JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David

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JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David
JOURNAL
      21                                                             WINTER 2021

Größeres Naturschutzgebiet?
Nachgefragt bei Ministerin Siegesmund.....Seite 6

Teichsanierung am Frauenkreuz
Baggern für den Artenschutz ....................... Seite 8

Naturführer zertifiziert
Botschafter für die Hohe Schrecke ........... Seite 16

Ausflugsziel Langenroda
Backöfen und Festkultur.......................Seite 26

Preisrätsel ...................................Seite 31
 Herausgegeben von der Naturstiftung David und dem Verein „Hohe Schrecke – Alter Wald mit Zukunft“
JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David
ZU DI E SE M H E FT

     Liebe Anwohnerinnen,
     liebe Anwohner, liebe Gäste,
     liebe Leserin, lieber Leser,

     die Schritte knirschen, es riecht nach
     Schnee und der Atemhauch ist als Nebel-
     wölkchen vor den Gesichtern zu sehen:
     Winterzeit in der Hohen Schrecke. Wer-
     den wir in diesem Jahr solche Eindrücke
     erleben können? Oder setzt sich die Ten-
     denz der letzten Jahre fort, in denen sich
     selbst der Januar wie ein November an-
     fühlte und im Februar schon Frühlings-
     gefühle aufkamen? Der Klimawandel
     und seine in der Region spürbaren Folgen
     schweben über diesem Heft: Was bedeutet
     die Erderwärmung für den Naturschutz im
     Wald – wenn die Sommertrockenheit zum
     Fichtensterben führt und auch die Winter
     nicht mehr ausreichend Niederschlag brin-
     gen? Ein Interview mit dem Forstamtslei-
     ter berichtet davon. Ins Gespräch gekom-
     men sind wir auch mit Umweltministerin
     Anja Siegesmund. Sie beantwortet Fragen
     aus der Region zur geplanten Erweiterung
     der Naturschutzgebietes.
        Die allgegenwärtige Corona-Pandemie
     hinterließ im letzten halben Jahr auch in
     der Hohen Schrecke deutliche Spuren. Ne-
     gative aber auch positive: Plötzlich ist die
     nähere Umgebung für viele wieder interes-
     sant geworden, und damit auch die Hohe
     Schrecke. Sie können lesen, wie gut Ra-
     benswaldweg und Hängeseilbrücke ange-
     nommen werden. Kulturhistorisch Interes-
     sierte erfahren vieles über Langenroda und
     über die Zwiebelmetropole Heldrungen.
     Dieses Heft liefert Ihnen aber auch Ein-
     blicke in die Arbeit von Munitionsbergern
     und Landschaftsgestaltern, die gemeinsam
     einen Teich für den Artenschutz sanieren.
     Viel Freude beim Lesen wünschen

     Naturstiftung David
     Hohe Schrecke – Alter Wald mit Zukunft e. V.

2 Hohe Schrecke Journal | Nr. 21
JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David
GRU SSWORT

                                                                                                 Foto: Sandra Mulzer
   Liebe Leserin, lieber Leser,
   wenn ich ganz ehrlich zu Ihnen sein darf:
   Bis vor fünf Jahren hatte ich noch nie etwas
   von der Hohen Schrecke gehört. Doch als
   ich 2016 von der Naturstiftung David einge-
   laden wurde, mir diesen urwüchsigen Wald,       Das Hohe-Schrecke-Projekt hat uns auf An-
   die tollen Streubostwiesen und die abwechs-     hieb sehr gut gefallen: Hier wirken regionale
   lungsreiche Landschaft mit ihren harmo-         Akteure und Naturschutz zusammen, um bei-
   nisch eingebetteten Dörfern anzuschauen,        des voranzubringen – den Schutz der Lebens-
   war ich sofort begeistert!                      räume und Arten sowie eine damit in Ein-
      Adrian Johst, Geschäftsführer der Natur-     klang stehende Regionalentwicklung. Hinzu
   stiftung David, sprach mich damals als Vor-     kommt natürlich die Tatsache, dass die Hohe
   sitzende des Vorstands der Regina Bauer         Schrecke ein Eldorado für viele seltene Tiere
   Stiftung an und fragte, ob wir hier unter-      ist. Sie gilt als einer der fledermausreichsten
   stützend tätig werden können. Um bedrohte       Wälder Deutschlands, sogar die anspruchs-
   Tiere zu schützen, hat Regina Bauer 2010 in     volle Mopsfledermaus kommt hier vor. Auch
   München eine gemeinnützige Stiftung ge-         die Zahl der nachgewiesenen Urwald-Käfer,
   gründet und diese als Erbin ihres Vermö-        die nur in besonders alten Wäldern zu finden
   gens eingesetzt. Dem Wunsch der Stifterin       sind, ist mit zwanzig Arten rekordverdächtig
   folgend, setzt sich die Regina Bauer Stiftung   hoch. Ebenso sind Wildkatze, Schwarzstorch
   für eine Welt ein, in der Tiere als unsere      und Schwarzspecht in der Hohen Schrecke
   Mitgeschöpfe Anspruch auf Unversehrtheit        zu Hause. Um den Lebensraum dieser selten
   und ein artgerechtes Leben haben. Im Vor-       gewordenen Tiere langfristig zu schützen,
   stand der Stiftung waren wir uns schnell ei-    beteiligen wir uns gern mit einer finanziel-
   nig, dass Maßnahmen zum Schutz bedroh-          len Unterstützung: Seit 2018 gibt die Regina
   ter Tierarten langfristig gefördert werden      Bauer Stiftung jährlich 20.000 Euro in die Re-
   und die östlichen Länder den Förderschwer-      gion, um Artenschutzmaßnahmen umzuset-
   punkt bilden sollen. Denn hier gibt es oft      zen – wie beispielsweise das Errichten von
   noch phantastische, naturnahe Landschaf-        Hirschkäferwiegen, die Sicherung von Fle-
   ten mit vielen seltenen Arten. Gleichzeitig     dermausquartieren oder die Sanierung von
   ist es aber auch deutlich schwerer als im Sü-   Teichen als Lebensraum für Libellen und
   den und Westen der Republik, Spendenka-         Molche. Ich bin davon überzeugt, dass diese
   pital und Fördermittel für den Erhalt dieses    Gelder ganz im Sinne unserer Stifterin in
   Naturreichtums einzuwerben.                     der Hohen Schrecke gut angelegt sind. Per-
                                                   sönlich wünsche ich allen Akteuren vor Ort
                                                   weiterhin gutes Gelingen und bin schon jetzt
                                                   gespannt auf meinen nächsten Besuch in
                                                   Nordthüringen.
                                                      Ich freue mich, dass Sie, liebe Leserinnen
                                                   und Leser, die Entwicklungen in und um die
                                                   Hohe Schrecke ebenso interessiert verfol-
                                                   gen und wünsche Ihnen viel Freude mit der
                                                   neuen Ausgabe des Journals.

                                                   Henriette Berg
                                                   Vorstandsvorsitzende
                                                   Regina Bauer Stiftung

Foto: Thomas Stephan

                                                                                  Hohe Schrecke Journal | Nr. 21       3
JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David
A KTU E L L E S

   Ein Jahr Hängeseilbrücke
   Sie war nicht unumstritten, sie war nicht billig und sie war eine Hoffnung für die Region:
   Seit einem Jahr können nun auf der Hängeseilbrücke Wanderer in luftiger Höhe das Bärental
   überqueren. Nach Abschluss der Wandersaison ist es Zeit für eine erste Bilanz.
   Wahrscheinlich gibt es wenige Menschen,     trieben, erklärt Hertwig. „Konkrete Zah-      Schuchardt. Als passionierte Jägerin und
   die so häufig zur neuen Hängeseilbrücke     len erhalten wir erst, seit im Frühjahr der   Mitglied der Jagdgenossenschaft sieht sie
   laufen wie Peter Dorsch. Als Wanderfüh­     Parkscheinautomat in Braunsroda in Be-        die Brücke nach wie vor kritisch. Leider
   rer war er in der Hauptwandersaison         trieb genommen wurde.“ Allein in den          käme es immer wieder vor, dass Besucher
   zwischen Juni und September fast jeden      Monaten Mai bis September seien pro           vom Weg abkommen oder noch nach der
   zweiten Tag an der Brücke. Dorsch ge-       Monat über 1.000 Parktickets verkauft         Dämmerung im Wald unterwegs seien.
   hört zu jenen, die den Bau von Anfang       worden. „Insgesamt gehen wir davon aus,       „Aus Sicherheitsgründen ist eine Beja-
   an begrüßt haben. Als es dann aber im       dass zwischen 50.000 und 60.000 Perso-        gung, zu der wir als Jäger ja verpflich-
   vergangenen Oktober so richtig losging,     nen die Brücke besucht haben“, so Hert-       tet sind, im Umfeld der Brücke daher
   da war er von dem Ansturm überrascht:       wig. Damit sei der von einigen befürch-       kaum mehr möglich.“ Besonders ärgert
   „Wir wurden ja regelrecht überrannt. Da     tete Massenansturm ausgeblieben. Für          die Frau aus Reinsdorf das rücksichts-
   habe ich damals gedacht, vielleicht ha-     Dagmar Dittmer, Vorsitzende des Hohe-         lose Verhalten mancher Wanderer, die
   ben die Skeptiker doch Recht gehabt mit     Schrecke-Vereins, sind die Zahlen ein Be-     einfach quer über den Acker laufen oder
   ihren Befürchtungen und die trampeln        leg dafür, dass das Konzept Hängeseil-        ihre Hunde nicht anleinen. „Laut Thürin-
   uns jetzt den Wald kaputt“. Doch wenn       brücke aufgegangen ist. „Wir haben von        ger Waldgesetz gibt es eine klare Leinen-
   Dorsch heute auf die vergangenen Mo-        Anfang an betont, dass wir keinen Mas-        pflicht, die im gesamten Wald gilt.“, be-
   nate zurückblickt, dann überwiegt für       sen- und Eventtourismus in der Hohen          tont Schuchardt. Zugleich räumt sie ein,
   ihn das Positive. Besonders freut ihn,      Schrecke wollen.“ Ein besonders wichti-       dass sich viele Wanderer vorbildhaft ver-
   dass kein Müll im Wald herum liegt: „Die    ger Punkt sei, dass die Brücke erwan-         halten würden. Und sie spricht auch ein
   Leute sind wirklich unwahrscheinlich        dert werden muss und nicht direkt mit         Lob aus: „Für so viele Besucher gibt es er-
   verantwortungsvoll.“                        dem Auto angefahren werden kann.              staunlich wenig Müll, der liegen bleibt.“

