KIND UND GELD - Alternative Bank Schweiz
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
KIND UND GELD
Finanzerziehung: Wie erlernen
Kinder und Jugendliche einen
verantwortungsvollen Umgang mit
Geld? 4, 12, 24
Kinderarmut: Schweizweite
Ergänzungsleistungen für Familien
würden vielen Kindern helfen 6
Geizig oder grosszügig?
Wie wir diese Eigenschaften
Magazin für Geld und Geist
online erwerben, erklärt Hirnforscher
Gerald Hüther 8
moneta.ch
# 1 2021I N H A LT Theorie und Praxis
«Mama, schau, was ich gekauft habe!» Mit
KIND UND GELD Unbehagen betrachtete ich die neonfarbenen
4 «Man muss über Sneakers, die mir unser damals 14-jähriger
Geld sprechen!»
Sohn entgegenstreckte. Er hatte sie soeben von
6 Skandalös seinem «Jugendlohn» erstanden, einem monat-
hohe Kinderarmut lichen, gemeinsam mit uns berechneten Fix
betrag für Mittagessen, Kleider, Hygieneartikel,
8 « Kinder haben
das Bedürfnis, Gutes zu tun » Freizeit usw. Mein Unbehagen rührte von der
schrecklichen Farbe der Sneakers, vor allem aber daher, dass
10 Spielend lernen, solche Markenturnschuhe meist völlig überteuert sind. Ich ahnte,
wie Kapitalismus geht
dass er das viele Geld bei den Mittagessen einsparen und sich
12 Eltern: Wie macht ihrs? bis Monatsende von billigem Fast Food ernähren würde. Ich
seufzte innerlich und übte mich in Gelassenheit. Denn das von
Fachleuten entwickelte Konzept des «Jugendlohns» sieht
DIE SEITEN DER ABS vor, dass Jugendliche ab zwölf Jahren ihr Monatsbudget selbst-
14 Alles rund um die aktuellen ständig verwalten – was auch bedeutet, dass sie die Konsequen-
Themen der Alter-
nativen Bank Schweiz zen ihrer «Investitionsentscheide» selbst tragen müssen. Für
uns Eltern hiess es also, darauf zu vertrauen, dass unserem Sohn
PERSÖNLICH
die ungesunden Mittagessen nicht ernsthaft schadeten und er
24 Nika Dubrovsky
« Ich weiss ja selbst nicht, mit der Zeit lernen würde, sein Geld «vernünftiger» einzusetzen.
was Geld ist »
Der «Jugendlohn» ist eine Möglichkeit, Finanzkompeten-
zen zu erwerben. Ebenso wichtig ist – wie verschiedene Artikel in
dieser moneta zeigen –, mit Kindern und Jugendlichen über
Geld zu reden. Über die Preise von Esswaren, Kleidern, Spiel
sachen, über Wohnungsmieten und Löhne, auch über weiterge-
hende Fragen wie: Warum verdienen die einen viel, die anderen
wenig? Wie funktioniert unser Wirtschaftssystem? Wie kann
moneta #1—2021 man mit Geld Gutes tun? Und wer bestimmt eigentlich, was wie
Magazin für Geld und Geist viel wert ist? Diese Fragen sind alles andere als einfach, auch weil
moneta erscheint vierteljährlich in deutscher und
französischer Sprache und geht kostenlos an Geldthemen in unserer Gesellschaft oft tabu sind. Aber es lohnt
Kundinnen und Kunden der Alternativen Bank
Schweiz AG ( ABS ). Die Wiedergabe von Texten sich, schon mit kleineren Kindern darüber zu sprechen und zu
und eigenen Illustrationen ist nur unter Quellen
angabe und mit schriftlicher Zustimmung der versuchen, offen und altersgerecht auf ihre Fragen einzugehen.
Redaktion erlaubt.
Herausgeberin Alternative Bank Schweiz AG So können sie nach und nach einen bewussten Umgang mit Geld
Redaktionsleitung Katharina Wehrli (kw)
Redaktion Esther Banz (eb), Roland Fischer (rf ),
entwickeln und sind gut gerüstet, um als Jugendliche die Ver
Katrin Pilling (kp), Muriel Raemy (mr)
Online-Redaktion Katrin Pilling
antwortung für ein eigenes Budget zu übernehmen. – Zumindest
Übersetzung Nicole Wulf
Inserate Bruno Bisang, Luzia Küng
dachte ich das, bis unser Sohn mit den besagten Sneakers nach
Layout Clerici Partner Design, Zürich
Illustrationen Claudine Etter
Hause kam. Inzwischen ist er fast erwachsen. Markenturnschuhe
Druck Ropress Genossenschaft, Zürich
Papier RecyStar Nature, 100 Prozent Recycling
mag er immer noch, Fast Food aber nicht mehr. Es geht eben
Adresse Alternative Bank Schweiz AG , moneta, nichts übers praktische Üben, auch beim Umgang mit Geld.
Amthausquai 21, Postfach, 4601 Olten,
Telefon 062 206 16 16, moneta @ abs.ch
Auflage d ieser Ausgabe 24 700 Ex. Katharina Wehrli, Redaktionsleiterin
Beilagen Werbung und Beilagen, die nicht von
der ABS stammen, sind bezahlte Inserate —
diese Einnahmen helfen uns, die Produktions
kosten des Magazins zu decken.
Wichtiger Hinweis zu den Inseraten und Beilagen Zeich
nungsangebote für Beteiligungen oder Obligatio
nen in dieser Zeitung sind von der ABS nicht
geprüft. Sie stellen deshalb keine Kaufempfehlung
der ABS dar.
Wenn Sie als Bankkundin/-kunde umziehen,
melden Sie uns Ihre neue Adresse bitte schriftlich
oder via E-Banking-System. Verpassen Sie keine Ausgabe und abonnieren Sie
Online-Magazin: Alle Schwerpunktartikel den moneta-Newsletter unter moneta.ch/newsletter-anmeldung
von moneta erscheinen auch online unter
moneta.ch.
