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DENKEN GLAUBEN Nr. 195 Frühjahr | Sommer 2020 Zeitschrift der Katholischen Hochschulgemeinde für die Grazer Universitäten und Hochschulen www.khg - graz.at Techno- Biotope Katholische Hochschulgemeinde Graz Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020 1
Breathe Earth Collective, Klima-Kultur-Pavillon (Systemschnitt), 2020. © Breathe Earth Collective
Klima-Kulturwandel
Steigende Durchschnittstemperaturen führen immer häufiger zur Überhitzung von Stadträumen während des Sommers. Für die Zukunft von Städten
wie Graz spielen Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel eine entscheidende Rolle. Der „Klima-Kultur-Pavillon“ des Breathe Earth Collective
ist eine Installation am Grazer Freiheitsplatz im Rahmen von „Graz / Unser Kulturjahr 2020“ im öffentlichen Raum, die zukünftige Modelle der
Stadtkühlung präsentiert.
In der Langen Nacht der Kirchen am 5. Juni ist die KHG zu Gast im „Klima-Kultur-Pavillon“: Vertreter/innen des Breathe Earth Collective, der
Treeworker Alexander Spitz, die diözesane Umweltbeauftragte Hemma Opis-Pieber und KHG-Bildungsreferent Florian Traussnig werden darüber
diskutieren, wie ein Klima-Kulturwandel gelingen und wie man die diskursive mit der praktischen Ebene zusammen führen kann.
Im Herbst bespielt Markus Jeschaunig vom Breathe Earth Collective mit einer Video-Installation die QL-Galerie.
2 Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020Editorial
„Unser Raumschiff ist die Erde.“
Richard Buckminster Fuller
Es ist einer der besonders kostbaren Nachdenk-Orte für mich,
an den ich im Zweijahresrhythmus der Kunstbiennale von Vene-
dig immer wieder gerne und voller Erwartung zurückkehre: die
sinnlich-ästhetischen Gaggiandre, die Trockendocks im Bereich
des Arsenale außerhalb des historischen Stadtzentrums der Lagu-
nenstadt. Sie sind Teil einer der größten und architektonisch beeindruckendsten vorin-
dustriellen Produktions- und Reparaturstätten, die längst ihre ursprüngliche Aufgabe
Techno-Biotope verloren und sich in einen Präsentationsort für zeitgenössische Kunst verwandelt haben.
Im vergangenen Jahr hat dort der argentinische Künstler Tomás Saraceno mit einer
Gegenseitigkeiten raumgreifenden Installation auf die nach Entwürfen des Architekten Jacopo Sansovino
Türkis-Grün regiert Österreich ... im 16. Jahrhundert errichteten Werften reagiert. Während in einem Teil der direkt am
Von Marie-Theres Zirm (2) Wasser gelegenen Anlage immer wieder die für Venedig spezifischen Warntöne erklan-
Von Agnes Hobiger (3) gen, an denen Kundige den Stand der Wasserhöhe erkennen können, konnte man in
einem anderen Teil auf eigens errichteten Stegen ans Ende der überdachten Wasserflä-
Das Coming of Age
che gehen. Dort schwebten in luftiger Höhe an Wolkenformationen erinnernde geo-
des Zauberlehrlings (4)
metrische Formen. Sie waren Teil des utopischen Kunstwerks „Aeroscene“ (siehe Abb.
Von Thomas Gremsl
auf S. 17 in diesem Heft). Dieses interdisziplinäre Projekt propagiert nach dem Ende
Mangel provoziert Kreativität (8) des Anthropozäns eine neue Phase globaler Entwicklungen und erforscht alternative
Florian Traussnig im Gespräch mit Lebensräume und Transportmittel in der Luft, die ohne schädliche Emissionen und
dem Theologen András Máté-Tóth fossile Energiegewinnung auskommen. Die Biennale war noch nicht geschlossen, als
über die Lagunenstadt nach furchtbaren Unwettern eine der verheerendsten Hochwas-
Ein schönes Märchen (11)
serüberflutungen ihrer Geschichte hereinbrach – eine unbarmherzige Erinnerung an die
Von Anja Höfner
Auswirkungen der Erderwärmung und die Versäumnisse im Blick auf die Eindämmung
Ach, du analoges Gestern (14) des überbordenden Kreuzfahrttourismus.
Von Franzobel „Dreamscanner“, Werner Schimpls Coverbild für diese Ausgabe von Denken+Glauben,
Eine Frage der Lebenskunst (16)
bildet ein anderes Spektrum der Reaktion auf neue technische und digitale Möglichkei-
Von Hans-Walter Ruckenbauer
ten ab. Egal, ob es real möglich ist oder nicht, ein wohliges Gefühl erzeugt die Vorstel-
lung, dass man mit technischen Geräten persönliche Traumbilder scannen könnte, wohl
Gegen den Egoismus bei den wenigsten Menschen. Ob wir wie die Generation der Digital Natives ganz selbst-
in unserer Welt (19) verständlich die sich rasant entwickelnden Möglichkeiten im digitalen Bereich nutzen
Alois Kölbl im Gespräch mit dem oder nicht – entkommen kann ihnen in unserer globalisierten Welt niemand. Das macht
Künstler Erwin Lackner auch Angst. Und so pendelt der öffentliche Diskurs zwischen dystopischer Technolo-
„Ich tu es einfach“ (22) giefurcht und utopischer Begeisterung für neue Entwicklungen und Möglichkeiten.
Von Florian Traussnig Die Einschränkung des Gebrauches digitaler Medien und Technologie als persönlicher
Vorsatz für die Fastenzeit macht Sinn in unserer reizüberfluteten Zeit. Ebenso gilt es,
So normal wie der Kühlschrank (24)
kreative Denkprozesse über deren Einsatzmöglichkeit für einen verantwortungsvollen
Von Maria Riegelnegg
Umgang mit unserem Ökosystem anzustoßen. Über beides will diese Ausgabe unserer
Einwürfe (26) Zeitschrift, die wir mit der durchgehenden farbigen Bebilderung einem sanften Relaunch
Von Ursula Fatima Kowanda-Yassin unterzogen haben, nachdenken und in beide Richtungen Beiträge leisten.
Ich wünsche eine anregende Lektüre und eine gesegnete Fastenzeit, in der der eine oder
Bin das ich? (27)
andere Vorsatz gelingen und kreativer sowie spiritueller Freiraum entstehen möge.
Von Harald Koberg
khg community (28) Alois Kölbl, Hochschulseelsorger
Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020 1Gegenseitigkeiten
Türkis-Grün regiert Österreich –
Finden Wirtschaft und Umweltschutz am Ende doch zusammen?
Von Marie-Theres Zirm
Inwiefern die österreichische Bundesregierung im Farbenspiel
von Türkis und Grün Umweltschutz und Wirtschaft zusam-
menbringen kann, wird die Zukunft zeigen. Das ist also mal
unklar. Die Farbwahl könnte aber ein gutes Omen sein. immer mehr Unternehmen, die diese Herausforderung anneh-
Doch dazu später. men und Maßnahmen setzen, beides zu verbinden. Einige
Die Klimapolitik liegt nun politisch in grünen Händen. Die von ihnen erstellen eine Gemeinwohl-Bilanz. Das führt mich
Verantwortungsbereiche Landwirtschaft, Wirtschaft und Bil- zurück auf Türkis-Grün: Die heuer ihr 10jähriges Jubiläum fei-
dung sind nach wie vor in türkiser Hand. Da stellt sich mir die ernde Gemeinwohl-Ökonomie trägt in ihrem Logo die Farben
Frage, wie Klimapolitik grundlegend neu gestaltet werden kann, Grün und Türkis.
wenn genau diese drei Bereiche ein so hohes Potential für Verän- Sie begeistert Unternehmen dafür, sich mit ethischem Wirt-
derung hätten, aber die grünen Hände hier nicht so weit reichen? schaften zu beschäftigen: Werte wie Transparenz und Mit-
Wie groß ist das türkise Interesse für wirkliche Veränderung? entscheidung, Ökologische Nachhaltigkeit, Solidarität und
Das wird sich erst zeigen. Gerechtigkeit sowie Menschenwürde gilt es in Bezug auf die
Das große Ganze erlebe ich politisch stark verflochten. So Berührungsgruppen der Lieferant/innen, Kooperationspartner/
viele Interessen treffen aufeinander und so wenig gemeinsames innen, Mitarbeitenden, Kundschaft, Eigentümer/innen und
Anliegen ist spürbar – egal in welchem Farbenspiel. Wandern gesellschaftliches Umfeld zu reflektieren.
