Abschied von Papst emeritus Benedikt XVI - www.mk-online.de 116. Jg. 15. Januar 2023 / Nr. 3
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116. Jg. 15. Januar 2023 / Nr. 3 www.mk-online.de Einzelverkaufspreis 2,30 Euro
Abschied von
Papst emeritus Benedikt XVI.
Foto: Kiderle
Foto: imago/ZUMA Press2 Zum Tod von Papst emeritus Benedikt X VI.
15. Januar 2023 / Nr. 3
Treuer Freund des Bräutigams
Totenmesse und Beisetzung von Papst emeritus Benedikt XVI.
D
ie gelb-weiße Fahne des Vati- Benedikts Nachfolger Papst Franzis- 50.000 Menschen wohnten dem Requiem für Papst emeritus Benedikt XVI. auf dem
kans weht neben dem Peters- kus steht der anschließenden Feier Petersplatz in Rom bei. Fotos: imago/Independent Photo Agency Int.
platz auf Halbmast. Unterhalb vor, zelebriert die Messe jedoch nicht
spielt eine bayerische Blaskapelle vor selbst. Mit einem Rollstuhl wird er
der Sicherheitskontrolle. Es ist ein über eine Rampe vor den Altar auf
diesiger, kalter Morgen in Rom. Nebel dem Petersplatz gefahren. In seiner
verhüllt die Kuppel des Petersdoms. Predigt würdigt er, zunächst ohne
Trotzdem sind viele Menschen schon ihn namentlich zu nennen, Benedikts
früh auf den Straßen rund um Weisheit und Feingefühl sowie dessen
den Vatikan unterwegs, gesäumt von Gottvertrauen, seine Hingabe im Ge-
Feuerwehr, Polizei und Sanitätern. bet und die Liebe zum Evangelium.
Die meistgesprochene Sprache neben Zugleich erinnert Franziskus auch an
Italienisch ist Deutsch – mit bayeri- die Mühen des Papsttums, die schwie-
schem Akzent. Es ist der Tag der Bei- rigen Aufgaben, denen sich „ein Hirte“
setzung von Benedikt XVI. stellen müsse – „zwischen Kreuzungs-
In der Nacht zuvor war der ehema- punkten und Widersprüchen“.
lige Papst im Petersdom von der Bahre Der amtierende Papst ruft die
in einen Holzsarg gelegt worden. Kurz Gläubigen auf, Benedikt mit Dank-
vor 9 Uhr tragen ihn zwölf Männer barkeit und Hoffnung noch einmal
aus der Basilika zu seinem Platz jene Liebe zu erweisen, die nicht ver-
vor dem Altar. gehe. Er beschreibt
Die Menschen auf den Moment des
dem Petersplatz ap- Letzte Ehre am Sarg Requiems und sagt:
plaudieren, einige „Das gläubige Volk
schwenken deutsche Gottes versammelt
und bayerische Fahnen. An diesem sich, es begleitet das Leben dessen,
Donnerstag ist Benedikt seiner alten der sein Hirte war und vertraut es dem
Heimat noch einmal ganz nah. Direkt Herrn an.“ Und weiter: „Wir wollen
unterhalb des Altars steht eine große dies mit derselben Salbung und Weis-
Gruppe Gebirgsschützen in Uniform heit, mit demselben Feingefühl und
und mit Standarten. Musikgruppen derselben Hingabe tun, die er uns im
„Und jetzt die Bayern
und Pilger aus ganz Bayern sind zur Laufe der Jahre zu schenken wusste.“
Beerdigung angereist (siehe Seite 5). Seine Predigt schließt Franziskus
Ministerpräsident Markus Söder ließ mit den Worten: „Benedikt, du treuer
ein Flugzeug chartern, um Vertreter aus Freund des Bräutigams, möge deine
Gesellschaft und Politik in die Ewige Freude vollkommen sein, wenn du Wie sich Benedikts Landsleute in Rom von „ihrem Papst“
Stadt zu bringen (siehe Text rechts). seine Stimme endgültig und für im-
D
Die offizielle deutsche Delegation mer hörst!“ ie Zeiger der beiden Uhren am für einen 95-jährigen Kirchenmann
führt Bundespräsident Frank-Walter Mit einer besonderen Geste verab- Petersdom zeigten zehn vor elf, mit einem erfüllten Leben noch nicht
Steinmeier an. Er würdigt Benedikt schiedet sich Franziskus am Ende der als der Sarg mit dem verstor- geweint hatte, den musste jetzt einfach
nach dem Requiem als „großen Theo- Trauerfeier. Der auf den Rollstuhl an- benen Benedikt XVI. mit Weihrauch die Rührung überkommen.
logen, ausgestattet mit kräftigem gewiesene Papst erhebt sich zur letzten ummantelt wurde. Während Papst Wie sehr hatte Benedikt diese Hymne
Intellekt“ und zugleich „Mann mit Ehrerbietung vor dem geschlossenen Franziskus diesen ehrwürdigen Mo- geliebt; wie sehr war der Kirchenmann
großer Bescheidenheit“. Begleitet wird Sarg Benedikts, segnet ihn, legt eine ment andächtig verfolgte, ertönte in an Nachrichten aus der Heimat inter-
Steinmeier unter anderen von Bundes- Hand darauf und hält einen Moment den Reihen der Gebirgsschützen und essiert. Gerade als ihm klar wurde, dass
kanzler Olaf Scholz, Bundestagspräsi- mit gesenktem Kopf inne. Trachtler auf dem Petersplatz plötzlich er – anders als er es sich lange vor-
dentin Bärbel Bas und Oppositions- Erneut brandet Applaus auf. „Bene- ein lauter Ruf: „Und jetzt die Bayern- gestellt hatte – seinen Lebensabend in
führer Friedrich Merz. detto, Benedetto“-Rufe hallen über Hymne!“ Rom verbringen würde. Kardinal
Unter den zahlreichen Bischöfen den Platz mit rund 50.000 Gläubigen. Ein dumpfer Trommelschlag, dann Reinhard Marx, den er trotz dessen
und rund 130 Kardinälen sind auch Menschen rollen Plakate mit der Auf- setzte auch schon die Blaskapelle der westfälischer Herkunft Ende 2007
viele Deutsche. Neben dem Vorsitzen- schrift „Danke, Benedikt“ aus, schwen- Freiwilligen Feuerwehr Unterpfaffen- zum Erzbischof von München und
den der Deutschen Bischofskonferenz, ken Fahnen. Eine Gruppe fordert auf hofen ein, und ein großer Chor aus Freising ernannt hatte, wusste um diese
Bischof Georg Bätzing von Limburg, einem großen Transparent „Santo Su- der geliebten Heimat des Toten sang Begeisterung genauso wie Minister-
nehmen etwa die Kardinäle Reinhard bito“, also eine rasche Heiligsprechung inbrünstig „Gott mit dir, du Land präsident Markus Söder.
Marx und Rainer Maria Woelki teil. des Ex-Papstes. Über die Klänge der der Bayern, Heimaterde, Vaterland“. Söder, aber auch sein Vor-Vorgänger
Ganz vorne in der ersten Reihe sit- Orgel legt sich Blasmusik. Noch ein Vermutlich wird es das letzte Mal für Edmund Stoiber, brachten bei Besu-
zen Benedikts engste Weggefährten. letztes Mal ertönt die Bayern-Hymne, lange Zeit gewesen sein, dass mitten im chen zudem immer Spezialitäten wie
Es ist ein emotionaler Abschied, die während Benedikts Pontifikat so Zentrum der katholischen Weltkirche Weißwürste, Brezen und Weißbier mit.
besonders für seinen Privatsekretär oft im Vatikan zu hören war. alle drei Strophen dieses in Musik ge- Auch wenn Benedikt bekanntlich
Georg Gänswein. Vor dem Requiem Severina Bartonitschek fassten Gebets erklangen. Es war schon mehr zu alkoholfreier Limonade ten-
kniet der Erzbischof vor dem Sarg Die Autorin ist Rom-Korrespondentin die offizielle Hymne Bayerns, als dieses dierte. „Mein Herz schlägt bayrisch“,
nieder und küsst ihn. Der 66-Jährige der Katholischen Nachrichten-Agentur noch von einem König regiert wurde. hatte der 2005 gewählte Papst in einer
wirkt hager und ausgezehrt. (KNA). Wer bis dato bei dieser Totenmesse seiner ersten Audienzen bekundet,15.
