Andererse s - Weibsbilder - MAGAZIN DES HESSISCHEN STAATSTHEATERS WIESBADEN - Hessisches ...
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LICHT AUS.
© Hessisches Staatstheater | Kreation: balleywasl.com
L Einerseits
SPOT AN!
Unser vorletztes Heft nahmen wir zum Anlass,
im Schwerpunkt auf »Mannsbilder« in
allen Formen und Facetten zu blicken, und mein
Kollege Wolfgang Behrens nahm an genau
dieser Stelle den wichtigen Beruf des Souffleurs
unter die Lupe. Was also liegt näher, als dass
in diesem »Frauenheft« eine Kollegin über eine
Frau berichtet, die im männlich dominierten
Bereich tätig ist?
FOTO : DAVID BRUWER
Fotos: Lucy Guillaume, Anna Reckmann & Anja Roethele, shutterstock: 546815059/Robuns
MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
Lin Berghäuser,
Auszubildende für Veranstaltungstechnik Das Klischee vom Bühnentechniker ist eher holzschnittartig,
TEXT
ANIKA BÁRDOS
das liegt aber wohl in der Natur des Klischees: Man sieht schnell
einen vierschrötigen Kerl mit Bartstoppeln vor sich, der riesige
Bühnenelemente schultert und eher nicht wie Hamlet spricht,
dafür aber laut. Aus meiner persönlichen Erfahrung kann ich
glücklicherweise sagen, dass dieses Klischee nicht stimmt.
Wenn man jetzt Lin Berghäuser trifft, die derzeit im zweiten Jahr ihrer
Ausbildung zur Veranstaltungstechnikerin steckt und die am Staats-
theater praktische Erfahrung sammelt, dann wird jedes Stereotyp gänz-
»DIE STEREOTYPIN«
lich hinfällig. Im Staatstheater gibt es in der Bühnentechnik außer
ihr nur eine weitere weibliche Kollegin, und auch in ihrem Ausbildungs-
jahrgang ist die Anzahl von Frauen überschaubar. Eine Tatsache, die
sie weder vorher abgeschreckt hat noch jetzt.
I H R K U L I NAns
AR I S C H E R L O G E N P L AT Z .
Theater kam sie über die Schule. Beim Auslandsjahr in England hat
sie bei einer großen Schultheaterproduktion mitgemacht und landete
im Technik-Team. Die Arbeit hat sie derart begeistert, dass sie beschloss,
Das Hotel Nassauer Hof ist der perfekte Platz, um den Kulturabend zu beginnen und ihn stilvoll ausklingen zu lassen.
nach dem Abitur genau das weiterzumachen, und sie bewarb sich um
In unserer Orangerie servieren wir als Ouvertüre an jedem Spieltag ein leichtes „prima cultura“ Menü. Nach der Aufführung
einen Ausbildungsplatz am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Seit
ist es Zeit für ein „Da capo“ und einen Besuch unserer Bar, dem „Wohnzimmer Wiesbadens“. Denn bei einem Glas Champagner
diesem Sommer verstärkt sie in der Praxiszeit vor allem das Wartburg-Team
WIR INSZENIEREN: oder guten Cocktail diskutiert esund
sichhat
vortrefflich über die Inszenierung, den Regisseur und die Künstler.
dort zu großen Teilen freie Hand. Das ist sowohl für die Aus-
Firmenfeiern X Privatevents X Unikatschmuckstücke X Kulinarische Workshops X Kunstausstellungen Näher und schöner können Sie Kultur bildung als auch für den Bühnenbetrieb eher ungewöhnlich, der Alltag eines
in Wiesbaden nicht genießen. Wertschätzung, Charakterstück, Leidenschaft.
Bühnentechnikers ist an sich straff hierarchisch organisiert. Das Wart-
Literarische Lesungen X Genussevents X Modeschauen X Mini-Messen X Gin Lounges X Weinverkostungen Das Hotel Nassauer Hof und das Hessische Staatstheater – vis-à-vis im Herzen der Landeshauptstadt.
burg-Team ist aber klein, hier machen »alle alles«, also Beleuchtung, Ton,
Auf- und Abbau, Veranstaltungstechnik im klassischen Sinn.
Unser detailliertes Programm finden Sie auf www.loftwerk-roethele.de
Empfindlich sein darf man sicher nicht, wenn man als Frau in einem
männlich dominierten Bereich arbeitet, den ein oder anderen Kommentar
muss man verkraften können. Meist seien die aber humorvoll gemeint,
und Lin Berghäuser hat durchaus Humor.
Und das Schönste am Theaterberuf? Ist die Premiere, sagt Lin Berghäuser.
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Langgasse 20, 1. OG, 65183 Wiesbaden
Kaiser-Friedrich-Platz 3 – 4 | 65183 Wiesbaden | T +49 611 133 0 | nassauer-hof.de
1N°
52
Inhalt
6 18 26 Rückblick
125 Jahre Hessisches Staatstheater Wiesbaden
DR. MITHU MELANIE DER NEUERLICHE Lampenfieber
SANYAL SKANDAL Meine Lieblingsfarbe ist bunt!
L Ich möchte einen F eminismus leben, L »Le sacre du printemps« 56
dessen Ziel eine gerechte und glückliche
Gesellschaft ist 28 #TheaterTheater
mit Laufenberg
22 JUST
Frauen, Weiber, Diven
ZIGEUNERMUSIK? Blues Brothers
L Lebensrealität und Opernfantasie
MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
58
29
Quergeschaut
JUST
Lesefutter
Planet B(eethoven)
11 59
30
LANGES LEIDEN, Andererseits
24 Schulterblick
KURZES GLÜCK AUF ZU NEUEN UFERN Die Heldinnen der Theaterpädagogik
L Der Plastische Chirurg Nuri Alamuti L Tom Stoppard, Michail Bakunin 60
im Gespräch und die Utopie
En Detail
32
Handlich
16 Die Welt in Zahlen
Frau Macht Theater
NICHT OHNE MEINE
SCHWESTER
L Die Schauspielerin Leslie Malton lernte
34
ihr Handwerk auf ungewöhnliche Weise
Internationale
Maifestspiele
Einblicke in das Programm 2020
Köllen Druck + Verlag GmbH
Hessisches Staatstheater
ursula.maria.schneider @
GESCHÄFTSFÜHRENDER
Ursula Maria Schneider
Uwe Eric Laufenberg
SPIELZEIT 2019.2020
Tel. 0160.93 71 86 14
formdusche, Berlin
Caroline Lazarou
Anna Rupprecht
ART DIREKTION
HERAUSGEBER
IMPRESSUM
Dramaturgie
TITELTHEMA
Weibsbilder
Bernd Fülle
REDAKTION
INTENDANT
COVERBILD
t-online.de
Wiesbaden
Magazin 14
DIREKTOR
ANZEIGEN
DRUCK
3
24
— Beyoncé
Who
Girls.
world?
run the
#14 —
MAGAZIN #02 — HESSISCHES
HESSISCHES STAATSTHEATER
STAATSTHEATER WIESBADEN
WIESBADEN
5 5
5 MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADENWie würdest du den Begriff Feminismus für
Wie würdest du die Wahrnehmung von Frauen und
ILLUSTRATIONEN ANNA RUPPRECHT
INTERVIEW MARIE JOHANNSEN
dich definieren? ihre Sichtbarkeit innerhalb des Kulturbetriebs –
ich schließe den Medienbetrieb hier mal mit ein –
Feminismus ist das Fenster, durch das ich politisiert
beschreiben? Wie hat sich die Lage in den letzten
worden bin; ein politisches Analyseinstrument,
Jahren verändert?
eine Form von politischem Aktivismus, aber auch
eine Form, wie wir im Alltag leben wollen. Das Ich sehe massive Veränderungen – allerdings haben
ist eine relativ breite Definition. Was ich damit wir durchaus noch einen Weg vor uns. Ich habe
meine, ist: Ich möchte eine gerechtere Welt für alle den Eindruck, dass der Literaturbetrieb teilweise
schaffen. Im Feminismus sehe ich für mich die weiter ist als die Bildende Kunst oder die klassi-
Aufgabe, die anderen schen Theaterhäuser – die freie Szene wiederum
»Ismen« [z. B. Rassismus, ist näher am Puls der Zeit. Ich bekomme ja haupt-
Für das Theater ist Sozialismus, Sexismus …] sächlich die Entwicklungen im Journalismus,
das natürlich doof – mitzudenken. Auch aus insbesondere im Kulturjournalismus, mit. Im Kul-
L Thema: Weibsbilder aber ich find’s toll, persönlicher Betrof turresort sind mittlerweile schwerpunktmäßig
fenheit heraus. Ich frage Frauen beschäftigt – das war Mitte der 90er Jahre
wenn das passiert.