Geld und Macht nicht doch immer wieder von einer Tasche Ich möchte gerne selber tätig werden und die oben eingeforder-
in die andere? Und sind die Träger/innen dieser Taschen nicht ten Werte in meinem konkreten Umfeld „auf den Boden brin-
immer dieselben? In den Gemeinden, in denen die Auswirkun- gen“. Daher hat mein Unternehmen eine Gemeinwohl-Bilanz
gen von Entscheidungen noch viel näher erlebbar sind als auf erstellt, wir sind Teil der netzwerkartig organisierten Weizer
der Bundesebene, sind Macht und Beziehungen häufig stärker Solidarregion, engagieren uns im örtlichen Weltladen, sind in
als Verstand, Herz und Anstand. Ja ich weiß, Anstand ist ein Kooperationsnetzwerken aktiv und haben die Initiative bil-
altes Wort aus dem Bereich der Ethik und Moral, aber es ist für dungweiz mitbegründet. Ich bin überzeugt, dass Veränderung
mich aktueller denn je. das Zusammenspiel aller Bereiche braucht: (Land-)Wirtschaft,
Zurück zur Ausgangsfrage dieses Textes: Für mich sind klimapo- Bildung, Menschenrechte, Gemeinwohl. Die Beschäftigung mit
litische Veränderungen dringend notwendig, an der Klimakrise der innovativen Weiterentwicklung von Wirtschaftsmodellen
zweifle ich nicht. Wirtschaft neu zu denken hingegen scheint viel verstehe ich als Basis dafür, auch morgen noch wirtschaftlich
schwieriger zu sein. Zu lange wurde uns allen Wettbewerb, Kon- tätig sein zu können – egal in welcher Farbe.
sum und grenzenloses Wachstum als unumgänglich eingeredet.
Jetzt glauben wir das. Zumindest aufs Erste. Als Unternehme-
rin stelle ich mir diese Frage auch. Wie kann ich wirtschaftlich
tätig sein und meine Umwelt schützen? Vielleicht sollten wir die
Marie-Theres Zirm,
Frage nach dem Umweltschutz mutig um den Begriff Gemein-
ist Unternehmensberaterin, Germanistin und
wohl erweitern. Wie können Unternehmen, die wirtschaftlich Frauenforscherin. Seit 2007 ist sie Inhabe-
erfolgreich sind, zugleich oder gerade dadurch dem Gemeinwohl rin von cardamom – Agentur zur Förde-
dienen? Diese Leitfrage wirkt bei uns Wirtschaftstreibenden in rung des guten Geschmacks. Sie lebt und
denkt in Kooperationen und hat sich auf
die Auswahl der Kundinnen und Kunden, Kaufentscheidungen, die Begleitung von Veränderungsprozessen
Themenfelder und Kooperationsformen hinein. spezialisiert. Als Wienerin lebt sie mit ihrer
Familie seit 2013 in einem 11-Häuser-Dorf
Dem Gemeinwohl zu dienen ist doch die ureigene Aufgabe der in Weiz und versteht sich als Brücken-
Bundesregierung, der Gemeindepolitik … – eigentlich. Es gibt bauerin und Potentialentfalterin.
Foto: foto-MAXL.at
2 Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020Gegenseitigkeiten
Türkis-Grün regiert Österreich –
Finden Wirtschaft und Umweltschutz am Ende doch zusammen?
Von Agnes Hobiger
Die – sich regelmäßig in „Stockwerksküchen“ über den Weg
laufenden – Bewohner/innen in unserem Studierendenheim im
Quartier Leech reagieren aufeinander. Wenn jemand viel selbst
kocht, ist es für andere attraktiv, das auch mal auszuprobieren.
Wenn einer anfängt, vegetarisch zu essen, kommen die anderen
vielleicht auch auf die Idee, das mal zu versuchen. Wenn einer
regelmäßig zum Markt geht, hat das eine Vorbildwirkung. Es ist
deshalb gut, dass mit den Grünen jetzt ein Konzept wie Nach-
haltigkeit ernsthaft in die Regierungsarbeit einzieht. Ich hoffe
auch hier auf eine Art Vorbildwirkung.
Die Grünen in der Regierung werden zumindest dafür sorgen, gegenüber islamischen Mitmenschen. Allerdings sieht es im
dass das Thema Klima auf der Tagesordnung bleibt und, nach Moment nicht wirklich danach aus. Das Kopftuchverbot in den
dem Abflauen der ersten Euphorie der Fridays for Future, nicht Schulen für Mädchen unter 14 Jahren wurde nicht als allgemei-
in der Versenkung verschwindet. Im Regierungsprogramm wird nes Verbot des religiösen Schmucks oder bestimmter Bekleidun-
mit den Begriffen „Kostenwahrheit“ auf der einen und „Sozialer gen ausgesprochen. Allein dadurch hätte man vielleicht gemerkt,
Ausgleich“ auf der anderen Seite eine ökosoziale Steuerreform wie absurd die Debatte ist. Vielmehr richtet es sich explizit gegen
zumindest angedacht. Diese soll allerdings frühestens 2022 rea- eine bestimmte Religion, den Islam beziehungsweise gegen ein
lisiert werden. Immerhin nehmen sie es sich für diese Legisla- bestimmtes Symbol: das Kopftuch. Von einem feministischen
turperiode vor und nicht für die nächste. Andererseits hat der Standpunkt aus verstehe ich, dass die Grünen bei dieser Erwei-
aktuelle Kanzler in den letzten drei Jahren in drei unterschied- terung mitgemacht haben, aber ich kann nachvollziehen, dass
lichen Regierungen gearbeitet, möglicherweise geht man in der Musliminnen dies als demütigende Einschränkung und Bevor-
türkisen ÖVP davon aus, dieses Versprechen ohnehin nicht mundung des Staates empfinden müssen.
mehr einhalten zu müssen. Es wird viele solche kleine Streitpunkte geben, die den Grünen
Der springende Punkt ist die Frage, wie sozial diese ökosoziale Geduld und möglicherweise auch einiges von ihrer Glaubwür-
Steuerreform sein wird. Klimaschutz lässt sich, dank guter Argu- digkeit abverlangen werden. Trotzdem freue ich mich über das
mente aus der Wissenschaft einerseits und einem wachsenden Zustandekommen der Regierung, drücke den Grünen die Dau-
kritischen Markt andererseits, relativ gut mit der (Real-)Wirt- men und kann nur hoffen, von den Türkisen positiv überrascht
schaft vereinbaren. Ob er sich jedoch auch mit einem globalen zu werden. Give it a try!
und weitgehend enthemmten Finanzkapitalismus vereinbaren
lässt, mögen Berufenere als ich beurteilen. Ich glaube jedoch
nicht, dass sich engagierte Sozialpolitik mit unserer momenta-
nen Art des Wirtschaftens besonders gut vereinbaren lässt. Die
Grünen standen in den vergangenen Jahren zudem nicht nur für
aktive Klimapolitik, sondern auch für eine solche Sozialpolitik
und für eine andere Integrationspolitik. Ob sie es schaffen, auch
etwas von diesen Schwerpunkten und Werten in die neue Regie-
Agnes Hobiger,
rung einzubringen bleibt fraglich. geb. 1993 in Graz. Sie studiert an der Karl-
Franzens-Universität Chemie und Deutsch
Worauf zu hoffen ist: Dass sich in einer türkis-grünen statt einer
auf Lehramt. Von 2015 – 2018 Vorsitzende der
türkis-blauen Regierung der Ton ändert. Der Ton gegenüber Katholischen Hochschuljugend Österreichs.
