  Es war kurz vor Eröffnung.                                          TIM:                                                      Bis auf das Weiße Haus, das Restaurant, das ich
  TIM:                                                                Ich verrate jetzt mal was: Ich betreibe seit zehn         damals an der Elbe hatte.
  Da war ich in der Hochphase meines Saufens, da                      Jahren ein Spiel. Ich liebe es, Dich auf die Palme        PATRICK:
  kann ich mich nicht mehr dran erinnern.                             zu bringen.                                               Exakt. Tim hat dort die Art der Gastronomie ge-
  PATRICK:                                                            PATRICK:                                                  boten, die ich aus Kapstadt kannte. Anfangs war
  Man darf in diesem Interview nur die Hälfte glau-                   Das klappt ja auch jedes Mal, Du Arsch.                   er noch kein Fernsehkoch.

Hier spricht der Gast: „Vorfreude war groß - Enttäuschung war größer!“ (Tripadvisor, 27.3.2016)
10 JAHRE BULLEREI Wie konnte das bloß passieren?
10                                                                                                                                                                                                       ERNSTHAFT?

   WI E SEI D I HR I NS G ES P R ÄCH G EKOM ME N ?                          SA M STAGA B E N D 2 0 S C H WA RZ V E R M U MMTE                         PATRICK:
   PATRICK:                                                                 AU TO N O M E I N S RE STAU RA NT, M IT M EG A FO NEN                     Mea Culpa.
   Ja, wie kommt man mit Tim ins Gespräch?                                  U N D P L A K ATE N .                                                     TIM:
   Indem er dummen Kram schnackt.                                           TIM:                                                                      Unser gemeinsamer Favorit war lange „Die Farm“.
   TIM:                                                                     Ich war fein raus, weil ich credible war. Patrick                         Der Name sollte unser Nachhaltigkeitsideal trans-
   Patrick ist klischee-cool. Schanzen-Mainstream.                          war damals das Enfant terrible, der Herr Jurist.                          portieren. Da war Patrick damals sehr weit vorne.
   Meine Coolness ist selbst entwickelt, meine                              PATRICK:                                                                  LE TZ TLICH H AT BU LLER EI DAS R ENNEN G E -
   Coolness muss ich lauter kommunizieren als                               Bist Du bescheuert?                                                       MACHT, EINE DR EIFACH E A NSPIELU NG : AU F DIE
   Patrick. Ich stehe auf lautere Musik, buntere                            TIM:                                                                      LO CATIO N, AU F TIMS SPITZNA MEN KÜ CH EN -
   Farben, dickere Karren.                                                  Es ging damals wirklich hoch her im Viertel.                              BU LLE, AU F DEN SCH IMPF- U ND SPOTTNA MEN
   PATRICK:                                                                 PATRICK:                                                                  BU LLER EI FÜ R PO LIZEI. WAS WA R EU R E V ISIO N
   Zurück in Deutschland, hab' ich an der Elbe den                          Wegen des Fernsehpromis Tim Mälzer.                                       FÜ R DAS R ESTAU R A NT.
   ersten Beachclub Hamburgs eröffnet, den Ham-                             Damals war er noch bekannter als ich.                                     PATRICK:
   burg City Beach Club. Geplant hatte ich das als                          TIM:                                                                      Wir wollten unseren Lieblingsladen machen. Den
   kleines, improvisiertes Projekt für eine Saison,                         Wir sind in den Anfangstagen nach Feierabend                              Laden, in dem wir selber gerne Gäste wären.
   ein Projekt mit Freunden, um den Kopf freizube-                          immer noch rüber in die Dual Bar und haben da                             TIM:
   kommen, bevor das Referendariat dann endgültig                           bis 4 Uhr morgens gesoffen. Die Bar gibt es leider                        Das klingt unfassbar beschissen, aber das bringt
   startet. Aber es war 2003, der Jahrhundertsom-                           nicht mehr. Es war eine geile Zeit, aber auch                             es auf den Punkt.
   mer, die heißeste Phase aller Zeiten in Hamburg,                         schmerzhaft. Es gab total viele doofe Momente:                            U ND WIE SA H EU ER KO NZEPT AU S?
   sechs Wochen durchgehend 30 Grad. Nach einer                             die Bullerei zu eröffnen, stolz darauf zu sein –                          PATRICK:
   Woche brauchten wir einen Türsteher. 1000 Gäs-                           und gleichzeitig zu wissen, manche Menschen                               Wir hatten kein Konzept. Wir sind beide „all in“
   te am Tag. Das war magic, mit Fackeln überall, die                       hassen uns dafür.                                                         gegangen, mit all unserer Kohle, hatten aber kei-
   Riesencontainerschiffe direkt vor der Nase, geil.                        WAS WA R DE N N N U N DAS P RO B LE M ?                                   nen klaren Plan. Total irre.
   Ich kriege heute noch eine Gänsehaut, wenn ich                           TIM:                                                                      TIM:
   daran denke. Am Ende habe ich den Beachclub                              Gentrifizierung. Die Menschen hatten Angst, was                           Wir haben sehr schnell nach Eröffnung einen
   noch ein Jahr gemacht und noch ein Jahr und                              mit dem Viertel passiert. Gentrifizierung ist ein                         Preis gewonnen für das beste neue Gastronomie-
   noch ein Jahr.                                                           schleichender, diffuser Prozess. Eine wabbelige                           konzept. Den Preisstiftern haben wir gesagt:
   UN D BI ST ZU M F EI ER A B END DA NN I M ME R                           Geschichte, schwer greifbar, schwer angreif-                              Danke. Aber welches Konzept? Wenn ihr uns das
   RÜ BER ZU TI M ?                                                         bar auch. Und da war ich als Person erstmals ein                          erklären könnt, machen wir eine Kette draus.
   PATRICK:                                                                 konkreter Gegner hier im Viertel. Kein ominöser                           PATRICK:
   Entweder ich zu ihm oder er zu mir. Damals                               Investor, der anonym bleibt. Sondern ein Fern-                            Wir wussten nur: Wir wollen einen Ort für jeden,
   war er noch kein Fernsehkoch. Schon im Win-                              sehmensch, dessen Fresse jeder kennt. Im Nach-                            ohne Schwellenangst. Hier kannst Du Deine
   ter 2004 haben wir dann das erste Mal darüber                            hinein sind wir für die Kritik dankbar. Wir haben                         Eltern zum Hochzeitstag hinschicken, aber auch
   gesprochen, ob wir nicht zusammen eine Gastro                            dazu gelernt, unser Weltbild wurde geschärft.                             eine rustikale Flensburger Handwerkerinnung
   machen sollen. In Amsterdam gab es ein geiles                            PATRICK:                                                                  auf Jahresausflug.
   Konzept, den Supperclub: Essen im Liegen, drum                           Die Kritik hat dazu beigetragen, dass wir hier                            SEID IH R DA FÜ R NICHT ZU TEU ER ?
   rum DJs, Modenschauen, richtig geil. Das hat                             im großen Maßstab soziale Dinge tun. Über die                             PATRICK:
   uns inspiriert, das hätten wir gerne so ähnlich                          reden wir nicht, damit es nicht aussieht wie                              Wir sind nicht günstig. Aber gemessen an dem
   in einer Kirche in Eimsbüttel umgesetzt, die als                         Greenwashing. Aber hätten wir unseren Laden in                            Aufwand, den wir fahren, sind wir günstig. Wir
   Kirche aufgegeben werden sollte. Wir mussten                             Eppendorf eröffnet, würden wir heute vielleicht                           haben nur gelernte Köche, wir bereiten alles
   tausend Kirchenleute überzeugen, dass so eine                            weniger machen.                                                           frisch zu, wir stecken sehr viel Geld in die Ein-
   Nutzung keine Sünde ist: dekadentes Essen im                             TIM:                                                                      richtung. Was mich ärgert: Manche Gäste sehen
   Liegen, dazu der Lautsprecher Tim Mälzer. Und                            Wir haben genug Fingerspitzengefühl, um nicht                             das nicht.
   wir haben das tatsächlich geschafft. Aber am                             alles rauszuposaunen, was wir tun. Das würde                              WENN H IER Ü BER A LL WEISSE TISCH DECK EN
   Ende ist es an den Nachbarn gescheitert. Die                             einigen hier schief reinfahren. Denn natürlich                            LIEG EN U ND DIE K ELLNER EIN JACK E TT
   hatten Angst vor Lärm.                                                   ist Gentrifizierung ein Problem in der Schanze,                           TR AG EN WÜ R DEN, WÄ R E DAS A NDER S?
   N ACH WELCHEN K R ITER I EN HA BT I HR E I N E                           natürlich haben auch wir unbewusst einen Teil                             PATRICK:
   LOCATI ON GES UCHT ?                                                     dazu beigetragen. Aber es hätte viel schlimmer                            Exakt. Der Rotweintrinker mit dickem Bauch
   PATRICK:                                                                 kommen können für das Viertel. Wir sind das                               aus Wanne Eickel sieht nicht, dass der Tisch mit
   Das Gebäude sollte etwas Besonderes sein.                                kleinere Übel, wir sind nicht aggressiv und wir                           den Farbklecksen viel teurer ist als der Tisch mit
   Charakter haben.                                                         sind semi-intelligent.                                                    Decke in seinem Restaurant zu Hause. Er kann
   TIM:                                                                     W I E S E I D I H R AU F DE N N A M E N B U LLER EI G E -                 die Codes nicht lesen. Vom Aufwand her sind wir
   Eine Geschichte. Wir waren nie auf der Suche                             KO M M E N ?                                                              ein Fine-Dining-Restaurant, aber wir sind locker.
   nach einem klassischen Restaurant. Wir haben                             TIM: Ich wollte den Laden so nennen, wie das                              Genau darum geht es uns. Auch Michelin und
   eine Location gesucht, keinen Standort.                                  hier früher hieß: Die alte Halle der Kälber                               Gault Millau verstehen das nicht.
   PATRICK:                                                                 und Versandschweine. Oder knapp: „Versand-                                STÖ RT DICH DAS?
   Ich kannte irgendwann jede Location in Ham-                              schwein“.                                                                 PATRICK:
   burg, die in Frage kam. Ich bin überall langge-                          PATRICK:                                                                  Ein klares Jein. Ich halte nicht viel von Gault
   radelt, ich hab mit allen geschnackt. Das Sea-                           Ich fand das zu hart. Ethik, Tiere, Leben. Ich                            Millau und Guide Michelin, weil sie oftmals die
   ways-Terminal, der Ratsherrnkeller, das Haus der                         wollte es Laib und Seele nennen.                                          alte Welt verkörpern. Aber ich finde es schade,
   Patriotischen Gesellschaft, verrückte Hallen im                          TIM:                                                                      dass diese Leute nicht zu schätzen wissen, wel-
   Oberhafen – aus irgendwelchen Gründen hat es                             So was Pseudointellektuelles! Ich hab im Strahl                           chen Aufwand wir hier betreiben. Wir könnten es
   sich immer zerschlagen. Das war keine geile Zeit                         gekotzt. Das ist wie der Friseur „Vier Haares-                            uns viel leichter machen, wenn wir uns auf Tims
   für mich damals. Es war lange unklar: Wo geht                            zeiten“. Fuck off.                                                        Promibonus ausruhen würden.
   die Reise hin? Zumal Tim einen Burn-out hatte.                                                                                                     WAS H AT SICH SEIT EU R ER ERÖ FFNU NG 2 009
   Er war ein erlebnisorientierter junger Mann,                                                                                                       IN DER BR A NCH E V ER Ä NDERT? WA R EN BE -
   der sich die Hörner abstößt. Darauf die gesamte                                                                                                    WERTU NG S- U ND BU CH U NG SPO RTA LE WIE
   berufliche Zukunft zu setzen: das war schon                                                                                                        YELP, TR IPA DV ISO R , O PENTA BLE DA MA LS
   riskant.                                                                                                                                           SCH O N SO WICHTIG WIE H EU TE?
   DASS I HR I N D ER S CHA NZ E G ELA ND E T S E I D,                                                                                                PATRICK:
   WAR ZU FALL?                                                                                                                                       Bei weitem nicht. Wer heute mit weniger als vier
   PATRICK:                                                                                                                                           Sternen bewertet ist, den finden die Gäste nicht
   Absolut. Wir waren beide keine Schanzentypen                                                                                                       mehr. Das Ranking ist lebensnotwendig.
   damals. Aber ich hab beim Rumradeln die Fläche                                                                                                     LEST IH R JEDE EINZELNE K R ITIK Ü BER EU CH ?
   gesehen – und die war geil. Total zugewuchert,                                                                                                     PATRICK:
   aber geil. Und die wäre in einem anderen Stadt-                                                                                                    Ich hab das mal getan, aber heute nicht mehr,
   teil nicht weniger geil gewesen. Im Gegenteil:                                                                                                     ich rege mich zu sehr auf. Wobei wir uns mit der
   Es war klar, dass es ein Problemchen werden                                                                                                        Bullerei natürlich in einer etwas anderen Situ-
   könnte, mit so einem großen Laden in die                                                                                                           ation befinden als die Konkurrenz. Für uns sind
   Schanze zu gehen.                                                                                                                                  die Portale nicht ganz so wichtig, weil wir noch in
   FARBBEU TEL F LOG EN A N D I E FAS SA DE .                                                                                                         der analogen Medienwelt verankert sind.
   KU RZ N ACH ERÖF F NUNG K A M EN A N EI N E M                                                                                                      TIM:
                                                                                                                                                      Unser Tripadvisor bin ich.
                                                                                                                                                      NU TZ T IH R AU F R EISEN SELBST TR IPA DV ISO R ,

