Hamburger Architektur Sommer 2019 Mai bis Juli - Ausgang offen Moderne mit Zukunft?
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EDITORIAL
Geschichtliches, Aktuelles, Fiktives bestimmen die Themen im Hamburger Architektur
Sommer 2019. Wir feiern 100 Jahre Bauhaus, der Architektur Sommer wird in diesem
Jahr 25. Für dieses Magazin haben wir Autor*innen und Künstler*innen aufgefordert,
„Substanz“ und „Klima“ in der Stadt näher zu beleuchten und darin ihre Standpunkte
und Haltungen darzulegen, sich inhaltlich und künstlerisch zu positionieren.
Ökologie und gute Luft, Nachbarschaften, das soziale Miteinander, Kunst und Kultur,
die in den Nischen und jenseits gelenkter Planung gedeihen – letztlich: Was macht
eine Stadt lebenswert? „Das Maß aller Dinge ist der Mensch“, hieß es bei allem Form-
und Funktionsbegehren auch am Bauhaus, dessen Erbe in den Beiträgen weitest
gehend verhandelt wird. Hier misst er vielmehr, sie sich an in Stein gebauter Architektur.
Oder beamt sich in ebenso kuriose wie fantastische Ideenwelten.
„Moderne mit Zukunft?“, lautet die Frage im Spannungsfeld von Vergangenheit und
Zukunft, von Lebensreform und digitalem Zeitalter, von Nostalgie und Utopie.
Zehn Projekte werden von Veranstalter*innen des Hamburger Architektur Sommers
selbst vorgestellt. Die Auswahl rückt Themenkomplexe exemplarisch in den Fokus.
Neben groß angelegten Veranstaltungen wie die Ausstellung „Die Neue Heimat“ und
der internationale Workshop „Bauforum 2019“ haben wir nicht minder wichtige und
lebendige „Nischenerscheinungen“ wie Das Archipel gebeten, sich zu präsentieren.
Oder auch das geplante Kinderarchitekturzentrum in der HafenCity. Filmprogramme
spielen seit eh und je einen wesentlichen Part im Architektur Sommer. Vor allem aber
ist uns der Blick über die Grenzen der Stadt ein Anliegen. Nach Italien und über Europa
hinaus nach Indien und nach Kolumbien.
Wir wünschen viel Spaß beim Lesen. Lassen Sie sich anregen zu Besuchen des
vielfältigen Programms beim Hamburger Architektur Sommer 2019.
Das Architektur Sommer-Team
Irmela Kästner, Lara Kuom, Stephan Feige
1GRUSSWORT
Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher wird. Orte der Inspiration, der Faszination und
des Hamburger Architektur Sommers, gern auch des belebenden Streits, der die Aufmerk-
samkeit für das schärft, was uns umgibt mit der
„In der Hauptstadt Berlin zählt man bisweilen mit alles umspannenden Frage, wie wir gemeinsam im
einer Mischung aus Anerkennung und Neid die hohe 21. Jahrhundert leben und arbeiten wollen.
Zahl der Baukräne in der Hansestadt Hamburg. Ja
derzeit proklamieren manche Beobachter Hamburg Unsere Stadt kann sich über dieses „baukulturelle
sogar zur heimlichen Architekturhauptstadt der Festival“ glücklich schätzen, das zudem europaweit
Republik“ – das konstatierte das Feuilleton der „Süd- in dieser Art ohne Beispiel ist. Der Architektur
deutschen Zeitung“ aus Anlass des ersten Hamburger Sommer ist seit seinen Anfängen weit mehr als eine
Architektur Sommers 1994 voll der Anerkennung für Leistungsschau; besonders begrüßenswert finde
die Lebendigkeit der Branche an Elbe, Alster und Bille. ich seine Orientierung über die Grenzen des Fach
publikums hinaus – ein wertvoller Impuls für eine
Bereits damals umfasste das Programmheft mit engagierte Stadtgesellschaft. Ich danke der Hambur
seinen vielfältigen Ausstellungen und hochkarätigen gischen Architektenkammer und allen aktiv
Symposien 80 Seiten. Im Mittelpunkt und zugleich Beteiligten für ihren Enthusiasmus und ihre Leiden-
in reizvollem Kontrast zu einem gewissen Sturm und schaft für gutes Bauen.
Drang des Moments stand die Fritz-Schumacher
Ausstellung in den Deichtorhallen – die erste umfas- Die „Neue Zürcher Zeitung“ beschrieb vor 25 Jahren
sende Schau zum Lebenswerk des berühmten begeistert „eine Stadt im Architekturfieber“. Möge es
Hamburger Oberbaudirektors, reichlich bestückt mit nie abklingen!
Zeichnungen, Gemälden, Fotos, Möbeln und Modellen.
Ihre
Damit sind zwei Pole der – glücklicherweise – nie
endenden Diskussion um städtebauliche Tradition
und die Anforderungen der Moderne markiert,
die Hamburgs Stadtentwicklung bis heute begleitet
und zweifellos auch künftig begleiten wird. Was Dr. Dorothee Stapelfeldt
macht Hamburgs Charakter aus, worin besteht die Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen
kollektive Unverwechselbarkeit dieser schönen Stadt?
Wie bewahren wir diesen Charakter bei gleichzeitigem
Anspruch, für Hamburgs beständig wachsende
Bevölkerung bezahlbare Wohnungen in großer Zahl
zu schaffen, selbstverständlich in guter Qualität
und ansprechender Gestaltung? Und wie fügen sich
neue Schulen, Museen, Krankenhäuser, U-Bahnhöfe
und auch Gewerbebauten in das Gesamtbild?
Ein solcher Diskurs braucht Orte wie den Hamburger
Architektur Sommer, wo jenseits von Bebauungsplänen
und Kostenberechnungen Grundsätzliches erörtert
2VORWORT
Liebe Gäste des 9. Hamburger Architektur Sommers,
zum 25-jährigen Jubiläum des Hamburger Architektur Sommers dürfen wir Ihnen
ein großartiges Programm mit mehr als 250 Einzelveranstaltungen präsentieren.
Das Anfang der 1990er-Jahre entwickelte Konzept, alle drei Jahre Hamburgs Kultur-
schaffende einzuladen, gemeinsam mit uns ein vielschichtiges, breites Programm
zu Architektur und Stadt auf die Beine zu stellen, ist damit aufgegangen, auch in diesem
Jahr wieder. Das freut uns sehr.
Den Diskurs über Architektur und Stadtentwicklung interdisziplinär und über das Fach-
publikum hinaus offen, kontrovers sowie erhellend zu führen und zu vermitteln, das
zeichnet den Hamburger Architektur Sommer seit seinen Anfängen aus: Ausgang offen.
Erleben Sie Architektur aus der Innen- und der Außenperspektive, im Bild und mit allen
Sinnen, im Diskurs und unter Einsatz Ihres Körpers, als Geschichte, Gegenwart und
Zukunft, akademisch, künstlerisch und spielerisch, alltäglich und visionär – Architektur
und Stadt gehen uns alle an.
Das Bauhaus hat nur 14 Jahre als Schule existiert, doch war und ist seine Ausstrahlung
global und bis heute anhaltend. Der Bundestag hat im Jahr 2015 beschlossen, den
„erfolgreichsten kulturellen Exportartikel Deutschlands“ anlässlich der Gründung des
Bauhauses vor 100 Jahren in Weimar mit einem bundesweiten und international
ausstrahlenden Jubiläumsprogramm zu würdigen. Wir freuen uns, Ihnen die Beiträge
zu 100 Jahre Bauhaus und Moderne in Hamburg als Teil des Hamburger Architektur
Sommers präsentieren zu können. In etwa 60 Veranstaltungen wird die Geschichte
der Moderne beleuchtet und deren Konzepte und Ansätze auf ihre Zukunftsfähigkeit
hin befragt.
