Österreichische Gesellschaft für Meteorologie 2013/2

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Österreichische Gesellschaft für Meteorologie 2013/2
2013/2

Österreichische Gesellschaft für Meteorologie
Österreichische Gesellschaft für Meteorologie 2013/2
Zum Titelbild:

Das Foto gewann den Europhotometeo2012-Wettbewerb der Europäischen Meteorologischen Ge-
sellschaft EMS. Es stammt von Vittoria Poli, Italien. Der Fotograf betitelte es als The Land
                                                                                   ”
of Fairy Tales“. Es zeigt die kleine Stadt Conca im Assiago-Plateau in Italien bei Nebel auf-
genommen von einer Bergspitze. Die EMS hat den Europhotometeo2014-Wettbewerb gestartet.
Nähere Details siehe Website der EMS www.emetsoc.org
Österreichische Gesellschaft für Meteorologie 2013/2
ÖGM bulletin 2013/2                                                                                                                     1

                                                   Inhalt
                                                   Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3

                                                   Nachruf auf Professor Hans-Jürgen Bolle . . . . . 5
                                                    Helmut Rott

                                                   5. Österreichischer MeteorologInnentag, 7.-8.
                                                   November 2013, Feldkirch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
                                                     Fritz Neuwirth

                                                   Gründung des Austrian Polar Research Insti-
                                                   tute (APRI) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
                                                     Wolfgang Schöner

                                                   Festkolloquium        250 Jahre Wetter- und
                                                                       ”
                                                   Klimabeobachtung in der Stiftssternwarte
Impressum                                          Kremsmünster“ und Verleihung der Silbernen
                                                   Hann-Medaille der ÖGM an die Stiftssternwarte
 Herausgeber und Medieninhaber:
                                                   Kremsmünster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
 Österreichische Gesellschaft für Meteorologie
                                                     Fritz Neuwirth
 1190 Wien, Hohe Warte 38
 http://www.meteorologie.at
                                                   Stadtplanung in Zeiten des Klimawandels – was
                                                   die Meteorologie beitragen kann. . . . . . . . . . . . .20
 Redaktion:
                                                     Wolfgang Gepp, Matthias Ratheiser, Simon
 Fritz Neuwirth
 Österreichische Gesellschaft für Meteorologie   Tschannett
 1190 Wien, Hohe Warte 38
 fritz.neuwirth@gmx.at                             DACH        2013:                Deutsch-Österreichisch-
 Michael Kuhn                                      Schweizerische       Meteorologentagung                              2013,
 Institut für Meteorologie und Geophysik,         2.-6. September 2013, Innsbruck,
 Universität Innsbruck                            Kongresshaus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24
 6020 Innsbruck, Innrain 52
                                                     Fritz Neuwirth
 Ernst Rudel
 Zentralanstalt     für   Meteorologie      und
 Geodynamik                                        13. Jahrestagung der Europäischen Meteorolo-
 1190 Wien, Hohe Warte 38                          gischen Gesellschaft (EMS)
                                                   11th European Conference on Applications of
 Technische Umsetzung:                             Meteorology (ECAM) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
 Christian Maurer                                    Ernest Rudel
 christian.maurer@zamg.ac.at
                                              Die Atmosphäre und ihre Zusammensetzung
 Redaktionsschluss für das ÖGM Bulletin (Vorstellung von Prof. Karl) . . . . . . . . . . . . . . . . 30
 2014/1 ist 30. April 2014. Um Beiträge wird  Mathias Rotach
 gebeten.
                                                   Wien, im November 2013
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                   Ausschussmitglieder der ÖGM
    Vorstand

            1. Vorsitzender                Fritz NEUWIRTH (ZAMGa )
            2. Vorsitzender                Michael KUHN (IMGIb )
            Generalsekretär               Ernest RUDEL (ZAMG)
            Kassier                        Markus KOTTEK (KIKSc )
            Schriftführer                 Andreas GOBIET (Wegener Centerd , Graz)

    Sonstige Ausschussmitglieder

            Michael ABLEIDINGER (ACGe )
            Ingeborg AUER (ZAMG)
            Gottfried KIRCHENGAST (IGAMf Graz)
            Helga KROMP-KOLB (BOKU-Metg )
            Manfred SPAZIERER (UBIMETh GmbH)
            Reinhold STEINACKER (IMGWi )
            Leopold HAIMBERGER (IMGW)
            Viktor WEILGUNI (HZBj )
            Mathias ROTACH (IMGI)
    a
      Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik
    b
      Institut für Meteorologie und Geophysik Innsbruck
    c
      Kärnter Institut für Klimaschutz
    d
      Wegener Center for Climate and Global Change
    e
      Austro Control Gesellschaft
    f
      Institutsbereich Geophysik, Astrophysik und Meteorologie
    g
      Universität für Bodenkultur Wien-Institut für Meteorologie
    h
      Institut für ubiquitäre Meteorologie
    i
      Institut für Meteorologie und Geophysik Wien
    j
      Hydrographisches Zentralbüro
Österreichische Gesellschaft für Meteorologie 2013/2
ÖGM bulletin 2013/2                                                                              3

                                         Vorwort

                     Fritz Neuwirth
                     1. Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Meteorologie (ÖGM)

Sehr   geehrte Mitglieder der Österreichischen    Gesellschaft und der Österreichischen Gesell-
Gesellschaft für Meteorologie!                    schaft für Meteorologie organisiert. Die Tagung
Das letzte halbe Jahr war für die ÖGM von        war gut besucht und höchst erfolgreich, vor al-
mehreren außerordentlichen Aktivitäten be-        lem war erfreulicherweise der Anteil an jungen
stimmt. So wurde in einem wie ich meine            Kolleginnen und Kollegen recht hoch. Einen
sehr schönem, würdigem und dem Anlass ent-       Bericht finden Sie ebenfalls in diesem Bulletin.
sprechendem Rahmen in einem Festkolloqui-              Schließlich fand vom 7. bis 8. November
um im Stift Kremsmünster den 250 Jahren           in Feldkirch der 5. Österreichische Meteorolo-
Wetterbeobachtungen durch die Stiftsternwar-       gInnentag der ÖGM statt. Das Ziel des Me-
te Kremsmünster gedacht Im Rahmen dieses          teorologInnentages ist bekanntlich, den Aus-
Festaktes durfte ich in Würdigung dieser un-      tausch und Kontakt zwischen allen an Meteo-
glaublichen Leistungen über bereits mehr 250      rologie und ihren Anwendungsbereichen inter-
Jahre für die Meteorologie der Stiftsternwar-     essierten Personen und Institutionen in Öster-
te, vertreten durch Pater Amand, dem der-          reich zu intensivieren. In der von Richard Wer-
zeitigen Direktor der Stiftssternwarte, die Sil-   ner, Ernst Rudel und Sophie Debit bestens or-
berne Julius Hann Medaille der ÖGM überrei-      ganisierten Veranstaltung waren erfreulicher-
chen. Seitens der Stiftssternwarte wurde übri-    weise alle relevanten österreichischen Einrich-
gens diese Silberne Julius Hann-Medaille als       tungen inklusive privater meteorologischer Fir-
Objekt des Monats Juni 2013 auf die Website        men präsent, sodass ein sehr guter Überblick
der Stiftsternwarte www.specula.at gestellt.       über die derzeitigen Aktivitäten in der öster-
Einen kurzen Bericht über das Festkolloquium      reichischen meteorologischen Gemeinschaft ge-
finden Sie in diesem Bulletin.                     geben war. Auch über diese Tagung finden Sie
   Vom 2. bis 6. September 2013 richtete           einen Bericht in diesem Bulletin. Es sei auch
die ÖGM im Kongresszentrum Innsbruck zum          noch angefügt, dass im Rahmen der Tagung
zweiten Mal nach 2001 die 5.DACH-Tagung            erfreulicherweise einige Kolleginnen und Kol-
aus, wobei die konkrete Organisation in den        legen als neue Mitglieder der ÖGM gewonnen
Händen von Michael Kuhn, dem 2. Vorsit-           werden konnten. Der nächste MeteorologInnen-
zenden der ÖGM, zusammen mit dem Insti-           tag wird übrigens in 2015 in Wien in der Veteri-
tut für Meteorologie und Geophysik der Uni-       närmedizinischen Universität stattfinden.
versität Innsbruck und dem Kongresszentrum            In dem vorliegenden Bulletin wird weiters
Innsbruck lag. Die DACH-Tagung wird be-            von Wolfgang Schöner über die Gründung des
kanntlich seit 2001 alle drei Jahre gemeinsam      Österreichischen Polarforschungsinstituts be-
von der Deutschen Meteorologischen Gesell-         richtet. In einem Artikel der Kollegen von der
schaft, der Schweizerischen Meteorologischen       Firma Weatherpark wird über die Problematik
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Stadtplanung und Klimawandel berichtet und       Auswahl gekommenen zu finden sind.
Mathias Rotach stellt Thomas Karl als neuen         Mit Trauer musste in diesem Jahr die ÖGM
Professor für Atmosphärenphysik am Institut    den Tod von zwei verdienstvollen Mitgliedern
für Meteorologie und Geophysik der Univer-      der ÖGM zur Kenntnis nehmen. Am 13. März
sität Innsbruck vor.                            2013 verstarb Hans-Jürgen Bolle, der von 1977
    Ernst Rudel gibt einen Bericht über die     bis 1985 Professor am Institut für Meteorolo-
Generalversammlung der Europäischen Meteo-      gie und Geophysik der Universität Innsbruck
rologischen Gesellschaft EMS sowie über die     war. Einen Nachruf von Helmut Rott finden
13. Jahreskonferenz der EMS und die 11. Eu-      Sie in diesem Bulletin. Am 5. November 2013
ropäische Conference on Applications of Me-     schied Josef Willfarth im gesegneten 96. Le-
teorology ECAM, die heuer in Reading, UK,        bensjahr aus dem Leben. Josef Willfarth war
stattgefunden haben. Die EMS hat übrigens       lange Jahre bis Ende 1983 Vizedirektor der
den 3. Europäischen Fotowettbewerb Euro-        Zentralanstalt für Meteorologie und Geodyna-
photometeo14 gestartet. Bis 17. Jänner 2014     mik und hat in dieser Funktion die Entwicklung
können von jedermann maximal 2 Fotos mit        der ZAMG wesentlich mit beeinflusst. Daneben
meteorologischem Inhalt eingereicht werden.      war er über lange Jahre wichtiger Funktionär
Die Teilnahmsbedingungen finden Sie auf der      der ÖGM. Mit Freude und Wehmut erinnere
Website der EMS www.emetsoc.org . Das Ge-        ich mich gern, dass Hofrat Willfarth bis vor
winnerfoto des letzten Fotowettbewerbs Euro-     kurzem trotz seines hohen Alters zu den Pen-
photometeo12 finden Sie auf dem Titelblatt       sionistentreffen der ZAMG gekommen ist und
des vorliegenden Bulletins. Wenn Sie wun-        mit bewundernswerter geistiger Frische an den
derschöne meteorologische Fotos sehen wollen,   Diskussion teilgenommen hat.
kann ich Ihnen nur empfehlen, die Website der    Die ÖGM wird beiden ehemaligen Mitgliedern
EMS zu besuchen, wo die 10 besten Fotos von      ein ehrendes Gedenken bewahren.
Europhotometeo12 aber auch alle in die nähere
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ÖGM bulletin 2013/2                                                                               5

