INDIEKINO BERLIN MAGAZIN FÜR UNABHÄNGIGES BERLINER KINO

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INDIEKINO BERLIN MAGAZIN FÜR UNABHÄNGIGES BERLINER KINO
D LA VERITÉ Ganz die Diva D FOR SAMA Für die Tochter D WAVES Pures Gefühlskino D PAUSE Es brodelt in Elpida
D ÜBER DIE UNENDLICHKEIT Eins ans andere reihen D DIE FARBE AUS DEM ALL Private Okkult-Suppe D CRONOFOBIA
Zeitgenössische Melancholie D EMMA Auf Hochglanz poliert D PLÖTZLICH HEIMWEH Verliebt in die Schweiz
D DIE PERFEKTE KANDIDATIN Maryam manövriert D NEW YORK – DIE WELT ZU DEINEN FÜSSEN Stadtwanderer
D JEAN SEBERG – AGAINST ALL ENEMIES Im Visier des FBI D JEAN-PAUL GAULTIER: FREAK & CHIC Wild, bunt, exzessiv
D DIE ­KÄNGURUH-CHRONIKEN Zukünftiger Berlin-Film-Klassiker D MOM + MOM L’auberge italienne

Magazin FÜR unabhängigeS BERLINER KINO                                  D 67 D FEBRUAR/MÄRZ 2020

indiekinoBERL

                                           EMMA – START AM 5.3.2020
INDIEKINO BERLIN MAGAZIN FÜR UNABHÄNGIGES BERLINER KINO
INDIEKINO BERLIN MAGAZIN FÜR UNABHÄNGIGES BERLINER KINO
INDIEKINO BERLIN WIRD UNTERSTÜTZT VON DEN INDIEKINOS
D ACUD KINO D B-WARE!LADENKINO D BALI KINO D B
                                             ­ rotfabrik Kino
                                                                                                    „ FILME
D BUNDES­ PLATZ KINO D City Kino Wedding D EVA-LICHTSPIELE                                     DIESES K ALIB ERS
D FILMRAUSCHPALAST D FSK-KINO AM ­   ORANIENPLATZ D IL KINO                                     GIBT ES SELTEN
D KROKODIL D SPUTNIK KINO AM SÜD­STERN D TILSITER LICHTSPIELE                                       BIS NIE“
D UNION FILMTHEATER D XENON KINO D WOLF KINO D Z-INEMA                                                   – PETER DEBRUGE,
                                                                                                              VA R I E T Y
D ZUKUNFT D B-WARE! OPEN AIR D FLB Weissensee D FLK FRIED-
RICHSHAGEN D FLK HASENHEIDE D FLK INSEL D FLK POMPEJI D FLK
„UMSONST & DRAU­S­SEN“ IM FILMRAUSCHPALAST
                                                                                               „ DIE EPISCHE
                                                                                             GESCHICHTE EINER
                                                                                                 MODERNEN
                                                                                             AMERIK ANISCHEN
                                                                                                  FAMILIE .“
                                                                                                               – TY BURR,
                                                                                                         T H E B O S T O N G LO B E

                                                                                                                                           MIT          UND
                                                                                  KELVIN         LUCAS      TAYLOR       ALEXA         RENÉE ELISE   STERLING K.
                                                                             HARRISON, JR.     HEDGES     RUSSELL       DEMIE         GOLDSBERRY      BROWN

Editorial
                                                                             V O N D E M G E F E I E R T E N R E G I S S E U R T R E Y E D WA R D S H U LT S
In unserem Februar/März-Magazin dreht sich zunächst einmal alles um
die Berlinale. Wir sind gespannt auf das Festival unter neuer Leitung
und freuen uns vor allem auf den diesjährigen Wettbewerb mit Filmen
von Kelly Reichardt, Hong Sang-soo, Abel Ferrara, Sally Potter und Bur-
han Qurbani und auf die neue Reihe „Encounters“, die filmische Experi-
mente ins Rampenlicht holen will. Auf den Seiten 8/9 stellen wir beide
Programme etwas ausführlicher vor. Einige der Berlinale-Filme kommen
bereits im März ins Kino, wie beispielsweise Ulrike Ottingers PARIS CAL-
LIGRAMMES, Christian Petzolds UNDINE, Abel Ferraras SIBERIA und der
Dokfilm WAGENKNECHT von Sandra Kaudelka über die Linken-Politikerin.
Da vor der Weltpremiere auf dem Festival nicht berichtet werden darf,
finden sich zu diesen nur kurze Ankündigungen im Magazin – mehr gibt es
dann online unter www.indiekino.de, wo wir in einem Berlinale-Blog über
unsere Seh-Erlebnisse berichten werden.
Nach der großen imaginären Sause hält dann der Realismus Einzug ins
Kino: Im März starten auffällig viele Dokumentarfilme. Der vielfach preis-
gekrönte und sehr berührende FOR SAMA beispielsweise, in dem Waad
Al-Kateab für ihre neugeborene Tochter die Situation in Aleppo festhält.
Oder JENSEITS DES SICHTBAREN – HILMA AF KLINT, der es sich zur Auf-
gabe macht, die erste abstrakte Malerin – Hilma af Klint malte ihre ersten
abstrakten Bilder bereits 1906 und damit sechs Jahre von Kandinsky, der
als Pionier des Abstrakten gilt – in der Kunstgeschichte zu etablieren.
Oder die exzessive Doku JEAN PAUL GAULTIER: FREAK UND CHIC. Oder
der sehr schöne, nachdenkliche Film PLÖTZLICH HEIMWEH, in dem die
chinesische Reporterin Yu Hao erzählt, wie sie ihre unwahrscheinliche
Wahlheimat in den Appenzeller Bergen entdeckte. Oder CHICHINETTE
über die kleine, zähe Jüdin Marthe Hoffnung, die als französische Spionin
im 2. Weltkrieg arbeitete.

Viel Spaß beim Lesen und viel Spaß im Kino
Eure INDIEKINO-Redaktion

Die April-Ausgabe des INDIEKINO Magazins erscheint am 27.3.                                 AB 19. MÄRZ IM KINO
INDIEKINO BERLIN MAGAZIN FÜR UNABHÄNGIGES BERLINER KINO
INDIEINHALT

06 Magazin                                                        38 WEITER im KINO

10 „ES GIBT NUR EINE WIE CATHERINE                                39 Kinderfilme
   DENEUVE.“ INTERVIEW MIT HIROKAZU
   KORE-EDA ZU LA VERITÉ                                          40 Kinohighlights

14 FÜR DIE TOCHTER FOR SAMA                                       46 Nachbild

16 Pures Gefühlskino Waves                                        47 Kinoadressen, Impressum, Abo

24	AUF HOCHGLANZ POLIERT EMMA

Neu im FEBRUAR/MÄRZ
19 800 mal einsam –              34   Euforia                     20 Der Krieg in mir            35   Plötzlich Heimweh
   Ein Tag mit dem Filmemacher   36   Der Fall Richard Jewell     36 Das letzte Geschenk         31   Siberia
   Edgar Reitz                   22   Die Farbe aus dem All       36 Der letzte Mieter           26   Sword of God
21 Anders essen –                14   For Sama                    37 Limbo                       20   The Royal Train
   Das Experiment                34   Jean Paul Gaultier:         30 Mom + Mom                   18   Über die Unendlichkeit
37 Bliss                              Freak & Chic                19 Narziss und Goldmund        31   Undine
35 Body of Truth                 30   Jean Seberg                 22 New York –                  10   La Vérité
20 Brot                          32   Jenseits des Sichtbaren –      Die Welt vor deinen Füßen   20   Wagenknecht
27 Chichinette                        Hilma af Klint              23 Paris Calligrammes          21   Waterproof
28 Cronofobia                    37   Just Mercy                  18 Pause                       16   Waves
24 Emma                          29   Die Känguru-Chroniken       28 Die perfekte Kandidatin     26   Das Wunder von Taipeh

Starts der Woche
13.2.                            5.3.                             12.3.                          26.3.
20 The Royal Train               19 800 mal einsam –              19 Narziss und Goldmund        35   Body of Truth
                                    Ein Tag mit dem Filmemacher   22 New York –                  20   Brot
20.2.                               Edgar Reitz                      Die Welt vor deinen Füßen   30   Jean Seberg
37   Bliss                       24 Emma                          28 Die perfekte Kandidatin     36   Der letzte Mieter
28   Cronofobia                  22 Die Farbe aus dem All         20 Wagenknecht                 18   Pause
34   Euforia                     14 For Sama                                                     26   Sword of God
35   Limbo                       32 Jenseits des Sichtbaren -     19.3.                          31   Undine
                                    Hilma af Klint                27 Chichinette
27.2.                            29 Die Känguru-Chroniken         36 Der Fall Richard Jewell
21 Anders essen –                20 Der Krieg in mir              34 Jean Paul Gaultier:
   Das Experiment                36 Das letzte Geschenk              Freak & Chic
37 Just Mercy                    23 Paris Calligrammes            31 Siberia
30 Mom + Mom                     10 La Vérité                     18 Über die Unendlichkeit
35 Plötzlich Heimweh             21 Waterproof                    16 Waves
26 Das Wunder von Taipeh

