Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...

 
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N° 14
        MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN

                Weibsbilder
Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...
LICHT AUS.

                                                                                                                                                                                           © Hessisches Staatstheater | Kreation: balleywasl.com
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   L Einerseits

             SPOT AN!
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Unser vorletztes Heft nahmen wir zum Anlass,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  im Schwerpunkt auf »Mannsbilder« in
                                                                                                                                                                                                                                                                                                             allen ­Formen und Facetten zu blicken, und mein
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Kollege Wolfgang Behrens nahm an genau
                                                                                                                                                                                                                                                                                                             dieser Stelle den wichtigen Beruf des Souffleurs
                                                                                                                                                                                                                                                                                                               unter die Lupe. Was also liegt näher, als dass
                                                                                                                                                                                                                                                                                                             in diesem »Frauenheft« eine Kollegin über eine
                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Frau berichtet, die im männlich dominierten
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             ­Bereich tätig ist?

                                                                                                                                                                                                                                                                                       FOTO : DAVID BRUWER
                                                                                                    Fotos: Lucy Guillaume, Anna Reckmann & Anja Roethele, shutterstock: 546815059/Robuns

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
                                                                                                                                                                                           Lin Berghäuser,
                                                                                                                                                                                           Auszubildende für Veranstaltungstechnik                                                                                           Das Klischee vom Bühnentechniker ist eher holzschnittartig,

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      TEXT
                                                                                                                                                                                                                                                                                                             ANIKA BÁRDOS
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             das liegt aber wohl in der Natur des Klischees: Man sieht schnell
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             einen vierschrötigen Kerl mit Bartstoppeln vor sich, der riesige
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             Bühnenelemente schultert und eher nicht wie Hamlet spricht,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                             ­dafür aber laut. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              glücklicherweise sagen, dass dieses Klischee nicht stimmt.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Wenn man jetzt Lin Berghäuser trifft, die derzeit im zweiten Jahr ihrer
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Ausbildung zur Veranstaltungstechnikerin steckt und die am Staats­­­­-
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              thea­ter praktische Erfahrung sammelt, dann wird jedes Stereotyp gänz-

                                                                                                                                                                                                                                                   »DIE STEREOTYPIN«
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              lich hinfällig. Im Staatstheater gibt es in der Bühnentechnik außer
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              ihr nur eine weitere weibliche Kollegin, und auch in ihrem Ausbildungs-
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              jahrgang ist die Anzahl von Frauen überschaubar. Eine Tatsache, die
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              sie weder vorher abgeschreckt hat noch jetzt.

                                                                                                                                                                                                                                                                   I H R K U L I NAns
                                                                                                                                                                                                                                                                                   AR      I S C H E R L O G E N P L AT Z .
                                                                                                                                                                                                                                                                                       Theater kam sie über die Schule. Beim Auslandsjahr in England hat
                                                                                                                                                                                                                                                                                  sie bei einer großen Schultheaterproduktion mitgemacht und landete
                                                                                                                                                                                                                                                                                                  im Technik-Team. Die Arbeit hat sie derart begeistert, dass sie beschloss,
                                                                                                                                                                                                                                                          Das Hotel Nassauer Hof ist der perfekte    Platz, um den Kulturabend zu beginnen und ihn stilvoll ausklingen zu lassen.
                                                                                                                                                                                                                                                                                                  nach dem Abitur genau das weiterzumachen, und sie bewarb sich um
                                                                                                                                                                                                                                                      In unserer Orangerie servieren wir als Ouvertüre an jedem Spieltag ein leichtes „prima cultura“ Menü. Nach der Aufführung
                                                                                                                                                                                                                                                                                                  ­einen Ausbildungsplatz am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Seit
                                                                                                                                                                                                                                                   ist es Zeit für ein „Da capo“ und einen Besuch unserer Bar, dem „Wohnzimmer Wiesbadens“. Denn bei einem Glas Champagner
                                                                                                                                                                                                                                                                                                  diesem Sommer verstärkt sie in der Praxiszeit vor allem das Wartburg-Team
                               WIR INSZENIEREN:                                                                                                                                                                                                                   oder guten Cocktail diskutiert esund
                                                                                                                                                                                                                                                                                                    sichhat
                                                                                                                                                                                                                                                                                                         vortrefflich über die Inszenierung, den Regisseur und die Künstler.
                                                                                                                                                                                                                                                                                                            dort zu großen Teilen freie Hand. Das ist sowohl für die Aus-

  Firmenfeiern X Privatevents X Unikatschmuckstücke X Kulinarische Workshops X Kunstausstellungen                                                                                                                                                         Näher und schöner können Sie Kultur bildung als auch für den Bühnenbetrieb eher ungewöhnlich, der Alltag eines
                                                                                                                                                                                                                                                                                              in Wiesbaden  nicht genießen. Wertschätzung, Charakterstück, Leidenschaft.
                                                                                                                                                                                                                                                                                              Bühnen­technikers ist an sich straff hierarchisch organisiert. Das Wart-
Literarische Lesungen X Genussevents X Modeschauen X Mini-Messen X Gin Lounges X Weinverkostungen                                                                                                                                                              Das Hotel Nassauer Hof und das Hessische Staatstheater – vis-à-vis im Herzen der Landeshauptstadt.
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              burg-Team ist aber klein, hier machen »alle alles«, also Beleuchtung, Ton,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Auf- und Abbau, Veranstaltungstechnik im klassischen Sinn.
              Unser detailliertes Programm finden Sie auf www.loftwerk-roethele.de
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Empfindlich sein darf man sicher nicht, wenn man als Frau in einem
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              männlich dominierten Bereich arbeitet, den ein oder anderen Kommentar
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              muss man verkraften können. Meist seien die aber humorvoll gemeint,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              und Lin Berghäuser hat durchaus Humor.

                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Und das Schönste am Theaterberuf? Ist die Premiere, sagt Lin Berghäuser.
                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Dem ist nichts hinzuzufügen.

                                 Langgasse 20, 1. OG, 65183 Wiesbaden
                                                                                                                                                                                                                                                                               Kaiser-Friedrich-Platz 3 – 4 | 65183 Wiesbaden | T +49 611 133 0 | nassauer-hof.de

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 1
Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...
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    Inhalt
                                                                                  6                                                                                                         18                                                       26                                 Rückblick
                                                                                                                                                                                                                                                                          125 Jahre Hessisches Staatstheater Wiesbaden
                                               DR. MITHU MELANIE                                                                                   DER NEUERLICHE                                                                          Lampenfieber
                                                     ­SANYAL                                                                                          ­SKANDAL                                                                          Meine Lieblingsfarbe ist bunt!
                                     L Ich möchte einen F   ­ eminismus leben,                                                                             L »Le sacre du printemps«                                                                                                          56
                                     dessen Ziel eine ­g­erechte und ­glückliche
                                                  ­Gesellschaft ist                                                                                                                                                                                  28                            #TheaterTheater
                                                                                                                                                                                                                                                                                    mit Laufenberg
                                                                                                                                                                                            22                                                    JUST
                                                                                                                                                                                                                                                                                     Frauen, Weiber, Diven
                                                                                                                                                   ZIGEUNERMUSIK?                                                                              Blues ­Brothers
                                                                                                                                          L Lebensrealität und Opernfantasie

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
                                                                                                                                                                                                                                                                                              58
                                                                                                                                                                                                                                                     29
                                                                                                                                                                                                                                                                                     Quergeschaut
                                                                                                                                                                                                                                                  JUST
                                                                                                                                                                                                                                                                                           Lesefutter
                                                                                                                                                                                                                                             Planet B(eethoven)

                                                                                 11                                                                                                                                                                                                           59
                                                                                                                                                                                                                                                     30
                                                          LANGES LEIDEN, ­                                                                                                                                                                                                            Andererseits
                                                                                                                                                                                            24                                              Schulterblick
                                                          KURZES GLÜCK                                                                    AUF ZU NEUEN UFERN                                                                         Die Heldinnen der Theaterpädagogik
                                       L Der Plastische Chirurg Nuri Alamuti                                                                 L Tom Stoppard, Michail Bakunin                                                                                                                  60
                                                    im Gespräch                                                                                      und die Utopie
                                                                                                                                                                                                                                                                                        En Detail
                                                                                                                                                                                                                                                     32
                                                                                                                                                                                                                                                                                           Handlich
                                                                                16                                                                                                                                                      Die Welt in Zahlen
                                                                                                                                                                                                                                             Frau Macht Theater
                                                 NICHT OHNE MEINE
                                                    SCHWESTER
                                    L Die Schauspielerin Leslie Malton lernte
                                                                                                                                                                                                                                                     34
                                    ihr Handwerk auf ungewöhnliche Weise
                                                                                                                                                                                                                                           Internationale
                                                                                                                                                                                                                                            ­Maifestspiele
                                                                                                                                                                                                                                       Einblicke in das Programm 2020
                                                                                                                                                            Köllen Druck + Verlag GmbH
         Hessisches Staatstheater

                                                                                                                                                                                         ursula.maria.schneider @
                                                          GESCHÄFTSFÜHRENDER

                                                                                                                                                                                         Ursula Maria Schneider
                                    Uwe Eric Laufenberg

                                                                               SPIELZEIT 2019.2020

                                                                                                                                                                                         Tel. 0160.93 71 86 14
                                                                                                                                      formdusche, Berlin
                                                                                                                   Caroline Lazarou

