Reisemagazin - Appartements ...

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Reisemagazin - Appartements ...
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                                                                    Hannah Greber
                                                                    bei einer Gratwanderung

                                                            Bergikonen: Damülser Mittagsspitze
Ausgabe 22 | € 5,50 | www.bregenzerwald.at

                                              sommer 2020

                                                            Mountainbike im Bregenzerwald
                                                            Gratwanderung: Winterstaude
                                                            Im Dorfmoorteich
                                                            Alp: Sennen und Singen
                                                            Sterngucker
                                                            Handwerk für Gäste
                                                            Kräuter und Gemüse im Garten
                                                            Vegetarische Küche
                                                                            reisemagazin bregenzerwald · 1
Reisemagazin - Appartements ...
Raiffeisen. Meine Bank
                                     im Bregenzerwald

Wenn‘s um unsere Region geht,
        ist nur eine Bank meine Bank.

        Als aktiver Teil der Gemeinschaft in unseren Gemein-
        den sind wir ständig präsent. Direkte, persönliche
        Nähe, schnelle, kompetente Lösungen aber auch
        langfristige Strategien sind die Bausteine eines erfolg-
        reichen Miteinanders.
Reisemagazin - Appartements ...
Editorial
                                                                                                                                                         ­ Herlinde Moosbrugger ist ­Geschäftsführerin
                                Reisebegleiter Bregenzerwald
                                                                                                                                                           von Bregenzerwald Tourismus
                                Parallel zu diesem Magazin erscheint halb­
                                jährlich (­Winter/Sommer) der Reisebegleiter
                                Bregenzerwald mit allen Informationen zum
                                                                                                                                                              Gratwanderungen
                                Tourismusangebot der Region.                                                                                                  Der Begriff „Gratwanderung“ hat vielerlei
                                Im Sommer von Wandern (inklusive ­kleiner
                                                                                                                                                              Bedeutungen. „Eine Gratwanderung“ kann
                                Wanderkarten) über Outdoor-Aktivitäten,
                                ­Programm mit Kindern, Kultur, Baukunst und                                                                                   heißen, eine Wanderung auf einem Grat zu
                                 Kulinarik bis zum Wohlfühlangebot.                                                                                           machen, also auf der obersten Kante eines
                                 Im Winter von Ski alpin, Langlauf,                                                                                           Bergrückens zu gehen. Eine Gratwanderung
                                 ­Snowboarding, Winterwandern bis zu Kultur,                                                                                  kann aber auch eine Vorgehensweise sein, bei
                                  Baukunst, Kulinarik und Wohlfühlen.
                                                                                                                                                              der schon der kleinste Fehler großes Unheil
                                  Ihr persönliches Exemplar des ­
                                  Reisebegleiters erhalten Sie kostenlos bei                                                                                  auslöst. „Eine Gratwanderung“ beschreibt auch
                                  ­Bregenzerwald ­Tourismus.                                                                                                  eine Situation, bei der man zwei gegensätz-
                                                                                                                                                              liche Aspekte gleichzeitig zu berücksichtigen
                                                                                                     AutorInnen dieser Ausgabe                                hat. Dabei bewegt man sich „auf einem schma-
                                                              reisebegleiter
             s omm er 2020

                                                                                                                                                              len Grat“, der kein Abweichen nach links oder
                                                                                                     Markus Curin: Journalist und Kulinarikexperte            rechts zulässt.
                                                                                                     in Vorarlberg                                               Eine Gratwanderung im Gebirge, also eine
             b regen z erwald

                                                                                                     Robert Fabach: Architekturpublizist in                   Wanderung auf der Oberkante eines Bergrü-
                                                                                                     Vorarlberg                                               ckens, kann als eine Metapher für viele Lebens-
                                                                                                     Birgit Feierl: Germanistin und Autorin                   situationen dienen – man könnte sie auch als
                                                                                                     Walter Fink: Journalist und Autor in Vorarlberg          „Lebensübung“ sehen. In jedem Fall erfordert
                                                                                                     Hannah Greber: Autorin in Wien                           eine Gratwanderung die volle Konzentration
                                                                                                     Toni Innauer: Olympiasieger im Skispringen,              auf das „Hier und Jetzt“, die Fokussierung auf
                                                                                                     Sportexperte und Unternehmer                             den nächsten Schritt, um sicher voranzukom-
                                   so m m er 2020
                                                                                                     Reinhard Johler: Universitätsprofessor in                men. Ablenkungen jeder Art können gefährlich
is 17 Uhr

erreich                            Anregungen & Adressen.
                                   Ihr Reisebegleiter durch
                                                                                                     Tübingen                                                 sein. Dies ist heute für viele vermeintlich Multi-
zerwald.at                         den Bregenzerwald.

                                                                                                     Babette Karner: Autorin in Vorarlberg                    tasking-fähige Menschen die erste Herausfor-
                                                                               05.12.2019 09:42:35
                                                                                                     Miriam Kathrein: Geschäftsführerin des                   derung – einfach, und womöglich noch schwei-
                                                                                                     „Werkraum Bregenzerwald“                                 gend, einen Schritt vor den anderen zu setzen.
                                Die erste Auskunftsstelle                                            Irmgard Kramer: Schriftstellerin in Wien                    Sichere Gratwanderungen erfordern ein
                                Das Informations- und Service-­Center                                Bartholomäus Natter: Musiker und Autor aus               Urteilsvermögen über die eigenen Fähigkei-
                                in Egg berät Sie über alle Belange                                   dem Bregenzerwald                                        ten und Möglichkeiten. Für manche bedeuten
                                des ­Bregenzer­waldes und über Ihren                                 Peter Natter: Philosoph und Autor in                     sie das Erkennen, dass die Zeit der Umkehr, des
                                Urlaub. Hier finden Sie u.a. einen frei                              Vorarlberg                                               Nicht-Weitergehens gekommen ist. Es nicht
                                zugänglichen Internet-­Terminal, eine                                Birgit Rietzler: Dichterin im Bregenzerwald              als Schwäche oder Niederlage sehen, sondern
                                Vorverkaufsstelle für den 3Täler Ski-
                                pass sowie eine Ausgabestelle für die                                Anton Sutterlüty: Käsehändler in Wien                    als Erkenntnisgewinn, wäre ein vernünftiger
                                Bregenzerwald Gäste-Card.                                            Armin Thurnher: Herausgeber der Wochen-                  Schluss aus dieser Erfahrung.
                                                                                                     zeitschrift „Falter“ in Wien                                In der Gruppe können Gratwanderungen
                                Bregenzerwald Tourismus                                                                                                       leichter gelingen als allein. Allerdings erfordert
                                Gerbe 1135, 6863 Egg                                                                                                          das Vertrauen in die anderen und Verständnis
                                Vorarlberg, Österreich                                                                                                        für ihre Stärken und Schwächen. Eingeschwo-
                                T +43 (0)5512 2365
                                                                                                                                                              rene, zumindest aber rücksichtsvolle Gruppen
                                F +43 (0)5512 3010
                                info@bregenzerwald.at                                                                                                         vermögen Großes zu erreichen.
                                www.bregenzerwald.at                                                                                                             Gemeinsam bewältigte Gratwanderungen
                                                                                                                                                              am Berg können das Leben bereichern. Sie las-
                                Öffnungszeiten:                                                                                                               sen Menschen manchmal über sich hinaus-
                                Montag bis Freitag von 9 bis 17 Uhr
                                                                                                                                                              wachsen. So kann eine Gratwanderung am
                                                                                                                                                              Berg zu einer Übung für das Leben werden.
                                       www.facebook.com/visitbregenzerwald                           Urlaubsland Österreich – Feedback geben und
                                       www.youtube.com/bregenzerwaldtourism                          gewinnen!
                                       www.instagram.com/visitbregenzerwald                          Hier geht es zur Umfrage: tmona.at/l7u2

                                                                                                                                                                              reisemagazin bregenzerwald · 3
Reisemagazin - Appartements ...
München
                                              Lindau

                       Bodensee

                                              Bregenz

                    Zürich
                                      Dornbirn

                                                                       Vorarlberg

Bregenzerwald
                                                                                    Österreich
                                                                                    Austria
Vorarlberg – Österreich           Feldkirch

                                                 Bludenz

                                                           Innsbruck
                                                           Wien

                        0 4              20 km

www.vorarlberg.travel
www.vorarlberg.travel
4 · reisemagazin bregenzerwald
Reisemagazin - Appartements ...
Bregenzerwälder Bergikone 6
             Die Damülser Mittagsspitze                                       Inhalt
                       Gratwanderung
Die Autorin Hannah G­ reber wandert mit
 drei Freundinnen über den Grat auf die
                                                                              Sommer 2020
Winterstaude und erzählt, was mit ihnen
                      dabei geschieht 12

                                                          12

            Jenseits von Spur und Straße                                                                 Werkzeug eines Dichters
            Angebote für Mountainbiker 8                                                                 26 Der Philosoph Peter ­Natter
                                                                                                         über die „Duineser Elegien“
        Im Moorteich von Sulzberg Das                                                                    von Rainer Maria Rilke und
          ­Moorbad, in dem Generationen                                                                  den Bregenzerwald
              das Schwimmen lernten 18
                                                                                                         Aus dem Wald in die Sterne
  Singen und Sennen Anton Sutterlüty                                                                     28 Paul Baumgartner betreibt
über sein Sennen auf der Alpe Untere Falz                                                                eine kleine Sternwarte in
        und seinen Käsekeller in Wien 20                                                                 Krumbach
                                                          20                     28

