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µ DIALOG Potsdam (1) 2011 / Heft 50
MOSES MENDELSSOHN AKADEMIE • MOSES MENDELSSOHN STIFTUNG • MOSES MENDELSSOHN ZENTRUM
»Ich will leben, auch wenn ich tot bin«
Das Moses Mendelssohn Zentrum erarbeitet eine Ausstellung über Valeska Gert und ihr bewegtes Leben in Tanz, Film und Kabarett
D
ie dreiundachtzigjährige Valeska Gert Sie emigrierte zunächst nach England und anschlie- im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte
(1892–1978) reagierte erstaunt, als man ßend in die USA, wo sie u.a. mit Hans Hofmann, in Potsdam zu sehen sein.
sie in der seinerzeit ersten Talkshow (Je Jackson Pollock, Robert de Niro sen. (dem Vater des Dass die »dolle Nummer« – wie Kurt Tucholsky sie
später der Abend vom 19.11.1975) fragte, Schauspielers) und Tennessee Williams verkehrte. In einmal beschrieb – auch nach ihrem Tode noch prä-
mit welchem Resümee sie als ältere Dame auf ihre New York eröffnete sie eine kleine Bar, die schnell sent ist (und hier sei an das kopfzeilige Zitat aus Valeska
ereignisreichen Jahre vor und nach dem Zweiten zum Geheimtipp wurde. Allerdings konnte sie in der Gerts Autobiografe Ich bin eine Hexe aus dem Jahr
Weltkrieg zurückblicke. »Wieso alt, ich bin doch nicht »Neuen Welt« – und dieses Schicksal teilten viele der 1968 erinnert), zeigt sich auch darin, dass nachgebo-
alt«, herrschte sie den
Moderator an. Und wahr-
lich, ihre Präsenz, sei
es der flotte knallrote
Hosenanzug, der freche
rabenschwarze Kurzhaar-
schnitt oder die erfri-
schend kokette Art, mit
der sie sich den Fragen
von Hansjürgen Rosen-
bauer stellte, zeugte von
einem jung gebliebenen
und ungebrochenen
Geist und einer noch
immer den Raum für
sich erobernden und die
Aufmerksamkeit auf sich
ziehenden Erscheinung.
Die 1892 als Gertrud
Valesca Samosch im
wilhelminischen Berlin Die norddeutsche Künstlerin Birgit Rautenberg-Sturm nennt diese Valeska Gert-Trilogie »Zucker – Brot – Peitsche«.
geborene Tochter eines
Fabrikanten entdeckte schon früh ihre Leidenschaft Emigranten – nicht an ihre früheren Erfolge anknüpfen. rene Künstler sich bis heute von ihr inspirieren lassen.
für den Tanz, dem sie fortan eine neue, bislang nie Valeska Gert kehrte 1947 nach Europa zurück und Denn ihre gelebte Verbindung von Tanz, Schauspiel,
dagewesene Ausdrucksform verlieh. Allerdings ver- eröffnete zunächst in Zürich, anschließend in ihrer Hei- Gesang und Kostüm beeinflusste nicht allein unzählige
fügte sie auch über schauspielerisches Talent, so dass matstadt Berlin ein Kabarett, in dem sie dem jungen ihrer Zeitgenossen, sondern lebt auch nach ihrem Tod
sie bereits mit Anfang Zwanzig auf der Bühne stand, da Klaus Kinski ein Forum bot. Sie selbst schlüpfte u.a. fort. Die Ausstellung zeigt die Strahlkraft von Valeska
Arthur Kahane (damals als Dramaturg am Deutschen in die Rolle der »KZ-Kommandeuse Ilse Koch«, jene Gert in Fotografien u.a. von Suse Byk, Lotte Jacobi,
Theater in Berlin tätig) sie an Otto Falckenberg an für ihre Grausamkeit bekannte und 1951 verurteilte Willy Maywald, Ulrike Ottinger und Herbert Tobias
die Münchener Kammerspiele empfahl. Dort gab sie Frau des Lagerkommandanten des KZ Buchenwald. sowie in Collagen, Grafiken, Porträts und Skulpturen
1919 in Oskar Kokoschkas Uraufführung von Hiob Im gleichen Jahr eröffnete sie den bis heute legendären von Clemens Bautz-Zukanovic, Charlotte Berend,
ihr Debüt. Es folgten Rollen in Stummfilmen wie Ein »Ziegenstall« in Kampen auf Sylt, ein Nachtlokal, in dem Christian Hinrich Claussen, László Moholy-Nagy,
Sommernachtstraum (1925) von Hans Neumann die Kellner (u.a. Klaus Kinski) nicht allein für das leib- Wolfgang Müller, Birgit Rautenberg-Sturm und ande-
sowie Freudlose Gasse (1925), Tagebuch einer Ver- liche Wohl, sondern auch für eine amüsant geistreiche ren sowie in Schrift- und zum Teil erstmals hörbaren
lorenen (1929) und Die Dreigroschenoper (1930/31) Unterhaltung der Gäste sorgten. In den 1960er Jahren Tondokumenten. Elke-Vera Kotowski
jeweils von Georg Wilhelm Pabst. Alles überragend war stand sie dann wieder vor der Kamera und spielte u.a. in
jedoch ihr neuartiger Tanz. Neben Mary Wigman zählt Federico Fellinis Film Julia und die Geister (1965), Rainer Ausstellungseröffnung ist am 19.04.2011
Valeska Gert zu den bedeutendsten Vertreterinnen Werner Fassbinders Serie Acht Stunden sind kein Tag um 19 Uhr im Kutschstall des Hauses der
der deutschen Ausdruckstanzbewegung in der ersten (1972) oder Volker Schlöndorffs Der Fangschuß (1976). Brandenburgisch-Preußischen Geschichte,
Hälfte des 20. Jahrhunderts. 1977 drehte Schlöndorff unter der Kameraführung von Am Neuen Markt 10, 14467 Potsdam.
Seit 1933 wurde Valeska Gert jedoch in doppelter Michael Ballhaus einen Dokumentarfilm über Valeska Begleitend erfolgen im Verlauf des Ausstellungs
Hinsicht verfemt: Als Jüdin und als »entartete« Künst- Gert (Nur zum Spaß, nur zum Spiel). Dieser und weitere zeitr aums Filmvor führungen, Lesungen und
lerin, denn ihr »Grotesktanz« und ihre Tanzkarikatur Filme mit Valeska Gert sowie Vorträge und Lesungen Vortragsabende. Nähere Informationen unter:
galten den Nazis als »undeutsch« und »widernatürlich«. werden im Rahmen einer Ausstellung ab 20. April 2011 www.hbpg.de sowie www.mmz-potsdam.deAus dem MMZ
Emanzipation und Integration durch Kunst?
