DIALOG - Moses Mendelssohn ...

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µ DIALOG                                                                                            Potsdam (1) 2011 / Heft 50
                             MOSES MENDELSSOHN AKADEMIE • MOSES MENDELSSOHN STIFTUNG • MOSES MENDELSSOHN ZENTRUM

                   »Ich will leben, auch wenn ich tot bin«
 Das Moses Mendelssohn Zentrum erarbeitet eine Ausstellung über Valeska Gert und ihr bewegtes Leben in Tanz, Film und Kabarett

D
            ie dreiundachtzigjährige Valeska Gert              Sie emigrierte zunächst nach England und anschlie-                        im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte
            (1892–1978) reagierte erstaunt, als man            ßend in die USA, wo sie u.a. mit Hans Hofmann,                            in Potsdam zu sehen sein.
            sie in der seinerzeit ersten Talkshow (Je          Jackson Pollock, Robert de Niro sen. (dem Vater des                          Dass die »dolle Nummer« – wie Kurt Tucholsky sie
            später der Abend vom 19.11.1975) fragte,           Schauspielers) und Tennessee Williams verkehrte. In                       einmal beschrieb – auch nach ihrem Tode noch prä-
mit welchem Resümee sie als ältere Dame auf ihre               New York eröffnete sie eine kleine Bar, die schnell                       sent ist (und hier sei an das kopfzeilige Zitat aus Valeska
ereignisreichen Jahre vor und nach dem Zweiten                 zum Geheimtipp wurde. Allerdings konnte sie in der                        Gerts Autobiografe Ich bin eine Hexe aus dem Jahr
Weltkrieg zurückblicke. »Wieso alt, ich bin doch nicht         »Neuen Welt« – und dieses Schicksal teilten viele der                     1968 erinnert), zeigt sich auch darin, dass nachgebo-
alt«, herrschte sie den
Moderator an. Und wahr-
lich, ihre Präsenz, sei
es der flotte knallrote
Hosenanzug, der freche
rabenschwarze Kurzhaar-
schnitt oder die erfri-
schend kokette Art, mit
der sie sich den Fragen
von Hansjürgen Rosen-
bauer stellte, zeugte von
einem jung gebliebenen
und ungebrochenen
Geist und einer noch
immer den Raum für
sich erobernden und die
Aufmerksamkeit auf sich
ziehenden Erscheinung.
   Die 1892 als Gertrud
Valesca Samosch im
wilhelminischen Berlin Die norddeutsche Künstlerin Birgit Rautenberg-Sturm nennt diese Valeska Gert-Trilogie »Zucker – Brot – Peitsche«.
geborene Tochter eines
Fabrikanten entdeckte schon früh ihre Leidenschaft             Emigranten – nicht an ihre früheren Erfolge anknüpfen.                    rene Künstler sich bis heute von ihr inspirieren lassen.
für den Tanz, dem sie fortan eine neue, bislang nie            Valeska Gert kehrte 1947 nach Europa zurück und                           Denn ihre gelebte Verbindung von Tanz, Schauspiel,
dagewesene Ausdrucksform verlieh. Allerdings ver-              eröffnete zunächst in Zürich, anschließend in ihrer Hei-                  Gesang und Kostüm beeinflusste nicht allein unzählige
fügte sie auch über schauspielerisches Talent, so dass         matstadt Berlin ein Kabarett, in dem sie dem jungen                       ihrer Zeitgenossen, sondern lebt auch nach ihrem Tod
sie bereits mit Anfang Zwanzig auf der Bühne stand, da         Klaus Kinski ein Forum bot. Sie selbst schlüpfte u.a.                     fort. Die Ausstellung zeigt die Strahlkraft von Valeska
Arthur Kahane (damals als Dramaturg am Deutschen               in die Rolle der »KZ-Kommandeuse Ilse Koch«, jene                         Gert in Fotografien u.a. von Suse Byk, Lotte Jacobi,
Theater in Berlin tätig) sie an Otto Falckenberg an            für ihre Grausamkeit bekannte und 1951 verurteilte                        Willy Maywald, Ulrike Ottinger und Herbert Tobias
die Münchener Kammerspiele empfahl. Dort gab sie               Frau des Lagerkommandanten des KZ Buchenwald.                             sowie in Collagen, Grafiken, Porträts und Skulpturen
1919 in Oskar Kokoschkas Uraufführung von Hiob                 Im gleichen Jahr eröffnete sie den bis heute legendären                   von Clemens Bautz-Zukanovic, Charlotte Berend,
ihr Debüt. Es folgten Rollen in Stummfilmen wie Ein            »Ziegenstall« in Kampen auf Sylt, ein Nachtlokal, in dem                  Christian Hinrich Claussen, László Moholy-Nagy,
Sommernachtstraum (1925) von Hans Neumann                      die Kellner (u.a. Klaus Kinski) nicht allein für das leib-                Wolfgang Müller, Birgit Rautenberg-Sturm und ande-
sowie Freudlose Gasse (1925), Tagebuch einer Ver-              liche Wohl, sondern auch für eine amüsant geistreiche                     ren sowie in Schrift- und zum Teil erstmals hörbaren
lorenen (1929) und Die Dreigroschenoper (1930/31)              Unterhaltung der Gäste sorgten. In den 1960er Jahren                      Tondokumenten.                       Elke-Vera Kotowski
jeweils von Georg Wilhelm Pabst. Alles überragend war          stand sie dann wieder vor der Kamera und spielte u.a. in
jedoch ihr neuartiger Tanz. Neben Mary Wigman zählt            Federico Fellinis Film Julia und die Geister (1965), Rainer                            Ausstellungseröffnung ist am 19.04.2011
Valeska Gert zu den bedeutendsten Vertreterinnen               Werner Fassbinders Serie Acht Stunden sind kein Tag                                   um 19 Uhr im Kutschstall des Hauses der
der deutschen Ausdruckstanzbewegung in der ersten              (1972) oder Volker Schlöndorffs Der Fangschuß (1976).                                Brandenburgisch-Preußischen Geschichte,
Hälfte des 20. Jahrhunderts.                                   1977 drehte Schlöndorff unter der Kameraführung von                                      Am Neuen Markt 10, 14467 Potsdam.
   Seit 1933 wurde Valeska Gert jedoch in doppelter            Michael Ballhaus einen Dokumentarfilm über Valeska                           Begleitend erfolgen im Verlauf des Ausstellungs­
Hinsicht verfemt: Als Jüdin und als »entartete« Künst-         Gert (Nur zum Spaß, nur zum Spiel). Dieser und weitere                    zeit­r aums Filmvor führungen, Lesungen und
lerin, denn ihr »Grotesktanz« und ihre Tanzkarikatur           Filme mit Valeska Gert sowie Vorträge und Lesungen                               Vortragsabende. Nähere Informationen unter:
galten den Nazis als »undeutsch« und »widernatürlich«.         werden im Rahmen einer Ausstellung ab 20. April 2011                               www.hbpg.de sowie www.mmz-potsdam.de
Aus dem MMZ

                  Emanzipation und Integration durch Kunst?
                                                 Berliner Kunstsammlerinnenkultur und weibliches Mäzenatentum