Geflüchteten, der Ton gegenüber Kulturschaffenden, der Ton Denken+Glauben-Redaktionsmitglied.
Foto: privat
Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020 3Das
Coming of Age
des Zauberlehrlings
Klimakrise und digitale Transformation sind ohne emanzipatorische
Bewusstseinsbildung nicht zu meistern
Von Thomas Gremsl
Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.
Der Zauberlehrling zählt zu den bekanntesten Werken
Johann Wolfgangs von Goethe. Viele von Ihnen, geschätzte
Leserinnen und Leser, mussten sich wohl – so wie ich – mit
besagtem Werk während der Schulzeit auseinandersetzen.
Fähigkeiten zu verfügen und selbst Wunder wirken zu
In meinem sechsten Schuljahr galt es, diese Ballade im
können. Er sieht die Chance gekommen, ohne die Regu-
Deutschunterricht auswendig zu lernen und danach vor
lierungen seines Meisters agieren zu können und hat sich
der gesamten Klasse zu rezitieren. Eine intensivere Befas-
den notwendigen Zauberspruch gemerkt. So verzaubert
sung mit dem Inhalt oder gar eine Interpretation des Auf-
er schließlich ohne große Mühe einen Besen, der ihm
gesagten gab es, soweit mich meine Erinnerungen nicht
Untertan sein soll. Der Besen soll für ihn niedrige Dienste
täuschen, keine. Immerhin sind mir einige Zeilen und der
verrichten und Wasser für ein Bad holen. Eigentlich läuft
Kontext des Werks nachhaltig in Erinnerung geblieben,
alles nach Plan, der Besen eilt vom Fluss, einen Eimer nach
ansonsten würde ich hier nicht davon schreiben. Aber Sie
den nächsten holend, Richtung Badewanne und füllt diese
fragen sich vermutlich – und dies auch völlig zurecht –,
nach und nach auf – ein voller Erfolg. Nach kurzer Zeit hat
was nun neuzeitliche Dichtkunst und ein Zauberlehrling
der Besen genug Wasser geholt und der Aspirant will den
mit einem Heft zu tun haben, welches den Titel Techno-
Rückverwandlungszauber sprechen, doch welch Schreck –
Biotope trägt. Bringen wir uns einfach nochmals kurz den
diesen hat er schlichtweg vergessen. Unermüdlich bringt
Inhalt zu Gemüte.
der verzauberte Besen weiter Eimer um Eimer ins Schloss
Der Lehrmeister ist ausgegangen und der Zauberlehrling und flutet die vielen Zimmer. Erzürnt schreit der Lehrling
nutzt die Gunst der Stunde, alleine zu sein. Trotz relati- das von ihm Geschaffene an, doch der Besen hört nicht
ver Unerfahrenheit glaubt er, über beachtliche magische auf ihn und macht einfach weiter. Langsam macht sich
4 Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020Werner Schimpl, Lightholes 1, 2018, digitale Fotografie. © Schimpl Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020 5
Verzweiflung breit und so heckt er einen Plan aus, um befinden. Das Konzept der planetaren Grenzen wurde
den Besen aufzuhalten. Er greift sich eine Axt, lauert ihm 2009 erstmalig veröffentlich und benennt neun glo-
auf und schlägt ihn entzwei. Doch die Freude über seinen bale Prioritäten in Bezug auf durch menschengemachte
„Erfolg“ war nur von kurzer Dauer, denn plötzlich waren Umweltveränderungen. Diese neun Systeme und Prozesse
es zwei Diener, die Eimer um Eimer Wasser holten und bestimmen die Widerstandskraft des Erdsystems – sprich
ins Schloss brachten. Der grobe, pragmatische Lösungs- jene Umweltbedingungen, welche bestimmend dafür sind,
versuch hatte das Problem noch weiter verschlimmert. dass die Erde für uns Menschen bewohnbar ist. Umso
Dem Zauberlehrling wird nach und nach bewusst, dass er wichtiger erscheint es mir, eine begriffliche Nachschär-
sich und seine magischen Fähigkeiten gänzlich selbstüber- fung vorzunehmen, für die auch der Klimaforscher Dieter
schätzt hatte. In der scheinbar ausweglosen Situation ruft Gerten vom PIK eingetreten ist. Um den enormen Ausma-
er verzweifelt nach seinem Meister, welcher auch alsbald ßen der globalen klimatischen Veränderungen gerecht zu
herbeigelaufen kam. Der alte Hexenmeister sah die durch werden und die gesellschaftliche Verantwortung sowie den
seinen Lehrling entstandene Misere, sprach gekonnt den Bezug zu allen Menschen herzustellen, schlug er vor, von
kurzen Zauber und löste schließlich ohne großen Auf- „Klimakrise“ anstatt von „Klimawandel“ zu sprechen. Es
wand das Problem. ist kein Abstraktum und es betrifft nicht nur „die Ande-
ren“ sondern geht alle Weltbürger/innen, besonders im
Die Geister, die ich rief Hinblick auf zukünftige Generation etwas an – schließlich
haben wir die Erde von unseren Kindern nur gepachtet.