Wir danken der Freien und Hansestadt Hamburg und allen Sponsoren für ihre groß
zügige Unterstützung. Wir danken unseren Medienpartnern für kommende Bericht-
erstattungen. Unser besonderer Dank gilt allen Veranstalter*innen, die wieder einmal
mit großem Einsatz und Leidenschaft für die Sache den Hamburger Architektur
Sommer haben Wirklichkeit werden lassen. Ohne dieses Engagement würde es den
Hamburger Architektur Sommer nicht geben!
Prof. Claus Friede, Renate Kammer, Ferdinand Rector,
Prof. Dr. Ullrich Schwarz, Christoph Winkler
Vorstand Initiative Hamburger Architektur Sommer e. V.
3Wir freuen uns über die großzügige Unterstützung durch die
Freie und Hansestadt Hamburg und durch unsere Sponsoren.
Sie haben maßgeblich zur Realisierung des
Hamburger Architektur Sommers 2019 beigetragen.
KNOLL
Stiftung
Gerd und Gesa
GGK Gedächtnis Stiftung
Medienpartner
4BESUCHERINFO
Willkommen beim Hamburger Architektur Sommer 2019! An die 260 Veranstaltungen
erwarten Sie in der Zeit von Mai bis Juli. Das vorliegende Magazin gibt Ihnen einen
Einblick in die Themen und Projekte. Zusätzlich erhalten Sie mit unserem Programm-
Booklet detailliert Auskunft über das vielfältige Programm. Beide, Magazin und Pro-
gramm-Booklet, liegen an zahlreichen Orten in der Stadt zur kostenlosen Mitnahme aus.
Sie können uns aber auch direkt besuchen: Ab dem 1. Mai 2019 wird unser Info Point im
Bucerius Kunst Forum am Rathausmarkt zu dessen Öffnungszeiten besetzt sein. Das
Bucerius Kunst Forum nimmt selbst mit der Ausstellung „Welt im Umbruch. Kunst der
20er Jahre“ am Architektur Sommer teil. Dort erhalten Sie neben Magazin und Programm-
Booklet die aktuellen Informationen und zusätzliche Materialien zu den Veranstaltungen.
Mit dem Umzug des Bucerius Kunst Forums werden auch wir ab dem 7. Juni unseren
Info Point in das neue Gebäude am Alten Wall (gleich um die Ecke) verlagern.
Der Hamburger Architektur Sommer zu Gast im Bucerius Kunst Forum
Rathausmarkt 2: 1. bis 19. Mai
Alter Wall 12: 7. Juni bis 31. Juli
täglich 11–19 Uhr, Do bis 21 Uhr
Internet | Aktuelle Meldungen, Änderungen, zusätzliche
Informationen erhalten Sie unter der Adresse:
www.architektursommer.de
#architektursommerHH
APP | Kompakt und schnell einen Überblick über
alle Veranstaltungen. Verortung, Zeiten und nähere
Informationen zu den einzelnen Events.
Android iOS
Medienpartner | NDR 90,3 und Hamburg Journal; das Hamburger Abendblatt;
KulturPort.De – FOLLOW ARTS/www.kultur-port.de und DA. Eine Plattform für
Hamburger Baukultur werden über die Veranstaltungen und Themen des Hamburger
Architektur Sommers 2019 berichten.
5INHALT
1 Editorial 8 FOLLOWER
2 Grußwort Fotokunstprojekt von
3 Vorwort Simone Kessler und
4 Inhaltsverzeichnis Edward Beierle
7 Besucherinfo
14 Ausdruck einer neuen Zeit
von Roland Jaeger
78 Veranstalter*innen 18 Indikator Stadtgrün
80 Bildnachweise, von Gabriele Wittmann
Impressum
22 Alternativmedizin für
die Leiden der Moderne
von Till Briegleb
26 Jakob K. Vergessene Moderne → 215
32 25 Jahre
Hamburger Architektur Sommer
38 Veranstaltungskalender
Jakob K/Farben → 63
652 Bauforum 2019 – Interview
mit Hamburgs Oberbaudirektor
Franz-Josef Höing
56 Emilie Winkelmann: Frau Architekt
58 Architekturzentrum für Kinder
in der HafenCity
60 Bêka & Lemoine:
PLAYTIME – Filme zur Architektur
62 Das Archipel
und die Bibliothek der Zukunft
64 Indische Moderne neu denken
66 Transforming the City
68 UNVOLLENDET:
Die Geburt eines Stils
70 Suse Itzel
„Wir haben so schön geschlafen“
72 Rogelio Salmona, Bogotá: FOLLOWER → 92
Die Poesie des Backsteins
74 DIE NEUE HEIMAT
Bauhaus in Hamburg: Künstler, Werke, Spuren → 72
7FOLLOWER –
female follows form
ist der Name des Kunstprojekts, das die
Künstler*innen Simone Kessler und Edward Beierle
für den Architektur Sommer 2019 entwickelt haben.
Die ersten Untersuchungen zum Projekt entstan Ich versuche
mich auf das
den bereits im Oktober 2018 bei einer Tour entlang Balancieren zu
konzentrieren
markanter Bauten und Orte der Moderne in – jemand
kommt die
Hamburg. Dabei stellten sie sich selbst in unge Treppe hoch
wohnte körperliche Beziehung zur Architektur und
hielten dies fotografisch fest. Von dem Perspektiv
wechsel, den sie durch diese wortwörtlich neue
(Körper-)Haltung erfahren haben, erzählen ihre Bilder.
