LÄNGSSEITS - Seenotretter trainieren den Ernstfall Große Übungen auf Nord- und Ostsee
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Seenotretter trainieren den Ernstfall Große Übungen auf Nord- und Ostsee Seite 10 Emotionale Taufzeremonie in Horumersiel Seite 4 Seit 50 Jahren im Einsatz für Schiffbrüchige Seite 23 4 | 2019 LÄNGSSEITS
VORWORT / INHALT
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
ich ziehe meinen Hut vor Wilhelm sie später bei Notfällen allein genauso pro-
Jacobs: Seit einem halben Jahr- fessionell helfen können wie heute gemein-
hundert ist er freiwilliger See- sam mit den erfahrenen Kollegen.
notretter in Neuharlingersiel
(Seite 23). Was für ein großarti- Erfolgreich können unsere Seenotretter
ges Engagement im Dienste der eben nur dann sein, wenn sie an Bord ein Grömitz:
Allgemeinheit! Für ihn ist eingespieltes Team sind, als Gemeinschaft Traumjob Seenotretter
es selbstverständlich, handeln. Der Eine sich auf den Anderen ver-
immer dann rauszufah- lassen kann, die eine Hand unterstützt, was
ren, wenn auf der Nord- die andere tut. Ebenso wichtig sind unsere
see ein Seemann oder vielen Spender aus allen Teilen des Landes.
ein Wassersportler Ihr Bürgersinn verbindet sich mit dem Bür-
in eine gefährliche, mitunter sogar lebens- germut derer, die rausfahren, wenn andere
bedrohliche Situation geraten ist. Dies ge- reinkommen. Viele advon fördern die DGzRS
hört zu seinem Leben als Fischer einfach langjährig und regelmäßig – wie Familie Balz
dazu, es ist seit Generationen Familien- aus Pinneberg (Seite 34). Sie spendet bereits
tradition. in dritter Generation für die Seenotretter.
Sein Wissen, seine Erfahrung gibt Ihnen allen im #TeamSeenotretter danke
Wilhelm Jacobs genauso wie alle anderen ich – auch im Namen meiner Vorstandskolle-
langgedienten Seenotretter bei gemeinsa- gen Ingo Kramer und Matthias Claussen – für 27
men Übungen und Einsätzen an die Jüngeren ihren unermüdlichen Einsatz im Jahr 2019.
weiter. Zu ihnen gehören beispielsweise Wir wünschen Ihnen allen besinnliche Feier-
Jenny und Gina Pudschun (Seite 24): Die tage und einen guten Start ins neue Jahr!
19-jährigen Zwillinge gehören seit einiger
Zeit zu den Freiwilligen der Station Tim- Ihr
mendorf auf Poel. Die Schwestern sind
ehrgeizig, wollen von den erfahrenen
Kollegen die Tricks und Kniffe, das See- Gerhard Harder
notretter-Handwerk lernen, damit Vorsitzer der Seenotretter
Horumersiel:
Taufe des neuen Seenotrettungsbootes
Fedderwardersiel:
Starke Gemeinschaft mit neuem Vormann
4
27
IMPRESSUM
Herausgeber: Redaktion / Text: Gestaltung:
Deutsche Gesellschaft Ralf Baur, Wolfgang Heumer, Tine Klier, Monika Grimme
zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) Femke Liebich, Kerstin Radtke, Antke Reemts, Herstellung:
Werderstraße 2, 28199 Bremen Christian Stipeldey und Ines Vogel teamdruck, Weyhe
Telefon: 0421 53 707 - 610 Spendenkonto bei der Sparkasse Bremen:
Korrektorat:
E-Mail: info@seenotretter.de IBAN DE36 2905 0101 0001 0720 16, BIC SBREDE22
Kerstin Radtke
seenotretter.de2 |3
Wustrow:
Vom Kraftfahrer zum Seenotretter
Timmendorf/ Poel:
Zwei ehrenamtliche Deerns in Rot
26
24
Lauterbach & Büsum:
Intensives Training für den Ernstfall
10
13 Trainieren mit Traditionsseglern
14 „Crew Exchange“: Gemeinsam üben beim internationalen Austauschprogramm
16 Neues Seenotrettungsboot: Spenderin legt glückbringende Münze ein
18 Tochter legt künftigen Seenotrettungskreuzer ihres Vaters auf Kiel
21 Seenotretter gehen in die Luft: Unbemanntes Luftfahrtsystem erfolgreich getestet
29 Arwed Emminghaus lebt – gleich vier Mal
30 Agrarwissenschaftlerin Kerstin Diekmann: Im Landeinsatz
32 Ehrenamtsbefragung: Viel Lob, aber auch wichtige Kritik
34 Familie Balz: Spender seit drei Generationen
38 Arno Löffler: Seit Kurzem einer der ältesten FördererRETTUNGSDIENST
Fotos: Jörg Sarbach
Erste Fahrt der WOLFGANG PAUL LORENZ unter ihrem endgültigen Namen
Ursula Lorenz tauft SRB 75 auf den Namen ihres verstorbenen Mannes Taufpatin Ursula Lorenz, DGzRS-Geschäftsführer Nicolaus Stadeler, Besatzung
WOLFGANG PAUL LORENZ. und das kurz zuvor getaufte Seenotrettungsboot
Jacqueline Rödel (r.) und Janine Heiken bedanken sich im Mit bekannten Seemannsliedern stimmt der Shantychor „Likedeelers“ Geschenke von den Kollegen
Namen der Freiwilligen-Besatzung bei Ursula Lorenz. die Freunde und Förderer der Seenotretter auf die Taufe ein. der Nachbarstation Hooksiel.4 |5
Taufe der WOLFGANG PAUL LORENZ
begeistert jungen Seenotretter-Fan
David Redwitz (11) weiß gar nicht, wohin er zuerst schauen soll: Zum Täufling, zur BERNHARD GRUBEN,
zum Ruderrettungsboot AUGUST GRASSOW, zur FRITZ THIEME oder doch lieber zu einem der beiden
anderen Seenotrettungsboote, die im Hafen Wangersiel liegen. So viele Einheiten der DGzRS wie bei
der Taufe von SRB 75 am 12. Oktober hat der Schüler aus Witten noch nie auf einem Fleck gesehen.
Der Junge aus dem Ruhrpott ist begeistert und lässt sich von der emotionalen Stimmung anstecken.
I ch habe auf der Instagram-Seite der Seenot-
retter von der Taufe des neuen Bootes für
„allzeit gute Fahrt und der Besatzung stets
eine sichere Heimkehr“ wünscht, steht David
tungsbootes zu ermöglichen.“ Wolfgang Paul
Lorenz bedachte die Seenotretter in seinem
die Freiwilligen der Station Horumersiel nicht in der ersten Reihe. Er sieht deshalb Nachlass, auf diese Weise bleibt er mit ihnen
gelesen“, erzählt David Redwitz. Der Elf- nicht das tief bewegte Gesicht der Tauf- auch über seinen Tod hinaus untrennbar
jährige sitzt am Ruder der frisch getauften patin. Dennoch hört er deutlich, wie sehr verbunden.
WOLFGANG PAUL LORENZ. Es ist Open Ship, der Ehefrau des verstorbenen Namengebers
die Besucher dürfen den Neubau und den und Spenders dieser Moment nahegeht und David Redwitz engagiert sich seit der
Seenotrettungskreuzer BERNHARD GRUBEN sie tief berührt: „Es war ein sehr emotiona- Taufe ebenfalls für die Seenotretter: Seit
aus Hooksiel besichtigen, dabei Seenotretter- ler Augenblick“, beschreibt der Schüler das dem Tag ist der Elfjährige Förderer. Als Dan-
Luft schnuppern und die Besatzungen mit Erlebte. keschön darf er gemeinsam mit den anderen
Fragen löchern. Sie kommen ins Gespräch Neuspendern auf der BERNHARD GRUBEN
mit denen, die immer einsatzbereit sind, die mitfahren, die er zuvor bereits besichtigt hat.
sich bei jedem Wetter für das Leben anderer „Ich war der Erste, der beim Open Ship an
auf See einsetzen. Bord durfte. Als ich auf der Gangway stand,
war ich ganz schön aufgeregt“, gesteht der
Sofort nachdem David den Instagram- Schüler und lächelt. Und jetzt darf er als
Beitrag gesehen hatte, fragte er seine Mut- Neuförderer sogar einmal an Bord sein,
ter Manuela Redwitz, ob ihre Kur in dem wenn der Seenotrettungskreuzer ablegt und
Sielort noch bis zu diesem Tag dauern den Hafen Wangersiel in Richtung Watten-
würde. Sie dagte ja. „Ich habe mich riesig meer verlässt.
