UniPress* - Forschen - auch in der Nacht - Universität Bern

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UniPress* - Forschen - auch in der Nacht - Universität Bern
Forschen – auch in der Nacht

* Gespräch – Stig Förster und Daniel M. Segesser zum Grossen Krieg        32
* Begegnung – Albert Gobat, der unzimperliche Friedenskämpfer        36
                                                                               Au g u st 2 0 1 4   161
* Forschung – Frischer Atem leicht gemacht           28

UniPress*

Forschung und Wissenschaft an der Universität Bern
UniPress* - Forschen - auch in der Nacht - Universität Bern
Der universitäre Abschluss als Ziel
                                                                                                                                                            Rund 64 verschiedene Weiterbildungsabschlüsse an der Universität Bern
                                                                                                                                                            www.weiterbildung.unibe.ch

                                                                                                                                                                                                Master of Advanced Studies MAS
                                                                                                                                                                                                Diploma of Advanced Studies DAS
                                                                                                                                                                                                Certificate of Advanced Studies CAS

                                                                   Frei Zeit*
                                                                             Wir suchen
                                                                             Assistenzärztinnen
                                                                             und Assistenzärzte.
                                                                             www.privatklinik-meiringen.ch
* Meine Work-Life-Balance stimmt.
  Ich lebe und arbeite im Haslital…                                                                                                                         Informationen: Zentrum für universitäre Weiterbildung ZUW
                                                                                                                                                            Schanzeneckstrasse 1, 3001 Bern, www.zuw.unibe.ch, zuw @ zuw.unibe.ch
  Dort, wo andere Ferien machen!

  Bauen an der Zukunft                                                                            Geschichten einer Generation                                                                       Erinnern und Vergessen

  * Gespräch – Rektor Martin Täuber zur Strategie 2021       32                                   * Gespräch – Thomas Stocker und Gian-Kasper Plattner zum Klima     32                              * Gespräch der Generationen – Norbert Thom und Elena Hubschmid        32
  * Begegnung – Timo Engel bricht in fantastische Welten auf       36                             * Begegnung – Thierry Aebischer entdeckte ein Paradies für Tiere   36                              * Begegnung – Manuela coacht Helai             36
                                                                        Oktober 2013   158                                                                                Dezember 2013   159                                                                                   Ap r il 2 0 1 4   160
  * Forschung – Wie sich Geschlechter-Stereotypen auflösen        26                              * Forschung – Gehen mit dem Digitalfilm die Emotionen verloren?    26                              * Forschung – Wenn die Matur leicht ist, wird es später schwer   30

  UniPress*                                                                                      UniPress*                                                                                          UniPress*

  Forschung und Wissenschaft an der Universität Bern                                              Forschung und Wissenschaft an der Universität Bern                                                 Forschung und Wissenschaft an der Universität Bern

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                                                                                                                                                                                      Universität Bern
                                                                                                                                                                                      Abteilung Kommunikation
                                                                                                                                                                                      Hochschulstrasse 4
                                                                                                                                                                                      CH-3012 Bern
                                                                                                                                                                                      Tel. +41 31 631 80 44
   2           UniPress                  161/2014
                                                                                                                                                                                      kommunikation@unibe.ch
                                                                                                                                                                                      www.kommunikation.unibe.ch
UniPress* - Forschen - auch in der Nacht - Universität Bern
FORSCHEN – AUCH IN DER NACHT

«Forschen» ist ein schwaches Verb, aber eine starke Tätigkeit.
Das althochdeutsche forscõn bedeutet «fragen nach» und
verweist auf den harten Kern dieser Arbeit, die als beständiges
Fragen ein intensives Bemühen um Antworten meint.
   Wer fragt, weiss nicht – und wer hinterfragt, ist mit den
vorhandenen Antworten nicht zufrieden. «Die Universität Bern
betreibt Forschung zur Förderung der Erkenntnis und um des
Verstehens willen» formuliert das Leitbild der Universität Bern.
Mit einem Augenzwinkern könnte man auch sagen: Universi-
täten sind Institutionen des Mangels – des Wissensmangels
gewissermassen. Nur wer zu wenig weiss, will mehr wissen. Und
nur wer fragt, sucht nach Antworten. Fragen dient dem
Informationsgewinn (im Gegensatz zur rhetorischen Frage, die
zu beeinflussen sucht). An Universitäten ist Forschung immer mit
Lehre verbunden. Wer dank entsprechender Ausbildung je die
Erfahrung eines eigenen Erkenntnisgewinns machen durfte,
vergisst dies nicht so schnell. Eigene Erkenntnisse formen die
Persönlichkeit – und fördern das Vermögen zu einer (auch)
selbstbestimmten Lebensführung sowie zur republikanischen
Teilnahme am «öffentlichen Vernunftgebrauch», wie es der
Philosoph Immanuel Kant einmal eindrücklich formuliert hat.
Und das heisst hier für uns und einfacher ausgedrückt auch: zur
aktiven Teilnahme an der Demokratie.
   Wir porträtieren in diesem Heft acht ausgewiesene Forscher-
persönlichkeiten aus den acht Fakultäten der hiesigen Voll-
universität. Unser Interesse galt ihrer Leidenschaft für ihre
Forschung: für ihre Fragen, auf die sie gerne Antworten hätten.
Und da Forschung und Lehre verbunden sind, interessierte uns
auch die Leidenschaft an der Forschung bei aufstrebenden
jungen Forscherinnen und Forschern. Kurze Porträts dieser
Persönlichkeiten finden Sie ebenfalls in diesem Heft, vertiefende
Interviews in einem entsprechenden Dossier unserer Webzeitung
«uniaktuell».
   Diese 161. Ausgabe von UniPress möchte Sie einstimmen auf
die zweite Nacht der Forschung vom 6. September 2014, zu der
wir Sie hiermit freundlich einladen. Begegnen Sie Forscherinnen
und Forschern der Universität Bern mit ihren Fragen und vorläu-
figen Antworten, stellen Sie Ihre eigenen Fragen und lassen Sie
sich von ihnen durch die Nacht führen. Denn wie wir alle wissen:
Leidenschaften finden nicht nur am Tag statt.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

                                   Marcus Moser und Timm Eugster

                                                                    UniPress   161/2014   1
UniPress* - Forschen - auch in der Nacht - Universität Bern
Alumnitag 2014
der Universität Bern

Wissenschaft
trifft Wirtschaft
Samstag, 6. September im Kultur Casino Bern
10.00     Empfang mit Kaffee und Gipfeli
10.30     Musikalische Begrüssung – Alumni- & Sinfonieorchester der Universität Bern
10.50     Grusswort – Prof. Dr. Martin Täuber, Rektor der Univerisät Bern
11.00     Eingangsreferat – Regierungsrat Andreas Rickenbacher
11.15     Podiumsdiskussion «Wissenschaft trifft Wirtschaft» mit
          - Prof. Dr. Willy Benz – Physikalisches Institut, Universität Bern
          - Prof. Dr. Daniel Buser – Zahnmedizinische Kliniken, Universität Bern
          - Dr. h.c. Willy Michel – Ypsomed Holding AG
          - Regierungsrat Andreas Rickenbacher – Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Bern
          - Dr. Suzanne Thoma – BKW Energie AG
            Moderation: Sonja Hasler, SRF
12.20     Musikalische Verabschiedung – Alumni- & Sinfonieorchester der Universität Bern
12.40     Apéro riche
14.30     Offizielles Ende
14.45   – 16.00 Exklusive Führung über das Gelände der «Nacht der Forschung»

Melden Sie sich noch heute an: www.alumni.unibe.ch/alumnitag
Alle Ehemaligen der Universität Bern sind herzlich eingeladen. Die Teilnahme ist gratis

                                                                 Geschäftsstelle Alumni UniBE
                                                                 Hochschulstrasse 4
                                                                 CH - 3012 Bern
                                                                 Tel. +41 31 631 52 40
                                                                 E-Mail: office@alumni.unibe.ch
                                                                 www.alumni.unibe.ch
 2   UniPress   161/2014
UniPress* - Forschen - auch in der Nacht - Universität Bern
Inhalt

                                                       FORSCHEN – AUCH IN DER NACHT

                                                    5 Angela Berlis – Sie rettet aus der
                                                      «Spirale des Vergessens»
                                                      Von Sandra Flückiger

                                                    8 Thomas Cottier – Die Globalisierung im Blut
                                                      Von Martin Zimmermann

                                                   11 Adrian Vatter – Vatters Scharfblick aufs Politikspiel
                                                      Von Timm Eugster

                                                   14 Thierry Carrel – Forschung als Herzenssache
                                                      Von Nathalie Matter
   FORSCHUNG UND RUBRIKEN
                                                   17 Peter Neumann – Bis in den Busch zu den Bienen
                                                      Von Salomé Zimmermann
     Forschung
                                                   20 Reinhard Schulze – Das Vertraute im Anderen
 28 Zahnmedizin: Hilfe gegen den Mief im Mund         entziffern
    Von Susanne Wenger                                Von Marcus Moser

 30 Klimageschichte: Nadelstiche ins Eis           23 Pasqualina Perrig-Chiello – Die Psychologin forscht
    Von Kaspar Meuli                                  «von der Wiege bis zur Bahre»
                                                      Von Sandra Flückiger

     Rubriken                                      26 Kathrin Altwegg – Sie sucht die Antworten in den
                                                      Tiefen des Alls
  1 Editorial                                         Von Martin Zimmermann

 32 Gespräch
    Daniel Marc Segesser und Stig Förster – «Den       Bildstrecke: Forscherpersönlichkeiten aller Fakultäten der
    Eliten war das Schicksal von Millionen egal»       Universität Bern und ihre Lieblingsobjekte – ins Licht
    Von Marcus Moser                                   gerückt von Adrian Moser.

