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Westfalen • Welt • Weit
Nachrichten aus Mission, Ökumene und
kirchlicher Weltverantwortung
Alles wird gut!?
Zwischen Zukunftsangst und Zuversicht!
© pixabay
2020 | JAHRGANG 10INHALT
04 21
EDITORIAL CORONA UND DIE FOLGEN -
BERICHTE AUS PARTNERLÄNDERN
• Zwischen Zukunftsangst und Zuversicht –
die Welt im Stresstest • Auf wunden Füßen tausend Kilometer
bis nach Hause
Die Corona-Krise in Indien -
eine Migrantengeschichte
• Leben mit dem Virus
Der Alltag von Frauen in der Namibischen
Kirche zwischen Familie und Beruf
• Klimawandel und Corona:
• Noch mehr Unsicherheit und Angst
Wenn Krisen zusammenkommen
Dramatische Entwicklung im Heiligen Land:
Armut macht verletzlich
Corona und Annexionspläne
• Wir leben im Anthropozän
• Europa ist besser als sein Ruf
• Gott loben im Anthropozän? Wie Corona die Schwachstellen aber auch
Entwicklungsfortschritte der EU deutlich macht
11 29
FOLGEN VON KRISEN –
BERICHTE AUS PARTNERKIRCHEN KLIMAWANDEL & CORONA-KRISE - DIE FOLGEN
• „Bevor ich meine Kinder verhungern lasse, • Menschen rutschen in bittere Armut
sterbe ich lieber am Virus“ Schulderlass für arme Länder zur Bekämpfung
Die Folgen von Corona und Klimawandel der Corona-Pandemie
in den Philippinen sind bitter
• Die Schwächsten zahlen die Corona-Zeche
Unzählige Textilarbeiter*innen stehen vor dem Nichts
• Wenn Eine*r eine Reise tut …
Wie Tourismus nachhaltig gestalten?
• Kulturschock durch Klimawandel
Afrikanische Kirchen und der neue Lebensstil
17 • Fairer Handel in Corona-Zeiten
• Das System Billigfleisch stoppen
Nach dem Corona-Ausbruch bei Tönnies sind
CORONA-BERICHTE VON FREIWILLIGEN
Politik und Verbraucher*innen gefordert
• Wo das Herz zuhause ist -
• Kann aus dem Rohstoff-Fluch ein Segen werden?
Kein Weg ist zu weit
DR Kongo: Eine Geschichte der Ausbeutung
Argentinien
und Menschenrechtsverletzungen
• Freiwillig hin - unfreiwillig zurück
Die Corona-Pandemie durchkreuzt den
Freiwilligendienst auf Sansibar
241
HANDLUNGSFELDER
• Harvesting Hope • „Eintüten statt wegwerfen“
Mit Urban Farming Ernährung sichern und Reste-Einpacktüte wieder da
Frauen stärken - Ein Beispiel aus Südafrika
• Ökumenische Predigtanregungen zur Nachhaltigkeit
• Fahrradspeichen als Grillspieße und Flip-Flops
aus Autoreifen
Klimapartnerschaft Bad Berleburg – Morogoro
sucht nach Antworten auf den Klimawandel 63
• Aufforsten statt nur abbrennen VERÄNDERUNGEN
Neue Bäume wachsen im Nordwesten Tansanias
• Kindern Zukunft schenken
62. Aktion von Brot für die Welt
• Bündnis in Rheine kämpft für ein Lieferkettengesetz
• Werden auch Sie Botschafter*in für
eine gerechtere Welt
• Frauen stärken, aber richtig
Größte Gefahren sind und bleiben staatliche
Willkür, Korruption und Vergewaltigung 65
• Mit Corona wächst der Hunger REGIONALES / AUS DEM AMT FÜR MÖWE
Brot für die Welt braucht Unterstützung
• „Ökumene ist kein spannungsfreies Feld“
Gespräch mit dem westfälischen Ökumene-
51
Ausschuss-Vorsitzenden Stefan Berk
• Kampagne für Saubere Kleidung
Neue Koordinatorin Isabell Ullrich arbeitet
VERÄNDERUNGEN
nun im Amt für MÖWe
• Youth Climate Action Day
• Aus Essen über Botswana nach Westfalen
Junge Menschen rund um den Globus
Neue Bildungsreferentin für das Jugendprojekt
setzen Zeichen für mehr Klimaschutz
„Mission: Fair Fashion“
• Mit dem Lieferkettengesetz Recht
• Das wird ´ne knappe Kiste mit dem Klima“
und Gerechtigkeit schaffen
Simon Schu zieht als Sondervikar
• Fair und nachhaltig verreisen im Amt für MÖWe Bilanz
• Krumme Gurken?
71
Solidarische Landwirtschaft verbindet
Verbraucher*innen und Landwirte
• Oikocredit: Armut bekämpfen und
Menschen stärken AUSBLICK
Honig und Nüsse bringen Aufschwung auf dem Land • Ökumenischer Kirchentag unter
• Auf Wegen zur Nachhaltigkeit in Dortmund Corona-Bedingungen
Lokale Initiativen für eine umwelt- und • „Fokus Schöpfung“
menschengerechte Zukunft Neues Jahrbuch Mission 2020
• Digital um und für die Eine-Welt • Ökumenisches Gebet in Zeiten der Corona-Krise
Bildungsangebote für Konfis und Jugendliche
3EDITORIAL
Annette Muhr-Nelson
Leiterin des Amtes für MÖWe
Zwischen Zukunftsangst Ein halbes Jahr später erinnere ich mich noch gut an
die allgemeine Verunsicherung zu Beginn, aber auch
und Zuversicht – an das Erstaunen über viele Zeichen der Solidarität,
die Welt im Stresstest an kreative Nachbarschaftshilfe, an das gemein-
same Singen am Abend und die Kerzen im Fenster.
Ein Heft mit dem Schwerpunkt Klimagerechtigkeit Die Zeichen der Verbundenheit haben wir geteilt mit
sollte es werden. Wir hatten uns das gedanklich schon Freundinnen und Freunden in allen Teilen der Welt. Ein
so schön vorgestellt: Klimagerechtigkeit als Jahres- weltumspannendes Achtsamkeitsnetz entstand. Der
thema. Jeden Monat einen anderen Schwerpunkt auf Gedanke von der einen Kirche Christi, nein, von der
der Homepage. Verschiedene Impulse, um damit kli- einen Welt, in der alle Menschen, egal welchen Glau-
mabewusst durchs Jahr zu gehen. Und unser Jahres- bens, zusammenhalten, wurde tragfähig.
heft „Westfalen Welt weit“ sollte dann im Herbst mit Wir haben erlebt, dass viel weniger immer noch ge-
umfassenden Artikeln, die Hintergrundinformationen nug ist. Wir haben für eine kurze Zeit auf Autofahren,
liefern, Einblicke in verschiedene Weltregionen geben. Reisen und Konsum verzichtet. Und wir haben ge-
Wir hatten alles durchgeplant und wollten im März spürt: die Erde atmet auf. Das sind Erinnerungen, die
starten. Dann kam zog das Corona-Virus durch die ich nicht missen möchte. Aber ich bin mir dessen be-
Welt und alles wurde anders. Corona-bedingt haben wusst, dass diese Erfahrungen der pure Luxus sind.
wir Veranstaltungen und Reisen abgesagt, Pläne über Wer im Überfluss lebt, hat gut reden. Covid-19 macht
den Haufen geworfen, Treffen ins Internet verlegt, sind zwar vor Grenzen und sozialen Schranken nicht halt.
ins Homeoffice gegangen und haben sogar Kolleg*in- Aber die Krankheit betrifft die Armen eben doch in
nen in Kurzarbeit geschickt. ganz anderer Weise als die Reichen.