2 moneta 1—2021Der Klimastreik geht weiter Für eine kollaborative Schweiz
Am 21. Mai 2021 geht die Klimabewegung mit einem Die Initiative Collaboratio helvetica sieht sich als Kataly-
«Strike for Future» zurück auf die Strasse. Mit dem ge- sator für die nachhaltige Entwicklung der Schweiz. Die
planten schweizweiten und bunten Aktions- und Streik- ständig wachsende Community will Raum für gemein-
tag will die Klimabewegung möglichst viele Menschen schaftliches Experimentieren schaffen und mithilfe der
und verschiedenartige Organisationen mobilisieren. «Wir von Otto Scharmer entwickelten Methodik «U-Prozess»
wollen eine soziale und ökologische Gesellschaft ohne tiefgreifende Innovationen anstossen: «Wir möchten
die Ausbeutung von Mensch, Tier und Natur», schreibt die notwendigen Veränderungen in unseren Verhaltens-
die Klimastreikbewegung. Da die verschiedenen Krisen weisen unterstützen und fördern, damit wir aus dem
miteinander verknüpft seien, könne jede Gruppe für Silo-Denken herauskommen und gemeinsam die Schweiz
ihre Anliegen und Forderungen in den Streik treten und erschaffen, in der wir leben möchten.» Wie der Name
so mit vereinten Kräften die Grundlage für einen lang- der international vernetzten Initiative andeutet, geht
fristigen Wandel schaffen. Es stehen schon einige Events es darum, zusammenzuarbeiten und die kollektive Intel-
auf der Agenda, andere sollen noch geplant werden. (mr) ligenz für das Gemeinwohl einzusetzen. Collaboratio
helvetica unterstützt im Rahmen des Catalyst Lab, eines
Informationen zur Teilnahme finden sich hier: Zukunftslabors für die Schweiz, vor allem Projekte zu
strikeforfuture.ch zwölf der siebzehn UN -Ziele für nachhaltige Entwicklung
(SDGs) und bietet Kurse sowie zahlreiche Networking-
Anlässe an. (mr)
collaboratiohelvetica.ch
Zwei erfolgreiche Klimaklagen
Nach Erscheinen der letzten moneta-Ausgabe zum
hema «Umwelt im Recht» erreichte uns am 3. Februar
T Mit einer Corona-Steuer
2021 eine erfreuliche Nachricht aus Paris: Die Klage gegen das Ungleichheitsvirus
«L’Affaire du Siècle» (Die Sache des Jahrhunderts) war
erfolgreich. Eingereicht wurde sie von den NGO Notre Durch die Corona-Pandemie droht die Ungleichheit
Affaire à Tous, Greenpeace Frankreich, Oxfam Frank- erstmals in fast allen Ländern der Welt gleichzeitig anzu-
reich und der Nicolas-Hublot-Stiftung. Das französische steigen. Zu diesem Schluss kommt eine kürzlich publi-
Verwaltungsgericht anerkannte die Verantwortung des zierte Studie der Entwicklungsorganisation Oxfam. Hun-
Staates für die Klimakrise und beurteilte es als rechtswid- derte Millionen Menschen haben seit Ausbruch der
rig, dass er seine Verpflichtungen zur Verringerung der Pandemie ihre Jobs verloren. Besonders stark betroffen
Treibhausgasemissionen nicht wahrnimmt. Als nächster sind Menschen in Entwicklungsländern und Angestellte
Schritt wird in den kommenden Monaten ein erneutes in Tieflohnbranchen. Aufgrund fehlenden politischen
Urteil angestrebt, das den französischen Staat zu konkre- Willens und einer chronischen Unterfinanzierung der öf-
ten Massnahmen gegen den Klimawandel zwingen fentlichen Haushalte mangelt es in vielen Ländern an
könnte. guten staatlichen Gesundheits-, Bildungs- und sozialen
Auch in Russland gab es einen bahnbrechenden Ent- Sicherungssystemen. Oxfam plädiert deshalb dafür,
scheid: Die russische Umweltaufsichtsbehörde klagte dass sich Konzerne und Superreiche stärker an der Finan-
erfolgreich gegen den Bergbaukonzern Nornickel. Dieser zierung des Gemeinwesens beteiligen. Dies könne
ist dafür verantwortlich, dass am 29. Mai 2020 aus einem erreicht werden, indem die Regierungen kurzfristig
beschädigten Kraftwerkstank rund 21 000 Tonnen Diesel- die Steuerpolitik anpassten. Denn während die Pandemie
öl ausliefen und in die Gewässer nahe der nordsibirischen die Situation der Ärmsten zusätzlich verschlimmert,
Stadt Norilsk gelangten. Das Gericht verurteilte den Kon- sind die Reichen noch reicher geworden, vor allem wegen
zern zu einer rekordhohen Entschädigungszahlung von des Booms am Aktienmarkt. Dass eine solche Corona-
146 Milliarden Rubel (rund 1,76 Milliarden Franken). (mr) Steuer in der Schweiz den Rückhalt der Bevölkerung fin-
notreaffaireatous.org > Victoire historique (nur in den würde, deutet eine nicht repräsentative Umfrage
Französisch), bloomberg.com > Russian court auf der Website des Schweizer Radio und Fernsehens SRF
an: 82 Prozent der Teilnehmenden gaben an, dass sie
eine Corona-Steuer für Konzerne und Superreiche befür-
worten würden. (kw)
moneta wird von der Alternativen Bank oxfam.de/ueber-uns/publikationen/oxfams-bericht-
Schweiz ( ABS) herausgegeben und von einer covid-19-auswirkungen-ungleichheitsvirus
unabhängigen Redaktion betreut. srf.ch/news/international/armut-wegen-pandemie-
oxfam-schlaegt-coronasteuer-fuer-superreiche-vor
Die Beiträge geben nicht notwendigerweise die Haltung
der ABS wieder, ausser auf den «Seiten der ABS » oder
in speziell m
arkierten Kommentaren.
KURZNACHRICHTEN moneta 1— 2021 3«Man muss über Geld
sprechen!»
Wie lernen Kinder und Jugendliche einen
verantwortungsvollen Umgang mit Geld? ganisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Und wie lässt sich vermeiden, dass sie später Entwicklung ( OECD ) eine Pionierrolle ein, beispiels-
in die Schuldenfalle tappen? Wichtig ist, weise mit der Pisa-Erhebung 2012, in der unter anderem
was Eltern ihnen vorleben. Aber nicht nur. die finanzielle Bildung der 15-jährigen Schülerinnen
Text: Muriel Raemy und Schüler in Europa ermittelt wurde. Ein Fazit ver-
schiedener Studien ist, dass bereits sehr junge Kinder
ein gewisses Bewusstsein für Geld haben und sie durch
Meine Söhne, 14 und 12 Jahre alt, erhalten kein Taschen- sukzessive Annährung an finanzielle Fragen ein umfas-
geld, aber ich bezahle sie für bestimmte Aufgaben in senderes und nuancierteres Verständnis dafür entwi-
Haushalt und Garten. Ihre jüngere Schwester ist immer ckeln. Doch erst ab Ende der Sekundarstufe I, also mit
wieder begeistert von der Grosszügigkeit der Bäckerei- rund 15 Jahren, und vor allem in der Sekundarstufe II
verkäuferin, die mir auf meinen Geldschein ganz viele (Lehre oder Mittelschule) können sich Jugendliche
Münzen zurückgibt. Ich möchte ihr diese Freude nicht komplexeres Finanzwissen aneignen.
nehmen. Sollte ich das? Ist es zudem sinnvoll, meinen Bei der obligatorischen Schulbildung lässt der Föde-
Söhnen beizubringen, dass jede Arbeit einen Lohn ver- ralismus den Kantonen einigen Spielraum. Der Lehr-
dient? Gibt es hier eine richtige Vorgehensweise? plan 21 in der Deutschschweiz sieht wöchentlichen Un-
«Es gibt kein Richtig oder Falsch, aber eine Regel, die terricht in «Wirtschaft, Arbeit, Haushalt» vor, während
gegen ein Tabu verstösst: Man muss über Geld spre- der Lehrplan in der Westschweiz nur das Fach «Wirt-
chen! Es ist wichtig, dass Eltern offen und konkret darü- schaft» umfasst. Géraldine Landry unterrichtet das
ber reden. Allerdings habe ich festgestellt, dass dies in Fach auf der Sekundarstufe I in La Sarraz VD ; ihre Schü-
Familien eher selten gemacht wird.» Caroline Henchoz, lerinnen und Schüler sind zwischen 12 und 15 Jahre alt.
Soziologin, Lehrbeauftragte und Forschungsrätin an Sie freut sich über die Wende, die das Fach erfahren hat:
der Universität Freiburg sowie Assistenzprofessorin an Während der Unterricht früher auf Unternehmen und
der Hochschule für Soziale Arbeit der HES -SO Valais- Betriebswirtschaft fokussierte, steht nun die Lebens-
Wallis, interessiert sich seit über zwanzig Jahren für den welt der Schülerinnen und Schüler und die Vermittlung
Umgang mit Geld in Familien. In ihrem Forschungsge- von alltäglichen Finanzkompetenzen im Vordergrund.
biet ist sie fast allein, denn der Einfluss der Eltern auf «Zuerst gehen wir in die Migros einkaufen, mit der
die Finanzkompetenzen der Kinder wurde bisher noch Einkaufsliste für eine Mahlzeit. Wir lesen die Etiketten,
kaum systematisch erforscht. berechnen den Kilopreis, vergleichen die verschiede-
Henchoz hat herausgefunden, dass Finanzkompe- nen Produkte und stellen den Einkauf dem Essensbud-
tenzen nicht allein durch eine explizite Finanzerzie- get der Familie gegenüber.» Um Themen wie Geld-
hung erworben werden: Kinder und Jugendliche lernen schöpfung, BIP, Kryptowährungen oder Gemeingut zu
viel durch Imitieren und Ausprobieren, meist geschieht vermitteln – oft mit einem Aktualitätsbezug –, stellt
dies über ein eigenes Sparkonto oder Taschengeld. Laut Géraldine Landry ihr eigenes Unterrichtsmaterial zu-
Henchoz handhabt jede Familie diese Themen auf ihre sammen. Und sie mag Lernspiele, wie zum Beispiel das
eigene Art, entsprechend ihrer «Philosophie»: Entwe- «Budgetspiel» von Pro Juventute (siehe S. 5).
