Amt und Gemeinde - Evangelische Kirche in Österreich

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Amt und Gemeinde
64. Jahrgang, Heft 4, 2014                                             € 6,–

                              Melange:
                              Praktische Theologie /
                              Kirchengeschichte
                              Spiritualität – ein weites Feld.
                              Grundlegende Überlegungen
                              Peter Zimmerling                          287
                              Zum Gedenken an Ernst Lange
                              Wilfried Engemann                         329
                              Die Evangelischen Kirchen
                              auf dem Weg zum Jahr 2017
                              Michael Bünker                            332
                              Neuneinhalb Thesen über ein zeitgemäßes
                              Verstehen Martin Luthers
                              Heinz Schilling                           335
                              Geschichte und Gegenwart
                              der Reformationsforschung mit Ausblick
                              auf das Reformationsjubiläum 2017         343
                              Gergely Csukás
                              Die Kunst des Möglichen.
                              Bibelarbeit zu 1. Timotheus 2,1-6         356
                              Christoph Weist

                              Und weitere Beiträge

Evangelischer Presseverband   Herausgeber: Bischof Michael Bünker
INHALT

Editorial .................................................................................................. 285
Karl W. Schwarz

Spiritualität – ein weites Feld. Grundlegende Überlegungen ................. 287
Peter Zimmerling

Beichte ................................................................................................... 301
Peter Zimmerling

Unterwegs zu einem seelsorgerlichen Gottesdienst.
Sieben Kriterien ...................................................................................... 313
Peter Zimmerling

Zum Gedenken an Ernst Lange.
Windhaag bei Freistadt am 10. Juli 2014 ............................................... 326

Zum Gedenken an Ernst Lange ............................................................. 329
Wilfried Engemann

Die Evangelischen Kirchen auf dem Weg zum Jahr 2017 ...................... 332
Michael Bünker

Neuneinhalb Thesen über ein zeitgemäßes Verstehen Martin Luthers... 335
Heinz Schilling

Geschichte und Gegenwart der Reformationsforschung
mit Ausblick auf das Reformationsjubiläum 2017................................... 343
Gergely Csukás

Die Kunst des Möglichen. Bibelarbeit zu 1. Timotheus 2,1-6................. 356
Christoph Weist
Anhang

Amt und Gemeinde, 64. Jahrgang – Jahresregister 2014....................... 363

AutorInnen .............................................................................................. 366

Impressum .............................................................................................. 366
 MELANGE: PRAKTISCHE THEOLOGIE / KIRCHENGESCHICHTE

Editorial

D     as letzte Heft des Jahrgangs 2014
      von Amt und Gemeinde bietet eine
Melange aus Praktischer Theologie und
                                             Harlem Protestant Parish) in sein Lehr­
                                             programm an der Kirchlichen Hochschule
                                             in Berlin und im Ökumenischen Rat der
Kirchengeschichte. Es dokumentiert ei­       Kirchen in Genf. An sein Laienspiel „Hal­
nerseits drei Vorträge des Leipziger Prak­   leluja, Billy“ sei ausdrücklich hingewie­
tischen Theologen Peter Zimmerling im        sen, weil es auch in den Gemeinden in
Rahmen der Gesamtösterreichischen            Österreich aufgeführt wurde.
Lektorentagung im Mai 2014 in Schloss           Den kirchengeschichtlichen Schwer­
Seggau in der Steiermark über Spiri­         punkt gestalten Bischof Michael Bünker,
tualität, Beichte und die seelsorgerliche    dessen Ansprache beim Reformations­
Dimension des Gottesdienstes, anderer­       empfang den Weg unserer Kirche hin zum
seits eine Veranstaltung zum Gedenken        Jahr 2017 und durch die Reformations­
an den Berliner Homiletiker Ernst Lange      dekade durch buchstabierte – und dies
(1927–1974) in Windhaag bei Freistadt        im wört­lichen Sinn, sowie der Berliner
am 10. Juli 2014, der vor vierzig Jah­       Reformationshistoriker Heinz Schilling
ren im Mühlviertel den Freitod wählte.       im Rahmen einer Podiumsdiskussion, die
Sein Wiener Kollege Wilfried Engemann        von der Deutschen Botschaft in Wien am
würdigte dessen Bemühungen um eine           2. Dezember 2014 veranstaltet wurde,
neue Theorie der kirchlichen Praxis. Be­     schließlich der zur Zeit an der Universi­
kannt geworden ist sein Programm der         tät in Bern wirkende Absolvent unserer
„Ladenkirche“ am Brunsbütteler Damm          Wiener Fakultät Gergely Csukás, der dan­
17 in Berlin-Spandau Anfang der 60er-        kenswerterweise für Amt und Gemeinde
Jahre des vergangenen Jahrhunderts und       einen weit ausholenden Überblick über
sein kompromissloser Einsatz für Diet­       den Stand der Reformationsforschung
rich Bonhoeffer, dessen Ekklesiologie        verfasste. Zu Heinz Schilling sei hier
(„Kirche für andere“) er praktisch-theo­     noch nachgetragen, dass er Vorsitzender
logisch umzusetzen versuchte. In der öku­    des Vereins für Reformationsgeschichte
menischen Bewegung seit ihren Anfän­         und Herausgeber des Archivs für Refor­
gen (Evanston 1954) engagiert, brachte       mationsgeschichte ist und 2012 eine viel-
er auch Erfahrungen aus Amerika (East        beachtete Biographie Martin Luthers

Amt und Gemeinde                                                                  285
publizierte: Heinz Schilling, Martin        Mit dieser Melange grüßt die Redaktion
Luther – Rebell in einer Zeit des Um-       von Amt und Gemeinde zum Neuen Jahr,
bruchs, München: Beck 2012.                 insbesondere den langjährigen Chefredak­
   Den Abschluss bildet eine Bibelarbeit    teur Prof. Gottfried Adam, der am 1. De­
zu 1. Tim. 2,1-6 von Christoph Weist, die   zember 2014 seinen 75. Geburtstag feiern
er auf der Tagung „Reformation und Tole­    konnte. Mit großer Verspätung gratulie­
ranz“ des Evangelischen Bundes am 22.       ren wir und wünschen Ad multos annos!
März 2014 in Linz hielt.
                                            Karl Schwarz

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 MELANGE: PRAKTISCHE THEOLOGIE / KIRCHENGESCHICHTE

Spiritualität – ein weites Feld.
Grundlegende Überlegungen

Der lutherische Theologe Peter Zimmerling, Professor für Prak­

tische Theologie in Leipzig untersucht das aufgeflammte Interesse

an Spiritualität vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Ent­

kirchlichung und Säkularisierung. Seine Überlegungen setzen mit

einer Begriffsdefinition ein. Es folgen zwei exemplarische Einblicke

in die Grundlagen evangelischer und katholischer Spiritualität. Im

Anschluss daran wird das weite Feld spiritueller Erscheinungsformen

heute abgeschritten. Dann sollen Kriterien christlicher Spiritualität

entfaltet werden. Ein Ausblick benennt Entwicklungspotenziale

zukünftiger Spiritualität.