Januar 2023 / Nr. 3 Zum Tod von Papst emeritus Benedikt X VI. 3
Wörtlich
Aus der Predigt von Papst Franziskus
„Vater, in deine Hände lege ich meinen zu kämpfen hat und die Brüder und
Geist“ (Lk 23,46). Dies sind die letzten Schwestern in ihrer Würde bedroht
Worte des Herrn am Kreuz; sein letzter werden (vgl. Hebr 5,7–9). In dieser Be-
Seufzer – so könnte man sagen –, der gegnung der Fürsprache bringt der Herr
das zu bestätigen vermag, was sein die Sanftmut hervor, die fähig ist, zu
ganzes Leben kennzeichnete: ein stän- verstehen, anzunehmen, zu hoffen und
diges Sich-Hingeben in die Hände sei- alles zu wagen – über das Unverständ-
nes Vaters. In diese Hände der Verge- nis, das dies hervorrufen kann, hinaus.
bung und des Mitgefühls, der Heilung Es ist eine unsichtbare und unbegreif-
und der Barmherzigkeit, diese Hände liche Fruchtbarkeit, die entsteht, wenn
der Salbung und des Segens, die ihn man weiß, in wessen Hände man sein
dazu brachten, sich dann auch in die Vertrauen gelegt hat (vgl. 2 Tim 1,12). (...)
Hände seiner Brüder und Schwestern Auch wir, die wir fest mit den letzten
zu geben. (...) Worten des Herrn und dem Zeugnis,
„Vater, in deine Hände lege ich meinen das sein Leben geprägt hat, verbunden
Geist“ – so lautet die Einladung und sind, möchten als kirchliche Gemein-
das Lebensprogramm, das der Herr ein- schaft in seine Fußstapfen treten und
haucht und welches das Herz des Hir- unseren Bruder den Händen des Vaters
ten wie ein Töpfer (vgl. Jes 29,16) for- anvertrauen: Mögen diese Hände der
men will, bis sich in ihm die Gesinnung Barmherzigkeit seine mit dem Öl des
Christi Jesu regt (vgl. Phil 2,5). Dankbare Evangeliums brennende Lampe vor-
Hingabe im Dienst für den Herrn und finden, das er während seines Lebens
sein Volk, die sich aus der Annahme verbreitet und bezeugt hat (vgl. Mt
einer gänzlich ungeschuldeten Gabe 25,6–7). (...)
ergibt: „Du gehörst mir ... du gehörst Das gläubige Volk Gottes versammelt
zu ihnen“, flüstert der Herr; „du stehst sich, es begleitet das Leben dessen, der
unter dem Schutz meiner Hände. Du sein Hirte war und vertraut es dem
stehst unter dem Schutz meines Her- Herrn an. Wie im Evangelium die Frau-
zens. Du bist behütet in meinen schüt- en am Grab, so sind wir hier mit dem
zenden Händen, und gerade so befin- Wohlgeruch der Dankbarkeit und der
dest du dich in der Weite meiner Liebe. Salbung der Hoffnung, um ihm noch
Bleib in meinen Händen und gib mir die einmal die Liebe zu erweisen, die nicht
deinen“. (...) Betende Hingabe, die sich vergeht; wir wollen dies mit derselben
still zwischen den Kreuzungspunkten Salbung und Weisheit, mit demselben
und Widersprüchen, denen sich der Hirte Feingefühl und derselben Hingabe tun,
n-Hymne!“
stellen muss (vgl. 1 Petr 1,6–7), und die er uns im Laufe der Jahre zu schen-
der vertrauensvollen Aufforderung, die ken wusste. Wir wollen gemeinsam sa-
Herde zu hüten (vgl. Joh 21,17), heraus- gen: „Vater, in deine Hände übergeben
bildet und verfeinert. Wie der Meister wir seinen Geist.“
verabschieden trägt er auf seinen Schultern die ermü- Benedikt, du treuer Freund des Bräuti-
dende Last des Eintretens für andere gams, möge deine Freude vollkommen
nicht ohne hinzuzufügen: „In meinem und beim 80. Geburtstag“, sagte der und die Zermürbung der Salbung für sein, wenn du seine Stimme endgültig
Amt gehöre ich der Welt.“ eine, der andere erinnerte sich noch sein Volk, vor allem dort, wo das Gute und für immer hörst!
Dennoch verleugnete er nie seine an den heißen August 2012. Damals
Herkunft. Selbst wenn er Italienisch gab es als nachträgliches Geburtstags-
sprach, war es gefärbt vom Idiom der geschenk einen Hoagascht inmitten
Inn-Salzach-Region, in der Joseph der päpstlichen Sommerresidenz Castel
Ratzinger aufgewachsen war. Die dort Gandolfo. Zuvor hatten die Gebirgs- Papst Franziskus
in Kindertagen erlebte barocke Volks- schützen, deren Ehrenmitglied der würdigte seinen
frömmigkeit prägte zeitlebens seinen Kompanie Tegernsee Benedikt war, Vorgänger
Glauben – das bekamen auch seine Salut geschossen. Benedikt XVI.
Landsleute stets zu spüren, wenn sie Denkt der Bayer ans Paradies,
ihn im Vatikan besuchten. Reisten kommt ihm sofort der „Brandner Kas-
sie in Tracht an, sagte er zu ihnen: par“ in den Sinn: In der oberbairischen
„Das tut mein Herz auf.“ Mundarterzählung Franz von Kobells
Und wenn er heute von oben aus von 1871 lässt sich Petrus mittags um
dem Himmel zuschaute, dann ging es 12 Uhr Weißwürste von den Engeln
ihm wohl genauso. Als die Teilneh- servieren. Wie also sollte man sich die
menden der Delegation sich um 5 Uhr Ewigkeit vorstellen? Darauf hatte der
am Münchner Flughafen trafen, jam- Kirchenmann eine Antwort, an der
merten zwar alle über die kurze Nacht. auch liberale Theologieprofessoren kaum
Doch es war allen ein besonderes etwas auszusetzen hätten: eher in der
Anliegen, wie es Söder nannte, dem „Kategorie des erfüllten Augenblicks“,
„bayerischen Papst“ die letzte Ehre jenseits aller Zeit. Möge Benedikt die-
zu erweisen. Noch vor dem Abflug sen nun gefunden haben. Barbara Just
wurden Anekdoten ausgetauscht. Die Autorin ist Redakteurin der
„Ich war bei der Amtseinführung Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).4 Zum Tod von Papst emeritus Benedikt X VI. 15. Januar 2023 / Nr. 3
In den Vatikanischen Grotten unterm Mittlerweile ist das Grab von Benedikt XVI.
Petersdom fand die eigentliche Bei- für die Öffentlichkeit zugänglich. Der
setzung im kleinen Kreis statt. Kardinal schlichte weiße Marmorstein mit der
Giovanni Battista Re, Dekan des Kardinals- Aufschrift „Benedictus PP XVI“ befindet
kollegiums, segnete Sarg und Grab. sich gegenüber dem Altar der Krypta.
Der Himmel über Rom klarte am Ende der Totenfeier auf.Fotos: imago/ZUMA Press (2)
Mit einer schlichten, aber
feierlichen Totenmesse auf
dem Petersplatz hat die Welt
Abschied von Benedikt XVI.
genommen. Zehntausende
Menschen applaudierten
als Zeichen des Respekts,
als der Sarg anschließend
zur Beisetzung in den
Petersdom getragen wurde.
Stehend segnete Papst Franziskus den Sarg mit einem Erzbischof Georg Gänswein, Präfekt des Päpstlichen Hauses,
Kreuzzeichen, legte dann die Hand darauf und verharrte verneigt sich und küsst den Sarg von Benedikt XVI.
eine Weile mit gesenktem Kopf. Screenshot: SMB Fotos: imago/Independent Photo Agency Int. (5)
Aus Benedikts bayerischer Heimat kamen viele Frauen Beim Requiem waren mehr als 120 Kardinäle und 400 Papst Franziskus begrüßte Bundespräsident Frank-Walter
und Männer nach Rom, um sich von „ihrem“ Papst zu Bischöfe anwesend sowie rund 4.000 konzelebrierende Steinmeier, der die deutsche Delegation anführte; im
verabschieden. Priester. Hintergrund Bundeskanzler Olaf Scholz.15.