Meine Erinnerungen an die ersten Corona-Wochen Nicht nur, dass die Standards im Gesundheitssystem
sind vor allem vom Stichwort „Entschleunigung“ ge- weltweit sehr unterschiedlich sind, auch die sozia-
prägt. Ganz anders bei meiner Tochter. Mit vier Kin- len Hilfesysteme und die staatlichen Möglichkeiten
dern in einer Stadtwohnung standen sie und ihr Mann zur Kompensation unterscheiden sich eklatant. Et-
bei Spielplatzverbot und Kontaktbeschränkungen liche Artikel in diesem Heft beschäftigen sich damit
mehr als einmal am Rande eines Nervenzusammen- und geben sehr konkrete Einblicke in den Alltag von
bruchs. Frauen und Familien tragen die größte Last in Menschen, die vor der Wahl stehen zu verhungern
Corona-Zeiten. Das ist weltweit so. oder sich mit dem Virus zu infizieren. Unsere Partn-
4erkirchen und -organisationen geben ihr Bestes, um auch für unseren Umgang mit dem Klimawandel ler-
die ärgste Not zu lindern. Dazu sind sie auf unsere nen. Denn ich glaube fest daran: Gott hat uns nicht
Unterstützung angewiesen. – Wie wäre es, wenn einen Geist der Furcht gegeben, sondern den Geist der
wir alle das, was wir durch ausgefallene Reisen oder Kraft, der Liebe und der Besonnenheit.
nicht erfolgten Konsum sparen oder zurückerstattet Wir hoffen, Ihnen mit diesem Heft viel Stoff zum Nach-
bekommen, an sie spenden würden? Die Vereinte denken und manch angeregte Diskussion zu liefern.
Evangelische Mission/VEM und Brot für die Welt Bleiben Sie uns verbunden!
freuen sich. Sie sind dringend auf diese Zeichen der
Solidarität angewiesen! Im Namen des Redaktionsteams
Was mich weiter umtreiben wird, ist die Frage nach Ihre
dem Zusammenhang von Corona- und Klimakrise.
Corona ist sicherlich ein Weckruf. Die Pandemie fo-
kussiert unseren Blick auf die vorhandenen Proble-
me, z.B. in der Fleischindustrie. Aber sie lenkt auch
den Blick auf die Krisengebiete und die ungerechten
Zustände in dieser Welt. Ein Lieferkettengesetz, das
deutsche Unternehmen auf die menschenrechtliche
Sorgfaltspflicht festlegt, ist (hoffentlich) in greifbare
Nähe gerückt. Es klingt fast zynisch, aber dank Co-
rona können wir im Moment den Finger in manche
Wunde legen …
Dass Covid-19 nicht das erste gefährliche Virus war,
mit dem die Menschheit sich konfrontiert sieht, und
dass es auch nicht das letzte sein wird, wurde schon
ganz zu Anfang der Krise von Wissenschaftler*innen
betont. Der Zusammenhang zwischen dem Raubbau
des Menschen an der Natur, dem nicht mehr aufzu-
haltenden Verlust an Biodiversität und der Entste-
hung von Zoonosen ist nicht mehr zu leugnen. Die
Frage ist, ob Politik und Gesellschaften weltweit auf
die mahnenden Stimmen der Naturwissenschaft und
inzwischen auch der Philosoph*innen, der großen Re-
ligionsgemeinschaften, der Zukunftsforscher*innen
u.v.m. zu hören bereit sind und sich endlich etwas än-
dert, oder ob die Narzissten und Faktenleugner weiter
so große Anhängerschaft haben, dass sie gemeinsam
begonnene sinnvolle Prozesse, z.B. auf UN-Ebene,
weiterhin blockieren und boykottieren können.
Meine Angst ist, dass das Zeitalter der selbstverlieb-
ten Machos noch nicht vorbei ist. Meine Zuversicht
aber ist, dass es zu Ende geht, dass sich ein neues
Denken, ein neuer Lebensstil den Weg bahnt. Eine
Geburt ist ein schmerzhafter Prozess. Aber am Ende
kommt neues Leben zur Welt.
Jede Krise birgt auch eine Chance. Im ursprünglichen
Wortsinn meint Krise „Zuspitzung“. Diese Zuspitzung
kann im Krankheitsverlauf die Wende herbeiführen. –
Das ist meine Hoffnung, dass wir in der Corona-Krise
5Demonstranten fordern hier
konsequente Maßnahmen für
Umwelt- und Klimaschutz.
© pixabay
Klimawandel und Corona:
Wenn Krisen zusammenkommen
Armut macht verletzlich
Die Folgen des Klimawandels und auch die Coro- tragsarbeiter*innen und ihre Familien, die aus der Ge-
na-Pandemie machen es gerade sehr deutlich: Es sellschaft ausgeschlossen sind und unter schlech-
sind vor allem die Ärmsten davon betroffen. Beide ten Arbeits- und Wohnbedingungen leiden.
Krisen und teilweise auch ihr Zusammenspiel brin- Auch weltweit ist dies zu beobachten. Fehlende
gen viele Menschen in Existenznöte. Nahrung, Mangel an sauberem Wasser, schlechte
Wohnverhältnisse, kein Zugang zu Gesundheitsver-
Bereits die Auswirkungen der Corona-Pandemie in sorgung, keine Rücklagen für den Notfall bestimmen
Deutschland zeigen, dass Menschen mit geringem das Leben vieler Menschen – etwa bei Menschen in
Einkommen oder ohne feste Arbeit besonders leiden. den Townships Südafrikas oder in den Armensied-
Sie leben in beengten Wohnverhältnissen, haben lungen von Buenos Aires. Auch Wanderarbeiter*in-
schlecht bezahlte Jobs, haben weniger Bildungs- nen in Indien, Näher*innen in Bangladesch oder
möglichkeiten und können sich oft weniger um ihre Bauern in Tansania leiden am meisten. Denn es fehlt
Gesundheit kümmern. Auch der Corona-Ausbruch ihnen schlichtweg an Möglichkeiten, sich angemes-
bei Tönnies, dem größten deutschen Fleischkonzern, sen vorzubereiten und vor den Folgen der Pandemie
zeigte dies beispielhaft. Er traf vor allem die Werkver- zu schützen.
6Wir sitzen zwar alle in einem Boot, was die Krisen be- Europa bestellte Ware nicht bezahlen. Oder wenn
trifft. Aber für die Corona- wie auch für die Klimakrise ausbeuterische Kinderarbeit durch Corona zunimmt
gilt: Einige wenige reisen erste Klasse, die anderen und Unternehmen dies in ihren weltweiten Lieferket-
zweite oder dritte Klasse. Und dies macht einen rie- ten dulden. Diese Verantwortungslosigkeit von Un-
sigen Unterschied aus. Der Untergang der Titanic hat ternehmen, darf nicht hingenommen werden. Hier
dies gezeigt. Um sich für Krisen zu rüsten und sie zu sind Solidarität und Gerechtigkeit gefordert und not-
bewältigen, braucht es ein Umdenken und entschlos- wendig. Daraus sollte politisches Handeln folgen –
senes Handeln. wie z.B. in einem Lieferkettengesetz, das Unterneh-
men gesetzlich verpflichtet, Menschenrechts- und
Widerstandsfähigkeit erhöhen Umweltstandards einzuhalten.
Um den Krisen zu begegnen, müssen für viele Men-
schen bessere Lebensverhältnisse geschaffen wer- Vorsorgend leben und wirtschaften
den, damit sie Krisen besser widerstehen können. Damit Krisen nicht ausbrechen bzw. nicht so massive
Und das bedeutet in erster Linie, Hunger, Armut und Folgen haben, ist die Anwendung des Vorsorgeprin-
Ungerechtigkeiten wie Ausbeutung entschieden ent- zips entscheidend. Die Corona-Pandemie hat es uns
gegenzutreten und deren Ursachen zu bekämpfen. in Deutschland deutlich gezeigt. Es werden ausrei-
Es kommt also beispielsweise darauf an, Frauen zu chend Krankenhäuser und –betten, Material für den
stärken, allen Kindern Bildung zu ermöglichen, Er- Krisenfall und gerecht bezahltes Pflegepersonal be-
nährungssouveränität umzusetzen, regionale Wirt- nötigt. Ein Gesundheitssystem, das allein Marktregeln
schaftskreisläufe zu stärken, aber auch ausbeuteri- unterliegt, ist nicht vorsorgend.
schen Strukturen entgegenzuwirken wie Landraub, Es ist die Aufgabe der Bundesregierung auf politischer
unfairem Welthandel, Privatisierung von Wasser Ebene dafür Sorge zu tragen. Dazu gehört es, dass
oder Gesundheit. Deutschland etwa seinen Beitrag dazu leistet, die
UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) zu erreichen.