D4     D FEBRUAR/MÄRZ 2020
INDIEKINO BERLIN MAGAZIN FÜR UNABHÄNGIGES BERLINER KINO
Paula BEER
            Franz ROGOWSKI

        Ein Film von CHRISTIAN PETZOLD

AB 26. MÄRZ IM KINO
INDIEKINO BERLIN MAGAZIN FÜR UNABHÄNGIGES BERLINER KINO
INDIEMAGAZiN
                                                                                                       FILM & GESPRÄCH:
                                                                                                       DER NACKTE KÖNIG
                                                                                                       Andreas Hoessli lebte 1979 als Forschungs­
                                                                                                       stipendiat in Polen. Dort lernte er den
                                                                                                       berühmten Reporter Ryszard Kapuscinski
                                                                                                       kennen, der von der Revolution im Iran berich-
                                                                                                       tete. Der Sturz des Schahs und die Bewegung
                                                                                                       „Solidarnosc“ in Polen finden in dieser Zeit
                                                                                                       statt. Jahre später befragt Hoessli Männer und
                                                                                                       Frauen, die an den Umstürzen beteiligt waren:
                                                                                                       Was ging in ihnen vor, als die Revolution nie-
                                                                                                       dergeschlagen wurde, oder - wie im Iran - eine
                                                                                                       religiös-autoritäre Elite die Macht übernahm?
                                                                                                       Zur Vorführung seines Films am 21.3. um
                                                                                                       15 Uhr im fsk-Kino ist Hoessli anwesend.

AUSSTELLUNG I: DU MUSST CALIGARI
WERDEN! Aus Anlass des 100. Jubiläums der Uraufführung widmet die Deutsche
Kinemathek Robert Wienes DAS KABINETT DES DR. CALIGARI eine besondere Ausstellung. Dabei
geht es nicht nur um die expressionistischen Kulissen und Entwürfe, die bereits Teil der ständigen
Ausstellung sind, und die im vergangenen Jahrhundert immer wieder filmisch zitiert wurden. Es wird
auch auf die Entstehungsgeschichte und die bewusst verstörende Werbekampagne eingegangen,
die zuerst ohne weiteren Kontext die Betrachter*innen mit dem Befehl „Du musst Caligari werden!“
über zwei verkrampften Händen konfrontierte. Dazu finden Führungen und Workshops statt, und
der Film wird in seiner restaurierten Fassung gezeigt. Kernstück der Ausstellung ist aber „Der Traum
des Cesare“, ein interaktiver VR-Film, mit dem Besucher*innen sich in die Dreharbeiten hineinver-
setzen lassen können. Noch bis zum 20.4. www.deutsche-kinemathek.de

VIDEONALE IM                         AUSSTELLUNG II:                                                   ALPLHA CITY im
UNION Auf der „Videonale“ präsentie- CLOSE-UP Noch bis zum 1.3.                                        Z-INEMA Am 23.2. um 17 Uhr
ren am 21.3. um 20 Uhr Amateure und Profis          zeigt die Galerie UNDER THE MANGO TREE             zeigt das Z-inema Eckhard Schmidts West-
ihre neuen (nicht älter als zwei Jahre) und         in der Merseburger Straße 14 in Schöneberg         Berlin-Noir ALPHA CITY aus dem Jahr 1985.
kurzen (nicht länger als 5 Minuten) Arbeiten        Arbeiten des Berliner Fotografen Richard           Der Film schildert die Talfahrt von Frank. Frank
im großen Glamour-Saal des Union Kino               Thieler, der seit 2009 Kinofassaden auf der        verdient sein Leben als Pianist in einer schmie-
einem interessierten Publikum. Es gibt einen        ganzen Welt fotografiert – tagsüber, wenn sie      rigen Spielhölle, in seiner Freizeit treibt er
Publikumspreis, einen Jurypreis und einen           verwaist dastehen und zu schlafen scheinen,        durch die Stadt oder streitet und liebt sich mit
Themenpreis, der diesmal an die originellste        und nachts, wenn sie ihre Galabeleuchtung          Raphaela. Tageslicht hat er seit Jahren schon
Arbeit zum Thema „Heimat“ vergeben wird.            anwerfen und sich mit Leben füllen. Öffnungs-      nicht mehr gesehen. Eckhart Schmidt wird den
www.kulturpfeiffer.de                               zeiten unter www.utmt.net                          Film persönlich präsentieren und vorab Aus-
                                                                                                       schnitte aus “Roman Cycle III” (2020) zeigen.
                                                                                                       Der Eintritt ist frei.
D6     D FEBRUAR/MÄRZ 2020
INDIEKINO BERLIN MAGAZIN FÜR UNABHÄNGIGES BERLINER KINO
REMASTERED: BERLINER
BALLADE Zum DVD-Release der restaurierten Fassung bie-
ten das City Kino Wedding und die Eva-Lichtspiele die Möglichkeit, die
BERLINER BALLADE, in der Gert Fröbe 1948 sein Filmdebüt gab, auf der
großen Leinwand zu sehen. Gedreht in den echten Nachkriegsruinen,
versucht sein Otto Normalverbraucher, im neuen Frieden Fuß zu fassen,
schlägt sich mit Hunger und Kälte, der Bürokratie, allerlei Schlitzohren
und rabiaten Alt-Nazis herum, bevor er sogar die Liebe findet. Dazwi-
schen wird gesungen und von Kuchen geträumt.
 City Kino Wedding: 19.2.um 19.15 Uhr, Eva-Lichtspiele: 15.3. um 15.45 Uhr, mit Einführung.

FILM AUS PAPIER                             Einmal im Monat lesen Stu-
dierende der deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB) in der
Sputnik Kinobar aus ihren Drehbüchern vor. Austausch ist ausdrücklich
erwünscht und der Eintritt ist frei! Der nächste Termin findet am 11.3.
um 20.30 Uhr statt.

                                                    VERLOSUNG:
                                                    MIDSOMMAR
                                           Einer unser Lieblingsfilme des
                                           letzten Jahres war Ari Asters
                                           gewitzter Psycho-Folk-Horror-
                                           Film MIDSOMMAR: Ein paar
                                           College-Studenten reisen nach
                                           Schweden, um dort den Mit-
                                           sommer-Festivitäten einer abge-
legenen Community beizuwohnen, unter ihnen sind auch die trauernde
Dani (Florence Pugh) und ihr hilfloser Freund Christian. Die Rituale wirken
zunächst skurril, werden aber immer gewaltsamer, und Faszination schlägt
in Panik um, Kichern in Verstörung. Nur für Dani scheint auf einmal alles
Sinn zu machen… Wir verlosen je eine DVD und Bluray. Bei Interesse
schreibt uns bis zum 15.3. an info@indiekino.de. Stichwort: Midsommar
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Berlin Alexanderplatz

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                                                                            eines Barmanns. Das Drehbuch beginnt schon auf der ersten Seite mit
                                                                            einer Variation auf Pascals Wette auf die Unsterblichkeit. Petzold hat
                                                                            in UNDINE (Start am 26.3.), mit Paula Beer und Franz Rogowski, die
                                                                            Legende von der Wasserfrau adaptiert.
                                                                            Mit dabei sind auch Filmemacher*innen wie Kelly Reichardt, Hong Sang-
                                                                            soo, Sally Potter und Mohammad Rasoulof, deren Fans wir seit langem
                                                                            sind. Reichardt kehrt mit ihrem neuen Film FIRST COW zur Zusammen-
                                                                            arbeit mit dem Autor Jonathan Raymond zurück. Die Geschichte basiert
                                                                            lose auf einer Episode aus Raymonds Roman „Half Life“, in der es um die
                                                                            Freundschaft zwischen einem zurückhaltenden chinesischen Koch und
                                                                            einem enthusiastisch-naiven Trapper an der amerikanischen Westküste im
                                                                            19. Jahrhundert geht. Nur sind die Charaktere hier umgedreht: Der chine-
                                                                            sische Immigrant ist der verwegene Typ, der amerikanische Koch „Cookie“
WETTBEWERB                        Wir freuen uns auf die Berlinale unter    der schüchterne. In THE WOMAN WHO RAN, dem neuen Film von
neuer Leitung: Das Wettbewerbsprogramm, das Carlo Chatrian bei              Hong Sang-soo, und seinem siebten mit der Schauspielerin Kim Min-hee,
der Berlinale-Pressekonferenz eloquent und mit großer Liebe zu den          trifft eine Frau während einer Geschäftsreise alte Freundinnen wieder.
Filmen präsentierte, weckt hohe Erwartungen. Von Burhan Qurbanis            Während des freundlichen Geplauders werden Risse unter der Oberfläche
moderner Adaption von Alfed Döblins BERLIN ALEXANDERPLATZ, in               deutlich. In Sally Potters Film THE ROADS NOT TAKEN spielen Javier
der Franz Biberkopf zu Francis aus Afrika wird, der in der Hasenheide       Bardem, Elle Fanning und Salma Hayek die Hauptrollen in der Geschichte
landet und den Kleinkriminellen Reinhold kennenlernt, über den Psy-         um verschiedene Lebensentscheidungen, die zu realen und halluzinierten
chothriller El prófugo (The Intruder) von Natalia Meta bis hin zum          Parallel­handlungen führen. Wer Mohammad Rasoulofs letzten Film A MAN
franko-kambod­schanischen Dokumentarfilm Irradiés (Irradiated)              OF INTEGRITY gesehen hat, musste sich fragen, wie lange das iranische
von Rithy Panh sind wir eigentlich auf alles gespannt. Seit langem heiß     Regime Rasoulof wohl noch arbeiten lassen würde. Im Juli 2019 wurde
erwartet werden die neuen Filme von Abel Ferrara und Christian Petzold,     Rasoulof wegen „Propaganda gegen den Staat“ zu einer Haftstrafe von
die beide bereits im März auch regulär in die Kinos kommen. Ferraras        einem Jahr verurteilt, blieb aber vorläufig auf freiem Fuß und konnte den
SIBERIA (Start 13.3.) erzählt von der realen und spirituellen Suche         Film Sheytan vojud nadarad (There Is No Evil) drehen.