                                              Von Peter Zimmerling

Amt und Gemeinde                                                  287
Seit einiger Zeit lässt sich in unserer Ge­                  er im Gegensatz zu diesem nicht bloß
sellschaft ein neues Interesse an Spiritu­                   Frömmigkeitsübung und Lebensgestal­
alität erkennen.1 Manche sprechen sogar                      tung meint, sondern beides mit dem Glau­
von einem „Megatrend Spiritualität“,2                        ben verbindet. Von evangelischen Theolo­
ohne dass bisher Einigkeit darüber be­                       gen wurde anfangs auf seine theologische
steht, in welchem Verhältnis dieser Trend                    Problematik aufmerksam gemacht: Dem
zur fortschreitenden Entkirchlichung und                     Begriff wohne eine Tendenz zur Abschwä­
Säkularisierung steht. Die folgenden Aus­                    chung der Botschaft von der Rechtferti­
führungen wollen die unübersichtliche                        gung allein aus Gnaden inne, weil durch
Situation aus theologischer Sicht beleuch­                   ihn die Praxis des Glaubens und damit
ten, wobei ich diese als lutherischer Theo­                  das menschliche Handeln leicht in den
loge primär in evangelischer Perspektive                     Vordergrund gerate.5 Trotz dieser Beden­
wahrnehme.                                                   ken begann seit der 5. Vollversammlung
                                                             des Ökumenischen Rates der Kirchen
                                                             in Nairobi 1975 der unaufhaltsame Sie­
1.       Zum Begriff                                         geszug des Begriffs „Spiritualität“ auch
         „Spiritualität“                                     im Raum der evangelischen Kirchen. Im
                                                             Schlusskommuniqué der Vollversamm­
Der Begriff „Spiritualität“ ist ein Contai­                  lung hieß es: „Wir sehnen uns nach einer
nerbegriff. Er hat etwas merkwürdig Un­                      neuen Spiritualität, die unser Planen, Den­
bestimmtes an sich.3 Wer ihn verwendet,                      ken und Handeln durchdringt.“6 Damit
sollte deshalb sagen, was er darunter ver­                   war der Boden bereitet für die Verknüp­
steht. Ursprünglich stammt er aus der ka­                    fung des bis dahin in der ökumenischen
tholischen Ordenstheologie Frankreichs.4                     Bewegung vorherrschenden politischen
Vom protestantischen Begriff „Frömmig­                       Engagements mit dem Streben nach Er­
keit“ unterscheidet er sich dadurch, dass                    neuerung der Spiritualität. In Deutsch­
                                                             land wurde der Begriff durch die Ende
1    Peter Zimmerling, Spiritualität – ein weites Feld.
     Grundlegende Überlegungen, in: Bärbel Husmann/
     Roland Biewald (Hg.). Spiritualität. Impulse zur
     Reflexion religiöser Praxis im Religionsunterricht,     5   Vgl. dazu: Evangelische Spiritualität. Überlegungen
     Themenhefte Religion 11, Leipzig 2013, 7–15). Eine          und Anstöße zu einer Neuorientierung, vorgelegt von
     ausführliche Form der folgenden Überlegungen habe           einer Arbeitsgruppe der Evangelischen Kirche in
     ich vorgetragen in: Peter Zimmerling, Evangelische          Deutschland, hg. von der Kirchenkanzlei im Auftrag
     Spiritualität. Wurzeln und Zugänge, 2. Auflage,             des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland,
     Göttingen 2010.                                             2. Auflage, Gütersloh 1980, 11; Barth, Spiritualität,
                                                                 14.
2    Paul M. Zulehner, Megatrend Religion, in: Die
     Stimmen der Zeit, 2003, 87–96.                          6   Harald Krüger/Walter Müller-Römheld (Hg.),
                                                                 Bericht aus Nairobi 1975. Ergebnisse, Erlebnisse,
3    Hans-Martin Barth z. B. stellt im Hinblick auf den          Ereignisse. Offizieller Bericht der Fünften Vollver­
     Begriff „Spiritualität“ fest: „In der einschlägigen         sammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen. 23.
     Literatur wird allenthalben beklagt, der Begriff […]        Nov. bis 10. Dez. 1975 in Nairobi/Kenia, 2. Auflage,
     habe etwas Schillerndes“ (ders., Spiritualität [Bens­       Frankfurt a.M. 1976, 1, hier wird „spirituality“ noch
     heimer Hefte 74, Ökumenische Studienhefte 2], 11).          mit „Frömmigkeit“ übersetzt; anders bereits 321ff,
4    Vgl. hier und im Folgenden a. a. O., 10 ff.                 dem Bericht über den Workshop „Spiritualität“.

288                                                                                         Amt und Gemeinde
der 1970er-Jahre erschienene EKD-Stu­                          mit bezeichneten Phänomenen näher zu
die „Evangelische Spiritualität“ kirchlich                     beschäftigen.
anerkannt.7 Mit ihr vollzog die evangeli­                         Ich verstehe im Folgenden unter Spiri­
sche Kirche einen Paradigmenwechsel:                           tualität den äußere Gestalt gewinnenden
Sie nahm das Problem der Spiritualität                         gelebten Glauben,10 wobei der Begriff
als eine für das Christsein in der moder­                      drei Aspekte, nämlich rechtfertigenden
nen Welt wesentliche Fragestellung auf.                        Glauben, Frömmigkeitsübung und Le­
   Der Begriff „Spiritualität“ besitzt ge­                     bensgestaltung miteinander verbindet.
genüber „Frömmigkeit“, „Religiosität“                          Evangelische, d. h. vom Evangelium ge­
und „Glaube“ verschiedene Vorteile: Er                         prägte Spiritualität wird dabei durch den
ist im Bereich der gesamten Ökumene                            Rechtfertigungsglauben sowohl motiviert
verständlich; er verweist auf eine Viel­                       als auch begrenzt: Einerseits befreit die
zahl und Vielfalt von Spiritualitäten;8 er                     Erfahrung der Rechtfertigung allein aus
bringt das in der abendländischen Theo­                        Gnaden (sola gratia) dazu, den Glauben
logie lange ungenügend berücksichtigte                         in immer neuen Formen einzuüben und
Wirken des Geistes neu zu Bewusstsein;9                        in der alltäglichen Lebensgestaltung zu
der Aspekt der Gestaltwerdung macht                            bewähren, andererseits bewahrt sie davor,
deutlich, dass die soziale Dimension zum                       das eigene spirituelle und ethische Streben
Glauben untrennbar dazugehört. Last not                        zu überschätzen.
least spricht für die Verwendung des Be­
griffs „Spiritualität“, dass er im Gegensatz
zu den traditionellen Begriffen „Fröm­                         2.     Exemplarische Einblicke
migkeit“, „Religiosität“ und „Glaube“                                 in die Grundlagen
für junge und ältere Menschen, auch für                               evangelischer und
solche, die dem christlichen Glauben                                  katholischer Spiritualität
fern stehen, einen positiven Klang be­
sitzt. Während viele Menschen in einer                         2.1 Charakteristika reforma­
postchristlichen Gesellschaft meinen, mit                          torischer Spiritualität
dem altbekannten Christentum fertig zu
sein, weist der Begriff „Spiritualität“ auf                    Reformatorische Spiritualität zeichnet
Unbekanntes. Gerade seine Vagheit macht                        sich durch eine doppelte Bewegung aus,
neugierig, verlockt dazu, sich mit den da­                     die sich zugleich als gegenläufig darstellt.
                                                               Einmal verläuft diese Bewegung in Rich­
7   Evangelische Spiritualität, 54.                            tung auf Konzentration, zum anderen in
8   Erwin Fahlbusch u. a., Art. Spiritualität, in: Evangeli­   Richtung auf Grenzüberschreitung, wobei
    sches Kirchenlexikon, hg. von ders. u. a., 3. Auflage,
    Bd. 4, Göttingen 1996, 402–419; Karl-Friedrich
    Wiggermann, Art. Spiritualität, in: TRE, Bd. 31,
    Berlin/New York, 708–717.
9   Vgl. dazu im Einzelnen Peter Zimmerling, Charisma­         10 Ich knüpfe hier an die Definition der EKD-Studie an:
    tische Bewegungen, Göttingen 2009, 29–33.                     Evangelische Spiritualität, 12.