   Massenansturm blieb aus                     Gebote auch durchsetzen                       Rettungswege sichern
   Fest steht, dass die Hängeseilbrücke sehr   Allerdings versuchen doch ein paar We-        In die Schlagzeilen geriet die Brücke Ende
   gut angenommen wird. Das Besucher-          nige trotz bestehender Verbote mit ih-        August. Ein Wanderer wurde von einer
   aufkommen sei seit der Eröffnung sehr       rem Auto direkt bis an die Brücke heran-      Hornisse gestochen und erhielt einen al-
   groß, sagt Anna Hertwig vom Planungs-       zufahren. „Wer keine Erlaubnis hat und        lergischen Schock. Der herbeigerufene
   büro IPU in Erfurt, das sich im Auftrag     trotzdem durch den Wald fährt, begeht-        Rettungsdienst konnte eine Schranke
   des Hohe-Schrecke-Vereins um die tou-       eine Ordnungswidrigkeit“, erklärt Forst-      nicht passieren und nur auf Umwegen
   ristische Vermarktung der Brücke küm-       amtsleiter Uli Klüßendorf. Er verweist        den Wanderer bergen. Eigentlich hätte
   mert. Aufgrund des ersten Lockdowns         darauf, dass man es in der Regel aber         der Rettungsdienst den passenden Schran-
   gab es den größten Besucheransturm um       zunächst bei einer Ermahnung belasse.         kenschlüssel dabeihaben müssen, erklärt
   Pfingsten herum. Danach habe ganz of-       Die meisten Leute zeigten sich einsichtig     Dagmar Dittmer vom Verein Hohe Schre-
   fensichtlich auch der MDR-Fernsehfilm       und kehrten wieder um. Dass die Brücke        cke. „Wir haben den Vorfall zum Anlass
   über die Hängeseilbrücke viele Besucher     immer wieder direkt angefahren werde          genommen und mit allen Beteiligten un-
   in die Hohe Schrecke gelockt. In einigen    liege auch daran, dass man sich in Reins-     ser bestehendes Rettungskonzept überar-
                                                                                                                                           Foto: Stefan Schwill

   Internetforen ist von über 100.000 Be-      dorf noch nicht auf ein Durchfahrtsver-       beitet. Dabei haben wir unter anderem si-
   suchern die Rede. Das sei deutlich über-    bot habe einigen können, erklärt Madlen       chergestellt, dass sich alle Schranken mit

4 Hohe Schrecke Journal | Nr. 21
JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David
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                                                                                                                                                                                                                          einem Dreikantschlüssel öffnen lassen.“       quer durch den Ort fahren und überall        mehr so viel von der Hängeseilbrücke
                                                                                                                                                                                                                          Außerdem arbeite man derzeit an einem         parken.“, erklärt Dittmer. „Wir freuen uns   sprechen, sondern von der Hohen Schre-
                                                                                                                                                                                                                          Leit- und Kennzeichnungssystem. „So           hier besonders über die Unterstützung        cke als Ganzes. „Wir vom Hohe-Schrecke
                                                                                                                                                                                                                          können wir gewährleisten, dass die betref-    der Vereine aus den umliegenden Orten,       -Verein sehen die Brücke nicht als einzel-
                                                                                                                                                                                                                          fende Person im Notfall besser gefunden       die sich dieser Aufgabe annehmen.“ Im        nes Highlight, sondern als Teil des Wan-
                                                                                                                                                                                                                          werden kann“, betont Dittmer. Trotz sol-      Gegenzug erhalten die Vereine einen Teil     derwegesystems in der Hohen Schrecke.“,
                                                                                                                                                                                                                          cher anfänglichen Schwierigkeiten freut       der Einnahmen aus dem Parkscheinauto-        betont Dittmer und hofft darauf, dass die
                                                                                                                                                                                                                          sich Dittmer, dass die Brücke so gut ange-    mat und können damit ihre Vereinskasse       Brücke weiterhin ein touristischer Ma-
                                                                                                                                                                                                                          nommen werde. Durch die Hängeseilbrü-         aufbessern. Wenn es nach der Vorsitzen-      gnet bleibt, sich jedoch gleichzeitig die
                                                                                                                                                                                                                          cke habe die Hohe Schrecke bundesweit         den des Hohe-Schrecke-Vereins ginge,         Aufregung um die Brücke in den kom-
                                                                                                                                                                                                                          Bekanntheit erlangt. „Das stellt uns aber     dann würde man in Zukunft gar nicht          menden Jahren etwas legen werde.
                                                                                                                                                                                                                          zugleich vor Herausforderungen“, ergänzt
                                                                                                                                                                                                                          Dittmer.

                                                                                                                                                                                                                          In Braunsroda gibt es noch
                                                                                                                                                                                                                          einiges zu tun
                                                                                                                                                                                                                          Herausforderungen, vor denen vor al-
                                                                                                                                                                                                                          lem Braunsroda mit seinen 80 Einwoh-
                                                                                                                                                                                                                          nern steht. Denn der kürzeste Weg zur
                                                                                                                                                                                                                          Hängeseilbrücke führt die meisten Besu-
                                                                                                                                                                                                                          cher über den kleinen Ort, der gleich hin-
                                                                                                                                                                                                                          ter der Autobahnabfahrt liegt. In den ers-
                                                                                                                                                                                                                          ten Wochen nach der Eröffnung war das
                                                                                                                                                                                                                          Dorf oft zugeparkt. Es fehlten Schilder
                                                                                                                                                                                                                          und Toiletten. Die Situation in Brauns-
                                                                                                                                                                                                                          roda, so räumt Dagmar Dittmer ein, sei
                                                                                                                                                                                                                          auch heute noch nicht zufriedenstellend.
                                                                                                                                                                                                                          „Aber als Verein können wir ja auch nicht
                                                                                                                                                                                                                          einfach entscheiden, wo und wie gebaut
                                                                                                                                                                                                                          wird“, gibt Dittmer zu bedenken, „Es gibt
                                                                                                                                                                                                                          in Deutschland planungsrechtliche Vor-
                                                                                                                                                                                                                          schriften, die man nicht einfach umge-
                                                                                                                                                                                                                          hen kann. Als Verein müssen wir mit den
                                                                                                                                                                                                                          verschiedenen Eigentümern, den Förder-
                                                                                                                                                                                                                          mittelgebern und der Kommune zusam-
                                                                                                                                                                                                                          menarbeiten. Das kostet Zeit.“ Sobald die
                                                                                                                                                                                                                          Eigentumsfrage geklärt sei, werde es in
                                                                                                                                                                                                                          Braunsroda einen ausgeschilderten Wan-
                                                                                                                                                                                                                          derparkplatz mit fest installierten Toilet-
                                                                                                                                                                                                                          tencontainern geben, verspricht die Ver-
                                                                                                                                                                                                                          einsvorsitzende. „Wir sind da mitten in
                                                                                                                                                                                                                          den Verhandlungen. Aber es geht voran.“

                                                                                                                                                                                                                          Vereine helfen
                                                                                                                                                                                                                          In der Zwischenzeit lässt der Verein die
                                                                                                                                                                                                                          Anwohner von Braunsroda jedoch nicht
Foto: Stephan Arnold

                                                                                                                                                                                                                          im Regen stehen. „Wir haben Parkeinwei-
                                                                                                                                                                                                                          ser organisiert, die am Wochenende da-
                                                                                                                                                                                                                          für sorgen, dass die Leute nicht kreuz und

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Hohe Schrecke Journal | Nr. 21    5
JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David
N AC H G E FRAGT

