ELAN AUSGABE 1 / 2017 - Evangelisch-Lutherische Ansichten und Nachrichten - Landeskirche Schaumburg-Lippe
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AUSGABE 1 / 2017
FRÜHJAHR
ELAN
Evangelisch-Lutherische Ansichten und Nachrichten
Magazin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Schaumburg-Lippe
Mus i kVorwort
Liebe Leserinnen und Leser!
Musik ist ein ewiges Thema des Menschen. Seit
Menschengedenken spielt die Musik im kulturellen
und religiösen Leben eine wichtige und verbindende
Rolle. Für sehr viele Menschen ist Musik ein unver-
zichtbarer Bestandteil ihres Lebens – sei es, dass sie
Musik hören, selbst singen oder spielen.
Musik und Gesang umgeben uns fast überall. Im
Stadion und in Konzertsälen, auf Zeltfesten und
Familienfeiern. Und sie wird auf ganz individuelle
Weise konsumiert – ob über Kopfhörer an der Halte-
stelle – oder wenn sie über Lautsprecher Küche, Bad,
PKW oder andere Räume mit ihrem Klang ausfüllt.
„Musik liegt in der Luft“ – so wird es häufig emp-
funden, wenn man Kirchenräume oder Gemein-
dehäuser betritt. Die Musik ist schon immer eine
unüberhörbare Ausdrucksform des christlichen
Glaubens gewesen. Wir blicken in dieser Ausgabe
des ELANs auf unterschiedliche Aspekte der Musik
in der Kirche und im Leben des Einzelnen.
Dazu haben uns Musikbegeisterte aus unserer
Landeskirche etwas zu ihrer Sicht auf Orgel und
Bandmusik, Kirchen- und Posaunenchor, Musik
ohne Töne und Glockenklang verfasst. Außerdem
werden der Wandel in der Kirchenmusik, der sich
verändernde Stellenwert des Gesangbuchs, die
unterschiedlichen Tonträger für die Konservierung
von Musik sowie der sich stetige Wandel des Mu-
sikgeschmacks betrachtet.
Musik ist nicht nur eine besondere Form der Verkün-
digung, sondern sie birgt auch eine gemeinschafts-
stiftende und –fördernde Kraft in sich.
Wie gewohnt weisen wir hin auf besondere Veran-
staltungen im Bereich unserer Landeskirche sowie
auf personelle Veränderungen und berichten über
Aufbrüche und Projekte in der Konfirmanden- und
Jugendarbeit.
Genießen Sie die neue Ausgabe des ELANs und
verleben Sie eine schöne Frühlingszeit,
Ulrich Hinz, Redaktion ELAN
Foto: ©kd
www.LKSL.de Ulrich Hinz, Karin Droste – Redaktion ELAN„Wie im Himmel“
Gute Geschichten und gute Musik gehören
mit zu den schönsten Dingen, die es gibt.
Beide zusammen finden sich zum Beispiel in
einem Gottesdienst. Oder im Kino. Dort gab
es vor einigen Jahren einen Film, der Millio-
nen von Menschen begeistert hat: „Wie im
Himmel“. Es ist ein Film über einen Chor in
Schweden und die Arbeit eines Dirigenten,
der beginnt, auf eine neue Weise mit den
Menschen zu arbeiten. Jede Stimme ist
einzigartig, verkündet Daniel, der Dirigent.
Jeder besitzt einen unverwechselbaren Platz,
niemand sonst kann ihn ausfüllen. Alle zählen,
Tore, der Junge mit der Behinderung, genauso
Inhalt
wie Arne, der Geschäftsmann, der sich hinter
seiner Arbeit verschanzt und dessen Handy
2 Vorwort
ständig bei den Proben klingelt. Auch Gab-
3 Wie im Himmel
riella, Mutter zweier Kinder, die regelmäßig
4 Die Königin von ihrem Ehemann verprügelt wird. Für sie
5 Im Kirchenchor singen komponiert Daniel ein eigenes Lied, Gabriel-
6 Gott loben, das ist unser Amt las Song. „Schon als kleiner Junge habe ich
7 Die Kirchenband "aufLeben" davon geträumt, eine Musik zu machen, die
8 Musik ist die halbe Miete die Herzen der Menschen öffnet“, sagt Daniel.
9 Jeder Mensch nimmt Töne wahr Wenn Menschen singen, kommt etwas in unscheinbar. Dann ein neuer Leiter, der die
10 Musik im Alter Bewegung. Sie öffnen sich, nach innen und Anfängerinnen und Anfänger aus den Blä-
11 Im Pfarrhaus zwischen Bach und Rock nach außen. Singen hat enorme Kraft. Große serklassen der Schulen anleitet. Schließlich
12 Gottesgeschenk und Geistesklang Veränderungen innerhalb einer Gesellschaft sind sie mit 15.000 anderen Bläsern beim
13 Der Raum macht was mit den Leuten werden von Musik begleitet. Die Reformation Posaunentag in Leipzig.
14 Von Luthers Protest Martin Luthers ebenso wie Protestbewe- Immer wieder kommen andere dazu, um
15 Nummer 362 – ein Lied mit Geschichte gungen in heutiger Zeit. Menschen ziehen ein Instrument zu lernen, Eltern, Freunde
16 Knistern macht Musik authentisch singend durch die Straßen. und Kolleginnen. Wenn sie im Gottesdienst
17 Der Klang der Glocken
spielen, ist die Kirche zu klein. Fast meint
18 Internationales Frauenfest „Wie im Himmel“ zeigt, wie durch Musik man, das Dach der Kirche öffnet sich, wenn
19 Come together & Soccer and More etwas in Bewegung kommt unter Menschen. die Posaunen erklingen. Kaum zu glauben,
20 Sei mal plakativ Das gibt es nicht nur im Kino oder in Schwe- aber wahr.
21 Gerd Peter jetzt in Hannover den. Beispiele gibt es genug, in den Gemein- Der Film „Wie im Himmel“ endet mit einer
21 Der Count-down läuft! den unserer Landeskirche wie überall auf der eindrucksvollen Szene. Der Dirigent, dessen
22 Termine und Veranstaltungen Welt. Da ist beispielsweise eine Gemeinde, Leben manchmal durchaus Ähnlichkeiten mit
25 Freud und Leid in der es vor Jahren eine entscheidende der Geschichte Jesu zeigt, stirbt am Schluss.
Veränderung gegeben hat. Der langjährige Sein Chor steht auf der Bühne, ohne ihn. Vor
Chorleiter hatte seinen Abschied genom- einem großen Publikum sollen sie singen. Es
men. Die Mitglieder des Chores gingen mit ist still, kein Ton kommt aus ihrem Mund, Ver-
ihm. Kirchenmusik gibt es schon immer in zweiflung auf ihren Gesichtern. Dann, nach
der Gemeinde. Nun scheint es Zeit für einen einer gefühlten Ewigkeit, ein klagender Ton.
Generationswechsel zu sein. Aber niemand Ein anderer kommt dazu. Ein Klang baut sich
weiß, wie der kommen soll. Er kommt in auf, kraftvoll, schwebend. Gesichter fangen
Gestalt einer jungen Chorleiterin, selbst an zu strahlen. Dann steht einer aus dem
erst neunzehn Jahre alt, aber voller Elan. Publikum auf. Ein Bass stimmt mit ein. Am
Mit ihrer Freude gibt sie der Kirchenmusik Ende stehen alle. Und ein wunderbarer Klang
neuen Schwung und begeistert viele für das steigt zum Himmel. Das erinnert an das große
Chorsingen, Junge und Alte. Aus einer Gruppe Fest des Geistes, von dem in der Bibel erzählt
junger Erwachsener formt sich ein kleiner wird. Plötzlich sprechen alle Menschen eine
Chor. Es kommen weitere hinzu, Menschen Sprache. Sie erzählen von der Kraft, die sie
aus der eigenen und anderen Gemeinden. bewegt. Die Botschaft wird verstanden und
Sie singen im Gottesdienst, in Deutsch, Eng-
EL AN lisch und anderen Sprachen. Einige rümpfen
erklingt bis heute.