IMGI

     Nachruf auf Professor Hans-Jürgen Bolle
              29.1.1929 – 13.3.2013
Helmut Rott

     Festkolloquium zum 75. Geburtstag von H.-J. Bolle, Universität Innsbruck, 9. Februar 2004.

Hans-Jürgen    Bolle, ein exzellenter Wissen-        Hans-Jürgen    Bolle absolvierte das Studi-
schaftler und Lehrer in den Fachgebieten At-       um der Physik an der Universität seiner Ge-
mosphärenphysik, Klimaforschung und Erdbe-        burtsstadt Hamburg. Im Jahre 1954 schloss er
obachtung aus dem Weltraum, starb am 13.           das Diplomstudium mit einer Arbeit über die
März 2013 in München. Er spielte international   Bestimmung optischer Konstanten dünner Me-
eine führende Rolle in der Entwicklung quan-      tallschichten ab. 1958 promovierte er zum Dok-
titativer Methoden zur Analyse und Inversion       tor der Naturwissenschaften. Für seine Dok-
von Satellitenmessungen der Atmosphäre und        torarbeit führte Herr Bolle am Observatorium
war einer der Vorreiter der Nutzung von Satel-     des Deutschen Wetterdienstes in Hamburg mit
litendaten für Klimaforschung. Während seiner    einer selbstgebauten Apparatur spektroskopi-
Professur in Innsbruck (1977-1985) war er eine     sche Messungen der atmosphärischen Infrarot-
treibende Kraft für den Aufschwung von Satel-     strahlung durch. Diese Arbeit war ein wichtiger
litenmeteorologie und Fernerkundung in Öster-     Grundstein seiner wissenschaftlichen Karriere.
reich. Seine Verbundenheit mit Innsbruck und       Strahlungsprozesse in der Atmosphäre und In-
Österreich bekundete Herr Bolle unter ander-      version spektraler Messungen waren Themen,
em beim Festkolloquium zu seinem 75. Ge-           mit denen er sich während seiner gesamten
burtstag, das im Februar 2004 an der Univer-       wissenschaftlichen Laufbahn befasste, zunächst
sität Innsbruck abgehalten wurde.                 basierend auf Boden-gebundenen Messungen,
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bald übergehend auf Plattformen in der ho-           Während      seiner Zeit in Innsbruck hat-
hen Atmosphäre und im Weltraum. Mit hoch-         te Herr Bolle wichtige leitende Funktio-
auflösenden spektralen Messungen der atmo-        nen in internationalen wissenschaftlichen Gre-
sphärischen Strahlung im sichtbaren und in-       mien inne: Präsident der Int. Strahlungs-
fraroten Spektralbereich, die er in den Jah-       kommission der IUGG (1979-1983), Präsi-
ren 1961 bis 1963 an verschiedenen Orten           dent der Int. Assoziation für Meteorologie
des Mittelmeerraumes und am Jungfraujoch           und Atmosphärenphysik (IAMAP) der IUGG
durchführte, lieferte er wesentliche Grundlagen   (1983-1987), Stellvertretender Vorsitzender des
für die Modellierung von Prozessen der Strah-      Joint Scientific Committee“ (JSC) des Welt-
                                                   ”
lungsübertragung in der Atmosphäre.              Klimaprogramms WCRP (1982-1986). Diese
     Bereits wenige Wochen nach der Promotion      Funktionen ermöglichten Herrn Bolle die Um-
wurde Herr Bolle zum wissenschaftlichen Assi-      setzung seiner Ideen im internationalen Rah-
stenten am Lehrstuhl von Prof. Fritz Möller an    men. Er war einer der Initiatoren des In-
                                                                                               ”
der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz       ternational Land Surface Climatology Pro-
ernannt, einem Zentrum der atmosphärischen        ject“ (ISLSCP), ein Projekt unter dem Schirm
Strahlungsforschung. Im Jahr 1960 folgte er        von IUGG, COSPAR und UNEP, in dem Ver-
Herrn Prof. Möller an das Meteorologische         fahren zur Ableitung von Klimaparametern
Institut der Universität München. Er leitete     aus Satellitenmessungen entwickelt und globale
in München eine Arbeitsgruppe für Entwick-       Datensätze wichtiger Klimagrößen erstellt wur-
lung und Betrieb von Strahlungsinstrumenten,       den. Mittlerweile ist ISLSCP im Global Ener-
                                                                                     ”
die auf Stratosphärenballons und Forschungs-      gy and Water Cycle Experiment“ (GEWEX)
Raketen zum Einsatz gelangten. Diese Arbei-        des WCRP beheimatet. Eines der beiden
ten lieferten wichtige Kenntnisse für die Ent-    Workshops zur Gründung und Definition von
wicklung Satelliten-getragener Spektrometer,       ISLSCP wurde auf Einladung Herrn Bolles
die der Messung von Spurengasen der Atmo-          im Juli 1983 in Innsbruck abgehalten. Auf
sphäre dienen. Im Jahre 1968 erlangte Hans-       dem Gebiet der Satelliten Sondierung der At-
Jürgen Bolle an der Universität München die     mosphäre unterstützte Hans-Jürgen Bolle die
Lehrbefugnis für Meteorologie und im Jahre        Gründung der internationalen TOVS Working
1973 wurde er zum außerplanmäßigen Profes-        Group (ITWG), eine Untergruppe der Int.
sor ernannt.                                       Strahlungskommission. Er lud zur 1. Interna-
     Im Februar 1978 wurde Hans-Jürgen Bol-       tional TOVS Study Conference im August 1983
le als Ordentlichen Universitätsprofessor für    nach Igls bei Innsbruck ein. ITWG entwickelte
Meteorologie und Geophysik an die Univer-          sich zu einem wichtigen Forum für den Fort-
sität Innsbruck berufen. Diese Position hatte     schritt der Atmosphärensondierung. Bis heute
er bis Februar 1986 inne. Schwerpunkte sei-        wurden 17 weitere TOVS Study Conferences
ner wissenschaftlichen Arbeit in dieser Zeit       abgehalten. In den Jahren 1985, 1988, 1993 und
waren Methoden zur Inversion von Satelli-          1998 fanden sie wiederum in Igls statt.
tenmessungen der Atmosphäre und Erdober-             Hans-Jürgen Bolle war ein Verfechter mul-
fläche und der Einsatz von Erdbeobachtungs-       tidisziplinärer Forschungsansätze, insbesonde-
Satelliten für Klimaforschung. Er war einer der   re was die breite Nutzung von Satellitenda-
ersten, der das große Potential der Satelliten-    ten für Klimaforschung betrifft. Dies spiegelte
beobachtung für die Erfassung von Klimapa-        sich unter anderem in seinem Engagement bei
rametern der Erdoberfläche und Atmosphäre        Planung und Durchführung von Feldmesskam-
erkannte.                                          pagnen wieder, deren Ziel es war, Satelliten-
Österreichische Gesellschaft für Meteorologie 2013/2
ÖGM bulletin 2013/2                                                                                 7