Der Zauberlehrling hatte also keinerlei Kontrolle mehr
über das von ihm Geschaffene. Anstatt über den Besen
bestimmen zu können, wurde er letztlich selbst von ihm
Keine digitale Greta in Sicht
beherrscht. Selbstüberschätzung, die Gunst der Stunde Wir befinden uns aber nicht nur in einer rein ökologisch
und eine nicht zu Ende gedachte Idee führten zu einer herausfordernden Zeit. Den zweiten, unsere heutige
Katastrophe im Kleinen, die nur mehr von außen gelöst Gesellschaft maßgeblich bestimmenden und beeinflus-
werden konnte. Die (möglichen) Folgen seines Handelns senden Faktor, stellt der digitale Wandel dar. Vor einigen
waren dem jungen Hexer scheinbar egal, der eigene Nutzen Wochen war ich in einem Restaurant Abendessen. Am
stand im Vordergrund. Zugegebenermaßen, ich bin kein Nachbartisch saß an einem schön gedeckten Tisch, bei
Literaturwissenschaftler, kein Fachmann für Textinter- einer stimmungsvollen Atmosphäre, ein junges Paar. Doch
pretationen neuzeitlicher Lyrik. Doch man kann Goethes statt sich gemeinsam zu unterhalten, wählten beide zumeist
Sprachbilder durchaus mit den Problemen unserer heutigen den Blick in das jeweils eigene Smartphone, den Blick in
Zeit vergleichen. Wir schreiben das Jahr 2020, eine neue die digitale Welt. Nachrichten wurden geschrieben, Fotos
Dekade ist angebrochen und unsere Gesellschaft befindet vom Essen wurden gemacht und das „hier und jetzt“ aus
sich mitten in den unsicheren Zeiten des Umbruchs, in den Augen verloren, vernachlässigt. Man muss scheinbar
einer sprichwörtlich heißen Zeit. Dieser Umbruch wird immer und überall erreichbar sein und der Social-Media-
wesentlich von zwei Faktoren bestimmt. Hierzu zählen Öffentlichkeit zeigen, wie schön und interessant und fancy
einerseits der durch Menschen verursachte Klimawandel das eigene Leben ist, auch wenn eigentlich gar niemand
und andererseits die digitale Transformation. Ersterer danach gefragt hat. Doch diese Medialisierung der Gesell-
ist spätestens seit Greta Thunberg und der Fridays for schaft, die vor allem durch den Siegeszug der Smartphones
Future-Bewegung in der breiten (medialen) Öffentlich- weiter beschleunigt wurde, ist nicht der einzige Aspekt der
keit angekommen. Thunberg will durch ihre Bewegung digitalen Transformation. Der technische Fortschritt und
und ihren Aktionismus auf die enormen Ausmaße dieser der damit verbundene Einzug sogenannter „smarter Tech-
Katastrophe aufmerksam machen und Gesellschaft, Poli- nologien“ in die individuellen Lebenswelten der Menschen
tik und Wirtschaft zum Umdenken anstoßen. Skeptische sind gerade in den letzten Jahren immer stärker beob-
Stimmen halten hier fest, dass sich das Klima auf der Erde achtbar. Hochleistungstechnologien werden in Industrie
im Verlauf der Geschichte immer wieder verändert hat und Wirtschaft gewinnbringend eingesetzt und manches
und grenzen dabei, trotz des Vorliegens einer Vielzahl an Eigenheim erinnert wohl schon eher an einen Multime-
wissenschaftlichen Studien, aus, dass die Interventionen diashop als an einen privaten Rückzugsort. Es gibt viele
des Faktors Mensch diese „natürlichen“ Veränderungen Aspekte der Digitalisierung: Internet, Big Data, 3-D-Dru-
enorm beschleunigen und aus unserer Perspektive betrach- cker, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Robotik,
tet negativ beeinflussen. Weiters zeigen Studien des Nanotechnologie, Autonomes Fahren oder Industrie 4.0 –
renommierten Potsdamer Instituts für Klimaforschung und alle von ihnen haben bestimmte Einflüsse auf unsere
(PIK) und anderer namhafter Forschungseinrichtungen, Gesellschaft. Oder hätten Sie sich vor zwanzig Jahren vor-
dass bereits einzelne „planetare Grenzen“ überschrit- stellen können, einen „Supercomputer“ im Taschenformat
ten wurden und sich einige weitere in Grenzbereichen zu besitzen? Alles scheint möglich zu sein, sogar autonome
6 Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020Fahrzeuge. Medienberichten zu folge kann man etwa um gestalterische Chance für eine, wie es der Physiker, Phi-
das Jahr 2030 mit einer größeren Anzahl gänzlich selbst- losoph und „Technikfolgenabschätzer“ Armin Grunwald
fahrenden Autos (Level 5) auf den heimischen Straßen bezeichnet, nachhaltige Entwicklung zu begreifen. Der
rechnen. Anders als im gesellschaftspolitisch mittlerweile Wissenschaftliche Beirat der deutschen Bundesregierung
stark beackerten Feld der Klimakrise gibt es im Bereich für Globale Umweltveränderungen schreibt hierzu sehr
des Digitalen Wandels noch keine „Greta“, keine transna- treffend, wenngleich vor allem auf den politischen Kontext
tionalen Aktionen von Jugendlichen und Erwachsenen, abzielend: „Nur wenn der digitale Wandel und die Trans-
die auf eine nachhaltige Bewusstseinsbildung im Bereich formation zur Nachhaltigkeit konstruktiv verzahnt wer-
der durch die verschiedenen Facetten der Digitalisierung den, kann es gelingen, Klima- und Erdsystemschutz sowie
bedingten (gesellschaftlichen) Veränderungsprozesse menschliche Entwicklung voranzubringen und menschli-
abzielen. Obwohl von politischen, wirtschaftlichen und che Würde erfolgreich zu schützen. Ohne aktive politische
gesellschaftlichen Verantwortungsträgern immer wieder Gestaltung birgt der digitale Wandel das Risiko, den
behandelt sowie medial propagiert – und auch kritisiert –, Ressourcen- und Energieverbrauch sowie die Schädigung
scheint das Phänomen der Digitalisierung von großen Tei- von Umwelt und Klima weiter zu verstärken. Zudem droht
len der Bevölkerung überwiegend als sehr abstrakte und ein ungesteuerter digitaler Wandel wichtige Fundamente
vielschichtige Thematik akzeptiert oder einfach pragma- demokratischer Rechtsstaaten zu unterminieren. Daher
tisch angenommen zu werden. ist es eine vordringliche politische Aufgabe Bedingungen
Um wieder auf das eingangs verwendete Sprachbild dafür zu schaffen, die Digitalisierung in den Dienst nach-
zurückzukehren: Ist der Mensch wirklich mit dem Zau- haltiger Entwicklung zu stellen.“
berlehrling aus Goethes gleichnamiger Ballade gleichzu-
setzen oder nicht? Ein einfaches „Ja“ oder „Nein“ würde Bewusstseinsbildung und Emanzipation
der Komplexität der Sachlage schlichtweg nicht gerecht Was wir neben einer handlungsorientierten politischen
werden. Eines gleich vorweg: Digitale Transformation und Willensbildung benötigen, ist vor allem eine breite gesell-
Klimakrise wurden uns nicht von „außen“ aufoktroyiert schaftliche Bewusstseinsbildung und eine menschenge-
oder sind über Nacht entstanden, sie haben ihre Ursprünge rechte Gestaltung des digitalen Transformationsprozesses.
in konkreten menschlichen Handlungen. Wir – das waren Dass diese Gestaltung auch umweltgerecht erfolgen muss,
und sind viele, ja irrsinnig viele Zauberlehrlinge. Es han- liegt auf der Hand. Wir befinden uns schließlich bereits
delt sich um vielschichtige und verworrene Aspekte im ver- inmitten dieses Wandels, dieser enormen Veränderung.
gangenen Tun unserer Vorgängergenerationen und auch in Durch eine derartige Sensibilisierung sowie Bewusstseins-
unserem eigenen Tun im hier und jetzt. Zumeist galt es, bildung und durch (radikales) Um- bzw. Neudenken in
dadurch wirtschaftliche Profite zu steigern oder im bes- verschiedensten Lebensbereichen besteht die Chance, mit-
ten Fall das Leben der Menschen zu verbessern. Egal, ob tels des menschlichen Entwicklergeistes und mit Hilfe der
all diese Handlungen nun kapitalistisch oder altruistisch immer fortschrittlicheren Technologien die Klimakrise
motiviert waren – wir sind letztlich selbst verantwortlich zu stoppen und unter Umständen gar bereits entstandene
für unsere heutige Situation. Doch was können wir tun? Schäden rückgängig zu machen. Beim „Ozonloch“ ist da
ja schon gelungen. Ob dieser emanzipatorische Prozess des
Verzahnung von „Techno“ und „Bio“ Menschen vom unvorsichtigen Zauberlehrling zum schöp-
Es sind Fragen des richtigen Umgangs mit digitalem Wan- fungsverantwortlichen Hexenmeister vollzogen werden
del und Klimakrise, die es zu beantworten gilt und derart kann, oder ob die von uns geschaffene Technosphäre den
komplexe Sachverhalte bedingen auch komplexe Lösungs- Fortbestand der Biosphäre am Ende unmöglich macht, ist
ansätze. Verkürzte, einfache Antworten auf schwierige und offen. Es liegt in unser aller Händen.
weitläufige Fragestellungen stellen einen falschen Weg im
Umgang mit diesen herausfordernden Situationen dar.