  750 Jahre Gemeinde Schwarzenberg                                             Handwerk und Gestaltung aus dem
         Ein Dorf feiert sein Jubiläum 36                                      Bregenzerwald
                                                                               40 Handwerkskunst in Gastbetrieben
                 Umgang Bregenzerwald
             Ein Rundgang durch Bezau 38                                       Zeitgenössische Tradition
                                                                               42 Werner Benteles Schnapsbrennerei und
                                                                               Imkerei mit Verkaufsraum

                                                          42

                                                               Kolumnen:                                 Kräuter im Kinderzimmer
                                                Aus der Luft gegriffen 17                                48 Sonja Schwarzhans produziert
                                                  G’hörig Wälderisch 25                                  Bregenzerwälder Kräutersalz
                                                    Armin Thurnher 34
                                                 Alphabet des Waldes 35                                   Vegetarische Tradition
                                                  Aus dem Werkraum 41                                     50 Der Koch Michael Bechter im
                                                   Felder und Wälder 47                                   Landhotel Hirschen ist ein Pionier
                                                Wälder, weit, weit weg 49                                ­vegetarischer Küche

                                                                 Service:                                Essen mit Liebe
                                                   Buchbare Angebote 56         48                       54 Feines aus den Wirtshausküchen
                                                   Tipps der Redaktion 59                                des Bregenzerwaldes

  Impressum: Herausgeber und Medieninhaber: Bregenzerwald Tourismus GmbH, Gerbe 1135, 6863 Egg, Österreich
  Konzeption/Redaktion: Fuchs & Partner, Wien Konzeption/Gestaltung: Frank Broger Fotoredaktion: Margret Broger
  Fotografie: Adolf Bereuter Illustrationen: Ligia González
  Druck: Druckhaus Gössler, Dornbirn

                                                                                                                      reisemagazin bregenzerwald · 5
Reisemagazin - Appartements ...
6 · reisemagazin bregenzerwald
Reisemagazin - Appartements ...
Bergikonen im Bregenzerwald: Damülser Mittagsspitze (2.095 m)
Auf die nahe gelegene Bergstation führt eine Sesselbahn bis 1.820 Meter
Seehöhe. Danach heißt es bergsteigen, um auf den Gipfel zu kommen.

                                                   reisemagazin bregenzerwald · 7
Reisemagazin - Appartements ...
Jenseits von Spur
                      und Straße
                       Er stammt aus dem Land der Dolomiten, seine
                       Leidenschaft gilt den Mountainbike-Routen im
                       Bregenzerwald: Als Mountainbike-Trainer sorgt
                       er für Freude beim Fahren und kümmert sich
                       um die Sicherheit am Berg. Auf den folgenden
                       Seiten stellt er das Wichtigste zu diesem Sport
                       im Bregenzerwald vor

8 · reisemagazin bregenzerwald
Reisemagazin - Appartements ...
reisemagazin bregenzerwald · 9
Reisemagazin - Appartements ...
10 · reisemagazin bregenzerwald
Mountainbike-Sport im Bregenzerwald

                                                  Fahrtechniktraining & geführte E-Bike-,           Bike- und E-Bike-Verleih
                                                  Mountainbike- und Rennradtouren                   • Sport Fuchs, Au
                                                  • Die Bike Schule Bregenzerwald                  • MB Motors, Egg (nur E-Bike-Verleih)
                                                     www.die-bike-schule.at                         • Intersport Spettel, Hittisau, Alberschwende
                                                  • „bikeguide bregenzerwald“                      • Sport Gotthard, Hittisau
                                                     www.bikeguide-bregenzerwald.at                 • Sport Broger, Mellau
                                                  • Aktiv-Zentrum Bregenzerwald                    • Sport Natter, Talstation Mellaubahn
                                                     www.aktiv-zentrum.at                           • Sport Madlener, Damüls
                                                  • Alpinschule Widderstein                        • Sport Rössle, Faschina
                                                     www.alpinschulewidderstein.com
                                                  • Mathias Fritz, Warth-Schröcken                 Mountainbike-Karte mit 23 Touren-Tipps
                                                     www.alpinschule-warth.com                      Detaillierte Informationen zu den Touren fin-
                                                  • Wendelin Küzler, Langen                       den Sie in der Mountainbike-Karte Bregenzer-
                                                     www.e-bikeguide-wendelin.at                    wald (erhältlich bei Bregenzerwald Tourismus,
                                                                                                    in den Tourismusbüros und in einzelnen Sport-
                                                  Bike-Parcours Au-Schoppernau                      geschäften).
                                                  Im Bike-Parcours sind drei Lines angelegt mit
                                                  den Schwierigkeitsgraden „Blau“, „Rot“ und        Mountain Bike Holidays Hotels
                                                  „Pink“. Somit gibt es naturgetreu simulierte      • Hotel Hubertus in Mellau
                                                  Singletrails in den Varianten S0, S1 und S2.         www.hotel-hubertus.at
                                                  Pumptrack, Northshore-Elemente, Wippe und         • Hotel Adler in Au
                                                  kleine Drops sind dort auch anzutreffen. Geeig-      www.adler-au.at
Johannes Larch schätzt den Bregenzerwald als      net für Cross Country, All Mountain und Enduro    • Hotel Rössle in Au
Mountainbike-Region, denn, so sagt er:            Bikes.                                               www.roessle-au.at
„Hier im Bregenzerwald stehen Mountainbikern      Au-Schoppernau Tourismus
insgesamt rund 460 Kilometer an beschilderten     www.au-schoppernau.at                             Road Bike Hotels
Routen zur Verfügung. Die 23 Top-Touren ­führen                                                     • Hotel Bären in Mellau
durch ausgesucht schöne Landschaften, zu Vor-     Mountainbike-Transporte bei den Bergbahnen           www.baerenmellau.at
säßen und Hochalpen sowie auf aussichtsreiche     • Seilbahn Bezau                                 • Hotel & Wirtshaus Gämsle in Schoppernau
Gipfel. Rund um die Routen gibt es ein ­breites   • Mellaubahn                                        www.gaemsle.at
Angebot an Serviceleistungen und speziellen       • Diedamskopf Au-Schoppernau
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                                                                                                    siehe Seite 56

                                                                                                                   reisemagazin bregenzerwald · 11
12 · reisemagazin bregenzerwald
Die Gratwanderung
Eine gemeinsame Wanderung auf einen Berg, zu
­dessen Gipfel ein schmaler Grat führt, bringt die
 Beteiligten einander rasch näher und jeder
 Einzelnen Einblicke in die eigene Persönlichkeit

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Hinter mir höre ich meine Freundinnen zu mir aufschließen …

Für vier Schulfreundinnen,                     nen zu mir aufschließen. Wir sind vier           in den letzten Jahren haben sich Treffen
durch Leben und Zeit auf                       junge, wandererfahrene Frauen und                auf die Weihnachtszeit beschränkt.
                                               trittsicher. Trotzdem machen der leichte         Vom Leben in alle Himmelsrichtungen
Distanz zueinander gebracht,                   Nebel und die steilen Abhänge des Grates         davongetragen, haben wir uns jetzt viel
wird eine gemeinsame Wan-                      die nächsten hundert Meter zum Nerven-           zu erzählen. In Bezau angekommen,
derung auf die Winterstaude                    kitzel. „Positiv blieba, Moatla, es isch allat   fahren wir mit der Bergbahn zur Berg-
zum Erlebnis, das die alte                     no ganga“, ermuntert Cathrin die Gruppe.         station Baumgarten. Von dort wandern
Vertrautheit aus Schultagen                       Schon auf die morgendliche Anreise            wir Richtung Winterstaude. Ohne Eile,
wiederbringt                                   aus dem Rheintal haben wir uns gefreut.          schließlich haben wir uns den ganzen
                                               Wir vier, Natalie, Cathrin, Elisabeth und        Tag für einander und den Berg Zeit
   Vor uns liegen die letzten beiden           ich, kennen uns seit der Schulzeit. Doch         genommen.
Abstiege des sogenannten „Hasenstricks“,
und damit der Höhepunkt der Wande-
rung. Links stürzt eine Felswand in die
Tiefe, rechts fällt eine Wiese ab, ebenso
steil wie die Felsen. Jetzt ist höchste Kon-
zentration gefordert. Ich bleibe stehen,
um den Blick zum heutigen Tagesziel,
dem Gipfel der Winterstaude, zu heben.
So mystisch habe ich diesen Berg, der
mir doch seit meiner Kindheit vertraut
ist, noch nie erlebt. Dort, wo man sonst
von Schetteregg aus über das hügelige
Alpenvorland bis nach Deutschland sieht,
hängt jetzt eine dicke Nebelwand. Der
Nebel steigt aus dem Kessel zu unserer
Linken auf, ein leichter Wind von rechts
treibt ihn wieder in den Kessel zurück. Es
sieht aus wie eine Welle, die unentwegt
bricht, aber sich nicht vorwärts bewegt.
   Hinter mir höre ich meine Freundin-