                                                       gemacht
                                                                                                                                                      U M R ESTAU R A NTS AU SZU SU CH EN?
                      d en  L ad en  h ie r al le in e
         „Wenn Tim
                                                                                                                                                      TIM:
                                                                                                                                                      Im „Kitchen impossible“-Team haben wir uns vor
       hätte, hätte er ihn nach einem Dreivierteljahr                                                                                                 zwei Jahren darauf geeinigt, nie in einem Laden
                                                                                                                                                      zu reservieren, der unter den Top 25 bei Tripad-

                        n d ie W a n d g e fa hren.“                                                                                                  visor steht.
                  geg e                                                                                                                               WA RU M NICHT?
                                                                                                                                                      PATRICK:
                                                                                             Patrick                                                  Schau Dir die Top-Läden in Hamburg an. Die
                                                                                                                                                      Hälfte kennt kein Mensch. Tripadvisor hat seinen

Hier spricht der Gast: „Leider saß mein Freund einem überdimensionalen, in allen Farben blinkenden Bullenkopf gegenüber, so dass es ihm schwer fiel, sich auf mich bzw. aufs Essen zu konzentrieren. (TripAdvisor, 14.1.2015)
INTERVIEW                                                                                                                                                                                         11

   Algorithmus nicht im Griff.