Der in Bezug auf den durch den Menschen verursachten Thomas Gremsl,
ist Assistent am Institut für Ethik und
Klimawandel – der Klimakrise – eingesetzte Bewusstseins- Gesellschaftslehre an der Kath.-Theol.
bildungsprozess ist ein wichtiger Schritt in die richtige Fakultät der Uni Graz und Mitglied
Richtung, er ist aber lediglich einer unter vielen weiteren, des interdisziplinären Schwerpunk-
tes „Smart Regulation“ sowie des
die notwendig sind. Dieser Prozess muss zweifelsohne
Doktoratsprogramms „Human Factor
auch im Kontext der digitalisierungsbedingten Verände- in Digital Transformation“. Er forscht
rungen vollzogen werden, um letztlich unserer Verantwor- über Sozialethik sowie die Ethik des
digitalen Wandels der Technik, des
tung für heute, morgen und übermorgen gerecht werden
Sports und der Werte. Fußballafi-
zu können. Es gilt die noch ungenützten bzw. bis dato cionado und -schiedsrichter sowie
unzureichend genützten Potentiale der Digitalisierung als ehrenamtlicher Notfallsanitäter.
Foto: privat
Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020 7Mangel provoziert Kreativität
Florian Traussnig im Gespräch mit dem Theologen András Máté-Tóth
Dass der biografische Blick auf einen politischen Umbruch auch interessante Erkenntnisse für die ökologischen und techno-
logischen Umwälzungen in unserer „heißen Zeit“ bringen kann, zeigt das im Grazer Welthaus geführte Gespräch mit Prof.
András Máté-Tóth. 1957 im südungarischen Kolcasa geboren, musste er aus politischen Gründen im Jahr 1982 Hochschule
und Priesterseminar offiziell verlassen und sich mit diversen Hilfsarbeiterjobs über Wasser halten – nach dem Fall des
Eisernen Vorhangs (1989) folgte dann die persönliche „Wende des Máté-Tóth“ (Michael Weiss): der breitschultrige und
lebensbejahend auftretende Religionswissenschaftler promovierte 1991 am Institut für Pastoraltheologie in Wien und fun-
giert seitdem als eine Art akademische und menschliche Nahtstelle zwischen zwei Kulturen. Der heute an den Universitäten
Szeged und Wien lehrende Pastoraltheologe sprach mit Florian Traussnig über die medialen Schleier, die den Blick auf die
Wende verstellen, über die Kraft der Erinnerung, die Kreativität in Zeiten des Mangels, das Schöne am Nichtwissen und
einen krassen Dirndlkleid-Moment.
Foto: Zerche
Heuer jährt sich die Wende zum drei- sich hier nämlich um eine Krisen-Zeit im Backlash in Ländern wie Ungarn nach
ßigsten Mal – Herr Máté-Tóth, welches positiven Sinne des Wortes. Als zeitge- einer demokratisch-liberalen Umwäl-
Fazit, welche „Message“ schält sich für schichtlich und theologisch Forschender zung am Ende gar zu erwarten?
Sie hier heraus? denke ich, dass Erinnerung immer eine
Deutung ist. Wenn wir also geistig in das Hier möchte ich ein entschiedenes Nein
Es geht mir vor allem ums Erinnern. Zimmer der Wende eintreten, müssen entgegenhalten. Es gab meines Erachtens
Über diesen großen Umbruch, die Wende wir den oben erwähnten Schleier beiseite noch nie in der Geschichte der Mensch-
in Ostmitteleuropa, diese epochale Ver- ziehen – dann sieht man die „Krise“ in heit eine derartige Befreiung nach 40 oder
änderung in der der Geschichte des 20. einem anderen Licht. 50 Jahren der Unterdrückung. Niemand
Jahrhunderts, haben sich mittlerweile wusste, welchen Weg die Gesellschaften
düstere, nebelhafte Schleier gelegt – diese Bleiben wir noch kurz beim Schat- des ehemaligen „Ostblocks“ einschlagen
verstellen den Blick auf die vielschichti- ten. Rechtspopulismus, Nationalismus würden. Es wäre naiv, anzunehmen,
gen Entwicklungen seit 1989. Es handelt und Autoritarismus – War ein solcher dass nach der Wende dasselbe geschehen
8 Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020wird, wie etwa in Deutschland oder wurde diese Grenze nach dem Zweiten Es war wirklich eine schlichtweg dumme,
Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg. Weltkrieg willkürlich gezogen und wenn brutale und sinnentleerte Entscheidung,
Auch der Weg der USA eingeschlagen wir dreißig Jahre nach der Wende immer die die ungarische Regierung hier zu
haben, ist keine Blaupause für ostmit- noch über diese Trennung reden, dann Ungunsten der CEU gefällt hat. Die Men-
teleuropäische Länder, die ja ein völlig erhalten wir eine politische Hermeneu- schen, die dies zu verantworten haben,
anderes kulturelles Gepräge haben. Auf tik aufrecht, die nicht mehr relevant waren nie wirklich in dieser liberalen,
Ungarn gemünzt kann man sagen, wir ist. Die Forschungen, die ich etwa mit offenen und auch mir aufgrund meiner
wandern wie Moses. Vielleicht nicht in Paul Zulehner gemacht habe, zeigen, wissenschaftlichen Einbindung als Theo-
der Wüste, eher in einem Dschungel – dass innerhalb des sogenannten ehema- loge gut bekannten akademischen Stätte
dem Dschungel der Marktwirtschaft ligen Ostblocks größere Unterschiede zu Gast. Aber die Leute rund um George
und des Liberalismus. Was hierbei wich- innerhalb der Gesellschaften existie- Soros sind ja keine Anfänger – sie haben
tig ist: Wir haben keine Karte, es gibt ren als innerhalb des „Westblocks“! In das Beste aus der Situation gemacht.
keinen vorgezeichneten Weg. Bezug auf die sehr stark mit Zahlen Übrigens übersiedelt die CEU nicht nach
und Statistiken operierende Säkula- Westeuropa, sondern es handelt sich um
Keine Karte zu haben kann ja auch ent- risierungsthese und die Unterschiede einen Umzug innerhalb von Zentraleu-
lastend sein … zwischen West- und Osteuropa plädiere ropa. Damit komme ich auch zur Frage
ich nun dafür, auch andere religionsso- der jeweiligen Interpretation der christ-
Zum Thema Entlastung passt auch die ziologische „Brillen“ aufzusetzen: eine lichen Werte in Ungarn und Österreich
luzide Aussage von Rolf Dahrendorf, solche Brille ist die rituelle Dimension zurück: Gerade die öffentlich gezeigte
der behauptete, dass man ein System in der Gesellschaft. Riten haben eine kul- Sensibilität der gegen die Behandlung der
sechs Monaten zerstören kann, aber es turübergreifende Logik, sie sind nicht CEU protestierenden Zivilgesellschaft
etwa sechzig Jahre braucht, um ein neues nur für religiöse Gemeinschaften und ist ein Beweis, dass die oben skizzierten
aufzubauen. Da sind wir jetzt mal in der Institutionen bedeutend, sondern für christlich-europäischen Grundwerte auch
Mitte (lacht). Der Kulturanthropologe die profane Gesellschaft allgemein! tief in die Gesellschaft Ungarns einge-
Victor Turner geht wiederum davon aus, Populismus etwa ist nicht Inhalt, Popu- schrieben sind. Man sieht das auch beim
dass in sogenannten liminalen Perioden lismus ist vor allem Ritual. Die Men- Veranstaltungsflyer des Grazer Welthauses
viele Turbulenzen auftreten. Dabei ver- schen lieben diese Rituale, sie wollen zu meinem Vortrag „Wende in der Krise“,
lieren ehemals starre Traditionen ihre offensichtlich Angst haben, in Angst der hier am Tisch liegt: er zeigt Ungarin-
Relevanz und orientierende Unterschiede und Schrecken versetzt werden – ich nen und Ungarn, die 30 Jahre nach der
zwischen Mann und Frau, Jung und Alt, weiß nicht, warum. Zurückkommend Wende für die Freiheit der Wissenschaft
wichtig und unwichtig, werden suspen- auf die angebliche West-Ost-Schere: die und die CEU auf die Straße gehen.