                                                                                                                                                                                                                    Anna Rupprecht
                                                                                                                                      ART DIREKTION
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                                                                                                                   Dramaturgie
                                                                                                     TITELTHEMA
                                                                                                     Weibsbilder
                                                          Bernd Fülle

                                                                                                                   REDAKTION
                                    INTENDANT

                                                                                                                                                                                                                    COVERBILD
                                                                                                                                                                                         t-online.de
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                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         3
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Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...
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      — Beyoncé
                    Who

                   Girls.
                  ­world?
                  run the

                          #14 —
                  MAGAZIN #02 — HESSISCHES
                                HESSISCHES STAATSTHEATER
                                           STAATSTHEATER WIESBADEN
                                                         WIESBADEN
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5                                                 MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...
Wie würdest du den Begriff Feminismus für
                                                                                                                                          Wie würdest du die Wahrnehmung von Frauen und

                                                                         ILLUSTRATIONEN ANNA RUPPRECHT
                                                                             INTERVIEW MARIE JOHANNSEN
                                                                                                         dich definieren?                 ihre Sichtbarkeit innerhalb des Kulturbetriebs –
                                                                                                                                          ich schließe den Medienbetrieb hier mal mit ein –
                                                                                   Feminismus ist das Fenster, durch das ich politi­siert
                                                                                                                                          beschreiben? Wie hat sich die Lage in den letzten
                                                                                   worden bin; ein politisches Analyseinstrument,
                                                                                                                                          Jahren verändert?
                                                                                   eine Form von politischem Aktivismus, aber auch
                                                                                   eine Form, wie wir im Alltag leben wollen. Das         Ich sehe massive Veränderungen – allerdings haben
                                                                                   ist eine relativ breite Definition. Was ich damit      wir durchaus noch einen Weg vor uns. Ich habe
                                                                                   ­meine, ist: Ich möchte eine gerechtere Welt für alle den Eindruck, dass der Literaturbetrieb teilweise
                                                                                    schaffen. Im Feminismus sehe ich für mich die         weiter ist als die Bildende Kunst oder die klassi-
                                                                                                              Aufgabe, die anderen        schen Theaterhäuser – die freie Szene wiederum
                                                                                                              »Ismen« [z. B. Rassismus, ist näher am Puls der Zeit. Ich bekomme ja haupt-
                                                                            Für das Theater ist               Sozialismus, Sexismus …] sächlich die Entwicklungen im Journalismus,
                                                                            das natürlich doof – mitzudenken. Auch aus insbesondere im Kulturjournalismus, mit. Im Kul-
                              L Thema: Weibsbilder                          aber ich find’s toll,             persönlicher Betrof­        turresort sind mittlerweile schwerpunktmäßig
                                                                                                              fenheit heraus. Ich frage   Frauen beschäftigt – das war Mitte der 90er Jahre
                                                                            wenn das passiert.

          Ich möchte einen
                                                                                                              mich: Wie können wir        noch anders. Trotzdem muss man genauer hin-
                                                                                                              eine Welt schaffen, die für schauen: Wenn man WDR 3 und WDR 5 vergleicht,
                                                                                   alle Menschen die idealen – und vor allem: glei-       stellt man fest, dass beim WDR 3 mehr Männer
                                                                                   chen – Voraussetzungen zur Selbstverwirk­lichung arbeiten – weil das ja die »hohe Kultur« ist. Da gibt

     ­Feminismus leben, dessen
                                                                                   bietet?                                                es aber durchaus erste Veränderungen, vor allem
                                                                                                                                          in den soziokulturellen Bereichen, die sich immer
                                                                                   Dein Verständnis des Feminismus-Begriffs
                                                                                                                                          mehr öffnen.
                                                                                   scheint ein ganzheitliches zu sein – oft wird

        Ziel eine g
                  ­ ­erechte und

                                                                                                                                                                                                 MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
                                                                                   Feminst*innen genau das Gegenteil unterstellt.         Ein Ergebnis der #MeToo-Debatte war, dass man
                                                                                                                                          nun auch im Kulturbetrieb viel stärker darüber
                                                                                   Dazu ein Beispiel: Der Gedanke »Die Welt ist eine
                                                                                                                                          nachdenkt, wie man mit diesem Wandel umgehen
                                                                                   bessere, wenn 50 % der DAX-Vorstände weiblich

    ­glückliche ­Gesellschaft ist
                                                                                                                                          möchte: Museen überlegen zum Beispiel, ob man
                                                                                   sind« ist Quatsch. Denn ich möchte die Welt ver-
                                                                                                                                          nur noch Ausstellungen von Frauen macht. Das
                                                                                   ändern, und dafür wäre es mir lieber, wenn
                                                                                                                                          finde ich einerseits sinnvoll, da es Sehgewohnheiten
                                                                                   wir gar keine DAX-Vorstände hätten. Man kann
                                                                                                                                          verändert und ein gutes Training für Kurator*in-
                                                                                   Feminismus nicht ohne Sozialismus denken –
                                                                                                                                          nen ist, um neue Recherchewege kennenzulernen.
                                                                                   wobei man hier nochmal den Begriff Sozialismus
             Mithu und ich treffen uns an einem Samstagabend –                     definieren müsste … Du kannst das eine nicht
                                                                                                                                          Andererseits finde ich das falsch, weil es zu ein-
                                                                                                                                          fach gedacht ist, zu kurz gegriffen.
      via Skype. Mithu sitzt mit einer Decke auf ihrem Sofa in einem               ohne das andere denken. Ich kann nicht sagen: Ich
         gemütlichen, in orangefarbenes Licht getauchten Zimmer                     fordere Gleichberechtigung für Frauen, aber
                                                                                   alle anderen Leute sind mir egal. Und das meine
       mit großer Bücherwand. Sie erzählt, dass sie gerade an einem                ich mit dem Fenster, wenn ich von Feminismus
           neuen Roman schreibt. Umso mehr freue ich mich, dass                    spreche: Der Begriff ist nur eine Baustelle. Und an
       sie sich dennoch Zeit für mich nimmt – denn ihr Vortrag beim                dieser Baustelle kann ich nur arbeiten, wenn
                                                                                   ich das große Ganze im Blick behalte – nämlich:
          »Wonderlands Symposium« im Central des Düsseldorfer                      Ich möchte die Gesellschaft verändern. Ich möchte
      Schauspielhauses hat mich nachhaltig beeindruckt. Eine echte                 einen Feminismus leben, dessen Ziel eine gerechte
         Empfehlung: Mithus Vorträge sind nicht nur sehr erhellend,                und glückliche Gesellschaft ist. Ich möchte, dass
                                                                                   alle Menschen die Möglichkeit zu Glück in gleicher
      sondern auch irrsinnig humorvoll (»Eine Ich-Botschaft ist nicht:             Form haben. Viele gesamtgesellschaftliche Fragen
                     Ich finde, du bist ein Arschloch!«).                          hängen miteinander zusammen – das gilt zum
                                                                                   Beispiel auch für die #MeToo-Debatte: Unser Men-
                                                                                   schenrecht schützt uns davor, dass uns nicht
                                                                                   einfach jemand an den Po grabschen darf. Während
                                                                                   weltweit über die Zugriffsrechte auf weibliche
                                                                                   Hintern gesprochen wird, diskutiert man zum sel-
                                                                                   ben Zeitpunkt im Europaparlament darüber,
                                                                                   ob man Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen
                                                                                   kann. Und genau das erzeugt eine kognitive
                                                                                   Dissonanz! Wir können ja nicht einerseits sagen:
                                                                                   Die Integrität des menschlichen Körpers ist ein
                                                                                   zentraler Wert – und andererseits: Ja, aber nur von
                                                                                   bestimmten Menschen!
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                                                                                                                                                                                                 7
Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...
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           Naja – und dann gibt es noch den Literaturnobel-                                       Männer sind                    Eine Freundin – Schauspielerin, Ende Zwanzig,
           preis, bei dem nach der #MeToo-Debatte versucht                                                                       bildhübsch – erzählte mir letztens, dass sie auf-
           wurde, alles neu zu denken. Also wurden Olga
                                                                                                  genial und Frauen              grund ihres Äußeren oft auf die typischen Mädchen-
           Tokarczuk und Peter Handke gewählt. Und am Ende                                        machen mehr so                 Rollen besetzt wird: Gretchen, Käthchen usw.
           haben alle nur wieder über Peter Handke geredet.                                       die »fleißige Kunst«.          Sie tut sich schwer, das vermittelte Frauenbild
           Dabei ist Olga so viel interessanter als er. Und wenn   Das Staatstheater K­ arlsruhe                                 dieser Figuren verkörpern zu müssen und steckt
           man schon dabei ist, neu zu denken, dann kann           macht genau das: Dort                                                                gewissermaßen in einer
           man doch auch mal überlegen: Muss man zwei wei-         ­inszenieren derzeit nur Frauen. Welche Aufgaben       In der Regel                  inneren Krise ihres Weiblich-
           ße Mitteleuropäer*innen wählen? Ich hab gar              stellen sich dem Kulturbetrieb ganz konkret im        haben einem                   seins fest.
           nichts gegen weiße Mitteleuropäer*innen, aber            Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter?
           80 Prozent der Literaturnobelpreise sind bisher an
                                                                                                                          immer Männer                       Als ich Anfang Zwanzig war,
                                                                   Viele Theater erlebe ich als vorbildlich: Es wird                                         war ich sehr »normschön« –
           diese Gruppe gegangen – und davon waren die                                                                    gesagt, ob das, was
                                                                   mit dem Publikum gearbeitet, man geht raus aus                                            einfach sehr schlank und
           Mehrheit Männer. Deshalb müssen Interventionen
                                                                   den Häusern, in die Städte hinein, es wird viel        man macht, gut                     jung und sah sehr Cis-weib-
           viel stärker das ganze System mitdenken: Die
           Künstlerinnen selber sind die eine Sache, aber man
                                                                   mit Körpern gearbeitet – und über Utopien nach-        oder schlecht ist.                 lich aus. Und diese Weiblich-
                                                                   gedacht. Es werden wahnsinnig viele Themen                                                keit haben wir gelernt als
           braucht auch auf der Ebene der Kurator*innen
                                                                   abgedeckt, und es wird versucht, die klassischen                 negativ zu konnotieren. In meinem Philosophie-
           mehr Frauen, die dann wiederum Frauen fördern.
                                                                   Vermittlungskonzepte zu durchbrechen. Das                        studium habe ich noch die Verknüpfung »aber«
           Aber auch da bewegt sich etwas, wenn auch nur
                                                                   finde ich großartig. Noch schöner fände ich, wenn                gelernt: »Sie war schön, aber dumm« – das heißt,
           langsam. Die Systeme sind verblüffend stabil. Des-
                                                                   das flächendeckender zu erleben wäre. In Bochum                  unser Gehirn hat mal dieses komplette sexistische
           halb ist »Jetzt wollen wir überall mehr Frauen«
                                                                   hat Sandra Hüller den Hamlet gespielt, und alle                  Wissen gespeichert und kann das jederzeit
                                   einfach noch kein perfektes
                                                                   haben sich darüber aufgeregt und sofort ihre Abos                ­aktivieren. Wir verbinden mit »schön« eher etwas
    Unser Gehirn hat politisches                Programm. Das
                                   ist schon mal gut … muss
                                                                   gekündigt. Für das Theater ist das natürlich                      Negatives – zum Beispiel: nicht ernst genommen
    dieses komplette                                               doof – aber ich find’s toll, wenn das passiert. Denn              werden. Das ist tragisch! Ich finde, dass man