Januar 2023 / Nr. 3 Zum Tod von Papst emeritus Benedikt X VI. 5
Bewegende Beerdigung
Rund eine Viertelmillion Menschen
nahm in Rom Abschied vom eme- Zur Trauergemeinde auf dem Petersplatz gehörten auch
ritierten Papst. Auch aus Bayern zahlreiche Gläubige aus Benedikts bayerischer Heimat.
kamen zahlreiche Pilger, die meisten Foto: imago/Independent Photo Agency Int.
extrem spontan.
Silvester, 9.34 Uhr: Benedikt XVI.
stirbt im Alter von 95 Jahren in seiner
Wohnung im Vatikan. 3. Januar,
8.19 Uhr: Nur drei Tage später sitzen
44 Pilger aus München und den an-
grenzenden Bistümern in einem Reise-
bus Richtung Italien. Kaplan Basti
Neumann spricht den Reisesegen.
Auch der Geistliche aus der Diözese
Regensburg hat erst kurz zuvor
von seiner Dienstreise erfahren. Lange
überredet werden musste er aber nicht.
„Die Gelegenheit, sich von einem
bayerischen Papst zu verabschieden,
hat man halt nur einmal im Leben.“
Mit 27 Jahren ist Neumann der
Jüngste im Bus. Spontan zu einer
Papstbeerdigung fahren kann man
aber auch, wenn man 80 ist, meint
Günther Weidlich aus Rosenheim.
Weil er bei Benedikts Bayernreise 2006 giestudentin Nusser, das nehme dem Mensch“, betont ein Schweizer Pilger Szenen wie beim letzten Papst-Requiem
keine Zeit gehabt habe, habe er jetzt Abschied die Tiefe. Die meisten Besu- unter Tränen. Um 8.45 Uhr wird der 2005: Gläubige danken dem emeritier-
einfach die Gelegenheit nutzen wollen. cher haben damit aber kein Problem. Sarg des emeritierten Pontifex vom Ap- ten Pontifex auf Bannern und Plakaten.
Um 21 Uhr trifft die Reisegruppe „Wir sind sogar zweimal gegangen“, er- plaus der Menge begleitet aus der Basili- „Santo subito“ ist auf einem zu lesen,
in Rom ein. Nach einer kurzen Nacht zählt Hans Stadler aus Geiselhöring, ka auf den Platz getragen. Benedikts auf einem anderen „Danke, Benedikt“.
geht es bereits um halb acht am nächs- „das ist Weltkirche hier.“ Eine weitere Privatsekretär Erzbischof Georg Gäns- Die gebürtige Oberbayerin Kathi Hauser
ten Morgen in Richtung Vatikan, wo Pilgerin spricht von einer würdevollen wein legt ein Evangeliar auf die schlichte findet, dass Joseph Ratzinger sowohl
Benedikts Leichnam im Petersdom auf- Atmosphäre. „Ich Zedernholzkiste. theologisch als auch menschlich ein
gebahrt liegt. Schlange stehen kennt man musste mich einfach
auf dem Petersplatz, doch für die Trauer- vor ihm verneigen“,
„Ich musste mich einfach „Es war sehr be-
wegend“, erzählt
großes Vermächtnis hinterlasse. „Ein
Schatz, von dem gerade die Kirche in
feierlichkeiten haben die Sicherheitskräf- ergänzt ihr Ehe- vor ihm verneigen“ Michael aus Passau. der heutigen Zeit profitieren kann.“
te „la fila“ nach allen Regeln der Kunst mann. Auch Harald Er habe vor allem Dass die Trauerfeierlichkeiten ins-
perfektioniert: Bis weit in die Via della Gerngroß aus Greding ist dafür spontan ein Fest des Dankes erwartet, aber gesamt deutlich kleiner ausfallen als
Conciliazione sind Absperrgitter auf- nach Rom gekommen: „Eine Entschei- die Trauer habe an manchen Stellen 2005, hatte sich Benedikt auch selbst
gestellt. Dass man nur über diese Um- dung, die ich nie bereuen werde!“ schlussendlich überwogen. Er sei dank- gewünscht. Der Bayer sei einfach ein
wege auf den Platz kommt, stört die Am Mittwochnachmittag treffen bar „für unseren Papst“. anderer Papst gewesen als sein Vorgän-
Gläubigen aber nicht. Rund 200.000 gleich mehrere bayerische Reisegruppen Geleitet wird die Totenmesse ger Johannes Paul II., sagt der Publizist
Pilger reihen sich innerhalb von drei auf dem „Campo Santo Teutonico“ von Papst Franziskus. Ein historisches Bernhard Meuser, der aus diesem
Tagen ein. Doppelt so viele wie erwartet. zusammen und feiern mit Bischof Ereignis: Nie zuvor hat ein Papst einen Anlass ebenfalls nach Rom gereist ist.
„Normalerweise ist das ein ruhiger Ort“, Rudolf Voderholzer von Regensburg anderen Papst beerdigt. Benedikt Der Zusammenhalt unter den An-
sagt Valerie Nusser aus Bamberg, und Bischof Stefan Oster von Passau war 2013 das erste Kirchenoberhaupt hängern des Deutschen sei dafür
die in Rom Theologie studiert, „jetzt Gottesdienst. Die Nacht wird dann nach mehr als 700 Jahren gewesen, das umso größer. „Man findet Freunde
ist hier alles abgesperrt.“ wieder kurz. Bereits um 6.45 Uhr freiwillig zurücktrat. In seiner Predigt aus allen Nationen!“ Gerade für junge
Ein Besucheransturm wie beim Tod brechen die Pilger zur Totenmesse auf. würdigt Franziskus das Feingefühl und Menschen und Intellektuelle sei er bis
von Papst Johannes Paul II. 2005 bleibt Trotz der Kälte und des Nebels die Hingabe, mit denen sein Vor- heute eine Identifikationsfigur.
aber aus. Damals waren es rund vier sind rund 50.000 Besucher gekommen. gänger das Evangelium verkündet Seine letzte Ruhestätte hat Benedikt
Millionen Pilger. Dafür muss man Die Stimmung reicht von gespannt habe, und betet für Benedikt. Am nach der Totenmesse in den Grotten des
beim deutschen Papst weniger lang bis tief bewegt. „Er war so ein lieber Ende der Trauerfeier dann ähnliche Petersdoms gefunden. Im engsten Kreis
anstehen. Gerade am Morgen geht es wurde er im selben Grab bestattet wie
zügig in etwa zwanzig Minuten von der auch schon seine inzwischen heilig-
Via della Conciliazione bis zum auf- gesprochenen Vorgänger Johannes XXIII.
gebahrten Pontifex. Verantwortlich und Johannes Paul II. Am Abend nach
dafür ist das Sicherheitspersonal am der Trauerfeier dann der Abschluss
Papstaltar. Mit „Avanti, Avanti“-Rufen dieser besonderen Romwallfahrt: Mit
sorgen sie dafür, dass den Gläubigen einem Abendessen ganz in der Nähe
nur einige Sekunden beim von zwei des Petersplatzes und der Bayernhymne
Schweizergardisten bewachten Bene- als letztem Gruß aus der Heimat an
dikt bleiben. „Es wird ein Event daraus Benedikt XVI. Korbinian Bauer
gemacht und es kriegt ein bisschen Der Autor ist Radio-Redakteur
Museumscharakter“, kritisiert Theolo- Vor dem aufgebahrten Leichnam hieß es Schlange stehen. Foto: imago/ZUMA Press beim Michaelsbund.6 Zum Tod von Papst emeritus Benedikt X VI.
15. Januar 2023 / Nr. 3
Der Wahrheit verpflichtet
Nachruf auf Papst emeritus Benedikt XVI.
