Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol

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Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol
darstellendes                                                 Österreichische Post AG

spiel
                                                                  MZ 02Z0300004 M
                                  Theater Verband Tirol, Stadlweg 25, 6020 Innsbruck

Nr. 03 | 2020

                                  Bühnen in der

Interviews                        Knirschzone
Besprechungen
Informationen

                Kultursommer im Zeughaus
Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol
Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol
Editorial
              Liebe
Theaterkolleginnen und -kollegen!

Ich behaupte jetzt einmal, dass Menschen dazu neigen,
einen ständigen Zustand des Friedens schaffen zu wollen.

Dieses Streben kann trügerisch sein. Kann es doch wie jede
Sehnsucht für Machtinteressen missbraucht werden. Was
tun wir nicht alles, um des Friedens willen - selbst Kriege
führen!
Nun, da gibt es aber, von den meisten unbemerkt, doch ein
paar vernunftbegabte Menschen und die hören nicht auf,                               überdenken könnte. Eine aufregende, spannende, innovati-
sich was zu überlegen. Wie kann man beispielsweise Grup-                             ve, aber auch gefährliche Zeit. Das hängt von den richtigen
pen von Menschen friedlich durch einen gemeinsamem Ent-                              Entscheidungen und Machtverhältnissen ab und von der
scheidungsprozess führen? Dabei setze ich völlig weltfremd                           Gewissheit, dass nicht nach jedem Aufbruch automatisch
voraus, dass es tatsächlich eines „GEMEINSAMEN“ Ent-                                 die Welt untergeht. Sie steht nämlich noch.
scheidungsprozesses bedarf, der nicht unbedingt mit dem                              Für uns, meine lieben Theaterliebhaber*innen, könnten das
Pseudonym „Demokratie“ zu tun haben muss.                                            interessante Zeiten sein. Wenn wir die verantwortlichen Ent-
Reden wir also miteinander, wenn es von einer alten Nor-                             scheidungsträger in die Pflicht nehmen, wenn sie uns an ih-
malität (Friedenszustand) zu einer neuen kommen soll. Sie                            ren Überlegungen teilhaben lassen, wenn sie weltoffen und
erkennen den ironischen Unterton? Ja? Gemeinsam darü-                                nicht kleinhäuslerisch und eindimensional denken könnten.
ber reden?                                                                           Erinnern wir sie ständig daran. Sie sind ja auch verständli-
                                                                                     cherweise überfordert.
Wenn man sich in dieser Phase befindet, dann spricht man                             Wir müssen mehr oder weniger sinnvolle Vorschriften ein-
von Emergenz: eine chaotische Phase zwischen zwei Zu-                                halten. Tun wir das. Aber: SPIELEN WIR! Denken wir uns
ständen, die etwas Neues hervorbringen kann. Auch ge-                                etwas Neues aus. Lassen wir das Alte nicht alt aussehen.
nannt: „KNIRSCHZONE“!                                                                Übernehmen wir Initiative. Jetzt ist die Zeit.
Da befinden wir uns gerade. Das ist die Zeit, in der Neues                           Das Theater hat was zu sagen!
entstehen könnte. Das ist die Zeit, in der man Überholtes                            				                                   Euer Thomas Gassner

Impressum:
Medieninhaber, Herausgeber und Verleger: Theater Verband Tirol, Stadlweg 25, 6020 Innsbruck,
www.theaterverbandtirol.at; thomas@theaterverbandtirol.at
Redaktion, graphische Gestaltung: Thomas Gassner, Redaktionsmitarbeit: Almud Magis, Stephanie Larcher-Senn, Benjamin Nicolussi Castellan, Julia
Jenewein und Sarah Milena Rendel
Titelfoto: Theater Quartier B2; Foto-Editoral: Arnold Weißenbach
Druck: Gutenberg/Werbering; Auflage: 4.000 Stück
Blattrichtung: Das Theatermagazin „Darstellendes Spiel“ ist eine unabhängige und kostenlose Zeitung des Theater Verbands Tirol und erscheint viermal jähr-
lich. Kein Teil des Magazins darf in irgendeiner Form ohne schriftliche Genehmigung des Verbands reproduziert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Für eventuelle Fehler wird nicht gehaftet. Für zur Verfügung gestellte Fotos, Texte usw. liegt das Copyright beim Auftraggeber.
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                                                                                                                                    darstellendes spiel | 3
Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol
MIT SPITZER