Methoden für die Messung von Klimaparame-             Daten in Klimamodellen. Eines der wichtigsten
tern zu entwickeln und zu verbessern. In sei-          Projekte, das Herr Bolle koordinierte, war das
ner wissenschaftlichen Laufbahn initiierte er          multidisziplinäre EFEDA Projekt der EU, an
zahlreiche Messkampagnen, an denen Wissen-             dem 150 Wissenschaftler aus Europe und USA
schaftler verschiedener Disziplinen teilnahmen.        teilnahmen. Auf Grund seines fachlichen En-
Bei diesen Kampagnen war er Organisator und            gagements wurde Herr Bolle zum Vorsitzen-
auch selbst engagierter Experimentator. Die            den des wissenschaftlichen Komitees des IGBP
Verknüpfung von wissenschaftlicher Theorie,           Projekts BAHC (Biological Aspects of the Hy-
Experiment und praktischer Umsetzung war               drological Cycle) ernannt, eine Funktion, die
ein Markenzeichen der von ihm geleiteten Kur-          er von 1990 bis 1993 innehatte. Auch nach sei-
se. Die Feldmesspraktika am Landgut Herrn              ner Emeritierung (1994) war Hans-Jürgen Bol-
Bolles in der Toskana sind den (ehemaligen)            le wissenschaftlich sehr aktiv. Sein besonders
Studenten noch in lebhafter Erinnerung.                Interesse in diesen Jahren galt dem Klima des
     Auf nationaler Ebene trug Hans-Jürgen            Mittelmeerraumes und der Desertifikation.
Bolle wesentlich zur Planung und Vorbereitung              Hans-Jürgen Bolle war ein Wissenschaft-
der Mitgliedschaft Österreichs in den interna-        ler, der wesentlich zum Fortschritt in Atmo-
tionalen Organisationen ESA und in EUMET-              sphären- und Klimaforschung beitrug, der mit
SAT bei. Unter anderem erstellte er im Jah-            großer Offenheit über sein eigenes Fachgebiet
re 1984 gemeinsam mit Siegfried Bauer eine             hinaus blickte und internationaler und inter-
Studie zum Thema Beziehungen Österreichs              disziplinärer Kooperation großen Wert beimaß.
                      ”
zur ESA, Auswirkungen auf die Wissenschaft“.           Diese Offenheit und sein Arbeitsstil, geprägt
In Folge wurde eine beratende Kommission für          von Sorgfalt, Weitblick und Kollegialität, ver-
Weltraumforschung und -technologie der Bun-            liehen ihm höchste Anerkennung bei Kolle-
desregierung eingesetzt, mit der Aufgabe, eine         gen, Mitarbeitern und Schülern. Mit Hans-
langfristige Strategie für die österreichische Be-   Jürgen Bolle verliert die internationale wis-
teiligung an Weltraumprojekten zu erarbeiten.          senschaftliche Gemeinschaft einen der Pioniere
In dieser Kommission spielte Hans-Jürgen Bol-         der Erdbeobachtung aus dem Weltraum, der
le eine wichtige Rolle. Österreich wurde schließ-     in der Periode des Aufschwungs der Satelliten-
lich am 1. Januar 1987 Vollmitglied der ESA.           Technik wesentliche und nachhaltige Akzente
     Zentrales Forschungsthema Herrn Bolles            für Atmosphären- und Klimaforschung setzte.
während seiner Professur an der Freien Uni-
versität Berlin (1986 bis 1994) war der Ein-
satz von Satellitenmethoden zur Messung von
Energie- und Massenflüssen an der Erdober-
fläche. Sein besonderes Interesse galt dem Was-
serkreislauf und dem Einfluss von Klimaänder-
ungen auf die Verfügbarkeit von Wasser. Herr
Bolle war einer der Initiatoren großer interna-
tionaler Feldexperimente, die in verschiedenen
Regionen des Mittelmeerraumes durchgeführt
wurden. Wichtige Fragestellungen dieser Kam-
pagnen waren Weiterentwicklung und Verifi-
zierung von Methoden zur Messung von Zu-
standsgrößen der Atmosphäre, der Vegetation,         Einsatzbesprechung bei der EFEDA Messkampag-
und des Erdbodens, sowie die Nutzung dieser            ne in Spanien.
Österreichische Gesellschaft für Meteorologie 2013/2
8                                                                              ÖGM bulletin 2013/2

ÖGM

5. Österreichischer MeteorologInnentag, 7.-8.
November 2013, Feldkirch
Fritz Neuwirth

Der    alle zwei Jahre stattfindende Österrei-       le mit Meteorologie befassten Organisationen
chische MeteorologInnentag machte diesmal in          in Österreich wie die ZAMG, Flugwetterdienst
Feldkirch Station. Wie bekannt wurde die Ta-          von AustroControl, die Meteorologie-Institute
gung eingerichtet, um den Austausch und Kon-          in Wien, Innsbruck und Graz, das ESSL (Eu-
takt zwischen allen an Atmosphärenwissen-            ropean Severe Storms Laboratory) aus Wr.
schaft und ihren Anwendungsbereichen interes-         Neustadt, das Climate Change Centre Austria
sierten Personen und Institutionen zu fördern.       (CCCA) und private meteorologische Firmen
Insbesondere die Vernetzung zwischen den ent-         vertreten waren und über ihre derzeit laufen-
sprechenden Einrichtungen soll damit verbes-          den Aktivitäten bzw. Projekte berichteten.
sert bzw. intensiviert werden. Auch ist die Ta-           Zusätzlich zu den Vorträgen wurden noch
gung ein Forum, wo insbesondere junge Kolle-          Arbeiten in 12 Postern vorgestellt. Den Po-
ginnen und Kollegen eingeladen sind, ihre Ar-         sterpreis (Geldpreis) für den besten Poster der
beiten sei es in Vorträgen oder Postern vorzu-       ÖGM erhielt Frau Marianne Hofer vom In-
stellen.                                              stitut für Geophysik, Astrophysik und Meteo-
    Die österreichische MeteorologInnentagung        rologie der Universität Graz für ihren Poster
der ÖGM fand erstmals in Innsbruck statt. Zu           Detektion und Untersuchung solarer Strah-
                                                      ”
den folgenden Tagungen konnte nach Wien,              lungsüberhöhungen mit dem ARAD (Austrian
Graz und Klagenfurt eingeladen werden. Die            Radiation) System und dem Cloudcam (All-
diesjährige Tagung fand auf Initiative und un-       sky-Bildgebungs-)System“ am IGAM Graz.
ter intensiver Mithilfe unseres Mitglieds Ri-             Die Kurzfassungen aller Beiträge sowie die
chard Werner in Vorarlberg statt. Zum Gelin-          Powerpointpräsentationen der gehaltenen Vor-
gen haben zusätzlich Ernst Rudel, Sophie De-         träge sind auf der Website der ÖGM www.
bit und Markus Kottek wesentlich beigetragen.         meteorologie.at zu finden. Eine Fotogalerie
Allen muss herzlichst für ihre Mühe gedankt         von der Tagung auf der Website vervollständigt
werden. Besonderer Dank muss auch den Spon-           die Information über die Tagung. Insgesamt
soren der Tagung – Firma Sommer GmbH, Fir-            war die bestens organisierte und vom Hotel
ma Getzner Textil AG, ZAMG und dem Land               Montfort bestens betreute Tagung sehr er-
Vorarlberg - ausgesprochen werden.                    folgreich und hat ihren Zweck, Information
    Grußworte an die Tagungsteilnehmer rich-          über die verschiedenen mannigfaltigen Akti-
teten Frau Schöbi-Fink in ihrer Funktion als         vitäten der österreichischen meteorologischen
Stadträtin für Kultur und Integration der           Gemeinschaft zu erhalten bzw. auszutauschen,
Stadt Feldkirch, und Herr Landesrat Erich             mögliche neue Kooperationen zu beginnen, voll
Schwärzer, der uns beim Buffetdinner beehr-          erfüllt. Zu der angestrebten Vernetzung zwi-
te. Wie aus dem Programm ersichtlich, war es          schen den Institutionen haben zweifelsohne
höchst erfreulich, dass tatsächlich praktisch al-   das von der ZAMG gesponserte Dinner so-
ÖGM bulletin 2013/2                                                                              9

wie die Kaffeepausen wesentlich beigetragen.
Die nächste Österreichische MeteorologInnen-
tagung wird auf Einladung von Franz Rubel
2015 an der Veterinärmedizinischen Univer-
sität in Wien stattfinden.