Amt und Gemeinde                                                                                                 289
beide Bewegungen von Jesus Christus her       ist reformatorische Spiritualität durch eine
begründet werden.                             Konzentration auf den individuellen Glau­
   Schon das solus Christus (allein Chris­    ben bestimmt (sola fide). Das reforma­
tus) der reformatorischen Spiritualität       torische Glaubensverständnis zeichnet
zeigt, dass sie in einem im Vergleich mit     sich durch einen vorher höchstens in der
der übrigen Kirchen- und Theologiege­         Mystik gekannten Gewissheits-, Intensi­
schichte außergewöhnlichen Maße auf           täts- und Subjektivitätsgrad aus. Inhaltlich
Jesus Christus ausgerichtet ist. Das wird     ist Glauben als ein Sich-Halten an den
besonders an Martin Luther deutlich: Zeit     gekreuzigten und auferstandenen Jesus
seines Lebens bleibt seine Spiritualität      Christus zu verstehen.
zunächst und vor allem von der persön­            Die grenzüberschreitende Bewegung
lichen Gegenwart des auferstandenen           reformatorischer Spiritualität zeigt sich
Jesus von Nazareth geprägt. In ihm ist        in doppelter Hinsicht. Sie ist demokra­
Gott dem Menschen unüberbietbar nahe          tisch, also eine Spiritualität für jedermann
gekommen. Darum ist das Grunddatum            und jedefrau, indem sie die Spiritualität
lutherischer Spiritualität die Inkarnation,   aus der Usurpation durch religiöse Eliten
die Geburt des Sohnes Gottes als Kind in      befreit. Die Freiheitsgeschichte des mo­
der Krippe von Bethlehem, die an Weih­        dernen Europa ist ohne diesen Vorgang
nachten gefeiert wird. In ihm zeigt Gott      nicht denkbar. Sie ist alltagsverträglich,
dem Menschen sein liebendes Angesicht.        indem sie die Grenzen zwischen Sonntag
Martin Luther ist der erste neuzeitliche      und Alltag und damit zwischen heilig und
„Weihnachts-Christ“. Reformatorische          profan relativiert. Die Alltagsverträglich­
Spiritualität ist zweitens Bibelfrömmig­      keit reformatorischer Spiritualität wird
keit (sola scriptura). Luther gewann durch    konkret in der Betonung von Familie, Be­
das Studium der Schrift sein neues Ver­       ruf und Gesellschaft als deren Verwirkli­
ständnis des Evangeliums. Daraus schloss      chungsfelder. Voraussetzung dafür ist die
er, dass jeder Mensch selbstständig aus       Erkenntnis, dass Christus selbst mir im
der Bibel den Willen Gottes für sein Le­      Nächsten begegnet. „Wo kannst du ihn
ben erfahren kann, wodurch der Glaube         aber finden denn in deinem Bruder?“11
des Einzelnen unabhängig von kirchli­         Glaube wird gelebt, wenn Menschen ei­
chen Vermittlungsinstanzen wird. Refor­       nander zum Christus werden. Dadurch
matorische Spiritualität ist drittens von     wird sowohl der Einsatz für das Wohl des
der Konzentration auf die Rechtfertigung      Nächsten in der Familie als auch in der
sola gratia (allein aus Gnaden) geprägt.      Gesellschaft zum Dienst für Christus, zum
Luther entdeckte neu, dass Gottes Ge­         Gottesdienst.
rechtigkeit nicht als dessen – unerfüll­
bare – Forderung an den Menschen zu
verstehen ist, sondern Gottes aus freier      11 WA 15, 488, 30, zit. nach Paul Althaus, Die Theolo­
Gnade gewährtes Geschenk ist. Viertens           gie Martin Luthers, Gütersloh 1962, 274.

290                                                                         Amt und Gemeinde
2.2 Ignatianische Exerzitien                            Erholung und dürfen nicht mit anderen
    als zentrale Form römisch-                          Beschäftigungen gefüllt werden. Zu den
    katholischer Spiritualität                          Einzelexerzitien gehört ein ungefähr halb-
                                                        bzw. dreiviertelstündiges Gespräch pro
Die Einzelexerzitien, die auf den Grün­                 Tag, in dem der Exerzitant dem Begleiter
der des Jesuitenordens Ignatius von                     Einblick in seine Erfahrungen gewährt.
Loyola (1491–1556) zurückgehen, sind                    Das ermöglicht dem Exerzitienbegleiter,
bis heute das spirituelle Kraftreservoir                inhaltliche und methodische Hinweise für
der katholischen Kirche. Sie werden von                 den nächsten Tag zu geben. Die Gruppe
vielen Priestern, Ordensleuten und en­                  der anderen Exerzitanten bleibt – soweit
gagierten Laien regelmäßig absolviert.                  vorhanden – im Hintergrund.
Standen früher die „Vortragsexerzitien“                     Eine Voraussetzung, um an Einzele­
im Vordergrund, sind es seit der Mitte                  xerzitien teilnehmen zu können, ist ein
des 20. Jahrhunderts wieder die beglei­                 geregeltes persönliches spirituelles Leben,
teten Einzelexerzitien, in denen jeder                  wozu Erfahrungen mit Gebet und Medi­
Exerzitant für sich persönlich spirituelle              tation gehören. Eine weitere Bedingung
Erfahrungen machen kann. Dadurch soll                   ist eine normale psychische Belastbarkeit.
eine Vertiefung des persönlichen Glau­                  Den Einzelexerzitien geht ein Vorgespräch
bens und eine Veränderung des Lebens                    zwischen Exerzitant und Exerzitienbe­
zur größeren Ehre Gottes erreicht werden.               gleiter voraus, das der Klärung dient, ob
   Den Ignatianischen Exerzitien liegt das              zwischen ihnen ein Vertrauensverhältnis
Werkbuch des Ignatius für Exerzitienbe­                 entstehen kann.
gleiter „Geistliche Übungen“ zugrunde.12                    Eine Reihe von Gründen macht Exerzi­
In dem zwischen 1522–35 entstandenen                    tien auch heute noch zu einer hilfreichen
Buch hat Ignatius persönliche spirituelle               spirituellen Übung. Angesichts zuneh­
Erfahrungen und seine aufgrund geistli­                 mender Individualisierung ist der Exerzi­
cher Begleitung gewonnenen Erkennt­                     tienbegleiter eine Hilfe zur Entwicklung
nisse zusammengefasst. Die Exerzitien                   der eigenen Spiritualität. Er weist einer­
können von drei Tagen bis vier Wochen                   seits Züge eines Seelsorgers, andererseits
dauern. Bewährt hat sich ein Zeitraum von               – mehr noch – die eines Coachs auf. Er soll
acht Tagen. Der Exerzitant verbringt die                sich nach dem Willen des Ignatius nicht
ganze Zeit in der Stille, ohne mit ande­                als Wegweiser, sondern als Wegbegleiter
ren zu reden, betet bzw. meditiert täglich              verstehen. Ziel ist, „dass der Schöpfer
mehrere Stunden. Die Zeit zwischen den                  und Herr sich selbst seiner [des Exerzi­
Gebets- und Meditationszeiten dienen der                tanten] Seele mitteilt“ (ExB 15). Damit
                                                        ist zum einen dem modernen Bedürfnis
12 Ignatius von Loyola, Geistliche Übungen, aus dem     nach persönlicher Freiheit Rechnung ge­
   Span. übertr., mit Erkl. von Adolf Haas, Freiburg/
   Basel/Wien 1999. Die folgenden Nachweise im Text
                                                        tragen, zum anderen entspricht das täg­
   beziehen sich auf dieses Buch.                       liche Gesprächsangebot des Exerzitien­

Amt und Gemeinde                                                                               291
begleiters der zunehmenden Sehnsucht                       3.     Zur spirituellen Situation
nach persönlich-seelsorgerlicher Aus­                             heute14
sprache. Positiv ist auch, dass der Exer­
zitant während der Exerzitien ganzheitlich                 3.1 Zwischen „Megatrend
angesprochen wird. Einerseits soll er in                       Spiritualität“ und Zunahme
den Meditationszeiten über sein bisheriges                     der Konfessionslosigkeit
Leben nachdenken. Andererseits geht es
darum, biblische Texte zu imaginieren,                     Die spirituelle Situation stellt sich in
also nicht bloß mit dem Verstand zu er­                    Deutschland regional, aber auch milieu-
fassen. Es geht darum, den Affekten, der                   und altersspezifisch sehr unterschiedlich
Emotionalität und der Körperlichkeit                       dar. Auf der einen Seite ereignet sich eine
Raum zu geben und ihnen nachzuspü­                         spirituelle und religiöse Renaissance. Sie
ren. Der Exerzitant soll auf diese Weise                   zeigt sich vor allem im Bereich der Esote­
Zugang zu einer erfahrungsbezogenen                        rik, des Fundamentalismus und der Cha­
Spiritualität finden. Auch das Ziel der Ex­                rismatik. Dazu kommt ein zunehmendes
erzitien, zur Verhaltensänderung anzu­                     Interesse an fernöstlichen Religionen und
leiten, zeigt, dass es sich um spirituelle                 die immer deutlichere Präsenz des Islam
Übungen handelt, die den Menschen in                       in unserer Gesellschaft. Während es Ende
seiner Ganzheit ansprechen wollen.                         der 1960er Jahre ungefähr 60 000 türki­
   Im Rahmen der evangelischen Spiri­                      sche Muslime in Westdeutschland gab,
tualität gab es lange Zeit kein Angebot,                   sind es heute etwa 2, 7 Millionen. Darü­
das den Exerzitien entsprochen hätte. Da­                  ber hinaus ereignet sich seit einigen Jah­
durch fehlte der evangelischen Tradition                   ren eine „Dispersion des Religiösen“15
ein wichtiges spirituelles Hilfsmittel. Seit               vor allem im Bereich des Konsums und
einigen Jahren sind Exerzitien auch von                    der Freizeitkultur. Im Zusammenhang mit
evangelischen Christen entdeckt worden.13                  der Werbung tauchen religiöse Elemente
Inzwischen bieten z. B. Kommunitäten                       an Orten auf, wo man sie nicht vermutet
evangelische Exerzitien an.                                hätte. „Eternity“ – Ewigkeit nennt Calvin
                                                           Klein sein Parfum. Ikonengleich schaut
                                                           ein Paar auf dem dazugehörenden Wer­
                                                           beplakat auf den Betrachter. Das Verspre­
                                                           chen, durch den Genuss eines Produktes
                                                           – wie Zigaretten – besondere Sinnerleb­