der erhält das Kind ein Taschengeld in bestimmter
Höhe oder dieses ist an die Erfüllung bestimmter Auf- Der Verschuldung vorbeugen
gaben geknüpft. Oder Eltern und Kind handeln gemein- Was die Förderung der Finanzkompetenzen von Ler-
sam aus, welche Käufe notwendig sind. Auf diese Weise nenden oder Studierenden anbelangt, gibt es keine ech-
vermitteln Eltern den Kindern zwar ihre Werte, aber te Koordination auf nationaler Ebene. Sie hängt folglich
nicht unbedingt ihr Know-how im Umgang mit Geld vom guten Willen der Schulleitungen und von den
oder in der Budgetplanung. Für die Soziologin ist klar, Möglichkeiten der Lehrpersonen ab. Im Bereich Schul-
dass die Schule hier einen Beitrag leisten muss. denberatung sind die Kantone aktiver. Die Mehrheit
der Jungen geht zwar verantwortungsvoll mit Geld um,
Möglichst nahe an der Lebenswelt der Jugendlichen doch es gibt auch jene, die Schulden anhäufen. Daher
In den letzten Jahren wurden zahlreiche Initiativen besteht ein wachsendes Interesse an Prävention. Die
zur Förderung von Finanzkompetenzen lanciert. Auf in- meisten Kantone arbeiten mit spezialisierten Organisa-
ternationaler Ebene nehmen die Weltbank und die Or- tionen zusammen, etwa der Caritas oder den kirchli-
4 moneta 1— 2021 KIND UND GELDtute an Kinder zwischen sechs und acht Jahren: Anhand
der Geschichte der beiden Kinder Alma und Milan, die
Material für ihr geplantes Baumhaus brauchen, regt das
Buch an, über Themen wie Schenken, Tauschen, Teilen,
Arbeiten, Kaufen, Verkaufen, Zeithaben und Sparen
nachzudenken. Célia Brocard, Projektleiterin bei Pro Ju-
ventute, erklärt, dass viele Aspekte, die mit Geld ver-
bunden sind, abstrakt und für Kinder deshalb schwer
zu verstehen seien. «Doch die Kleinen haben einen aus
geprägten Sinn für Logik. Wenn man früh auf ihre Fra-
gen eingeht, regt man sie dazu an, über Geldthemen
nachzudenken, beispielsweise über Kaufreflexe oder
über die Tatsache, dass Mama und Papa einen Lohn er-
halten.» Die Stiftung entwickelt auch pädagogisches
Material für Schulkinder und Jugendliche, wie das be-
reits erwähnte «Budgetspiel». Dabei schlüpfen die Teil-
nehmenden anhand von Geschichtenkarten in die Rol-
chen Sozialdiensten. «Neben Ereignissen wie Stellen- len von Lernenden oder Studierenden, die ihre Finanzen
verlust, Krankheit oder Scheidung sind es häufig selbst verwalten müssen.
fehlende administrative und finanzielle Kompetenzen,
die Schulden verursachen», erklärt Isabelle Baume, Mit zwölf Jahren ein eigenes Budget verwalten
Sozialarbeiterin und stellvertretende Direktorin des Im Zusammenhang mit der Schuldenprävention
kirchlichen Sozialdienstes der reformierten Kirche wird oft der sogenannte Jugendlohn erwähnt. Dessen
( CSP ) des Kantons Neuenburg. Mit zwei von den West- Grundsatz ist einfach: Auf der Basis eines Vertrags mit
schweizer CSP entwickelten Workshops («Les ficelles den Eltern erhalten Jugendliche – idealerweise ab zwölf
du budget» und «Cash-Cash Party») besucht sie Klas- Jahren – einen fixen monatlichen Betrag, dessen Höhe
sen an nachobligatorischen Schulen, um die Jugend von den Möglichkeiten der Familie abhängt. Damit
lichen für Haushaltsausgaben und den Nutzen eines müssen die Jugendlichen einen Teil ihrer Lebenskosten
Haushaltsbudgets zu sensibilisieren. «Unabhängig vom selbstverantwortlich bestreiten. Die Idee dahinter ist,
sozialen oder wirtschaftlichen Hintergrund der Famili- dass die Jugendlichen die Konsequenzen ihrer finan
en weichen die Kenntnisse, die den Jugendlichen ver- ziellen Entscheidungen selbst tragen – auch wenn sie
mittelt wurden, stark voneinander ab. Einige haben kei- Fehler machen und ihr Konto bereits vor Ende Monat
ne Vorstellung von ihren Ausgaben, andere können leer ist. Pro Juventute organisiert Veranstaltungen für
bereits ein Budget erstellen. Auch wenn man das nicht Eltern, um sie mit dem Jugendlohn vertraut zu machen
verallgemeinern kann, stelle ich fest, dass eine grosse und bei der Umsetzung zu begleiten. Auch Themen
Unkenntnis über die Lebenskosten herrscht», erklärt wie Selbstvertrauen, Umgang mit Gefühlen und Grup-
Baume. pendruck kommen dabei zur Sprache. Die Herausforde-
rungen sind gross zu Zeiten des digitalen Geldes und
Auch die Kleinen denken gern über Geld nach der Vervielfachung der Zahlungsmittel. Auch die Werte
Die Stiftung Pro Juventute setzt sich seit über hun- und Normen zu hinterfragen, die in der Familie vermit-
dert Jahren für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene telt oder von der Peergroup vorgelebt werden, erfordert
und Familien ein und hat schon früh Angebote zur Ver- einiges. •
mittlung von Finanzkompetenzen entwickelt. Mit dem projuventute.ch, csp.ch,
Bilderbuch «Geld zu verkaufen!» richtet sich Pro Juven- hevs.ch/fr > Caroline Henchoz
KIND UND GELD moneta 1— 2021 5Skandalös
hohe Kinderarmut
Jedes zehnte Kind in der Schweiz wächst in Armut auf. Ein
wirksames Mittel dagegen wären Familienergänzungsleistungen,
wie sie bislang einige wenige Kantone vergeben. Doch die sorin an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Dieses
Widerstände gegen eine schweizweite Einführung sind gross. Verständnis von Eigenverantwortung führe dazu, dass
Text: Benjamin von Wyl Kinder in «wirtschaftliche Sippenhaft» genommen und
nicht als Individuen anerkannt werden. «Die Schweiz
hat die UN -Kinderrechtskonvention unterschrieben,
«Die Armut ist in den letzten Jahren insgesamt gestie- aber handelt nicht danach.» Kommunal gebe es wirksa-
gen. Aber besonders verschärft hat sich die Kinderar- me Mittel, um etwa die Bildungschancen zu vergrössern.
mut», sagt Aline Masé, Leiterin Sozialpolitik bei Caritas «In der Stadt Zürich setzten wir zum Beispiel existenz
Schweiz. Jedes zehnte Kind wachse in der Schweiz in sichernde Stipendien durch.» Schweizweit sieht es düs-
Armut auf. Dazurechnen müsse man weitere zehn Pro- terer aus. «Aber wir probieren es immer wieder.»