 36 Begegnung
    Albert Gobat, der vergessene Friedenskämpfer
    Von Timm Eugster

 38 Meinung
    Kunst – Kultur – Nachhaltigkeit
    Von George Steinmann

 39 Bücher

 40 Impressum

                                                                                           UniPress   161/2014   3
UniPress* - Forschen - auch in der Nacht - Universität Bern
4   UniPress   161/2014
UniPress* - Forschen - auch in der Nacht - Universität Bern
Sie rettet aus der «Spirale des Vergessens»
Angela Berlis beschäftigt sich mit Randfiguren und
bringt diese ins historische Bewusstsein zurück.
Die Kirchenhistorikerin, die gleichzeitig eine der
weltweit ersten christkatholischen Priesterinnen ist,
möchte damit die Wahrnehmung von Geschichte
verändern.

Von Sandra Flückiger

Ihre Arbeit ist mit der einer Detektivin        historische Bewusstsein zurückbringen,          Zusammenhänge und Deutungsmuster von
vergleichbar: Angela Berlis macht sich          «aus der Spirale des Vergessens reissen».       innen heraus. Eine Voraussetzung für die
auf die Suche nach Menschen, ihren              Gelungen ist ihr dies beispielsweise bei der    Forschung sei ein solches Insiderwissen
Geschichten, Handlungen und Motiven.            Historikerin Christine von Hoiningen-Huene,     allerdings nicht. Ihren Studierenden
Wie eine Detektivin braucht sie dabei           die 1898 an der Universität Bern promoviert     versucht sie denn auch vor allem die
auch hin und wieder eine Lupe, um               wurde – als eine der ersten Generation von      Relevanz von Geschichte aufzuzeigen und
Handschriften, insbesondere «kleine Fitzel-     Frauen mit Doktortitel in der Schweiz. Über     durch die Theologie ein breites kulturelles
schriften», zu entziffern. Ihre Neugierde       sie ist nun dank Angela Berlis ein Artikel im   Wissen zu vermitteln. «Ich möchte zeigen,
treibt die Kirchenhistorikerin an, eine         Historischen Lexikon der Schweiz zu finden.     wie spannend Geschichte ist. Sie sollen
historische Person kann sie richtiggehend           Die Geschlechterforschung beschäftigt       Zusammenhänge erkennen, diese kritisch
packen, «und dann suche ich und suche           die Theologin auch dann, wenn sie Dis-          deuten können und dadurch ihre Perspek-
ich, bis ich irgendetwas über diese Person      kussionen über den Zölibat im 19. Jahr-         tive weiten», so die Theologin.
finde». So geschehen etwa, als sie für ein      hundert analysiert: «In polemischen                 Natürlich lebe sie dabei ihre Leidenschaft
Kapitel ihrer Doktorarbeit zu einem kirch-      Schriften wurden den Gegnern oft weib-          für die Kirchengeschichte vor. Wichtiger sei
lichen Archiv in Köln reiste, um Briefe         liche Eigenschaften zugeschrieben, um sie       aber, dass die Nachwuchsforschenden ihre
von einer Frau an einen befreundeten            herabzusetzen», erläutert Berlis. So hätten     eigenen wissenschaftlichen Leidenschaften
Pfarrer einzusehen: «Als der Archivar den       die Christkatholiken damals gesagt, ihre        entwickelten.
Umschlag aus der Kiste holte, war er leer.      Priester seien männlich, weil sie nicht nur
Das war eine herbe Enttäuschung.»               eine Gemeinde leiten, sondern durch die         Kontakt: Prof. Dr. Angela Berlis,
    Dem Wohlwollen des Archivars hatte sie      Heirat auch Oberhaupt einer Familie             Departement Christkatholische Theologie,
es zu verdanken, dass sie den gesamten          werden könnten. Der römische Priester           angela.berlis@theol.unibe.ch
Nachlass schliesslich doch einsehen durfte,     hingegen sei vom Papst abhängig – ähnlich
obwohl er noch unter Verschluss war. Und        wie eine Frau von ihrem Mann. Die
siehe da, dort waren die Briefe. Ein Schlüs-    römisch-katholischen Priester wiederum
selerlebnis für die Theologin: «Da habe ich     sahen sich als männlicher an, da sie eben       Theologie
gemerkt, dass man am Ball bleiben und           nicht an eine Frau gebunden waren.              an der Nacht der Forschung
eine gewisse Eigensinnigkeit und Kreativität
entwickeln muss, wenn man nach Quellen          Insider-Wissen als Priesterin                   Du sollst dir (k)ein Bildnis machen – gleich
forscht.» Gerade wenn es um weniger             «Mir ist es wichtig, mit meiner Forschung       zwei Projekte der Theologischen Fakultät
bekannte Personen gehe, sei die Quellen-        neue Interpretationen von Personen,             an der Nacht der Forschung beleuchten
suche harte Arbeit. Aber umso spannender.       Ereignissen oder auch Diskursen aufzu-          die Rolle von Bildern im Christentum:
                                                zeigen und dieses Wissen in die Geschichts-     Beim ersten können Sie einem Ikonen-
«Verweiblichte» Priester                        schreibung zu integrieren», betont Berlis:      maler über die Schulter schauen; und bei
Angela Berlis studierte christkatholische –     «Historische Ereignisse scheinen manchmal       einer Vortragsreihe geht es um Fragen wie
ausserhalb der Schweiz als altkatholisch        weit weg, aber sie prägen uns und unsere        «Hatte Gott einen Bart?». Schreiben Sie
bezeichnete – Theologie in Bonn und             Gesellschaft oft bis heute. Es ist eine         aussderdem Ihren Namen auf Hebräisch
Utrecht. An der Universität Bern ist sie seit   Herausforderung, Geschichte und Ge-             oder kreieren Sie eigene Mosaike nach
2012 ordentliche Professorin für Geschichte     schichten heute neu zu erzählen, in einer       dem Vorbild der prächtigen römischen
des Altkatholizismus und Allgemeine             breiteren Wahrnehmung.»                         Kirche San Clemente. Auch die Liebe hat
Kirchengeschichte. «Geschichte und                  Ihren eigenen kirchlichen Hintergrund –     ihren Platz: Ein Test demonstriert, welche
Geschichten haben mich schon immer fas-         Angela Berlis und eine weitere Frau wurden      Dynamiken interreligiöse Paarbeziehungen
ziniert, vor allem über Menschen und ihre       1996 zu den weltweit ersten altkatho-           entwickeln können.
Lebenszusammenhänge», sagt sie über ihre        lischen Priesterinnen geweiht – sieht die
Forschung, die sie häufig Randfiguren,          Kirchenhistorikerin als Vorteil für ihre        Weitere Infos:
oft Frauen, widmet. Diese möchte sie ins        Forschung. Sie kenne dadurch bestimmte          www.nachtderforschung.unibe.ch

                                                        Forschen – auch in der Nacht                                  UniPress   161/2014    5
UniPress* - Forschen - auch in der Nacht - Universität Bern
Die lange Tradition des Christkatholizismus
an der Universität Bern

Die Christkatholisch-theologische Fakultät an der Univer-
sität Bern wurde 1874 gegründet und richtete sich an
Studierende, die sich gegen das Dogma der päpstlichen
Unfehlbarkeit stellten. 2001 fand der Zusammenschluss
mit der Evangelisch-theologischen Fakultät statt, woraus
die heutige Theologische Fakultät entstand. Christ-
katholische Theologie wird auch an den Universitäten
Bonn, Utrecht, Prag und Warschau gelehrt, die Berner
Professur für Geschichte des Altkatholizismus ist in ihrer
Ausrichtung weltweit jedoch einzigartig.
    Angela Berlis ist seit 2009 an der Universität Bern tätig,
seit 2012 als ordentliche Professorin. Sie erforscht haupt-
sächlich die Geschichte des Alt- und Christkatholizismus.
Zu ihren Spezialgebieten gehören dabei etwa die Edition
eines Briefwechsels von Eduard Herzog – des ehemaligen
Rektors der Universität Bern (1884/85) und ersten Bischofs
der Christkatholiken – sowie Analysen zur Aufhebung der
Zölibatspflicht und der Einführung der Priesterehe in den
christkatholischen Kirchen.
    Daneben interessiert sie sich für die historisch-theolo-
gische Frauen- und Geschlechterforschung. Gemeinsam
mit den anderen Professorinnen der Theologischen Fakul-
tät hat sie 2013 ein Forschungsprojekt über «Gender und
Tod» initiiert, in dem geschlechtsspezifische Einstellungen
und Erfahrungen von Männern und Frauen in verschie-
denen theologischen Disziplinen untersucht werden.