                                                           14 Vgl. dazu im Einzelnen: Panorama der neuen Reli­
                                                              giosität. Sinnsuche und Heilsversprechen zu Beginn
13 Vgl. hier und im Folgenden Gerhard Münderlein,             des 21. Jahrhunderts, hg. von Reinhard Hempelmann
   Aspekte therapeutischer Methoden in den Exerzitien,        u. a., Gütersloh 2005.
   in: ders. (Hg.), Aufmerksame Wege. Erfahrungen          15 Michael N. Ebertz, Erosion der Gnadenanstalt? Zum
   evangelischer Christen mit den Exerzitien des Ignati­      Wandel der Sozialgestalt der Kirche, Frankfurt am
   us von Loyola, München 1999, 115–129.                      Main 1998, 155 ff.

292                                                                                     Amt und Gemeinde
nisse machen zu können, weckt religi­                     desländer, aber auch für die großstädti­
öse Assoziationen. Produkte werden zu                     sche jüngere und gebildete Bevölkerung
Garanten von Lebensgewissheiten und                       in Deutschland insgesamt.
-wahrheiten. Der Filmpalast wird zum
Kultkino, das Rockkonzert zum Ort, wo                     3.2 Weihnachtsspiritualität
Ekstasen erlebt und Idole verehrt werden.
Zu Kunstausstellungen werden Massen­                      Volkskirchliche Spiritualität ist Weih­
wallfahrten unternommen, wie in früheren                  nachtsspiritualität.18 Das belegen pro­
Zeiten zu den Gnadenbildern und Reli­                     zentual steigende Gottesdienstteilneh­
quien der Kirche.                                         merzahlen an Heilig Abend (zwischen
   Auf der anderen Seite lässt sich ein                   25 und 30 % der evangelischen Kir­
zunehmender Entkirchlichungs- und Ent­                    chenmitglieder). Der Wochenrhythmus
christlichungsprozess beobachten, für den                 des Kirchgangs hat sich für die meisten
es in anderen Weltgegenden keine Paral­                   Kirchenmitglieder zum Jahresrhythmus
lelen gibt. Der amerikanische Religions­                  hin verschoben. Viele Heilig Abend-
soziologe Peter L. Berger spricht von                     Kirchgänger bezeichnen sich von ihrem
West- und Mitteleuropa als einem „Ka­                     Selbstverständnis her als regelmäßige
tastrophengebiet für die Kirche“.16 Ein                   Kirchgänger. Kein anderes Fest wird im
anhaltender Säkularisierungsprozess hat                   Jahresablauf so ausgiebig gefeiert wie
zu einem weitgehenden Bedeutungsver­                      Weihnachten. Die Adventszeit wird mehr
lust des traditionellen kirchlichen Chris­                und mehr als Vorweihnachtszeit und im­
tentums geführt. „Vielleicht zum ersten                   mer weniger als Bußzeit verstanden. Die
Mal in der Geschichte haben religiöse                     Vorbereitung auf das Fest ist inzwischen
Legitimationen der Welt ihre Plausibilität                genauso wichtig geworden wie das Fest
nicht nur für eine Handvoll Intellektuel­                 selbst. Dazu gehört vor allem die Pflege
ler und anderer gesellschaftlicher Rand­                  des Advents- und Weihnachtsbrauchtums,
figuren verloren, sondern für die breiten                 aber auch der Kauf der Geschenke. Der
Massen ganzer Gesellschaften.“17 Das gilt                 Besuch des Weihnachtsmarkts erlaubt die
in besonderem Maße für die neuen Bun­                     Rückkehr in das Land der Kindheit, wo
                                                          das Leben noch jung und unbeschwert
                                                          war. An Heilig Abend soll das Kind in
16 Peter L. Berger, An die Stelle von Gewissheiten sind
   Meinungen getreten, in: Frankfurter Allgemeine
                                                          der Krippe die Sehnsüchte nach dem lang
   Zeitung, 7.5.1998, 14; vgl. auch Wolfgang Huber,       verlorenen Kinderland erfüllen.
   Kirche in der Zeitenwende. Gesellschaftlicher
   Wandel und Erneuerung der Kirche, 2. Auflage,
   Gütersloh 1999, 223  ff.
17 Peter L. Berger, zit. nach: Gottfried Küenzlen, Das
   Unbehagen an der Moderne. Der kulturelle und           18 Matthias Morgenroth, Weihnachtschristentum.
   gesellschaftliche Hintergrund der New Age-Bewe­           Moderner Religiosität auf der Spur, 2. Auflage,
   gung, in: Hansjörg Hemminger, Die Rückkehr der            Gütersloh 2003; ders., Heiligabend-Religion. Von
   Zauberer. New Age – Eine Kritik (Rororo-Sachbuch,         unserer Sehnsucht nach Weihnachten, München
   8712), Reinbek bei Hamburg 1990, 192.                     2003.

