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9-2016
Studienabschlüsse: Quote stagniert
Fachzentren für schulische Inklusion
Der Islam in Schule und Unterricht
GEW-aktiv 2016: Stark gegen Rechts
Besoldung vor Gericht: A 13 für alle!
DIE ZEITSCHRIFT DER BILDUNGSGEWERKSCHAFT Eckpunkte für ein neues Kita-Gesetz
Schule leiten.
Wandel gestalten.
68. Jahrgang September 2016 ISSN 0720-9673
K 5141GEW-aktiv 2016 Blaupause Rund 250 aktive GEW-KollegInnen aus ganz NRW trafen auch mit AfD-WählerInnen im Gespräch bleiben, um sich am 2. und 3. September 2016 zu GEW-aktiv in Aachen. ein Umdenken einzuleiten. Wir rücken kein Stück von „Blaupause“ lautete das Motto der Tagung: Was kann unseren sozialen Überzeugungen ab und unterstützen die GEW NRW für die aktuellen bildungs- und gewerk- Minderheiten – erst recht, wenn wir unsere politischen schaftspolitischen Herausforderung von anderen lernen? Forderungen für die Landtagswahlen formulieren“, betonte Angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen stand vor die Landesvorsitzende Dorothea Schäfer. In Workshops allem der Umgang mit Rechts im Fokus. Im Plenum am stimmten sich die KollegInnen am zweiten Tag auf die ersten Tag von GEW-aktiv berichteten GewerkschafterInnen zentralen Themen der Bildungsgewerkschaft im Schuljahr aus Deutschland, Österreich und den Niederlanden von 2016 / 2017 ein und nahmen handfeste Anregungen ihren Erfahrungen mit rechtspopulistischen Parteien im für ihre Arbeit vor Ort mit – von der Aktivierung junger Wahlkampf. Die GEW NRW wird sich wappnen für die Mitglieder bis zur Tarifarbeit. hei Landtagswahlen im Frühjahr 2017. „Dabei müssen wir Fotos: Haifischbaby, K. Kaminski, P. Huerkamp
nds 9-2016 3
Pädagogische Führung mit Biss
Foto: M. Kottmeier, K-film
SchulleiterInnen bewegen sich im Spannungsfeld zwischen einem klugen Kollegium, anspruchs-
vollen Eltern, pubertären SchülerInnen und einem fordernden Ministerium. Diese konflikthafte
Dauerberieselung bewältigen sie für ein eher homöopathisches Mehrgehalt. SchulleiterInnen sind
wahre IdealistInnen! Wer in diesem Spannungsfeld bestehen will, braucht nicht allein Fairness
und Teamgeist, sondern auch Durchsetzungsstärke und Biss. Entsprechend gelten 80 Prozent
Gutmensch plus 20 Prozent Mephisto als das ideale Führungsprofil.
Die Peperoni-Strategie
Pädagogische Führungskräfte, die diesem Ideal folgen, laufen weniger Gefahr Opfer von zer-
Prof. Dr. phil. Jens Weidner
mürbenden Machtspielen zu werden. Warum? Wenn Ihr Kollegium weiß, dass Sie nicht nur nett
sind, sondern auch zubeißen können, sofern die Situation es erfordert, werden sie sich zwei Mal Professor für Erziehungswis-
überlegen, ob sich die Auseinandersetzung mit Ihnen lohnt. Diese gesunde Durchsetzungsstärke senschaft an der Hoch-
wird Peperoni-Strategie genannt. Die Peperoni symbolisiert den angemessenen Schärfegrad, mit schule für Angewandte
dem man als Führungskraft weder zu harmlos, noch übertrieben scharf agiert. Die Strategie basiert Wissenschaften Hamburg
auf Grundregeln. Wer sie beachtet, wird sich besser behaupten können und weniger Burn-Out www.prof-jens-weidner.de
gefährdet sein, weil sie der eigenen Psyche gut tut.
1. Unterlassen Sie chancenlose Kraftproben! Bevor Sie in eine Auseinandersetzung gehen, prü-
fen Sie die Gewinnchance. Liegt diese bei 51 Prozent, lohnt es sich einzusteigen. Sollten die
Erfolgsaussichten schwächer sein, lassen Sie die Finger davon. Ziehen Sie das Projekt erst dann
wieder aus der Schublade, wenn die Zeichen auf Erfolg stehen.
2. Positionieren Sie sich! Wenn die anderen wissen, woran sie bei Ihnen sind, stellen sie sich darauf
ein. Das erleichtert Führung. Sie sind die Leitung. Sie verraten Ihre Grundeinstellungen und
alle wissen, woran sie sind. Teams begrüßen diese Klarheit, selbst wenn sie nicht Ihre Meinung
teilen sollten.
3. Meiden Sie Dauer-BedenkenträgerInnen! Wer sich mit dieser Gruppe umgibt – die nie zufrieden
zu stellen ist – wird im Job verzweifeln. Die Larmoyanten einzubeziehen hilft niemandem, scha-
det aber Ihrer eigenen Reputation, weil nicht der Eindruck von Hilfsbereitschaft, sondern von
Solidarität mit den ewig Jammernden entsteht. Das ist das Gegenteil einer Win-Win-Strategie.
4. Pflegen Sie Ihre Einstecker-Qualität! Wer sich durchsetzen will, stößt unvermeidlich auf
Widerstand. Das kann schmerzhaft sein, weil die Gegenwehr bevorzugt auf Ihre Schwachstellen
zielt. Davon sollten Sie sich nicht irritieren lassen, denn es ist Teil des Machtspiels. Außerdem
erfahren Sie auf diese Weise, auf wen Sie künftig nicht setzen sollten, denn diese KollegInnen
werden sich auch in Zukunft kaum loyal verhalten.
5. Reagieren Sie sofort auf negative Gerüchte, die über Sie kursieren! Wenn Ihnen Anspielungen
über Sie zu Ohren kommen, müssen Sie schnell reagieren, denn bevor Sie von Gerüchten er-
fahren, hat bereits das ganze Kollegium davon gehört. Gerüchte schwächen Ihre Position und
es bleibt häufig etwas hängen. Dies gilt besonders für vermeintlich harmlose, weil absurde
Gerüchte, die zum Beispiel Ihre Unzuverlässigkeit oder fehlende Seriosität betreffen.
6. Führen Sie regelmäßig GegenspielerInnen-Analysen durch! Fragen Sie sich in Abständen, wer
Sie im Team zwar immer anlächelt, aber faktisch gegen Sie agiert und auch die beste Idee zu
Grabe trägt. Erwarten Sie von diesen Personen nichts. So werden Sie auch nicht enttäuscht.
Beherrschen Sie Machtspiele – aber nur, wenn Sie sie brauchen
Gut, wenn Sie diese Grundregeln beherrschen, denn auch im pädagogischen Umfeld werden Sie
sie brauchen. Aber vergessen Sie nicht: Agieren Sie Machtspiele nicht mit Menschen aus, die
kollegial sind und mit denen Sie in konstruktiven Gesprächen zu guten Lösung gelangen können.
Diese KollegInnen sollten in den Genuss Ihrer wohlschmeckenden Paprikasanftheit kommen. Die
scharfen 20 Prozent bleiben für die anderen reserviert. //4 INHALT
THEMA
BLICKPUNKT*
Schule leiten. Wandel gestalten.
Schulleitung in Zeiten von
Schulstrukturveränderung:
Mit Engagement und Mut
durch den Wandel 18
Schulleitungspersönlichkeit:
Kooperativ, engagiert,
vorbildlich, kompetent 20
Schulleitung braucht bessere S. 17
Rahmenbedingungen:
Endlich entschlossen handeln 22
Serviceangebote: Orientierung
fürs Leitungsamt 24
S. 8
Bochumer Memorandum 2011 bis 2017 –
Studienabschlüsse: Die Quote stagniert 8
Fachzentren für Inklusion:
BILDUNG Die 110 für die schulische Inklusion
Im Gespräch mit Dr. Klaus Spenlen: Selbst
10
kennenlernen, was junge MuslimInnen prägt 12
Schulpolitik im Zeichen der Landtagswahl:
Verlorene Jahre 14
WeltlehrerInnentag 2016: Valuing Teachers,
Improving their Status 15
Im Gespräch mit George Dias: Geflüchtete
sind keine Außerirdischen 16nds 9-2016 5
ARBEITSPLATZ
GEW-aktiv 2016: Rechts-
populismus die Stirn bieten 26
Musterklagen für eine faire
Besoldung: A 13 für alle! 28
Besoldung von LehrerInnen
an Grundschulen und in der
Sekundarstufe I: JA 13 – weil
sie es verdienen! 29
Forderungen der GEW NRW
S. 28 für ein neues Kita-Gesetz:
Neuanfang nach KiBiz? 30
Dieser nds liegt der Prämienflyer „Gemeinsamkeit
stärkt!“ der GEW NRW bei. Für TV-L-Beschäftigte ist
außerdem das Faltblatt „Gemeinsam mehr erreichen.