14 · reisemagazin bregenzerwald
… Nebel und steile Abhänge machen die nächsten hundert Meter zum Nervenkitzel

                                                                                reisemagazin bregenzerwald · 15
riert. „Vorsicht Moatla, do vorne wird’s
                                                                                      rutschig!“, melde ich meinen Freundin-
                                                                                      nen den Zustand des schmalen Pfades.
                                                                                      Einen Schritt vor den anderen setzend,
                                                                                      überqueren wir das schmalste Stück
                                                                                      des Kamms. Dann halten wir an, um
                                                                                      ein Naturspektakel zu bestaunen. Es
                                                                                      spielt sich genau vor unseren Augen ab:
                                                                                      Direkt am Grat spüren wir den feuchten
                                                                                      Windhauch des aufsteigenden Nebels,
                                                                                      ein paar nasse Kügelchen setzen sich auf
                                                                                      unseren Haaren ab.
                                                                                         Vorsichtig steige ich auf dem Hasen-
                                                                                      strick hinunter. Mit der Linken halte ich
                                                                                      mich am Seil fest, den Blick stets auf
                                                                                      den etwa einen Meter breiten Grat vor
                                                                                      mir gerichtet. Bislang ganz auf mich
                                                                                      konzentriert, drehe ich mich in der Mitte
                                                                                      des Grates zu meinen Freundinnen um:
                                                                                      Alle haben die erste Hürde gut gemeis-
Der erhöhte Adrenalinspiegel wird uns die Wanderung im Gedächtnis halten …            tert. Auch beim zweiten Abstieg gibt es
                                                                                      keine Zwischenfälle. Ich bin sicher, die
   Schritt für Schritt bewegen wir uns     Stongerhöhe. Zwischen den Schafen          durch den Nebel verursachte Stimmung
auf unser Ziel zu. Mit jedem Schritt       und Kühen, die hier grasen, bahnen         am Grat und der durch die rutschigen
schütteln wir etwas mehr von unserem       wir uns den Weg zum Höhepunkt der          Felsen erhöhte Adrenalinspiegel werden
Alltag ab. Abseits der ständigen Hektik    Wanderung: dem Hasenstrick.                dafür sorgen, dass uns diese Wande-
und der Pop-up-Nachrichten auf den           Leichter Nebel zieht auf, die Felsen     rung im Gedächtnis bleibt. Schließlich
Handys senken wir die Augen höchs-         des Hasenstricks werden etwas rutschig.    lässt die Spannung nach, Erleichterung
tens, um die nächsten Tritte sicher zu     Beim Betreten des Grates durch das         macht sich breit, und wir genießen den
setzen. Ist unser Gang zu Beginn noch      Drehkreuz ändert sich die Stimmung         Moment.
ungleichmäßig, stellt sich schnell ein     schlagartig. Vorher noch ausgelassen          Den letzten steilen Anstieg zum Gipfel
Gruppenrhythmus ein: links, rechts,        schwätzend, sind wir jetzt konzent-        nehmen wir in einem gemeinsamen
links, rechts. Ganz automatisch gleichen
wir uns an, aus der Truppe wird eine
Gruppe mit demselben Ziel. Der Weg
schlängelt sich zuerst an der „Niedere“
entlang über Grashügel hinunter zu
einem Geröllfeld. Am leicht bewölk-
ten Himmel schafft es die Sonne doch
immer wieder, sich durchzusetzen und
unsere Gesichter zu erwärmen.
   Am Geröllfeld wartet die erste Auf-
gabe. Wir wollen ein Steinmännchen als
Gruß für die nächsten Wanderer hinter-
lassen. Angeführt von Elisabeth, suchen
wir Steine und balancieren sie aufein-
ander. Kein Wunder, dass sich immer
mehr Teambuilding-Experten mit
ihren Gruppen auf den Berg begeben.
Pädagogisch wertvolle Gruppenaufga-
ben liegen hier am Wegesrand. Als wir
mit unserem Steinmännchen zufrieden
sind, geht es über den steilen Aufstieg
von der Stongerhöhealpe hinauf zur         Nach der Euphorie am Gipfel die Erinnerung an Jugendtage …

16 · reisemagazin bregenzerwald
Aus der Luft gegriffen
Tempo. Oben angekommen, geht eine          sen, die Stille der Natur, unsere rhythmi-
Welle der Euphorie durch die Gruppe.       schen Schritte und das Körpergefühl des                      Olympiasieger im Skispringen, Sportexperte und
Stolz widmen wir uns dem Gipfelbuch.       Wanderns lassen Gespräche schnell sehr                       Unternehmer ­(www.­innauerfacts.at) –
Ein Aufstieg gilt ja erst wirklich durch   persönlich und nachdenklich werden.                          Toni Innauer aus dem Bregenzerwald
einen ausführlichen Eintrag. Erinne-       In keinem Café der Welt würden wir so
rungen an Jugendtage kommen auf. Ein       gut über unsere Gegenwart und Zukunft                        Luftgänger
wesentlicher Unterschied zu damals ist     sprechen können.
unsere mitgebrachte Jause: statt Gum-         Am Abend auf einer Wiese auf dem                          Man braucht ein bestimmtes Alter, damit längst
miwürmchen und Chips gibt es Äpfel         Sonderdach neben der Mittelstation der                       Vergangenes auf eine vertiefte Weise nachschwin-
und Nüsse, statt Limonade den mittler-     Bergbahnen: Es dämmert, und wir vier                         gen kann. Wenn Erinnerungsvermögen, Vorstel-
weile obligatorischen Gipfelschnaps.       sitzen im Gras, warten auf den Moment,                       lungskraft und Emotionalität noch intakt sind,
   Beim Abstieg zerstreut sich die         da die Glut unseres Feuers heiß genug                        scheint sich dieser Resonanzraum mit der Zeit
Gruppe, wir verwickeln uns in Zwei-        ist, um unsere vegetarischen Würstchen                       zu vergrößern. „Im Wald“, umgeben vom mar-
ergespräche. Und immer wieder lässt        zu grillen. In der Vorfreude auf das Essen                   kanten Dialekt, bekannten und gemochten Men-
sich eine zurückfallen, in Gedanken        – Wandern macht hungrig! – lassen                            schen, liegen für mich Geschichten zum Greifen
versunken. Das Wandern mit Freunden        wir den Tag Revue passieren. Cathrin                         in der Luft. Wie lebendig ist mir etwa der Besuch
macht es möglich, unsere Bedürfnisse       empfand besonders das Feuermachen                            einer Lehrerin im elterlichen Gasthaus. Sie bedau-
in verschiedenen Konstellationen zu        als schönen Abschluss. Dazu wurden                           erte mich halbwegs glaubwürdig, weil ausgerech-
erfüllen. Auch persönliches Innehalten     Aufgaben verteilt: Die einen waren fürs                      net ich in den brütend heißen Sommerferien von
und das Suchen nach Stille haben auf       Holzsammeln und Feuerentfachen                               Dr. Fink einen Gips am rechten Unterarm verpasst
dem Berg Platz. Das gemeinsame Wan-        zuständig, die anderen suchten nach                          bekommen hatte. Der Versuch, eine Astgabel für
dern bringt einen zusätzlichen Vorteil:    Haselnussruten für die Wurstspieße. Wir                      eine Steinschleuder von einem hohen Baum zu
Die Stille wird von Atmen und Tritten      singen Lieder aus unserer Schulzeit und                      hacken, war schiefgegangen: Ich hatte die Tragfä-
begleitet, es gibt keine unbequemen        sind wohlig erschöpft. Noch am Vormit-                       higkeit des letzten, als Stand dienenden Ästchens
Gesprächspausen. Das hält uns stets        tag ist eine über die Jahre gewachsene                       überlastet, bzw. mein über den Winter offenbar
in der Gegenwart. Der Pfad erfordert       Distanz zwischen uns spürbar gewesen.                        gestiegenes Körpergewicht unterschätzt. Mit der
Konzentration auf das Hier und Jetzt,      Jetzt, am Ende dieses Wandertages, sind                      Axt in der Hand, aber ohne die begehrte Astgabel,
lässt uns aber auch Spielraum. Unsere      wir einander wieder nah. Jahrelang                           muss es dann aus luftiger Höhe rasant nach unten
Aufmerksamkeit richtet sich auf das,       haben wir uns nur sporadisch gesehen,                        gegangen sein. Vom Flug habe ich – aus heutiger
was vor und in uns ist: Sinneseindrücke,   doch dieser gemeinsame Abend fühlt                           Sicht die Folge einer retrograden Amnesie durch
Gefühle und Gedanken. Die Berge, die in    sich an, als wäre die Zeit für uns vor zehn                  die erlittene Gehirnerschütterung – keinerlei Erin-
uns allen ein tiefes Heimatgefühl auslö-   Jahren stehengeblieben. Hannah Greber                        nerung mehr. Der Film setzte erst wieder ein, als
                                                                                                        ich heulend und schwitzend und mit weggeknick-
                                                                                                        tem, schmerzendem Unterarm die Leite aufwärts
                                                                                                        robbte.
                                                                                                        In einer warmen Sommernacht saß ich fünf Jahre
                                                                                                        später erneut auf einem Baum, diesmal aber auf
                                                                                                        einem dicken Ast. Drei Kilometer weiter und 700
                                                                                                        Höhenmeter tiefer im Tal lief die Attraktion des
                                                                                                        Sommers. Ein Artist wollte, auf einem Seil balan-
                                                                                                        cierend, den Bezauer Kirchturm erklimmen.
                                                                                                        Ich hatte keinen Ausgang bekommen, um das
                                                                                                        ­Spektakel aus nächster Nähe zu erleben. Auf mei-
                                                                                                         nem Hochsitz war es „stierdunkel“. Im Bildaus-
                                                                                                         schnitt von Vaters Fernglas zitterte der schwach
                                                                                                         beleuchtete Turm. Vom verzerrten Lärm aus dem
                                                                                                         Lautsprecher verstand ich kein Wort und auf der
                                                                                                         Kirchturmspitze konnte ich niemanden erspähen.
                                                                                                         Dass ich nichts versäumt hatte und viel Lärm um
                                                                                                         nichts gemacht worden war, berichtete man mir
                                                                                                         am nächsten Tag: „Das Seil ging nur bis zur Höhe
                                                                                                         des heiligen Jodok über dem Eingangsportal und
                                                                                                         nicht einmal dort ist er hinaufgekommen ...“
Gemeinsam am Feuer erscheint die Zeit wie vor zehn Jahren stehengeblieben