Magazin der Evangelisch-Lutherischen darüber die Nase. Andere finden es gut. Beim Musik verbindet Menschen mit dem Him-
Landeskirche Schaumburg-Lippe Chorkonzert ist die Kirche bis auf den letzten mel und mit Gott. Es ist Gottes Atem, der
-Landeskirchenamt- Pressestelle Platz gefüllt. Menschen leben lässt, vom ersten bis zum
Bahnhofstraße 6 | 31675 Bückeburg Die Gemeinde ist stolz auf ihren Chor. Und letzten Atemzug. Im Gesang und der Musik
Internet: www.lksl.de noch etwas ist neu. Der Chor will nicht nur verbindet sich der Atem mit Gott. Und das
E-Mail: elan@lksl.de singen. Er hat auch eine Botschaft. Bei den Lied wird zum Lob.
Konzerten werden eigene Texte und Gebete
Verantwortlich: Ulrich Hinz vorgetragen. Das kommt an. Uwe Herde
In der Nachbargemeinde geschieht etwas
Layout/Design: Karin Droste
Ähnliches mit dem Posaunenchor. Vor eini-
Einband: © Karin Droste (kd) gen Jahren noch eine kleine Gruppe, eher
Geistliches Wort 3Die Königin
S
„Die orgl ist doch in meinem augen und Pflege und Weiterentwicklung befähigt Pfeifen zum Klingen bringt, der „Wind“,
ohren der könig aller jnstrumenten“. waren, allmählich zu dem Instrument in den biblischen Sprachen Hebräisch
o schrieb Mozart in seiner nicht der Kirche schlechthin wurde. Ihre antike und Griechisch gleichbedeutend mit
nur musikalisch unnachahmli- Herkunft hatte ihr allerdings zunächst „Geist“? Und lässt nicht das Konzept
chen Schreibweise im Oktober ganz andere Aufgaben zugewiesen. einer immerwährenden, unablässigen
1777 aus Augsburg an seinen Vater Belegbar „erfunden“ wurde die Orgel Windversorgung – heutzutage beson-
Leopold. Diese berühmte Titulierung, durch den Ingenieur Ktesibios in Alex- ders spektakulär betont im auf 639
korrekterweise in „Königin“ verändert, andria im 3. Jahrhundert vor Christus Jahre angelegten Cage-Orgelprojekt in
gehört bis heute zu den beliebtesten als ein „organon“ (Werkzeug, Maschi- Halberstadt – schnell zum Thema „Un-
Zitaten rund um die Orgel. Doch auch ne), bei dem durch Wasserdruck Luft endlichkeit“ aufschließen? Hier kann
die Briefsätze davor sind vielsagend und komprimiert und diese als „Wind“ einer man leicht ins Nachdenken kommen.
aufschlussreich, um sich dem Phäno- Pfeifenreihe gezielt zugeführt werden Doch gibt es ja noch vielmehr zu be-
men Orgel und seinen vielen Facetten konnte. Einsatz fand sie dann bei den staunen und zu berichten, wenn man
der „Königin“ der Instrumente nur ein
ganz klein wenig gerecht werden möch-
te. Da ist zum Beispiel die technische
Weiterentwicklung der Orgel ab dem
Mittelalter, die schließlich zu den ausge-
reiften Meisterinstrumenten führt, die
uns ab der Renaissancezeit überliefert
sind, und die natürlich auch heute noch
weitergeht. Bewundernswert ist die Viel-
seitigkeit des Orgelbauerberufes, der mit
musikalischem, physikalischem, plane-
rischem und architektonischem Wissen
gleichermaßen vertraut sein muss wie
mit der zum Teil in millimetergenauer
Präzision erforderlichen Bearbeitung
vieler unterschiedlicher Materialien.
Da ist die Fülle der Orgelmusik, die zu-
Foto: ©kd
sammen mit den regional unterschied-
lich ausgeprägten Orgeltypen aus vielen
Jahrhunderten einen sinnenstarken Ein-
druck von der Farbigkeit der Musikkultur
zu nähern. Mozart begehrt also bei römischen Erben der griechischen Kultur Europas und darüber hinaus gibt. Da sind
einem Herrn Stein, die Orgel zu spielen, in Zirkusarenen und entwickelte sich die Kulminationspunkte geistlicher Mu-
denn die Orgel sei seine Passion. Der darauf im christlichen Byzanz zum Ins- sik, in Kleinodien und Großwerken nicht
verwundert sich darüber: wie könne trument des Kaiserkults. Trotz dieser in nur der bekanntesten Orgelkomponisten
ein solch großer Clavierist wie Mozart unseren Augen durchaus zweifelhaften wie Bach, Reger oder Messiaen. Da sind
Gefallen an einem Instrument ohne Vorgeschichte lag doch von Anfang an in die schier unerschöpflichen Klangkom-
Lieblichkeit, ohne Expressivität, ohne ihrer Idee eine besondere Eignung vor, binationen mittlerer und größerer In-
Differenzierung der Lautstärke durch in den christlichen Kirchen, zeitweise strumente, die Tradition und Innovation
den Anschlag haben? Mozarts Antwort: sogar in jüdischen Synagogen, zum In- gleichermaßen ermöglichen.
„Das hat alles nichts zu bedeuten.“ Und strument der Kommunikation zwischen Trotz allem ist die Orgel heute aus
dann der berühmte Satz von der Hoheit „Diesseits und Jenseits“ zu werden oder, mancherlei Gründen nicht mehr unan-
der Orgel. wie es der berühmte Orgelkomponist gefochten das kirchliche Instrument
So schnell können – zumindest von je- Charles-Marie Widor gegenüber Albert schlechthin. Das muss nicht beunruhi-
mandem, der für die Orgel Leidenschaft Schweitzer formulierte: zur Manifestati- gen. Es ist eher Ansporn, an ihrer Zukunft
verspürt - Einwände hinweggewischt on eines „mit dem Schauen der Ewigkeit mitzuarbeiten. Die nächste „Schaumbur-
werden. Dabei tauchen diese natürlich erfüllten Willens“ geeignet zu sein. Denn ger Orgelwoche“ ist für August 2018 in
auch in Bezug auf die „Königin“ immer in ihrem Aufbau aus mehr oder weniger Planung. Und auch heute noch gibt es
wieder auf. Schon die Kirchenväter zahlreichen Pfeifen unterschiedlicher Zwölfjährige, die auf eine freie Kirche
setzten sich zunächst heftig zur Wehr, als Abmessungen spiegeln sich uralte, an hoffen, wie 1821 Felix Mendelssohn
die Orgel im 8. Jahrhundert, mitgebracht den Namen des Pythagoras geknüpfte Bartholdy, der an seinen Orgellehrer
im Gepäck oströmischer Diplomaten, Vorstellungen von kosmischer Ord- schrieb: „Was sagt der Küster? Können
Eingang in unseren Kulturkreis bekam nung und Harmonie, die durch Töne wir heute Nachmittag spielen? Gibt es
und über die Klöster, wo Mönche wis- hörbar gemacht werden können. Und keine Hochzeit?“
senschaftlich und handwerklich zu ihrer ist nicht das Wort für die Luft, die die Christian Richter
4 Die KöniginIm Kirchenchor singen
Im Chor singen? Warum?
C hor heisst Gemeinschaft:
Miteinander Zeit verbringen, in
der Musik einstudiert wird. Zu-
sammen sein, um kleinere oder größere
Gespräche am Rand zu führen. Zusam-
Im Chor singen? Ich kann nicht singen…
Jeder Mensch kann singen! Oft hat das
Gefühl, nicht singen zu können, damit
zu tun, dass es nicht geübt wurde.
Wie bei jeder Muskulatur gilt es auch
• Das Singen schüttet Endorphine
(Glückshormone) aus und verhilft
dazu, dass man sich wohlfühlt.
