HAND-WERK ZUR MATERIALITÄT DES SCHRIFTLICHEN - Das Magazin der Kulturstiftung der Länder - Kulturstiftung der Länder
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Das Magazin der
Kulturstiftung der Länder
4 2018
HAND-WERK
ZUR MATERIALITÄT
DES SCHRIFTLICHEN
LUDWIG VAN BEETHOVEN
IN BONN
BERLIN: DER SAMMLER
KARL H. BRÖHANEDITORIAL schaften von Schriftträgern und Schreibstoffen – wie
Foto: VSU
etwa die Qualität des Pergaments oder die Zusammen-
setzung der Tinte – können zudem wichtige Quellen
Schreibkulturen für die Wirtschafts- und Sozialgeschichte sein. Das Ti-
telthema dieses Heftes „Materialität des Schriftlichen“
Georgiana Houghton, The Flower of Samuel Warrand, 1862, (Ausschnitt), Victorian Spiritualists‘ Union, Melbourne
mit Beiträgen von Oliver Jungen, Julia Ronge, Antonia
Kölbl und Johannes Fellmann entführt Sie in den Kos-
mos des Handgeschriebenen und illustriert eindrucks-
BIS voll, warum die Kulturstiftung der Länder den Ankauf,
die Präsentation sowie die konservatorische Pflege von
10 Autographen nationalen Ranges seit nunmehr 30 Jah-
ren zu ihren zentralen Aufgaben zählt. Das gestiegene
MÄRZ öffentliche Bewusstsein von der besonderen Bedeutung
des schriftlichen Kulturerbes dürfte jedoch nicht nur da-
2019 rauf zurückzuführen sein, dass Dinge und ihre Materia-
lität in den Kultur- und Sozialwissenschaften der letzten
Jahrzehnte eine deutliche Aufwertung als Forschungsge-
genstände erfahren haben. Der sich derzeit vollziehende
Prof. Dr. Markus Hilgert, Generalsekretär der Übergang von einer analogen zu einer digitalen Schreib-
Kulturstiftung der Länder
kultur sensibilisiert uns vielmehr für die Tatsache, dass
das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft irreparablen
Liebe Leserinnen und Leser, Schaden nimmt, wenn diese Gesellschaft die Pflege ihres
schriftlichen Kulturerbes vernachlässigt. So wird bei-
seit etwa 5.000 Jahren kann der Mensch schreiben. Die spielsweise auch der zukünftige Umgang mit Objekten
ältesten bekannten Manuskripte sind mit bildhaften aus kolonialem Kontext entscheidend von der Verfüg-
E ORI E U N D PR Schriftzeichen beschriebene Tontafeln aus dem Süden barkeit aussagekräftiger Schriftzeugnisse abhängen. Das
TH AX des Irak. Im Vergleich zur Entwicklungsgeschichte des klare Bekenntnis der Bundesregierung zum Erhalt des
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Homo sapiens ist das Schreiben also eine Fertigkeit, die schriftlichen Kulturgutes sowie die finanzielle Stärkung
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wir erst vor relativ kurzer Zeit erworben haben. Manch- der gemeinsam von der Beauftragten der Bundesregie-
18
ISCH E KU N
mal frage ich mich, ob wir diese Fertigkeit irgendwann rung für Kultur und Medien und der Kulturstiftung der
5 0–
M auch wieder verlieren werden. Das geschieht immer Länder getragenen „Koordinierungsstelle für die Erhal-
O SIU R
1 95 0
P E dann, wenn ich mir vornehme, einen Brief ‚von Hand‘ tung des schriftlichen Kulturguts“ sind daher nicht nur
S Y MP FÄ N G
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EM MIT FILMEN zu schreiben, und feststelle, dass mir inzwischen die
Übung fehlt, gerade so, als sei ich dabei, das Schrei-
für Archive, Bibliotheken und Museen in Deutschland
ein wichtiges Signal.
VON ben mit Stift auf Papier zu verlernen. Auch diese Zei-
ST
19
len entstehen mit Hilfe einer Tastatur am Computer, Ihr
MI
JOHN &
20
und ich bin, ehrlich gesagt, erleichtert, dass Sie es dem
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Manuskript daher nicht ansehen werden, wie oft ich
N
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ME . korrigiert, gestrichen und ergänzt habe. Die Mühsal des
25. U N D 26 Schreibprozesses und die aufeinander aufbauenden Zu-
WHITNEY stände des Textes werden an dem Geschriebenen nicht
mehr abzulesen sein – gut so.
UND Das Vorläufige, nie Abgeschlossene, das wir an un-
serer eigenen Textproduktion vielleicht als Makel wahr-
HARRY nehmen, ist jedoch genau das, was uns an den Autogra-
phen anderer Menschen oft besonders anzieht. Können
SMITH wir uns Beethoven und Kafka nicht ein wenig näher
fühlen, wenn wir auch in ihrem Handgeschriebenen
das Ringen um das ‚Richtige‘ erkennen? Jenseits solcher
Empfindungen liefern die materiellen Spuren der Ent-
stehung eines Textes oder einer Komposition vor allem
der Forschung wichtige Anhaltspunkte für die biogra-
phische oder kulturgeschichtliche Einordnung eines Ludwig van Beethoven, Autograph des Liedes
„Ruf vom Berge“ nach einem Gedicht von
Werks. Entsprechendes gilt etwa für Skizzen, Vorzeich- Georg Friedrich Treitschke, 1816, 16 × 19,7 cm;
LENBACHHAUS
IHR nungen oder Studien in der bildenden Kunst. Eigen- Beethoven-Haus Bonn
KU NSTMUSEUM
LE N BACH HAUS. DE I N MÜ NCH E N
ARSPROTOTO 4 2018 3AUTOREN IMPRESSUM INHALT
schmerzhafte Wirklichkeit. Aus dem zusam- Arsprototo
Das Magazin der Kulturstiftung der Länder
3 EDITORIAL TITELTHEMA MATERIALITÄT
mengerafften Fundus eines bankrotten
Preistreibers kommen jetzt zwei Handschrif- Lützowplatz 9, 10785 Berlin DES SCHRIFTLICHEN
ten Beethovens nach Bonn. Mithilfe eines Telefon 030 - 89 36 35-0 Fax 030 - 8914251 4 AUTOREN / IMPRESSUM
20
DER
Briefs kann die promovierte Musikwissen- Redaktion 030 - 89 36 35-27
EMÄLDESAMMLUNG
G
schaftlerin und Herausgeberin des Beethoven- E-Mail arsprototo@kulturstiftung.de
Werkverzeichnisses zeigen, dass der Kom Internet www.kulturstiftung.de 8
UND BIBLIOTHEK WELTGEIST
ponist schon in jungen Jahren für Brüderlich-
keit zwischen den Menschen eintritt. Und Herausgeber Prof. Dr. Markus Hilgert,
wie der musikalische Charakter von Beetho- Generalsekretär der Kulturstiftung der Länder
der Bonner „Lese- und Erholungsgesellschaft“
ZU HÄNDEN
vens Lied „Ruf vom Berge“ durch Fehler Projektleitung Dr. Stephanie Tasch
im Erstdruck nachhaltig verfälscht wurde, Chefredakteurin Carolin Hilker-Möll
beweist Julia Ronge mit Beethovens eigen- Geschäftsführender Redakteur Johannes Fellmann
händiger Niederschrift. ––– Seite 28 Redaktionelle Mitarbeit Jenny Berg, Antonia Kölbl,
OLIVER JUNGEN Laura Kunkel Autographen als Grundpfeiler der
Ob früher mehr Lametta war, ist noch nicht Senior Editor Dieter E. Beuermann kulturellen Überlieferung
ausgemacht. Mit Sicherheit aber waren früher Konzeption und Gestaltung Stan Hema mit — von Oliver Jungen
mehr Autographen. Der Germanist und Vladimir Llovet Casademont, www.stanhema.com
Journalist Oliver Jungen, der sich für diese Anzeigen Jenny Berg, Telefon 030 - 89 36 35-21
Ausgabe mit der Faszination von Original-
handschriften beschäftigt hat, wird in
Zukunft sicher öfter auf Autographen-Mes-
Abonnements Arsprototo – Abonnementservice,
Bessemerstraße 51, 12103 Berlin
28 SPÄTE BRIEFPOST
sen anzutreffen sein. Denn er besitzt zwar E-Mail abo@kulturstiftung.de
Das Beethoven-Haus in Bonn konnte
einige an ihn gerichtete Schreiben verehrter Telefon 030 - 89 36 35-41 Fax 030 - 26 55 56‑71 zwei unbekannte Autographen des
Zeitgenossen – aber das sind allesamt Jahresabonnement: 20 Euro Komponisten ersteigern — von Julia Ronge
E-Mails. Bei der Recherche für Arsprototo Erscheinungsweise Viermal jährlich
durfte er jedoch lernen, wie viel näher der Erscheinungstermin dieser Ausgabe: 12.12.2018
materielle Schreibstoff uns den erhabenen
Geistern bringt. Und nicht selten verrät uns
Gedruckte Auflage dieser Ausgabe: 16.000 32 DER HANDSCHRIFT
das stoffliche Schreibstück Geheimnisse, die
der gedruckte Text verschweigt. Kein Wunder
JOHANNES FELLMANN Nachdruck von Bildern und Artikeln, auch
auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung
AUF DER SPUR
also, dass auch die Wissenschaft die Originale Ob Südseemasken aus dem Bismarck-Archi- der Redaktion. Mit Ulrich von Bülow durchs
bevorzugt. Oliver Jungen hat in Köln und pel, die Kunst der 68er oder Kulturbildung Litho Mega-Satz-Service, Berlin
für Kinder: Johannes Fellmann macht aus Deutsche Literaturarchiv Marbach
London Deutsche Philologie, Philosophie Herstellung Buch- und Offsetdruckerei
und Geschichte studiert und arbeitet seit zwei jedem Thema der Kulturstiftung der Länder H. Heenemann GmbH & Co., Berlin
— von Antonia Kölbl
Jahrzehnten als Kulturjournalist, vornehmlich eine faszinierende Geschichte. Bevor er im Vertrieb OML KG , Berlin
für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Jahr 2005 Arsprototo mitbegründete und ISSN 1860 - 3327
Er hat diverse Bücher veröffentlicht, unter seitdem als Redakteur begleitet, arbeitete
anderem zu Alfred Döblin, zur Stilistik und Fellmann als Kulturjournalist und Reporter Arsprototo erscheint mit Unterstützung des
Grammatiktheorie sowie zu großen deut- für 3sat kulturzeit und das ZDF. 10 Jahre Freundeskreises der Kulturstiftung der Länder.