diert. Es herrscht eine Art Chaos. Und europäischen Gesellschaften, etwa jene
laut Turner entwickelt sich aus diesem Österreichs oder Ungarns, sind letzt- Welches wissenschaftliche Erlebnis und
Chaos die neue Epoche. Diese bildet sich lich alle von christlichen Leitgedanken welche persönliche Anekdote fallen
natürlich teils aus dem Alten, teils aus dem geprägt, so dass sie gar nicht nicht- Ihnen spontan zu Ihrer eigenen Wende-
Neuen. Doch diese liminale, krisenhafte christlich sein können. Auch wenn sich biografie ein?
Phase sollte nicht allzu lange dauern! Eine das Christliche heute anders formatiert,
Gesellschaft kann nicht lange mit über- so gehören der Wert der Schöpfung und Wissenschaftlich gesehen erwies sich für
höhter Temperatur leben. Es droht dann des Menschlichen, der Wert der Verant- mich die nach 1989 entdeckte theologi-
eine emotionale Überhitzung, wenn man wortung des Individuums und der Wert sche Freiheit an der Katholischen und
so will. Diese Gefahr sehe ich schon. der wissenschaftlichen Erkenntnissu- Evangelischen Fakultät der Uni Wien
che zu den judeo-christlichen und auch als ein großes Geschenk, eine positive
In Ihrem Buch Freiheit & Populismus prophetischen Grundeinstellungen in Provokation, eine Freude, eine einzige,
schreiben Sie, dass die Präsuppositionen ganz Europa. bis heute anhaltende Feier. Dort habe
der Säkularisierungstheorie (die einen ich auch eine methodische Strenge bei
gesellschaftlichen Bedeutungsverlust von Das sind sehr idealistische Deutungen. gleichzeitiger inhaltlicher Offenheit
Religion annimmt, Anm. d. Red.) nur auf Wenn man aber sieht, wie die ungari- kennengelernt, die vorbildlich ist. In
den „Sonderfall“ Westeuropa, nicht aber sche Regierung mit der Central Euro- diesem Teich schwimme ich sehr gerne.
auf Osteuropa zutreffen. Wie kann man pean University (CEU, auch als „Soros- In anekdotischer Hinsicht erinnere ich
diesen innereuropäischen Graben zwi- Universität“ bekannt, Anm. d. Red.) mich an ein Begebnis des Jahres 1989,
schen West und Ost überbrücken? umgeht, zeigen sich da nicht fundamen- ebenfalls in Wien: Auf Einladung von
tale Unterschiede bei der Interpretation Prof. Zulehner durchschritt ich als wis-
Erlauben sie mir eine Vorbemerkung zur dieser Grundwerte? So übersiedelt die senschaftlicher Neuankömmling knapp
Ost-West-Unterscheidung: Einerseits CEU jetzt sogar nach Wien. nach der Wende den Flur des Instituts
Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020 9für Pastoraltheologie am Schottentor. Da digitalen Medien stellen ja gern das
kam mir eine attraktive Frau im Dirndl Schrille und Negative in den Vorder-
entgegen. Ganz verblüfft fragte ich sie, grund. Wie sehen Sie das?
was sie denn hier mache. Sie antwortete Apropos Kreativität & Mangel: Ist es
mir, dass sie die Assistentin eines Sozi- Es ist etwa für die Menschen in Ungarn sinnvoll, einen solchen Mangelzustand
alethik-Professors sei. Das war für mich immer noch eine Übungssache, mit politisch herbeizuführen, damit die ange-
ein veritabler Kulturschock, ein Exotis- öffentlichen und offenen Medien, vor schlagenen Ökosysteme und erschöpften
mus. In Ungarn liefen ja damals auf den allem aber mit den modernen Online- Ressourcen des Planeten sich wieder
Instituten nur Priester herum und Assis- Netzwerken, umzugehen. Diese Proble- erholen können?
tenten oder gar Assistentinnen gab es matik relativiert für mich jedoch einmal
nicht. Heute schmunzle ich freilich über mehr den Unterschied zwischen West Ich habe hier keine klare, einfache Ant-
diesen Moment – auch mein ungelenkes, und Ost. Weil auch in Westeuropa, wo wort anzubieten. Die Moderne ist im
fast machohaftes Verhalten in der dama- es eine langjährige demokratische und Grunde genommen davon ausgegangen,
ligen Situation sehe ich mittlerweile dis- publizistische Kultur gibt, scheinen die dass wir wissen, dass wir den rechten
tanzierter (lacht). Menschen versucht, vieles oder alles Weg quasi wissenschaftlich ausleuchten
zu glauben, was sie im Internet lesen. und ausforschen. Heute aber hat das
Wechseln wir wieder auf die Meta-Ebene: Wahrscheinlich hat die Welt durch die Nichtwissen einen besonderen Stellen-
Heute wirkt es medial nahezu so, als ob digitalen Medien ein Werkzeug bekom- wert. Gerade die aktuelle Umwelt- und
die von Ihnen so bezeichneten „verwun- men, mit dem man erst lernen muss, Klimakrise mit all ihren Unabwägbar-
deten Identitäten“ der Menschen in Ost- richtig umzugehen. keiten und Widersprüchen zeigt: Wissen
mitteleuropa die Errungenschaften der trennt, Nichtwissen einigt. Das habe
Wendezeit überschatten. Der Klimawandel ist momentan das ich bisher noch nie so zugespitzt gesagt,
Thema unserer Zeit. Gefragt ist hier aber speziell die ökologische Krise bringt
Die deutliche Mehrheit hat 1989 in nicht nur ein Kulturwandel, sondern Menschen, – Wissenschaftler wie mich,
Ostmitteleuropa klar positive Wende- auch technische Innovation. So trägt aber auch Normalbürger und Politiker –
erfahrungen gemacht – das waren keine dieses Heft den Titel „Techno-Biotope“. vielleicht dazu, sich zu öffnen. Eben weil
vereinzelten Lichtblicke, das war ein Was können Länder wie Ungarn, Polen ich den richtigen Weg nicht kenne, weil
großes Ganzes. Wir waren nun frei, wir oder Tschechien mit ihrer historischen wir alle ihn nicht kennen. Nur als Nicht-
konnten reisen! Man konnte in die Kir- Erfahrung hier beitragen? Gibt es Samen, Wissende können wir unseren Zweifel
che gehen ohne Angst zu haben, es gab die dort ausgebracht worden sind? und unsere Erfahrungen miteinander
freie Wahlen – und diese Freiheit ist auch teilen und in eine neue Epoche des Mit-
dann noch wertvoll, wenn die heute ins Mein bester Freund war ein ungarischer einanders eintreten. Die Zeit drängt zu
Parlament gewählten Politiker eben keine Laserphysiker, ein wirklich engagierter einer neuen Art (stockt) …
gute oder konstruktive Rolle spielen und Forscher, der eine hochdotierte Stelle in
einige unserer alten Wunden wieder Schweden bekommen hat. Als ich ihn … die Philosophie nennt das Erhaben-
aufbrechen. Angesichts des dreißigjäh- dort einmal besuchte, fragte ich ihn, ob heit. Man wird ehrfürchtig im Angesicht
rigen Wendejubiläums gilt es dennoch, er deshalb den Ruf erhalten hatte, weil er einer großen Macht, erstarrt aber nicht.