                                                                            „Ohne Patrick wäre ich längst pleite,
   TIM:
   Wenn da auf Platz drei in Hamburg ein
   Restaurant steht, von dem wir als Profis noch nie
   etwas gehört haben, stimmt etwas nicht.
   DREHEN WI R D EN S P I ES S D OCH M A L U M :
                                                                                   aber ohne mich hätte Patrick gar kein
                                                                               Geld, das er verwalten könnte.“
   I HR RE ZEN SI ERT D I E G ÄSTE. W ELCHE R TYP
   STÖ RT EU CH ?
   TIM:
   Ich mag keine Gäste, die reinkommen und sich                                                                                                            Tim
   sagen: „So, Tim Mälzer, jetzt testen wir Dich
   mal.“ Wer den Laden scheiße finden will, wird
   ihn scheiße finden. Wer mitmacht, wird einen gu-                                                                                             TIM „DIE G U TE BOTSCH A F T “ A N DER A LSTER ,
   ten Abend haben. Das ist wie bei einem Konzert.                                                                                              PATR ICK DAS „Ü BERQ U ELL“ A M H A FEN. WIESO
   Man muss ein bisschen mitwippen. Und wenn                                                                                                    MACHT IH R DIE R ESTAU R A NTS A LLEINE?
   einem Mitwippen nicht im Blut liegt, muss man                                                                                                TIM:
   sich halt einen ansaufen dafür. Dann wird es gut.                                                                                            Es gehört zu einer guten Partnerschaft dazu, dem
   Für einen selbst, für die Besucher neben einem,                                                                                              anderen Freiräume zu lassen. Das stabilisiert
   für die Leute vorne auf der Bühne.                                                                                                           die Beziehung. Aber es ist nicht so geil, wie ich
   PATRICK:                                                                                                                                     gedacht hatte. Das Regulativ fehlt, das Nervige
   Ich mag keine Angeber. Arrogante Typen, die das                                                                                              fehlt. Das muss ich ehrlich sagen.
   Personal von oben herab behandeln und besser-                                                                                                PATRICK:
   wisserisch überall ein Haar in der Suppe finden.                                                                                             Da ist auf eine Art was dran.
   TIM:                                                                                                                                         TIM:
   Schwarzes Sakko, weißes Oberhemd, Dreier-                                                                                                    Ich investiere das Geld manchmal ohne Sinn und
   BMW, bisschen viel Koks in der Nase, die Lippen                                                                                              Verstand.
   der Ehefrau ein bisschen zu dick. Die Klientel                                                                                               WAS U NTER SCH EIDE T DIE G U TE BOTSCH A F T
   sorgt für geile Umsätze, aber die wollen wir hier                                                                                            VO N DER BU LLER EI?
   nicht haben. Wir wollen gutes Geld verdienen,                                                                                                TIM:
   aber wir wollen authentisch und glaubwürdig                                                                                                  Tatsächlich die Alster. In der Guten Botschaft re-
   dabei sein.                                                           erst recht wollen wir nicht, dass sie sich hier ge-                    belliere ich gegen das Bild, das die Öffentlichkeit
   PATRICK:                                                              zielt abschießen lassen. Das stört andere Gäste.                       von mir hat. Meine Sehnsucht ist: mehr
   Wir verdienen hier gutes Geld, aber wir könnten                       E R N STH A F T? DAS R E STAU R A NT E I N ES                          Anerkennung in der gehobenen Liga.
   sicher mehr verdienen, wenn wir eine „Moët &                          P RO M I KO C H S, DAS P RO M I S N I C HT H OFIERT?                   WAS K A NNST DU IM Ü BERQ U ELL MACH EN,
   Chandon“-Lounge einrichten würden und eine                            PATRICK:                                                               WAS H IER NICHT G ING E, PATR ICK ?
   „Beck's“-Ecke. Das kommt für uns nicht in Frage.                      Wir behandeln Prominente gut, genauso gut                              TIM:
   TIM:                                                                  wie alle anderen Gäste, aber wir bieten ihnen                          Den Chef spielen.
   Wir beherrschen dieses Spiel auch einfach nicht.                      keine Plattform, sich als prominent zu inszenie-                       PATRICK:
   Das Grill Royal in Berlin ist ein Laden, der unse-                    ren. Manche Promis mögen gerade das. Philipp                           Mich vernünftig und erwachsen mit meinem
   rem nicht unähnlich ist. Aber die verkaufen pro                       Seymour Hoffmann, Gott hab ihn selig, war vier                         Geschäftspartner unterhalten.
   Woche sicher 150 Flaschen Champagner. Wenn                            Abende hintereinander hier, als er in Hamburg                          TIM:
   wir Glück haben, verkaufen wir die im Jahr.                           gedreht hat. Der wollte am Rand sitzen, der woll-                      Patricks Sehnsucht ist: mehr Credibility in der
   PATRICK:                                                              te nicht, dass die „Bild“ ihn fotografiert. So etwas                   roughen Szene. Credibility habe ich, weil ich ein
   In den Anfangsmonaten hat Tim die Musik immer                         schätzen wir. Justin Bieber hingegen hat vorher                        Assi bin. Deshalb muss ich im ÜberQuell nicht
   extra laut gedreht, damit die ganzen Schnösel                         gesagt, er wolle unauffällig am Rand sitzen, aber                      mitmischen.
   sich nicht wohlfühlen bei uns.                                        dann ist er mit Limousinen und fünf Leibwäch-                          K A NNST DU KO CH EN, PATR ICK ?
   TIM:                                                                  tern und einem Riesenaufwand eingeritten, damit                        PATRICK:
   Wir hatten am Anfang die übliche Posse hier.                          auch wirklich jeder sieht, dass er da ist.                             Ja, aber ich mach's super selten.
   Kein Wunder, es kamen ja einige Komponenten                           LASST UNS EINEN HAMBURGER GESINNUNGS-                                  TIM:
   zusammen: ein spektakulärer Raum, ein Fernseh-                        TEST MACHEN: ST. PAULI ODER HSV?                                       Patrick lebt in einem Ottolenghi-Haya-Molcho-
   koch, der Ex-Betreiber des hippen Beachclubs.                         PATRICK:                                                               Haushalt, Karotten mit Kreuzkümmel, ein
   Zu dieser Posse gehörte der Junior einer Reede-                       Pauli.                                                                 bisschen Couscous. Wenn Du bei ihm zum Essen
   rei, ein Pfosten vor Gottes Gnaden, immer geile                       TIM:                                                                   eingeladen bist: Iss was vorher!
   Weiber am Start, klar, aber dumm wie Schiffer-                        HSV.                                                                   PATRICK:
   scheiße. An einem Abend streckte er mir die                           PATRICK:                                                               Tim war genau ein Mal bei mir zu Hause.
   Hand entgegen und sagte: „Ich bin jetzt schon                         Pauli steht für Weltoffenheit, Kreativität, Vielfalt,                  TIM:
   zum fünften Mal hier, aber Du hast mir noch nie                       der HSV doch eher für alte Bräsigkeit und dicke                        Lass mich das so beschreiben:
   persönlich 'Guten Tag' gesagt.“ Ich hab die Hand                      Bäuche, Zigarren und Rotwein.                                          Patrick ist Agavendicksaft, ich bin Zucker.
   angeschaut, dann ihn und habe gesagt: „Frag                           TIM:                                                                   PATRICK:
   Dich mal, warum.“ Dann hab ich mich umgedreht                         Ich mag St. Pauli, die Stimmung im Stadion und                         Auf eine Art mag das stimmen. Das ist der
   und bin gegangen.                                                     im Stadtteil, auch die Haltung des Vereins. Aber                       Unterschied zwischen Pauli und HSV,
   DAS WAR MUTI G .                                                      das erste Stadion, in dem ich als kleiner Junge                        Agavendicksaft und Industriezucker.
   TIM:                                                                  mit meinem Vater war, war das Volksparkstadion.                        TIM:
   Das war vielleicht auch dumm, sicher war es                           Der HSV war damals der Verein, für den man war                         Ich hab einen der wenigen Hamburger
   grenzwertig. Wir haben sehr straighte Ansagen                         hier im Norden. Der coole Verein. Nur weil das                         Haushalte, in dem es noch eine Zuckerdose gibt,
   gemacht zu der Zeit. Ich erinnere mich noch an                        jetzt anders ist, lasse ich mir das nicht ausreden.                    auf der auch Zucker drauf steht.
   den Abend, an dem ein bekannter Hamburger                             Ich bin kein Wendehals.                                                WENN IH R ESSEN G EHT: G EHT IH R DA NN
   Architekt nebst Investor hier war. Die Hütte war                      PATRICK:                                                               SCH O N MA L IN DIE R ESTAU R A NTS DER
   bumsvoll, Samstagabend viertel vor acht. Aber                         Es gibt keinen HSV-Fan mit dreistelligem IQ, der                       A NDER EN H A MBU RG ER FER NSEH KÖ CH E?
   die beiden wollten den besten Tisch. „Es wird                         erst als Erwachsener HSV-Fan geworden ist.                             PATRICK:
   doch wohl möglich sein, uns an einen guten Tisch                      Zumindest nicht in den letzten fünf Jahren.                            Ich gucke keine Kochsendung im Fernsehen,
   zu setzen! Wissen Sie denn nicht, wer wir sind?“                      TIM:                                                                   aber die Restaurants der meisten Hamburger
   „Ich weiß, wer ich bin. Ich bin Koch, kein Tischler.“                 Ich bin HSV-Fan, weil es Spaß macht, damit                             Fernsehköche sind top.
   DI E N AMEN S OLL I CH V ER M UTLI CH NI C HT                         Menschen wie Patrick zu provozieren.                                   TIM:
   SCHREI BEN .                                                          PATRICK:                                                               Ich finde, dass Hamburg die Stadt mit den geilsten
   PATRICK:                                                              Im tiefsten Inneren würde Tim viel eher zu Pauli                       Fernsehköchen ist. Tarik Rose, Fabio Haebel,
   Die kommen eh nie wieder.                                             passen, aber das kann er nicht, weil er das                            Patrick Gebhardt, Stefan Henssler, Christian Rach.
   TIM:                                                                  Proletenimage pflegen muss. Aus der Assi-Num-                          WIE WIR D SICH DIE BU LLER EI IN DEN
   Das ist die Stärke der Bullerei. Wir sind im posi-                    mer kommt er nicht raus.                                               NÄCH STEN ZEH N JA H R EN V ER Ä NDER N?
   tivsten Sinne des Wortes Mainstream, unsere                           TIM:                                                                   WAS H A BT IH R VO R ?
   Gäste sind angenehm durchschnittlich.                                 Großes Stadion, dickes Konto.                                          PATRICK:
   PATRICK:                                                              Wir sind die Bayern der zweiten Liga.                                  Auch wir werden uns dagegen wehren müssen,
   Die Menschen da draußen verstehen nicht, wenn                         A LSTE R O DE R E LB E ?                                               ein etablierter Laden zu werden. Wir sind beide
   Du sagst, wir seien Mainstream. Unsere Ein-                           PATRICK:                                                               älter geworden, wir haben beide Familie. Es wird
   richtung, unsere Mitarbeiter, unsere Produkte:                        Elbe. Die Elbe ist viel rougher, die Hafencontai-                      nicht einfach.
   All das ist das Gegenteil von Mainstream. Aber                        ner, die Kräne, der weite Blick. Meeresduft und                        TIM:
   wir machen nicht auf dicke Hose. Wir haben der                        Möwen.                                                                 Wir sind keine Rookies mehr, aber die Flamme
   Presse zum Beispiel noch nie erlaubt, hier abends                     TIM:                                                                   ist noch da. Wir haben es gerade erst geschafft,
   Fotos zu machen. Egal, wer hier war. Boris Be-                        Elbe.                                                                  das beste Gericht der Bullerei-Geschichte zu
   cker. Jogi Löw. Til Schweiger.                                        PATRICK:                                                               kreieren, im zehnten Jahr! Ein Ei, darüber Kar-
   WI ESO N I CHT ?                                                      Tim sagt Elbe, hat aber ein Restaurant an der                          toffelpüree mit Butterbröseln, darüber warme
   PATRICK:                                                              Alster.                                                                Mayonnaise, darüber ein bisschen Kaviar für die
   Wir finden es assig. Wir wollen nicht, dass die                       I H R H A BT B E I DE N O C H E I N Z W E ITE S                        Salzigkeit. Sensationell! „Russisches Ei“ heißt es.
   Promis hier heimlich abgeschossen werden, aber                        RE STAU R A NT I N H A M B U RG:                                       Das fickt Deinen Gaumen. •