Wenn das kein Grund ist zu singen!
men Entwicklung spüren, wenn Stimme für die Stimme, dass sie Training und Im Chor singen? Warum Kirchenchor?
und Klang verbessert wird. Gemeinsam Übung braucht, damit ein Gefühl dafür "Doch ist die Musik nicht nur Gabe
Auftritte vorbereiten und durchführen. entstehen kann, wie Singen eigentlich Gottes, sondern auch Aufgabe des Men-
funktioniert. Die Stimme ist abhängig schen." (Martin Luther)
Chorarbeit heisst, dass gemeinsam sin- vom Gehör. Hinhören und Singen sind Der Kirchenchor ist nicht nur eine
gend gearbeitet wird. In der Chorprobe vollkommen miteinander verbunden Gemeinschaft in sich, sondern eine
werden andere Stimmen und Stimmla- und auch dies will trainiert und geübt Gemeinschaft innerhalb der Gemeinde.
gen gehört und wahrgenommen und sein. Bei dem einen geht es schneller, ein Er ist auch eine Gemeinschaft für die
Gemeinde, wenn er seinen Dienst tut
und im Gottesdienst singt. Deshalb ist
die Auswahl der zu singenden Litera-
tur christlich und stützt sich auf die
Bibel und den Glauben. Diese Inhalte
bewegen Menschen in der musischen
Auseinandersetzung des Glaubens und
in der Umsetzung des Chorgesangs.
Die Interpretation von Texten durch
die Unterstützung von Musik und Ge-
sang ist eine ganz besondere Form des
Glaubens, vielleicht sogar eine singende
Verkündigung.
Gerade diese Verknüpfung von Text
und Melodie, von Glauben und Gesang
hat neben den Gemeindeliedern im
Gottesdienst einen besonderen Stellen-
wert. Christliche Aussagen wirken durch
das gesungene Wort ganz anders und
Foto: ©kd
sprechen eine berührende innere Tiefe
im Gottesdienstbesucher an. Deshalb
kann der Kirchenchor gegenüber dem
gesprochenem Wort des Pastors oder
unterscheiden sich von dem, was man Gespür dafür zu entwickeln, bei dem an- der Lektorin eine ihm eigene Nische des
von der eigenen Stimme gewohnt ist. deren langsamer und das ist in Ordnung. verkündenden Wortes einnehmen.
Musikstücke, Lieder und Kanons erklin- Wichtig ist doch, dass überhaupt wieder
gen und werden gemeinsam entwickelt. gesungen wird! Die Anbindung des Kirchenchores an
Immer wieder werden neue Stücke ge- die Kirche, die Gemeinde und den
lernt, sodass das eigene Repertoire sich Und das hat mehrere ganz entscheiden- Gottesdienst bedeutet eine Pflege von
vergrößert. Klangbildung und sprach- de Gründe. Glauben und Tradition. Trotzdem trägt
liche Umsetzung wird verbessert und • Es macht Spaß zu singen, zu hören, diese Bindung auch die Chance in sich,
unterstützt das Singen. Die Freude am zu gestalten und sich selbst stimm- neue Impulse setzen zu können durch
Singen, der emotionale Ausdruck und lich zu verbessern. eine erweiterte Musikauswahl und
der Spaß innerhalb der gemeinsamen • Es ist sehr gesund zu singen! Z.B. einen moderneren 'Anstrich'. Dieser ist
Zeit ist Teil der Chorprobe, und das kann für die Atmung und den Kreislauf: ganz wichtig, um ein Aussterben von
richtig motivieren! Im Chor zu sein be- die Einatmung wird ganz anders Kirchenchören zu vermeiden und sie
deutet, freiwillig Zeit zu investieren, um gefordert als beim Sprechen und nach und nach verjüngen zu können.
zu singen. Und das machen viele Sänge- verbessert sich qualitativ. Das Mit ihrem Repertoire müssen Kirchen-
rinnen und Sänger oft wöchentlich und Atemvolumen wird vergrößert und chöre ansprechend und vielfältig sein
abends, denn jede und jeder spürt, wie der Brustkorb durch die Atemweite und werden.
gut das Singen tut und wieviel Freude beweglich. Durch die vertiefte At- Ruth Freymüller
damit verbunden ist, wenn das eigene, mung wird der Kreislauf angeregt
innere Instrument klingt und singt. und die Sauerstoffzufuhr verbes-
sert.
Chor 5Gott loben, das ist unser Amt
S ie sind aus unserem kirchlichen
Leben nicht mehr wegzudenken
– die Posaunenchöre. Fast in
jeder schaumburg-lippischen Kirchen-
gemeinde gibt es einen Posaunenchor,
zeln sind in Schaumburg-Lippe bis heute
noch zu spüren. Die Chöre aus Meinsen
und Bad Eilsen sind der Tradition des
CVJM verbunden, die Großenheidorner
und Lindhorster z. B. der Hermannsbur-
so etwas wie eine generationsübergrei-
fende Bildungsarbeit. Und mehr noch.
Natürlich wird in den Chören auch der
Gemeinschaftssinn gepflegt. Deswegen
darf die Pause am Übungsabend nicht
der in regelmäßigen Abständen die Got- ger Mission. Inzwischen gibt es in ganz zu kurz sein, bleibt man gern nach der
tesdienste mitgestaltet. Zur Adventszeit Deutschland ca. 7000 Posaunenchöre, Probe noch auf ein Bier beieinander oder
und dem Weihnachtsfest gehört der die sich im „Evangelischen Posaunen- fährt in den Sommerferien in großer
festliche Klang des Posaunenchores dienst in Deutschland“ (EpiD s.u.) zusam- Runde auf gemeinsame Chorfreizeit.
genauso wie die ruhige Begleitung des mengeschlossen haben. Musikalisch steht natürlich bei den
Volkstrauertags oder des Ewigkeits- meisten Einsätzen der Posaunenchöre
immer noch die Begleitung des Gemein-
degesangs im Vordergrund.
Jeder Open Air Gottesdienst an Himmel-
fahrt oder in der Adventszeit lebt von
dieser Unterstützung. Doch in den letz-
ten Jahren hat sich das Repertoire der
Posaunenchöre weit über diese Möglich-
keit hinaus erweitert. Die Interpretation
moderner Musik ist hinzugekommen und
manchmal wird von den Zuhörern stau-
nend wahrgenommen, wie wunderbar
sie sich in gottesdienstliches Geschehen
einbauen lässt. Für die Jüngeren, oft
ausgebildet in Bläserklassen der hiesigen
Schulen, eine Selbstverständlichkeit,
für manche älteren Bläser dagegen eine
echte Herausforderung an das vertraute
Rhythmusgefühl. Und immer wieder die
Erkenntnis: Es geht. Zusammen. Mit ge-
meinsamem Üben und etwas Zeit.
Foto: ©privat
Vielleicht ist genau diese Erfahrung der
größte Schatz für eine Kirchengemeinde,
dass immer wieder in den Auftritten der
Posaunenchöre sichtbar werden kann: Es
sonntags. Und auch bei vielen anderen Erst seit ungefähr 50 Jahren ist es gelingt zusammen. Ganz fröhlich. Zum
kirchlichen und öffentlichen Veranstal- selbstverständlich, dass auch Mädchen Lobe Gottes.
tungen lassen die Bläser ihre Instru- und Frauen Mitglieder eines Posaunen- Wilfried Vauth
mente erklingen. Sie sind nur schwer chores sein können. Dem „schwachen
zu überhören und geben das Signal: Geschlecht“ wurden vermutlich keine
Hier ist Kirche präsent. In erstaunlicher kraftvollen Töne zugetraut. Was für ein (EPiD)
Bandbreite musizieren Junge und Alte, Irrtum, wenn man sich heutige Posau- Der Evangelische Posaunendienst in
Männer und Frauen gemeinsam. nenchöre anhört. Und ganz selbstver- Deutschland (EPiD) ist der Dachverband
ständlich ist es geworden, dass Frauen aller Posaunenwerke und -verbände
Kein Wunder mag man denken, wer- Posaunenchöre leiten oder als Posau- in Deutschland. Er vertritt ca. 120 000
den die Posaunen doch schon im Alten nenwartinnen in vielen Landeskirchen Bläser/innen.