                                                                                                                       reisemagazin bregenzerwald · 17
Moor,
Teich,                            Das Moorbad Oberköhler in
                                  Sulzberg ist ein idyllischer,
                                  natürlicher Moorweiher
                                                                                Dafür verbinden hier die Erinnerun-
                                                                              gen an unbeschwerte Schwimmnach-
                                                                              mittage und verträumte Sommernächte

Sommer,
                                                                              die Generationen von Kindern, Eltern
                                  unweit der Sulzberger Dorf-                 und Großeltern. Etwa Karin Dorner und
                                  mitte. Er verbindet Sippen                  ihren Sohn David: „Natürlich habe ich
                                  und Generationen und setzt

Sterne
                                                                              im Moorbad Oberköhler schwimmen
                                  sich, frisch renoviert, auch                gelernt. Denn ein leicht erreichbares
                                  gegen Freibäder durch                       Freibad gab es damals noch nicht. Die
                                                                              Weißach unten im Tal war für uns
                                                                              Kinder zu weit weg“, erinnert sich Karin,
                                     Kaum ein Sulzberger Kind, das in         Jahrgang 1951. Ihr Sohn David, Jahrgang
                                  den schwarzen Wassern des kleinen           1976, ergänzt: „In meiner Jugend war
                                  Sees nicht schwimmen gelernt hat.           das Moorbad der abendliche Treffpunkt
                                  Kaum ein Teenager, die hier nicht seine     für alle Jungen, vom sommerlichen
                                  ersten aufregenden Stunden unterm           Lagerfeuerabend bis zum Klassenab-
                                  Sternenhimmel verbracht hat. Seit           schlussfest. Hier am See waren wir nie
                                  Jahrzehnten ist das Moorbad Oberköh-        weit weg von zu Hause und dennoch
                                  ler ein Rückzugsort für alle, die für den   immer unter uns.“
                                  Spielplatz zu alt und fürs Gasthaus noch      Der kleine See ist auch ein Treff-
                                  zu jung sind. Anders als in anderen         punkt für die drei Sulzberger Sippen:
                                  Orten mit natürlichen Moorbädern gab        Süd-Sulzberger, Nord-Sulzberger und
                                  es in Sulzberg nie Pläne, den Naturteich,   „Dörfler“. Mutter und Sohn lachen: Ja,
                                  dessen Wasser sich aus einem höherge-       diese Unterscheidung nach Hang- und
                                  legenen Hochmoor speist, touristisch        Sonnenlage gibt es hier tatsächlich.
                                  zu erschließen oder ihn in eine private     Die beiden sind auf der Schattenseite
                                  Hotelanlage einzugliedern.                  des Dorfes aufgewachsen. Dort erfasst

                                                                              Generationen von Sulzbergern haben
                                                                              im Moorteich Schwimmen gelernt

18 · reisemagazin bregenzerwald
Moore und Wasser

                                                                                         Bizau – Wo Wasser an den Zehen kitzelt
                                                                                         Im oder am Ulvenbach können Besucher über
                                                                                         eine Strecke von rund 1 km barfuß wandern,
                                                                                         die natürliche Bild- und Tonkulisse des Baches
                                                                                         auf sich wirken lassen und seltene Pflanzen
                                                                                         bestaunen.
                                                                                         www.bizau-bregenzerwald.com

                                                                                         Krumbach – Lebensenergie im Moor
                                                                                         Weshalb dienen Moore auch dem Klima-
                                                                                         schutz? Welche Pflanzen und Tiere finden
                                                                                         wir im Moor? Und wie gewinnen wir Lebens­
                                                                                         energie? Die MoorführerInnen begleiten die
                                                                                         Gäste mit lebendigem Wissen und spannenden
                                                                                         Geschichten.
Der Moorteich ist ein Treffpunkt für die drei „Sulzberger Sippen“                        Geheimtipps: Moorwanderung zwischen 6 und
                                                                                         8 Uhr morgens
der Blick Richtung Norden nicht mehr             Rechtzeitig zu Beginn der Bade-         Angebote: Moorwanderung und Frühstück,
den Bregenzerwald, sondern die sanfte         saison wurde im Sommer 2019 alles          Geführte Moorwanderungen
                                                                                         www.krumbach.at
Hügellandschaft des Allgäus. Hier liegt       fertig: Ausgestattet mit einem neuen,
der Hof, den die Familie bereits in           naturbelassenen Uferbereich, einer         Langen – Witmoos Europaschutzgebiet
vierter Generation gemeinsam bewirt-          tiefen Schwimm- und einer flachen          Die größte Besonderheit des Natura 2000-
schaftet. „Man traf als Jugendlicher          Kinderzone sowie mit Umkleidehäus-         Gebietes ist das ursprüngliche Spirken­
im Moorbad Oberköhler immer auch              chen und einem neuen Grillplatz            hochmoor. Dieses stellt gewissermaßen den
                                                                                         „Ur­zustand“ der Langener Moore dar, bevor
welche, mit denen man sonst nicht             hat das Moorbad Oberköhler eine
                                                                                         diese durch Torfabbau, teilweise Entwässe-
viel zu tun hatte. Das trägt bis heute        Renaissance erlebt – und die nächste       rung und Streuenutzung großflächig verän-
positiv zum Dorfleben bei“, sagt David.       Generation Sulzberger Kinder. „Meine       dert wurden. Gemeinsam mit den ausgedehn-
„Der Eintritt war immer frei. Es gab nie      beiden Töchter“, sagt David Dorner, „die   ten „Moos­wiesen“ im Westen ist das Witmoos
strenge Regeln, was man tun darf und          dreizehnjährige Ida und die zehnjährige    Standort vieler seltener und teils vom Aus­
                                                                                         sterben bedrohter bzw. stark gefährdeter
was nicht“, erinnert er sich und grinst:      Lea, sind im Sommer eifrige Moorbad-
                                                                                         Lebensraumtypen und Arten.
„Wir waren dennoch immer ziemlich             Besucherinnen ­geworden!“                  www.langen.at
vernünftig.“                                                           Babette Karner
   Den ersten Umbau erlebte der kleine                                                   Riefensberg – Barfuß-Parcours
Moorsee Ende der 1960er Jahre: Damals                                                    Auf dem Barfuß- und Fitnessparcours kann
                                                                                         man an 22 Stationen Koordination, Ausdauer,
fasste man einen Teil des Gewässers mit
                                                                                         Kraft, Beweglichkeit und Schnelligkeit trainie-
einer Betonmauer ein, eine Holzhütte                                                     ren.
diente zur Umkleide und als Toilette.                                                    www.riefensberg.at
In den 1990er Jahren sei die Beliebt-
heit des Teichs etwas zurückgegangen,                                                    Sibratsgfäll – Moorbad
                                                                                         Mitten in der Natur finden sich eine Wasser-
erzählt Karin Dorner: Neue Freibäder
                                                                                         trete, zwei Moorbecken und ein Natur-Wasser-
im Umland machten dem schlichten                                                         becken zum Schwimmen (Juni bis Ende Sept.).
Moorsee Konkurrenz. 2016 beschloss                                                       www.sibra.at
die Gemeinde, das Moorbad Oberköhler
zu renovieren und den Badeteich nach                                                     Sulzberg – Moorbad Oberköhler
Plänen des Büros „Landrise“ und des                                                      Nicht nur zum Schwimmen lädt dieser idyl-
                                                                                         lische Platz am Waldrand ein, sondern auch
Architekten Edgar Höscheler behutsam                                                     zum Kneippen (Wassertreten), Spielen, Gril-
neu zu gestalten. Auch der Sulzberger                                                    len (öffentliche Grillstelle) und Verweilen. Der
Jugendrat war von Anbeginn an dabei.                                                     Schwimmbereich hat Tiefen von 0,5 bis 2 Meter
Am Umbau, den 2018/19 zahlreiche                                                         und ist also auch für Kinder geeignet. Zur Ein-
ortsansässige Firmen vornahmen, war                                                      richtung gehören auch ein Umkleidebereich
                                                                                         mit WC und Parkplätze.
auch David Dorner beteiligt – als alter                                                  Öffnungszeiten: Juni bis Ende September
Moorbad-Kenner und Teil der Ober­                                                        www.sulzberg-bregenzerwald.com
köhler-Arbeitsgruppe.