Globale Gerechtigkeit und Solidarität Zur Vorsorge gehört es auch, auf allen Ebenen nach-
Die Verantwortlichen der Klimakrise sind klar auszu- haltig zu leben und zu wirtschaften. Engagierte Men-
machen. Es sind besonders die Industrieländer. Sie schen in Kirchengemeinden und Kommunen zeigen
müssen Verantwortung übernehmen. Arme Länder, beispielsweise in sozialen Initiativen, Weltläden,
die besonders unter dem Klimawandel leiden, aber Umweltprojekten, dass ein Leben mit Rücksicht auf
am wenigsten dazu beigetragen haben, brauchen Natur, Umwelt und Ressourcen und mehr soziale Ge-
ihre Hilfe, um sich an die Folgen des Klimawandels rechtigkeit möglich ist.
anpassen sowie Schäden durch Wirbelstürme und
Überflutungen wieder ausgleichen zu können. Hier Katja Breyer, Fachstelle Entwicklungspolitik
im Amt für MÖWe
mangelt es nach wie vor an Verantwortungsübernah-
me – auch von Deutschland. Das betrifft sowohl die
finanzielle Unterstützung von Entwicklungsländern
als auch den konsequenten Klimaschutz in Deutsch-
land. Die Inbetriebnahme des Kohlekraftwerkes Dat-
teln 4 steht symbolisch dafür.
Im Falle der Corona-Krise haben Wissenschaft-
lern*innen zufolge auch Umweltzerstörung und
mangelnder Artenschutz zur Ausweitung des Virus
beigetragen. Hier lässt sich kein Schuldiger klar
benennen und niemand kann konkret zur Verant-
wortung gezogen werden. Anders ist es aber, wenn
zehntausende Näher*innen in Asien ihre Arbeit auf-
grund von Corona verlieren und vor dem Nichts ste-
hen, weil es keine Kurzarbeit, Arbeitslosengeld o.a.
gibt und Modeunternehmen in Deutschland und
7Wildes Blumenfeld und
Braunkohleabbau im Hinrtengrund.
© pixabay
Wir leben im Anthropozän
Das Wort „Anthropozän“ begegnete mir zum ersten Mal und vor der Natur (in: Defiant Earth. The Fate of Humans
im Trägerkreis des ökumenischen Prozesses „Umkehr in the Anthropocene. Cambridge 2017).
zum Leben“. Er stellte für mich etwas vollkommen Neu- Die Herausforderungen im Anthropozän überfordern
es dar. Anthropozän ist ein geologischer Begriff und das Fassungsvermögen des homo sapiens. Es stellt
bezeichnet das Erdzeitalter nach dem Holozän. Seit der die Menschheit in eine apokalyptische Situation. Die
Mitte des 20. Jahrhunderts lassen sich die Eingriffe des Rede vom Anthropozän warnt vor der Möglichkeit von
Menschen in das Erdsystem geologisch nachweisen, Katastrophen und sucht nach Überlebenspfaden. Da-
beispielsweise Radionuklide aus Atombombentests in bei ist es hilfreich, die Ergebnisse der wissenschaftli-
Eisbohrkernen und in Sedimentablagerungen in Seen. chen Erdsystemforschung ernst zu nehmen.
Der Mensch ist gesteinsbildend geworden: Die Menge Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass es den meis-
des Mülls unserer menschlichen Zivilisation, die vom ten Gesellschaften dieser Welt möglich ist, verant-
Land ins Meer gespült wird, übersteigt den Sediment- wortungsvoll auf Krisen zu reagieren. Was bis dahin
transport der Flüsse bei Weitem. Unsere technischen niemand für möglich gehalten hatte, ist geschehen:
Erzeugnisse werden als Technofossilien erhalten blei- Produktionsstätten fuhren ihren Betrieb herunter, Flug-
ben. Menschliche Aktivitäten haben dazu geführt, dass zeuge blieben am Boden, Politiker*innen suchten Rat
sich neue Mineralien und Gesteinsarten bildeten wie bei Wissenschaftler*innen, gekauft wurde nur noch
z.B. Asphalt und Beton. das zum Leben Notwendige. Dieses kurze Innehalten
Das „Anthropozän“ ist eine neue Lehre von der Erde. Erst- ließ für einen Moment erahnen, wie es sein könnte,
mals in der Erdgeschichte ist eine Spezies dabei, ihre wenn die Menschheit sich etwas zurücknimmt, wenn
erdsystemischen Lebensgrundlagen zu untergraben. weniger produziert, konsumiert und gereist wird.
Damit wird zugleich die alte Unterscheidung zwischen Die Ungerechtigkeiten zwischen Arm und Reich
Kultur und Natur hinfällig. Der Philosoph Clive Hamilton und die gesellschaftlichen Polarisierungen wurden
geht so weit, sich von der „loving Mother Earth“ zu verab- noch deutlicher. Aber es wurden auch positive Kräf-
schieden: Es könne nicht länger unser Ziel sein, die Natur te freigesetzt. Es entstanden Hilfsangebote und So-
zu retten, wir müssten uns selbst retten - vor uns selbst lidarisierungsaktionen im Quartier, es gab kreative
8digitale Kommunikation, weltweite Aktionen, Mei-
nungsbildung und Austausch. Und es gibt auch ein
Durchatmen dank sauberer Luft, ein Staunen ange-
sichts blühender Gärten und ein neues Hinhören auf
die Stimmen der Tierwelt. Der Ökumenische Prozess „Umkehr zum Le-
Jede Krise birgt eine Chance. Hier kommt den Religio- ben – den Wandel gestalten“ versucht, diesen
nen große Bedeutung zu. Sie wirken sinnstiftend über Diskurs zu führen und eine neue „Spiritualität
die Begrenztheit des eigenen Seins hinaus. Sie haben planetarischer Gerechtigkeit“ zu entwickeln.
Narrative, die der ökonomischen Maßlosigkeit der Mo- So wird z. B. eine Langzeit-Fortbildung für
derne und dem technologischen Machbarkeitswahn „Veränderer“ angeboten. Alle Informationen:
etwas Neues entgegensetzen können. Sie stellen die www.umkehr-zum-leben.de
Frage nach einer Versöhnung mit der Erde und definie-
ren Gerechtigkeit neu als planetarische Gerechtigkeit.
Sie nähren die Hoffnung, dass der Einzelne und ganze
Gesellschaften ihr Verhalten ändern und etwas zum
Besseren wenden können.
Annette Muhr-Nelson, Leiterin des Amtes für MÖWe und
zuständig für Theologische Grundsatzfragen
Gott loben im Anthropozän?
Die Erde ist in einem Zustand, in dem von beständigem Renditestreben sowie Maß- und
sie nie zuvor war. Auf die menschlichen Ein- Rücksichtslosigkeit gegenüber den Mitgeschöpfen
griffe in das Ökosystem reagiert sie nach den Ge- und der Natur geprägt ist. Notleidende sind Tiere und
setzen der Natur. Es ist absehbar, wann die Ressour- Pflanzen, Erde, Wasser und Luft und die Armen in allen
cen verbraucht sind. Schon jetzt lassen Artensterben, Teilen der Welt.
Meeres- und Luftverschmutzung und die Veränderung Das Anthropozän ist eine Herausforderung für unse-
des globalen Klimas ahnen, was das bedeutet. Das In- ren Glauben. Wir leben jenseits von Eden, d.h. inmitten
einandergreifen der Lebenswelten und Lebensräume, einer natürlichen Umwelt, die auch immer Gefahren
die ökologische Sinnhaftigkeit, die Abhängigkeit von birgt. Krankheiten, Naturkatastrophen, die Abhängig-
den Prozessen anderer Lebewesen – das alles war in keit von klimatischen Bedingungen bleiben auch für
einer Balance. Der Mensch wurde geschaffen als Teil den modernen Menschen Realität. Die menschenge-
dieses großen Gesamtgefüges. machte Zerstörung der Ökosysteme wirft die existen-
Wir leben von unendlich vielen ineinandergreifenden tiellen Fragen nach Leben und Tod, Schuld und Sühne,
ökologischen Prozessen. Jeder Eingriff in die Natur Verantwortung und Erlösung mit neuer Dringlichkeit
hat Konsequenzen. Unser Lebensstil hinterlässt irre- auf. Darum fragen wir im Kontext der globalen öko-
versible Schäden im Ökosystem der Erde. Verantwort- logischen Krise neu: Was bedeutet das Bekenntnis
lich hierfür ist die falsche Denkweise, der Mensch sei zu Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde?