Testament bei der Eroberung Jerichos für die musikalische Entwicklung der Der EPiD wurde 1994 in Bethel (Bielefeld)
(Josua 6) und in den Psalmen (Psalm Chöre und die Fortbildung der Bläserin- gegründet, an historischer Stätte, denn
150) erwähnt. nen und Bläser zuständig sind. hier wirkte Pastor D. Johannes Kuhlo
(1856-1941), der Pionier der Posaunen-
Aber so selbstverständlich ist es dann All das hat natürlich auch die Gemein- chorbewegung.
doch nicht. Erst seit gut 150 Jahren gibt schaft in den Posaunenchören verändert Neben vielen anderen Veranstaltungen
es ihn, den Posaunenchor oder den Po- und geprägt. Aus den reinen Männer- sind besonders die beiden großen Po-
saunenverein. Ins Leben gerufen durch bünden sind vielerorts richtige „Fami- saunentage (DEPT) in Leipzig (2008) und
die Arbeit des CVJM in Westfalen und der lienunternehmen“ geworden und das Dresden (2016) vom Verband organisiert
Hermannsburger Mission. Beide Wur- gemeinsame Musizieren ist gleichsam worden. Internetadresse: epid.de
6 PosaunenchorDie Kirchenband "aufLeben"
W er singt, betet doppelt –
liest man beim Kirchenva-
ter Augustin. In der Refor-
mation wurde mit Liedern die Botschaft
des Evangeliums in die Gemeinden
dienst bekommen hat. Jugendliche und
Familien sind dankbar, wenn auch „ihre“
Musik im Gottesdienst Raum hat und
fühlen sich damit auch ernst genommen.
Ob Swing oder Pop, Samba oder ruhige
für besondere Gottesdienste den Einsatz
der Musiker erbitten. Bis auf 15 Einsätze
im Jahr hat es die Band schon gebracht.
Daran mag deutlich werden, dass es
den Musikerinnen unter der Leitung von
getragen. Das gemeinsame Singen ver- Ballade - die Band gestaltet die neuen Ina Seidl und Conny Wagner auch ein
bindet die versammelte Gemeinde über Lieder höchst abwechslungsreich. Ob persönliches Anliegen ist, mit der Musik
alle Unterschiede hinweg. fröhliches Gotteslob, nachdenkliche von Gott zu erzählen. Musik berührt
Texte oder besinnliche Begleitmusik zum die Herzen der Menschen oft mehr als
Eine reiche geistliche Musikkultur ist so Gang zur Eucharistie, für alles hat die Worte. Der Trost und die Freude, die
über Jahrhunderte entstanden und ent- Band etwas in ihrem Programm. Im Vor- der Glaube Menschen schenken kann,
wickelt sich weiter, weil sich natürlich der dergrund steht bis heute die Begleitung werden über die Melodien spürbar. Das
Musikgeschmack verändert. Von Swing von Liedern. Zum Mitsingen und Mit- möchte die Band weitergeben und inves-
und Samba tiert dafür gerne für
wusste Luther Proben und Gottes-
noch nichts. diensttermine ihre
Moderne Me- Freizeit.
lodien, von E-
Bass, Gitarre Eine Band braucht
und Schlagzeug Technik. Der Schlag-
begleitet, sind zeuger (Jan Hoth)
inzwischen auch mag sich noch ohne
in die Gottes- Verstärker durch-
dienste einge- setzen, aber der
zogen. „Ein fes- Bass (Klaus Schla-
te Burg“ singt der) funktioniert
sich mit Orgel nur mit Strom. Da-
gut, „Aufsteh’n, mit die Melodien im
aufeinander zu Rhythmus nicht un-
geh’n“ klingt mit tergehen, werden
Band allerdings auch Geige (Hei-
besser. ner Seidl), Gitarre
Die Kirchen- (Heinrich Stolze)
Foto: ©privat
band „ auf Le - und Keyboard (Ina
ben“ begleitet Seidl) verstärkt. Das
Kinder-, Jugend- gilt natürlich auch
und Familien- für die Sängerinnen
gottesdienst mit (Marita Spieker-
modernen Instrumenten, den unter- klatschen wird ausdrücklich eingeladen. mann, Conny Wagner, Ursula Biesemeier
schiedlichsten Rhythmen und mehrstim- Weil die Musiker sich durch persönliche und Christa Skade). Der katholischen Ge-
migem Gesang. 2004 taten sich Musiker Kontakte zusammenfanden, ergab es meinde St. Joseph war die Bereicherung
zusammen, die in den Gottesdiensten sich, dass die Zusammensetzung der des Gottesdienstes so wichtig, dass sie
der katholischen Gemeinde St. Joseph in Band auch dem Gedanken der Ökumene die technische Ausstattung finanziert
Stadthagen eine Ergänzung zur Orgelbe- Rechnung trägt. hat. Helmut Spiekermann sorgt bei Pro-
gleitung vermissten. ben und Gottesdiensten dafür, dass alle
Nach dem Motto: „Nicht klagen, selber Je zur Hälfte gehören die Mitglieder der Kabel richtig angeschlossen sind, keiner
machen“ waren schnell Melodien neu- katholischen und der evangelischen zu laut wird und alle Stimmen zu ihrem
er Kirchenlieder eingeübt. Pfarrer und Kirche an. Dadurch ergab es sich dann Recht kommen. Ein bisschen schade
Gemeinde wurden von der Neuerung auch fast automatisch, dass inzwischen finden es die Musiker, dass es nicht mehr
im musikalischen Bereich überzeugt. in Kirchengemeinden beider Konfessio- Bands in den Kirchengemeinden gibt.
Gleich die ersten Gottesdienste, die nen Gottesdienste begleitet werden. Der Das Interesse ist da. Sie können allen
von aufLeben gestaltet wurden, fanden Musikgeschmack ist schließlich nicht mit nur Mut machen, die Instrumente aus-
große Zustimmung. dem Bekenntnis verbunden. Und auch zupacken, sich mit anderen zusammen
Ein häufig geäußertes Vorurteil, dass die evangelische Gottesdienste bestehen zu tun und mit fröhlicher Musik zu Gott
„älteren“ Menschen solche Art der Mu- nicht nur aus der Predigt, sondern leben und Gottesdienst einzuladen.
sik nicht mögen, hat sich nie bestätigt. Im ganz in der Tradition Luthers auch von
Gegenteil. Quer durch alle Generationen fröhlichem Singen. Inzwischen gibt es Jan Peter Hoth
ist die Freude groß, dass auch moderner eine ganze Anzahl von Gemeinden, die
Musikgeschmack seinen Ort im Gottes-
Band 7Musik ist die halbe Miete
Ein Leben ohne Musik - für Jugendliche undenkbar
M usik ist für die meisten
Jugendlichen unverzicht-
bar. "Musik hören" ist bei
Mädchen zwischen 14 und 19 Jahren
das wichtigste, bei Jungs das zweit-
Unter allen Musikrichtungen ist da-
bei "Pop" eindeutig die angesagteste
Musikrichtung. Der Musikexperte Karl
Bruckmaier meint: "Pop ist zum größ-
ten gesellschaftlichen Feldversuch der
sind für die Verantwortlichen von Ju-
gendkirchen längst passé. Für sie gilt:
Auch Popularmusik kann eine Beziehung
zu Gott stiften. Gleichwohl sind wir in
der kirchlichen Jugendarbeit natürlich
wichtigste Medium. Die Musik wird Menschheitsgeschichte angewachsen, durch die Frage herausgefordert: "Was
nur abgeschaltet, wenn es nicht zu weiter verbreitet als parlamentarische wollen wir mit der Musik erreichen?"
vermeiden ist. Selbst beim Ankommen Demokratie und zuckerfreies Cola." Organisieren wir ein Konzert mit einem
in der Schule ist sie über Handy oder Es bedarf keiner weiteren Begründung, geistlichen Impuls oder dient die Musik
MP3-Player "in ear". Hausaufgaben um deutlich zu machen, dass wir in der dem liturgischen Spannungsbogen eines
erledigen, ohne Musik zu hören, ist für kirchlichen Arbeit mit Jugendlichen Jugendgottesdienstes? Viele weitere Fra-
viele Jugendliche undenkbar - und für den Faktor Musik ganz oben ansiedeln ge ergeben sich, die alle in der Spannung
viele Eltern undenkbar, dass das so ist. müssen. Wie aber setzen wir Musik, die stehen, neue liturgische Formen für Ju-
Neben dem MP3-Player wird vor allem das Leben der Jugendlichen bestimmt, gendliche zu entwickeln und Bewährtes
über das Radio und über das Inter- neu zu entdecken.