form follows function
female follows form
man follows form
mann folgt frau
frau folgt form
I follow form
89
1
FOLLOWER
I follow
2
10–
3
form
1 Unter mir gefühlt
zwei Meter,
lauernd auf das,
was kommt
2 Frei, offen, dem
Himmel zugewandt,
jede Stufe ein
kleiner Schmerz
3 Ich wusste nicht,
dass ich fallen
könnte, als ich da lag
4 Neben mir öffnet
sich der Aufzug -
ich sehe nicht hin
4 111
FOLLOWER –
Mann folgt Frau
2
1 Die Kälte des
Granits war
seltsamerweise
sehr beruhigend
2 Wir drehen
das Bild –
science fiction
3 Es ist dunkel,
ich verschwinde
im Schrank
123 13
Ausdruck einer neuen Zeit Moderne Architektur bedeutete in den 1920er-Jahren nicht nur Entwerfen und Bauen. Zu ihrer Programmatik gehörte ebenso die Propagierung der neuen Ideen. Architekten nutzten dafür Publikationen, Ausstellungen, Vorträge, Fachverbände und Tagungen Roland Jaeger Auch die Hamburger Architekturmoderne konnte auf Neuen Baukunst. Im Dezember 1925 etwa hielt er Licht diese Weise über die Grenzen der Hansestadt hin- bildervorträge über „Moderne Wohnkultur“, die der auswirken. Der Architekt Dr. Fritz Block tat sich dabei „Hamburger Anzeiger“ begeistert besprach: „Solche besonders hervor. Außerdem fanden in der Hansestadt Vorträge, wie Dr. Block sie hielt, sind enorm wichtig zwei überregional wichtige Veranstaltungen statt: für jeden modernen Menschen. Der Architekt hat 1927 die Jahresversammlung des Bundes Deutscher in jeder Beziehung heute das wichtigste zur Lebens- Architekten und 1929 der Deutsche Architekten- und gestaltung zu sagen. Vom Bau eines Stuhles an bis zur Ingenieurtag. Organisation ganzer Städte rechnen seine Aufgaben.“ Den Anspruch und Auftrag der Moderne bezog der 1926 organisierte Block für den Bund Deutscher Hamburger Architekt Dr. Fritz Block (1889–1955) nicht Architekten, Landesbezirk Nord, die Hamburger Prä- nur auf eine zeitgemäße Gestaltung, sondern auch sentation der von der Städtischen Kunsthalle Mann- auf deren aktive Vermittlung an ein breites Publikum. heim übernommenen Architekturausstellung „Typen Seit 1921 betrieb er in der Hansestadt gemeinsam mit neuer Baukunst“. Im Hinblick auf einen Wettbewerb Ernst Hochfeld ein Architektenbüro, mit dem sich die zur Wohnsiedlung Jarrestadt wurde die Ausstellung in beiden zu den führenden Vertretern des Neuen Bauens Hamburg um einen internationalen Abschnitt „Neu- in Norddeutschland entwickelten. Ihr bekanntestes zeitlicher Volkswohnungsbau im In- und Ausland“ Werk sollte das Deutschlandhaus (1928/29) am Gän- erweitert. Vorbereitend war Block eigens nach Holland semarkt werden. Neben der eigenen Entwurfstätigkeit gereist, um Beispiele des dortigen Wohnungsbaus engagierte sich Block allgemein für die Belange der auszuwählen. Bei dieser Gelegenheit hatte er sich mit 14
Deutschlandhaus von Block und Hochfeld, 1930
Architekt Dr. Fritz Block, Hamburg "Hamburg und seine
um 1932 Bauten 1918–1929", Hamburg 1929
dem Rotterdamer Architekten J. J. P. Oud angefreun- lichem Abstand folgten dort Vorträge der Architekten
det. Die Ausstellung wurde im Frühsommer 1926 in Fritz Schumacher (über „Die Reform halbentwickelter
der Staatlichen Kunstgewerbeschule am Lerchenfeld Bebauungspläne“), J. J. P. Oud (über „Die Entwicklung
gezeigt. Im Katalog veröffentlichte Block einen Beitrag der modernen Architektur in Holland“) und Walter
über „Volkswohnungsbau. Neue Wege – Neue Beispiele“ Gropius (über „Neues Bauen“). Im Dezember desselben
und hielt im Begleitprogramm zum gleichen Thema Jahres sprach Block beim außerordentlichen Bundestag
einen Lichtbildervortrag in der Kunsthalle. In wöchent- des Bundes Deutscher Architekten in Halle über Ratio-
15nalisierungen im Bauwesen und erklärte: „Wir stehen schließlich am Nachmittag im Curiohaus der Bauhaus- am Anbeginn einer neuen Zeit.“ Anschließend besuchte Direktor Walter Gropius auf Vorschlag des Architekten er mit einer Delegation des Studienausschusses des Hans Poelzig in den BDA-Vorstand gewählt wurde, Bundes Deutscher Architekten für zeitgemäßes Bauen war die Geschlossenheit des Bundes wiederhergestellt, den kurz zuvor eingeweihten Bauhaus-Neubau von da nun auch die Moderne namhaft in der Führung Gropius in Dessau. vertreten war. 1927: Bundestag der Architekten Weiter stand die Eröffnung einer vom BDA organisier- Der 1903 gegründete Bund Deutscher Architekten ten Ausstellung „Neues Bauen und Neues Wohnen“ (BDA), dessen Landesbezirk Norden damals gut auf dem Programm; der Hamburger Architekt und Vor- 150 Hamburger Mitglieder hatte, hielt Anfang Septem- sitzende des Landesbezirks Norden, Carl Georg Bensel, ber 1927 mit rund 600 Teilnehmern seinen Bundestag sprach über das Thema „Neue Baukunst als Ausdruck in Hamburg ab. Die Veranstaltung diente nicht zuletzt neuer Zeit“. Am Ende des dritten Tages bei einem einer Zusammenführung der sich zwischen Traditio- abschließenden kulturellen Abend, moderiert von nalisten und Modernisten voneinander entfernenden Fritz Block, wurden Filme gezeigt: über die technische architektonischen Positionen innerhalb des Bundes. Konstruktion der neuen Elbbrücke, über einen Klein- Am ersten Tag stand eine Rundfahrt durch die Stadt zu haus- und einen Großwohnhausbau sowie ein Film über den „modernen Großwohnbauten“ und den Staatsbau- die damals viel diskutierten Wiener Gemeindebauten. ten des Hamburger Oberbaudirektors Fritz Schumacher Letzterer sorgte wegen seiner „politischen Tendenz“ auf dem Programm. Am Tag darauf beschwor der mit explizit sozialdemokratischer Ausrichtung bei kon- Architekt und Bundesvorsitzende Wilhelm Kreis in der servativeren Architekten einmal mehr für Unmut. Stadthalle im Stadtpark die Einigkeit der Architekten- schaft und den „fortschrittlichen Gedanken, der allen Den Hintergrund für die damaligen Kontroversen unter die Freiheit des künstlerischen Gewissens gewährt“. den Architekten bildete auch die Stuttgarter Werk- Damit war eine Formel gefunden, Tradition und bund-Ausstellung „Die Wohnung“ mit der Mustersied- Moderne unter den Architekten zu versöhnen. Und als lung am Weißenhof, die im Juli 1927 eröffnet worden Dampferbesichtigung von Teilnehmern der Hamburger Tagung der Architekten und Ingenieure, 1929 16
Vortrag über die „Zeitgebundenheit der Architektur“,
in dem er das damalige Baugeschehen im Spannungs-
feld zwischen technischen Notwendigkeiten, ästheti-
schen Ansprüchen und sozialen Verpflichtungen
interpretierte: „Es liegt im Wesen unserer Zeit, daß sie
dem Architekten Aufgaben zuweist, die sich an die
Masse wenden. Ihm fällt dadurch eine ganz bestimmte
Eine Formel war gefunden, kulturelle Aufgabe zu [...] Diese Aufgabe aber liegt
zur Zeit nicht im Bereich dessen, was wir Spitzenkultur
Tradition und Moderne zu nennen, sondern im Bereich dessen, was wir Massen-
versöhnen kultur nennen können.“ Touren zu Hamburgs Neubauten,
Hafenrundfahrten und Dampferbesichtigungen
schlossen die Wanderversammlung ab – nun auch in
Begleitung der Damen (siehe Foto links).
Bereits 1890 und 1914 hatte der AIV zu Hamburg die
nationalen Treffen zum Anlass genommen, eine Baubilanz
„Hamburg und seine Bauten“ in Buchform vorzulegen.
war. Block hatte Siedlung und Ausstellung Mitte August Das geschah auch dieses Mal, nun für den Zeitraum
besichtigt und darüber im Oktober in der Hamburger 1918 bis 1929. Der umfangreiche Band – noch heute ein
Kulturzeitschrift „Der Kreis“, deren Architekturteil er Standardwerk – behandelt die Neubautätigkeit in der
redaktionell mit betreute, berichtet. Im November hielt Hansestadt und ihrer Umgebung seit dem Ersten Welt-
er dazu in der Kunsthalle einen Vortrag über „Haus krieg in Textbeiträgen und vor allem 860 Abbildungen.