schen Blindgängern (mit Wiebke Porombka: lang verantwortete er die Kommunikation 10 EILIGE DREI KÖNIGE
H
Deutsche Nullen. Sie kamen, sahen und der KSL. Zukünftig wird er freiberuflich von Henrik Douverman
versagten. C. H. Beck, 2016). ––– Seite 20 Kulturinstitutionen und Künstler beraten Kulturstiftung der Länder
und seine Expertise in die Wissenschaftskom- Stiftung bürgerlichen Rechts
munikation einbringen. Als geschäftsführen- Lützowplatz 9, 10785 Berlin 12 RCHAISCHES FRAGMENT
A
der Redakteur wird er aber weiterhin für Telefon 030 - 89 36 35-0 Fax 030 - 89 14 251 von Richard Oelze
Arsprototo tätig sein und die Leser mit seinen E-Mail kontakt@kulturstiftung.de
spannenden Reportagen an ungewöhnliche Internet www.kulturstiftung.de
Orte führen: so diesmal in das Berliner Generalsekretär Prof. Dr. Markus Hilgert 14 STAMMBUCH MIT EINTRAG
Medizinhistorische Museum der Charité, wo Stellv. Generalsekretär Prof. Dr. Frank Druffner VON NOVALIS
die handgeschriebenen Sektionsprotokolle Dezernentinnen Dr. Britta Kaiser-Schuster,
von Rudolf Virchow von Tintenfraß und Dr. Stephanie Tasch von Jakob Christian Menzler
Austrocknung bedroht sind. ––– Seite 38 Leiter Kommunikation Hans-Georg Moek
Leiter der Verwaltung Ronny Günther
Finanzbuchhalterin Angela Neumann-Bauermeister
15 S CHRIFTLICHER NACHLASS
Titel: Ernst Jünger, Sekretariat Gabriele Lorenz, Monika Michalak von Bernard von Brentano
SCHNITT
Manuskript des Referentin des Vorstands Jenny Berg
Essays „Annäherun- 38
gen. Drogen und Informationsgemeinschaft zur Feststellung
16 PORTRÄT DES LOUIS GAUCHER,
JULIA RONGE Rausch“, erschienen DUC DE CHÂTILLON
STELLEN
der Verbreitung von Werbeträgern e.V.
1970; Deutsches
Handschriften als Spekulationsobjekt?
Literaturarchiv von Johann Heinrich Tischbein d. Ä.
Fondsgesellschaften, die gierig Originale
Marbach
aufkaufen und wissenschaftliche Arbeit auf
Jahrzehnte blockieren? Für Julia Ronge, die Die handgeschriebenen Sektions-
Sammlungskustodin im Beethoven-Haus protokolle von Rudolf Virchow
Bonn, war das kein Alptraum, sondern
— von Johannes Fellmann
4 ARSPROTOTO 4 2018 5INHALT
LÄNDERPORTRÄT BERLIN
52
DER
ENTDECKER
44 DER SCHÖNE SCHEIN TRÜGT
Im Berliner Knoblauchhaus braucht ein
Kronleuchter von Karl Friedrich Schinkel
Ihre Unterstützung
48 BRUTAL MODERN!
Das Braunschweigische Landesmuseum zeigt
in einer großen Sonderausstellung Architektur
zwischen 1960 und 1980 — von Jenny Berg
Karl H. Bröhan sammelte Kunst und Kunst-
handwerk des Jugendstil, Art déco und
Funktionalismus und schenkte alles der
Stadt Berlin — von Uta Baier
58 KUNST UND KULTUR IN DEN LÄNDERN
62 HAND IN HAND
Der Freundeskreis der Kultur-
stiftung der Länder unterstützte
die Restaurierung von vier
Gemälden Heinrich Basedows
im Potsdam Museum
— von Frank Druffner
50 NEUE BÜCHER 64 NACHRICHTEN
51 FREUNDESKREIS / SERVICE / BILDNACHWEIS
66 SCHÖN IM DEPOT
Matthias Wemhoff mit dem „Schrein
von Cammin“ im Depot des Museums
für Vor- und Frühgeschichte in Berlin
In Kooperation mit
6ERWERBUNGEN
BEETHOVEN
IN GESELL-
SCHAFT
Bürgerschaftliche Kulturinitiativen eröffnen
Alternativen zu den staatlich vorgegebenen,
sie bringen Gegenentwürfe zum Etablierten.
Seit 1787 vertrat die „Lesegesellschaft“ als
wichtigste private Vereinigung der Bonner
Kulturwelt getreu ihrem Motto ET SIBI ET
ALIIS – „sowohl für sich selbst, als auch für
die Anderen“ – die Ideale der Aufklärung.
Bildung und Austausch für mehr Menschen
zugänglich zu machen, erklärte sie zum Ziel.
So zum Beispiel mit einer umfangreichen
Bibliothek – fehlten Privatpersonen doch oft
die Mittel, die teuren Druckerzeugnisse zu
erstehen. Auch eine Bildersammlung wurde
über die Jahrzehnte bewusst aufgebaut. Aus
den rund 30 Gemälden, 20 Graphiken und
zahlreichen historischen Fotografien, die das
Beethoven-Haus Bonn nun zusammen mit
der Bibliothek von der „Lese“ erwarb, treten
die Protagonisten der Bonner Stadtgesell-
schaft hervor.
1887, also 100 Jahre nach der Gründung der
bis heute existierenden „Lese“, hatten einige
ihrer Mitglieder eine weitere Kulturinstitu-
tion aus der Taufe gehoben: den Verein
Beethoven-Haus. Neue Aspekte der frühen
Bonner Jahre des Meisterkomponisten treten
aus der nun erworbenen Sammlung hervor.