                                                                            A metamorfoso dos pássaros

         Berlinale
         2020

ENCOUNTERS Hinzugekommen ist in diesem Jahr                                 THE TROUBLE WITH BEING BORN ist eine metaphysische Geschichte
ein ganz neuer Wettbewerb unter dem Titel ENCOUNTERS, der Filme             über einen Mann, der mit einer Androidin zusammenlebt, die aussieht
vorstellt, die „Mut und die Suche nach einer neuen Sprache“ beweisen.       wie ein 10-jähriges Mädchen. Sie erinnert sich nur an die Dinge, die der
Einer der Höhepunkte ist sicherlich Josephine Deckers Shirley. Nach         Mann, den sie „Vater“ nennt, ihr einprogrammiert hat. Wollner sagt über
ihrem Erfolg mit MADELINE’S MADELINE, der leider nicht im deutschen         ihren Film, er sei „ein leiser Abschied vom Menschen wie wir ihn kennen,
Kino lief, aber auf Festivals und in den US-Kinos gefeiert wurde, erzählt   der schon lang im Gange ist.“ Vielversprechend klingt auch Mariusz
SHIRLEY eine fiktive Geschichte über die Horror-Schriftstellerin Shirley    Wilczyńskis Animationsfilm Zabij to i wyjedź z tego miasta (KILL
Jackson (gespielt von Elizabeth Moss), die in ein seltsames, sexuell auf-   IT AND LEAVE THIS TOWN), der aus wilden, wie dahin gekritzelten surre-
geladenes Verhältnis mit einem Paar gerät. Sandra Wollmers Film             alen Bildern zu bestehen scheint. FUNNY FACE von Tim Hutton ist eine
                                                                            Rachegeschichte, die sich vermutlich nur zur Tarnung wie ein Horrorfilm
                                                                            mit einem maskierten Killer anlässt. Victor Kossakovsky, dessen Heavy-
                                                                            Metal-trifft-Natur-Film AQUARELA gerade erst im Kino war, präsentiert
                                                                            mit GUNDA ein Plädoyer gegen die massenhafte Ausbeutung von Tieren.
                                                                            Unter anderem beobachtet Kossakovsky hier ein einbeiniges Huhn, zwei
                                                                            pfiffige Kühe und die titelgebende Mutter-Sau Gunda.
D8     D FEBRUAR/MÄRZ 2020
INDIEKINO BERLIN MAGAZIN FÜR UNABHÄNGIGES BERLINER KINO
WOCHE DER KRITIK Während der Berlinale                                                                                              INDIEMAGAZiN

findet vom 19.-27.2. im Hackesche Höfe Kino wieder die „Woche der
Kritik“ statt: In sieben Filmprogrammen, die meist aus einem Kurzfilm       LOS ­FANTASMAS von Sebastián Lojo, in dem ein junger Mann durch
und einem abendfüllenden Film bestehen, und auf der Veranstaltung           die Nacht in Guatemala-Stadt streift, und der aus Montagen von altem
„Cinema Plural - Konferenz ohne Namen“ (19.2., Theaterdiscounter            Filmmaterial und Re-Enactments collagierte Film-Essay AMERICA von
Berlin), einer Art TED-Konferenz der Filmkultur, diskutieren Filmkriti-     Garrett Bradley gegenüber. Anhand der Filme soll im Gespräch dann die
ker*innen über Politik und Ästhetik, Vorlieben und Ablehnung, neue          „Verbindung zur Welt“ im „schönen Kino“ erforscht werden. An anderen
Distributions- und Rezeptionsformen. In allen Veranstaltungen geht es       Abenden reagieren Filmkritiker*innen mit unterschiedlichen ästheti-
um Diskurs und Austausch - über Filme, und zwischen Filmen unter-           schen Ansätzen unter dem Titel „Streitgespräch“ spontan auf Filmpro-
einander. So stehen sich im Programm „Anmut Irreal“ der Spielfilm           gramme. Mehr unter: wochederkritik.de

                                                                                                  Common Birds

                                       WEITERE SEKTIONEN Auch in den anderen Sektionen ist Bewegung: Das kulinari-
                                       sche Kino und die NATIVe-Reihe werden nicht fortgesetzt, das Kurzfilmformat Berlinale Shorts, das Panorama
                                       und das Forum haben mit Anna Henckel-Donnersmarck, Michael Stütz und Cristina Nord neue Kurator*innen
                                       bekommen. Gefühlt ist das Kinder- und Jugendprogramm Generation – immer ein guter Tipp und meist gibt es
                                       auch noch Karten – nochmals gewachsen und zum 70sten Jubiläum hat sich das Festival die schöne Reihe „On
                                       Transmission“ einfallen lassen: Berlinale-Filmschaffende stellen einen eigenen Film vor – und dann Arbeiten
                                       von jüngeren Kolleg*innen, mit denen sie sich verbunden fühlen. So kommen Ang Lee und Hirokazu Kore-eda
                                       zusammen oder Margarethe von Trotta und Ina Weisse. Der Ehrenbär geht an Helen Mirren, und die Retros-
                                       pektive widmet sich diesmal King Vidor.

BERLINALE GOES KIEZ                                 Die Kooperation mit     21.30 Uhr) gucken, oder PETITE FILLE, Sebastian Lifshitz‘ Porträt der
den Berliner Kiezkinos bleibt auch unter der neuen Leitung bestehen.        8-jährigen Sasha, die Gendernormen bricht, im Schöneberger Xenon
Statt im Berlinale Palast kann man beispielsweise Christian Petzolds        (25.2. um 21.30 Uhr). Im Filmrauschpalast Moabit diskutieren in der
UNDINE in der intimen Atmosphäre des b-ware!ladenkino (26.2. um             Veranstaltung „Around the Block: Talent Goes Kiez“ (24.2. um 17 Uhr,
                                                                            Eintritt frei) Expert*innen über die Zukunft des Kinos, und im City Kino
                                                                            Wedding bietet der Forumsfilm ANNE AT 13.000 FT (22.2. um 18 Uhr)
                                                                            über die wechselhafte 27-jährige Anne die Gelegenheit, den kanadi-
                                                                            schen Newcomer Kazik ­Radwanski zu entdecken. Weitere Berlinale-Kie-
                                                                            zkinos sind das Moviemento, die Neuen Kammerspiele Kleinmachnow
                                                                            und das Thalia Potsdam. Tickets für alle Veranstaltungen gibt es bereits
                                                                            ab dem 17.2.

                                                                            Petit Fille
                                                                                                                        FEBRUAR/MÄRZ 2020 D      9D
INDIEKINO BERLIN MAGAZIN FÜR UNABHÄNGIGES BERLINER KINO
INDIEFEATURE

D 10   D FEBRUAR/MÄRZ 2020
INDIEFEATURE

Hirokazu Kore-eda ist einer unser absoluten Lieblingsregisseure, seit uns NOBODY KNOWS (2004) um vier Geschwister­
kinder, von denen das älteste gerade mal zwölf Jahre alt ist und die sich umeinander kümmern, als die Mutter eines Tages
spurlos verschwindet, mit seiner Zartheit und Präzision einfach umgehauen hat. Dann kamen unter anderem der rührende
LIKE FATHER, LIKE SON (2013) und im vorletzten Jahr dann der verdiente Cannes-Gewinn mit SHOPLIFTERS (2018). LA
VERITÉ ist nun Kore-edas erste im Ausland realisierte internationale Produktion. Thomas Abeltshauser hat sich auf dem
Filmfest Venedig mit dem Regisseur über seinen neuen Film unterhalten.