zent «Armutsgefährdete». 2018 lag die Armutsgrenze
für eine erwachsene Einzelperson bei 2293 Franken pro Bessere Grundbedingungen für Familien schaffen
Monat. Mit der Pandemie steigt die Armutsquote wohl Der Kampf gegen Kinderarmut muss in verschiede-
weiter, und wahrscheinlich werden auch weiterhin be- nen Politikfeldern ansetzen. Zum Beispiel schmerzen
sonders viele Kinder betroffen sein. «Die Vererbbarkeit steigende Mieten Familien mit wenig Einkommen be-
von Armut ist sehr gross in der Schweiz», erklärt Masé sonders. Masé sagt: «Der Schlüssel zum gesellschaftli-
weiter. Noch immer werde Armut als selbst verschuldet chen Aufstieg bleibt aber Bildung.» Wenn Hausaufga-
wahrgenommen, noch immer gebe es das «sehr naive» benhilfe und ausserschulische Betreuungsstrukturen
Bild, dass man sich mit Fleiss den gesellschaftlichen fehlen, sind Kinder, die bereits Anfang Primarschule
Aufstieg erarbeiten könne. «Dabei werden die Weichen allein zu Hause sind, stark benachteiligt. «Ein wichtiger
häufig bereits in der Kindheit gestellt.» Punkt wären möglichst günstige oder kostenlose Kin-
dertagesstätten. Weil Eltern, die in Tieflohnjobs be-
Kinder als Individuen anerkennen schäftigt sind, oft auf Abruf oder unregelmässig arbei-
Es ist wohl allen klar, dass Kinder nichts für die Fa- ten, braucht es diese Betreuungsangebote aber auch
Dieser Artikel erschien erst- milie können, in die sie geboren werden. Gleichzeitig kurzfristig und zu Randzeiten», führt Masé aus. Ein
mals im Sonderheft «Kinder- steht der Entwicklung und freien Entfaltung von Kin- weiteres entscheidendes Element, gerade weil Fami
armut » des Strassenmagazins
«Surprise» (484/20) und wur-
dern die Vorstellung entgegen, dass Privatsache sei, was lienarmut so viele Bereiche touchiert, sind Familien
de für moneta leicht gekürzt. in der Familie passiere. «Bei der Familie will man sich anlaufstellen, losgelöst von der Sozialhilfe: Orte, an
Das gesamte «Surprise»- nicht dreinreden lassen – gegen diese Idee von Eigen- denen ohne Behördendruck Wissen und Kenntnisse zu
Sonderheft ist abrufbar unter:
issuu.com/surprise/docs/ verantwortung kämpft man an», sagt Katharina Prelicz- Krankenkassenprämienverbilligung, Integration oder
surprise-484_druck-pdf Huber, Nationalrätin der Grünen und ehemalige Profes- Betreuungsangeboten vermittelt werden.
6 moneta 1— 2021 KIND UND GELDMasé spricht davon, «Grundbedingungen zu schaf- Erfolgreiches «Tessiner Modell»
fen, dass Familien ihren Alltag sorgenfrei bestreiten Eine finanzielle Unterstützung, die vor der Sozial
können». Das habe ganz stark mit Vereinbarkeit von hilfe ansetzt und besonders auch «Working Poor» un-
Beruf und Familie zu tun – Betreuungsangebote sind terstützt, sind Familienergänzungsleistungen: Famili-
deshalb zentral. Denn wer auf sich allein gestellt ist, en, in denen die Eltern keinen existenzsichernden Lohn
steht vor einem unlösbaren Dilemma zwischen Lohn- verdienen, wird mit diesen Beiträgen das Einkommen
arbeit und Kinderbetreuung. Alleinerziehenden bleibt aufgestockt. Immerhin vier Kantone (Tessin, Solothurn,
deshalb oft nur die Option, Sozialhilfe zu beziehen. In Waadt, Genf ) haben solche Familienergänzungsleistun-
Biel wurde 2014 fast die Hälfte – 47,6 Prozent – aller gen eingeführt. Vorreiter war der Kanton Tessin, der
Familien mit nur einem Elternteil von der Sozialhilfe seit 1997 Ergänzungsleistungen vergibt. Im sogenann-
unterstützt. Mehr als jeder vierte Haushalt von Allein- ten Tessiner Modell wird die ganze Familie unterstützt,
erziehenden war es auch in den grössten Schweizer bis das jüngste Kind drei Jahre alt ist, danach wird mit
Städten: Zürich, Genf, Basel und Bern, und in Lausanne den Ergänzungszulagen der Lebensbedarf der Kinder
mehr als jeder dritte. gedeckt. Zehn Jahre nach der Einführung teilte die Tes-
siner Regierung mit, mit diesen Ergänzungsleistungen
Der Gang aufs Sozialamt ist oft tabu habe man rund 60 Prozent der Sozialhilfekosten einge-
Die Sozialhilfestatistik bildet für sich aber noch spart und «wirksam zur Armutsreduktion» beigetragen.
nicht die Armutsrealität in der Schweiz ab. Gerade in Dies gilt insbesondere auch für die Kinderarmut: Ein
kleineren Ortschaften, wo sich alle kennen, ist der Gang Bericht des «Nationalen Programms zur Prävention und
zum Sozialamt tabuisiert. Nicht alle, die ein Anrecht Bekämpfung von Armut» von 2016 stellt fest, dass von
hätten, lassen sich unterstützen. Wer Sozialhilfe be- allen grösseren Schweizer Städten nur Lugano keine
zieht, muss diese – je nach Kanton – später zurückzah- überdurchschnittlich hohe Sozialhilfequote bei den
len. Allein die Aussicht auf einen Schuldenberg schreckt 0- bis 17-Jährigen aufweist.
manche ab. Ausländerinnen und Ausländer müssen
zudem fürchten, ihr Aufenthaltsrecht zu verlieren: Neuer Vorstoss für eine schweizweite Lösung
Wer «erheblich selbst verschuldet» von Sozialhilfe lebt, Linke, CVP sowie die Konferenz der kantonalen So-
kann im Extremfall sogar trotz Niederlassungsbewil zialdirektorinnen und Sozialdirektoren ( SODK ) fordern
ligung C ausgewiesen werden. seit zwanzig Jahren immer wieder schweizweite Fami-
lienergänzungsleistungen. Der Vorschlag war um die
Jahrtausendwende erstmals im Bundesparlament. Da-
nach wurde die Ausarbeitung ein-, zwei-, drei-, vier-
mal verschoben: ein Jahrzehnt lang. 2011 entschied
eine Mehrheit, dass man darauf verzichte. Ein Grund
für die Ablehnung war die im bürgerlichen Lager ver-
Kinderarmut: Die wichtigsten Zahlen breitete Meinung, die Kantone sollten selbst entschei-
den, ob sie armutsbetroffene Familien unterstützen
– 144 000 Kinder von insgesamt die in Einelternfamilien wollten. Aber bislang war eine überwiegende Mehrheit
1,7 Millionen leben hierzulande aufwachsen. Knapp ein Viertel der Kantone nicht bereit, für Familienergänzungsleis-
in Armut. aller Alleinerziehenden wird tungen zu zahlen.
– Rund 278 000 Personen bezie- von der Sozialhilfe unterstützt. Im Mai 2020 starteten Katharina Prelicz-Huber und
hen Sozialhilfe; rund ein Drittel – Für eine alleinerziehende Mut- die Fraktion der Grünen im Parlament einen erneu-
von ihnen sind Kinder und ter mit zwei Kindern liegt die ten Vorstoss für die schweizweite Einführung von Fa-
Jugendliche. Von allen Alters- Armutsgrenze abzüglich Wohn- milienergänzungsleistungen. Der Bundesrat empfiehlt
gruppen sind sie am stärksten und Krankenkassenkosten diesen wieder zur Ablehnung. Statt auf direkte Unter-
von der Sozialhilfe abhängig. monatlich bei 1834 Franken. stützung setze man auf Armutsprävention und die Fi-
– Das verfügbare Familienein Eine von Armut betroffene nanzierung günstiger Kinderbetreuung, schreibt er in
kommen hängt stark von der Familie muss also pro Person seiner Stellungnahme und erinnert daran, dass man Fa-
Ausbildung der Eltern ab. Wenn und Tag mit weniger als milienergänzungsleistungen bereits von 2000 bis 2011
mindestens ein Elternteil einen 20 Franken für Essen, Kleidung, diskutiert habe. Über den neuen Vorstoss «Keine Kin-
höheren Schulabschluss hat, Energie, Hygiene, Kommuni derarmut» muss das Parlament erst noch entscheiden.
ist die Armutsquote der Kinder kation, Mobilität, Unterhaltung Prelicz-Huber sagt, es sei in der Sozialpolitik immer nur
mit 2,8 % am geringsten. Verfügt und Bildung auskommen. dann ein «Minischrittchen» vorwärtsgegangen, wenn
kein E lternteil über eine nach- – Die Schweiz investiert nur 1,5 % man gar nicht mehr habe wegschauen können. Schafft
obligatorische Ausbildung, liegt ihres BIP in Sozialleistungen die Pandemie eine solche Situation? Prelicz-Huber be-
die Armutsquote der Kinder für Kinder und Familien und fürchtet, dass die Bürgerlichen schlechte Wirtschafts-
bei rund 10 % und die Armutsge- liegt damit deutlich unter dem aussichten und die allgemeine Verwirrung für eine At-
fährdungsquote sogar bei 40 %. europäischen Durchschnitt von tacke auf den Sozialstaat nutzen könnten. «Aber die
– Ein überdurchschnittliches 2,4 %. (kw) Hoffnung stirbt zuletzt», sagt die grüne Nationalrätin.
