WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA

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WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA
JUNGE
      WIRTSCHAFT
                     Das Magazin der
                   Wirtschaftsjunioren
                         Deutschland
                               #05_2017
                           3,10 € B59654

DIE NEUE
TANTE EMMA
WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA
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 FORD
(BOSCH)
  folgt
WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA
Junge Wirtschaft #05-2017                                                                                                EDITORIAL   3

SCIENCE-FICTION WAR
GESTERN, JETZT KOMMT
DIE DIGITALISIERUNG
LIEBE JUNIORINNEN,
LIEBE JUNIOREN,

George Lucas ist zweifelsohne ein Pro­                    »Altbekanntes und                    unseren Werten, unserer Zukunftsoffen­
duzent mit viel Fantasie. In den 70ern hat                                                     heit und unserem Mut haben wir den
er Millionen Menschen mit seinen „Star            Bewährtes wird nicht mehr                    Anspruch, nicht den Status Quo zu erhal­
Wars“-Filmen begeistert – kaum auszu­                  revolutioniert, es wird                 ten, sondern die Zukunft mitzugestalten.
denken, was aus Luke Skywalker gewor­                                                          Möge die Macht mit uns sein.
den wäre, hätte man damals schon die                  radikal infrage gestellt,
,Macht der Digitalisierung‘ gekannt?             aufgegeben und zerstört, um
      Virtual Reality, Artificial Intelligence
 und Internet of Things sind nur einige
                                                  neuen Ideen und Produkten
 Trends des digitalen Jahrhunderts, die                    Platz zu machen.«
 derzeit rasant die Welt verändern. Gerade
                                                                       ALEXANDER KULITZ
 aber kratzen wir nur an der Spitze des
­Eisberges. Wer meint, die Verbreitung des
 Smartphones wäre schnell gegangen,
 der sollte sich besser anschnallen! Welche      forming“ durchzusetzen. Was passiert
 Technologien in den kommenden Jahren            aber, wenn Google, Facebook und Apple
 die Welt in nie gekannter Geschwindigkeit       oder die in Europa kaum bekannten Platt­
 verändern werden, lässt sich kaum mehr          formen von Tencent, Alibaba und Baidu
 prognostizieren. Zu Recht reden wir nicht       mehr Macht über die ­Bürger haben als der
 mehr von der „digitalen Revolution“, son­       Staat? Wären die Menschen überhaupt
 dern von „Disruption“: Altbekanntes und         bereit, auf den Luxus der neuen Techno­
 Bewährtes wird nicht mehr revolutio­            logien zu ver­zichten, um das Gewaltmono­
 niert, es wird radikal infrage gestellt, auf-   pol des ­Staates zu erhalten? Ich glaube es
 gegeben und zerstört, um neuen Ideen            kaum! Deshalb müssen wir Wege für ein
 und ­ Produkten Platz zu machen. Aber:          modernes Staatswesen finden.
 Die Digitalisierung bietet nicht nur un-             Eine weitere Herausforderung gilt
 geahnte Chancen, sondern auch unge­             es zu meistern: Die westliche Welt ent­
 ahnte Risiken. Unser Denken, unser              wickelt neue Technologien und nutzt die
 Staatswesen, unser gesellschaftlicher Um-       Chancen der Digitalisierung. Gleichzei­
 gang sind der neuen Welt noch lange             tig greifen in den Entwicklungsländern        Mit herzlichen Grüßen
 nicht gewachsen. In dem Maß, in dem             Hunger, Krankheit und Perspektivlosig­
 wir neue Techno­    logien entwickeln und       keit um sich. Wachsender Protektionis­
 anwenden, müssen wir auch unsere Ge-            mus und nationalstaatliches Klein-Klein
sellschaft weiterent­wickeln. Mit ordnungs-      sind sicher nicht der Weg, um dieses Pro­
 politischem, nationalstaatlichem Sicher­        blem zu lösen. Richtig eingesetzt bietet
 heitsdenken aus dem 20. Jahrhundert wird        die ­Digitalisierung ungeahnte Chancen,
 die Transformation ins digitale Zeitalter       die Weltbevölkerung zusammenzuführen
 nicht gelingen. Heute schon schaffen wir        statt sie zu spalten.                         Alexander Kulitz
 es kaum noch, das Staats­monopol gegen-              Als Wirtschaftsjunioren freuen wir       Bundesvorsitzender
 über dem neuen Kartell-Phänomen „Plat-          uns auf das digitale Jahrhundert. Mit         der Wirtschaftsjunioren Deutschland
WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA
4 INHALT                                                                      Junge Wirtschaft #05-2017

_ Schwerpunkt                   _ Wirtschaftsleben                _ Unser Verband

   6 Der Leitartikel:            16 Gesichter der                  24 Aktuelles aus dem
   Der Supermarkt der Zukunft    Jungen Wirtschaft:                Bundesvorstand:
                                 Ein absoluter Netzwerkexperte     Wirtschaftsjunioren
   10 Feature:                                                     Deutschland richteten
   Wann erklären uns             20 In der Kantine mit:            G20-Jungunternehmer-
   die Maschinen den Krieg?      Claudia Vogt, Direktorin          gipfel aus
                                 Gewerbe- und Großkunden-
   14 Datenschutz:               geschäft der Ford Werke GmbH      28 Trainingsakademie:
   Was Unternehmen künftig                                         Viel Tatkraft bei der
   beachten müssen                                                 German Academy

                                                                   30 WJ international:
                                                                   Wirtschaftsjunioren Frankreich

                                                                   32 Unternehmertum:
                                                                   Netzwerke stärken beim
                                                                   Unternehmerinnenevent

                                 Claudia Vogt, Ford Werke GmbH,
                                 und WJD-Bundesvorsitzender
   ©
       sarah5/iStockphoto.com    Alexander Kulitz
                                 ©
                                   WJD/Olaf-Wull Nickel

                                                                   G20-Jungunternehmergipfel im
                                                                   Haus der Deutschen Wirtschaft
                                                                   ©
                                                                     WJD/Jens Schicke
WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA
Junge Wirtschaft #05-2017                                                                               INHALT      5

                                                                  JUNGE
  _ Junioren vor Ort                 _ Service                    WIRTSCHAFT
                                                                  Impressum
                                                                  Magazin der Wirtschaftsjunioren Deutschland

      36 WJ Limburg-Weilburg-Diez:    41 Neues aus der            Herausgeber
                                                                  Wirtschaftsjunioren Deutschland e.V.
      Doppel-Landeskonferenz          Geschäftsstelle:            Breite Straße 29
                                      Termine 2017 und Weiteres   10178 Berlin
      37 WJ Dortmund
                                                                  Redaktion
      Kreis Unna Hamm:
                                                                  Eva Siegfried (Chefredakteurin)
      Gründertag „Ruhrpott                                        Thomas Usslepp (Pressesprecher)
      Legenden“                                                   Melanie Vogelbach
                                                                  (Bundesgeschäftsführerin,V.i.S.d.P.)
      38 WJ Bayern:                                               Wirtschaftsjunioren Deutschland e.V.
                                                                  Breite Straße 29
      „Make a Difference Day“                                     10178 Berlin
      voller Erfolg                                               Tel. 030 20308-1520
                                                                  jw@wjd.de
                                                                  www.wjd.de
      39 Kurzmeldungen:
      WJ-Projekte aus ganz                                        Namentlich gekennzeichnete Arti­kel geben nicht
      Deutschland                                                 unbedingt die Meinung der Redaktion wieder.

                                                                  Abbildungen
                                                                  Cover: sarah5/iStockphoto.com,
                                                                  S. 3, 9: WJD/Thomas Imo,
                                                                  S. 6: 32 pixels/shutterstock.com,
                                                                  S. 8: Markus Rall, S. 24/25: WJD/Jens Schicke
                                      ©
                                          WJD
                                                                  Bezugspreis
                                                                  3,10 € pro Ausgabe, inkl. MwSt.
                                                                  Jahresabonnement 18,60 €
                                                                  (6 Ausgaben plus Versandkosten)

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                                                                  Rahmen der Mitgliedschaft ohne Erhebung einer
                                                                  besonderen Bezugsgebühr zugestellt. Sie erscheint
                                                                  sechsmal im Jahr. Nachdruck oder Vervielfältigung
      Gründertag im Dortmunder U                                  einzelner oder aller Beiträge in jedweder, auch
      ©
        Stephan Schütze                                           digitaler, Form und deren Verbreitung sind nur
                                                                  mit ausdrücklicher und schriftlicher Genehmigung
                                                                  des Herausgebers zulässig.