Ich möchte einen
mich: Wie können wir noch anders. Trotzdem muss man genauer hin-
eine Welt schaffen, die für schauen: Wenn man WDR 3 und WDR 5 vergleicht,
alle Menschen die idealen – und vor allem: glei- stellt man fest, dass beim WDR 3 mehr Männer
chen – Voraussetzungen zur Selbstverwirklichung arbeiten – weil das ja die »hohe Kultur« ist. Da gibt
Feminismus leben, dessen
bietet? es aber durchaus erste Veränderungen, vor allem
in den soziokulturellen Bereichen, die sich immer
Dein Verständnis des Feminismus-Begriffs
mehr öffnen.
scheint ein ganzheitliches zu sein – oft wird
Ziel eine g
erechte und
MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
Feminst*innen genau das Gegenteil unterstellt. Ein Ergebnis der #MeToo-Debatte war, dass man
nun auch im Kulturbetrieb viel stärker darüber
Dazu ein Beispiel: Der Gedanke »Die Welt ist eine
nachdenkt, wie man mit diesem Wandel umgehen
bessere, wenn 50 % der DAX-Vorstände weiblich
glückliche Gesellschaft ist
möchte: Museen überlegen zum Beispiel, ob man
sind« ist Quatsch. Denn ich möchte die Welt ver-
nur noch Ausstellungen von Frauen macht. Das
ändern, und dafür wäre es mir lieber, wenn
finde ich einerseits sinnvoll, da es Sehgewohnheiten
wir gar keine DAX-Vorstände hätten. Man kann
verändert und ein gutes Training für Kurator*in-
Feminismus nicht ohne Sozialismus denken –
nen ist, um neue Recherchewege kennenzulernen.
wobei man hier nochmal den Begriff Sozialismus
Mithu und ich treffen uns an einem Samstagabend – definieren müsste … Du kannst das eine nicht
Andererseits finde ich das falsch, weil es zu ein-
fach gedacht ist, zu kurz gegriffen.
via Skype. Mithu sitzt mit einer Decke auf ihrem Sofa in einem ohne das andere denken. Ich kann nicht sagen: Ich
gemütlichen, in orangefarbenes Licht getauchten Zimmer fordere Gleichberechtigung für Frauen, aber
alle anderen Leute sind mir egal. Und das meine
mit großer Bücherwand. Sie erzählt, dass sie gerade an einem ich mit dem Fenster, wenn ich von Feminismus
neuen Roman schreibt. Umso mehr freue ich mich, dass spreche: Der Begriff ist nur eine Baustelle. Und an
sie sich dennoch Zeit für mich nimmt – denn ihr Vortrag beim dieser Baustelle kann ich nur arbeiten, wenn
ich das große Ganze im Blick behalte – nämlich:
»Wonderlands Symposium« im Central des Düsseldorfer Ich möchte die Gesellschaft verändern. Ich möchte
Schauspielhauses hat mich nachhaltig beeindruckt. Eine echte einen Feminismus leben, dessen Ziel eine gerechte
Empfehlung: Mithus Vorträge sind nicht nur sehr erhellend, und glückliche Gesellschaft ist. Ich möchte, dass
alle Menschen die Möglichkeit zu Glück in gleicher
sondern auch irrsinnig humorvoll (»Eine Ich-Botschaft ist nicht: Form haben. Viele gesamtgesellschaftliche Fragen
Ich finde, du bist ein Arschloch!«). hängen miteinander zusammen – das gilt zum
Beispiel auch für die #MeToo-Debatte: Unser Men-
schenrecht schützt uns davor, dass uns nicht
einfach jemand an den Po grabschen darf. Während
weltweit über die Zugriffsrechte auf weibliche
Hintern gesprochen wird, diskutiert man zum sel-
ben Zeitpunkt im Europaparlament darüber,
ob man Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen
kann. Und genau das erzeugt eine kognitive
Dissonanz! Wir können ja nicht einerseits sagen:
Die Integrität des menschlichen Körpers ist ein
zentraler Wert – und andererseits: Ja, aber nur von
bestimmten Menschen!
6
7ANZEIGE
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Naja – und dann gibt es noch den Literaturnobel- Männer sind Eine Freundin – Schauspielerin, Ende Zwanzig,
preis, bei dem nach der #MeToo-Debatte versucht bildhübsch – erzählte mir letztens, dass sie auf-
wurde, alles neu zu denken. Also wurden Olga
genial und Frauen grund ihres Äußeren oft auf die typischen Mädchen-
Tokarczuk und Peter Handke gewählt. Und am Ende machen mehr so Rollen besetzt wird: Gretchen, Käthchen usw.
haben alle nur wieder über Peter Handke geredet. die »fleißige Kunst«. Sie tut sich schwer, das vermittelte Frauenbild
Dabei ist Olga so viel interessanter als er. Und wenn Das Staatstheater K arlsruhe dieser Figuren verkörpern zu müssen und steckt
man schon dabei ist, neu zu denken, dann kann macht genau das: Dort gewissermaßen in einer
man doch auch mal überlegen: Muss man zwei wei- inszenieren derzeit nur Frauen. Welche Aufgaben In der Regel inneren Krise ihres Weiblich-
ße Mitteleuropäer*innen wählen? Ich hab gar stellen sich dem Kulturbetrieb ganz konkret im haben einem seins fest.
nichts gegen weiße Mitteleuropäer*innen, aber Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter?
80 Prozent der Literaturnobelpreise sind bisher an
immer Männer Als ich Anfang Zwanzig war,
Viele Theater erlebe ich als vorbildlich: Es wird war ich sehr »normschön« –
diese Gruppe gegangen – und davon waren die gesagt, ob das, was
mit dem Publikum gearbeitet, man geht raus aus einfach sehr schlank und
Mehrheit Männer. Deshalb müssen Interventionen
den Häusern, in die Städte hinein, es wird viel man macht, gut jung und sah sehr Cis-weib-
viel stärker das ganze System mitdenken: Die
Künstlerinnen selber sind die eine Sache, aber man
mit Körpern gearbeitet – und über Utopien nach- oder schlecht ist. lich aus. Und diese Weiblich-
gedacht. Es werden wahnsinnig viele Themen keit haben wir gelernt als
braucht auch auf der Ebene der Kurator*innen
abgedeckt, und es wird versucht, die klassischen negativ zu konnotieren. In meinem Philosophie-
mehr Frauen, die dann wiederum Frauen fördern.