                                                 Die mutige Forschungsreisende
                                                 Bombenexplosionen und terroristische           päischen Alt- respektive Christkatholiken sei
                                                 Attentate können sie nicht von ihrer           in Armenien bisher nicht aufgearbeitet
                                                 Forschung abhalten: Mariam Kartashyan          worden und im Westen relativ unbekannt.
                                                 reiste im November 2013 trotz der Syrien-         Als gebürtige Armenierin liegt der
                                                 Krise für drei Monate in den Libanon, um       jungen Forscherin viel daran, diese Lücke zu
                                                 nach Quellen zu suchen. «Ich besuchte ein      schliessen. «Während der Forschungsreise,
                                                 abgelegenes Kloster, das ein fast völlig       bei der ich oft Angst um mein Leben
                                                 unsortiertes Archiv mit etwa 65 000 Briefen    hatte, sah ich, wie weit ich für meine
                                                 besitzt. Es war eine unbeschreibliche          Forschung gehen kann», so Kartashyan. Die
                                                 Freude, diese noch unbekannten Quellen zu      Ergebnisse seien nach dem Überwinden
                                                 erforschen», erzählt die Doktorandin am        dieser Schwierigkeiten besonders wertvoll
                                                 Departement für Christkatholische              für sie. (sf)
                                                 Theologie. Sie habe wichtige Informationen
                                                 gefunden, die ihr Forschungsprojekt über       Kontakt: Mariam Karthashyan,
                                                 die Spaltung zwischen den armenischen          Departement Christkatholische Theologie,
                                                 Katholiken und den römischen Katholiken        mariamkartashyan@yahoo.de
                                                 einen grossen Schritt weiter bringen. Dieser
                                                 Konflikt im 19. Jahrhundert und seine          uniaktuell-Interview online: Lesen Sie
                                                 Auswirkungen auf die Beziehungen der           das Interview im Online-Magazin unter
                                                 katholischen Armenier zu den westeuro-         http://tinyurl.com/dossier-tdf2014

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UniPress* - Forschen - auch in der Nacht - Universität Bern
Die Globalisierung im Blut
Klimawandel, Welthandel, Migration – in einer
globalisierten Welt mit globalisierten Problemen
reicht das klassische Völkerrecht nicht mehr
aus, davon ist Thomas Cottier, Leiter des Berner
World Trade Institute, überzeugt. Mit Nachwuchs-
wissenschaftlern aus zahlreichen Ländern forscht
er deshalb an der juristischen Neuordnung
der Welt.

Von Martin Zimmermann

An geschlossene Arbeitsräume glaubt             Interesse für den noch jungen Forschungs-     ansätze beim Aufbau neuer Governance-
Thomas Cottier nicht: Die Tür zu seinem         bereich Wirtschaftsvölkerrecht – sein         Strukturen. Die Suche danach motiviert
Büro steht meistens offen, auch für             Professor, John Jackson, war «ein Pionier     mich.»
die Dauer des Gesprächs mit UniPress.           auf dem Gebiet». Nach einem Forschungs-          Die Breite dieser Aufgabe bedinge aber
«Mir ist es wichtig, dass sich die Studie-      aufenthalt in Cambridge vertrat Cottier die   einen interdisziplinären Forschungs-
renden und Mitarbeitenden als Teil einer        Schweiz während zehn Jahren bei den           ansatz, der auch ökonomische, politolo-
Gemeinschaft fühlen und sich für die Arbeit     Verhandlungen zum Allgemeinen Zoll- und       gische, ökologische und soziale Fragen
der anderen Institutsangehörigen interes-       Handelsabkommen GATT, zuletzt als stell-      angehe, fügt er bei und schliesst: «Wenn
sieren», erklärt der Leiter des World Trade     vertretender Direktor des damaligen           ich dazu beitragen konnte, dass künftige
Institute (WTI). Diesen Ansatz widerspiegelt    Bundesamts für Geistiges Eigentum. Doch       Forschergenerationen von Anfang an diese
auch die offene Innenarchitektur des            das Interesse an der Forschung blieb.         ganzheitliche Perspektive einnehmen, dann
Instituts: Die Arbeitsplätze werden oft nur                                                   gehe ich zufrieden in den Ruhestand.»
durch hohe Büchergestelle voneinander           Wir wissen zu wenig über die EU
getrennt. Der persönliche Kontakt soll nicht    An der Alma Mater indes habe man mit          Kontakt: Prof. Dr. Thomas Cottier,
abreissen.                                      Wirtschaftsvölkerrecht zuerst nicht viel      Institut für Europa- und Wirtschaftsvölkerrecht
    Eine Ordnung basierend auf offenen          anfangen können, so der in Bern und Inter-    (IEW), thomas.cottier@iew.unibe.ch
Grenzen – diesen Kerngedanken der Globa-        laken aufgewachsene Freiburger. «Als ich in
lisierung hat der Wirtschaftsvölkerrechtler     Bern etwa auf dem Gebiet des GATT
an seinem Institut nicht nur architektonisch,   weiterforschen wollte, hiess es, das gehe
sondern auch personell umgesetzt: Die           nicht, das gehöre nicht wirklich zum          Rechtswissenschaften
Hälfte der 50 Mitarbeitenden besitzt keinen     Völkerrecht.» Doch dann lehnte das Stimm-     an der Nacht der Forschung
Schweizer Pass; das WTI pflegt Partner-         volk 1992 überraschend den EWR-Beitritt
schaften mit Hochschulen in aller Welt.         ab. «Der Kanton und die Uni-Leitung           Alles, was Recht ist, zeigt die Rechtswis-
«Wir bilden ihre Studierenden und Dokto-        erkannten, dass wir in der Schweiz einfach    senschaftliche Fakultät an der Nacht der
rierenden weiter», erläutert Cottier, der die   zu wenig über die EU wissen», sagt Cottier.   Forschung mit ihrem breiten Programm.
beste Chance für die Schweiz im globalen        Er bezeichnet den damaligen Schock            So demonstriert etwa das World Trade
Wettbewerb als Verkäuferin von Wissen           deshalb als «Katalysator» für die Einfüh-     Institute (WTI), welche positiven und
sieht. Er holt ein zierliches Porzellanboot     rung der Fächer Europa- und Wirtschafts-      negativen Folgen grosse Landpachten in
aus einem Holzkistchen und hält es ans          völkerrecht an der Universität Bern – ohne    Entwicklungsländern – das sogenannte
Licht: Das kleine Merci einer taiwanesischen    sie gäbe es auch kein WTI.                    Land Grabbing – haben können. Beim
Delegation und «ein schönes Sinnbild für            Die Spannungen zwischen der Schweiz       Institut für Bankrecht werden Sie selbst
den internationalen Handel».                    und der EU nach dem Ja zur SVP-Massen-        zum Banker, fischen Steuersünder oder
                                                einwanderungsinitiative, aber auch globale    testen, ob Sie das Zeug zur cleveren Anle-
Eine «Drehtüren-Karriere»                       Probleme wie die Migration, das Gefälle       gerin haben. Kinder unternehmen derweil
geht zu Ende                                    zwischen Nord und Süd oder der Klima-         eine spielerische Weltreise und lernen,
Nächstes Jahr wird der 64-Jährige emeri-        wandel verdeutlichen in seinen Augen          welches Land für welche exotischen
tiert. Damit neigt sich eine lange «Dreh-       eines: Das klassische Völkerrecht reicht in   Exportprodukte berühmt ist – Naschen ist
türen-Karriere» dem Ende zu: Von der            einer globalisierten Welt nicht mehr aus.     ausdrücklich erlaubt.
Forschung in die Praxis und wieder zurück.      «Es fehlt oft der rechtliche Rahmen, um
Während der Postgraduate-Zeit in den USA        globale Probleme anzugehen», erklärt          Weitere Infos:
Anfang der 80er Jahre entflammte Cottiers       Cottier. «Unsere Forschung liefert Lösungs-   www.nachtderforschung.unibe.ch