Armutsrisiko tragen Kinder, «Wir müssen weiter Druck machen und zeigen, dass zu
jeder Familie auch Kinder gehören.» Kinder, die ein Le-
Quelle: «Surprise»-Sonderheft «Kinderarmut » (484/20), S. 14–15. ben lang die Folgen der Armut tragen würden. •
KIND UND GELD moneta 1— 2021 7« Kinder haben das Bedürfnis,
Gutes zu tun »
Geld ist ein vielseitiges Werkzeug:
Man kann damit sparen, konsumieren
oder andern helfen. Schon im Kindes
alter werden Grundlagen dafür
geschaffen, ob ein Mensch geizig
oder grosszügig wird, sagt der Hirn
forscher und Autor Gerald Hüther.
Interview: Esther Banz
moneta: Gerald Hüther, in Ihrem Buch «Was Verständlich. Gibt es k eine Strategien dagegen?
schenken wir unseren Kindern?» zeigen Sie Das Kind müsste im Kindergarten und in der Schule Freun-
Eltern auf, welche Geschenke Kinder wirklich de haben, deren Eltern ähnliche Ansichten und Werte
Foto: zvg
brauchen – Geldgeschenke, Spielzeuge und vertreten. In der Gruppe sind Kinder besser vor Ausgren-
andere Produkte gehörten nicht dazu. Warum? zung geschützt. Man müsste also im Quartier schon vor
Gerald Hüther Kinder wollen sich als selbstwirksame Beginn der Schulzeit solche Familien finden und ein paar
Subjekte erfahren, schon von klein auf. Die grössten gemeinsame Nachmittage verbringen – die Chance ist
Geschenke, die wir ihnen deshalb geben können, sind Ver- gross, dass die Kinder sich befreunden.
bundenheit, Geborgenheit, Vertrauen und Autonomie,
Gerald Hüther sodass sie von ihrem sicheren Hafen aus – dem Zuhause – Und die Eltern auch. Trotzdem hat das Kind ja –
Der 1951 geborene Neuro-
die Welt erkunden können. Alle Kinder wollen lernen. hoffentlich – seinen eigenen Willen. Es
biologe ist Autor zahlreicher
wissenschaftlicher und Ihnen ermöglichen, diese Lernfreude zu bewahren, ist das befreundet sich womöglich mit ganz anderen
populärwissenschaftlicher grösste Geschenk, das wir ihnen machen können, für Kindern und entwickelt eine andere
Publikationen, unter ande-
ihren ganzen weiteren Lebensweg. Einstellung als die Eltern zu Geld und Konsum.
rem zu kindlicher Entwick-
lung. 2019 publizierte er zu- Ja, und ich rate dringend davon ab, das Kind zu sich
sammen mit André Stern Konsequent auf materielle Geschenke zu «rüberziehen» zu wollen, denn das würde sein Bedürfnis
«Was schenken wir unseren
verzichten, ist aber extrem schwierig, verletzen, mit den andern verbunden zu sein. Die
Kindern? Eine Entschei-
dungshilfe» (Verlag: erst recht ab dem Kindergartenalter, wo Kinder Eltern können nur versuchen, ein anderes Vorbild zu
Random House). Er ist stark von Gleichaltrigen beeinflusst werden. sein. Einstein brachte es sehr gut auf den Punkt mit
mehrfacher Vater
und Grossvater und lebt in
Richtig. Keine Familie ist allein auf dieser Welt. Das Kind den Worten: «Es gibt keine andere vernünftige Erziehung,
Deutschland. hat Freunde, die ein Taschengeld und Dinge geschenkt als Vorbild zu sein, wenn es nicht anders geht, ein
erhalten, die das eigene Kind ebenfalls haben will. Spätes- abschreckendes.» Kinder erkennen, was ein ungünstiges
tens dann, wenn es sich aus der Peer-Gemeinschaft aus Vorbild ist und nehmen Abstand, gehen einen eigenen
geschlossen fühlt, kapitulieren Eltern. Weg. Das schaffen aber nicht alle. Schöner wäre, ein positi-
ves Vorbild zu sein.
8 moneta 1— 2021 KIND UND GELDIm Bauch eines bunten Sparschweins Der Mensch kann also mangels Wertschätzung
erhält Geld schon früh Zutritt ins Kinder geizig werden?
zimmer. Wie wirkt es auf Kinder? In der Quintessenz, ja. Geiz ist eine Haltung, die entsteht,
Das kommt auf die Eltern an. Es ist ohnehin so: Kinder weil man meist schon als kleines Kind nicht bekam,
interessieren sich nur für Geld, solange es Erwachsene was man gebraucht hätte. Kinder erleben es als schmerz-
gibt, die dem Geld eine grosse Bedeutung beimessen. Die voll, wenn sie etwas verschenken wollen, aber die an
Erwachsenen pflanzen dem Kind diese Einstellung ein. deren sich nicht darüber freuen. Oder wenn ihnen verbo-
ten wird, etwas von dem abzugeben, was sie haben.
Indem zu Hause über Geld gesprochen wird? Diese Verletzungen führen bei manchen dazu, dass sie
Nicht nur. Es passiert auch unbewusst, über Taschengeld nichts mehr verschenken wollen. Sie bleiben dann
und Geschenke. ein Leben lang Bedürftige.
Es gibt auch ganz spezielle Sparschweine mit Geiz ist also Ausdruck eines Mankos respektive
mehreren Kammern, sodass das Kind sich einer Sehnsucht?
zwischen verschiedenen Sparzielen entscheiden Ja, «bedürftig» wird jemand, der ein lebendiges Bedürfnis
kann. In einer Kammer kann es ausserdem nicht stillen konnte. Mit Geld hat das gar nicht so viel
Geld für einen guten Zweck sammeln. Was halten zu tun – Geld ist ja nur ein neutrales Mittel. Das zeigt sich
Sie davon? in dem speziellen Sparschwein gut: Man kann es benut-
Das finde ich sehr gut. Das Kind lernt so, dass es mit Geld zen, um andere zu beschenken oder um sich selber zu be-
nicht nur Dinge für sich selber kaufen kann. Ein Kind, das lohnen – etwa für das, was man aushält. Im einen Fall
ich kenne, ermöglicht einem gleichaltrigen Waisenkind in ist man Bedürftiger, im andern Schenkender. Der Bedürfti-
Nepal mit wenigen Euro pro Woche, dass es zur Schule ge – da sind wir bei Erich Fromm – ist einer, der immer
gehen kann. Die beiden schreiben sich sogar, auf Englisch. haben will, der nicht sein kann. Und das Kind, das mit sei-
So entsteht eine Art Freundschaft. Wunderbar daran ist nem gesparten Geld ein anderes Kind unterstützt, damit
auch, dass ein Kind so die Möglichkeit erhält, zu begreifen, es zur Schule gehen kann: Es ist ein Schenkender, jemand,
dass es mit Geld auch wirklich Gutes ans tellen kann. Was der anderen gern etwas abgibt von seinem «Reichtum».
es unterstützt, muss allerdings konkret sein.