Hier spricht der Gast: „Das Ambiente ist spartanisch und sogar beleidigend billig (im Bistro: Möbel vom Sperrmüll, offensichtlich...).“ (Yelp, 4.7.2012)
12                                                                                                                                                                                   SCHWEINE-ARBEIT

   AREAL!“
   „Ein geiles

                       Ein Gebäude mit Geschichte sollte es sein – für ein Restaurant
                                       mit Charakter. Eine Location, kein Standort.

                                                                                                                                  NACHHER
                                                                                                                                  VORHER

                                                                                                                                                                                                    NACHHER
                                                                                                                                                                                                     VORHER

       P
                                            durch einen Tunnel unter                  Dächer abgetragen, hat alle
                                            der Lagerstraße hindurch                  kleineren Um- und Anbau-
                                            zum Schlachthof geführt                   ten entfernt – und so Innen-
                                            wurden. Drei Hallen hatten                höfe geschaffen. Schanzen-
                                            auf dem Gelände gestanden,                höfe heißt das Areal heute.
                                            eine musste irgendwann                        Die Bullerei war der ers-
                                            einer LKW-Waschanlage                     te Mieter, bezog 2009 den
                                            weichen, die beiden an-                   1000 Quadratmeter großen
                                            deren wuchsen zu einem                    Kopfbau, andere Mieter
   Patrick Rüther gurkte mal                Riesenkomplex zusammen,                   folgten: ein Musikkinder-
   wieder mit dem Rad durch                 180 Meter lang, 60 Meter                  garten, die Galerie Kappich
   Hamburg, als er auf die                  breit, 7 Meter hoch.                      & Piel, die Fernsehpro-
   Backsteinhallen im Schan-                    Jahrelang war unklar,                 duktionsfirma TeraVolt, die
   zenviertel stieß: ein Stück              was mit den Hallen gesche-                Kaffeerösterei Elbgold, die
   denkmalgeschützter Indus-                hen könnte, eine Option war               Ratsherrn Brauerei.
   triearchitektur, altehrwür-              ein überdachter Wochen-                       In der Bullerei erinnert
   dig, aber auch mächtig ma-               markt, eine andere Option                 noch manches an die alte
   rode, die Mauern besprüht,               hieß Abriss. Nun atmet das                Funktion der Gebäude: die
   die Scheiben eingeschlagen,              Areal wieder, hell, luftig,               Tische, die aus den Dach-
   drumrum Gestrüpp. „Ein                   großzügig. Eine Treppe                    balken einer alten Räucher-
   geiles Areal“, sagt Patrick.
   Ein Areal im Dornröschen-
                                            führt zur Schanzenstraße
                                            hinab und ins lebendige
                                                                                      kate gezimmert wurden; die
                                                                                      Toilettentüren, die auch als
                                                                                                                                Die erste Idee: Das
   schlaf.
       Früher einmal war hier
                                            Schanzenviertel hinein.
                                                Der Architekt Giorgio
                                                                                      Stalltüren ihren Dienst tun
                                                                                      könnten; die Betontröge, die              Restaurant sollte „Halle
   Vieh gehandelt worden,
   waren hier Schweine und
                                            Gullotta hat die beiden
                                            großen Hallen voneinan-
                                                                                      als Waschtische montiert
                                                                                      sind. 380 Quadratmeter ist                für Kälber und Versand-
   Kälber begutachtet und                   der getrennt, hat Mauern
                                                                                                                                schweine“ heißen.
                                                                                      der Hauptraum des Restau-
   verkauft worden, bevor sie               abgebrochen und Teile der                 rants groß, mit einer ein-

Hier spricht der Gast: „Die schwache Bewertung des Restaurants leitet sich aus Folgendem ab: Tim Mälzer war auch da. Auf einer Skala von 1—10 würde ich seine Arroganz mit 12 bewerten.“ (OpenTable, 2.12.2016)
HISTORIE                                                                                                                                                                                                    13

                                                                                                                     NACHHER
                                                                                                                     VORHER

                                                                                                                                              NACHHER
                                                                                                                                               VORHER

                                            sehbaren Küche als Herz-
                                            stück. 140 Quadratmeter
                                            umfasst das Bistro nebenan,
                      VORHER                „Deli“ genannt. Es hat den
                      NACHHER               Charme einer alten Bauern-
                                            stube: ein rustikaler Tresen,
                                            abgestoßene Kacheln an
                                            den Wänden, die Tische mit
                                            Farbresten bekleckst, die
                                            Stühle zusammengesucht
                                            aus Schulen, Kantinen,
                                            Behörden, an den Decken
                                            Fabriklampen.
                                                „Halle für Kälber und
                                            Versandschweine“ hieß der
                                            Gebäudeteil einmal, in dem
                                            heute die Bullerei residiert.
                                            Tim Mälzer hatte die Idee,
                                            auch das Restaurant so zu
                                            nennen: „Halle für Kälber
                                            und Versandschweine“.
                                            Ziemlich sperrig, ziemlich
                                            martialisch auch. Und die
                                            Kurzvariante „Versand-
                                            schwein“?
                                                Vegetarier wären wohl
                                            keine gekommen. •

Hier spricht der Gast: „Bedenkt man, dass die Norddeutschen bis vor gar nicht allzu langer Zeit überhaupt nicht kochen konnten, ist die Bullerei natürlich eine kleine Überraschung.“ (TripAdvisor, 21.11.2016)
A BIS Z
14                                                                                                                                                                     MUSS MAN NICHT WISSEN

  Bullerei von

  Was Sie schon immer über die Bullerei wissen

     a
  wollten - und sich nicht zu fragen trauten.