                                                        Inhalt
01            mit spitzer feder
              Bericht zum Thema                                     06   abgespielt
                                                                         besprechungen

              - Kultursommer im Zeughaus                                 - theater praesent/club luciver
                                                                           „Bukowski spricht mit Bukowski“

02            mit rosaroter brille
              interviews zum thema                                       - Theaterverein Stumm
                                                                           „Da Hochstandjosef“
              - Interview mit Tom Hosch
              - Interview mit Nuran Yildirim-Bauschke                    - Die Kulissenschieber/Ehrwald
                                                                           „Die Lügenglocke“

03            nah & fern
              berichte aus den bezirken                                  - Generationentheater diemonopol
                                                                           „Sechs Schauspieler suchen einen Autor“
              - Theaterverein Rietz
              - Theaterverein Thaur                                      - Volksbühne Mayrhofen
              - Theaterverein Ischgl                                       „Zum Teufel mit der Hölle“
              - Theatergruppe Außervillgraten
                                                                         - Soliarts/Kostnix
                                                                           „!FEAR!“

04            Dies & DAS
              allerlei
                                                                         - Steudltenn
              - „Warten Sie bitte, Ihr Leben steht auf dem Spiel“         „Der Hausverstand und die
                Dialog von Benjamin Nicolussi Castellan                    Eigenverantwortung“

                                                                         - Die Volkskantine

05            KURZ & BÜNDIG
              Berichte vom Verband
                                                                           „Die Dreigroschenoper“

                                                                         - Theatergruppe Stans
              - Hartwig Ladner
                                                                           „Nacht, Mutter“
               Neuer Bezirksobmann/Landeck
              - Infos aus dem Büro                                       - Theater in der Arche Noe
              - Buchtipps:                                                 „Eine Mitsommernacht“
               „Die Odysse der Drehbuchschreiber“
               „Erste Hilfe für die Künstlerseele“                       - Theater Serfaus
              - „Kind“ Projektporträt                                      „Serfauser Erbe“
              - Projekt Kultursommer im Zeughaus
              - Volksbühnenpreisgewinner 2020                            - theater praesent
                                                                           „Etwas kommt mir bekannt vor“

4 | darstellendes spiel
Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol
FEDER

 Kultursommer im Zeughaus
          „           DEN MENSCHEN MÖGLICHES                                                          „
 Ein Gespräch mit den beiden Mitorganisatorinnen des Kultursommers im Zeug-
  haus Sarah Milena Rendel und Stephanie Larcher-Senn. Erstmalig wurde dort
    nämlich vor der „Kino unter Sternen“-Zeit auch intensiv Theater gespielt:
 24 Vorstellungen, 15 Bühnen bzw. Künstlergruppen haben vom 3. - 22. Juli A.C.
                 (Anno Coronicus) die Zeughausbühne bespielt.

E
              s war so wichtig und gut.   Erliegen zu kommen, bis findige Geister   Umso erfreulicher war es, dass im April
              Mit diesen einfachen Wor-   anfingen, aus der Not eine Tugend zu      die Anfrage einer Kuratorin des Zeug-
              ten beschrieb einer der     machen und sich der Vorzüge moder-        hauses kam, ob das BogenTheater das
              Helfer beim Kultursommer    ner Kommunikationsmittel besannen.        alte Arsenal mit seinem großen Innen-
im Zeughaus das Projekt. Und wenn man     Autorinnen konnten natürlich weiter-      hof bespielen wolle. Eine einmalige Sa-
Stephanie Larcher-Senns und Sarah Mi-     schreiben und Organisatorinnen den        che, meinte Stephanie zunächst, doch
lena Rendels Ausführungen zuhört, so      auferlegten Stopp zum Durchatmen          beim ersten Treffen kurze Zeit später
scheint der Kultursommer ein Testament    nutzen, aber die Bühnen blieben leer      kam heraus, dass es sich um einen
für die Fähigkeit der Menschen zu sein,   und das bis zum Sommer, dem regu-         Großteil des Julis handelte, der bespielt
gerade in schwierigen Situationen über    lären Saisonende der meisten freien       werden sollte. Nun schien ein Gegen-
sich hinauszuwachsen, zusammenzuar-       Bühnen, wie dem Bogentheater. Es          programm zum Nichtspielen möglich
beiten und etwas Schönes zu schaffen.     herrschte große Unsicherheit und das      und nachdem klar war, dass auch das
                                          ewige Warten auf die Politik, die sich    Open-Air-Kino stattfinden würde, war
                                          schließlich Ende Mai mit der wenig aus-   der Kultursommer fix.
„Kulturelle Veranstaltungen werden        sagekräftige Meldung, man könne sich      Sarah war die erste, die von Stephanie
historisch strenger behandelt als         Kultur schon noch vorstellen, einbrach-   in ihr Organisationsteam geholte wurde,
beispielsweise die Gastronomie.“          te, machte wenig Mut. Kultur, selbst in   dann noch weitere. In ihrer Tätigkeit als
Sarah Milena Rendel                       ihren kleinsten sozialen Ausformungen,    Obfrau für den Bezirk Innsbruck- Stadt
                                          wie etwa dem Ausgehen, ist wichtig.       beim Theater Verband Tirol begann
Die Lage, in die uns die SARS Covid-19                                              Stephanie, Mitgliedsbühnen und -verei-
Pandemie Anfang des Jahres brachte,       „Sonst könnten wir uns alle gleich        ne einzuladen. Der Rest des Teams be-
war katastrophal. Für einen Moment        in die Matrix einspeisen lassen.“         gann entsprechend seiner Expertisen
schien der Kulturbetrieb gänzlich zum     Stephanie Larcher-Senn                    und Interessen zu arbeiten, und das