Berliner Kunstsammlerinnenkultur und weibliches Mäzenatentum
D
ie neue Erfahrung ist, daß im deutschen »kulturelle Praxis« zur Steigerung sozialer Mobilität in als Interieur Gestaltung«, sollen Geschlechter- und
Vaterland an vielen Stellen auch von Form der Überschreitung gesellschaftlich-ständischer Rollenbilder aus Fremd- und Selbstwahrnehmung, die
Frauen ernsthaft gesammelt wird.« Diese Grenzen gedeutet oder aber, auf ganz ähnliche Weise, in Bezug zum weiblichen Sammeln und Kunstfördern
Feststellung traf die Kunstschriftstellerin als wirkungsvolles Medium gesellschaftlicher Integration stehen, analysiert und durch eine kritische Einbettung in
Anna Michaelson (alias Jarno Jessen) 1912 im Vorwort für einen verhältnismäßig hohen Anteil von Sammlern ihren gesellschaftlich-strukturellen Kontext dekonstruiert
des Kataloges »Die Sammle- werden.
rinnen auf der Ausstellung ›Die Nicht zuletzt ist auch die
Frau in Haus und Beruf‹« und Untersuchung der Rezeption
verwies damit auf eine bis heute des Wirkens weiblicher Samm-
in Sammlungs-, Bürgertums- und lerinnen und Kunstförderinnen
historischer Frauenforschung nur von großem Interesse. Die
marginal beachteten Facette der vielfach angenommene These,
sozialen Topographie der Berliner dass eine – im Gegensatz zur
Sammlerkultur des späten 19. staatlich antimodernen Abwehr-
und frühen 20. Jahrhunderts: die haltung im wilhelminischen Ber-
Berliner Kunstsammlerinnen. lin stehende – liberale Praxis des
Das kulturhistorische Phä- Kunstsammelns beispielsweise
nomen des ästhetischen Sam- zur Etablierung der Moderne,
melns und seine herausragende also zur kulturellen Verstetigung
Bedeutung für die aufstrebende moderner Kunstrichtungen, bei-
europäische (und amerikanische) getragen hat muss auch anhand
Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts des Wirkens der Sammlerinnen
wurde zwar bereits in vielfältiger überprüft werden. Kann man
Weise Gegenstand wissenschaft- Berliner Kunstsammlerinnen
licher Arbeiten, jedoch war fast als kulturelle Mittlerinnen be-
all diesen Arbeiten die Annah- zeichnen? Welche Bedeutung
me gemein, dass das Sammeln hatten Kunstsammlerinnen im
von Kunst eine rein männliche Selbstinszenierung in Kunstkennerpose: die Sammlerin Cecilie Seler-Sachs (1854–1935) im Jahre 1912, im Katalog »Die Sammle- Netzwerk der kulturellen Mittler,
Domäne gewesen sei. Dieser rinnen« lesend. ©Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Ethnologisches Museum also neben weiteren Sammlern,
Irrtum hypostasiert indirekt ein Kunsthändlern, Künstlern, Mu-
zeitgenössisches Rollenbild, das weibliche Sammlungen jüdischer Herkunft, also als Form der Assimilation bzw. seumsdirektoren und Kunstkritikern?
als »nicht ernst zu nehmend« darstellte, da Frauen die Akkulturation in die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft Keine der mindestens dreißig Kunstsammlungen hat
elementaren Voraussetzungen des Sammelns, wie mittels Kunst. Inwiefern treffen diese Motive auch für sich geschlossen bis zum heutigen Tage konserviert.
die Fähigkeit zur kritischen Prüfung von historischer die Berliner Sammlerinnen beziehungsweise deren Dies steht in vielen Fällen in enger Beziehung zur Zäsur
Relevanz und künstlerischer Qualität eines Kunstwerkes, Mäzenatentum zu? Lässt sich dieser intentionelle Katalog des Jahres 1933 und der einsetzenden Verfolgung vieler
abgesprochen und weibliche Sammlerinnen gleichsam um spezifisch weibliche Interessen des Kunstsammelns Sammlerinnen jüdischer Herkunft und deren teils als
als Dilettantinnen wahrgenommen wurden. Konträr und Förderns, beispielsweise durch eine bestehende »entartet« verfemten modernen Kunstsammlungen
zu diesen Annahmen existieren jedoch zahlreiche Wechselbeziehung zur Frauenbewegung durch die ge- durch die Nationalsozialisten. Trotz der in einigen
historische Belege dafür, dass Sammlerinnen mitunter zielte Förderung von Künstlerinnen, also Kunstsammeln Fällen geglückten Flucht ins Exil war die Auflösung
herausragend qualitative – wenngleich weit weniger als »emanzipatorische Praxis«, erweitern? der Sammlungen auf Grund äußerer Repressalien die
bekannte und gewürdigte – Sammlungen verschie- Ebenso spielt die Analyse der allgemeinen kultur- und Folge. Deswegen sind die Namen der Sammlerinnen,
dener Kunstrichtungen anlegten. Ebenso verhält es sozialhistorischen Bedingungen weiblichen Kunstsam- wenn überhaupt, im Kontext von Kunstrestitutionsde-
sich mit den heute nahezu unbekannten großzügigen melns- und Förderns in Berlin während der Zeitspanne batten der letzten zwanzig Jahre bekannt geworden.
Schenkungen von Kunstwerken durch Mäzeninnen an von 1871 bis 1933 eine wichtige Rolle. Insbesondere Diese Namen wieder in ihren ursprünglichen Kontext
Museen. Nicht selten wurden die gestifteten Werke zu Fragen nach »weiblichem Kultureinfluss« und »weib- einzufügen und darüber hinaus auf das interessante
Klassikern der Dauerausstellungen, wie beispielsweise lichen Handlungsfreiheiten« vor dem Hintergrund Phänomen der Kunstsammlerin aufmerksam zu machen
Pierre-Auguste Renoirs Gemälde Im Sommer (1868) einer sich entwickelnden Frauenbewegung und einer und dieses angemessen zu analysieren, sind Motivation
in der Alten Nationalgalerie zu Berlin, das Mathilde von weiblichen Emanzipationsbestrebungen geprägten und »Herzstück« des Promotionsprojektes.
Kappel stiftete. und dennoch geschlechterspezifischen Rollenzuschrei- Anna-Carolin Augustin
Das Wirken dieser Berliner Kunstsammlerinnen und bungen verhafteten Zeit, sowie deren Kontinuitäten und
Kunstmäzeninnen, die während der wilhelminischen Brüche im Zuge der sich verändernden politischen und Die Autorin, Jg. 1984,
Ära und der Weimarer Republik ein Teil des Berliner gesellschaftlichen Verhältnisse im gewählten Zeitraum, studierte an der FU Ber-
Kunstlebens waren, soll im Rahmen des Dissertations- sind dabei von Relevanz. lin und der Universität
projektes in einer umfassenden sozial- und kulturhisto- Ein weiteres Element der Dissertation bildet die Potsdam Geschichte,
rischen Studie untersucht werden. theoretische Auseinandersetzung mit der Geschlechter- Jüdische Studien und
Die Dissertation, die keine rein strukturelle Samm- geschichte des Sammelns hinsichtlich einer vermeintlich Kunstgeschichte. Sie pro-
lungsanalyse anstrebt, muss sich freilich der zentralen weiblich-ästhetischen Dimension des Kunstsammelns moviert am Kollegium
Frage nach der Intention – dem »Atlas der Motive« und Förderns. Anhand der Sammlungsprofile der Ber- Jüdische Studien des
(Peter Gay) – des weiblichen Kunstsammelns und liner Sammlerinnen und zeitgenössischen Diskursen, kulturwissenschaftlichen
Förderns stellen. Das ästhetische Kunstsammeln des beispielsweise zu »Weiblichem Kunstdilettantismus« Instituts der Humboldt
Großbürgertums wird in der Forschung häufig als und der »Dekorativen Dimension des Kunstsammelns Universität zu Berlin.
–2–Walther Rathenau Graduiertenkolleg
Die Sprache der Großstadt
Die frühnaturalistischen Berlinromane Max Kretzers
I
st Berlin auch noch kein Paris, kein London, so Kretzer bemängelt an der wilhelminischen Gesell-
wächst es doch mächtig heran, streckt es sich nach schaft ihre zu geringe Transparenz und Solidarität.
allen Seiten, um den steinernen Gürtel immer aufs Deshalb fordert er zum Beispiel, den Arbeiterkindern
Neue zu dehnen. Ganze Stadtteile sind seit einem durch entsprechende Förderung den gesellschaftlichen
Jahrzehnt entstanden, Straßenzüge schafft der Lauf eines Aufstieg zu ermöglichen, wobei sich deren Fähigkeiten
Jahres.« (Dieses und die weiteren Zitate aus Kretzers schließlich zum Nutzen aller entfalten könnten. Ferner
Aufsatz »Zur Entwicklung und Charakteristik der Berliner kritisiert Kretzer die Fragmentierung der Gesellschaft
Romans« von 1885.) in Klassen und Gruppen, die sich skeptisch und sogar
Das Berlin, welches der naturalistische Schriftsteller Max feindlich gegenüberstehen. Als Beispiele für diese
Kretzer ab 1880 in einer Reihe von Romanen, Novellen unglückliche und nichts Gutes verheißende Situation
und Skizzen beschrieb, wuchs und veränderte sich mit führt Kretzer immer wieder die antibürgerlich-aggressive
einer Rasanz, wie sie die Geschichte bis dahin noch nicht Ideologie des Kommunismus, die verächtliche, oft
gesehen hatte. In den Jahren von 1860 bis 1900 entwi- genug rein ausbeuterische Haltung der »besitzenden
ckelte sich die Stadt von einer verschlafenen Residenz in Klassen« gegenüber den Arbeitern und schließlich
der märkischen Sandsteppe zu einem weltweit beachteten den in allen Gesellschaftsteilen bis hin zu kirchlichen
Zentrum von Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, dessen Würdenträgern verbreiteten Antisemitismus an.