darüber gefreut – es ist der Höhepunkt der
drei Wochen hier an der Nordsee!“, sagt der „Das war richtig cool“, sagt David, nach-
Siebtklässler und schaut weiter konzentriert David Redwitz an Bord der WOLFGANG PAUL LORENZ dem die BERNHARD GRUBEN wieder
auf das Radargerät und die elektronische angelegt hat. Glücklich und zufrieden sieht
Seekarte vor ihm. Er hält das Ruder fest in Für Ursula Lorenz selbst sind es bewe- er aus. Ein aufregender Tag mit vielen neu-
der Hand und lässt sich die Navigationstech- gende Stunden: „Mein Mann wäre über en Eindrücken liegt hinter dem Elfjährigen
nik der 10,1 Meter langen WOLFGANG PAUL diesen Tag sehr glücklich – und das bin ich aus dem Ruhrpott und seiner Mutter. Sie
LORENZ erläutern. auch“, sagt sie. Sie schluckt und kämpft schwingen sich auf ihre Fahrräder und
gegen die aufsteigenden Tränen. „Er fühlte radeln gemeinsam mit einem Rucksack vol-
Als Ursula Lorenz kurz zuvor dem neuen sich der DGzRS zeitlebens sehr nahe. Ihm lag ler Seenotretter-Andenken zurück zu den
Seenotrettungsboot der Freiwilligen-Station sehr viel daran, den Neubau eines Seenotret- Nordsee-Kliniken in Horumersiel.
Vormann Günter Ihnken (r.) begrüßt den DGzRS-Vorsitzer Gerhard Harder Am Infowagen der Seenotretter kommen viele Menschen mit
in Horumersiel. den ehrenamtlichen Mitarbeitern der DGzRS ins Gespräch.RETTUNGSDIENST
Foto: Jörg Sarbach
Station stift hett. He weer de Söhn van een Vegesacker Booün-
nernehmer un hett de Koopmannberuf leert. Tosamen mit twee
Dree Froog an … Broers hett he all för 1880 een Patent köfft üm Schippsünner-
wateranstriekfarven för Staalscheep to maaken. Sien Broers boen
Wieland Rosenboom in England een fabrik up un 1880 kreegen wie dat eerst Boot mit
de Naam „VEGESACK“. 1904 stift Hartmann dat tweet Boot wat ook
Seenotredder ut Horumersiel weer „VEGESACK“ nöhmt wohr. 1910 kreeg uns Station dat drütte
Boot mit Naam „META HARTMANN“, nöhmt no Hartmanns Süster.
All dree Boot sünd up de Bootswerft Havighorst in Blöömendahl bi
Wu hebbt se de Dööp van SRB 75 beleevt? Rönnebeck an de Weser boot wohrn.
De Dööp van dat nee Reddungsboot SRB 75 weer wat ganz besün-
ners. Wie harn moj Weer, dohr weern een Bült Lüü, de Hormersie- Een schwooren Insatz van een van hüm betahlt
ler Shantychor hett sungen un uns Vörsitter Gerhard Harder hett Reddungsboot gung as „Todesfoohrt van de
neben enkelke Ehrengäste van Gemeend, Landkreis un de Tamsen Vegesack“ in de Geschicht van de DGzRS in. Wat is
Maritim Weft ut Rostock goode Wöörd funnen. För de Dööppatin domols passert?
un Bootsstifterin Froo Ursula Lorenz schnack Geschäftsführer
Nicolaus Stadeler un Vörmann Günter Ihnken schloot mit de An- In Dezember 1909 harn wie greesig Weer up See un vör Schil-
sprooken aff. Mit dat Körtschlaan van de Sektbuddel an dat moj lighörn keem een neederlandsch Tjalkschipp an Grund. Uns
beflaggte un in Girlaan schmückt Boot dööp Froo Lorenz de Reddungsboot VEGESACK II fohr mit neegen Mann besett`t un-
Neeboo up de Naam van her stürben Mann „WOLFGANG PAUL ner dat Kommando van Vörmann Tjarks in de Insatz. Tweema-
LORENZ“. De Boots- un Schippshöörns hulen up un de Naamen- lig Schleppmannöver mit dat Kriegsschipp „Kurfürst Friedrich
staafels keemen to Dag. Een Ehrenfoohrt mit Froo Lorenz ruund Wilhelm“ kunnen „Ora et labora“ nich in Hoben bringen, wiel de
de Dööpakt aff ünner de Begleit van de Reddungsbööt van de Naa- Schlepplienen brooken sünd. De fief Holländers, dorünner een
berstationen. Dat weer een ganz besünnern Dag bie uns up Siel, de fief Maand lütt Baby, wohrn öwernohmen up Boot. Dat mall Weer
een Generation nich so faaken beleevt. un affloopend Waater leeten een na Huus kohmen nich to. Dör
reinen Tofall fischen de Hormersieler no twee Seelüü ut her lütt
Schippsboot up. Dat ostfreesche Frachtschipp weer all affsoopen.
Wolfgang Paul Lorenz is nich de eerst Günner Dat Reddungsboot dreef Richtung Nord-West un wiel de See all-
(Förderer)de för de freewillig Seenotredders in tied öwergung, stürben sees van söben rett‘t Minschen int Boot. An
Horumersiel een nee Reddungsboot betahlt hett. de Buhnen van dat Stromboowark Minser-Olloog mooken se denn
Naah bie mit de Station is ook de Naam Wilhelm fast un dorbie stürv de Reddungsmann Behrens de Hartdood. De
Annern mussen nu no öwer de teihn meter liek hoch gohnde Isen-
Hartmann verbunnen. Wat köhnt se uns öwer
ledders up de Reddungs- un Wohnbaaken klautern. Anner Mörn
disse Verbinnung vertellen
hool een Barkass van de kaiserlich Marin de Lüü aff un broch her
Wilhelm Hartmann weer een Günner hoch dree, de van 1880 no Wilhelmshaben. Disse Reddungsfohrt gung in de Geschicht as
bit 1910 dreemaal een Ruderreddungsboot för de Hormersieler Reddungfohrt „Todesfoohrt van de Vegesack“ in.
Horumersiel Eine der ältesten Seenotretter-Stationen
Die Station Horumersiel gehört zu den ältesten Stationen der
DGzRS. Sie befindet sich heute allerdings nicht mehr an ihrem
ursprünglichen Platz, da es den alten Horumersieler Sielhafen
nicht mehr gibt. Der heutige Hafen, genannt Wangersiel, liegt
ein wenig südlich. Etwa 15 freiwillige Seenotretter um Vormann
Günter Ihnken sind dort im Einsatz. Ihr Revier ist die Außenjade
und stark von den Gezeiten geprägt. Es erstreckt sich südlich bis
nach Hooksiel und nördlich bis zur Insel Wangerooge.6 |7
Sielhäfen prägen die ostfriesische Küste
Carolinensiel ist ein typischer Sielhafen an der ostfriesischen Küste.
Wer einmal ein paar entspannte Stunden in Carolinensiel, Harlesiel, Horumersiel oder Hooksiel
verbracht hat, dürfte es sofort gespürt haben: Die Sielhäfen entlang der niedersächsischen
Wattenmeerküste sind besondere Kleinode, die den Charakter Ostfrieslands prägen.dprägen.