                                                                                                     darstellendes spiel | 5
Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol
MIT ROSA-

Projekt nahm immer konkretere Gestalt          vor Beginn der Aufführungen passierte.      szene bewirkt werden. Mehr Open-Air,
an. Die größten Sorgen bereitete den           Und schließlich zeigten sich viele der      mehr Sommertheater. Trotz möglicher
Organisatorinnen die terminliche Ein-          Mitglieder des Bogentheaters hilfsbereit    Kollision mit der Urlaubsplanung vieler.
teilung, da sie hier mit einer Vielzahl an     und übernahmen jeden Abend Dienste          Um Neues zu etablieren, muss man Ver-
Wünschen umzugehen hatten, und die             wie die Desinfektion aller Tische und       antwortung übernehmen, aber auch den
Finanzierung, da die Anträge nur mehr          Stühle, Säuberung der Toiletten, Kas-       Mut aufbringen, es zu versuchen. Be
recht kurzfristig gestellt werden konn-        sendienst und Platzanweisung, um den        more punk. Beim ersten Kultursommer
ten. Aber so nervenaufreibend manche           Reigen aus Kinderstücken, Kabarett,         im Zeughaus hat es jedenfalls funktio-
Situationen auch waren, die Sarah und          Lustspielen, Improtheater, Politischem      niert.
Stephanie beschrieben, so sehr schie-          Theater etc. real werden zu lassen.
nen alle Beteiligten an der Umsetzung          Stephanie Larcher-Senn: „Es war ein         Das Gespräch mit Sarah Milena Rendel
des Kultursommers interessiert zu sein,        richtig cooles Projekt, und ich bin stolz   und Stephanie Larcher-Senn führte Ben-
sodass viele Ensembles schließlich doch        und froh, dass wir das gemacht haben.“      jamin Nicolussi Castellan
zu anderen Terminen Zeit fanden und die
Mühlen der Bürokratie schneller mahl-          Sie habe Angst vor dem Ende gehabt,
ten. Die Veranstaltungstechnikfirma x-fa-      sagt Sarah. Aber für sie und Stephanie      Weitere Infos zu diesem Projekt könnt Ihr
de kam ihnen entgegen, indem sie ihnen         ist klar, dass es kein Ende ist, sondern    unter „Dies & Das“ lesen.
mit der Auftragserteilung Zeit ließ, bis die   ein Anfang. Ein Verein soll gegründet
Finanzierung bewilligt war, was erst kurz      werden. Ein Umdenken in der Theater-

                                                                                                                      Foto: privat

(Das Organisationsteam: Alexander Alscher, Johannes Schmid, Sarah Milena Rendel, Stephanie Larcher-Senn
und Michèle „Mika“ Jost.)