von Gott zum Mittelpunkt der Schöpfung bestimmt Was erhoffen wir, wenn wir um „einen neuen Him-
worden. Dieser Anthropozentrismus hat eine Lebens- mel und eine neue Erde“ bitten? Inwiefern sind wir
und Wirtschaftsweise hervorgebracht, deren Wesen als Mitgeschöpfe nicht nur mit betroffen von der
9Verschlechterung der Lebensbedingungen für die Christus ruft zur Umkehr und in seine Nachfolge.
meisten Arten, sondern auch beauftragt mitzuwirken Sprachrohr dieses Rufs zu sein, verstehen alle Kir-
an Gottes kontinuierlichem Schöpfungshandeln, das chen als ihren gemeinsamen Auftrag. Es ist „Gottes
Neues hervorbringt? Wille, dass die ganze Schöpfung durch die verwan-
Gott hat sich in Jesus Christus in die Tiefen des ir- delnde Macht des Heiligen Geistes versöhnt in der
dischen Lebens begeben. Dass wir auf einer ver- Liebe Christi in Einheit und Frieden zusammenlebt“
wüsteten Erde unser Seelenheil finden könnten, ist (ÖRK, Busan 2013). Diesem Ruf wollen wir folgen.
daher nicht ausgeschlossen, denn kein Leid(en) ist Darum bitten wir um den Mut zur Umkehr, um Demut
Gott fremd. Aber es ist ein Irrglaube, dass wir Gott und Geduld, um Einsicht und um die schöpferische
finden könnten, ohne uns vom Leid anderer berühren Kraft des Heiligen Geistes. Wir wollen neue Wege zu
zu lassen. Das Kreuz Christi weist uns den Weg zum einer Kultur der Nachhaltigkeit suchen. Wir können
Leiden, es stellt uns an die Seite der Schwachen und aus den Schätzen des Glaubens schöpfen und auf
regt an zum mitfühlenden Nachdenken über unseren dem Engagement vieler aufbauen. Wir hoffen auf
eigenen Umgang mit dem Leben um uns herum. Un- Inspiration und neue Erkenntnisse durch den Aus-
ser Heil ist eingebettet in die Heiligung der Schöp- tausch mit Menschen aus verschiedenen Generatio-
fung. Im leidenden Nächsten, in der geschundenen nen, Kulturen und Erdteilen.
Kreatur und in den Wunden der Erde begegnet uns Wir vertrauen darauf, dass Gottes Bund mit den Men-
Christus, der Mensch gewordene, mitleidende Gott. schen Bestand hat. In diesem Vertrauen, getragen von
Zusammen mit der gesamten seufzenden Kreatur der Hoffnung der Auferstehung und beflügelt von der
(Röm. 8, 20) bitten wir um Erlösung und fragen: Wie Kraft des Heiligen Geistes werden wir den lebensfeind-
kann die österliche Hoffnung von der Überwindung lichen Geschichten der Zeit unsere Heilsgeschichten
des Todes zu einer transformativen, die Gesellschaft entgegenhalten, der Erzählung von den Segnungen
verändernden Kraft werden? des grenzenlosen Reichtums die biblischen Erzählun-
gen von der Genügsamkeit in den Weg stellen, dem
Narrativ vom Heil des Wirtschaftswachstums mit der
Geschichte von der vergnügten Geborgenheit in der
Liebe Christi entgegentreten.
So wird der ängstliche Blick in die Zukunft scharf
gestellt auf die Möglichkeiten und Notwendigkeiten
menschlichen Handelns. In der Perspektive der Hoff-
nung hat unser entschiedenes Handeln zeichenhafte
Bedeutung. So loben wir Gott und leben unser Leben
in Ehrfurcht vor allem Lebendigen.
10Folgen von Krisen –
Berichte aus Partnerkirchen
©?
© Bimbim Bliss Gayo
Ganze Stadtteile wurden abgesperrt, die Zugänge bewacht.
Diese und weitere Corona-Beschränkungen galten zu Anfang der
Pandemie in den Philippinen wie hier in Quezon City/Manila.
„Bevor ich meine Kinder verhungern lasse,
sterbe ich lieber am Virus“
Die Folgen von Corona und Klimawandel in den Philippinen sind bitter
Corona, starke Hitze, schwere Regenfälle, heftige Tro- pro Familie erhielt einen Ausweis und durfte ein- oder
penstürme und bittere Armut. Die Folgen sind verhee- zweimal pro Woche für die Familie einkaufen gehen.
rend - viele Menschen in den Philippinen leiden sehr Doch ohne Arbeit fehlt das dafür nötige Einkommen,
stark unter dem Covid-19-Virus und dem Klimawan- und die Mehrheit der Bevölkerung kann nicht auf Er-
del. Letzterer könnte sich noch verheerender auswir- spartes zurückgreifen.
ken als die Pandemie. Die Lage für die überwiegend Wer hingegen Farmland besitzt oder einige Nutztie-
arme Bevölkerung ist lebensbedrohlich. re hält, kann sich - anders als die Menschen in den
dicht besiedelten städtischen Slums - einigermaßen
Der Ausbruch der Corona-Pandemie hat in den Phil- versorgen. Die meisten Corona-Fälle wurden und wer-
ippinen bereits Anfang März 2020 zu einem landes- den in der Hauptstadt Manila registriert. Inzwischen
weiten Lockdown geführt. Früher als in Deutschland, haben Menschen, die aufgrund fehlender Arbeit aus
obwohl die Zahl der offiziell registrierten Infektionen der Millionenmetropole in ihre Heimatorte zurückge-
anfangs über Wochen gering blieb, ist sie zuletzt stark kehrt sind, den Virus zuhause eingeschleppt.
angestiegen.1 Die Pandemie hat die ohnehin schon sozial und öko-
Selbst in den Großstädten war es während dieses nomisch angespannte Situation für die Mehrheit der
Lockdowns, der inzwischen in weniger betroffenen Bevölkerung, die in Armut lebt, erheblich verschärft.
Regionen etwas gelockert wurde, nicht mehr erlaubt, Für einen Großteil der Menschen gibt es in den Philip-
von einem Stadtbezirk in den anderen zu fahren. pinen keine ausreichende Altersversorgung. Sie leben
Menschen ab 60 Jahren durften ihre Häuser oder davon, dass sie in den Städten kleine Verkaufsstände
Wohnstätten nicht mehr verlassen. Nur eine Person haben oder Dienstleistungen anbieten. Diese Arbeits-
11FOLGEN VON KRISEN – BERICHTE AUS PARTNERKIRCHEN
möglichkeiten sind durch die strengen Ausgangsbe- Die Folgen der Corona-Pandemie werden zusätzlich
stimmungen weggefallen. verstärkt durch die Folgen des Klimawandels, die
Die Folgen sind nach Aussage des Bischofs von Ka- schon länger in den Philippinen zu spüren sind. Tro-
lookan, Pablo Virgilio, dramatisch: „Die Frage, wie die cken- (El Niño) und Regenperioden (La Niña) treten
Menschen während des aktuellen Lockdowns Essen immer häufiger auf und halten auch länger an, so
für ihre Familien auftreiben können, bereitet vielen Michael Reckordt.3 Seit Anfang Februar war eine wo-
weit mehr Sorgen als der Virus selbst. Manche Men- chenlange Trockenheit und Hitze zu beobachten. Bis
schen sagen sich in ihrer Verzweiflung: Bevor ich zum Jahr 2050 wird für die Insel Mindanao im Süden
meine Kinder verhungern lasse, sterbe ich lieber am der Philippinen ein Temperaturanstieg von bis zu drei
Virus“2, berichtete er Mitte April. Deshalb helfen Ge- Grad erwartet.
meindemitglieder in seinem Bistum dabei, arme Men- Vor allem Bauern und Bäuerinnen sind von der zuneh-
schen mit Essen zu versorgen. In den Gemeinden und menden Hitze betroffen, aber auch die Lebensgrund-
auf einzelnen Missionsstationen haben sie Räume als lagen der indigenen Bevölkerung in den Bergregionen.