                                                                                                                                                                                                       MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
                                   aber viel stärker mit Bildung
                                                                   es passiert was!                                                  Schönheit viel mehr feiern sollte. Auch bei Männern!
    sexistische Wissen verbunden werden! Ich                                                                                         Ich persönlich hab nichts dagegen, wenn man
                                   habe mal in Düsseldorf einen
    gespeichert und                                                                                                                  mir auf der Straße hinterherpfeift – aber ich finde
                                   Vortrag über feministische
    kann das jederzeit Kunst gehalten und dachte:                                                                                    auch, dass man meinem Partner hinterherpfeifen
                                                                                                                                     sollte. Wir sollten viel häufiger sagen, wie schön
    aktivieren.                    Oje, damit kann ich nie­
                                                                                                                                     wir alle sind. Schwierig an dem Thema finde ich,
                                   manden mehr hinter dem Ofen
                                                                                                                                     wenn das genderspezifisch nur in eine Richtung
           hervorholen. Doch alle waren total überrascht
                                                                                                                                     geht. Diesen Anspruch an uns Frauen, sich zu ver-
           über das, was ich erzählt habe – obwohl das ein tota-
                                                                                                                                     halten, als hätten wir keine Körper, finde ich
           ler Grundlagenvortrag war. Viel erarbeitetes
                                                                                                                                     schlimm. Ich hab auch mal gedacht, ich müsse mir
           Wissen wird einfach nicht weitergetragen. Deshalb
                                                                                                                                     die Haare abrasieren und auf Punk machen, um
           finde ich es immer toll, wenn an Theatern auch
                                                                                                                                     das Rollenbild zu durchbrechen – trotzdem habe
           Theorie eine Rolle spielt und nicht nur: »Guck mal,
                                                                                                                                     ich mich an derselben Folie abgearbeitet, nur mit
           jetzt machen wir fünf Stücke von Frauen«.
                                                                                                                                     anderen Vorzeichen. Das war mir damals gar nicht
                                                                                                                                     so klar. Eine feministische Botschaft kann ja
                                                                                                                                     nicht sein, deinen Körper ablehnen zu müssen. Ich
                                                                                                                                     fände es schön, wenn es insgesamt für Frauen
                                                                                                                                     ein viel breiteres Rollen­spektrum gäbe, damit man
                                                                                                                                     eben nicht mehr ständig mit diesen Folien zu
                                                                                                                                     kämpfen hat, sondern auch die eigene Brüchigkeit
                                                                                                                                     feiern kann.
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                                                                                                                                                                                                       9
Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...
Hast du als junge Frau im Literaturbetrieb auch

                                                                                                                                                                                                                         Bernd Mottl Bühne, Kostüme Friedrich Eggert Chor

                                                                                                                                                                                                                         Klaus Krauspenhaar Dramaturgie Daniel C. Schindler
     blöde Situationen erleben müssen, in denen du

                                                                                                                                                                                                                                                                              Trucker / Doctor / Marshall Family Ralf Rachbauer
                                                                                                                                                                                                                         Musikalische Leitung Albert Horne Inszenierung

                                                                                                                                                                                                                                                                              Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
                                                                                                                                                                                                                                                                              Deputy Mayor / Patron / Runner Frederic Mörth
                                                                                                                                                                                                                         Albert Horne Choreografie Myriam Lifka Licht

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Premiere 15. Feb. 2020, 19.30 Uhr, Großes Haus
                                                                                                                                                                                                                                                                              Daddy Hogan / Marshall Family Daniel Carison
                                                                                                                                                                                                                                                                              Mayor of Mexia / Larry King Christopher Diffey
     dachtest: Das wäre meinen männlichen Kollegen

                                                                                                                                                                           Oper in zwei Akten | Musik von Mark-Anthony

                                                                                                                                                                                                                                                                              Melissa / News Reporter Fleuranne Brockway
                                                                                                                                                                                                                                                                              Shelley / Marshall Family Lena Haselmann
     so nicht passiert?

                                                                                                                                                                                                                                                                              Billy / News Reporter Nathaniel Webster

                                                                                                                                                                                                                                                                              Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
                                                                                                                                                                          ­Turnage | Libretto von Richard Thomas
     Als ich Anfang der 90er mit meinen ersten Lesun­

                                                                                                                                                                                                                                                                              Kay / Marshall Family Annette Luig
                                                                                                                                                                                                                                                                              J. Howard Marshall Uwe Eikötter

                                                                                                                                                                                                                                                                              Lap Dancer 3 Maike Menningen
     gen angefangen habe, gab es wirklich noch die

                                                                                                                                                                                                                                                                              Lap Dancer 1 Radoslava Vorgic

                                                                                                                                                                                                                                                                              Lap Dancer 4 Jessica Poppe
                                                                                                                                                                                                                                                                              Teenage Daniel David Krahl
     Vorstellung von: Männer sind genial und Frauen

                                                                                                                                                                                                                                                                              Lap Dancer 2 Karolina Liçi
                                                                                                                                                                                                                                                                              Stern Christopher Bolduc
                                                                                                                                                                                                                                                                              Anna Nicole Elissa Huber

                                                                                                                                                                                                                                                                              Virgie Margarete Joswig
     machen mehr so die »fleißige Kunst«. In der Regel
     haben einem immer Männer gesagt, ob das, was

                                                                                                                                                            ANNA NICOLE
     man macht, gut oder schlecht ist. Ganz oft hörte man
      dann, dass man nicht »hart« genug schreiben
     ­würde. Ich hab dann versucht, immer heftigere Tex-
      te zu schreiben. So mit Blut und Eiter und so. Bei
      einer Lesung hab ich dann mal mit einem Kollegen
      die Texte getauscht, und tatsächlich passierte
      genau das, was ich vermutet hatte: Meinen Kollegen
      lobte man für »seinen Text«, während »mein Text«
      nicht ausreichend drastisch war. Das war für mich
      befreiend. Das ist kein repräsentativer Versuch –     Was würdest du dir denn vom Kulturbetrieb und
      aber danach wusste ich: Das sind halt Idioten.        auch von den Rezipient*innen wünschen?
      Bestimmt habe ich damals auch unsicherer vorge­
                                                            Das ist eine super Frage, weil Rezipient*innen
      tragen als heute – doch als ich anfing, stärker mit
                                                            ja auch immer in irgendeiner Form Sender*innen
      meinem Körper zu arbeiten und ausdrucksstärker

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
                                                            sind. Ich fänd’s toll, wenn alle mehr Freunde
      zu werden, warf man mir vor, ich würde das tun,
                                                            mitbringen würden, die sonst nicht ins Theater
      um mich sexy zu fühlen. Es ist egal, wie man es
                                                            gehen. Vom Betrieb insgesamt würde ich mir
      macht: Es ist falsch. Aber es lohnt sich, dran zu
                                                            eine größere Fehlertoleranz wünschen. Leute müs-
      bleiben. Denn irgendwann kann man »oben mit-
                                                            sen Fehler machen und daraus lernen dürfen.                                                                                            L Thema: Weibsbilder
      spielen«, und dann verwandeln sich auch die
                                                            Und das muss alle Teile des Prozesses betreffen.