6 | darstellendes spiel
Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol
ROTER BRILLE

       MIT ROSAROTER BRILLE
                       Knirschzonen-Interviews
                                                Tom Hosch
                          Tontechnik und Veranstaltungsservice

M
                     it Tom Hosch verbin-     abgestaubt werden muss. Der neue
                     det mich mittlerweile    Verein „Volkskantine“, der diesen Som-
                     eine jahrzehntelan-      mer die große Produktion „Die Dreigro-
                     ge     Freundschaft,     schenoper“ am Innsbrucker Mentlberg
begonnen im Bierstindl als künstleri-         produziert hat, mit fast ausschließlich
sche Jungspunde, über viele Höhen             freiberuflichen Künstler*innen, hat das
und Tiefen hinweg. Und Tom Hosch ist          Riesenloch ein wenig gefüllt. Auch eini-
ein Theaterbegeisterter. Die Szene hat-       ge Initiativen der Gemeinden Telfs und
te nie viel Geld, aber auf ihn war immer      Innsbruck. Deshalb war Juli/August gar
Verlass. So vieles wäre, ohne sein Entge-     nicht so schlecht. Gar nicht so schlecht
genkommen und seine Unterstützung,            bedeutet 20% vom normalen Umsatz.
nicht möglich gewesen. Nun hat es mich        Trotzdem großen Dank an alle, die Ini-
selbstverständlich interessiert, wie es       tiative gezeigt und an uns gedacht ha-
ihm geht, wo doch seine Branche auf           ben!
Live-Auftritte angewiesen ist. Ein emoti-
onales Gespräch, wo es nicht mehr nur         Wie siehst du die aktuelle Situati-
um das Stattfinden von Kunst und Kultur       on?
geht, sondern um Existenz, Verlust und        Momentan fließt jeder Cent, und das
                                                                                          Foto: privat
Durchhaltevermögen.                           sind wenige, in die Firma, in die Fixkos-
                                              ten. Privatleben ist derzeit nicht finan-
Für unsere Leser*innen:                       zierbar. Die wenigen Einnahmen des
Eine Kurzvorstellung?                         Sommers zögern die Sache nur hin-           Wir werden kämpfen wie
Tom Hosch mein Name. Meine Firma              aus. Die Prognose für Herbst/Winter ist

                                                                                                                     „
                                                                                          die Löwen, dass wir das
besteht seit 23 Jahren, vorher war ich        auch nicht rosig. Gerade eben haben
                                                                                          betrieblich    überleben,
als freier Techniker unterwegs. Bierstindl,   wir „Sprachsalz“, das Haller Literatur-
Tiroler Volksschauspiele (unser größ-         festival, hinter uns gebracht, das nur      denn aufgeben tut man ei-
tes Theaterengagement), Klangspuren           digital veranstaltet wurde. Eine neue       nen Brief.
Schwaz, Treibhaus, Utopia. Seit 1997          Erfahrung, aber überhaupt nicht unser
habe ich eigenes, hochtechnisches             Kerngeschäft, dann gibt’s hoffentlich
Equipment mit Verleih und Betreuung,          noch zwei Konzerte im Zeughaus und
das jetzt herumsteht und ab und zu            das „Heart of Noise“-Festival. Danach

                                                                                                         darstellendes spiel | 7
Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol
MIT SPITZER