Bevölkerung nach Millionen zählte. Wenn auch bekannte Es ist mir wichtig, in diesem letzten Punkt Kretzers
Autoren wie Theodor Fontane im gründerzeitlichen Berlin kritische Haltung herauszustellen, da er gelegentlich
lebten und arbeiteten, findet es sich doch nirgendwo selbst in die Nähe des Antisemitismus gerückt wird. Sol- Max Kretzer, um 1885. © Staatsbibliothek zu Berlin
so eingehend, so
genau, so vielfäl- Erzählung, die Narration gegenüber der Beschreibung
tig und literarisch und der Information unbedeutend und statt eines
so interessant ge- Verlaufs wird ein Zustand, der Zustand der Großstadt,
schildert wie in geschildert. In Kretzers Romanen zeigt sich diese für die
den Texten des Moderne typische Entwicklung, wenn über Seiten eine
heute fast völlig bestimmte Szenerie oder eine Phase großstädtischen
vergessenen Max Lebens geschildert wird und der Autor sich dabei völlig
Kretzer. von der Handlung und den handelnden Personen
Max Kretzer löst. In einigen dieser Passagen wechselt Kretzer sogar
wurde 1854 in von dem Präteritum, dem konventionellen Tempus
Posen geboren, aller erzählenden Texte, wie selbstverständlich in das
kam als Kind mit Präsenz über.
seinen verarmten Wie das schon Zola in seinem »roman expérimental«
Eltern nach Berlin, von 1880 darlegte, betrachtete Kretzer es nicht als
wo er schon mit die Aufgabe naturalistischer Literatur, Geschichten zu
13 Jahren in ei- erfinden, sondern das zu skizzieren und zusammen-
ner Lampenfabrik zufügen, was er sah: »Für den Romanschriftsteller liegt
arbeitete. Autodi- der Stoff sozusagen auf der Straße, erlernt er nur die
daktisch wurde er Sprache, welche die Häuserkolosse reden […]« Diesen
zum Schriftsteller, Berlin wächst! So malte Friedrich Kaiser 1875 das „Tempo der Gründerzeit“. © Stiftung Stadtmuseum Berlin zentralen Satz Max Kretzers habe ich zur Vorlage für den
bis 1900 und dann Titel meiner Dissertation genommen. Aus dem Satz ist
wieder in den 1920er Jahren erreichten seine Bücher che Vorwürfe stützen sich auf einige in der Tat äußerst ersichtlich, dass Kretzer seine Darstellung der Großstadt
hohe Auflagen. 1941 starb Max Kretzer in Berlin. Kretzer kritische Passagen in Kretzers frühsten Texten wie »Die an der Grenze zu mechanischen Verfahren sah. Unmit-
hatte die Schattenseiten von Berlins Aufstieg am eige- Verkommenen« von 1883. Schon in diesem Roman telbar und genau soll der durch die Sinne empfangene
nen Leibe kennengelernt und behandelt sie in seinen und später (»Drei Weiber«, 1886) noch deutlicher, Eindruck der Stadt sein, und möglichst unverfälscht
Büchern: »Zu gleicher Zeit häufen sich auch Not und distanziert sich Kretzer allerdings von antisemitischen soll sich dieser Eindruck im Text wiederfinden. Damit
Elend, entbrennt der Kampf ums Dasein aufs Aeußerste Positionen. In dem Roman »Die Bergpredigt« von 1889 nimmt Max Kretzer eine aisthetische und mimetische
in demselben Maße, in dem Reichthum und Luxus beschreibt Kretzer kaum verhüllt die offen antisemiti- Extremposition ein, in welcher der kritische Umschlag,
überhand nehmen.« sche »Berliner Bewegung« und ihr Oberhaupt, Adolf der endgültig die Moderne konstituiert, bereits enthal-
Darin ein Vorläufer der historischen Avantgarden, maß Stoecker. Kretzer denunziert dessen christlich-soziale ten ist. Patrick Küppers
Kretzer seiner künstlerischen Arbeit eine unmittelbare ge- Politik als verlogen und den Antisemitismus als un-
sellschaftliche Funktion bei. Seine Texte sollten zur Lösung christlich und gesellschaftsschädlich. Patrick Küppers, geboren
der sozialen Probleme beitragen. Ein erster Schritt dazu Der große literarische Verdienst Max Kretzers besteht 1981, studierte an den Uni-
war die Aufklärung: Kretzer suchte einem bürgerlichen darin, mit dem »Berliner Roman« den modernen versitäten Potsdam und
Lesepublikum die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Großstadtroman in Deutschland begründet zu haben. Perugia Germanistik, Ro-
Arbeiter in den Vorstädten, in den Mietskasernen und Das bedeutet, die Großstadt bildet in seinen Roma- manistik, Philosophie sowie
Fabriken darzulegen. Darauf aufbauend, analysieren Max nen nicht mehr nur den Hintergrund der Handlung, Allgemeine und Vergleichen-
Kretzers Texte strukturelle Schwächen im gesellschaftlichen vielmehr ist sie zugleich Gegenstand und Protagonist de Literaturwissenschaft. Er
Gefüge, auf welche eine Vielzahl der sozialen Probleme des Romans. Gegenüber der reinen und alles dominie- promoviert an der Universi-
zurückzuführen sind, beziehungsweise die Punkte, an renden Präsenz der Großstadt erscheint jede Handlung tät Potsam und ist Walther-
denen zur Findung einer Lösung anzusetzen ist. nur noch als ergänzendes Beiwerk. Deshalb wird die Rathenau-Kollegiat.
–3–Konferenz
Vorurteile im Vergleich
Eindrücke von der interdisziplinären Tagung über Islamfeindschaft und Antisemitismus in Tutzing
S
ind Mohammed-Karikaturen die antisemi- gleichzusetzen. In den USA seien komparative Analysen Ort, aber auch von der vorherrschenden öffentlichen
tischen Postkarten von heute? Gleichen Anti- schon viel weiter, das täte nun auch hierzulande Not. Meinung ab.