                                                                     d
                                                                                                        Meta Hiltebrand mit Küchenmeister

                                                                                                                                                                            J
                                                                                                        Ludwig Heer und die Konditoren-
                                                                                                        weltmeisterin Andrea Schirmaier-
                                                                                                        Huber mit Kochspezialist Ronny
                                                                                                        Loll. Das Motto: „schnell, einfach,

                                                                                                                        g
                                                                 DR ES S CO DE                          lecker“, ausgestrahlt auf RTL Plus.
                                                                                                                                                                            JOK ES
                                                     Ein Restaurantkritiker, der vor dem
                                                     Bullerei-Dinner einen Clown ge-                                                                       Hamburger gehen zum Lachen in
                                                     frühstückt hatte, empfahl seinen Le-                                                                  die Küche: „Brüllerei“ heißt ein Co-
            A H NE NG A LE RI E                      sern mal, nicht im Holzfällerhemd in                                                                  medy-Format, das Sebastian Merget
                                                     die Bullerei zu gehen. „Sonst könnte                    G AU NER, Ä H: GÄSTE                          und Andre Kramer im Studio der
  Philipp Rathmer, ein gefragter                     man mit dem Servicepersonal ver-                                                                      Bullerei organisieren. Mehr als zehn
  Mode- und Werbefotograf, lichtet                   wechselt werden.“                                  Die Bullerei serviert Fleisch auf ei-              Liveshows gab es bislang, zu den

                                                                       F
  einmal im Jahr die Mitarbeiter der                                                                    nem Brett mit einem eingelassenen                  Gästen zählte schon Atze Schröder.

                                                                                                                                                                         K
  Bullerei ab. Seine Fotos werden an                                                                    Magnet. Das ist praktisch für den
  die Wand rund um das Fenster zur                                                                      Gast, weil das Steakmesser nicht
  Küche geballert: ohne Rahmen, ganz                                                                    runterrutscht, aber auch praktisch
  pur und ungeschützt. Etwa alle zwei                                                                   für die Bullerei. Warum? Weil das
  Jahre müssen die Fotos neu aus-                                 FER NS EHEN                           Steakmesser eher da bleibt, wo es
  gedruckt werden. Die fettige Luft                                                                     hingehört. „Am Anfang wurde bei
  lässt sie gelb werden. Zu sehen sind               Neben dem Restaurant und dem Deli                  uns wahnsinnig viel geklaut“, sagt                                 K ICK ER
  übrigens aktuelle, aber auch ehema-                verfügt die Bullerei über das Studio,              Tim Mälzer. Messer, Teller, Gläser.
  lige Mitarbeiter, darunter manche,                 eine Mietlocation für Partys, Kon-                 Alles. Im ersten Jahr ging Besteck                 In den Anfangsjahren der Bullerei
  die es zu Küchenruhm gebracht                      zerte, Fotoshootings, etwa 110 Qua-                und Geschirr für 70000 Euro ver-                   standen manche Mitarbeiter täglich
  haben: Sven Wolf führt heute ein                   dratmeter groß. Im Studio wurden                   loren. „Ich war schon bei guten                    fünf Stunden am Kicker, am Flipper,
  Sterne-Restaurant in Kassel, Tho-                  und werden etliche Fernsehshows                    Freunden zu Hause eingeladen und                   am Spielautomaten, erinnert sich
  mas Imbusch eins in Hamburg.                       aufgezeichnet: in den Anfangstagen                 hab zufällig die Gläser mit dem                    Patrick Rüther, der sein Büro im

                                                                                                             H
                                                                                                        Bullerei-Logo im Schrank entdeckt.                 Raum neben Kicker, Flipper, Spiel-
                                                                                                        Alles Gauner!“                                     automat hatte. „Wenn das so weiter-
                                                                                                                                                           gegangen wäre, wären wir heute
                                                                                                                                                           pleite“, sagt Patrick. „Wenn das
                                                                                                                                                           damals nicht so losgegangen wäre,
                                                                                                                                                           hätten wir heute nicht den Team-
                                                                                                                                                           spirit, für den uns alle loben“, sagt
                                                                                                                                                           Tim. Was nichts daran ändert, dass
                                                                                                                                                           Kicker, Flipper, Spielautomat inzwi-
                                                                                                                                                           schen im Lager verschwunden sind.

                                                                                                                         HORST
                                                                                                        Das Fleisch kommt in der Bullerei in
                                                                                                        einem Einkaufswagen an die Tische.
                                                                                                                                                                             L
                                                                                                                                                                      (EIER)-LIKÖR
                                                                                                        Die Idee dazu hatte Horst. Horst
                                                                                                        war ein Landstreicher, ein Typ mit                 „Weißt Du, was der geilste Drink ist
                                                                                                        Rauschebart, der auf dem Gelände                   in der Bullerei?“, fragt Patrick und
                                                                                                        der Bullerei schlief und sich drinnen              antwortet sich selbst: „Der hausge-
                                                                                                        wusch. Er bekam zwei Essen am                      machte Eierlikör“. „Alles, was coole

                    B
                   B I E NE N
                                                     der Bullerei die ARD-Sendung „Tim
                                                     Mälzer kocht“, zuletzt der „Knife
                                                     Fight Club“ für Vox. Binnen einer
                                                     Stunde mussten zwei Spitzenköche
                                                                                                        Tag und dazu Getränke, er saß fast
                                                                                                        täglich am Tresen. Ein Stammgast,
                                                                                                        wenn man so will. Horst war eine
                                                                                                        Nervensäge, die sich schon mal über
                                                                                                                                                           Leute scheiße finden, finden wir in-
                                                                                                                                                           teressant“, sagt Tim. „Der Eierlikör
                                                                                                                                                           ist unser Signature-Drink.“ „Warum
                                                                                                                                                           featuren wir den nicht noch viel
                                                     aus drei Zutaten etwas zaubern. In                 die Qualität des Essens beschwer-                  mehr?“, fragt Patrick. Unser Tipp für
  Heimat, das war einmal Natur, das                  der Kocharena hautnah bei ihnen:                   te, Horst war ein Sexist, „ein biss-               den Anfang: ein neuer Name für die