                                                                                                                                                 »Langes Leiden, ­
      Stereotype ins Gegenteil: Die Männer wollen dann
      auch von dir ernst genommen werden. Und das           Hat das Publikum eine politische Verantwortung?
      war für mich ein Aha-Erlebnis. Diese Männer sind
                                                            Die meisten Kunstformen sind Einübung von
      genauso abhängig von meiner Bewertung wie

                                                                                                                                                  kurzes Glück«
                                                            Empathie: Du musst dich in Leute hineinversetzen,
      andersherum. Gerade meine männlichen Kollegen
                                                            die nicht du selbst sind. Neben dem direkten
      hatten alle Mütter, Kindergärtnerinnen, Lehre-
                                                            Inhalt ist die Form auch ein Aspekt, den man nicht
      rinnen – die sind unglaublich abhängig davon, wie
                                                            unterschätzen darf. Daher finde ich das völlig
      Frauen sie bewerten. Ich hatte aber nie gelernt,
                                                            in Ordnung, wenn man ins Theater geht oder ins
      dass meine Beurteilung eines anderen auch ein Ka-
                                                            Kino, um sich einfach unterhalten zu lassen –
      pital sein kann. Ich dachte immer, ich müsste                                                                                      Dr. Nuri Alamuti ist Plastischer Chirurg aus Überzeugung. Im
                                                            ganz ohne Bildungsanspruch. Das passiert schon
      anderen Leuten nur positives Feedback geben. Aber
                                                            von alleine.                                                                  Gespräch mit Dramaturg Daniel C. Schindler sprach er über
      dann hab ich kapiert: Ich kann anderen auch
      meine Anerkennung wegnehmen – und das war sehr
                                                                                                                                        heutige Schönheitsideale, seine ärztliche Fürsorgepflicht und die
      interessant zu beobachten, wie das die Männer                                DR. MITHU MELANIE SANYAL (*1971)                                   Tücken digitaler Bildmanipulation.
      getroffen hat. Das sind totale Lernprozesse! Denn                            ist Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Journa-
      einen Teil der männlichen Überlegenheit in                                   listin. 2009 erschien ihr Buch »Vulva. Die Ent-
      den Kulturbetrieben gebe ich ihnen als Frau auch                             hüllung eines unsichtbaren Geschlechts«, welches
      selber mit – nicht weil ich blöd bin, sondern weil                           erstmalig die Kulturgeschichte des weiblichen
      ich gelernt habe, mich an Männern zu orientieren                             Genitals untersuchte. Für den WDR schreibt sie
      und ihre Anerkennung gewinnen zu wollen.                                     Hörspiele und Features, für die sie bereits drei
      Wir Frauen sind auch Teil des Systems und haben                              Mal mit dem Dietrich-Oppenberg-Medienpreis
      genauso viele Möglichkeiten, selbst etwas daran                              der Stiftung Lesen ausgezeichnet wurde.
      zu ändern. Viel mehr als wir denken.                                         Zudem schreibt Sanyal für die taz, DIE ZEIT, den
                                                                                   Deutschlandfunk, die Bundeszentrale für Poli­
                                                                                   tische Bildung, SPEX, MISSY Magazine und viele
                                                                                   mehr. 2016 erschien ihre Publikation »Verge­
                                                                                   waltigung. Aspekte eines Verbrechens«, die viel
                                                                                   Beachtung fand. Mithu Sanyal wird häufig –
                                                                                   auch von Theatern – für Vorträge, Lesungen, Panels
                                                                                   für die Themen rund um Feminismus, Geschlecht,
                                                                                   Identität, Politik und Kapitalismus eingeladen.
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                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                   11
Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...
INTERVIEW DANIEL C. SCHINDLER
                                                                                     BILDER NURI ALAMUTI
                                                                                                                                                                          Das Schönheits-
                                                                                                                                                                          ideal nähert sich
                                                                                                                                                                          immer mehr einem
                                                                                                                                           Woher rührt diese wachsende    »Einheits-Look« an.
                                                                                                                                           Unzufriedenheit mit dem
     Beim Thema sogenannter »Schönheits-OPs« scheinen sich                                                                                ­eigenen Äußeren?
     noch immer die Geister zu scheiden. Hat sich die öffentliche
                                                                                                                                          NA Aus meiner Sicht spielen hierbei vor allem zwei Faktoren eine
     Meinung zur Plastischen Chirurgie in den letzten Jahren
                                                                                                                                          entscheidende Rolle: Zum einen leben wir in einer zunehmend
     verändert?
                                                                                                                                          globalisierten Welt, wodurch sich das gängige Schönheitsideal –
     NURI ALAMUTI Ich bin bereits seit 25 Jahren im Bereich der Plas-                                                                     auch auf internationaler Ebene – immer mehr einem allgemeinen
     tischen Chirurgie tätig, 14 davon als niedergelasser Arzt in                                                                         »Einheits-Look« annähert. Zum anderen tragen gerade die
     Wiesbaden. Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn war es                                                                              digitalen Medien, allen voran unsere heutigen Smartphones, mit
     noch deutlich so, dass in der Öffentlichkeit kaum über das                                                                           ihren optischen Filtern und verschiedenen Möglichkeiten
     Thema gesprochen wurde – und selbst unter uns Ärzten galt                                                                            zur Bildmanipulation, maßgeblich dazu bei, dass sich unsere
     der Beruf lange Zeit als etwas Anstößiges und war mit einem                                                                          eigene Selbstwahrnehmung immer weiter zu einem unrealis­
     gewissen »Schmuddel-Image« behaftet. Dieses Bild hat sich                                                                            tischen Bild verschiebt, dem die Wirklichkeit nicht mehr
                                                                        Wie meinen Sie das?
     spätestens seit den 2000er-Jahren stark gewandelt. Plas­                                                                             gerecht werden kann. Hierdurch entsteht unter Umständen die
     tische Eingriffe gelten heute kaum noch als Tabuthema und          NA Als Arzt steht für mich das Wohl meiner Patient*innen stets    Gefahr, dass Patient*innen und Ärzt*innen mit der Zeit den
     sind weitestgehend in der gesellschaftlichen Mitte ange­           im Mittelpunkt. Häufig stellt ein plastischer Eingriff eine       Blick für jedes gesunde Maß verlieren. Ich selbst musste mehr-
     kommen. Eine Entwicklung, die ihre positiven, aber auch ihre       geeignete Maßnahme dar, um Schaden von einer Person abzu-         mals erleben, wie 15-jährige Mädchen in Begleitung ihrer
     negativen Seiten hat …                                             wenden. Weitestgehend unstrittig dürfte dies wohl in all          Erziehungsberechtigten in meine Praxis kamen, um sich nach
                                                                        jenen Fällen sein, bei denen es beispielsweise um die Wieder-     den Kosten für eine Brustvergrößerung zu erkundigen. Wenn
                                                                                          ­herstellung von Unfallschäden oder die         wir in solchen Fällen einmal den Blick auf die USA lenken

           Selbst unter                                                                    Korrektur von groben anatomischen Miss-
                                                                                           bildungen geht. Weitaus schwieriger fällt
                                                                                          eine angemessene Beurteilung hingegen
                                                                                                                                          (in vielerlei Hinsicht eine »Vorreiter-Nation« in Sachen Plasti-
                                                                                                                                          scher Chirurgie), wo viele Mädchen bereits zum High-School-
                                                                                                                                          Abschluss ihre erste Brust-OP »spendiert« bekommen, dann

           uns Ärzten galt
                                                                                          immer dann, wenn – zumindest auf den            erhalten wir eine vage Vorstellung von den erschreckenden Zu-
                                                                                          ersten Blick – keine zwingende Notwendig­       ständen, die auch uns bereits in naher Zukunft bevorstehen
                                                                                          keit für einen medizinischen Eingriff zu        könnten.

           der Beruf lange
                                                                                          bestehen scheint. Viele meiner Patient*innen,
                                                                                                                                          Was kostet denn eine durchschnittliche Brust-OP bei Ihnen?
                                                                                          also sowohl Männer als auch Frauen, kom-
                                                                                          men mit dem drängenden Wunsch in meine          NA Je nachdem liegen die Kosten für eine solche OP bei uns
                                                                                          Praxis, sich ihrem persönlichen Schönheits­     zwischen 5.000 und 8.000 Euro. In den USA hingegen kann sich

           Zeit als etwas
                                                                                          ideal kosmetisch angleichen zu lassen,          die Summe für einen entsprechenden Eingriff schnell auf
                                                                                          da sie sich selbst als »minderwertig« oder      20.000 Dollar und mehr belaufen. Schon allein in diesem
                                                                                          »unzureichend« empfinden. Dabei sind            Unterschied zeigt sich eine gewisse Tendenz zur skrupellosen

           Anstößiges.
                                                                                          die meisten von ihnen anatomisch »gut ge-       Geschäftemacherei. Doch gerade angesichts einer vielfach
                                                                                          wachsen«, stehen mitten im Leben, sind          zu beobachtenden Zunahme an immer neuen, fragwürdigen
                                                                                          top ausgebildet und beruflich überaus erfolg-   ­Beauty-Trends, wie exzessiver Fitness-Sucht, Bulimie oder
                                                                                          reich – und doch leiden sie unter einer          der Tanorexie [der Sucht nach Hautbräune, d. Red.], sollten wir
                                                                                          tief sitzenden Unsicherheit und inneren          Ärzt*innen uns stets unserer Verantwortung bewusst blei-
                                                                        Frustration über ihr eigenes Äußeres. In solchen Fällen ist es     ben und uns die nötige Zeit dafür nehmen, die tatsächlichen
                                                                        unerlässlich, dass der Arzt den individuellen Bewegründen          Motive und tieferliegenden Sehnsüchte unserer Patient*innen
                                                                        seiner Patient*innen zunächst in mehreren zeitintensiven           genauer zu ergründen.
                                                                        Einzelgesprächen genauer auf den Grund geht, ihren Wunsch
                                                                        nach Veränderung mit psychologischem Einfühlungsver­
                                                                        mögen und kritischem Augenmaß hinterfragt und sie ange­
                                                                        messen über die bestehenden Risiken aufklärt. Denn nicht
                                                                        jeder plastische Eingriff, der heute machbar ist, ist zugleich
                                                                        auch ethisch vertretbar oder stellt gar das universelle »All-
                                                                        heilmittel« zur ewigen »Glückseligkeit« eines Patienten dar.