                                                                                                        reisemagazin bregenzerwald · 19
Vom Sennen
                      und Singen
                       Der Autor lebt das Jahr über in Wien.
                       Bis auf die Tage, die er beim Sennen auf
                       einer Alpe im Bregenzerwald verbringt.
                       Diesmal ist auch Astrit aus dem Kosovo
                       dabei

20 · reisemagazin bregenzerwald
Anton Sutterlüty beim Sennen auf der
Alpe Untere Falz im Bregenzerwald.
Das Ergebnis, den fertigen Käse,
lagert er in seinem Keller in der
Wiener City

            reisemagazin bregenzerwald · 21
Astrit wird von den
Bregenzer­wäldern auf der
Alpe Untere Falz „Asterix“
genannt. Sie können sich
unter seinem Namen einfach
keinen Mann vorstellen …

  „Abarlong“. Ob die Kühe heute gut
„abarlond“? Ich bin gerade am Compu-
ter gesessen, habe meine Buchhaltung
gemacht, Rechnungen geschrieben,
verschickt, und auch welche überwie-
sen. Nun liege ich auf der Couch, es
ist Abend, aber noch hell. Der Tag war
heiß und schwül, gegen halb sieben
sind dunkle Wolken über den Häusern
der Stadt aufgefahren und ein hefti-
ger Regenguss hat eingesetzt. Die fri-
schere, feuchte Luft hat etwas Entspan-
nung gebracht.
  Auf der Couch liegend bemerke ich,
dass ich überlege, ob der Regen vom
Zeitpunkt her noch vor dem Küheho-
len z’Alp eingesetzt hat, weil näm-
lich die Kühe an schwülen Tagen viel
besser „abarlond“, wenn der Regen
sie noch erwischt, bevor sie in den
Stall kommen. Auch Kühe entspan-
nen sich, wenn die Luft frischer wird.           Auch sie folgt dem eigenen Tagesrhythmus auf der Alpe …
Entspannte Kühe geben ihre Milch
lieber her als Kühe, die von der Hitze           „Intua“ und der Platz vor dem Stall,       Verbundenheit, die ich in diesem
und von den Bremsen genervt die                  an dem immer der Stecken lehnt, ist        Moment gespürt hatte, war das, was
Schwänze hin und her schlagen. Nein,             plötzlich ganz klar und nah vor mei-       ich im Grunde suchte.
es wäre schon zu spät gewesen, um                nem Auge. Mir wird bewusst, wie weit         Mein Lehrer Wolfgang Dangl entwi-
sechs sind die Kühe bereits angebun-             die zwei Welten, Stadt und Alpe, in der    ckelte eine Form der Improvisation
den an ihren Plätzen.                            Realität auseinanderliegen, wie eng sie    mit mir, bei der die Aufmerksamkeit
  Draußen sehe ich wieder die Häuser             aber doch in meinem Inneren verbun-        dem eigenen Körper gegenüber zum
und die Straßen des 9. Wiener Gemein-            den und gleichzeitig sind.                 Ausgangspunkt für den Gesang wurde.
debezirks. Dennoch denke ich ans                                                            Die Wahrnehmungen, die ich dabei
                                                 Singen. Von 1999 bis 2003 nahm             machte, mündeten in einen Ton, einen
Worterklärungen                                  ich Gesangsunterricht. Nach den ers-       Gesang. Und dieser Ton, dieser Gesang,
Abarlong: guten Milchfluss haben                 ten paar Stunden merkte ich, dass          veränderte das Gefüge im Inneren,
abarlond: lassen die Milch gut fließen           mich nicht unbedingt das Liedersin-        und diese Veränderungen im Inneren
                                                 gen interessiert. Was aber wollte ich      veränderten wiederum den Gesang.
z'Alp: auf der Alpe
                                                 vom Singen? Ich nahm mein Inne-            Oder er hörte auf und begann wieder
Intua: in den Stall treiben
                                                 res, mich selbst, immer als sehr abge-     von neuem.
Seagen: Sennsuppe, Molkeneiweiß                  schlossen von der Welt wahr. Da war          Das Singen wurde für mich immer
Käsfische: Reste, die beim Käseauszug im         ich und dort war die Welt. Natürlich       mehr zu einem Zustand der Auf-
­Kessel zurückblieben
                                                 wusste ich, dass ich in dieser bin, aber   merksamkeit, der Wahrnehmung von
Nachfahrt: Nachdem der letzte Käse aus dem       die Verbindung war mir vollkommen          Bewegungen im Inneren und Äuße-
Kessel geholt wurde, bleibt noch ein Rest von
Käse, der beim Auszug nicht erwischt wurde,
                                                 unklar. Jahre zuvor hatte ich einmal       ren. Der Gesang ließ sich niemals wie-
im Kessel. Dieser wird als Nachfahrt noch her-   bei einem Winterspaziergang in der         derholen. Gefiel mir einmal, was ich
ausgeholt und zum letzten Käse dazu gepresst.    Abenddämmerung begonnen zu sin-            sang und wollte ich das nächste Mal
lochig: paarungsbereit                           gen, immer lauter, bis der Gesang von      damit fortfahren, merkte ich, dass sich
Vorsäß: Weide mit Hütte zwischen Tal und Alpe    den Bäumen widerhallte und gleich-         das nicht machen ließ. Es war nicht
                                                 zeitig mich selbst ganz ausfüllte. Die     das Gleiche. Jeder Moment ist so voll

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kleinster Bewegungen, die ihn ausma-          Milchsäurebakterien, angeregt durch           entwickelt seine eigene Art, wie er die
chen, dass aus der Aufmerksamkeit             die Bakterienkultur, die sich im Holz         Balance in der Milch herstellt. Jeder
für diese Bewegungen ein Gesang ent-          der Gebsen bildet, entwickeln können.         hat seine Beziehung zur Milch und
steht, der in diesem Moment passend           Am Morgen habe ich dann eine vorge-           macht seine Erfahrungen, was funk-
ist und sich richtig anfühlt. Ich machte      reifte Milch.                                 tioniert und was nicht. Zwei verschie-
die Erfahrung, dass jeder Moment                Von der schöpfe ich erst den Rahm           dene Sennen können niemals densel-
seine eigene Schönheit hat, sei er nun        für die Butter ab. Dann kommt die             ben Käse machen, selbst wenn sie es
leicht oder schwer, traurig oder freu-        vorgereifte, entrahmte Milch in einen         versuchen wollten. Milch und Käse
dig. Selbst der Moment der Verzweif-          Kessel und wird dort mit der frischen         sind etwas sehr Lebendiges. Aus sehr
lung, der seinen Ton findet, wird zu          Morgenmilch vermischt, um zu Käse             vielen kleinen und kleinsten Bewegun-
etwas Stimmigem. Der Ton ist, wenn er         weiterverarbeitet zu werden. Wenn             gen zusammengesetzt, die in jedem
glückt, immer eine Überraschung. Er           das Wetter heiß ist, entwickeln sich die      Moment etwas anders sind und sich
geschieht, ohne dass ich ihn mir aus-         Bakterien schneller, als wenn es kalt         immer neu zu dem entwickeln, was
denken kann.                                  ist. Diesen Prozess muss ich als Senn         aus diesem Moment erwächst. Das
                                              aufmerksam beobachten: Wie riecht             Lebendige hat immer die Tendenz, sich
Sennen. Die Erfahrungen, die ich              und schmeckt die Milch am Morgen;             zum Guten zu entwickeln – wenn man
beim Singen machte, verwoben sich             welche Konsistenz hat der Rahm am             es lässt und ihm die gebührende Auf-
im Laufe der Jahre immer mehr mit             Morgen; wie wird die Milch dick; wie          merksamkeit schenkt. Mit den Jahren
den Erfahrungen, die ich beim Sen-            verhält sie sich beim Schneiden; wel-         habe ich festgestellt, dass die gleichen
nen machte. Z’Alp gibt es einen täg-          che Farbe hat die Molke; wie schnell          Kräfte auf mich wirken wie auf die
lich gleichen Rhythmus, der vom Wei-          scheidet sich der Käsebruch von der           Milch und auch eine ähnliche Wirkung
den der Kühe, dem Melken und dem              Molke; wie schnell wird der Käse-             haben: Leichtigkeit und Schwere, Fri-
Käsemachen bestimmt wird. Inner-              bruch nach dem Brennen rösch, also            sche und Trägheit, Gereiztheit oder
halb dieses Rhythmus ist aber jeder           reif zum Ausnehmen; wie kommen                Entspanntheit.
Tag auch anders. Die Milch ist jeden          beim Absennen der Bruch und der
Tag anders, abhängig vom Wetter und           „Seagen“ …?                                   31. Mai 2019. Wir sitzen am Tisch
dem Futter der Kühe. Ich arbeite beim           Aufgrund der Wahrnehmung die-               aus hellem Ahorn. Der ist unten am
Sennen mit Gebsen, also Holztrögen.           ser Zeichen treffe ich meine Entschei-        Bach gewachsen, auf den wir von der
Milch, die am Abend gemolken wird,            dungen: Muss ich das Wachstum der             Küche aus hinunterblicken, und von
schütte ich frisch und kuhwarm in             Bakterien fördern oder bremsen?               einem der Bauern, denen die Alpe
die Gebsen, damit sich über Nacht die         Jeder Senn, der mit Gebsen arbeitet,          gehört, gefertigt worden. Dieser Tisch