D ie Geschichte des Sielbaus, vor allem an der west- und ost-
friesischen Küste bis zur Wesermündung, reicht viele Jahrhunderte
die Ständersiele, die mit schweren Fluttoren geschlossen werden
konnten und bei geöffneten Toren auch für Schiffe mit stehenden
zurück. Archäologische Funde in Südholland deuten darauf hin, Masten zu passieren waren.
dass dort bereits im 3. Jahrhundert Deiche und Siele gebaut wur-
den; das älteste Siel in Niedersachsen wurde im 14. Jahrhundert Aufgrund ihrer wasserbautechnischen Bedeutung waren die
in Butjadingen (Landkreis Wesermarsch) errichtet. Die Küstenbe- Sielhäfen bis ins beginnende 20. Jahrhundert wichtige Handels-
wohner schützen mit Deich- und Sielbau damals wie heute das der und Schifffahrtsplätze, bevor Eisenbahn und Lastwagen den Trans-
See abgerungene Land in beide Richtungen. Während die Deiche port der zumeist landwirtschaftlichen Güter übernahmen. Die
die Sturmfluten abwehren, stellen die Siele sicher, dass das Wasser meisten niedersächsischen Sielhäfen sind bis heute unverzichtbar
aus dem gewonnenen Land ins Meer abfließen kann. für den Verkehr zu den ostfriesischen Inseln. Sielorte gibt es auch
an der nordfriesischen Küste sowie in Dithmarschen, an der Elbe
Niederländische Ingenieure waren jahrhundertelang die Meister und entlang der Weser. Aber nirgendwo sind sie so gut erhalten
im Wasserbau; die meisten der alten Siele entlang der heutigen geblieben wie in Ostfriesland. Einige sind dabei nicht nur sichere
niedersächsischen Küste wurden von ihnen gestaltet. In den ers- Häfen, sondern dort halten sich auch die Seenotretter ständig ein-
ten Jahrhunderten wurden die Anlagen als sogenannte Kumpsiele satzbereit – für den Fall, dass ein Schiff und seine Besatzung den
ausgelegt – einfache Rohre durch den Deich, die sich zur Seeseite Hafen nicht mehr aus eigener Kraft erreichen kann.
durch eine Klappe verschließen ließen. Mit der Zeit wurden die-
se Durchlässe immer umfangreicher, sodass sogar kleinere Schiffe Weitere Informationen zu Sielhäfen gibt es unter
sie mit gelegtem Mast passieren konnten. Schließlich entstanden www.deutsches-sielhafenmuseum.de
In Horumersiel ist das Seenotrettungsboot WOLFGANG PAUL Dort steht auch das Stationsgebäude, in dem das erhaltene
LORENZ der 9,5-/10,1-Meter-Klasse stationiert. Es wurde 2019 Ruderrettungsboot AUGUST GRASSOW ausgestellt ist. Es war
auf der Werft Tamsen Maritim in Rostock gebaut. Benannt ist das früher in Westeraccumersiel stationiert, wo noch heute der histo-
moderne Spezialschiff nach einem Spender, der die Seenotretter rische Rettungsschuppen der DGzRS steht. Das Boot gehört dem
in seinem Nachlass bedacht hat. Verein „Historische Seenotrettung Horumersiel“, der es betreut
und der Öffentlichkeit zugänglich macht.
Die Horumersieler Seenotretter arbeiten eng mit der Besatzung
des Seenotrettungskreuzers der Station Hooksiel sowie den frei-
willigen Kollegen der Stationen Wangerooge und Wilhelmshaven
zusammen. Der Liegeplatz des Seenotrettungsbootes befindet
sich an der Südseite des Hafens Wangersiel. seenotretter.de/horumersielKAPITELBEZEICHNUNG
RETTUNGSDIENST
Seenotretter für 3.200 Menschen im Einsatz
Die Seenotretter sind auf Nord- und Ostsee allein vom 1. Januar bis 31. Oktober 2019 bereits 1.979
Mal (2018: 2.037) im Einsatz gewesen. Die Besatzungen haben dabei 3.200 Menschen geholfen.
Allein 330 haben sie aus Seenot gerettet oder aus Gefahr befreit. Seit der Gründung vor 153 Jahren
zählt die Statistik der Seenotretter insgesamt mehr als 85.000 Gerettete.
Erkrankte oder
Schiffe und Boote
Menschen Menschen aus Verletzte von
vor dem Hilfeleistungen für Einsatzanläufe,
aus Seenot drohender Schiffen und Inseln
Totalverlust Wasserfahrzeuge Such- und
gerettet Gefahr befreit zum Festland
bewahrt aller Art Sicherungsfahrten
transportiert
Januar bis Oktober
2019 73 259 292 51 864 561
Januar bis Oktober
2018 37 307 298 52 990 595
Niedersächsische Schleswig-holsteinische Schleswig-holsteinische Mecklenburg-vorpom-
Nordseeküste Nordseeküste Ostseeküste mersche Ostseeküste
◉ 555 (560) Einsätze ◉ 193 (206) Einsätze ◉ 731 (733) Einsätze ◉ 500 (538) Einsätze
◉ 21 (7) Menschen ◉ 3 (8) Menschen ◉ 27 (18) Menschen ◉ 22 (4) Menschen
aus Seenot gerettet aus Seenot gerettet aus Seenot gerettet aus Seenot gerettet
◉ 68 (46) aus Gefahren- ◉ 33 (6) aus Gefahren- ◉ 59 (123) aus Gefahren- ◉ 99 (132) aus Gefahren-
situationen befreit situationen befreit situationen befreit situationen befreit8 |9
Vierköpfige Familie
aus Lebensgefahr befreit
Wie sehr die dramatischen Minuten am 31. Oktober den Skipper
mitgenommen haben, merken die Seenotretter erst beim
Anschleppen seines kleinen Motorbootes. „Bei der Übergabe der
Schleppleine hat er noch signalisiert, medizinische Hilfe sei nicht
erforderlich. Dann sackte er plötzlich in sich zusammen“,
berichtet Rettungsmann Andreas Hahn.
Weitere Einsatzberichte finden Sie
auf unserer Website:
seenotretter.de/aktuelles/
seenotfaelle
Anker nicht hält, kann das Boot innerhalb
kürzester Zeit im Strom kentern. Bange
Foto: Ulrich Nehls
Minuten für die vierköpfige Familie.
Mit Höchstfahrt nimmt das Tochterboot
MATHIAS des im Cuxhavener Fährhafen
stationierten Seenotrettungskreuzers
ANNELIESE KRAMER Kurs auf den benach-
Tochterboot MATHIAS verlässt mit Höchstfahrt den Cuxhavener Fährhafen.
barten Amerikahafen. Dort stellen die See-
notretter routiniert eine Schleppverbindung
I n diesem Moment löst sich die ganze
Anspannung beim Skipper, der wenige
droht zu kentern. In letzter Sekunde gelingt
es dem Skipper, einen Anker auszubringen,
her. Inzwischen hat auch die Berufsfeuer-
wehr Cuxhaven ein eigenes kleines Boot zu
Wasser gebracht und sichert das Manöver ab.
Augenblicke zuvor gemeinsam mit seiner der das Boot etwa zwei Meter vor einem
Frau und seinen beiden Kindern in Lebens- großen Dalben stoppt. Die Seenotretter schleppen mit der
gefahr schwebte: Nach Motorproblemen MATHIAS das kleine Motorboot gerade noch
treibt ihr etwa acht Meter langes Boot in der Währenddessen setzt sein etwa achtjäh- rechtzeitig aus der Gefahrenzone. Aufatmen
starken Strömung der Elbmündung unauf- riger Sohn per Mobiltelefon einen Notruf ab. bei der vierköpfigen Familie, die anschlie-
haltsam auf den RoRo-Terminal am Cuxha- Unter Deck versorgt die Frau des Skippers ßend vom Landrettungsdienst medizinisch
vener Amerikahafen zu. Das kleine Fahrzeug ihr sechs Monate altes Baby. Wenn jetzt der versorgt wird.RETTUNGSDIENST
Fotos: Peter Neumann/YPScollection
Windenmanöver mit einem Hubschrauber von Northern HeliCopter vor Büsum
Die BALTRUM und die THEODOR STORM unterstützen sich gegenseitig.
Seenotretter trainieren
den Ernstfall
Schiffbrüchige suchen und retten, Verletzte
versorgen und Havaristen schleppen: Das waren
einige der Herausforderungen für die Seenotretter
bei der SAREx Büsum im Mai und der SAREx
Lauterbach im September. Insgesamt nahmen
rund 200 Menschen an den beiden groß
angelegten Such- und Rettungsübungen teil.
Teilnehmer SAREx Büsum
• ERNST MEIER-HEDDE/Station Amrum
• NIS RANDERS/ohne feste Station Bei der Flächensuche ist die HARRO KOEBKE der On Scene Co-ordinator:
• THEODOR STORM/Station Büsum Vormann Dirk Neumann (l.) und Seenotretter Michael Garske legen auf der
Brücke des Seenotrettungskreuzers der Station Sassnitz das Suchgebiet fest.
• EISWETTE/Station Nordstrand
• PAUL NEISSE/Station Eiderdamm
• NEUHARLINGERSIEL/Station Neuharlingersiel
• BALTRUM/Station Horumersiel
• HERMANN ONKEN/Station Fedderwardersiel
• Hubschrauber von Wiking Helikopter Services
und Northern HeliCopter
• Arbeitsboot der Freiwilligen Feuerwehr Büsum
• „Schiffbrüchige“ und „Verletzte“ von der Gruppe RUND
Die Seenotretter bedanken sich beim Hafenamt Büsum und
beim Büsumer Segelverein für die Liegeplätze inklusive
Versorgung sowie bei der Rettungsdienst-Kooperation in
Schleswig-Holstein für die Annahme der „Verletzten“ an Land.