         „Es gibt nur eine wie
          Catherine Deneuve“
             Interview mit Hirokazu Kore-eda über LA VERITÉ

INDIEKINO: LA VERITÉ ist Ihr erstes Projekt außerhalb Japans und in einer   Das wäre nicht möglich gewesen. Ich hatte auch von Anfang an Catherine
Ihnen fremden Sprache. Was hat Sie zu dem Stoff bewogen?                    Deneuve im Kopf, weil ich eine Schauspielikone in dieser Rolle brauchte,
                                                                            die nicht nur die Filmgeschichte ihres Landes repräsentiert, sondern auch
Hirokazu Kore-eda: Wenn Sie einen Regisseur nach seiner Inspiration fra-    weltweit berühmt ist. In Japan gibt es keine noch lebende Filmdiva, die auf
gen, ist die Antwort nicht immer die Wahrheit. Aber im Ernst: Es begann     eine ähnliche Karriere zurückblicken könnte. Der Film lebt wegen Cathe-
im Grunde mit einem Theaterstück, das ich vor 15 Jahren geschrieben         rine Deneuve und dem, was sie verkörpert. Es gibt nur eine wie sie.
hatte und das von einer gefeierten Schauspielerin handelte und davon,
was passiert, bevor sie auf die Bühne geht und danach. Alles spielte sich   Wie haben Sie sie für die Hauptrolle der Fabienne gewonnen?
in der Garderobe ab, aber ich habe das Stück nie beendet. 2009 begeg-
nete ich Juliette Binoche und wir begannen darüber zu reden, gemeinsam      Meine Erinnerung an die erste Begegnung ist, dass sie ohne Pause
ein Projekt zu entwickeln. Als ich mein altes Stück vorschlug, verbanden    rauchte. Und ich dachte nur: Wow, das sind eine Menge Zigaretten! Und
wir es mit der Idee einer erwachsenen Tochter und ihrer Mutter, einer       dann sagte sie: „Ich habe keine Lust, Paris zu verlassen.“ Damit war die
älteren Schauspielerin. Ich fing dann 2015 an, das Drehbuch zu schreiben.   Sache klar. Der Rest war Plauderei. Welche Filme wir gesehen haben und
                                                                            mochten, welcher Regisseur in ihren Augen nicht besonders gut war und
Hatten Sie schon lange den Wunsch, außerhalb Japans zu drehen?              welche japanischen Restaurants ich in Paris besuchen sollte. So sprangen
                                                                            wir von einem Thema zum anderen, bis sie plötzlich aufstand und sich
Überhaupt nicht. Ich hatte nie das Bedürfnis oder den Ehrgeiz, im Ausland   verabschiedete. Beim Rausgehen winkte sie noch kurz und meinte: „Ich
zu arbeiten. Aber in den letzten zehn Jahren kamen immer mehr solcher       glaube, wir könnten gut miteinander auskommen.“
Angebote. Und das konkreteste war das hier von Juliette Binoche, die ein-
fach nicht lockerließ. Zum Glück!                                           Inwieweit haben Sie mit ihr die Parallelen zwischen ihr und der Figur
                                                                            gesprochen? Etwa über ihre Schwester, die 1967 tödlich verunglückte
Was waren dabei die Herausforderungen? Und wie haben Sie Klischees          Schauspielerin Françoise Dorléac?
vermieden, denen andere Filmemacher, die außerhalb ihres Kulturkreises
arbeiten, wie Woody Allen oder Asghar Farhadi, immer wieder verfallen       In all unseren Gesprächen wurde ihre Schwester nie erwähnt, aber den Rol-
sind?                                                                       lennamen Fabienne hat Catherine Deneuve selbst gewählt. Es ist ihr realer
                                                                            zweiter Vorname, so wollte sie wohl zu verstehen geben, dass es in Ord-
Ich wollte auf keinen Fall diese Postkartenbilder von Paris, deswegen       nung ist, dass es Verbindungen zwischen ihrer Biografie und der Figur gibt
habe ich die Handlung auf Fabiennes Villa und den Garten sowie auf das      und diese auch sichtbar sind. Ich habe sie viel über ihr Leben als Filmstar
Studio, in dem sie den Science Fiction-Film dreht, beschränkt. 90 Prozent   und ihr Verhältnis zu ihrer Tochter befragt. Dabei hat sie auch die Unter-
finden an diesen Locations statt, und das reduziert das Risiko, Stereo-     schiede deutlich gemacht, etwa dass sie sich im Gegensatz zu Fabienne
type zu reproduzieren immens. Aber ich hatte auch früher nie das Gefühl,    sehr gut mit ihrer Tochter Chiara Mastroianni versteht, sie standen ja mehr-
einen japanischen Film zu machen, genauso wenig wie LA VERITÉ jetzt ein     mals gemeinsam vor der Kamera. Sie betonte auch, dass sie niemals mit
spezifisch französischer Film ist. Die Crew, die Darsteller und ich haben   einem Mantel oder Schuhen in Leopardenprint erwischt werden würde.
schlicht den uns bestmöglichen Film gemacht.                                Letztlich spielt sie sich nicht selbst, aber dieser leicht sarkastische, aber
                                                                            liebevolle Duktus etwa ist natürlich ganz Deneuve. Zu Beginn des Films
Trotzdem: Wäre diese Geschichte so auch in Japan denkbar? Gab es Über-      etwa, wenn der Interviewer Fabienne fragt, welche Schauspielerin in Frank-
legungen, in Ihrer Heimat mit japanischen Darstellern zu drehen?            reich ihre DNA habe, und sie sagt „keine“, das ist original Catherine.

                                                                                                                          FEBRUAR/MÄRZ 2020 D       11 D
INDIEFEATURE

Es geht in Ihrem Film auch um das Spielen von Rollen, vor der Kamera,      Wir haben sie durch ein Casting gefunden, sie hatte bis dahin nur in ein
aber auch im realen Leben, im Alltag. Was hat Sie daran interessiert?      paar Weihnachtsstücken mitgewirkt, aber nie vor der Kamera gestanden.
                                                                           Bei meinen bisherigen Filmen hatte ich den Kindern immer erst morgens
Das ist für mich der Kern der Geschichte. Wie durch den Akt des Schau-     erzählt, was heute gedreht wird, und immer erst bei jeder Szene ins Ohr
spielens Mutter und Tochter die Chance haben, wieder eine Beziehung        geflüstert, was sie sagen sollen. Das ging hier natürlich nicht, ich musste
zueinander aufzubauen. Aber ist Schauspielen wirklich Illusion und Lüge?   mich auf die Dolmetscherin verlassen. Aber auch das Mädchen kannte
Ist der Vortrag eines geschriebenen Monologs zwangsläufig weniger ehr-     das Drehbuch nicht, sie wusste anfangs nur, dass sie zu ihrer Großmutter
lich oder weniger wahrhaftig als etwas spontan Gesagtes? Wir präsentie-    zu Besuch fahren. Sie lernte immer nur genau das, was für den jeweiligen
ren uns ja auch im echten Leben. Mit diesen Fragen und Themen setzt        Moment notwendig war.
sich auch der Film auseinander und spielt damit.
                                                                           Es gibt einen Film im Film, die Dreharbeiten eines Science Fiction-Dra-
Wie arbeiten Sie dabei derart sensibel mit den Darsteller*innen und dem    mas. Warum?
französischen Dialog, ohne selbst die Sprache zu sprechen?
                                                                           LA VERITÉ spielt auf mehreren Erzählebenen, neben der Mutter-Toch-
Ich hatte für sechs Monate eine herausragende Dolmetscherin, die dafür     ter-Beziehung zwischen Catherine Deneuve und Juliette Binoche in der
sorgte, dass ich zu keinem Moment wegen der Kommunikation und feh-         realen Gegenwart gibt es Rückbezüge zu ihrer gemeinsamen Vergangen-
lender Sprachkenntnisse in Stress geriet. Aber es stimmt natürlich, ich    heit. Und das wollte ich durch diese fiktive Ebene des Films im Film ver-
konnte nicht unmittelbar Regie führen oder direkt Anweisungen geben,       binden, in der eine weitere Mutter-Tochter-Verhältnis wie ein Echo das
es ging immer über sie. Ich bin zunächst mit der gesamten Filmcrew und     Geschehen reflektiert.
danach mit allen Darsteller*innen das Drehbuch durchgegangen und wir
haben dabei über jede Szene konkret gesprochen, die unterschiedlichen      Wie haben Sie den Tonfall des Films gefunden, der sehr elegant zwischen
Stimmen herausgearbeitet, damit wir uns alle über den Ton des Films        feinem, scharfzüngigem Humor und Reflektionen über das Altern und
einig sind. Und sobald wir dieselbe Vorstellung von dem Film hatten, den   Bereuen changiert?
wir zusammen machen wollten, war die Sprachbarriere nicht mehr rele-
vant. Beim Dreh selbst habe ich dann mehr auf Rhythmus und Tonfall         Ich wollte ernsthafte Themen mit leichtem, komödiantischem Ton verhan-
geachtet als auf den Dialog selbst.                                        deln. Manche Szenen und Dialoge wirken auf dem Blatt fast böse und
                                                                           grausam, ich wollte ihnen die Schwere nehmen, ohne ihnen die Tiefe zu
Sie arbeiten immer wieder mit Kinderdarstellern zusammen, so auch hier.    nehmen oder sie albern wirken zu lassen. Ton und Tempo sollten leicht
Wie haben Sie das Mädchen gefunden und hat sich Ihre Art der Regiefüh-     und trocken sein, wie das klare Herbstlicht am Ende des Films.
rung verändert?                                                            D Das Gespräch führte Thomas Abeltshauser