Es geht dem schenkenden Mädchen gut,
Einfach ein Schlitz «für wohltätige Zwecke» nehme ich an.
wäre zu wenig konkret? Genau, schenken bedeutet Stärke. Je mehr ein Kind
Ja. Der wohltätige Zweck muss fürs Kind greifbar werden. in seiner eigenen Kraft ist, desto eher ist es in der Lage, zu
Vielleicht gibt es auch im Wohnort des Kindes eine In schenken. Wenn hingegen die Grundbedürfnisse nicht
stitution für Kinder, die es unterstützen kann. Am besten gestillt sind, bleibt eine Bedürftigkeit. Und ein Bedürftiger
ist, wenn das Kind sein Geld für etwas einsetzt, das seine ist einer, dem etwas fehlt.
tiefsten inneren Bedürfnisse befriedigt.
Mir scheint, die meisten von uns seien Bedürftige.
Kinder sind ja von ganz klein auf fürsorglich Das sehe ich auch so. In sehr machtvollen Positionen fin-
und grosszügig. den sich besonders viele Bedürftige, die sich hochge-
Damit kommen alle auf die Welt. Sie erleben, dass sie un- kämpft haben. Einer, der etwas zu verschenken hat, muss
terstützt werden. Und daraus entwickeln sie das eigene nicht Karriere machen. Der muss auch kein Geld anhäufen.
Bedürfnis, andere zu unterstützen und zu beschenken, Gu-
tes zu tun. Sie betrachten sich als Geschenk für die Welt Zurück zu den Kindern und zum speziellen Spar
und wollen Teil dieser Gemeinschaft sein. schwein. Als ich es mit meiner fünfjährigen
Tochter einweihte, durfte sie selbst entscheiden,
Warum bleibt das nicht so? Warum sind wie sie ihr Erspartes auf die vier Kammern
Erwachsene so viel weniger grosszügig und verteilen wollte. Für sie war klar, dass die Hun
unterstützend als Kinder? derternote, die sie kürzlich geschenkt be
Weil manche Eltern ihrem Kind zu verstehen geben, dass kommen hatte, ins Spendenfach kam, für einen
es so, wie es ist, nicht richtig ist. Wenn Kinder bei den Tier-Gnadenhof. Ich war drauf und dran, sie
primären Bezugspersonen nicht die Wertschätzung finden, überzeugen zu wollen, es in die Kammer
die sie suchen, unterdrücken sie in sich selbst das Be reinzustecken, wo sie für Reitferien spart.
dürfnis, anderen zu helfen. Das kann so intensiv sein, dass Gut, haben Sie es nicht getan! Das Kind soll unbedingt sel-
im Hirn eine hemmende Verschaltung über dieses Bedürf- ber entscheiden dürfen. Das ist Autonomiestärkung. •
nis wächst. Und dann ist es weg.
Zu den im Gespräch erwähnten speziellen Sparschweinen gibt es weitere Informationen unter kinder-cash.com.
KIND UND GELD moneta 1— 2021 9Spielend lernen,
wie Kapitalismus geht
Es ist ja nur ein Spiel: Von der überraschenden Geschichte eines der erfolgreichsten
Gesellschaftsspiele der Welt. Oder: Wer würde heute noch behaupten, dass Kinder
lernen müssen, wie gefährlich Monopole sind?
Text: Roland Fischer
Ich habe schon ewig lang nicht mehr Monopoly gespielt. unter anderem forderte, dass Regierungen keine Arbeit,
Aber ich habe noch sehr lebendige Erinnerungen an sondern nur noch Landbesitz besteuern sollten. Innert
das Brett und die Metallfiguren, an das billige Papier dreissig Jahren erlangte The Landlord’s Game so etwas
der Geldscheine und die Spieldynamik, an den Moment, wie Kultstatus, und niemand dachte daran, Besitzan-
wenn der Markt für einen zu spielen beginnt und der sprüche geltend zu machen. Bis jemand anderes (ein
eigene Geldstapel immer höher wird. Die Macht des Mann, natürlich) Magies Idee an die grosse Spielfirma
Geldes, die Raffgier, die Verbindung von Gewinnen und Parker Brothers verkaufte – als seine eigene versteht
Wirtschaften – sind sie mir da ins Blut übergegangen? sich. Magie liess sich mit 500 Dollar für ihr Patent abfin-
Ich habe aber auch noch andere Erinnerungen: Zürich, den und war glücklich, dass nun noch viel mehr junge
Paradeplatz. Der Ärger, wenn einem dieses Grundstück Menschen spielend lernen würden, wie zerstörerisch
weggeschnappt wird. Man weiss genau, dass damit Monopole wirken können.
nun vieles gelaufen ist – weil es eben nicht nur auf Ver Lizzie Magie indessen kam als wirtschaftliche Idea-
handlungsgeschick und vorausschauendes Wirtschaf- listin kaum über die Runden und realisierte bald, dass
ten ankommt in diesem Spiel, sondern vor allem auf nichts an der klassischen Gesellschaftsnorm Heirat vor-
Glück. Und man weiss auch, dass man viel zu günstig beiführte. Also setzte sie eine Kleinanzeige in die Zei-
zu diesen Liegenschaften kommt, die dann richtig viel tung, in der sie sich als «young woman American slave»
Geld abwerfen. Wer auf die Gewinnerstrasse kam, den dem meistbietenden Mann anbot. Sie pries sich an als
kümmerte das natürlich wenig – das Maulen der ande- «not beautiful, but very attractive» und schrieb weiter,
ren konnte man als schlechtes Verlieren abtun. Aber dass ihre Wesenszüge «voller Charakter und Kraft, aber
ich wusste eigentlich genau: Da ist was faul. dennoch ganz feminin» seien. Es waren seltsame Zeiten.
Die monopolkritische und lang vergessene Erfinderin Mehr als eine erfolgreiche Parabel
Habe ich damit die Lektion genauso gelernt, wie es auf den Kapitalismus?
der Erfinderin vorschwebte? Lizzie Magie hatte sich Vielleicht war Magie aber vor allem eine Spielerin,
für ihr «Landlord’s Game» nämlich zwei Spielvarianten immer auf der Suche nach Möglichkeiten, das Bewusst-
ausgedacht: Die Spielerinnen und Spieler mussten sich sein der Menschen für Ungerechtigkeiten zu kitzeln.
zu Beginn entscheiden, ob sie ganz nach «The winner «Bald, ich hoffe sogar sehr bald, werden Männer und
takes it all»-Schema zu Monopolisten werden wollten Frauen merken, dass sie deshalb arm sind, weil Carnegie
oder lieber mit Regeln spielen, die eher kleinteiliges, so- und Rockefeller so viel haben, dass sie nicht wissen,
ziales Wirtschaften belohnten. Die Geschichte des viel- was damit anfangen», sagte sie zu Journalisten, die auf
leicht erfolgreichsten Gesellschaftsspiels der Welt hat die schräge Annonce aufmerksam geworden waren und
einige unerwartete Pointen – die erste eben, dass es von Magie so zu kurzzeitiger Berühmtheit verhalfen. Doch
einer Frau erdacht wurde, einer amerikanischen Schrift- bald ging die Pionierin wieder vergessen und mit dem
stellerin, Feministin, Erfinderin. Die zweite ist so über- Verkauf wurde The Landlord’s Game zum ungeschmink-
raschend vielleicht nicht: Der Erfolg ihrer Idee hat Ma- ten Monopoly – aus zwei Spieloptionen wurde eine.
gie kaum etwas eingebracht. Da waren nämlich ein paar Magies pädagogischer Trick lief ins Leere. Und die offi-
ehrgeizigere Männer mit im Spiel, buchstäblich. Magie zielle Version von Monopoly wurde erst recht zu einem
liess ihr Spiel zwar 1904 patentieren, aber es zirkulierte Hit: Im ersten Jahr verkauften sich 278 000 Exemplare,
ziemlich frei. Es ging ihr ja auch in erster Linie um Wirt- im nächsten schon über 1 750 000.