Auf dem Radar der HARRO KOEBKE sind alle an der Flächensuche beteiligten
Rettungseinheiten zu sehen.10
12 | 11
André Rick (vorne, r.) und Übungsleiter Timo Jordt (vorne, l.) weisen die SAREx-Teilnehmer in Lauterbach am frühen Morgen ein. Die genauen Übungsszenarien werden
den beteiligten Seenotrettern allerdings erst mit der jeweiligen „Alarmierung“ mitgeteilt, um eine möglichst realistische Situation zu erzeugen.
Teilnehmer SAREx Lauterbach
• HARRO KOEBKE/Station Sassnitz
• BERTHOLD BEITZ/Station Greifswalder Oie
• CASPER OTTEN/Station Lauterbach
• HERTHA JEEP/Station Stralsund
• MANFRED HESSDÖRFER/Station Breege
• STRALSUND/Station Prerow/Wieck
• GERHARD TEN DOORNKAAT/Station Ueckermünde
• Hubschrauber von Northern HeliCopter
• Küstenstreifenboot „Damerow“ der Wasserschutz-
polizei des Landes Mecklenburg-Vorpommern
• Beobachter der Freiwilligen Feuerwehr Putbus
• „Schiffbrüchige“ und „Verletzte“ von der Gruppe RUND
der DLRG Goch
Die Seenotretter bedanken sich beim Eigenbetrieb
Wohnwirtschaft/Hafen der Stadt Putbus für die Liegeplätze
inklusive Versorgung sowie beim Yachthafenbetreiber „im-jaich“
für weitere Liegeplätze und Räume zur Gestaltung der Szenarien.
Zwei Seenotrettungsboote und ein Seenotrettungskreuzer sind bei einer
Segelyacht mit vermutetem Wassereinbruch und vielen Verletzten im
Greifswalder Bodden längsseits gegangen.
Übergabe eines Patienten vom Wasserschutzpolizeiboot „Damerow“ an die HARRO
KOEBKE der DGzRS, wo er im Bordhospital medizinisch versorgt wird.
Teil der Übung: Die Gruppe RUND (Realistische Unfall- und Notfalldarstellung)
der DLRG Goch stellt echt wirkende „Schiffbrüchige“ und „Verletzte“.RETTUNGSDIENST
Internationale Übung im Strelasund
Aufgrund der Nähe zu Dänemark haben die
Seenotretter der Station Darßer Ort immer
wieder grenzüberschreitende Einsätze.
Drei Fragen an … D ie Zusammenarbeit mit den dänischen Kollegen der Rettungs-
station Gedser erfolgt seit jeher reibungslos. Damit im Ernstfall
Marvin Weck, jeder Handgriff sitzt, trainieren die deutschen und dänischen
Seenotretter regelmäßig gemeinsam, zuletzt am 21. September
Seenotretter in Sassnitz im Strelasund. Ausrichter war die DGzRS in Kooperation mit der
Marinetechnikschule (MTS) der Deutschen Marine in Parow.
Was haben Sie an den beiden SAREx-
Trainingstagen im Greifswalder Bodden gelernt? „Bei Notfällen im Grenzgebiet arbeiten Seenotrettungsdienste
ganz selbstverständlich zusammen“, sagt Vormann Frank
Einiges. Für mich war die SAREx Lauterbach die erste groß ange- Weinhold. „Bei dieser umfangreichen Übung haben wir wesent-
legte Übung, seit ich 2017 bei den Seenotrettern eingestiegen bin. liche Such- und Kommunikationsverfahren trainiert.“ Außerdem
An den beiden Tagen konnte ich Erlerntes direkt ganz praktisch tauschten einige der beteiligten Seenotretter ihre Plätze: „Damit die
anwenden. Beispielsweise war es bisher lediglich bei einem mei- Kollegen einen Einblick in die Technik und Ausrüstung der jeweils
ner Einsätze notwendig, dass wir mit der HARRO KOEBKE die Rolle anderen Rettungseinheiten bekommen, haben wir das Szenario mit
des On Scene Coordinators (OSC) übernehmen mussten. Ich war in gemischten Besatzungen gefahren – die Dänen waren bei uns an
dem Fall allerdings nicht auf der Brücke, sondern auf dem Tochter- Bord und wir bei ihnen“, erläutert der Vormann der DGzRS-Station
boot. Daher habe ich bislang auf diesem Feld keinerlei prakti- Darßer Ort.
sche Erfahrungen sammeln können. In der Theorie weiß ich zwar,
was zu tun ist, aber eine große Flächensuche wie bei einem der
Szenarien musste ich bis dato nicht koordinieren. Bei der SAREx
wurde mir schnell deutlich: Wir benötigen auf der Brücke mindes- Teilnehmer
tens zwei Seenotretter, die sich allerdings um die Koordinierung
eines aus mehreren Schiffen bestehenden Suchverbandes küm- • Seenotrettungskreuzer THEO FISCHER/Station Darßer Ort
mern – einer hält Funkkontakt, der andere protokolliert. Ansonsten • Seenotrettungsboot HERTHA JEEP/Station Stralsund
können wichtige Details verlorengehen. Dies bedeutet auch, dass • Seenotrettungsboot NAUSIKAA/Station Vitte/Hiddensee
wir uns nicht gleichzeitig mit dem Tochterboot an der Suche betei- • Seenotrettungsboot ZANDER/Station Zingst
ligen können, sondern uns voll und ganz auf die Aufgabe als OSC • Seenotrettungskreuzer „L. W. Dam“/Station Gedser
konzentrieren müssen. In den anderen Szenarien ist mir nochmals • Küstenschutzschiff „Aries“ der Dänischen Marineheimwehr
bewusst geworden, wie wichtig der Überlebensanzug als persön- • Schiffe der Deutschen Marine
liche Schutzausrüstung auf dem Tochterboot ist, vor allem wenn • Hubschrauber von Northern HeliCopter
das Wetter plötzlich umschlägt. Er ist unsere Lebensversicherung.
Die Seenotretter bedanken sich bei der Marinetechnikschule in
Sind Sie bei den Übungen an persönliche Grenzen Parow für die Liegeplätze inklusive Versorgung und die
gestoßen? Verpflegung der insgesamt rund 80 Teilnehmer.
Zum Glück nicht. Allerdings habe ich im Laufe der Szenarien –
genauso wie meine Kollegen – immer wieder vergessen, dass ich
mich in einer Übungssituation befinde. Das lag sicherlich auch an
der RUND-Gruppe, die sehr realistisch die Verletzten dargestellt
hat – das war echt der Hammer! Niemand von uns hat zu irgend-
einem Zeitpunkt den Fokus verloren und sich gesagt: „Ach, ist doch
sowieso nur eine Übung.“ Alle waren mit großem Ehrgeiz dabei
und haben ihre Aufgaben genauso akribisch erledigt, wie sie es im
Ernstfall machen.
Wie lautet Ihr persönliches Fazit?
Mir hat die SAREx großen Spaß gemacht. Ich finde es klasse, dass
es sie gibt. Sie könnte durchaus noch häufiger als zwei Mal im Jahr
stattfinden, damit möglichst alle Kollegen dabei sein können. Und
eine Sorge kann ich allen nehmen: Es wird niemand vorgeführt. Es
läuft sicherlich nicht immer alles glatt. Es passieren Fehler, aber
aus ihnen lernen wir – und im nächsten Einsatz profitieren wir von Mit einer Hubschraiberbesatzung von Northern Helicopter trainieren die
den Erfahrungen, die wir in den Übungsszenarien gemacht haben. dänischen Seenotretter auf der „L. W. Dam“ das Aufnehmen und Absetzen.12
14 | 13
Foto: Peter Neumann/YPScollection
In der Geltinger Bucht üben die Seenotretter auf und mit Traditionsseglern „Fortuna“ (vorne) und „Jonas von Friedrichstadt“ den Ernstfall.
Trainieren mit Traditionsseglern
Suchen, schleppen und Verletzte versorgen: Anfang Oktober haben die Seenotretter der
Stationen Gelting, Langballigau und Olpenitz in der Geltinger Bucht auf und mit zwei
Traditionsseglern einen Tag lang für den Ernstfall trainiert.