                                                                                                                                                                              m
  war das Dorf in Abgrenzung von der                 rund 100 Zuschauer und eine Jury,                  chen wie Tim halt“, sagt Patrick.                  Karte: „Bullereierlikör.“
  Stadt, heute ist in manchen Städ-                  bestehend aus Tim Mälzer und dem                   Horst war ein guter Typ, ein Unikat,
  ten mehr Natur als in den Dörfern                  Berliner Sternekoch Tim Raue. Ein                  „definitiv ein fester Bestandteil der
  und wohl auch mehr Heimat, heute                   gut abgeschmecktes, würzig-schar-                  Bullerei-Crew“, sagt wieder Patrick.
  macht sich die Stadt zum Land: Bio-                fes Format. Seit Januar kocht Tim                  Horst fegte die Terrasse, sammel-
  läden, Bauernmärkte, Kräutergärten –               Mälzer nicht mal mehr im Fernse-                   te Kippen auf dem Gelände ein, im                          M E TTB RÖTCHEN
  und immer häufiger auch Bienen-                    hen selbst, er lässt kochen: Mälzer                Winter befeuerte er die Feuertonne
  stöcke. Die Bullerei hat drei auf                  produziert mit seiner Firma „tibool                vor dem Deli. Und einmal: Da lie-                  Was kochen Köche eigentlich für
  dem Dach. Weil das Dachfenster der                 Media“ die werktägliche Show „es-                  ferte der Landstreicher Horst den                  sich, während sie kochen? Meist
  Bullerei zu klein war, mussten sie                 sen & trinken – Für jeden Tag“. Im                 Geistesblitz für den Tranchierwagen.               nichts, weil die Zeit fehlt und oft
  per Kran nach oben gehievt werden.                 Studio der Bullerei kreieren zwei                  Eines Morgens, vor etwa eineinhalb                 auch der Appetit auf die exquisiten
  Dort stellen die Majas und Willies                 Teams Alltagsgerichte zum Nach-                    Jahren, lag Horst dann tot auf einer               Sachen, die sie vor der Nase haben.
  nun Bullerei-Honig her.                            kochen: die Schweizer Chefköchin                   Toilette. Rest in Peace, Horst.                    Vielleicht ist ja der Spruch falsch,

Hier spricht der Gast: „Empfang – gut aussehende Dame mit wenig Dienstleistungswillen. Trotz Bestellung für 21.00 Uhr war der Tisch erst nach 21.30 Uhr frei ...“ (OpenTable, 26.8.2015)
A BIS Z                                                                                                                                                                                 15

   dass das Auge mitisst, vielleicht isst             zahl und ein paar Worte in Fraktur-                 belasten.“ Wer bis 24 Stunden vor      ziehen. Dry aged beef ist besonders
   die Nase mit, und die Köche sind                   schrift, drumrum vielleicht noch                    seinem Termin absagt, bekommt das      zart und sensationell aromatisch,
   schon vom Kochen satt. Wobei das                   ein wenig Eichenlaub in Silber oder                 Geld zurück. Die anderen nicht. „In    ein Produkt mit Charakter,
   mittwochs und freitags nicht gilt,                 Gold. Je traditioneller, desto besser.              Deutschland traut sich das noch fast   Manufakturware.

                                                                                                                                                        W
   mittwochs und freitags beliefert                   Doch seitdem der Craft-Beer-Hype                    niemand.“ Die Bullerei ist groß und
   Michi Wagner die Bullerei, Ham-                    deutsche Großstädte im Griff hat,                   auch bekannt genug, um mit dem
   burgs bester Metzger. Er bringt stets              wandelt sich das Bild. Die Namen                    Phänomen umgehen zu können. Sie
   auch etwas Mett fürs Küchenteam                    der neuen deutschen Biere sind                      leistet sich zudem den Luxus, jeden
   mit. Während die Köche die Gäste                   oft wortverspielt, gerne mit einem                  Kunden am Vorabend der Reser-
   draußen à la carte versorgen, essen                internationalen Touch, die Etiketten                vierung noch mal anzurufen: Steht
   sie drinnen Mettbrötchen.                          sind bunt, schrill, ironisch, erinnern              sein Plan noch? Braucht er einen
                                                      manchmal mehr an einen Cartoon                      Tipp für die Anfahrt? Und dennoch         W EIHNACHTSLESEREI
                                                      als an ein Stadtwappen. Man könnte                  tauchen an manchen Abenden 15 bis

                    n
                                                      auch sagen, sie sehen aus wie der                   20 Personen nicht auf, an anderen      Seit drei Jahren organisiert die
                                                      Gastraum der Bullerei. Und so ist                   bis zu 40. Es ist die moderne Form     Bullerei jedes Jahr im Dezember
                                                      es vielleicht kein Zufall, dass Bulle-              der Zechprellerei.                     eine Lesung im Bullerei-Studio –
                                                      rei-Mitinhaber Patrick Rüther eine
                                                      zweite Leidenschaft pflegt: Craft
              N O S E TO TA I L                       Beer. Craft ist der englische Begriff
                                                      für Handwerk, Craft Beer ist ein
   Die Bullerei kauft alle zwei bis drei              Bier aus einer Kleinbrauerei. Seit
   Monate ein ganzes Schwein, fast                    zwei Jahren betreibt Rüther das
   jeden Monat ein ganzes Rind. Das                   ÜberQuell am Hamburger Hafen,
   Küchenteam verwertet die Tiere                     in dem fünf Biere gebraut werden,
   „from nose to tail“, von der Nase bis              jedes anders, jedes besonders. Das
   zum Schwanz. Unterstützt von Metz-                 Craft Beer von ÜberQuell steht
   ger Michi Wagner macht das Team                    selbstverständlich auch auf der Bul-
   sogar selbst Wurst.                                lerei-Karte. Heimat gestern: Das war
                                                      das deutsche Reinheitsgebot, ein
                                                      abgestecktes Revier. Heimat heute:
                                                      Das ist Craft Beer, ein bunter, viel-
                                                      fältiger, kreativer Kosmos.

                                                                          R
                                                             R ES ERVI ERU NG EN
                                                                                                                        S
                                                                                                                                                 ein Benefiz-Abend, erfunden und
                                                      Montags bis freitags sitzen zwei                                                           moderiert von Sebastian Merget.
                                                      Menschen von 10 bis 18 Uhr an der                                                          Aufgetreten sind u. a. schon Katrin

            P
                                                      Telefonhotline der Bullerei, um Re-                        S PERRHOL Z D ECK E             Bauerfeind, Jorge Gonzalez, Steffen
                                                      servierungswünsche anzunehmen.                                                             Hallaschka, Carolin Kebekus, Nova
                                                      Die persönliche Note, der Plausch,                  Die Decke des Restaurants erstrahlt    Meierhenrich, Sky Du Mont, DJ
                                                      die Plauderei ist Teil des Konzepts –               in Sperrholz-Optik. Was in Berlin      Mousse T, Uwe Ochsenknecht, Ronja
                                                      am Abend selbst, aber auch schon                    vermutlich als Konzept verkauft        von Rönne und Thees Uhlmann.

                                                                                                                                                              X
                                                      davor. Reservierungen nimmt die                     würde, als pur und clean, nachhaltig
                                                      Bullerei für maximal drei Monate                    und ökologisch, shabby chic, das
                                                      im Voraus an, manche Tische wer-                    nennt der nüchterne Hanseat beim
                                                      den pro Abend zwei Mal vergeben,                    Namen: „Die Decke sollte eigentlich
                                                      Frühschicht und Spätschicht. Das                    gestrichen werden, aber das haben
              P RO MI B O NU S                        erste Seating, so nennt das der                     wir vor Eröffnung nicht rechtzeitig           XAV IER NA ID OO
                                                      Fachmann, ist um 18 Uhr. Nun könn-                  hinbekommen“, sagt Betriebsleiter
    „Wird Tim auch da sein?“ Das ist die              te man meinen: 140 Plätze, doppelt                  Tom Roßner. Um nach Eröffnung          Kitty Daisy & Lewis, Flo Mega &
   Frage, die Mitarbeiter der Reservie-               gebucht, einmal um 18 Uhr und                       noch mal einen Anlauf zu starten,      The Ruffcats, Sasha und Selig, Mo-
   rungshotline am häufigsten hören.                  einmal um 20.30 Uhr – das macht                     ist der Hanseat hingegen zu ge-        ses Pelham und Samy Deluxe, Roger
   Ihre Antwort: „Wenn Tim in Ham-                    280 Gäste an einem idealen Abend.                   schäftstüchtig: Alle Tische müssten    Cicero und Gentleman, Udo Linden-
   burg ist, ist er auch in der Bulle-                Aber die Rechnung geht nicht auf:                   raus, ein Hubwagen rein. Dann doch     berg, Olli Dittrich, Thees Uhlmann,