ist Sense! Niemand bucht etwas, bzw.          hören. Ich hatte eine gut geführte Firma.    eine oder andere Kleinigkeit gibt, damit
alles andere wurde abgesagt.                  Ich brauchte nie und brauche auch jetzt      ich meine laufenden Kosten halbwegs
                                              keine Hilfe. Was ich brauche ist „Scha-      finanzieren kann, vielleicht bekomme ich
Was ist der Worst Case für deine Fir-         denersatz“! Das wäre das richtige Wort!      einen Teil über den völlig unberechen-
ma?                                           Die öffentlich hinausposaunten Milliar-      baren Fixkostenzuschuss und vielleicht
Wir haben seit März nur minimalen Um-         den Hilfszahlungen werden sicherlich         geht’s im Frühjahr wieder weiter. Viele
satz. Das deckt nicht einmal die Fixkos-      ausgegeben, aber definitiv nicht an          Vielleichts, wenn man bedenkt, dass es
ten. Innerhalb von drei Monaten musste        Kleinbetriebe. Im meinem Fall reden wir      da um Existenzen geht.
ich ca. € 30.000,-- Fixkosten berappen,       von € 1.000,--, die ich bis jetzt bekom-
ohne nennenswerte Gesamteinnah-               men habe. Und das mit unfassbarer            Kannst du dem ganzen irgendwas
men. Wahrscheinlich werden es Mini-           Bürokratie. Dieses Geld hätte ich gleich     positives abgewinnen?
mum sechs Monate ohne Einnahmen.              bei meinem Steuerberater lassen kön-         Ja.
Dann wären wir bei fast einem Jahr. Man       nen. Das ganze Desaster um die Fix-
braucht Ersparnisse auf, die für die na-      kostenzuschüsse erspar ich dir jetzt.        Tatsächlich?
hende Pension gedacht gewesen wä-             Generell kann man diesbezüglich mit          Ich erkenne einen starken Zusammen-
ren. Wenn auch das fertig ist, kommt das      ein paar Almosen rechnen.                    halt in der Szene. Und es gibt immer
nächste Problem. Eine Firmenauflösung                                                      wieder Einzelne, die den Mut haben
muss man sich leisten können. Wir ha-         Wie siehst du in die Zukunft?                trotzdem etwas zu veranstalten. Ich er-
ben 500 qm vollgestopft mit momentan          Das Schlimme ist, dass nichts planbar        lebe unglaubliche Geschichten von So-
weltweit unverkäuflichem technischem          ist. Alles ändert sich ständig kurzfris-     lidarität in meiner Heimatgemeinde. Der
Equipment. Der Verkehrswert ist bei null.     tig und man weiß nicht, wie lange das        Verein „Telfs lebt“ zum Beispiel, auch
Auch unsere Mitarbeiter hängen völlig in      geht. Als Einzelunternehmer muss ich         Stammkunden, die auf Rabatte verzich-
der Luft.                                     unbedingt eine Insolvenz vermeiden,          tet haben. Es leben viele mit und kapie-
                                              weil ich natürlich mit meinem Privat-        ren, wie es uns geht.
Wie sieht es denn mit den Hilfszah-           vermögen hafte, und somit auch das
lungen aus?                                   Familienhäusl auf dem Spiel steht. Wir       Danke für das Gespräch und alles, alles
Ich will nichts mehr von „Hilfsleistungen“    hoffen, dass es im Winter vielleicht die     Gute für die nächste Zeit!
                                                                                           Das Interview führte Thomas Gassner

                            Nuran Yildirim-Bauschke
                                            Obfrau von AnaTIROLia
        Anatolisch/Mesopotamische Kunst und Kultur der Jugend in Tirol

A
               naTIROLia mit ihrer Pro-      möchte hier einen Beitrag leisten und        fen. Wie hat sich das für dich ange-
               duktion „Sehnsucht“ hat       ein subjektives Interview mit der Obfrau     fühlt?
               der Lockdown einen            und Leiterin des Vereins führen.             Zu Beginn dachte ich mir nichts dabei.
               Strich durch die Proben-                                                   „Wird schon!“, „Abwarten!“, „Geduld!“
zeit gemacht. Auch die Umsetzung des         Dich bzw. das aktuelle Projekt von           usw., waren die größten Gedanken. Dann
Projekts ist durch die Pandemie und          AnaTIROLia, bei dem ich als Ko-              genieß ich einfach mal das Zusammen-
deren Präventionsmaßnahmen ver-              operationsverein mit Soliarts dabei          sein mit meiner Familie!
kompliziert. Mein Verein Soliarts bzw.       sein kann, hat der Lockdown ja un-           Nach zwei Wochen dann überrannte
ich als Mitarbeiterin bei diesem Projekt,    mittelbar in der Probenzeit getrof-          mich die Realität! Die Proben, die Organi-

8 | darstellendes spiel
Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol
FEDER