Der geistige Nährboden, den die „Lese- und
Erholungsgesellschaft“ dem jungen Beetho-
ven bot, ist in der Ausstellung „Lichtstrahlen
der Aufklärung“ zu erleben. Die Exponate
spiegeln noch bis zum 31. Januar 2019 den
gesellschaftlichen, intellektuellen und politi-
schen Aufbruch des Bürgertums – kurz:
Beethovens Umfeld – wider.
Linke Seite: Gerhard Kügelgen, Selbstbildnis
mit der Büste seines Bruders Karl, 1790,
100 ×75 cm; Beethoven-Haus Bonn
Rechte Seite oben: James Lonsdale, Porträt
des Geigers und Konzertunternehmers
Johann Peter Salomon, ca. 1815, 91 × 70 cm;
Beethoven-Haus Bonn
Rechte Seite unten: Johann Heinrich Richter,
Porträt des Jugendfreundes Beethovens und
bedeutenden Mediziners Franz Gerhard
Wegeler, 1839, 65 × 55 cm; Beethoven-Haus
Bonn
Förderer dieser Erwerbung: Kulturstiftung der
Länder, Beauftragte der Bundesregierung für
Kultur und Medien, Ministerium für Kultur
und Wissenschaft des Landes Nordrhein-West-
falen
9ERWERBUNGEN Dreiheilig- keit Schon 2005 wollte das Museum Kurhaus Kleve die drei Weisen aus dem Morgenland unbedingt für seine Mittelalter-Sammlung haben. Der damalige Direktor wurde bei der Londoner Auktion von Sotheby’s aller- dings überboten. Doch als im selben Jahr der erfolgreiche belgische Käufer starb, gaben seine Erben die Skulpturengruppe als Leihgabe ins Klever Museum. Nun bleibt dank öffentlicher, unternehmerischer und privater Unterstützer die im Bewusstsein der Öffentlichkeit fest mit Kleve verbun- dene Gruppe von Henrik Douverman (um 1480/90 –1543/44) für immer in der Stadt, in der der Künstler seine Lehrzeit verbracht und seine erste eigene Werkstatt eröffnet hatte. Als die Könige in Bethlehem das neugebo- rene Jesuskind suchen und finden, ereignet sich ein Schlüsselmoment der christlichen Legende. Die drei huldigen mit Erstaunen, mit Freude als Vertreter der drei Weltteile als erste dem Gottessohn mit Gold, Weihrauch und Myrrhe. Melchior verkörpert das alte Europa, König Caspar repräsentiert Asien, der jüngste König Balthasar stellt Afrika dar. Das Motiv variiert an der Schwelle zur Neuzeit ein großes Thema europäischer Kunst: Nach der aktuellsten Mode um 1530 in luxuriöse Gewänder gekleidet, präsen tieren sich die biblischen Kronzeugen mit ihrer exaltierten Haltung und ihren Gesten, den prachtvollen Frisuren und Bärten in ihrer herausgehobenen Stellung als Heilige. Präzise und lebendig charakterisiert, weist die Gruppe, die wahrscheinlich im Altar schrein einer Kirche aufgestellt war, schon in modernere Zeiten. Henrik Douverman, Heilige Drei Könige, um 1530 –35, H. zw. 81 und 85 cm; Museum Kurhaus Kleve Förderer dieser Erwerbung: Kulturstiftung der Länder, Ernst von Siemens Kunststif- tung, Ministerium für Kultur und Wissen- schaft des Landes Nordrhein-Westfalen, Freundeskreis Museum Kurhaus und Koekkoek-Haus Kleve e.V., Kunststiftung NRW, Rudolf-August Oetker-Stiftung für Kunst, Kultur, Wissenschaft und Denkmal- pflege, Provinzial Rheinland Versicherung AG, Irene Zintzen-Stiftung und weitere Unterstützer 10 ARSPROTOTO 4 2018 11
ERWERBUNGEN
PRÄZISE
UNEINDEUTIG
In einem Moment erzählen sie lebhafte
Geschichten, im nächsten verblassen sie
zu verschwommenen Bildern: An der
Grenze zur Realität bieten Träume einen
idealen Nährboden für Interpretation
und Deutung. Den Theorien Sigmund
Freuds folgend, sahen die Surrealisten
in der Welt des Traumes den Zugang zu
einer höheren Wirklichkeit – frei von
jeder Kontrolle durch die Vernunft.
Präzise wiedergegeben und doch unein-
deutig, fordert ihre Kunst den Betrachter
dazu auf, Logik und Verstand loszulassen
und sich in die Tiefen des eigenen Unbe-
wussten zu begeben. Nach seinem Um-
zug nach Paris Anfang der 1930er-Jahre
kam der in Magdeburg geborene Künstler
Richard Oelze (1900 –1980) mit dem
Kreis der Surrealisten rund um Max
Ernst, René Magritte und Yves Tanguy
in Kontakt und entwickelte eine von
fantastischen Motiven gekennzeichnete
Bildsprache. Mit der für ihn charakte-
ristischen, altmeisterlich lasierenden
Maltechnik schuf Oelze 1935 das Öl
gemälde „Archaisches Fragment“: eine
großformatige Komposition mit einem
grotesken Mischwesen aus biomorphen
Formen, das vor einer Seen- und Ufer-
landschaft schwebt. Bereits ein Jahr nach
Entstehen wurde das Bild auf der Lon
doner Ausstellung „International Surrea-
list Exhibition“ neben Werken von Max
Ernst, Salvador Dalí und Man Ray ge-
zeigt. Als Werk eines bedeutenden deut-
schen Vertreters des Surrealismus ergänzt
„Archaisches Fragment“ den Moderne-
Bestand des Frankfurter Städel Museums
nun um ein wichtiges Zeugnis kulturellen
Transfers Anfang des 20. Jahrhunderts.
Richard Oelze, Archaisches Fragment,
1935, 98 × 130 cm; gemeinsames Eigentum
des Städelschen Museums-Verein e.V. und
des Städel Museums, Frankfurt am Main
Förderer dieser Erwerbung: Kulturstiftung
der Länder, Kurt und Marga Möllgaard-
Stiftung
12 ARSPROTOTO 4 2018 13ERWERBUNGEN
Facebook, von Hand BLICK VON
Was wohl aus der Kommilitonin wurde,
die damals jeden Montagmorgen direkt
Der Erforschung von Novalis’ dichteri-
schem Werk widmet sich die Forschungs-
AUSSEN
Neustadt, Hessen, 1. August 1914. Pauken-
aus dem Club in die Ästhetik-Vorlesung stätte für Frühromantik und Novalis- schläge, Chorgesang, Gedränge auf dem
kam? Und was macht heute der Student, Museum Schloss Oberwiederstedt. An Siegesplatz. Die Verkündigung geht im
Chaos fast unter, aber es ist offiziell: Der
der nach jedem Seminar noch mindestens der Geburtsstätte des Lyrikers liegt das Krieg ist da. Jubel und Pöbelei auf den
eine wichtige Frage hatte? Neugierde dieser Stammbuch Menzlers nun für Forschung Straßen, Misstrauen und Zweifel im groß-
Art kann dank sozialer Medien inzwischen und Öffentlichkeit offen, nachdem das bürgerlichen Hause Chindler. Die Anfangs-
szene in Bernard von Brentanos (1901–1964)
schnell befriedigt werden. Im Studenten- Museum es auf einer Auktion ersteigern politischem Roman „Theodor Chindler“
wohnheim der Harvard University ent- konnte. Die 62 Einträge im Album läutet den Anfang vom Ende einer deutschen
standen, führt das Netzwerk Facebook Amicorum, die in den Jahren 1798 bis Familie ein, die ihr Land in allen schicksal-
haften Facetten spiegelt: Vater Theodor
eine jahrhundertealte Tradition fort: Es 1881 Menzler gewidmet wurden, zeichnen engagiert sich in der Zentrumspartei, Toch-
gründet auf dem Wunsch nach medialem das Umfeld Novalis’ in Freiberg nach – ter Margarethe verlässt ihr Zuhause, um sich
Austausch zwischen Studienkollegen. ein Lebensabschnitt, der noch zu weiten der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung
Im ausgehenden 18. Jahrhundert boten Teilen im Dunkeln lag. In Oberwieder- anzuschließen. Die älteren Söhne Karl und
Ernst kämpfen an der Front fürs Vaterland.