                                                                  Verlag
                                                                  Bosch-Druck GmbH
                                                                  Festplatzstraße 6 ∙ 84030 Ergolding
                                                                  Tel. 0871 76050
                                                                  www.bosch-druck.de

                                                                  Anzeigen
                                                                  Christine Schenkenbach
                                                                  Bosch-Druck GmbH
                                                                  Festplatzstraße 6 ∙ 84030 Ergolding
                                                                  christine.schenkenbach@bosch-druck.de
                                                                  Tel. 0871-7605-98
                                                                  www.bosch-druck.de

                                                                  Derzeit ist die Anzeigenpreisliste Nr.1 gültig.

                                                                  Beilage
                                                                  Weitere Informationen zur Beilage im Heft
                                                                  unter www.schultz.de

                                                                  Grafik
                                                                  Karin Gran

                                                                  Auflage
                                                                  11.000 Exemplare

                                                                  Druck
                                                                  Bosch-Druck GmbH
                                                                  Festplatzstraße 6 ∙ 84030 Ergolding
WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA
DER SUPERMARKT
DER ZUKUNFT

Lange schien die Digitalisierung des Handels vor allem E-Commerce,
den Verkauf von Waren im Internet, zu bedeuten. Zunehmend
aber tut sich auch offline etwas und die Vorteile, die das analoge
Einkaufserlebnis bietet, werden um die Vorzüge digitaler
Technologien erweitert. Ein Einblick in den Supermarkt der Zukunft.
WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA
Junge Wirtschaft #05-2017                                                                  DIGITALISIERUNG | SCHWERPUNKT               7

Der Einkaufszettel liegt zu Hause auf dem     matisierung von Prozessen und vor allem        „Wenn ich dich nicht hätte, Sam. Dass ich
Küchentisch – gleich neben dem Porte-         die Kommunikation zwischen Maschinen           versprochen hatte, den Grill anzuwerfen,
monnaie. In dem wäre auch die Ein-Euro-       unser Einkaufsverhalten verändern wer-         hatte ich ganz vergessen! Habe ich alles im
Münze für den Einkaufswagen. Dann             den und was durch Standards und digitale       Haus oder muss ich einkaufen?“ Sam
wenigstens Pfand wegbringen. Warten an        Technologien in der Welt des Handels           kommuniziert mit der smarten Küche,
der Schlange vor dem Automaten. Drei          möglich ist. Einige Technologien sind          denn natürlich ist er mit dem Kühl-, dem
Kunden und eine halbe Ewigkeit später         schon heute in Supermärkten im Einsatz,        Gefrier- und dem Vorratsschrank ver-
endlich an der Reihe. Nachdem die erste       zum Beispiel Kassen, bei denen der Kunde       netzt. Diese erkennen, was fehlt und mel-
Flasche gerade verschwunden ist, blinkt       die Ware selbst scannen und zahlen kann.       den es Sam. Sam: „Ketchup und Senf sind
die Meldung auf: „Automat ist voll“. Es       Technisch seien die einzelnen Komponen-        noch da, Grillfleisch fehlt. Mach‘ doch
tutet ohrenbetäubend durch den ganzen         ten und Vorgänge der Einkaufstour im           einen Salat dazu!“ Du: „Einverstanden.“
Supermarkt. Niemand kommt, um den             Supermarkt der Zukunft ohnehin längst          Sam: „Okay, dann setze ich Grillfleisch,
Automaten zu leeren, denn die Mitarbeiter     machbar, sagt Haas-Hamannt. Nur deren          Kopfsalat, Tomaten und Gurken zu dei-
sitzen an der Kasse, erläutern einem Kun-     Vernetzung sei noch Zukunfts­musik. Wie        nem Lieblingsmüsli auf die digitale Ein-
den die einzelnen Zutaten eines Müslis        aber könnte diese Zukunft aussehen?            kaufsliste. Und, äh, aus Erfahrung … also
oder die Herkunft und den Transport-                                                         … Ich empfehle, für den Grillabend noch
weg der Tomaten. Kein ungewöhnliches          2025: Einkauf beginnt zu Hause                 einen Kasten Bier zu kaufen.“ Du: „Unbe-
Supermarkt-Szenario – zumindest nicht         Innerhalb der Kölner Erlebniswelt symbo-       dingt. Bitte bestelle ihn online und lasse
im Jahr 2017.                                 lisieren vier Räume – Home Base, Smart         ihn direkt nach Hause liefern, Sam. Jetzt
     Im Supermarkt der Zukunft hingegen       Kitchen, Urban Area und The Shop – die         muss ich aber los.“ Sam empfiehlt dir
kennt der Kunde all diese Probleme nicht      vier Phasen, in welche die Einkaufstour        einen Supermarkt.
mehr. Es gibt diesen Supermarkt schon         der Zukunft unterteilt wird. Und die erste
heute, er steht in Köln-Braunsfeld. Nur       Phase, die sogenannte Pre-Store-Phase,         Shoppen unterwegs
einkaufen kann man dort nicht. Es ist kein    beginnt bereits in den eigenen vier Wän-       Der Weg zum Supermarkt führt an einer
echter Supermarkt mit echten Kunden und       den. Siri und Alexa sind nur die Vorboten      Bushaltestelle vorbei, an der ein internet-
echten Waren, sondern ein 150 Qua­            des Geräts, das künftig in jedem Wohn-         fähiger Flachbildschirm hängt. Du rufst
dratmeter großer nachgebauter Markt im        zimmer steht und die digitale Existenz         einen Online-Store auf und bestellst eine
„Knowledge Center“ des Kölner Unter­          eines jeden verwaltet: Termine, Mails,         Grillschürze, die direkt zum Paketabhol-
nehmens GS1. Das Unternehmen begleitet        Filme, Musik, Online-Shopping. Nennen          fach gleich neben dem Haus, in dem du
die Entwicklung branchenübergreifender        wir diesen digitalen Assistenten einfach       wohnst, geliefert wird. Auf dem Weg be-
Standards. Den ersten GS1-Standard, den       Sam. Du fragst Sam wie jeden Morgen:           kommst du personalisierte Werbung auf
EAN-Barcode mit Strichen und Zahlen, um       „Sam, was steht heute Beson­   deres an?“      dein Smartphone gesendet und wirst
­Produkte an Supermarktkassen zu identifi-    Sam:      „Für    heute    Abend      hast     auf eine Promotion-Aktion in der Nähe
zieren, gibt es seit 40 Jahren. Im GS1-       du Wirtschaftsjunioren aus deinem Kreis        hin­gewiesen: 30 Prozent Rabatt auf Dru-
Supermarkt wird Vertretern aus Industrie      zu dir eingeladen, um das neue Projekt         cker im Elektrofachhandel um die Ecke.
und Handel vorgeführt, wie der Einkauf        durchzuplanen. Ihr wolltet grillen.“ Du:       Keine Zeit.
von morgen aussehen könnte. Das Inte­
resse ist groß, denn der stationäre Handel
ist in Bewegung. Mit dem Online-Handel
hat er Konkurrenz, die ihm zu schaffen
macht. Zwar rechnet der Handelsverband
Deutschland für 2017 im Einzelhandel mit
einem leichten Umsatzwachstum von
nominal zwei Prozent, Wachstumstreiber
bleibt laut Verband jedoch der Online-
Handel. Und die Gesellschaft für Konsum-
forschung erwartet in ihrer E-Commerce-
Studie 2015 bis zum Jahr 2025 nahezu
eine Verdopplung des Online-Anteils am
gesamten Einzelhandelsumsatz auf 15 Pro-
zent. Laut der Marktforscher soll dabei der
Lebensmittelbereich, in dem der stationäre
Umsatz bislang am stärksten dominiert,
prozentual am deutlichsten wachsen. „Der
stationäre Handel muss auf die Konkur-
renz aus dem Netz reagieren“, sagt Regina
Haas-Hamannt, Leiterin Innovation bei
GS1. „Wie diese Reaktion aussehen könnte,
das zeigen wir hier.“
     In Braunsfeld wird unmittelbar er-                            Digitale Terminals unterstützen bei der Produktauswahl – und machen auch
lebbar, wie die Digitalisierung, die Auto-                          schon einmal einen Rezeptvorschlag. © GS1 Germany/Fotografie Schulzki
WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA
8 SCHWERPUNKT | DIGITALISIERUNG                                                                                    Junge Wirtschaft #05-2017