und Wohnung des modernen Menschen“. Vorträge der Dargestellt werden die städtebauliche Entwicklung, die
Hamburger BDA-Tagung flossen in das von Block zur hervorgehobene Rolle des Wohnungsbaus, die Bedeu-
Jahreswende 1927/28 in Zusammenarbeit mit dem tung von Verkehr und Hafen sowie der öffentlichen
Studienausschuss des BDA für zeitgemäßes Bauen her- Einrichtungen. Der Bildteil führt Beispiele von Neubau-
ausgegebene Buch „Probleme des Bauens. Der Wohnbau“ ten aller Baugattungen vor. In seinem programmatischen
ein. Es enthält wichtige Beiträge zur damaligen Diskus- Beitrag „Architektonische Regungen der Nachkriegs-
sion um Städtebau, Typenbildung und Rationalisierung zeit“ grenzte Fritz Schumacher die gemäßigte Hamburger
im Wohnsiedlungsbau, moderne Grundrisslösungen und Moderne allerdings gegen allzu radikale Bauexperimente
zukünftige Bauweisen. Zu den Autoren zählten Archi- ab. In der Hansestadt herrsche vielmehr eine „wohltu-
tekten wie Walter Gropius, Richard Neutra, Ernst May, ende Einheitlichkeit bei äußerer Freiheit“, für die er den
Fritz Schumacher – und Fritz Block. von ihm als Baustoff favorisierten Backstein verantwort-
lich machte: „Es ist keine Frage, daß die Verwendung
1929: Architekten- und Ingenieurtag dieses Materials den verblüffenden Eindruck des Neuar-
Das zweite Großereignis, das deutsche Architekten in tigen [...], der manchen neuzeitlichen Glanzleistungen
den 1920er-Jahren in Hamburg zusammenführte, in anderen Städten eigen ist, dämpft.“
war die 54. Jahresversammlung des Verbandes Deut-
scher Architekten- und Ingenieur-Vereine (VDAI), die Der Hamburger Architekt Fritz Block hatte inzwischen
Anfang September 1929 in der Hansestadt mit bis zu eine zweite Karriere als Fotograf begonnen. Beim
700 Teilnehmern stattfand. Bereits 1858 und 1890 hatte Architekten- und Ingenieurtag zeigte er daher Aufnahmen
sich diese Vereinigung hier getroffen, während das von der Bauausführung seines Deutschlandhauses.
für 1914 schon vorbereitete Treffen wegen des Ausbruchs Block machte damit deutlich, wie sehr dieses Gebäude
des Weltkrieges abgesagt werden musste. Die Veran- auch von der Konstruktionsweise her Ausdruck einer
staltung von 1929 fiel mit dem 70-jährigen Bestehen neuen Zeit war. In „Hamburg und seine Bauten 1918–1929“
des regionalen Architekten- und Ingenieur-Vereins zu ist das Gebäude allerdings noch als Modell abgebildet,
Hamburg (AIV) zusammen, der damals beachtliche weil es erst im Dezember 1929 fertiggestellt wurde.
450 Mitglieder hatte. Bittere Ironie der Architekturgeschichte: Ausgerechnet
im Bauhaus-Jahr 2019 wird das, was nach Kriegsschäden
Die Jubiläumsfeier im Patriotischen Gebäude und unsachgemäßer Totalrenovierung um 1980 von
eröffnete der Vereinsvorsitzende Oberbaudirektor dem ursprünglichen Deutschlandhaus übrig geblieben
Dr. Gustav Heinrich Leo. Am nächsten Tag fand eine ist, abgerissen.
Abgeordnetenversammlung statt, abends folgte
ein Senatsempfang. Bei der Hauptveranstaltung im Veranstaltungen zum Thema: 64, 69, 72, 95–99, 104;
Curiohaus hielt Fritz Schumacher einen viel beachteten 63, 68, 70, 87, 92–96, 101
17Indikator Stadtgrün Urbanes Grün und gute Luft betreffend war Hamburg planerisch vor 100 Jahren bereits ganz weit vorn. Taugen Konzepte von Moderne und Lebensreform heute noch für eine ökologisch nachhaltige Zukunft? Oder erfreut sich der Städter lieber an digital generierten Fassadengärten? Gabriele Wittmann Er kommt immer im Morgengrauen. Zwölf Meter Der Boden ist aller Grün Anfang schwingt er sich empor, dann lässt er sich hineinzie Alles hängt zusammen. Das wussten schon die alten hen in die warme Stadt: Der „weiße Nebel wunderbar“, Griechen: „Oikos“ bezeichnete nicht nur das „Haus“, wie ihn der Wandsbeker Dichter Matthias Claudius sondern auch den Hof im Allgemeinen, die Äcker und einst nannte. Frühmorgens lassen sich die Felder und Wälder ringsum, die es brauchte, um das Haus zu Wälder, die Pferdehöfe und Moore nur erahnen. Fried bewirtschaften. Daraus entstand im 19. Jahrhundert lich liegen sie unter dem Gipfel der „Hummelsbüttler das Wort „Ökologie“: Die Gesamtheit der Wechselbe Alpen“, wie die Anwohner diesen ehemaligen Müllberg ziehungen zwischen den Lebewesen und ihrer belebten liebevoll nennen. Der Stadtplaner Fritz Schumacher und unbelebten Umwelt. entdeckte einst diese grünen „Kaltluftachsen“, auf deren Bahnen täglich frische Luft in die Stadt zieht. Das beginnt für den städtischen Grün- und Gartenbau Die nördlichste entsteht über einem „Hotspot Pflanzen bereits mit dem Boden. „Städtebau ist Bodenpolitik“, vielfalt“ entlang der Feuchtgebiete der Hummelsbüttler wusste Fritz Schumacher. Zum Wohnen gehöre nicht Feldmark. Während die Eimsbüttler*innen bereits in erster Linie ein Haus, sondern „Grund und Boden“. auf ihren warmen Balkonen frühstücken, zieht hier Und so forderte er in Zeiten des Übergangs vom draußen das Kälteband erst langsam Richtung ästhetischen zum sozialen Städtebau eine „vernünf Fuhlsbüttel, wo es sich später mit dem Alsterband tige Aufteilung von Grundeigentum“. vereinigt. So erhalten die Bürger*innen in der Innen stadt auch an heißen Tagen Frischluft. 18
Selbstversorgung vor der Haustür
19Westlich der Hummelsbüttler Feldmark errichtete in die Gartenkunst, vor allem nach dem Ende des Ersten
Fritz Schumacher deshalb eine Gartenstadt, die seinen Weltkriegs: In Zeiten von Nahrungsmangel, Arbeits
Namen erhielt: 660 Wohneinheiten, einige als Doppel-, losigkeit und Wohnungsnot stellte der Gartenarchitekt
die meisten als Reihenhäuser. Alle mit Gärten zur Leberecht Migge Überlegungen an, wie man Gärten für
Selbstversorgung. Hier ziehen die „Börner“, wie sich die Massen in genossenschaftlichen Siedlungen anlegen
die Siedler*innen selbst nennen, noch heute ihr eigenes könne. In seiner Schrift „Jedermann Selbstversorger“
Gemüse. Manche haben Gurken auf dem Kompost, führte er aus, wie Obst und Gemüse rentabel gemeinsam
andere Kürbisse. Genug, um mit Nachbarn zu tauschen. gezogen werden könne. Komplette Gartenstädte
Hier erzählt man sich, dass sich Zwiebeln und Möhren entstanden zu jener Zeit, in Hamburg oder, die bis heute
gegenseitig die Schädlinge vertreiben. Etwa 30 alte bekannteste, in Hellerau bei Dresden.
Apfelsorten stehen auf dem Gelände, neben Quitten
und Kirschen. Und eine Urform der Pflaume, die sie hier 1919 begann Fritz Schumacher mit der Erbauung
als „Kreten“ verbacken. Auch das ist ein Aspekt von der gleichnamigen Siedlung in Langenhorn. Die Häuser
Ökologie: Das gesunde Essen muss nicht von außen für die Familien sind klein:nur 60-80 Quadratmeter,
angefahren werden. dafür aber 650 Quadratmeter große Gärten. Ein Luxus?
Nicht für die Natur: Für sie ist es ein Muss. Denn nur
in solchen großen, zusammenhängenden Grünflächen
können sich Kleinklimata und ökologische Nischen
bilden, die zwischen Umwelt und landwirtschaftlicher
Nutzung vermitteln.