D
            ie neue Erfahrung ist, daß im deutschen       »kulturelle Praxis« zur Steigerung sozialer Mobilität in                      als Interieur Gestaltung«, sollen Geschlechter- und
            Vaterland an vielen Stellen auch von          Form der Überschreitung gesellschaftlich-ständischer                          Rollenbilder aus Fremd- und Selbstwahrnehmung, die
            Frauen ernsthaft gesammelt wird.« Diese       Grenzen gedeutet oder aber, auf ganz ähnliche Weise,                          in Bezug zum weiblichen Sammeln und Kunstfördern
            Feststellung traf die Kunstschriftstellerin   als wirkungsvolles Medium gesellschaftlicher Integration                      stehen, analysiert und durch eine kritische Einbettung in
Anna Michaelson (alias Jarno Jessen) 1912 im Vorwort      für einen verhältnismäßig hohen Anteil von Sammlern                           ihren gesellschaftlich-strukturellen Kontext dekonstruiert
des Kataloges »Die Sammle-                                                                                                                                           werden.
rinnen auf der Ausstellung ›Die                                                                                                                                          Nicht zuletzt ist auch die
Frau in Haus und Beruf‹« und                                                                                                                                         Untersuchung der Rezeption
verwies damit auf eine bis heute                                                                                                                                     des Wirkens weiblicher Samm-
in Sammlungs-, Bürgertums- und                                                                                                                                       lerinnen und Kunstförderinnen
historischer Frauenforschung nur                                                                                                                                     von großem Interesse. Die
marginal beachteten Facette der                                                                                                                                      vielfach angenommene These,
sozialen Topographie der Berliner                                                                                                                                    dass eine – im Gegensatz zur
Sammlerkultur des späten 19.                                                                                                                                         staatlich antimodernen Abwehr-
und frühen 20. Jahrhunderts: die                                                                                                                                     haltung im wilhelminischen Ber-
Berliner Kunstsammlerinnen.                                                                                                                                          lin stehende – liberale Praxis des
    Das kulturhistorische Phä-                                                                                                                                       Kunstsammelns beispielsweise
nomen des ästhetischen Sam-                                                                                                                                          zur Etablierung der Moderne,
melns und seine herausragende                                                                                                                                        also zur kulturellen Verstetigung
Bedeutung für die aufstrebende                                                                                                                                       moderner Kunstrichtungen, bei-
europäische (und amerikanische)                                                                                                                                      getragen hat muss auch anhand
Bourgeoisie des 19. Jahrhunderts                                                                                                                                     des Wirkens der Sammlerinnen
wurde zwar bereits in vielfältiger                                                                                                                                   überprüft werden. Kann man
Weise Gegenstand wissenschaft-                                                                                                                                       Berliner Kunstsammlerinnen
licher Arbeiten, jedoch war fast                                                                                                                                     als kulturelle Mittlerinnen be-
all diesen Arbeiten die Annah-                                                                                                                                       zeichnen? Welche Bedeutung
me gemein, dass das Sammeln                                                                                                                                          hatten Kunstsammlerinnen im
von Kunst eine rein männliche Selbstinszenierung in Kunstkennerpose: die Sammlerin Cecilie Seler-Sachs (1854–1935) im Jahre 1912, im Katalog »Die Sammle- Netzwerk der kulturellen Mittler,
Domäne gewesen sei. Dieser rinnen« lesend.                                            ©Staatliche Museen zu Berlin, Preußischer Kulturbesitz, Ethnologisches Museum also neben weiteren Sammlern,
Irrtum hypostasiert indirekt ein                                                                                                                                     Kunsthändlern, Künstlern, Mu-
zeitgenössisches Rollenbild, das weibliche Sammlungen     jüdischer Herkunft, also als Form der Assimilation bzw.                       seumsdirektoren und Kunstkritikern?
als »nicht ernst zu nehmend« darstellte, da Frauen die    Akkulturation in die nichtjüdische Mehrheitsgesellschaft                           Keine der mindestens dreißig Kunstsammlungen hat
elementaren Voraussetzungen des Sammelns, wie             mittels Kunst. Inwiefern treffen diese Motive auch für                        sich geschlossen bis zum heutigen Tage konserviert.
die Fähigkeit zur kritischen Prüfung von historischer     die Berliner Sammlerinnen beziehungsweise deren                               Dies steht in vielen Fällen in enger Beziehung zur Zäsur
Relevanz und künstlerischer Qualität eines Kunstwerkes,   Mäzenatentum zu? Lässt sich dieser intentionelle Katalog                      des Jahres 1933 und der einsetzenden Verfolgung vieler
abgesprochen und weibliche Sammlerinnen gleichsam         um spezifisch weibliche Interessen des Kunstsammelns                          Sammlerinnen jüdischer Herkunft und deren teils als
als Dilettantinnen wahrgenommen wurden. Konträr           und Förderns, beispielsweise durch eine bestehende                            »entartet« verfemten modernen Kunstsammlungen
zu diesen Annahmen existieren jedoch zahlreiche           Wechselbeziehung zur Frauenbewegung durch die ge-                             durch die Nationalsozialisten. Trotz der in einigen
historische Belege dafür, dass Sammlerinnen mitunter      zielte Förderung von Künstlerinnen, also Kunstsammeln                         Fällen geglückten Flucht ins Exil war die Auflösung
herausragend qualitative – wenngleich weit weniger        als »emanzipatorische Praxis«, erweitern?                                     der Sammlungen auf Grund äußerer Repressalien die
bekannte und gewürdigte – Sammlungen verschie-               Ebenso spielt die Analyse der allgemeinen kultur- und                      Folge. Deswegen sind die Namen der Sammlerinnen,
dener Kunstrichtungen anlegten. Ebenso verhält es         sozialhistorischen Bedingungen weiblichen Kunstsam-                           wenn überhaupt, im Kontext von Kunstrestitutionsde-
sich mit den heute nahezu unbekannten großzügigen         melns- und Förderns in Berlin während der Zeitspanne                          batten der letzten zwanzig Jahre bekannt geworden.
Schenkungen von Kunstwerken durch Mäzeninnen an           von 1871 bis 1933 eine wichtige Rolle. Insbesondere                           Diese Namen wieder in ihren ursprünglichen Kontext
Museen. Nicht selten wurden die gestifteten Werke zu      Fragen nach »weiblichem Kultureinfluss« und »weib-                            einzufügen und darüber hinaus auf das interessante
Klassikern der Dauerausstellungen, wie beispielsweise     lichen Handlungsfreiheiten« vor dem Hintergrund                               Phänomen der Kunstsammlerin aufmerksam zu machen
Pierre-Auguste Renoirs Gemälde Im Sommer (1868)           einer sich entwickelnden Frauenbewegung und einer                             und dieses angemessen zu analysieren, sind Motivation
in der Alten Nationalgalerie zu Berlin, das Mathilde      von weiblichen Emanzipationsbestrebungen geprägten                            und »Herzstück« des Promotionsprojektes.
Kappel stiftete.                                          und dennoch geschlechterspezifischen Rollenzuschrei-                                                                Anna-Carolin Augustin
    Das Wirken dieser Berliner Kunstsammlerinnen und      bungen verhafteten Zeit, sowie deren Kontinuitäten und
Kunstmäzeninnen, die während der wilhelminischen          Brüche im Zuge der sich verändernden politischen und                                                              Die Autorin, Jg. 1984,
Ära und der Weimarer Republik ein Teil des Berliner       gesellschaftlichen Verhältnisse im gewählten Zeitraum,                                                            studierte an der FU Ber-
Kunstlebens waren, soll im Rahmen des Dissertations-      sind dabei von Relevanz.                                                                                          lin und der Universität
projektes in einer umfassenden sozial- und kulturhisto-      Ein weiteres Element der Dissertation bildet die                                                               Potsdam Geschichte,
rischen Studie untersucht werden.                         theoretische Auseinandersetzung mit der Geschlechter-                                                             Jüdische Studien und
    Die Dissertation, die keine rein strukturelle Samm-   geschichte des Sammelns hinsichtlich einer vermeintlich                                                           Kunstgeschichte. Sie pro-
lungsanalyse anstrebt, muss sich freilich der zentralen   weiblich-ästhetischen Dimension des Kunstsammelns                                                                 moviert am Kollegium
Frage nach der Intention – dem »Atlas der Motive«         und Förderns. Anhand der Sammlungsprofile der Ber-                                                                Jüdische Studien des
(Peter Gay) – des weiblichen Kunstsammelns und            liner Sammlerinnen und zeitgenössischen Diskursen,                                                                kulturwissenschaftlichen
Förderns stellen. Das ästhetische Kunstsammeln des        beispielsweise zu »Weiblichem Kunstdilettantismus«                                                                Instituts der Humboldt
Großbürgertums wird in der Forschung häufig als           und der »Dekorativen Dimension des Kunstsammelns                                                                  Universität zu Berlin.