Vor dem Supermarkt steht eine gekühlte           „Tante-Emma-Prinzip“ – nur eben unter            nach Bedarf individuell angepasst werden.
Abholstation, in der online bestellte            den Vorzeichen der Digitali­sierung.“ Für        Natürlich kann die Liste auch zuvor er-
Lebensmittel abgeholt werden können.             kleine Händler sei es schon früher ent-          stellt und via Bluetooth vom Smartphone
Am Eingang des Marktes hängt eine                scheidend gewesen, die Be­ dürfnisse des         an das Gerät gesendet werden.
Kamera. Sie registriert, wie viele Men-          Kunden genau zu kennen, so Hudetz                     Du übermittelst die Liste, die Sam
schen am Supermarkt vorbeilaufen und             weiter.                                          erstellt hat: Grillfleisch, Kopfsalat, Toma-
wie viele ihn tatsächlich betreten. Du gehst
rein. Die dritte Phase beginnt, die In-
Store-Phase. Mit dem Betreten des Super-
marktes gibt es ein Sonderangebot aufs
                                                      »Ich glaube, dass Virtual
Smartphone: 20 Prozent Rabatt auf ein                Reality früher oder später
Duschgel. Aber nicht auf irgendein Dusch-
                                                            alle Lebensbereiche
gel, sondern natürlich auf dein Lieblings-
duschgel, denn du hast die App des Mark-                erfassen wird. Insofern
tes herunterge­laden. Das Händler-WLAN                   werden alle Branchen
hat dich beim Betreten des Marktes identi-
fiziert und dein Profil mit vorherigen Ein-            die neuen Möglichkeiten
käufen abgeglichen, um dir das passende,                        nutzen wollen.«
persönliche Angebot zu machen. Die Idee
ist nicht neu. Online-Anbieter analysieren                                     MARKUS RALL
seit Jahren das Einkaufsverhalten ihrer
Kunden, denen dann eine Kaufempfeh-
lung ausgesprochen wird. Zunehmend, so           Veränderter Kunde                                ten, Gurken und Müsli stehen auf der Liste
Haas-Hamannt, würden das Sammeln,                Die Kundenbedürfnisse kennt der Kölner           des Geräts. Natürlich werden passende
Auswerten und Nutzen von Kundendaten             Supermarkt der Zukunft auch dank der             Produkte empfohlen: Grillsauce, Kräuter-
aber eben auch für den stationären Han-          sogenannten persönlichen Einkaufsassis-          butter, Baguette. Das rabattierte Duschgel.
del, der Nachholbedarf habe, wichtiges           tenten. Diese Einkaufsassistenten sind           Der digitale Einkaufsassistent fungiert
Thema. Und ein Mittel im Kampf gegen             selbstverständlich keine Assistenten aus         auch als Navigator. Er leitet dich durch die
die mächtige Online-Konkurrenz. Das be-          Fleisch und Blut, sondern Scanner. Auch          Gänge und macht dich auf Angebote auf-
stätigt auch Dr. Kai Hudetz, Geschäftsfüh-       das Kunden-Smartphone kann als Assis-            merksam. Auf digitalen Preisschildern ste-
rer des Kölner Instituts für Handels­for­        tent fungieren. Zu Beginn seines Einkaufs        hen die aktuellen Preise, die der Händler
schung: „Wir glauben, dass die genaue            identifiziert sich der Besucher des Super-       schnell und unkompliziert ändern kann.
Kenntnis des Kunden ein Schlüssel zum            marktes gegenüber dem Gerät und erhält           Du scannst jedes Produkt, das du in den
Erfolg des stationären Handels ist. Dafür        sofort den Vorschlag für eine Einkaufs-          Wagen legst, per Barcode: Grillfleisch,
brauchen wir mehr Daten. Wir erleben             liste. Diese wurde automatisch auf Basis         Kopfsalat, Gurken, Baguette. Der persön­
gerade eine Rückbesinnung auf das alte           seiner letzten Einkäufe generiert und kann       liche Einkaufsassistent bildet fortlaufend
                                                                                                  die Gesamtsumme aller im Wagen befind-
                                                                                                  lichen Waren. Sogar die Gesamt-Preis­
                                                                                                  ersparnis aller heruntergesetzten Artikel
                                                                                                  deines Einkaufs wird angezeigt.
                                                                                                       Auf alle Artikel ist ein QR-Code
                                                                                                  gedruckt, den du scannen kannst, um zum
                                                                                                  Beispiel zu erfahren, woher die Ware
                                                                                                  kommt und welchen Lieferweg sie hinter
                                                                                                  sich hat. Du scannst den Code auf einer
                                                                                                  Packung Tomaten: Ursprungsland Italien.
                                                                                                  Tipps für die optimale Lagerung bekommst
                                                                                                  du ebenfalls. Du legst das Gemüse in dei-
                                                                                                  nen Wagen. Der Einkaufsassistent ermit-
                                                                                                  telt sofort die neue Gesamtsumme. Jetzt
                                                                                                  fehlt nur noch dein Müsli. Du wirst stutzig,
                                                                                                  die Verpackung sieht anders aus als sonst.
                                                                                                  „Verbesserte Rezeptur“ steht darauf. Du
                                                                                                  scannst den QR-Code: „Vorsicht! Dieses
                                                                                                  Produkt kann Spuren von Nüssen enthal-
                                                                                                  ten!“ Zum Glück hast du in der Händler-
         Dank Augmented Reality werden dem Kunden künftig die Inhaltsstoffe der verschiedenen     App ein persönliches Profil hinterlegt, in
           Müslisorten direkt auf dem Smartphone angezeigt. So ist es heute schon im Innovative   dem auch deine Allergien vermerkt sind.
          Retail Lab erlebbar. Das anwendungsnahe Forschungslabor wurde 2007 als Kooperation      Du stellst das Müsli zurück ins Regal.
       des Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz, der GLOBUS SB-Warenhaus            Mit technologischen Entwicklungen
                     Holding GmbH & Co.KG und der Universität des Saarlandes gegründet. © IRL     wie diesen reagiert der Handel auf die
WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA
Junge Wirtschaft #05-2017                                                                   DIGITALISIERUNG | SCHWERPUNKT             9

Ansprüche des Kunden, die sich durch die            »Der stationäre Handel,
Erfahrungen mit dem Online-Einkauf
nachhaltig verändert haben. Denn es ist für             insbesondere kleine
den Kunden mittlerweile selbstverständ-            Einzelhändler, brauchen
lich geworden, eine schier endlose Aus-
wahl, zahlreiche Details zum Produkt,                     die Unterstützung
klare Aussagen zur Verfügbarkeit und zum                 von der Politik, um
Liefertermin sowie personalisierte Vor-
schläge zu erhalten.
                                                         die an sie gestellten
                                                     Herausforderungen zu
„Rezept gefällig?“
Du biegst in den nächsten Gang. Unver-
                                                       meistern. Wir wollen
mittelt blickst du auf einen Bildschirm.          einen starken, vielfältigen
Eine Kamera scannt dein Gesicht. Sie
schätzt dein Alter, bestimmt dein Ge-
                                                Einzelhandel. Dazu braucht
schlecht. Auch deine Stimmung deutet                  es attraktiv gestaltete
sie: ca. 35 Jahre alt, weiblich, zufrieden,
guckt leicht verdutzt. Du riechst Kekse.
                                                    Innenstädte, Freiräume
Auf dem Bildschirm erscheint dein eigenes       bei den Öffnungszeiten und
Gesicht, daneben eine Gedankenblase:
                                                die Unterstützung digitaler
„Rezept gefällig?“. Augmented Reality,
Erweiterte Realität, verbindet virtuelle                          Konzepte.«
und reale Welt miteinander und spielt                               ALEXANDER KULITZ
längst nicht nur in Videospielen eine
Rolle, sondern auch im Marketing. „Ich
glaube, dass Virtual Reality früher oder      Hamannt sicher machen, dass der statio-        Breitbandausbau durch Glasfaser, denn er
später alle Lebensbereiche erfassen wird.     näre Handel trotz der Online-Konkurrenz        ist, auch für den Handel, eine Grundvor-
Insofern werden alle Branchen die neuen       nicht aussterben wird. „Kunden können          aussetzung für wirtschaftlichen Erfolg“,
Möglichkeiten nutzen wollen“, sagt Markus     viele Gründe haben, auch künftig in den        stellt der Bundesvorsitzende der Wirt-
Rall, Wirtschaftsjunioren Dortmund Kreis      Supermarkt zu kommen, zum Beispiel             schaftsjunioren Deutschland klar.
Unna Hamm. Rall ist Gründer von viality.      guter Service an der Theke oder eine
Sein Unternehmen entwickelt Virtual Rea-      schöne Einkaufsatmosphäre“, sagt sie.          Gibt’s nicht gibt’s nicht
lity-Anwendungen und das immer häufi-         Eines ist unbestritten: Ladengeschäfte         Auf dem Weg zur Kasse fällt es dir noch
ger auch für kleine und mittlere Unterneh-    haben einige Vorteile gegenüber dem Ver-       ein: das Duschgel. Noch ein Abstecher in
men. „Früher waren die Kosten für die         sandhandel. Dazu gehört die sogenannte         die Drogerieabteilung. Mist, ein anderer
Technik so hoch, dass nur große Konzerne      „Instant Gratification“, also das unmittel-    Kunde schnappt dir die letzte Flasche
sich intensiver damit beschäftigen konn-      bare Glücksgefühl, die Ware in der Hand        direkt vor der Nase weg. Aber kein Pro­
ten. Das ändert sich nun spürbar“, so der     zu halten, vor allem das haptische Erlebnis    blem: Du bestellst dir eine per QR-Code
Jungunternehmer.                              beim An- oder Ausprobieren, aber auch          im Online-Shop des Händlers, für den der
     Dir fällt ein, dass du dir tatsächlich   das kulinarische Erlebnis bei einer Ver-       Rabatt auch gilt. Liefern lässt du dir das
noch keine Gedanken über einen Nach-          kostung im Supermarkt. „Für den statio-        Duschgel natürlich ins Paketabholfach
tisch gemacht hast. Du hältst eine Packung    nären Handel kommt es jetzt darauf an,         neben deiner Haustür.
Kekse, die in unmittelbarer Nähe stehen,      seine Vorteile mit den Vorzügen digitaler           Am Ende des Einkaufs spazierst du
vor den Bildschirm. Ein Rezeptvorschlag       Technologien anzureichern“, sagt Haas-         einfach aus dem Markt raus, „Self-Check-
für eine Nachspeise mit diesen Keksen         Hamannt.                                       Out“. Die Händler-App erkennt, dass du
erscheint. Du tippst das entsprechende             Alexander Kulitz, Bundesvorsitzender      das Geschäft verlässt und bucht die Rech-
Feld auf dem Bildschirm an, das Rezept        der Wirtschaftsjunioren Deutschland, be-       nung für die Einkäufe automatisch vom
wird ausgedruckt oder direkt an dein          tont: „Der stationäre Handel, insbesondere     Konto ab. „Diese Technik löst ganz analoge
Smartphone gesendet. Die Geruchsdusche        kleine Einzelhändler, brauchen die Unter-      Probleme. Viele Kunden sind heute vom
unter der Decke versprüht noch einmal         stützung von der Politik, um die an sie        langen Anstehen in der Schlange vor den
diesen herrlichen Keksgeruch, als du die      gestellten Herausforderungen zu meistern.      Kassen genervt“, sagt Haas-Hamannt.
Packung in den Einkaufswagen wirfst. Du       Wir wollen einen starken, vielfältigen Ein-         Du machst dich auf den Weg nach
bist froh, dass heute kein Fisch im Angebot   zelhandel. Dazu braucht es attraktiv ge-       Hause und holst die bestellten Waren aus
war und freust dich über den passenden        staltete Innenstädte, Freiräume bei den        dem Abholfach, Post-Store-Phase. Zu
Vorschlag für ein Dessert. Hätte die          Öffnungszeiten und die Unterstützung           Hause bereitest du den Abend für deine
Kamera die Emotion „gestresst“ erkannt,       digitaler Konzepte.“ Damit insbesondere        Gäste vor.
wäre dir ein Beruhigungstee angeboten         der Handel im ländlichen Raum nicht von             Es klingelt. Du öffnest die Tür, frisch
worden. Zufrieden machst du dich mit          der digitalen Entwicklung abgeschnitten        geduscht und mit neuer Grillschürze. Den
deinem Einkauf auf den Weg zur Kasse.         werde, brauche es allerorts eine leistungs-    Grill hast du schon vor einer halben Stunde
Es sind auch solche technischen Möglich-      fähige digitale Infrastruktur. „Wir Wirt-      angeworfen – ganz ohne Sams Hilfe.
keiten und Einkaufserlebnisse, die Haas-      schaftsjunioren fordern einen engagierten                                      EVA SIEGFRIED
WIRTSCHAFT JUNGE - DIE NEUE TANTE EMMA
10 SCHWERPUNKT | DIGITALISIERUNG                                                                 Junge Wirtschaft #05-2017