sation und die Planung in einer Produk-    Was ist im Winter? Wie wird sich das
tion fehlten mir sehr stark. Es war ein    Ganze entwickeln? Wird es wieder ei-
seltsames Gefühl der Leere, die mich       nen Lockdown geben???
überkam. Ich glaube, so muss sich          Diese Ungewissheit ist extrem nervig,
die erste Phase der Demenz anfühlen        aber nicht zu ändern!
… Plötzlich wirkte jeder weitere Tag
so unwirklich. Ich vergaß viele Dinge,
konnte mich kaum sortieren, geschwei-      Wie sieht die Zukunft auch neben
ge denn, klar denken – als ob man mir      der Produktion für AnaTIROLia
Brei in den Kopf gegossen hat. Ideen       aus?
zu haben, ist das eine, aber diese Ideen   Darüber denke ich schon seit Monaten
auch zu formen und ihnen Leben einzu-      nach.
hauchen, etwas völlig anderes. Mir war     Finanziell? Ändert sich kaum etwas!
so, als ob man mir die göttliche Kraft     AnaTIROLia hat zum Glück einen Mini-
der Schöpfung entzogen hätte, die ich      satz an laufenden Kosten, da wir kei-
zur Erschaffung des Lebens auf einer       ne festen Räumlichkeiten haben. Wir
Bühne brauche.                             kleinen Vereine werden ohnehin schon
Alles war weg!                             klein gehalten, damit andere Vereine,
Dementsprechend dann mein Denk-            die den Fördergebern sinnvoller er-
prozess, der entwicklungspsycholo-         scheinen, auch mehr Geld bekommen
                                                                                      Foto: privat
gisch plötzlich auf das minimalste redu-   können. Ja, ich sage es laut! Wer weiß
ziert wurde.                               schon, welche Gründe dahinter liegen?!
                                           Klar könnte ich in die Opferrolle gehen

                                                                                                                  „
                                           und sagen, wir sind halt ein Verein, der
Weil wir ja acht Spieler*innen bei         von Frauen mit Migrationshintergrund       Mit Anpassung hatten wir
„Sehnsucht“ haben, sind wir mit            geführt wird. Die Angst vor uns muss       aber auch nie wirklich Pro-
vielen Herausforderungen konfron-          ganz schön groß sein …. *lach*. Oder       bleme, nicht wahr ….
tiert. Aber auch mit Lösungen. Wie         ich könnte einfach sagen, wen juckt es?
hat sich das Projekt im Vergleich          Ich sage, wen es tatsächlich juckt! Die
zu der Zeit vor der Pandemie ent-          Jugendlichen und die Frauen, die ge-
wickelt?                                   hört und gesehen werden wollen. In-
Das Projekt? Wir müssen komplett neu       authentische Integrations-Projekte sind
umstrukturieren!                           halt beliebter.                            jekt ein wunderschöner Landesstem-
Wie sollte man schon ein Projekt schaf-    Aber, das sind sicherlich alles nur Spe-   pel aufgedrückt wird? Türke? Kurde?
fen können, welches die selben Inhalte     kulationen ….                              Tscherkese? Und und und ….
beibehalten soll, aber sich an den ge-     Menschlich gesehen, geht sehr viel         Wie gesagt, wir werden eh klein gehal-
gebenen IST-Zustand anpasst?               verloren. Das erste Mal konnte eine        ten.
Doppelte Arbeit! Was sonst?                Gruppe mit Migrationshintergrund ihre      Dank der IST-Situation werden wir halt
Nun müssen wir das Ganze neu aufzie-       Geschichten in deutscher Sprache auf       unsere Strategie ändern müssen. Mit
hen. Die Spieler*Innen sind auch unge-     die Bühne bringen. Ich rede nicht von      Anpassung hatten wir aber auch nie
duldig, teilweise haben sie resigniert.    Klischeethemen, wie Rassismus oder         wirklich Probleme, nicht wahr ….
Ob sich daraus etwas Besseres oder         die Fluchterfahrung. Hier geht es um
Schlechteres ergibt, werden wir dann       das Bewusstsein, erkennen zu dürfen,       Danke für das Gespräch :)
sehen. Schlimmer ist jedoch der Ge-        dass einheimische Familienstrukturen
danke, nicht zu wissen, ob wir die um-     sich kaum bis gar nicht von anderen        Das Interview führte
strukturierte Fassung auch überhaupt       unterscheiden. Oder wird es wichtiger      Sarah Milena Rendel
auf die Bühne bringen werden können?!      oder unwichtiger, wenn einem Pro-

                                                                                                     darstellendes spiel | 9
Spiel - Kultursommer im Zeughaus - Theater Verband Tirol
Nah & Fern

                                      NAH & FERN
                    Berichte aus den Bezirken

       Theaterverein                                   Theater seit 250 Jahren!
           Rietz
                                           In Rietz gibt es eine lange Tradition des Theaterspielens: Erste
             imst                          Aufzeichnungen gab es 1749. Der Verein in der heutigen Form
                                                            existiert auch schon seit 1898!