… der natürlich ein ganz anderer ist als jener der Großstadt Wien, in der Anton Sutterlüty seinen Alpkäse lagert

                                                                                                         reisemagazin bregenzerwald · 23
hat als eines der wenigen Möbel einen       seinen Verwandten anwenden kann,            verbinden mich mit ihr: Ihr Vater hatte
Brand im Jahr 2004 unbeschadet über-        die zum Teil noch Kühe haben.               in Andelsbuch einen Stall voll Zie-
standen. Gerade essen wir zu Mittag.          Astrit und ich waren seit fünf Uhr        gen, darunter auch einen Ziegenbock,
  Antonia, die Köchin, Alfred und Seff-     früh in der Sennerei, Manuel ist etwas      zu dem wir immer gingen, wenn eine
tone, die Küher, Astrit, der Untersenn,     später dazugekommen. Er ist Service-        unserer eigenen zwei Ziegen „lochig“
Manuel, der Unteruntersenn, und ich.        leiter im Wiener Restaurant Mraz und        war. Für uns Kinder war das ein Aben-
Erst essen wir die Sennsuppe, Sefftone      Sohn und wollte ein paar Tage mit-          teuer. Wir nahmen die Ziege am Strick
lobt sie. Antonia fragt, was ich mache,     helfen, den Käse zu machen, den er          und machten uns auf den Weg. Dabei
damit keine Käsfische drinnen sind.         auf seinem Käsewagen den Gästen             mussten wir auf dem Andelsbucher
                                                                                        Feld durch zehn Stacheldrahtzäune. Der
                                                                                        alte Herr Gmeiner mit dunklem Bart
                                                                                        und einem Stall voll Ziegen war uns
                                                                                        ein wenig unheimlich. Wir waren froh,
                                                                                        wenn der Bock seine Aufgabe möglichst
                                                                                        schnell erledigte und wir wieder gehen
                                                                                        konnten. Antonia war irgendwann in
                                                                                        den 1950er Jahren als 14-Jährige für ein
                                                                                        paar Wochen im großen, akkurat und
                                                                                        streng von meiner Großmutter geführ-
                                                                                        ten Haushalt beschäftigt und erzählt,
                                                                                        wie viel sie in dieser kurzen Zeit von
                                                                                        meiner Großmutter lernen konnte.
                                                                                          Am Nachmittag kommt Besuch:
                                                                                        meine Frau und die Kinder, Astrits Frau
                                                                                        und Sohn aus Wien und Frau Caze aus
                                                                                        Berlin. Frau Caze, eine Berliner Möbel-
                                                                                        designerin, die ihre Möbel bei Anton
                                                                                        Mohr in Andelsbuch fertigen lässt, habe
                                                                                        ich bei der „Cheese Berlin“ kennenge-
                                                                                        lernt, einer Käsemesse für Rohmilch-
                                                                                        käse aus kleinen handwerklichen Betrie-
Astrit, der Mann aus dem Kosovo, den sie auf der Alpe „Asterix“ nennen                  ben. Die Frauen und die Kinder beleben
                                                                                        für die nächsten paar Tage den Platz vor
Ich antworte, dass ich nach der Nach-       kredenzt. Währenddessen haben               der Hütte, der der Winterstaude und
fahrt immer noch einmal in den Kessel       ­Alfred und Sefftone ihre Arbeit mit        dem Bullersch zugewandt ist. Am Nach-
fahre, um den allerletzten Rest auch         den Kühen erledigt und Antonia die         mittag, nach getaner Arbeit, gesellen
noch zu erwischen. Zwischen Manuel           ihre im Haushalt. Sefftone ist Anfang      wir uns auch gern dazu, bis es Zeit wird
und Antonia rennt der Schmäh. Astrit,        siebzig, pensionierter Zimmermann,         zum „Intua“.
der zwar perfekt Deutsch spricht, aber       der immer auch Nebenerwerbsbauer             Meine Alpzeit dauert nur zwölf Tage.
vom Dialekt so gut wie nichts versteht,      war. Mein Vater hat einmal von ihm         Die Kühe werden für diese kurze Zeit
versinkt ein wenig in sich.                  eine Kuh gekauft, mit der wir sehr         im Mai bis Anfang Juni auf die Untere
  Astrit ist Schauspieler. Einige Bau-       zufrieden waren. Jetzt ist Sefftone den    Falz getrieben, um das erste Gras abzu-
ern waren so konsterniert, dass ein          dritten Frühling als Küher dabei. Alf-     weiden. Dann gehen sie in die Egger
Mann „Astrit“ heißen kann, dass sie          red, Anfang dreißig, ist Biobauer mit      Vorsäße Rehenberg, Eggatsberg und
den Namen angesichts seines bärti-           neun Kühen. Sie sind mit uns auf der       Hammeratsberg. Während der Vor-
gen Gesichtes nicht aussprechen woll-        Alpe Untere Falz. Er ist zum fünften       säßzeit wächst das Gras auf der Alpe
ten. Sie tauften ihn in „Asterix“ um.        oder sechsten Mal mit dabei.               nach. Anfang Juli kommen die Kühe für
Astrit stammt aus dem Kosovo. Er ist           Antonia, Ende siebzig, geht seit unge-   die Hauptsaison wieder hinauf. Da ist
mit Kühen aufgewachsen. Bei einem            fähr 15 Jahren im Frühling mit auf die     dann aber ein anderer Senn am Werk.
Besuch in meinem Wiener Käsekeller           Untere Falz, ist Älplerin durch und        Ich widme mich in Wien wieder mei-
hat ihn etwas Ähnliches wie ein Alpen-       durch. Jedes Jahr wieder freuen wir        ner Firma „Anton Macht Ke:s“. Meine
drang erfasst. Ob er auch einmal mit         uns auf die gemeinsame Zeit. Sie hat       Alpzeit ist zwar etwas zu kurz, aber im
auf die Alpe kann, um mir beim Käse-         viel Humor, weiß mit jedem etwas zu        Grunde bin ich froh, dass ich danach
machen zu helfen? Und dabei etwas            reden und hilft so dem bunten Haufen,      wieder gehen kann, damit die Geschich-
zu lernen, das er dann im Kosovo bei         zusammenzufinden. Alte Geschichten         ten nur verbinden und nicht verwickeln.