sich daran zu erinnern, dass die Wende „billiger“ sei als ein Amerikaner oder Japa-
für die gesamte Region eine Wende zum ner. Er verneinte vehement – die Hono- Genau. Das Konzept der in den letzten
Guten war. Fragen Sie doch jemand in rare seien für alle gleich. Er sagte: „Weißt zehn Jahren von Gianni Vattimo und
der Ukraine oder Litauen, was der Unter- Du warum ich hier so gefragt bin? Das John D. Caputo sowie anderen Denkern
schied zwischen dem Leben inner- und Arbeiten in einer grundsätzlichen Man- entwickelten Weak Theology fügt sich
außerhalb der Sowjetunion ist! Es ist gelsituation in Ungarn und Russland pro- gut in diese Haltung ein. Man geht ange-
einfach nicht wahr, dass mit der Wende vozierte damals unsere Kreativität. Des- sichts offener Fragen und komplexer Pro-
Armut oder Unfrieden gekommen sind. halb bin ich hier angestellt.“ Dieser quasi bleme suchend vor, nimmt keine starken,
Es ist aber wahr, dass durch die freien erzwungene Einfallsreichtum erwies sich keine starren Positionen ein. Gerade mit
und sich auch widersprechenden öffentli- auch in den Laboren Skandinaviens als Blick auf unser Gottes- und Menschen-
chen Stimmen eben mehr über die Armut wertvolles Gut und kann für globale Her- bild weicht diese Form der Theologie
und die Schattenseiten in unseren Gesell- ausforderungen nutzbar gemacht werden. viele festgefahrene Sichtweisen auf und
schaften berichtet wird. Gute Wissenschaft ist blockübergreifend ermöglicht neue Blicke auf vermeint-
und international orientiert. Sie vernetzt lich unverbrüchliche Traditionen. Sie ist
Da dieses Heft sich stark mit der Digita- bestimmte Forschungskulturen mitein- quasi eine Strategie des Nichtwissens, die
lisierung befasst, hake ich hier ein. Die ander, versucht aber auch nationale Hege- man auch auf ökologische Fragestellun-
regelmäßig „Eilmeldung!“ krähenden monien aufzubrechen. gen anwenden kann.
10 Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020Ein schönes Märchen
Über Dematerialisierung durch digitale Technik
Von Anja Höfner
Foto: shutterstock
Es war einmal ein Land, in dem Ressourcen knapp waren Der erste Geschäftemacher schlug vor, Bücher zu verban-
und das Wetter sich änderte. Es wurde schon im März nen und durch „E-Books“ zu ersetzen. Klar, dachte der
ungewöhnlich warm und im Winter gab es kaum noch König: Ein Buch muss gedruckt und transportiert wer-
Schnee. Der König des Landes wusste, dass dies Folgen den. Einen E-Book-Reader kauft man nur einmal und
des unverhältnismäßig hohen Lebensstandards in seinem kann dann seine Geschichten im Internet herunterladen.
Land waren, doch gleichzeitig war er ratlos, denn er Aber nach einiger Zeit zeigte sich: Viele E-Book-Reader
ahnte, würde er den Lebensstil seiner Untertanen ein- wurden viel zu wenig genutzt. Dafür war es aufwändig,
schränken, gäbe es große Unruhen. Da traten vier findige sie zu produzieren. Rechnerisch lohnten sie sich erst ab
Geschäftemacher auf den Plan, die verschiedene Ideen etwa 50 gelesenen E-Books. Aber selbst diejenigen, die die
hatten, das Problem zu lösen. Reader emsig nutzten, hatten ein Problem. Bald machte
Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020 11Foto: shutterstock
der Akku schlapp und ließ sich nicht austauschen. Also Filme ansehen so einfach, dass die Menschen viel mehr
mussten sie einen neuen Reader kaufen. Der König war schauten als früher.
enttäuscht. So trat der zweite Geschäftemacher schnell Irgendwann beschäftigten sich große Denker mit dem
mit einem anderen Vorschlag auf den Plan. Thema und fanden heraus, dass Streamen sehr viel Treibh-
ausgas produziert. Schließlich benötigte eine Stunde HD-
Streamen, Streamen, Streamen Streaming etwa drei Gigabyte Daten. Menschen streamten
aber nicht nur Spielfilme und Serien, sondern auch Musik-
Wie wäre es, sagte er, wenn wir Filme nicht mehr auf
videos und Missgeschick-Videos. Einige streamten sogar
DVDs schreiben und in Videotheken stellen? Dann muss
Filme mit nackten Menschen. Die Server wurden häufig
auch niemand mehr durch die halbe Stadt fahren, nur um
mit Kohlestrom betrieben. Es war sogar absehbar, dass
Filme zu kaufen oder auszuleihen. Stattdessen können wir
Filme einfach im Internet „streamen“. Das geht schnell sich der Datenverkehr vom Videoschauen in den nächsten
Jahren vervierfachen würde. Für die Umwelt war das alles
und ist einfach. „Das leuchtet ein“, sagte der König. Bald
nichts. Langsam wurde der König sauer.
streamten die Menschen im ganzen Land. Dafür wur-
den riesige Serverparks gebaut. Irgendwo mussten ja die Na gut, die anderen haben es vermasselt, gab der dritte
ganzen Daten gespeichert werden. Streamen machte das Geschäftemacher zu. „Ich habe aber eine Idee, die ganz
12 Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020sicher funktioniert. Wenn die Menschen ihre Hütten neues, noch größeres Auto bestellt. Die anderen stimm-
verlassen, dann lassen sie oft das Licht brennen. Bei ten in die Erzählung ein. Jeder der Berater hatte seine
einem Untertan macht das zwar kaum was aus“, sagte der eigene Optimierungsgeschichte. Schließlich machte der
Geschäftemacher, „aber wenn das viele machen, kostet König sich bemerkbar und löste die Versammlung auf.
das eine Menge Energie. Ich schlage vor: Wir setzen auf Die Erklärung, die er suchte, hatte er schon gefunden.
das „Smart Home“. Das heißt, dass alles ist miteinander Ihm war klar, dass er in seinem Land den sogenannten
vernetzt ist Und wenn ich das Haus verlasse, dann merkt Rebound-Effekt beobachten konnte. Davon hatte er
das mein Telefon und schaltet das Licht aus“. „Genial“, vor einigen Jahren auf einer Reise in ein fernes Land
meinte der König. „Setz das um, lieber Geschäftema- gehört. Gelehrte hatten ihm nämlich erzählt, dass Ein-
cher.“ Anfangs schien die Idee zu funktionieren. Aber der sparpotenziale von Effizienzsteigerungen nicht oder nur
Geschäftemacher hatte vergessen, dass die ganze Tech- teilweise verwirklicht werden. Aber leider hatte er zuvor
nik, die man für so ein fancy Smart Home braucht, auch nicht daran gedacht, als er sich von der Begeisterung des
Strom verbraucht. So stieg sogar in vielen Häusern der Geschäftemachers anstecken ließ.