   Verfahren zur Erweiterung des
   Naturschutzgebietes Hohe Schrecke
   Das bestehende Naturschutzgebiet Hohe Schrecke soll vergrößert werden und einen neuen
   Verordnungstext erhalten. Noch bis 8. Februar 2021 läuft das Auslegungs- und Anhörungs-
   verfahren. Die Naturstiftung David und den Hohe-Schrecke-Verein haben hierzu viele Nach-
   fragen erreicht. Einige davon haben wir an das Thüringer Umweltministerium weitergeleitet
   und Umweltministerin Anja Siegesmund um Antworten gebeten.
                                               genauso wichtig ist die Festlegung aller     Wie wird mit den Hinweisen oder den
                                               Ausnahmen und zulässiger Handlungen.         Einwendungen der Bürgerinnen und Bür-
                                               Das schafft Transparenz und Rechtssi-        ger umgegangen? Gibt es überhaupt die
                                               cherheit für alle.                           Möglichkeit, an dem Verordnungsentwurf
                                                                                            noch etwas zu verändern?
                                               Warum erfolgt die Erweiterung des Na-        Die laufende öffentliche Auslegung bzw.
                                               turschutzgebietes gerade jetzt in der Co-    die Beteiligungsmöglichkeit über das In-
                                               rona-Zeit? Welche Möglichkeiten haben        ternet ist dafür da, alle Anregungen, Hin-
                                               die Bürgerinnen und Bürger sich über         weise, Kritik und Bedenken der Bürge-
                                               die neue Verordnung zu informieren und       rinnen und Bürger aufzunehmen. Das
                                               sich am Verfahren zu beteiligen?             zuständige TLUBN wird jede fristgerecht
                                               Das Verfahren zur Unterschutzstellung        eingegangene Stellungnahme prüfen
                                               ist im Thüringer Naturschutzgesetz ge-       und auswerten. Und ja, wenn die Kritik,
                                               regelt. Es umfasst eine Beteiligung aller    Bedenken oder Anregungen berechtigt
   Ein Teil der Hohen Schrecke ist bereits     Träger öffentlicher Belange – wie bei-       oder sinnvoll sind, dann wird der Verord-
   seit 2004 als Naturschutzgebiet ausgewie-   spielsweise Kommunen, Landratsämter,         nungsentwurf weiterentwickelt.
   sen. Warum soll das bestehende Natur-       Forst- und Landwirtschaftsverwaltung –
   schutzgebiet deutlich vergrößert werden?    und eine öffentliche Auslegung der Ver-      Bekommen diejenigen, die sich an das
   Mit unseren Naturschutzgebieten erhal-      ordnung mit den Karten in den Landrats-      TLUBN gewandt haben eine schriftliche
   ten und schützen wir die naturschutzfach-   ämtern und im TLUBN - dem Thüringer          Antwort?
   lich wertvollen Gebiete und Landschaften    Landesamt für Umwelt, Bergbau und Na-        Alle Einwände oder Hinweise, die Ein-
   Thüringens; sie sind das Tafelsilber des    turschutz. Zusätzlich werden die Unter-      gang in das Abwägungsprotokoll fin-
   Naturschutzes in unserem Freistaat. In      lagen im Internet zur Einsichtnahme für      den, werden gegenüber den Absendern
   der Hohen Schrecke wurden im Rahmen         jedermann eingestellt. Eine Information      schriftlich und mit Auszug aus dem Pro-
   des Naturschutzgroßprojektes von 2009       und Diskussion der Verordnungsinhalte        tokoll beantwortet. Ich kann Ihnen versi-
   bis 2012 neue, umfassende Kartierungen      ist damit möglich und ausdrücklich ge-       chern, dass in dem Verfahren nichts ver-
   durchgeführt und eine Analyse des Ge-       wünscht – unabhängig von Corona. Die         loren geht und jeder eine Antwort erhält,
   samtgebietes vorgenommen. Die unab-         Einbindung aller Bürgerinnen und Bür-        wie das TLUBN mit seinen Bedenken
   hängigen Fachleute haben damals nach-       ger ist kein Selbstzweck, sondern ein An-    oder Hinweisen umgegangen ist.
   gewiesen, dass die Hohe Schrecke und        gebot, das gerne angenommen werden
   ihre Übergangsbereiche eine besonders       sollte. Das TLUBN wird der Bürgerbetei-      In der Tagespresse wird Herr Dr. Strau-
   schützenswerte Naturausstattung mit vie-    ligung mehr Zeit als vorgeschrieben ein-     binger von der Hatzfeldt-Wildenburg-
   len seltenen und oftmals landes- und        räumen, so dass Bürgerinnen und Bürger       schen Forstverwaltung zitiert, dass man
   bundesweit gefährdeten Arten aufweist.      ihre Hinweise, Kritik oder Bedenken bis      als Waldbesitzer nicht mitgenommen
   Nicht ohne Grund reden wir hier über ein    zum 8. Februar 2021 äußern können. Le-       und „einfach überrollt“ wurde.
   Gebiet von gesamtstaatlich-repräsentati-    diglich die sonst in Thüringen angebo-       Diese Aussage in dem Presseartikel kann
   ver Bedeutung. Deshalb liegt es auf der     tenen Bürgerversammlungen zu Beginn          ich nicht bestätigen. Das TLUBN hat alle
   Hand und ist konsequent, jetzt das beste-   der öffentlichen Auslegung konnten we-       Kommunen an der Hohen Schrecke und
   hende Naturschutzgebiet zu vergrößern.      gen Corona leider nicht stattfinden. Aber    die größeren Waldbesitzer vorab über
                                               alle Kommunen und die größeren Land-         den geplanten Verordnungsentwurf und
   Warum wird der Verordnungstext neu          nutzer wurden im Vorfeld vom TLUBN           dessen Inhalte informiert. Insbesondere
   geschrieben?                                informiert. Die Ausweisung oder Ver-         Herr Dr. Straubinger wusste seit mehre-
   Wenn ein Naturschutzgebiet ausgewie-        größerung eines Naturschutzgebietes ist      ren Jahren, dass eine Vergrößerung des
   sen oder vergrößert wird, müssen der        keine geheime Aktion. Wir sollten den        Naturschutzgebietes geplant ist. Zudem
                                                                                                                                         Foto: Andreas Pöcking

   Verordnungstext und die Abgrenzungs-        Blick auch nicht allein auf die kritischen   hat er hierzu selbst, vor der öffentlichen
   karten entsprechend angepasst werden.       Stimmen einengen. Ich kann mir durch-        Auslegung, Gespräche mit dem TLUBN
   In der Verordnung sind nicht nur der        aus vorstellen, dass sich auch die Befür-    geführt.
   Schutzzweck zu definieren und erforder-     worter einer Schutzgebietserweiterung
   liche Regeln zu formulieren. Mindestens     zu Wort melden werden.

6 Hohe Schrecke Journal | Nr. 21
JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David
Es gibt Befürchtungen, dass die Waldbe-      Gibt es Einschränkungen bei der land-
                                        wirtschaftung in der Hohen Schrecke zu-      wirtschaftlichen Flächennutzung oder der
                                        künftig nicht mehr möglich ist oder stark    Nutzung von Förderprogrammen?
                                        eingeschränkt sei. Ist dem so?               Landwirtschaftlich genutzte Flächen sol-
                                        Auch das kann ich so nicht bestätigen. In    len nur im notwendigen, eher geringe­rem    gebotes reagieren würden. Nicht zuletzt
                                        dem Verordnungsentwurf sind drei Ka-         Umfang in das Naturschutzgebiet inte-       zählt zu einem guten Erholungsangebot
                                        tegorien vorgesehen. Erstens die soge-       griert werden. Die Nutzung von Acker-       eine gute Besucherlenkung. Daher blei-
                                        nannten Prozessschutzflächen, auf denen      und Grünlandflächen im Rahmen der gu-       ben Informationstafeln und Wegebeschil-
                                        keine forstliche Nutzung mehr stattfin-      ten fachlichen Praxis bleibt grundsätz-     derungen natürlich zulässig.
                                        den soll. Hier sind keine privaten Wald-     lich zulässig. Für im Naturschutzgebiet
                                        besitzer betroffen, es sei denn, sie haben   liegende Flächen können auch weiterhin
                                        sich ausdrücklich damit einverstanden        Förderanträge – beispielsweise im Kultur-
                                        erklärt und dafür bereits einen finanziel-   landschaftsprogramm (KULAP) – gestellt
                                        len Ausgleich erhalten.                      werden.
                                           Dann gibt es eine Kategorie mit be-                                                     Die Verfahrensunterlagen für die Er­
                                        sonderen Auflagen für die Waldbewirt-        Steht die Naturschutzgebietsausweisung        wei­terung des Naturschutzgebie­tes
                                        schaftung. Diese Auflagen waren bei den      nicht der touristischen Entwicklung ent-      Hohe Schrecke sind im Internet
                                        betroffenen Privatwaldbesitzern aber be-     gegen? Darf man im Wald überhaupt             (www.tlubn.thueringen.de – hier un-
                                        reits Bestandteil des Kaufvertrages oder     noch spazieren gehen?                         ter Service/Anhörungs- und Ausle-
                                        die Waldeigentümer haben sich mit der        Natürlich darf und soll man weiterhin         gungsverfahren/Naturschutz/Aus-
                                        Naturstiftung David als Trägerin des Na-     spazieren gehen. Ich selbst habe mich         legung NSG „Hohe Schrecke“) einseh-
                                        turschutzgroßprojektes freiwillig vertrag-   mit der Hängeseilbrücke im Bärental für       bar und liegen bis zum 8. Februar
Foto: Thomas Stephan (1), pixabay (1)