                                                                                                 –2–
Walther Rathenau Graduiertenkolleg

                                                Die Sprache der Großstadt
                                                     Die frühnaturalistischen Berlinromane Max Kretzers

I
      st Berlin auch noch kein Paris, kein London, so                   Kretzer bemängelt an der wilhelminischen Gesell-
      wächst es doch mächtig heran, streckt es sich nach            schaft ihre zu geringe Transparenz und Solidarität.
      allen Seiten, um den steinernen Gürtel immer aufs             Deshalb fordert er zum Beispiel, den Arbeiterkindern
      Neue zu dehnen. Ganze Stadtteile sind seit einem              durch entsprechende Förderung den gesellschaftlichen
Jahrzehnt entstanden, Straßenzüge schafft der Lauf eines            Aufstieg zu ermöglichen, wobei sich deren Fähigkeiten
Jahres.« (Dieses und die weiteren Zitate aus Kretzers               schließlich zum Nutzen aller entfalten könnten. Ferner
Aufsatz »Zur Entwicklung und Charakteristik der Berliner            kritisiert Kretzer die Fragmentierung der Gesellschaft
Romans« von 1885.)                                                  in Klassen und Gruppen, die sich skeptisch und sogar
   Das Berlin, welches der naturalistische Schriftsteller Max       feindlich gegenüberstehen. Als Beispiele für diese
Kretzer ab 1880 in einer Reihe von Romanen, Novellen                unglückliche und nichts Gutes verheißende Situation
und Skizzen beschrieb, wuchs und veränderte sich mit                führt Kretzer immer wieder die antibürgerlich-aggressive
einer Rasanz, wie sie die Geschichte bis dahin noch nicht           Ideologie des Kommunismus, die verächtliche, oft
gesehen hatte. In den Jahren von 1860 bis 1900 entwi-               genug rein ausbeuterische Haltung der »besitzenden
ckelte sich die Stadt von einer verschlafenen Residenz in           Klassen« gegenüber den Arbeitern und schließlich
der märkischen Sandsteppe zu einem weltweit beachteten              den in allen Gesellschaftsteilen bis hin zu kirchlichen
Zentrum von Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur, dessen             Würdenträgern verbreiteten Antisemitismus an.
Bevölkerung nach Millionen zählte. Wenn auch bekannte                   Es ist mir wichtig, in diesem letzten Punkt Kretzers
Autoren wie Theodor Fontane im gründerzeitlichen Berlin             kritische Haltung herauszustellen, da er gelegentlich
lebten und arbeiteten, findet es sich doch nirgendwo                selbst in die Nähe des Antisemitismus gerückt wird. Sol-           Max Kretzer, um 1885.           © Staatsbibliothek zu Berlin
so eingehend, so
genau, so vielfäl-                                                                                                                     Erzählung, die Narration gegenüber der Beschreibung
tig und literarisch                                                                                                                    und der Information unbedeutend und statt eines
so interessant ge-                                                                                                                     Verlaufs wird ein Zustand, der Zustand der Großstadt,
schildert wie in                                                                                                                       geschildert. In Kretzers Romanen zeigt sich diese für die
den Texten des                                                                                                                         Moderne typische Entwicklung, wenn über Seiten eine
heute fast völlig                                                                                                                      bestimmte Szenerie oder eine Phase großstädtischen
vergessenen Max                                                                                                                        Lebens geschildert wird und der Autor sich dabei völlig
Kretzer.                                                                                                                               von der Handlung und den handelnden Personen
   Max Kretzer                                                                                                                         löst. In einigen dieser Passagen wechselt Kretzer sogar
wurde 1854 in                                                                                                                          von dem Präteritum, dem konventionellen Tempus
Posen geboren,                                                                                                                         aller erzählenden Texte, wie selbstverständlich in das
kam als Kind mit                                                                                                                       Präsenz über.
seinen verarmten                                                                                                                          Wie das schon Zola in seinem »roman expérimental«
Eltern nach Berlin,                                                                                                                    von 1880 darlegte, betrachtete Kretzer es nicht als
wo er schon mit                                                                                                                        die Aufgabe naturalistischer Literatur, Geschichten zu
13 Jahren in ei-                                                                                                                       erfinden, sondern das zu skizzieren und zusammen-
ner Lampenfabrik                                                                                                                       zufügen, was er sah: »Für den Romanschriftsteller liegt
arbeitete. Autodi-                                                                                                                     der Stoff sozusagen auf der Straße, erlernt er nur die
daktisch wurde er                                                                                                                      Sprache, welche die Häuserkolosse reden […]« Diesen
zum Schriftsteller, Berlin wächst! So malte Friedrich Kaiser 1875 das „Tempo der Gründerzeit“.        © Stiftung Stadtmuseum Berlin   zentralen Satz Max Kretzers habe ich zur Vorlage für den
bis 1900 und dann                                                                                                                      Titel meiner Dissertation genommen. Aus dem Satz ist
wieder in den 1920er Jahren erreichten seine Bücher                 che Vorwürfe stützen sich auf einige in der Tat äußerst            ersichtlich, dass Kretzer seine Darstellung der Großstadt
hohe Auflagen. 1941 starb Max Kretzer in Berlin. Kretzer            kritische Passagen in Kretzers frühsten Texten wie »Die            an der Grenze zu mechanischen Verfahren sah. Unmit-
hatte die Schattenseiten von Berlins Aufstieg am eige-              Verkommenen« von 1883. Schon in diesem Roman                       telbar und genau soll der durch die Sinne empfangene
nen Leibe kennengelernt und behandelt sie in seinen                 und später (»Drei Weiber«, 1886) noch deutlicher,                  Eindruck der Stadt sein, und möglichst unverfälscht
Büchern: »Zu gleicher Zeit häufen sich auch Not und                 distanziert sich Kretzer allerdings von antisemitischen            soll sich dieser Eindruck im Text wiederfinden. Damit
Elend, entbrennt der Kampf ums Dasein aufs Aeußerste                Positionen. In dem Roman »Die Bergpredigt« von 1889                nimmt Max Kretzer eine aisthetische und mimetische
in demselben Maße, in dem Reichthum und Luxus                       beschreibt Kretzer kaum verhüllt die offen antisemiti-             Extremposition ein, in welcher der kritische Umschlag,
überhand nehmen.«                                                   sche »Berliner Bewegung« und ihr Oberhaupt, Adolf                  der endgültig die Moderne konstituiert, bereits enthal-
   Darin ein Vorläufer der historischen Avantgarden, maß            Stoecker. Kretzer denunziert dessen christlich-soziale             ten ist.                                Patrick Küppers
Kretzer seiner künstlerischen Arbeit eine unmittelbare ge-          Politik als verlogen und den Antisemitismus als un-
sellschaftliche Funktion bei. Seine Texte sollten zur Lösung        christlich und gesellschaftsschädlich.                                                         Patrick Küppers, geboren
der sozialen Probleme beitragen. Ein erster Schritt dazu                Der große literarische Verdienst Max Kretzers besteht                                      1981, studierte an den Uni-
war die Aufklärung: Kretzer suchte einem bürgerlichen               darin, mit dem »Berliner Roman« den modernen                                                   versitäten Potsdam und
Lesepublikum die Lebens- und Arbeitsverhältnisse der                Großstadtroman in Deutschland begründet zu haben.                                              Perugia Germanistik, Ro-
Arbeiter in den Vorstädten, in den Mietskasernen und                Das bedeutet, die Großstadt bildet in seinen Roma-                                             manistik, Philosophie sowie
Fabriken darzulegen. Darauf aufbauend, analysieren Max              nen nicht mehr nur den Hintergrund der Handlung,                                               Allgemeine und Vergleichen-
Kretzers Texte strukturelle Schwächen im gesellschaftlichen         vielmehr ist sie zugleich Gegenstand und Protagonist                                           de Literaturwissenschaft. Er
Gefüge, auf welche eine Vielzahl der sozialen Probleme              des Romans. Gegenüber der reinen und alles dominie-                                            promoviert an der Universi-
zurückzuführen sind, beziehungsweise die Punkte, an                 renden Präsenz der Großstadt erscheint jede Handlung                                           tät Potsam und ist Walther-
denen zur Findung einer Lösung anzusetzen ist.                      nur noch als ergänzendes Beiwerk. Deshalb wird die                                             Rathenau-Kollegiat.