D 12   D FEBRUAR/MÄRZ 2020
Originaltitel: La vérité D Japan/Frankreich 2019 D 106 min D R: Hirokazu Koreeda
D B: Hirokazu Koreeda, Léa Le Dimna D K: Eric Gautier D M: Alexei Aigui D D: Catherine
Deneuve, Juliette Binoche, Ludivine Sagnier, Ethan Hawke D V: Prokino

     La Verité – Leben und
     Lügen lassen
     Ganz die Diva

In Hirokazu Kore-edas erster außerhalb von Japan realisierter Regiear-
beit spielen Catherine Deneuve und Juliette Binoche Mutter und Tochter.
Fabienne Dangeville (Deneuve) ist ganz Schauspielerin und Diva, nichts
und niemand ist ihr wichtiger als die aktuelle Performance, und mit jah-
relanger Routine scheucht sie alle, die sich zufälligerweise in ihrer Nähe
befinden, durch die Gegend. Gerade hat sie ihre Memoiren veröffentlicht.
Aus diesem Grund ist auch ihre Tochter Lumir (Binoche) mit ihrem Mann,
dem mäßig erfolgreichen Seriendarsteller Hank (Ethan Hawke) und ihrer
Tochter Charlotte aus der Wahlheimat USA auf einen Kurzbesuch nach
Paris gekommen. Kaum hält Lumir das Buch in der Hand, beginnt sie mit                    AUSSTELLUNG
Post-its die Stellen zu markieren, die ihrer Meinung nach Unwahrheiten                   IM MUSEUM FÜR FILM
und Auslassungen enthalten. Fabienne wischt die Einwände mit einer des-
                                                                                         UND FERNSEHEN
                                                                                         13.2.2020 – 20.4.2020
interessierten Handbewegung, die so nur die Deneuve hinbekommt, zur
Seite. „Es sind meine Memoiren, wen interessiert die Wahrheit?“ Kore-
edas exzellentes Gespür für zwischenmenschliche Schwingungen funkti-
oniert auch im dysfunktionalen französischen Schauspieler-Familien-Mi-
krokosmos – und das erstaunlicherweise, obwohl der Regisseur kein
Französisch spricht. Geschickt täuscht er am Anfang ein großes, dunkles
Geheimnis vor, nur um dann ein viel komplexeres Geflecht zu spinnen,
in dem Wahrheit und Lüge, Darstellen und Sein sich nach und nach als
relative Begriffe entpuppen. Anders als seine jüngsten japanischen Filme,
die immer auch den Zusammenhalt der Gesellschaft verhandeln, ist LA
VERITÉ ein Kammerspiel, in dem alle um sich selbst und umeinander krei-
sen – für Kore-eda-Fans gibt es aber einen hübschen Film im Film, der an
Kore-edas surreale Arbeiten wie AFTER LIFE (1999) oder AIR DOLL (2009)
erinnert. D Hendrike Bake

  Start am 5.3.2020                               Fabienne Dangeville (Catherine
  ¢ Alle Spielorte und Termine auf                Deneuve) is an established actress
     www.indiekino.de                             and diva who has just published her
                                                  memoir. However, her daughter Lumir
                                                  (Juliette Binoche) remembers her
                                                  childhood very differently…
                                                                                         DAS VIRTUELLE KABINETT
INDIEFEATURE

Wie eine Entschuldigung oder eine Erklärung wirkt der Film, wie ein ver-       Al-Kateab, die für Channel 4 als Reporterin aus Aleppo berichtete und
staubter Brief, auf dem „For Sama“ steht, den Sama in vielen Jahren viel-      heute in London lebt, stellte mit Edward Watts aus rund 300 Stunden
leicht selbst sehen wird, wenn sie das möchte. Waad Al-Kateab hat diesen       an Material ihren Film zusammen. Sie ist hier dezidiert in einer anderen
Film für ihre Tochter gedreht, damit sie sich irgendwann an das Syrien erin-   Rolle: Der Film ist persönlich, ein erschütterndes Dokument des Krieges
nern kann, das Al-Kateab verließ, und damit sie sehen und vielleicht ver-      und der Zerstörung zwar, vor allem aber ein Dokument ihres Lebens, mit
stehen kann, warum ihre Mutter bleiben wollte und schließlich doch floh.       ihrem Mann und ihrer Tochter in ihrem Zuhause. Die kleine Familie lebte
                                                                               in einem Krankenhaus in Ost-Aleppo, das Hamza Al-Kateab, der Mann
Im Angesicht der Bilder, die Al-Kateab jahrelang in ihrer Stadt Aleppo auf-    der Filmemacherin, aufbaute und als das letzte noch intakte in diesem
genommen hat, wirken die meisten Worte unangebracht, schmal, jeden-            Stadtteil leitete. Inmitten von Tod und Leid gehören zu ihrem Leben auch
falls fehl am Platz. Zum Studium war sie in die nordsyrische Stadt gezo-       Momente, die in den Nachrichten nicht vorkommen: die gemeinsamen
gen. 2012 bricht dort die friedliche Revolution aus, Al-Kateab nimmt mit       Abendessen mit den Nachbarn, die Schneeballschlacht zwischen Ruinen
befreundeten Studenten daran teil und dokumentiert sie mit ihrer Hand-         und die Freude über eine mitgebrachte Kaki-Frucht. Darüber schwebt
kamera. In Zeitsprüngen ist zu sehen, wie sich die Lage über die Jahre ver-    immer die Frage: Welches Beispiel möchte man seinen Kindern vorle-
änderte: Zu den Demonstrationszügen kommen brennende Autos hinzu,              ben? Und bedeutet die Flucht aus Syrien oder der Verbleib im Land, ein
Aleppo gerät unter Beschuss und 2016 unter monatelange Belagerung.             schlechtes Vorbild zu sein?

D 14    D FEBRUAR/MÄRZ 2020
INDIEFEATURE

Al-Kateab erzählt die Geschichte in FOR SAMA selbst, in der Zeitrechnung     auf einmal zu sein hätten, wie es im Film heißt. In den schlimmsten Sze-
ihrer Tochter, die sie stets adressiert: Sie spricht über die Diktatur der   nen werden Kinder nach Bombenangriffen in das Krankenhaus eingelie-
Assad-Familie, die besteht „seit dein Großvater zehn Jahre alt war“. Ab      fert, ein Arzt sagt fassungslos: „Kinder haben damit nichts zu tun.“ In
und an ist die Filmemacherin zu sehen: Mal filmt sie sich bei der Arbeit     einem der Zimmer dieses Krankenhauses verbringt Sama ihr erstes Jahr,
am Computer, mal im Außenspiegel eines Autos oder in der gemeinsa-           um sie herum gehen Leben zu Ende und ihres beginnt. Diese grausame
men Wohnung – nur ganz selten gibt sie die Kamera aus der Hand. Die          Parallelität und der ganze Film sind nur zu ertragen, weil Al-Kateab eine
Bilder ihrer Hochzeit und jene von Samas Geburt, Momente der Hoffnung,       Geschichte erzählt, eine Liebesgeschichte, an der sich das Publikum wie
nehmen andere auf. Fast immer aber sind es Al-Kateabs Stimme und             die Filmemacherin selbst entlanghangeln kann oder muss.
Atem, welche die Bilder explodierender Bomben, die Rauchschwaden und
Gespräche begleiten. Wenn Al-Kateab zugibt, dass sie weder ihrem Mann        Samas Eltern wissen, wofür sie kämpften und warum sie, wie viele andere,
noch sich selbst eingestehen wolle, dass sie Angst habe zu ersticken in      so lange blieben. Ebenso wichtig ist ein Film, der daran erinnert, dass
Aleppo, teilt sie diese Gedanken – Jahre später – mit ihrem Publikum.        dieser Krieg nicht zu Ende ist – ein Appell an all jene, die Gefahr laufen,
                                                                             das zu vergessen. Samas Name bedeutet Himmel, einer mit Sonne, Wol-
FOR SAMA ist auch Dokument des Ausnahmezustands während der                  ken, Vögeln und ohne Luftwaffe, erklärt Al-Kateab. So ist FOR SAMA also
Belagerung Aleppos, während der Alle Apotheker, Klempner oder Ärzte          beides: ein Film für ihre Tochter, und ein Film für den Frieden. D Lili Hering

                                                                                       For Sama
                                                                                       Für die Tochter

                                                                             Originaltitel: For Sama D Grossbritannien/Syrien 2019 D 95 min D R: Waad Al-Kateab,
                                                                             Edward Watts D K: Waad Al-Khateab D S: Chloe Lambourne, Simon McMahon D M: Nainita
                                                                             Desai D V: Filmperlen

                                                                               Start am 5.3.2020                           Director Waad Al-Kateab made a film
                                                                               ¢ Alle Spielorte und Termine auf            about her daughter Sama so she‘ll
                                                                                  www.indiekino.de                         be able to remember the Syria that
                                                                                                                           Al-Kataeb left and so her daughter will
                                                                                                                           be able to see and perhaps understand
                                                                                                                           why she wanted to stay but ultimately
                                                                                                                           did flee.