Quarantänestationen eingerichtet. Ernteausfälle sind die Folge. Das bedeutet in einem
Das Gesundheitssystem in den Philippinen war nur Land wie den Philippinen, dass viele Millionen Men-
unzureichend auf die Pandemie vorbereitet, vor al- schen vom Hunger bedroht sind. „Jeder Grad mehr
lem im öffentlichen Gesundheitssektor: „Es fehlt an Temperaturanstieg bedeutet eine Abnahme der Agrar-
Intensivstationen und Beatmungsgeräten – und auch produktivität von zehn bis 15 Prozent“, so Reckordt.4
an Schutzkleidung für das Personal“, beklagte der Auch die gesundheitlichen Folgen sind schon jetzt
Bischof. Und das obwohl der von Präsident Rodri- zu beobachten: Ältere Menschen leiden: besonders
go Duterte seit seinem Amtsantritt brutal geführte diejenigen, die krank oder pflegebedürftig sind. Wer
Krieg gegen den Drogenhandel, dem oft Kleindealer, in festen Häusern wohnt und sich eine Klimaanlage
Drogenabhängige und auch völlig unbeteiligte Perso- leisten kann, ist der Hitze weniger ausgeliefert als die
nen zum Opfer fallen, zu einer starken Konfrontation Menschen in einfachen, behelfsmäßigen Hütten in
zwischen einzelnen Kirchen und dem Staat geführt den Slums oder in den oft sehr kleinen Häusern aus
hat. Besonders betroffen davon sind neben einzel- Holz und Bambus auf dem Land – sie können sich,
nen Bischöfen aus der katholischen Kirche die United wenn überhaupt, nur einen Ventilator leisten.
Church of Christ in the Philippines (UCCP) und die Immer wieder kommt es zu Stromausfällen, vor allem
Iglesia Filipina Indepediente (IFI) sowie der Nationale in den ländlichen Regionen. Das hat zur Folge, dass
Kirchenrat (NCCP). dann die einfachen Behausungen so heiß werden kön-
Getrennte Ein- und
Ausgänge in Läden
sowie Maskenpflicht
beim Einkaufen: Das
sieht der Corona-
Schutz in Geschäften
vor wie hier vor einem
Supermarkt in Quezon
City/Manila.
©Bimbim Bliss Gayo
12nen, dass die Menschen der Gefahr eines Hitzetodes
PH
ausgesetzt sind und Atemprobleme haben, wenn sie
ILIP
nicht nach draußen gehen können. Das ist aber infol-
ge der Pandemie nur begrenzt möglich.
P IN
Die Hitzeperioden werden häufig durch schwere Re-
genfälle unterbrochen, die wiederum zu Überschwem-
EN
mungen führen können. Manche Flüsse schwellen so
stark an, dass sie nicht mehr passierbar sind.
Die Philippinen gehören weltweit zu den zehn Län-
dern, die am stärksten unter dem Klimawandel leiden
und durch dessen Folgen bedroht sind. Taifune und
heftige Stürme sind in diesem tropischen Land nicht
ungewöhnlich. Aber infolge des Klimawandels treten
sie zunehmend häufiger auf und haben in den letzten
Jahrzehnten an Intensität zugenommen. Jedes Jahr
richten Taifune schwere Zerstörungen auf dem Fest-
land der Philippinen an.
Die beiden bislang schlimmsten Taifune in den ver- boote erneut zerstören, andererseits, weil private Unter-
gangenen Jahren ereigneten sich 2012 und 2013. In- nehmen in den zerstörten Gebieten etwa mit neuarti-
folge des Tropensturmes Pablo 2012 verloren 1.901 gen Tourismusprojekten den Wiederaufbau durch die
Menschen ihr Leben. 2013 wütete der Taifun Yolanda betroffene Bevölkerung behindern oder eine Umvertei-
und führte vor allem auf den Inseln Samar und Leyte lung privaten Landbesitzes zugunsten von Kleinbauern
zu schwerwiegenden Zerstörungen mit mehr als 7.000 und Kleinbäuerinnen zu vermeiden suchen.
Toten. Mehr als 1,1 Millionen Häuser und Wohnstätten Mehr als sechs Jahre nach dem Taifun Yolanda zeigt
wurden zerstört. Am Weihnachtsfest 2019 folgte auf sich, dass das Thema „Klimagerechtigkeit“ in den Phi-
derselben Route wie Yolanda der Taifun Ursula. Nach lippinen den Schutz und die Garantie von Land- und
Angaben von Astrud Lea Beringer wurden damals ers- Siedlungsrechten bedeuten würde, weil „Gesetze zu-
ten Berichten zufolge 77.832 Menschen obdachlos und gunsten ärmerer Bevölkerungsgruppen fehlen, ein
mehr als 430.000 Häuser zerstört, ein wirtschaftlicher schwaches Justizsystem und Korruption vorherr-
Gesamtschaden von rund 60 Millionen Euro.5 schen und zusätzlich der einflussreiche Privatsektor
Diese wenigen Beispiele zeigen die drastischen Folgen in die Katastrophennachsorge drängt“6.
einer verfehlten globalen Klimapolitik, deren Hauptver- Umso größer muss die Verantwortung in den Indus-
ursacher den Klimawandel entweder verharmlosen triestaaten sein, sich endlich auf konkrete Klima-
oder sich auf konkrete Vereinbarungen zur Verringe- schutzziele zu verpflichten. Das Corona-Virus hat ge-
rung des CO²-Ausstoßes nicht festlegen wollen. Das zeigt, dass gehandelt werden kann und muss, um eine
hat zur Folge, dass es immer schwieriger wird, die Pandemie unter Kontrolle zu behalten.
Schäden solcher Umweltkatastrophen auch nur halb-
wegs in den Griff zu bekommen. Einerseits, weil neue Christian Hohmann, Regionalpfarrer des Amtes für MÖWe
für die Kirchenkreise Herford, Lübbecke, Minden, Vlotho
Taifune gerade wieder errichtete Häuser oder Fischer-
1
Stand vom 11. August 2020: Bis zu diesem Zeitpunkt wurden (laut Wikipedia) 136.638 Infektionen in den
Philippinenregistriert: 68.159 Personen sind genesen, 2.294 Menschen sind infolge des Virus verstorben.
2
Vatikan News vom 16.4.2020.
3
Michael Reckordt, Bedrohlich. Auswirkungen der Klimakatastrophe und die Reaktion der Duterte-Regierung,
in: Handbuch Philippinen, hg. von Rainer Werning/Jörg Schwieger, Berlin 2019, S. 219.
4
M. Reckordt, S. 220.
5
Vgl. Astrud Lea Beringer, Philippinen: Klimagerechtigkeit braucht Menschenrechte. Sechs Jahre Wiederaufbau
nach Taifun Yolanda und seine Folgen in: Blickwechsel Dezember 2019, Stiftung Asienhaus, S. 2.
6
A. L. Beringer, S. 6.
13FOLGEN VON KRISEN – BERICHTE AUS PARTNERKIRCHEN
AFR
IKA
Kulturschock durch Klimawandel
Afrikanische Kirchen und der neue Lebensstil
Klimawandel lässt auch den afrikanischen Kontinent Klimawandel und der Glaube an
nicht unberührt. Die Kirchen dort können dazu nicht geheimnisvolle Kräfte
schweigen. Ich möchte in dem Beitrag zeigen, wie In Ländern wie der DR Kongo,
Afrikaner*innen den Klimawandel in ihrem täglichen Kamerun oder Ruanda hat der
Leben erfahren. Dabei beschränke ich mich auf Zent- Klimawandel einen Kulturschock
ralafrika und die VEM-Mitgliedskirchen in der Region, ausgelöst und führt manchmal zu
also Kamerun, DR Kongo, Ruanda, Tansania. Was unglaublichen Fantasien.
bedeutet der Klimawandel für die Menschen dort? Im zentralen und südlichen Afrika gibt es
zwei hohe Berge, den Kilimandjaro in Tansania (5.895
Der Klimawandel in Zentralafrika m) und den Ruwenzori in der DR Kongo (5.109 m).
Die zentralafrikanischen Länder haben lange Zeit Beide Berge waren von Gletschern bedeckt. Heute
von einem Klima profitiert, das ganzjährige heftige schmilzt dieses Eis rasant. Doch wie verstehen die
Regenfälle garantierte und eine vielfältige Flora und Menschen dort das Verschwinden dieser Eisschicht?
Fauna hervorbrachte. Die Bevölkerung, zumeist Bau- Für Einige ist dies nichts Natürliches, sie sehen viel-
ern oder Hirten, brauchten keine landwirtschaftlichen mehr mysteriöse Kräfte am Werk.