                                                                                                  –3–
Konferenz

                                                           Vorurteile im Vergleich
              Eindrücke von der interdisziplinären Tagung über Islamfeindschaft und Antisemitismus in Tutzing

S
          ind Mohammed-Karikaturen die antisemi-                                   gleichzusetzen. In den USA seien komparative Analysen          Ort, aber auch von der vorherrschenden öffentlichen
          tischen Postkarten von heute? Gleichen Anti-                             schon viel weiter, das täte nun auch hierzulande Not.          Meinung ab.
          Moscheenbau-Demos in Köln und Berlin dem                                 Islamfeindschaft äußere sich mittlerweile auch in der               Genau diese Meinung wird heute mehr denn je von
          »Juden-Raus«-Radau des Kaiserreiches? Bedient                            Schändung muslimischer Friedhöfe und Moscheen.                 Zeitungen, Fernsehen und Internet gemacht. Kein Wun-
Thilo Sarrazin die gleichen Klischees gegen                                                                                                       der also, dass auch »Judentum und Medien« sowie »Is-
Muslime, wie Heinrich von Treitschke einst                                                                                                        lam und Medien« zu den Themen der Tagung gehörten.
gegen die »Ostjuden«? »Absurd!« sagen                                                                                                             Dabei attestierte die Münchner Historikerin Monika
die einen und schließen Vergleiche zwi-                                                                                                           Halbinger den deutschen Medien eine vergleichsweise
schen Antisemitismus und Islamophobie                                                                                                             kritische Israel-Berichterstattung, sprach aber auch von
kategorisch aus. »Punktuell denkbar«,                                                                                                             Mechanismen der »Schuldentlastung« und von philo-
meinen die anderen – und versuchen                                                                                                                semitischen Stereotypen bei der Darstellung jüdischen
die hochemotionale Debatte ein Stück zu                                                                                                           Lebens hierzulande – was, so Halbinger, rasch auch »in
versachlichen. So auch die Akademie für                                                                                                           sein Gegenteil umkippen« könne. Der Kölner Medienex-
Politische Bildung Tutzing und das Moses                                                                                                          perte Thorsten G. Schneiders beklagte, viele Redaktionen
Mendelssohn Zentrum Potsdam mit einer                                                                                                             würden sich heute kaum die Zeit nehmen, ausgewiesene
gemeinsamen Konferenz zum Thema                                                                                                                   Islamwissenschaftler für eine differenzierte, profunde Be-
»Feindbild Islam und Antisemitismus – ein                                                                                                         richterstattung zu engagieren. Schon am Vortag hatte der
umstrittener Vergleich«. Vom 21. bis 23.                                                                                                          bekannte Berliner Professor Peter Heine in brillanter Wei-
Januar trafen sich dazu Historiker und So- Lebhafte Diskussion in Tutzing, hier mit Professor Evyatar Friesel (Jerusalem).                        se die Vielfalt sunnitischer und schiitischer Lebensformen
zialwissenschaftler, aber auch Pädagogen,                                                                                                         wie auch jene der theologischen Rechtsvorschriften im
Religionswissenschaftler und Journalisten am Starn-                                     Eine deutlich breitere, systematischere Vorbereitung      Islam skizziert. Vieles davon sei in Deutschland kaum
berger See. Die perfekte Antwort, was an Juden- und                                von Vergleichen zwischen Antisemitismus und Islam-             bekannt, bedauerte Heine, was letztendlich auch der
Islamfeindschaft tatsächlich vergleichbar ist - und was                            feindschaft forderte der Brühler Politikwissenschaftler        geringen Zahl von ausgebildeten Islamforschern und
eben nicht -, erwartete vernünftigerweise niemand.                                 Armin Pfahl-Traughber. Er hält den Terminus »Isla-             Asien-Experten geschuldet sei.
    MMZ-Direktor Julius H. Schoeps ließ gleich beim Eröff-                         mophobie« für eine untaugliche Vergleichsschablone
nungsvortrag keinen Zweifel, dass judenfeindliche Bilder                           zum Antisemitismus, zumal das Wort als politischer
und Klischees auch nach der Shoah in den europäischen                              Kampfbegriff der Islamisten auch gegen jedwede
Köpfen überdauert hätten. Antisemitismus besäße weiter                             Kritik am eigenen Handeln instrumentalisiert würde.
»eine psychosoziale Funktion«. Professor Evyatar Friesel                           Stattdessen rät Pfahl-Traughber zur Einführung des
(Hebräische Universität) stützte dies mit Ergebnissen                              Begriffs »Antimuslimismus«, wobei er sich auf »eine
einer Analyse von mehreren Tausend deutschen Emails,                               Feindschaft gegen Muslime als Muslime« beziehe.
Blogs und Chats der letzten 10 Jahre, deren Inhalt an den                          Möglichen Vergleichen zwischen Antisemitismus und
Zentralrat der Juden und die israelische Botschaft gerich-                         Antimuslimismus will der Brühler Politologe gern ein
tet war. »Antijüdische Vorurteile sind in Deutschland weit                         mehrteiliges »Untersuchungsraster« vorschalten. So sei
verbreitet«, so Friesels Fazit. »Der Ton wird schärfer, und                        zu prüfen, inwiefern sich bei den jeweiligen »Diskrimi-
negative Sichtweisen auf Juden teilen auch viele aus der                           nierungsideologien« schon ein geschlossenes Weltbild
gesellschaftlichen Mitte.«                                                         entwickelt habe, welche Auswirkungen bisherige
                                                                                              Feindbilder hatten – von der individuellen        Dr. Monika Halbinger (München) beim Vortrag.
                                                                                              Aversion bis hin zum Genozid - und bis zu
                                                                                              welchem Grad die jeweiligen Stereotype in der           Frische Einblicke in heutige Minderheitensituationen
                                                                                              Mehrheitsbevölkerung verbreitet seien.              in Deutschland lieferten Heinrich Olmer vom Landesver-
                                                                                                 Aus architekturhistorischer und stadtsozi-       band der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und
                                                                                              ologischer Perspektive näherten sich Ulrich         Mohammed Khallouk vom Zentralrat der Muslime. Bei
                                                                                              Knufinke (TU Braunschweig) und Thomas               der Podiumsdiskussion am Schlusstag sprach Khallouk
                                                                                              Schmitt (Max-Planck-Institut Göttingen) mar-        von Angst und Vorurteilen in der deutschen Bevölkerung,
                                                                                              kanten Konflikten, die Juden und Muslime            aber auch von Unsicherheiten bei den Muslimen. Die
                                                                                              im christlichen Europa mit der Mehrheitsge-         Bundesrepublik, davon könne man ausgehen, sei kein
                                                                                              sellschaft ausfochten und noch ausfechten.          islamfeindliches Land. Muslime würden in Deutschland
                                                                                              Architekturkenner Knufinke breitete ein Pa-         viel lernen, aber sollten sich auch an eigenen Vorbildern
                                                                                              norama jüdischer Synagogenbau-Tätigkeit im          orientieren. Für die vergleichsweise gut integrierte
Podiumsdiskussion mit Dr. Heinrich Olmer, Prof. Julius H. Schoeps und                        19. Jahrhundert aus und beschrieb zugleich,          jüdische Bevölkerung konstatierte Heinrich Olmer ein
Dr. Mohammed Khallouk .       Fotos (3): Daniela Hilpert / Akademie für Politische Bildung wie lokale Behörden immer wieder versuchten,          Paradox: »Das Dazugehörigkeitsgefühl zur deutschen
                                                                                             Einfluss auf Baustil und Standort der Gotteshäu-     Gesellschaft nimmt zu, aber die jüdische Identität nimmt
    Juliane Wetzel vom Berliner Zentrum für Antisemitis-                           ser zu nehmen. »Letztendlich kamen viele Synagogen             ab, und das ist jetzt ein echtes Problem.«
musforschung (ZfA) betonte, dass die Islamfeindschaft                              aber doch zustande«, resümierte der Braunschweiger                 Am Ende fehlte in Tutzing die Zeit, um noch auf gegen-
den Antisemitismus nicht abgelöst habe, sondern                                    Referent. Für den Geographen Thomas Schmitt, der               seitige, jüdisch-muslimisch-christliche Wahrnehmungen
beides nebeneinander bestünde. »Juden wie Mus-                                     aktuelle Moscheebaukonflikte nachzeichnete, war es             oder auf Rückwirkungen des Nahostkonflikts auf die
lime dienen als Sündenböcke für Wirtschafts- und                                   schwieriger, verallgemeinernde Aussagen zu treffen.            Atmosphäre in Deutschland zu kommen. Spannende
Globalisierungsprobleme, und sie werden als innere                                 Ausgrenzungsstrategien gegen Moschee-Projekte seien            Themen für eine weitere Tagung allemal. Und kritische
Gefahr wahrgenommen«, sagte Wetzel. Es sei wichtig,                                in verschiedenen Städten zu beobachten. Andererseits,          Geister werden wieder willkommen sein.
strukturelle Ähnlichkeiten zu erforschen, ohne dabei                               so Schmitt, hänge viel von den lokalen Akteuren vor                                                        Olaf Glöckner

                                                                                                         –4–
Aus Halberstadt

                                        »Guter Schritt in die Zukunft«
                                Zustiftung des Landes sichert Existenz der Moses Mendelssohn Akademie