24 · reisemagazin bregenzerwald
G’hörig Wälderisch
  Reifung. Im sogenannten „Kipferl-         leider geschlossen, was ich sehr
haus“, einem mittelalterlichen Haus         bedaure. Die ältesten Laibe in meinem
hinter dem Stephansdom, in dem der          Keller sind vier Jahre alt und haben                  Birgit Rietzler, Dichterin im Bregenzerwald,
Legende nach zur Zeit der zweiten Tür-      eine ausgeprägte Kristallstruktur ent-                stellt typisches „Wälderisch“ vor
kenbelagerung das Kipferl erfunden          wickelt. Auf den Märkten, auf denen
wurde, wie die Wiener sagen – Vorarl-       ich den Käse verkaufe, biete ich ihn in
                                                                                                  Im Hohsummr
berger nennen es „Gipfele“ –, habe ich      sieben verschiedenen Reifegraden an.
meinen Käsekeller. In ihm lasse ich         Jeder Reifegrad ist eine Momentauf-
                                                                                                  Im Hochsommer
Käse, der jung nach Wien kommt, rei-        nahme von ein und demselben Käse,
fen. Dort liegen Laibe von der Unteren      und in jedem Moment hat dieser etwas                  Im Hohsummr trinkt ma Holdr-Saft und easst
Falz, vom Vorsäß Rehenberg, von der         Spezifisches zu bieten. Wenn die Men-                 ­Hodlbeer-Muos.
Sennerei Mühle in Egg, von der Senne-       schen, die zum Käsestand kommen,                      	Im Hochsommer trinkt man Holundersaft und
rei Kriechere in Bezau und auch noch        von den aufgereihten Kostproben pro-                    isst Heidelbeermus.
einige Laibe von der Sennerei Hof/          bieren, merken sie, welcher Käse gerade               Winn as schüa ischt, lond Buro und Motorrädlar eare
Meßmerreuthe in Egg. Kriechere und          der richtige für sie ist. Passt so.                   Kärra schnello.
Hof/Meßmerreuthe haben inzwischen           			                      Anton Sutterlüty             	Wenn’s schön ist, lassen Bauern und Motorrad-
                                                                                                    fahrer ihre Karren rattern.
                                                                                                  Alle sand drean as wia d’ Flutisch und d’ Höuschtäffl.
                                                                                                  	Alle freuen sich wie die Schmetterlinge und
                                                                                                    Grashüpfer.
                                                                                                  Bim Schaffo muss ma schwitzo, pfnäschto und pfnuso.
                                                                                                  	Beim Arbeiten muss man schwitzen, ­keuchen
                                                                                                    und schwer schnaufen.
                                                                                                  Am Undrats gaut ma is Schweammbad, a d’ Ah
                                                                                                  odr an an Plunta.
                                                                                                  	Am nächsten Tag geht man ins Schwimmbad,
                                                                                                    an die Ache oder einen Teich.
                                                                                                  Döt git as schöa Motla, Mugga, Briama und W
                                                                                                                                            ­ assrflöh.
                                                                                                  	Dort gibt es schöne Mädchen, Mücken, Brem-
                                                                                                    sen und Wasserflöhe.
                                                                                                  So kriagod atol do Glaarar, an Sunnobrand odr an
                                                                                                  Hufo Biißbüggl.
                                                                                                  	So bekommen manche Stielaugen, Sonnen-
                                                                                                    brand oder viele Mückenstiche.
                                                                                                  Abr d’ F üaß wedod subr und do Häcklar woochat as
                                                                                                  uf.
                                                                                                  	Aber die Füße werden sauber und alter
                                                                                                    Schmutz löst sich auf.
                                                                                                  Winn as schwaaz kunt, muss ma gnot d’ Ise butzo.
                                                                                                  	Wenn es „schwarz kommt“ (ein Gewitter naht),
                                                                                                    muss man schnell flüchten.
                                                                                                  För ’s Hohwassr hat ma Karfritags-Oiar i do Naht-
                                                                                                  käschtleschublad.
                                                                                                  	Gegen Hochwasser hat man Karfreitagseier in
                                                                                                    der Nachtkästchenschublade.
                                                                                                  „‚Bathlomä bringt a Krätle voll Schnee“, hat ma frühor
                                                                                                  gset.
                                                                                                  	Hl. Bartholomäus (24. 8.) bringt ein Körbchen
                                                                                                    voll Schnee, hat man früher gesagt.
                                                                                                  Do Summr künnod ou andr Heilige ghörige Pflänz
                                                                                                  hea.
                                                                                                  	Im Sommer können auch andere Heilige gehö-
                                                                                                    rige Marotten haben.

Anton Sutterlüty vor seinem Käsekeller in der Wiener Innenstadt

                                                                                                                    reisemagazin bregenzerwald · 25
Werkzeug eines Dichters
Der Philosoph Peter Natter                   ohne Nebenschauplätze. Das auch des-        nicht nur in Großdorf, nicht nur im
nimmt sich im Bregenzer-                     halb, weil die gestellte Aufgabe, einen     Bregenzerwald: zu Hause in mir, in der
                                             schönen Text zu schreiben, all das nicht    Welt. Vor Jahren habe ich den Versuch
wald ein Buch vor und liest                  mag, nicht verträgt, wenn ich genau         gemacht, sie auswendig zu lernen. Ein
es mit Blick auf seine unmit-                und ehrlich bin. Genau das ist die erste    schönes Stück weit bin ich gekommen,
telbare Umgebung. Diesmal:                   Lektion, die mir Rainer Maria Rilke         immerhin fast bis zur sechsten. Manch-
die „Duineser Elegien“ von                   (1875–1926) erteilt: „Ich lüge woanders,    mal frage ich mich, was geblieben ist
Rainer Maria Rilke                           aber nicht hier, vor mir selbst.“           von diesem Tun. Verdichtungen sind
                                               Müssen wir allein sein, um wenigs-        geblieben. Verknüpfungen von Orten
  Wofür es gut ist? Das ist nicht die        tens theoretisch dem Lügen zu entge-        und Zeiten, wenn mir auf dem Gang
Frage. Warum Poesie, warum im Bre-           hen? Es schaut ganz so aus. Apropos         zum Bäcker oder an einem Bahnsteig
genzerwald? Weil es ums Echte geht und       Lüge: In Rilkes Gedicht „Jetzt reifen       Verse in den Sinn kommen, die ich dort
um den unverstellten Blick. Den hat der      schon die roten Berberitzen“ ist die        vor mich hin und in mich hinein und
Dichter als der tatsächlich Kreative und     Rede von einer Welt, in der uns alles       gleichzeitig in die Welt hinaus gemur-
Innovative. „Tatsächlich kreativ“ statt      anlügt. Auch die Authentizität einer        melt habe: „Liebende könnten, verstün-
nur „scheinbar originell“ nenne ich ihn,     Region hängt daran, ob es ihr gelingt,      den sie’s, in der Nachtluft wunderlich
weil er nicht im leeren, wertfreien Raum     ehrlich zu sein mit uns, wahrhaftig         reden“ (zweite Elegie). Oder: „Fänden
agiert, weil er sich weder von Licht blen-   und sich selbst gerecht zu werden –         auch wir ein reines, verhaltenes, schma-
den noch von Schatten einlullen lässt        was etwas völlig anderes ist, als selbst-   les Menschliches, einen unseren Strei-
und weil er Tatsachen, also Werte schafft,   gerecht zu sein. Nun zur Sache: „Wer,       fen Fruchtlands zwischen Strom und
stiftet, wie man das einmal genannt hat.     wenn ich schriee, hörte mich denn aus       Gestein.“ (ebd.)
Ich möchte das verstanden wissen als         der Engel Ordnungen?“ So setzt Rainer         Was mich motiviert, den „Duineser
Gegenströmung und Gegengewicht, als          Maria Rilkes Gedichtzyklus der Duine-       Elegien“ meine Wald-Auszeit zu widmen,
Ausgleich zu all dem bloß Aufgesetzten,      ser Elegien ein. So hebt dieser Gesang      ist nicht zuletzt die Haltung des Dichters
das so viel oder wenig hergibt wie eine      an, der in den 1910er und 1920er Jah-       seinem eigenen Werk und sich selbst
aufgenähte Jackentasche im Vergleich zu      ren über einige Jahre hinweg entstan-       gegenüber. Ich will diese Haltung die
einer richtigen, in der auch etwas Platz     den ist. Ihren Namen verdanken sie          Werkzeug-Haltung nennen. Es ist eine
hat. Zur Erklärung: Ich bin aufgewach-       dem Schloss Duino bei Triest, in dem        Verbindung aus hervorragender Meister-
sen mit und trage immer noch Hosen           Rilke 1912 als Gast der Gräfin Marie von    schaft, quasi handwerklich-technischem
mit richtigen Hosentaschen, in denen         Thurn und Taxis-Hohenlohe weilte und        Können einerseits und Inspiration,
ein Sackmesser Platz hat, ein Sacktuch       sich zumindest von der Muse ausgiebig       Demut, Überantwortung andererseits.
sowieso, und dies und das, was zu finden     küssen ließ. So entstand die erste Ele-     Da ist er dann wieder, mein Bregenzer-
war und ist auf dem Schul- als Lebens-       gie. Weil Rilke und wohl auch die Gräfin    wald: „Treten Liebende nicht immer-
weg: Steine, Holzstücke, Münzen, Regen-      sahen, dass es gut war, folgten im Lauf     fort an Ränder, eins im andern, die sich
würmer oder ein frech gepflückter Apfel,     der Jahre neun weitere.                     versprachen Weite, Jagd und Heimat“,
eine Birne vielleicht, nicht gerade aus        Wer ihn hört, fragt der Dichter. Nie-     steht in der vierten Elegie. Ein Rand,
Havelland, aber doch köstlich, weil ein      mand hört dich, lautet die Antwort,         der gleichzeitig Heimat ist: Man muss
bisschen gestohlen.                          sonst gäbe es die zehn Elegien nicht.       nicht unbedingt ein von Ernst Steinin-
  Wo sonst? Was sonst? möchte ich fra-       Auch mich hörte hier und jetzt nie-         ger gemaltes Porträt des exemplarischen
gen, und schon sitze ich mit dem unver-      mand, nicht nur akustisch. Ich schreie      Bregenzerwälders Franz Michael Felder
meidlichen Buch in meinem Großdorfer         auch nicht. Selbst mit dem Erhören          täglich vor Augen haben, um hier an
Refugium. Um mich herum Bregenzer-           ist es nicht weit her, aber das ist eine    unseren Dichter zu denken. Aber wenn
wald pur und mit mir reine Literatur:        andere Sache, und an dieser Stelle noch     man’s hat, ist es auch gut. In meinem
Lyrik. Dennoch ist es oft ein weiter Weg     nicht unser Thema. Lyrik ist schon eher     Großdorfer Hüsle gibt es ein weiteres
bis zum Naheliegenden. Vieles muss           unser Thema und damit auch die Vorur-       Felder-Porträt des originellen Bregenzer
weggeschaufelt, umgegraben, abgetra-         teile, die ihr begegnen, nicht zuletzt in   Künstlers, so unscheinbar wie unüber-
gen werden, bis zum Vorschein kommt,         einer Region des Schaffens und Hand-        sehbar platziert und wirkend.
was (Tat-)Sache und wesentlich ist. Kon-     werkens: für nichts gut zu sein als für       Mein Bregenzerwald ist ein Ort und
kret bewerkstellige ich diese Distanz-       sich selbst oder für den Lyriker, den       Hort der Werkzeug-Haltung: Das Sinnli-
nahme durch einen kleinen Rückzug,           weltfremden, weltfernen Dichter, dem        che steht neben dem Sozialen und dem
eine Auszeit, 24 Stunden, nicht mehr         die Welt ebenso abhandengekommen            Spirituellen, das Handwerkliche neben
und nicht weniger. 24 sparsam, aber          ist wie er oder sie ihr.                    dem Mystischen. Alles hat seine Zeit und
exquisit verproviantierte Stunden, die es      Wo es so einfach ist: Ich brauche die     vielleicht noch mehr: seinen Raum und
in sich haben, in denen nur eines zählt,     „Duineser Elegien“ nur aufzuschlagen,       seine Sprache sowieso.
ohne Ablenkung, ohne Gschaftlhuberei,        irgendwo, und schon bin ich zu Hause,       				                          Peter Natter