Auf vier Quadratkilometern erstreckt sich dieses
Gebiet – genug, um einen grünen Gürtel zu bilden für
die Wanderung der Kröten zu ihren Laichgebieten,
für vagabundierende Igel, für Laufkäfer und Libellen.
Hier gedeihen noch Holunder und Berberitze, Hage
butte und Weißdorn. In wilden Ecken wuchern
Brennnesseln und ernähren die Raupen von Tagpfauen-
augen. 35 Vogelarten werden hier jährlich gezählt.
Der Zukunft entgegen
Je näher es in die Innenstadt hineingeht, desto
dichter wird die Bebauung. Wo sich Hummelsbüttler
und Alsterachse vereinigen, jagen vierspurige Stra
ßen südwärts. Auf ihren Grünstreifen sprießen im
Frühjahr bunte Tulpen. Ökologisch? Wohl kaum. Aber
sie erfreuen die Herzen der Bürger im Vorbeifahren.
Ästhetische Erbauung ist auch ein ökologischer Faktor
– Grün beruhigt, heitert auf. Der Mensch braucht
das Grün zur Erholung – optisch – und auch für seine
Bewegung. Fritz Schumacher wollte vor einhundert
Jahren dem „Großstadtwanderer“ weite „Auslaufmög
lichkeiten“ bieten. Und so ließ er große Flächen wie
den Stadtpark anlegen und als Grünzüge verbinden
Smart ist grün – Baustoffe und Pflanzen kombiniert mit bis hin zum Hauptfriedhof Ohlsdorf.
intelligenten Technologien
Städte sind seit je Orte der Utopien. Orte der Kunst,
der Imagination. Wie könnte das Grün der Zukunft
Frühe Reformer aussehen, in Hamburgs Kern, wo die Verdichtung am
Fritz Schumacher lebte in einer Zeit, als Reformideen höchsten ist? Wird es an den Elbbrücken eine Attrak
Konjunktur hatten: Bereits um 1900 forderte die Jugend tion wie die bewaldeten Mailänder Zwillingstürme des
mehr Bewegung, Freikörperkultur, und nackte Sonnen Architekten Stefano Boeri geben, einen „bosco ver
bäder sollten zur Gesundheit beitragen. Frauen wollten ticale“? Oder werden Gebäude gleich aus Zellstoffen
fernab der geschnürten Korsette und künstlich beleuch hergestellt – oder von ihnen begleitet? Mit Biologen und
teten Fabriken leben, Gymnastik im Freien galt als Informatikern entwickelt das EU-Projekt „flora robotica“
Allheilmittel. Diese Reformbewegungen drangen auch gerade eine robotergesteuerte Begrünung für Städte.
20erhalten bleiben. Den Flächenverbrauch eindämmen.
Den Grünanteil auf privaten Grundstücken und im
öffentlichen Raum sogar erhöhen – dann kann auch bei
zunehmendem Starkregen das Wasser ablaufen.
Ansätze im Kleinen gibt es bereits. Die Broschüren der
Behörde für Umwelt und Energie werben für ein öko
logisches Umdenken: Rasenflächen in Parks verwandeln
sich künftig in Blühwiesen, die Insekten Nahrung
geben und nur zweimal im Jahr gemäht werden – und
in denen trotzdem Kinder spielen dürfen. Der Kirsch
lorbeer wird durch einheimische Gehölze ersetzt, mit
deren Brutmöglichkeiten und Nahrung die Tiere sich
auskennen. Und urbane Lebensräume wie Brachflächen,
Straßenrandstreifen oder Stadtbäume sind geschützt,
denn sie bieten Raum für spontane und klimatisch
Klee bleibt für Wildbienen stehen angepasste Vegetationsentwicklung – und erleichtern
Wanderbewegungen zwischen den Arten.
Und wie bewegen sich die Bürger*innen in ihrem
neuen Grün? In manchen Stadtteilen engagieren sie sich
Die Idee: Reale Pflanzen und programmierte Roboter bereits heute wie ihre englischen Vorreiter in einer
zellen regen sich gegenseitig zu einem genau geplanten „green gym“: Drei Stunden lang gehen Einwohner*innen
Wachstum an, um Überdachungen oder „grüne Wände“ nicht auf das Laufband, sondern pflegen ein Stück Park
zu errichten – mit Fensterlöchern an der vorher berech oder Grünstreifen – kombiniert mit einem angeleiteten
neten Stelle. So werden am Ende kühlender Schatten Fitnesstraining. Was sie suchen? Gemeinschaft, Mit
und lebensnotwendiger Sauerstoff erzeugt. Und im wirkung. Ausgleich zur digitalen Zeit an Computer und
Städter Stress reduziert. Smartphone. Und den tiefen Kontakt zur Natur.
Was verlangen die Bürger*innen von heute von ihrem Zurück in die Zukunft
Grün? Der Investitionsdruck in Immobilien ist hoch, Draußen am Stadtrand heißt es nicht „green gym“,
zumindest in Zeiten von Niedrigzinspolitik und Wohnungs wenn die Leute sich aufmachen, das Beet vor der
not. Das bringt Stadtentwicklung zur Nachverdichtung U-Bahn-Haltestelle Langenhorn-Nord zu jäten. Es ist
von Bebauung. Die Natur dagegen ist endlich. Für ver einfach nur der altmodische „Gartenausschuss“ der
siegelte Flächen gibt es keinen „Ausgleich“, auch wenn Fritz-Schumacher-Siedlung, der hier Lavendel, Frauen
dies durch Aufwertungen ehemaliger Landschafts mantel und Rosen pflegt.
schutzgebiete von der Politik so bezeichnet wird. Dar
über täuschen auch nicht für ihre soziale und verkehrs Am Ende des Sommers werden sie alle wieder zusam
technische Innovation ausgezeichnete Projekte wie menkommen, mindestens 400 Genossinnen und
die neue Gartenstadt „Pergolenviertel“ an der S-Bahn Genossen der Fritz-Schumacher-Siedlung und ihre
Rübenkamp hinweg: Zwar gibt es darin noch die gleiche 100 Kinder. Sie werden die Räder mit Blumen schmü
Anzahl an Kleingärten. Doch sie sind nur noch halb cken und auf dem Festplatz die wasserbetriebene
so groß. Die unversiegelte Grünfläche hat sich durch Obstpresse aufstellen. Die wird anschließend durch
die Bebauung beinahe halbiert. zahlreiche Gärten wandern und auch in die benachbarte
Schule. An die tausend Liter Apfelsaft werden so
Utopien der Großstadt bis zum Herbstende zusammenkommen. Auch das ist
Vielleicht besteht die nächste Utopie in Zeiten des Klima Ökologie: Nicht nur für die eigene Nahrung sorgen,
wandels nicht mehr in dichterer Bebauung. Sondern sondern den gesellschaftlichen Zusammenhalt vor der
ganz im Gegenteil in einem umsichtigen stellenweisen Haustür pflegen. So erhält die nächste Generation
Rückbau. Das durch Hamburger Wissenschaftler*innen gartenbauliches Wissen. Womöglich ist die alte Reform
angestoßene interdisziplinäre Projekt „Klimzug Nord“ siedlungsidee der Stadtplaner von vor einhundert
forschte fünf Jahre lang an dem 2014 publizierten Jahren heute wieder aktueller denn je.