Stammbücher hierfür die Plattform. stedt wird nun ein Schlaglicht auf das Nesthäkchen Leopold gesteht seine Homo
Verließ ein Student seinen Studienort, literaturhistorische Dokument gerichtet. sexualität. Die Mutter Elisabeth ist über-
so trug er sich ins Buch der Kommilitonen Da das Freie Deutsche Hochstift in Frank- zeugt, die Kinder falsch erzogen zu haben:
„Alle waren nicht so, wie sie sein sollten.“
ein. Am 13. Mai 1799 schrieb Friedrich furt am Main das Novalis-Museum bei der Ursprünglich katholisch, linksradikaler
von Hardenberg aus Thüringen fünf Erwerbung unterstützte, wird das Stamm- Student und später Kritiker des Kommunis-
Zeilen aus Johann Gottfried Herders buch auch in der Erstausstellung des im mus, der sich den Nationalsozialisten an-
dient – Brentano verarbeitet für die 1936 im
Gedicht „Das Flüchtigste“ (1787) für Spätsommer 2019 eröffnenden Museums Exil entstandene Geschichte autobiografische
Jakob Christian Menzler (1776 –1854) des Stifts, dem Deutschen Romantik Details. Der Autor, 1939 mit dem Internati-
nieder. Gemeinsam hatten sie die renom- Museum, zu sehen sein. Und auch für die onalen Literaturpreis ausgezeichnet, wurde
mierte Bergakademie im sächsischen bis heute existierende Universität in Frei- erst vor einigen Jahren wiederentdeckt. Ob
als Schriftsteller, Redakteur der Frankfurter
Freiberg besucht. Der Jurist Hardenberg berg, die älteste noch bestehende montan- Zeitung oder hellsichtiger Essayist: Scharf
(1772 –1801) war mit seinem Zweit wissenschaftliche Bildungseinrichtung beobachtete er das städtische Leben, erahnte
studium der Naturwissenschaften in die weltweit, eröffnet sich so ein Kapitel ihrer gesellschaftliche Umbrüche, teilte Reiseerleb-
nisse und kommentierte Literatur, Filme und
Fußstapfen seines Vaters getreten. In Geschichte. Ausstellungen im Stil der Neuen Sachlich-
seinen ab 1798 erschienenen Publikatio- keit. Manuskripte, Korrespondenzen, Doku-
nen wandte er sich aber auch zunehmend Förderer dieser Erwerbung: Kulturstiftung mente – den schriftlichen Nachlass seines
vielfältigen Œuvres bewahrt nun das Deut-
der Lyrik zu, seiner eigentlichen Leiden- der Länder, Freies Deutsches Hochstift sche Literaturarchiv Marbach.
schaft. Unter dem Pseudonym Novalis Frankfurt am Main, Land Sachsen-Anhalt,
schrieb er sich in die Literaturgeschichte Dr. Arved Grieshaber Förderer dieser Erwerbung: Kulturstiftung
der deutschen Frühromantik ein. der Länder, Beauftragte der Bundesregierung
für Kultur und Medien
14 ARSPROTOTO 4 2018 15SCHLEMMER
Das Bauhaus und der Weg in die Moderne
ERWERBUNGEN
HERZOG
UND
HERKULES
Ein französischer Offizier
vor Kassel in einer österrei-
chischen Auktion? Für die
Kulturstiftung der Länder,
die Hessische Kulturstiftung
OSKAR
und die Ernst von Siemens
Kunststiftung eine Gelegen-
heit, die Museumslandschaft
Hessen Kassel zu unterstüt-
zen. Und zwar mit einem
Gemälde, das der Kasseler
Hofporträtist Johann
Heinrich Tischbein d. Ä.
(1722 –1789) für die muse-
ale Vermittlungsarbeit des
21. Jahrhunderts gemalt zu
haben scheint: Das Porträt
des Louis Gaucher, Duc de
Châtillon (1737–1762), aus
dem Jahr 1762 ist ein histo-
risches Bildnis mit einer
solchen Fülle von Verweisen
auf (lokal-)historische
Herzogliches
Ereignisse und deren Schau-
plätze, auf kunsthistorische
Museum Gotha
wie kulturhistorische As-
pekte, dass die Gemälde
28.04.– 28.07.2019
galerie Alte Meister in Kassel
dem Werk umgehend einen
Patrimonia-Band (Nr. 391)
widmete, um die wichtigsten
Facetten zusammenzutragen.
So ist das Gemälde ein
landesgeschichtliches Do
kument der französischen
Belagerung Kassels während
des Siebenjährigen Krieges
in Europa (1756 –1763). Der
prominent platzierte Stadt-
plan Kassels mit den Befes
tigungen verweist auf den
Zusammenhang von Karto-
graphie und Krieg, während
der Hintergrund mit dem
Herkules der heutigen
Wilhelmshöhe und einem
Vorgängerbau des heutigen
Schlosses präzise über
Kasseler Baugeschichte
In Kooperation mit:
informiert.
Johann Heinrich Tischbein
d. Ä., Louis Gaucher,
Duc de Châtillon, 1762,
223 × 129 cm; Museums-
landschaft Hessen Kassel
Förderer dieser Erwerbung:
Kulturstiftung der Länder,
Ernst von Siemens Kunst
stiftung Eintritt Herzogliches Museum Gotha
5,00 € | erm. 2,50 € Schlossplatz 2, 99867 Gotha
Öffnungszeiten Telefon (03621) 82 34 - 0
16 täglich 10 – 17 Uhr www.stiftung-friedenstein.deOliver Jungen über Autographen TITELTHEMA MATERIALITÄT DES SCHRIFTLICHEN
VON HAND
als Grundpfeiler der kulturellen
Überlieferung — Seite 20
Julia Ronge über zwei unbekannte
Autographen von Ludwig van
Beethoven für das Beethoven-Haus
in Bonn — Seite 28
Antonia Kölbl über Hand-
schriften im Deutschen
Literaturarchiv Marbach
— Seite 32
Johannes Fellmann über die
handgeschriebenen Sektions-
protokolle von Rudolf Virchow
— Seite 38
Farbige Veränderungen in
pathologischen Geweben.
Tafel III aus dem Beitrag von
Rudolf Virchow: Die patholo-
gischen Pigmente. In: Archiv
für pathologische Anatomie
und Physiologie und für
klinische Medicin. Band 1,
1847, S. 379 – 404; Berliner
Medizinhistorisches Museum
der Charité
18 ARSPROTOTO 4 2018 19TITELTHEMA MATERIALITÄT DES SCHRIFTLICHEN
DER WELTGEIST
ZU HÄNDEN
AUTOGRAPHEN SIND EIN GRUNDPFEILER DER KULTURELLEN
ÜBERLIEFERUNG — EIN VIELSTIMMIGER RUNDBLICK
von Oliver Jungen
N
iemand kann sich ihrer Ausstrahlung entziehen. denen ,Amerikanischen Reisetagebücher‘ Alexander von
Es ist, als hätte sich in Autographen der Atem der Humboldts erschienen, da war ich schon sehr berührt.“
Geschichte in Schrift kristallisiert. Schon Goethe Wie eine Begegnung über die Zeiten hinweg sei das
war fasziniert von dieser Spur des Ursprungs, auch gewesen, und zwar nicht nur mit dem Autor, der diese
wenn er 1806 in einem „eigenhändig Geschriebenes“ Seiten über fünfzig Jahre lang vervollständigt hatte,
möglichst vieler Berühmtheiten erbittenden Brief an sondern auch mit der weiteren Reise der Tagebücher,
den Verleger Johann Friedrich Cotta einen „löblich die sie bis nach Moskau führte. Die Aura, die Walter
pädagogischen Zweck“ vorschob, nämlich „meinen Benjamin vor mehr als achtzig Jahren in seinem viel
Knaben durch diese sinnlichen Zeugnisse auf bedeu- zitierten „Kunstwerk“-Aufsatz dem Original zuschrieb,
tende Männer der Gegenwart und Vergangenheit ist also noch erfahrbar. Dass sich viele Menschen von
aufmerksamer zu machen, als es die Jugend sonst wohl Originalhandschriften ganz direkt angesprochen füh-
zu seyn pflegt“. Wir wissen freilich, dass der Dichter- len, erklärt deren teils hohen Preise bei Auktionen.
fürst sich geradezu als Autogrammjäger betätigte. Briefe Hinzu kommt, dass Autographen sozusagen ein end
aus Goethes Hand sind heute wiederum Zehntausende licher Rohstoff sind. Auch Romane und Dokumente
Euro wert. Noch einmal um Potenzen höher ist die entstehen heute meist mit Textverarbeitungspro
Verehrung, die Originalmanuskripten kultureller grammen; die Bearbeitungsstufen
Schlüsselwerke entgegengebracht wird. überschreiben einander dabei sogar.