Vermittlungskonzepte zu durchbrechen. Das studium habe ich noch die Verknüpfung »aber«
Aber auch da bewegt sich etwas, wenn auch nur
finde ich großartig. Noch schöner fände ich, wenn gelernt: »Sie war schön, aber dumm« – das heißt,
langsam. Die Systeme sind verblüffend stabil. Des-
das flächendeckender zu erleben wäre. In Bochum unser Gehirn hat mal dieses komplette sexistische
halb ist »Jetzt wollen wir überall mehr Frauen«
hat Sandra Hüller den Hamlet gespielt, und alle Wissen gespeichert und kann das jederzeit
einfach noch kein perfektes
haben sich darüber aufgeregt und sofort ihre Abos aktivieren. Wir verbinden mit »schön« eher etwas
Unser Gehirn hat politisches Programm. Das
ist schon mal gut … muss
gekündigt. Für das Theater ist das natürlich Negatives – zum Beispiel: nicht ernst genommen
dieses komplette doof – aber ich find’s toll, wenn das passiert. Denn werden. Das ist tragisch! Ich finde, dass man
MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
aber viel stärker mit Bildung
es passiert was! Schönheit viel mehr feiern sollte. Auch bei Männern!
sexistische Wissen verbunden werden! Ich Ich persönlich hab nichts dagegen, wenn man
habe mal in Düsseldorf einen
gespeichert und mir auf der Straße hinterherpfeift – aber ich finde
Vortrag über feministische
kann das jederzeit Kunst gehalten und dachte: auch, dass man meinem Partner hinterherpfeifen
sollte. Wir sollten viel häufiger sagen, wie schön
aktivieren. Oje, damit kann ich nie
wir alle sind. Schwierig an dem Thema finde ich,
manden mehr hinter dem Ofen
wenn das genderspezifisch nur in eine Richtung
hervorholen. Doch alle waren total überrascht
geht. Diesen Anspruch an uns Frauen, sich zu ver-
über das, was ich erzählt habe – obwohl das ein tota-
halten, als hätten wir keine Körper, finde ich
ler Grundlagenvortrag war. Viel erarbeitetes
schlimm. Ich hab auch mal gedacht, ich müsse mir
Wissen wird einfach nicht weitergetragen. Deshalb
die Haare abrasieren und auf Punk machen, um
finde ich es immer toll, wenn an Theatern auch
das Rollenbild zu durchbrechen – trotzdem habe
Theorie eine Rolle spielt und nicht nur: »Guck mal,
ich mich an derselben Folie abgearbeitet, nur mit
jetzt machen wir fünf Stücke von Frauen«.
anderen Vorzeichen. Das war mir damals gar nicht
so klar. Eine feministische Botschaft kann ja
nicht sein, deinen Körper ablehnen zu müssen. Ich
fände es schön, wenn es insgesamt für Frauen
ein viel breiteres Rollenspektrum gäbe, damit man
eben nicht mehr ständig mit diesen Folien zu
kämpfen hat, sondern auch die eigene Brüchigkeit
feiern kann.
8
9Hast du als junge Frau im Literaturbetrieb auch
Bernd Mottl Bühne, Kostüme Friedrich Eggert Chor
Klaus Krauspenhaar Dramaturgie Daniel C. Schindler
blöde Situationen erleben müssen, in denen du
Trucker / Doctor / Marshall Family Ralf Rachbauer
Musikalische Leitung Albert Horne Inszenierung
Chor des Hessischen Staatstheaters Wiesbaden
Deputy Mayor / Patron / Runner Frederic Mörth
Albert Horne Choreografie Myriam Lifka Licht
Premiere 15. Feb. 2020, 19.30 Uhr, Großes Haus
Daddy Hogan / Marshall Family Daniel Carison
Mayor of Mexia / Larry King Christopher Diffey
dachtest: Das wäre meinen männlichen Kollegen
Oper in zwei Akten | Musik von Mark-Anthony
Melissa / News Reporter Fleuranne Brockway
Shelley / Marshall Family Lena Haselmann
so nicht passiert?
Billy / News Reporter Nathaniel Webster
Hessisches Staatsorchester Wiesbaden
Turnage | Libretto von Richard Thomas
Als ich Anfang der 90er mit meinen ersten Lesun
Kay / Marshall Family Annette Luig
J. Howard Marshall Uwe Eikötter
Lap Dancer 3 Maike Menningen
gen angefangen habe, gab es wirklich noch die
Lap Dancer 1 Radoslava Vorgic
Lap Dancer 4 Jessica Poppe
Teenage Daniel David Krahl
Vorstellung von: Männer sind genial und Frauen
Lap Dancer 2 Karolina Liçi
Stern Christopher Bolduc
Anna Nicole Elissa Huber
Virgie Margarete Joswig
machen mehr so die »fleißige Kunst«. In der Regel
haben einem immer Männer gesagt, ob das, was
ANNA NICOLE
man macht, gut oder schlecht ist. Ganz oft hörte man
dann, dass man nicht »hart« genug schreiben
würde. Ich hab dann versucht, immer heftigere Tex-
te zu schreiben. So mit Blut und Eiter und so. Bei
einer Lesung hab ich dann mal mit einem Kollegen
die Texte getauscht, und tatsächlich passierte
genau das, was ich vermutet hatte: Meinen Kollegen
lobte man für »seinen Text«, während »mein Text«
nicht ausreichend drastisch war. Das war für mich
befreiend. Das ist kein repräsentativer Versuch – Was würdest du dir denn vom Kulturbetrieb und
aber danach wusste ich: Das sind halt Idioten. auch von den Rezipient*innen wünschen?
Bestimmt habe ich damals auch unsicherer vorge
Das ist eine super Frage, weil Rezipient*innen
tragen als heute – doch als ich anfing, stärker mit
ja auch immer in irgendeiner Form Sender*innen
meinem Körper zu arbeiten und ausdrucksstärker
MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
sind. Ich fänd’s toll, wenn alle mehr Freunde
zu werden, warf man mir vor, ich würde das tun,
mitbringen würden, die sonst nicht ins Theater
um mich sexy zu fühlen. Es ist egal, wie man es
gehen. Vom Betrieb insgesamt würde ich mir
macht: Es ist falsch. Aber es lohnt sich, dran zu
eine größere Fehlertoleranz wünschen. Leute müs-
bleiben. Denn irgendwann kann man »oben mit-
sen Fehler machen und daraus lernen dürfen. L Thema: Weibsbilder
spielen«, und dann verwandeln sich auch die
Und das muss alle Teile des Prozesses betreffen.
»Langes Leiden,
Stereotype ins Gegenteil: Die Männer wollen dann
auch von dir ernst genommen werden. Und das Hat das Publikum eine politische Verantwortung?
war für mich ein Aha-Erlebnis. Diese Männer sind
Die meisten Kunstformen sind Einübung von
genauso abhängig von meiner Bewertung wie
kurzes Glück«
Empathie: Du musst dich in Leute hineinversetzen,
andersherum. Gerade meine männlichen Kollegen
die nicht du selbst sind. Neben dem direkten
hatten alle Mütter, Kindergärtnerinnen, Lehre-
Inhalt ist die Form auch ein Aspekt, den man nicht
rinnen – die sind unglaublich abhängig davon, wie
unterschätzen darf. Daher finde ich das völlig
Frauen sie bewerten. Ich hatte aber nie gelernt,
in Ordnung, wenn man ins Theater geht oder ins
dass meine Beurteilung eines anderen auch ein Ka-
Kino, um sich einfach unterhalten zu lassen –
pital sein kann. Ich dachte immer, ich müsste Dr. Nuri Alamuti ist Plastischer Chirurg aus Überzeugung. Im
ganz ohne Bildungsanspruch. Das passiert schon
anderen Leuten nur positives Feedback geben. Aber
von alleine. Gespräch mit Dramaturg Daniel C. Schindler sprach er über
dann hab ich kapiert: Ich kann anderen auch
meine Anerkennung wegnehmen – und das war sehr
heutige Schönheitsideale, seine ärztliche Fürsorgepflicht und die
interessant zu beobachten, wie das die Männer DR. MITHU MELANIE SANYAL (*1971) Tücken digitaler Bildmanipulation.
getroffen hat. Das sind totale Lernprozesse! Denn ist Autorin, Kulturwissenschaftlerin und Journa-
einen Teil der männlichen Überlegenheit in listin. 2009 erschien ihr Buch »Vulva. Die Ent-
den Kulturbetrieben gebe ich ihnen als Frau auch hüllung eines unsichtbaren Geschlechts«, welches
selber mit – nicht weil ich blöd bin, sondern weil erstmalig die Kulturgeschichte des weiblichen
ich gelernt habe, mich an Männern zu orientieren Genitals untersuchte. Für den WDR schreibt sie
und ihre Anerkennung gewinnen zu wollen. Hörspiele und Features, für die sie bereits drei
Wir Frauen sind auch Teil des Systems und haben Mal mit dem Dietrich-Oppenberg-Medienpreis
genauso viele Möglichkeiten, selbst etwas daran der Stiftung Lesen ausgezeichnet wurde.
zu ändern. Viel mehr als wir denken. Zudem schreibt Sanyal für die taz, DIE ZEIT, den
Deutschlandfunk, die Bundeszentrale für Poli
tische Bildung, SPEX, MISSY Magazine und viele
mehr. 2016 erschien ihre Publikation »Verge
waltigung. Aspekte eines Verbrechens«, die viel
Beachtung fand. Mithu Sanyal wird häufig –
auch von Theatern – für Vorträge, Lesungen, Panels
für die Themen rund um Feminismus, Geschlecht,
Identität, Politik und Kapitalismus eingeladen.