A
            ls »ersten Schritt zur langfristigen Existenzsi-      Künftig wird die Moses Mendelssohn Akademie ihren            »Der Betrieb der Halberstädter Akademie war grund-
            cherung der Moses Mendelssohn Akademie             Etat aus den Zinsen der Zustiftung erwirtschaften. Als       sätzlich unterfinanziert, so dass wir immer wieder an
            in Halberstadt« bezeichnet deren Direktorin        Stiftung bürgerlichen Rechts bestand ihr Vermögen            das Land heran traten, um den Zustand zu ändern.
            Jutta Dick einen Zuwendungsvertrag in Höhe         bisher allein aus Immobilien, dem Gebäudeensemble            Es war für Prof. Julius H. Schoeps und Manfred Wolff,
von drei Millionen Euro, der mit dem Land Sachsen-             in der Unterstadt, ehemals Eigentum der Jüdischen            die im Lauf der Jahre eine gute Million Euro in unser
Anhalt geschlossen wurde. Die Vereinbarung hatten              Gemeinde Halberstadt. Die Klaussynagoge, das                 Haus investiert hatten, kein gutes Gefühl gewesen,
Ende Dezember Landes-Kultusministerin Prof. Dr. Bir-           Grundstück der zerstörten Barocksynagoge sowie das           als Bittsteller auftreten zu müssen. Die Idee, das Stif-
gitta Wolff (CDU) und Prof. Dr. Julius Schoeps, Vorstand       Kantorhaus in der Bakenstraße und das Mikwenhaus             tungsvermögen aufzustocken, die bei der Aufstellung
Stiftung Moses Mendelssohn Akademie, unterzeichnet.            (Ritualbad) in der Judenstraße wurden im Rahmen              des Landeshaushaltes 2010/2011 von Parlamentariern
Im Gegenzug soll die Moses Mendelssohn Akademie                der nationalsozialistischen Verfolgungspolitik ab 1938       entwickelt wurde, eröffnete einen Weg zu Lösung des
Halberstadt ab 2013 auf die institutionelle Förderung          arisiert und zu DDR-Zeiten von der Städtischen Gebäu-        Grundproblems«, so Jutta Dick.
durch das Land verzichten.                                     dewirtschaft übernommen. Nach der Wende machte                  Für Manfred Wolff zeugt der Schritt in die Zukunft
   »Dieser Betrag«, so die Kultusministerin, »ist eine         die Jewish Claims Conference Restitutionsansprüche           der Akademie davon, dass das Land Vertrauen in die
Zustiftung des Landes zum Grundvermögen der Moses              geltend. Verhandlungen der Stadt Halberstadt mit der         Qualität der Arbeit der Einrichtung hat und um Kon-
Mendelssohn Akademie. Die Gelder, so steht es im               JCC hinsichtlich einer Überlassung der Immobilien zur        tinuität bestrebt ist. Prof. Julius H. Schoeps sieht die
Vertrag, müssen zur Bewahrung und zur Pflege des               Schaffung eines Ortes der Erinnerung scheiterten.            Moses Mendelssohn Akademie als wesentlichen Ort
jüdischen Erbes und der jüdischen Geschichte Sachsen-             Auf Initiative von Raphael Nussbaum, dessen Familie       der Vermittlung jüdischer Geschichte und aktuellen
Anhalts eingesetzt werden.« Jutta Dick sieht darin ein         aus Halberstadt stammte, kaufte 1996 der Berliner            jüdischen Lebens, während das von ihm geleitete Moses
deutliches Signal, dass Sachsen-Anhalt sich zur Akademie       Kaufmann Manfred Wolff im Angedenken an seinen               Mendelssohn Zentrum Potsdam sein Schwergewicht auf
bekennt. »Es ist ein guter Schritt in die Zukunft unserer      inzwischen verstorbenen Freund Nussbaum die oben             die Forschung lege.
Einrichtung und zeigt, dass die Moses Mendelssohn              aufgeführten Immobilien für die Arbeit der zu diesem            Er ordnet die Halberstädter Einrichtung in den Kontext
Akademie in dieser Aufgabenstellung eine besondere             Zweck im selben Jahr begründeten Stiftung Moses              der europäisch-jüdischen Tradition ein, in dem auch
Rolle in Sachsen-Anhalt einnimmt.«                             Mendelssohn Akademie an. Im Sommer 1997 konnte               mehr als 300 Jahre die Klaussynagoge im Rosenwinkel
   Die Direktorin der Moses Mendelssohn Akademie               mit den Restaurierungsarbeiten begonnen werden. Die          stand.
verhehlt aber auch nicht, dass es ein langer Weg bis           finanzielle Basis bildeten Fördermittel, die die Stadt aus      Jutta Dick hebt hervor, dass die Akademie ohne die
zu dieser Lösung war. »Die Akademie hat sich den               Modellstadtmitteln gewähren konnte.                          vielen ehrenamtlichen Helfer ihr umfangreiches Pro-
Landesparlamentariern so intensiv präsentiert, dass               Es fehlte jedoch Kapital für die Finanzierung der         gramm gar nicht bewältigen könne. Rund 20 Menschen
uns wohl langsam der gesamte Landtag kennt«, meint             inhaltlichen Arbeit. Die Bildungsarbeit der Akademie         unterstützen aus privatem Engagement oder über die
Jutta Dick scherzhaft. Lokale Landtagsabgeordnete wie          wurde ab 1998 mit Projektfördermitteln des Landes            Freiwilligenagentur des Diakonischen Werks im Kirchen-
Gerhard Miesterfeld (SPD) und Dr. Detlef Eckert (Linke)        unterstützt, ab 2003 gab es Zuwendungen, die quasi           kreis Halberstadt die Einrichtung in den verschiedensten
begleiteten mit viel Engagement den Prozess. Frauke            einer institutionellen Förderung gleich kamen, ab 2005       Funktionen: als Museumsaufsicht, mit historischen
Weiß (CDU) besuchte in diesem Zusammenhang mit                 flossen Fördermittel der Erlanger Moses Mendelssohn          Recherchen und Hintergrundarbeit. »Ihr Wirken genießt
dem CDU- Arbeitskreis Kultur die Akademie.                     Stiftung.                                                    hier große Akzeptanz und Anerkennung.« Uwe Kraus

Neugierig auf Israel
Eine Foto-Ausstellung in Halberstadt

S
          ein imposantestes Geburtstagsgeschenk machte
          sich der Halberstädter Fotograf Ulrich Schrader,
          Träger des Harzer Kulturpreises 2010, am 2.
          Januartag selbst. An jenem Sonntag wurde
seine Ausstellung »ISRAEL VERTRAUTE FREMDE« in der
Halberstädter Moses Mendelsohn Akademie eröffnet.
Sie war bis zum 13. Februar zu sehen. Die Arbeiten waren
im Frühjahr 2010 während eines Israel-Aufenthaltes
entstanden. Zu sehen sind nun 39 vorwiegend groß-
formatige Bilder. Besonders interessant wirken dabei
seine zwei Israel-Triptychons. Die Arbeiten messen einen
Meter in der Höhe und fünf Meter in der Breite. In ihrer
Einführung stellte Jutta Dick, Direktorin der MMA, fest,
das Projekt von Schrader folge geradezu idealtypisch der
Konzeption der Einrichtung. Denn Schrader sei durch die
Begegnung mit ehemaligen jüdischen Halberstädtern in
der Akademie auf Israel neugierig geworden. Und der
»Fotografenkollege« Michael Maor, den er 2009 als Fo-
tograf auf einer von der F.C. Flick-Stiftung veranstalteten
Vortragsreise durch Sachsen-Anhalt begleitet hatte, gab
dann den entscheidenden Anstoß zur ersten Reise nach
Israel.                                        Uwe Kraus

                                                                                          –5–
Von MMA bis MMZ

A
            m 13. November 2010 wurde anlässlich              20. Jahrestags der Gründung des MMZ mit zahlreichen
            des 75. Todesjahres von Kurt Tucholsky im         Beiträgen ehemaliger und heutiger Mitarbeiterinnen und
            gleichnamigen Literaturmuseum Rheinsberg          Mitarbeiter zu den verschiedenen Forschungsschwer-                                        Editorial
            eine Ausstellung über Else Weil mit dem Titel     punkten des Hauses.