                                        lich gebunden.                               eine touristische Aufwertung der Ho-          2021 auch in den Landratsämtern
                                           Die dritte Kategorie umfasst alle an-     hen Schrecke eingesetzt. Mit Erfolg wie       des Kyffhäuserkreises und des Land-
                                        deren Waldflächen. Hier ist und bleibt       die Besucherzahlen zeigen. Ich kann mir       kreises Sömmerda, sowie im Thürin-
                                        die „ordnungsgemäße forstwirtschaftlich      auch einen Verzicht auf das Wegegebot         ger Landesamt für Umwelt, Bergbau
                                        Nutzung“ bei Beachtung des Schutzzwe-        vorstellen wie es im Nationalpark Hai-        und Naturschutz (TLUBN) in Wei-
                                        ckes zulässig und bedarf auch keiner ge-     nich seit Jahren erfolgreich gelebt wird.     mar öffentlich aus.
                                        sonderten behördlichen Zustimmung.           Ich bin gespannt wie Waldeigentümer
                                                                                     oder Jäger auf den Verzicht des Wege-

                                                                                                                                           Hohe Schrecke Journal | Nr. 21   7
JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David
R EPORTAG E

   Auspumpen, Sondieren, Abdichten –
   Teichsanierung am Frauenkreuz
   In den vergangenen Jahren wurden schon mehrere Gewässer in der Hohen Schrecke aus
   naturschutzfachlichen Gründen saniert. Diesmal war die Aufgabe jedoch voller spezieller
   Herausforderungen. Von der Planung über die Finanzierung bis hin zur Umsetzung.
   Als Dierk Conrady an diesem November-        sagt Markus Scholz. Er ist Geschäftsfüh-   Idee“, lacht Dierk Conrady, „fast wie bei
   Vormittag beim Frauenkreuzteich am           rer der Firma Koch aus Oranienburg. In     uns in Stade damals.“ Conrady ist an der
   Rande des ehemaligen Schießplatzes ein-      einem Ausschreibungsprozess hatte die      Elbe zwischen Hamburg und Cuxhaven
   trifft, wird gerade ein etwa 10 Zentimeter   Firma aus Brandenburg den Zuschlag für     aufgewachsen. Jeder kleine Ort hatte dort
   dicker Industrieschlauch über den Damm       die Suche und Bergung möglicher Mu-        einen Hafen. Wenn das Wasser sich zu-
   gezogen. So einer wie man ihn beim Ab-       nition erhalten. Im Hintergrund stapfen    rückzog, erzählt er, dann seien sie als
   pumpen von Klärgruben verwendet. Die         zwei Männer zwischen Teich und Wald-       Kinder auf selbstgebauten Holzschlitten
   Firma Höwner aus Riethgen bei Söm-           kante mit Metalldetektoren über das mit    über den Schlick gerudert, um Aale zu
   merda hat damit gerade den Teich hin-        Stubben bestandene und mit dicken Äs-      fangen. Nach dem gleichen Prinzip soll
   term Damm leergepumpt. Ihr Job ist           ten übersäte Gelände. Das Piepen ihrer     nun hier nach Munition gesucht werden.
   für heute getan. Er ist die Basis für das,   Sonden ist bis hierher zu hören. An meh-   Denn selbst mit Wathosen wäre es kaum
   was nun folgen soll: Die Suche nach al-      reren Stellen markieren Pflöcke und ne-    möglich, überall den meterdicken Schlick
   ter Munition und – wenn nötig – deren        onfarbene Sprayflecken die Stellen, an     auf dem Teichgrund zu betreten: Man
   Bergung. Der Biologe Conrady stellt sich     denen die Zeigernadeln der Geräte aus-     würde schlicht feststecken bleiben oder
   den Landschaftsbauern und Munitions-         schlugen – dort muss nachgegraben wer-     gar versinken.
   bergern vor. Bisher kennt er sie nur vom     den. „Als nächstes messen wir das Such-
   Telefon.                                     feld im Teich ein und dann schauen         Spuren aus der Sowjetzeit
                                                wir mal, wie die Schlickrutsche funktio-   Während Péntek die sensiblen Sensoren
   Aktion Schlickrutsche                        niert.“ Unten am Teich ist der Geophysi-   auf der Schlickrutsche montiert, nutzt
   Gemeinsam gehen die Herren ein paar          ker András Péntek dabei, Pflöcke in den    sein Kollege Markus Scholz die Zeit, um
   Schritte auf den Damm. Von dort blickt       Schlamm zu schlagen und mit dem Roll-      mit gehörigem Sicherheitsabstand an
   man auf den etwa 40 x 20 Meter großen        maß ein Geviert abzutragen, 360 Quad-      den mit Farbspray markierten Stellen
                                                                                                                                       Fotos: Dr. Dierk Conrady

   und schlammigen Teichboden. In der           ratmeter groß. Aus drei zusammenge-        am Teichufer zu graben. Schnell kommt
   Mitte drückt schon wieder Wasser aus         schraubten Mörtelwannen haben die          ein kleiner Haufen Schrott zusammen:
   der im Untergrund befindlichen Quelle        Munitionsberger ein Gefährt gebaut,        Erst vier halbmeterlange angespitzte
   nach. „Rings um den Teich haben wir          mit dem sie gefahrlos ihre Sonden über     Winkeleisen. Vielleicht waren das mal
   soweit sondiert, nur dort wo die Holz-       den Schlammboden des abgepumpten           Heringe von einem Mannschaftszelt?
   haufen liegen müssen wir nochmal ran“,       Teiches ziehen können. „Das war meine      Dann eine Handvoll 20 Zentimeter lange

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JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David
und 6 Zentimeter dicke verrostete Hül-       ten im Wald und an so abgelegenen Stel-
                      sen. Auch das keine Munition aus der         len kosten halt Zeit.
                      Zeit, als hier die Sowjetarmee einen Pan-
                      zerübungsplatz betrieb. „Vielleicht sind     Seilschafts-Kraftakt
                      das Bolzen oder Wälzlagerteile von Pan-      für die Rasterfahndung
                      zerketten?“, mutmaßt Scholz, dessen in       Inzwischen hat András Péntek alles vor-
                      Oranienburg nördlich von Berlin ansäs-       bereitet für die Sondierung im Schlamm.
                      siger Betrieb schon zahlreiche Entmuni-      An langen Seilen ziehen zwei Mann die
                      tionierungen ehemaliger Militärgelände     Schlickrutsche über den Teich und wen-
                      durchgeführt hat, ob nun in Branden-        den das Gefährt. Dann ziehen es ihre bei-
                      burg, Mecklenburg-Vorpommern oder            den Kollegen möglichst gleichmäßig zu-
                      Thüringen.                                   rück ans andere Ufer. Auf diese Weise
                         Von fern rumpelt indessen das Ge-         entsteht ein Raster im Schlamm – und
                      räusch eines Kettenbaggers heran und         ein digitales Raster im Chip, der die Da-
                      erinnert an die Zeiten, als hier die Pan-    ten der drei parallel montierten Sonden
                      zer in Kolonnen durch die Dörfer fuh-        speichert. Es dauert gut anderthalb Stun-
                      ren, die Gläser in den Schränken zitterten   den, bis die Schlickrutsche die gesamte
                      und die Leute zusammenzuckten, wenn          Fläche abgefahren hat. Die Männer kom-
                      die Übungsschüsse durch die Stille hall-     men dabei ganz schön ins Schwitzen, zu-
                      ten. „Zum Glück ist das vorbei“, meint       mal an diesem ungewöhnlich milden No-
                      Manuel Höwner, der sich noch erinnern        vembertag sogar ab und an die Sonne
                      kann, dass die Hohe Schrecke militäri-       durchkommt.
                      sches Sperrgebiet war. Höwner hat den           „Das alles ist nur die Vorarbeit“, sagt
                      Termin heute benutzt, um das weitere         Dierk Conrady am Rand des Gesche-
                      Vorgehen mit dem Auftraggeber Dierk          hens. „Ein kostspieliger, aber notwendi-
                      Conrady von der Naturstiftung David          ger Teil der Teichsanierung.“ Der Teich
                      abzustimmen. Denn nach der Entmuni-          ist über die Jahre verschlammt und klei-
                      tionierung ist seine Garten- und Land-       ner geworden. Als ein Windstoß die gel-
                      schaftsbaufirma für die eigentliche Re-      ben Blätter von den Birken und Eichen
                      naturierung des Teiches verantwortlich,      ringsum ins Wasser weht, sieht man au-
                      und da gibt es etliche Details vor Ort zu    genfällig warum das so ist. Außerdem
                      besprechen. Jetzt muss der Unternehmer       sei der Damm durch den Bewuchs löch-
                      aus Sömmerda aber noch warten bis der        rig geworden – er müsse mit speziellen
                      Bagger ankommt. Denn an dem führt            Lehm­m atten abgedichtet werden, um
Fotos: Tobias Barth

                      kein Weg vorbei auf den schmalen Forst-      den Wasserspiegel wieder steigen zu las-
                      straßen. Als der 15-Tonner endlich da ist,   sen, erklärt der auf Wald-und Offenland-
                      meint der Baggerfahrer lapidar: „35 Mi-      lebensräume spezialisierte Biologe der
                      nuten, und das im Schnellgang!“ Arbei-       Naturstiftung David.