                                                                                                                               FEBRUAR/MÄRZ 2020 D             15 D
INDIEFEATURE

       Waves
       Pures Gefühlskino

Es ist besser, vor dem Kinobesuch nichts über WAVES zu wissen, erst           pulsieren wie der Sound. Alles ist dauernd in einer Bewegung, die darauf
recht nicht über die Handlung. Die wird hier nicht verraten, aber ich würde   zu lauern scheint, gegen eine Wand zu rasen. Wir warten auf die Wand.
empfehlen, weder diesen Text noch irgendeinen anderen zu lesen.
                                                                              Trey Edward Shults hat zuletzt den psychologischen Endzeit-Thriller IT
Der Film beginnt furios. Die Leinwand ist noch schwarz, ein Atmen ist zu      COMES AT NIGHT gedreht, der Körperhorror, Kommentar über gesell-
hören und ein Kratzen, dann folgt die Kamera einem Mädchen auf dem            schaftliche Ausschlussmechanismen und effektvolles Spannungskino
Fahrrad in eine so perfekte Welt, dass ihre Zerbrechlichkeit sofort spürbar   zugleich war. Hier spielt Shults noch virtuoser mit Zuschauererwartungen
wird. Tyler und seine Freundin fahren an der Küste entlang, ein Fuß hängt     und den Konventionen des Erzählkinos. Manchmal sieht WAVES aus, als
aus dem Fenster, der andere ist auf dem Gas, sie knutschen, singen, dann      wollte Shults‘ Film-Pop-Avantgardisten des Kinos wie Gaspar Noé oder
rast die Kamera durch die Räume, die ihr Leben bestimmen: Highschool,         Harmony Korine zeigen, wie man das alles schneller und lauter machen
Parties, Liebe am Strand, gutsituierte Familien in luxuriösen Häusern.        kann. Dann, etwa in der Mitte des Films, folgt der Schlag in die Magengrube
Tyler ist Sportler, posiert vor dem Spiegel und schickt die Bilder an seine   und es geht in einer anderen Tonart weiter, bevor, tatsächlich wie Wellen,
Freundin, die im Telefon als „Goddess“ abgespeichert ist. Alles ist Farbe,    die Energie des Anfangs wieder aufflammt, um wieder zu Stille zu werden.
Körper, Sound. Der Soundtrack von Trent Reznor und Atticus Ross hält          WAVES ist pures, körperliches Gefühlskino, in dem sich die ganze Welt in
die Stimmung, wenn nicht gerade Songs von Kanye West, Animal Collec-          Farben, Sound und Körpergestus auflöst. Die Dialoge sind selten notwen-
tive, Frank Ocean oder Tyler the Creator in den Mix einfließen. Die Bilder    dig, manchmal kaum zu verstehen. Sprache ist auch nur ein Körperteil,

D 16    D FEBRUAR/MÄRZ 2020
das zum Ausdruck wird. Wenn die Bewegungsmöglichkeiten sich einengen,
wird auch das Bild schmaler. Über dem Abspann singen Alabama Shakes:
„Sound and color/This life ain’t like it was”. WAVES ist pures Kino, pure
Wucht, Farbe, Sound. Viel besser wird es nicht. D Tom Dorow

USA 2019 D 135 min D R: Trey Edward Shults D B: Trey Edward Shults D K: Drew Daniels
D M: Trent Reznor, Atticus Ross D D: Lucas Hedges, Sterling K. Brown, Taylor Russell, Elisa
Lau D V: Universal Pictures

  Start am 19.3.2020                               Music, sound design, and a kinetic
  ¢ Alle Spielorte und Termine auf                 sense of editing and cinematography
     www.indiekino.de                              energize a story that could easily have
                                                   become rather staid in someone else’s
                                                   hands. “WAVES has the rhythm of an
                                                   ebb and flow. I think this makes the
                                                   film very similar to real life.“ (Edward
                                                   Trey Shults)
INDIEKRITIKEN

Originaltitel: Om det oändliga D Schweden 2019 D 78 min D R: Roy Andersson D B: Roy      Zypern/Griechenland 2018 D 96 min D R: Tonia Mishiali D B: Tonia Mishiali, Anna Fotiadou
Andersson D K: Gergely Pálos D S: Johan Carlsson; Kalle Boman; Roy Andersson D D: Ania   D K: Yorgos Rahmatoulin D S: Emilios Avraam D M: Julian Scherle D D: Stella Fyrogeni,
Nova, Lesley Leichtweis Bernardi, Martin Serner D V: Neue Visionen                       Andreas Vasileiou, Popi Avraam, Marios Ioannou D V: Olymp Film

       Über die Unendlichkeit                                                                 Pause
       Eins ans andere reihen                                                                 Es brodelt in Elpida

Ein Mann und eine Frau sitzen auf einer Bank, hoch über einer Stadt, im                  Endlos scheint die Liste der möglichen Beschwerden zu sein, die Elpidas
Himmel fliegt ein Schwarm Vögel vorbei. „Es ist schon September“ sagt                    Gynäkologe ihr in Hinblick auf die anstehenden Wechseljahre in Aussicht
die Frau, worauf der Mann nur antwortet: „Hmm.“ Ein Paar schwebt hoch                    stellt. Dabei ist ihr Alltag bereits trostlos genug. Ihr herrischer Mann
über dem vom Krieg zerstörten Köln, allein der mächtige Dom scheint                      Costas (Andreas Vassiliou) behandelt sie wie seine Leibeigene, die von
kaum versehrt. Ein Mann trägt ein Kreuz durch die Gasse einer moder-                     ihm in keinster Hinsicht als Mensch mit Gefühlen und Bedürfnissen wahr-
nen Stadt, eine geifernde Menge um ihn. Im nächsten Moment wacht ein                     genommen wird und der er jegliche Freude am Leben verwehrt. Flucht
Priester, der seinen Glauben verloren hat, aus seinem Alptraum auf. Dies                 aus dieser Tristesse findet Elpida (Stela Fyrogeni) nur in kurzen Tag-
sind nur einige der Vignetten, die der schwedische Regisseur Roy Anders-                 träumen, in denen sie sich gegen Costas auflehnt oder heiße Küsse mit
son in ÜBER DIE UNENDLICHKEIT zeigt. Gedreht hat er wie stets in sei-                    fremden Männern tauscht. Zunehmend verschwimmen dabei die Grenzen
nem unverwechselbaren Stil, in starren Einstellungen auf meist komplett                  zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Nach und nach wird die in gedeckten,
im Studio gebauten Sets, die detailgetreu, aber auch künstlich wirken.                   blau-grauen Farben ausgestattete Eintönigkeit ihres Alltags von roten Ele-
Einen roten Faden in den Filmen Anderssons zu finden, ist nicht leicht,                  menten durchbrochen. Das ist keine bahnbrechende Idee, aber so sensi-
vielleicht auch vergeblich. Wiederkehrende Figur der Vignetten ist allein                bel eingesetzt, wie Tonia Mishiali ihren gesamten Film inszeniert. Er baut
der Priester, der am Verlust seines Glaubens verzweifelt und auch von                    durch die wiederholte Abbildung vermeintlicher Nebensächlichkeiten eine
einem Psychiater nur Banalitäten erfährt. Dieses individuelle Schicksal                  beklemmende Atmosphäre auf, die stellenweise nur schwer zu ertragen
stellt Andersson gegen Momente der Geschichte, neben dem zerstörten                      ist. Elpidas unterdrückte Emotionen brodeln in ihr und werden in ihrer
Köln etwa eine Szene mit Hitler im schon zerstörten Führerbunker oder                    Anspannung deutlich sichtbar. Ihre Körperhaltung und die sorgenvollen
deutsche Truppen, die im verschneiten Sibirien einer ungewissen Zukunft                  Blicke drücken mehr aus, als Worte es könnten, wobei ihre Passivität bis-
entgegengehen.                                                                           weilen auch frustrieren kann – sie selbst genauso wie das Publikum. Die
Fast alle Vignetten werden von einer weiblichen Erzählstimme kommen-                     meist stumme Elpida, deren Name ausgerechnet „Hoffnung“ bedeutet,
tiert, deren kurze Bemerkungen stets mit „Ich sah einen Mann/eine Frau“                  ist keine Frau ohne Eigenschaften, aber bleibt schemenhaft genug um
beginnen. Andersson hat sie mit Scheherazade, der Erzählerin der 1001                    als Stellvertreterin für alle Opfer häuslicher Gewalt und Unterdrückung zu
Nacht verglichen, auch sie eine Frau, die eine Episode an die andere reiht,              stehen. Für diejenigen, denen der Wunsch nach selbstbestimmter Sexu-
Episoden, die manchmal kaum einen Bezug zu haben scheinen, dann wie-                     alität, Lust und Zuneigung, egal in welchem Alter, abgesprochen wird.
der voller Assoziationen sind. Am Ende geht es hier wie da ums Überle-                   Für alle, die dringend eine Pause von ihrem Leben brauchen, um endlich
ben, darum, dem unweigerlichen Ende jedes Lebens etwas entgegenzu-                       leben zu können. D Katharina Franck
setzen. D Michael Meyns

  Start am 19.3.2020                            in ABOU ENDLESSNESS Roy Anders-            Start am 26.3.2020                             Elpida escapes her dreary life by
  ¢ Alle Spielorte und Termine auf              son (SONGS FROM THE SECOND                 ¢ Alle Spielorte und Termine auf               having short daydreams in which she
     www.indiekino.de                           FLOOR) adds more disjointed and               www.indiekino.de                            rebels against her unbearable husband
                                                melancholy scenes to his strangely                                                        and shares hot kisses with unknown
                                                apocalyptic universe.                                                                     men.