schaftskritik. Sie folgte bei der Entwicklung ganz den Also alles schön nach marktwirtschaftlichem Kli-
Lehren des Antimonopolisten und linken Wirtschafts- schee? Monopoly, eine vielschichtige Parabel auf das
reformers Henry George, der im späten 19. Jahrhundert immer ein wenig humorlose, aber effiziente Funktio-
10 moneta 1— 2021 KIND UND GELDnieren des Kapitalismus? Nicht nur: Die schönste Poin- die Werbung der Spielhersteller direkter an die Kinder
te im Zusammenhang mit Monopoly ist wohl, dass und nicht mehr an die Eltern. Nun fokussierte man auf
sich hartgesottene Ökonominnen und Ökonomen noch die Aufregung, die ein Spiel versprach, und immer we-
heute mächtig über die Logik des Spiels aufregen kön- niger auf die erzieherischen Werte.
nen. So schrieb Benjamin Powell, Direktor des Free Mar-
ket Institute, vor ein paar Jahren einen bösen Kommen- Erlebnisse statt Immobilien kaufen
tar mit dem Titel: «What’s wrong with Monopoly (the Monopoly ist bis heute eines der erfolgreichsten
game)?» So einiges, fand er – vor allem, dass kein freier Brettspiele auf dem Markt und erscheint in unzähligen
Markt auf dem Spielfeld sei, sondern viel regulatori- Spezialeditionen. Die jüngste Ausgabe aus dem Jahr
scher Zwang und vor allem gegängelte Konsumenten: 2019 hat sich übrigens vom Papiergeld verabschiedet.
«Da gefallen sich Land- und Immobilieneigner, obwohl Stattdessen steht auf dem Spielfeld ein Hut mit einge-
sie durch pures Glück zu ihren Besitztümern gekom- bauter Sprachsteuerung, als KI -Verwaltung des digita-
men sind, im Gedanken, Herren der Welt zu sein und len Kredits. Das zog auch sogleich Kritik von Erzie-
einfach aus allen, die vorbeikommen, Profit herauspres- hungsexpertinnen und -experten nach sich: Kinder
sen zu können. Es gibt keine Auswahl, geschweige denn lernten eher einen verantwortungsvollen Umgang mit
Entscheidungsfreiheit aufseiten des Konsumenten.» Monetärem, wenn sie konkret Scheine zählen und vor
Kommt einem irgendwie bekannt vor, zu Zeiten von sich stapeln können – und auch wieder hergeben müs-
Google, Facebook und Konsorten. Vielleicht entlarvt sen, wenn sie verlieren.
das Spiel also doch – ganz in Lizzie Magies Sinn – die Noch viel konsequenter war aber das ein Jahr früher
Literatur:
Schwächen eines Systems, das real existierend zwar herausgekommene Monopoly für Millennials. «Vergiss Mary Pilon,
läuft wie geschmiert, aber niemanden so recht glücklich Immobilien. Du kannst dir sowieso keine leisten» steht «The Monopolists:
macht (ausser den Gewinner, für einen sinnleeren Mo- auf dem Cover. Statt sich ein Immobilienimperium Obsession, Fury, and
the Scandal Behind
ment)? Insofern überrascht es auch nicht, dass der Er- aufzubauen, sollte man sein Geld lieber für Musikfesti- the World’s Favorite
folg von Monopoly immer wieder Umdeutungen provo- vals ausgeben oder für ein edles Nachtessen im veganen Board Game»,
zierte. Der Science-Fiction-Autor Philip K. Dick – man Bistro – denn «Erlebnisse währen für immer». Auch Bloomsbury, 2015.
kennt ihn vielleicht als Autor der Vorlage des Films eine gültige Wirtschaftslektion: Der nächste Crash, er Henry George, «Progress
«Blade Runner» – beschrieb 1959 in einer Kurzgeschich- kommt bestimmt. • and Poverty», 1879.
te eine Monopoly-Persiflage, in der das Ziel des Spiels
ins Gegenteil umgedeutet wurde: sein Geld nämlich so
rasch und komplett wie möglich zu verpulvern. Das
Spiel kam für ein paar Jahre tatsächlich auf den Markt,
als «Go for Broke», deutsch: Mankomania.
«Anti-Monopoly»: Wirtschaftskritik
in vielen Varianten
In den 1970er-Jahren kamen eine ganze Reihe von
Spezial-«Monopolys» auf den Markt, das berühmteste
1973 unter dem Titel Anti-Monopoly. Es war gewisser-
massen eine späte Reverenz an Lizzie Magie und ihre
zwei Spielprinzipien. Wobei der Erfinder, der Wirt-
schaftsprofessor Ralph Anspach, zunächst gar nichts
wusste von diesen Ursprüngen des Spiels. Tatsächlich
kam die ganze Geschichte um Lizzie Magie überhaupt
erst ans Licht, weil sich Anspach einen jahrzehntelan-
gen Rechtsstreit mit Parker Brothers lieferte und sich
tief in die Archive wühlte.
Vor allem im deutschsprachigen Raum kamen in der
Folge eine ganze Reihe weiterer Anti-Monopolys her-
aus: zum Beispiel «Provopoli – Wem gehört die Stadt?»,
wo man als Hausbesetzerin oder -besetzer die Markt
logik aushebeln kann, oder «Ökolopoly» mit dem Spiel-
ziel, ein Ökosystem am Laufen zu halten und die kyber-
netische Denkweise zu fördern.
Durchgesetzt hat sich keine dieser «moralischeren»
Spielideen – ob das daran liegt, dass wir sehr gern un-
moralisch spielen, wenn wir eine unsanktionierte Gele-
genheit dazu bekommen, sei einmal dahingestellt. Die
grosse Zeit der pädagogisch konzipierten Spiele ist seit
den 1960er-Jahren ohnehin vorbei. Seither richtet sich
KIND UND GELD moneta 1— 2021 11Eltern:
Wie macht ihrs?
Wie ist Geld und Konsum bei Eltern Thema, ganz
praktisch und auf der Werteebene? Eine kleine Umfrage
bei Müttern und Vätern.
Text: Esther Banz ten? Oder erhalten Produkte dadurch erst recht einen
Stellenwert, den man ihnen eigentlich gar nicht geben
möchte?
Und nicht zuletzt stellen sich die grossen Fragen:
Mit der Elternschaft begann eine neue (Zeit-)Rechnung. Wie erlangt unsere Tochter einen bewussten, auch soli-
Mein ganzes, auch in Geldfragen selbstbestimmtes darischen Umgang mit Geld? Und wie erklären wir ihr,
und einigermassen unbekümmertes Erwachsenenle- dass wir sehr wohl im Überfluss leben, auch wenn wir
ben nahm ein jähes Ende. Bisher musste das Geld, das dauernd knapp bei Kasse sind? Oder was unser Über-
ich verdiente, allein für mich reichen. Und das Alter fluss bedeutet, wenn wir beispielsweise danach fragen,
schien weit weg. Jetzt ertappe ich mich öfters bei Fragen unter welchen Umständen die Kleider produziert wur-
wie: Wann werden wir eigentlich pensioniert? Und wie den, die wir tragen?
alt wird dann unsere Tochter sein? Wie viel liegt auf un- Unsere Tochter ist erst fünf Jahre alt. Meine bishe-
seren (Pensions-)Konti? Könnten wir ihr ein allfälliges rigen Erkenntnisse zu Kind, Geld und Konsum: Es ist
Studium überhaupt finanzieren? Oder müssen wir in kompliziert und oft unbefriedigend. Aber was sagen an-
den nächsten zwölf Jahren zusätzlich Geld sparen? Ob- dere Eltern? Wie ist Geld und Konsum bei ihnen Thema?
wohl: Das ist gar nicht so einfach, seit wir zu dritt sind.