net Musik online konsumiert, und Welche Schlüsse ziehen wir in der
über die sozialen Plattformen wer- ev. Jugend aus der Bedeutung der
den Musikvideos und Infos über Musik? Drei inhaltliche Richtungen
die neueste Musik ausgetauscht. zum Schluss. 1. Partizipation: Wäh-
Jugendliche hinterlegen via Link rend Jugendliche im Alltag Musik
auf Pinnwänden ihrer (virtuellen) meist "konsumieren", soll Musik
Freunde die Lieblingsmusik und im Jugendgottesdienst und in der
informieren sich gegenseitig über Jugendarbeit Bedeutungsträger für
angesagte oder persönlich präfe- die damit verbundenen Texte sein.
rierte Interpreten. Eltern spielen Sie soll zum Mitsingen und Mitma-
bei der Vermittlung von Musiker- chen animieren. Wir sind immer
fahrungen meist keine wesentliche wieder erstaunt und auch glücklich
Rolle mehr. Die Freunde lösen hier darüber, wie sehr Jugendliche auf
die Familie als primäre Bezugsin- Freizeiten und anderen längeren
stanz ab und eröffnen damit neue Veranstaltungen doch bereit sind,
Bildungs- und Sozialisationsräume Lieder mitzusingen. Darüber wird
in der Freizeit. viel Gemeinschaft gestiftet - auch
mit Gott! 2. Qualität: Jugendliche
Dabei stellen Musikstars für die merken ganz genau, ob Musik auch
jugendlichen HörerInnen nach handwerklich gut gemacht oder
wie vor Identifikationsfiguren dar. dilettantisch ist - das spielt bei Kon-
Über ihre Vorbildfunktion werden zerten und allem, was musikalisch
politische, moralische und auch eingeübt wird, eine große Rolle.
religiöse Haltungen transportiert 3. Ressourcen: Die Bedeutung
und von den Jugendlichen für die der Musik für Jugendliche und die
eigenen sozialen Leitbilder und kirchlichen professionellen Mög-
Foto: ©lg
Verhaltensweisen aufgenommen. lichkeiten, dies für die Jugendarbeit
Dabei spielen die Musikrichtun- zu nutzen, müssten ausgebaut
gen innerhalb der eigenen Clique werden. Wir sind im Bereich der
natürlich eine bedeutende Rolle. von vielen Landeskirchen schon
Ob jemand z.B. der Hardcore-, Emo-, in der Jugendarbeit "sinnvoll" ein? besetzten Popkantorenstellen noch
Techno-, oder Hip-Hop-Szene angehört, Dass die Jugendlichen Zugang zu jeder "musikalisches Entwicklungsland".
ist nicht nur Zugangsvoraussetzung Art von Musik, zu jedem Song haben, Deshalb verwundert es sicher nicht,
zu Gleichgesinnten, sondern auch für erschwert die Musikauswahl nicht nur dass der Fokus für eine der neuen
Freundschaften ein wichtiges, verbin- in den Jugendgottesdiensten. Längst Stellen im Bereich der Jugendarbeit
dendes Element. wird die künstliche Trennung zwischen unserer Landeskirche jetzt ganz auf die
Dies ist vor allem auch deshalb der Fall, "geistlicher" und "weltlicher" Musik als Musik gelegt wird: Zur Unterstützung
weil über die Musik nicht nur situativ, überholt empfunden. Die Zeiten, in de- der Chor- und Bandarbeit und um neue
sondern auch mit Nachhaltigkeit bei nen darüber gestritten wurde, ob Lieder Ideen umzusetzen, Jugendliche durch
den Jugendlichen Gefühle, Stimmungen, wie "Über den Wolken", "Bridge over die Musik zu begeistern - und damit für
Wünsche und Sehnsüchte "bearbeitet" troubled water" oder "Take me home, Gottes Wirken.
und damit auch Lebens- und Liebesent- country roads" in einem christlichen
würfe "geschaffen" werden. Gottesdienst gespielt werden dürfen, Lutz Gräber
8 Jugend und MusikJeder Mensch nimmt Töne mit dem Körper wahr
„W ie bitte? Es gibt einen
Gebärdenchor in Han-
nover?“ So werde ich
häufig gefragt, wenn ich von unseren
erschlossen werden und dann können
wir ans Gebärden gehen.
Wir haben sogar ein Gebärdenlieder-
aber inhaltlich auch anspruchsvollere
Lieder. Der Chor wie auch die Gemein-
de mag beispielsweise das Lied „Meine
Zeit“ besonders gern. Da lautet der Re-
Chorproben erzähle. Meine Antwort: buch für den Gottesdienst. Manche frain: „Meine Tage, meine Stunden, mei-
Ja, es gibt auch bei uns einen Chor! Was Lieder darin sind sehr kommunikativ. Da ne Minuten und Sekunden – meine Zeit,
wir Hörenden mit der Stimme machen, dürfen wir mit dem Finger aufeinander ein Stückchen Ewigkeit.“ Die Menschen
das machen die Gehörlosen mit den zeigen – zum Beispiel bei unserem Got- gebärden das Lied mit und fühlen sich
Händen und den Gesichtern. Wir üben tesdiensteingangslied: „Ich da, du da, du gehalten und geborgen, weil auch ihre
bei unseren Chorproben das synchrone da, du da, Gott da, wir zusammen (mit Lebensspanne in Gottes Hand liegt, wie
Gebärden und die passende Mimik Gott) – wunderbar!“ Bei dem „du da, du es in der letzten Strophe heißt: „Meine
dazu. So können wir für die Augen da, du da“ zeigen wir aufeinander und Zeit – anfangen und enden – meine Zeit
sichtbar machen, was die Musik für die das lockert die Stimmung auf, schafft ein in Gottes Händen“.
Ohren hörbar macht!
Für uns Hörende ist es un-
gewohnt, sich Musik visuell
und nicht akustisch vorzu-
stellen. Die Melodie ergibt
sich beim Gebärden aus
dem Fluss der Bewegungen
und aus den Gefühlen, die
die Sänger durch ihre Kör-
persprache und die Mimik
einfließen lassen.
Wir können zum Beispiel
ganz zackig, abgehackt ge-
bärden wie ein Roboter.
Das entspricht in der Musik
dem Staccato. Wir können
aber auch eine Gebärde in
die andere fließen lassen
wie in der Musik beim An-
dante die Töne ineinander
fließen. Das sieht dann sehr
weich und elegant aus.
Wir können sogar laut und
leise „singen“, wenn wir
Foto: ©kd
nämlich ganz groß oder
ganz klein gebärden. Und
in der visuellen Welt brau-
chen wir viel Mimik – auch
im normalen Gespräch miteinander, Gemeinschaftsgefühl im Gottesdienst, Instrumentalmusik wird für Gehörlose
denn die Mimik hilft, den anderen noch weil wir einander wahrgenommen und erst dann interessant, wenn die Luft
besser zu verstehen. angelacht haben und führt uns gleich- oder der Boden vibriert. Das kommt im
zeitig in die besondere Situation des Gottesdienst eher selten vor. Aber auch
Noten brauchen wir nicht. Für unsere Gottesdienstes, in der es zuerst nicht ohne Musik sind unsere Gottesdienste
Lieder haben wir Texte, aber diese Texte um uns, sondern um Gottes Gegenwart fröhlich und lebendig! Sie können sich
bearbeiten wir oft noch. Gehörlose Men- bei uns geht. davon gern selbst überzeugen und mal
schen finden unsere Grammatik häufig einen besuchen!
sehr schwer. Das „Du“ ist in der Gehörlosengemein-
schaft die übliche Anrede für eine Christiane Neukirch,
Uns Hörenden ist diese Schwierigkeit einzelne Person unabhängig davon, wie Beauftragte für Gebärdensprachliche
oft gar nicht klar. Deshalb genügt es vertraut wir mit ihr sind. Das kommt da- Seelsorge in der Landeskirche Hannover
nicht, dem Gebärdenchor einen Text her, dass das „Sie“ den Plural, also viele
zu geben. Der Textinhalt muss erstmal Personen bezeichnet. Wir haben leichte,
Gebärdenchor 9Musik im Alter
Z uerst sang Marikka Rökk 1939
und später auch Johannes Hees-
ters und auch Peter Alexander:
„Ich brauche keine Millionen, mir fehlt
kein Pfennig zum Glück. Ich brauche
ist, zu dem erkrankten Menschen eine
Beziehung aufzubauen. Hier sind ver-
traute Lieder und Melodien hilfreich.