                                                                                                                      t
   rei, wenn er in Hamburg ist, ist er                140 Gäste gleichzeitig – das würde                  lieber pur und clean, nachhaltig und   die H-Blockx: Sie alle und noch vie-
   immer da.“ Was weniger daran liegt,                jede Küche überfordern und jeden                    ökologisch, shabby chic.               le mehr waren in den vergangenen
   dass Tim Mälzer sein Büro oben im                  Zapfhahn überlaufen lassen. Das                                                            zehn Jahren da, live und unplugged
   Gebäude hat (böse Zungen behaup-                   Reservierungssystem für eine Wirt-                                                         im Restaurant der Bullerei. Der
   ten, dass er den Weg dahin alleine                 schaft ist eine kleine Wissenschaft.                                                       allererste, der auftrat, hieß Xavier
   gar nicht finden würde), sondern                   Umso ärgerlicher ist es, wenn Gäste                                                        Naidoo. Er begründete eine kleine
   daran, dass er fast alle seine Ham-                ihre Reservierung verfallen lassen,                                                        Tradition. Der Deal seither: Die Mu-
   burger Termine, Meetings, Inter-                   ohne vorher abzusagen. Die soge-                                                           siker bekommen Essen und Trinken
   views unten im Gastraum ansetzt.                   nannten No-Shows sind weltweit ein                                                         frei, aber keine Gage. Es geht um
   „Tim mag es, von Gästen angespro-                  wachsendes Phänomen. „Das ist ein                                                          den Lagerfeuer-Moment, um die
   chen zu werden“, sagt Bullerei-Be-                 Riesenproblem für Leute mit einem                                                          Klassenfahrt-Stimmung, den Spirit.
   triebsleiter Tom Roßner. „Und wenn                 kleinen Laden“, sagt Patrick Rüther.                                                       Blues-Brothers-Style. Die Bullerei
   es mal einen komplizierten Tisch                   „Gute Restaurants in den USA                                                               verkauft keine Tickets für die Kon-
   geben sollte, geht Tim hin und be-                 und auch in Südafrika sind daher                          TRO C K ENSCHRA NK               zerte. Wer an dem Abend im Res-
   sänftigt alle.“ Man könnte sagen,                  längst dazu übergegangen, bei der                                                          taurant sitzt und isst, wird vielleicht

             Q
   Mälzer ist sein bester Kellner.                    Reservierung die Kreditkarte zu                     Die besten Steaks liefert Rind-        überrascht, weshalb die Musiker
                                                                                                          fleisch, das trocken am Knochen        stets erst nach dem Dessert begin-
                                                                                                          gereift ist: sogenanntes „dry aged     nen. Am Ende des Abends sind viele
                                                                                                          beef.“ Der englische Ausdruck          Musiker rotzevoll, bräsig und breit
                                                                                                          täuscht: Dry aging ist kein modi-      im Kopf, manch einer soll schon vier
                                                                                                          sches Marketing-Chichi, das Ver-       Lieder gleichzeitig gesungen ha-
                                                                                                          fahren hat eine lange Tradition. Dry   ben, behauptet Tim. Und die Gäste?
                                                                                                          aging ist alte Metzgerkunst. Früher    Singen meist mit – auf den teuren
                                                                                                          hängten die Metzger das Fleisch am     Paul-Smith-Polstern stehend.

                                                                                                                                                             Z
                                                                                                          Knochen auf und ließen es wochen-
                                                                                                          lang an der Luft reifen, heute hängt
               ÜB E RQ U E LL                                                                             Fleisch für gewöhnlich vakuumver-
                                                                                                          packt in einer Kältekammer, kosten-
   Heimat ist da, wo einem das Bier                                                                       optimierte Massenware. Das geht
   schmeckt. Das ist die Regel, auf die                                                                   schneller, das produziert weniger
   man sich in Deutschland bis heute                                                                      Abfall, aber es produziert auch
   einigen kann. Bier ist das lokal-                                                                      weniger Geschmack. Im Kamin-                      Z EITUNGEN
   patriotische Produkt schlechthin,                                                                      zimmer der Bullerei steht daher ein
   Folklore in Flaschen. Bis vor einigen                                                                  Trockenschrank, in dem Fleisch bei     Zum Start der Bullerei 2009 be-
   Jahren war daher völlig klar, wie                                                                      17 Grad langsam vor sich hinreift.     richteten viele Journalisten. Unsere
   ein Bieretikett auszusehen hat: ein                                                                    Unten im Schrank liegen Salzsteine,    Lieblingsüberschrift: „Tim Mälzers
   lokales Hoheitszeichen, eine Jahres-                                                                   die Feuchtigkeit aus dem Fleisch       neuer Stall“ (Welt am Sonntag).

Hier spricht der Gast: „If u wanna see the local bourgoisy in a noisy environment, go here!“ (OpenTable, 7.11.2013)
16                                                                                                                                                                 HERR UHLMANN GEHT AUS