B ei den Übungen am Vormittag hatte es nach einer Patenthalse
sowohl auf dem Plattbodenschiff „Jonas von Friedrichstadt“ als
Am Nachmittag mussten die Seenotretter bei einem Szenario
ein von der „Fortuna“ über Bord gegangenes Crewmitglied suchen.
auch auf der friesischen Maatkast „Fortuna“ einige „Verletzte“ ge- Außerdem wurde eine Kollision zwischen den Traditionsseglern
geben. Der jeweilige Großbaum war mit hoher Geschwindigkeit simuliert, nach der die beiden Zweimaster manövrierunfähig in der
von einer Schiffseite auf die andere geschlagen und hatte dabei Geltinger Bucht trieben. Die 20 Meter lange FRITZ KNACK/Station
Besatzungsmitglieder getroffen. Olpenitz schleppte dabei die rund doppelt so lange und drei Mal
so schwere „Fortuna“ (120 Tonnen) in den Hafen von Gelting-Mole.
Bei diesen Übungs-Szenarien ging es vor allem darum, mehrere
Verletzte medizinisch erstzuversorgen und abzubergen sowie Die beiden 9,5-/10,1-Meter-Seenotrettungsboote URSULA
die beteiligten Einheiten zu koordinieren. „Außerdem sollten DETTMANN/Station Gelting und WERNER KUNTZE/Station
die Kollegen üben, sich einen guten Überblick der Lage an Bord Langballigau nahmen die etwa 20 Meter lange und 80 Tonnen
der Havaristen zu verschaffen und Angaben der Besatzungen zu schwere „Jonas von Friedrichstadt“ gemeinsam auf den Haken
hinterfragen, weil sie in einer derart aufregenden Situation leicht und brachten sie ebenfalls nach Gelting-Mole. „Das war vor allem
fehleranfällig sein können. So lernen unsere Crews, immer best- aufgrund des Gewichtes der beiden Traditionssegler keine leichte
möglich zu reagieren und nichts Entscheidendes zu übersehen“, Aufgabe und verlangte viel nautisches Geschick“, resümiert
sagt DGzRS-Übungsleiter Thomas Engbert. Thomas Engbert.RETTUNGSDIENST
Gemeinsam üben beim
„Crew Exchange“
Foto: Dietmar Bökhaus
Seenotretter aus Kroatien, Bulgarien, Norwegen, Schweden, Finnland, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich üben gemeinsam mit ihren deutschen Kollegen
vor Wilhelmshaven die Zusammenarbeit mit einem Hubschrauber von Wiking Helikopter Services.16
14 | 15
17
B eim internationalen Austausch „Crew Exchange“
haben Seenotretter aus vielen Ländern erneut von- und miteinan-
der gelernt. Während die DGzRS vom 21. bis 28. September sieben
Kollegen aus sechs europäischen Ländern zu Gast hatte, hospi-
tierten parallel sechs deutsche Besatzungsmitglieder bei ihren
ausländischen Schwestergesellschaften. Initiiert wurde das jähr-
liche Programm 2012 von der International Maritime Rescue
Federation (IMRF), dem weltweiten Zusammenschluss der
Seenotrettungsdienste.
Auf Seiten der estnischen Rettungsorganisation Päästeliit schlüpft
Joachim Venghaus (l.) in die Rolle eines Schiffbrüchigen. Der Vormann
der Freiwilligen-Station Stralsund zeigt sich überrascht, wie schnell
beim „Crew Exchange“ aus einer Gruppe einander unbekannter
Menschen ein eingespieltes Team wird.Sein Fazit: „Seenotretter sind
über alle Sprachbarrieren hinweg Seelenverwandte, die sich sofort
„Crew Exchange“:
verstehen.“
Jetzt für 2020 anmelden!
Bewerben können sich alle Seenotretter
bei Austauschorganisator Stephan Prahl
per E-Mail an prahl@seenotretter.de.
Die Anzahl der Plätze ist begrenzt.
In Norwegen heißen die Seenotretter Redningsselskapet (RS). Dort ist
das Sicherheitstraining im RS-Trainingszentrum Noatun in der Nähe
von Horten Teil der Austauschwoche. Sabine Rühmann (DGzRS, vorne,
r.) übte gemeinsam mit internationalen Kollegen unter anderem
Brandbekämpfung, HUET (Helicopter Underwater Evacuation Training)
und Überleben auf See. Für die freiwillige Seenotretterin der Station
Brunsbüttel war die Woche in Norwegen dank der Hilfsbereitschaft aller
Austauschteilnehmer und der Zusammenarbeit im Team ein
erfolgreiches Erlebnis, das sie noch lange in Erinnerung behalten wird. Vor der Küste Kroatiens: Christian Grobecker (vorne kniend, l.), freiwilliger
Seenotretter aus Travemünde, im Kreis seiner internationalen Kollegen
Nach einem anstrengenden Tag bei der niederländischen Seenotrettungsgesellschaft Koninklijke Nederlandse Redding Maatschappij (KNRM): Carsten Schleevoigt (vorne,
3. v. l.) posiert mit seinen Kollegen vor dem Seenotrettungsboot „Paul Johannes“ der KNRM-Station Noordwijk aan Zee. Der freiwillige Seenotretter der Station Cuxhaven
möchte die gewonnenen Erfahrungen und Erlebnisse der großartigen, anstrengenden und erlebnisreichen Woche nicht missen.RETTUNGSDIENST „Das ergibt Sinn!“ Edeltraut Koschubs hat schon viel erlebt – eine Kiellegung einer neuen Rettungseinheit der Seenotretter gehört zu den großen Besonderheiten in ihrem reichen Erfahrungsschatz. D ie 76-Jährige legte am 19. November in Rostock auf der Werft Tamsen Maritim das jüngste Seenotrettungsboot der DGzRS auf Kiel. Mit einer sehr großzügigen Schenkung ermöglicht die Hamburgerin den 10,1-Meter-Neubau. Edeltraut Koschubs ist es sehr wichtig, einen Teil ihres Vermögens bereits zu Lebzeiten für einen sinnvollen Zweck einzusetzen. Diesen hatte sie bei den Seenotrettern gefunden: „Bei der DGzRS wird mein Geld gut verwendet. Es hilft mit, Menschenleben zu retten – das ergibt Sinn!“ Die kinderlose Witwe kann sehen und fühlen, was mit ihrer außerordentlich großen Schenkung passiert. Sie kann das neue Seenotrettungsboot anfassen und später über seine Einsätze auf See lesen. Die DGzRS hat sie über ihren vor einem Jahr verstorbenen Ehemann Erich Koschubs kennengelernt: „Er ist mit seinem Boot häufig auf der Ost- see gefahren, es war sein Hobby.“ Und als Wassersportler war er Förderer der Seenotretter. Der Neubau wird einen Namen nach Edeltraut Koschubs Wünschen tragen – welchen genau, das verraten die See- notretter traditionell erst bei der Taufe. „Wir sind Edeltraut Koschubs sehr dankbar. Ihre sehr großzügige Schenkung versetzt uns in die Lage, den Neubau vollständig zu finan- zieren“, sagt DGzRS-Geschäftsführer Nicolaus Stadeler. Das neue 10,1-Meter-Seenotrettungsboot soll vor- aussichtlich im Herbst 2020 auf der Freiwilligen-Station Travemünde die HANS INGWERSEN ersetzen. Die 9,5 Meter lange Einheit wird zukünftig als Springer auf wechselnden Stationen an Nord- und Ostsee im Einsatz sein.
16 | 17
Edeltraut Koschubs folgt einer Schiffbautradition und legt auf der Werft Tamsen Maritim
an der Warnow eine glückbringende Münze in eine Sektion des neuen Seenotrettungsbootes
mit der internen Bezeichnung SRB 80 ein.
Gehören alle zum #TeamSeenotretter: Schiffbauer, Seenotretter und Spenderin.
Fotos: Martin Söver
Ein besonderes Bauteil haben die freiwilligen Seenotretter aus Travemünde mitgebracht:
Ein Aluminiumstück ihres aktuellen Seenotrettungsbootes HANS INGWERSEN, Vorgänger
von SRB 80. Dieses Teil wird als besonderer Glücksbringer mit dem Neubau verschweißt.KAPITELBEZEICHNUNG
RETTUNGSDIENST
Eben noch zwischen Daumen und Zeigefinger – verschwindet jetzt
die Münze in der dafür vorgesehenen Aluminiumtasche.
Tochter und Vater: Merle und Markus Davids stehen auf dem Neubau, der
voraussichtlich Ende 2020 die HANS HACKMACK auf der Station Grömitz ablösen
wird. Diese wiederum soll künftig ohne feste Station überall dort zum Einsatz
kommen, wo eine Vertretung für andere Seenotrettungskreuzer vonnöten ist.