Moscheenbau-Demos in Köln und Berlin dem Islamfeindschaft äußere sich mittlerweile auch in der Genau diese Meinung wird heute mehr denn je von
»Juden-Raus«-Radau des Kaiserreiches? Bedient Schändung muslimischer Friedhöfe und Moscheen. Zeitungen, Fernsehen und Internet gemacht. Kein Wun-
Thilo Sarrazin die gleichen Klischees gegen der also, dass auch »Judentum und Medien« sowie »Is-
Muslime, wie Heinrich von Treitschke einst lam und Medien« zu den Themen der Tagung gehörten.
gegen die »Ostjuden«? »Absurd!« sagen Dabei attestierte die Münchner Historikerin Monika
die einen und schließen Vergleiche zwi- Halbinger den deutschen Medien eine vergleichsweise
schen Antisemitismus und Islamophobie kritische Israel-Berichterstattung, sprach aber auch von
kategorisch aus. »Punktuell denkbar«, Mechanismen der »Schuldentlastung« und von philo-
meinen die anderen – und versuchen semitischen Stereotypen bei der Darstellung jüdischen
die hochemotionale Debatte ein Stück zu Lebens hierzulande – was, so Halbinger, rasch auch »in
versachlichen. So auch die Akademie für sein Gegenteil umkippen« könne. Der Kölner Medienex-
Politische Bildung Tutzing und das Moses perte Thorsten G. Schneiders beklagte, viele Redaktionen
Mendelssohn Zentrum Potsdam mit einer würden sich heute kaum die Zeit nehmen, ausgewiesene
gemeinsamen Konferenz zum Thema Islamwissenschaftler für eine differenzierte, profunde Be-
»Feindbild Islam und Antisemitismus – ein richterstattung zu engagieren. Schon am Vortag hatte der
umstrittener Vergleich«. Vom 21. bis 23. bekannte Berliner Professor Peter Heine in brillanter Wei-
Januar trafen sich dazu Historiker und So- Lebhafte Diskussion in Tutzing, hier mit Professor Evyatar Friesel (Jerusalem). se die Vielfalt sunnitischer und schiitischer Lebensformen
zialwissenschaftler, aber auch Pädagogen, wie auch jene der theologischen Rechtsvorschriften im
Religionswissenschaftler und Journalisten am Starn- Eine deutlich breitere, systematischere Vorbereitung Islam skizziert. Vieles davon sei in Deutschland kaum
berger See. Die perfekte Antwort, was an Juden- und von Vergleichen zwischen Antisemitismus und Islam- bekannt, bedauerte Heine, was letztendlich auch der
Islamfeindschaft tatsächlich vergleichbar ist - und was feindschaft forderte der Brühler Politikwissenschaftler geringen Zahl von ausgebildeten Islamforschern und
eben nicht -, erwartete vernünftigerweise niemand. Armin Pfahl-Traughber. Er hält den Terminus »Isla- Asien-Experten geschuldet sei.
MMZ-Direktor Julius H. Schoeps ließ gleich beim Eröff- mophobie« für eine untaugliche Vergleichsschablone
nungsvortrag keinen Zweifel, dass judenfeindliche Bilder zum Antisemitismus, zumal das Wort als politischer
und Klischees auch nach der Shoah in den europäischen Kampfbegriff der Islamisten auch gegen jedwede
Köpfen überdauert hätten. Antisemitismus besäße weiter Kritik am eigenen Handeln instrumentalisiert würde.
»eine psychosoziale Funktion«. Professor Evyatar Friesel Stattdessen rät Pfahl-Traughber zur Einführung des
(Hebräische Universität) stützte dies mit Ergebnissen Begriffs »Antimuslimismus«, wobei er sich auf »eine
einer Analyse von mehreren Tausend deutschen Emails, Feindschaft gegen Muslime als Muslime« beziehe.
Blogs und Chats der letzten 10 Jahre, deren Inhalt an den Möglichen Vergleichen zwischen Antisemitismus und
Zentralrat der Juden und die israelische Botschaft gerich- Antimuslimismus will der Brühler Politologe gern ein
tet war. »Antijüdische Vorurteile sind in Deutschland weit mehrteiliges »Untersuchungsraster« vorschalten. So sei
verbreitet«, so Friesels Fazit. »Der Ton wird schärfer, und zu prüfen, inwiefern sich bei den jeweiligen »Diskrimi-
negative Sichtweisen auf Juden teilen auch viele aus der nierungsideologien« schon ein geschlossenes Weltbild
gesellschaftlichen Mitte.« entwickelt habe, welche Auswirkungen bisherige
Feindbilder hatten – von der individuellen Dr. Monika Halbinger (München) beim Vortrag.
Aversion bis hin zum Genozid - und bis zu
welchem Grad die jeweiligen Stereotype in der Frische Einblicke in heutige Minderheitensituationen
Mehrheitsbevölkerung verbreitet seien. in Deutschland lieferten Heinrich Olmer vom Landesver-
Aus architekturhistorischer und stadtsozi- band der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und
ologischer Perspektive näherten sich Ulrich Mohammed Khallouk vom Zentralrat der Muslime. Bei
Knufinke (TU Braunschweig) und Thomas der Podiumsdiskussion am Schlusstag sprach Khallouk
Schmitt (Max-Planck-Institut Göttingen) mar- von Angst und Vorurteilen in der deutschen Bevölkerung,
kanten Konflikten, die Juden und Muslime aber auch von Unsicherheiten bei den Muslimen. Die
im christlichen Europa mit der Mehrheitsge- Bundesrepublik, davon könne man ausgehen, sei kein
sellschaft ausfochten und noch ausfechten. islamfeindliches Land. Muslime würden in Deutschland
Architekturkenner Knufinke breitete ein Pa- viel lernen, aber sollten sich auch an eigenen Vorbildern
norama jüdischer Synagogenbau-Tätigkeit im orientieren. Für die vergleichsweise gut integrierte
Podiumsdiskussion mit Dr. Heinrich Olmer, Prof. Julius H. Schoeps und 19. Jahrhundert aus und beschrieb zugleich, jüdische Bevölkerung konstatierte Heinrich Olmer ein
Dr. Mohammed Khallouk . Fotos (3): Daniela Hilpert / Akademie für Politische Bildung wie lokale Behörden immer wieder versuchten, Paradox: »Das Dazugehörigkeitsgefühl zur deutschen
Einfluss auf Baustil und Standort der Gotteshäu- Gesellschaft nimmt zu, aber die jüdische Identität nimmt
Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitis- ser zu nehmen. »Letztendlich kamen viele Synagogen ab, und das ist jetzt ein echtes Problem.«
musforschung (ZfA) betonte, dass die Islamfeindschaft aber doch zustande«, resümierte der Braunschweiger Am Ende fehlte in Tutzing die Zeit, um noch auf gegen-
den Antisemitismus nicht abgelöst habe, sondern Referent. Für den Geographen Thomas Schmitt, der seitige, jüdisch-muslimisch-christliche Wahrnehmungen
beides nebeneinander bestünde. »Juden wie Mus- aktuelle Moscheebaukonflikte nachzeichnete, war es oder auf Rückwirkungen des Nahostkonflikts auf die
lime dienen als Sündenböcke für Wirtschafts- und schwieriger, verallgemeinernde Aussagen zu treffen. Atmosphäre in Deutschland zu kommen. Spannende
Globalisierungsprobleme, und sie werden als innere Ausgrenzungsstrategien gegen Moschee-Projekte seien Themen für eine weitere Tagung allemal. Und kritische
Gefahr wahrgenommen«, sagte Wetzel. Es sei wichtig, in verschiedenen Städten zu beobachten. Andererseits, Geister werden wieder willkommen sein.
strukturelle Ähnlichkeiten zu erforschen, ohne dabei so Schmitt, hänge viel von den lokalen Akteuren vor Olaf Glöckner
–4–Aus Halberstadt
»Guter Schritt in die Zukunft«
Zustiftung des Landes sichert Existenz der Moses Mendelssohn Akademie
A
ls »ersten Schritt zur langfristigen Existenzsi- Künftig wird die Moses Mendelssohn Akademie ihren »Der Betrieb der Halberstädter Akademie war grund-
cherung der Moses Mendelssohn Akademie Etat aus den Zinsen der Zustiftung erwirtschaften. Als sätzlich unterfinanziert, so dass wir immer wieder an
in Halberstadt« bezeichnet deren Direktorin Stiftung bürgerlichen Rechts bestand ihr Vermögen das Land heran traten, um den Zustand zu ändern.