Tarifkonferenz zur Vorbereitung der Länder-Tarifrunde
(TV-L) 2017“ beigelegt. Sollte eine der Beilagen in Ihrer
Ausgabe versehentlich fehlen, geben Sie uns gern Be-
scheid unter poststelle@gew-nrw.de.
S. 30
IMMER IM HEFT
nachrichten6
buchtipps25
jubilare32
weiterbildung33
infothek34
termine38
S. 16 impressum396 NACHRICHTEN
Potenzieller Führungsnachwuchs ist weiblich
Wer über die Schulleitungen der Zukunft spricht, kommt an Frauen
Frauenanteil an Lehrkräften in NRW nicht vorbei. Denn ihr Anteil in den Kollegien der allgemeinbildenden
nach Altersgruppen Schulen in NRW ist hoch und der Überblick über die letzten fünf Schul-
jahre zeigt: Tendenziell steigt der Frauenanteil weiter. Vor allem in den
75.834
Schuljahr Schuljahr jüngeren Altersgruppen sind besonders viele Frauen vertreten: Im Schuljahr
2010 / 2011 2015 / 2016 2015 / 2016 lag der Frauenanteil bei den unter 35-jährigen Lehrkräften
61.727
bei rund 77 Prozent, also um acht Prozentpunkte höher als in der Gruppe
60.084
48.968 64,6 %
der über 49-Jährigen. In der Lebensphase zwischen 35 und 49 Jahren,
43.236 72,0 %
53.109
42.591 69,0 %
in der in der Regel die Entscheidung für ein Leitungsamt fällt, betrug
37.631 70,9 %
der Frauenanteil circa 72 Prozent – an den Grundschulen in NRW sogar
91,6 Prozent. Um die Potenziale dieser Frauen besser zu nutzen und sie
26.142 77,1 %
33.917
auf dem Weg ins Leitungsamt zu unterstützen, braucht es Teilzeitmodelle
20.771 77,8 %
für Schulleitung, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erleichtern.
26.686
Und es braucht eine Besoldungsstruktur, die die Gleichwertigkeit pädago-
gischer Ausbildung und Arbeit über alle Schulformen hinweg anerkennt,
u. 35* 35–49* ü. 49* u. 35* 35–49* ü. 49*
auch im Leitungsamt und gerade in frauendominierten Schulformen wie
der Grundschule, in der aktuell viele Leitungsstellen nicht besetzt sind.
*Alter in Jahren LehrerInnen insgesamt Lehrerinnen
Mehr zum Thema ab Seite 17.hei
Quelle: IT.NRW, Lehrkräfte nach Alter 2010 und 2015 (Gemeindeergebnisse)
Ausbildung 2016 LehrerInnenmangel an Grundschulen
Die Ergebnisse des elften bun- Zum Schuljahresbeginn 2016 / 2017 waren rund 400 LehrerInnenstellen
Begreifen desweiten Ausbildungsreports der an Grundschulen unbesetzt. Hinzu kommen zahlreiche Vertretungsstellen,
zum Eingreifen DGB-Jugend unterstreichen, dass die nicht durch ausgebildete LehrerInnen besetzt werden konnten. Die
die Ausbildungsqualität nur mit Folgen: Unterrichtsausfall und eine hohe Arbeitsbelastung jener Kolle-
www.
Schulen im Würgegriff einer Novellierung des Ausbildungs- gInnen, die unbesetzte Stellen auffangen müssen. Die akute Notlage
www.tinyurl.com/nds-schulen gesetzes gesteigert werden kann. veranlasste NRW-Staatssekretär Ludwig Hecke dazu, in einer Schulmail
„Wir haben es mit einem ‚Vater Zwar sind die meisten Auszubilden- um die Unterstützung der Schulleitungen zu bitten: Sie sollen KollegInnen
Staat‘ zu tun, der in einer sehr den (71,7 Prozent) zufrieden – es ihrer Schule dafür gewinnen, Teilzeitverträge aufzustocken oder die
bevormundenden Weise deutlich gibt aber erhebliche Branchenunter- Lebensarbeitszeit zu verlängern. Die GEW NRW hat in einem Gespräch
mehr fordert als fördert“, sagt
Magda von Garrel, Sonderpäda- schiede und Missstände wie Mehr- mit dem Ministerium für Schule und Weiterbildung NRW bekräftigt,
gogin und Buchautorin, über die arbeit, fehlende fachliche Anleitung dass diese Notmaßnahmen nur mit dem Einverständnis der betroffenen
Finanzierung von Schulen. oder Ausbildungspläne. Befragt LehrerInnen und unter der Voraussetzung der Freiwilligkeit umgesetzt
wurden 13.603 Auszubildende. werden dürfen. Um dem LehrerInnenmangel langfristig entgegenzuwirken
www.
Privatisierung von Bildung Download unter www.tinyurl.com/ fordert die GEW NRW unter anderem die Erhöhung der Studienplätze
www.tinyurl.com/un- Ausbildungsreport-2016 krü für das Lehramt Grundschule und die Aufwertung des Lehramtes. rb
resolution-bildung Der Men-
schenrechtsrat der Vereinten
Nationen hat eine historische
45,6 Jahre Schule gegen sexuelle Gewalt
Resolution beschlossen: Mit
Das Durchschnittsalter der Am 19. September 2016 startete in NRW die neue bundesweite Initiative
Zustimmung aller 47 Mitglieds-
staaten wurde festgeschrieben, 155.728 hauptamtlichen und „Schule gegen sexuelle Gewalt“, die bis Ende 2018 auch in allen anderen
dass Staaten private Bildungs- hauptberuflichen Lehrkräfte an Bundesländern anlaufen wird. Die Initiative unterstützt die über 30.000
träger stärker regulieren sollten. den allgemeinbildenden Schulen Schulen in Deutschland, Konzepte zum Schutz vor sexueller Gewalt zu
www.
in Nordrhein-Westfalen lag im entwickeln und zum gelebten Schulalltag werden zu lassen. Ziel ist es,
Demokratie in Bewegung Schuljahr 2015 / 2016 bei 45,6 Unsicherheiten abzubauen und Mädchen und Jungen durch Prävention
www.tinyurl.com/demokratie- Jahren. In der Altersgruppe der und Intervention besser zu schützen und ihnen schneller Hilfen anzubieten.
in-bewegung Rechtspopulis- 30- bis unter 35-Jährigen stieg Zur fachlichen Unterstützung wurden eine Infomappe für Schulleitungen
tInnen profitieren von sozialer der Anteil der LehrerInnen an der und Lehrkräfte sowie das Fachportal www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.
Unzufriedenheit und kulturellem
Unbehagen. Warum der Erfolg
gesamten Lehrerschaft von 10,5 de entwickelt. „Schule gegen sexuelle Gewalt“ ist eine Initiative des Miss-
der AfD vom Handeln der ande- (2010 / 2011) auf 14,8 Prozent an. brauchsbeauftragten der Bundesregierung in Kooperation mit den 16
ren Parteien abhängt, beschreibt Bei den 55- bis unter 60-Jährigen Kultusministerien. Unterstützt wird die Initiative von den Freien Schulträ-
der Politikwissenschaftler Karl- war hingegen ein Rückgang zu gern, dem Bundeselternrat, Lehrerverbänden, dem Betroffenenrat sowie
Rudolf Korte.
verzeichnen. krü / IT.NRW den Gewerkschaften, darunter auch die GEW. heinds 9-2016 7
Herzlich willkommen!