Maschinen oder Kunstdünger. Hier wuchs alles, nicht Im Jahr 2013 reiste ich mit meinen Kindern von Kam-
nur, wie Gott es von Anfang an geplant hatte (1.Mose pala (Uganda) nach Beni (DR Kongo). Wir hatten ein
1,11-12), sondern auch wie es Noah nach der großen Taxi gemietet, es war sehr heiß. In Bulongo (DR Kon-
Flut versprochen hatte (1. Mose 8,22): Die Abfolge go) riet mir der Fahrer sehr vorsichtig zu sein, denn
von Regen- und Trockenzeit war regelmäßig und die an dieser Stelle könnte – wenn die Sonne heiß brennt
Menschen konnten entsprechend Landwirtschaft be- - ein plötzlich auftretender, mysteriöser Fluss die Stra-
treiben. In der Regenzeit wurde gesät, in der Trocken- ße unter Wasser setzen und Autos versinken lassen.
zeit wurde geerntet. Ich fragte den Fahrer, wo der Berg Ruwenzori sei. Er
In vielen Regionen sind die alten landwirtschaftli- sagte, dieser sei oberhalb der Straße. Mir war dann
chen Methoden noch in Gebrauch. Die Tempera- klar, dass der „mysteriöse“ Fluss aus dem Schmel-
turveränderungen sind nun auch in Afrika spürbar, zwasser des Geltschereises bestand. Als wir dem
dabei lokal oder regional sehr unterschiedlich. Bis Fahrer dies erklärten, war er erstaunt und verstand
in die 1990er Jahre waren die Regionen Mudende in dann, dass es dort keine geheimnisvollen Kräfte gibt.
Ruanda und Kitsombiro/Lubero in der DR Kongo für Solche Fehlinterpretationen gibt es häufig in dieser
ihre niedrigen Temperaturen bekannt. Es war dort Region, wenn es klimabedingte Naturkatastrophen
sehr kalt. Die Häuser wurden durch Feuerstellen gibt, wie z.B. das Austrocknen von Flüssen (be-
beheizt. In Kitsombiro mussten seitdem die Men- sonders in Tansania), Überschwemmungen durch
schen ihre Schlafgewohnheiten ändern. Während schwere Regengüsse (in Ruanda), Erdrutsche oder
sie sich früher mit Wolldecken zudeckten, genügt Bodenerosion (DR Kongo, Ruanda).
heute ein Laken.
Nach den 1990er Jahren wurden die Wälder in Lubero Neue Methoden in der Landwirtschaft
und die Bäume in Mudende abgeholzt, um Farmland Der Klimawandel erfordert neue Methoden der Land-
oder Weideland zu gewinnen oder um Städte zu bau- wirtschaft. Weil der Wechsel der Trocken- und Re-
en. Gleichzeitig wurden dort viele Eukalyptusbäume genzeiten aus dem Tritt geraten ist, müssen immer
gepflanzt, ohne zu wissen, dass sie problematisch für mehr Bauern künstlich bewässern oder benützen Ge-
Boden und Wasser sind. wächshäuser. Doch können dies nur diejenigen, die
14© privat
Flüsse trocknen aus, weil es immer wärmer wird wie hier in Afrika.
gut ausgebildet sind und die nötigen Mittel haben. Die derungen erzeugen aber einen Kulturschock und brau-
meisten Bauern leiden jedoch unter massiven Ernte- chen Zeit. Gegenwärtig entwickeln Kirchen Alternati-
einbrüchen, sei es wegen heftiger Regenfälle oder zu ven zum Feuerholz. Verbesserte Kochöfen aber auch
kurzer Regenzeiten. Erneuerbare Energien (Solarsysteme, Biogasanlagen)
Der Ernteverlust zwingt die Bauern dazu, Saatgut für werden in der DR Kongo, Ruanda und Tansania als die
die nächste Saison zu kaufen und sich so zu verschul- besten Möglichkeiten gesehen.
den. Dabei können sie nicht einmal ihre Familien er- Es ist wichtig zu verstehen, dass die einfachen Men-
nähren und sich das Schulgeld und Kleidung für ihre schen in Afrika, wenn sie an Umweltschutz denken, zu-
Kinder leisten. Das Schlimmste ist, dass die Kinder erst die Sicherheit ihres Dorfes im Blick haben: ihre Ernte,
schlecht ernährt sind und ihre Gesundheit gefährdet den Fluss, aus dem sie das Wasser holen, ihre Tiere und
ist. So geraten Familien tiefer und tiefer in einen teufli- all das, was ganz direkt für ihr Leben wichtig ist. Ihre Her-
schen Kreislauf der Verarmung. ausforderung besteht darin, dass der Klimawandel ihren
regional begrenzten Bereich überschreitet.
Klimawandel und der neue Lebensstil So scheinen die lokalen Bemühungen nicht auszu-
In der afrikanischen Familie steht das Feuer immer im reichen, um die weitere Erwärmung aufzuhalten. Die
Mittelpunkt, nicht nur zum Kochen, sondern auch um Menschen werden zusätzlich entmutigt, wenn sie se-
sich zu wärmen und die Gemeinschaft zu nähren. Es hen, dass große Konzerne aus Nordamerika, europäi-
ist Tradition, dass man rund um das Feuer zusammen schen und asiatischen Ländern ihren politischen und
isst, am Feuer Geschichten erzählt, dort Geschichte finanziellen Einfluss nutzen, um den noch übrigen Re-
geschrieben wird, dort das Palaver in Versöhnungs- genwald auszubeuten und zu zerstören. So kommt es
prozessen stattfindet. Es gibt aber nicht mehr genug dazu, dass die Menschen überlegen, ob es den Klima-
Feuerholz, deshalb müssen Kultur und Gemeinschaft wandel verhindert, wenn sie jedes Jahr einen Baum
neu buchstabiert werden. Dies geschieht auch. Es gibt oder auch hundert Bäume pflanzen, während große
neue Wege, Gemeinschaft und Harmonie zu erhalten, Waldgebiete, die sie geschützt haben, durch ausländi-
die Geschichte nicht abreißen zu lassen. Diese Verän- sche Konzerne zerstört werden.
15FOLGEN VON KRISEN – BERICHTE AUS PARTNERKIRCHEN
Was kommt zuerst: Die Kirche geht voran, um die Schöpfung
Umweltschutz oder die Sicherheit der Familie? zu bewahren
In Afrika ist es eine große Herausforderung, die Als das Evangelium in Afrika Fuß fasste, war Umwelt-
Schöpfung zu bewahren. In einigen Ländern gibt es schutz kein Bestandteil des biblischen Unterrichts
dafür Gesetze. In Tansania ist es beispielsweise ver- und des christlichen Selbstverständnisses. Dies ist
boten, dass Menschen, die keine großen Flächen mit heute völlig anders. Die Menschen haben die Ökolo-
Bäumen besitzen, Holzkohle produzieren. Besitzer gie in ihr theologisches Denken integriert. Liturgie und
von Baumflächen müssen eine staatliche Genehmi- Liedgut sind erneuert, sie integrieren Umweltschutz,
gung beantragen. Die Wüstenbildung soll so einge- um den Schöpfer zu ehren und um die Gläubigen ein-
dämmt werden. zuladen, ihre Verantwortung wahrzunehmen. So gibt
Doch während ich im September 2018 nachts vom es das Projekt „Wachsen mit meinem Baum“. Hier
Simiyu Distrikt nach Mwanza unterwegs war, sah pflanzen Kinder einen Baum und kümmern sich um
ich Menschen, die im Dunkeln Holzkohle verkauften. ihn, während sie aufwachsen. Jugendliche beteiligen
Mein Fahrer erklärte mir, dass diese Händler illegal sich an dem „Jugendklimaaktionstag“. Auch hier wer-
Holzkohle herstellen. Wenn sie erwischt werden, ris- den Bäume gepflanzt und gepflegt. Vielleicht tragen
kieren sie eine Gefängnisstrafe. Die Herausforderung diese kleinen Schritte dazu bei, grünes Land wieder
heißt: wie kannst Du die Umwelt schützen, wenn Du herzustellen und unserer Mutter Erde Hoffnung zu ge-
Deine Familie nicht ernähren kannst? Diese Situation ben. Langsam, aber sicher.
der Armut und das Fehlen wirtschaftlicher Alternati-
ven hindert die Menschen, die Umwelt zu schützen – Pfarrer Dr. Kambale J.-B. Kahongya Bwiruka ist
oder sie pflanzen schädliche Bäume wie Eukalyptus. Projektsekretär für die Afrika-Region der Vereinten
Evangelischen Mission mit Sitz in Dar Es Salaam/Tansania
Übersetzung aus dem Englischen: Dietrich Weinbrenner
© privat
Viele junge Menschen in Afrika beteiligen
sich beim Climate Action Day.