Fotos: Jörg Sarbach
Freuen sich auf ihr neues Schiff: Seenotretter der Station Grömitz.18
19 | 19
Merle Davids
legt künftigen
Seenotrettungskreuzer
ihres Vaters auf Kiel
Merle Davids hält ein kleines Stück Metall mit großer Bedeutung für die Seenotretter in der Hand: Es ist
eine Bremer Zwei-Euro-Münze, die die 19-Jährige am 12. September als Glücksbringer in den Rumpf des
jüngsten Seenotrettungskreuzer-Neubaus der DGzRS einlegt. Die traditionelle Kiellegung ist für sie etwas
ganz Besonderes: Auf dem für die Station Grömitz bestimmten Spezialschiff wird zukünftig ihr Vater
Markus im Einsatz sein – bei jedem Wetter. Und sie selbst sammelt dafür Spenden.
W as die DGzRS macht und wie sie es
macht, unabhängig und nur mit Spenden,
Vaters auf Kiel legen möchte, hat sie nicht
lange überlegt. Schließlich soll die am Kolli-
bei der Kiellegung auf der Fassmer-Werft in
Bardenfleth an der Unterweser. „Wer seine
das finde ich richtig gut“, sagt die Auszubil- sionsschott eingelegte Münze nicht nur den Hochachtung vor der Selbstlosigkeit, dem
dende zur Industriekauffrau. Als Papa noch Schiffbauern, sondern auch der künftigen Mut und der gleichzeitigen Bescheidenheit
Fischer gewesen ist, war er einmal auf die Besatzung um ihren Vater Glück verheißen. unserer Besatzungen in seinem letzten
Hilfe der Seenotretter angewiesen. Merle Das Geldstück mit Bremer Rathaus und Willen Ausdruck verleiht, dem gebührt unser
Davids und auch ihre Mutter Christine stär- Roland wird also in den rund 30 Dienstjahren ganz besonderer Dank“, betonte Stadeler.
ken Markus Davids nicht nur ideell den des Spezialschiffes jeden Einsatz mitfahren.
Rücken: „Ich habe am Tag der Seenotretter Genauso wie die vielen Spender im
geholfen, mich bei Vorführungen retten las- Apropos Geld: Finanziert wird der neue #TeamSeenotretter die Besatzungen der
sen und begonnen, neue Förderer zu gewin- 28-Meter-Seenotrettungskreuzer mit der DGzRS unterstützen, kann sich Markus
nen“, berichtet die Maasholmerin. Sie und internen Bezeichnung SK 41 überwiegend Davids weiterhin der Unterstützung seiner
ihre Mutter sind ehrenamtliche Mitarbeite- aus einer Erbschaft. „Zuwendungen aus Tochter Merle an Land sicher sein. Und für die
rinnen der Seenotretter an Land. Nachlässen sind ein ganz wesentlicher Be- Zukunft schließt die junge Frau den eigenen
standteil der Finanzierung der Seenotretter Sprung an Bord eines Seenotrettungs-
Als Merle Davids gefragt wurde, ob sie und ein sehr großer Vertrauensbeweis“, sagt kreuzers nicht aus: „Aber erst einmal hat die
den neuen Seenotrettungskreuzers ihres DGzRS-Geschäftsführer Nicolaus Stadeler Ausbildung Vorrang.“RETTUNGSDIENST/UNSERE BO(O)TSCHAFTER
Danke und herzlich willkommen!
Bei der Pressekonferenz zur Herbsteinsatzbilanz
der Seenotretter am 30. Oktober im Hafenclub
Hamburg hat Surfprofi Bernd Flessner das
„Bo(o)tschafter-Ruder“ schon einmal symbolisch
an seine Nachfolgerin Anke Harnack übergeben.
Offiziell übernimmt die beliebte Moderatorin und
Reporterin das Ehrenamt im kommenden Jahr.
I n den vergangenen Monaten unterstützte Bernd Flessner das
#TeamSeenotretter bei Medienterminen, Schiffstaufen und
Rettungsübungen. Für seinen großartigen Einsatz bedanken sich
die Seenotretter ganz herzlich! Für den 16-fachen Deutschen
Meister im Windsurfen ist das Ehrenamt eine Herzenssache:
Die Elbphilharmonie als Kulisse: Moderatorin und Reporterin Anke Harnack hält
Immerhin kennt er als gebürtiger Norderneyer die DGzRS seit gemeinsam mit Surfprofi und Seenotretter-Bo(o)tschafter Bernd Flessner das
Kindertagen – schon als Junge sammelte er für sie Spenden. Sammelschiffchen der Seenotretter fest in Händen.
In diesem Frühjahr erlebte er unter anderem die Kiellegung des „In Hamburg fühle ich mich ausgesprochen wohl. Ich freue mich
neuen Seenotrettungskreuzers für die Station Borkum im Herzen sehr, dass ich in dem Jahr, in dem die HAMBURG getauft wird,
Hamburgs auf dem Jungfernstieg mit. Dort legte seine Nach- Seenotretter-Bo(o)tschafterin sein darf.“
folgerin Anke Harnack die glückbringende Medaille in ein Bauteil
der künftigen HAMBURG ein. Die Moderatorin und Reporterin ist Harnack ist bereits die 21. Prominente, die das Ehrenamt
einem breiten Publikum aus dem NDR-Hörfunk und -Fernsehen übernimmt. Die Reihe begann im Jahr 2000 mit Liedermacher
bekannt, sie lebt seit vielen Jahren in der Hansestadt an der Elbe: Reinhard Mey.
Internationaler Austausch über Sicherheits-App SafeTrx
Zu einem internationalen Austausch haben sich am 15. Oktober in der Seenotretter-Zentrale in Bremen
alle europäischen Seenotrettungsorganisationen und Vertreter der Küstenwachen getroffen, die
Sicherheits-App SafeTrx als Präventionsmaßnahme für Wassersportler anbieten. Gastgeber waren die
DGzRS und die irische Entwicklerfirma 8West, die über spannende neue Projekte im Bereich Prävention
im Wassersport berichtete.
Mit Spannung werden in jedem Jahr
die Berichte zu den Einsätzen verfolgt,
die an den europäischen Küsten in
den vergangenen zwölf Monaten dank
SafeTrx einen guten Ausgang gefunden
haben. Von Seiten der DGzRS nah-
men außer Projektkoordinatorin Antke
Reemts auch mehrere Wachleiter der
SEENOTLEITUNG BREMEN, der stellver-
tretende Leiter der SEENOTLEITUNG
BREMEN, Marten Feddersen, sowie
DGzRS-Geschäftsführer Udo Helge Fox
teil.
Internationales Treffen in der Seenotretter-Zentrale: Die Teilnehmer tauschen sich in Bremen über
die Sicherheits-App SafeTrx bei ihrem jährlichen Treffen aus. Die DGzRS hat SafeTrx Anfang 2017
eingeführt und verzeichnet inzwischen
D as jährliche Treffen dient nicht nur der gemeinsamen
Planung zur Weiterentwicklung der App, sondern auch dem Er-
mehr als 20.000 Nutzer. Über die
Smartphone-App können Wassersportler ihre Route aufzeichnen
lassen. Die Seenotretter haben über eine Monitoring-Konsole Zugriff
fahrungsaustausch über deren Integration in vorhandene Notfall- darauf. Bei einem Anruf im Notfall wird die aktuelle Position in die
systeme. Ebenso werden Marketing- und PR-Strategien zur besseren SEENOTLEITUNG BREMEN übertragen. Weitere Informationen gibt
Verbreitung von SafeTrx unter Wassersportlern vorgestellt. es unter sicher-auf-see.de/safetrx.20 | 21
DGzRS-Wissenschaftler Thomas Lübcke (l.) und LARUS-Projektkoordinator Professor Dr.-Ing. Christian Wietfeld (TU Dortmund, r.) mit dem LARUS-Projektteam nach
der Abschlusspräsentation der beiden Flugsystem-Demonstratoren. Im Hintergrund sind die mobilen Bodenstationen zu sehen.
Seenotretter gehen in die Luft
Über der Ostsee hat die DGzRS mit neun Partnern erfolgreich ein unbemanntes Luftfahrtsystem
getestet. Am Ende des dreijährigen Forschungsprojektes LARUS (latainusch für Möwe) steht ein
automatisches Starrflügelflugzeug, das bereits rund 660 Seemeilen (etwa 1.220 Kilometer) sicher
über See zurückgelegt hat. Eine weiterentwickelte Version könnte künftig selbst unter erschwerten
Einsatzbedingungen die Kommunikation und den Datenaustausch bei der Koordinierung von
Such- und Rettungsmaßnahmen verbessern.