I
     n Rietz wird seit 1898 Theater
                                                                                                            Foto: TV Rietz
     gespielt. Damals wie heute waren
     und sind die Menschen sowohl
     als Mitwirkende als auch als Zu-
schauer gefesselt von dem Darstellen-
den Spiel.

Was unseren Verein ausmacht, ist das
fein-sensible Miteinander von Alt und
Jung, von traditionell bis modern.
Ein jeder kann und soll sich selbst und
seine Ideen einbringen.
So kann es leicht sein, dass ein Spie-
ler mal schnell Regiearbeit macht, oder
ein Bühnenbauer zum Spieler wird - bei
                                            (Der theaterverein Rietz beim Vereinsausflug in London.)
uns ist alles erlaubt!
Neues schreckt uns nicht ab, sondern        Theatergruppe.                                        haben, zum Erfolg wird. Belohnt wer-
fordert uns!                                Natürlich prägen auch die manchmal                    den wir dann mit einem lachenden, ju-
                                            vorkommenden feucht-fröhlichen The-                   belnden, weinenden, applaudierenden
Für ein gutes Theaterklima sorgen na-       aterproben, sowie die unbeschreiblich                 Publikum, das uns in Rietz treu besucht
türlich auch unsere tollen Ausflüge, die    knisternde Atmosphäre von Spannung                    und immer wieder für ausverkaufte Säle
alle zwei Jahre stattfinden. So konnten     und Nervosität vor einer jeden Auffüh-                sorgt.
wir uns in der Vergangenheit schon ei-      rung unseren Verein.
nige Metropolen der Welt anschauen:         Die Zeit der Proben und der Aufführung                Wenn der ganze Trubel dann erst wie-
London, Mailand, Barcelona, Amster-         ist für uns Spieler und Mitwirkende im-               der hinter uns liegt, schätzen wir umso
dam, Hamburg, Berlin - um nur einige        mer besonders intensiv, da kann man                   mehr die Ruhe und Entspanntheit, bis
zu nennen.                                  schon mal mehr Zeit auf der Bühne als                 es das nächste Mal heißt: „Theater
Jede Stadt und jedes Miteinander            zu Hause verbringen.                                  g’spielt weart“!
bringt neue Kreativität und ein Gefühl      Umso mehr freuen wir uns dann, wenn
der Zusammengehörigkeit in unsere           das Stück, für das alle hart gearbeitet               Euer Theaterverein Rietz

10 | darstellendes spiel
Nah & fern

                     Jahrhunderte alte                                                               Theaterverein
                      Theatertradition                                                                  Thaur

Den Verein stützen fast 300 Miglieder. Nur so ist es möglich,
 auch regelmäßig eine so inspirierende Freilicht-Bühne wie die
                                                                                                     IBK-Land
             Thaurer-Schlossruine zu bespielen.

Theater hat in Thaur lange Tradition              uns schon mit Stolz. Wir können auf 85   gisseurinnen und Regisseure, die immer
Unglaublich, aber wahr: Im Museum                 Produktionen mit rund 400 Vorstellun-    wieder ganze Arbeit leisten.“
Ferdinandeum befinden sich vergilbte              gen erfolgreich zurückblicken.“          Spielstätte der Extraklasse
Urkunden, aus denen hervorgeht, dass              Vom Märchen bis Faust                    „Wir spielen alle zwei Jahre abwech-
in Thaur schon Ende des 17. bis Mitte             „Unsere Produktionen umfassten Ein-      selnd im Kultursaal ´Altes Gericht´ und
des 18. Jahrhunderts sogenannte Mys-              akter, Märchen, Weihnachtsspiele,        seit 2001 auch auf einer Spielstätte der
terienspiele aufgeführt wurden.                   Lustspiele, Schwänke, klassische Ko-     Extraklasse, der Thaurer Schlossruine“,
Schauen wir nicht so lange zurück                 mödien und ernste Stücke“, so Norz.      sagt Norz. „Danke an den Erfinder der
… und widmen uns der Gegenwart,                   „Also eine breite, herausfordernde Pa-   Schlossspiele, Reiner Bachor. Bei den
beziehungsweise den letzten 40 Jah-               lette. Und alles mit sehr engagierten    inzwischen über die Dorfgrenzen hinaus
ren. Am 31. Mai 1979 wurde der Thea-              Laien. Kleine Ausnahmen gab es bei       bekannten ‚Thaurer Schlossspielen‘ ha-
terverein Thaur unter dem Obmann Ing.             der Besetzung unserer Regisseure.        ben wir immer auf Klassiker gesetzt. Und
Josef Giner gegründet. „Inzwischen                Kammerschauspieler Helmut Wlasak         die Zahlen geben uns recht. Wir durften
umfasst unser Verein knapp 300 Mit-               begleitete uns über Jahre, wovon wir     uns bereits über 21.000 Besucherinnen
glieder. Davon über 60 Spielerinnen und           gewaltig profitierten. Auch Regisseur    und Besucher freuen. Danke!“
Spieler“, sagt Obmann Romed Norz.                 Elmar Drexel konnten wir mehrfach
„2019 konnten wir unser 40-jähriges               verpflichten. Nicht zu vergessen unse-   Euer Theaterverein Thaur
Bestandsjubiläum feiern. Und das erfüllt          re hervorragenden, vereinseigenen Re-    (www.theaterverein-thaur.at)