                                                                                                                          D
»Fragmente eines deutsch-jüdischen Lebensweges«                  Vom 11. bis 13. März 2012 findet eine Konferenz zum
eröffnet. Else Weil war die erste Frau Tucholskys und das     Thema »200 Jahre Emanzipationsedikt in Preußen« im                       ie vorliegende Nr. 50 unseres Mittei-
Vorbild für die Figur der Claire in der 1912 erschienenen     Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte statt,                   lungsblattes DIALOG lädt zu einem
Erzählung »Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte.«         und am 13. März 2012 wird zum gleichen Thema eine                        nachdenklichen Rückblick ein. Die erste
   Die Ausstellung rekonstruiert in beeindruckender           Ausstellung in der Brandenburgischen Landeszentrale                      Nummer des Blattes erschien im April
Weise auf der Grundlage erst in den letzten Jahren            für politische Bildung eröffnet.                            1988 und war überschrieben mit »Aussöhnung

                                                              K
ausfindig gemachter Bilder und Dokumente das Leben                                                                        und Verständigung«. Damals handelte es sich
Else Weils, die im Leben wie im Buch als Ärztin, als Jüdin                unst gegen Valuta – Der staatliche Ausverkauf   noch um das Mitteilungsblatt des vom Verfasser
und als emanzipierte Frau den Aufbruch in ein neues                       von Kunst und Antiquitäten zur Devisen-         dieser Zeilen gegründeten »Salomon Ludwig
Zeitalter verkörperte. Sie wurde 1942 nach Auschwitz                      beschaffung in der DDR« ist der Titel einer     Steinheim-Institutes für deutsch-jüdische Geschich-
deportiert – ihr Name auf der Transportliste ist das letzte               Internationalen Tagung des MMZ in Koope-        te« an der Universität Duisburg. Der damalige
Dokument aus ihrem Leben.                                     ration mit dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen         Bundespräsident Richard von Weizsäcker hatte zur

D
                                                              Geschichte, die vom 15. bis zum 17. Mai 2011 im             Eröffnung des Institutes ein Glückwunschschreiben
           as Jahr 2012 wirft seine Schatten voraus.          Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte             gesandt, und die damals amtierende Vizepräsi-
           Anlässlich des 200-jährigen Jubiläums des          stattfindet: Auch in der DDR gab es Kunsthändler und        dentin des Deutschen Bundestages, Annemarie
           am 11. März 1812 erlassenen Preußischen            Sammler. Neben privaten Antiquitätenläden oder Kom-         Renger, die ebenfalls ein Schreiben geschickt hatte,
           Emanzipationsediktes, das den Juden in             missionsgeschäften gewann zunehmend der staatliche          sah in der Gründung des Institutes einen wichtigen
Preußen die gleichen bürgerlichen Rechte und Pflichten        Kunsthandel der DDR an Bedeutung. Mitte der 1950er          Schritt, »um zu einer besseren Durchleuchtung des
wie ihren christlichen Staatsbürgern gewährte, plant          Jahre als »Volkseigener Handelsbetrieb Antiquitäten«        deutsch-jüdischen Verhältnisses« zu gelangen.
das MMZ im kommenden Jahr eine Reihe wichtiger                gegründet, kontrollierte er sowohl den Binnen- als              Damals konnte noch niemand ahnen, was sich
Veranstaltungen. Den Auftakt bildet am 20. Januar             auch den Außenhandel. Dies änderte sich Ende der            alles ändern würde. Es kam der Fall der Mauer,
2012 die Präsentation einer Festschrift aus Anlass des        1960er Jahre. Der Bedarf an Devisen wuchs. 1966             die Vereinigung der beiden deutschen Staaten
                                                              schuf Alexander Schalck-Golodkowski den geheimen            und in deren Gefolge 1992 auch die Gründung
                                                              Wirtschaftsbereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo).       des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam.
 I     m       p     r      e      s     s      u      m      Dieser Wirtschaftsbereich handelte mit allem, was der       Der DIALOG war fortan das Mitteilungsblatt des
                                                              DDR D-Mark und Dollar einbrachte, exportierte und           Zentrums und der 1994 in Halberstadt gegründe-
 Herausgeber                                                  importierte Embargowaren und begann sich auch für           ten Mendelssohn-Akademie.
          Moses Mendelssohn Stiftung                          den Kunsthandel zu interessieren. 1973 wurden diese             Blättert man in den seit diesem Zeitpunkt
          Sebastianstraße 31                                  Geschäfte unter dem Dach der neugegründeten »Kunst          erschienen Ausgaben des DIALOG, dann fällt auf,
          D – 91058 Erlangen                                  und Antiquitäten GmbH« gebündelt. Ausgangspunkt der         dass sich die Aufgabenstellungen des Potsdamer
          Telefon: 09131-61800                                Warenbeschaffung für den Export sollte ein großange-        Zentrums und der Halberstädter Akademie im
          Fax: -618011                                        legter Angriff auf die Museumsdepots der DDR sein.          Verlauf der Jahre verbreitert haben. Waren es
          kladow@snafu.de                                     Die Museen sollten auf einen Schlag Kunstgegenstände        noch anfänglich die Fragen nach den histo-
                                                              im Werte von 55 Millionen Valutamark für den Export         rischen Problemzonen des deutsch-jüdischen
 Moses Mendelssohn Zentrum                                    bereitstellen. Die Konferenz stellt den deutsch-deutschen   Beziehungsverhältnisses, die in Untersuchungen,
          für europäisch-jüdische Studien                     Kunsttransfer in den Mittelpunkt und geht besonders auf     Konferenzen und Publikationen abgehandelt
          Am Neuen Markt 8                                    die Situation der Sammler und die Rolle der Museen in       wurden, sind es mittlerweile Themenfelder
          D – 14467 Potsdam                                   der DDR ein.                                                geworden, die sich aktuelleren Fragestellungen

                                                              E
          Telefon: 0331-280940                                                                                            zuwenden. Sie reichen von der Untersuchung der
          Fax: -2809450                                                 in Gespenst geht (wieder) um in Europa            Integrationsschwierigkeiten russisch-jüdischer
          moses@mmz.uni-potsdam.de                                      – das Gespenst des Antisemitismus. Etwa           Zuwanderer, über Präventionsmaßnahmen
          www.mmz-potsdam.de                                            die Hälfte der Schweizer sieht Israel einen       gegenüber dem Rechtsradikalismus und Antise-
                                                                        »Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser«       mitismus und der Erarbeitung von Vorschlägen
 Moses Mendelssohn Akademie                                   führen, 39 Prozent der Italiener unterstellen Juden eine    neuer Gedenkformen (»Bibliothek verbrannter
          PF 1420, 38804 Halberstadt                          »besondere Beziehung zum Geld.« Fast 40 Prozent der         Bücher«) bis hin zu der demnächst bevorstehen-
          Rosenwinkel 18                                      Europäer meinen, die Juden »sollten aufhören, sich          den Konferenz »Kunst gegen Valuta«, in der der
          D – 38805 Halberstadt                               wegen des Holocaust als Opfer zu sehen.« Julius H.          Umgang der DDR mit ihrer Kunst von Fachleuten
          Telefon: 03941-606710                               Schoeps (MMZ Potsdam) und Lars Rensmann (Uni-               thematisiert werden soll.
          Fax: -606713                                        versity of Michigan/Ann Arbor), bereits Herausgeber             Die Verleihung der Mendelssohn-Medaille,
          mma-halberstadt@t-online.de                         von »Feindbild Judentum – Antisemitismus in Euro-           die in den letzten Jahren an Charlotte Knobloch,
          www.moses-mendelssohn-akademie.de                   pa« (2008), legen nun mit einer englischsprachigen          Daniel Barenboim und an Berthold Beitz ging,
                                                              Ausgabe »Politics and Resentment. Anti-Semitism and         ist mittlerweile fester Bestandteil der jährlichen
 Redaktion                                                    Counter-Cosmopolitanism in the European Union« im           Veranstaltungsplanung. In diesem Jahr geht
             Dr. Ines Sonder/Moritz Reininghaus               Brill-Verlag Leiden (506 Seiten, 140 Euro) nach. Hier       zu unser aller Freude die Medaille an die große
                                                              kommt mit der Russland-Studie von Stella Rock und Ale-      Liberale Hildegard Hamm-Brücher, die sich in den
 Druck                                                        xander Verkhovsky eine höchst interessante Ergänzung,       letzten Jahrzehnten große Verdienste um unser
             druckhaus köthen                                 ebenso mit der Kontexterweiterung Antimodernismus           demokratisches Gemeinwesen erworben hat. Der
                                                              – Antiglobalisierung – Antisemitismus (Rensmann).           Verleihungsakt wird am 16. Juni im Rathaus der
 Bankverbindung                                               Sehr lesenswert ist zudem der neu hinzugekommene            Stadt München stattfinden.
           Dresdner Bank                                      Aufsatz von Samuel Salzborn, welcher den deutschen              In der Hoffnung, dass die Freunde unserer Arbeit
           BLZ: 160 800 00                                    Antisemitismus in seinen Spielarten »Schuldentlastung«      uns auch weiterhin gewogen bleiben, grüßt aus
           Konto-Nr.: 4200 7575 00                            und »Selbst-Viktimisierung« beleuchtet.                     Potsdam herzlichst               Julius H. Schoeps