Amt und Gemeinde                                                                                            293
In gesellschaftlicher Hinsicht zeigt sich              herausragende fundamentalistische Siche­
die Bedeutung des Weihnachtsfests da­                     rungsinstanz stellt neben dem Glauben an
ran, dass eine Reihe von Wirtschaftszwei­                 ein irrtumsloses Heilswissen und neben
gen ohne das Weihnachtsgeschäft zum                       der festen Gruppenzugehörigkeit die all­
Niedergang verurteilt wäre. Empirische                    seits anerkannte Führungspersönlichkeit
Untersuchungen belegen, dass sich das                     dar. Charismatische Bewegungen ver­
Wissen um den spirituellen Gehalt des                     binden klare theologische Wahrheitsan­
Weihnachtsfests umgekehrt proportional                    sprüche auf der intellektuellen Ebene mit
zu seiner wirtschaftlichen Bedeutung ver­                 starken Erlebnisangeboten auf der persön­
hält: Während immer weniger Menschen                      lichen Ebene. Gerade diese Verbindung
den spirituellen Grund des Weihnachts­                    scheint der Grund zu sein, warum sich
festes kennen und ihn allein an Liebe und                 neben fundamentalistischen auch charis­
Mitmenschlichkeit festmachen,19 boomen                    matische Gruppen wachsender Beliebtheit
die im Zusammenhang mit dem Weih­                         erfreuen.22
nachtsfest stehenden Wirtschaftszweige.
                                                          3.4 Agnostische Spiritualität
3.3 Fundamentalistisch und
    charismatisch geprägte                                Eine Studie der Leipziger Kultursoziolo­
    christliche Spiritualität                             gin Monika Wohlrab-Sahr zur Thematik
                                                          „Generationenwandel als religiöser Wan­
In den vergangenen Jahrzehnten hat fun­                   del. Das Beispiel Ostdeutschlands“23 legt
damentalistisch und charismatisch ge­                     den Schluss nahe, dass sich in der jüngs­
prägte christliche Spiritualität deutlich                 ten Generation in Ostdeutschland, bei den
an Vitalität gewonnen. Der moderne reli­                  19- bis 29-Jährigen, derzeit ein Prozess
giöse Fundamentalismus stellt eine hoch                   partieller Desäkularisierung andeutet. Er
organisierte, in den Glaubensbeständen                    vollzieht sich auf der individuellen Glau­
festgelegte und auf abrufbares objektives                 bensebene. Ansatzpunkt sind dabei Aus­
Heilswissen angelegte Form gegenwär­                      sagen zum Leben nach dem Tod bzw. zu
tiger Spiritualität dar.20 Fundamentalis­                 okkulten Phänomenen.24 Monika Wohl­
tische Gruppen bieten ihren Mitgliedern
„die Sicherheit und Geborgenheit einer
                                                          22 Hansjörg Hemminger, Religiöses Erlebnis, religiöse
auf festgefügter, verbindlicher Autorität                    Erfahrung, religiöse Wahrheit. Überlegungen zur
                                                             charismatischen Bewegung, zum Fundamentalismus
ruhenden Glaubensgemeinschaft“.21 Eine                       und zur New-Age-Religiosität, EZW-Texte, Impulse
                                                             Nr. 36, VI/1993, 7.
                                                          23 Monika Wohlrab-Sahr / Uta Karstein / Christine
19 Morgenroth, Weihnachtschristentum, 27–30 (mit             Schaumburg, „Ich würd’ mir das offenlassen“.
   Belegen).                                                 Agnostische Spiritualität als Annäherung an die
20 Gottfried Küenzlen, Kirche und die geistigen              „große Transzendenz“ eines Lebens nach dem Tode,
   Strömungen der Zeit. Grundaufgaben heutiger Apo­          in: Zeitschrift für Religionssoziologie 13, 2005,
   logetik, in: EZW-Texte, Impulse Nr. 39, IX/1994, 19.      153–173.
21 A. a. O.                                               24 Vgl. hier und im Folgenden a. a. O. 156.

294                                                                                      Amt und Gemeinde
rab-Sahr spricht in diesem Zusammen­                    Faszination von östlicher Spiritualität
hang von der Zunahme einer Form von ag­                 und Mystik in unzähligen Facetten, in­
nostischer Spiritualität. Sie nimmt damit               dianische Mythen, Schamanismus, vor
die Tatsache auf, dass viele derjenigen,                allem aber der Glaube an die Wendezeit
die mit einem Leben nach dem Tod rech­                  zum ‚New Age‘ …“ 26 Die esoterisch ge­
nen, deswegen nicht gleichzeitig an Gott                prägte Spiritualität bietet in einer vom
glauben. Die jungen Erwachsenen kom­                    Individualismus geprägten Gesellschaft
binieren sehr verschiedene Traditionen                  „das Vergnügen, seine eigene Religion
und mediale Einflüsse: Wiedergeburt und                 zu haben“.27 Soziologisch sind diese For­
Nahtoderfahrung, Energieerhaltung und                   men als „vagabundierende Religiosität“
Matrix. Dennoch lässt sich diese Form                   zu bezeichnen: Der Einzelne wählt sich
von Spiritualität als Annäherung an die                 seine Religion aus einem reichen Waren­
große Transzendenz eines Lebens nach                    hausangebot an Sinndeutungsmustern frei
dem Tode interpretieren, wobei die agnos­               aus.28 Alle neu-religiösen Gruppen, Strö­
tische Spiritualität durchaus noch im Ex­               mungen und Tendenzen verheißen dem
perimentierstadium zu stecken scheint.25                Menschen eine sinnvolle Existenz, Orien­
Gleichzeitig ist damit eine kritische Di­               tierung und eine ganzheitliche Sicherung
stanz zu den Ansichten der atheistisch                  des Ichs. Die Vergewisserung geschieht
geprägten Elterngeneration impliziert.                  dabei über das subjektive, emotional ge­
                                                        prägte religiöse Erlebnis, und nicht mehr
3.5 Esoterische Spiritualität                           – wie im traditionellen Christentum – über
                                                        ein verbindliches Glaubenswissen: Nicht
Seit dem Ende der 1960er Jahre hat sich                 Dogmen, sondern religiöse Erlebnisse
ein Markt der spirituellen Möglichkeiten                bilden den Kern der esoterischen Spiritu­
gebildet. „Es ist vor allem die rasante Aus­            alität. Ort der religiösen Vergewisserung
breitung von Esoterik und Okkultismus,                  ist das Individuum, das die spirituellen
die unsere kulturelle Lage heute kenn­                  Erfahrungen macht. Die Erlebnisse se­
zeichnet … Astrologie in trivialen oder                 hen sehr unterschiedlich aus: Es geht um
‚höheren‘ Formen, Psychokulte aller Art,                Bewusstseinserweiterung, Selbsterfah­
Reinkarnationsglaube in vielen Spielar­                 rungen, Selbstverwirklichung, Psyche­
ten, Reinkarnationstherapien, magisch-                  delik und kosmische Einheitserfahrung.
okkulte Praktiken, Hexenglaube, mytho­
logisch sich begründender Feminismus,                   26 Küenzlen, Unbehagen, 204f.
                                                        27 Barbara Frischmut, zit. nach: a. a. O., 215.
25 Einen ähnlichen Befund lässt die Arbeit von Benja­   28 Peter L. Berger, Pluralistische Angebote. Kirche auf
   min Roßner im Hinblick auf das Verhältnis junger        dem Markt?, in: Leben im Angebot – Das Angebot
   Erwachsener aus Ostdeutschland zum Gottesdienst         des Lebens. Protestantische Orientierung in der
   erkennen: Ders., Das Verhältnis junger Erwachsener      modernen Welt, Synode der Evangelischen Kirche in
   zum Gottesdienst. Empirische Studien zur Situation      Deutschland, im Auftrag des Rates der Evangeli­
   in Ostdeutschland und Konsequenzen für das gottes­      schen Kirche in Deutschland, hg. vom Kirchenamt
   dienstliche Handeln, Leipzig 2005, bes. 159 ff.         der EKD, Gütersloh 1994, 33–48.

Amt und Gemeinde                                                                                          295
In jedem Fall ist damit eine Privatisierung   tarischen Gott zu tun.29 Die trinitarische
der Religion verbunden. Persönliche Er­       Orientierung ermöglicht christlicher Spi­
lebnisse lassen sich nämlich kaum, wie        ritualität, alle Bereiche der Welt als Gottes
etwa Dogmen, für alle verbindlich er­         Schöpfung wahrzunehmen. Auf der Basis
klären. Zudem lenkt die Ausrichtung auf       dieser Erkenntnis wird es möglich, sämt­
persönliche Erlebnisse den Blick von der      liche Dimensionen des Menschen – Leib,
Gesellschaft weg auf den Einzelnen. Die       Seele und Geist – in die Spiritualität zu
esoterische Spiritualität entwickelte sich    integrieren.30
im Wesentlichen neben den Kirchen und             Ein radikal trinitarischer Ansatz der
an ihnen vorbei, auch wenn ein beachtli­      christlichen Gotteslehre ist auch die Vo­
cher Teil ihrer Mitglieder auf diesem Ge­     raussetzung dafür, Gott als Liebe iden­
biet Erfahrungen aufzuweisen hat.             tifizieren zu können. Es ist nur schwer
                                              begründbar, wieso ein einsamer Gott im
                                              Himmel ein liebender Gott sein soll. Wenn
4.    Kriterien christlicher                  Gott aber in sich selbst bereits von Ewig­
      Spiritualität                           keit her liebende Gemeinschaft ist, lässt
                                              sich nachvollziehen, warum er auch in
4.1 Trinitarisches                            seiner Offenbarung in Jesus Christus ganz
    Gottesverständnis                         und gar Liebe und Anteilnahme ist.
                                                  Indem christliche Spiritualität von ei­
Für die Betonung des trinitarischen Got­      nem dezidiert gemeinschaftlichen Got­
tesverständnisses sprechen angesichts des     tesbegriff ausgeht, könnte auch der Di­
heutigen religiösen Pluralismus mehrere       alog mit dem Judentum und dem Islam
Gründe. Die Trinitätslehre erlaubt, die       befruchtet werden. Denn nur von seinem
gesamte Wirklichkeit auf ein und den­         speziellen christlichen Gottesverständnis
selben Gott zu beziehen. Die Alte Kir­        her kann das Christentum ein eigenes Pro­
che hat in diesem Zusammenhang die            fil wahren und in den Dialog einbringen.31
sog. Appropriationslehre entwickelt. Sie          Die trinitarische Orientierung christli­
appropriiert den einzelnen Personen der       cher Spiritualität ist angesichts fortschrei­
Trinität verschiedene Dimensionen der         tender Pluralisierungsprozesse in unse­
Wirklichkeit: Dem Vater die Schöpfung,        rer Gesellschaft besonders geeignet, den
dem Sohn die Erlösung und dem Heili­
gen Geist die Heiligung. Wegen des alt­       29 Reinhold Seeberg, Lehrbuch der Dogmengeschichte,
kirchlichen Grundsatzes opera ad extra           Bd. 2, 4. Auflage, Leipzig 1933, 145.
sunt indivisa hat der Mensch es trotzdem      30 Karlmann Beyschlag, Grundriss der Dogmenge­
                                                 schichte, Bd. 1 Gott und Welt (Grundriss 2), Darm­
überall – in Natur, Geschichte und eigener       stadt 1982, 274 ff.
Existenz – mit ein und demselben trini­       31 Vgl. dazu Jürgen Moltmann, Kein Monotheismus
                                                 gleicht dem anderen. Destruktion eines untaugli­
                                                 chen Begriffs, in: Evangelische Theologie 62, 2002,
                                                 112–122.