Seit August 2016 unterstützt Pia Huerkamp
den Organisationsbereich Jugendbildung der GEW
NRW. Die 22-Jährige studiert Erziehungswissen-
schaften im fünften Semester an der Universität
Duisburg- Essen und möchte durch ihr Praktikum
die Besonderheiten der gewerkschaftlichen Arbeit
kennenlernen. Im Jugendbildungsreferat sammelt
Foto: Marco Dresdner
sie neue Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit Jugendlichen und jungen
Erwachsenen und bringt eigene Ideen sowie Vorstellungen ein. Sowohl
das Wochenende bei GEW-aktiv als auch die Fortbildungsveranstaltung
„Senkrechtstart“ haben Pia Huerkamp bereits einen vielseitigen Einblick
in die Arbeit der Bildungsgewerkschaft gegeben.
17. September 2016, Köln: 55.000 Menschen demonstrieren gegen TTIP und CETA.
320.000 gegen TTIP und CETA Übergangsquoten 2015 / 2016
Ausnahmezustand in Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt am Main, Leip- Die meistgewählte Schulform beim Übergang von der Grundschule
zig, Stuttgart und München: Bundesweit gingen am 17. September 2016 zur weiterführenden Schule in NRW war im Schuljahr 2015 / 2016 mit
320.000 Menschen gegen die Freihandelsabkommen TTIP und CETA auf 41,2 Prozent das Gymnasium, gefolgt von der Gesamtschule mit 26,2
die Straße. „Wir sagen ‚Nein‘ zu einem globalen ‚Social Dumping‘. Wir Prozent und der Realschule mit 21,0 Prozent. Das belegt die aktuelle
sagen ‚Ja‘ zu einem fairen und nachhaltigen Welthandel“, verkündete Broschüre „NRW (ge-)zählt: Schulen in Nordrhein-Westfalen” von IT.NRW.
Peter Scherrer, stellvertretender Generalsekretär des Europäischen Ge- Die Entwicklung der Übergangsquoten in den letzten zehn Jahren zeigt:
werkschaftsbundes (EGB), in Berlin. Das zivilgesellschaftliche Bündnis von Mit der Einführung der Sekundarschule in NRW im Schuljahr 2012 / 2013
bundesweit mehr als 30 Organisationen fordert, die Verhandlungen zu und der gleichzeitigen Stärkung der Gesamtschulen hat sich das Schul-
TTIP offiziell zu beenden und CETA weder zu ratifizieren noch anzuwenden. wahlverhalten erheblich verändert. Das Gymnasium wurde weiterhin bei
Das Abkommen mit Kanada dürfe in keinem Fall vorläufig angewendet einem gleich bleibenden Anteil von 41 Prozent am häufigsten gewählt.
werden, bevor die nationalen Parlamente darüber abgestimmt haben. Am zweithäufigsten entschieden sich Familien im Schuljahr 2015 / 2016
Die Ergebnisse der EU-Handelsministerkonferenz am 23. September in für die Gesamtschule, die damit die Realschule von Platz 2 verdrängte.
Bratislava lagen bis zum Redaktionsschluss nicht vor. krü / DGB Die Sekundarschule hat bereits zwei Jahre nach ihrer Einführung die
Hauptschule bei der Zahl der Neueintritte überholt, deren Anteil in-
nerhalb von zehn Jahren um rund drei Viertel zurückgegangen ist. Die
Jedes vierte U3-Kind in Betreuung Broschüre beleuchtet außerdem Themen wie Einschulungen, Übergänge
Anfang März 2016 nahmen in NRW 122.774 Kinder unter drei Jah- zu weiterführenden Schulen, Betreuungsangebote, Inklusion, SchülerInnen
ren ein Angebot der Kindertagesbetreuung in Anspruch. Das sind 4,6 mit Zuwanderungsgeschichte und Schulabschlüsse. www.tinyurl.com/
Prozent mehr als ein Jahr zuvor und insgesamt 25,7 Prozent gemessen IT-NRW-Schullandschaft hei / IT.NRW
an der Gesamtzahl der U3-Kinder. Die Betreuungsquoten erhöhen sich
mit steigendem Alter: 1,6 Prozent waren unter einem Jahr, 22,8 Prozent Übergangsquoten von den Grundschulen zu ausgewählten
waren ein Jahr und 54 Prozent zwei Jahre alt. krü / IT.NRW weiterführenden Schulen (2010 / 2011 bis 2015 / 2016)
45
Vollverschleierung im Unterricht
40 Gymnasium
Eine volljährige muslimische Schülerin hatte beim Verwaltungsgericht
35
Osnabrück Klage eingereicht und wollte durchsetzen, mit einer Vollver-
schleierung (Niqab) am Unterricht eines Abendgymnasiums teilnehmen 30
zu können. Das Gericht hat der Klage Ende August 2016 in Abwesenheit 25 Gesamtschule
der Schülerin nicht stattgegeben. Inzwischen ist die Entscheidung rechts-
kräftig, da kein Widerspruch eingelegt wurde. Der Landesvorstand der 20 Realschule
GEW NRW reagierte auf das Urteil und beschloss mit großer Mehrheit 15
ein Positionspapier, das unter der Überschrift „Schule braucht ein offenes
10
Gesicht“ feststellt: „Aus Sicht der GEW NRW widerspricht es dem staatlichen Sekundarschule
Bildungsauftrag der Schulen, wenn Schülerinnen mit Niqab oder Burka 5
am Unterricht teilnehmen wollen. (...) Pädagogische Kommunikation und Hauptschule*
0
Interaktion mit anderen Schüler*innen, den Lehrer*innen und den Eltern 2010 / 2011 2011 / 2012 2012 / 2013 2013 / 2014 2014 / 2015 2015 / 2016
erfordern das offene Gesicht.“ Positionspapier zum Download www.tinyurl. * einschließlich Sekundarbereich I der Volksschule
com/LV-Position-Vollverschleierung. Mehr zum Thema ab Seite 12.ds Quelle: IT.NRW, NRW (ge-)zählt: Schulen in Nordrhein-Westfalen8 BILDUNG
Bochumer Memorandum 2011 bis 2017: Studienabschlüsse
Die Quote stagniert
Zu den Zielen, die der nordrhein-westfälischen Bildungspolitik im Bochumer StudienanfängerInnenquote des Jahres 2009
Memorandum für die „nachhaltige Verbesserung der Bildungsteilhabe und des von damals 44 Prozent. Wenn man diese „Er-
Übergangs von der Schule in Ausbildung und Arbeit“ bis zum Jahr 2015 gesetzt folgsquote“ konstant hält, so folgt aus der An-
wurden, zählt eine Steigerung der Studienabschlussquote auf den OECD-Durch- fängerInnenquote des Jahres 2014 in Höhe von
schnittswert von – im Jahr 2008 – 38 Prozent. Auch wenn derzeit nur die Daten 59,6 Prozent fünf Jahre später – also 2019 – eine
für das Abschlussjahr 2014 verfügbar sind, lässt sich schon jetzt feststellen, dass Absolventenquote von 41,7 Prozent.
dieses Ziel bis 2015 mutmaßlich nicht erreicht werden konnte. Insgesamt lässt sich daher – bei aller Vergrö-
berung, die diesem Rechenansatz eigen ist –
Ein Blick in die Daten, die Information und Erststudiums zur Gruppe der Bildungsauslän- zusammenfassend schließen: Aufgrund der
Technik Nordrhein-Westfalen (IT.NRW) aktu- derInnen zu zählen sind. Wenn man diesen bisherigen Stagnation gilt: Das 38-Prozent-
ell bietet, macht deutlich, wie weit das Land Anteil auf Nordrhein-Westfalen überträgt, so Ziel wurde bis 2015 mit Sicherheit verfehlt.
noch von dem 38-Prozent-Ziel entfernt ist (siehe liegt die Studienabschlussquote der deutschen Zugleich aber lässt die unverkennbare Steigerung
Tabelle 1). Studierenden und der BildungsinländerInnen – der StudienanfängerInnenzahlen während der
das sind ausländische Studierende, die ihre vergangenen Jahre erwarten, dass dieses Ziel
Kaum Veränderungen in NRW
Studienberechtigung in Deutschland erworben gegen Ende des Jahrzehnts erreicht oder sogar
Ausweislich dieser Daten erreichten 2014 haben – gerade einmal bei 29,6 Prozent. übertroffen sein wird.
insgesamt 30,8 Prozent einen ersten Studien- Betrachtet man die Entwicklung der Studien-
abschluss an Universitäten, Fachhochschulen, Akademische Bildung in der Krise?