E
s waren immer wieder Tage sitz der Wahrheit fühlte, sondern um
des Übergangs, an denen sich die Notwendigkeit wusste, sich ihr je
im Leben von Joseph Ratzinger neu zu nähern. Daher rührte seine Lust
Wichtiges ereignete: Geboren wurde am theologischen Disput, den er bis
er am Karsamstag 1927, den letzten in die Zeit des Petrusdienstes nicht
öffentlichen Gottesdienst hielt er am missen wollte und dem er bis zuletzt
Aschermittwoch 2013, heimgegangen nie aus dem Weg ging.
ist er am Silvestertag 2022. „Pfiat di! Vielleicht sehen wir uns
Im Lied zur Jahreswende singen wir nochmal in dieser Welt und sonst in
über Christus: „Er ist der Weg, auf dem der anderen!“ – Mit diesen Worten ver-
wir gehen, die Wahrheit, der wir trau- abschiedete sich Kardinal Ratzinger
en. Er will als Bruder bei uns stehn, bis einmal von einem bereits vom Tod
wir im Glanz ihn schauen.“ In diesen gezeichneten Weihekollegen. Voraus-
Worten ist das Leben des Joseph gegangen war ein Gespräch der Brüder
Ratzinger, der als Papst Benedikt XVI. Ratzinger über das Sterben und den
Geschichte geschrieben hat, treffend Tod – in einer tabulosen Offenheit, wie
ausgedrückt. Die Suche nach dem sie nur mit festem Glauben und starker
Antlitz Christi war seine Motivation Hoffnung möglich ist.
als Glaubender, Theologe, Bischof und Der Autor bei einem Besuch im Juni 2022 bei Benedikt XVI. Foto: privat Nun ist Papst Benedikt selber diesen
Papst. Die neben all den vielen Aufga- Weg gegangen und vielen nachgefolgt,
ben als Oberhaupt der Kirche abgerun- Fundament konnte er seine hohe intel- seiner intensiven wissenschaftlichen die sein irdisches Leben begleitet und
gene Zeit zur Abfassung einer Trilogie lektuelle und rhetorische Begabung Auseinandersetzung mit Philosophie, geprägt haben. Er hinterlässt uns ein
über Jesus von Nazareth, geronnene Er- nutzen, um über Gott und die Welt, Theologie und der Gottesfrage sein. beachtliches Erbe. Seine Lebensleis-
kenntnis seines Lebens, ist Ausdruck Glaube und Vernunft, Kirche und Dass er sich angesichts des Jubels von tung als Professor, Bischof und Papst
seines Strebens, den Menschen Chris- Moderne zu sprechen, weil er davon Millionen in der ganzen Welt auf der wird erst mit zeitlichem Abstand in an-
tus vor Augen zu stellen, sie zur Freund- überzeugt war, dass die natürliche Loggia des Petersdomes als einfachen gemessener Weise einzuordnen und zu
schaft mit ihm einzuladen und sie mit Vernunft die Menschen zur Einsicht und demütigen Arbeiter im Weinberg würdigen sein. Und gewiss werden sich
ihm bekannt zu machen. führen würde. Leider blieb er oft genug des Herrn bezeichnete, der aber auf in diesem langen Leben Licht und
Christus war für Ratzinger der Weg unverstanden, er wurde in banaler die Gnade Gottes hoffen dürfe, war Schatten finden, wie es bei jedem Men-
zu Gott, die Wahrheit, der er sich als Weise missverstanden und man unter- sein voller Ernst. schen der Fall ist, der hohe und höchs-
Mitarbeiter demütig zur Verfügung stellte ihm Weltfremdheit. Auch das Eingeständnis nach acht te Verantwortung getragen hat. Sicher
stellte, und die göttliche Schönheit, die Bei alldem blieb er ein Demütiger und Jahren Petrusdienst, seine geistigen jedoch wird uns ein gebildeter, kulti-
er in der Schöpfung und in der Tra- Bescheidener. „Nicht Herren eures und körperlichen Fähigkeiten derart vierter, ja nobler Bayer in Erinnerung
dition erkannte. Dieser Lebensinhalt Glaubens, sondern Diener der Freude“ schwinden zu fühlen, dass um der bleiben, der ähnlich wie der Mönchs-
basierte auf einem frappierend ein- (2 Kor 1,24) – das war nicht nur sein Kirche willen nur noch der Rücktritt vater Benedikt gelebt hat: mit beiden
fachen Glauben, der in der Kindheit Primizspruch, sondern Leitmotiv seines bliebe, war der unerwartete Akt eines Beinen auf der Erde, den Blick zum
durch sein Elternhaus und die kultu- priesterlichen Dienstes. Sein bischöfli- Menschen, der sich der Wahrheit gänz- Himmel gerichtet.
relle Prägung einer katholischen Welt cher Wahlspruch lautete „Cooperatores lich verpflichtet fühlte. Zu seiner Auf- Monsignore Thomas Frauenlob
wachsen konnte und in der Familie veritatis“ (3 Joh 8) – „Mitarbeiter für fassung von Demut gehört aber auch, Der Autor ist Leiter des Pfarrverbands
stets seine Heimat blieb. Auf diesem die Wahrheit“; ein solcher wollte er in dass er sich nie im egozentrischen Be- Stiftsland Berchtesgaden.
„Tief verwurzelt, offen für Neues“
Delegationen des Erzbistums und der Staatsregierung feiern Gedenkvesper in Rom
ROM/MÜNCHEN. Kardinal Rein- Vor-Vorgänger im Amt des Erzbi- terpräsident Markus Söder, der nach nisterpräsident noch einmal Benedikt
hard Marx hat Benedikt XVI. bei ei- schofs von München und Freising. Abschluss der Vesper Grußworte an XVI. Er sei einer der größten Theolo-
ner Gedenkvesper in Rom als beispiel- Ebenso „bete und bitte ich für unser die Teilnehmenden richtete. gen des 20. Jahrhunderts, ein brillan-
haft gewürdigt. Der verstorbene Papst Vaterland, dass viele den Glauben nicht Söder zeigte sich zuversichtlich, dass ter Kopf, ein Philosoph, ein Intellek-
emeritus sei „tief verwurzelt“ in der verlieren“. Marx schloss: „Ich glaube, das christliche Herz weiter schlagen tueller gewesen. „Seine Bücher waren
Tradition gewesen wie ein Baum, der das würde Benedikt XVI. gefallen, werde. Auch wenn die Institution Kir- echte Meisterwerke. Wer sie gelesen
sich neugierig nach oben verzweige. wenn wir immer wieder auch um den che sich derzeit gerade in Deutschland hat, weiß auch, dass es vermutlich
„Tief verwurzelt in der Tradition und Glauben unseres Vaterlandes beten.“ in einer Krise befinde, habe der Glaube auch einen Meister braucht, um diese
offen für Neues: Das ist ein Bild auch Kardinal Marx feierte den Gottes- seine Attraktivität und werde sie auch Bücher wirklich verstehen zu können.“
für die Kirche und die Christenheit“, dienst mit den rund 30 Mitgliedern behalten, sagte der Ministerpräsident. Was ihn als evangelischen Christen an
sagte der Erzbischof in Santa Maria der Delegation der Erzdiözese, die zu „Es geht um eine frohe Botschaft – sie der katholischen Kirche immer beson-
dell’Anima, der Kirche der deutsch- den Trauerfeierlichkeiten nach Rom ge- zu verbreiten, ist der Auftrag.“ ders beeindruckt habe, sei der Cha-
sprachigen Katholiken in Rom. reist waren. Auch zahlreiche weitere Pil- Statt Depression zu zeigen, sollten rakter der Weltkirche. „Das ist doch
Wie sehr hoffe und bete er, dass gerinnen und Pilger aus dem Erzbistum die Kirchen spirituelle Inspiration unglaublich beeindruckend, dass
das Zeugnis dieses großen Mannes und ganz Bayern kamen zur Vesper. vermitteln, empfahl Söder. Vielleicht Menschen aus unterschiedlichen Re-
zur Zusammenführung der Menschen An dem Gottesdienst nahm auch komme auch eine Mission infrage, gionen und unterschiedlichen Lebens-
und zu einer „spirituellen Bekräfti- die Delegation der bayerischen Staats- aber nicht eine irgendwo, „sondern standards der eine Glaube an Jesus
gung“ führe, sagte Marx über seinen regierung teil, angeführt von Minis- daheim“. Zugleich würdigte der Mi- Christus eint.“ uq/kbr/kna15.
Januar 2023 / Nr. 3 Zum Tod von Papst emeritus Benedikt X VI. 7
Rufe nach „Santo subito“
Eine „Eiligsprechung“ für Benedikt XVI.?