Der alte Mensch überträgt die positiven
bzw. auch die negativen Eindrücke, die er
Diese Begegnung hat mich sehr ange-
rührt und mich bewogen, im Sommer
immer wieder das Lied singen zu lassen.
Für demenzerkrankte Menschen ist eine
vertraute Struktur wichtig. Bei vielen von
nur Musik, Musik, Musik…“ Dieser kurze mit dem Lied oder der Melodie in jungen ihnen ist die Verknüpfung vorhanden:
Liedausschnitt zeigt, wie wichtig Musik Jahren gemacht hat, auf die Person, die Die Orgel spielt, der Gottesdienst be-
unabhängig von unserem Alter für uns das Lied singt oder die Melodie summt. ginnt. So ist es sehr hilfreich, bei einem
Menschen ist. Die Musik spricht den Vom Frühsommer bis zum Erntedank- Gottesdienst instrumentale Begleitung
Menschen auf der emotionalen Ebene fest singe ich in meinen Gottesdiensten zu haben. Die Musik strukturiert einen
Gottesdienst. Sie holt die Gottesdienst-
besucher ab aus ihrem Alltag und bindet
die Aufmerksamkeit.
Seit drei Jahren haben wir Heiligabend
in den Altenheimgottesdiensten musi-
kalische Unterstützung am Keyboard.
Sobald die ersten Töne erklingen, ist
die volle Aufmerksamkeit Aller da, dann
beginnt für mich Weihnachten.
In der Kirche zeigt die Orgel Anfang und
Ende eines Gottesdienstes an.
In den Seniorenheimen ist es oft sehr
unruhig vor den Gottesdiensten oder die
Bewohner sind in sich gekehrt. Sobald
das Akkordeon erklingt, sind die Gottes-
dienstbesucher wachgerüttelt und ich
habe ihre Aufmerksamkeit.
Einige Jahre hatten wir von verschiede-
nen Akkordeonspielern Unterstützung.
Diese gehörten zum festen Bestandteil
eines Gottesdienstes und wurden auch
immer von den Besuchern erwartet. Der
Foto: ©kd
Gottesdienst war durch die musikalische
Begleitung eine angenehme, gern wahr-
genommene Abwechslung.
an. Sie erlaubt uns, unsere Gefühle im Seniorenbereich immer wieder den Lange Zeit habe ich mich bemüht, mit
und Stimmungen auszudrücken. Mit Choral „Geh aus, mein Herz" von Paul einer Begrüßung die Aufmerksamkeit
manchen Musikstücken oder Liedern Gerhardt. Hier begeistert mich zum zu binden. Bei demenzerkrankten Besu-
verbindet jemand positive Eindrücke einen das Lied selbst, aber auch die chern ist dies beschwerlich. So habe ich
oder auch traurige, enttäuschende. Wirkung auf Menschen. Einige singen vor einiger Zeit es ausprobiert, zuerst
mit, obwohl sie schon lange aufgehört „Großer Gott, wir loben dich" zu singen.
Diese sind sofort präsent beim Hören. haben, zu sprechen. Darauf reagierte eine Besucherin: „Oh,
Bei den heutigen alten Menschen mache So sangen wir bei einem Gottesdienst das Lied haben wir immer in der Kirche
ich die Beobachtung, dass Lieder aus der „Geh aus, mein Herz". Nach diesem gesungen.“ Ich antwortete ihr: „Ja, das
Kindheit und Jugend noch präsent sind. verabschiedete ich mich von allen Besu- Lied ist sehr schön und bei vielen be-
Stimme ich ein bekanntes Kinderlied, chern persönlich. Ich ging von einem zum kannt.“ Die Frau fühlte sich durch diese
Volkslied, Schlager oder Kirchenlied an, nächsten. Als ich bei einer Frau ankam kleine Ansprache gesehen und gewür-
singt der alte Mensch sofort mit. Mich und mich von ihr verabschieden wollte, digt. So hatte ich ihre Aufmerksamkeit
begeistert immer wieder, welch ein meinte diese: „Warten Sie einmal! Ich während des ganzen Gottesdienstes.
Repertoire an Liedern und Melodien muss mal aufstehen.“ Ich schaute sie
bei alten, besonders auch bei demen- etwas fragend und verunsichert an. Bärbel Sandau
zerkrankten Menschen, vorhanden ist. „Das war ja so schön, dass wir das Lied
Auf der emotionalen Ebene ist es im- ‚Geh aus, mein Herz‘ gesungen haben!
mer wieder möglich, egal wie weit die Kommen Sie her, ich muss Sie jetzt erst
Demenzerkrankung vorangeschritten einmal als Dankeschön umarmen!“
10 Musik im AlterIm Pfarrhaus zwischen Bach und Rock
S eine ersten Auftritte als Musiker
hatte Christof Stein-Schneider
im Seniorenkreis der Kirchenge-
meinde seines Vaters. Sechs oder sieben
Jahre war er damals alt und die Senioren
Und so greift er also seit Jahrzehnten in
die Saiten seiner Gitarre. Dabei sollte er
doch eigentlich nach dem Willen seiner
Der tiefe Zugang zur Musik, der sei
bei ihm auf jeden Fall in der Kindheit
entstanden zwischen Gesangbuch und
waren begeistert von dem niedlichen
Kleinen. Heute urteilt die Hannoversche
Allgemeine Zeitung über die Musik
seiner Band „Wohnraumhelden“, sie
sei „Unterhaltungspunk mit knackigen
Bläsersätzen, Chor und Spielereien zwi-
schen Pogo, Reggae und Mariachi“. Hat
das eine mit dem anderen zu tun? Und
hat seine Kindheit als Sohn des Pastors
Einfluss genommen auf seine Musik?
Einige Stunden nach dem Gespräch
irgendwo in einem Café in Hannovers
Stadtteil Linden wird Stein-Schneider
auf der Bühne der Cumberlandschen
Galerie sitzen und mit seinen „Wohn-
raumhelden“ vergnügt die musikalische
Begleitung zu einer Lesung im Treppen-
haus gestalten. „Dann achte bei dem
einen Lied mal drauf“, sagt er, „auf
diese Zeile ‚Danke für deinen Finger in
meiner Wunde‘ – das ist angelehnt an
das ‚Danke-Lied‘.“ Ja, das sei wohl das
Lied, das ihn am ehesten geprägt habe in
seiner Kindheit zwischen Kirchenmusik
von Bach und den ersten gar nicht so
zaghaften Versuchen als Rockmusiker.
Foto: ©bnj
Gerade habe er in der Zeitung gelesen,
dass der Komponist des Liedes gestor-
ben sei. Da wurde es noch einmal ganz
präsent.