abschlussquote – unter Vernachlässigung der
Verwaltungsfachhochschulen, Kunst- und Musik- in sie eingehenden Zahlen der Bildungsauslän- Über das Ziel, die StudienanfängerInnen- und
hochschulen oder Theologischen Hochschulen. derInnen – während der vergangenen Jahre, so damit die AbsolventInnenquoten zu steigern,
Dieser Prozentwert gibt den Anteil derer an stellt man fest, dass diese Quote zumindest seit gibt es deutschlandweit spätestens seit 2014
der altersentsprechenden Gesamtbevölkerung 2009 um 31 Prozent schwankt, dass sie also eine kontroverse Diskussion: Damals veröffent-
wieder, die einen ersten Studienabschluss er- unbestreitbar stagniert. lichte der Münchener Philosoph und frühere
reichen konnten. Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Gerhard
Bei der Bewertung der Studienabschlussquote Bessere Aussichten für die Zukunft Schröders Julian Nida-Rümelin sein Buch „Der
als Indikator für das Bochumer Memorandum Zugleich lässt allerdings die Entwicklung der Akademisierungswahn. Zur Krise beruflicher und
muss berücksichtigt werden, dass die Statistik StudienanfängerInnenzahlen für die kommenden akademischer Bildung“. In dieser Schrift beklagt
der Studienabschlüsse keine Auskunft darüber Jahre einen deutlichen Anstieg der Absolven- er eine Vernachlässigung der beruflichen Bildung
gibt, in welchem Umfang unter den Absolven- tInnenquote erwarten. Wenn man vereinfachend und eine damit einhergehende Beschädigung der
tInnen ausländische Studierende sind – so- für den Durchschnitt der unterschiedlichen akademischen Bildung, bei der er Beliebigkeit
genannte BildungsausländerInnen –, die ihre Studiengänge der einbezogenen Hochschulen und Verflachung wahrzunehmen glaubt.
Studienberechtigung im Ausland erworben eine Studiendauer von fünf Jahren unterstellt, Auch wenn hier nicht der Platz zu einer
haben. Für Deutschland insgesamt gibt der so ergibt sich für den AbsolventInnenjahrgang gründlichen Auseinandersetzung mit Julian
Bildungsbericht „Bildung in Deutschland 2016“ des Jahres 2014: Die AbsolventInnenquote Nida-Rümelins Thesen ist, die zunehmend von
an, dass vier Prozent der AbsolventInnen eines von 30,8 Prozent entspricht 70 Prozent der PolitikerInnen der unterschiedlichen Parteiennds 9-2016 9
Fotos: morgan_studio / iStock.com, suze, owik2 / photocase.de
geteilt werden, soll in diesem Zusammenhang
Tabelle 1:
doch auf zwei aktuelle Untersuchungen aus dem
Studienanfangs- und -abschlussquote in NRW von 2009 bis 2014
Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
der Bundesagentur für Arbeit (IAB) aufmerksam StudienanfängerInnen* AbsolventInnen
gemacht werden: In der Untersuchung „Quali- Jahr in % eines in % eines
absolut absolut
fikationsspezifische Arbeitslosenquoten“ vom Altersjahrgangs Altersjahrgangs
Dezember 2015 wird gezeigt, dass das Risiko, 2014 119.396 59,6 66.170 30,8
arbeitslos zu werden, mit der Höhe der beruf- 2013 107.597 53,3 63.571 30,0
lichen Qualifikation deutlich sinkt (siehe Tabelle 2012 116.280 56,8 63.828 30,6
2). In einer weiteren Untersuchung des IAB aus 2011 118.454 57,4 64.510 31,4
dem Jahr 2016 mit dem Titel „Berufsspezifische 2010 97.110 46,9 63.701 31,3
Lebensentgelte – Qualifikation zahlt sich aus“
2009 90.733 44,0 63.726 31,3
wird gezeigt, dass die durchschnittlichen Brutto-
Lebensentgelte bei den Beschäftigten mit der * Bereinigt um die G8-Effekte
Höhe ihrer Qualifikation stark ansteigt (Tabelle Quelle: IT.NRW, Hochschulindikatoren
3). Angesichts dieser Befunde ist eine Politik,
die den Zugang zu Hochschulen und damit zu
Hochschulabschlüssen drosseln will, zynisch – Tabelle 2:
zumal wenn sie von AkademikerInnen kommt. // Zusammenhang von Arbeitslosigkeit und beruflicher Qualifikation
Berufliche Ohne Berufliche Fachhochschul- Universitäts-
Qualifikation Ausbildung Ausbildung* abschluss abschluss
www. IT. NRW: Hochschulindikatoren Arbeitslosenquo-
19,9 4,9 2,7 2,5
www.tinyurl.com/Hochschulindikatoren ten 2014 in %
IAB: Qualifikationsspezifische Arbeitslo- * Betriebliche Ausbildung, Berufsfachschule, Fachschul-, Meister- und Technikerausbildung
PDF senquoten
www.tinyurl.com/IAB-Arbeitslosenquoten Quelle: IAB, Qualifikationsspezifische Arbeitslosenquoten (2015)
IAB: Berufsspezifische Lebensentgelte –
PDF Qualifikation zahlt sich aus
www.tinyurl.com/IAB-Lebensentgelte
Tabelle 3:
Zusammenhang von Brutto-Lebensentgelt und beruflicher Qualifikation
Prof. em. Dr. Klaus Klemm Berufliche Hochschul- Berufsaus- Ohne Berufs
Bildungsforscher Qualifikation abschluss bildung ausbildung
Brutto-Lebensentgelt
2,37 1,51 1,29
in Mio. Euro
Quelle: IAB, Berufsspezifische Lebensentgelte – Qualifikation zahlt sich aus (2016)10 BILDUNG
Fachzentren für Inklusion
Die 110 für die
schulische Inklusion
Seit zwei Jahren wird gemäß des 9. Schulrechts-
änderungsgesetzes die Inklusion an allgemeinen
Schulen umgesetzt. Und die Praxis zeigt es seitdem
immer deutlicher: Die KollegInnen an den Schulen
fühlen sich bei der Umsetzung dieses „Mammut-
Illustrationen: Freepik.com
projektes“ alleingelassen. Sie beklagen – neben
vielen anderen Kritikpunkten – die fehlende Unter-
stützung durch Landesregierung und Schulträger.
Was sie sich wünschen, sind zentrale Anlaufstellen.
Inklusion ist keine Aufgabe, die von einzelnen und Jugendlichen mit Bedarf an sonderpäda- Unterstützungsbedarf. Um nachhaltige Effekte
engagierten Lehrkräften als EinzelkämpferInnen gogischer Unterstützung initiieren, koordinieren zu erreichen, arbeiten die Fachzentren mit an-
an den Schulen umgesetzt werden kann. Inklu- und begleiten, indem sie Eltern, Schulen und deren Institutionen im kommunalen Umfeld
sion ist vielmehr eine Entwicklungsaufgabe für LehrerInnen miteinander vernetzen. Inklusions- zusammen und vernetzen sich beispielsweise
die gesamte Schule und stellt einen kompletten moderatorInnen sollen Schulen mit Fortbildungs- mit Jugend- und Sozialämtern, den kommunalen
Umbruch des Schulsystems dar. Sie kann nur angeboten zur Inklusion kontinuierlich und Integrationszentren, der Schulpsychologie sowie
gelingen, wenn eine inklusive Unterrichtsent- nachhaltig dabei begleiten, Grundlagen und den anderen Professionen, die Teil der multipro-
wicklung vorangetrieben wird, die für alle Schü- Strukturen für inklusives Lernen zu schaffen. fessionellen Teams in Schulen sind. Als Beistand
lerInnen gedacht und als wesentlich verstanden Kompetenzteams bieten Fortbildungen unter für die Schulen beim Start in die schulische
wird. Um diesen Umbruch zu bewältigen und anderem auch für Schulen auf dem Weg zur Inklusion stellen die Fachzentren Kompetenzen,
guten inklusiven Unterricht – sowohl für die Inklusion an. Eine Bündelung dieser einzelnen Medien und das nötige Know-how bereit.