D
ie Bilder vom Petersplatz zeig- cher des Heiligsprechers fort: santo
ten bei der Totenmesse für Be- subito – und dann noch rasch Kir-
nedikt XVI. ein großes Banner chenlehrer obendrauf?
mit der Aufschrift „Santo subito“ – Zu welch unbequemen Debatten
„heilig sofort“. Auch entsprechende der Trend zu Eiligsprechungen fast
Rufe waren zu hören. Gleich mehrere zwangsläufig führt, zeigt nicht zuletzt
Kardinäle gingen sogar noch einen ge- der heilige Johannes Paul II. selbst.
hörigen Schritt weiter: Der Theologe War denn seine Rolle im Umgang mit
Benedikt XVI./Joseph Ratzinger stehe sexuellem Missbrauch in der Kirche
auf einer Stufe mit den bislang erst 37 bereits ausreichend untersucht; und
sogenannten – heiligen – Kirchenleh- seine kirchenrechtliche Förderung der
rern. Geboten scheint nun vor allem sogenannten Neuen Geistlichen Ge-
eins: Besonnenheit. meinschaften, von deren charismati-
Die Bilder gleichen sich. Im April schen Gründerfiguren inzwischen
2005 hatten Gläubige erstmals das nicht wenige nur wenige Jahre später
zum geflügelten Wort gewordene persönlich in ein eindeutig schlechtes
„Santo subito“ akklamiert; damals für Licht gerückt sind?
den verstorbenen Johannes Paul II./ Im eigenen Interesse muss die Kir-
Karol Wojtyła (1978 – 2005). Der Teilnehmer halten ein großes Banner mit der Aufschrift in roten Lettern „Santo subito“ che den Eindruck von „Eiligspre-
Papst aus dem kommunistischen Po- (dt. „sofort heilig“) während der Trauermesse für Benedikt XVI. auf dem Petersplatz. chungsmechanismen“ vermeiden. Die
len hatte in dem Wunsch, den Men- Foto: imago/Independent Photo Agency Int. Bilder gleichen sich: Für drei Viertel
schen des blutigen 20. Jahrhunderts der Päpste des 20. Jahrhunderts laufen
Vorbilder zu geben, mehr Personen nur die Schlagzahl muss Besorgnis er- des Seligsprechungsverfahrens ab und Selig- oder Heiligsprechungsverfah-
selig- und heiliggesprochen als all sei- regen. Es sind vor allem die Ausnahmen erlaubte einen Start bereits zwei Jahre ren, oder sie sind schon abgeschlossen.
ne Vorgänger zusammen. 6.650 Heili- von einem Verfahren, das der Vatikan nach ihrem Tod. Auch für Benedikt XVI. standen erste
ge und Selige sowie 7.400 weitere, bei einst – genau zum Zweck der Ent- Der Prozess für ihn selbst begann Rufer bereit; und es gäbe ohne Zweifel
Christenverfolgungen getötete Mär- schleunigung und Objektivierung – mit Erlaubnis Benedikts XVI. sogar auch schon welche für den „Armen-
tyrer listet das vatikanische Heiligen- entwickelt hat und in diesen Grund- noch viel schneller, schon drei Monate Papst“ Franziskus „von den Rändern“.
Gesamtverzeichnis „Martyrologium zügen seit rund 300 Jahren anwendet. nach seinem Tod. Johannes Paul II. Wäre es nicht eigentlich ganz im Sinn
Romanum“ von 2004 auf. In Gang gesetzt hat auch diese Ent- wurde 2011 selig- und 2014 heiligge- des traditionsbewussten Groß-Theolo-
Aber auch Benedikt XVI. und wicklung: Johannes Paul II. Er rückte sprochen, noch über zwei Jahre früher gen Ratzinger, zurückzukehren zu den
Franziskus sprachen Hunderte vor- für die Ordensgründerin Mutter Tere- als Mutter Teresa, die „acht Jahre Vor- hergebrachten Verfahren der Kirche?
bildhafte Katholiken selig oder heilig. sa von Kalkutta (1910 – 1997) erstmals sprung“ hatte und ja selbst schon auf Alexander Brüggemann
Mit einer fatalen Tendenz, wie Kir- von der ausdrücklich vorgeschriebe- die Überholspur gesetzt war. Setzt sich Der Autor ist Redakteur der
chenhistoriker längst kritisieren: Nicht nen Fünf-Jahres-Frist zur Aufnahme die Kaskade nun mit dem Eiligspre- Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
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Der Freistaat Bayern trauert um
Seine Heiligkeit, den emeritierten Papst
Benedikt XVI.
* 16. April 1927 in Marktl † 31. Dezember 2022 in Rom
Träger des Bayerischen Verdienstordens
und des Bayerischen Maximiliansordens
für Wissenschaft und Kunst
Wir trauern um unseren bayerischen Papst. Der Tod von Benedikt XVI. berührt viele Menschen in Bayern
und aller Welt sehr. Mit ihm verliert die Gesellschaft einen überzeugungsstarken Repräsentanten der
katholischen Kirche sowie einen der einflussreichsten Theologen des 20. Jahrhunderts.
In bewegten und herausfordernden Zeiten war er das religiöse Oberhaupt der katholischen Gläubigen.
Viele Menschen in seiner Heimat werden ihn nicht nur als Papst Benedikt XVI., sondern auch als bescheidenen
Seelsorger in dankbarer Erinnerung behalten. Er gab vielen Menschen Kraft und Orientierung.
Unvergessen ist uns sein mehrtägiger Besuch in Bayern als neuer Papst, der seine Liebe zu Land und Leuten
zum Ausdruck brachte. Er trug seine Heimat immer im Herzen.
Bayern wird Papst Benedikt XVI. ein ehrendes Andenken bewahren.
Dr. MARKUS SÖDER, MdL
Bayerischer Ministerpräsident8 Vor Ort
15. Januar 2023 / Nr. 3
In eigener Ohne Gewalt
Sache Zum Beitrag „Beten für den Frieden – mit weiteren Sanktionen die Feind- zum Geburtstag Jesu zu erklären, weil
Unsere vergangene MK-Ausgabe aus den päpstlichen Predigten und schaften mit erheblichen wirtschaftli- mit seinem Leben neues Licht in die
(Nr. 2 vom 8. Januar) enthielt neben Ansprachen zu Weihnachten und chen Schäden nur noch verstärkt wer- Welt gekommen ist. Kirchen aus
der Berichterstattung zum Tod von zum Jahreswechsel“, MK vom 8. den? Sind die großzügigen Militär- Energiegründen nur sparsam zu be-
Papst emeritus Benedikt XVI. am Januar, Seite 18: hilfen und Zusagen für Wiederaufbau leuchten wäre so für Christen ein fal-
Silvestertag auch den großen MK- von der EU wie der US-Regierung sches Signal.
Jahresrückblick auf 2022. Wir wur- nicht eine Einladung an Selenskyj, Nach Jesus erfahren diejenigen
Lesermeinung
den inzwischen mehrfach von Lese- den blutigen Krieg fortzuführen? Mit Gottes Reich und Reichtum, die ohne
rinnen und Lesern angefragt, wo Offensichtlich hat auch unser Papst, einem vermeintlichen militärischen Gewalt, Vergeltung und Rachegedan-
man zusätzliche Exemplare dieser wie viele katholische und evangelische Sieg bleiben jedoch Spannungen und ken mit Wohlwollen auch auf Feinde
Ausgabe erwerben könnte, weil sie an Würdenträger, nicht die Kraft, sich Konflikte erhalten. zugehen. Leute wie Gorbatschow oder
den Schriftenständen der Kirchen im deutlicher von der dominanten Politik Wo bleiben die Friedensansätze, die Gandhi haben im Sinne Jesu feind-
Erzbistum mitunter schnell vergriffen westlicher Mächte abzuheben. Aller- sich aus unseren heiligen Schriften liche Mauern fallen lassen. Auch für
war. Kein Problem: Wenden Sie sich dings hat er am 2. Dezember vor einer wie den Evangelien ergeben und mehr heute gelten Jesu Worte: Wer zum
hierfür einfach an unsere Vertriebs- Friedenskonferenz in Rom erklärt, erfordern als nur Gebete? Vor rund Schwert greift, wird durch das Schwert
abteilung. dass Waffen zur Lösung von Konflik- 2.000 Jahren wurde eine Zeitenwende umkommen. Bei weiteren militäri-
ten mehr ein Zeichen der Schwäche eingeläutet, die in unserer Zeitrech- schen Strategien wird es nur Verlierer
als der Stärke seien und Verhandlun- nung nach Christus zum Ausdruck geben außer bei den Rüstungsindust-
gen wie Schlichtung für Mut sprä- kommt und konträr zur Zeitenwende rien, deren Geschäfte weiter wie ge-
chen. Bedenklich, dass solche Aussa- unseres Wumms-Kanzlers steht und schmiert verlaufen. Dass damit auch
gen in tonangebenden Medien keine nicht viele Milliarden an Sonderschul- tatsächlich alle Lichter ausgehen
Beachtung finden. den für noch mehr Waffen kostet. könnten, ist bei der heute kurzsichti-
Was soll letztlich herauskommen, Urchristen hatten sogar den Mut, gen Zeitenwende nicht mehr auszu-
wenn die Ukraine weiter einseitig im kriegerischen Römerreich das heid- schließen. Simon Kirschner,
massiv unterstützt, aufgerüstet und nische Sonnwendfest um den 24.12. Gaimersheim
Gegen Gottes Gebot
Zum Beitrag „Die ‚treibende‘ Kraft Menschen. Leider wurde das im Bei-
– Vollversammlung des Zentral- trag nicht erwähnt. Offensichtlich ist
komitees der Katholiken (ZdK) in das mangelende Sündenbewusstsein
Münchner Kirchenzeitung Berlin“, MK vom 18. Dezember, nicht nur in der breiten Bevölkerung
Vertriebsabteilung Seite 18: ein Problem.