                                                                                                                Hohe Schrecke Journal | Nr. 21   9
JOURNAL 21 WINTER 2021 - Naturstiftung David
Lieblingsplätze für Libellen            entschlammt, die wuchernden Ufer-
                                                 Blaugrüne Mosaikjungfer heißt eine      pflanzen entfernt und das Umfeld frei-
                                                 Libelle, die hierzulande                gestellt. Bereits im nächsten Sommer
                                                 im Sommer und                           wird sich sehr wahrscheinlich eine ar-
    Länderübergreifende                          Herbst an Gewäs-                        tenreichere Gemeinschaft einstellen,
    Abstimmung                                   sern aller Art gese-                    die diese nährstoffarmen Bedingun-
    Eine Herausforderung für Planung und         hen werden kann.                        gen braucht. Dann treten vor allem an-
    Finanzierung war die Tatsache, dass          Sie stellt nur geringe                  spruchsvollere Arten auf. Ein typischer
    durch den Teich die Landesgrenze zwi-        Ansprüche und über-                                    Vertreter ist der Blauschil-
    schen Thüringen und Sachsen-Anhalt           lebt selbst an Tüm-                                lernde Plattbauch (Foto), eine
    verläuft. Der Damm liegt in Thüringen.       peln und schlickrei-                                 Libellenart mit einem abge-
    Hier erfolgte in der Vergangenheit auch      chen Pfuhlen, wie der                                 flachten Hinterleib, die vor
    schon eine Munitionsbergung (siehe           Teich am Frauen-                                  allem vegetationslose, schlam-
    auch Journal Nr. 14). Große Teile des        kreuz vor der                                       marme Tümpel besiedelt. Im
    noch nicht nach Munition untersuchten        Sanierung einer                                   Laufe der nächsten Jahrzehnte
    Teiches aber liegen im Nachbarland. Für      war. Hohe Nährstoff­                                     bilden sich dann wieder
    die Planung der Gewässerrenaturierung        einträge durch dichtste-                             Ufervegetation und Wasser-
    hieß das: Unterschiedliche Eigentümer        hende Bäume hatten über                                 pflanzen. Es beginnt eine
    und Behörden beider Bundesländer um          viele Jahre die Bedingungen für                           spannende Abfolge ver-
    Zustimmung bitten. Besonders schwie-         andere Arten zunehmend ver-                               schiedener artenreicher
    rig gestaltete sich die Finanzierung: „Das   schlechtert. Jetzt ist der Teichboden                   Libellen-Gemeinschaften.
    Naturschutzgroßprojekt läuft nur in
    Thüringen. Die Fördergelder dürfen wir
    deshalb nicht für Maßnahmen in Sach-
    sen-Anhalt ausgeben“, erläutert Dierk
    Conrady. Gleichzeitig lasse sich aber
    auch nicht nur ein halber Teich sanie-
    ren. Gelöst wurde das Problem mit einer
    Förderung der Stiftung Umwelt – Natur
    – Klimaschutz des Landes Sachsen-An-
    halt. „Dafür sind wir sehr dankbar – al-
    lerdings hat uns allein die Klärung der
    Finanzierung fast ein Jahr gekostet“, er-
    innert sich der Stiftungsmitarbeiter.
       Inzwischen hat András Péntek die Da-
    ten aus dem Sonden-Chip ausgelesen
    und von der Software am Laptop bear-
    beiten lassen. Auf dem Bildschirm sind
    sehr schön die Stellen zu sehen, an de-
    nen die Messwerte Metall im Schlick des
    Teiches vermuten lassen. Teilweise lie-

10 Hohe Schrecke Journal | Nr. 21
gen sie so weit im Inneren, dass der Bag-    mehr­fach bis an die Oberschenkel im
                                                                   ger mit seinem langen Greifer zum Ein-       Schlick, als er Stämme positioniert und       Weitere Teichsanierungen
                                                                   satz kommen muss.                            den Bagger dirigiert. Schließlich – in-       Der Frauenkreuzteich ist nicht
                                                                                                                zwischen hat der Baggerfahrer schon die       die erste Teichsanierung im Na-
                                                                   Knüppeldamm                                  Strahler seiner Maschine angeschaltet –       turschutzgroßprojekt. Im Win-
                                                                   und schlurfende Stiefel                      reicht der Schaufelarm bis an die mar-        ter 2014/15 wurde am Pfingstfleck
                                                                   Als der Geräteführer den Bagger um den       kierte Stelle heran und holt schlurfend       oberhalb von Hauteroda gearbei-
                                                                   Teich herum fahren will, wird schnell        das lehmige, nach Moder riechende Ma-         tet (siehe Journal 13). Dort speist
                                                                   klar: Ein Knüppeldamm muss her. Denn         terial aus dem Gelände heraus und legt        der Helderbach eine Löschwasser­
                                                                   der schwere Bagger droht im schlammi-        es auf die Seite. Sofort kommt einer mit      entnahmestelle, die als Speicher-
                                                                   gen Uferbereich zu versinken. Die Män-       der Sonde und siehe: Es piept. Laut und       becken zugleich dem Hochwasser-
                                                                   ner laden meterlange Baumstämme in           heftig. Diesmal ist es ein simples Stück      schutz dient. Schwemmsand, Laub
                                                                   die Baggerschaufel und schleppen noch        Draht. „Naja, immerhin beweist es, dass       und Pflanzenbesatz hatten fast zur
                                                                   längere Stämme heran. Sie liegen von         die Sonde funktioniert“, meint Scholz         Verlandung des Teiches geführt.
                                                                   den Fällarbeiten hier, die auf einer Seite   lakonisch, ehe er zwecks Kontrollgang         Ein Auffangbecken mit Flachwas-
                                                                   des Teiches im Vorfeld gemacht worden        noch mal in den Teich steigt, um nach-        serzone wurde geschaffen, der un-
                                                                   sind, um langfristig den Laubeintrag         zusondieren. Alles sauber. Die letzte Ver-    tere, größere Teil des Teiches frei
                                                                   in den Teich klein zu halten und eine        dachtsstelle fördert dann noch einen al-      geräumt. Inzwischen nehmen Li-
                                                                   Lichtung zu schaffen. Der Bagger ent-        ten rostigen Sonnenschirmständer ans          bellen und Amphibien das Ge-
                                                                   lädt seine Schaufel im Uferschlick. Die      Licht – dann sind alle sondierten Punkte      wässer wieder gut an. Die reichen
                                                                   Männer bauen einen etwa 7 Meter lan-         abgearbeitet. Alle sind erleichtert. In den   Amphibienvorkommen locken in
                                                                   gen Damm, auf dem sich das tonnen-           nächsten Tagen kann nun die eigent-           nahezu jedem Frühjahr auch den
                                                                   schwere Gerät dann langsam vorantastet,      liche Teichsanierung durch die Firma          Schwarzstorch an.
                                                                   immer wieder prüfend und verdichtend         Höwner beginnen, die jetzt sicher und            Im Winter 2016/17 ging es dann
                                                                   die Schaufel und das Vorderschild ein-       ohne Angst vor Sprengmitteln arbeiten         weiter mit drei Teichen oberhalb
                                                                   setzend. Inzwischen ist es bewölkt und       kann. „Vielleicht“, sagt Dierk Conrady bei    von Kleinroda (siehe Journal 16).
                                                                   langsam setzt Dämmerung ein an die-          der Abfahrt, „siedelt sich hier schon im      Leider nur mit bedingtem Erfolg.
                                                                   sem kurzen Novembertag. Aber weil            nächsten Jahr die wunderschöne Platt-         Aufgrund eines Fehlers in der
                                                                   es grundsätzlich so gut lief heute, wol-     bauch-Libelle an – keine drei Kilometer       Deckschicht verlor der Dorfteich
                                                                   len alle noch an diesem ersten von zwei      von hier entfernt konnten wir sie nach-       sehr schnell sein Wasser. Hier wird
                                                                   geplanten Tagen fertig werden. Markus        weisen“.                                      in Kürze nachgebessert – so dass
                                                                   Scholz versinkt mit seiner Wathose                                                         der Teich dann hoffentlich ab dem
                                                                                                                                                              Frühjahr 2021 wieder eine ausrei-
                                                                                                                                                              chend große Wasserfläche hat.
                                                                                                                                                                 Auch oberhalb von Langenroda
                                                                                                                                                              steht ein Teich im Blickpunkt. Nach-
                                                                                                                                                              dem der Teich jetzt in das Förderge-
                                                                                                                                                              biet des Naturschutzgroßprojektes
                                                                                                                                                              aufgenommen worden ist, soll im
                                                                                                                                                              Jahr 2021 dort ebenfalls die Sanie-
                                                                                                                                                              rung der Deckschicht erfolgen.
                                                                                                                                                                 Auf dem Arbeitsplan des Natur-
                                                                                                                                                              schutzgroßprojektes steht außer-
                                                                                                                                                              dem noch die Renaturierung des
                                                                                                                                                              Teiches im Hirschbachtal. Hier
                                                                                                                                                              wird mit einer Umsetzung im Jahr
                                                                                                                                                              2022 gerechnet.
Fotos: Tobias Barth, LIBELLE (3), alslutsky/shutterstock.com (1)

                                                                                                                                                              Die Sanierung des Frauenkreuzteiches
                                                                                                                                                              wurde zusätzlich zur Förderung des
                                                                                                                                                              Naturschutzgroßprojektes auch mit
                                                                                                                                                              Mitteln der Stiftung Umwelt – Natur –
                                                                                                                                                              Klimaschutz des Landes Sachsen-
                                                                                                                                                              Anhalt finanziert.