16Corona-Berichte
von Freiwilligen
Freiwillig hin – unfreiwillig zurück: Wegen der Corona-Pandemie
mussten junge Leute aus Westfalen ihren Auslandsaufenthalt
abbrechen. Aus Tansania, Südamerika, Süditalien wurden sie nach
etwa einem halben Jahr zurückgeholt. Zum Abschiednehmen war
zwar keine Zeit. Die jungen Freiwilligen aber sind um viele Erfah-
rungen reicher geworden und haben für sie zunächst unbekannte
Menschen für immer in ihr Herz geschlossen.
Wo das Herz zuhause ist - Kein Weg ist zu weit
Vormittags arbeiteten Inka und ich im Freiwilligen- mittags in einer Sonderschule
dienst in der bilingualen Schule Takuapí für die Kinder und verbrachten viel Zeit mit
N
einer Gemeinde der Mbya Guaraní. Sie treffen sich in einer Pfadfindergruppe.
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einer Kindergartengruppe und besuchen die erste bis So ging das erste Halbjahr
siebte Klasse. Dort boten wir Workshops in Informatik meines Freiwilligendienstes in
ENT
und Mathematik an, spielten mit ihnen und unterstütz- Ruiz de Montoya, einem kleinen
ten den Sportunterricht. Nachmittags machten wir mit Ort in der Provinz Misiones, hoch
ARG
dem Pastor Hausbesuche und halfen in der Artesanía, oben im Nordosten Argentiniens,
einem kleinen Laden, in dem die indigenen Bewohner sehr schnell um. Und dann wurden
ihre Holzschnitzereien und anderes Kunsthandwerk schon die langen Weihnachtsferien eingeläutet. Wir
verkaufen. Außerdem unterstützten wir unsere Mento- erledigten noch einiges und strichen z.B. die Räume
rin beim Kochkurs, arbeiteten einmal die Woche nach- der Artesanía. Danach ging es für je zwei Wochen
nach Paraguay in eine andere Freiwilligenstelle.
Nach dem Zwischenseminar in der Provinz Buenos
Aires fuhr ich dann glücklich und zufrieden in den Ur-
laub. Aber bereits in der zweiten Woche konnte ich es
kaum abwarten wieder nach Misiones zu kommen,
weil ich die Leute und die Arbeit so vermisste. Außer-
dem hatte ich mir beim Zwischenseminar viele Dinge
vorgenommen, die ich unbedingt umsetzen wollte.
Als ich nach der ebenfalls sehr spannenden und auf-
regenden Urlaubszeit wieder zurückkam, merkte ich:
Ruiz de Montoya und meine Mitbewohnerin Inka wa-
© privat
ren bereits mein Zuhause geworden.
Leider folgte nach nur eineinhalb Arbeitswochen
Michelle Mattern ein tiefer Schlag. Die Provinz Misiones schloss von
17CORONA-BERICHTE VON FREIWILLGEN
© Kirsten Potz
Kunsthandwerk aus der Artesanía der Mbya Guaraní.
einem Tag auf den nächsten alle Kindergärten und verbot herrschte. Am schlimmsten war die Tatsache,
Schulen. Am folgenden Tag hieß es, alle Großveran- dass wir uns nicht wirklich von den Kindern und Ar-
staltungen und Versammlungen - auch Gottesdiens- beitskollegen verabschieden konnten. Vielen konnten
te - seien verboten. Plötzlich hatten wir keine Arbeit wir nur noch WhatsApp-Nachrichten schicken.
mehr. Wie waren allein, denn das Internat, auf dessen Noch in derselben Woche packten wir unsere Kof-
Gelände wir wohnten, hatte alle Schüler*innen nach fer. Es hieß, es könne jeden Moment zum Flughafen
Hause geschickt. Übers Wochenende hofften wir auf gehen. Wir versuchten aus jedem Tag das Beste zu
das Beste. Umsonst. machen: sich ein letztes Mal in die „bratende“ Sonne
Am Montagmorgen gingen Gerüchte um, dass wir legen, ein Kilo Eis in den Lieblingssorten aus der Eis-
unseren Freiwilligendienst beenden müssten und von diele bestellen, gemeinsam Mate trinken…
unseren Organisationen nach Deutschland zurück- Ehrlich gesagt war diese Zeit sehr nervenaufreibend.
geholt werden würden. Wir wollten es nicht glauben, Morgens stehst du auf und hast keine Vorstellung,
warteten auf die E-Mail mit der Hiobsbotschaft und was der Tag bringen wird. Alle fragen, ob es schon
hielten den Atem an, als wir es schwarz auf lesen etwas Neues gibt, aber nein! Du bist immer noch ge-
konnten. Ich glaube, ich habe den ganzen Tag immer nau da, wo du auch schon gestern warst. Und vorges-
wieder geweint. tern. Und am letzten Wochenende, denn es herrscht
Unsere Mentorin Ruth versuchte uns mit einem ge- schließlich Ausgangssperre und es gibt keine Trans-
meinsamen Mittagessen bei ihr aufzumuntern. Abends portmittel. Und eigentlich willst du ja auch gar nicht
lagen die Nerven trotzdem so blank, dass Inka und ich hier weg. Andererseits weißt du genau, dass die
uns gestritten haben. Unseren Streit legten wir aber Heimreise das Vernünftigste ist und die nervenden
schnell bei. Ich bin sehr glücklich, dass ich Inka hatte! Fragen nur Sorge um dich ausdrücken.
Wir waren ein gutes Team, das an seinen Herausfor- Die ganze Wartezeit über standen wir auch mit den
derungen immer mehr gewachsen und zusammenge- anderen Freiwilligen und unseren Organisationen in
wachsen ist. Auch das noch folgende Corona-Chaos Kontakt. Das war sehr hilfreich, da wir auch immer mit
haben wir zusammen gemeistert. Ging es der Einen jemanden in der gleichen Lage reden konnten. Inka und
schlecht, war die Andere da – und umgekehrt. ich bekamen mit, wie immer mehr andere Freiwillige
Nachdem wir eine Nacht über die Nachrichten geschla- den Flieger nach Deutschland nehmen konnten – wäh-
fen hatten, wollten wir unsere argentinischen Freunde rend wir beide noch immer in Ruiz de Montoya festsa-
informieren und die voraussichtlich letzten Treffen ßen. 1.500 Kilometer von Buenos Aires entfernt.
planen, um uns noch einmal zu sehen und persönlich Selbstverständlich freuten wir uns für die anderen,
auf Wiedersehen zu sagen. Leider klappte es nicht mit aber zugleich wuchsen unsere Ungeduld und Ver-
allen, da schon bald absolutes Ausgangs- und Kontakt- zweiflung. Es fuhren keine öffentlichen Verkehrsmit-
18tel, da die argentinische Regierung das ganze Land in Aufregung, denn Ungewissheit während der Wartezeit
Quarantäne gesteckt hatte. Niemand durfte sich ohne war ziemlich anstrengend gewesen. Zudem vermisste
Passierschein, ausgestellt von der Polizei, draußen ich Misiones und all die Leute vor Ort schmerzlich. Und
frei bewegen - und es sah nicht so aus, als würde sich das tue ich noch immer.
an dieser Situation bald etwas ändern. Wäre es anders, wäre meiner Meinung nach auch et-
Letztendlich warteten Inka und ich rund drei Wochen, was falsch gelaufen. Der Schmerz ist mit der Zeit er-
bis wir plötzlich erfuhren, dass es am nächsten Mor- träglicher geworden und ich weiß, es bringt nichts, in
gen mit einem Bus der französischen Regierung für Trauer zu versinken. Es geht weiter und ich muss den
uns nach Buenos Aires und von dort aus weiter nach nächsten Schritt wagen in Richtung Studium. Zudem
Frankfurt ging. Der Bus sammelte in der Provinz Mi- bin ich ja auch froh, erneut bei meiner Familie und mei-
siones Europäer ein, um sie zum Flughafen zu brin- nen Freunden zu sein. Man kann zwar immer noch
gen. Für die Mitreise brauchten wir eine Gesundheits- nicht wirklich wieder in sein altes Leben zurückkom-
bescheinigung von einer Ärztin. An unserem letzten men, da Corona es bisher verhindert, aber wie wir Frei-
Abend saßen wir auf der Polizeiwache, um Passier- willigen so schön scherzhaft sagen: Das Warten sind
scheine zu beantragen. wir ja nun schon gewohnt.