Selbst gestandene Wissenschaftler fühlen das Er Den greifbaren Ursprung eines
hebende bedeutsamer Autographen. Für die Berliner Werks gibt es am ehesten noch in der
Musikwissenschaftlerin Martina Rebmann ist es „tat- Musik, wie Martina Rebmann an-
sächlich etwas ganz Besonderes“, eine von Bach, Mo- merkt: „Komponiert wird
zart oder Beethoven selbst verfasste Musikhandschrift bis heute
vor sich zu haben. Dabei geschehe dies ständig, denn meist von
man arbeite in der Musikabteilung der Staatsbibliothek Hand.“ Zur
Berlin ausschließlich mit den Originalen: „Da sieht manifesten
man am meisten.“ Dabei geht es beispielsweise um die Doppelnatur
Rekonstruktion von Sammlungszusammenhängen oder von Auto
die Digitalisierung der für Datierungs- und Provenienz- graphen als
fragen wichtigen Wasserzeichen mithilfe einer alle wissenschaft-
Beschriftungen ausblendenden Thermographie-Ka-
mera. Natürlich geschieht das unter konservatorisch
und sicherheitstechnisch optimalen Bedingungen. So
schützen Schaumstoffkeile die Handschriften bei der
Benutzung. Die Klimatisierung muss stimmen. Die
Büroräume werden bei jedem Verlassen fest verschlos-
sen. Autographen sind fragile Schätze.
Ottmar Ette, Romanist an der Universität Pots-
dam, erklärt ganz ähnlich: „Als bei Christie’s in London
Aus dem Amerikanischen Reisetagebuch V von Alexander die Kiste aufgeschraubt wurde und die in Leder gebun- Drei der neun Amerikanischen Reisetage-
von Humboldt: Rückseite des Chronometers von Ferdinand bücher Alexander von Humboldts; Staats-
Berthoud, um 1799; Staatsbibliothek zu Berlin bibliothek zu Berlin
20 ARSPROTOTO 4 2018 21liche Objekte sowie geschichtshaltige Preziosen für Forschung gehe indirekt vor, schließe also alle Abschrif-
Sammler kommt eine erstaunliche Breite des Gegen- ten aus, die etwa an Augensprungfehlern zu erkennen
standsbereichs, der von Widmungsexemplaren ge seien. „Einige Ur- oder Erstniederschriften aber sind
druckter Werke oder im Akkord angefertigten Auto- nicht einmal Autographen, da man ja auch Schreibern
grammkarten bis zu nationalkulturell bedeutsamen diktieren konnte. Die Altgermanistik freut sich schon,
Originalmanuskripten reicht. Archive rechnen oft auch wenn ein Autor die Niederschrift seines Werks über-
Typoskripte hinzu. Noch unüberschaubarer wird es bei prüfte und korrigierte, so wie es Otfrid von Weißen-
einem Blick auf das Mittelalter. Karl Lachmann, einer burg bei seinem Evangelienbuch tat.“ Im Spätmittel
der Nestoren der germanistischen Mediävistik, war alter habe sich die Lage geändert: „Es wird mehr
davon ausgegangen, dass mittelalterliche Autographen geschrieben und auch gerne dazu vermerkt, dass man
im Grunde nicht existierten. Weil diese Auffassung sich Schreiber und Autor ist. Hierher stammen die meisten
hartnäckig hielt, hat der Münsteraner Mediävist Volker Beispiele aus Honemanns wertvoller Liste.“
Honemann vor zwei Jahrzehnten eine eigene Daten- Die Hochzeit der Autographen beginnt in der
bank für Originalhandschriften aus dem 9. bis 16. Vormoderne. Dabei nimmt die Sattelzeit um 1800 eine
Jahrhundert eingerichtet. Ein Forschungsdesiderat besondere Stellung ein, wie der Literaturwissenschaftler
bestehe aber immer noch, sagt der in Essen lehrende Christian Benne jüngst zeigen konnte. Autographe
Mediävist Martin Schubert, ein ausgewiesener Fach- Manuskripte nämlich wurden nun nicht mehr als reine
mann für Editionsphilologie. So sei schon die Identifi- Druckvorstufen angesehen, sondern gewissermaßen
zierung von Autographen schwierig, weil Autornen „neu erfunden“ als genuin literarische Handschriften
nungen im Hochmittelalter nicht üblich waren. Die mit ästhetischem Mehrwert. Von dort ist es ein kurzer
Aus dem Amerikanischen Reisetagebuch III von Alexander von Humboldt:
Guavina oder Erythrinus, ein Fisch aus dem See von Tacarigua, General
kapitanat Venezuela, 1799; Staatsbibliothek zu Berlin
Weg zu Goethes Autographenbegeisterung. Die histo Staatsgalerie Stuttgart aufbewahrt werden, durchaus in
rischen und philologischen Wissenschaften haben sich die Zeit um 1480 zu datieren sind.
indes lange auf den Inhalt der überlieferten Textzeug- Als Mitorganisator der beliebten, in Zusammen
nisse beschränkt. Sogar Geschichte habe man vor arbeit mit diversen Universitäten an der Staatsbiblio-
wenigen Jahrzehnten noch studieren können ohne thek zu Berlin angesiedelten Vortragsreihe „Die Mate
einen einzigen Gang ins Archiv, sagt der Präsident des rialität von Schriftlichkeit“ stellt Christian Mathieu fest,
Landesarchivs Baden-Württemberg, der Historiker wie groß das allgemeine Interesse am Dialog zwischen
Gerald Maier. In den 1970er-Jahren begann ein Um- Bibliothek und Forschung ist. Und das zu Recht. Er
denken, für das etwa die werkgenetische Theorie in selbst habe beispielsweise Walter Benjamins „Passagen-
Frankreich steht. Der als Material Turn bekannt gewor- werk“ erst richtig verstanden, als in einem der Vorträge
dene Aufmerksamkeitsschub für die materiellen Grund- das aus Querverweisen, Markierungen und Ästhetisie-
lagen der Kommunikation nimmt heute einen zentra- rungsspiel bestehende Aufschreibesystem dieses Autors
len Stellenwert in allen historischen Disziplinen ein. anhand der Originalhandschrift vorgeführt wurde.