                                                                                                                                                                                                             13
12
Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...
In welcher Weise hat sich das Schönheitsideal bei Frauen           Auch das 2007 verstorbene Playmate Anna Nicole Smith ­
               und Männern in den vergangenen Jahren gewandelt?                   wollte durch ihre zahlreichen »Schönheits-OPs«, allen voran
                                                                                  ihre enorme Brustvergrößerung, zu einer unverwechsel-
               NA Bis etwa in die Mitte der 1990er-Jahre ließ sich das vorherr-
                                                                                  baren Pop-Ikone werden – ähnlich ihrem großen Vorbild
               schende weibliche Schönheitsideal noch unter der Devise
                                                                                  Marilyn Monroe …
               »große Brüste, schmale Taille« zusammenfassen, so dass vor
               allem Brustimplantate und sogenannte »Reithosenabsau-              NA Wie bereits zuvor erwähnt, geht der Trend bei plastischen
               gungen« gefragt waren. Eine der wenigen Frauen, die schon          Eingriffen heute ganz eindeutig hin zu einem allgemeinen
               damals ein breiteres Gesäß haben durfte und dennoch als            »Einheits-Look«. Solche Extreme wie die eben genannten Bei-
               sexy galt, war die puerto-ricanische Sängerin Jennifer Lopez.      spiele stehen daher – mal mehr, mal weniger offensichtlich –
               Heute, da der Trend immer stärker hin zu weiblichen Run-           zumeist in einem engen Zusammenhang mit psychischen Pro-
               dungen geht, ist der sogenannte »J.Lo-Hintern« wieder in aller     blemen der entsprechenden Personen, etwa mit Depressionen,
               Munde und der »Brazilian Butt Lift« eine der am häufigsten         dem Hang zur Selbstzerstörung oder der Unfähigkeit, das
               nachgefragten OPs. Doch gerade dieser Eingriff, bei dem Fett       eigene Ich anzunehmen und sich selbst akzeptieren zu können.       NACHGEFRAGT
               aus anderen Teilen des Körpers abgesaugt und dann in die           Nicht selten verbirgt sich hinter einem solchen Schicksal auch     Zwei kurze Fragen an Sängerin E
                                                                                                                                                                                   ­ lissa Huber
               Pobacken injiziert wird, birgt ein erhebliches Risiko in sich.     die Kompensation von traumatischen Erfahrungen aus der
                                                                                                                                                     Als Anna Nicole wirst du nicht nur halsbreche-
               Denn sollten hierbei die empfindlichen Venen in der Gesäß-         eigenen Kindheit. Einen derartigen Zusammenhang hat beispiels-
                                                                                                                                                     rische Koloraturen singen dürfen, sondern
               muskulatur beschädigt werden, so kann dies leicht zu einer         weise der bekannte Modemacher Harald Glööckler bereits
                                                                                                                                                     auch viel nackte Haut auf der Bühne zeigen. Hast
               Fettembolie führen – mit fatalen Folgen für die Patientin.         öffentlich im Hinblick auf seinen eigenen, exzessiven Drang nach
                                                                                                                                                     du großen Respekt vor dieser Aufgabe?
               Tatsächlich stellt der »­Brazilian Butt Lift« statistisch den      immer neuen »Schönheits-OPs« gezogen.
               plastisch-chirurgischen Eingriff mit der höchsten Sterblich-                                                                           EH Über nackte Haut auf der Bühne oder hals-
                                                                                  Der Glamour der »Reichen und Schönen« ist demnach teuer
               keitsrate dar, an dessen Folgen bei 3.000 durchgeführten                                                                              brecherische Koloraturen mache ich mir keine
                                                                                  erkauft …
               Operationen im Durchschnitt etwa eine Patientin verstirbt.                                                                            ­Sorgen. Großen Respekt habe ich allerdings
               Bei den Männern hingegen zählt vor allem der Wunsch nach           NA Menschen wie Michael Jackson oder Anna Nicole Smith              vor der Aufgabe, den Charakter der Anna Nicole
               einer Nasenkorrektur zu den am meisten nachgefragten OPs,          ­kennen meist nur noch das Extrem und folglich kein Halten mehr.    mit den erforderlichen Wesenszügen zu füllen,
               gefolgt von Lidstraffungen und Fettabsaugungen. Vor allem          Der bewusst eingeleitete Transformationsprozess entwickelt          die es zulassen, dass sich der Zuschauer mit der
               bei männlichen Patienten, deren familiäre Wurzeln in süd-          sich so allmählich hin zu einer unkontrollierten Manie, die kei-    Figur identifizieren kann. Denn wir alle kennen
               lichen Ländern liegen und die daher bereits rein erblich           nen Ausweg mehr kennt. Dem vermeintlich schillernden Augen-         Anna Nicole ja zumeist nur aus den Gazetten und
               bedingt – mit aller Vorsicht ausgedrückt – über tendenziell        blick kurzen Glückes steht in solchen Fällen nicht selten ein       peinlichen Schlagzeilen. Um sie aber auf der
               breitere Gesichtszüge verfügen, sind dem medizinisch Mach-         langer Leidensweg gegenüber.                                        Bühne »wahrhaftig« verkörpern zu können, muss
               und moralisch Vertretbaren allerdings oft klare Grenzen                                                                                man nachvollziehen können, welche Träume
               gesetzt. Ein bekanntes Negativbeispiel für eine völlig unver-                                                                          und Sehnsüchte sie hatte. Es wäre schade, wenn
               hältnismäßig durchgeführte und letztlich auch schrecklich                                              Viele Mädchen                   so eine komplexe Figur zur Schablone der Bou­
               missglückte Nasenangleichung stellt in diesem Zusammen-                                                bekommen                        levardzeitschriften verkommen würde.
               hang sicherlich der bekannte Fall des 2009 verstorbenen Pop-
                                                                                                                      bereits zum                    Ist das Stück aus deiner Sicht nur etwas für
               Stars Michael Jackson dar. Aber gerade dieser Makel wurde
               ja letztlich sogar zu so etwas wie seinem unverwechselbaren                                            High-School-                   Freunde zeitgenössischer Musik? Oder an wen
                                                                                                                                                     richtet sich diese Oper deiner Meinung nach?
               »Markenzeichen« …                                                                                      Abschluss ihre
                                                                                                                      erste Brust-OP                 EH Da das Stück tatsächlich mehr oder weniger in
                                                                                                                                                     der Gegenwart spielt und für mein Dafürhalten
                                                                                                                      »spendiert«.

     Der »Brazilian
                                                                                                                                                     als richtiges Musik-Theater komponiert ist – und
                                                                                                                                                     nicht nur reine zeitgenössische Musik darstellt –,
                                                                                                                                                     könnte es ein Abend sein, in dem vom Opern-Fan,
                                                                                                                                                     über den Musical-Begeisterten bis hin zum

     Butt Lift« ist eine
                                                                                                                                                     Kammerspielzuschauer jeder etwas erleben und
                                                                                                                                                     mitfühlen kann.

     der am häufigsten
     nachgefragten OPs.

                                                                                                                                                     FOTO : CAROLIN WEINKOPF
                                                                                                                             Bitte Verwen-
                                                                                                                              dungsrecht
                                                                                                                                 klären
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                                                                                                                                                                                                          15
Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...
L Thema: Weibsbilder

                                              Nicht ohne
                                           ­meine Schwester
                             Die große Schauspielerin Leslie Malton übernimmt in Wiesbaden
                               die Titelrolle in »Wassa Schelesnowa«. Ihr Handwerk hat sie
                             jedoch nicht auf der Schauspielschule gelernt, sondern von ihrer
                                                   behinderten Schwester.