10
11INTERVIEW DANIEL C. SCHINDLER
BILDER NURI ALAMUTI
Das Schönheits-
ideal nähert sich
immer mehr einem
Woher rührt diese wachsende »Einheits-Look« an.
Unzufriedenheit mit dem
Beim Thema sogenannter »Schönheits-OPs« scheinen sich eigenen Äußeren?
noch immer die Geister zu scheiden. Hat sich die öffentliche
NA Aus meiner Sicht spielen hierbei vor allem zwei Faktoren eine
Meinung zur Plastischen Chirurgie in den letzten Jahren
entscheidende Rolle: Zum einen leben wir in einer zunehmend
verändert?
globalisierten Welt, wodurch sich das gängige Schönheitsideal –
NURI ALAMUTI Ich bin bereits seit 25 Jahren im Bereich der Plas- auch auf internationaler Ebene – immer mehr einem allgemeinen
tischen Chirurgie tätig, 14 davon als niedergelasser Arzt in »Einheits-Look« annähert. Zum anderen tragen gerade die
Wiesbaden. Zu Beginn meiner beruflichen Laufbahn war es digitalen Medien, allen voran unsere heutigen Smartphones, mit
noch deutlich so, dass in der Öffentlichkeit kaum über das ihren optischen Filtern und verschiedenen Möglichkeiten
Thema gesprochen wurde – und selbst unter uns Ärzten galt zur Bildmanipulation, maßgeblich dazu bei, dass sich unsere
der Beruf lange Zeit als etwas Anstößiges und war mit einem eigene Selbstwahrnehmung immer weiter zu einem unrealis
gewissen »Schmuddel-Image« behaftet. Dieses Bild hat sich tischen Bild verschiebt, dem die Wirklichkeit nicht mehr
Wie meinen Sie das?
spätestens seit den 2000er-Jahren stark gewandelt. Plas gerecht werden kann. Hierdurch entsteht unter Umständen die
tische Eingriffe gelten heute kaum noch als Tabuthema und NA Als Arzt steht für mich das Wohl meiner Patient*innen stets Gefahr, dass Patient*innen und Ärzt*innen mit der Zeit den
sind weitestgehend in der gesellschaftlichen Mitte ange im Mittelpunkt. Häufig stellt ein plastischer Eingriff eine Blick für jedes gesunde Maß verlieren. Ich selbst musste mehr-
kommen. Eine Entwicklung, die ihre positiven, aber auch ihre geeignete Maßnahme dar, um Schaden von einer Person abzu- mals erleben, wie 15-jährige Mädchen in Begleitung ihrer
negativen Seiten hat … wenden. Weitestgehend unstrittig dürfte dies wohl in all Erziehungsberechtigten in meine Praxis kamen, um sich nach
jenen Fällen sein, bei denen es beispielsweise um die Wieder- den Kosten für eine Brustvergrößerung zu erkundigen. Wenn
herstellung von Unfallschäden oder die wir in solchen Fällen einmal den Blick auf die USA lenken
Selbst unter Korrektur von groben anatomischen Miss-
bildungen geht. Weitaus schwieriger fällt
eine angemessene Beurteilung hingegen
(in vielerlei Hinsicht eine »Vorreiter-Nation« in Sachen Plasti-
scher Chirurgie), wo viele Mädchen bereits zum High-School-
Abschluss ihre erste Brust-OP »spendiert« bekommen, dann
uns Ärzten galt
immer dann, wenn – zumindest auf den erhalten wir eine vage Vorstellung von den erschreckenden Zu-
ersten Blick – keine zwingende Notwendig ständen, die auch uns bereits in naher Zukunft bevorstehen
keit für einen medizinischen Eingriff zu könnten.
der Beruf lange
bestehen scheint. Viele meiner Patient*innen,
Was kostet denn eine durchschnittliche Brust-OP bei Ihnen?
also sowohl Männer als auch Frauen, kom-
men mit dem drängenden Wunsch in meine NA Je nachdem liegen die Kosten für eine solche OP bei uns
Praxis, sich ihrem persönlichen Schönheits zwischen 5.000 und 8.000 Euro. In den USA hingegen kann sich
Zeit als etwas
ideal kosmetisch angleichen zu lassen, die Summe für einen entsprechenden Eingriff schnell auf
da sie sich selbst als »minderwertig« oder 20.000 Dollar und mehr belaufen. Schon allein in diesem
»unzureichend« empfinden. Dabei sind Unterschied zeigt sich eine gewisse Tendenz zur skrupellosen
Anstößiges.
die meisten von ihnen anatomisch »gut ge- Geschäftemacherei. Doch gerade angesichts einer vielfach
wachsen«, stehen mitten im Leben, sind zu beobachtenden Zunahme an immer neuen, fragwürdigen
top ausgebildet und beruflich überaus erfolg- Beauty-Trends, wie exzessiver Fitness-Sucht, Bulimie oder
reich – und doch leiden sie unter einer der Tanorexie [der Sucht nach Hautbräune, d. Red.], sollten wir
tief sitzenden Unsicherheit und inneren Ärzt*innen uns stets unserer Verantwortung bewusst blei-
Frustration über ihr eigenes Äußeres. In solchen Fällen ist es ben und uns die nötige Zeit dafür nehmen, die tatsächlichen
unerlässlich, dass der Arzt den individuellen Bewegründen Motive und tieferliegenden Sehnsüchte unserer Patient*innen
seiner Patient*innen zunächst in mehreren zeitintensiven genauer zu ergründen.
Einzelgesprächen genauer auf den Grund geht, ihren Wunsch
nach Veränderung mit psychologischem Einfühlungsver
mögen und kritischem Augenmaß hinterfragt und sie ange
messen über die bestehenden Risiken aufklärt. Denn nicht
jeder plastische Eingriff, der heute machbar ist, ist zugleich
auch ethisch vertretbar oder stellt gar das universelle »All-
heilmittel« zur ewigen »Glückseligkeit« eines Patienten dar.