WANN ERKLÄREN UNS DIE
MASCHINEN DEN KRIEG?
Der Bordcomputer HAL 9000 ist Hauptdarsteller des Blockbusters „Odyssee im Weltraum“.
Das rote Auge des intelligenten Computers verfolgt jeden Schritt der Astronauten. Als HAL
in der Mannschaft eine Gefahr für den Erfolg der Mission sieht, wird das Elektronengehirn
des Raumschiffs Discovery zum Mörder. Alles nur Kokolores im Kino oder steht uns
tatsächlich der Krieg der Maschinen bevor?

                                    Dem roten Kameraauge von HAL 9000 entgeht nichts.   ©
                                                                                            gualtiero boffi/shutterstock.com
Junge Wirtschaft #05-2017                                                                    DIGITALISIERUNG | SCHWERPUNKT           11

Ein Affe erhebt majestätisch den Arm,              Wie weit ist die Realität der Gegen-       of thousands. So there should be a busi-
mit der Faust einen Knochen umklam-           wart eigentlich von der Fiktion eines           ness case behind“, sagt Alex gelassen. „So
mernd, bevor er beginnt, damit ein Skelett    Kinofilms aus dem Jahr 1968 entfernt?           I have to make some money before“, er-
zu zertrümmern. Am nächsten Tag schlägt       Das herauszufinden war Aufgabe eines            widert der schlagfertige Workshopteilneh-
er mit dem Knochen auf den Affen einer        Selbstversuchs, dem ich mich nach der           mer, der wohl kein Kunde wird. Zweites
verfeindeten Gruppe ein. Er schlägt ein-      E-Mail einer guten Freundin gestellt habe.      Learning des Tages: Digitalisierung kos-
mal, zweimal zu, zieht sich kurz zurück,      „Mag Dich zu einer Veranstaltung in unse-       tet viel Geld.
schlägt dann wieder und wieder auf das        rem Büro einladen“, schrieb Laura.                   Bevor es in die praktische Anwendung
am Boden liegende Tier ein, vertreibt die          Da saß ich nun also im „Build-a-           geht, fragt Alex, ob bei allen die Installa-
Eindringlinge damit, erhebt sich und wirft    bot-workshop – Automate your every-             tion der Software geklappt hat. Es wird
den Knochen kraftvoll in die Luft. Die-       day tasks“. Die Veranstaltung begann um         unruhig im Raum. Wer die Software noch
ser fliegt immer höher und verwandelt         9 Uhr – erfreulicherweise mit einem Früh-       nicht installiert hat, soll die Hand heben,
sich in ein Raumschiff, das zu einem Wal-     stück. Denn im Gegensatz zu den vielen          bittet Alex. Circa ein Drittel der Teilneh-
zer von Johann Strauss die Erde im Drei-      im Tagungsraum herumstehenden Note-             mer streckt die Arme in die Luft. Wenn
vierteltakt umrundet. So brutal und töd-      books ernähre ich mich nicht von Strom,         ich technisch unbegabt bin, dann bin ich
lich die Schläge mit dem Knochen waren,       sondern von Käsebrötchen und Kaffee.            damit wenigstens nicht allein, stelle ich
so süßlich klingt nun die Musik, zu der ein        In den schicken Büroräumen des             erleichtert fest. Es gibt eine ungeplante
technisch ausgereiftes Raumschiff durch       Fintechs „Spotcap“ im Berliner Bezirk           Pause. Zusätzliche ITler werden herbeige-
das Universum tänzelt. Es sind beide Sei-     Friedrichshain hat sich ein junges Publi-       rufen. Überall bilden sich kleine Grüpp-
ten der Kultur, die der Regisseur Stanley     kum versammelt. Nur wenige sind über            chen. Auch ich bekomme Unterstützung.
Kubrick mit seinem Meisterwerk „Odyssee       30, fast niemand spricht deutsch. Ers-          Die Checker der Gruppe stehen draußen
im Weltraum“ auf die Leinwand bringt:         tes Learning des Tages: Digitalisierung ist     auf dem Balkon und genießen den Blick
Niedertracht und Hochkultur.                  jung und international.                         auf die Spree – während andere immer
     Nach der Heimsuchung der Affen von            Spotcap wurde 2014 gegründet und           noch verzweifelt nach Hilfe rufen: „Sorry,
Kultur und Intelligenz lässt Kubrick den      bietet seine Dienste in fünf Ländern an.        sorry …“
Bordcomputer des Raumschiffs zu intel-        Deutschland gehört nicht dazu. Viel-                 Ich versuche mich abzulenken und
lektuellem Leben erwachen. Das Elekt-         mehr werden in Berlin die Angebote des          komme mit meinem Tischnachbarn ins
ronengehirn HAL 9000 wirkt zunächst           Finanzdienstleisters für Spanien, Groß-         Gespräch. Er heißt Moritz und arbeitet
unscheinbar. Eine rote Halbkugel zwi-         britannien, die Niederlande sowie Aust-         in einem Berliner Energieunternehmen
schen diversen Monitoren ist die sichtbare    ralien und Neuseeland koordiniert. Das          mit 2.000 Mitarbeitern. Moritz erzählt
Schnittstelle des Computers zur Besatzung     Fintech bietet über eine Online-Plattform       mir von dem Unternehmen. In der Sales-
des Schiffes. Die Astronauten sprechen        Kredite für kleine und mittlere Unter-          Abteilung wird gerade Personal auf- und
ungezwungen mit HAL. „HAL ist eben das        nehmen an. Die Berliner Finanzspezia-           in der Operations-Abteilung abgebaut.
sechste Mitglied unserer Mannschaft. Man      listen haben einen Algorithmus entwi-           Die Kosten für Automatisierungssoftware
gewöhnt sich sehr schnell an die Tatsa-       ckelt, der Kreditwürdigkeit weniger an          kommen noch mal ins Gespräch. Moritz
che, dass er sprechen kann, und bald redet    Daten der Vergangenheit misst, sondern          meint, dass sich das durchaus rechnen
man mit ihm genauso wie mit einem Men-        anhand von „real-life business and cash         kann. „Wenn man 40 Leute einspart, dann
schen“, beschreibt die Filmfigur Dr. Frank    flow data“. Beim Tagesgeschäft setzt Spot-      sind 50.000 Euro im Jahr gar nicht so
Poole das Verhältnis der Astronauten zu       cap auf die Softwarelösungen von Kofax,         viel“, rechnet er vor. Drittes Learning des
HAL, hinter dem Alexa von Amazon Licht-       einem Dienstleister für digitale Prozessau-     Tages: Digitalisierung spart viel Geld.
jahre zurückbleibt.                           tomatisierung. Mit dem Programm Kofax                Ich muss mich wieder der Installation
     Als HAL sich bedroht fühlt, zeigt das    Kapow können Unternehmen Informatio-            der Software widmen und stelle fest, dass
sechste Mitglied der Mannschaft Eigen-        nen erfassen und auf einer einzigen Platt-      der Teufel oft im Detail liegt. So muss ich
schaften, die neben Kultur und Intelli-       form für eine Vielzahl von Prozessen nut-       nun den Lizenzschlüssel eingeben. Dieser
genz auch zum Repertoire der Menschen         zen. „Creating a digital workforce with         befindet sich in einer E-Mail, die an meine
gehören: Niedertracht und Bosheit. Er         robotic process automation“ nennt sich          Dienstadresse gesendet wurde. Auf mein
tötet durch die geschickte Steuerung der      das Ganze in Marketing-Sprech. Alexan-          dienstliches E-Mail-Postfach habe ich
Bordtechnik vier Besatzungsmitglieder.        der Gesell, Experte des Softwareunter-          aber mit meinem Privatrechner keinen
Nur Dr. Dave Bowman ist noch am Leben.        nehmens für robotic process automation,         Zugriff. Mist. Dann fällt mir ein, dass ich
Verfolgt von HALs rotem Auge gelingt es       erklärt das Produkt.                            noch das Diensthandy habe. Zack. Da ist
Dave, ins Rechenzentrum vorzudringen.              Eilig kritzele ich die wichtigsten Sig-    der Lizenzschlüssel – schlappe 20 Zeichen
„Ich habe Angst“, sagt HAL, als Dave an       nalwörter in den Block: „you build a work-      lang. Ich fange an zu tippen. Kleines ,h‘
dessen Abschaltung arbeitet. Als immer        flow“, „cost reduction“, „data quality“,        oder doch großgeschrieben, noch mal
mehr Rechenleistung verloren geht, kann       „world is going for 24/7“, „a high cost         überprüfen. Enter. Falsches Passwort.
HAL sich mit Mühe an ein Kinderlied er-       country like Germany“. Ein Teilnehmer           Noch mal. Wieder falsch. Okay, ich logge
innern, das sein Konstrukteur ihm beige-      will wissen, ob Lizenzen für die schlaue        mich auf meinem Privatrechner in die
bracht hat. Er beginnt „Hänschen klein“       Software auch an Privatpersonen verge-          Cloud meines Arbeitgebers ein. Lizenz-
zu singen. Immer dumpfer und leiser wird      ben werden und wie hoch die Kosten lie-         schlüssel in den Zwischenspeicher. Das
seine Stimme, bis sie gänzlich erlischt.      gen. „We are talking about several of tens      Einfügen in die Eingabemaske scheitert
12 SCHWERPUNKT | DIGITALISIERUNG                                                                                    Junge Wirtschaft #05-2017