D 18      D FEBRUAR/MÄRZ 2020                                                                                                             Termine unter www.indiekino.de
INDIEKRITIKEN

Deutschland 2019 D 84 min D R: Anna Hepp D K: Oliver Freuwörth, Elí Roland Sachs,         Deutschland 2020 D 110 min D R: Stefan Ruzowitzky D B: Stefan Ruzowitzky, Robert Gold
Christian Scholz D S: Julia Suermondt D V: déjà-vu film                                  D K: Benedict Neuenfels D S: Britta Nahler D D: Emilia Schüle, Roxane Duran, Jannis
                                                                                         ­Niewöhner, Kida Khodr Ramadan, Jessica Schwarz D V: Sony Pictures

     800 Mal Einsam –                                                                         Narziss und Goldmund
     Ein Tag mit dem Filme-                                                                   Fantasy-Parabel

     macher Edgar Reitz
     Kein Selbstdarsteller

Die Filmemacherin Anna Hepp porträtiert den legendären Autorenfilmer,                    Hermann Hesses Roman „Narziß und Goldmund“ (1930) handelt von der
Regisseur der „Heimat“ – Serien und Kinofilme und Mitinitiator des Ober-                 Suche nach einem vollkommenen Leben und nach künstlerischer Ver-
hausener Manifests Edgar Reitz. Hepp verehrt Reitz und sagt das gleich                   wirklichung am Beispiel von zwei Jungen, die im Kloster enge Freunde sind
zu Anfang. Aber der tief ernste Reitz will nicht verehrt werden. Er ist kein             und dann getrennte Wege gehen müssen. Während Goldmund sich in die
Selbstdarsteller, weicht ihrem Blick und der Kamera aus, der Widerwille                  Welt stürzt, um seine Mutter zu finden, Liebe, Tod und Gewalt erlebt und
gegen Starkult und Oberflächlichkeit ist groß. Das Gespräch kommt                        schließlich zum Künstler wird, bleibt Narziß im Kloster zurück und widmet
dadurch ins Laufen, dass Hepp Reitz den Raum zum Erzählen gibt. Sie                      sich der Askese und Meditation. Regisseur Stefan Ruzowitzky (ANATOMIE,
gibt Stichworte, er bestimmt Reihenfolge, Tempo, meist auch das Thema                    DIE FÄLSCHER) lässt die Erzählung in einem Fantasy-Mittelalter spielen,
und erstaunt seine Gesprächspartnerin immer wieder mit unerwarteten                      das an Kinder-Märchenverfilmungen erinnert, was ulkigerweise gar nicht
Perspektiven und Geständnissen.                                                          so unpassend ist – sind doch auch Hesses Erzählungen in Fantasiewelten
Reitz erzählt von sich als jemand, für den das Filmemachen die prägendste                spielende Parabeln – und macht aus den Jungen sehr heutige Charaktere.
Kraft im Leben war: „Ein Film ist ein Magnetfeld, und das gesamte übrige                 Als der kleine Goldmund von seinem Vater im Kloster abgeliefert wird, ist
Leben richtet sich nach diesem Magnetfeld aus.“ Finanzielles Risiko und                  der ein wenig ältere Narziss nicht begeistert, dass er sich um den Jungen
große Abhängigkeit von der Resonanz sind naheliegende Folgen. Über-                      kümmern soll, aber der gütige Abt will, dass der kleine Asket auch mal
raschender ist, dass Reitz, der viel mit autobiografischem Material gear-                die Regeln bricht. Als die Erwachsenen sich später als Abt und Bildhauer
beitet hat, von der erschreckenden Erfahrung berichtet, dass persönliche                 im Kloster wiederbegegnen, veranstalten sie ein Wettrennen wie in einem
Erlebnisse, die Erinnerung und sein Verhältnis dazu in vielen Fällen ausge-              Buddy-Movie. Und dass die innige Liebe, die Narziss für seinen Freund
löscht wurden durch die filmische Verarbeitung, er Wirklichkeit und Kunst                empfindet, auch körperlich sein könnte, wird zumindest in den Raum
nicht mehr unterscheiden könne. Ob dieser Verlust sich lohne, fragt Hepp,                gestellt. Gleichzeitig erscheint vieles in Hesses Gedankenwelt inzwischen
das eigene Leben dem Film zu opfern – Reitz ist unsicher, gewählt hat er                 sehr fremd. Vor allem trifft das auf die Frauen zu, die im Hesse-Universum
das so nicht. Er gibt ehrlich Einblick in die Schattenseiten seines Filmema-             nicht als eigenständige Personen auftreten, sondern ausschließlich als
cherlebens, erzählt von tiefen Krisen, Zweifeln, Verletzungen. Noch nach-                Funktion im Leben unserer Helden: Entweder sie sind Erfahrungen, die
dem „Heimat“ und „Die zweite Heimat“ Welterfolge waren hat es dreizehn                   man am Wegesrand mitnimmt (Goldmund) oder am Lebensende vermisst
Drehbuchversionen gebraucht, bis man beim WDR bereit war, die Fortset-                   (Narziss), oder es geht um die Urmutter, die Goldmund sein Leben lang
zung zu finanzieren. Der marketingtaugliche, aber sinnfreie Titel „Heimat                sucht, denn „Ohne Mutter kann man nicht lieben und ohne Mutter kann
3“ wurde Reitz aufgezwungen, die Filme wurden nur halb gut. Man fragt                    man nicht sterben“. Schräge Mischung. D Hendrike Bake
sich unwillkürlich, wie gut die ersten Versionen waren. D Susanne Stern

  Start am 5.3.2020                             Filmmaker Anna Hepp portrays leg-          Start am 12.3.2020                             An opulent adaptation of Hermann
  ¢ Alle Spielorte und Termine auf              endary auteur filmmaker Edgar Reitz,       ¢ Alle Spielorte und Termine auf               Hesse‘s novel set in the Middle Ages
     www.indiekino.de                           the director of the “Heimat” Series           www.indiekino.de                            about two boys who meet each other
                                                and the co-initiator of the Oberhausen                                                    in monastery school. Narziss wants to
                                                Manifesto.                                                                                join the monastery while Goldmund
                                                                                                                                          wants to explore the world.

Termine unter www.indiekino.de                                                                                                                FEBRUAR/MÄRZ 2020 D            19 D
INDIEKRITIKEN

The Royal Train                                                                Der Krieg in mir
Margareta von Hohenzollern-Sigmaringen spielt seit dem Tod ihres Vaters        Der Filmemacher Sebastian Seidler träumt vom Krieg. Beide seiner Groß-
Michael die Rolle der rumänischen Kronprinzessin und verfolgt weiter das       väter waren als Soldaten im Krieg, aber Seidler hat vor allem Opa Hans
Ziel, die ehemalige Königsfamilie wieder zu politischer und wirtschaftli-      im Verdacht, in Weißrussland Kriegsverbrechen begangen zu haben. Der
cher Macht zu bringen. Der „königliche Zug“, mit dem bereits ihr Vater         Filmemacher folgt einerseits gemeinsam mit seinem Vater den Spuren
den Kontakt zu den Untertanen hielt, rollt weiter durch das Land, mitsamt      des Großvaters, recherchiert in Archiven und reist nach Weißrussland und
höfischer Entourage und großem Empfang an jeder Station. Regisseur             befragt andererseits die Genetikerin Isabelle Mansuy und die „Somatic
Johannes Holzhausen hat die monarchistische Kampagne auf der Reise             Experiencing®-Therapeuten“ Peter A. Levine und Anngwynn St. Just nach
durch Rumänien begleitet.                                                      der Vererbbarkeit von Traumata.