13
12In welcher Weise hat sich das Schönheitsideal bei Frauen Auch das 2007 verstorbene Playmate Anna Nicole Smith
und Männern in den vergangenen Jahren gewandelt? wollte durch ihre zahlreichen »Schönheits-OPs«, allen voran
ihre enorme Brustvergrößerung, zu einer unverwechsel-
NA Bis etwa in die Mitte der 1990er-Jahre ließ sich das vorherr-
baren Pop-Ikone werden – ähnlich ihrem großen Vorbild
schende weibliche Schönheitsideal noch unter der Devise
Marilyn Monroe …
»große Brüste, schmale Taille« zusammenfassen, so dass vor
allem Brustimplantate und sogenannte »Reithosenabsau- NA Wie bereits zuvor erwähnt, geht der Trend bei plastischen
gungen« gefragt waren. Eine der wenigen Frauen, die schon Eingriffen heute ganz eindeutig hin zu einem allgemeinen
damals ein breiteres Gesäß haben durfte und dennoch als »Einheits-Look«. Solche Extreme wie die eben genannten Bei-
sexy galt, war die puerto-ricanische Sängerin Jennifer Lopez. spiele stehen daher – mal mehr, mal weniger offensichtlich –
Heute, da der Trend immer stärker hin zu weiblichen Run- zumeist in einem engen Zusammenhang mit psychischen Pro-
dungen geht, ist der sogenannte »J.Lo-Hintern« wieder in aller blemen der entsprechenden Personen, etwa mit Depressionen,
Munde und der »Brazilian Butt Lift« eine der am häufigsten dem Hang zur Selbstzerstörung oder der Unfähigkeit, das
nachgefragten OPs. Doch gerade dieser Eingriff, bei dem Fett eigene Ich anzunehmen und sich selbst akzeptieren zu können. NACHGEFRAGT
aus anderen Teilen des Körpers abgesaugt und dann in die Nicht selten verbirgt sich hinter einem solchen Schicksal auch Zwei kurze Fragen an Sängerin E
lissa Huber
Pobacken injiziert wird, birgt ein erhebliches Risiko in sich. die Kompensation von traumatischen Erfahrungen aus der
Als Anna Nicole wirst du nicht nur halsbreche-
Denn sollten hierbei die empfindlichen Venen in der Gesäß- eigenen Kindheit. Einen derartigen Zusammenhang hat beispiels-
rische Koloraturen singen dürfen, sondern
muskulatur beschädigt werden, so kann dies leicht zu einer weise der bekannte Modemacher Harald Glööckler bereits
auch viel nackte Haut auf der Bühne zeigen. Hast
Fettembolie führen – mit fatalen Folgen für die Patientin. öffentlich im Hinblick auf seinen eigenen, exzessiven Drang nach
du großen Respekt vor dieser Aufgabe?
Tatsächlich stellt der »Brazilian Butt Lift« statistisch den immer neuen »Schönheits-OPs« gezogen.
plastisch-chirurgischen Eingriff mit der höchsten Sterblich- EH Über nackte Haut auf der Bühne oder hals-
Der Glamour der »Reichen und Schönen« ist demnach teuer
keitsrate dar, an dessen Folgen bei 3.000 durchgeführten brecherische Koloraturen mache ich mir keine
erkauft …
Operationen im Durchschnitt etwa eine Patientin verstirbt. Sorgen. Großen Respekt habe ich allerdings
Bei den Männern hingegen zählt vor allem der Wunsch nach NA Menschen wie Michael Jackson oder Anna Nicole Smith vor der Aufgabe, den Charakter der Anna Nicole
einer Nasenkorrektur zu den am meisten nachgefragten OPs, kennen meist nur noch das Extrem und folglich kein Halten mehr. mit den erforderlichen Wesenszügen zu füllen,
gefolgt von Lidstraffungen und Fettabsaugungen. Vor allem Der bewusst eingeleitete Transformationsprozess entwickelt die es zulassen, dass sich der Zuschauer mit der
bei männlichen Patienten, deren familiäre Wurzeln in süd- sich so allmählich hin zu einer unkontrollierten Manie, die kei- Figur identifizieren kann. Denn wir alle kennen
lichen Ländern liegen und die daher bereits rein erblich nen Ausweg mehr kennt. Dem vermeintlich schillernden Augen- Anna Nicole ja zumeist nur aus den Gazetten und
bedingt – mit aller Vorsicht ausgedrückt – über tendenziell blick kurzen Glückes steht in solchen Fällen nicht selten ein peinlichen Schlagzeilen. Um sie aber auf der
breitere Gesichtszüge verfügen, sind dem medizinisch Mach- langer Leidensweg gegenüber. Bühne »wahrhaftig« verkörpern zu können, muss
und moralisch Vertretbaren allerdings oft klare Grenzen man nachvollziehen können, welche Träume
gesetzt. Ein bekanntes Negativbeispiel für eine völlig unver- und Sehnsüchte sie hatte. Es wäre schade, wenn
hältnismäßig durchgeführte und letztlich auch schrecklich Viele Mädchen so eine komplexe Figur zur Schablone der Bou
missglückte Nasenangleichung stellt in diesem Zusammen- bekommen levardzeitschriften verkommen würde.
hang sicherlich der bekannte Fall des 2009 verstorbenen Pop-
bereits zum Ist das Stück aus deiner Sicht nur etwas für
Stars Michael Jackson dar. Aber gerade dieser Makel wurde
ja letztlich sogar zu so etwas wie seinem unverwechselbaren High-School- Freunde zeitgenössischer Musik? Oder an wen
richtet sich diese Oper deiner Meinung nach?
»Markenzeichen« … Abschluss ihre
erste Brust-OP EH Da das Stück tatsächlich mehr oder weniger in
der Gegenwart spielt und für mein Dafürhalten
»spendiert«.
Der »Brazilian
als richtiges Musik-Theater komponiert ist – und
nicht nur reine zeitgenössische Musik darstellt –,
könnte es ein Abend sein, in dem vom Opern-Fan,
über den Musical-Begeisterten bis hin zum
Butt Lift« ist eine
Kammerspielzuschauer jeder etwas erleben und
mitfühlen kann.
der am häufigsten
nachgefragten OPs.
FOTO : CAROLIN WEINKOPF
Bitte Verwen-
dungsrecht
klären
14
15L Thema: Weibsbilder
Nicht ohne
meine Schwester
Die große Schauspielerin Leslie Malton übernimmt in Wiesbaden
die Titelrolle in »Wassa Schelesnowa«. Ihr Handwerk hat sie
jedoch nicht auf der Schauspielschule gelernt, sondern von ihrer
behinderten Schwester.
An einem Sonntag im Mai vor acht Jahren schlug Ohne zu wissen, um welche Art von Krankheit esidenztheater München, dem Schauspielhaus
R Wenn Leslie Malton nun in Wiesbaden in der Regie
TEXT WOLFGANG BEHRENS
die Schauspielerin Leslie Malton die Zeitung auf – es sich handelt, wuchs Leslie Malton also mit einer Zürich oder dem Maxim-Gorki-Theater Berlin, von Evgeny Titov die Titelrolle in »Wassa Scheles-
den Berliner »Tagesspiegel« – und las einen Artikel, behinderten Schwester auf. Da ihre Eltern der sie war die Ophelia im »Hamlet« mit Klaus Maria nowa« übernimmt, wird sie ebenfalls in eine sehr
der ihr Leben verändern sollte. Oder, um es genauer Versuchung widerstanden, das Mädchen dauerhaft Brandauer und sie wurde einem großen Fern spezielle Familienkonstellation hineingeworfen.