8   UniPress   161/2014                                Forschen – auch in der Nacht
Den Welthandel regulieren

Die Globalisierung schreitet aller Krisen zum Trotz
weiter voran – was dies für verschiedene Weltge-
genden konkret bedeutet, und wie man diese Entwick-
lung steuern kann, wird am World Trade Institute (WTI)
der Universität Bern erforscht.
   Das 1999 vom Wirtschaftsvölkerrechtler Thomas
Cottier gegründete Institut ist personell und thematisch
eng mit dem ebenfalls von ihm geleiteten Berner Insti-
tut für Europa- und Wirtschaftsvölkerrecht (IEW) ver-
flochten. Dieses fokussiert auf die Aussenbeziehungen
der EU und betreut die Lehre in Europarecht in Bern.
Am WTI wird aus einer interdisziplinären Perspektive
geforscht, diese umfasst Ökonomie, Rechtswissen-
schaften, Ökologie und Politologie. Das Institut gilt in-
zwischen weltweit als eines der wichtigsten Zentren
auf dem Gebiet des Wirtschaftsvölkerrechts. Der
Schweizerische Nationalfonds honorierte dies, indem
er 2005 den Nationalen Forschungsschwerpunkt (NFS)
«Trade Regulation» einrichtete. In diesem Rahmen
werden die Mechanismen des Welthandels untersucht.
   Neben der Forschung liegen die Schwerpunkte des
WTI in der Aus- und Weiterbildung von Forschenden
anderer Hochschulen sowie von Vertretern staatlicher
Institutionen. Dabei geht es laut Thomas Cottier da-
rum, gerade Menschen aus ärmeren Ländern mit dem
nötigen Know-how auszurüsten, um eigene Ansätze
zur Lösung der Probleme in ihrer Heimat zu finden.

                                              Pingpong spielen in der Miniaturwelt
                                              Wir leben alle auf einem Planeten. Mit           auf ihm ein Mensch geboren wird.» Wir
                                              dieser Überzeugung passt Charlotte               Schweizerinnen und Schweizer gehören zu
                                              Sieber-Gasser, 31, gut ins international         den Privilegierten. Dieses Bewusstsein
                                              ausgerichtete World Trade Institute der          wurde Charlotte Sieber-Gasser im Eltern-
                                              Universität Bern. Eine «Miniaturwelt», so        haus vermittelt. Ihre Chancen möchte sie
                                              nennt sie das Institut, an dem sie kürzlich      deshalb sinnvoll nutzen, etwas bewegen.
                                              ihre Dissertation einreichte. Vier Jahre harte   Zumindest für politischen Wirbel hat sie
                                              Arbeit, 300 Seiten Text: Die Erschöpfung         schon gesorgt: Das Freihandelsabkommen
                                              war gross, der anschliessende Urlaub mit         zwischen der Schweiz und China nach
                                              der Familie überfällig. Der Enthusiasmus         Annahme der Masseneinwanderungs-
                                              für die Forschung aber ist geblieben,            initiative? Eigentlich nicht umsetzbar, da
                                              wie sie sagt. «Ich kann die Dinge hinter-        der Vertrag Arbeitskräfte-Kontingente
                                              fragen, neu denken, mit der Gesellschaft in      explizit verbietet, so der brisante Schluss
                                              Dialog treten.» Am WTI schätzt die Post-         einer von ihr mitverfassten Studie. Sieber
                                              Doktorandin das «Pingpong», den Gedan-           ist zufrieden: «Es ist gewaltig, was man
                                              kenaustausch, mit Arbeitskollegen.               mit der Forschung alles auslösen kann!»
                                                 Sei es die fragwürdige Investitionspraxis     (maz)
                                              von China in Afrika, der fehlende Schutz
                                              der verfolgten Albinos in Tanzania oder die      Kontakt: Charlotte Sieber, NCCR International
                                              Chancen, die der Freihandel zwischen Ent-        Trade Regulation, World Trade Institute,
                                              wicklungsländern bringt – Fairness und           charlotte.sieber@wti.org
                                              Gerechtigkeit sind fundamentale Motive in
                                              Siebers rechtswissenschaftlicher Arbeit.         uniaktuell-Interview online: Lesen Sie
                                              Denn ob ein Planet oder nicht: «Es macht         das Interview im Online-Magazin unter
                                              immer noch einen riesigen Unterschied, wo        http://tinyurl.com/dossier-tdf2014

                                                      Forschen – auch in der Nacht                                   UniPress   161/2014     9
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Vatters Scharfblick aufs Politikspiel
Als Adrian Vatter jung war, faszinierte ihn der
Aufbruch in der lange so «bhäbigen» Schweizer
Politik. Heute analysiert er als Professor, wie das
spannungsreiche Politikspiel unsere einst so
musterhafte Konsensdemokratie verändert.

Von Timm Eugster

Gott würfelt nicht, sagte einst Albert          einer grünen Liste überraschend gewählt         ders, wenn man ihn darauf anspricht: «Der
Einstein. Politiker tun es, sagt der Berner     wurde. Leni Robert wurde Erziehungsdirek-       Vatter» ist «der neue Linder».
Politologe Adrian Vatter und wirft einen        torin, verhinderte die damals ernsthaft
Blick auf die beiden Würfel, die in seinem      diskutierte Abschaffung der Politikwissen-      Er setzt auf die nächste Generation
Büro stehen. Der eine zeigt Bundes-             schaft an der Universität Bern und forcierte    Das Werk präsentiert eine enorme Daten-
parlamentarier wie Felix Gutzwiller oder        die Wahl von Wolf Linder zum Professor für      fülle und Schlussfolgerungen wie diese: Die
Christoph Blocher und stammt aus einer          Schweizer Politik und zum Institutsdirektor.    Schweiz habe sich vom Musterbeispiel einer
Ausstellung für Schülerinnen und Schüler.                                                       Konsensdemokratie zu einem europäischen
Der andere zeigt Berner Regierungsräte und      Ohne Sonderfall-Brille                          Normalfall entwickelt. «Ich hoffe, dass
ist ein Werbeartikel vom letzten Wahl-          «Mir war sofort klar: Da muss ich hin»,         die nächste Politikergeneration unsere
kampf, als die rot-grüne Mehrheit mit dem       erinnert sich Adrian Vatter. Als Student        bewährten Konkordanz-Institutionen wieder
Slogan «4 gewinnt» antrat. «Die Politik hat     wurde er Linders Hilfsassistent, dann sein      stärker mit Leben füllen wird», bilanziert
auch eine sehr spielerische Seite», erklärt     Assistent und schliesslich sein Doktorand:      der Politologe, der sich nicht scheut,
der Professor: «Und wie in jedem guten          «Er hat mich in den ersten Jahren stark         Stellung zu beziehen.
Spiel zählt das Glück des Zufalls genauso       geprägt.»                                           Sicher ist: Auch für die nächste Genera-
wie die richtige Strategie.»                        Mit 39 Jahren wurde Adrian Vatter           tion von Politologen bleibt es spannend.
    Vatter sagt‘s, und demonstriert es gleich   selbst Professor – in Konstanz. «Es war         Adrian Vatter bereitet sie gerne darauf vor:
an einem der Köpfe: «Christoph Blocher          spannend zu sehen, wie wenig man sich           «Es ist immer sehr schön zu sehen, wenn
hatte das Glück, dass er zur rechten Zeit       dort für Schweizer Politik interessiert»,       eine Studentin oder ein Student plötzlich
kam: Als sich die Konfliktlinie Öffnung         erzählt Vatter – vor allem aber sei es enorm    ein Aha-Erlebnis hat.»
versus Schliessung der Schweiz ausprägte.»      befruchtend gewesen, von aussen auf die
Diese Ausgangslage habe Blocher dann            Schweiz zu schauen: «Es schärft den Sinn        Kontakt: Prof. Dr. Adrian Vatter,
strategisch sehr geschickt genutzt.             dafür, wo wir wirklich einzigartig sind und     Institut für Politikwissenschaft (IPW),
    Und schon sind wir mitten im Thema,         wo wir anderen europäischen Ländern             adrian.vatter@ipw.unibe.ch
das Adrian Vatter seit seiner Jugend fas-       ähnlicher sind als man es durch die Sonder-
ziniert und das er heute wissenschaftlich       fall-Brille sehen kann.»
analysiert: Wie die «stabile, ‹bhäbige› bis         Nun ist er nach einer weiteren Professur
langweilige» Schweizer Politik der Nach-        an der Universität Zürich wieder in Bern –      Wirtschafts- und
kriegsjahrzehnte dem heutigen dyna-             auf der Traumstelle, die er sich nie als Ziel   Sozialwissenschaften
mischen, konfliktreichen Spiel wich – und       zu setzen wagte: auf der Professur für          an der Nacht der Forschung
welche Auswirkungen dies für unser Land         Schweizer Politik nahe an den Akteuren in
hat. Er war 21 Jahre alt, als 1986 im           der Hauptstadt, Direktor an einem Institut      Überraschende Einsichten ermöglicht die
Kanton Bern das Unvorstellbare geschah:         mit starken Vorgängern. Diese Position ist      Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche
Im Zuge der Finanzaffäre verloren die           eine Verpflichtung.                             Fakultät an der Nacht der Forschung: Der
Bürgerlichen die Macht an Rot-Grün. Einen           Gute Ideen kommen Adrian Vatter oft         «Open Data Hack Room» der Forschungs-
Mehrheitswechsel in dieser Form hatte es        beim Unterrichten oder in der Freizeit. Doch    stelle für Digitale Nachhaltigkeit führt Sie
noch nie gegeben, seit der Bundesstaat          dann folge harte Arbeit. Der Professor holt     zur offenen Datenschatzkiste des Inter-
1848 gegründet wurde. «Als junger               ein gewichtiges Buch aus dem Regal: «Ich        nets, während Sie beim Institut für Marke-
Student bekam ich diesen Machtwechsel           schrieb jeden Tag zwei bis drei Seiten, auch    ting am eigenen Gaumen erleben, wie
hautnah mit», erinnert sich Vatter, der         am Wochenende.» 589 Seiten zählt nun            Werbung Ihren Geschmack beeinflusst.
damals im selben Haus wohnte wie Leni           das im Frühjahr erschienene Werk mit dem
Robert; der ersten Frau im Regierungsrat,       Titel «Das politische System der Schweiz».      Weitere Infos:
einer ehemals Freisinnigen, die nun auf         Die Kritiken sind gut. Eine freut ihn beson-    www.nachtderforschung.unibe.ch