                                                                                        –6–
µ DIALOG                                                                                            Potsdam (2) 2011 / Heft 51
                            MOSES MENDELSSOHN AKADEMIE • MOSES MENDELSSOHN STIF TUNG • MOSES MENDELSSOHN ZENTRUM

                                          Im Anfang war der Mord
                                                              Juden und Judentum im Detektivroman

I
       m klassischen Detektivroman wird Religion immer       als »ewiger Jude«, wie er sich selbst bezeichnet, führt        antwortet sie: »Da habe ich einen dicken türkischen
       wieder thematisiert, und gerade der Umgang            er ein »Leben nach dem Tode«, ohne Aussicht auf die            Pass, aber ich bin in der Türkei dennoch Deutsche. Eine
       mit Juden und Judentum in dieser (trivialen)          eigene Erlösung, aber entschlossen, an der Erlösung            Deutsche, die gut Türkisch spricht. Und wenn ich in
       Literaturgattung wirft viele Fragen auf. Zu unter-    seines Volkes mitzuwirken: »es war, als trüge […] der          Deutschland lebe, bin ich trotz meines deutschen Passes
scheiden sind zunächst Selbst- und Fremdbilder, denn         Jude die ganze Welt auf den Schultern, die Erde und            und meiner katholischen Mutter Jüdin.« Kati Hirschel ist
natürlich gibt es zahlreiche israelische und amerikanische   die Menschheit«. In diese jüdischen Identität Gullivers        eine moderne Großstädterin, die ihre jüdischen Wurzeln
Romane, die von jüdischen Autorinnen und Autoren             ist der Bruch der Zivilisationsgeschichte in ihrer ganzen      als Teil einer ohnehin komplexen interkulturellen
verfasst wurden; exemplarisch genannt seien Batya            Komplexität und Widersprüchlichkeit eingeschrieben.            Identität begreift, und sich damit mühelos in das quirlige
Gur (1947–2005), deren Inspektor Michael Ochajon                 Dürrenmatts Ansatz hat nur wenige Nachfolger               Leben einer multiethnischen und multikonfessionellen
seinen Dienst bei der Mordkommission der Jerusalemer         gefunden, so sind im europäischen Detektivroman                Metropole integriert.
Polizei versieht, und Faye Kellerman (*1952), die mit        der vergangenen Jahrzehnte kaum jüdische Figuren                  Der 2009 in deutscher Übersetzung erschienene
dem kalifornischen Ermittler- und späteren Ehepaar           zu finden. Erst in den letzten Jahren ist eine andere          Detektivroman »Ariel. Mord vor Jom Kippur« (2004)
Pete Decker und Rina Lazarus spannende Kriminalfälle         Tendenz erkennbar, die allerdings sehr unterschiedlich         des finnischen Schriftstellers Harri Nykänen (*1953)
und religiös-kulturelle Exkurse verknüpft. Diese Strategie   zu bewerten ist. Ein interessantes Experiment hat die          geht in eine ganz andere Richtung: Der finnisch-jü-
eines interreligiösen Dialoges in Krimiform verfolgte                                                                       dische Kommissar Ariel Kafka kämpft sich in Helsinki
Harry Kemelman (1908–1996) bereits in den 1960er/70-                                                                        durch eine auch für den Leser recht unübersichtliche
er Jahren, indem er seinem Protagonisten Rabbi Small ei-                                                                    Mischung aus Drogenhandel und Gewaltverbrechen
nen katholischen Counterpart in Person von Polizeichef                                                                      und enttarnt schließlich den scheinbar allgegenwärtigen
Lanigan an die Seite stellte. Die beiden Detektive führen                                                                   israelischen Geheimdienst Mossad als Drahtzieher
Diskussionen um Glaubens- und Konfessionsfragen,                                                                            hinter den Morden an arabischstämmigen Migranten.
die nicht zuletzt eine didaktische Funktion erfüllen: die                                                                   Erschreckend ist hier aber weniger die Handlung als der
Leser sollen aufgeklärt und Vorurteile abgebaut werden.                                                                     vollkommen unreflektierte Umgang mit Stereotypen.
    Aber wie ist der europäische Umgang mit Juden                                                                           So beschreibt sich Kafka selbst als »dunklen Typ«
und Judentum im Detektivroman seit 1933/1945? Wie                                                                           und begründet das gegenüber einer Zeugin mit dem
positionieren sich nicht-jüdische Autoren, gibt es über-                                                                    Satz: »Ich bin Jude«. Seine Zugehörigkeit zur jüdischen
haupt jüdische Figuren, oder muss hier vielmehr von                                                                         Gemeinde, die jüdischen Riten und Feiertage sowie die
einer Abwesenheit des Jüdischen gesprochen werden?                                                                          ermittlungstechnischen Abstecher der Polizei ins jüdische
    Vor 1933 finden sich verschiedene jüdische Figuren in                                                                   Kultur- und Sozialleben werden aus einer voyeuristisch-
Detektivromanen, wobei ›der Jude‹ oftmals stellvertre-                                                                      exotischen Perspektive geschildert, und die überwiegend
tend für ›das Fremde‹ oder ›das Andere‹ steht; zugrunde                                                                     wohlhabenden Juden bilden den negativen Gegenpol
gelegt wird oftmals eine Verknüpfung von Physiognomie                                                                       zu der armen, aber redlichen Welt der arabisch-musli-
und Charaktereigenschaften, denn »Juden schienen                                                                            mischen Minderheit.
[…] bereits aufgrund ihrer physischen Erscheinungs-                                                                            Festzuhalten ist, dass sich in den jüdischen Identitäten
form ein ›Wesen‹ zu besitzen, das den Werten und                                                                            im Detektivroman eben jene komplexe Mischung
ethischen Auffassungen, die in den bürgerlichen Gesell-                                                                     aus Vorurteilen und Antisemitismen einerseits sowie
schaften vorherrschten, entgegengesetzt sein musste«                                                                        Reflexion und Vergangenheitsbewältigung anderer-
(Klaus Hödl). Die Schlüsselfrage bleibt, inwieweit diese                                                                    seits widerspiegelt, von der die europäisch-jüdische
(teilweise unreflektierte) Stereotypisierung nach der        »Der Tod Abels«, Holzstich von Héliodore Pisan, 1865           Geschichte seit Jahrhunderten, und seit der Shoa ins-
Shoa weitergeführt wurde.                                                                                                   besondere, bestimmt wird. Wird der Detektivroman
    In Friedrich Dürrenmatts Kriminalroman Der Ver-          türkische Journalistin und Schriftstellerin Esmahan            aber als Seismograph einer allgemeingesellschaftlichen
dacht (1952) begegnet uns einer der ersten Juden ›nach       Aykol (*1970) mit ihrer Amateurermittlerin, der lebens-        Stimmungslage gelesen, so ist, ganz im Sinne von Sher-
Auschwitz‹. Auf der Suche nach einem ehemaligen              und abenteuerlustigen Buchhändlerin Kati Hirschel,             lock Holmes, die analytisch-rationale Aufklärungsgabe
KZ-Arzt bittet Kommissar Bärlach einen Bekannten             gewagt. Fast nebenbei ist zu erfahren, dass diese einen        eines jeden Lesers bei der Entdeckung stereotypisierter
um Unterstützung: den Juden Gulliver, der zahlreiche         deutsch-jüdischen Vater hatte, der während des Na-             und eindimensionaler ›Judenbilder‹ gefragt.
Konzentrationslager überlebt hat und als Riese, »in          tionalsozialismus im türkischen Exil als Juraprofessor tätig                                   Anna-Dorothea Ludewig
einem alten fleckigen und zerrissenen Kaftan« be-            war. Die Familie kehrte nach dem Krieg zwar dauerhaft
schrieben wird. Die deutlich sichtbaren Spuren der           nach Berlin zurück, aber Kati Hirschel entscheidet sich          Gekürzte Fassung eines Beitrages für »Die Welt«
nationalsozialistischen Folter haben Gulliver aber nicht     später wieder für ein Leben in der Türkei, denn, so er-        vom 30.4.2010. Der von der Autorin herausgege-
stigmatisiert, sondern ihn zu einem »Richter aus eigenen     klärt sie im ersten Roman dieser Reihe, Hotel Bosporus         bene Band »Im Anfang war der Mord. Juden und
Gesetzen« gemacht, der »in jedes Land [kommt], wo es         (2001), »Istanbul ist der einzige Ort auf der Welt, dem ich    Judentum im Detektivroman« erscheint im Herbst
noch gemarterte und verfolgte Juden gibt«. Als Ahasver,      mich zugehörig fühle«. Und nach ihrer Identität gefragt,       2011 im be.bra Verlag, Berlin.
Aus dem MMZ