Die Fahrt nach Buenos Aires zog sich aufgrund von Für mich ist klar, dass ich eines Tages meine Einsatz-
vielen langwierigen Polizeikontrollen an den Provinz- stelle und meine Freunde und Bekannten in Ruiz de
grenzen in die Länge. Nach etwa 19 Stunden kamen Montoya besuchen werde, allein schon deshalb, um
wir endlich am Flughafen an. Hier verbrachten wir mich dann bei der erneuten Rückreise nach Deutsch-
den Tag, bestiegen abends um 20.00 Uhr den Flie- land vernünftig verabschieden zu können. Bis dahin
ger und schliefen kurz danach erschöpft ein. Aufge- versuche ich, mich an meine Zeit in Argentinien zu er-
wacht bin ich erst wieder, als wir in Deutschland zur innern, die ich vor dem Ausnahmezustand erlebt habe.
Landung ansetzten. Wenn ich heute zurückblicke, Die war nämlich schön! Alles, was ich erlebt, und die
bin ich sehr froh, dass das Ganze so abgelaufen ist. Menschen, die ich in diesen letzten acht Monaten ge-
Passend zu den acht Monaten davor war auch unse- troffen habe, werden für immer einen Platz in meinem
re Abreise wahrlich ein Abenteuer! Herzen haben. Ich werde sie niemals vergessen.
Die ersten Tage und Wochen in Deutschland ging es
mir ziemlich schlecht. Ich war müde von der ganzen Michelle Mattern
Freiwillig hin - unfreiwillig zurück
SAN
Die Corona-Pandemie durchkreuzt den Freiwilligendienst auf Sansibar
SIB
AR
„Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi!“ schreibt Je- und eintauchen in eine fremde Kultur
nny Kolbus neben ihr Profilbild auf Skype. Will heißen: und Sprache: Diese Neugier hat Jen-
Kein Tag kann gelöscht, keine Erfahrung rückgängig ge- ny Kolbus ihre Arbeit als Jugendreferentin
macht werden. Selbst vermeintliche Rückschläge ber- in Dortmund unterbrechen lassen, um bei der
gen wertvolle Erkenntnisse und bestätigen die Einsicht: Vereinten Evangelischen Mission (VEM) einen entwick-
Das Leben kann nur vorwärts gelebt werden. lungspolitischen Freiwilligendienst zu absolvieren.
Das hat die junge Frau aus Herford auch in ihrem we- Das vitale Interesse an anderen Menschen und der
gen der Corona-Pandemie abgebrochenen Freiwilli- Studienabschluss im Fach Soziale Arbeit ebnen der
gendienst auf Sansibar erfahren. Dabei hatte sie sich Diakonin den Weg nach Sansibar. Auf dieser Insel vor
so sehr auf dieses eine Jahr im Ausland gefreut und dem tansanischen Festland mit über 99 Prozent musli-
intensiv auf die Zeit in Tansania vorbereitet. Einmal das mischer Bevölkerung fördert die Lutherische Kirche mit
eigene Fremdsein in einem unbekannten Land erleben „Upendo“ und „Zanzic“ zwei interreligiöse Projekte. Wäh-
19CORONA-BERICHTE VON FREIWILLGEN
rend „Upendo means Love“ christliche und muslimische
© Jenny Kolbus
Frauen zu Schneiderinnen ausbildet, lädt das zu „Zanzic“
abgekürzte „Zanzibar Interfaith Centre“ zum Studium der
Religionen ein und zum friedlichen Dialog über Gemein-
samkeiten und Unterschiede in Christentum und Islam.
„Ich habe so viel in diesem Doppelprojekt gelernt und
mich super wohl gefühlt!“ blickt Jenny Kolbus auf ihre
sieben Monate in Tansania zurück. Frauen-Empower-
ment in „Upendo“ heißt für sie: In der Nähschule werden
Technik und Design erlernt, im Workshop das Gelernte Die Upendo-Managerin Farijila Abdala und VEM-Freiwillige
an Taschen eingeübt und durch den Kleiderverkauf im Jenny Kolbus freuen sich, dass ihre farbenfrohen Kleider,
Shop die wirtschaftliche Selbständigkeit gestärkt. Dazu Taschen und Tücher gut ankommen beim Fest der
die Begegnungen und Seminare im „Zanzic“: Eintauchen Internationalen Schule auf Sansibar.
in die Geschichte und Kultur der Religionen, gemeinsam
christliche und muslimische Feste feiern, als Studieren- weiteren Verbleib in Tansania berät, ziehen das Aus-
de mit- und voneinander lernen, Kisuaheli, Deutsch und wärtige Amt und die Weltwärts-Zentrale die Reißleine
Englisch reden, Glaube und Gebet im Alltag erfahren. und ordnen die umgehende Rückkehr aller Freiwilligen
Fragt man nach den bleibenden Eindrücken ihres Freiwil- nach Deutschland an.
ligendienstes, dann erzählt Jenny Kolbus von der wach- Weder die engagierten Frauen und Männer im interna-
senden Emanzipation der Frauen und dem Aufbrechen tionalen Freiwilligendienst noch die VEM oder andere
traditioneller Rollen: Mama Afrika ist längst nicht nur die Entsendeorganisationen haben wirklich eine Wahl,
lastenschleppende Familienfrau, sondern zunehmend sondern können nur den Anordnungen aus Berlin fol-
Ärztin und Lehrerin, Schneiderin und Managerin, die sich gen. So muss auch Jenny Kolbus Mitte März Hals über
Ausbildung und Beruf, Selbständigkeit und ökonomi- Kopf ihre Koffer in Stone Town packen, die Abreise vor-
sche Unabhängigkeit nicht mehr nehmen lässt. bereiten und darf ihre Freundinnen wegen der neuen
Im Februar 2020 kommen erste Gerüchte über das Abstandsregeln zum Abschied nicht mehr umarmen.
neuartige Corona-Virus bei den Freiwilligen an. Mit „Nichts tat in den letzten Jahren so weh wie das!“ ist
Kopfschütteln nehmen sie die Hamsterkäufe von Mehl das traurige Fazit dieses unschönen Abbruchs.
und Klopapier in ihrer kalten Heimat zur Kenntnis und Mit der Fähre geht es von Sansibar nach Daressalam
fühlen sich im Corona-freien Tansania deutlich sicherer und am nächsten Tag mit dem Flieger nach Hause.
als in den deutschen Krisen-Hotspots. Während Jenny Aber wo ist „Zuhause“ für eine 26-Jährige, die sechs
Kolbus mit ihren Kolleginnen via WhatsApp noch den Jahre selbständig in Studium und Beruf gelebt hat? Kei-
ne Wohnung, kein Job, keine Zeit, die Rückkehr in Ruhe
Das Gemeinschaftsprojekt „Upendo means Love“ zu planen! Stattdessen überhastete Ausreise, zwei
verbindet Nähschule und Boutique, Menschen und Wochen Kontaktverbot und 14 Tage auf der Couch der
Religionen. Das Ergebnis: Stilvolle Kleidung, interkulturelle Schwester: Zeit der Leere und Trauer! Bis sich der Ne-
Freundschaften und wirtschaftliche Unabhängigkeit. bel allmählich lichtet und neue Konturen deutlich wer-
den: der Einzug ins Internationale Volunteers House in
Dortmund und die Aussicht auf eine befristete Stelle in
der kirchlichen Jugendarbeit.
Wie gesagt: Leben ist Zeichnen ohne Radiergummi!
Gerade deswegen hat Jenny Kolbus ihre Entscheidung
zum Freiwilligendienst keine Minute bereut und ist trotz
des vorzeitigen Abbruchs dankbar für die vielen tollen
Erfahrungen in dieser außergewöhnlichen Zeit.
© Jenny Kolbus
Martin Ahlhaus, Regionalpfarrer des Amtes für MÖWe
für die Kirchenkreise Iserlohn, Lüdenscheid-Plettenberg,
Siegen und Wittgestein
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