Längst auch führen Archivare und Bibliothekare mit Deshalb seien Faksimile-Editionen, für die etwa der
Universitätswissenschaftlern gemeinsame Erschlie- inzwischen insolvente Stroemfeld Verlag steht, so wün-
ßungsprojekte auf Augenhöhe durch. Das Landesarchiv schenswert. Hilfreich ist wohl auch die Digitalisierung
Baden-Württemberg etwa war federführend an der des kulturellen Erbes, wie sie derzeit auf breiter Front
Entwicklung des Wasserzeichen-Informationssystems stattfindet. Niemand kann das so gut begründen wie
WZIS beteiligt. Mit dessen Hilfe konnte schon gezeigt Gerald Maier, seit dem Jahr 2002 auch Bundesratsbe-
werden, dass die lange für Fälschungen des 19. Jahr- auftragter für eben dieses Unterfangen: Das Erbe werde
hunderts gehaltenen 15 Blätter mit Zeichnungen des gesichert und leichter zugänglich. Trotzdem dürfe diese
sogenannten Oberdeutschen Meisters, die heute in der Entwicklung nicht dazu führen, dass die Originale
Walter Benjamin, Aufzeichnungen und Materialien zu den
„Passagen“, 1928 –1940, 27,7 × 22,4 cm (im aufgeschlage-
nen Zustand), Walter Benjamin Archiv Berlin
ARSPROTOTO 4 2018 23hernach verschwänden, sei es unzugänglich in Tresoren, später wieder bei einer Auktion auftaucht. Der For-
wenn sie wertvoll sind, sei es gar im Altpapier, wie das schung sind diese Stücke mitunter für eine Weile ent
Rechnungshöfe kulturblind schon gefordert hätten. zogen, andererseits hat gerade das Interesse der Privat-
Nur einige Fragen ließen sich anhand eines Digi sammler viele Autographen gerettet. So sieht das auch
talisats beantworten, sagt der renommierte Kafka- Ulrich von Bülow, im Literaturarchiv Marbach unter
Biograph Reiner Stach: „Franz Kafkas Handschriften anderem zuständig für den Bereich Erwerbungen. Man
erlauben Einblicke in seine Korrekturen, aber auch in wälze die Kataloge der Händler und biete dann gezielt
unbewusste Fehlleistungen; sie lassen erkennen, wo er auf ausgewählte Stücke, sagt von Bülow. Aus Geldman-
gel habe man längst aufgegeben, alles kaufen zu wollen,
was bestehende Sammlungen – allein das Handschrif-
TINTENFRASS, MIKROBEN- tenarchiv umfasst 40.000 Kästen – ergänzte. Zu den
BEFALL UND CELLULOSE Händlerkatalogen wird es in Marbach übrigens bald ein
eigenes Projekt geben, weil darin viele sonst nicht mehr
ABBAU GEFÄHRDEN greifbare Handschriften abgebildet sind: Zusammen
DIE FRAGILEN AUTOGRA- arbeit also auch hier. Und die Privatsammler, die es
als Liebhaber doch eher auf schöne Blätter abgesehen
PHEN-SCHÄTZE hätten, nicht wie das Archiv auf Entwürfe, überließen
Marbach häufig sogar ihre gesamte Sammlung.
zögerte, wo er unsicher oder besonders erregt war, wo er Was ist auf dem Markt nun derzeit gefragt? Wolf- Otfrid von Weißen-
von den eigenen Bildern überwältig wurde und wie er gang Mecklenburg, der Geschäftsführer der Berliner burg, Ausschnitt aus
schließlich die Kontrolle zurückgewann. Sie sind hilf- Autographenhandlung J.A. Stargardt, will sich da nicht dem 1. Buch des
reich bei der Datierung; Tinte und Bleistift zeigen an, festlegen. Das habe viel mit individuellen Vorlieben zu Evangelienbuches, um
870, 25,5 × 21 cm;
ob ein Text am Schreibtisch oder andernorts entstand. tun. Deutlich abgenommen habe aber beispielsweise Österreichische Natio-
Ja, mit Hilfe des ‚Process‘-Manuskripts lässt sich sogar das Interesse an einst höchst beliebten Autographen zur nalbibliothek, Wien
beweisen, dass Kafka zwar das Ende des Romans von
Anbeginn präzise vor Augen stand, dass er jedoch noch
keine Vorstellung davon hatte, wie viele Kapitel es
brauchen würde, um dorthin zu gelangen.“
Ottmar Ette, der in einem auf 18 Jahre angelegten
Projekt der Berlin-Brandenburgischen Akademie der
Wissenschaften sämtliche Reiseschriften Alexander
von Humboldts ediert – digital und in Form von Lese-
fassungen auf Papier –, kann bestätigen, dass sich
entscheidende Einsichten nur anhand der Autographen
gewinnen lassen. Papieranalysen zeigten, ob Humboldt
das Papier aus Paris mitgebracht oder unterwegs gekauft
habe. Ebenso verhalte es sich mit dem Schreibstoff: Es
sei etwa für die Datierung wichtig, ob es sich bei den
einzelnen Hinzufügungen um Humboldts selbstge-
machte oder eine gekaufte Tinte handele. Und dann
gebe es noch eine ganz eigene „Form des Erlebens“:
„Heftung, Falz, Fleckigkeit geht ja auch bei unseren
beiden Editionsformen verloren.“
Dass die „Amerikanischen Reisetagebücher“ in
Berlin bleiben konnten, wie der Autor selbst verfügt
hatte, ist den früheren Eigentümern zu verdanken. Der
mexikanische Tycoon Carlos Slim hatte einen unschlag-
baren Preis geboten, aber Humboldts Erben verhandel-
ten ausschließlich mit der Stiftung Preußischer Kultur-
besitz, die das Manuskript 2013 auch mit Hilfe der
Kulturstiftung der Länder für zwölf Millionen Euro
erwerben konnte. Insbesondere der spezialisierte Auto-
graphenhandel versteht sich als Partner öffentlicher Franz Kafka, vorletzte Manuskriptseite des Romans „Der Process“, erschienen 1925;
Archive. Privatsammler werden freilich ebenfalls ge- Deutsches Literaturarchiv Marbach. In der 5. und 6. Zeile von unten lässt sich erken-
nen, wie Kafka wenige Sätze vor Ende des Romans und wenige Sekunden vor dem Tod
schätzt, zumal das so Veräußerte meist früher oder des Protagonisten zum „Ich“ übergeht. Dieser plötzliche Wechsel der Erzählperspek-
tive kommt sonst nirgendwo vor und wurde vom Autor auch nicht korrigiert.
24 ARSPROTOTO 4 2018 25und habe dann nur die Möglichkeit eines Rückkaufs.
Die Hauptgefahr für Autographen kommt freilich von
innen. Suboptimale, etwa zu Pilz- und Mikrobenbefall
führende Lagerungsbedingungen erklären sich für
Johanna Leissner, Expertin für die Sicherung des Kul-
turerbes im Fraunhofer EU-Büro Brüssel, teils mit
Kriegsschäden, oft aber schlicht mit Geldmangel der
verantwortlichen Institutionen. Auch der Klimawandel
werde wohl Folgen für die Archivpraxis haben, aber das
sei noch kaum erforscht. Daneben bereitet die Material
alterung Probleme, allem voran der Zerfall des seit den
1840er-Jahren eingesetzten Holzschliffpapiers. Schwe-
felsäurereste bauen dabei die Spitzen der Cellulosefasern
im Papier ab. Hinzu kommt ein oxidativer Celluloseab-
bau. Eine Flüssigphasen-Massenentsäuerung habe sich
zwar als effektiv erwiesen, so Leissner, mit den heutigen
Kapazitäten – das Zentrum für Bucherhaltung in
Leipzig, eine der weltgrößten Entsäuerungsanlagen,
kann etwa 100.000 Bücher im Jahr abfertigen – dauere
die Behandlung des gesamten betroffenen Bestands
jedoch mindestens 50 Jahre. Ein weiteres Problem stellt
Tintenfraß dar. Die bis ins 20. Jahrhundert verwendete
Eisengallustinte neigt zur Korrosion, weshalb manche
Verschiedene Wasserzeichen aus Musikhandschriften des Bach-Handschriften regelrecht durchlöchert sind. Das
18. und frühen 19. Jahrhunderts; Staatsbibliothek zu Berlin
Problem ist bei Musikautographen besonders groß, so
Martina Rebmann, weil Notenköpfe mehr Tinte auf-
preußischen Geschichte. Im Gegensatz zum Kunst- nehmen als Buchstaben. Die Restaurierung gestaltet
markt sei der Autographenmarkt mit seinen verhält sich aufwendig, ist in solchem Rahmen aber möglich.