Jutta Dick einen Zuwendungsvertrag in Höhe bisher allein aus Immobilien, dem Gebäudeensemble Es war für Prof. Julius H. Schoeps und Manfred Wolff,
von drei Millionen Euro, der mit dem Land Sachsen- in der Unterstadt, ehemals Eigentum der Jüdischen die im Lauf der Jahre eine gute Million Euro in unser
Anhalt geschlossen wurde. Die Vereinbarung hatten Gemeinde Halberstadt. Die Klaussynagoge, das Haus investiert hatten, kein gutes Gefühl gewesen,
Ende Dezember Landes-Kultusministerin Prof. Dr. Bir- Grundstück der zerstörten Barocksynagoge sowie das als Bittsteller auftreten zu müssen. Die Idee, das Stif-
gitta Wolff (CDU) und Prof. Dr. Julius Schoeps, Vorstand Kantorhaus in der Bakenstraße und das Mikwenhaus tungsvermögen aufzustocken, die bei der Aufstellung
Stiftung Moses Mendelssohn Akademie, unterzeichnet. (Ritualbad) in der Judenstraße wurden im Rahmen des Landeshaushaltes 2010/2011 von Parlamentariern
Im Gegenzug soll die Moses Mendelssohn Akademie der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik ab 1938 entwickelt wurde, eröffnete einen Weg zu Lösung des
Halberstadt ab 2013 auf die institutionelle Förderung arisiert und zu DDR-Zeiten von der Städtischen Gebäu- Grundproblems«, so Jutta Dick.
durch das Land verzichten. dewirtschaft übernommen. Nach der Wende machte Für Manfred Wolff zeugt der Schritt in die Zukunft
»Dieser Betrag«, so die Kultusministerin, »ist eine die Jewish Claims Conference Restitutionsansprüche der Akademie davon, dass das Land Vertrauen in die
Zustiftung des Landes zum Grundvermögen der Moses geltend. Verhandlungen der Stadt Halberstadt mit der Qualität der Arbeit der Einrichtung hat und um Kon-
Mendelssohn Akademie. Die Gelder, so steht es im JCC hinsichtlich einer Überlassung der Immobilien zur tinuität bestrebt ist. Prof. Julius H. Schoeps sieht die
Vertrag, müssen zur Bewahrung und zur Pflege des Schaffung eines Ortes der Erinnerung scheiterten. Moses Mendelssohn Akademie als wesentlichen Ort
jüdischen Erbes und der jüdischen Geschichte Sachsen- Auf Initiative von Raphael Nussbaum, dessen Familie der Vermittlung jüdischer Geschichte und aktuellen
Anhalts eingesetzt werden.« Jutta Dick sieht darin ein aus Halberstadt stammte, kaufte 1996 der Berliner jüdischen Lebens, während das von ihm geleitete Moses
deutliches Signal, dass Sachsen-Anhalt sich zur Akademie Kaufmann Manfred Wolff im Angedenken an seinen Mendelssohn Zentrum Potsdam sein Schwergewicht auf
bekennt. »Es ist ein guter Schritt in die Zukunft unserer inzwischen verstorbenen Freund Nussbaum die oben die Forschung lege.
Einrichtung und zeigt, dass die Moses Mendelssohn aufgeführten Immobilien für die Arbeit der zu diesem Er ordnet die Halberstädter Einrichtung in den Kontext
Akademie in dieser Aufgabenstellung eine besondere Zweck im selben Jahr begründeten Stiftung Moses der europäisch-jüdischen Tradition ein, in dem auch
Rolle in Sachsen-Anhalt einnimmt.« Mendelssohn Akademie an. Im Sommer 1997 konnte mehr als 300 Jahre die Klaussynagoge im Rosenwinkel
Die Direktorin der Moses Mendelssohn Akademie mit den Restaurierungsarbeiten begonnen werden. Die stand.
verhehlt aber auch nicht, dass es ein langer Weg bis finanzielle Basis bildeten Fördermittel, die die Stadt aus Jutta Dick hebt hervor, dass die Akademie ohne die
zu dieser Lösung war. »Die Akademie hat sich den Modellstadtmitteln gewähren konnte. vielen ehrenamtlichen Helfer ihr umfangreiches Pro-
Landesparlamentariern so intensiv präsentiert, dass Es fehlte jedoch Kapital für die Finanzierung der gramm gar nicht bewältigen könne. Rund 20 Menschen
uns wohl langsam der gesamte Landtag kennt«, meint inhaltlichen Arbeit. Die Bildungsarbeit der Akademie unterstützen aus privatem Engagement oder über die
Jutta Dick scherzhaft. Lokale Landtagsabgeordnete wie wurde ab 1998 mit Projektfördermitteln des Landes Freiwilligenagentur des Diakonischen Werks im Kirchen-
Gerhard Miesterfeld (SPD) und Dr. Detlef Eckert (Linke) unterstützt, ab 2003 gab es Zuwendungen, die quasi kreis Halberstadt die Einrichtung in den verschiedensten
begleiteten mit viel Engagement den Prozess. Frauke einer institutionellen Förderung gleich kamen, ab 2005 Funktionen: als Museumsaufsicht, mit historischen
Weiß (CDU) besuchte in diesem Zusammenhang mit flossen Fördermittel der Erlanger Moses Mendelssohn Recherchen und Hintergrundarbeit. »Ihr Wirken genießt
dem CDU- Arbeitskreis Kultur die Akademie. Stiftung. hier große Akzeptanz und Anerkennung.« Uwe Kraus
Neugierig auf Israel
Eine Foto-Ausstellung in Halberstadt
S
ein imposantestes Geburtstagsgeschenk machte
sich der Halberstädter Fotograf Ulrich Schrader,
Träger des Harzer Kulturpreises 2010, am 2.
Januartag selbst. An jenem Sonntag wurde
seine Ausstellung »ISRAEL VERTRAUTE FREMDE« in der
Halberstädter Moses Mendelsohn Akademie eröffnet.
Sie war bis zum 13. Februar zu sehen. Die Arbeiten waren
im Frühjahr 2010 während eines Israel-Aufenthaltes
entstanden. Zu sehen sind nun 39 vorwiegend groß-
formatige Bilder. Besonders interessant wirken dabei
seine zwei Israel-Triptychons. Die Arbeiten messen einen
Meter in der Höhe und fünf Meter in der Breite. In ihrer
Einführung stellte Jutta Dick, Direktorin der MMA, fest,
das Projekt von Schrader folge geradezu idealtypisch der
Konzeption der Einrichtung. Denn Schrader sei durch die
Begegnung mit ehemaligen jüdischen Halberstädtern in
der Akademie auf Israel neugierig geworden. Und der
»Fotografenkollege« Michael Maor, den er 2009 als Fo-
tograf auf einer von der F.C. Flick-Stiftung veranstalteten
Vortragsreise durch Sachsen-Anhalt begleitet hatte, gab
dann den entscheidenden Anstoß zur ersten Reise nach
Israel. Uwe Kraus
–5–Von MMA bis MMZ
A
m 13. November 2010 wurde anlässlich 20. Jahrestags der Gründung des MMZ mit zahlreichen
des 75. Todesjahres von Kurt Tucholsky im Beiträgen ehemaliger und heutiger Mitarbeiterinnen und
gleichnamigen Literaturmuseum Rheinsberg Mitarbeiter zu den verschiedenen Forschungsschwer- Editorial
eine Ausstellung über Else Weil mit dem Titel punkten des Hauses.