                             An einem Sonntag im Mai vor acht Jahren schlug          Ohne zu wissen, um welche Art von Krankheit            ­ esidenztheater München, dem Schauspielhaus
                                                                                                                                            R                                                       Wenn Leslie Malton nun in Wiesbaden in der Regie
     TEXT WOLFGANG BEHRENS

                             die Schauspielerin Leslie Malton die Zeitung auf –      es sich handelt, wuchs Leslie Malton also mit einer    Zürich oder dem Maxim-Gorki-Theater Berlin,             von Evgeny Titov die Titelrolle in »Wassa Scheles-
                             den Berliner »Tagesspiegel« – und las einen Artikel,    behinderten Schwester auf. Da ihre Eltern der          sie war die Ophelia im »Hamlet« mit Klaus Maria         nowa« übernimmt, wird sie ebenfalls in eine sehr
                             der ihr Leben verändern sollte. Oder, um es genauer     Versuchung widerstanden, das Mädchen dauerhaft         Brandauer und sie wurde einem großen Fern­              spezielle Familienkonstellation hineingeworfen.
                             zu sagen: Der Artikel veränderte ihr Leben nicht        in eine Einrichtung zu geben, wurde Marion un-         sehpublikum als fiese Bankerin Gudrun Lange im          Diesmal wird sie sie jedoch nicht aus der Perspek-
                             sofort, aber er erklärte ihr schlagartig einen großen   freiwillig zum Mittelpunkt des familiären Lebens:      Dieter-­Wedel-Mehrteiler »Der große Bellheim«           tive der Schwester, sondern der Mutter erleben:
                             Teil des Lebens, das hinter ihr lag. Und vor allem:     Egal, wo sich die Maltons niederließen – der Vater     bekannt. Eine ganz besondere Erfahrung ermög-           Wassa herrscht über ihre unglücklichen, untüch­
                             Er erklärte ihr das Leben ihrer Schwester.              war amerikanischer Diplomat und machte in              lichte ihr jedoch George Tabori, der – wie Leslie       tigen oder ebenfalls behinderten Kinder mit har-
                                                                                     Städten wie Berlin und Wien Station –, immer mus-      Malton ihn selbst in ihrem Buch beschreibt –            ter Hand. Doch auch hier wird Leslie Malton das
                             Der Text im »Tagesspiegel« handelte von Menschen,
                                                                                     ste sich die Familie um die für Marion erforderliche   »Stückeschreiber, Regisseur, Übersetzer und             umsetzen, was sie am allerbesten durch ihre
                             die an dem sogenannten Rett-Syndrom leiden. Das
                                                                                     Betreuung herumorganisieren.                           Schauspieler. Der Weltbürger aus Budapest, dessen       Schwester gelernt hat: sich in jemanden hineinzu­
                             Rett-Syndrom – benannt nach dem Wiener Kinder­-
                                                                                                                                            Familie im Holocaust umkam. Ein Mann ohne               versetzen. Und, so sagt es die Schauspielerin,
                             arzt Andreas Rett – bezeichnet eine angeborene,        Leslie Malton hingegen musste mit ihren Bedürf-
                                                                                                                                            Ressentiments. Der mich seine Muse nannte, viel-        »es ist ja ein großes Geschenk, die Möglichkeit zu
                             durch einen Gen-Defekt ausgelöste Krankheit, die       nissen erst einmal zurückstehen. Das hat sie
                                                                                                                                            leicht in der Absicht, dass ich weiche Knie bekam.      haben, sich in jemanden hineinzuvertiefen und
                             eine Störung im Gehirnstoffwechsel nach sich           geprägt. Doch noch mehr prägte sie die Kommuni­
                                                                                                                                            Der Mann, der mir sagte, ich müsse lernen, mit          zu versuchen, diesen Menschen und seine Beweg-
                             zieht. Der Artikel beschrieb die betroffenen Kinder    kation mit ihrer Schwester, die nie sprechen
                                                                                                                                            dem dritten Auge zu sehen und mit dem dritten Ohr       gründe zu verstehen.« Der Prozess ist letztlich
                             so: »Typischerweise entwickeln sich solche Kin-        gelernt hat, die aber durchaus – anders etwa als
                                                                                                                                            zu hören.«                                              derselbe – ob bei Marion, bei Ruthie oder bei Wassa.
                             der – fast immer sind Mädchen betroffen, die Jun-      Autist*innen – mit großer Offenheit auf ihre
                             gen sterben meist im Mutterleib – in den ersten        Umgebung reagiert. Leslie Malton sagt heute sogar,      George Tabori nun schenkte Leslie Malton eine
                             anderthalb Lebensjahren normal, dann ereignet          dass ihre Schwester der Grund gewesen sei,              ganz besondere Rolle: Er schrieb ihr die Figur
                             sich der Albtraum aller Eltern: Nach und nach          warum sie Schauspielerin geworden ist. In dem tief      der Ruthie in seinem 1990 am Wiener Akademie­
                             verlieren diese Kinder alle Fähigkeiten wieder. Die    bewegenden Buch »Brief an meine Schwester«,             theater uraufgeführten Stück »Weisman und
                             Hände können sie kaum noch gebrauchen, ma-             das sie vor fünf Jahren herausgebracht hat (und von     ­Rotgesicht« auf den Leib. In dem Stück begegnet
                             chen stattdessen nur waschende oder wringende          dem es auch eine von ihr selbst gelesene Hörbuch-        ein älterer Jude, der die Asche seiner verstorbe­nen
                             Bewegungen.«                                           Version gibt), beschreibt Leslie Malton es im            Frau in einer Urne mit sich führt sowie seine
                                                                                    imaginären Dialog mit ihrer Schwester so: »Eine          behinderte Tochter Ruthie im Schlepptau hat, im
                             Als Leslie Malton das las, wurde ihr plötzlich be-
                                                                                    Schauspielausbildung im klassischen Sinn habe            amerikanischen Westen einem auf einem Esel
                             wusst, an welcher Krankheit ihre Schwester Marion
                                                                                    ich nie absolviert. Die Basis dieses Handwerks hat-      reitenden Indianer – kurz: Es ist eine Außenseiter-
                             leidet. 53 Jahre lang hatte es niemand vermocht,
                                                                                    te ich ja von dir gelernt. Deine Erfahrungen, Ge-        Geschichte mit typisch abgründigem Tabori-Witz.
                             die Symptome richtig zu deuten. Und das, obwohl
                                                                                    danken, Wünsche, die du nicht mitteilen konntest,        Leslie Malton erzählt in ihrem Buch: »Während
                             Marion als Kind sogar von Andreas Rett selbst
                                                                                    anderen verständlich gemacht, ihnen nahege-              der Proben für die entscheidende Szene, in der der
                             untersucht und behandelt worden war. Anstatt die
                                                                                    bracht. Ich hatte also schon einige Jahre ›Praxis‹       verzweifelte Weisman seine Tochter in einem
                             richtige Diagnose zu treffen, stellten Rett und
                                                                                    hinter mir, als ich – ein Wunder – noch nicht mal        Tümpel zu ertränken versucht, kam mir die Idee,
                             seine Mitarbeiter das Mädchen damals medikamen­-
                                                                                    achtzehnjährig eine kleine Rolle in einem Film mit       meiner Schwester Marion die Gelegenheit zu
                             tös so ein, dass es seine Familie nicht mehr erkannte.
                                                                                    Elizabeth Taylor bekam.«                                 geben, einmal in ihrem Leben zu Wort zu kommen,
                             Die Eltern reagierten und nahmen das Kind wie-
                                                                                                                                             etwas in die Welt zu schreien. George stimmte
                             der aus der Klinik.                                    Leslie Maltons Schauspielkarriere hat bei einem

                                                                                                                                                                                                          FOTO : JOACHIM GERN
                                                                                                                                             sofort zu. Sonst sprach ich immer für dich, aber
                                                                                    kleinen Auftritt an der Seite von Liz Taylor
                                                                                                                                             hier, als Georges Ruthie in Wien, sprachst du –
                                                                                    natür­lich nicht halt gemacht. Sie spielte später
                                                                                                                                             zum ersten und einzigen Mal – durch mich.«
                                                                                    an Theatern wie dem Burgtheater Wien, dem
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                                                                                                                                                                                                                                                           17
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                                              Als sich am Abend des 29. Mais 1913 im neuerbauten Théâtre des
                                                                                                                    Vorhang auf für

                                       TEXT LUCAS HERRMANN
                                   BILDER DE-DA PRODUCTIONS
                                              Champs-Élysées der Vorhang hebt, erahnte noch niemand die
                                              anstehende ästhetische Zäsur für das klassische Ballett. Die Urauf-
                                              führung von Igor Strawinskys »Le sacre du printemps« in der
                                                                                                                    ein Leben nach
            L Thema: Weibsbilder
                                              choreografischen Version Vaslav Nijinskys, bei der immerhin ganze
                                                                                                                    Ihren Wünschen.
     Der neuerliche
                                              27 Verletzte bei Tumulten im Publikum zu Buche schlugen, war
                                              ein zutiefst ambivalentes Ereignis, das nicht nur in künstlerischer
                                              Hinsicht fasziniert, sondern auch die Wahrnehmung von Kunst
                                     im Zusammenhang eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses proble-

        ­Skandal
                                     ­matisiert. Lauscht man den Stimmen einiger Zeitzeugen, darunter etwa
                                      Jean Cocteau, Harry Graf Kessler oder Florent Schmitt, so trafen an besag-
                                      tem Abend mehrere Koinzidenzen aufeinander, deren Vermischung einen
                                      explosiven Kulturcocktail gerierte. Die Rede ist etwa von einer »neuen Art
                                      von Wildheit«, »Unkunst«, »Formverwüstung«, die einem aufgetakelten,
        »Le sacre du printemps«       sich selbst genügenden mondänen Publikum begegnete, das sich ange-
                                      griffen, provoziert und in seiner kulturkulinarischen Ehre gekränkt sah.

                                     Dazu tat die inhaltliche Komponente des Tanzstücks ihr übriges, fühlte
                                     sich das Bildungsbürgertum nicht zuletzt von dem heidnischen Ritual
                                     eines Jungfrauenopfers zu Fruchtbarkeits- und Erntezwecken mit einer
                                     archaischen Primitivität konfrontiert, die es als barbarisch und abstoßend
                                     ablehnte. Noch vielmehr als Inhalt und Etikette schien aber eine Ästhetik
                                     zu verunsichern, die Tanz und Musik in einer für die Seh- und Hörkon-
                                     ventionen der Anwesenden gänzlich neuen Anlage präsentierte.