                                                                                                  Roboter zuschaut, was die Leute machen
                                                                                                  und automatisch einen Workflow ent-
                                                                                                  wickelt. Der Roboter programmiert sich
                                                                                                  dann selber. Das ist die Zukunft.“
                                                                                                       Also ihr seid praktisch Stufe 1 –
                                                                                                  Automa­  tisierung von Prozessen. Das
                                                                                                  Analysieren von Ergebnissen, Stufe 2,
                                                                                                  übernimmt dann die Software anderer
                                                                                                  An­ bieter, die ihr einbindet. Die Ergeb-
                                                                                                  nisse werden dann wieder in den Prozess
                                                                                                  ge­geben, womit sich der Kreis schließt.
                                                                                                       Alex: „Ja, wir sind wie der Dirigent
                                                                                                  eines Orchesters. Du kannst jede Lösung,
                                                                                                  jede Innovation, die es da draußen gibt,
                                                                                                  mit Kofax Kapow nutzbar machen. Du
                                                                                                  kannst dich also zum Beispiel dafür ent-
                                                                                                  scheiden, bestimmte Daten automatisch
                                                                                                  an das künstliche Intelligenzsystem IBM
                                                                                                  Watson zu übergeben, woraufhin die
                                                                                                  Ergebnisse dann von einem zu bestim-
                                                                                                  menden anderen Programm weiterver-
                                                                                                  arbeitet werden. Oder du hast Bilder, die
                                                                                                  automatisch der Google-Bildererkennung
                                                                                                  gegeben und dann automatisch mit Texten
                                                                                                  kombiniert werden, die von Google-Trans-
                                                                                                  late automatisch in 50 Sprachen übersetzt
                                                        Alexander Gesell   ©
                                                                               Alexander Gesell   worden sind. Das heißt, dass du jede Inno-
                                                                                                  vation, die da draußen kommt, integrieren
aber. Scheinbar kann man nichts aus der        Prozesse kannst du grafisch nachbauen              kannst. Wir wollen alle Enden miteinan-
Cloud kopieren. Also doch das Handy.           und brauchst dafür kein Programmier-               der verbinden.“
Konzentration. Meine Augen wandern             Know-how.“                                              Eine Frage hat sich mir in dem Trai-
zwischen Handybildschirm und Tasta-                 Ist dieses Programm eigentlich schon          ning eben gestellt. Es gab Experten, die
tur hin und her. Jetzt bloß keinen Feh-        künstliche Intelligenz?                            können da intuitiv mitgehen. Ich habe
ler machen. Dieser Versuch muss sitzen.             Alex: „Es ist eine Vorstufe davon             aber auch gemerkt, dass die Leute aus dem
Check! Hat geklappt. Du findest diese          und das Thema wächst immer mehr                    Sales-Bereich manchmal ganz schön ins
Episode langweilig? Ich auch. Künstliche       rein. Eigentlich ist es zum jetzigen Zeit-         Schwitzen kommen. Sind wir heute schon
Intelligenz hatte ich mir anders vorge-        punkt noch so, dass man mit unserer Soft-          so weit, dass wir Sprache als Schnittstelle
stellt. HAL 9000 hätte das alles locker hin-   ware regelbasierte Arbeitsabläufe nach-            nutzen können oder ist das noch Zukunfts-
bekommen. Ich bitte Alex um ein klären-        baut. Und da ist zwar schon Intelligenz            musik?
des Gespräch und folge ihm in ein Bespre-      drin, aber per se ist das Programm erst                 Alex: „Unser System steuerst du noch
chungszimmer.                                  mal dumm. Bis zu dem Punkt, wo du Ent-             nicht mit Sprache. Aber unser System ist
     Ich verstehe, dass ich mit dem Pro-       scheidungsregeln festlegst und dem Pro-            schnittstellenoffen. Das heißt, du könn-
gramm Kofax Kapow Automatisierungen            gramm sagst, wenn X passiert, mache Y.             test unseren Roboter zum Beispiel mit
vornehmen kann, ohne dass dafür Pro-           Dann wird das Ganze schon ein ganzes               Amazon Alexa starten. Stell Dir vor, du
grammierkenntnisse erforderlich sind.          Stück intelligenter. Außerdem wird die             bist ein Support-Mitarbeiter. Der Kunde
Ist das vergleichbar mit dem einstigen         Software oft kombiniert mit sehr intelli-          ruft an. Dann sagst du dem System: ,Ich
Übergang von MS DOS zum intuitiveren           genten Lösungen wie IBM Watson oder                hätte gern für den Herrn Meier den Sup-
Windows?                                       Google-Vergleichssystemen. Unsere Soft-            port-Robot Nummer 3. Bitte lauf los
     Alex: „Genau, das ist eigentlich ein      ware kann also andere intelligente Sys-            Alexa.‘ Oft wird unsere Software auch mit
ganz schöner Vergleich. Es geht darum,         teme nutzen. Du kannst die Daten aus               Chat-Robots verknüpft. Die sind schon
Prozesse über verschiedene Systeme hin-        Systemen rausziehen, in ein anderes Sys-           sehr viel intelligenter. Man kommuni-
weg zu automatisieren. Man baut grafisch       tem reinwerfen, dieses System steuern              ziert dann also nicht mit einem Support-
ohne Programmiersprachen den Work-             und die Daten dann weiterverarbeiten.              Mitarbeiter, sondern mit einem Chat-
flow eines typischen Users nach. Bei der       Unser System ist an sich eine Automa­              Robot, der einen richtigen Robot im Hin-
Integration einer Website machst du also       tisierung. Aber die Lösung die daraus              tergrund anstößt, dessen Ergebnis dann
genau das, was ein User machen würde.          entsteht, hat oft schon Merkmale künst-            wieder durch den Chat-Robot an den
Du gehst in den Browser, öffnest die Web-      licher Intelligenz. Was in den nächsten            Kunden kommuniziert wird. Wenn wir
seite, loggst dich ein, interagierst mit der   Jahren passieren wird, ist, dass immer             als Unternehmen im Bereich künstlicher
Webseite, gibst Begriffe ins Suchfeld ein,     mehr künstliche Intelligenz direkt in unser        Intelligenz oder bei Big-Data-Projekten
bekommst Ergebnisse und extrahierst das        System reinwandert. In drei Jahren wird            eingesetzt werden, dann wird unsere Soft-
dann in eine Datenbankstruktur. Solche         es vielleicht so sein, dass der Software-          ware oft mit NLP-Systemen, mit Natural-
Junge Wirtschaft #05-2017                                                                    DIGITALISIERUNG | SCHWERPUNKT                 13