Herzog-Wilhelm-Straße 5 Seit circa 50 Jahren werden bei uns
80331 München Babys abgetrieben. Derzeit etwa
Schreiben Sie uns!
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Lesermeinung 100.000 Kinder jährlich. Heute fehlen Leserbriefe spiegeln die Meinung des
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ken nicht befürwortet werden kann. Es wäre besser, Frauen und Fami- Kontaktdaten bitte an:
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auf das Gedenkbild für Papst emeri- chendeckender Abtreibung auftritt, das Ja zum Kind sprechen können. Redaktion, 80326 München
tus Benedikt XVI. hinweisen, das verstößt sie gegen Gottes Gebot und Theresia Huber, oder per E-Mail:
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Januar 2023 / Nr. 3 Zum Tod von Papst emeritus Benedikt X VI. 9
Rechts oben: Kardinal Marx bei seiner Predigt;
links oben: Auch der bayerische Innenminister
Joachim Herrmann (links) und Herzog Franz von
Bayern nahmen am Requiem für Benedikt XVI.
im Liebfrauendom teil, ebenso Gebirgsschützen
(links unten) und Abordnungen studentischer
Verbindungen (rechts unten). Fotos: Kiderle
Würdiger Abschied
Im Münchner Liebfrauendom feiert Kardinal Marx das Requiem der Erzdiözese für Benedikt XVI.
Ü
ber die Video-Bildschirme des eingeladen worden. Die Geistlichen wegen Missbrauchs verurteilten Pries- diesen dynamischen Prozess vom
an diesem Abend durch die haben in ansehnlicher Anzahl in ter sowie die Erzdiözese und Ratzin- Suchen und Finden bis in alle Ewig-
Scheinwerfer der TV-Liveüber- Chorkleidung im Altarraum Platz ge- gers Nachfolger im Amt des Erzbi- keit eingetreten“: „Das wird sein Glück
tragung hell ausgeleuchteten Münch- nommen. Auch eine Gebirgsschützen- schofs, Kardinal Friedrich Wetter. sein und unser aller.“ Er sei „voller
ner Liebfrauendoms grüßt Benedikt Gruppe mit mächtiger Landesschützen- In seiner Predigt geht Marx dann Zuversicht, dass er weiter mitgeht“, so
XVI. wie in seinen besten Tagen. Sein Fahne sowie diverse Abordnungen der auf das „große theologische Werk“ ein, Marx über Benedikt XVI.
Bild steht vor dem Hintergrund der studentischen Verbindungen in voller das Benedikt XVI. als Vermächtnis Die Trauer um den emeritierten
Domtürme und der Mariensäule. Montur sind erschienen. hinterlasse. In vielen seiner Schriften Papst hat das gesamte Erzbistum in
Die Szene geht über in die flackernde „Ich will alle einladen zum Gebet und Bücher werde deutlich, dass durch vielfachen Zeichen ausgedrückt: Bis
Osterkerze, bei jeder Gedächtnisfeier heute, auch die, die im Raum der Kir- Jesus von Nazareth die Unbegreiflich- zum Tag seiner Beisetzung in Rom
für einen Verstorbenen Zeichen der che Missbrauch und Leid erfahren ha- keit Gottes ein Gesicht bekommen wurde bei den Gottesdiensten in den
christlichen Auferstehungshoffnung. ben“, begrüßt Kardinal Marx die habe: „Darum kreiste im Grunde sei- Fürbitten oder besonderen Gebeten
Auf den Bänken und Stühlen liegen Gläubigen sowie zahlreiche Gäste aus ne gesamte Theologie.“ Ein Bischof des Verstorbenen gedacht, am Vortag
Sterbebildchen mit dem gütig lächeln- Ökumene, Politik, habe einmal kriti- der Beisetzung in allen Pfarreien ein
den Verstorbenen, innen steht ein Gesellschaft und siert, dass Joseph Requiem für ihn abgehalten. Darüber
Satz, den Benedikt XVI. bei seiner Kultur. Suchen und Finden Ratzinger als Papst hinaus läuteten vom 1. bis zum 3. Ja-
Amtseinführung äußerte: „Wer glaubt, Im Zuge eines lieber regieren und nuar täglich von 16 bis 16.15 Uhr die
ist nie allein – im Leben nicht und von der Erzdiözese nicht Bücher Glocken, ebenso am Tag der Trauer-
auch im Sterben nicht.“ in Auftrag gegebenen externen Gut- schreiben solle, erinnert sich der Kar- feierlichkeiten in Rom. Zudem waren
Die Erzdiözese nimmt mit einem achtens zu sexuellem Missbrauch dinal. Er, Marx, habe dann geantwor- alle Kirchen und kircheneigenen Ge-
feierlichen Requiem Abschied von Minderjähriger und erwachsener tet: „Vielleicht bleiben die Bücher län- bäude auf halbmast beziehungsweise
dem am Silvesterabend verstorbenen Schutzbefohlener durch Kleriker so- ger als die Jahre des Pontifikats.“ mit Trauerflor beflaggt.
Benedikt XVI., der von 1977 bis 1982 wie hauptamtlich Bedienstete im Be- „Evangelium ist Aufklärung“, hebt Zum Abschluss des Gottesdienstes
das Bistum des heiligen Korbinian als reich der Erzdiözese im Zeitraum von der Kardinal die von seinem Vor-Vor- wird Marx dann noch einmal sehr
Erzbischof leitete. Der Introitus aus 1945 bis 2019 sah sich Benedikt XVI. Gänger im Bischofsamt propagierte persönlich: Er berichtet von seinem
Mozarts Requiem zum Einzug des in Vertuschungsvorwürfen ausgesetzt, Verbindung von Vernunft und Religi- letzten Zusammentreffen mit Bene-
dicke Weihrauchschwaden gehüllten die dieser in einer vom Vatikan veröf- on hervor. An der Liturgie entscheide dikt XVI. im vergangenen September.
Altardienstes um Kardinal Reinhard fentlichten Stellungnahme zurückwies sich das theologische Geschick, führt Bis dahin bat der Erzbischof den Eme-
Marx verleiht dem Ganzen einen erns- (wir berichteten). Benedikt XVI. sah Marx im Andenken an Benedikts ritus bei jeder ihrer gemeinsamen
ten und würdigen Charakter. sich in diesem Zusammenhang auch Lehre weiter aus: „Die Feier des Gottes- Begegnungen am Ende um dessen
Zu diesem Gottesdienst sind beson- mit einer Klage vor dem Landgericht dienstes ist das Zentrum und der Segen. „Dieses Mal habe ich zum ers-
ders die Dekane des Erzbistums, die Traunstein konfrontiert. Die soge- Herzschlag der Kirche. Die Menschen ten Mal zu ihm gesagt: ,Und jetzt seg-
Mitglieder der Päpstlichen Familie, nannte Feststellungsklage richtete sich sollen spüren: Im Gottesdienst geht ne ich dich.‘ Und er entgegnete: ,Ja, ja,
die Priester und Diakone, die pastora- neben dem damaligen Münchner Erz- der Himmel auf.“ Benedikt XVI. habe bitte!‘“ Florian Ertl/pm
len Mitarbeitenden und die Gläubigen bischof auch gegen einen mehrfach nun seinen Weg vollendet und sei „in Der Autor ist stellv. MK-Chefredakteur.10 Zum Tod von Papst emeritus Benedikt X VI.