Z wischen Rügen und Usedom wurde LARUS erstmals in ein
SAR-Szenario integriert. „Es galt, einen Dummy in der Ostsee auf-
stärken bis sieben Beaufort (mehr als 60 km/h Windgeschwindig-
keit) gestartet, geflogen und wieder gelandet.
zuspüren. Der Demonstrator hat das Objekt schnell gefunden, die
Daten an den Seenotrettungskreuzer BERTHOLD BEITZ sowie die Realisiert wurden die Testflüge dank länderübergreifender
SEENOTLEITUNG BREMEN übertragen und die Seenotretter sicher Zusammenarbeit. Die Landesluftfahrtbehörde Mecklenburg-
zu dem ,Schiffbrüchigen‘ geführt“, berichtet Projektleiter und Vorpommern hat das Genehmigungsverfahren frühzeitig begleitet.
DGzRS-Wissenschaftler Thomas Lübcke. Bundesverkehrsministerium und Deutsche Flugsicherung (DFS)
richteten großflächige, temporäre Flugbeschränkungsgebiete ein.
LARUS kann Rettungswesten-AIS-Sender, die meist nur in Droniq, ein Gemeinschaftsunternehmen der DFS Deutsche Flug-
kleinem Radius rund um die im Wasser befindliche Person zu sicherung und der Deutschen Telekom, sorgte mit dem UTM
empfangen sind, lokalisieren und die Daten an Rettungseinheiten (Unmanned Aircraft System Traffic Management System) für die
weiterleiten. Das unbemannte Starrflügelflugzeug mit 3,6 Metern Darstellung der Luftlage.
Spannweite wurde vom Bremer Unternehmen Hanseatic
Aviation Solutions entwickelt. „Mit LARUS haben wir optische und Noch bis Ende 2019 wird LARUS fortgeführt, um die Ergebnisse
sensorische Nutzlastkomponenten sowie eine zuverlässige Funk- zu sichern und auf dieser Basis konkreten weiteren Entwicklungs-
vernetzung erprobt“, sagt der Koordinator des Forschungsverbun- bedarf zu benennen.
des Professor Dr.-Ing. Christian Wietfeld, Leiter des Lehrstuhls für
Kommunikationsnetze an der Technischen Universität Dortmund.
Das unbemannte Luftfahrtsystem mit etwa 25 Kilogramm
Abfluggewicht sendet das Lagebild in Echtzeit gleichzeitig an ver-
schiedene Nutzer. Ein hochauflösender Videostream wird in Projektpartner: TU Dortmund, Verbundkoordinator; DGzRS,
Echtzeit über einen im Projekt erforschten, neuartigen rettungsfachlicher Koordinator; Institut für Flugsystemdynamik der
Multi-Link-Ansatz an die Bodenstation übertragen, um LTE- Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen;
Netzstörungen zu kompensieren. Hanseatic Aviation Solutions GmbH, Bremen; IMST GmbH,
Kamp-Lintfort; OptoPrecision GmbH, Bremen.
Insgesamt ist LARUS in der Abschlussphase rund 660 See-
meilen (mehr als 1.220 Kilometer) geflogen, einen Großteil davon Assoziierte Partner: Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrogra-
außerhalb der Sichtweite der Bodenstation in Höhen von bis zu phie, Bundespolizei See, Deutsche Telekom AG, Global Health Care
2.500 Fuß (rund 760 Meter), also bis zur Obergrenze des unkon- GmbH.
Fotos : TU Dortmund
trollierten Luftraums. Für Sichtbarkeitstests war LARUS auch
gemeinsam mit einem Such- und Rettungshubschrauber des Typs Projektträger: VDI-Technologiezentrum
Sea King aus dem Marinefliegergeschwader 5 der Deutschen
Marine in der Luft. Es ist bis zu 140 km/h schnell und bei Wind- Das Verbundprojekt wird im Rahmen der Bekanntmachung
„Innovative Rettungssysteme“ im Sicherheitsforschungsprogramm
„Forschung für die zivile Sicherheit“ durch das Bundesministerium
für Bildung und Forschung gefördert.MENSCHEN UND MEER/UNSERE SEENOTRETTER
Ehrenvolles Engagement
Ausgeschiedene
Mitarbeiter
Gerd Bormann (Zentrale)
Bodo Breuhahn (Greifswalder Oie)
Hartmut Dierks (Fedderwardersiel)
Manfred Lucas (Sassnitz)
Johannes Lund (Langballigau)
Karl-Heinz Priebe (Wustrow)
Peter Ramm (Zentrale)
Andreas Scholz (Zentrale)
50 Jahre
Wilhelm Jacobs (Neuharlingersiel)
40 Jahre
Siegbert Schuster (Bremerhaven)
25 Jahre
Carsten Egerland (Eckernförde)
Christian Erdwiens (Borkum)
Guido Förster (Grömitz)
Hans-Georg Fuhs (Borkum, Norderney)
Richard Kölber (Norddeich)
Otto Nupnau (Neustadt)
Bernd Patzelt (Darßer Ort, Sassnitz)
Antke Reemts (Zentrale)
Olaf Richter (Hooksiel)
Wolfgang Schulz (Neustadt)
Dirk Stommel (Zentrale)
Freiwillige, Ehrenamtliche
und Unterstützer
Kay Uwe Bast (Darßer Ort)
Dr. Burkhardt Dehl (Darßer Ort)
Johannes Erichsen (Gelting)
Ernst-Reiner Linden (Wilhelmshaven,
VORMANN JANTZEN)
Patrick Morgenroth (Travemünde)
Herbert Neitzert (Neuharlingersiel)
Udo Placzek (Wilhelmshaven)
„Ohne Ihren Einsatz geht’s nicht!“ – mit dieser Botschaft hat Axel Porep (Olpenitz)
der ehrenamtliche Vorstand der DGzRS am 9. November vielen Kay Seesemann (Amrum)
haupt-und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Klaus Sielmann (Grömitz)
im #TeamSeenotretter für ihr großes Engagement im zu Ende Martin Stöver (Zentrale)
gehenden Jahr gedankt. Vorsitzer Gerhard Harder und sein
Stellvertreter Ingo Kramer ehrten im Restaurant „Grothenn’s Daneben wurden alle anwesenden
Gasthaus“ in Bremen-Arbergen zahlreiche Mitarbeiter für ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen
Dienstjubiläen und langjähriges ehrenamtliches und Mitarbeiter geehrt.
Stellvertretend für alle, die
Engagement. Außerdem verabschiedeten sie einige
sich mit ihrem Einsatz an Land
Mitarbeiter aus dem aktiven Dienst.
um die Seenotretter
verdient gemacht haben.22 | 23
Seenotretter sein
gehört einfach dazu
Seit 50 Jahren ist Wilhelm Jacobs freiwilliger
Seenotretter im idyllischen Neuharlingersiel.
Genau genommen sogar noch ein paar Jährchen
länger. Aber der damalige Vormann Heinrich
Steffens hatte den heute 69-Jährigen erst mit
18 Jahren offiziell in der Zentrale der DGzRS in
Bremen als Rettungsmann angemeldet.
E
Foto: Jörg Sarbach
s ist ruhig an diesem Morgen im malerischen Hafen von
Neuharlingersiel. Nur einige Möwen kreischen und jagen sich ge-
genseitig das Futter ab. Fischkutter dümpeln an der Pier. Ein paar
Menschen sind unterwegs, zumeist Einheimische wie Wilhelm
Jacobs. Er steht auf der „Gorch Fock“, seinem Kutter. Sein Blick geht
in Richtung See, zum Wattenmeer vor dem ostfriesischen Fischer-
ort. Der 69-Jährige kennt jeden Priel, jede Sandbank, jede Untiefe. Wilhelm Jacobs ist seit 50 Jahren freiwilliger Seenotretter in Neuharlingersiel.