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Schweizer Politik
im internationalen Vergleich

Adrian Vatter und sein Team befassen sich mit der
Analyse von politischen Institutionen, Entscheidungs-
prozessen und ausgewählten Politikfeldern auf den
verschiedenen Staatsebenen der schweizerischen Demo-
kratie. Die Professur für Schweizer Politik zeichnet – ge-
meinsam mit den Universitäten Zürich und Genf – verant-
wortlich für die VOX-Analysen (Nachbefragungen zu den
eidgenössischen Urnengängen). Darüber hinaus werden
praxisorientierte Forschungs- und Evaluationsprojekte im
Auftrag der öffentlichen Hand durchgeführt; eine wich-
tige Dienstleistung ist zudem das Jahrbuch für Schweizer
Politik «Année Politique Suisse».
    Die Schweizer Politik wird an der Universität Bern seit
1961 erforscht, als Erich Gruner zum Professor berufen
wurde. Er war einer der prägenden Pioniere der
Schweizer Politikwissenschaft und verfasste mehrere Stan-
dardwerke. 1987 wurde Wolf Linder Professor für
Schweizer Politik und Institutsdirektor. Mit grossem
Geschick gelang es ihm, innerhalb von wenigen Jahren
ein modernes Institut für Politikwissenschaft zu formen.
Er ist Autor von Klassikern zur schweizerischen Politik.
Sein Nachfolger wurde 2009 Adrian Vatter.
    Das Institut mit fünf Professuren konzentriert sich auf
die Strukturen, Prozesse und Inhalte schweizerischer
Politik, die vergleichende Politikwissenschaft, die Europa-
und Umweltpolitik sowie die Einstellungs- und Verhaltens-
forschung im Rahmen der politischen Soziologie. Im
Vordergrund stehen dabei die Entwicklungen in der
Schweiz im europäischen Vergleich.

                                              Demokratien im Praxistest
                                              In einer Demokratie zählt jeder Bürger und       richtig liegt mit seinem Ansatz der ver-
                                              jede Bürgerin gleich viel – unabhängig           gleichenden «empirischen Repräsentations-
                                              vom Einkommen. So weit die Theorie. Die          forschung». Die Möglichkeiten neuer statis-
                                              Praxis untersucht Julian Bernauer, Ober-         tischer Methoden faszinieren ihn: «Ich
                                              assistent am Institut für Politikwissenschaft.   möchte die Realität besser abbilden,
                                              Gemeinsam mit Nathalie Giger und Jan             ohne die Möglichkeit des Vergleichs zu
                                              Rosset zeigte er, dass Parteien und Regie-       verlieren.»
                                              rungen die Interessen von Leuten mit                 Nach einigen Jahren der Unsicherheit
                                              kleinen Einkommen weniger gut berück-            ist für Bernauer klar: Er will Professor
                                              sichtigen als jene von Leuten mit grossen        werden. Gleichzeitig will er auch weiterhin
                                              Einkommen. Und: Je grösser die Kluft             seine beiden Kinder betreuen. «Ich würde
                                              zwischen Reich und Arm in einem Land ist,        die Stelle deshalb gerne mit einer Frau
                                              desto weniger Gewicht haben die Armen in         teilen.» (te)
                                              der Politik. «Es ist also schlimmer, in Gross-
                                              britannien arm zu sein als in der Schweiz,       Kontakt: Dr. Julian Bernauer,
                                              wo die Einkommensunterschiede geringer           Institut für Politikwissenschaft (IPW),
                                              sind», so Bernauer.                              julian.bernauer@ipw.unibe.ch
                                                 Der Artikel ist von der Schweizerischen
                                              Akademie für Geistes- und Sozialwissen-          uniaktuell-Interview online: Lesen Sie
                                              schaften ausgezeichnet worden – für den          das Interview im Online-Magazin unter
                                              33-Jährigen eine Bestätigung, dass er            http://tinyurl.com/dossier-tdf2014

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Forschung als Herzenssache
Freizeit braucht er wenig – der prominente Herz-
chirurg und Klinikleiter Thierry Carrel ist auch
nachts, an den Wochenenden und manchmal auch
in den Ferien für seine Klinik und seine Patienten
verfügbar. Genauso wichtig wie die Praxis ist ihm
die Forschung.