                                                                                                                                                                       Hohe Schrecke Journal | Nr. 21   11
R EPORTAG E

     Obstexperten zu Besuch
     Sie kennen sich aus mit Bestimmung und systematischer Einteilung der Obstsorten. Und ent-
     decken doch immer wieder Neues. Einmal im Jahr treffen sich die Thüringer Pomologen zum
     Austausch in interessanten Regionen – diesmal in der Hohen Schrecke.
     Auf dem Wanderparkplatz am Ortsein-          Rintisch erklärt die Besonderheiten der     fen austauschen, wie Weinkenner über
     gang von Hauteroda ist an diesem Sams-       kleinen Kirschbaumplantage. Es handelt      verschiedene Weine. Egal ob es dabei um
     tagmorgen Anfang September kein Platz        sich um seltene Kirschsorten, wie sie zum   Kirschen, Birnen oder Äpfel geht.
     mehr frei. Hier und dort gibt es ein gro-    Teil nur hier in der Hohen Schrecke vor-
     ßes Hallo – viele kennen sich. Jemand hat    kommen. Die Exkursionsteilnehmer be-
     ein provisorisches kleines Frühstück-Buf-    schauen die Bäume mit fachmännischen
     fet aufgebaut. Es gibt Kaffee und Tee aus    Blicken. Und schon bald entspinnt sich
     großen Thermoskannen. Nachdem sich           eine rege Diskussion über die richtige
     alle gestärkt haben, heißt Ingo Rintisch     Pflege und Zucht von Kirschbäumen. Be-
     seine Gäste willkommen und erklärt kurz      griffe wie 80er Böden, Unterlagen oder
     den Tagesablauf. Rintisch ist Leiter einer   Wickelmannschutz bleiben für den Au-
     Baumschule in Herbsleben und wie die         ßenstehenden zunächst unverständlich.
     meisten, die sich hier zusammenfinden,       Doch auf dem Weg zur nächsten Station
     Mitglied im Thüringer Pomologen-Ver-         der Wanderung bietet sich reichlich Gele-
     ein. Die Pomologie ist die Lehre der Obst-   genheit, etwas mehr über die Kunst der
     sorten und des Obstbaus. Der Name geht       Obstbaumzucht zu lernen. Eine Sache
     auf den lateinischen Namen Pomona, die       wird im Gespräch sehr schnell deutlich:
     Göttin der Gartenfrüchte zurück. Einmal      Insgesamt gibt es viel mehr Obstsorten      Von äußeren
     im Jahr treffen sich die Vereinsmitglieder   als wir aus den Supermarktregalen ken-      und inneren Werten
     zu einem gemeinsamen Ausflug in Thü-         nen. Wer hätte zum Beispiel gedacht,        Jeder, der schon einmal einen Apfel am
     ringen. Diesmal hat sich der Verein hier-    dass man allein in der Hohen Schrecke       Wegrand gepflückt hat, kennt wahr-
     für die Hohe Schrecke ausgesucht. Viele      weit über 50 verschiedene Süßkirschsor-     scheinlich das Gefühl: Der Apfel trägt
     sind zum ersten Mal hier.                    ten finden kann? Und jede dieser Sor-       vielleicht schon ein paar Druckstellen
                                                  ten hat einen ganz eigenen Charakter,       und hat meist keine Idealmaße – aber er
     Seltene Kirschsorten                         unterscheidet sich in Form, Farbe, Fes-     schmeckt intensiv nach Apfel. Allein in
     Zu Fuß geht es zunächst zum nahe ge-         tigkeit und nicht zuletzt im Geschmack.     Deutschland gibt es über 2.000 verschie-
     legenen Ochsenberg. Ende 2019 wurden         Über das Thema Geschmack können sich        dene Apfelsorten. Doch im Supermarkt-
     hier im Auftrag der Naturstiftung David      Pomologen so ausgiebig und mit einem        regal sucht man diese Vielfalt meist ver-
     80 junge Kirschbäume angepflanzt. Ingo       ähnlich umfassenden Arsenal an Begrif-      geblich. Nur sieben Hauptsorten werden

12    Hohe Schrecke Journal | Nr. 21
in Deutschland regelmäßig im Handel
                                             angeboten. Sie alle wurden auf ein ein-
                                             heitliches Maß gezüchtet, damit sie leicht
                                             zu ernten sind und vor allem möglichst
                                             lang jung, frisch und strahlend aussehen.
                                             Doch diese Bilderbuchäpfel schmecken
                                             dann oft auch ein wenig langweilig.
                                                Vielen Pomologen, wie Gerd Ulm, lie-
                                             gen die alten Obstbaumsorten am Her-
                                             zen. Nicht nur, weil sie besser schmecken,
                                             sondern weil sie oft eine lange Geschichte
                                             haben. Viele Sorten gibt es schon seit
                                             weit über 100 Jahren. Das Wissen um sie
                                             ist ein kulturelles Erbe, das es zu bewah-
                                             ren gilt. Dem Pomologen aus Neustadt im
                                             Harz geht es wie vielen hier – sie wurden
                                             bereits früh mit der Leidenschaft für den
                                             Obstbau angesteckt. Bei Gerd Ulm war es
                                             der Großvater, der zahlreiche Obstbäume
                                             hatte und den Enkel nach der Schule mit
                                             auf die Streuobstwiese nahm.

                                             Rückkehr zur alten Liebe
                                             Später absolvierte Gerd Ulm eine Lehre im
                                             Gartenbau, spezialisierte sich auf Obstan-
                                             bau. Doch dann kam die Liebe dazwi-
                                             schen. Er wechselt den Beruf, arbeitet viele
                                             Jahre in einem Autohaus. Erst jetzt im Ru-
                                             hestand kann er sich wieder voll und ganz
                                             seiner alten Leidenschaft widmen. Vor ei-
                                             nigen Jahren erwarb er eine vier Hektar
                                             große Streuobstwiese. Seitdem vermark-
                                             tet er seine eigenen Äpfel. Wirtschaftlich
                                             ist das Geschäft nicht. Wichtiger sei ihm,
                                             dass er es immer wieder schaffe, junge
                                             Leute für die Obstbaumzucht zu begeis-
                                             tern. „Als ich vor sieben Jahren dem Po-
                                             mologenverein beigetreten bin, da habe
                                             ich mit meinen über 50 Jahren den Alters-
                                             durchschnitt nach unten gesprengt“, er-
                                             innert er sich: „Es freut mich, dass heute
                                             auch jungen Menschen Mitglieder sind.“
                                             Zu ihnen gehört Tom Leukefeld, der mit
                                             Frau und kleiner Tochter an dem Aus-           Mostbirnen im Wald                         kommen können, hat Ingo Rintisch ex-
                                             flug teilnimmt. Anders als die meisten der     Mittlerweile haben die Exkursionsteil-     tra Birnenmost mitgebracht. Das Ge-
                                             Gäste beschäftigt sich der junge Mann aus      nehmer eine weitere Station des Ausflugs   tränk schmeckt ein wenig wie Apfelwein,
                                             Drei Gleichen bei Gotha nicht nur in sei-      erreicht. Etwa einen Kilometer nordöst-    leicht säuerlich aber sehr erfrischend. An-
                                             ner Freizeit mit dem Anbau von Obst. Er        lich von Hauteroda befindet sich mitten    schließend geht es zurück zum Ausgangs-
                                             arbeitet als Baumpfleger und hat sich da-      im Wald eine ca. ein Hektar große Lich-    punkt des Ausfluges. Ingo Rintisch ist
                                             bei auf den Obstbaumschnitt spezialisiert.     tung. Die Fläche wurde vor zwei Jahren     zufrieden. Die Resonanz sei ungewöhn-
                                             Unter dem Motto „Gutes aus alten Zeiten“       im Rahmen des Naturschutzgroßprojek-       lich groß gewesen: Über 30 Teilnehmer
                                             gibt er sein Wissen auch in Schnittkursen      tes gerodet. Im letzten Jahr wurden dort   – mehr als sonst wären diesmal bei dem
                                             weiter. Bereits während seines Studiums        dann 15 verschiedene Mostbirnensorten      Jahrestreffen dabei gewesen. Für Pomolo-
Fotos: David Johst (4), Stephan Arnold (1)