                                                                               Die Choreografie zeichnete sich
                                     Die Choreografie zeichnete                durch stampfende Bewegungen,
                                                                               verkrümmte Körperhaltungen
                                     sich durch stampfende                     sowie einwärts gedrehte Füße
                                                                               aus, wodurch der Tanz kantig
                                     Bewegungen, verkrümmte                    und hektisch zuckend zur betont
                                     Körperhaltungen sowie                     polytonalen und auf Wieder­          Jetzt die besten Plätze
                                                                               holung angelegten Rhythmik der       für den Ruhestand sichern.
                                     einwärts gedrehte Füße aus.               Musik wirkte, deren motivische
                                                                               Schichtung und dissonante
                                                                                                                    Erleben Sie Betreutes
                                     Anwendung mit allen bisherigen Harmonieverständnissen brach. Aus heu-          Wohnen der Extraklasse.
                                     tiger Sicht eine interessante und innovative Verbindung von Klang und
                                     Bewegung, deren spätere Maßstabs­setzung einer breiten Schicht des dama-
                                     ligen Publikums allerdings verborgen blieb. So waren es in erster Linie        GDA Frankfurt am Zoo
                                     Vertreter*innen aus der Kunstszene, Intellektuelle und eine konservatis­       60316 Frankfurt
                                     muskritische Zuschauerschaft, die diesen Bruch mit Konventionalität
                                     feierten. Wie sich in der Nachreflexion zeigt, situiert sich die formen­       GDA Hildastift am Kurpark
                                     experimentelle Tendenz der Aufführung vor dem Hintergrund der avant-           65189 Wiesbaden
                                     gardistischen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts. Diese standen
                                     für eine progressive Neuausrichtung der Kunst, die um gesellschaftlichen
                                                                                                                    GDA Rind’sches Bürgerstift
                                     Wandel bedacht war und sich in allen Kunstgattungen vollzog. Für den
                                     Tanz sind in diesem Zusammenhang besonders die Ballets Russes von
                                                                                                                    61348 Bad Homburg
                                     Sergei Pawlowitsch Djagilew zu nennen, für welche Strawinsky »Le sacre
                                     du printemps« schrieb.                                                         GDA Domizil am Schlosspark
                                                                                                                    61348 Bad Homburg
                                     Insofern spiegelt der Skandal der Uraufführung zwei Lager im Publikum
                                     wider, die sich mittels einer nicht zu vereinenden Kunstauffassung auch
                                     auf gesellschaftlicher Ebene stritten.
                                                                                                                    Ansprechpartner: Sven Nolte
                                     Seit seiner Entstehung erfuhr »Le sacre du printemps« eine Vielzahl an         Telefon: 069 4058 5858
                                     choreografischen Umsetzungen. Große Namen zeichneten dafür verant-
                                     wortlich wie etwa Mary Wigman, Maurice Béjart, John Neumeier, Pina
                                     Bausch, Mats Ek oder zuletzt Sasha Waltz. Einige dieser Kreationen sind
                                     mittlerweile selbst Standardwerke der neueren Tanzgeschichte geworden.
                                     Stilprägend ist bis heute vor allem die Version von Pina B
                                                                                              ­ ausch, in der die
                                     Tänzer*innen in einem Szenario aus Humus tanzen, worin die ­Ambivalenz
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                                                                                                                                        Der glitschige Untergrund                Edward Clug schuf mit seiner 2012
                                                                                                                                                                                 am Maribor Ballet uraufgeführten
                                                                                                                                        ist nicht mehr Ausdruck                  und 2016 am Ballett Zürich wieder
                                                                                                                                                                                 aufgeführten Choreografie eine
                                                                                                                                        einer Erdverbundenheit                   feinsinnige Symbiose von archaischer
                                                                                                                                        des Menschen, sondern                    Grundthematik und hypnotischer
                                                                                                                                                                                 Hingabe des Tanzes an die Musik
                                                                                                                                                                                                                                          Volkshochschule
                                                                                                                                        Projektionsfläche                        Strawinskys. Er wählt mit dem Was-                       Wiesbaden e.V.
                                                                                                                                        narzisstischer Körper.                   ser, das aus einem dunklen Himmel
                                                                                                                                                                                 strömt, ein anderes Element als
                                                                                                                                                                                 Bausch, und dieser veränderte Ag-
                                                                                                                                         gregatzustand spiegelt sich auch in seiner Tanzkomposition. Im wahrsten
                                                                                                                                         Sinne, denn der glitschige Untergrund ist nicht mehr Ausdruck einer
                                                                                                                                         Erdverbundenheit des Menschen, sondern Projektionsfläche narzisstischer
                                                                                                                                         Körper, deren sinnentleerte Opfersuche wie der Ausdruck eines end­
                                                                                                                                         gültigen Selbstzwecks wirkt. Präsentiert sich das Opfer gleich zu Beginn
                                                                                                                                         als Außenseiterin, die ihre Rolle längst akzeptiert zu haben scheint und
                                                                                                                                         diesen Status lustvoll ausspielt, so entspinnt sich im Fortlauf der Choreo-
                                                                                                                                         grafie ein Konkurrenzkampf innerhalb der Gemeinschaft um die eigene
                                                                                                                                         Auslöschung. Weggeschleudert wird das Opfer dann auch am Ende, wenn
                                                                                                                                         in einer schöpfungsfeindlichen Umgebung dessen Gehalt in seinem
                                                                                                                                        ­Gebrauch endet.

                                                                                                                                        In beiden Interpretationen erscheint die Frage nach der Identität des

                                                                                                                                                                                                                                                              MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
                                                                                                                                        Opfers ebenso irrelevant wie sein Vorhandensein an sich, denn in einer
     zwischen der Fruchtbarkeit des Bodens von Mutter Erde und        Der Doppelabend »Le sacre du printemps« mit Choreografien         Gesellschaft, in der kein Glaube mehr an eine dialektische Verklammerung
     der Unausweichlichkeit des Totenackers zum Ausdruck              von Bryan Arias und Edward Clug bietet zwei unterschied­          von Tod und Leben vorhanden ist, sind Opfer überflüssig geworden.
     kommt. Bausch negiert in ihrer Interpretation eine Abkehr        liche Ansätze, deren Gemeinsamkeit in einer selbstbestimmten      Dass diese trotzdem weiterhin produziert werden, darin liegt womöglich
     von der reinen Feier des Eros und befreit den Stoff dadurch      Umdeutung der Opferrolle liegt. Zwar bleibt sowohl bei Arias      der neuerliche Skandal, den Arias und Clug aufzeigen.
     von seiner so oft heraufbeschworenen Archaik. Stattdessen        als auch Clug das Opfer weiblich, doch nimmt die Darstellung      Dabei bewegen sie sich aufführungsästhetisch in einem Dämmerzustand
     rückt sie die weibliche Opferrolle intim, mitleidsvoll und       von Individuum und Gesellschaft in diesem Zusammenhang            zwischen Archaik und Avantgardismus und setzen einen Kontrapunkt zu
     angsterfüllt in den Mittelpunkt und zeigt die Mechanismen,       eine wesentlich ausdifferenziertere Rolle ein.                    dem ursprünglichen Bestreben Strawinskys mit »Le sacre du printemps«
     die zum Akt der Tötung führen als schonungslosen Kampf                                                                             die leuchtende Auferstehung der Natur zu schildern, die zu neuem Leben
                                                                     Im ersten Teil mit dem Titel »29 May 1913« reflektiert Arias in
     der Geschlechter ums eigene Überleben in einer männlich                                                                            erweckt wird.
                                                                     einem Auftragswerk das Ereignis der skandalumwitterten
     dominierten Welt.
                                                                     Pariser Uraufführung. Dabei setzt der amerikanische Choreo-
     Für einen Skandal sorgte zuvor die Version John Neumeiers       graf die Perspektive des historischen Zuschauers nicht nur
     in Frankfurt, in deren Endsolo die Erste Solistin Beatrice      in Relation zu den Konditionen unserer heutigen Seh- und H ­ ör-
     Cordua splitterfasernackt den Opfertanz gab. Der unverdeckte gewohnheiten, sondern argumentiert vor dem Hintergrund
     Blick auf den weiblichen Körper korrespondierte darin           einer Übersetzung von historischem in zeitaktuellem Avant-
     mit einem vergleichbaren existentiellen Gefühl des mensch­      gardismus. Die Zuschauersituation wird als eigenständiger
     lichen »Geworfen-Seins« in der Welt wie bei Bausch.             Akt vor Augen geführt, wenn das Publikum sich selbst auf                                                          LE SACRE DU PRINTEMPS
                                                                     einer Videoleinwand betrachtet. Eine womöglich skandalöse
     Beide Arbeiten verkörpern die gesellschaftliche Verunsiche­                                                                                                                       Zweiteiliger Ballettabend von
                                                                                                            Entscheidung in
     rung einer Zeit, die durch Vergangenheitsbewältigung,                                                                                                                             Bryan Arias und Edward Clug
                                                                                                            Zeiten von verschärften
     Vietnamkrieg und Wettrüstung auf der einen sowie sexueller       Das Opfer könnte                      Persönlichkeitsrechten                                                      29 May 1913
     Befreiung, Selbstbestimmungsbestrebung und aufkeimendem                                                                                                                            Choreografie Bryan Arias | Musik
     Feminismus auf der anderen Seite in einer vergleichbaren         dabei Subjekt wie auch                bei gleichzeitig nicht
                                                                                                                                                                                        Dmitri ­Savchenko-Belski | Bühne und
                                                                                                            abnehmender Lust an
     Ambivalenz von Konservatismus und Aufbruch verhaftet ist,
     wie in den 1910er Jahren zur Uraufführung.
                                                                      Objekt der eigenen                    medialem Exhibitio­                                                        ­Video Tabea Rothfuchs | Kostüme
                                                                                                            nismus. Die Tänzer*in­                                                      ­Bregje van Balen | Licht Yu-Chen (Nick)
     Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage nach der Skandalösität
                                                                      Selbstinszenierung sein.              nen agieren als Teil der                                                     Hung | Dramaturgie Lucas Herrmann
     von »Le sacre du printemps« vielleicht auf eine ganz andere                                            Menge und verschmel-                                                       Le sacre du printemps
     Weise. In Zeiten von »MeToo-Debatten« erscheint der Anach- zen mit ihren Bewegungen zu den komponierten Klangflächen                                                              Choreografie Edward Clug | Musik
     ronismus dieses Stoffes gerade anhand der Frage der weib­       Dmitri Savchenko-Belskis. Das Opfer könnte dabei Subjekt                                                          Igor Strawinsky | Musikalische Leitung
     lichen Opferthematik fragwürdiger denn je. Der Umgang mit wie auch Objekt der eigenen Selbstinszenierung sein, vermeint­-                                                         ­Daniel Cohen | Bühne Marko Jepelj |
     Ekstase und Nacktheit ist im diskursgeprägten und post­         lich autonom in der Entscheidung seiner Rollenwahl, doch                                                           Kostüme Leo Kulaš | Licht Tomaž Premzl
     modernismuserprobten 21. Jahrhundert längst ein anderer auch wieder gesellschaftlich rückgebunden an die eigene Ver-                                                              Uraufführung 29. Feb. 2020, 19.30 Uhr,
     als noch in den 1970er Jahren, wo etwa der entblößte Körper     wertbarkeit. Diese reflektiert es in der Rekapitulation der                                                       ­Staatstheater Darmstadt, Großes Haus       Volkshochschule Wiesbaden e.V.
     zur kritischen Debatte genügte und die Frage nach sozialem Geschehnisse seiner Opferung in einem limbusartigen
                                                                                                                                                                                       Wiesbadener Premiere 15. Mär. 2020,         www.vhs-wiesbaden.de
     Rollenbild und Geschlecht noch ausgeklammert wurde.             Zustand.
                                                                                                                                                                                       19.30 Uhr, Großes Haus                      Alcide-de-Gasperi-Str. 4
20