SchülerInnen als auch für die Lehrkräfte – zu Mechanismen ist aber vonnöten, um zielgerichtet Die Einrichtung der Fachzentren stellt darüber
bieten, müssen Schulen sich weiterentwickeln. Hilfe für Schulen anbieten zu können. hinaus die Qualität der sonderpädagogischen
Und für diese Weiterentwicklung benötigen Förderung vor Ort sicher, die für gelingende Inklu-
Die Vision der GEW NRW:
sie Unterstützung, ein niedrigschwelliges, un- sion unverzichtbar ist. Als Basis und Anlaufstelle
Zentrale Anlaufstellen für Inklusion
kompliziert zu nutzendes und umfassendes für eine kontinuierliche fachliche Qualifizierung
Angebot, das sonderpädagogische Expertisen Die GEW NRW fordert – und die Ergebnisse der Lehrkräfte, für den fachlichen Austausch der
auf allen Ebenen bereithält. Ein Angebot, auf der repräsentativen Onlineumfrage an allen multiprofessionellen Teams in inklusiven Schulen
das alle Schulen zugreifen können – egal ob sie Schulen in NRW im November 2015 haben sowie für die Unterstützung und Beratung der
bereits seit Jahren als Schulen des Gemeinsamen dies nochmals bekräftigt – die institutionelle Schulen sind die Fachzentren unentbehrlich.
Lernens etabliert sind oder sich gerade erst auf Einrichtung von Fachzentren für Inklusion. 80 Um die benötigte fachliche Expertise der Fach-
den Weg zu einer Schule für alle machen. Prozent der Schulen in NRW halten der Umfrage zentren sicherzustellen, sieht die ideale Beset-
zufolge eine zentrale Anlaufstelle für Anfragen zung ein Kernteam vor, dem über Abordnungen
Bisher gilt: Gut gemeint zu unterschiedlichen Aspekten der Inklusion erfahrene Lehrkräfte verschiedener Schulformen
statt gut gemacht für erforderlich. und sonderpädagogischer Förderschwerpunkte
Das Unterstützungssystem für die schulische Diese Fachzentren für Inklusion zur quali- für Beratung, Diagnostik und Fortbildung zuge-
Inklusion muss dringend ausgebaut werden, fizierten multiprofessionellen Unterstützung ordnet werden. Somit ist die Erreichbarkeit von
und zwar nachhaltig. Die Landesregierung hat und Beratung der Schulen, Lehrkräfte, Eltern AnsprechpartnerInnen jederzeit gewährleistet.
durch die Installation verschiedener Unterstüt- und SchülerInnen stehen regional in jedem
zungsstellen im Schulsystem gut gemeinte, aber Schulamt zur Verfügung und machen Angebote An den Kosten kann es nicht scheitern
nicht gut gemachte – weil nicht ausreichend zu Diagnose, Beratung, Fortbildung und zum Nun stellt sich die Frage, ob und wann die
gesteuerte – Unterstützungsangebote für die fachlichen Austausch. Ihre Kernkompetenz liegt Landesregierung diesen für die schulische In-
Schulen installiert. So sollen Inklusionskoordina- in der Unterstützung der schulischen Förderung klusion und alle an ihr beteiligten Personen so
torInnen den Prozess der Inklusion von Kindern von SchülerInnen mit sonderpädagogischem wichtigen Schritt geht und eine transparentends 9-2016 11
80%
Mülheimer Erklärung
Landesregierung muss handeln
wünschen sich eine
zentrale Anlaufstelle Mit einem Antrag hat die PIRATEN-Frak- und Soziales sowie der Bundesagentur für Arbeit
für Unterstützung in
Inklusionsfragen. tion im nordrhein-westfälischen Land- gefördert und zusammen mit weiteren Partnern
tag die Landesregierung aufgefordert, als Modellprojekt Schulen in Köln angeboten.
Fehlentwicklungen bei der Umsetzung Eine solche Unterstützung wäre für alle Schulen
der schulischen Inklusion endlich entge- des Gemeinsamen Lernens wünschenswert.
genzusteuern. Grundlage des Antrags Handlungsbedarf erkannt
ist die „Mülheimer Erklärung: Aktuelle In der Diskussion wiesen die Abgeordneten
Rahmenbedingungen gefährden den der Regierungsfraktionen darauf hin, dass das
Erfolg der Inklusion“ von GEW, PhV, 9. Schulrechtsänderungsgesetz nur ein erstes
VdS und VBE NRW von Mai 2016. Am Gesetz zur Umsetzung der UN-Behindertenrechts-
7. September 2016 fand die Anhörung konvention und eine Nachsteuerung geplant sei.
im Schulausschuss statt, bei der auch Mit dem Mehrklassenerlass sei auch die Teilung
die Bildungsgewerkschaft vertreten war. von Klassen möglich, es seien 1.000 Stellen zu-
sätzlich geschaffen worden. Die VertreterInnen
Neben einer schriftlichen Stellungnahme
Quelle: GEW NRW, Was Schulen brauchen. aller Fraktionen erkannten jedoch auch an, dass
Onlineumfrage zur Inklusion in NRW. konnte die GEW NRW in der mündlichen Anhö-
sich die Qualität des Gemeinsamen Lernens
rung im Schulausschuss erneut auf die größten
verbessern muss und es an verschiedenen Stellen
Probleme bei der Umsetzung der Inklusion in den
Handlungsbedarf gibt. Die Verbreitung trag-
und handlungsfähige Unterstützungsstruktur Schulen hinweisen. In einer intensiven einein-
fähiger Konzepte und eine Verbesserung der
für inklusive Schulen einrichtet. Die Kosten halbstündigen Diskussion wurden die zentralen
Aus-, Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte
können dabei kein Hindernis sein: Die perso- Forderungen der Bildungsgewerkschaft und der müsse im Fokus bleiben. //
nelle Besetzung der Fachzentren macht keine anderen Verbände vorgetragen:
zusätzlichen Personalkosten erforderlich. Die ◆◆ deutlich mehr Stellen für das Gemeinsame
gegenwärtig bereitgestellten Stellen zur Un- Lernen
terstützung des Gemeinsamen Lernens müssen ◆◆ kleinere Lerngruppen mit eigener Schüle- NRW-Landtagsfraktion der PIRATEN:
hierfür nur zusammengeführt und in den Zentren rInnen-LehrerInnen-Relation PDF Antrag „Mülheimer Erklärung: Aktuelle
gebündelt werden. Rahmenbedingungen gefährden den Er-
◆◆ eine andere Steuerung bei der Verteilung folg der Inklusion – Landesregierung muss
Eigentlich verfolgt die Landesregierung der Stellen Fehlentwicklungen endlich entgegensteu-
dasselbe Ziel wie die GEW NRW mit ihrer For- ern“ (Drucksache 16 / 12108)
◆◆ die Einrichtung von Fachzentren für Inklusion
derung nach der Installation von Fachzentren. www.tinyurl.com/Piraten-Antrag
mit Verweis auf den Entschließungsantrag
So forderten die Landtagsfraktionen von SPD GEW NRW: Stellungnahme zum Antrag
der Regierungsfraktionen von Oktober 2013 der Fraktion der PIRATEN
und BÜNDNIS 90 / DIE GRÜNEN in ihrem PDF
◆◆ mehr Zeitressourcen für Planung, Absprachen www.tinyurl.com/GEW-NRW-Stellungnahme
Entschließungsantrag zum 9. Schulrechtsän-
und Beratung im Gemeinsamen Lernen www. mittendrin e. V.: Programm „Coaches für
derungsgesetz für die erfolgreiche Umsetzung inklusive Bildung“
◆◆ gezieltere, auch fachliche Fortbildung
eines inklusiven Schulsystems eine stärkere www.cib-mittendrin.de
Steuerung und Vernetzung auf Ebene der Schu- Vorbildliches Coaching-Programm
lämter. Angesichts dessen kann die bisherige Die Vertreterin der Elternorganisation mit-
Passivität der Landesregierung in dieser Frage tendrin e. V. machte in der Darstellung ihres Dorothea Schäfer
nur verblüffen. // Coaching-Programms deutlich, dass sich eine Vorsitzende der GEW NRW
intensive Unterstützung von Schulen positiv
auf den gesamten Prozess auswirken kann. Das
www. GEW NRW: Know-how für Inklusion in
Programm wird vom Bundesministerium für Arbeit
Fachzentren bündeln
www.tinyurl.com/GEW-NRW-Fachzentren-
50%
Inklusion
Frauke Rütter
Referentin für Bildungspolitik
der GEW NRW
˜
Knapp die Hälfte
der Befragten greift
bei der Umsetzung der
Inklusion auf die
Kompetenzteams zurück.