nismäßig wenigen Teilnehmern generell sehr gesund. Die Lagerungsbedingungen und der Zugang für die
Dramatische Ausschläge gebe es so wenig wie spekulie- Wissenschaft machen öffentliche Archive und Biblio-
rende Rendite-Fonds, seit die einzige Ausnahme, die theken trotz oft knapper Etats also zu den besten Auf-
französische Investmentfirma Aristophil, als Betrugs bewahrungsorten für Autographen. Das meint auch
system aufgeflogen sei. Die höchsten Preise erzielten Reiner Stach, der das Interesse privater Sammler aller-
nach wie vor Musikautographen, nicht zuletzt, weil dings gut verstehen kann: „Ich selbst besitze einen
komplette Kompositionen berühmter Künstler nur leeren Briefumschlag Kafkas an seine Verlobte Felice
selten im Angebot seien. Vor drei Jahren etwa wurde Bauer, mit eigenhändigem Namenszug, und noch
bei Stargardt ein Händel-Autograph für eine halbe immer beschleunigt sich mein Puls, wenn ich dieses
Million Euro verkauft. Die hohe weltweite Nachfrage unscheinbare, gelbliche, außerordentlich schön be-
nach Musikhandschriften sei sicher auch in der Inter schriftete Papier in der Hand halte.“ Und doch: „Würde
nationalität der Musiksprache begründet. Mit einer morgen ein Gesetz in Kraft treten, das besagt, sämtliche
bestimmten Form von Autographen möchte Mecklen- Kafka-Autographen seien umgehend im Deutschen
burg jedoch aus ethischen Gründen nichts zu tun Literaturarchiv in Marbach abzuliefern, so wäre ich
haben, dem „Devotionalienkram“. Er widerspricht wahrscheinlich der erste, der das mit Freuden machen
moderat der oft kolportierten Auffassung, (inhaltlich würde. Die Handschriften eines der bedeutendsten
bedeutungslose) Hitler-Autographen seien in Deutsch- Autoren der Weltliteratur sollten an einem gut gesicher-
land mangels Interesse kaum verkäuflich, dafür im ten und unter öffentlicher Kontrolle stehenden Ort
Ausland aber umso besser. Verkaufen ließe sich derlei verwahrt werden, ja, was denn sonst?“ Dass dabei der
schon. Er selbst und die meisten seriösen Händler Ausstellungsaspekt nicht zu kurz kommen sollte, hebt
nähmen es aber schlicht nicht in ihr Angebot auf. Ottmar Ette hervor. Die Humboldt-Reisetagebücher
Nicht immer sind Archivare erfreut über den könnten im Humboldt-Forum eine Museums-Heimat
kontinuierlich steigenden Marktwert von Autographen. finden und dann auch selbst wieder auf Reisen gehen,
Mitunter tauchten auf Auktionen sogar Stücke auf, die etwa in die beschriebenen Länder. Die Handschrift als
einmal in den eigenen Beständen waren, sagt Gerald Handreichung zwischen den Völkern: eine schöne
Maier. Man könne eine Entwendung selten nachweisen Vorstellung.
Johann Sebastian Bach, Autograph der
h-Moll-Messe, Credo, 1748/49, 33 × 21,5 cm;
Staatsbibliothek zu Berlin
26 ARSPROTOTO 4 2018 27TITELTHEMA MATERIALITÄT DES SCHRIFTLICHEN
SPÄTE BRIEFPOST
DAS BEETHOVEN-HAUS IN BONN KONNTE ZWEI UNBEKANNTE
AUTOGRAPHEN DES KOMPONISTEN ERSTEIGERN
von Julia Ronge
A
m 6. Juni 2012 wurde in Berlin ein Beethoven-
Brief versteigert, der bislang noch nicht einmal Wien den 17ten Septembr. [1795]
vom Hörensagen bekannt, geschweige denn
veröffentlicht war und sofort die Aufmerksamkeit der Lieber! daß du mir hieher geschrieben hast, hat mich
Beethoven-Forschung auf sich zog. Dieser neuentdeckte unendlich gefreut da ich mir’s nicht vermuthete. du
Brief befand sich in einem geradezu makellosen Erhal- bist also jezt in dem Kalten Lande, wo die Menscheit
tungszustand. Besonders besticht sein Format, denn der noch so sehr unter ihrer Würde behandelt wird, ich
vierseitige Brief ist aufgeschlagen mit 8,1 × 9,3 cm nicht weiß gewiß, daß dir da manches begegnen wird, was
größer als ein Handteller – selbst für die damalige Zeit wider deine Denkungs-Art, dein Herz, und überhaupt
ungewöhnlich klein. Zudem ist er sehr sorgfältig und wider dein ganzes Gefühl ist. wann wird auch der
ohne Fehler oder Korrekturen geschrieben, was bei Zeitpunkt kommen wo es nur Menschen geben wird,
Beethoven nur selten vorkommt und immer ein Zei- wir werden wohl diesen Glücklichen Zeitpunkt nur
chen von besonderer Wertschätzung des Adressaten ist. an einigen Orten heran nahen sehen, aber all-
Der Brief stammt von 1795, aus einer Zeit, aus der gemein – das werden wir nicht sehen, da werden
nur wenige Schriftdokumente von Beethovens Hand wohl noch JahrHunderte vorübergehen.
überliefert sind. Bis einschließlich 1794 kennt die den Schmerz, den dir der Tod deiner Mutter verur-
Beethoven-Forschung nur acht Briefautographen Beet- sacht hat, habe ich auch sehr gut fühlen können, da ich
hovens. Aus 1795 war bislang kein Beethoven-Brief fast zweimal in dem nemlichen Fall bey dem Tode
verbürgt. meiner Mutter und meines vaters gewesen bin. wahr-
Überraschend ist auch der Adressat. Beethoven lich wemsollte es nicht wehe thuen, wenn er ein Glied
richtet sich an Heinrich von Struve (1772 –1851), aus einem so selten anzutreffenden Harmonischen
einen Bonner Freund, der wohl zum „Zehrgarten“- Ganzen wegreißen sieht – man kann nur noch hiebey
Kreis gehörte. Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern vom Tode nicht ungünstig reden, wenn man sich
dieses liberal-intellektuellen Zirkels, der sich regelmäßig ihn unter einem lächelnden sanft hinüberträumenden
im gleichnamigen Gasthaus mit angeschlossener Buch- Bilde vorstellt, wobey der Abtretende nur gewinnt.––
handlung am Bonner Markt traf, war bislang nichts ich lebe hier noch gut, komme immer meinem mir
über Beethovens Beziehung zu Struve bekannt. Zwar vorgestekten Ziele näher, wie bald ich von hier gehe,
hatte Struve sich in das Stammbuch eingetragen, das kann ich nicht bestimmen, meine erste Ausflucht wird
seine Freunde Beethoven vor der Abreise nach Wien im nach ytalien seyn, und dann vieleicht nach Rußland,
November 1792 überreichten, darüber hinaus war aber du könntest mir wohl schreiben, wie hoch die reise von
kein weiterer Kontakt dokumentiert. Lorenz von Breu- hier nach P.[etersburg?] kömmt, weil ich jemanden
Ludwig van Beethoven, Brief an Heinrich
ning, der sich Mitte der 1790er-Jahre in Wien aufhielt, hinzuschicken gedenke sobald als möglich. deiner von Struve, Wien, 17. September 1795,
berichtete Anfang des Jahres 1795 nach Bonn: „Struve Schwester werde ich nächstens einige Musik von mir 8,1 × 9,3 cm (Abbildung in Originalgröße);
will das Frühjahr zu uns kommen.“ Dies galt bislang als schicken. Beethoven-Haus Bonn. Die Abbildungen
die einzige weitere Erwähnung Struves in Beethovens Professor Stup von bonn ist auch hier. Grüße von zeigen die Vorder- und Rückseite des zum
Brief gefalteten Blattes: Seite 1 o. r., Seite 2
näherem Umfeld. Beethovens Brief an Struve rückt die Wegeler und Breuning an dich. ich bitte dich mir ja u. l., Seite 3 u. r., Seite 4 o. l.
Freundschaft in ein neues Licht und macht sie für die immer zu schreiben, so oft du kannst, laß deine
Forschung näher greifbar. Freundschaft für mich sich nicht durch die Entfernung
Die Attraktion des Briefes lag aber weder in seinem vermindern, ich bin noch immer wie sonst dein dich
Äußeren noch im Datum oder in seinem Adressaten, liebender
die größte Sensation war sein Inhalt, der hier nun Beethoven.
erstmals veröffentlicht wird.