                                       Originaltitel: The Royal Train                                                 Deutschland/Schweiz 2019
 Start am 13.2.2020                    D Rumänien/Österreich 2019 D 90 min      Start am 5.3.2020                     D 83 min D R: Sebastian Heinzel
                                       D R: Johannes Holzhausen

Wagenknecht                                                                    Brot
Zwei Jahre hat Regisseurin Sandra Kaudelka die LINKEN-Politikerin Sahra        Dokfilmer Harald Friedl macht ein Panorama der Betriebe auf, die mit
Wagenknecht begleitet. Sie zeigt ihre Alltagsroutine und die wiederkeh-        dem Brotbacken zu tun haben. Er besucht einen österreichischen Fami-
renden Fragen und Themen, die sich durch ihre Karriere ziehen. Kaudelka        lienbetrieb, der inzwischen wieder auf Zusatzstoffe verzichtet, und eine
zeigt aber auch die enormen Belastungen, der die Politikerin ausgesetzt        französische Traditionsbäckerei, die die Scheiben ihrer riesigen Brote ein-
ist, während der Bundestagswahl 2017 und schließlich 2019, als Wagen-          zeln an die Kunden aus Nachbarschaft verkauft. Aber er spricht auch mit
knecht vom Parteivorsitz zurücktrat. Was sie dabei immer antreibt, ist die     dem Erfinder der Backstationen und besucht die futuristischen Labore
Frage, in was für einer Welt man leben will und was sie dafür zu tun bereit    der belgischen Puratos Gruppe, in denen enthusiastische Wissenschaftler
ist. WAGENKNECHT hat seine Weltpremiere auf der Berlinale.                     an den Backmischungen der Zukunft tüfteln.

                                       Deutschland 2020 D R: Sandra Kaudelka                                          Deutschland/Österreich 2019
 Start am 12.3.2020                                                             Start am 26.3.2020                    D 90 min D R: Helmut Friedl

D 20    D FEBRUAR/MÄRZ 2020                                                                                             Termine unter www.indiekino.de
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Anders Essen – Das Experiment                                                 Waterproof
Durchschnittliche Mitteleuropäer*innen benötigen pro Jahr eine Fläche         In Jordanien, einem der trockensten Länder der Erde, arbeiten Aysha,
von 4.400 Quadratmetern, ein kleines Fußballfeld, für den Anbau von           Khawla und Rehab als die ersten Klempnerinnen des Landes. Sie erfül-
Nahrung und Futtermitteln. Wir bräuchten eine zweite Erde, wenn welt-         len sich damit den Traum von der eigenen Unabhängigkeit, tragen zur
weit alle Menschen auf diese Weise konsumieren würden. Kurt Langbein          Lebensqualität ihrer Kund*innen bei und setzen sich als NGO auch für
und Andrea Ernst haben für ihre Doku genau jenes „Durchschnittsfeld“          das Recht anderer Jordanierinnen zu arbeiten, ein. Als Khawla unter
angepflanzt. Ein Selbstversuch mit zwei österreichischen Familien soll zei-   Korruptionverdacht gerät, muss Aysha die Firma übernehmen. Aber die
gen, ob es möglich ist, innerhalb weniger Monate, den persönlichen Land-      Anklage bedroht nicht nur das Geschäft, sondern auch die Freundschaft
verbrauch zu senken und damit auch die CO2-Belastung zu verringern.           der Frauen.

                                       Österreich 2020 D 84 min                                                   Deutschland 2019
 Start am 27.2.2020                    D R: Kurt Langbein, Andrea Ernst        Start am 5.3.2020                  D 88 min D R: Daniela König
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Originaltitel: The Color Out Of Space D USA 2019 D 111 min D R: Richard Stanley            Originaltitel: New York – The World Before Your Feet D USA 2018 D 95 min D R: Jeremy
D B: Scarlett Amaris, Richard Stanley D S: Brett W. Bachman D D: Nicolas Cage, Q’Orianka   Workman D K: Jeremy Workman D S: Jeremy Workman D M: Max Avery Lichtenstein, Carly
Kilcher, Joely Richardson, Tommy Chong D V: Drop-Out Cinema                                Comando Helen Jane Long, Rhonda Mackert, Tom Rosenthal D D: Matt Green D V: Happy
                                                                                           Entertainment

       Die Farbe aus dem All                                                                    New York – Die Welt vor
       Private Okkult-Suppe
                                                                                                deinen Füssen
                                                                                                Stadtwanderer

THE COLOR OUT OF SPACE des „Kultregisseurs“ (Arte, Tracks) Richard                         New York City zu entdecken macht Spaß. Ob Times Square, Fifth Avenue,
Stanley ist eine freie Verfilmung der gleichnamigen Geschichte von H.P.                    MoMA oder Central Park – zu sehen gibt es mehr als genug. Als Tourist*in
Lovecraft, mit psychedelischen Effekten und Nicolas Cage, der sein übli-                   läuft man, bis die Füße qualmen, und fliegt nach ein paar Tagen mit dem
ches Ding macht. Ein Meteor stürzt in den Garten einer Familie und löst                    guten Gefühl nach Hause, sich das Wichtigste angeschaut zu haben. Auf
Mutationen aus, die an John Carpenters THE THING erinnern. Das sieht                       ganz andere Art erläuft Matt Green den Big Apple. Der 37-jährige Ingeni-
alles hübsch aus, mit wenig CGI und vielen analogen Special Effects und                    eur aus Virginia geht seit mehr als sechs Jahren zu Fuß durch die schnell-
einem größtenteils elektronischen Soundtrack, der von Donnergrollen bis                    lebige Metropole am Hudson River und hat dabei schon mehr als 8000
zum Tinnitus-Fiepen eine effektive Terror-Soundkulisse aufbaut. Neben                      Meilen zurückgelegt. Sein Ziel ist, jeden Block in allen fünf Stadtbezirken
zahlreichen bekannten Bands, die im Laufe der Jahrzehnte mit Satanis-                      abzulaufen. Auch innerstädtische Parks, Strände und Friedhöfe erwandert
mus kokettiert haben, tauchen auf dem Soundtrack allerdings auch die                       er. Auf seinem Blog „I’m Just Walkin’“ kann man die Stadtwanderung mit-
Nazi-Metal-Bands Burzum und Mayhem auf.                                                    verfolgen. Doch Green geht es nicht nur darum, Straßen abzuhaken. Er
Richard Stanley ist mit an Sicherheit grenzende Wahrscheinlichkeit kein                    interessiert sich für die vielseitige Stadt, ihre Geschichte und ihre Ein-
Neonazi, obwohl er einen bizarren Dokumentarfilm (SECRET GLORY)                            wohner*innen. Er fotografiert, recherchiert und staunt besonders über
über den SS-Mann Otto Rahn und dessen Suche nach dem heiligen Gral                         Details – Feigenbäume in Hinterhöfen, Friseursalons mit „z“ im Namen
gedreht hat, in dem NS-Mythologie mehr perpetuiert als entmystifiziert                     oder Wandmalereien zum 11. September.
wird. Der 1966 geborene Südafrikaner Stanley ist ein in den 80er Jah-                      Green lebt im Hier und Jetzt und lässt sich Tag für Tag auf Neues ein. Eine
ren sozialisierten Horror-Fan und Filmemacher, der über das Interesse                      Wohnung hat er nicht. Er übernachtet bei Freund*innen, ist Couchsurfer
am Okkulten, Dunklen und Bösen auch an den Nazis vorbeigekommen                            oder jobbt als Catsitter. Jeremy Workman begleitet ihn mit der Kamera
ist, und deren Mythologie als Pop-Element, irgendwo zwischen Provoka-                      – ohne Filmcrew –, trifft ihn sommers wie winters in unterschiedlichen
tion, Ironie und Geschmacksverstärker, in seine private Okkult-Suppe ein-                  Stadtvierteln und fängt ein, wie Green mit verschiedensten Menschen
rührt. THE COLOR OUT OF SPACE ist voller Verweise für Eingeweihte: von                     ins Gespräch kommt. In seinem inspirierenden Dokumentarfilm porträ-
Büchern, die ins Bild gehalten werden (Necronomicon, Crowley, Alger-                       tiert Workman diesen philosophischen Großstadtwanderer, der akribisch
non Blackwood), über den Meteor, dessen Eigenschaften als „blutender                       sein Ziel verfolgt – egal, was andere sagen. NEW YORK – DIE WELT VOR
Stein“ an den Nazi-Gral von Otto Rahn erinnern, bis hin zu Lovecrafts                      DEINEN FÜSSEN ist ein Film, der den Blick für all die Kleinigkeiten am
Farbe selbst, die hier in den Kontext der Katharer gestellt wird, für die                  Wegesrand schärft und Lust macht, New York City oder die eigene Stadt
der Messias keine menschliche Figur war, sondern ein weltvernichtender                     zu erlaufen und neu kennenzulernen – es müssen ja nicht gleich 8000
Lichtstrahl. D Tom Dorow                                                                   Meilen sein. D Stefanie Borowsky

  Start am 5.3.2020                               THE COLOR OUT OF SPACE is a loose          Start am 12.3.2020                           Matt Green has been walking along the
  ¢ Alle Spielorte und Termine auf                adaptation of the eponymous H.P.           ¢ Alle Spielorte und Termine auf             Hudson River for more than six years.
     www.indiekino.de                             Lovecraft story. A meteor crashes into        www.indiekino.de                          He takes photographs, researches,
                                                  a family’s garden and triggers muta-                                                    and is amazed about the details. His
                                                  tions reminiscent of John Carpenter’s                                                   goal is to walk in all the five boroughs
                                                  THE THING.                                                                              of New York.

D 22      D FEBRUAR/MÄRZ 2020                                                                                                             Termine unter www.indiekino.de
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