                                     Zwischen Kulturen unterwegs
                                                Im Gespräch mit Gast-Professor Eliezer Ben-Rafael aus Tel Aviv

Professor Ben-Rafael, mehr als 30 Jahre haben Sie           haben nur 5-7% der Immigranten das Land wieder             Was Juden heute zusammenhält, ist die gleiche Art
schon als Soziologe gelehrt und geforscht. Was              verlassen. Eine vergleichsweise geringe Quote, und         von Fragestellungen – wohlgemerkt: nicht die Art der
waren die für Sie spannendsten Forschungsfelder             umgekehrt: Ein offensichtlicher Erfolg der Integrations-   Antworten. Eine der Kernfragen im heutigen Judentum
und -projekte?                                              bemühungen.                                                ist die nach der Verbundenheit mit der jüdischen Ge-
                                                                                                                              meinschaft. Die andere Kernfrage ist jene nach
Als akademisch verankertem Soziologen fällt mir                                                                               der Singularität des Judentums. Einige sehen sie
die Antwort schwer. Im Allgemeinen bin ich un-                                                                                in der Religion, andere eher in der Ethnizität, in
abhängig genug, um Forschungsthemen, die von                                                                                  der Kultur, in der Geschichte. Entscheidend ist,
besonderem Interesse für mich sind, auch selbst                                                                               dass die Fragen gestellt werden, und natürlich
auszuwählen. Ob nun »Sprache und Identität«,                                                                                  gibt es – als gemeinsamen Nenner – nach wie vor
»Transnationalismus«, »Jüdische Emigration«                                                                                   ein ganzes Reservoir an Symbolen und Ritualen,
oder »Transformation der Kibbutzim« – ich habe                                                                                vor allem auch in Verbindung mit jüdischen
kein Beliebtheits-Ranking.                                                                                                    Festen. Das dritte, verbindende Glied ist die Ver-
                                                                                                                              bindung zwischen Israel und der Diaspora. Auch
Besteht bei so einer relativen Fülle von Themen                                                                               die kann sehr unterschiedlich ausfallen, aber
denn nicht die Gefahr, irgendwann nicht mehr                                                                                  man hat eben genau diesen Referenzpunkt. Das
tief und detailliert genug in die Materien ein-                                                                               betrifft den Chassiden in Antwerpen genauso
zudringen?                                                                                                                    wie den israelischen Armeeoffizier oder den
                                                                                                                              jüdischen IT-Experten im Silicon Valley.
Da beschreiben Sie ein Dilemma, das die meisten
Sozialwissenschaftler, die permanent in der                                                                                 Das Sommersemester 2011 bestreiten Sie
Forschung arbeiten, irgendwann für sich selbst                                                                              als Gastprofessor am Kollegium Jüdische
lösen müssen: Einem einzelnen Thema völlig                                                                                  Studien und am Moses Mendelssohn Zen-
auf den Grund gehen zu wollen, oder einen be-                                                                               trum in Potsdam. Gibt es spezielle Pläne und
stimmten Bogen verschiedener Problemgegen-                                                                                  Erwartungen?
stände zu untersuchen. Ich selbst gehöre zu den
Wissenschaftlern, die eher eine Perspektive hin                                                                             Ich freue mich, dass meine Lehr- und For-
zu Problem-Synthesen bevorzugen, und weniger                                                                                schungsthemen – gerade auch solche zur
die Konzentration auf wenige, eng eingegrenzte                                                                              heutigen israelischen Gesellschaft und zu
Aspekte.                                                                                                                    modernen jüdischen Identitäten – hierzulande
                                                                                                                            auf Interesse stoßen. Daneben freue ich mich
Sie haben sich in Israel und anderen Ländern viel mit       Während der Regierungszeit von Ariel Sharon waren          aber auch, im Berliner Raum so genannte »Linguistic
der Entstehung und den Perspektiven von multikul-           Sie damit beschäftigt, strukturelle, soziale und           Landscapes«, d.h. Sprachräume und Sprachtrans-
turellen Gesellschaften auseinandergesetzt. Vor 30          auch ideelle Transformationen in den israelischen          formationen bei verschiedenen ethno-kulturellen
Jahren gab es viel Sympathie für Konzepte von Multi-        Kibbutzim zu untersuchen – in jenen ursprünglich           Gruppen studieren zu können. Meine Frau und ich
kultur, heute äußern sich Politiker recht pessimistisch     sozialistischen Kooperativen also, die als unver-          haben auf diesem Gebiet schon in Israel und in
und verweisen auf den Trend hin zur »Parallelgesell-        zichtbare Bausteine beim Aufbau des Staates Israel         Brüssel geforscht, und der Vergleich mit Berlin wird
schaft«. Wie ist Ihre Sichtweise auf das Problem?           galten. Die Ergebnisse flossen in den so genannten         sicherlich sehr spannend.
                                                            Ben-Rafael-Report ein. Was ist vom ursprünglichen,
Ich bin kein Politiker, sondern Soziologe. Von              eher sozialistischen Konzept noch geblieben?                                Das Gespräch führte Olaf Glöckner
daher verbietet sich ein Werturteil über »gute« oder
»schlechte« Trends. Fakt ist natürlich, dass multikul-      75 Prozent der Kibbutzim in Israel haben gravierende
turelle Entwicklungen in der westlichen Welt heute          Veränderungen durchlaufen, aber sie existieren nach                                              Zur Person

                                                                                                                          E
mit einer hohen Dynamik ablaufen und die Realität           wie vor. Einige Prinzipien sind in der Tat unantastbar
dieser Welt auch deutlich verändern. Religion und           geblieben, und das macht sie – trotz aller Ver-                        liezer Ben Rafael wurde 1938 in
Nationalismus sind in der Mehrheitsgesellschaft eher        änderungen – für ganz verschiedene Bevölkerungs-                       Brüssel geboren. 1956 wanderte
an den Rand geraten, infolge neuer, sozialer wie kul-       gruppen nach wie vor sehr attraktiv. Zum Beispiel ist                  er nach Israel aus. Über viele Jahre
tureller Spannungen kann ihre Bedeutung aber auch           da die gegenseitige Verantwortung der Mitglieder.                      hinweg war er Mitglied im Kibbutz
rasch wieder zunehmen. Offensichtlich betreten wir          Jeder behält seinen Platz zum Wohnen und Leben,               Hanita. Seit 1980 lehrte er Soziologie an der Tel
eine Ära von Diskontinuitäten.                              das Recht zu arbeiten, ein garantiertes Einkommen             Aviv University, zuvor auch an der Hebräischen
                                                            – unter allen möglichen Bedingungen – und garan-              Universität in Jerusalem. Nach seiner Emeritie-
Einige Jahre lang haben Sie zur russischsprachigen          tierte Bildung für die eigenen Kinder. Dies ist, in der       rung wandte er sich neuen Forschungsthemen
jüdischen Emigration nach 1989 geforscht. Ist die In-       Gesamtheit gesehen, weit mehr als das, was moderne            wie der russisch-jüdischen transnationalen
tegration dieser Gruppe in Israel erfolgreich verlaufen?    Wohlfahrtsstaaten anbieten. Grundlegende Prinzipien           Diaspora zu. Professor Ben-Rafael fungierte
                                                            der direkten politischen Mitbestimmung sind in den            als Präsident des »International Institute of
Durch die post-sowjetische Alijah ist die israelische       Kibbutzim ebenfalls erhalten geblieben.                       Sociology«, und er war Mitbegründer des
Bevölkerung um fast 20 Prozent gewachsen. Andere                                                                          Forschernetzwerkes »Klal Yisrael« (Tel Aviv).
Aufnahmegesellschaften wären bei so einer Dimensi-          Auch am Thema «Moderne Jüdische Identitäten« sind             Eliezer Ben Rafael ist mit der Linguistin Miriam
on möglicherweise kollabiert. Nicht so in Israel. Sicher,   Sie sehr intensiv dran. Gibt es in unseren Tagen noch         Ben-Rafael verheiratet, das Paar hat zwei
viele Erwartungen und Träume der Zuwanderer sind in         ein Minimum an gemeinsamen Nennern, welches                   Kinder und fünf Enkelkinder.
der ersten Generation eine Illusion geblieben, dennoch      Juden weltweit miteinander verbindet?

                                                                                      –2–
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