Quelle: GEW NRW, Was Schulen brauchen. Onlineumfrage zur Inklusion in NRW.12 BILDUNG
Im Gespräch mit Dr. Klaus Spenlen
Selbst kennenlernen,
was junge MuslimInnen prägt
Foto: Mila Supynska / fotolia.com
Der Islam gehört zu unserer Gesellschaft – und selbstverständlich begegnet
er PädagogInnen in Schule, Aus- und Weiterbildung täglich. Wie können sie zu
Gleichstellung und Integration beitragen und junge MuslimInnen gegen die
Einflüsse von Fundamentalismus, Terrorismus und religiös begründeter Gewalt
stärken? Die nds sprach mit Erziehungs- und Sozialwissenschaftler Dr. Klaus
Spenlen über den Umgang mit Islam und Islamismus im Bildungssektor.
nds: Warum sind Schule, Aus- und Weiterbil- rungs- und Versagenserfahrungen überwinden weiß, dass viele PädagogInnen von Alltagsarbeit
dung so wichtige Orte für die Integration? oder einen Beitrag für eine gerechtere Welt „aufgefressen“ werden. Da bleibt oftmals keine
Klaus Spenlen: In NRW gibt es ungefähr leisten. Wieder andere haben religiöse Motive: Zeit, sich in ein neues Thema einzuarbeiten, so
230 Religionsgemeinschaften und die letzte Sie wollen Gottes Prüfung durch Leid ertragen brennend dies auch sein mag. Und die Stichwör-
Schulstatistik weist 191 Staatsangehörigkeiten und überwinden, sich Wissen über den Islam an- ter, nach denen Sie fragen, bedürfen einer sehr
auf. Dadurch allein wird schon deutlich, dass eignen oder sie erliegen Jenseitsversprechungen. gründlichen und grundsätzlichen Erarbeitung.
Schule, Aus- und Weiterbildung die zentralen Von einigen ist bekannt, dass islamistische Der Fortbildungsdruck dafür variiert zudem von
Integrationsorte sind, zumal die zwei wichtigen da'wa-AktivistInnen – hier handelt es sich um Schule zu Schule. In wessen schulischem Um-
anderen – der Arbeitsmarkt und der Sozialraum – MissionarInnen – die Wünsche junger Menschen feld Jugendliche zum Beispiel in den Dschihad
in dieser Funktion weitgehend weggebrochen nach Orientierung in einer pluralen Gesellschaft gezogen sind, ist für diese Themen sensibilisiert
sind. Hinzu kommt, dass sich in einigen Milieus sowie nach einfachen Antworten auf komplexe und motiviert. Allein die Unterscheidung von
in Deutschland ein Abschmelzen konfessioneller Fragen bei ihrer Sinnsuche erfüllen und ihnen Islam und Islamismus – geschweige denn deren
ein widerspruchsfreies Werte- und Weltbild je spezifische Ausprägungen – sind nicht mal
Bindungen abzeichnet, das in vielen Familien zu
vermitteln. Hier erleben die Jugendlichen viel- eben an einem Nachmittag nachzulesen.
einem Verzicht auf religiöse Sozialisation führt.
leicht zum ersten Mal eine Hierarchie und damit In Deutschland werden derzeit etwa 850.000
Damit verbunden ist eine Verringerung religiöser
verbunden ihre individuelle Entlastung. Junge MuslimInnen in Schulen unterrichtet, in NRW
Prägekraft für Lebensstile. Die Folge ist, dass sich
Männer können an einer Männlichkeitskultur etwa 370.000. In diese Zahlen sind die Geflüchte-
zunehmend mehr Kinder ihre Religiosität außer-
teilhaben und wieder andere mögen es genießen, ten nicht eingerechnet, von denen 34 Prozent bis
halb der Schule selbst „konstruieren“. Dass dies
Teil einer Subkultur mit Bedrohungspotenzial zu 17 Jahre und weitere 25 Prozent bis 24 Jahre alt
problematisch sein kann, zeigen Jugendstudien.
sein oder sich als Opfer im Integrationsprozess sind. Ein Gros dieser jungen, meist muslimischen
Sozialisation scheint in muslimischen Familien
oder im Bedrohensdiskurs zu fühlen. Menschen wird in unseren Schulen, Aus- und
anders zu verlaufen: Religiöse Eltern geben ihr
Weiterbildungseinrichtungen anlanden. Das
tradiertes Wissen und ihre religiösen Prinzipien Da diese Motive den Neo-SalafistInnen be-
ist gut, weil sie dort diejenigen Strukturen und
an ihre Kinder weiter. Solche unterschiedlichen kannt sind, verfolgen sie entsprechende Strate-
Erfahrungen zu synthetisieren, ist Aufgabe der gien in Jugendtreffs, in Moscheen, auf Straßen
Bildungseinrichtungen. und Schulhöfen, denen manche Schüler und
zunehmend auch Schülerinnen erliegen. Zu-
Welche Einflüsse haben Fundamentalismus,
dem verstärken sie pseudoreligiös motiviertes
Terrorismus und religiös begründete Gewalt
Mobbing und organisieren salafistische Ge-
auf junge MuslimInnen?
betsflashmobs. SchülerInnen, die sich scheu-
Die Landesregierung beziffert die Zahl der en dabei mitzumachen, werden drangsaliert.
Neo-SalafistInnen in NRW auf über 2.500, HandlangerInnen und UnterstützerInnen sind
mehr als 500 gelten als gewaltbereit. Neo- dabei willfährige MitschülerInnen. Ziele sind
SalafistInnen sind hier wie bundesweit die am ohne Ausnahme alle Schulformen.
schnellsten wachsende extremistische Bewe-
gung. Hochburgen in NRW sind Aachen, Bonn, Sind PädagogInnen ausreichend auf den Um-
Düsseldorf, das Bergische Land und das Ruhrge- gang mit Islam und Islamismus in Deutschland
biet. Die Motive für die Sympathie mancher jun- vorbereitet?
ger Menschen mit dem Islamismus sind vielfältig: Wer sich für die letzten Jahre – zum Teil schul-
Erziehungs- und Sozialwissenschaftler Dr. Klaus Spenlen
Einige erfahren durch Neo-SalafistInnen Hilfe in formabhängig – Aufgaben ansieht, die Resultat arbeitet schwerpunktmäßig zu den Themen Integration
persönlichen Krisen, andere wollen Diskriminie- aktueller gesellschaftlicher Diskussionen sind, des Islam sowie Migration und Bildung. Foto: privatnds 9-2016 13
eine übermächtige Bedeutung und kann für selbst einmal bei YouTube umschauen. Daraus
manche MuslimInnen, selbst für liberale, so folgt als pädagogische Aufgabe, Jugendliche
wichtig werden, dass er unter allen Umstän- in Medienanalyse, Medienkonsum und Medi-
den verteidigt werden muss. Auch die durch enverantwortung zu qualifizieren und ihnen
Lebenswelten, Wertorientierung und soziale immer wieder den Unterschied zwischen realer
Lage geprägten Lebensauffassungen von Mus- und virtueller Welt vor Augen zu führen, kurz:
limInnen in Deutschland sind nicht eindimensi- ihre Medienkompetenz in Inhalts- und Moralfra-
onal auf das Religionsmerkmal zurückzuführen, gen zu stärken. Außerdem müssen die pseudo-
sie sind also auch unter diesen Aspekten nicht religiösen Behauptungen von Neo-SalafistInnen
als homogene Gruppe zu begreifen. Religion, hinterfragt werden, etwa ihr Gewalt- und
Herkunft und Zuwanderungsgeschichte beein- Geschlechterverständnis.
flussen zwar ihren Alltag, sind aber letztlich Neuerdings sorgt die Burka auch im Bildungs-
nicht als solitäre identitätsprägende Faktoren zu sektor für Zündstoff: Das Verwaltungsgericht
verstehen, deren Bedeutung allein Integration Osnabrück hat kürzlich entschieden, dass eine
unterstützt oder verhindert. muslimische Frau nicht mit Gesichtsschleier am
Gleichwohl können mangelhafter sprachlich- Unterricht eines Abendgymnasiums teilneh-
Werte des Zusammenlebens sowie gesellschaft- sozialer Austausch mit anderen Milieus – etwa men darf. Wie beurteilen Sie die Entscheidung?