D
»Fragmente eines deutsch-jüdischen Lebensweges« Vom 11. bis 13. März 2012 findet eine Konferenz zum
eröffnet. Else Weil war die erste Frau Tucholskys und das Thema »200 Jahre Emanzipationsedikt in Preußen« im ie vorliegende Nr. 50 unseres Mittei-
Vorbild für die Figur der Claire in der 1912 erschienenen Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte statt, lungsblattes DIALOG lädt zu einem
Erzählung »Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte.« und am 13. März 2012 wird zum gleichen Thema eine nachdenklichen Rückblick ein. Die erste
Die Ausstellung rekonstruiert in beeindruckender Ausstellung in der Brandenburgischen Landeszentrale Nummer des Blattes erschien im April
Weise auf der Grundlage erst in den letzten Jahren für politische Bildung eröffnet. 1988 und war überschrieben mit »Aussöhnung
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ausfindig gemachter Bilder und Dokumente das Leben und Verständigung«. Damals handelte es sich
Else Weils, die im Leben wie im Buch als Ärztin, als Jüdin unst gegen Valuta – Der staatliche Ausverkauf noch um das Mitteilungsblatt des vom Verfasser
und als emanzipierte Frau den Aufbruch in ein neues von Kunst und Antiquitäten zur Devisen- dieser Zeilen gegründeten »Salomon Ludwig
Zeitalter verkörperte. Sie wurde 1942 nach Auschwitz beschaffung in der DDR« ist der Titel einer Steinheim-Institutes für deutsch-jüdische Geschich-
deportiert – ihr Name auf der Transportliste ist das letzte Internationalen Tagung des MMZ in Koope- te« an der Universität Duisburg. Der damalige
Dokument aus ihrem Leben. ration mit dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte zur
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Geschichte, die vom 15. bis zum 17. Mai 2011 im Eröffnung des Institutes ein Glückwunschschreiben
as Jahr 2012 wirft seine Schatten voraus. Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte gesandt, und die damals amtierende Vizepräsi-
Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums des stattfindet: Auch in der DDR gab es Kunsthändler und dentin des Deutschen Bundestages, Annemarie
am 11. März 1812 erlassenen Preußischen Sammler. Neben privaten Antiquitätenläden oder Kom- Renger, die ebenfalls ein Schreiben geschickt hatte,
Emanzipationsediktes, das den Juden in missionsgeschäften gewann zunehmend der staatliche sah in der Gründung des Institutes einen wichtigen
Preußen die gleichen bürgerlichen Rechte und Pflichten Kunsthandel der DDR an Bedeutung. Mitte der 1950er Schritt, »um zu einer besseren Durchleuchtung des
wie ihren christlichen Staatsbürgern gewährte, plant Jahre als »Volkseigener Handelsbetrieb Antiquitäten« deutsch-jüdischen Verhältnisses« zu gelangen.
das MMZ im kommenden Jahr eine Reihe wichtiger gegründet, kontrollierte er sowohl den Binnen- als Damals konnte noch niemand ahnen, was sich
Veranstaltungen. Den Auftakt bildet am 20. Januar auch den Außenhandel. Dies änderte sich Ende der alles ändern würde. Es kam der Fall der Mauer,
2012 die Präsentation einer Festschrift aus Anlass des 1960er Jahre. Der Bedarf an Devisen wuchs. 1966 die Vereinigung der beiden deutschen Staaten
schuf Alexander Schalck-Golodkowski den geheimen und in deren Gefolge 1992 auch die Gründung
Wirtschaftsbereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo). des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam.
I m p r e s s u m Dieser Wirtschaftsbereich handelte mit allem, was der Der DIALOG war fortan das Mitteilungsblatt des
DDR D-Mark und Dollar einbrachte, exportierte und Zentrums und der 1994 in Halberstadt gegründe-
Herausgeber importierte Embargowaren und begann sich auch für ten Mendelssohn-Akademie.
Moses Mendelssohn Stiftung den Kunsthandel zu interessieren. 1973 wurden diese Blättert man in den seit diesem Zeitpunkt
Sebastianstraße 31 Geschäfte unter dem Dach der neugegründeten »Kunst erschienen Ausgaben des DIALOG, dann fällt auf,
D – 91058 Erlangen und Antiquitäten GmbH« gebündelt. Ausgangspunkt der dass sich die Aufgabenstellungen des Potsdamer
Telefon: 09131-61800 Warenbeschaffung für den Export sollte ein großange- Zentrums und der Halberstädter Akademie im
Fax: -618011 legter Angriff auf die Museumsdepots der DDR sein. Verlauf der Jahre verbreitert haben. Waren es
kladow@snafu.de Die Museen sollten auf einen Schlag Kunstgegenstände noch anfänglich die Fragen nach den histo-
im Werte von 55 Millionen Valutamark für den Export rischen Problemzonen des deutsch-jüdischen
Moses Mendelssohn Zentrum bereitstellen. Die Konferenz stellt den deutsch-deutschen Beziehungsverhältnisses, die in Untersuchungen,
für europäisch-jüdische Studien Kunsttransfer in den Mittelpunkt und geht besonders auf Konferenzen und Publikationen abgehandelt
Am Neuen Markt 8 die Situation der Sammler und die Rolle der Museen in wurden, sind es mittlerweile Themenfelder
D – 14467 Potsdam der DDR ein. geworden, die sich aktuelleren Fragestellungen
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Telefon: 0331-280940 zuwenden. Sie reichen von der Untersuchung der
Fax: -2809450 in Gespenst geht (wieder) um in Europa Integrationsschwierigkeiten russisch-jüdischer
moses@mmz.uni-potsdam.de – das Gespenst des Antisemitismus. Etwa Zuwanderer, über Präventionsmaßnahmen
www.mmz-potsdam.de die Hälfte der Schweizer sieht Israel einen gegenüber dem Rechtsradikalismus und Antise-
»Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser« mitismus und der Erarbeitung von Vorschlägen
Moses Mendelssohn Akademie führen, 39 Prozent der Italiener unterstellen Juden eine neuer Gedenkformen (»Bibliothek verbrannter
PF 1420, 38804 Halberstadt »besondere Beziehung zum Geld.« Fast 40 Prozent der Bücher«) bis hin zu der demnächst bevorstehen-
Rosenwinkel 18 Europäer meinen, die Juden »sollten aufhören, sich den Konferenz »Kunst gegen Valuta«, in der der
D – 38805 Halberstadt wegen des Holocaust als Opfer zu sehen.« Julius H. Umgang der DDR mit ihrer Kunst von Fachleuten
Telefon: 03941-606710 Schoeps (MMZ Potsdam) und Lars Rensmann (Uni- thematisiert werden soll.
Fax: -606713 versity of Michigan/Ann Arbor), bereits Herausgeber Die Verleihung der Mendelssohn-Medaille,
mma-halberstadt@t-online.de von »Feindbild Judentum – Antisemitismus in Euro- die in den letzten Jahren an Charlotte Knobloch,
www.moses-mendelssohn-akademie.de pa« (2008), legen nun mit einer englischsprachigen Daniel Barenboim und an Berthold Beitz ging,
Ausgabe »Politics and Resentment. Anti-Semitism and ist mittlerweile fester Bestandteil der jährlichen
Redaktion Counter-Cosmopolitanism in the European Union« im Veranstaltungsplanung. In diesem Jahr geht
Dr. Ines Sonder/Moritz Reininghaus Brill-Verlag Leiden (506 Seiten, 140 Euro) nach. Hier zu unser aller Freude die Medaille an die große
kommt mit der Russland-Studie von Stella Rock und Ale- Liberale Hildegard Hamm-Brücher, die sich in den
Druck xander Verkhovsky eine höchst interessante Ergänzung, letzten Jahrzehnten große Verdienste um unser
druckhaus köthen ebenso mit der Kontexterweiterung Antimodernismus demokratisches Gemeinwesen erworben hat. Der
– Antiglobalisierung – Antisemitismus (Rensmann). Verleihungsakt wird am 16. Juni im Rathaus der
Bankverbindung Sehr lesenswert ist zudem der neu hinzugekommene Stadt München stattfinden.