Language-Processing-Systemen, verbun-          eine Milliarde Partien gegen sich selber        Haftungsfragen sind noch relativ offen
den. Das sind Systeme, die Sprache ver­        gespielt hat und alle digitalen Schachpar-      und man muss aufpassen, dass die offe-
stehen und analysieren. Wenn du zum            tien kennt, ist das weniger transparent         nen Rechtsfragen nicht komplett von den
Beispiel im Regierungskontext wissen           als ein programmierter Algorithmus. Ob          Innovationen überlaufen werden. Eine
willst, ob in einem Blog ein Anschlag          das Ganze dann mal so intelligent wird,         weitere Herausforderung der Zukunft
geplant wird, kann ein NLP-System das          dass es die Mechanismen aushebelt, die es       kann sein, dass die Systeme so intelli-
verstehen. Oder ein NLP-System kann            beschützt, weiß man nicht. Kann durchaus        gent werden, dass sie keiner mehr monito-
einer Kundenanfrage einen bestimmten           passieren.“                                     ren kann. Dann braucht man intelligente
Support-Mitarbeiter zuordnen.“                      Stephen Hawking hat vor künstlicher        Systeme, die intelligente Systeme moni-
     Kennst du den Film „Odyssee im            Intelligenz gewarnt. Ist es eine Gefahr?        toren. Es ist eine interessante Frage, wie
Weltraum“?                                     Muss man davor warnen? Braucht man              die Welt damit umgeht. Genauso, wie wir
     Alex: „Ich habe den vor Ewigkeiten        Sicherheitsaufkleber, wenn man Compu-           Regeln für den Umgang mit Autos oder
gesehen …“                                     ter mit künstlicher Intelligenz benutzt?        Atomkraftwerken gefunden haben, wer-
     Wie weit sind wir von einer künst-             Alex: „Ich glaube, es ist so wie mit       den wir auch Regeln für den Umgang mit
lichen Intelligenz entfernt, die mit HAL       allem. Du kannst aus allem was Gutes und        künstlicher Intelligenz finden.“
9000 vergleichbar ist?                         was Schlechtes machen. Wie bei allem,               Zurück im Seminarraum sitzen alle
     Alex: „Das was wir tun, ist weit davon    was gut oder schlecht sein kann, brauchst       konzentriert an ihren Rechnern. Der
entfernt. Bei uns geht es auch eher um         du Regeln und du brauchst jemanden der          Dozent führt durch eine Trainingsein-
ein Miteinander von Robotern und Men-          aufpasst, dass die Regeln eingehalten wer-      heit und zeigt auf einem Bildschirm, wo
schen. Bei Unternehmen wie Google, die         den sowie jemanden, der Regelverstöße           man klicken, URLs einfügen, Auswahlen
sich im Kernbereich mit künstlicher Intel-     sanktioniert. Man braucht also eine Art         in Menüs etc. vornehmen muss. Viertes
ligenz beschäftigen, wird kein Algorith-       Gewaltenteilung in der Welt künstlicher         Learning des Tages: Die Anwendung von
mus mehr programmiert, sondern es gibt         Intelligenz, eine Polizei, ein Rechtssys-       Automatisierungssoftware überlasse ich
ein selbstlernendes System. Dieses selbst-     tem und einen gesellschaftlichen Rahmen,        den Experten.
lernende System wird gefüttert mit Daten       in dem sich alles bewegt. Wenn es eine              Ich deinstalliere das Programm. Es
und baut seine eigene Logik auf. Man weiß      solche Gewaltenteilung im Rahmen von            sagt mir im Unterschied zu HAL 9000
als Mensch schon heute nicht mehr ganz         Robotics, künstlicher Intelligenz, Block-       nicht, dass es Angst hat. Und fängt auch
genau, warum die künstliche Intelligenz        chain, selbstfahrenden Autos und so wei-        nicht an, „Hänschen klein“ zu singen. Wie
tut, was sie tut. Wenn ein Computer bes-       ter nicht gibt, dann können sich durchaus       beruhigend.
ser ist als der Schachweltmeister, weil er     Gefahrenszenarien entwickeln. Gerade die                                          THOMAS USSLEPP

                                              Teilnehmer des Workshops in den Büroräumen des Fintechs „Spotcap“ in Berlin   ©
                                                                                                                                Lena Ganssmann
14 SCHWERPUNKT | DIGITALISIERUNG                                                                                  Junge Wirtschaft #05-2017

WAS UNTERNEHMEN
KÜNFTIG IM DATENSCHUTZ
BEACHTEN MÜSSEN
Die Digitalisierung schafft immer neue Voraussetzungen für die vernetzte Datensammlung.
Datenschutzexpertin Annette Karstedt-Meierrieks erläutert, was Unternehmen künftig
beachten müssen, um zwischen Wertschöpfung durch Datenverarbeitung und dem
Datenschutz, dem Spannungsfeld der personenbezogenen Datenverarbeitung, erfolgreich
und rechtskonform zu agieren.

Die EU-Datenschutz-Grundverordnung            nen. Auch Unternehmen aus Drittstaaten,            frist bis zum 25.05.2018. Bis dahin müs-
(DS-GVO) ist zum 25.05.2016 in Kraft          die personenbezogene Daten von EU-Bür-             sen Unternehmen ihre Prozesse an die
getreten. Sie regelt den Datenschutz in der   gern verarbeiten, müssen sich zukünftig            neuen, höheren Anforderungen anpas-
Europäischen Union, sodass die Daten frei     an diese Regeln halten.                            sen. Das betrifft insbesondere die Ein-
im Binnenmarkt verarbeitet werden kön-             Die DS-GVO enthält eine Übergangs­            führung beziehungsweise Aktualisierung
                                                                                                 eines Datenschutzmanagements. Da Da-
                                                                                                 tenschutz und Datensicherheit durch
                                                                                                 die DS-GVO sehr eng verknüpft sind,
                                                                                                 müssen auch beide Aspekte bei dem
                                                                                                 Management berücksichtigt und abge-
                                                                                                 bildet werden. Der Vorteil für deutsche
                                                                                                 Unternehmen ist, dass viele der neuen
                                                                                                 Anforderungen schon bekannt sind. So
                                                                                                 war die Führung eines Verfahrensver-
                                                                                                 zeichnisses bereits nach dem Bundes­
                                                                                                 datenschutzgesetz (BDSG) verpflichtend.
                                                                                                 Gleiches gilt für die Vorabkontrolle. Den-
                                                                                                 noch haben sich auch bei diesen Instru-
                                                                                                 menten Änderungen ergeben – nicht nur
                                                                                                 bei der Bezeichnung, sondern auch inhalt-
                                                                                                 lich, die es zu berücksichtigen gilt.
                                                                                                      Der Grundsatz der Verantwortlichkeit
                                                                                                 für das Unternehmen, das personenbezo-
                                                                                                 gene Daten verarbeitet, wird durch eine
                                                                                                 ausdrücklich geregelte Rechenschafts-
                                                                                                 pflicht verdeutlicht, die sich auch in den
                                                                                                 Bußgeldern bis maximal 20 Millionen
                                                                                                 Euro oder vier Prozent des weltweiten Jah-
                                                                                                 resumsatzes niederschlägt. Es lohnt sich
                                                                                                 also, sich mit den neuen Herausforderun-
                                                                                                 gen des Datenschutzes zu beschäftigen.
                                                                                                      Hinzu kommt die Änderung des Bun-
                                                                                                 desdatenschutzgesetzes (BDSG), die noch
                                                                                                 für diese Legislaturperiode geplant ist,
                                                                                                 damit sie zeitgleich mit der DS-GVO in
                                                Annette Karstedt-Meierrieks   ©
                                                                                  Jens Schicke   Kraft treten kann. Das BDSG versucht,
Junge Wirtschaft #05-2017