                                                                                                                                                     Drei kulinarische
                                                                                                                                                      Punks testen die
                                                                                                                                                        Bullerei, allen
                                                                                                                                                    voran der Musiker
                                                                                                                                                     und Schriftsteller
                                                                                                                                                      Thees Uhlmann.
                                                                                                                                           men als erstes Brot, dessen Kruste so hart und
                                                                                                                                           dick ist, dass man damit Scheiben einschmeißen
                                                                                                                                           könnte. Der Teig ist so sauer und luftig, dass es
                                                                                                                                           Sauerteigbrot sein muss. Ein guter Satz für eine
                                                                                                                                           Restaurantkritik. Das Brot schmeckt herrlich und
                                                                                                                                           wie vor 150 Jahren. Dazu gibt es eine Salsa, die
                                                                                                                                           grün ist. Das haben wir sofort herausgeschmeckt.
                                                                                                                                           Ich trinke ein Bier, weil ich aufgeregt bin, die
                                                                                                                                           beiden anderen trinken Wasser, weil sie ihre
                                                                                                                                           Geschmacksknospen nicht aufregen wollen. Wir
                                                                                                                                           bekommen einen Gruß aus der Küche. „Die sollen
                                                                                                                                           nicht grüßen, die sollen kochen“, sage ich em-
                                                                                                                                           pört. Timo, der Koch, sagt, dass das ganz normal
                                                                                                                                           ist, wenn die Leute in der Küche nett sind. Es ist
                                                                                                                                           ein Spargelsüppchen, fast schaumähnlich, auf
                                                                                                                                           dessen Oberfläche ein Öl schwimmt, dessen Na-
                                                                                                                                           men ich vergessen habe. Leute, die keine Suppen
                                                                                                                                           mögen, sollten sich sowieso einer psychologi-
                                                                                                                                           schen Untersuchung unterziehen. Meine Mei-
                                                                                                                                           nung. Dann kommt ein Lachs, der es offensicht-
                                                                                                                                           lich nicht zum Laichen und Sterben nach Hause
                                                                                                                                           geschafft hat, sondern dankenswerterweise auf
                                                                                                                                           unsere Teller. Zitronesk gebeizt teilt er den Teller
                                                                                                                                           zu beiden Seiten in jeweils einen kleinen See aus
                                                                                                                                           Buttermilchschaum und Pinienkern-Basilikum-
                                                                                                                                           creme. „Alter, die Kloppies aus der Küche haben
                                                                                                                                           ein Stück Rhabarber unter dem Lachs vergessen!
                                                                                                                                           Mann, Mann, Mann!“ „Bei mir auch!“ „Und bei
                                                                                                                                           mir auch!“ „Hmm, vielleicht doch kein Zufall!“
                                                                                                                                           Super hat das geschmeckt. Einfach toll. Sogar der
                                                                                                                                           Kerbelstrauch, der obendrauf lag, wurde mitge-
                                                                                                                                           gessen. Der nächste Gang ist ein lauwarmer Pak
                                                                                                                                           Choi Salat mit Aioli-Eiern und gerösteten, ge-
                                                                                                                                           crumbelten Pekannüssen. Dazu muss es natürlich
                                                                                                                                           einen Weißwein geben. Man denkt ja immer, dass
                                                                                                                                           Gemüse nur halb so gut ist, wie es im Endeffekt
                                                                                                                                           wirklich ist. Aber das hier ist richtig gut. Die Aio-
  Unser Rezept für den Abend ist schon mal per-                        Computer, suchen meinen Namen, finden ihn                           li ist so stark, dass danach an Knutschen nicht zu
  fekt: Mich begleiten die beiden Böden, Timo                          nicht, schauen sich an und sagen: „Der Tim halt!                    denken wäre. Der Pak Choi ist so sanft gegart, als
  Bodenstein und Michael Bodenmüller.                                  Dann kommt mal mit!“ Wenn man in einem Res-                         würde man auf Seide kauen. Und gebratene Nüs-
     Ein Traum, den ich immer noch habe: Mit                           taurant schon in den ersten 20 Sekunden eine                        se findet eh jeder geil. Deswegen gibt es Firmen
  beiden nach Bayern in den Urlaub zu fahren, um                       flache Hierarchie spürt, ist das ein gutes Zeichen.                 wie „Chio“ oder „Ültje“. Dann kommt der Gang,
  dort ein Bild von ihnen vor dem Ortsschild von                       Da kann man als Gast loslassen, da braucht man                      den man sich meinetwegen sparen kann. Je älter
  „Bodenmais“ zu machen.                                               keine Angst zu haben, dass man wie Zuhause                          ich werde, desto weniger Freude habe ich, wenn
     Michael Bodenmüller war mein erster Mit-                          die ganze Zeit angeschrien wird. Wir bekom-                         im TV Menschen auf die eine oder andere Art
  bewohner in Hamburg. Wir zogen zusammen in                           men einen Eckplatz, die Bank ist weich und hart                     und Weise umgebracht werden. Ich verdamme
  eine Zwei-Zimmer-Parterrewohnung in der Oe-                          gleichzeitig. Hier kann man für viele Stunden                       nicht, dass es das gibt. Ich möchte das nur nicht
  verseestrasse, Schalke 04 wurde Europacup-Sie-                       verweilen, auch wenn man seine Thrombose-                           mehr sehen. Und irgendwie empfinde ich beim
  ger, und Tim Mälzer war noch nicht im Fernse-                        strümpfe vergessen hat. Der erste Blick fällt auf                   Fleischessen dasselbe. Aber es schmeckt na-
  hen. Die Älteren unter uns mögen sich erinnern.                      die riesige Kunst in der Bullerei. Ich meine “rie-                  türlich wunderbar, das Rindfleisch ist perfekt
  Der andere Boden ist Timo Bodenstein, ein alter                      sig“ nicht als Bewertungskriterium, sondern als                     gebraten und gegart. Die Bedienung macht einen
  Freund aus Hemmoor. Unsere Eltern waren Kol-                         Größenangabe. Was Wenige wissen: Tim Mälzer                         Fehler, denn sie sagt, dass Ofenkartoffeln dabei
  legen, später wurden auch wir es. Er war Schlag-                     ist Kunst-Aficionado. Ich selbst sah ihn mal in der                 sind. Sind es aber gar nicht. Es sind angebrate-
  zeuger bei unserer Band „Tomte“, spielt jetzt bei                    Millerntor Gallery, als er wie von Sinnen auf ein                   ne Grießnockerln! Wir freuen uns wahnsinnig,
  der Band „St. Emmi“. Außerdem ist er gelernter                       Werk bot, das aus einem in ein Holzbrett geschla-                   dass wir etwas rausgeschmeckt haben. Vielleicht
  Koch – genial für eine Gastrokritik.                                 genen Nagel bestand, der Titel: „Phalanx des öst-                   war das auch einfach Absicht, das Kalkül: die
     Zieh dich warm an „Bullerei“. Hier kommt                          lichen Wendekreises“. „Find ich geil!“, sagte Tim.                  Kritiker mit einem Erfolgserlebnis besänftigen.
  die dreigliedrige Speerspitze der kulinarischen                      „Muss ich haben!“ In der Bullerei starren wir auf                   Der Nachtisch heißt „Schokoladen-Mousse-Eis
  Punks.                                                               ein vier mal vier Meter großes Einhorn. Ich hatte                   an Chorizo-Marmelade“. Nein, ich habe mich
     Ich koche selber ganz gern, besonders für                         in den letzten neun Jahren wegen meiner Tochter                     nicht verschrieben. Schokolade mit spanischer
  andere. Wenn ich nur für mich allein koche,                          sehr viel mit Einhörnern zu tun. Ich weiß, dass                     Wurst. Wahnsinnig witzig, wenn man das isst
  scheint es, als würde ich jegliches Können ver-                      die eleganten muskulösen Einhörner Einhörner                        und denkt: „Sowas mache ich Zuhause jetzt auch
  lieren. Neulich wollte ich mir Curryreis kochen,                     heißen, und die dicken, niedlichen Unicorns. Ich                    mal.“ Macht man eh nicht, aber es schmeckt so
  mit Bananen, Nüssen, Zwiebeln und so Krams.                          weiß, dass sie Regenbögen kotzen und kleine                         harmonisch und wild zusammen, als ob es schon
  Es war völlig geschmacksneutral und gleich-                          Pakete kacken. Deswegen möchte ICH so etwas                         immer so geplant war. Timo, der Koch, sagt, dass
  zeitig höllisch scharf. Vielleicht ist Umami die                     nicht beim Essen sehen. Aber die Bullerei ist                       ein guter Service fast 50 Prozent zu einem gelun-
  fünfte Geschmacksrichtung, ich habe am Tag des                       eben nicht für mich da, sondern für alle Men-                       genen Abend beiträgt. Wenn das Essen nur bei
  Curryreises die sechste erfunden und sie heißt                       schen. Gleich fällt meinen Begleitern und mir ein                   80 Prozent wäre, dann wären wir bei der Bullerei
  „sinnlos“!                                                           imaginäres Telefongespräch zwischen zwei Bay-                       unterm Strich also bei 130 Prozent. So gut ist das
     Ich vermisse die alten Dinge. Ich vermisse                        ern ein: „Du, Alois! Servus. I woa am Wuchenend                     da. Wir hatten acht verschiedene Oberinnen und
  Dénes Törzs im Abendprogramm des NDR, weil                           in Hamburg, beim Mälzer Tim. Woist was innam                        Ober und alle waren kompetent-freundlich, un-
  er auch schon einem Achtjährigen beibringen                          Restoro drinna steht? A Ainhorn! Doch, wo ich’s                     devot bemüht.
  konnte, was elegant, vornehm und gebildet ist.                       doch soog. A richtiges Ainhorn. No ja halt nicht a                      Man sagt ja gerne mal: „Friede den Hütten
  Ich vermisse „Am Abend vorgelesen“ mit Hans                          echtes, aber ans aus, jo, was war dis glaich?                       und Krieg den Palästen!“ Tim Mälzer hat es mit
  Joachim Kulenkampff. Und ich vermisse es, in                         Plastik oder Porzellan. Des worra Wahnsinn. Des                     seinem Team geschafft, einen leistbaren Palast
  Restaurants nett begrüßt zu werden.                                  musst du dir mal beim Seppl Fritz inna Wirts-                       für Leute zu bauen, die sonst viel Angst um ihre
     „Tim hatte mir einen Tisch reserviert“, sage                      stuben vorstellen beim Doppelkopf. Des wärra                        Hütte haben. Und ich finde das, gerade in diesen
  ich am Eingang der Bullerei. „Auf den Namen                          Wohnsinn.“ Und so was finde ich schön. Wir                          Zeiten, wunderbar und wichtig. Happy Birthday,
  Uhlmann!“ Die beiden Damen gucken in ihren                           bestellen das Überraschungsmenü und bekom-                          alter Freund. •

Hier spricht der Gast: „Der Kartoffelbrei kam mutmaßlich von Pfanni, der Krautsalat erinnerte mich an Reisen in die DDR in den 80iger Jahren.“ (Yelp, 9.11.2010)
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