Dresdner Bank Aufsatz von Samuel Salzborn, welcher den deutschen In der Hoffnung, dass die Freunde unserer Arbeit
BLZ: 160 800 00 Antisemitismus in seinen Spielarten »Schuldentlastung« uns auch weiterhin gewogen bleiben, grüßt aus
Konto-Nr.: 4200 7575 00 und »Selbst-Viktimisierung« beleuchtet. Potsdam herzlichst Julius H. Schoeps
–6–µ DIALOG Potsdam (2) 2011 / Heft 51
MOSES MENDELSSOHN AKADEMIE • MOSES MENDELSSOHN STIF TUNG • MOSES MENDELSSOHN ZENTRUM
Im Anfang war der Mord
Juden und Judentum im Detektivroman
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m klassischen Detektivroman wird Religion immer als »ewiger Jude«, wie er sich selbst bezeichnet, führt antwortet sie: »Da habe ich einen dicken türkischen
wieder thematisiert, und gerade der Umgang er ein »Leben nach dem Tode«, ohne Aussicht auf die Pass, aber ich bin in der Türkei dennoch Deutsche. Eine
mit Juden und Judentum in dieser (trivialen) eigene Erlösung, aber entschlossen, an der Erlösung Deutsche, die gut Türkisch spricht. Und wenn ich in
Literaturgattung wirft viele Fragen auf. Zu unter- seines Volkes mitzuwirken: »es war, als trüge […] der Deutschland lebe, bin ich trotz meines deutschen Passes
scheiden sind zunächst Selbst- und Fremdbilder, denn Jude die ganze Welt auf den Schultern, die Erde und und meiner katholischen Mutter Jüdin.« Kati Hirschel ist
natürlich gibt es zahlreiche israelische und amerikanische die Menschheit«. In diese jüdischen Identität Gullivers eine moderne Großstädterin, die ihre jüdischen Wurzeln
Romane, die von jüdischen Autorinnen und Autoren ist der Bruch der Zivilisationsgeschichte in ihrer ganzen als Teil einer ohnehin komplexen interkulturellen
verfasst wurden; exemplarisch genannt seien Batya Komplexität und Widersprüchlichkeit eingeschrieben. Identität begreift, und sich damit mühelos in das quirlige
Gur (1947–2005), deren Inspektor Michael Ochajon Dürrenmatts Ansatz hat nur wenige Nachfolger Leben einer multiethnischen und multikonfessionellen
seinen Dienst bei der Mordkommission der Jerusalemer gefunden, so sind im europäischen Detektivroman Metropole integriert.
Polizei versieht, und Faye Kellerman (*1952), die mit der vergangenen Jahrzehnte kaum jüdische Figuren Der 2009 in deutscher Übersetzung erschienene
dem kalifornischen Ermittler- und späteren Ehepaar zu finden. Erst in den letzten Jahren ist eine andere Detektivroman »Ariel. Mord vor Jom Kippur« (2004)
Pete Decker und Rina Lazarus spannende Kriminalfälle Tendenz erkennbar, die allerdings sehr unterschiedlich des finnischen Schriftstellers Harri Nykänen (*1953)
und religiös-kulturelle Exkurse verknüpft. Diese Strategie zu bewerten ist. Ein interessantes Experiment hat die geht in eine ganz andere Richtung: Der finnisch-jü-
eines interreligiösen Dialoges in Krimiform verfolgte dische Kommissar Ariel Kafka kämpft sich in Helsinki
Harry Kemelman (1908–1996) bereits in den 1960er/70- durch eine auch für den Leser recht unübersichtliche
er Jahren, indem er seinem Protagonisten Rabbi Small ei- Mischung aus Drogenhandel und Gewaltverbrechen
nen katholischen Counterpart in Person von Polizeichef und enttarnt schließlich den scheinbar allgegenwärtigen
Lanigan an die Seite stellte. Die beiden Detektive führen israelischen Geheimdienst Mossad als Drahtzieher
Diskussionen um Glaubens- und Konfessionsfragen, hinter den Morden an arabischstämmigen Migranten.
die nicht zuletzt eine didaktische Funktion erfüllen: die Erschreckend ist hier aber weniger die Handlung als der
Leser sollen aufgeklärt und Vorurteile abgebaut werden. vollkommen unreflektierte Umgang mit Stereotypen.
Aber wie ist der europäische Umgang mit Juden So beschreibt sich Kafka selbst als »dunklen Typ«
und Judentum im Detektivroman seit 1933/1945? Wie und begründet das gegenüber einer Zeugin mit dem
positionieren sich nicht-jüdische Autoren, gibt es über- Satz: »Ich bin Jude«. Seine Zugehörigkeit zur jüdischen
haupt jüdische Figuren, oder muss hier vielmehr von Gemeinde, die jüdischen Riten und Feiertage sowie die
einer Abwesenheit des Jüdischen gesprochen werden? ermittlungstechnischen Abstecher der Polizei ins jüdische
Vor 1933 finden sich verschiedene jüdische Figuren in Kultur- und Sozialleben werden aus einer voyeuristisch-
Detektivromanen, wobei ›der Jude‹ oftmals stellvertre- exotischen Perspektive geschildert, und die überwiegend
tend für ›das Fremde‹ oder ›das Andere‹ steht; zugrunde wohlhabenden Juden bilden den negativen Gegenpol
gelegt wird oftmals eine Verknüpfung von Physiognomie zu der armen, aber redlichen Welt der arabisch-musli-
und Charaktereigenschaften, denn »Juden schienen mischen Minderheit.
[…] bereits aufgrund ihrer physischen Erscheinungs- Festzuhalten ist, dass sich in den jüdischen Identitäten
form ein ›Wesen‹ zu besitzen, das den Werten und im Detektivroman eben jene komplexe Mischung
ethischen Auffassungen, die in den bürgerlichen Gesell- aus Vorurteilen und Antisemitismen einerseits sowie
schaften vorherrschten, entgegengesetzt sein musste« Reflexion und Vergangenheitsbewältigung anderer-
(Klaus Hödl). Die Schlüsselfrage bleibt, inwieweit diese seits widerspiegelt, von der die europäisch-jüdische
(teilweise unreflektierte) Stereotypisierung nach der »Der Tod Abels«, Holzstich von Héliodore Pisan, 1865 Geschichte seit Jahrhunderten, und seit der Shoa ins-
Shoa weitergeführt wurde. besondere, bestimmt wird. Wird der Detektivroman
In Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman Der Ver- türkische Journalistin und Schriftstellerin Esmahan aber als Seismograph einer allgemeingesellschaftlichen
dacht (1952) begegnet uns einer der ersten Juden ›nach Aykol (*1970) mit ihrer Amateurermittlerin, der lebens- Stimmungslage gelesen, so ist, ganz im Sinne von Sher-
Auschwitz‹. Auf der Suche nach einem ehemaligen und abenteuerlustigen Buchhändlerin Kati Hirschel, lock Holmes, die analytisch-rationale Aufklärungsgabe
KZ-Arzt bittet Kommissar Bärlach einen Bekannten gewagt. Fast nebenbei ist zu erfahren, dass diese einen eines jeden Lesers bei der Entdeckung stereotypisierter
um Unterstützung: den Juden Gulliver, der zahlreiche deutsch-jüdischen Vater hatte, der während des Na- und eindimensionaler ›Judenbilder‹ gefragt.