Von Nathalie Matter

Für andere da zu sein und die eigenen           spannende Erweiterung des klinischen            vom Aufhören Mühe bereitet. Zehn Jahre
Bedürfnisse hinten anzustellen: Das gehört      Tagesgeschäfts», sagt Carrel. Kliniken          verbleiben ihm noch bis zu seiner Emeritie-
zum Selbstverständnis von Thierry Carrel.       müssen im Gegensatz zu anderen Unibe-           rung. «Mit 65 von Hundert auf Null zurück-
Der bekannte Herzspezialist ist als Chirurg,    trieben einen 24-Stunden-Betrieb führen         zuschalten, wird für mich schwierig.» Für
Ausbildner, Forscher und Klinikleiter oft       und sich anhand von finanziellen Erträgen       Chirurgen und Klinikdirektoren wie ihn
über 80 Stunden pro Woche im Einsatz.           und Patientenzahlen messen lassen. Da           gebe es kein «sanftes Entsorgungs-
Daneben engagiert er sich seit Jahren in        fehlt manchmal das Verständnis, dass auch       konzept», also keine Möglichkeit, die
humanitären Projekten, verbringt etwa mit       die Betreuung von Nachwuchsforschenden          Verantwortung langsam abzugeben, die
seinem Team einen Teil seiner Ferien in der     Zeit braucht: Einen Eingriff durchzuführen      eigene Erfahrung an die neue Klinik-
russischen Uralstadt Perm, wo er Kinder         ist wichtiger als eine Masterarbeit oder eine   direktion weiterzugeben, diese allenfalls
und Jugendliche am Herzen operiert und          Habilitation zu betreuen, kriegen Mediziner     im Hintergrund noch zu entlasten.
die dortigen Chirurgen finanziell und mit       oft zu hören.                                   «Solange ich noch im Amt bin, will ich
Know-how unterstützt. Für den 54-Jährigen                                                       meine Zeit optimal nutzen und versuchen,
ist Medizin Berufung, nicht einfach Beruf.      Forschen für den Patienten                      ideale Bedingungen zu schaffen für meine
    Seine christliche Grundprägung trägt        Carrel will durch seine Forschung dem           Nachfolge.» Dass Thierry Carrel sich dann
ebenfalls dazu bei, dass er rund um die Uhr     Patienten konkrete Vorteile ermöglichen.        aber ganz aus der Medizin zurückziehen
verfügbar ist. Wie der Hausarzt aus seiner      Etwa, indem sie dazu beiträgt, ein tech-        wird, ist kaum anzunehmen.
Kindheit, der sogar sonntags vorbeikam.         nisches Gerät zu verbessern oder eine
Dieses Bild hat Carrel geprägt. Auch er         Herzoperation schneller und risikoärmer         Kontakt: Prof. Dr. med. Thierry Carrel,
wollte ursprünglich Hausarzt werden,            durchzuführen. Zum Beispiel forscht eine        Universitätsklinik für Herz- und
entschied sich dann aber während des            Gruppe an einer automatisierten Rekon-          Gefässchirurgie Inselspital,
Studiums, statt in die Breite in die Tiefe zu   struktion der Eingangsklappe der linken         thierry.carrel@insel.ch
gehen und sich einem einzelnen Organ zu         Herzkammer. Mit einer Art Pistole (im Bild
widmen: dem Herzen.                             rechts oben) werden künstliche Sehnen-
                                                fäden aus Goretex eingesetzt, die abge-
«Sinnvoll und hochspannend»                     rissene oder verlängerte eigene Sehnen-         Medizin
Mit derselben Leidenschaft, mit der Carrel      fäden ersetzen sollen. Das Verfahren soll       an der Nacht der Forschung
seiner klinischen Tätigkeit nachgeht,           den Eingriff erleichtern, aber auch sicherer
betreibt er auch Forschung: «Es gibt            machen und verkürzen.                           Neue Erkenntnisse aus der Forschung und
noch unbegrenzt vieles zu entdecken»,               Eine weitere Aufgabe von Thierry Carrel     viel Praxis bietet die Medizinische Fakultät
ist er überzeugt. «Schon über unser             ist das Ausbilden des Nachwuchses. Auch         an der Nacht der Forschung: Operieren Sie
rund 300 Gramm schweres Herz ist trotz          dies betreibt er mit Erfolg: Er hat ein sehr    mit dem Da-Vinci-Operationsroboter eine
30 bis 40 Jahren klinischer Tätigkeit noch      gut operierendes Chirurgen-Team aufge-          Schokolade, erforschen Sie live Ihr Gehirn
sehr vieles unerforscht!» Auch wenn er          baut und wurde 2013 zum besten Herz-            oder fertigen Sie ein 3D-Modell Ihres
selber nur noch selten im Forschungslabor       chirurgie-Ausbildner Europas ernannt. Den       Gesichts an. Kontrollieren Sie mit einem
steht, treibt ihn eine permanente wissen-       Forschenden in seinem Team öffnet er            Test Ihre Augenbewegungen, tauchen Sie
schaftliche Neugier an. Als Gutachter           zudem international Türen, um ihnen einen       ein in die medizinische Welt vor 50 Jahren
wissenschaftlicher Artikel für die bedeu-       Auslandaufenthalt und wertvollen Aus-           und hören Sie Vorträge zu Krebs, Rheuma,
tendsten Herzchirurgie-Journals liest er viel   tausch mit anderen Jungforschenden zu           Migräne und Komplementärmedizin.
und animiert sein Team dazu, Erkenntnisse       ermöglichen. Daneben weibelt er bei In-         Ausstellungen zeigen chirurgische Implan-
von anderen mit den eigenen Erfahrungen         dustriepartnern, um Forschungsprojekte          tate, und märchenhaft wird es in der
zu vergleichen, Innovationen und Technolo-      nach Bern zu holen und nicht zuletzt auch,      medizinischen Pantomime «Das Virus und
gien zu überprüfen. So vergleicht man im        um finanzielle Unterstützung für die For-       der verlorene Schuh».
Team Ideen, priorisiert sie, verwirft einige    schung aufzutreiben.
wieder, da sie nicht realisierbar sind.             Bei einem so grossen Engagement             Weitere Infos:
«Forschung ist eine sinnvolle und hoch-         erstaunt es nicht, dass ihm die Vorstellung     www.nachtderforschung.unibe.ch

14   UniPress   161/2014                                Forschen – auch in der Nacht
Universitätsklinik
für Herz- und Gefässchirurgie

Die Klinik am Berner Inselspital ist die führende herz- und
gefässchirurgische Klinik der Schweiz. Jährlich werden
rund 2 500 Operationen durchgeführt, davon etwa
1 400 Herzoperationen. Schwerpunkte sind unter anderen
die Bypass-Chirurgie, die Therapie von angeborenen
Herzfehlern bei Kindern und Erwachsenen, die Aorten-
chirurgie und die Herzinsuffizienz-Chirurgie mit organ-
erhaltenden Hochrisiko-Eingriffen, Herztransplantationen
und Kreislauf-Unterstützungssystemen.
    Seit 2014 besteht eine «Public-private»-Kooperation in
der Herzchirurgie mit der Klinik Hirslanden in Aarau. Im
Rahmen der auf über 50 Jahre angelegten Überbauungs-
ordnung «Masterplan» wird die Klinik für Herz- und
Gefässchirurgie ab 2020 mit den Kliniken für Angiologie
und Kardiologie in einem neuen Gebäude zum Schweize-
rischen Herz- und Gefässzentrum am Inselspital zusam-
mengefasst.
    Thierry Carrel ist seit 1999 ordentlicher Professor und
Direktor der Klinik. Seit Beginn seiner herzchirurgischen
Tätigkeit hat er an über 10 000 Eingriffen als Assistent,
Operateur oder Ausbildner teilgenommen. 2008 behan-
delte er den erkrankten Bundesrat Hans-Rudolf Merz, dem
er fünf Bypässe setzte. Neben seiner Arbeit für die Univer-
sität und Klinik ist er ein gefragter Redner, der monatlich
an bis zu zehn Anlässen auftritt. Er äussert sich zu so
verschiedenen Themen wie Operationstechniken an einem
Medizinerkongress, über Mut zum Risiko am Swiss
Economic Forum oder zu Gesundheit und Spiritualität als
Ressource in einer Pfarrei. Seine knapp bemessene Freizeit
verbringt der gebürtige Freiburger gerne mit seiner
Frau am Vierwaldstättersee und als Bassposaunist im
Blasorchester Freiburg.

                                              Sie stärkt schwache Herzen
                                              Henriette Most operiert im Team von            gruppe, die sie selber aufgebaut hat, hofft
                                              Thierry Carrel – die stellvertretende Ober-    Most, zu Innovationen und neuen Thera-
                                              ärztin setzt Bypässe, ersetzt Herzklappen      pien beizutragen. Da sie in der Klinik stark
                                              und assistiert bei Transplantationen oder      eingespannt ist, muss sie die Forschung teil-
                                              Implantationen von kreislaufunterstützen-      weise in ihrer Freizeit betreiben: «Um bei-
                                              den Pumpen. Ihr Forschungsinteresse            spielsweise ein Manuskript oder einen An-
                                              gilt der Frage, wie geschwächte Herzen         trag zu schreiben, muss ich genügend Zeit
                                              gestärkt werden und wieder kräftiger           frei nehmen.» Für ein Projekt zu Tests von
                                              schlagen können, so dass dereinst vielleicht   neuartigen Therapeutika an menschlichen
                                              Transplantationen nicht mehr die einzige       Herzmuskelzellen wurde sie bereits 2012
                                              Möglichkeit sind, den Patienten zu helfen.     mit dem Forschungspreis des Departements
                                              «Herzmuskelschwäche ist ein weit ver-          Klinische Forschung ausgezeichnet. (nm)
                                              breitetes Problem, bei dem wir aber oft zu-
                                              wenig ausrichten können. Darum ist dort        Kontakt: Dr. med. Henriette Most, Uni-
                                              die Sterblichkeitsrate höher als beispiels-    versitätsklinik für Herz- und Gefässchirurgie
                                              weise bei vielen Krebserkrankungen», sagt      Inselspital, henriette.most@insel.ch
                                              Most. Patienten mit Herzinsuffizienz
                                              müssen immer häufiger ins Spital, während      uniaktuell-Interview online: Lesen Sie
                                              die Krankheit voranschreitet – dies verur-     das Interview im Online-Magazin unter
                                              sacht hohe Kosten. Mit der Forschungs-         http://tinyurl.com/dossier-tdf2014

                                                       Forschen – auch in der Nacht                                 UniPress   161/2014      15
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Bis in den Busch zu den Bienen
Peter Neumann, Professor für Bienengesundheit,
ist fasziniert von der ausgeklügelten Arbeitsteilung
und der Schwarmintelligenz von Bienen. Er er-
forscht, warum die Bienenvölker weltweit dahin-
sterben und wie Krankheitserreger den Bienen zu
schaffen machen.