Eltern Klavier lernen. Wollte er nicht. Gitarrensaiten. Er ist überzeugt davon,
Kirchenmusik geht also gut mit Punk und Musik machen war okay, statt Klavier dass die Menschen zuerst singen und
Rock zusammen, meint Stein-Schneider. beharrte er aber auf einer Gitarre. Damit dann erst sprechen lernten. Musik, das
Zumindest an manchen Stellen. Und brachte er es zu einigem Bekanntheits- sei doch ein Grundnahrungsmittel für die
gegen Auftritte in Kirchen hat er absolut grad schon lange Zeit bevor er begann, menschliche Psyche. Und außerdem sei
nichts einzuwenden. Am Wochenende mit den „Wohnraumhelden“ zu touren. Musik etwas, mit dem sich Botschaften
zuvor hat er gemeinsam mit seinem Bru- Bei „Fury in the Slaughterhouse“ ge- transportieren ließen – eingängiger als
der ein Konzert in einem Gemeindehaus hörte er zu den Gründungsmitgliedern, Schlagzeilen in Zeitungen und mit viel
gegeben. Vor dem Altar in der Kirche war mit der Band viele Jahre unterwegs Raum für die Zwischentöne. So hängt
seines Vaters hat er sein allererstes und geht in diesem Jahr mit ihnen auf bei ihm auch soziales Engagement meis-
Rockkonzert gegeben. „Das war eine Tour. Eigentlich war nur ein kleines tens mit Musik zusammen. Kindern und
Katastrophe. Wir waren so schlecht“, Konzert - just for fun – geplant. Daraus Jugendlichen Chancen zu geben, den
erinnert er sich grinsend. Aber weder da- sind zwölf Konzerte geworden mit dem Zugang zur Musik zu finden. Dafür stellt
rüber noch über die lautstarken Proben Versprechen, dass es sich dabei um keine er dann auch gerne einmal seinen Pro-
im Jugendraum des Gemeindehauses Re-Union handelt, sondern nur um ein benraum zur Verfügung. Wenn gerade
mit „tierischem Krawall“ habe sich je- wenig Spaß mit Freunden. Und ja: auch kein Gemeindehaus frei ist. (bnj)
mals jemand beschwert. Musik gehört mit Fury ist er oft in Kirchen aufgetreten.
zur Kirche und die jungen Leute sollten Da hätten sie dann aber häufig eher die
damals doch einfach das machen, wozu leiseren Töne angeschlagen. Es sei eben
sie Lust haben. So hätte die Gemeinde doch eine spezielle Atmosphäre, vor
wohl argumentiert. einem Altar zu spielen.
Rock 11Gottesgeschenk und Geistesklang
„M usik scheint von allen
Künsten die zu sein,
die uns am unmittel-
barsten berührt“ schreibt der ame-
wonach das Wort Christi uns mit Psalmen,
Hymnen und geistlichen Liedern bewegt,
ist eigentlich klar, dass schon im NT kei-
ne poetisch-musikalische Monokultur
herrschte, sondern eine Vielfalt der Stile
musikalischem Kabarett. Gerade Spirituals
und Gospels bieten Texte mit revolutio-
närem Sprengstoff. Beispielhaft sei hier
an das Lied We shall overcome erinnert,
das die schwarze Widerstandsbewegung
rikanische Musikpsychologe Robert
Jourdain. angesagt war. Das gilt auch heute, mehr der 1960er-Jahre um Martin Luther King
[...] Luther schätzte an der Musik, die er denn je: Wir brauchen Vielfalt, denn auch begleitet und gestärkt hat. [...]
als Schwester der Theologie betrachtete, der Geist wirkt vielfältig (1. Kor 12). Das Vielstimmigkeit
eine dreifache Wirkung: Sie stärkt die heißt nicht, dass sich Kirchenmusik an Gottes Geist befähigt nicht nur unter-
Beziehung zu Gott und zu den Menschen, den Zeitgeschmack einfach ungeprüft schiedliche Menschen mit unterschied-
weitet aber auch den Blick für die Welt andocken, ja womöglich anbiedern soll. lichen Gaben (vgl. 1. Kor 12), er benützt
als klingende Schöpfung, durch die Gott Sie ist immer auch ein Korrektiv, ein Stück auch unterschiedliche Töne und Klänge,
uns anredet. Gegenkultur zum Zeitgeist. Salz der Erde verschiedene Rhythmen und Musikstile
Freilich ist die Musik nicht nur Gottesgabe, und Licht der Welt zu sein (Mt 5,13) ist von der archaischen Gregorianik bis zum
sondern auch Menschenkunst. Sie wird uns auch kirchenmusikalisch aufgetragen. komplexen Jazz, von der barocken Vokal-
seit Jahrtausenden von Generation zu Integrative Wirkung polyphonie bis zum begeisternden Gospel,
Generation, von Lehrern an die Schüler Wenn es gelingt, finden beim gemeinsa- vom meditativen Choral bis zum „abgefah-
weitergegeben. Um sie so auszuüben, men Musizieren in der Kirche oft Men- renen“ Rap. Es gibt keinen Musikstil, der
dass sie andere Menschen anspricht schen unterschiedlicher Herkunft und sakrosankt oder aber völlig ungeeignet für
und berührt, bedarf es der sorgfältigen Frömmigkeit, aber auch unterschiedlichen den kirchlichen Gebrauch wäre. [...]
Ausbildung. [...] Dies gilt sowohl für die Alters und Milieus zusammen. Personen,
Instrumentalmusik als auch besonders denen Kirche und christlicher Glaube Summe
für die Vokalmusik. Gerade das Singen fremd geworden sind, können in der Kir- Kein anderer als Paul Gerhardt hat die
ermöglicht eine ästhetisch und theologisch chenmusik neue religiöse Beheimatung Bedeutung der Kirchenmusik in einer
ideale Verbindung von Klang und Wort, und Identität finden. [...] Von daher kann Liedstrophe („Ich singe dir mit Herz und
von Tönen, Predigen und Rühmen. Darauf Kirchenmusik dazu beitragen, Gemeinde Mund“, EG 324,1) unvergleichlich zum
können wir in der Kirche nicht verzichten! zu bauen. Ich denke da besonders an die Ausdruck gebracht.
Deshalb brauchen wir auch weiterhin eine Altersgruppe zwischen 30 und 50, die wir „Ich singe dir mit Herz und Mund.“ Das
qualifizierte Ausbildung von Kirchenmusi- mit anderen Angeboten oft wenig errei- beste und höchste Ziel jeder Musik ist es,
kern und -musikerinnen! chen. [...] Gott zu loben und ihm die Ehre zu geben.
Wer singt, betet doppelt – wer singt, Heilsame Bedeutung [...] Das besondere Profil protestantischer
verkündigt doppelt Musik kann – mehr als reine Worte – Ge- Kirchenmusik ist die Verkündigung des
Luther verstand die Verkündigung des fühle der Freude oder Erhabenheit, aber Evangeliums von Jesus Christus. Sie lädt
Evangeliums als Klangereignis: „Evangeli- auch des Schmerzes ausdrücken oder aus- zum Glauben ein und ermutigt zu einem
um … heißt auf Deutsch gute Botschaft, … lösen und Gefühle der Zuneigung in Töne erfüllten Leben mit Gott.
davon man singt und sagt und fröhlich ist“ fassen, ja vielleicht sogar wecken. Wer ein- Den beiden liturgischen entsprechen zwei
– und stellt dankbar fest: „So predigt Gott mal am Sterbebett mit einem Menschen spirituelle Aspekte des Singens:
das Evangelium auch durch die Musik.“ „Befiehl du deine Wege“ gesungen hat und „Herr, meines Herzens Lust!“ Wenn ein
Nicht nur Kanzel und Altar, auch Chor und spürte, wie die Person dabei noch einmal Mensch vor Gott singt und musiziert, ge-
Orgel sind Orte der Verkündigung! Doch zurück kommt, weiß, wovon ich rede. Aber schieht das nicht nur mit der Stimme oder
damit nicht genug: Durch die Musik be- auch ein Popsong kann trösten und neue mit den Händen; vielmehr kommt der gan-
kommt auch unser Gebet eine spirituelle Hoffnung geben. Ich denke an Eric Claptons ze Mensch zum Klingen, summt und lacht,
Verdichtung, [...]. Wer singt, betet doppelt „Tears in Heaven“, geschrieben anlässlich jubelt, klatscht und tanzt. Kirchenmusik
(Augustin). Beides geschieht nun schon seit des Todes seines fünfjährigen Sohnes [...]. macht Freude, sie darf im besten Sinne
2000 Jahren in unseren Kirchen. Kirchen- Diese Sätze sind ausgesprochen tröstlich, des Wortes lustvoll sein und begeistern.