                                             als Gartenbauingenieur begann er damit,        angepflanzt. Später sollen die Früchte     gen jedenfalls hat die Hohe Schrecke viel
                                             alte Obstsorten zu sammeln – bis heute         einmal zu Birnenmost verarbeitet wer-      zu bieten. Auch das Wetter hat an diesem
                                             hat er über 1.000 verschiedene Sorten ge-      den. Ingo Rintisch erklärt die Beson-      Samstag mitgespielt. Entgegen der Vor-
                                             funden, die meisten davon in Thüringen.        derheiten der Birnensorten. Die Bäume      hersage regnet es nicht. Und so sitzen am
                                             Er freut sich über die Möglichkeit, sich       wachsen besonders gut und schnell.         Ende alle Teilnehmer bei Kaffee und Ku-
                                             mit anderen Obstbegeisterten auszutau-         Schon jetzt nach nicht einmal einem Jahr   chen im Gutshof von Bismarck: Genug
                                             schen. Dabei könne er auch immer wieder        ragen die Kronen teilweise weit über den   Zeit, ausführlich zu fachsimpeln und die
                                             von den Erfahrungen der Älteren profitie-      Verbissschutz hinaus. Damit alle schon     Eindrücke des Tages Revue passieren zu
                                             ren, so der Baumpfleger.                       einmal einen kleinen Vorgeschmack be-      lassen.

                                                                                                                                                  Hohe Schrecke Journal | Nr. 21     13
I NTERVI EW

                                                 „Man konnte die Käfer
                                                  fressen hören.“
                                                 Uli Klüßendorf leitet von Sondershausen aus die Revieran­
                                                 gelegenheiten auch für den Wald in der Hohen Schrecke.
                                                 Wir sprachen mit dem Amtsleiter von ThüringenForst
                                                 über Trockenheit und Borkenkäfer, über Kahlschläge und
                                                 gelingenden Waldumbau im Klimawandel.
    Die Wälder in der Hohen Schrecke muss-       Schockiert Sie das Baumsterben?             Was bedeutet das für Sie und auch für die
    ten wie überall in Deutschland mit dem       Also wir haben einen Teppich von grü-       privaten Waldbesitzer? Das Forstamt hat
    dritten trockenen Sommer in Folge klar-      nen Nadeln im Wald gehabt. Das hatte        ja die Aufsichtspflicht.
    kommen, mit drastischen Folgen insbe-        ich so in meiner langjährigen Berufslauf-   Der Preis für Fichtenholz ist jetzt inner-
    sondere für die Fichte. Kommt – maka-        bahn noch nicht erlebt. Die Nadeln wirft    halb von zwei Jahren praktisch auf ein
    ber gefragt – das schnelle Absterben der     der Baum als letzte Schutzreaktion ganz     Drittel gefallen. Die Märkte sind durch
    Fichte nicht dem Waldumbau entgegen?         schnell ab. Wir haben auch eine derart      das plötzliche Überangebot im Moment
    Wir wissen, dass die Fichte in der Re-       hohe Zahl an Käfern in den Beständen,       zu. Sie haben also die Kosten für die Holz­
    gion hier nicht heimisch ist. Sie braucht    dass man sie hat fressen hören. Der An-     ernte, aber kein Ertrag aus ihrem Fichten-
    hohe Niederschläge und ist deshalb von       flug war so stark, dass der Fichtenkäfer    holz und dazu im schlechtesten Fall auch
    Natur aus eher in den höheren Lagen der      auch andere Baumarten befällt und ver-      noch eine Kahlfläche, die sie nach dem
    Mittelgebirge anzutreffen. Denn ihre fla-    sucht, sich da einzubohren. Schockieren-    Gesetz innerhalb von sechs Jahren wieder
    chen Wurzeln können das tieferliegende       der aber ist für mich das Buchensterben.    aufforsten müssen. Da sind alle Waldbe-
    Wasser nicht erreichen. Trotzdem ist his-    Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt       sitzer in einer sehr schwierigen Situation.
    torisch bedingt auch hier in Nordthürin-     hätten, hätte ich immer gesagt, dass die
    gen zehn, zwölf Prozent des Waldes mit       Buche eine sehr klimaangepasst Baum­        Wie prägt das den Wald von morgen?
    Fichten bestockt. Die Fichte war nun mal     art ist. Der Baum hat ein tolles Wurzel-    Wir haben in der Region baumartenrei-
    das Nutzholz vergangener Epochen. Diese      system und erreicht dann auch immer         che Laubmischwälder. Das ist eine sehr
    Bestände verschwinden jetzt, und zwar        Wasser. Dass selbst diese Baumart jetzt     gute Voraussetzung für Waldumbau. Im
    schnell. Zu schnell. Denn als Förster pla-   so schnell ausfällt, ist für uns wirklich   Landesforst wirtschaften wir in der Regel
    nen wir langfristig und haben auch den       überraschend. Man muss aber auch wis-       ohnehin schon in Richtung Dauerwald
    Waldumbau vorausschauend geplant. Un-        sen: Die Buche ist erst seit etwa 6.000     – das heißt, dass auf einer Fläche junge,
    ter dem Schirm der alten Fichten sollte in   Jahren hier so prägend. Das hängt mit       mittelalte und alte Bäume nebeneinander
    den nächsten Dekaden ein neuer Misch-        der menschlichen Besiedlung zusam-          stehen. Und normalerweise setzen wir
    wald wachsen. Jetzt aber musste es nach      men. Die Buche wurde gefördert als Lie-     auf die natürliche Verjüngung, auch auf
    Trockenheit und Borkenkäferbefall zu         ferant für das Schweinefutter im Hute-      den neu entstandenen Kahlflächen. Da
    Kahlschlägen kommen. Damit sind auch         wald. Offenbar reicht der Wassermangel      wird Birkensamen anwehen, Ahorn mit-
    in der Hohen Schrecke großflächig Frei-      über drei Sommer, um von der Krone          fliegen, die Esche wird sich verbreiten, al-
    flächen entstanden – ein völlig anderes      herab ganz schnell die Altbäume auszu-      les von allein. Die Buche wird wohl nicht
    Waldbild.                                    trocknen.                                   mehr die große Rolle spielen. Es wird