liche Anforderungen erfahren, die eine Integrati- mit nicht muslimischen und deutschsprachigen –
on erleichtern. Gleichzeitig ist von PädagogInnen Diese Frage spiegelt eher Wahlkampf als
oder ein überwiegend nicht deutscher Medien-
eine intensive Auseinandersetzung mit dem Unterrichtsalltag wider. Dennoch gilt auch
konsum dazu führen, dass „das Eigene“ zuneh-
gefordert, was junge MuslimInnen prägt. Denn unabhängig von diesem Urteil: Burka und
mend in Abgrenzung zum „Fremden“ gerät und Niqab verhindern offene Kommunikation, die
gerade in der Diaspora ist Religion ein identitäts- Gemeinsamkeiten eher ausgeblendet werden. im Bildungsbereich unverzichtbar ist. Sie stehen
stiftendes Moment; mithin besitzt der Glaube Mit dieser Kurzbeschreibung sind die wichtigsten deshalb im Widerspruch zu Bildungszielen. Für
in der Fremde oft größere Bedeutung als im Aufgaben von Schulen im täglichen Leben mit ein Verbot spricht auch die Wahrscheinlichkeit
Herkunftsland. Wenn anfängliches gegenseitiges MuslimInnen bereits benannt: Sie müssen ein- von „Burka-bashing“ auf allen Ebenen, das sich
Fremdeln überwunden werden und in stabi- dimensionale Wahrnehmungen aufbrechen und der Intervention von PädagogInnen weitgehend
le Informationen übereinander einmünden den Austausch unterstützen. entzieht. Sollten Bildungseinrichtungen für eine
soll, muss Lehrkräften die Möglichkeit systema-
Haben Schule, Aus- und Weiterbildung über- vollverschleierte Schülerin die einzige Bildungs-
tischer Fort- und Weiterbildung eingeräumt und
haupt Möglichkeiten, präventiv gegen Radi- option sein, sollten die Schülerin, gegebenenfalls
dazu externe Expertise eingeholt werden. Ich
kalisierung zu wirken? auch ihre Eltern, die Schule sowie ein Imam, der
persönlich erhalte im Jahr zig Anfragen nach
gegenseitiges Vertrauen besitzt, eine Lösung im
Vorträgen und Workshops rund um die Themen Pädagogischen Absichten müssen erfolg-
Sinne praktischer Konkordanz suchen. //
Islam und Migration, die ich nicht alle erfüllen reiche Strategien folgen und diese sollten zwi-
Die Fragen für die nds stellte Anja Heifel.
kann. Es zeigt aber, dass PädagogInnen für sich schen PädagogInnen kommuniziert werden.
Bedarf sehen. Aus anderen Erfahrungsbereichen wissen wir:
Wie sehen pädagogische Aufgaben im täg-
Eine Methode, um junge Menschen etwa vor Zum Weiterlesen
Suchtgefährdung oder Missbrauch zu schützen,
lichen Umgang mit MuslimInnen aus? Dr. Klaus Spenlen:
ist, sie stark zu machen: sich zu verweigern,
MuslimInnen gehören – wie Angehörige widersprüchliche Wahrnehmungen auszuhalten, Islam in Deutschland
anderer Religionsgemeinschaften auch – den eigene Entscheidungen zu treffen und für sich Ein Leitfaden für Schule,
unterschiedlichsten religiösen Richtungen das Recht in Anspruch zu nehmen, ein selbst- Aus- und Weiterbildung
an, sprechen verschiedene Sprachen, haben bestimmtes Leben zu führen und sich nicht
unterschiedliche Bildungsniveaus, gehören verführen zu lassen.
unterschiedlichen sozialen Schichten an. Sie Das zeigt: Bewahrungspädagogik ist als
zeichnen sich wie alle Menschen durch multiple Strategie gegen islamistische VerführerInnen
NDS Verlag, 2016
Existenzen aus. Sie sind Individuen, die nicht, ungeeignet. Erfolgreich erscheint vielmehr, ISBN: 978-3879643226
gemäßigt oder streng religiös leben, die keine Risikokompetenz als Schlüssel für gelingende 228 Seiten
singulären Identitäten sind und die sich als Lebensführung zu vermitteln. Was Jugendliche 26,80 Euro
Projektion für gesellschaftliche Zuordnungen Bestellung unter
brauchen, ist die Fähigkeit, Risiken oder Gefahren
nds-shop.gew-nrw.de
oder die Konstruktion eines gesellschaftsfähigen, als solche zu erkennen und abzuwägen, ob sie
Diese Publikation reflektiert die Themen Islam,
berechenbaren Subjekts nicht eignen. Mithin es wert sind, sich darauf einzulassen, und sie
Islamismus und muslimisches Leben in Deutsch-
verkürzen Religionsmerkmale wie „Muslim“ die schließlich zu bewältigen. Es empfiehlt sich, land. Sie gibt praktische Hinweise dazu, wie
Vielfalt der Menschen islamischen Glaubens dass PädagogInnen die Medienpräsenz von Fragestellungen rund um diese Themen im täg-
in unzulässiger Weise. Zudem gewinnt mit Neo-SalafistInnen selbst kennenlernen, dass lichen Umgang mit MuslimInnen beantwortet,
Konflikte gelöst und dabei Gleichstellung und
Angriffen auf einen Teil ihrer Identität – in sie Medien von und über Neo-SalafistInnen Prävention verbessert werden können.
diesem Fall auf den religiösen – dieser Teil selbst analysieren. Sie sollten sich zum Beispiel14 BILDUNG
Fotos: Gerti G., stockwerk23 / photocase.de
Schulpolitik im Zeichen der Landtagswahl
Verlorene Jahre
Zehn Jahre nach der großen Schulge- oder in Ausbildungs- und Prüfungsordnungen die Gymnasien und verwarfen die sechsjährige
setznovellierung von CDU und FDP im zu beispielsweise folgenden Punkten: Sekundarstufe I am Gymnasium. Sie ersetzten
Jahr 2006 und circa zehn Monate vor ◆◆ Sprachstandserhebung Delfin 4 zur vorschu- das G8-Modell „6 plus 2“ durch das bis heute
der nächsten Regierungsbildung in NRW lischen Sprachförderung gültige „5 plus 3“. Eine fatale Fehlentscheidung,
lohnt ein kritischer Rückblick. Denn so ◆◆ Herabsetzen des Einschulungsalters die bis heute keine Akzeptanz findet.
wie damals sollte man Schulpolitik nicht ◆◆ Unterrichtsorganisation und Leistungsbeur- Man freut sich nicht immer, richtig gelegen
machen, so schadet man der Schulent- teilung in den Grundschulen, zum Beispiel zu haben. In der großen Anhörung zum Schul-
wicklung. die Einrichtung der Lernstudios gesetz kritisierte die GEW NRW in 2006, dass der
◆◆ Verbindlichkeit der Grundschulempfehlung Gesetzentwurf einem modernen und zukunfts-
Nahezu alle schulpolitischen Leitentschei- und Prognoseunterricht beim Übergang in gerechten Schulsystem, das auf mehr Chancen-
dungen der 2005 gewählten schwarz-gelben die Sekundarstufe I gleichheit und mehr Bildungsbeteiligung abzielt,
Landesregierung erwiesen sich als falsch oder ◆◆ Benotung des Arbeits- und Sozialverhaltens nicht gerecht werde. „Vielmehr orientieren sich
gar verfassungswidrig. Einige wurden inzwi- in Ziffernoten, den sogenannten Kopfnoten CDU und FDP nostalgisch an bildungspolitischen
schen – zum Teil mit Zustimmung der heutigen ◆◆ Abschaffung der Drittelparität in der Schul- Vorstellungen der Vergangenheit und ignorieren
Landtagsfraktionen dieser beiden Parteien – im konferenz neue erziehungswissenschaftliche Erkenntnisse
Schulgesetz wieder korrigiert, andere haben heu- ◆◆ Verbundschulen als Antwort auf den demo-
weitgehend.“ Die Korrektur hat viel zu lange
te noch Gesetzeskraft und wirken zum Teil fatal. gedauert – verlorene Jahre.