15. Januar 2023 / Nr. 3
„Geliebte Heimat“
Benedikt XVI. und das Erzbistum München und Freising
Z war schrieb Joseph Kardinal Rat-
zinger 1998 in seinen Erinnerun-
gen: „Es ist gar nicht leicht zu sa-
gen, wo ich eigentlich zu Hause bin. Mein
Vater wurde als Gendarm wiederholt ver-
nals Döpfner zum Erzbischof seines Hei-
matbistums. Damit war nach über 80
Jahren wieder ein gebürtiger Altbayer und
Diözesanpriester zum Oberhirten berufen
worden. Dem verdankten sich die durch-
setzt, so daß wir viel auf Wanderschaft weg positiven Reaktionen auf die Ernen-
waren, bis wir 1937, als er mit sechzig nung ebenso wie dem Ansehen des Theo-
Jahren in Pension ging, das Haus in Huf- logen. Für das erzbischöfliche Wappen
schlag bei Traunstein beziehen konnten, wählte er neben dem traditionellen „Frei-
das dann unsere eigentliche Heimat ge- singer Mohren“ auch den Bären des heili-
worden ist.“ Aber klar war doch: „Alles gen Korbinian als Motiv.
Wandern vorher blieb in einem begrenz- Bischofsweihe und Amtseinführung
ten Radius: im Inn-Salzach-Dreieck, des- fanden am 28. Mai im Münchner Dom
sen Landschaft und Geschichte meine Ju- statt. Nach dem Gottesdienst führte eine
gend geprägt hat.“ Zu seiner bayerischen Prozession zum Marienplatz, wo Erzbi-
Herkunft und Prägung hat sich der spätere schof Ratzinger an der Mariensäule ein
Theologieprofessor, der Erzbischof und Gebet zur Schutzfrau Bayerns sprach. Bei
Kardinal und auch der Papst stets bekannt. der offiziellen Begrüßung in Freising be-
Geboren am 16. April 1927 als drittes Kind tonte der Erzbischof die bleibende Bedeu-
von Joseph Ratzinger und seiner Ehefrau tung der alten Bischofsstadt als „Heim-
Maria in Marktl am Inn (Diözese Passau), stätte des Glaubens und der Kultur“. Eine
zog er 1929 mit seinen Eltern und den Konsequenz war sein Antrag auf Erhe-
Geschwistern Maria und Georg nach Titt- bung des Freisinger Doms zur Konkathe-
moning. Auch die weiteren Stationen der drale.
Familie lagen im Erzbistum München und Zur allgemeinen Überraschung wurde
Freising: 1932 Aschau am Inn und schließ- schon am 2. Juni 1977 bekannt gegeben,
lich 1937 das eigene Haus am Rand von dass Erzbischof Ratzinger von Papst Paul
Traunstein. Das Gymnasium besuchte Jo- VI. zum Kardinal erhoben und damit in die
seph Ratzinger zunächst von zuhause aus, Mitverantwortung für die Weltkirche ge-
bis er 1939 – wie zuvor schon Georg – in nommen wird. Die feierliche Erhebung
das Erzbischöfliche Studienseminar Traun- folgte am 27. Juni in Rom.
stein eintrat. Angesichts der Schikanen Sicherlich bedeutete es für den bisheri-
des NS-Regimes, das unter anderem die gen Universitätsprofessor eine große Um-
Anmeldung aller Seminaristen zur „Hitler- stellung, sich in die Leitung eines großen
Jugend“ erzwang, reifte in Joseph der Ent- Joseph Ratzinger beschrieb in seinen Werken auch öfter seine Heimat. Foto: KNA Bistums wie der Erzdiözese München und
schluss, Priester zu werden. Freising mit damals nahezu 2,4 Millionen
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs Kandidaten im Freisinger Dom die Pries- keit, druckreif frei sprechen zu können, Katholiken und 752 Seelsorgsstellen hin-
brachte die Ausquartierung der Semina- terweihe durch Erzbischof Michael Kardi- durch eine „vollkommen neue Sprache“ einzufinden. Bei seinen öffentlichen Auf-
risten in Behelfsunterkünfte. Ab August nal von Faulhaber. und seine Art der Bibeldeutung. Bei ei- tritten verband der Erzbischof persönliche
1943 folgten der Einsatz als Luftwaffen- Der erste Einsatz des Neupriesters war nem Adventssingen im Priesterseminar Bescheidenheit mit der sehr bewusst
helfer, Reichsarbeitsdienst im österreichi- eine vierwöchige Aushilfe in München- übernahm der gelehrte Volksmusikfreund eingesetzten Macht seines Wortes. Seine
schen Burgenland und eine kurze Solda- Moosach, in der „nahezu alles passiert[e], 1953 die Worte der Besinnung und zog Predigten fanden solchen Anklang, dass
tenzeit in der Umgebung Traunsteins, die was einem Seelsorger an kirchenrechtli- einen berühmt gewordenen Vergleich die Pressestelle des Ordinariats sie in
Joseph Anfang Mai 1945 dadurch beende- chen Problemen passieren kann“. Es folgte zwischen dem Jodler und dem beim großer Auflage verbreitete. Wichtige, in
te, dass er sich entschloss, aus der Kaser- „das kostbare Jahr Kirchenvater Augus- Ansprachen immer wieder aufgegriffene
ne „nach Hause zu gehen“. Nach kurzer seelsorglicher Tätig- tinus erwähnten Anliegen waren dem Erzbischof die Be-
Kriegsgefangenschaft konnte der 18-Jäh- keit“ als Kaplan in
Freisinger Mohr, „Jubilus“. wahrung des christlichen Erbes Bayerns
rige nunmehr den Weg zum Priestertum München-Bogen- Bär des Korbinian Nach Abschluss der und der christlichen Grundordnung in Eu-
einschlagen. hausen. Pfarrer Max Habilitation führte ropa sowie die Warnung vor einer Anpas-
Zusammen mit Bruder Georg trat er in Blumschein stellte dem jungen Priester die akademische Karriere Ratzinger von sung an den Zeitgeist. Gerne pflegte Kar-
das Priesterseminar der Erzdiözese auf ein hervorragendes Zeugnis aus. Nur eine Freising zunächst an die Universität Bonn, dinal Ratzinger auch seine Liebe zu Musik
dem Freisinger Domberg ein und begann „gewisse Schüchternheit“ müsse er noch dann nach Münster, Tübingen und schließ- und frommem Brauchtum. Große Auf-
das Studium an der dortigen Philoso- überwinden. lich an die neue Universität Regensburg. merksamkeit beanspruchte die Sicherung
phisch-Theologischen Hochschule. Jo- Die baldige Berufung als Dozent und Von 1962 bis 1965 nahm er als Konzils- der Seelsorge: 1981 legte der Erzbischof
sephs wissenschaftliche Begabung fiel Präfekt in das Priesterseminar Freising theologe und als Berater des Kölner Erz- den Grundstein zum Neubau des Priester-
schon bald auf, so durfte er seine Studien bedeutete eine Weichenstellung in Rich- bischofs Joseph Kardinal Frings am Zwei- seminars in München. Angesichts einer
ab 1947 an der Universität München fort- tung auf eine wissenschaftliche Laufbahn. ten Vatikanischen Konzil teil und knüpfte sinkenden Priesterzahl wurden zahlreiche
setzen. Unter den akademischen Lehrern 1953 schloss er seine Doktorarbeit ab und dabei auch Kontakte mit dem Münchner Pfarrverbände gegründet und Ständige
beeinflussten ihn besonders der Pastoral- begann mit der Habilitation. Schon im Erzbischof Julius Kardinal Döpfner. Diakone sowie Laienmitarbeiter in die
theologe Joseph Pascher und der Fun- Jahr darauf übernahm er die Vertretung Regensburg sollte – so war die Lebens- Seelsorge einbezogen.
damentaltheologe Gottlieb Söhngen. Im des Lehrstuhls für Dogmatik und Funda- planung – die letzte Station sein. Doch er- Im November 1980 kam Papst Johan-
Sommer 1950 schloss er das Universitäts- mentaltheologie an der Hochschule Frei- nannte am 25. März 1977 Papst Paul VI. nes Paul II. auf seiner ersten Deutschland-
studium ab. Am 29. Juni 1951 empfing er sing. Der jugendlich wirkende Professor den „bedeutenden Meister der Theolo- reise nach München. Fast genau ein Jahr
zusammen mit Georg und 42 weiteren faszinierte seine Hörer durch die Fähig- gie“ in Nachfolge des verstorbenen Kardi- danach wurde bekannt gegeben, dass er15.