296                                                                         Amt und Gemeinde
christlichen Gottesgedanken denkerisch                     stand sie als „viva vox evangelii“, als le­
in der Postmoderne zu verantworten.32                      bendige Stimme des Evangeliums, durch
Da die bleibende Unterschiedenheit der                     die Gott unmittelbar zum Menschen redet.
göttlichen Personen im Rahmen der Tri­                     Von daher wird verständlich, dass refor­
nitätslehre Voraussetzung für ihre Einheit                 matorische Theologie nicht primär wis­
ist, erlaubt sie, größte Verschiedenheit                   senschaftlich-dogmatische oder wissen­
mit höchster Einheit zu verbinden. Über­                   schaftlich-exegetische Theologie, sondern
dies illustriert ein trinitarisches Gottes­                im Kern existenzielle und erfahrungsbe­
verständnis, dass die Andersartigkeit des                  zogene Theologie ist. Sie will den Men­
anderen nicht Bedrohung, sondern Ergän­                    schen in seiner Personmitte ansprechen.
zung und Bereicherung ist.                                    Durch die altprotestantische Verbalin­
    Der trinitarische Ansatz des christli­                 spirationslehre und später in der Aufklä­
chen Gottesbegriffs stellt schließlich eine                rung durch die historisch-kritische Me­
wichtige Begründung für die sozialethi­                    thode kam es zu einer Neuinterpretation
sche Dimension der Spiritualität dar. Die                  des bibelorientierten Ansatzes der Refor­
Trinität als Gemeinschaft sich liebender,                  mation. Beide Male handelte es sich de
gleichwertiger Personen ist der Zielhori­                  facto um seine Infragestellung. Die alt­
zont, auf den hin gesellschaftliche Ver­                   protestantische Orthodoxie missverstand
änderungsprozesse Gestalt gewinnen                         die Bibel als Steinbruch für dogmatische
sollten. Eine trinitarisch orientierte Spi­                Sätze. Aus dem lebendigen Wort, durch
ritualität kann so zur Inspirationsquelle                  das Gott den Menschen anspricht, wurde
und Verpflichtung für die Umgestaltung                     das für wahr zu haltende System theolo­
der kirchlichen und gesellschaftlichen                     gischer Wahrheiten, abgesichert durch
Verhältnisse in Richtung auf Gleichheit                    die Lehre von der Verbalinspiration. Die
und Anteilhabe aller Menschen bei gleich­                  spätere historisch-kritische Methode un­
zeitiger Pflege ihrer Unterschiede werden.                 tergrub ihrerseits – z. T. ungewollt – das
                                                           Vertrauen in die Bibel als Anrede Gottes
4.2 Die Bibel als Inspirations­                            an den Menschen, indem sie ausschließ­
    quelle, Maßstab und                                    lich deren Charakter als literarisches
    Korrekturinstanz für                                   Produkt der Spätantike betonte und aus
    Glaube und Leben                                       wissenschaftlichen Gründen von ihrem
                                                           Anspruch als Urkunde des Redens Got­
Der Ausgangspunkt der Reformation be­                      tes zum Menschen absehen zu müssen
stand in einem neuen Verständnis und                       meinte. Für den evangelischen Glauben
Umgang mit der Bibel. Martin Luther ver­                   hatte das auf Dauer fatale Konsequenzen:
                                                           Entweder die Gemeindeglieder zogen sich
                                                           auf einen Fundamentalismus zurück, der
32 Vgl. dazu Albrecht Grözinger, Erzählen und Han­
   deln. Studien zu einer trinitarischen Grundlegung der
                                                           die Irrtumslosigkeit der Schrift rational
   Praktischen Theologie, München 1989.                    zu beweisen suchte bzw. die Schrift zum

Amt und Gemeinde                                                                                  297
Gesetzbuch für alle Lebenslagen machte.                     aktuell ist, zeigt sich nicht zuletzt an der
Andere hörten auf, die Bibel zu lesen, weil                 Betonung der menschlichen Anstrengung
sie die wissenschaftlichen Methoden der                     in vielen spirituellen Angeboten heute.
Bibelexegese nicht ausreichend kannten
und Angst hatten, bei der persönlichen                      4.4 Kein Glaube ohne
Lektüre die biblischen Texte misszuver­                         Kirche und Gemeinde
stehen. Eine dritte, derzeit größte Gruppe
gab die Bibel als ernst zu nehmendes Ge­                    So sehr Luther den Glauben des Einzelnen
genüber überhaupt auf.33                                    von klerikaler Bevormundung befreien
                                                            wollte, intendierte er doch nie eine Spi­
4.3 Rechtfertigung allein                                   ritualität unabhängig von der christlichen
    aus Gnaden                                              Gemeinde. Das zeigt besonders schön
                                                            seine Auslegung des 3. Glaubensartikels
Zentrum des christlichen Glaubens ist                       im Kleinen Katechismus. Die Stelle ist
die Erkenntnis von der voraussetzungs­                      ein klassischer Beleg dafür, dass sich in
losen Annahme des Menschen durch                            Luthers Spiritualität der Einzelne und die
Gott. Dass das reformatorische Recht­                       Gemeinde komplementär zueinander ver­
fertigungsverständnis sich auch ökume­                      halten: „Ich glaube, dass ich nicht aus ei­
nisch durchgesetzt hat, ist spätestens seit                 gener Vernunft noch Kraft an Jesus Chris­
der Unterzeichnung der „Gemeinsamen                         tus, meinen Herrn, glauben oder zu ihm
Erklärung“ in Augsburg am 31.10.1999                        kommen kann; sondern der Heilige Geist
nicht mehr zu leugnen. Bei der „Recht­                      hat mich durch das Evangelium berufen,
fertigung allein aus Gnade um Christi                       mit seinen Gaben erleuchtet, im rechten
willen durch den Glauben“ handelt es                        Glauben geheiligt und erhalten; gleichwie
sich um den „Articulus stantis et caden­                    er die ganze Christenheit auf Erden be­
tis Ecclesiae“ (so erstmals bei Valentin                    ruft, sammelt, erleuchtet, heiligt und bei
Ernst Löscher 1673–1749 – in der Sache                      Jesus Christus erhält im rechten einigen
geht die Formulierung auf Martin Luther                     Glauben; in welcher Christenheit er mir
selbst zurück). Christlicher Glaube muss                    und allen Gläubigen täglich alle Sünden
an diesem Zentralpunkt reformatorischer                     reichlich vergibt und am Jüngsten Tage
Erkenntnis ansetzen und immer wieder zu                     mich und alle Toten auferwecken wird
ihm hinführen. Dass die Zentrierung des                     und mir samt allen Gläubigen in Chris­
christlichen Glaubens auf die Rechtferti­                   tus ein ewiges Leben geben wird.“ Im
gung des Menschen durch Gott gerade in                      Protestantismus herrscht dagegen heute
Zeiten des religiösen Pluralismus hoch­                     weithin ein Frömmigkeitstypus vor, der
                                                            von Individualismus, Subjektivismus und
                                                            Innerlichkeit geprägt ist. Die Konsequenz
33 Ähnlich auch Gerhard Ruhbach, Theologie und
   Spiritualität. Beiträge zur Gestaltwerdung des christ­
                                                            der Ausblendung der Gemeinde aus dem
   lichen Glaubens, Göttingen 1987, 126 f.                  Glauben ist eine entscheidungs- und