Von Salomé Zimmermann

«Vor zwanzig Jahren wurde ich für mein         Imker innerhalb von zwei bis drei Jahren       wichtige Schlüsselerlebnis für mich als
Fachgebiet, die Bienengesundheit, be-          tot. Die Milben interagieren mit Viren und     Forscher», so Peter Neumann. Nach
lächelt», erinnert sich Peter Neumann. Der     anderen Parasiten. Wie und mit welchen         Südafrika und auch nach Norwegen reist
über zwei Meter grosse Berliner mit            Folgen das geschieht, will Neumann mit         Neumann regelmässig, denn dort gibt es
Kotelettenbart und einem Flair für schwarze    seinem Team herausfinden – die Bienen-         Bienen, die gegen die Varroamilben resis-
Kleidung ist seit Anfang 2013 ausserordent-    Pathologie ist denn auch der Kernbereich       tent sind.
licher Professor für Bienengesundheit. «Seit   der Professur, die von der Stiftung Vinetum        Er leitet zudem seit mehreren Jahren das
dem grossen Bienensterben ist das Thema        für zehn Jahre finanziert wird.                wissenschaftliche Bienen-Netzwerk COLOSS
im Fokus der Öffentlichkeit, damit ist auch       Wieso wird für ein derart kleines Wesen     mit über 350 Mitgliedern aus 64 Ländern.
Geld da, und seit ein paar Jahren ist eine     so viel Forschung betrieben? Die Bienen        «Diese internationale Zusammenarbeit
richtige Aufbruchstimmung bei uns Bienen-      sind neben anderen Insekten massgebend         erlaubt uns grössere Fortschritte für die
forschenden spürbar», so Peter Neumann.        für die Bestäubung. Dadurch leisten sie        Bienengesundheit und macht zudem Spass,
Auch nach zwanzig Jahren Beschäftigung         einen entscheidenden Beitrag für den           weil wir durch diese Kooperationen auch
mit den kleinen Tieren ist der 47-jährige      Naturschutz und «bieten einen wichtigen        viel von anderen Ländern und deren
«Bienchen-Professor» fasziniert: «Viele        Ökosystem-Service». Zudem tragen sie zur       Kulturen erfahren», berichtet der vielseitig
kleine Insekten zusammen bilden eine           Sicherung unserer Ernährung bei, da die        Interessierte.
bestens funktionierende Einheit. Dies          Bestäubung für die Entstehung von
geschieht nach dem Prinzip der Schwarmin-      Früchten und Gemüse unabdingbar ist.           Kontakt: Prof. Dr. Peter Neumann,
telligenz – das einzelne Tier ist nicht so     Weiter ist die Imkerei ein Hobby und           Institut für Bienenforschung,
schlau, allein ginge es nicht, es braucht      Erwerb für viele Menschen. «Leider fehlt       peter.neumann@vetsuisse.unibe.ch
eine ausgeklügelte Arbeitsteilung.»            mir selber die Zeit, um zu imkern», so der
                                               Professor, er muss sich mit den Bienen-
Futtermangel, Pestizide                        stöcken begnügen, welche die Universität
und Krankheiten                                zu Forschungszwecken hält.                     Veterinärmedizin
Deshalb geht es bei der Bienengesundheit                                                      an der Nacht der Forschung
auch nicht in erster Linie um den Zustand      Aha-Erlebnis in der Kalahari-Wüste
der einzelnen Biene, sondern um das Volk       Soziale Insekten interessieren Peter           Die Vetsuisse-Fakultät zeigt an der Nacht
als Ganzes. Und diese Völker sterben seit      Neumann schon seit seiner Kindheit.            der Forschung Bedrohungen für Tiere
etwa sieben Jahren dahin, und zwar welt-       Während seines Chemie- und Biologie-           auf – neben Bienen etwa auch für Fische
weit. Dafür gibt es gemäss Neumann vor         Studiums in Berlin beschäftigte er sich        und Wildtiere. Beobachten Sie durch Glas-
allem drei Gründe. Den Bienen macht zu         anfänglich mit Ameisen. Zufällig sah er eine   scheiben Bienen bei der Arbeit und dis-
schaffen, dass sie nicht genügend Nahrung      Ausschreibung für eine Hilfsassistenz bei      kutieren Sie über aktuelle Projekte zur
haben, insbesondere in Zeiten von soge-        einem Professor, der eine Koryphäe der         Bienengesundheit. Erfahren Sie, welchen
nannten Futterlücken, abhängig von Saat-       Bienenforschung war. In der Folge be-          Gefahren Wildtiere durch den Klimwandel
und Erntezeiten. Dann haben die Pestizide      geisterte er sich für diese Art von so-        ausgesetzt sind. Aufgezeigt werden weiter
negative Effekte auf die Bienen. «Bei diesen   zialen Insekten und schrieb auch seine         die Vorteile der genetischen Vielfalt, die
beiden Aspekten sind politische Lösungen       Doktorarbeit zur Genetik von Bienen.           von Züchtern über Jahrhunderte ge-
gefragt, es geht um Massnahmen in der             «Nach der Dissertation war jedoch bei       schaffen wurde. Bei der Abteilung Tier-
Landwirtschaft, um die Bestäubung für          mir nach der ständigen Arbeit im Labor die     schutz lernen Sie, wie Küken zu ihrem
zukünftige Generationen zu sichern»,           Luft etwas raus», erinnert sich Peter          Wohlbefinden befragt werden können.
erläutert Neumann. Der dritte Faktor, der      Neumann. Bei einem Forschungsaufenthalt        Ausserdem werden Schweizer Ziegen und
Wild- und Honigbienen dezimiert, sind          in Südafrika gewann er neue und seither        eines der seltenen Gurt-Rinder zum An-
Krankheiten. Es sind vor allem die Varroa-     ungebrochene Motivation für sein Gebiet.       ziehungspunkt für Jung und Alt.
milben, die Bienenvölker dahinraffen –         «Ich war in der Kalahari-Wüste, draussen
jedes Schweizer Honigbienenvolk ist von        im Busch bei den Bienen. Diese Feldarbeit      Weitere Infos:
ihnen befallen und ohne Massnahmen der         war nach der Hilfsassistenz das zweite         www.nachtderforschung.unibe.ch

                                                       Forschen – auch in der Nacht                                 UniPress   161/2014   17
Einzigartiges Institut

Die 2013 neu geschaffene ausserordentliche «Stiftung
Vinetum-Professur für Bienengesundheit» ist in dieser
Form einzigartig in Europa. Das Institut für Bienen-
gesundheit ist der Vetsuisse-Fakultät angegliedert und
arbeitet eng mit der Philosphisch-naturwissenschaft-
lichen Fakultät zusammen, vor allem mit dem Institut
für Ökologie und Evolution. Über die Universität hinaus
steht es in stetem Austausch mit dem Zentrum für
Bienenforschung der eidgenössischen Forschungsanstalt
Agroscope. Dieses widmet sich der angewandten
Forschung, während das Universitäts-Institut die Grund-
lagenforschung leistet. Der dritte Mitspieler ist der
nationale Bienengesundheitsdienst, der vom Bund, den
Kantonen und den Imkern getragen wird. Die Berner
Bienenprofessur wird von der Stiftung Vinetum
während zehn Jahren finanziert.
    Peter Neumann, 47, studierte Chemie und Biologie
in Berlin und promovierte und habilitierte in Halle in
Zoologie. Nach einem Postdoktorat in Südafrika über-
nahm er die Vertretung der Professur für Evolutions-
biologie und Biodiversität in Halle. Ab 2006 war
Neumann am Zentrum für Bienenforschung von Agro-
scope in Bern tätig und lehrte am Berner Institut für
Ökologie und Evolution. Seit 2008 leitet er das interna-
tionale wissenschaftliche Netzwerk COLOSS (Prevention
of honey bee COlony LOSSes) mit über 350 Mitgliedern
aus 64 Ländern. Er beschäftigt sich hauptsächlich mit
der Bienenpathologie, im Speziellen mit Varroamilben,
Kleinen Beutekäfern, Bakterien und Viren sowie der
Darmseuche Nosemose. Seit 2013 ist er ebenfalls
ausserordentlicher Professor in Pretoria in Südafrika.