                                                   Überreichung des Posterpreises durch Fritz Neu-
                                                   wirth an Frau Marianne Hofer (Foto: Ernest Rudel)

Georg Kaser, Johann Feichter, Richard Werner und
Ingeborg Schwarzl im Gespräch (Foto: Ernest Ru-
del)

Postersession (Foto: Ernest Rudel)

                                                   Mathias Rotach bei seinem Vortrag (Foto: Christi-
                                                   an Maurer)
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Programm des Meteorologentages
 Donnerstag, 7. November 2013
 13:00-   Registrierung
 14:30
 14:30-   Begrüßung und Eröffnung
 14:45    Barbara Schöbi-Fink (Stadträtin für Kultur und Integration, Feldkirch), Fritz Neu-
          wirth (1. Vorsitzender ÖGM)
 Session 1, Vorsitz: Fritz Neuwirth
 14:45-   Climate Change 2013, 5. IPCC-Bericht
 15:05    Georg Kaser, Institut für Meteorologie und Geophysik, Universität Innsbruck
 15:05-   Das Climate Change Centre Austria (CCCA) stellt sich vor
 15:25    Ingeborg Schwarzl, CCCA - Climate Change Centre Austria
 15:25-   Aktuelle Forschung in atmosphärischer Dynamik am IMGI
 15:45    Mathias Rotach, Institut für Meteorologie und Geophysik, Universität Innsbruck
 15:45-   Unwetterforschung im Europäischen Kontext - das ESSL in Österreich
 16:05    Alois M. Holzer, ESSL, European Severe Storms Laboratory
 16:05-   Einführung hochaufgelöster numerischer Modelle in den operationellen Betrieb an
 16:25    der ZAMG: erste Erfahrungen und zukünftige Planung
          Florian Meier, ZAMG Wien
 16:25-   Kaffeepause
 16:45
 Session 2, Vorsitz: Ernest Rudel
 16:45-   Modellierung von Vulkanasche für den Flugverkehr
 17:05    Gerhard Wotawa, ZAMG Wien
 17:05-   Klimamodellierung im Alpenraum - neueste Entwicklungen am Wegener Center
 17:25    Heimo Truhetz, Wegener Center für Klima und Globalen Wandel, Karl-Franzens-
          Universität Graz
 17:25-   50 Jahre Ostalpine Strömungslagenklassifikation
 17:45    Reinhold Steinacker, Universität Wien
 17:45-   GCOS datainventory Austria
 18:05    Rainer Stowasser, ZAMG Wien
 18:05-   Die Zugbahnen von Tiefdruckgebieten über Mitteleuropa und ihre Niederschlagsre-
 18:25    levanz für 1948-2012
          Michael Hofstätter, ZAMG Wien
 18:25-   Forschung & Entwicklung beim privaten Wetterdienst UBIMET
 18:45    Dieter Mayer, Günther Doppelbauer, UBIMET
 18:45-   Neues Visualisierungssystem - Neue Möglichkeiten
 19:05    Martin Steinheimer, Austro Control
ÖGM bulletin 2013/2                                                                          11

 19:30    Dinner
 Freitag, 8. November 2013
 Session 3, Vorsitz: Franz Rubel
 08:30-   Räumliche Modellierung extremer Schneehöhen in Österreich
 08:50    Harald Schellander, ZAMG Innsbruck
 08:50-   30.000 Schneewasserwertmessungen aus Österreich! Was zeigen sie uns?
 09:10    Stefanie Gruber, ZAMG Innsbruck
 09:10-   3PClim: Klima von Tirol, Südtirol und Veneto. Ein interregionales Projekt zur Kli-
 09:30    mavergangenheit, -gegenwart und -zukunft
          Christoph Zingerle, ZAMG Innsbruck
 09:30-   Missverständnisse zwischen Meteorologen und Laien: Erfahrungen aus der Praxis
 09:50    Matthias Ratheiser, Weatherpark GmbH
 09:50-   Dürrephasen im Alpenraum - Analysen aus HISTALP Beobachtungsdaten und re-
 10:10    gionalen Klimasimulationen mit COSMO-CLM
          Klaus Haslinger, ZAMG Wien
 10:10-   Kaffeepause
 10:30
 Session 4, Vorsitz: Markus Kottek
 10:30-   Meteorologische und klimatologische Leistungen der ZAMG im Bereich der Wind-
 10:50    energie
          Hildegard Kaufmann, ZAMG Wien
 10:50-   Die Bedeutung von abgetropften Tiefdrucksystemen für meso-skalige Starknieder-
 11:10    schlagsereignisse im Alpenraum
          David Leidinger, Institut für Meteorologie, Universität für Bodenkultur Wien
 11:10-   Aktuelle Aktivitäten in der Umweltmeteorologie an der ZAMG
 11:30    Martin Piringer, ZAMG Wien
 11:30-   Das Niederschlagsregime an Dome C, Antarktis - eine Untersuchung mit AMPS
 11:50    (Antarctic Mesoscale Prediction System)
          Elisabeth Schlosser, Institut für Meteorologie und Geophysik, Universität Innsbruck
 11:50-   Quantifizierung von Austauschprozessen im Gebirge: Effekte der Stabilität und der
 12:10    Gebirgshöhe
          Daniel Leukauf, Institut für Meteorologie und Geophysik, Universität Innsbruck
 12:10-   Aktivitäten an der ZAMG, Kundenservice Steiermark im Überblick
 12:30    Friedrich Wölfelmaier, ZAMG Graz
 12:30    Verleihung Posterpreis
12                                                                      ÖGM bulletin 2013/2

Posterpräsentationen

 P1    Detektion und Untersuchung solarer Strahlungsüberhöhungen mit dem ARAD (Au-
       strian Radiation) System und dem Cloudcam (All-sky-Bildgebungs-) System am
       IGAM Graz
       Marianne Hofer, Institut für Geophysik, Astrophysik und Meteorologie, Universität
       Graz
 P2    Changing risks to European transport infrastructure as pictured by Climatic Indices
       - an aspect of CliPDaR
       Christoph Matulla, ZAMG Wien
 P3    Constructing management guidelines for the Douglas fir as an alternative conifer
       species in Austria: provenance recommendations based on climate response functions
       Christoph Matulla, ZAMG Wien
 P4    Meilensteine einer realistischen Darstellung von Dispersionsergebnissen: Quell-
       termabschätzung und Ensemblevorhersage am Beispiel Grimsvötn
       Christian Maurer, ZAMG Wien
 P5    Inhomogenitäten in Zeitreihen der relativen Luftfeuchtigkeit in Österreich
       Johanna Nemec, ZAMG Wien
 P6    Climate services der ZAMG
       Johanna Oberzaucher, ZAMG Wien
 P7    Künftige Entwicklungen für das Lagrange’sche Partikelausbreitungsmodell FLEX-
       PART
       Anne Philipp, Institut für Meteorologie und Geophysik, Universität Wien
 P8    Carbon Dioxide Exchange in Complex Topography
       Matthias Reif, Institut für Meteorologie und Geophysik, Universität Innsbruck
 P9    Monitoring der Dual-Pol Radar in Österreich
       Christina Tavolato, MeteoServe GmbH
 P10   Analyse und Qualitätskontrolle von Wolkenuntergrenze und Sichtweite: erste Schrit-
       te
       Sarah Umdasch, Universität Wien
 P11   The impact of valley depth and width on thermally driven flows and vertical heat
       fluxes
       Johannes Wagner, Institut für Meteorologie und Geophysik, Universität Innsbruck
 P12   Zum Klimaatlas von Vorarlberg - vier Beispiele
       Richard Werner, Institut für Umwelt und Lebensmittelsicherheit
ÖGM bulletin 2013/2                                                                             13