Er weiß, wie Ebbe und Flut am Watt nagen, es verändern, Wasser-
läufe verlegen und Fahrrinnen verschieben. Nichts, was gestern mit der Gesellschaft, wie sie in vielen Orten an der Küste sagen.
war, muss heute noch Bestand haben. Und auch für Wilhelm Jacobs gehört es einfach dazu, freiwilliger
Seenotretter zu sein: eine Selbstverständlichkeit, über die er nicht
Nahezu täglich ist „Willi Gorch Fock“, so sein Spitzname, drau- viele Worte verliert. „Ich möchte Menschen helfen, die auf See in
ßen auf der Nordsee. Früher als Fischer, heute als Gästeführer. Seit Not geraten“, sagt er bescheiden. Er will kein Held sein, sich nicht
vielen Jahren fährt er die Urlauber mit seinem Fischkutter durch mit seinem Ehrenamt schmücken, er macht einfach seinen Job als
die einzigartige Naturlandschaft, erzählt ihnen von Schiffsunglü- Seenotretter – und das seit 50 Jahren.
cken und Rettungstaten. Wilhelm Jacobs kennt viele Geschich-
ten, manche hat er als Seemann oder Seenotretter selbst erlebt, Als Fischer und Seemann weiß Wilhelm Jacobs um die Gefah-
manche hörte er von seinem Vater oder Großvater. Seit vielen ren auf See. Er hat Respekt vor den Naturgewalten. „Aber Angst
Generationen lebt und arbeitet darfst du nicht haben, sonst
seine Familie in Neuharlin- darfst du nicht in die Seefahrt
gersiel. Dort ist er zu Hause. „Ich möchte Menschen helfen, gehen!“ Er hat Gottvertrauen.
Ostfriesland ist seine Heimat. Er vertraut seinem Schiff, der
die auf See in Not geraten.“ „Gorch Fock“, und noch mehr
Direkt am Hafen ist Wilhelm den Seenotrettungsbooten, mit
Jacobs aufgewachsen – ledig- Wilhelm Jacobs denen er viel erlebt hat. In den
lich einen Steinwurf vom ehe- 1960er Jahren ist er noch mit
maligen Rettungsschuppen der dem Motorrettungsboot ULRICH
Seenotretter entfernt, der Anfang der 1960er Jahre im Zuge des STEFFENS (III) rausgefahren, das heute im Rettungsschuppen am
Hafenumbaus weichen musste. Dort war sein Spielplatz, genau Hafen ausgestellt ist. Bei längeren Nachtfahrten brach damals
wie es das nahe gelegene Wattenmeer war, seine Kindheit an der schon mal der Funkkontakt zur SEENOTLEITUNG in Bremen ab, die
See prägte ihn. Von klein auf an sah er die Seenotretter rausfah- Seenotretter waren ganz auf sich allein gestellt. „Ein Kollege fum-
ren. Sah, wie das zehn Meter lange Motorrettungsboot ULRICH melte dann so lange mit dem Schraubenzieher am Funkgerät rum,
STEFFENS (III) über die Slipanlage ins Wasser rauschte, wenn je- bis wir wieder eine Verbindung zur Zentrale hatten“, erinnert sich
mand auf See Hilfe brauchte. Einer aus der Familie Jacobs war fast Jacobs und schmunzelt. Das waren noch ganz andere Zeiten als
immer an Bord der Rettungsboote, ab den 1960er Jahren auch heute.
Wilhelm Jacobs.
In seinen 50 Jahren als Seenotretter war Wilhelm Jacobs bei
„Angst darfst du nicht haben!“ ungezählten Einsätzen dabei. Manche hat er schnell wieder verges-
sen, manche sind ihm im Gedächtnis geblieben, so wie eine fest-
Wie andere Familien im Ort stellen sich die Jacobs seit den gekommene Segelyacht. „Sie wäre gesunken, wenn wir nur wenige
Anfangstagen der DGzRS in Neuharlingersiel in den Dienst der All- Minuten später gekommen wären“, sagt er. Er schweigt für einen
gemeinheit. Die Familie ist fest mit dem Rettungswerk verbunden, Moment. „Wir waren gerade noch rechtzeitig da.“UNSERE SEENOTRETTER
KAPITELBEZEICHNUNG
Nach dem Abitur heuerten
Jenny (l.) und Gina Pudschun
bei den Seenotrettern auf
Poel an.
Zwei taffe Deerns in Rot
Grüne Wiesen, weißer Strand, die blaue Ostsee – und am Hafen beim Leuchtturm leuchtet das Rot der
Seenotretter. Im Frühling sind auf der Ostseeinsel Poel zwei junge Frauen an Bord gegangen. Jenny und
Gina Pudschun verstärken die Freiwilligen der Station Timmendorf. Die 19-jährigen Zwillinge haben nach
dem Abitur beschlossen, dann rauszufahren, wenn andere in den sicheren Hafen einlaufen.
D as Herz schlug Jenny Pudschun bis zum
Hals. Ein Mann war auf dem Zweimaster
kennend. Der 44-Jährige ist bereits seit zehn
Jahren freiwillig für die Seenotretter im
Während der Grundschulzeit segel-
ten die Schwestern im Verein. Als es aufs
„Atalanta“ plötzlich zusammengebrochen. So Dienst. Von Beruf ist er Feuerwehrmann Gymnasium in Wismar ging – täglich eine
schnell wie möglich musste er ins Kranken- und Rettungsassistent, eine Zeit lang fuhr er Stunde mit dem Bus über den Damm aufs
haus. Für die junge Seenotretterin ging es – einen Notarztwagen. Er strahlt Beson- Festland und am späten Nachmittag wie-
anders als bei ihren ersten Einsätzen – dieses nenheit aus – „gesehen habe ich mehr als der zurück – blieb für Hobbys wenig Zeit.
Mal nicht darum, einen festgefahrenen genug“, sagt er. Nun, nach dem Abitur, lässt Jenny Pudschun
Segler freizuschleppen. Es ging darum, ein sich zur Kauffrau ausbilden, in einem Tou-
Menschenleben zu retten. „So ein alter Seebär rismusbüro direkt am Strand. Ihre Schwes-
weiß alles!“ ter Gina absolviert ein Freiwilliges Soziales
Jenny Pudschun war aufgeregt bei ihrem Jahr in einem Kindergarten in der nahe
Einsatz, doch sie behielt einen kühlen Kopf. Lars Pudschun ist stolz darauf, dass seine gelegenen Hansestadt Wismar. Die jungen
Das Ausflugsschiff überragte das Seenot- beiden Deerns nun auch in die roten Overalls Frauen haben den nötigen Mut, beherzt
rettungsboot WOLFGANG WIESE, die steigen. „Das sind fleißige Mädchen.“ Er hat zuzupacken – und sind ehrgeizig, sie wol-
Bordwände bewegten sich längsseits auf und den Eindruck, dass junge Frauen anders an len viel von den Langgedienten lernen.
ab. Der erkrankte Mann war korpulent, die die Seenotretter-Aufgaben herangehen als Jenny Pudschun sagt bewundernd: „So ein
Seenotretter wollten ihn auf der Männer: „Sie sind noch ein wenig engagier- alter Seebär weiß alles!“
Bergungstrage hinüberhieven. Die Abituri- ter, fokussierter.“
entin musste es ihren männlichen Im Frühjahr hat Gina Pudschun ihren
Kollegen überlassen, ihre Muskelkraft Allzu ähnlich seien sie sich nicht, Sportbootführerschein gemacht. Sie übte
einzusetzen. finden die Zwillinge, weder äußerlich noch viel, auch bei stürmischer See. Im Sommer
charakterlich. Jenny Pudschun wirkt quirlig stellte sie ihr Fingerspitzengefühl unter
Die junge Frau kümmerte sich statt- und fröhlich, Gina, die zwei Minuten Ältere, Beweis: Ein Segelboot war auf den Strand
dessen um all die Dinge drumherum, die für bedacht und gelassen. Doch beide sind offen getrieben. Gina Pudschun steuerte die 380
einen reibungslosen Einsatz wichtig sind: Sie und selbstbewusst. „Wir Inselkinder sind sehr PS starke WOLFGANG WIESE und schleppte
legte das Material bereit und räumte um- selbstständig“, sagt Jenny. Vielleicht liege es den Havaristen frei. Nach dem erfolgreichen
sichtig den Weg für den Transport frei. Und an der Freiheit, die die Insel Poel heranwach- Einsatz erntete sie Komplimente – die Besat-
nicht zuletzt nahm sie sich der aufgelösten senden Menschen biete. Familie Pudschun zung auf dem befreiten Boot war überrascht,
Ehefrau des Patienten an. betreibt eine Strandkorbvermietung, Mutter dass die Retterin so jung und neu am Ruder
Kathrin Koch-Pudschun war sommers jeden ist. „Ich bin nicht leicht aus der Ruhe zu
Die Rettung verlief reibungslos. Jennys Tag am Strand beschäftigt. „Schon vom bringen“, sagt Gina Pudschun. Sie traut
Vater Lars Pudschun leitete den Einsatz: Kindergarten sind wir alleine nach Hause sich etwas – und genau wie ihre Schwester
„Sie hat das super gemacht“, sagt er aner- gegangen“, erinnert sich Jenny Pudschun. schafft sie es auch.Sie können auch lesen