26 · reisemagazin bregenzerwald
reisemagazin bregenzerwald · 27
28 · reisemagazin bregenzerwald
Aus dem Wald in
die Sterne                            Eine Sternwarte im
                                      Bregenzer­wald? Noch ist
                                      es nicht so weit. Aber in
                                      den Himmel kann man
                                      hier jetzt schon mit einem
                                      starken Teleskop schauen:
                                      aus Paul Baumgartners
                                      Sternbeobachtungs­station
                                      in Krumbach

                                        Auf einem Hügel in Krumbach steht
                                      eine Holzhütte, vier mal vier Meter
                                      groß. Das Giebeldach liegt auf Rollen.
                                      Schiebt man es zur Seite, kommt ein
                                      großes Fernrohr zum Vorschein. Es
                                      gehört Paul Baumgartner. Er fühlt sich
                                      privilegiert, die Milchstraße mit freiem
                                      Auge sehen zu können, was Großstäd-
                                      tern wegen massiver Lichtverschmut-
                                      zung nicht möglich ist. Auf Wunsch
                                      öffnet er sein Sternenhäuschen, organi-
                                      siert Vorträge und verkauft in seinem
                                      Laden „Himmelklar“ am Krumbacher
                                      Dorfplatz Teleskope, Comics, Science-
                                      Fiction und Sachbücher.
                                        Paul Baumgartner kam in Wien zur
                                      Welt, erlebte die Kindergartenjahre in
                                      Moskau, die Volksschulzeit im Hatler­
                                      dorf (Dornbirn) und in Wien und
                                      zog als junger Mann nach Mödling,
                                      wo seine Großmutter herkam. Es ist
                                      kompliziert.
                                        Vielleicht sollte man es so erzählen:
                                      Paul Baumgartner wurde auf dem Pla-
                                      neten Erde geboren und machte gerade
                                      eine Buchhändlerlehre, als sein Freund
                                      am Dachboden von Großvaters Haus
                                      das Zielfernrohr von einem Jagdgewehr
                                      fand. Damit fuhren die Buben auf die
                                      Perchtoldsdorfer Heide, ließen sich im
                                      Federgras unter Föhren nieder, spähten
                                      durch das Rohr und entdeckten in wei-
                                      ter Ferne den Flughafen in Schwechat.
                                      Waren das etwa Gepäckwägelchen?
                                      Unglaublich.
                                        Als es dämmerte, richtete Paul das
                                      Fernrohr auf den Himmel. „Schau, da
         Den Mond vor dem Auge:       ist ein Stern, der hat so einen komi-
         Paul Baumgartner an seinem   schen Ring.“ Natürlich wusste er vom
         Teleskop in Krumbach         Saturn, aber wenn er die Ringe selbst
                                      mit diesem alten Gerät sehen konnte,

                                                  reisemagazin bregenzerwald · 29
Voyager 1, die 1977 losgeschickt wurde,
                                                                                      hat erst jetzt unser Sonnensystem ver-
                                                                                      lassen, obwohl sie mit 62 000 km/h
                                                                                      fliegt. Das sind Distanzen, die wir nie
                                                                                      bewältigen können. Wir sind auf der
                                                                                      Erde gefangen.“ Das versucht Paul
                                                                                      Baumgartner allen klar zu machen.
                                                                                      Denn das Klima ändert sich. Zu die-
                                                                                      sem Thema hat er viele Bücher in sei-
                                                                                      nem Laden. „Weil es so gut passt. Ja,
                                                                                      es kann sein, dass Menschen auf den
                                                                                      Mars fliegen. Aber das betrifft in zwan-
                                                                                      zig Jahren vielleicht drei Personen,
                                                                                      die wahrscheinlich nie wieder zurück-
                                                                                      kehren. Wir haben nur diese Erde.“ Ein
                                                                                      Hobby-Astronom schreibt dazu im
                                                                                      Internet: „Je mehr Menschen bereit
                                                                                      sind, ins Weltall zu schauen, um sich
                                                                                      ihrer Situation auf der Erde bewusst
                                                                                      zu werden, desto größer ist die Chance
                                                                                      für die Menschheit, zur Vernunft zu
                                                                                      kommen.“
                                                                                         Im August, wenn es Sternschnup-
Paul Baumgartner, Astronom. Seine Sternwarte in Krumbach sieht wie einer der          pen regnet, bietet Paul gemeinsam mit
­Stadel hier aus, nimmt also die bäuerliche Tradition auf …                           Rangern aus dem Naturpark Nagel-
                                                                                      fluhkette eine Nachtwanderung in
was war dann noch möglich? Wild ent-       gibt viele Hobby-Astronomen, die sich      Sibratsgfäll an. Die Menschen kom-
schlossen kaufte er sich mit dem Lehr-     fertige Gartenhütten aufstellen. Aber      men angesichts der Sternschnuppen
lingsgeld sein erstes Teleskop und trat    das, was Rene Bechter daraus machte,       aus dem Wünschen gar nicht mehr
dem Astronomieverein bei. Die Leiden-      ist besonders.“ Ende 2015 übersiedel-      heraus. Auch Paul hätte einen – und
schaft, Himmelskörper zu beobachten        ten die Baumgartners endgültig nach        er ist nicht der Einzige: „Eine Volks-
und zu fotografieren, ließ ihn nie wie-    Krumbach.                                  sternwarte, das wär’s. Wir sind ganz
der los. Mit Mond, Mars, Jupiter und         Zum Tag der offenen Tür „­Krumbach       am Anfang. Wir reden erst drüber“,
Saturn fing es an. Später fand er Deep-    goht um“ bat Arnold Hirschbühl             sagt er vorsichtig. Aber das Wort stand
Sky-Objekte: Plejaden, die Galaxie         darum, die Sternwarte zu öffnen. Paul      bekanntlich immer schon am Anfang.
Andromeda, Kugelsternhaufen, den           lachte. „Das interessiert doch keinen.“                           Irmgard Kramer
Orionnebel.                                Er täuschte sich gründlich. Fasziniert
  Paul half seinem Vater in dessen IT-     hören ihm die Menschen zu, wenn
Firma aus. Er blieb dann in der Bran-      er erklärt, dass ein normaler Fotoap-
che hängen, programmierte Websei-          parat 28, sein Teleskop jedoch 4.000
ten, was er heute noch nebenbei tut,       Millimeter Brennweite hat, die sich
und lieferte Drucklösungen für Groß-       auf 8.000 Millimeter verdoppeln las-
raumbüros in ganz Österreich. Seine        sen. Nun kommen Schulklassen und
Ferien verbrachte er mit seiner Frau       Kinder wünschen sich Teleskope zu
Martina, die in Wien in der Gemüse-        Weihnachten.
branche arbeitete, jahrelang in Linge-       In die Sterne schaut man üblicher-
nau. Die beiden liebten den Bregenzer-     weise mit einem Auge. Als Paul ein
wald mit seinen Menschen und den           Binokular auf ein Teleskop steckt, sieht
Sternen. Der Traum, sich hier nieder-      er den Mond zum ersten Mal räumlich
zulassen, wuchs. Drei Jahre suchten        – eine umwerfende, neue Erfahrung.
sie, dann konnten sie ein Grundstück       „Die Krater sind unglaublich!“ Paul
in Krumbach kaufen. Zu ihrem Wohn-         hält auch außerirdisches Leben für
haus mit Gästezimmer errichteten sie       wahrscheinlich. Nur nicht auf der Erde.
eine kleine Sternwarte. Der damalige         „Unser nächster Stern Proxima Cen-
Bürgermeister Arnold Hirschbühl war        tauri ist 4,2 Lichtjahre entfernt. Ein     … und setzt sie als schlichtes, aber durch-
ihnen stets eine Hilfe und empfahl         Funksignal würde hin und zurück            dachtes Gebäude im Stil der zeitgenös-
einen Architekten aus dem Ort. „Es         8,4 Jahre brauchen. Die Raumsonde          sischen Vorarlberger Architektur um.

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