„Kursbuch Klimaanpassung“. Darin geben sie Handlungs
empfehlungen für die Metropolregion. Ihr Rat: Den
„Federplan“ von Fritz Schumacher konsequent umset
zen, damit die klimatisch bedeutenden Freiräume Veranstaltungen zum Thema: 84, 100, 101, 106, 193–208
21Kraftwerk Bille
Alternativmedizin
für die Leiden
der Moderne
Eine Stadt ohne Schmuddelecken ist wie ein Kranken Es gibt die Station für armes und für reiches Wohnen,
haus. Wege und Räume sind glatt, hell und steril, die für geistige und die für körperliche Arbeit, es
aber hinter den Türen herrscht Schmerz und Unbe gibt die Intensivstation für Kaufen und Freizeit, und
hagen. Diese Stadt als Krankenhaus ist eine Erfindung dazwischen gibt es den Stadtpark als Krankenhausgar
der Moderne, wenn nicht ihr hygienisches Leitbild. ten. Aber bitte die Wege nicht verlassen. Dass dieses
Rasterfassaden verbergen Menschen mit den gleichen Hospital namens Stadt zur besseren Überwachung
Symptomen der Einsamkeit, die viel Alkohol, Pillen auch noch gläsern ist, und zwar inzwischen mehr durch
und Netflix-Serien zu sich nehmen. Infektiöse Tätig digitale Fenster als durch die fest montierten auf der
keiten, die Lärm und Schmutz absondern, werden Fassade, passt wunderbar ins Bild einer Gesellschaft,
in städtebauliche Quarantäne genommen, wie alle organisiert nach ärztlichen Maßstäben. In dieser
menschlichen Grundbedürfnisse als ansteckende rundum gesunden Stadt nur für Kranke geht es nämlich
Krankheiten behandelt werden, die ihre eigene Station nicht um Wohlbefinden, Glück und Pflege, sondern
im Stadtbild brauchen. um reibungslose Abläufe, perfekte Steuerung, optimale
Kontrolle und lukrative Geschäfte.
22Demokratie als Privatpatient im
Krankenhaus „Stadt“
Je größer die Objekte, umso radikaler bekämpfen die
Chirurgen*innen der urbanen Schulmedizin das
Sprießen von Visionen, etwa beim City-Hof, wo jeder
alternative Nutzungsgedanke mit Radikalresektion
verhindert werden soll. Was wäre das für ein gefährlicher
Infektionsherd, wenn in diesen vier Hochhäusern plötz
lich Studenten*innen, Künstler*innen und alternative
Betriebe ein Heim fänden, Lebensgemeinschaften
mit Alten und Flüchtlingen oder Initiativen, die ewiges
Wachstum als destruktives Lebensprinzip des Kapita
lismus ablehnen. Unvorstellbar. Auch dort darf nur
das hin, was bereits überall auf der Station „City“ für
die Stoffwechselkrankheit „Konsum“ privater Kontoge
sundheit dient: die vorschriftsmäßige Linealrendite.
Wenn nun also die Bitte für diesen Artikel lautete, sich
mit den Einflüssen „architektonischer, stadträumlicher
und ästhetischer“ Art zu befassen, die als „belebende
Impulse für die Stadtentwicklung und Architektur
von Laien, Bürgerinnen und Bürgern, Initiativen, Künst
lerinnen und Künstlern ausgehen“, dann lässt sich
das meiner Meinung nach nicht ohne diese Anamnese
des aktuellen Zustands beschreiben: Die Demokratie
hat sich freiwillig zum Privatpatienten im Krankenhaus
Stadt machen lassen, das vom profitablen Denken
einer Besitzerclique nach reinen Effizienzmaßstäben
organisiert wird.
Und vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass
die meisten Orte eigeninitiativer Stadtveränderung hart
erkämpft werden mussten, und zwar nicht nur gegen
Warum Stadtentwicklung gierige Spekulanten, sondern vor allem gegen die
Vertreter des Volkes, die leider unfähig geworden sind,
von unten die lebenswertere über eine Stadtentwicklung nachzudenken, die Prob
leme ohne Investor löst. Schon die Hafenstraße war ein
Stadt ergibt langer Krieg der gesunden Vernunft gegen die urbane
Desinfektionspolitik von Profit-Assistenten*innen – und
Till Briegleb steht heute als leuchtendes Beispiel dafür im Raum,
wie billig, schön und selbstbestimmt es sich wohnen
lässt, wenn man die städtische Substanz nicht
Um sich gegen diese aseptische Stadt der Moderne Projektentwicklern zum Fraß vorwirft.
rechtzeitig zu impfen, braucht es Kontakt mit dem
Bazillus des Andersseins. Deswegen sind Immo Seelische Aufwärmpunkte neben
bilienentwickler*innen, Städteplaner*innen, Brand ästhetischer Tiefkühlkost
schützer*innen, Baubürokratie und Banken, also die Bis in die Gegenwart zieht sich eine lange Geschichte
Ärzteschaft der modernen Hospitalstadt, so ener- des Widerstands, um Reste von Identifikationsorten
gisch hinterher, diese Nester gar nicht erst entstehen zu retten und etwas gemischte Nutzung in Stadtvierteln
zu lassen. Mit dem DreiwegeAntibiotikum der urbanen zu bewahren, die bereits der klinischen Therapie der
Einheitskur – Lineal, Vorschriften und Rendite – wird Moderne zum Opfer gefallen sind. Die Künstlerorte Admi
an den schönsten Orten des Verfalls, wo das Mensch ralitätstraße, Wendenstraße und Gängeviertel konnten
sein sich erholen könnte vom Stress der Anpassung, die Qualitäten der vormodernen Stadt gegen das
dafür gesorgt, dass bloß keine Vorstellung davon ent Skalpell der „Sanierungs“-Moderne mit ihren monotonen
steht, wie Leben noch sein könnte. Büroprojekten im Einheitslook retten. Heute sind es
viel geliebte seelische Aufwärmpunkte in einer Stadt,
23Dichte, gemischte Doch wo immer Stadt und Investoren*innen gerade nicht
ihren verheerenden Modernisierungsstrahl hinrichten,
und vielfältige der zu Mietsteigerung und Monokultur funktionaler und
sozialer Art führt, wachsen sofort zarte Pflänzchen der
Stadt ist ein Alternativkultur, sei es in Wilhelmsburg oder St. Georg,
im Münzviertel oder im Oberhafen, in Hamm oder
Segen und kein auf der Veddel. Galerien, Gärten, Clubs oder Atelierge
Albtraum meinschaften, aber auch Nachbarschaftstreffen,
Kruschtläden und Werkstätten in Eigeninitiative retten
dort die Stadt vor ihrem Corporate Design aus Ketten
läden und Effektivfassaden.
Vom Frappant, das so heißt, weil es einst in der gleich
namigen Passage an der Großen Bergstraße beheimatet
war, die dann IKEA weichen musste, bis zum Künstler
haus Georgswerder, das ein zum Abriss freigegebenes
die vor allem ästhetische Tiefkühlkost in praktischer Schulgebäude von 1902 rettete, ist dieser Impuls
Stapelnorm bauen lässt. eigentlich immer gelenkt auf das Bewahren. Und dies
ist vielleicht schon die wichtigste Botschaft der
Am ansehnlichsten wehrt man sich seit den Achtzigern DIY-Kultur, die einen klitzekleinen Impuls geliefert hat
im größten Widerstandnest der Stadt, St. Pauli, gegen für die allgemeine Stadtentwicklung. Die Qualitäten
die Behandlung von Bürgern*innen als Patienten*innen. des vormodernen Städtebaus, seine innere Organisation
Die Gentrifizierung, wie die klassische Entmischung mit dem großen Potenzial für variable Nutzungen,
der Stadt heute heißt, hat zwar auch in diesem Quartier aber auch die Schönheit einer detaillierten Architektur
immer mehr Reichtum von Leuten erzeugt, die nicht sprache haben durch zähen Widerspruch der Bevölke
dort wohnen. Und Immigranten und Arme, die stets Teil rung ein leider noch immer dezentes Bewusstsein
einer lebendigen Gegenkultur sind, wurden in den ver bei den Profis entwickelt, wie Stadt sich wohlfühlt.