Energieverbrauch. Der König war verzweifelt. Wenn die Am Ende hatte keiner der Geschäftemacher sein Verspre-
Geschäftemacher keine Lösung für das Problem hatten, chen eingelöst. Enttäuscht, aber ohne Zweifel, verbannte
wer sonst sollte ihm helfen? Doch es war noch ein letzter der König die vier Männer. Er beschloss, dass jeder
Geschäftemacher da, den er noch nicht angehört hatte. Untertan nur noch neue Geräte kaufen durfte, wenn die
Dieser vierte Geschäftemacher freute sich, dass er nun alten kaputt und nicht mehr reparierbar waren. Außer-
seine alles verändernde Idee präsentieren durfte. „Meine dem legte er für jeden Menschen ein Energiebudget fest.
Vorredner haben alle gut gemeinte Vorschläge zur Wer mehr verbrauchte, musste dafür viel Geld bezahlen.
Lösung einzelner Probleme gemacht. Ich schlage hin- Mit diesem Geld finanzierte er Reparaturcafés im ganzen
gegen eine grundlegende Veränderung vor. Wir müssen Land, die jeden Tag geöffnet waren.
einfach nur unsere eingesetzten Gerätschaften optimie- Der König suchte im ganzen Land weitere Fachleute mit
ren. Also nicht nur die Lampe muss noch weniger Strom echten Lösungen. Zusammen mit ihnen verbesserte er
verbrauchen, sondern auch die Rechenzentren müssen das Leben der Menschen. Auch die Natur wurde geschont
Energie sparen. Und auch die Verarbeitung der Daten und nicht weiter zerstört. Und wenn er nicht gestorben
für Videostreaming muss noch sparsamer von statten ist, dann lebt er noch heute.
gehen, dann lösen wir alle Probleme auf einmal!“ Der
Die Moral von der Geschicht: Wie im Märchen ist‘s im
König war skeptisch, nachdem er bereits die anderen
wahren Leben leider nicht.
Versuche scheitern sah. Doch der Geschäftemacher war
von seiner Idee überzeugt: „Glaub mir, das wird mal eine
führende Strategie, der viele Menschen vertrauen. Und Epilog
sie wird nicht nur für Geräte gelten, sondern für alle Mit der Digitalisierung wird oft die Hoffnung verbun-
anderen Lebensbereiche auch!“ – Na gut, stimmte der den, dass diese durch Effizienzsteigerungen zu Ressour-
König ein, probieren wir es aus. ceneinsparungen, also zu weniger absolutem Ressour-
Nachdem alles im Königreich effizienter – so war der cenverbrauch führt. Diese „Dematerialisierung“ hätte
Fachbegriff dafür – gestaltet wurde, sank der Stromver- wiederum einen positiven Effekt auf die Umwelt. Auf
brauch im ganzen Land. Doch eines Abends bekam der dem 36. Chaos Communication Congress in Leipzig
König einen Anruf vom seinem Energiebuchhalter. „Ich habe ich diese, sich u.a. in der Digitalstrategie der deut-
kann es mir nicht erklären, lieber König,“ wimmerte er, schen Bundesregierung widerspiegelnde, Hoffnung in die
„aber der Energieverbrauch explodiert.“ obige Erzählung gepackt.
Rebound-Effekt statt Ressourceneffizienz
Am nächsten Morgen sammelte der König seine klügs-
Anja Höfner,
ten Berater um sich. Als er in den Besprechungsraum Mitarbeiterin beim Konzeptwerk neue
kam, bemerkten diese ihn nicht. Denn sie unterhielten Ökonomie, das sich mit alternativen
sich gerade begeistert über ihre persönlichen Strom- Wirtschaftskonzepten und der Suche
nach einem guten Leben für alle
rechnungen. Diese waren in den Tagen davor an alle befasst. Beschäftigt sich aus sozial-
Haushalte des Landes verschickt worden. Jeder der ökologischer Perspektive mit Fragen
Berater hatte Energie und damit Geld gespart. Einer rund um die „Digitalisierung“ und hat
die Konferenz „Bits & Bäume“ in Berlin
erzählte, dass er von dem gesparten Geld einen Schein-
mitgestaltet. Mitherausgeberin des
werfer für seinen Sohn gekauft hatte, damit dieser auch daraus entstandenen Buchs Was Bits
nachts Fußball spielen konnte. Ein anderer hatte sich ein und Bäume verbindet (2019).
Foto: McKown
Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020 13Ach, du analoges Gestern
Textfragment aus „Pause“ von Franzobel
Digitalkameras sind toll, keine roten Augen,
keine Unschärfen, Verwackler, nichts.
Und doch geht bei so viel Perfektion auch etwas ab.
Hat man die Kappe abgenommen,
alles richtig eingestellt?
Das Abholen entwickelter Filme war, lang ist es her,
wie Zeugnisverteilung, Kühlschranktüren öffnen.
Man weiß nie, was drinnen ist.
Licht oder Finsternis?
Franzobel,
geb. 1967 in Vöcklabruck als Franz Stefan Griebl. Germanistik- und Geschichtestudium in
Wien, seit 1989 als freier Vielschreiber tätig. Verfasst zwischen Pichlwang, Kitzbühel und Algier
Theaterstücke, Kinderbücher, Romane, Gedichte, Sportkolumnen, Essays und Satiren.
Zahlreiche Auszeichnungen und Preise, 2020 Stadtschreiber in Dresden.
14 Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020 rechte Seite: Werner Schimpl, Auf der Mausspur zu Mausgott, 2019, Zeichnung, Röntgenbild. © SchimplDenken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020 15
Eine Frage der Lebenskunst
Damit der Weg in die Digitalität zum Weg aus der Klimakrise wird
Von Hans-Walter Ruckenbauer
Tomás Saraceno, Aero(s)cene: When breath
becomes air, when atmospheres become the
movement for a post fossil fuel era against carbon-
capitalist clouds, 2019. Mixed media
58. Biennale von Venedig.
Foto (l + r): Italo Rondinella
Courtesy: La Biennale di Venezia
„Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind
mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“
Hans Jonas
Eigentlich leben wir in einer großartigen Zeit: Noch Das ist doch eine tolle, wunderschöne und vielfach ver-
nie zuvor in der Menschheitsgeschichte vermochte sich netzte Welt, in der wir leben. Was brauchen wir uns noch
ein derart großer Teil der Weltbevölkerung so abwechs- darum zu scheren, welchen Fußabdruck wir auf dieser
lungsreich zu ernähren wie heute – dank der industri- Erde hinterlassen oder woran wir einen gegenüber Mit-
ellen Nahrungsmittelproduktion und globaler Märkte! und Umwelt verantwortungsvollen Lebensstil festmachen
In keiner historischen Epoche war es einfacher, sicherer können? – Ich lasse erstmal die Haarspalterei beiseite, ob
und bequemer, ins nahe Umland oder in ferne Länder wir der Beantwortung dieser Frage überhaupt entgehen
zu reisen – dank der Mobilitätstechnologien in SUV, können, weil doch jeder Lebensvollzug in sich Ziele ver-
Flugzeug und Kreuzfahrtschiff! Der einst privilegierte folgt, Interessen realisiert und Orientierungen enthält –
Zugang zu Informationen und die auf den sozialen vielleicht unbewusst, vielleicht unreflektiert und unaus-
Nahraum beschränkte Kommunikation sind nunmehr gesprochen, aber faktisch sind diese Ziele und Interessen
Geschichte – dank der Digitalisierung im Allgemeinen klar rekonstruierbar. Für diesen Fall empfiehlt sich eine
und sozialer Medien im Besonderen! Fertigkeit, welche uns helfen würde, die unterschiedlichen
16 Denken + Glauben – Nr.195 – Frühjahr | Sommer 2020Sie können auch lesen