zu sagen: Der Artikel veränderte ihr Leben nicht in eine Einrichtung zu geben, wurde Marion un- sehpublikum als fiese Bankerin Gudrun Lange im Diesmal wird sie sie jedoch nicht aus der Perspek-
sofort, aber er erklärte ihr schlagartig einen großen freiwillig zum Mittelpunkt des familiären Lebens: Dieter-Wedel-Mehrteiler »Der große Bellheim« tive der Schwester, sondern der Mutter erleben:
Teil des Lebens, das hinter ihr lag. Und vor allem: Egal, wo sich die Maltons niederließen – der Vater bekannt. Eine ganz besondere Erfahrung ermög- Wassa herrscht über ihre unglücklichen, untüch
Er erklärte ihr das Leben ihrer Schwester. war amerikanischer Diplomat und machte in lichte ihr jedoch George Tabori, der – wie Leslie tigen oder ebenfalls behinderten Kinder mit har-
Städten wie Berlin und Wien Station –, immer mus- Malton ihn selbst in ihrem Buch beschreibt – ter Hand. Doch auch hier wird Leslie Malton das
Der Text im »Tagesspiegel« handelte von Menschen,
ste sich die Familie um die für Marion erforderliche »Stückeschreiber, Regisseur, Übersetzer und umsetzen, was sie am allerbesten durch ihre
die an dem sogenannten Rett-Syndrom leiden. Das
Betreuung herumorganisieren. Schauspieler. Der Weltbürger aus Budapest, dessen Schwester gelernt hat: sich in jemanden hineinzu
Rett-Syndrom – benannt nach dem Wiener Kinder-
Familie im Holocaust umkam. Ein Mann ohne versetzen. Und, so sagt es die Schauspielerin,
arzt Andreas Rett – bezeichnet eine angeborene, Leslie Malton hingegen musste mit ihren Bedürf-
Ressentiments. Der mich seine Muse nannte, viel- »es ist ja ein großes Geschenk, die Möglichkeit zu
durch einen Gen-Defekt ausgelöste Krankheit, die nissen erst einmal zurückstehen. Das hat sie
leicht in der Absicht, dass ich weiche Knie bekam. haben, sich in jemanden hineinzuvertiefen und
eine Störung im Gehirnstoffwechsel nach sich geprägt. Doch noch mehr prägte sie die Kommuni
Der Mann, der mir sagte, ich müsse lernen, mit zu versuchen, diesen Menschen und seine Beweg-
zieht. Der Artikel beschrieb die betroffenen Kinder kation mit ihrer Schwester, die nie sprechen
dem dritten Auge zu sehen und mit dem dritten Ohr gründe zu verstehen.« Der Prozess ist letztlich
so: »Typischerweise entwickeln sich solche Kin- gelernt hat, die aber durchaus – anders etwa als
zu hören.« derselbe – ob bei Marion, bei Ruthie oder bei Wassa.
der – fast immer sind Mädchen betroffen, die Jun- Autist*innen – mit großer Offenheit auf ihre
gen sterben meist im Mutterleib – in den ersten Umgebung reagiert. Leslie Malton sagt heute sogar, George Tabori nun schenkte Leslie Malton eine
anderthalb Lebensjahren normal, dann ereignet dass ihre Schwester der Grund gewesen sei, ganz besondere Rolle: Er schrieb ihr die Figur
sich der Albtraum aller Eltern: Nach und nach warum sie Schauspielerin geworden ist. In dem tief der Ruthie in seinem 1990 am Wiener Akademie
verlieren diese Kinder alle Fähigkeiten wieder. Die bewegenden Buch »Brief an meine Schwester«, theater uraufgeführten Stück »Weisman und
Hände können sie kaum noch gebrauchen, ma- das sie vor fünf Jahren herausgebracht hat (und von Rotgesicht« auf den Leib. In dem Stück begegnet
chen stattdessen nur waschende oder wringende dem es auch eine von ihr selbst gelesene Hörbuch- ein älterer Jude, der die Asche seiner verstorbenen
Bewegungen.« Version gibt), beschreibt Leslie Malton es im Frau in einer Urne mit sich führt sowie seine
imaginären Dialog mit ihrer Schwester so: »Eine behinderte Tochter Ruthie im Schlepptau hat, im
Als Leslie Malton das las, wurde ihr plötzlich be-
Schauspielausbildung im klassischen Sinn habe amerikanischen Westen einem auf einem Esel
wusst, an welcher Krankheit ihre Schwester Marion
ich nie absolviert. Die Basis dieses Handwerks hat- reitenden Indianer – kurz: Es ist eine Außenseiter-
leidet. 53 Jahre lang hatte es niemand vermocht,
te ich ja von dir gelernt. Deine Erfahrungen, Ge- Geschichte mit typisch abgründigem Tabori-Witz.
die Symptome richtig zu deuten. Und das, obwohl
danken, Wünsche, die du nicht mitteilen konntest, Leslie Malton erzählt in ihrem Buch: »Während
Marion als Kind sogar von Andreas Rett selbst
anderen verständlich gemacht, ihnen nahege- der Proben für die entscheidende Szene, in der der
untersucht und behandelt worden war. Anstatt die
bracht. Ich hatte also schon einige Jahre ›Praxis‹ verzweifelte Weisman seine Tochter in einem
richtige Diagnose zu treffen, stellten Rett und
hinter mir, als ich – ein Wunder – noch nicht mal Tümpel zu ertränken versucht, kam mir die Idee,
seine Mitarbeiter das Mädchen damals medikamen-
achtzehnjährig eine kleine Rolle in einem Film mit meiner Schwester Marion die Gelegenheit zu
tös so ein, dass es seine Familie nicht mehr erkannte.
Elizabeth Taylor bekam.« geben, einmal in ihrem Leben zu Wort zu kommen,
Die Eltern reagierten und nahmen das Kind wie-
etwas in die Welt zu schreien. George stimmte
der aus der Klinik. Leslie Maltons Schauspielkarriere hat bei einem
FOTO : JOACHIM GERN
sofort zu. Sonst sprach ich immer für dich, aber
kleinen Auftritt an der Seite von Liz Taylor
hier, als Georges Ruthie in Wien, sprachst du –
natürlich nicht halt gemacht. Sie spielte später
zum ersten und einzigen Mal – durch mich.«
an Theatern wie dem Burgtheater Wien, dem
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17ANZEIGE
Als sich am Abend des 29. Mais 1913 im neuerbauten Théâtre des
Vorhang auf für
TEXT LUCAS HERRMANN
BILDER DE-DA PRODUCTIONS
Champs-Élysées der Vorhang hebt, erahnte noch niemand die
anstehende ästhetische Zäsur für das klassische Ballett. Die Urauf-
führung von Igor Strawinskys »Le sacre du printemps« in der
ein Leben nach
L Thema: Weibsbilder
choreografischen Version Vaslav Nijinskys, bei der immerhin ganze
Ihren Wünschen.
Der neuerliche
27 Verletzte bei Tumulten im Publikum zu Buche schlugen, war
ein zutiefst ambivalentes Ereignis, das nicht nur in künstlerischer
Hinsicht fasziniert, sondern auch die Wahrnehmung von Kunst
im Zusammenhang eines gesellschaftlichen Selbstverständnisses proble-
Skandal
matisiert. Lauscht man den Stimmen einiger Zeitzeugen, darunter etwa
Jean Cocteau, Harry Graf Kessler oder Florent Schmitt, so trafen an besag-
tem Abend mehrere Koinzidenzen aufeinander, deren Vermischung einen
explosiven Kulturcocktail gerierte. Die Rede ist etwa von einer »neuen Art
von Wildheit«, »Unkunst«, »Formverwüstung«, die einem aufgetakelten,
»Le sacre du printemps« sich selbst genügenden mondänen Publikum begegnete, das sich ange-
griffen, provoziert und in seiner kulturkulinarischen Ehre gekränkt sah.
Dazu tat die inhaltliche Komponente des Tanzstücks ihr übriges, fühlte
sich das Bildungsbürgertum nicht zuletzt von dem heidnischen Ritual
eines Jungfrauenopfers zu Fruchtbarkeits- und Erntezwecken mit einer
archaischen Primitivität konfrontiert, die es als barbarisch und abstoßend
ablehnte. Noch vielmehr als Inhalt und Etikette schien aber eine Ästhetik
zu verunsichern, die Tanz und Musik in einer für die Seh- und Hörkon-
ventionen der Anwesenden gänzlich neuen Anlage präsentierte.