aufgrund der zahlreichen Öffnungsklauseln der DS-GVO Erleich-
terungen für die Wirtschaft aus dem „alten“ BDSG hinüberzuret-
ten wie zum Beispiel Regelungen für Auskunfteien und Scoring.
     Der Zeitraum bis zum 25.05.2018 ist nicht mehr lang!
Zunächst sollte eine Bestandsaufnahme gemacht werden: Was
ist an datenschutzrechtlichen Maßnahmen im Unternehmen vor-
handen? Sind sie mit der DS-GVO kompatibel? Wurde zum Bei-
spiel bei den Einwilligungen, die von Kunden und anderen Per-
sonen für die Verarbeitung personenbezogener Daten eingeholt
wurden, auf ein jederzeitiges Widerspruchsrecht hingewiesen?
Falls nicht, müsste dies nachgeholt werden.
     Werden besonders umfangreich Daten verarbeitet oder wer-
den hierfür besondere Techniken eingesetzt, die die Rechte der
betroffenen Person besonders gefährden, ist eine Risikobewertung
im Rahmen einer Datenschutz-Folgenabschätzung notwendig.
Diese muss bei vorhandenen Verarbeitungen nachgeholt werden.
     Wie sieht es mit den Vereinbarungen zur Verarbeitung per­
sonenbezogener Daten im Auftrag aus? Sind mit den IT-Dienst-
leistern solche Vereinbarungen geschlossen worden? Falls ja,
müssen auch sie überprüft werden: Genügen die technisch-orga-
nisatorischen Maßnahmen bei dem Dienstleister den Anfor­
derungen an das Schutzniveau der Daten? Auch hier muss eine
Risikobewertung durchgeführt werden. Falls solche Vereinbarun-
gen bisher nicht geschlossen wurden, sollten sie jetzt bereits unter
Beachtung des neuen Rechts formuliert werden.
     Entsprechen Informationen über die Datenverarbeitung auf
den Internetseiten den Informationsvorgaben der DS-GVO? Der
Transparenz wird große Bedeutung zugemessen. Insofern ist zu
prüfen, wie umfangreich eine öffentliche Information über die

                                                                             ÖKO?
wesentlichen Verarbeitungen personenbezogener Daten erfol-
gen kann, um den Betroffenenrechten auf Information dadurch
Genüge zu tun.
     Die bereits erwähnte Nachweispflicht verlangt, dass die not-
wendigen Dokumente und Prozesse zur Einhaltung der DS-GVO
nachweisbar vorhanden sind und eingehalten werden. Zudem ge-
hört zu einem Datenschutzmanagement, dass es eindeutige                               „ICH WILL EIN HAUS,
Regeln gibt, wer welche Rolle in den Ablaufprozessen spielt: Gibt             DAS GARANTIERT GESUND IST,
es einen Prozess zur Einholung, Dokumentation von Einwilligun-
gen, der mit eventuell eingehenden Widersprüchen verknüpft ist?
                                                                                ABER NICHT SO AUSSIEHT.“
Wie und von wem werden Auskunfts­ersuchen beantwortet? Wie
werden Verletzungen von Datenschutzrechten – „Datenpannen“
und IT-Sicherheitsvorfälle – innerbetrieblich behandelt? Für die
Beantwortung solcher Fragen bieten sich Richtlinien an, die auch
im Rahmen eines Compliance-Managements erlassen werden
können, oder eine Verknüpfung mit einem vorhandenen Quali-
tätsmanagement.
     Eindeutig ist, dass die Leitung des Unternehmens die Verant-
wortung trägt. Sie ist nicht auf einen betrieblichen Datenschutz-
beauftragten delegierbar. Seine Aufgabe – unabhängig davon, ob
                                                                           NACHWEISLICH
er ein Mitarbeiter ist oder ein Externer – besteht zukünftig im         UNERREICHTE WOHN-
Wesent­lichen in der Überwachung der Prozesse auf ihre daten-          GESUNDHEIT UND PREIS-
schutzrechtliche Zulässigkeit und der Beratung zum Beispiel            GEKRÖNTES DESIGN – DAS
bei der Datenschutz-Folgenabschätzung. In der Praxis wird der           KANN NUR BAUFRITZ.
betriebliche Datenschutzbeauftragte vielleicht einige Aufgaben
aus den neuen Anforderungen übernehmen, aber eine eigene Ver-           www.baufritz-wn.de
antwortung für die Vereinbarkeit mit der DS-GVO ergibt sich dar-
aus nicht.
     Informationen und Beratungen zu den neuen Herausforde-
rungen des Datenschutzes halten die Industrie- und Handels-
kammern bereit.
                                         ANNETTE KARSTEDT-MEIERRIEKS
16 WIRTSCHAFTSLEBEN | GESICHTER DER JUNGEN WIRTSCHAFT                                        Junge Wirtschaft #05-2017

EIN ABSOLUTER
NETZWERK-EXPERTE
Die Wirtschaftsjunioren sind ein Netzwerk für Unternehmer und Führungskräfte
gleichermaßen und bieten Mehrwerte für beide Seiten. Das zeigt auch die Geschichte
von Johannes Jakob. Der Mosbacher wurde von der Führungskraft zum Unternehmer.
Seinen Geschäftspartner Heiko Roth hat er bei den Wirtschaftsjunioren kennengelernt.

                                                   Johannes Jakob kennt das Leben als Angestellter und als Unternehmer.
                                                                                                      ©
                                                                                                        Johannes Jakob
Junge Wirtschaft #05-2017                                     GESICHTER DER JUNGEN WIRTSCHAFT | WIRTSCHAFTSLEBEN                  17