298                                                                                 Amt und Gemeinde
profillose Spiritualität. Die neuzeitliche   Herz fassen kannst, da wirst du finden
Denkfigur von Gott und der Einzelseele       Wunder über Wunder.“34 Das Leben aus
stellt jedoch eine Abstraktion dar. Das      der Stille bewahrt vor Kurzatmigkeit und
zeigt sich spätestens in dem Moment, wo      verhindert, dass christliches Handeln zum
Eltern den christlichen Glauben an ihre      Aktionismus verkommt. Damit befindet
Kinder weitergeben wollen. Hier zeigt        sich reformatorische Spiritualität im Ein­
sich die Wichtigkeit von Religionsunter­     klang mit der Spiritualität Jesu. In deren
richt und Jugendkreis. Dringend nötig ist    Zentrum steht das sog. Doppelgebot der
ein neues Bewusstsein, dass es christli­     Liebe: „Jesus aber antwortete ihm: ‚Du
chen Glauben nicht unabhängig von der        sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von
Kirche gibt, sondern nur eingebunden         ganzem Herzen, von ganzer Seele und
in die „Gemeinschaft der Heiligen“, wie      von ganzem Gemüt.‘ Dies ist das höchste
es im Apostolischen Glaubensbekennt­         und größte Gebot. Das andere aber ist
nis heißt. Aus Hebr 12,1 stammt die For­     dem gleich: ‚Du sollst deinen Nächsten
mulierung, dass jeder Christ umgeben         lieben wie dich selbst‘“ (Mt 22,37–39).
ist von einer „Wolke von Zeugen“. Der        D.h. die Liebe zu Gott verliert ihre Boden­
christliche Glaube braucht die Kirche als    haftung, wenn sie nicht mit der Liebe zum
Inspirationsraum, Korrekturinstanz und       Mitmenschen verknüpft wird (vgl. dazu
Bewährungsfeld.                              auch Jesu Aussagen in der Bergpredigt:
                                             Mt 5,21–26). Umgekehrt kühlt die Liebe
4.5 Kontemplation und Aktion                 zum Nächsten schnell ab, wenn sie nicht
                                             immer wieder aus der Quelle der Gottes­
Die Reformation hat neu ans Licht ge­        liebe, d. h. der Liebe Gottes zu mir und
bracht, dass sich der Glaube im Alltag zu    meiner Liebe zu Gott, erneuert wird.35
bewähren hat und damit gegenüber der         Kontemplation und Aktion, Gottesliebe
mittelalterlichen Spiritualität eine not­    und Nächstenliebe, Ewigkeitshorizont
wendige Korrektur vorgenommen. Dabei         und Hinwendung zur Welt gehören in der
hat sie jedoch über der Nächstenliebe,       christlichen Spiritualität unauflöslich zu­
dem Alltagsgottesdienst, nicht die Stille    sammen.
vor Gott, die Kontemplation, vergessen.
Ausdrücklich empfahl Luther den Weg der
Stille als einen Weg zu Gott: „Gleichwie
die Sonne in einem stillen Wasser gut zu
sehen ist und es kräftig erwärmt, kann sie
in einem bewegten, rauschenden Wasser        34 Zit. nach Wolfgang Huber, Im Geist wandeln. Die
                                                evangelische Kirche braucht eine Erneuerung ihrer
nicht deutlich gesehen werden. Darum,           Frömmigkeitskultur, in: Zeitzeichen, Heft 7, 2002,
willst du auch erleuchtet und warm wer­         20.
                                             35 Vgl. hierzu im einzelnen Klaus Bockmühl, Das
den durch das Evangelium, so gehe hin,          größte Gebot (Theologie und Dienst 21), Gießen /
wo du still sein und das Bild dir tief ins      Basel 1980, 25 ff.

Amt und Gemeinde                                                                               299
5.     Ausblick: Entwicklungs­                      Überlagerung der Natur durch die techni­
       potenziale christlicher                      sierte Zivilisation in den Industrienationen
       Spiritualität                                und den damit verbundenen progressiven
                                                    Erfahrungsverlusten nur zu verständlich
Lange Zeit wurde die Bedeutung des                  ist. Wo eröffnet christliche Spiritualität
Lernens durch Erfahrung unterschätzt.               Menschen die Chance, Gottes Schöpfer­
Ebenso wurde in der Spiritualität die emo­          kraft in der Natur wahrzunehmen und lässt
tionale und die sinnliche Seite des Glau­           die geschaffene Welt durchsichtig werden
bens zu wenig berücksichtigt. In Zukunft            für die Realität Gottes? Das Pilgern, das
geht es darum, die Sehnsucht nach spi­              in allen Konfessionen seit einigen Jahren
rituellen Erfahrungen positiv aufzuneh­             eine Renaissance erlebt, stellt eine Mög­
men. Dabei ist Spiritualität nicht allein           lichkeit dazu dar.
Sache von Verstand und Willen, sondern                  Im Protestantismus ließ sich lange Zeit
genauso Angelegenheit von Emotionali­               eine regelrechte Phobie vor der Form be­
tät und Sinnlichkeit! „Gerade die geistig           obachten.37 Die Angst vor der toten Form
beanspruchten Menschen suchen vielfach              führte zur Ablehnung von festen Formen
mehr als eine weitere intellektuelle An­            überhaupt.38 Dem Mangel an spirituellen
strengung in der Religion. Immer mehr               Formen stehen exegetische Beobachtun­
Menschen wollen den Glauben nicht nur               gen, die Selbstverständlichkeit spiritueller
denken, sondern auch spüren.“36 In der              Formen bei den Reformatoren und neuere
Informationsgesellschaft scheint sich das           humanwissenschaftliche Einsichten dia­
Interesse des Menschen vor allem auf das            metral entgegen. Angesichts der Plurali­
Erleben der eigenen Körperlichkeit zu               tät spiritueller Angebote, aber auch des
konzentrieren. Die verstärkte Sehnsucht             Lebens in einer Risikogesellschaft „[be­
nach Selbstvergewisserung durch Selbst­             darf] die Bewahrung und Weitergabe von
erfahrung wird auf dem Hintergrund einer            grundlegendem Orientierungswissen [...]
permanenten Reizüberflutung verständ­               einer Absicherung durch Symbole und
lich. Ob (gerade auch junge) Menschen               Riten.“39 Mit dem früheren Erlanger Prak­
zum christlichen Glauben Zugang finden,             tischen Theologen Manfred Seitz gespro­
entscheidet sich daran, ob ihre Leiblich­           chen: „Einen Glauben, der nicht gestaltet
keit darin vorkommt.                                ist und bloß als gedacht und in Gedanken
    Auch die Natur kommt in christlicher            existiert, verweht der Wind.“40           ■
Spiritualität kaum vor. Dem steht heute
die Offenheit vieler Menschen für Na­
                                                    37 Christian Grethlein, Christliche Lebensformen –
turerfahrungen gegenüber. Eine Sehn­                   Spiritualität, in: Glaube und Lernen 6, 1991, 114.
sucht, die angesichts fortschreitender              38 Vgl. z. B. Fulbert Steffensky, Was ist liturgische Au­
                                                       thentizität, in: Pastoraltheologie 89, 2000, 105–116.
                                                    39 Grethlein, Lebensformen, 115.
36 Michael Meyer-Blanck, Inszenierung des Evange­   40 Manfred Seitz, Art. Frömmigkeit II, in: TRE, Bd. 11,
   liums, Göttingen 1997, 133.                         676.