                                              Sie sieht Bienen als Fenster zur Natur
                                              Ihr Herz schlägt für die Natur und das        sowie der enge Austausch mit den Prak-
                                              komplexe Zusammenspiel von Lebewesen:         tikern, den Imkern», sagt die Bienen-
                                              Die 29-jährige Gina Retschnig aus der         forscherin. Sie versucht, im akademischen
                                              Ostschweiz hat nach ihrem Master in           Umfeld nicht abzuheben, sondern «boden-
                                              Ernährungswissenschaften in Wien und          ständig und sich selber» zu bleiben. Das
                                              ihrer Dissertation bei Peter Neumann eben     Forschen vermittelt ihr das Gefühl, etwas
                                              ihre Anstellung als Postdoc und Assistentin   Sinnvolles zu tun – als Ziel bezeichnet sie
                                              am Institut für Bienengesundheit ange-        denn auch nicht Ruhm und Titel, sondern
                                              treten.                                       konkret die Verbesserung der Bienen-
                                                  Gina Retschnig sieht in den Bienen ein    gesundheit und neue Erkenntnisse. Zu den
                                              Fenster zur Natur, das uns Aufschlüsse über   Bienen ist sie über die Ernährungswissen-
                                              den Zustand der Natur im Allgemeinen          schaft, ihr ursprüngliches Fach, gelangt,
                                              erlaubt. Ihre Forschungsschwerpunkte sind     indem sie Pestizidrückstände im Honig
                                              die Drohnen, die männlichen Bienen, und       untersuchte. (sz)
                                              Interaktionen zwischen verschiedenen
                                              Stressfaktoren für die Bienen. Gewisse        Kontakt: Dr. Gina Retschnig,
                                              Pestizide wirken beispielsweise stark mit     Institut für Bienengesundheit,
                                              einem Darm-Parasiten zusammen und             gina.retschnig@vetsuisse.unibe.ch
                                              schwächen dadurch die Bienenvölker über-
                                              proportional stark. «Mir gefällt die viel-    uniaktuell-Interview online: Lesen Sie
                                              seitige Tätigkeit im Labor und auf dem        das Interview im Online-Magazin unter
                                              Feld, der Unterricht für die Studierenden     http://tinyurl.com/dossier-tdf2014

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Das Vertraute im Anderen entziffern
Arabischer Frühling, Arabischer Herbst: Uner-
müdlich kommentiert Professor Reinhard Schulze
die Ereignisse in der arabischen Welt – und
führt dadurch auch die Bedeutung der Islam-
wissenschaft vor Augen.

Von Marcus Moser

«Ich mag es, Unbekanntes zu entdecken»,             Reinhard Schulze spricht druckreif; dies     Menschen gleicher sozialer Schichten sich
sagt Reinhard Schulze zwischen Bücher-           und seine Fähigkeit, sein immenses Fach-        über Kulturen hinweg verstünden: «Ein
kisten. Das Büro ist nach dem Umzug aus          wissen zur verständlichen Analyse der           Geschäftsmann in Abu-Dhabi lebt in einer
einer zugemieteten Wohnung in die Uni-           Vorgänge in der islamischen Welt einzu-         ähnlichen Welt wie ein Geschäftsmann
tobler noch nicht fertig eingeräumt. Die         setzen, haben ihn zu einem häufigen Gast        in Genf.» Die Übereinstimmung der
Nähe zu den anderen Instituten der Philoso-      in den Medien gemacht. Dieses Engage-           Lebenswirklichkeit sei viel wichtiger als die
phisch-historischen Fakultät inspiriert den      ment entspricht seinem Selbstverständnis.       Differenz, dass der Geschäftsmann in
grossgewachsenen Forscher, der seit 1995         «Je mehr wir von unserem Wissensfundus          Abu-Dhabi Muslim, jener in Genf ein
an der Universität Bern wirkt. «Unbe-            in die Öffentlichkeit und in eine öffentliche   Calvinist sei. Ähnliches gilt laut Schulze
kanntes verbirgt sich in Texten, in Tradi-       Sprache übersetzen können, desto grösser        auch für Kleinbauern im Emmental und in
tionen, aber auch im sozialen Handeln von        wird die Chance, dass sich Menschen ein         Unterägypten. «Unsere These ist gerade,
Menschen», schlägt Schulze den Bogen             vernünftiges Urteil über die Vorgänge in        dass sich die unterschiedlichen Traditionen
vom sozialen Ort Unitobler zu seiner             der islamischen Welt machen können.»            durchaus vergleichen lassen.» Derartige
Forscherpassion: «Es ist die Entzifferung        Vernunft, nicht spontane oder emotionale        Fragen untersucht Reinhard Schulze in
von Wirklichkeit, die ich als meine Leiden-      Einstellungen, soll unsere Urteile be-          einem 2013 begründeten Forschungs-
schaft bezeichnen würde.»                        stimmen. Hier spricht der ganz der Auf-         projekt. Daran wird ihn auch seine
                                                 klärung verpflichtete Wissenschaftler.          Emeritierung in vier Jahren nicht hindern.
Der letzte Orientale
Reinhard Schulze ist Professor für Islam-        Leidenschaft dank Methode                       Kontakt: Prof. Dr. Reinhard Schulze,
wissenschaft und Neuere Orientalische            Sprachwissen, Sachwissen, Methode: Es ist       Institut für Islamwissenschaft und Neuere
Philologie. Als er selber mit dem Studium        diese Dreiheit, für die Schulze seine Studie-   Orientalische Philologie,
begann, hiess das Fach noch Orientalistik.       renden begeistern will. «Wenn sie dank          reinhard.schulze@islam.unibe.ch
Das tönte exotisch und bedeutete zunächst,       richtigem Methodeneinsatz ihre erste,
sich mit vielen fremden Sprachen zu              eigene Erkenntnis erarbeiten, dann beginnt
befassen. Mit Arabisch, Persisch, Türkisch;      das Feuer zu lodern.» Für weiteren Sauer-
mit Sumerisch und Aramäisch. Der junge           stoff sorgten die Inhalte, das Fach: «Das       Geistes- und
Philologe war fasziniert – «und dann habe        sogenannt ‹Andere› ist gar nicht so anders      Kulturwissenschaften
ich beim Entziffern festgestellt: Da wird ja     als wir», erläutert Schulze. «Die Aufgabe       an der Nacht der Forschung
was geschrieben! Das war meine Hin-              liegt eher im Vertrautmachen als im Über-
wendung zum Inhalt.» Schulze kann sich           setzen.» Der Professor ist überzeugt, dass      Die Philosophisch-historische Fakultät
ein feines Lächeln nicht verkneifen. Der         wir beim Blick in die arabische Welt wie        präsentiert an der Nacht der Forschung
«exotische Orientalismus» war von kurzer         beim Blick in einen Spiegel auch unser          Kultur in allen Facetten. So zeigt etwa
Dauer: Bereits bei seiner ersten Reise in den    Eigenes wiederfinden könnten. «Es gibt          eine Ausstellung mit Bildern von «Schwei-
Orient beschieden ihm Gesprächspartner,          Stimmen, die darauf hinweisen, dass in der      zern» und «Nigerianern», wie Fremd- und
eine Unterhaltung in Französisch sei auch        Arabischen Welt aktuell auch die mögliche       Eigendarstellung funktionieren. Im Projekt
ok («ça marche»). «Da wurde mir klar, dass       Zukunft anderer Weltteile beschrieben wird.     «KulturTransfer» erfahren Sie, wie das
der Orientalist der letzte Orientale ist. Er     Wir erleben vielenorts den Zusammenbruch        @-Zeichen vom Mittelalter in unsere Mails
sucht seinen Orient – und findet ihn nicht,      des Konsenses, in einer Gesellschaft fried-     gelangte und wie die Kalaschnikow auf
ausser in der Person des Orientalisten.»         lich zusammenleben zu wollen.» Eine Dis-        die Flagge Mosambiks kam. Ausserdem
Schulze lacht. Er hat Freude an dieser           tanzierung im Sinne von «das sind Mus-          gilt es Rätsel um archäologische Funde zu
Pointe, die gleichzeitig ein Schlüsselerlebnis   lime, das ist die arabische Welt» gelinge       lösen, Low-Budget-Musikclips aus den
markiert: «Ich habe damals gelernt, dass         nicht mehr, so Reinhard Schulze, da derar-      1960er Jahren zu entdecken und die
es nicht zwei Welten sind, in denen wir          tige Prozesse der Desintegration recht nahe     Macht der Sprache zu erfahren.
leben. Es ist eine Welt – mit verschiedenen      seien, wie ein Blick in die Ukraine zeige.
Sprachformen, Ausdrucksweisen und                    Der Prozess der Globalisierung habe         Weitere Infos:
Traditionen.»                                    aber auch zur Tatsache geführt, dass            www.nachtderforschung.unibe.ch

20   UniPress   161/2014                                 Forschen – auch in der Nacht
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