Unsere beiden nicht so hohen Löhne müssen ja nicht Mattea Meyer, SP -Co-Präsidentin; Mädchen (4)
nur für drei Personen reichen, sondern auch für die «Wir versuchen, unserer Tochter einen unge
grössere Wohnung und vor allem für die externe Kin- zwungenen Umgang mit Geld und Dingen
derbetreuung. zu vermitteln: weder verschwenderisch noch
Auch als Wertethema fordert Geld ein neues Be- geizig. In einem schönen Kinderbuch, das
wusstsein und Entscheidungen dem Kind gegenüber: wir immer wieder zusammen anschauen, geht
Was will ich ihm vermitteln? Ich weiss nicht mehr, wie es ums Teilen. Eines Abends zügelte sie
alt unsere Tochter war, als sie erstmals laut und zornig eines der beiden Nachttischli aus u nserem
rief: «Das ist meins! Damit darf niemand anderes spie- Schlafzimmer in ihres. Sie fand: ‹Ihr habt zwei,
len!» Ups. Wie darauf reagieren? Werden hier schon ich keines. Ihr müsst auch teilen lernen!›
Weichen gestellt? Überhaupt, der Konsum. Die Verfüh-
rungen in den Supermärkten sind das eine Reizthema, Wenn Kinder zu Besuch kommen, muss sie ihre
das andere: Plötzlich gehen emotional besetzte Gegen- Lieblingskuscheltiere nicht allen andern zum
stände mir nichts, dir nichts kaputt. Soll man schimp- Anfassen geben. Es ist uns wichtig, dass sie das Recht
fen, das Kind zu einem sorgfältigeren Umgang anhal- hat, auch in solchen Dingen Nein zu sagen.»
12 moneta 1— 2021 KIND UND GELDAndrea Bauer, Redaktorin; Junge (7) und Alice Kohli, angehende Physikerin und Lehrerin;
Mädchen (5) zwei Mädchen (4 und 3)
«Unser älterer Sohn ist in der ersten Klasse und er- «Gestern gab es im Kinderzimmer einen seltenen
hält jetzt erstmals Taschengeld. Seither versteht Geld-Moment: Die Mädchen verteilten Kuchen und
er: Wenn ich das spare, kann ich mir Dinge kaufen. verlangten drei Bätzeli dafür. Sie haben also bereits
Beim Tauschen von Ninjago-Karten wurden die jün- ein Verständnis dafür, dass Geld so etwas wie ein
geren von den älteren Kindern eine Zeit lang ständig Tauschschein ist. Ansonsten sind Münzen und No-
übers Ohr gehauen. Wir mussten uns überlegen, ten aber noch etwas Abstraktes für sie. Sowenig
wie wir uns dazu verhalten sollen – was moralisch das für sie ein Thema ist, sosehr ist es plötzlich für
gar nicht so einfach war: Bringen wir unserem Sohn mich eines geworden, seit ich Mutter bin: Ich mache
bei, wie er beim Tauschen das Beste für sich rausho- mir viel mehr Gedanken über die Zukunft, sogar zu
len kann? Oder aber, dass es okay ist, sich über den Vorsorgethemen, die mich zuvor überhaupt nicht
Tisch ziehen zu lassen? Beides war nicht das, was wir interessierten. Und ich bin insgesamt nicht mehr so
ihm vermitteln wollten. Schliesslich gaben wir ihm entspannt im Umgang mit Geld.»
Handlungsmöglichkeiten, wir liessen ihn überle-
gen: Welche Karte ist mir viel wert, welche weniger? Julia Hofstetter, Illustratorin, Ziegenhirtin,
Am Schluss waren wir alle sogar glücklich über diese Kommunikationsbeauftragte, Gemeinderätin;
Erfahrung, weil sie uns darüber nachdenken liess: zwei Töchter (19 und 15)
Wer bestimmt eigentlich, was wie viel Wert hat?» Julia «Konsum und Finanzflüsse sind für mich wich-
tige Themen, nicht zuletzt, weil mich die Klima
Brigitta Bernet, Historikerin, und Koni Weber, krise und der Verlust der Biodiversität beunruhigen.
Programmierer; zwei Jungen (10 und 7) Es beschäftigt mich auch, dass Menschen für die
Koni «Unsere Kinder sind noch fest am Sammeln. Produkte, die ich kaufe, ausgebeutet werden. Meine
Neben Federn auch Noten, beides flog öfters einfach Töchter wollte ich mit diesen Themen aber nicht be-
im Zimmer rum. Wir brachten die Noten dann zur lasten. Kinder sollen unbeschwert und im Vertrauen
Bank. Die Buben haben je ein Jugendsparkonto.» aufwachsen dürfen, dass die Welt grundsätzlich
gut ist. Wir haben deshalb als Eltern versucht, diese
Brigitta «Was mich sehr umtreibt, sind die grossen schwierigen Themen positiv zu besetzen, etwa in-
Vermögensunterschiede und die Kapitalakkumula- dem wir unseren Töchtern die Freude an nachhaltig
tion einiger weniger auf Kosten der Löhne. Aber produzierten Produkten vermitteln und saisonal
wie lässt sich dieses Thema für Kinder herunterbre- einkaufen. Sie hatten früh ihr eigenes Geld, nicht
chen? Ich habe versucht, es über die verschiedenen nur Taschengeld, sondern einen Jugendlohn. So ha-
Berufe zu erklären. Unser älterer Sohn hörte auf- ben sie gelernt, selber mit Geld zu haushalten.»
merksam zu. Er möchte dereinst einen sinnvollen
Beruf ausüben. Uns sieht er vor allem am Computer Die ältere Tochter «Den Jugendlohn erhielt ich erstmals
arbeiten – dass man vor einem Bildschirm sitzend mit zwölf Jahren. Anfangs waren es 200 Franken
Geld verdienen kann, findet er seltsam. Dass Bauern im Monat. Wir haben die Höhe jedes Jahr neu be-
und Bäuerinnen mit ihrer Arbeit Geld verdienen, rechnet und dabei geschaut, was ich für Essen,
scheint ihm hingegen völlig logisch.» Kleider, Hygieneartikel brauche. Je älter ich wurde,
desto mehr Geld hatte ich zur Verfügung. Ich kaufte
Dominik Gross, Spezialist für globale Finanz- nie grosse, teure Sachen, sparte aber auch nicht viel.»
und Steuerpolitik bei einer NGO, und Katharina
Morawek, Ausstellungsmacherin und Beraterin Min Li Marti, SP -Nationalrätin und Verlegerin;
für Demokratisierungsprozesse im Kulturbereich. Mädchen (3)
Junge (3) und Mädchen (2 Monate) «Kaum sind Kinder da, hat man zu Hause viel mehr
«Geld ist für unseren Sohn noch kein Thema, Teilen Sachen rumliegen. Ich finde das nicht so schlimm,
aber schon. Wir möchten ihm Grosszügigkeit im die Kinder müssen ja lernen, mit der Konsumwelt
Umgang mit dem eigenen Besitz vermitteln, aber umzugehen. Wichtig ist uns, dass unsere Tochter
auch Sorgfalt mit den eigenen Sachen und jenen lernt: Jede kann mithelfen, Probleme zu lösen, sei es
von anderen. Spielsachen zu teilen, scheint uns da- beim Klima oder bei den sozialen Ungerechtig
für eine gute Übung. Generell ist uns wichtig, dass keiten. Mein Mann Balthasar Glättli und ich reden
unsere Kinder einen pragmatischen Umgang mit ja oft über solche Dinge, auch am Familientisch.
Geld lernen. Geld selbst ist ja an sich nichts mehr als Sorge bereitet mir – und das hat sehr konkret mit
ein Medium, um materielle Werte auszudrücken. dem Kapitalismus zu tun –, dass Kinder heutzutage
Ungleichheit und Armut kommen erst durch Herr- angeblich lernen müssen, sich zu behaupten und
schaft und Ausbeutung in die Welt, nicht durchs anzupassen, um später in einem gnadenlosen Be-
Geld an sich. Geld oder nicht Geld ist also nicht die rufsleben zu bestehen. Man sollte die Kinder doch
Frage, sondern wie Besitz und Reichtum unter einfach in dem fördern, was sie gern machen.» •
uns allen möglichst gleich verteilt werden – ob in
der Krippe oder der ganzen Gesellschaft.»
KIND UND GELD moneta 1— 2021 13Sie können auch lesen