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 MELANGE: PRAKTISCHE THEOLOGIE / KIRCHENGESCHICHTE

Beichte

Eine „Renaissance der Beichte“ konstatiert der Leipziger Theo­

loge Peter Zimmerling, der in der Evangelischen Verlagsanstalt in

Leipzig 2014 eine einschlägige Studie publizierte: „Beichte. Gottes

vergessenes Angebot“. Darauf soll hier ausdrücklich hingewiesen

werden. Das Ziel seiner Überlegungen besteht darin, zu zeigen,

dass im Bekennen von Schuld und Versagen vor Gott eine Lebens­

kraft verborgen liegt, die heute weithin unbekannt ist und deshalb

ungenutzt bleibt. Ansatzpunkt ist dabei die Überzeugung, dass

Schuldbekenntnis und Vergebungszusage Zeichen menschlicher

Würde darstellen.

                                             Von Peter Zimmerling

Amt und Gemeinde                                                301
1.    Die Beichte in                        Renaissance der Beichte zu ereignen. Sie
      unserer Gesellschaft                  ist an manchen Orten zum heimlichen
                                            Modethema avanciert.
Der mit elf Oscars ausgezeichnete Film         Einzelne Menschen und ganze Gemein­
„Titanic“ von 1997 endet mit folgenden      schaften spüren, dass sie nicht so leben,
Worten der geretteten Titelheldin: „1500    wie sie es sich eigentlich wünschen. Sie
Menschen stürzten in die See, als die Ti­   bleiben hinter den Ansprüchen zurück, die
tanic unter uns versank. Zwanzig Boote      sie an sich selber und andere stellen und
trieben in nächster Nähe umher. Aber nur    fühlen sich schuldig. Umgekehrt leiden
eins ist umgekehrt. Nur eins. Sechs wur­    sie darunter, dass andere an ihnen schuldig
den aus dem Wasser gerettet. Mich ein­      und sie dadurch in ihrer Freiheit und Le­
geschlossen. Sechs von 1500. Danach         bensfreude eingeschränkt werden. Diese
brauchten die 700 Menschen in den Boo­      Erfahrungen drängen nach außen, wol­
ten nichts anderes zu tun als zu warten:    len artikuliert werden. Es gibt offensicht­
warten auf den Tod, auf das Weiterleben.    lich sowohl bei einzelnen Menschen als
Warten auf eine Absolution, die aber nie    auch bei ganzen Gesellschaften den tiefen
erteilt wurde.“                             Wunsch nach Aussprache und Verstanden­
    Jahrzehntelang wurde die Schuld aus     werden. Damit verbunden ist die Sehn­
dem öffentlichen Bewusstsein verdrängt:     sucht nach Entlastung und Entschuldi­
Man denke nur an die Waschmittelre­         gung, nach der Chance eines Neuanfangs.
klame der 1960er Jahre, in denen Haus­         Das Ziel der folgenden Überlegungen
frauen aufgrund des Gebrauchs des rich­     besteht darin, zu zeigen, dass im Beken­
tigen Waschmittels ein gutes Gewissen       nen von Schuld und Versagen vor Gott
verheißen wurde. Seit einigen Jahren        eine Lebenskraft verborgen liegt, die
zeichnet sich jedoch eine Veränderung       heute weithin unbekannt ist und deshalb
der gesellschaftlichen Gemütslage ab:       ungenutzt bleibt. Ansatzpunkt ist dabei die
Im Gefolge des Scheiterns der modernen      Überzeugung, dass Schuldbekenntnis und
Utopien von einer neuen Gesellschaft und    Vergebungszusage Zeichen menschlicher
einem neuen Menschen ist die Rede von       Würde darstellen. Schuldig zu werden
Schuld und Versagen in den öffentlichen     gehört zum Menschsein. Niemand kann
Raum zurückgekehrt. Ja, es ist geradezu     dem entgehen. Ich nehme mein Leben
modern geworden, in der Öffentlichkeit      ernst, indem ich meine Schuld eingestehe.
Schuld zu bekennen: und zwar individu­      Schuld zu leugnen, zu bagatellisieren oder
elle und kollektive gleichermaßen. Das      zu verdrängen, bedeutet demgegenüber
Thema Schuld und Entlastung, das ur­        eine Missachtung meines Menschseins.
sprünglich im Raum der Religion behei­      Das Sündersein darf – anders als eine
matet war, wird an säkularen Orten auf­     jahrhundertelange Tradition der Beichte
gegriffen und thematisiert. Aber auch in    es suggerierte – nicht länger als Ausdruck
Theologie und Kirche scheint sich eine      einer entmündigenden Erfahrung miss­

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verstanden werden.1 Vielmehr muss es                          Rede von Sünde und Schuld zu lange dazu
als heilsam rettende Erfahrung begriffen                      missbraucht, Menschen in Angst und Ab­
werden. Das Stehen zu meinem Sünder­                          hängigkeit zu halten. Um hier ein neues
sein in der Beichte ermöglicht mir die                        Bewusstsein zu fördern, sind aufseiten
Einkehr in eine Selbstbegrenzung, die                         von Theologie und Kirche Fantasie und
mir letztlich zugute kommt.                                   Beharrlichkeit gefragt.
   Die Einzelbeichte wird gegenwärtig im
evangelischen Raum kaum wahrgenom­
men – am ehesten noch in Kommunitä­                           2.   Chancen für
ten und auf Kirchentagen. Vielen evan­                             eine Renaissance
gelischen Christen ist sie nicht einmal                            der Beichte heute
bekannt. Es war deshalb ungewöhnlich,
dass ich am Anfang meines Theologie­                          Zwischen der Beichte einerseits und der
studiums die Beichte kennenlernte. Ein                        Rechtfertigungslehre andererseits besteht
älterer lutherischer Pfarrer weckte in mir                    ein unhintergehbares Interdependenzver­
den Wunsch nach Seelsorge und Beichte.                        hältnis: Beichte und Rechtfertigungslehre
Ich hatte beobachtet, dass die unterschied­                   bedingen einander. Keine reformatorisch
lichsten Menschen kamen, um bei ihm zu                        verstandene Beichte ohne Rechtferti­
beichten. Mit einer liturgisch geprägten                      gungslehre, auf Dauer aber auch keine re­
Beichte, zu der der Zuspruch der Verge­                       formatorische Rechtfertigungslehre ohne
bung unter Handauflegung gehörte, be­                         die Praxis der Beichte! Die Beichte bil­
gann meine persönliche Geschichte mit                         det den Lackmustest für die evangelische
der Beichte. Später konnte ich vor allem                      Rede von Schuld und Vergebung.
während meiner Tätigkeit als Pfarrer ei­
ner evangelischen Kommunität vielfältige                      2.1 Unterschiedliche Aspekte
Praxiserfahrungen sowohl als Beichtender                          der Beichte
als auch als Beichthörer machen.
   Dass die christliche Rede von Sünde,                       Um die Beichte wiederzugewinnen, ist
Schuld und Vergebung den Menschen zu                          es notwendig, sie aus einer einseitig ju­
entlasten vermag und ihm gleichzeitig                         ridischen Interpretation zu befreien. Das
seine Verantwortlichkeit zurückgibt und                       Beichtgeschehen beinhaltet unterschied­
so zur Stärkung seines Selbstwertgefühls                      liche Aspekte: Dazu gehören – neben
beiträgt, wird nicht von heute auf mor­                       juridischen – gleichermaßen gemein­
gen im öffentlichen Bewusstsein Eingang                       schaftsfördernde, therapeutische, exor­
finden. Theologie und Kirche haben die                        zistische und sakramentale Dimensionen.
                                                              Da Sünde und Schuld immer auch soziale
                                                              Auswirkungen haben, besitzt deren Be­
1   Vgl. dazu ausführlich Christian Möller, Der heilsame
    Riss. Impulse reformatorischer Spiritualität, Stuttgart
                                                              reinigung ein gemeinschaftsförderndes
    2003, bes. 44 ff.                                         Potential. Die Beichte ist ein wesentli­

Amt und Gemeinde                                                                                   303
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