Die Choreografie zeichnete sich
Die Choreografie zeichnete durch stampfende Bewegungen,
verkrümmte Körperhaltungen
sich durch stampfende sowie einwärts gedrehte Füße
aus, wodurch der Tanz kantig
Bewegungen, verkrümmte und hektisch zuckend zur betont
Körperhaltungen sowie polytonalen und auf Wieder Jetzt die besten Plätze
holung angelegten Rhythmik der für den Ruhestand sichern.
einwärts gedrehte Füße aus. Musik wirkte, deren motivische
Schichtung und dissonante
Erleben Sie Betreutes
Anwendung mit allen bisherigen Harmonieverständnissen brach. Aus heu- Wohnen der Extraklasse.
tiger Sicht eine interessante und innovative Verbindung von Klang und
Bewegung, deren spätere Maßstabssetzung einer breiten Schicht des dama-
ligen Publikums allerdings verborgen blieb. So waren es in erster Linie GDA Frankfurt am Zoo
Vertreter*innen aus der Kunstszene, Intellektuelle und eine konservatis 60316 Frankfurt
muskritische Zuschauerschaft, die diesen Bruch mit Konventionalität
feierten. Wie sich in der Nachreflexion zeigt, situiert sich die formen GDA Hildastift am Kurpark
experimentelle Tendenz der Aufführung vor dem Hintergrund der avant- 65189 Wiesbaden
gardistischen Strömungen des frühen 20. Jahrhunderts. Diese standen
für eine progressive Neuausrichtung der Kunst, die um gesellschaftlichen
GDA Rind’sches Bürgerstift
Wandel bedacht war und sich in allen Kunstgattungen vollzog. Für den
Tanz sind in diesem Zusammenhang besonders die Ballets Russes von
61348 Bad Homburg
Sergei Pawlowitsch Djagilew zu nennen, für welche Strawinsky »Le sacre
du printemps« schrieb. GDA Domizil am Schlosspark
61348 Bad Homburg
Insofern spiegelt der Skandal der Uraufführung zwei Lager im Publikum
wider, die sich mittels einer nicht zu vereinenden Kunstauffassung auch
auf gesellschaftlicher Ebene stritten.
Ansprechpartner: Sven Nolte
Seit seiner Entstehung erfuhr »Le sacre du printemps« eine Vielzahl an Telefon: 069 4058 5858
choreografischen Umsetzungen. Große Namen zeichneten dafür verant-
wortlich wie etwa Mary Wigman, Maurice Béjart, John Neumeier, Pina
Bausch, Mats Ek oder zuletzt Sasha Waltz. Einige dieser Kreationen sind
mittlerweile selbst Standardwerke der neueren Tanzgeschichte geworden.
Stilprägend ist bis heute vor allem die Version von Pina B
ausch, in der die
Tänzer*innen in einem Szenario aus Humus tanzen, worin die Ambivalenz
18ANZEIGE
Der glitschige Untergrund Edward Clug schuf mit seiner 2012
am Maribor Ballet uraufgeführten
ist nicht mehr Ausdruck und 2016 am Ballett Zürich wieder
aufgeführten Choreografie eine
einer Erdverbundenheit feinsinnige Symbiose von archaischer
des Menschen, sondern Grundthematik und hypnotischer
Hingabe des Tanzes an die Musik
Volkshochschule
Projektionsfläche Strawinskys. Er wählt mit dem Was- Wiesbaden e.V.
narzisstischer Körper. ser, das aus einem dunklen Himmel
strömt, ein anderes Element als
Bausch, und dieser veränderte Ag-
gregatzustand spiegelt sich auch in seiner Tanzkomposition. Im wahrsten
Sinne, denn der glitschige Untergrund ist nicht mehr Ausdruck einer
Erdverbundenheit des Menschen, sondern Projektionsfläche narzisstischer
Körper, deren sinnentleerte Opfersuche wie der Ausdruck eines end
gültigen Selbstzwecks wirkt. Präsentiert sich das Opfer gleich zu Beginn
als Außenseiterin, die ihre Rolle längst akzeptiert zu haben scheint und
diesen Status lustvoll ausspielt, so entspinnt sich im Fortlauf der Choreo-
grafie ein Konkurrenzkampf innerhalb der Gemeinschaft um die eigene
Auslöschung. Weggeschleudert wird das Opfer dann auch am Ende, wenn
in einer schöpfungsfeindlichen Umgebung dessen Gehalt in seinem
Gebrauch endet.
In beiden Interpretationen erscheint die Frage nach der Identität des
MAGAZIN #14 — HESSISCHES STAATSTHEATER WIESBADEN
Opfers ebenso irrelevant wie sein Vorhandensein an sich, denn in einer
zwischen der Fruchtbarkeit des Bodens von Mutter Erde und Der Doppelabend »Le sacre du printemps« mit Choreografien Gesellschaft, in der kein Glaube mehr an eine dialektische Verklammerung
der Unausweichlichkeit des Totenackers zum Ausdruck von Bryan Arias und Edward Clug bietet zwei unterschied von Tod und Leben vorhanden ist, sind Opfer überflüssig geworden.
kommt. Bausch negiert in ihrer Interpretation eine Abkehr liche Ansätze, deren Gemeinsamkeit in einer selbstbestimmten Dass diese trotzdem weiterhin produziert werden, darin liegt womöglich
von der reinen Feier des Eros und befreit den Stoff dadurch Umdeutung der Opferrolle liegt. Zwar bleibt sowohl bei Arias der neuerliche Skandal, den Arias und Clug aufzeigen.
von seiner so oft heraufbeschworenen Archaik. Stattdessen als auch Clug das Opfer weiblich, doch nimmt die Darstellung Dabei bewegen sie sich aufführungsästhetisch in einem Dämmerzustand
rückt sie die weibliche Opferrolle intim, mitleidsvoll und von Individuum und Gesellschaft in diesem Zusammenhang zwischen Archaik und Avantgardismus und setzen einen Kontrapunkt zu
angsterfüllt in den Mittelpunkt und zeigt die Mechanismen, eine wesentlich ausdifferenziertere Rolle ein. dem ursprünglichen Bestreben Strawinskys mit »Le sacre du printemps«
die zum Akt der Tötung führen als schonungslosen Kampf die leuchtende Auferstehung der Natur zu schildern, die zu neuem Leben
Im ersten Teil mit dem Titel »29 May 1913« reflektiert Arias in
der Geschlechter ums eigene Überleben in einer männlich erweckt wird.
einem Auftragswerk das Ereignis der skandalumwitterten
dominierten Welt.
Pariser Uraufführung. Dabei setzt der amerikanische Choreo-
Für einen Skandal sorgte zuvor die Version John Neumeiers graf die Perspektive des historischen Zuschauers nicht nur
in Frankfurt, in deren Endsolo die Erste Solistin Beatrice in Relation zu den Konditionen unserer heutigen Seh- und H ör-
Cordua splitterfasernackt den Opfertanz gab. Der unverdeckte gewohnheiten, sondern argumentiert vor dem Hintergrund
Blick auf den weiblichen Körper korrespondierte darin einer Übersetzung von historischem in zeitaktuellem Avant-
mit einem vergleichbaren existentiellen Gefühl des mensch gardismus. Die Zuschauersituation wird als eigenständiger
lichen »Geworfen-Seins« in der Welt wie bei Bausch. Akt vor Augen geführt, wenn das Publikum sich selbst auf LE SACRE DU PRINTEMPS
einer Videoleinwand betrachtet. Eine womöglich skandalöse
Beide Arbeiten verkörpern die gesellschaftliche Verunsiche Zweiteiliger Ballettabend von
Entscheidung in
rung einer Zeit, die durch Vergangenheitsbewältigung, Bryan Arias und Edward Clug
Zeiten von verschärften
Vietnamkrieg und Wettrüstung auf der einen sowie sexueller Das Opfer könnte Persönlichkeitsrechten 29 May 1913
Befreiung, Selbstbestimmungsbestrebung und aufkeimendem Choreografie Bryan Arias | Musik
Feminismus auf der anderen Seite in einer vergleichbaren dabei Subjekt wie auch bei gleichzeitig nicht
Dmitri Savchenko-Belski | Bühne und
abnehmender Lust an
Ambivalenz von Konservatismus und Aufbruch verhaftet ist,
wie in den 1910er Jahren zur Uraufführung.