ZAMG

Gründung des Austrian Polar Research Insti-
tute (APRI)
Wolfgang Schöner

Österreich hat eine lange Tradition in der in-   für die internationale Meereisforschung legte.
ternationalen Polarforschung. Eine wesentliche    Es sei hier noch angemerkt, dass in Österreich
Grundlage und ein herausragender Meilenstein      seit jeher, so wie in vielen anderen Ländern, die
war die Entdeckung der Inselgruppe Franz Jo-      Polarforschung sehr eng mit der Meteorologie
sef Land durch die österreichisch-ungarische     und Geophysik und insbesondere auch mit der
Nordpolarexpedition unter der Führung von        Zentralanstalt für Meteorologie und Geodyna-
Julius Payer und Carl Weyprecht im Jahr 1873.     mik verknüpft ist.
Wie oft in der Geschichte der Wissenschaft
war der Erfolg mit dem gleichzeitigen Ver-
fehlen des eigentlichen Expeditionszieles ver-
bunden, nämlich die Erkundung der Nordost-
                  ”
Passage“. Die größte Innovation die aus die-
ser Expedition folgte war jedoch die Entwick-
lung der Idee eines internationalen Polarjah-
res durch Carl Weyprecht. Ihm war durch
seine Polarexpeditionen klar geworden, dass
der Wettstreit zwischen den Nationen und die
unkoordinierte Erforschung der Polarregionen
                                                  Grußworte von BM Karlheinz Töchterle (Foto: Ger-
nicht zielführend waren. Er schlug daher vor,
                                                  not Weyss)
in internationaler Absprache zur selben Zeit
und unter Beteiligung möglichst vieler Natio-
nen die Polarregionen im Rahmen eines Polar-      Trotz    vieler internationaler Beiträge Öster-
jahres zu erforschen. Internationale Polarjah-    reichs zur Polarforschung ist es bis vor kurz-
re wurden mittlerweile mehrmals durchgeführt,    em nicht gelungen, eine nationale Vertretung
und Österreich beteiligte sich mit internatio-   in Form eines eigenen Polarforschungsinstituts
nal herausragenden Wissenschaftlern an al-        oder eine sonstigen nationalen Vertretung der
len Polarjahren. Von diesen Persönlichkeiten     Polarforschung in Österreich zu etablieren. Es
sei nur einer beispielhaft erwähnt, nämlich     gab jedoch in der Vergangenheit mehrere Ver-
der kürzlich verstorbene Nobert Untersteiner.    suche, eine solche Institution zu gründen, die
Berühmt wurde er durch seine Messungen auf       jedoch scheiterten. Eine derartige Vertretung
der Driftstation Alpha“ im Bereich des ark-       ist wichtig, um in internationalen Gremien (et-
                  ”                               wa dem International Arctic Science Commit-
tischen Ozeans, mit der er im Rahmen des
Internationalen Geophysikalischen Jahrs 1957-     tee IASC oder dem Scientific Committee on
58 (das auch als 3tes Internationales Polarjahr   Antarctic Research SCAR) teilzunehmen und
verstanden wird) eine wesentliche Grundlage       österreichische Interessen in internationale For-
                                                  schungsprogramme einzubringen. Auch für die
14                                                                           ÖGM bulletin 2013/2

Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses       nehmenden Organisationen koordinieren und
und die Information der Öffentlichkeit ist eine    fördern. Das APRI umfasst derzeit etwa 50
eigene Polarinstitution wichtig.                    Wissenschaftler (aus 14 Forschergruppen) von
    Mit dem Rückenwind des 4ten Internatio-        der Universität Wien, der Universität Inns-
nalen Polarjahres 2007/2008 hat sich die öster-    bruck, der Technischen Universität Wien und
reichische Polarforschung neu formiert und die      der Zentralanstalt für Meteorologie und Geo-
Idee eines eigenen Polarinstitutes wurde wie-       dynamik. Das Österreichische Institut für Po-
der aufgegriffen. Im Jahr 2012 ist es dann nach     larforschung verfolgt die folgenden Zielsetzun-
mehrjähriger Vorarbeit durch die Zusammen-         gen:
arbeit von Wissenschaftlern der Universitäten
Wien und Innsbruck und der Zentralanstalt             1. Erleichtern der Zusammenarbeit
für Meteorologie und Geodynamik gelungen                und Fördern von Synergien in der
die Initiative umzusetzen und das Österrei-             Polarforschung auf nationaler Ebe-
chische Polarforschungsinstitut – Austrian Po-           ne:
lar Research Institute ( APRI ) als kooper-              APRI will die disziplinär oft exzellente,
ierendes Institut zwischen den Initiatoren zu            aber fragmentierte österreichische For-
gründen. Die feierliche Eröffnung des Institu-         schungslandschaft im Bereich der Polar-
tes fand am 8. April 2013 an der Universität            forschung zusammenführen. Dabei soll
Wien im Beisein des BM für Wissenschaft und             die Zusammenarbeit der beteiligten Wis-
Forschung Dr. Karlheinz Töchterle, des Rek-             senschaftlerinnen und Wissenschaftler im
tors der Universität Wien, des Direktors der            Bereich der Polarforschung in Österreich
Zentralanstalt für Meteorologie und Geodyna-            gefördert und unterstützt und Synergien
mik, des Geschäftsführers von IASC und etwa            im Forschungsbereich der beteiligten In-
200 Gästen statt. Damit konnte ein Meilenstein          stitutionen ermöglicht werden.
in der Geschichte der österreichischen Polarfor-     2. Förderung internationaler Koope-
schung erreicht werden.                                  rationen in der Polarforschung und
                                                         Vertretung Österreichs in interna-
                                                         tionalen Organisationen der Polar-
                                                         forschung:
                                                         Polarforschung ist nicht nur thematisch
                                                         komplex, sie benötigt auch aufgrund
                                                         der geographischen Gegebenheiten zur
                                                         Durchführung eine ausgereifte und teu-
                                                         re Infrastruktur (etwa Forschungsstatio-
                                                         nen, Schiffe, Helikopter und Flugzeuge).
                                                         Polarforschung ist daher nur in einer ge-
                                                         meinsamen internationalen Anstrengung
Direktor Michael Staudinger begrüßte im Namen           sinnvoll und möglich. Österreich besitzt
der ZAMG (Foto: Gernot Weyss)                            im Gegensatz zu vielen europäischen
                                                         Ländern kein Polarforschungsprogramm
Das   neue österreichische Polar Research In-           beziehungsweise keine Trägerorganisati-
stitute möchte mit einer schlanken Führungs-           on, die sich um Polarforschungsagen-
struktur die Forschung und Ausbildung im Be-             den bemühen. Daher APRI hat es sich
reich der polaren Wissenschaften an den teil-            zum Ziel gesetzt, die österreichischen
ÖGM bulletin 2013/2                                                                          15

     Forscherinnen und Forscher in diesem Be-          keit forcieren und die Öffentlichkeit mit
     reich zusammen zu führen, sie zu koor-           fachlich fundierten Informationen zu die-
     dinieren und nach außen zu vertreten so-          sem Bereich versorgen.
     wie ihre Forschung sichtbarer zu machen.
     Darüber hinaus wird APRI die österrei-       Das    APRI hat sich der Forschung auf
     chische Polarforschung in wichtigen inter-   höchstem Niveau verpflichtet und orientiert
     nationalen Organisationen vertreten, et-     sich dazu ausschließlich an den Standards der
     wa IASC (International Arctic Science        Internationalen Scientific Community. Thema-
     Committee) oder dem SCAR (Scientific         tisch gibt es hingegen keine Einschränkungen.
     Committee on Antarctic Research).            Das APRI ist derzeit in drei Bereiche geglie-
                                                  dert:
  3. Initiierung, Entwicklung und Un-
     terstützung interdisziplinärer Po-
     larforschung auf nationaler und Eu-             • Cryosphere and Climate
     ropäischer Ebene:                                Dieser Themenbereich beschäftigt sich
     APRI möchte auch die Entwicklung                 vor allem mit der Reaktion der polaren
     von gemeinsamen interdisziplinären For-          Cryosphäre auf den Klimawandel, Rück-
     schungsprogrammen und -projekten in               koppelungen von Veränderungen in der
     Österreich initiieren und aktiv die Ein-         Cryosphäre auf das globale Klima sowie
     bindung der österreichischen Polarfor-           der Rekonstruktion des Klimas aus pola-
     schung in europäische Forschungspro-             ren Klimaarchiven.
     gramme unterstützen.
                                                     • Polar Ecology
  4. Unterstützung von Jungwissen-                    Die wichtigsten Themen in diesem Be-
     schaftlerInnen:                                   reich sind die Rolle polarer Ökosysteme
     Junge Wissenschaftlerinnen und Wissen-            in globalen biogeochemischen Kreisläufen
     schaftler werden bei der Entwicklung              und ihre Veränderung und Rückkoppe-
     ihrer Kariere im Bereich der Polarfor-            lung im Klimawandel und die genetischen
     schung durch das APRI unterstützt und            und ökologischen Anpassungen von Or-
     jungen österreichischen Forscherinnen            ganismen (insbesondere von Mikroorga-
     und Forschern die internationale Vernet-          nismen) an ihre polare Umwelt.
     zung in besserer Weise ermöglicht.
                                                     • Social and Cultural Systems
  5. Erhöhung der Sichtbarkeit der                    Der globale Klimawandel und die Aus-
     österreichischen        Polarforschung           beutung von Rohstoffen in arktischen
     und die Förderung des Dialogs der                Gebieten ändern die Lebensbedingun-
     Polarforscher mit der Öffentlich-                gen indigener Völker in arktischen Ge-
     keit:                                             bieten dramatisch. Dieses Themenfeld
     Die Sichtbarkeit der oft exzellenten, aber        beschäftigt sich insbesondere mit den
     fragmentierten österreichischen Polarfor-        Veränderungen in den Mensch-Umwelt
     schung der beteiligten Institutionen kann         Beziehungen in den arktischen Gebieten.
     durch APRI nach außen hin besser sicht-           Die Kooperation von Naturwissenschaf-
     bar gemacht werden. Darüber hinaus will          ten und Sozialwissenschaften macht das
     APRI den Dialog zwischen Polarforscher-           APRI zu einem interdisziplinären For-
     innen und –forschern und der Öffentlich-         schungsinstitut.
16                                                                            ÖGM bulletin 2013/2

                                                    Das    derzeitige Management-Team umfasst
                                                    den Direktor (derzeit Prof. Andreas Rich-
                                                    ter, Universität Wien) die Vize- Direktorin
                                                    (Prof. Birgit Sattler, Universität Innsbruck),
                                                    den Geschäftsführer (Dr. Wolfgang Schöner,
                                                    ZAMG, Stellvertreter Prof. Peter Schweit-
                                                    zer, Universität Wien) und die Finanzdirekto-
                                                    rin (Dr. Annett Bartsch, Technische Univer-
                                                    sität Wien, Stellvertreter Prof. Ulrich Stras-
                                                    ser, Universität Innsbruck). Detaillierte Infor-
Der Direktor des APRI Andreas Richter stellte das   mationen über das österreichischen Polar Re-
neue Institut und seine Aufgaben vor (Foto: Bern-   search Institute sind auf der Website www.
hard Hynek)                                         polarresearch.at abrufbar.