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eine größere Vielfalt werden. Wenn wir     Wie sehen Sie generell das Zusammen-
                                                                      aber bestimmte Baumarten wie beispiels-    spiel der Akteure in Sachen Naturschutz?
                                                                      weise die Eiche haben wollen, dann wer-    In der Zusammenarbeit gibt es über die
                                                                      den wir auch um Pflanzungen nicht her-     Jahre ein Auf und Ab. Es gab zu einzel-
                                                                      umkommen.                                  nen Punkten auch einmal Verstimmun-
                                                                                                                 gen. Aber insgesamt sind alle Seiten im-
                                                                      Vielerorts wird mit importierten Baumar- mer wieder aufeinander zugegangen und
                                                                      ten experimentiert. Auch in der Hohen haben dann auch im Konsens die Dinge
                                                                      Schrecke?                                  geregelt.
                                                                      Wir gehen davon aus, dass wir bis 2050
                                                                      vielleicht sogar vier Grad Erderwärmung Können Sie das etwas konkreter fassen?
                                                                      haben. Aber selbst dann wird es in Thü- Wir vom Forstamt Sondershausen be-
                                                                      ringen und auch in der Hohen Strecke so treuen und bewirtschaften Wälder in ei-
                                                                      sein, dass wir immer noch Waldgesell- ner naturschutzfachlich hoch interessan-
                                                                      schaften haben mit unseren einheimi- ten Region. Hier haben sich durch die
                                                                      schen Baumarten. Darauf setzen wir. Wir interessante Geologie, das trocken-warme
                                                                      brauchen keine fremdländischen Baum­ Klima und die intensive menschliche
                                                                      arten in großer Zahl.                      Nutzung der Landschaft einzigartige Le-
                                                                                                                 bensräume entwickelt. Dementsprechend
                                                                      Gibt es da ein abgestimmtes Vorgehen haben wir Förster viel Erfahrung im Um-           lich kommt jetzt noch die Angst vor der
                                                                      von ThüringenForst mit den privaten gang mit behördlichen als auch ehren-              Afrikanischen Schweinepest. Ich glaube,
                                                                      Waldbesitzern?                             amtlichen Arten- und Naturschützern. Im     wir müssen noch mehr Druck aufbauen
                                                                      Jeder Waldbesitzer hat ein bisschen ein Gespräch stellt man schnell fest, dass die     und alle Waldbesitzer davon überzeugen,
                                                                      eigenes Konzept. Das sehe ich grundsätz- Ziele nicht weit auseinander liegen. Be-      noch mehr als bisher zu jagen.
                                                                      lich positiv. Denn unterschiedliche Be- stimmten Argumentationsketten können
                                                                      wirtschaftung ermöglicht unterschied- wir aber manchmal nicht folgen. Mitunter         Zuletzt: Neben dem Waldumbau berührt
                                                                      liche Waldbestände und damit in der wird mit dem Vorkommen von seltenen                Sie natürlich auch das Thema Tourismus
                                                                      Summe auch die für die Klimaanpassung Tier- oder Pflanzenarten die Notwendig-          in der Hohen Schrecke. Welches Fazit
                                                                      notwendige Vielfalt. Hinzu kommen die keit von besonderen Schutzmaßnahmen              ziehen Sie hier nach zehn Jahren Natur-
                                                                      waldbaulichen Eckpunkte, auf die wir begründet. Allerdings sind viele Arten ge-        schutzgroßprojekt?
                                                                      uns im Zuge des Naturschutzgroßprojek- rade wegen der Nutzung durch den Men-           Ja, das war auch so ein dickes Brett, das
                                                                      tes geeinigt haben. Die sehen zum Bei- schen hier. Der beste Schutz für lichtlie-      wir gebohrt haben – gemeinsam mit der
                                                                      spiel weite Abstände für Rückegassen vor bende Orchideen ist beispielsweise die        Naturstiftung David und den Waldbesit-
                                                                      um den Waldboden zu schonen – 40 Me- weiter nachhaltige Nutzung des Waldes             zern. Da hatten wir den gleichen Ansatz.
                                                                      ter statt der bisherigen 20 Meter. Wir als und Offenlandes. Aktuell sind wir besorgt   Es gab in der Hohen Schrecke viel zu viele
                                                                      ThüringenForst setzen diese Eckpunkte über die geplante Erweiterung des Natur-         ausgewiesene Wanderwege. Das war un-
                                                                      nach wie vor um. Bedauerlicherweise gibt schutzgebietes. Warum ist das erforder-       übersichtlich für die Besucher und gleich-
                                                                      es dafür für uns bis heute entgegen frühe- lich? In der neuen Verordnung sind zahl-    zeitig sehr aufwändig zu unterhalten.
                                                                      rer Ankündigungen keine finanzielle Ent- reiche für die Waldbesitzer nur schwer        Hier ist es gelungen, eine für alle Seiten
                                                                      schädigung. Denn die Bewirtschaftungs- verständliche Regelungen vorgesehen.            gute Lösung nach dem Motto „Weniger ist
                                                                      auflagen bedeuten für den Waldbesitzer Die Holzeinschlagsaison soll verkürzt           mehr“ umzusetzen. Jetzt werden Wander-
                                                                      Mehraufwendungen und Mindereinnah­ werden, die Brennholznutzung, Maschi-               wege in hoher Qualität angeboten. Mein
                                                                      men. Von daher wäre es wichtig alle neneinsätze oder die Holzabfuhr würden             persönlicher Eindruck ist aber, dass es –
                                                                      Waldbesitzer, die sich daran halten, auch erschwert. Das wird vor allem für die pri-   abgesehen von der Gegend um die Hänge-
                                                                      finanziell zu entschädigen.                vaten und kommunalen Waldbesitzer zu-       seilbrücke – bisher noch nicht gelungen
                                                                                                                 sätzlichen Aufwand bringen.                 ist, die Hohe Schrecke zum Wanderge-
                                                                                                                                                             biet zu machen wie etwa den Rennsteig
Fotos: Thomas Stephan (1), Melanie Kleinod, Naturstiftung David (2)

                                                                                                                 Sind sie zufrieden mit dem Wildbestand      im Thüringer Wald. Die Besucher der
                                                                        Uli Klüßendorf                           in der Hohen Schrecke?                      Hohen Schrecke sind wirklich die sehr
                                                                                                                 Das Waldgebiet liegt inmitten von land-     Naturinter­essierten, die ganz gezielt kom-
                                                                        » Dipl.-Forstingenieur, TU Dresden,      wirtschaftlich intensiv genutzten Flächen.  men, um diesen Wald zu besuchen. Den
                                                                          Abschluss 1989,                        Es ist eine Waldinsel in der Acker­ebene.   in Anführungsstrichen normalen Tou-
                                                                        » Jahrgang 1961, Vater von zwei          Das Wild hat dort ganzjährig Futter, im     risten findet man hier nicht. Das liegt si-
                                                                          Kindern, ein Sohn, eine Tochter        Winter gute Deckung und findet dort         cherlich auch an der Infrastruktur. Der
                                                                        » seit 1991 Leiter Forstliche Wirt-      Eicheln und Bucheckern. Harte Win-          Gast möchte Ferienwohnungen, Gaststät-
                                                                          schaftsberatung Nordthüringen          ter haben wir nicht mehr. Das sind also     ten und dergleichen vorfinden – und die
                                                                          (Beratung privater Waldbesitzer)       hervorragende Bedingungen für die Ent-      gibt es hier kaum.
                                                                        » seit 1995 Forstamtsleiter Sonders-     wicklung des Wildes. Im Wald haben wir
                                                                          hausen/Oldisleben                      derzeit zu viel davon. Unser Ansatz ist Die Fragen stellte Tobias Barth.
                                                                                                                 eine scharfe Bejagung und die Regulie-
                                                                                                                 rung der Wildbestände auf ein Maß, dass
                                                                                                                 der Wald natürlich wachsen kann. Zusätz-

                                                                                                                                                                        Hohe Schrecke Journal | Nr. 21     15
A KTU E LLE S

    Botschafter für die Hohe Schrecke
    Zum dritten Mal wurden in der Hohen Schrecke Zertifzierte Natur- und Landschaftsführer
    ausgebildet. Trotz der Corona-Pandemie konnten alle Teilnehmenden ihre Ausbildung erfolg-
    reich beenden.
    Thomas Pohler vom Heimatbund Thü-           nehmen. In seiner kurzen Ansprache be-       sehr zur Akzeptanz des Naturschutzgroß-
    ringen ist die Erleichterung anzumerken.    tont Pohler, dass die Corona-Zeit gezeigt    projektes beigetragen.“ Bereits in den Jah-
    „Dass wir heute ihren erfolgreichen Ab-     habe, wie wichtig der inländische Touris-    ren 2011 und 2015 waren zertifizierte Na-
    schluss der Ausbildung zum Zertifizier-     mus sei: „Sie haben eine sehr wichtige       tur- und Landschaftsführer ausgebildet
    ten Natur- und Landschaftsführer feiern     Funktion dabei.“                             worden (siehe Journal Nr. 8 und 15).
    können, hat nicht zuletzt an Ihnen gele-
    gen“, würdigt Pohler das Engagement der     Die Region bekannter machen                  Teil einer landesweiten
    frisch ausgebildeten Naturführer: „Sie      Ein Anliegen, das auch Adrian Johst, Ge-     Ausbildung
    haben ihre Sache trotz Corona toll ge-      schäftsführer der Naturstiftung David,       Insgesamt elf Teilnehmerinnen und Teil-
    macht“. Fast alle der insgesamt elf Teil-   wichtig ist. Die Region überregional be-     nehmer haben den Kurs in diesem Jahr
    nehmerinnen und Teilnehmer haben            kannter machen und gleichzeitig Natur-       absolviert. Die Ausbildung wurde vom
    sich an diesem sonnigen Samstagmor-         schutz und Regionalentwicklung zusam-        Heimatbund Thüringen organisiert, von
    gen im September oberhalb von Garn-         menzubringen – das sei von Beginn an         der Europäischen Union sowie dem Land
    bach zusammengefunden, um ihre Zer-         das Ziel der Naturstiftung mit dem Na-       Thüringen gefördert und ist Teil eines
    tifikate in Empfang zu                      turschutzgroßprojekt gewesen. „Sie als       landesweiten Projektes. „Wir suchen thü-
                                                zukünftige Wanderführer“, betont Johst,      ringenweit Menschen, die sich als Bot-
                                                „sind dicht an den Besuchern dran und        schafter ihrer Region verstehen“, fasst
                                                bekommen ein unmittelbares Feedback.         Projektkoordinator Pohler die Grundidee
                                                Scheuen Sie sich nicht davor, uns von der    der Ausbildung zusammen. Dabei gehe
                                                Stiftung den Spiegel vorzuhalten. Wir        es vor allem darum, einen nachhaltigen
                                                sind auf Rückmeldungen angewiesen.           Tourismus zu fördern. Projekte wie der
                                                Zeigen Sie uns gerne auch, was wir viel-     Nationalpark Hainich, die Gipskarstland-
                                                leicht noch besser machen können. Wir        schaft im Südharz oder das Naturschutz-
                                                sehen Sie als wichtige Partner.“ Der Stif-   großprojekt Hohe Schrecke zeigten, dass
                                                tungsgeschäftsführer bedankt sich bei        Naturschutz und Regionalentwicklung
                                                dieser Gelegenheit auch bei all denen, die   sich gegenseitig befruchten könnten.
                                                schon seit vielen Jahren als Natur- und
                                                Landschaftsführer tätig sind: „Ihr Enga-
                                                gement hat in den vergangenen Jahren

                                                                                                                                           Fotos: FLOPX PHOTOGRAPHY

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