                                                                                                                                                                                                                                   65197 Wiesbaden

                                                                                                                                                                                                                                                              21
                                                                                                                                                                                                                                   Telefon: 0611/ 98 89-0
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                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Weitere Vorstellungen 5., 8., 18. & 26. Apr. 2020,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Premiere 28. Mär. 2020, 19.30 Uhr, Großes Haus
                                                                                                                                                                                                                                                                                           18. & 26. Jun. 2020, 19.30 Uhr, Großes Haus
                                                                                                                                                                                                  am 22. Mai 2020, 19.30 Uhr, Großes Haus

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  4., 12., 19. & 24. Jun. 2020, 3. Jul. 2020,
                                                                                                                                                                                                  bei den Internationalen Maifestspielen

                                                                                                                                                                                                                                                            Operette von Emmerich Kálmán
                                                                 L Oper

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Oper von Giuseppe Verdi
                                                                                                                                                                         Oper von Georges Bizet

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  19.30 Uhr, Großes Haus
                               Zigeunermusik?

                                                                                                                                                                                                                                            GRÄFIN MARIZA

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         IL TROVATORE
                                                                                                                                                                CARMEN
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        Logen-
                                 »An all meine Niggas, Kanaken, Malagas, Polaken                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         platz
                                      Meine Mullahs, Mafiosi und Franzaken
                                An meine Paellas, PKK’s, Schlitzaugen, Hakennasen                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       für die
                              Kameltreiber, Ziegenhirten, Knoblauchfresser, Paprikas
                                   Meine Terroristen, Kriminelle, Drogendealer
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       Ewigkeit
                                     Parasiten, Asylbetrüger, Hütchenspieler
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                       Ihren TERRA-LEVIS-Ansprech-
                               Blutsauger, Taugenichtse, Tagelöhner, Rumstreuner                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                        partner erreichen Sie unter:
                                       Meine Zulukaffa und meine Zigeuner:                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    0611 23608518

                                             Lasst mich nicht alleine!«                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    www.terra-levis.de

          Max Herre von der deutschen Hip Hop-Gruppe »Freundes-        oder positive, dabei aber nicht weniger realitätsfremde ro-   ­ ntonio García Gutiérrez (Rom 1853) enthalten sowohl ideali-
                                                                                                                                     A
 TEXT KATJA LECLERC

          kreis« sammelt in dem Lied »Lasst mich nicht alleine« in     mantisierende Bilder von Freiheit, Gemeinschaft, Erotik und   sierte Zigeuner-Charaktere als auch Angst-Bilder, mit Carmen
          einer zunächst schockierenden rhetorischen Geste diverse     Musikalität.                                                  schuf Bizet dann das Zigeunerinnen-Pin up schlechthin. Nach
          »No go«-­Begriffe, Verunglimpfungen für fremdländische                                                                     der Jahrhundertwende versuchten sich unter anderen Schosta­
                                                                   Vorrangig die Operette fand Nährstoff in der sogenannten »Zi-
          Gruppierungen aus dem deutschen Wortschatz, nur um ih-                                                                     kowitsch mit »Die Zigeuner« nach Puschkin (vor 1926, bis auf
                                                                   geunermusik«, die beispielsweise von Komponisten wie Emmerich
          nen dann im gebetshaft wiederholten Refrain seine unein-                                                                   drei Nummern vom Komponisten vernichtet) und Ruggiero
                                                                   Kálmán auf Basis einer bereits europäisierten, imaginierten
     geschränkte Solidarität auszusprechen. Mehr noch: Er erklärt                                                                    Leoncavallo mit »Zingari«, ebenfalls nach Puschkin (London
                                                                   Musik der Roma geschrieben wurde. Diese war entstanden
     sich abhängig von ihrer Zuwendung. Als letztes in der langen                                                                    1912), an dem Sujet – die Handlung liest sich dabei wie eine
                                                                   durch Mischung mit der dominierenden Volksmusik oder
     Aufzählung nennt er die »Zigeuner«. Diese Geste auf dem 1996                                                                    »Carmen«-Variante.
                                                                   schlicht dadurch, dass Roma berufsmäßig vorgebliche »Zigeu-
     erschienenen Album »Quadratur des Kreises«, das die deutsche
                                                                   nermusik« nach dem Geschmack ihrer (fremden) Zuhörer              In der laufenden Spielzeit am Hessischen Staatstheater Wies-
     Pop­musik einen großen Schritt weiterdrehte, steht solitär da
                                                                   spielten. Von Kálmán und Co. heben sich Zeitgenossen wie Béla     baden stehen gleich drei Opern- und Operetten-Klassiker auf
     in der Geschichte der Beziehung Europas zu den Zigeunern,
                                                                   Bartók und Zoltán Kodály ab, die wirkliche Feldforschung in       dem Spielplan, in denen die Zigeuner-Thematik auf unter-
     die man ihrer Selbstbezeichnung folgend eigentlich Rom oder
                                                                   der authentischen Volksmusik betrieben. Die Oper des 19. Jahr-    schiedliche Weise beleuchtet wird: neben Kálmáns »Gräfin
     Roma nennen sollte. Seit erste Rom-Völker im 15. Jahrhundert
                                                                   hunderts sparte musikalische Aneignung meist ganz aus, hier       ­M ariza« auch »Carmen« und »Il Trovatore«. Während für
     nach Europa kamen (und man möchte hinzufügen: bis heute),
                                                                   dienten Zigeuner-Figuren als Projektionsfläche für europäi-        Mariza in der Inszenierung von Thomas Enzinger die Freiheit
     hat sich eine Barriere aus Unwissenheit und Intoleranz aufrecht
                                                                   sche Ängste vor dem Fremden und Unbekannten, aber auch für         ihrer »Gutszigeuner« ein unerreichbarer Traum bleibt, be-
     erhalten – parallel schrieb Europa eine imaginäre Geschichte
                                                                   das europäische Begehren oder eine Idealisierung analog zur        tont Uwe Eric Laufenbergs Lesart von »Carmen« gerade diese
     seiner mit über 10 Millionen Menschen größten Minderheit in
                                                                   Denkfigur des »Edlen Wilden«, in die das Europa der Aufklä-        Stärke der Titelheldin. In seiner ab März 2020 zu sehenden
     Literatur, S
                ­ chauspiel, Film und Oper.
                                                                   rung sein Ideal von Menschlichkeit im »Urzustand« legte. »The      Inszenierung des »Trovatore« zeigt Philipp M. Krenn die Welt
     Das gezeichnete Bild der Roma kennt dabei zwei Extreme: nega- Bohemian Girl« von Michael William Balfe nach Cervantes            der Zigeuner als Gegensphäre zur herkömmlichen Welt. Fort-
     tive, bis hin zur Entmenschlichung zugespitzte Darstellungen (London 1843) oder »Il Trovatore« von Giuseppe Verdi nach           setzung in der kommenden Spielzeit nicht ausgeschlossen …
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