              Reisekostenzuschuss für studierende Mitglieder

Die   ÖGM fördert junge Mitglieder, die ihr       hat der Antragsteller Originalrechnungen und
Studium noch nicht abgeschlossen haben,             einen kurzen Bericht (1-2 Seiten), bis späte-
mit Reisekostenzuschüssen von maximal Eu-          stens 3 Monate nach beendeter Reise, abzuge-
ro 150,- pro Reise. Die Reise soll der wissen-      ben. Der Bericht ist so abzufassen, dass er im
schaftlichen Fortbildung oder der Präsentation     nächsten ÖGM Bulletin veröffentlicht werden
der eigenen Arbeit im Rahmen von Workshops          kann; die Mitglieder der ÖGM über die Ta-
oder Tagungen dienen. Der Antrag auf Reise-         gung und im Besonderen über den Beitrag des
kostenzuschuss muss an den 1. Vorsitzenden          geförderten ÖGM Mitglieds informiert werden.
der ÖGM gerichtet werden. Bei Bewilligung

                                          Tagungen

Bezüglich anstehender Tagungen im Jahr 2014 wird auf den Tagungskalender auf der Homepage
der Österreichischen Gesellschaft für Meteorologie verwiesen: http://www.meteorologie.at
ÖGM bulletin 2013/2                                                                             17

ÖGM

Festkolloquium 250 Jahre Wetter- und Kli-
mabeobachtung ”in der Stiftssternwarte Krems-
münster“ und Verleihung der Silbernen Hann-
Medaille der ÖGM an die Stiftssternwarte Krems-
münster
Fritz Neuwirth

Wie    im letzten ÖGM-Bulletin angekündigt       der Wetterbeobachtungen zu sichern. Frau
fand das Festkolloquium aus Anlass von 250         Bundesrätin Angelika Winzig überbrachte die
Jahren Wetter- und Klimabeobachtungen in           Grüße und Glückwünsche des Herrn Landes-
der Stiftsternwarte Kremsmünster unter re-        hauptmanns von Oberösterreich zu dem einzig-
ger Anteilnahme im beeindruckenden Rahmen          artigen Jubiläum. Michael Staudinger, Direk-
des Stifts Kremsmünster am 13. Juni 2013          tor der ZAMG, würdigte in seiner Begrüßung
statt. Wie bekannt wurde mit regelmäßigen         den jahrhundertelangen Einsatz der Stiftstern-
Wetterbeobachtungen durch die Stiftsternwar-       warte bzw. deren Mitarbeiter für die ständigen
te Kremsmünster bereits am 28. 12. 1762 be-       Wetterbeobachtungen und -messungen.
gonnen.

                                                   Begrüßung durch Abt Ambros Ebhart (Foto: Man-
Einleitende Worte durch Ernest Rudel, ZAMG,        fred Weigerstorfer)
Generalsekretär der ÖGM (Foto: Manfred Weiger-
storfer)                                           Im   ersten Vortrag im Rahmen des Festkollo-
                                                   quiums gab P. Amand Kraml, Direktor der
Der Abt des Stifts Kremsmünster, Ambros Eb-       Stiftssternwarte, einen höchst interessanten
hart, begrüßte die Teilnehmer und wies darauf     und launigen Überblick über 250 Jahre Meteo-
hin, dass sich das Stift der Bedeutung der jahr-   rologie in Kremsmünster (siehe auch den Bei-
hundertelangen Wetterbeobachtungen bewusst         trag im ÖGM-Bulletin 2013/1). Er wies dar-
ist und bemüht sein wird, den Fortbestand         auf hin, dass sich die Patres des Stiftes bereits
18                                                                           ÖGM bulletin 2013/2

vor 1762 mit Meteorologie befassten. In die-
sem Zusammenhang ist auch darauf hinzuwei-
sen, dass der erste Direktor der ZAMG – Karl
Kreil – und der wohl bedeutendste österreichi-
sche Meteorologe und Direktor der ZAMG –
Julius Hann -, Schüler des Stiftsgymnasiums
Kremsmünster waren. Ein ehemaliger Direk-
tor der Stiftssternwarte, P. Marian Koller, hat-
te als Ministerialbeamter des Kultusministeri-
ums wesentlichen Einfluss auf die Gründung
der ZAMG in 1851.

                                                   Pater Amand begrüßt die Gäste (Foto: Manfred
                                                   Weigerstorfer)

                                                   Pater Amand, Direktor der Stiftssternwarte (Foto:
                                                   Manfred Weigerstorfer)

Begrüßung durch Direktor Michael Staudinger,
ZAMG (Foto: Manfred Weigerstorfer)

Der    ehemalige Direktor des Max-Plank-
Instituts für Meteorologie in Hamburg, Hart-
mut Grassl, befasste sich im zweiten Festvor-
trag gewohnt mitreißend mit dem Treibhausef-
                                                   Pater Amand bei seinem Vortrag (Foto: Manfred
fekt, wobei er sowohl die historische Entwick-
                                                   Weigerstorfer)
lung des Verständnisses des Treibhauseffekts
als auch den heutigen Kenntnisstand insbeson-
dere im Hinblick des anthropogenen Anteils be-
                                                   Peer Hechler vom WMO Information System
                                                   befasste sich in seinem Vortrag mit 250 Jah-
handelte.
ÖGM bulletin 2013/2                                                                                 19

ren Klimabeobachtungen in Kremsmünster in
Relation zu den WMO Aktivitäten. Er zeigte
eindrücklich, dass Beobachtungsstationen wie
Kremsmünster die unverzichtbare Grundlage
für die Aktivitäten der globalen Meteorologie
sind. Eine WMO-Umfrage ergab, dass es rund
5000 Stationen weltweit gibt mit mehr als 100-
jährigen Beobachtungen, jedoch nur sehr weni-
ge mit über 200 Jahren ununterbrochenen Be-
obachtungen wie in Kremsmünster.

                                                   Peer Hechler: Kremsmünster und die WMO (Foto:
                                                   Manfred Weigerstorfer)

                                                   Am     Ende des Festkolloquiums überreichte
                                                   der 1. Vorsitzende der ÖGM, Fritz Neuwirth,
                                                   die Silberne Julius-Hann-Medaille Herrn P.
                                                   Amand Kraml, dem derzeitigen Direktor der
                                                   Stiftsternwarte, die die ÖGM in Würdigung
                                                   der einzigartigen, 250-jährigen Wetterbeobach-
                                                   tungen durch die jeweiligen Direktoren und ihr-
                                                   en Mitarbeitern der Stiftsternwarte zuerkann-
Hartmut Grassl bei seinem Vortrag (Foto: Manfred   te. Nach einem gemeinsamen Mittagessen gab
Weigerstorfer)                                     es die Möglichkeit, die Stiftsternwarte zu be-
                                                   sichtigen. Alle Vorträge können auf der Home-
Schließlich behandelte Ingeborg Auer, Leiterin     page der ÖGM (www.meteorologie.at) gefun-
der Abteilung Klimaforschung der ZAMG, die         den werden.
Bedeutung der Datenreihe von Kremsmünster
in der österreichischen Klimaforschung (sie-
he auch das ÖGM-Bulletin 2013/1). Sie wies
auf die unbedingte Notwendigkeit der Ho-
mogenisierung der Zeitreihen hin und beton-
te, dass manche Klimaforschungsarbeiten oh-
ne die Messungen bzw. Parallelmessungen von
Kremsmünster nicht möglich gewesen wären.