gangenen Jahrzehnten mit Mietsteigerungen ziemlich
restlos an den Stadtrand verscheucht (unter tätiger Ihre Therapie lautet: Dichte, gemischte und vielfältige
Mithilfe der städtischen Wohnungsbaugesellschaften). Stadt ist ein Segen und kein Albtraum, wie es die
Aber zwischen Roter Flora und Hafenstraße hat die Dezibel- und Lux-Pedanten vom Amt mit dem dicksten
Vielfalt noch ein lebendiges Gesicht. Und mit diesem Vorschriftenbuch der Welt unterm Arm im Chor mit
Vorbild vor Augen wird das Versagen der Moderne den gesichtslosen Investmentfirmen behaupten.
in puncto „Lebensfreude“ bei Neubauvierteln wie der
Neuen Mitte Altona ziemlich kontrastscharf. Selbstermächtigung taugt zum
Best-Practice-Modell
Diese Alternativmedizin verdanken die aufgeschlos
seneren Städtebauprofis absurderweise einem linken
Konservatismus. Denn seit den Sechzigern ist die
Rettung des Alten eine Sache der Jungen, jedenfalls
der geistig Jungen. Aus dem Häuserkampf der linken
Protestbewegung ist der Gedanke der behutsamen
Künstlerhaus Georgswerder
Stadterneuerung erwachsen, der – und das ist die
nächste absurde Wendung – ein paar Jahrzehnte spä
ter zu den teuersten Altbauquartieren mit der höchsten
Rendite geführt hat. Aber im Sinne der Stadt wurde
so wenigstens das gerettet, was heute jeder sofort als
Heimatinseln erkennt.
Die unschlagbaren Qualitäten der Gründerzeitstadt als
belebendes Element wurden aber immer ergänzt
durch das Erbe der Industrie. Leerstehende Gewerbe
immobilien mit neuem Inhalt zu füllen gehört eben
falls seit den Sechzigerjahren zur stadtliebenden
Erziehungsleistung der Alternativkultur. Das Kraftwerk
Bille an der Wasserscheide zwischen City Süd und
24Frappant e. V. und Galerie in der ehemaligen Viktoria-Kaserne
dem Industriegebiet ist so ein spätes Beispiel dieses Ideen und Verzicht auf eine profitgetriebene Ent
Denkens in Möglichkeiten. Ein riesiger unverhübschter wicklungspolitik sind große Ermöglicher einer kreati
Komplex aus Hallen und Etagen, der bereits in Teilen ven Stadt – aber nicht im Ansatz Programm für die
bespielt wird von Kreativen und dem Stadtteilbüro Hamburger Baupolitik. Und deswegen sind Wohn-,
„Schaltzentrale“, könnte dieses kommende Entwick Arbeits- und Kulturprojekte, die aus dem lokalen
lungsgebiet im Osten der Stadt mit neuen Ideen Wissen um die bessere Stadt erwachsen, hier noch
befruchten. immer keine Best-Practice-Beispiele.
Ein Resümee über die Wirkungsmacht einer Stadtent Dafür brauchte es weniger Immobilien-Pharmazie
wicklung von unten fällt trotzdem eher pessimistisch verkauft vom Onkel Doktor Volksvertreter und mehr
aus, gerade, wenn man es in Relation zu den vielen knallharte Steuer- und Konzeptpolitik im Interesse
vertanen Chancen der Vergangenheit setzt, originelle kluger Vorsorge. Das wäre Heilung von modernen Narben.
Stadt zu generieren. In den großen Neubauprojekten, Die bittere Pille, die alle Stadtärzte dafür schlucken
von der HafenCity bis zur Neuen Mitte Altona, spiegelt müssten, hätte die Aufschrift: Glauben sie den „Quack
sich sehr wenig von dem wider, was die Weisheit salbern“ selbst gebauter Schmuddelecken. Am Ende
aktiver Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Inbesitznahme hatten sie immer recht.
von Altbauten immer wieder energisch ausdrückt.
Offenheit, Kleinteiligkeit, Raum für Experimente
und Improvisation, Eigen- und Gemeinschaftssinn
als produktive Gegensätze, Suche nach neuen Veranstaltungen zum Thema: 22, 23, 29, 44, 86, 88, 92, 132, 216, 222, 249
25JAKOB K. Close-Reading: Manifest des Tanzenden Menschen von Jakob Klenke (Choreograph am Bauhaus Dessau 1926–1929) 26
Ideen zu einem Neuen Menschen von Fast alle Protagonist*innen des Bauhaus waren
Bauhaus bis heute von Heike Bröckerhoff, daran interessiert, einen Neuen Menschen zu schaf-
fen. Ob bei Walter Gropius oder bei Lázló Moholy-
Moritz Frischkorn und Thomas Pearce
Nagy: Design, Architektur und Kunst dienten immer
dazu, den Menschen neu zu entwerfen. Kunst war
Jakob Klenke hat mit seinen Manifesten posthum sozial-utopisch und Design tendenziell therapeu-
für Furore gesorgt. Es gibt nur Fragmente. Manche tisch. Steck den Menschen in das gute Haus, und er
sind mit derselben Ziffer durchnummeriert und wird sich bessern. Oft sind die damit verbundenen
wirken etwas wahnsinnig. In allen aber geht es um Körperkonzepte totalisierend. Der moderne Mensch,
einen erweiterten Begriff des Bauens als Tätigkeit geschlagen vom Ersten Weltkrieg, überfordert von
des tanzenden Menschen. Wie muss man sich die der Technisierung seines Lebens, muss mit seiner
Figur des tanzenden Menschen vorstellen? Umwelt wieder in harmonische Schwingung geraten.
Das klingt für uns heute schnell unzeitgemäß und
Jakob Klenke war ein Kind der Reform- und Körper- gefährlich. Aber wenn man sich anschaut, wie sehr
kulturbewegung. Er ist dadurch schon früh mit dem wir mit unseren Smartphones verwachsen sind, dann
Ideal vom Neuen Menschen in Berührung gekommen. ist die Idee, dass designte Objekte unsere Lebens-
Da ist der Mensch Rohmaterial, das mithilfe von Kör- weise und (Selbst-)Wahrnehmung verändern,
perpraktiken wie etwa der Rhythmischen Gymnastik plötzlich nicht mehr abwegig. Der Neue Menschen
geformt werden muss. Ziel ist ein starker, schöner ist längst verwirklicht. Wir sind die Techno-Dinger,
und kraftvoller Körper. Klenke versucht dieser Perfek- von denen Klenke spricht. Nur: Wo bleibt die Harmo-
tion zu entkommen. Er schreibt etwa: „Der tanzende nie heute? Und ist das Smartphone nicht auch
Mensch sucht nach flüchtigen Verbindungen, die nur eine Form totaler Präsenz, die zunehmend unsere
in Bewegung erscheinen. Er liebt das Vergängliche, Wahrnehmung okkupiert?