Outdoor-Profis kennen Feuerstarter als         ren sind, hat spürbar ein Grundvertrauen        »Der ganze Prozess war
Anzündhilfe beim Camping oder in               zwischen uns geschaffen“, meint Jakob.
der Wildnis. Mit ihnen können Fun-             Ganz ohne Bedenken ist er dennoch nicht           unkompliziert und wir
ken erzeugt werden, die ein Feuer entfa-       in die Firma eingestiegen. „Ich habe mich       waren uns bezüglich der
chen. Das ist auch die Idee beim „Feuer-       gefragt, ob Heiko mich als gleichberech-
starter-Abend“ der Wirtschaftsjunioren         tigten Partner neben sich akzeptieren
                                                                                            Aufgabenverteilung und der
Rems-Murr. Er vernetzt Gründungsinte-          kann. EGOTEC ist schließlich so was wie         Konditionen sehr schnell
ressierte und alte Hasen aus den Reihen        sein Baby“, gesteht er. Dennoch hat Jakob
der Wirtschaftsjunioren. Wenn alles per-       den Schritt gewagt – und ihn nicht bereut.
                                                                                                         einig. Dass wir
fekt läuft, springt dabei der Funke über –     „Heiko hat mich nie spüren lassen, dass        beide Wirtschaftsjunioren
so wie Anfang 2016 bei Johannes Jakob          ich dazugekommen bin“, sagt er.
und Heiko Roth. Der eine, Heiko Roth,
                                                                                                   sind, hat spürbar ein
ist Mitglied bei den Wirtschafts­junioren      Gemeinsam erfolgreich                         Grundvertrauen zwischen
Heidelberg und extra für den Netzwerk­         Diese Offenheit und das wechselseitige
abend in den Nachbarkreis gefahren.            Vertrauen sind die Grundlage dafür, dass
                                                                                                       uns geschaffen.«
Roth ist bereits seit 1999 mit seinem IT-      Johannes Jakob und Heiko Roth mittler-                               JOHANNES JAKOB
Unternehmen EGOTEC selbstständig. Der          weile seit einem Jahr gemeinsam unter-
andere, Johannes Jakob, ist seit 2014 Mit-     nehmerisch erfolgreich unterwegs sind.
glied der Wirtschaftsjunioren Rems-Murr        Weiterer Erfolgsfaktor: die klare Aufga-     Industrie, dem Handel, dem Kulturbe-
und arbeitet als kaufmännischer Leiter         benverteilung. Roth ist Diplom-Informa-      reich und dem Gesundheitswesen.
und Prokurist bei einem mittelständi-          tiker, der IT-Experte der beiden. Jakob           Neben dem Content-Management-
schen Elektrogerätehersteller. „Wir sind       hingegen konzentriert sich auf die Berei-    System bietet das Unternehmen Lösun-
an dem Abend miteinander ins Gespräch          che Vertrieb, Kundenkommunikation und        gen im Bereich Zeiterfassung sowie bei
gekommen und haben uns über die aktu-          Personalmanagement. Ihr gemeinsames          der Fernsteuerung von Browserinhalten
ellen Herausforderungen von EGOTEC im          Unternehmen bietet ein Content-Manage-       an. Letztere kommen zum Beispiel zum
Bereich Vertrieb ausgetauscht. Heiko und       ment-System für Webauftritte im Inter-       Einsatz, wenn Kunden bei einer Online-
ich lagen gleich auf einer Wellenlänge.        net und im Intranet. „Unser CMS passen       Buchung Probleme haben und die Hotline
Deshalb habe ich ihm auch meine Unter-         wir individuell an die jeweiligen Kunden-    eines EGOTEC-Kunden anrufen. „Durch
stützung unter Wirtschaftsjunioren ange-       wünsche an. Natürlich übernehmen wir         unsere Technik wird der Browserinhalt
boten“, sagt Johannes Jakob. In den fol-       auch die Schulung der Mitarbeiterinnen       des Hilfe suchenden Endkunden an unse-
genden Monaten tauschen sich die bei-          und Mitarbeiter vor Ort und bieten einen     ren Kunden übertragen, der ihm dadurch
den regelmäßig aus. Jakob lernt nicht nur      Support für die Kunden an“, erklärt Jakob.   kundenfreundlich und schnell weiterhel-
Heiko Roth immer besser kennen, son-           Dabei konzentriert sich die Firma voll       fen kann“, erläutert Roth. Künftig soll
dern auch dessen Unternehmen, die Pro-         auf die technischen Aspekte des Projekts.    im Unternehmen für dieses Geschäfts-
dukte, Prozesse und Herausforderungen.         „Um das Design kümmert sich in der Regel     feld noch intensivere Forschung betrie-
„Am Ende war ich richtig tief drin in den      eine Agentur, die vom Kunden beauf-          ben werden. Es wurden bereits Förder-
Themen“, sagt Jakob.                           tragt wird und bei ihm vor Ort sitzt. Nur    gelder beantragt, doch die Mühlen mah-
     Ein halbes Jahr nach dem Ken-             im Bedarfsfall bieten wir an, uns auch um    len langsam. „Wenn vor der Antragstel-
nenlernen fragt der Unternehmer ihn,           das Design zu kümmern und greifen dann       lung bis zur Vergabe mehrere Monate ver-
ob er bei EGOTEC einsteigen möchte.            auf etablierte Partner zurück“, so Jakobs    gehen, ist das in der IT-Welt eine halbe
Jakob freut sich. „Ich war schnell Feuer       Partner Roth. Die EGOTEC-Kunden aus          Ewigkeit“, sagt der 39-jährige Jakob,
und Flamme für die Idee, denn ich habe         dem ganzen Bundesgebiet kommen vor-          der sich neben schnelleren Vergabever­
schon immer gerne in größeren Zusam-           rangig aus dem öffentlichen Sektor, der      fahren bessere politische Rahmenbedin-
menhängen gedacht, gesamtverantwort-                                                        gungen für seine Firma wünscht. „Wir
lich“, sagt er. „Mich hat die Möglichkeit                                                   dürfen als IT-Unternehmer nicht bei allen
gereizt, noch häufiger meine eigenen Ent-                    »Wir dürfen als                neuen Ideen durch ein starres bürokra-
scheidungen treffen zu können.“ Dass das                                                    tisches Korsett von vornherein einge-
Unternehmen und seine Produkte bereits           IT-Unternehmer nicht bei                   schränkt sein, sondern müssen neue Ent-
am Markt etabliert waren, sei ein weite-           allen neuen Ideen durch                  wicklungen in einem geschützten Rahmen
res Argument gewesen, Roths Geschäfts-                                                      am Markt ausprobieren dürfen. Eine Art
partner zu werden, erklärt der studierte         ein starres bürokratisches                 Beta-Stadium neuer Marktideen, das auch
Betriebswirt Jakob, der bereits in seiner           Korsett von vornherein                  für den Kunden erkennbar ist, würde ich
Zeit als Angestellter auch für die strategi-                                                sehr begrüßen. In dieser zeitlich befriste-
schen Entscheidungen der IT-Abteilung
                                               eingeschränkt sein, sondern                  ten Phase wäre es legitim, wenn zum Bei-
seines Arbeitgebers verantwortlich war.        müssen neue Entwicklungen                    spiel datenschutzrechtlich noch nicht alles
Nur zwei Wochen nach Roths Angebot                                                          bis ins kleinste Detail geklärt ist. Nur so
ist alles zwischen ihm und Jakob geklärt.
                                                       in einem geschützten                 können IT-Unternehmen in Deutschland
„Der ganze Prozess war unkompliziert und                 Rahmen am Markt                    auf Dauer auch international konkurrenz-
wir waren uns bezüglich der Aufgabenver-                                                    fähig sein“, ist Jakob überzeugt.
teilung und der Konditionen sehr schnell
                                                     ausprobieren dürfen.«                       Eine weitere Herausforderung für das
einig. Dass wir beide Wirtschaftsjunio-                               JOHANNES JAKOB        Unternehmen ist der Fachkräftemangel.
18 WIRTSCHAFTSLEBEN | GESICHTER DER JUNGEN WIRTSCHAFT                                                        Junge Wirtschaft #05-2017

„Durch die normale Suche auf dem             bungen auf unsere Ausbildungsplätze.                »Die Firma muss laufen,
Arbeitsmarkt können wir praktisch keine      Hier ist mittlerweile jede dritte Stelle bei
Stellen nachbesetzen, der Markt ist leer-    uns weiblich besetzt. Wir begrüßen diese             zumindest phasenweise
gefegt“, sagt Jakob. Deshalb bildet das      Entwicklung in der IT-Branche sehr.“                 wird die Familie immer
Unternehmen selber junge Menschen zu
Fachinformatikern für Anwendungsent-         Verantwortung übernehmen                           mal wieder zurückstecken
wicklung aus. Die Ausbildungsquote liegt     Jungunternehmer Jakob ist verheiratet                     müssen. Das ist die
bei 50 Prozent. „Wir übernehmen fast alle    und Vater dreier Kinder. Er gesteht: „Ich
Auszubildenden nach der Lehre“, erläu-       verbringe zu viel Zeit auf der Arbeit. Das        realistischste Prognose für
tert der Geschäftsführer die Strategie       war schon in meiner Zeit als Angestellter                       die Zukunft.«
des Unternehmens gegen den Mangel an         so und als Selbstständiger ist es nicht viel
                                                                                                                   JOHANNES JAKOB
Fachkräften. Jakob hat eine Entwicklung      besser. Für die Zukunft wünsche ich mir
am Arbeitsmarkt ausgemacht: „Frauen          das aber anders.“ Dennoch ist für ihn klar:
sind in den IT-Berufen auf dem Vor-          „Die Firma muss laufen, zumindest pha-
marsch. Das zeigt sich auch bei den Bewer-   senweise wird die Familie immer mal wie-       sagen, wo es Rahmenbedingungen zu ver-
                                             der zurückstecken müssen. Das ist die rea-     bessern gilt und konkrete Vorschläge zu
                                             listischste Prognose für die Zukunft.“         machen, wie diese Verbesserungen aus-
 »Es gehört für mich einfach                       Trotz der begrenzten zeitlichen Res-     sehen könnten“, sagt Jakob. Und ergänzt:
                                             sourcen ist Johannes Jakob nach wie vor        „Es gehört für mich einfach zum Unter-
      zum Unternehmertum                     bei den Wirtschaftsjunioren Rems-Murr          nehmertum dazu, Verantwortung zu
       dazu, Verantwortung                   aktiv. In diesem Jahr hat er zum ersten        übernehmen und mich gesellschaftlich
                                             Mal am Know-how-Transfer der Wirt-             zu engagieren.“ In seiner neuen Rolle als
        zu übernehmen und                    schaftsjunioren Deutschland mit dem            Unternehmer ist Johannes Jakob ganz
     mich gesellschaftlich zu                Deutschen Bundestag teilgenommen und           offensichtlich voll angekommen.
                                             war vom Austausch mit den politischen
               engagieren.«                  Entscheidungsträgern in Berlin begeistert:
                       JOHANNES JAKOB        „Es ist wichtig, als junger Unternehmer zu                                   EVA SIEGFRIED

              „Man muss Glück
              teilen, um es zu
              multiplizieren.“
                    Marie von Ebner-Eschenbach

                    Tel.: 0800/50 30 300 (gebührenfrei)
                    IBAN DE22 4306 0967 2222 2000 00
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