                                                   Fritz Neuwirth würdigt die Leistung der Stiftsstern-
                                                   warte (Foto: Manfred Weigerstorfer)
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Weatherpark GmbH

Stadtplanung in Zeiten des Klimawandels –
was die Meteorologie beitragen kann
Wolfgang Gepp, Matthias Ratheiser, Simon Tschannett

In   der Vergangenheit haben wir in Öster-       schiedener Disziplinen (z.B. von Meteorologie
reich einige wesentliche Fehlentwicklungen und    und Medizin). Auf nationaler Ebene fehlt im
Versäumnisse in der Klimapolitik beobachtet.     Bereich der Stadtplanung noch die praktische
Dies betrifft neben dem Klimaschutz vor allem     Umsetzung im Sinne dieser notwendigen Inter-
die Anpassung unseres gebauten Lebensraumes       disziplinarität.
an den schon stattfindenden Klimawandel. Das          Das Interesse am Wohlbefinden künftiger
äußert sich etwa darin, dass die unmittelba-     Bewohner und Benutzer von Gebäuden oder
re Bedeutung meteorologischer Forschung und       Stadtteilen sollte dazu führen, die Expertise
deren praktischer Umsetzung für die (Stadt-,     von Meteorologen als selbstverständlichen Be-
Freiraum- und Gebäude-)Planung nur äußerst      standteil in die Planung zu integrieren. Im Sin-
zögerlich im notwendigen Maße wahrgenom-         ne lebenswerter Städte ist weitere Aufklärungs-
men wird, obwohl es internationale Beispie-       arbeit und Bewusstseinsbildung erstrebens-
le wie etwa den Klimaatlas aus Stuttgart aus      wert.
dem Jahre 1992 gibt. Darin werden unter an-           Ein wesentlicher Teil meteorologischer Ar-
derem Empfehlungen für die Flächenwidmung       beit für die Stadtplanung besteht in der Bera-
und Stadtgestaltung gegeben, damit die Stadt      tung bei der Gestaltung von Gebäuden und an-
sich im Einklang mit den klimatologischen Ge-     grenzenden Freiflächen, damit Menschen die-
gebenheiten entwickeln kann.1                     se gerne nutzen bzw. deren Nutzbarkeit erhal-
    So verbleibt die Meteorologie bei der         ten bleibt. So können Meteorologen in interak-
Gebäude- und Stadtteilplanung hinter den sich    tiver Zusammenarbeit mit Landschaftsplanern
bietenden Möglichkeiten zurück, denn sie wird   und Architekten ein angenehmes Mikroklima
von vielen involvierten Planern nicht als wich-   schaffen, in dem etwa Bäume nicht nur Schat-
tig empfunden. Oftmals ist den handelnden         ten spenden, sondern diese auch so gepflanzt
Personen gar nicht bekannt, welche Werkzeuge      werden, dass sie Wind abbremsen, die Aufhei-
und Potentiale vorhanden sind. Der Grund für     zung von Freiflächen verringen und Schadstof-
diese Entwicklung liegt bisweilen in einer For-   fe aus der Luft filtern. Die Ausgewogenheit der
schung, die es verabsäumt, ihre eigene Bedeu-    meteorologischen Parameter wie Wind, Tem-
tung entsprechend hervor zu heben. Auf inter-     peratur, Feuchtigkeit und Sonneneinstrahlung
nationaler Ebene besteht hingegen eine starke     muss gewährleistet sein. Diese sollen jeder für
Tendenz, durch eine wirkungsvolle Präsenta-      sich ein angenehmes Maß nicht übersteigen und
tion meteorologischer Arbeit Aufmerksamkeit       in ihrem Zusammenspiel das Wohlbefinden der
für das Thema zu gewinnen und dessen Bedeu-      Menschen nicht nur nicht stören, sondern im
tung bewusst zu machen. Weiters etabliert sich    Idealfall fördern. Denn für Menschen angeneh-
international bereits die Zusammenarbeit ver-     me klimatische Bedingungen sind die Voraus-

     1
         http://www.stadtklima-stuttgart.de/
ÖGM bulletin 2013/2                                                                                      21

setzung für soziale Interaktion auf den Frei-         gossen und somit vergleichbar gemacht. Hoher
flächen einer Stadt und damit für gelungene          Windkomfort alleine kann noch keinen hohen
Stadtplanung.                                          Humankomfort sicherstellen, wenn die thermi-
     Ein entscheidender Parameter, der stark           sche Belastung, der Personen auf einer Frei-
von der umgebenden Bebauung beeinflusst                fläche ausgesetzt sind, zu hoch ist. Ebenso
wird, ist der Wind. Im Umfeld von Gebäuden,           zeigt sich, dass eine hohe Lufttemperatur allei-
die sich nicht in das am Standort vor-                 ne noch kein ausreichender Indikator für Hit-
herrschende Bebauungsschema einfügen (z.B.            zestress ist. Erst das Zusammenspiel aller Fak-
Hochhäuser), kann es zu Windverhältnissen            toren bringt die tatsächlich empfundene Bela-
kommen, die nicht ortsüblich sind. In der Fol-        stung zum Ausdruck. Eine geringe Belastung
ge treten an solchen Stellen Windgeschwindig-          bedeutet hohen Humankomfort.
keiten auf, deren Höhe das typische Maß für               Der Klimawandel wird, soweit es die bisher
die nähere und weitere Umgebung bei weitem            entwickelten Szenarien erkennen lassen, die ein-
übersteigen kann. Ab einer gewissen Häufig-          zelnen meteorologischen Parameter verändern
keit derartiger Situationen verringert sich der        und daher auf den Humankomfort Einfluss
Windkomfort einer betroffenen Freifläche. Der         nehmen. Auf Stadtgebiete trifft dies in be-
Windkomfort ist ein auf die Windgeschwin-              sonderem Maße zu, da einige der relevanten
digkeit bezogenes Maß dafür, wie angenehm             Faktoren durch die städtische Bebauung eine
es für Menschen ist, eine Freifläche zu nutzen       zusätzliche Verstärkung erfahren. Der Effekt
und sich dort aufzuhalten. Hoher Windkomfort           der städtischen Wärmeinsel etwa, der den Tem-
liegt dann vor, wenn an einer Stelle nur selten        peraturgegensatz zwischen Stadt und Land
Windgeschwindigkeiten auftreten, die eine be-          zum Ausdruck bringt, führt bei einem durch
absichtigte Nutzung erschweren oder den Auf-           den Klimawandel induzierten generellen An-
enthalt unangenehm machen. Soll etwa vor ei-           stieg der Lufttemperatur zu einer überpropor-
nem Lokal ein Gastgarten betrieben werden,             tional stärkeren Zunahme der Temperatur in
so ist das nur bei hohem Windkomfort sinn-             Ballungsräumen. Das bewirkt eine Ausweitung
voll. Niedriger Windkomfort hingegen führt zu         der Zonen mit Hitzestress im Stadtgebiet, was
einer erheblichen Attraktivitätsverminderung          wiederum die Zahl der Hitzetoten ansteigen
und letztlich dazu, dass die betroffenen Frei-         lassen wird.2 Dem kann durch eine geeigne-
flächen von den Menschen gemieden werden.             te Freiraum- und Stadtgestaltung, die die me-
     Der Windkomfort ist ein Teil des Human-           teorologischen Zusammenhänge berücksichtigt,
komforts. Denn neben dem Wind spielen für             entgegen gesteuert werden. So wird etwa in
das menschliche Wohlbefinden weitere meteo-            Paris zur Zeit die Umgestaltung des Place de
rologische Faktoren wie die Lufttemperatur,            la République nach Humankomfort-Kriterien
die Sonneneinstrahlung oder die Luftfeuchtig-          durchgeführt.3 Dabei ist aber zu beachten,
keit eine wichtige Rolle. Bei der Ermittlung           dass die Begrifflichkeiten und Phänomene rich-
des Humankomforts wird das subjektive Emp-             tig benannt werden. Denn der Wärmeinselef-
finden des Menschen in Reaktion auf all diese          fekt (z.B.: Gebäude der Stadt speichern un-
Einflussgrößen in eine mathematische Form ge-         ter Tags Energie und geben diese in der Nacht
  2
     siehe: Klimawandel und Gesundheit“. Editoren: Kromp-Kolb, H., Schwarzl, I. (2007): StartClim 2005: End-
           ”
bericht, Auftraggeber: BMLFUW, BMGF, UBA, 76S: http://www.austroclim.at/fileadmin/user_upload/
reports/StCl05A1a.pdf oder Temperature, temperature extremes, and mortality: a study of acclimatisation
                               ”
and effect modification in 50 US cities“ M. Medina-Ramón & J. Schwartz in: Occup Environ Med 2007;64:827-833
doi:10.1136/oem.2007.033175
   3
     http://www.placedelarepublique.paris.fr/articles/le-confort-thermique-0084
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ab und halten so die Lufttemperatur höher als       stellt werden sollten, genau dies gelingen kann.
in der Umgebung) ist in mitteleuropäischen          Diese Werkzeuge gemeinsam mit dem Know-
Städten in klaren Winternächten am stärk-         How von Meteorologen ist für die Planung und
sten ausgeprägt. In einer Dezember-Nacht 2010       Gestaltung unserer klima(wandel)angepassten
war etwa der Temperaturunterschied zwischen          Städte unentbehrlich.
der Innenstadt in Wien (-6,4◦ C, warme“ Insel)
                                   ”
                                                         Aufgrund des bereits begonnenen Klima-
und dem nahe Wien gelegene Groß Enzersdorf           wandels zeigt sich heute eine verstärkte Not-
(-20◦ C, kalte Umgebung) 13,6◦ C. An einem           wendigkeit meteorologische Parameter in der
heißen Sommernachmittag 2011 hatte die In-           Planung zu berücksichtigen. Aber auch in der
nenstadt 33,5◦ C, Groß Enzersdorf 33,0 ◦ C.          Vergangenheit haben sich Siedlungen schon im-
Trotzdem wird unter Tags im Sommer die               mer an das jeweilige Klima angepasst. Die fort-
Stadt als (viel) heißer als die ländliche Um-       schreitende technische Entwicklung der ver-
gebung der Stadt empfunden. Dies ist jedoch          gangenen Jahrzehnte hat die Stadtentwicklung
hauptsächlich auf die bisherige Planung, Ge-        immer mehr vom Klima entkoppelt. Es hat
staltung und Umsetzung von Gebäuden und             sich die Meinung durchgesetzt, dass techni-
Freiflächen in der Stadt zurückzuführen. Denn     sche Hilfsmittel und das Vorhandensein billi-
diese wirken sich tagsüber oftmals auf eine Ver-    ger Energie das menschliche Leben von Witter-
ringerung des Humankomforts aus und nicht            ungsbedingungen unabhängig machen. Wenn
so sehr auf eine Erhöhung der Temperatur in         es kalt ist, dann kann geheizt werden, ist es
der Stadt als Ganzes. Somit ist der Wärmein-        zu warm, wird ein Kühlaggregat eingeschal-
seleffekt als klimatologisches Phänomen nicht       tet. Die Fortbewegung im Automobil erfolgt
geeignet, die Hitze unter Tags an einem Som-         mit hohem Energieaufwand und die Insassen
mertag in der Stadt zu beschreiben. Dies ist         werden gegen die Einflüsse von Temperatur,
dann schon eher der Stadteffekt“. In Som-            Wind oder Niederschlag abgeschirmt. Körper-
                         ”
mernächten jedoch kühlt die Stadt nicht so         liche Anstrengung ist nicht mehr notwendig.
stark ab wie das Umland, was nun tatsächlich        Der Humankomfort eines Autofahrers unter-
Wärmeinseleffekt genannt wird. Hitzeperioden        scheidet sich damit deutlich von dem eines
mit niedrigem Humankomfort in der Stadt,             Fußgängers. Genau dieser Energieverbrauch,
die auch noch hohe Temperaturminima in der           der die vermeintliche Unabhängigkeit vom Kli-
Nacht haben und somit eine Erholung vom              ma ermöglicht, trägt zur Veränderung des Kli-
Hitzestress verhindern, tragen am stärksten zu      mas bei. Da nun erkannt wurde, dass eine Ver-
höherer Sterblichkeit bei.                          ringerung des Energieaufwandes notwendig ist,
    Für ein nachhaltig verträgliches Stadtklima    muss die Stadtentwicklung wieder wie früher,
ist zudem die Sicherstellung einer ausreichen-       als dies implizit passierte, im Einklang mit dem
den Versorgung mit (kühler) Frischluft ent-         Klima erfolgen.
scheidend. Eine gute Belüftung wird erreicht,           Dabei können Fehlentwicklungen der letz-
indem bestehende Luftschneisen nicht durch           ten Jahrzehnte nur mehr schwer korrigiert wer-
Bebauung blockiert und in dem neue Wege              den; städtische Strukturen weisen ein großes
für die Frischluft geschaffen werden. Ebenso        Beharrungsvermögen auf. Maßnahmen sind da-
ist die Schaffung und richtige Positionierung        her in bestehenden Stadtteilen schwer umsetz-
von Grünzonen für die Frischluftversorgung be-     bar – wenn auch nicht unmöglich, wie die deut-
deutend. Internationale Beispiele zeigen, dass       liche Erhöhung des Windkomforts in der Wie-
mit Hilfe von Klimatop- und Planungshinweis-         ner Donaucity beim Ares Tower durch regu-
karten, die auch für österreichische Städte er-   lierende Eingriffe zeigt: Interaktiv entwickel-
ÖGM bulletin 2013/2                                                                                   23