grafischen Wandel
Korrekturgesetze nach Landtagswahlen mit
Schwarz-gelbe Fehlentscheidungen ◆◆ Erschwerung der Arbeit der Schulen des län-
Regierungswechsel sind unvermeidlich und
geren Gemeinsamen Lernens bei Betonung
Einen Verstoß gegen die Verfassung stellte womöglich auch 2017 zu erwarten – zu unter-
des vermeintlich begabungsgerecht geglie-
beispielsweise die Regelung im ersten Schul- schiedlich sind die politischen Vorstellungen der
derten Schulwesens
rechtsänderungsgesetz vom 13. Juni 2006 dar: politischen Parteien. Die Länge der Korrekturliste
◆◆ Wettbewerb unter Schulen durch Aufhebung
Sie untersagte muslimischen Lehrerinnen, das nach der Regierungszeit von CDU und FDP war
der Schulbezirke und Veröffentlichung schu-
Kopftuch im Unterricht zu tragen. Ebenfalls allerdings ein Alleinstellungsmerkmal, die Zahl
lischer Leistungsdaten
verfassungswidrig waren Regelungen zur Wahl der verfassungswidrigen Leitentscheidungen
Ergänzt man diese Liste durch den Hinweis
der SchulleiterInnen durch die Schulkonferenz auch. Sie hätten es wissen können. Auf Mängel
auf die Organisationsentscheidung, dass das
und Neuregelungen für den Lehrerrat, die dessen und ideologisch begründete falsche Leitent-
Landesinstitut für Schule und Weiterbildung in
Wahl betrafen und ihm personalvertretungsrecht- scheidungen hat nicht nur die GEW NRW in
Soest im Januar 2007 aufgelöst wurde, so wird den damaligen Anhörungen verwiesen. Den
liche Aufgaben zuwiesen – jeweils zu finden
deutlich, wie umfassend die Reparaturliste war. Preis dafür nicht zuzuhören, zahlen manchmal
im zweiten Schulrechtsänderungsgesetz vom
27. Juni 2006. Bereits 2008 wurden die Rege- Korrektur hat viel zu lange gedauert die Parteien. Den Preis für schlechte Schulpoli-
lungen korrigiert, die den Lehrerrat betrafen, tik und häufige Korrekturen zahlen immer die
Zentrales schulpolitisches Thema im Landtags-
die Bestellung der SchulleiterInnen hingegen AkteurInnen in den Schulen. //
wahlkampf 2017 wird eine weitere schwarz-gelbe
erst 2015, also neun Jahre später. Reformmaßnahme aus dem Jahr 2006 sein:
Deutlich länger ist die Liste der verfassungs- die damalige Neuregelung der Schulzeitver- Michael Schulte
konformen Leitentscheidungen, die jedoch kürzung. Schon das rot-grüne Schulgesetz vom Geschäftsführer der GEW NRW
korrigiert werden mussten, weil sie sich als 15. Februar 2005 führte zentrale Prüfungen
schulpolitisch falsch oder realitätsfern erwiesen. ein und verkürzte die Schulzeit. CDU und FDP
Zu nennen sind hier Regelungen im Schulgesetz jedoch wollten ein Alleinstellungsmerkmal fürnds 9-2016 15
WeltlehrerInnentag 2016
Valuing Teachers,
Improving their Status
870.000 LehrerInnen arbeiten an den öffentlichen und
privaten Schulen in Deutschland – sie haben eine beson-
dere Verantwortung für die Erziehung und Bildung unserer
Kinder. Ihnen zu danken und ihre Arbeit zu würdigen, ist
Aufgabe des WeltlehrerInnentages, der seit 1994 jeweils
am 5. Oktober rund um den Globus begangen wird. In
Foto: David-W- / photocase.de
diesem Jahr steht die Wertschätzung für diejenigen Lehr-
kräfte im Fokus, die in Bildungseinrichtungen außerhalb
der Schulpflicht arbeiten.
Diese weltweite Würdigung des LehrerInnen- gungssicherheit auch das Recht auf Entlohnung Arbeitsbedingungen an den
berufs geht auf einen Beschluss der UNESCO, im Krankheitsfall sowie das Recht auf einen öffentlichen Dienst anpassen!
der Internationalen Arbeitsorganisation und bezahlten Urlaub. So unterhält beispielsweise Die beschriebene Lage verdeutlicht einen
der Bildungsinternationale im Gedenken an das renommierte Goethe-Institut neben zahl- dringenden Handlungsbedarf der politischen
die 1964 angenommene „Charta zum Status reichen Auslandsinstituten 13 Einrichtungen AkteurInnen, die Lage der Lehrkräfte auch au-
der Lehrerinnen und Lehrer“ zurück. im Inland, die insbesondere Kurse in „Deutsch ßerhalb der Schulpflicht entsprechend dem
Die Bildungsinternationale ruft dazu auf, als Fremdsprache“ anbieten – 80 Prozent dieser Motto des Weltlehrertages „Valuing Teachers,
mit Veranstaltungen und Aktionen zum Welt- Kurse werden von Honorarlehrkräften bestrit- Improving their Status“ zu verbessern, denn
lehrerInnentag auf die besondere Bedeutung ten. Der mittlere Lohn der hauptberuflichen auch sie leisten bedeutsame Beiträge für die
des Lehrberufs für die individuelle und gesell- Honorarkräfte in der öffentlich finanzierten individuelle und gesellschaftliche Entwicklung.
schaftliche Entwicklung hinzuweisen und den allgemeinen Weiterbildung, beispielsweise in Die GEW hat mit ihrer Strategie „Gute Arbeit
Lehrkräften die notwendige Unterstützung zu- den im Auftrag des Bundesamts für Migration in der Weiterbildung“ hier eine richtungs-
kommen zu lassen. In diesem Jahr lautet das und Flüchtlinge durchgeführten Integrations- weisende Entscheidung getroffen. Nun muss
Motto „Valuing Teachers, Improving their Status“. kursen, liegt laut jüngeren Untersuchungen die öffentliche Hand als Auftraggeber und
zwischen 1.250,- und 1.750,- Euro und damit im Finanzier sicherstellen, dass das Bildungsperso-
Weiterbildung und Hochschulen:
einkommensprekären Bereich – und dies bei einer nal mit dem öffentlichen Dienst vergleichbare
Prekäre Beschäftigung beenden!
akademischen Qualifikation als Voraussetzung. Beschäftigungsbedingungen findet. //
Als Mitgliedsgewerkschaft der Bildungsinter- Besonders betroffen sind unter anderem die
nationale beteiligt sich die GEW regelmäßig am Bereiche Deutsch als Zweit- und Fremdsprache
WeltlehrerInnentag und den Aktivitäten zum und die Integrationskurse. Dort beträgt der An- www. GEW NRW: aktuelle Infos und Materialien
5. Oktober. Für die GEW ist es auch ein beson- teil der von Einkommensprekarität betroffenen rund um den Arbeitsplatz Weiterbildung
deres Anliegen, darauf aufmerksam zu machen, „FreiberuflerInnen“ mehr als drei Viertel, die www.gew-nrw.de/weiterbildung
dass neben den LehrerInnen an allgemein- und Altersarmut ist bereits vorprogrammiert. Bereits www. GEW: Dossier „Arbeitsbedingungen in der
berufsbildenden Schulen eine große Gruppe von im Jahr 2012 hatte die GEW festgestellt, dass Weiterbildung“
www.gew.de/weiterbildung/arbeitsbedin-
Lehrkräften in Bildungseinrichtungen außerhalb 125.000 Honorarlehrkräfte sich in einer prekären gungen
der Schulpflicht – zu oft äußerst problematischen Lage befinden, diese Anzahl hat sich bis heute www. GEW NRW: aktuelle Infos und Materialien
Bedingungen – arbeitet. Hierzu gehören die deutlich erhöht. Etwa 80 Prozent der hauptbe- rund um den Arbeitsplatz Hochschule und
knapp 700.000 Beschäftigten im Weiterbildungs- ruflichen Honorarkräfte sind übrigens Frauen. Forschung
sektor. Durchschnittlich 57 Prozent des bei den www.gew-nrw.de/hochschule
Ähnlich betroffen sind die Lehrbeauftragten
22.000 Bildungsträgern eingesetzten Personals an Hochschulen, deren Zahl von knapp 51.000
– also knapp 400.000 Personen – sind heute im Jahr 2002 auf jüngst knapp 99.000 gestiegen Ansgar Klinger
Honorarlehrkräfte, an den Volkshochschulen ist. In einer großen Zahl von Fällen bestreiten Mitglied im geschäftsführenden
Vorstand der GEW
beträgt ihr Anteil sogar 87 Prozent! diese Personen hauptberuflich ihren Lebensun-
Sie müssen ihre soziale Absicherung selbst terhalt aus den Lehraufträgen mit allen daraus
bestreiten, ihnen fehlen neben einer Beschäfti- resultierenden Problemen.Sie können auch lesen