Schnelle, Rauschhafte, Zitternde, Zögerliche,
Stolpernde – alles, was ihn und seine Wahrnehmung Ich verstehe das Konzept des tanzenden Menschen
aus dem Gleichgewicht bringt“ (Vers. III, 58). Klenke bei Klenke als seinen persönlichen Alternativ-Vor-
stellt dem Fitnesswahn der 20er-Jahre also eine schlag. Der tanzende Mensch ist sein Siegel für einen
eher experimentelle Tanzpraxis gegenüber. Es ist experimentellen, adaptiven, sensiblen Körper und
eine Art Wahrnehmungstraining, das auf Besonder- damit einen anderen Umgang mit sich selbst und
heiten spezifischer Körper Rücksicht nimmt. seiner Umwelt. „Der tanzende Mensch hat das The-
ater schon längst verlassen, sein Tanz ist der Aufbau
Und wie positioniert sich diese experimentelle von Lebensraum (…)“ (Vers. I, 59b). Hier kann man
Tanzpraxis im Kontext des Bauhauses, wo Klenke ja vielleicht den Bauhaus-Bezug herauslesen. Und an
gearbeitet und unterrichtet hat? anderer Stelle: „Tanz ist seine Konstruktion, tanzend
erschafft er flüchtige Bauten und Orte“ (ebd.). Nur
27im Unterschied zum bauenden Menschen würde der Wenn Klenke über die „flüchtigen Verbindungen“
tanzende Mensch sein Territorium nicht mit Flaggen (Ver. III, 59 c.) schreibt, die es tanzend zu erfassen gilt,
und Steinen markieren. Den Begriff „Lebensraum“ dann denke ich an Finanzspekulationsinstrumente,
hat Klenke übrigens in einer anderen Version seines an Derivate, an soziale Medien und wie sie unsere
Manifests durch „bewohnbare Zonen“ ersetzt. Wahrnehmung verändern. Obwohl Klenke wohl eher
Sehr wahrscheinlich, um jegliche Verbindung zum eine nuancierte, umweltfreundliche und nachhaltige,
Nationalsozialismus loszuwerden. d.h. sanfte Techno-Utopie im Sinne hatte. Aber
schon auch ein bisschen Silicon Valley. In seinem
Sein tanzender Mensch ist aber keine unschuldige, Glauben, dass aus der Naturliebe keine Technik-
gottesgleiche Figur. Auch der tanzende Mensch feindlichkeit zu folgen hat und dass romantisierende
hat Blut an den Händen, schreibt er (Vers. II b, 58). Träume einer Rückkehr zu natürlichen Gleichgewich-
Vielleicht wegen seiner häufigen Krankheiten oder ten eher gefährlich sind, darin war er sich mit Oskar
wegen einer wundersamen Geruhsamkeit hat Klenke Schlemmer voll und ganz einig. Stärker als Schlem-
die Fähigkeit, seine Doktrinen infrage zu stellen. mer aber war er an merkwürdigen Experimenten
So schreibt er: „Der tanzende Mensch hingegen interessiert. Statt gerade Linien durch den Raum
nimmt am Leben Teil. (…) Tanzend nimmt er Einfluss zu laufen und den Körpern mit Formen zu konfrontie-
auf die Dinge. Der tanzende Mensch tanzt nie allein“ ren, hat Klenke sich dem technischen Fühlen ge-
(Vers. II cx, 59). Ich frage mich, ob Klenke der Idee widmet, die Liebe zum Metall und zu Farbexperimen-
anhängt, dass alle Dinge tanzen, dass die Welt um ihn ten gepflegt. Da war schon auch etwas Hippieskes,
herum auch eine Art Tanz ist. Eine Form der expres- auch etwas Naives.
siven Morphogenese, in der sich Vielfältigkeit und
Erfindungsreichtum der Natur zeigen. Was gehörte sonst noch zu seiner
Bewegungspraxis?
Wie sähe das heute aus? Ist der tanzende Mensch Jakob Klenke war passionierter Fußgänger. Mit
ein Hippie, oder ist er der digitale Selbstoptimierer seinen Studierenden am Bauhaus unternahm
des 21. Jahrhunderts? er häufig Gruppenspaziergänge. Diese dienten dem
Klenke war auf der Suche nach einem durchlässigen Frischluftieren, dem tiefen Durchatmen und dazu,
Körper, der im Austausch steht, Schwamm ist, den Denkapparat anzukurbeln. Es handelte sich
fragil, und die Welt in sich aufsaugen kann. Ein Kör- also um bewegte Diskussionen. Die Gruppen mit bis
per, der vernetzt ist. Seine Ideen kollidieren dabei zu 20 Teilnehmenden mussten sich quasi beim Gehen
eindrucksvoll mit unserer Gegenwart. Wie durchläs- formieren und ständig neu arrangieren, um sich
sig können wir werden, ohne auseinanderzufallen? gegenseitig verstehen und folgen zu können. Die oder
Wie können wir mit dem konstanten Informations- der Sprechende lief rückwärts, mittig im Pulk oder
fluss umgehen, der durch unsere (neuronalen) Netze allen voran an der Spitze, der Gruppe zugewandt,
strömt? Müssen wir den Körper durch Übungen und war also darauf angewiesen, dass diese ihn*sie
dazu befähigen? Oder durch technische Interfaces auf Hindernisse aufmerksam machten. Man könnte
seine Wahrnehmung „enhancen“? Wohin führen sagen, das waren Klenkes frühe Massenchoreo
uns die individualisierten Trainingspraktiken der grafien. Oder seine Übungen für Schwarmintelligenz.
Fitness-Apps, und wie würde eine übende Gemein-
schaft, eine schwärmende Intelligenz aussehen? Ansonsten ist seine Bewegungspraxis ja, zumin-
Brauchen wir noch einen (materiellen) Körper? dest teilweise, schon gut rekonstruiert. Es sind eine
Reihe von Übungen, in denen in Schleifen gegangen,
28getanzt und gedacht wird. Mich interessiert aber die
Tatsache, dass Klenke schon ziemlich alt war, als er
am Bauhaus unterrichtete, sodass auch nicht klar
ist, wie ausgiebig er dort eigentlich noch Gymnastik
praktiziert hat. Ich stelle mir eher vor, dass er in sei-
nem Atelier im Prellerhaus besucht wurde, manchmal
krude Thesen und manchmal weise Sätze gespro-
chen, aber auch viel geschwiegen hat. Die „spooky
remote action“, die virtuelle Steuerung, die Radio
wellen, das faszinierte ihn sehr. Er hat vielleicht die
heutigen Datennetze schon vorgefühlt. Die sicht
baren und unsichtbaren Informationswelten, durch
die wir hindurchwandern. Manchmal hat ihm das
Albträume bereitet, vor allem wenn er Gropius’ eupho
rische Design-Visionen ertragen musste. Aber
immer hat er auch das Potenzial gesehen: sich einzu-
mischen, sich beeinflussen zu lassen. So verstehe ich
seinen letzten Satz, das „Werdet Licht“ (Vers. 61 a).
Welche Art von Kunst würde Klenke
heute machen?
Er hätte gerne die Strahlen und Daten sichtbar
gemacht, die uns umgeben. Er hätte wohl die Sende-
masten, aus denen das LTE-Internet hinauskommt,
bunt angemalt, damit wir sie nicht mehr übersehen.
Er hätte Virtual-Reality-Dérives für gestresste
Stadtmenschen erfunden, die dann in einem Park
zusammenfinden, um die Revolution gegen Google,
Facebook und Apple zu planen. Er hätte pädagogi-
sche Spiele geliebt, auf dem Handy, in der U-Bahn,
nach Mitternacht. Aber vermutlich hätte er auch
Veganismus gepredigt, die Einschränkung der indivi-
duellen Freiheit. Die technische Singularität, das
sind wir selbst, hätte er gesagt. Das schwarze Loch
der Zeit sitzt in dir. Schwing rein, schwing raus.
Er hat Querflöte gespielt. Quark und Kefir hat er
gerne gemocht. Joghurt-KULTUREN. Das waren
Tänzer*innen für ihn. Heute vielleicht: die Minimally
Invasive Chemical Body Therapy. Für eine bessere
Welt. Alles in allem: Klenke war ähnlich orientie-
rungslos wie wir heute.
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