te Maßnahmen wie z.B: immergrüne Pflan-
zen in Pflanztrögen lenken den Wind über
die Fußgängerpromenade; eine optimal posi-
tionierte Glaswand schirmt den Eingang von
hohen Windgeschwindigkeiten ab. Am effek-
tivsten ist es jedoch, bereits beim Beginn der
Planung von neuen Gebäuden, neuen Stadttei-
len und der Stadtentwicklung die meteorolo-
gische Komponente zu berücksichtigen. Dann          Bei der Umgestaltung des Place de la Republique
besteht großer Gestaltungsspielraum, in dem          in Paris wurden Maßnahmen für einen höheren Hu-
wirkungsvolle Maßnahmen erarbeitet werden            mankomfort ergriffen: mehr Grün, helle Bodenplat-
können. So wurde etwa bei der Planung der           ten und offene Wasserspiele. (Foto: Mairie de Paris)
Seestadt Aspern (ein ehemaliges Flugfeld im
Osten Wiens) beispielgebend agiert. Bereits in
Ausschreibungen werden Richtlinien und Infor-
mationen zum Thema Mikroklima, Wind- und
Humankomfort vorgegeben, so dass Planer und
Entwickler dafür sensibilisiert sind und in der
Umsetzung diese Erkenntnisse Verwendung fin-
den. Denn die zukünftigen Bewohner und Nut-
zer der Wohn- und Gewerbebauten sollen sich
in ihrer neuen Umgebung wohl fühlen und sich
gerne im Freien aufhalten. Wissen, das wir als
Meteorologen in den Planungsprozess einflie-         Pflanztröge wie diese am Praterstern in Wien
ßen lassen, versetzt die Stadt als Lebensraum        können helfen, die lokalen Windverhältnisse zu ver-
in die Lage, den Anforderungen der Zukunft           bessern oder Schatten an heißen Sommertagen zu
gerecht zu werden.                                   spenden. (Foto: Weatherpark)

Begehbare Wasserspiele oder Brunnen in der Stadt
ermöglichen Abkühlung an heißen Sommertagen.
Sie tragen zu einem größeren Wohlbefinden der
Bevölkerung während einer Hitzewelle bei. (Foto:
                                                     Als Maßnahme gegen eine überhitzte Fußgängerzo-
Weatherpark)
                                                     ne hat die Stadtverwaltung von Malaga in Südspa-
                                                     nien Segeltücher aufgespannt. Diese Straße ist zur
                                                     Mittagszeit eine der wenigen, die von Passanten
                                                     frequentiert wird. (Foto: Weatherpark)
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ÖGM

DACH 2013: Deutsch-Österreichisch-Schweizerische
Meteorologentagung 2013, 2. – 6. September
2013, Innsbruck, Kongresshaus
Fritz Neuwirth

Die    Deutsch- Österreichisch- Schweizerische    Kuhn und seinem Team muss herzlichst für sei-
Meteorologentagung - DACH- Tagung - wird           ne Mühe gedankt werden.
traditionell gemeinsam von der Deutschen Me-           Die DACH 2013 war die 5. DACH-Tagung.
teorologischen Gesellschaft DMG, der Österrei-    Die erste DACH-Tagung fand 2001 in Wien,
chischen Gesellschaft für Meteorologie ÖGM       ebenfalls organisiert von der ÖGM statt. Die
und der Schweizerischen Gesellschaft für Me-      weiteren DACH- Tagungen fanden 2004 in
teorologie SGM ausgerichtet. Diesmal wurde         Karlsruhe, 2007 in Hamburg und 2010 in Bonn
die DACH 2013 vom Institut für Meteorolo-         statt. Die DACH-Tagung wurde seinerzeit von
gie und Geophysik der Universität Innsbruck       den drei Gesellschaft gegründet, um eine Ta-
und dem Kongresszentrum Innsbruck organi-          gung den deutsch-sprechenden Meteorologin-
siert, wobei die Federführung dabei bei Michael   nen/Meteorologen anzubieten, wo sie die Vor-
Kuhn, dem 2. Vorsitzenden der ÖGM, lag.           träge in ihrer Muttersprache halten können.
                                                   Auch wenn diese Idee in diesen Zeiten vielleicht
                                                   nicht mehr ganz zeitgemäß ist, so zeigt aber der
                                                   Besuch der bisherigen DACH-Tagungen, dass
                                                   es Sinn macht. Es muss aber betont werden,
                                                   dass auch Vorträge bzw. Poster in Englisch ak-
                                                   zeptiert werden.
                                                       Eine Besonderheit der DACH-Tagung ist
                                                   auch, dass es keine spezialisierte Tagung ist,
                                                   sondern dass meteorologische Themen in ihrer
                                                   ganzen Breite behandelt werden. So fanden bei
                                                   der DACH2013 Vorträge bzw. Poster zu folgen-
                                                   den Themen statt:

                                                      • Atmosphärische Chemie

                                                      • Herfried-Hoinkes-Sitzung: Glazial- und
                                                        Gebirgsmeteorologie

Eröffnung der DACH 2013 durch den 1. Vorsitzen-      • Albert-Defant-Sitzung:     Ozeanographie,
den der ÖGM Fritz Neuwirth (Foto: Helmut Mayer)        Maritime Meteorologie

                                                      • Klimawandel
Eine derartige Tagung zu organisieren, erfor-
dert einen ziemlichen Aufwand und Michael             • Messtechnik
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