musik hat sich in dieser Zeit schon äußerst sie bringen die Hoffnung, ja die Gewissheit „Was mir von dir bewusst.“ Evangelische
vielfältige Ausdrucksformen zu eigen zum Ausdruck, dass es ein Wiedersehen Kirchenmusik eröffnet uns neue Zugänge
gemacht: [...] Alle haben sie elementaren geben wird dort droben… zu den Inhalten des Glaubens. So geschieht
Anteil an Verkündigung, Klage und Lob Kulturelle Prägekraft Vergewisserung und „Bewusstseins-
im Gottesdienst und im Alltag der Kirche. Über die Musik wirkt Kirche kulturell prä- Bildung“; wir werden durchklungen vom
Wie Musik Glauben wecken kann gend auf die Gesellschaft ein. Was wären „Sound des Geistes“, der uns geistlich und
Wenn Musik eine grundlegende Aus- wir ohne Bachs Weihnachtsoratorium, geistig aufbaut und bildet.
drucksform unseres Glaubens ist, dann ohne Brahms‘ Requiem oder Händels
wirkt sie über die Grenzen unserer Kirchen Messias? [...] Es ist erstaunlich, wie viele Jochen Arnold,
habilitierter Theologe und A-Kirchenmusiker,
hinaus in die Welt. Sie hat damit Anteil an berühmt gewordene Popstars ursprünglich Direktor des Evang. Zentrums für Gottesdienst
der „missio Dei“, der Mission Gottes, d.h. in Gospel- und Kirchenchören beheimatet und Kirchenmusik im Michaeliskloster Hildesheim
an dem Geschehen, durch das Gott sich waren (z.B. Mahalia und Michael Jackson,
den Menschen bekannt macht. [...] Whitney Houston, Cliff Richard u.a.).
Wenn wir die „Einsetzungsworte der Musik wirkt aber auch kritisch auf die
Kirchenmusik“ in Kol 3,16 betrachten, Kultur ein. Hierin liegt eine Stärke po-
pulärer Musik, z.B. in Protestsongs und
12 KlängeDer Raum macht was mit den Leuten
Weshalb Konzerte in Kirchen gern auch weltlicher Natur sein dürfen
W as macht den besonde-
ren Reiz von Kirchen als
Konzerträumen aus? Und
müssen solche Konzerte das Christen-
tum im Mittelpunkt haben? Oder geht
aus und welche Möglichkeiten eröffnen
sich dort auch für die Kirchen! Gehen,
innehalten, wahrnehmen – die Chance,
solche Eindrücke zuzulassen, das solle
die Kirche wahrnehmen, meint Cericius.
und zahlreichen Enkeln sei er einiges
gewohnt, meinte der Abt. Da sei „Sex
Bomb“, auf der Orgel der Stiftskirche
gespielt, doch nicht weiter schlimm.
Eine andere kleine Episode kommt auch
es auch anders – weltlich? Wir haben Dabei seien Kirchen beileibe keine aus dem Kloster Loccum. „Maybebop“ –
Roger Cericius gefragt, für den Konzerte einfach zu bespielenden Konzertsäle. vier Männer mit vier Stimmen - sangen
vielerlei Art in Kirchenräumen nahezu Technik ist in den meisten Fällen nur für dort freche fröhliche, manchmal auch
täglich Brot sind. die Liturgie vorgesehen. Bei Umbauten frivole Lieder und gestalteten für Hun-
und Sanierungen hier und dort darauf derte von Zuhörern einen fulminanten
Mit Musik kennt Roger Cericius sich zu achten, dass Kirche multifunkti- Abend. Eines ihrer Lieder brachte sie
aus. Sowohl als Interpret als auch dann, onaler genutzt
wenn es darum geht, Konzerte zu orga- werden könne,
nisieren. Beruflich macht er das bei einer das wünscht er
Versicherung, wo er unter anderem im sich. Schließlich
Veranstaltungsmanagement arbeitet. sei es tatsäch-
Ehrenamtlich ist er Vorsitzender des Ver- li c h s o, das s
eins, der die Internationalen A-cappella- Kirchen zuneh-
Wochen Hannover initiiert. Und singend mend Erlebnis-
hat er bereits als Kind auf vielen Bühnen räume würden.
und auch in so mancher Kirche rund Das könne man-
um den Globus gestanden, denn mit ches leichter
neun Jahren wurde er Mitglied des Kna- machen, zumal
benchors Hannover. Mittlerweile, sagt der hohen Er-
er, reduziere sich sein eigener Gesang war tung der
darauf, dass er in Gottesdiensten mit Gäste andere
großer Begeisterung und laut mitsinge. suboptimale
Neben den christlichen Inhalten ist es B e d i n g u n ge n
aber immer auch sein Anliegen, andere, gegenüberstün-
neue Inhalte in Kirchen zu bringen. Denn den. Ungefähr
Kirchen gehören für ihn zu den magischs- ab der zehnten
ten Räumen überhaupt. Sitzreihe sei
doch meistens
Foto: ©bnj
Der erste Schritt, den ein Gast in einen nichts mehr zu
Kirchenraum tue, um ein Konzert zu er- sehen. Und die
leben – das sei doch schon immer etwas Akustik in Kir-
Besonderes. Diese Atmosphäre jenseits chen – nun, die
eines multifunktionalen Konzertraums. könne Konzerten zuträglich, aber spe- jedoch zeitweilig aus dem Konzept,
Da seien die Erwartungen oftmals ganz ziell dafür auch ganz fürchterlich sein. denn das hatte die Frage danach, wie sie
andere. Da soll nicht nur das Orchester, Manche Instrumente etwa könnten in sterben wollen, im Blick. Bei dem hei-
der Chor, die Band erlebt, sondern Musik Kirchen einfach nicht gespielt werden. teren Lied wurden sich die Sänger aber
auch als ganzheitliches Ereignis aufge- „Vom Schlagwerk kann man bewusstlos anscheinend plötzlich des Kreuzes, das
nommen werden. Solch ein Kirchen- werden“, sagt er schmunzelnd. über ihren Köpfen hing, bewusst. Egal
Konzertraum, sagt Cericius, der „macht ob Mousse T. oder Maybebop, meint
was mit den Leuten“. Den Raum und die Was aber ist mit der weltlichen Musik Cericius – eine Kirche als Konzertraum
Musik zu einer Einheit verschmelzen zu in Kirchen? „Als wir vor einigen Jahren „macht“ nicht nur etwas mit dem Pub-
lassen, ist immer dann sein Ansatz, wenn Mousse T. für ein Konzert im Kloster likum, sondern auch mit den Musikern.
er Konzerte in Kirchen organisiert. Das Loccum engagiert haben“, erzählt Ceri- So leicht kommt keiner unverändert
gelinge oft gut und dabei ließen sich in cius, „sollte er sich beim Pressetermin wieder heraus.
vielerlei Hinsicht die Möglichkeiten von an die Orgel setzen. Was er denn spielen
Kirchen auch nutzen. solle, wollte er wissen. Die Journalisten Was er sich also in erster Linie wünscht,
verlangten nach seinem größten Hit: wenn er ein Konzert in einer Kirche orga-
Wandelkonzerte hat er bereits orga- Sex Bomb.“ Er hätte das vermutlich nisiert hat? Dass alle, die dort sind, einen
nisiert. Die Musik von einem Ort zum nicht befürwortet an diesem Ort, sagt Abend erleben wie nie zuvor – und auch,
nächsten gehen lassen, die Zuhörer Cericius frei heraus. Und auch Mousse T. dass sie das Kreuz sehen. (bnj)
ebenfalls in Bewegung halten – das ist in hatte arge Bedenken. Neben dem stand
kommerziellen Konzertsälen kaum mög- allerdings Loccums Abt Horst Hirschler,
lich. Wie anders sieht das aber in Kirchen grinste und stimmte zu. Mit vier Söhnen
Konzertraum 13Sie können auch lesen