Januar 2023 / Nr. 3 Zum Tod von Papst emeritus Benedikt X VI. 11
Begeisterte Gläubige grüßen mit Bayern-Fahnen Papst Benedikt XVI. (Mitte, rechts daneben Kardinal Friedrich Wetter) auf dem Balkon des Erzbischöflichen Palais anlässlich seines
Besuchs in München 2006. Foto: imago/Reinhard Kurzendörfer
Kardinal Ratzinger zum Präfekten der rö- im September 2006 seine Heimat Bayern der Ehrenbürgerwürde von Gemeinden, tum München und Freising bereits erfasst.
mischen Glaubenskongregation berufen besuchen werde. Das Reiseprogramm in denen er gelebt und gewirkt hat. Der Es wurde nun – und verstärkt noch nach
hatte. Zum 15. Februar 1982 verzichtete stand unter dem Motto „Wer glaubt, ist Papst nahm diese Ehrungen gerne an und Veröffentlichung des zweiten diözesanen
der Erzbischof auf sein bisheriges Amt. nie allein“ – ein Zitat aus der Antrittspre- hob seine persönlichen Beziehungen zum Missbrauchsgutachtens im Januar 2022 –
Bei der Verabschiedung versprach er, digt des Papstes. Beziehungsreich begann Ort hervor. Kaum einmal unterließ er es, nach dem Tun beziehungsweise Unter-
„den in unserer Heimat gewachsenen der Besuch auf dem Münchner Marien- bei Erwähnungen seines Heimatbistums lassen des emeritierten Papstes in seiner
Glauben und insofern Kirche, die aus Bay- platz, in der symbolischen Mitte des Lan- von der „lieben“ oder gar „geliebtesten“ Amtszeit als Erzbischof gefragt. An meh-
ern kommt, in Rom präsent zu machen“, des, wo Joseph Ratzinger beim Antritt des Erzdiözese zu sprechen – wie in der reren Orten kamen Diskussionen auf, wie
und schloss mit den Worten „Pfia Gott Bischofsamtes gebetet und sich 1982 vom Urkunde, mit der er 2007 Reinhard Marx mit den ihm verliehenen Ehrenbürger-
und Vergelt’s Gott“. Erzbistum verabschiedet hatte. Mit mehr zum Erzbischof von München und Freising schaften, den Straßenbenennungen und
Der Tätigkeitsradius des Kurienkardi- als 250.000 Gläubigen feierte Benedikt ernannte. Eine weitere Verbindung zwi- Denkmälern umzugehen sei.
nals war nun weltweit. Gleichwohl pfleg- XVI. in München-Riem die Sonntags- schen Rom und dem Erzbistum knüpfte Das letzte Wort zu seiner Heimat hat
te er stets die Verbindung mit seiner messe. Am Nachmittag kehrte er in seine der Bau der römischen Pfarrkirche San Papst Benedikt bereits im Jahr 2006 nie-
bayerischen Heimat. Er besuchte sie regel- ehemalige Kathedrale zurück. Nachdem Corbiniano, die Benedikt XVI. persönlich dergeschrieben, und offenkundig hat er
mäßig, verbrachte hier kurze Urlaube und er viele der am Domplatz Stehenden per- weihte und Kardinal Marx als Titelkirche keinen Anlass gesehen, daran etwas zu
wurde auch immer wieder als Zelebrant sönlich begrüßt hatte, betete er zunächst verlieh. Auch nach dem Amtsverzicht des ändern. So heißt es in seinem geistlichen
und Prediger zu Orts- und Priesterjubiläen in der Krypta an den Gräbern seiner erz- Papstes 2013 rissen die Kontakte nicht ab. Testament (siehe Seite 32): „… danken
eingeladen. Im Münchner Dom feierte er bischöflichen Amtsvorgänger. Dann feierte Immer wieder empfing der „papa emeri- möchte ich dem Herrn für die schöne Hei-
2002 das 25-jährige Jubiläum seiner Bi- er mit jungen Familien, Religionslehrern tus“ bayerische Besuchergruppen an sei- mat im bayerischen Voralpenland, in der
schofsweihe. Andererseits nutzten zahl- und Erstkommunion- nem Ruhesitz in den ich immer wieder die Schönheit des Glau-
reiche Personen und Gruppen Rom-Reisen kindern eine Vesper. Vatikanischen Gärten. bens erleben durfte. Ich bete darum, daß
zur Begegnung mit dem ehemaligen Erz- Von Regensburg
Heimatbesuch Am schönsten unser Land ein Land des Glaubens bleibt,
bischof. Besonders verbunden fühlten her traf Benedikt als Papst 2006 würdigte Benedikt und bitte Euch, liebe Landsleute: Laßt
sich ihm die bayerischen Gebirgsschützen, XVI. in Freising ein. XVI. seine Heimat euch nicht vom Glauben abbringen.“
die anlässlich des 75. Geburtstags mit 400 Im Dom betete er vor dem Schrein des 2012 bei dem bayerischen Abend, den die Dr. Roland Götz (stellvertretender
Mann nach Rom kamen und den Kardinal heiligen Korbinian, ehe er zu Priestern Erzdiözese zum 85. Geburtstag in Castel Direktor von Archiv und Bibliothek des
zum Ehrenmitglied machten. und Ständigen Diakonen des Erzbistums Gandolfo ausrichtete – ein „typischer Rat- Erzbistums München und Freising)
Mehrfach lehnte Papst Johannes Paul II. sprach. Dabei weckte der Eindruck des zinger“, bei dem die theologische Pointe Guido Treffler (Archivar im Erzbischöflichen
Resignationsgesuche seines engen, ihm frisch renovierten Doms bei ihm Erinne- im letzten Wort steckt: „Gott hat es uns in Archiv München)
freundschaftlich verbundenen Mitarbei- rungen an seine Priesterweihe und die Bayern leicht gemacht. Er hat uns eine so
ters ab, so dass die für den Ruhestand ge- Feier des Korbiniansfestes als Erzbischof. schöne Welt geschenkt, ein so schönes Das Diözesanarchiv hat die Beziehungen
planten wissenschaftlich-schriftstelleri- In seiner Abschiedsansprache auf dem Land, dass es leicht ist, zu erkennen, Gott von Joseph Ratzinger zu seinem Heimat-
schen Projekte aufgeschoben werden Flughafen zitierte Benedikt XVI. als Se- ist gut, und froh darüber zu sein. Aber zu- bistum umfassend dokumentiert und
mussten. Als Dekan des Kardinalskollegi- genswunsch die erste Strophe der Bay- gleich hat er geholfen, dass die Menschen damit ein Fundament für die künftige
ums leitete Kardinal Ratzinger die Beiset- ernhymne und schloss mit den Worten: dieses Landes aus diesem Ja heraus dem wissenschaftliche Forschung gelegt: Peter
zung von Johannes Paul II. und das Kon- „Allen ein herzliches ‚Vergelt’s Gott‘ und: Land erst seine volle Schönheit gegeben Pfister (Hrsg.), Joseph Ratzinger und das
klave, aus dem er am 19. April 2005 selbst ‚Auf Wiedersehen!‘, so Gott will.“ haben, so dass es erst durch die Kultur der Erzbistum München und Freising. Doku-
als Papst Benedikt XVI. hervorging. Be- Zu einem Wiedersehen mit der „gelieb- Menschen, durch ihren Glauben, ihre mente und Bilder aus kirchlichen Archi-
sonderes Aufsehen in der Heimat erregte, ten Heimat“ ist es – bis auf einen kurzen Freude, ihr Singen, ihre Musik, ihre Kunst ven, Beiträge und Erinnerungen (Schriften
dass er den „Freisinger Mohren“ und den Regensburg-Besuch im Juni 2020, als er so schön geworden ist, wie der Schöpfer des Archivs des Erzbistums München und
Bären des heiligen Korbinian in sein seinen sterbenden Bruder Georg noch es nicht alleine, sondern mit Hilfe der Freising 10), Regensburg (Verlag Schnell &
Papstwappen übernahm. einmal sehen wollte – nicht gekommen, Menschen machen wollte.“ Steiner) 2006, ISBN 978-3-7954-19141-1.
Bald konnte Erzbischof Friedrich Kardi- jedoch zu vielen Begegnungen mit Bay- Zu diesem Zeitpunkt hatte die Miss- Der Band ist zum Preis von 19,90 Euro nach
nal Wetter mitteilen, dass Benedikt XVI. ern in Rom, oft anlässlich der Verleihung brauchskrise der Kirche auch das Erzbis- wie vor über den Buchhandel erhältlich.Sie können auch lesen