Konzentrationslager überlebt hat und als Riese, »in tionalsozialismus im türkischen Exil als Juraprofessor tätig Anna-Dorothea Ludewig
einem alten fleckigen und zerrissenen Kaftan« be- war. Die Familie kehrte nach dem Krieg zwar dauerhaft
schrieben wird. Die deutlich sichtbaren Spuren der nach Berlin zurück, aber Kati Hirschel entscheidet sich Gekürzte Fassung eines Beitrages für »Die Welt«
nationalsozialistischen Folter haben Gulliver aber nicht später wieder für ein Leben in der Türkei, denn, so er- vom 30.4.2010. Der von der Autorin herausgege-
stigmatisiert, sondern ihn zu einem »Richter aus eigenen klärt sie im ersten Roman dieser Reihe, Hotel Bosporus bene Band »Im Anfang war der Mord. Juden und
Gesetzen« gemacht, der »in jedes Land [kommt], wo es (2001), »Istanbul ist der einzige Ort auf der Welt, dem ich Judentum im Detektivroman« erscheint im Herbst
noch gemarterte und verfolgte Juden gibt«. Als Ahasver, mich zugehörig fühle«. Und nach ihrer Identität gefragt, 2011 im be.bra Verlag, Berlin.Aus dem MMZ
Zwischen Kulturen unterwegs
Im Gespräch mit Gast-Professor Eliezer Ben-Rafael aus Tel Aviv
Professor Ben-Rafael, mehr als 30 Jahre haben Sie haben nur 5-7% der Immigranten das Land wieder Was Juden heute zusammenhält, ist die gleiche Art
schon als Soziologe gelehrt und geforscht. Was verlassen. Eine vergleichsweise geringe Quote, und von Fragestellungen – wohlgemerkt: nicht die Art der
waren die für Sie spannendsten Forschungsfelder umgekehrt: Ein offensichtlicher Erfolg der Integrations- Antworten. Eine der Kernfragen im heutigen Judentum
und -projekte? bemühungen. ist die nach der Verbundenheit mit der jüdischen Ge-
meinschaft. Die andere Kernfrage ist jene nach
Als akademisch verankertem Soziologen fällt mir der Singularität des Judentums. Einige sehen sie
die Antwort schwer. Im Allgemeinen bin ich un- in der Religion, andere eher in der Ethnizität, in
abhängig genug, um Forschungsthemen, die von der Kultur, in der Geschichte. Entscheidend ist,
besonderem Interesse für mich sind, auch selbst dass die Fragen gestellt werden, und natürlich
auszuwählen. Ob nun »Sprache und Identität«, gibt es – als gemeinsamen Nenner – nach wie vor
»Transnationalismus«, »Jüdische Emigration« ein ganzes Reservoir an Symbolen und Ritualen,
oder »Transformation der Kibbutzim« – ich habe vor allem auch in Verbindung mit jüdischen
kein Beliebtheits-Ranking. Festen. Das dritte, verbindende Glied ist die Ver-
bindung zwischen Israel und der Diaspora. Auch
Besteht bei so einer relativen Fülle von Themen die kann sehr unterschiedlich ausfallen, aber
denn nicht die Gefahr, irgendwann nicht mehr man hat eben genau diesen Referenzpunkt. Das
tief und detailliert genug in die Materien ein- betrifft den Chassiden in Antwerpen genauso
zudringen? wie den israelischen Armeeoffizier oder den
jüdischen IT-Experten im Silicon Valley.
Da beschreiben Sie ein Dilemma, das die meisten
Sozialwissenschaftler, die permanent in der Das Sommersemester 2011 bestreiten Sie
Forschung arbeiten, irgendwann für sich selbst als Gastprofessor am Kollegium Jüdische
lösen müssen: Einem einzelnen Thema völlig Studien und am Moses Mendelssohn Zen-
auf den Grund gehen zu wollen, oder einen be- trum in Potsdam. Gibt es spezielle Pläne und
stimmten Bogen verschiedener Problemgegen- Erwartungen?
stände zu untersuchen. Ich selbst gehöre zu den
Wissenschaftlern, die eher eine Perspektive hin Ich freue mich, dass meine Lehr- und For-
zu Problem-Synthesen bevorzugen, und weniger schungsthemen – gerade auch solche zur
die Konzentration auf wenige, eng eingegrenzte heutigen israelischen Gesellschaft und zu
Aspekte. modernen jüdischen Identitäten – hierzulande
auf Interesse stoßen. Daneben freue ich mich
Sie haben sich in Israel und anderen Ländern viel mit Während der Regierungszeit von Ariel Sharon waren aber auch, im Berliner Raum so genannte »Linguistic
der Entstehung und den Perspektiven von multikul- Sie damit beschäftigt, strukturelle, soziale und Landscapes«, d.h. Sprachräume und Sprachtrans-
turellen Gesellschaften auseinandergesetzt. Vor 30 auch ideelle Transformationen in den israelischen formationen bei verschiedenen ethno-kulturellen
Jahren gab es viel Sympathie für Konzepte von Multi- Kibbutzim zu untersuchen – in jenen ursprünglich Gruppen studieren zu können. Meine Frau und ich
kultur, heute äußern sich Politiker recht pessimistisch sozialistischen Kooperativen also, die als unver- haben auf diesem Gebiet schon in Israel und in
und verweisen auf den Trend hin zur »Parallelgesell- zichtbare Bausteine beim Aufbau des Staates Israel Brüssel geforscht, und der Vergleich mit Berlin wird
schaft«. Wie ist Ihre Sichtweise auf das Problem? galten. Die Ergebnisse flossen in den so genannten sicherlich sehr spannend.
Ben-Rafael-Report ein. Was ist vom ursprünglichen,
Ich bin kein Politiker, sondern Soziologe. Von eher sozialistischen Konzept noch geblieben? Das Gespräch führte Olaf Glöckner
daher verbietet sich ein Werturteil über »gute« oder
»schlechte« Trends. Fakt ist natürlich, dass multikul- 75 Prozent der Kibbutzim in Israel haben gravierende
turelle Entwicklungen in der westlichen Welt heute Veränderungen durchlaufen, aber sie existieren nach Zur Person
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mit einer hohen Dynamik ablaufen und die Realität wie vor. Einige Prinzipien sind in der Tat unantastbar
dieser Welt auch deutlich verändern. Religion und geblieben, und das macht sie – trotz aller Ver- liezer Ben Rafael wurde 1938 in
Nationalismus sind in der Mehrheitsgesellschaft eher änderungen – für ganz verschiedene Bevölkerungs- Brüssel geboren. 1956 wanderte
an den Rand geraten, infolge neuer, sozialer wie kul- gruppen nach wie vor sehr attraktiv. Zum Beispiel ist er nach Israel aus. Über viele Jahre
tureller Spannungen kann ihre Bedeutung aber auch da die gegenseitige Verantwortung der Mitglieder. hinweg war er Mitglied im Kibbutz
rasch wieder zunehmen. Offensichtlich betreten wir Jeder behält seinen Platz zum Wohnen und Leben, Hanita. Seit 1980 lehrte er Soziologie an der Tel
eine Ära von Diskontinuitäten. das Recht zu arbeiten, ein garantiertes Einkommen Aviv University, zuvor auch an der Hebräischen
– unter allen möglichen Bedingungen – und garan- Universität in Jerusalem. Nach seiner Emeritie-
Einige Jahre lang haben Sie zur russischsprachigen tierte Bildung für die eigenen Kinder. Dies ist, in der rung wandte er sich neuen Forschungsthemen
jüdischen Emigration nach 1989 geforscht. Ist die In- Gesamtheit gesehen, weit mehr als das, was moderne wie der russisch-jüdischen transnationalen
tegration dieser Gruppe in Israel erfolgreich verlaufen? Wohlfahrtsstaaten anbieten. Grundlegende Prinzipien Diaspora zu. Professor Ben-Rafael fungierte
der direkten politischen Mitbestimmung sind in den als Präsident des »International Institute of
Durch die post-sowjetische Alijah ist die israelische Kibbutzim ebenfalls erhalten geblieben. Sociology«, und er war Mitbegründer des
Bevölkerung um fast 20 Prozent gewachsen. Andere Forschernetzwerkes »Klal Yisrael« (Tel Aviv).
Aufnahmegesellschaften wären bei so einer Dimensi- Auch am Thema «Moderne Jüdische Identitäten« sind Eliezer Ben Rafael ist mit der Linguistin Miriam
on möglicherweise kollabiert. Nicht so in Israel. Sicher, Sie sehr intensiv dran. Gibt es in unseren Tagen noch Ben-Rafael verheiratet, das Paar hat zwei
viele Erwartungen und Träume der Zuwanderer sind in ein Minimum an gemeinsamen Nennern, welches Kinder und fünf Enkelkinder.
der ersten Generation eine Illusion geblieben, dennoch Juden weltweit miteinander verbindet?
–2–Sie können auch lesen