28 ARSPROTOTO 4 2018 29drei Notenlinien im System etwas abgesetzt ist, damit schwerwiegende Unterschiede. So hat es der Stecher
noch Platz für den Singtext bleibt. versäumt, zu Beginn des Liedes p dolce zu überneh-
Der Text des Liedes stammt von Georg Friedrich men, die Anweisung, leise und lieblich zu spielen. Der
Treitschke (1776 –1842), dem Dramatiker und Regis- gewichtigste Fehler findet sich am Schluss und kann
seur, der Beethoven mit der letzten Textfassung des Beethoven keineswegs gefallen haben. Der Text des
Fidelio behilflich war und entscheidend zu dessen Liedes endet in Resignation, weil der Sprecher die
Erfolg beigetragen hat. Treitschke veröffentlichte im Distanz zu seiner Liebsten nicht überbrücken kann:
Juni 1817 einen Gedichtband, dem als eine von drei „Ich nur bin fest gebannt, weine allhier.“ Um die
Musikbeilagen die Vertonung Beethovens beigebun- Hoffnungslosigkeit zu veranschaulichen, lässt Beet
den war. Beethoven hat die Niederschrift mit einer hoven den Klavierpart immer leiser und langsamer
Widmung für den Dichter versehen: „Für seine Wohl- werden, decrescendo und ritardando. Im Erstdruck
gebohrn H: v. Treischke Ersten Dichter u Trachter Von finden wir allerdings das Gegenteil. Hier lautet die
den Ufern der Vien bis zum Amazonen Fluß.– von Anweisung cresc., lauter werden. Auch das ritardando
L v. Beethoven am 13ten WinterMonath 1816“. wurde unterschlagen, so dass die Musik nicht, wie
Schon unmittelbar nachdem er ein Belegexemplar von Beethoven intendiert, verebbt, sondern in einem
des Gedichtbandes bekommen hatte, bat Beethoven fulminant rauschenden Schluss ausklingt. Kein Wun-
Treitschke, sein Autograph an den Musikalienhändler der, dass Beethoven sich ärgerte, denn der Ausdruck
Steiner weiterzugeben, „damit das Gestochene, wel- der Resignation, der ihm so wichtig war, wurde damit
ches von Fehlern zerstochen, sogleich wieder, wie es zunichte gemacht. Entgegen seinen Wünschen hat
seyn muß, gestochen werden kann, u zwar um so Treitschke die Handschrift wohl nicht an den Verleger
mehr, weil sonst auf das Dichten u. Trachten ganz weitergegeben, oder vielleicht hatte Steiner auch kein
erschrechlich gestochen u. gehauen wird werden“. Interesse an einer Neuauflage des Liedes – erschienen
Vergleicht man den Erstdruck mit dem Auto- ist sie jedenfalls nicht. Im Laufe des 19. Jahrhunderts
graph, so ist Beethovens Unmut zunächst verwunder- geriet das Autograph in Vergessenheit.
Ludwig van Beethoven, lich, denn im Notentext lassen sich keine Abweichun- Dass sich das Beethoven-Haus bei beiden Hand-
Heinrich von Struve stammte aus Regensburg, wo sein keinen Unterschied zwischen Mutter und Vater und Autograph des Liedes gen feststellen. Beethoven war allerdings immer sehr schriften, dem Brief an Struve und der Niederschrift
Vater als russischer Gesandter beim ständigen Reichs- betont den Schmerz, den ihr Hinscheiden ihm verur- „Ruf vom Berge“ nach genau auf die Wirkung seiner Musik bedacht, und des Liedes, 2004 bzw. 2012 vergeblich um einen
einem Gedicht von Georg
tag firmierte. Wie sein Vater und seine Brüder trat auch sacht hat. Die Beethoven-Biographik stellt zu Unrecht Friedrich Treitschke, tatsächlich finden sich beim musikalischen Ausdruck Ankauf bemühte, lag an der Unersättlichkeit eines
Heinrich in kaiserlich-russische Dienste ein. Vielleicht den Vater als gewalttätiges Monster dar – dieser Brief 1816, 16 × 19,7 cm; französischen Investmentfonds auf Handschriften, der
erfolgte der von Lorenz von Breuning erwähnte Besuch lässt ahnen, dass Beethoven ihn keineswegs für ein Beethoven-Haus Bonn nicht nur jeden Preis zahlte, sondern sogar versuchte,
Struves in Wien im Frühjahr 1795 auf der Durchreise solches hielt. die Preise gezielt nach oben zu treiben. Der Fonds
nach Russland, Beethoven rechnet zumindest damit, Auffallend ist außerdem, dass er zahlreiche Reise- kalkulierte damit, den Marktwert und somit die
sein Brief würde Struve „in dem Kalten Lande, wo die pläne schmiedet. „ich lebe hier noch gut“ lässt sogar Rendite seiner Sammlung zu steigern. Das Beethoven-
Menscheit noch so sehr unter ihrer Würde behandelt vermuten, dass Beethoven 1795 nicht damit rechnete, Haus war damals nicht bereit, die Preistreiberei zu
Links: Friedrich Adolph
wird“ antreffen. Aus diversen Andeutungen und Über- dauerhaft in Wien zu bleiben. Zunächst plant er Hornemann, Bildnis von unterstützen und verzichtete schweren Herzens.
lieferungen von Zeitgenossen ist Beethovens politische Reisen nach Italien und Russland. Beethoven hielt Heinrich Christian Die Entscheidung erwies sich als richtig. Da der
Haltung in der Tendenz bekannt. Dass er aber derart zu vielen Bonner Freunden Kontakt, zu etlichen ein Gottfried von Struve, Investmentfonds Aristophil mit einem Schneeball
38,2 × 30,9 cm; Staats-
ungeschminkt die Missstände in Russland beim Na- ganzes Leben lang, und auch Struve bittet er, ihn trotz und Universitätsbiblio-
system arbeitete, um an die nötigen immensen Geld-
men nennt, war neu. Der Brieftext wirft auch ein Licht der weiten Wege nicht zu vergessen und richtet Grüße thek Hamburg mittel zu gelangen, griff der französische Staat ein und
auf die im „Zehrgarten“ diskutierten Themen, denn der in Wien weilenden gemeinsamen Bonner Freunde schloss ihn 2015. Nach und nach werden nun die über
Beethoven ist sich sicher, dass die Zustände in Russ- aus. Dieser Brief ermöglicht tiefe neue Einblicke in Rechts: Christian Hor- 130.000 Handschriften aus seinem Besitz wieder auf
neman, Bildnis von
land wider Struves Überzeugungen sind. Beethovens die Überzeugungen und Gefühle des 24-jährigen auf- Ludwig van Beethoven, den Markt geworfen. So erhielt das Beethoven-Haus
daran anschließende Hoffnung liest sich geradezu strebenden Künstlers. 1802, 6,1 × 4,7 cm; im Juni 2018 in Paris eine neue Chance, den Struve-
prophetisch: Die Utopie, dass es eines Tages in ferner Schon 2004 kam ein anderes unerforschtes Beetho- Beethoven-Haus Bonn Brief und das Lied zu erwerben, und blieb diesmal
Zukunft ohne Unterscheidung nur noch Menschen ven-Autograph in London auf den Markt. Beethovens der glückliche Bieter. Die Handschriften sind nun an
gäbe, geht sogar noch über die Forderung, alle Men- eigenhändige Niederschrift des Liedes „Ruf vom Berge“ einem Ort, an dem ihre Schönheit, ihr ideeller und
schen sollten Brüder werden, hinaus. („Wenn ich ein Vöglein wär“) WoO 147 wurde bis wissenschaftlicher Wert geschätzt werden. Das Beet
Beethovens Kondolenz zum Tod von Struves dato für verschollen gehalten. Der berühmte Hand- hoven-Haus verkauft nicht und entzieht die Schätze
Mutter klärt das Entstehungsjahr des Briefes, da Sophia schriftensammler Aloys Fuchs (1799 –1853) hat sie dem Markt. Sammeln ist eine Passion, an die keine
Dorothea Struve geb. Reimers am 21. Mai 1795 ge- wohl noch gekannt, aber keine Beschreibung angefer- Renditeerwartung geknüpft sein sollte.
storben ist. Der Komponist kann sich gut in den tigt. Auch diese Handschrift besticht zunächst durch
Verlust des Freundes einfühlen, weil er selbst bereits ihr ästhetisches Äußeres, auch sie ist im Format ver- Förderer dieser Erwerbung: Kulturstiftung der Länder,
beide Eltern verloren hat. Die Nennung seiner verstor- gleichsweise klein. Für die Beethoven-Zeit noch relativ Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien,
benen Eltern in einem Satz lässt einen höchst seltenen neu ist das lithographierte Notenpapier, das speziell für Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes
Einblick in Beethovens Gefühlswelt zu, macht er doch Lieder angefertigt wurde, wobei die obere der jeweils Nordrhein-Westfalen
30 ARSPROTOTO 4 2018 31Sie können auch lesen