Objekt der eigenen medialem Exhibitio Video Tabea Rothfuchs | Kostüme
nismus. Die Tänzer*in Bregje van Balen | Licht Yu-Chen (Nick)
Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage nach der Skandalösität
Selbstinszenierung sein. nen agieren als Teil der Hung | Dramaturgie Lucas Herrmann
von »Le sacre du printemps« vielleicht auf eine ganz andere Menge und verschmel- Le sacre du printemps
Weise. In Zeiten von »MeToo-Debatten« erscheint der Anach- zen mit ihren Bewegungen zu den komponierten Klangflächen Choreografie Edward Clug | Musik
ronismus dieses Stoffes gerade anhand der Frage der weib Dmitri Savchenko-Belskis. Das Opfer könnte dabei Subjekt Igor Strawinsky | Musikalische Leitung
lichen Opferthematik fragwürdiger denn je. Der Umgang mit wie auch Objekt der eigenen Selbstinszenierung sein, vermeint- Daniel Cohen | Bühne Marko Jepelj |
Ekstase und Nacktheit ist im diskursgeprägten und post lich autonom in der Entscheidung seiner Rollenwahl, doch Kostüme Leo Kulaš | Licht Tomaž Premzl
modernismuserprobten 21. Jahrhundert längst ein anderer auch wieder gesellschaftlich rückgebunden an die eigene Ver- Uraufführung 29. Feb. 2020, 19.30 Uhr,
als noch in den 1970er Jahren, wo etwa der entblößte Körper wertbarkeit. Diese reflektiert es in der Rekapitulation der Staatstheater Darmstadt, Großes Haus Volkshochschule Wiesbaden e.V.
zur kritischen Debatte genügte und die Frage nach sozialem Geschehnisse seiner Opferung in einem limbusartigen
Wiesbadener Premiere 15. Mär. 2020, www.vhs-wiesbaden.de
Rollenbild und Geschlecht noch ausgeklammert wurde. Zustand.
19.30 Uhr, Großes Haus Alcide-de-Gasperi-Str. 4
20
65197 Wiesbaden
21
Telefon: 0611/ 98 89-0ANZEIGE
Weitere Vorstellungen 5., 8., 18. & 26. Apr. 2020,
Premiere 28. Mär. 2020, 19.30 Uhr, Großes Haus
18. & 26. Jun. 2020, 19.30 Uhr, Großes Haus
am 22. Mai 2020, 19.30 Uhr, Großes Haus
4., 12., 19. & 24. Jun. 2020, 3. Jul. 2020,
bei den Internationalen Maifestspielen
Operette von Emmerich Kálmán
L Oper
Oper von Giuseppe Verdi
Oper von Georges Bizet
19.30 Uhr, Großes Haus
Zigeunermusik?
GRÄFIN MARIZA
IL TROVATORE
CARMEN
Logen-
»An all meine Niggas, Kanaken, Malagas, Polaken platz
Meine Mullahs, Mafiosi und Franzaken
An meine Paellas, PKK’s, Schlitzaugen, Hakennasen für die
Kameltreiber, Ziegenhirten, Knoblauchfresser, Paprikas
Meine Terroristen, Kriminelle, Drogendealer
Ewigkeit
Parasiten, Asylbetrüger, Hütchenspieler
Ihren TERRA-LEVIS-Ansprech-
Blutsauger, Taugenichtse, Tagelöhner, Rumstreuner partner erreichen Sie unter:
Meine Zulukaffa und meine Zigeuner: 0611 23608518
Lasst mich nicht alleine!« www.terra-levis.de
Max Herre von der deutschen Hip Hop-Gruppe »Freundes- oder positive, dabei aber nicht weniger realitätsfremde ro- ntonio García Gutiérrez (Rom 1853) enthalten sowohl ideali-
A
TEXT KATJA LECLERC
kreis« sammelt in dem Lied »Lasst mich nicht alleine« in mantisierende Bilder von Freiheit, Gemeinschaft, Erotik und sierte Zigeuner-Charaktere als auch Angst-Bilder, mit Carmen
einer zunächst schockierenden rhetorischen Geste diverse Musikalität. schuf Bizet dann das Zigeunerinnen-Pin up schlechthin. Nach
»No go«-Begriffe, Verunglimpfungen für fremdländische der Jahrhundertwende versuchten sich unter anderen Schosta
Vorrangig die Operette fand Nährstoff in der sogenannten »Zi-
Gruppierungen aus dem deutschen Wortschatz, nur um ih- kowitsch mit »Die Zigeuner« nach Puschkin (vor 1926, bis auf
geunermusik«, die beispielsweise von Komponisten wie Emmerich
nen dann im gebetshaft wiederholten Refrain seine unein- drei Nummern vom Komponisten vernichtet) und Ruggiero
Kálmán auf Basis einer bereits europäisierten, imaginierten
geschränkte Solidarität auszusprechen. Mehr noch: Er erklärt Leoncavallo mit »Zingari«, ebenfalls nach Puschkin (London
Musik der Roma geschrieben wurde. Diese war entstanden
sich abhängig von ihrer Zuwendung. Als letztes in der langen 1912), an dem Sujet – die Handlung liest sich dabei wie eine
durch Mischung mit der dominierenden Volksmusik oder
Aufzählung nennt er die »Zigeuner«. Diese Geste auf dem 1996 »Carmen«-Variante.
schlicht dadurch, dass Roma berufsmäßig vorgebliche »Zigeu-
erschienenen Album »Quadratur des Kreises«, das die deutsche
nermusik« nach dem Geschmack ihrer (fremden) Zuhörer In der laufenden Spielzeit am Hessischen Staatstheater Wies-
Popmusik einen großen Schritt weiterdrehte, steht solitär da
spielten. Von Kálmán und Co. heben sich Zeitgenossen wie Béla baden stehen gleich drei Opern- und Operetten-Klassiker auf
in der Geschichte der Beziehung Europas zu den Zigeunern,
Bartók und Zoltán Kodály ab, die wirkliche Feldforschung in dem Spielplan, in denen die Zigeuner-Thematik auf unter-
die man ihrer Selbstbezeichnung folgend eigentlich Rom oder
der authentischen Volksmusik betrieben. Die Oper des 19. Jahr- schiedliche Weise beleuchtet wird: neben Kálmáns »Gräfin
Roma nennen sollte. Seit erste Rom-Völker im 15. Jahrhundert
hunderts sparte musikalische Aneignung meist ganz aus, hier M ariza« auch »Carmen« und »Il Trovatore«. Während für
nach Europa kamen (und man möchte hinzufügen: bis heute),
dienten Zigeuner-Figuren als Projektionsfläche für europäi- Mariza in der Inszenierung von Thomas Enzinger die Freiheit
hat sich eine Barriere aus Unwissenheit und Intoleranz aufrecht
sche Ängste vor dem Fremden und Unbekannten, aber auch für ihrer »Gutszigeuner« ein unerreichbarer Traum bleibt, be-
erhalten – parallel schrieb Europa eine imaginäre Geschichte
das europäische Begehren oder eine Idealisierung analog zur tont Uwe Eric Laufenbergs Lesart von »Carmen« gerade diese
seiner mit über 10 Millionen Menschen größten Minderheit in
Denkfigur des »Edlen Wilden«, in die das Europa der Aufklä- Stärke der Titelheldin. In seiner ab März 2020 zu sehenden
Literatur, S
chauspiel, Film und Oper.
rung sein Ideal von Menschlichkeit im »Urzustand« legte. »The Inszenierung des »Trovatore« zeigt Philipp M. Krenn die Welt
Das gezeichnete Bild der Roma kennt dabei zwei Extreme: nega- Bohemian Girl« von Michael William Balfe nach Cervantes der Zigeuner als Gegensphäre zur herkömmlichen Welt. Fort-
tive, bis hin zur Entmenschlichung zugespitzte Darstellungen (London 1843) oder »Il Trovatore« von Giuseppe Verdi nach setzung in der kommenden Spielzeit nicht ausgeschlossen …
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