Ensemble TV Thaur; Applaus von „Harold & Maude“
                                                                                                               Foto: Peter Hölbling

                                                                                                          darstellendes spiel | 11
Nah & Fern

       Theaterverein                      Jedem Ende wohnt ein Anfang inne
          Ischgl                          Der Theaterverein Ischgl wurde vor 37 Jahren von ambitionierten The-
                                          aterbegeisterten ins Leben gerufen und umfasst heute rund 30 Mit-
       landeck                            glieder. Regisseur, Schauspieler und Gründungsmitglied Paul Zangerl
                                          übergibt die Spielleitung nun nach beinahe vier erfolgreichen Dekaden
                                                                      an Sissi Jehle.

Z
              angerl zeichnet ge-       auch hinter der Bühne ihr Bestes.                                              Foto: TV Ischgl
              meinsam mit seinem        So werden Bühnenbild, Requisite,
              Ausschuss und dem         Licht- und Tontechnik und vieles
              Ensemble für unzäh-       mehr in Eigenregie gemeistert.
lige Highlights verantwortlich. So
schafften es humoristische Stücke       Neben Paul Zangerl hat sich der
wie „Die drei Eisbären“, „Die pfiffi-   Ausschuss rund um die bisherige
ge Urschl“, „Der Brandner Kaspar“       Obfrau Margreth Cimarolli zum Teil
und „Der siebte Bua“ ebenso auf         neu aufgestellt. „Paul, Margreth und
den abwechslungsreichen Spielplan       der gesamte Ausschuss hinterlas-
wie „Die Siebtelbauern“ oder Max        sen große Fußstapfen. Wir sind aber
Frischs Klassiker „Biedermann und       sehr engagiert und werden versu-
die Brandstifter“. Auch Märchen wie     chen, diese in ihrem Sinne gebüh-
„Schneewittchen“ und „Zwerg Nase“       rend auszufüllen. Selbstverständlich
wurden gekonnt in Szene gesetzt.        hoffen wir, dass uns alle Funktionä-
Selbst die Auseinandersetzung mit       re auch weiterhin als Spieler*innen
der eigenen Geschichte wagen die        die Treue halten werden. Außerdem
Ischgler Theaterleuten immer wie-       freuen wir uns sehr darüber, dass ei-
der. So geschehen beispielsweise        nige bisherige Ausschussmitglieder
bei den Stücken „Die Schwaben-          ihre Funktionen auch weiterhin aus-
kinder“ oder „Herr Steffele und der     führen werden“, so Daniela Stenico,
Kampf der Paznauner Frauen am           frischgebackene Theaterobfrau. Ak-
Giggler Tobel“. Gespielt wird vorwie-   tuell wird auch schon fleißig nach
gend im Paznauner Dialekt. Sofern       dem nächsten Stück gesucht. „Wir
der Stoff es erfordert, scheuen die     hoffen, dass wir 2021 wieder mit der
Theaterliebhaber aber auch nicht        Probenarbeit beginnen, und unseren
vor geschliffenerer Sprache zurück.     Zuschauer*innen bald wieder das
Auf der Bühne des Silvrettacenters      eine oder andere Theatererlebnis
hat der Theaterverein Ischgl seine      in Ischgl bieten können“, freut sich
Heimat gefunden. Dennoch wagte          Neo-Regisseurin Sissi Jehle. Und
man sich in der Vergangenheit auch      soviel sei jetzt schon verraten: Es
schon an ausgefallenere Spielorte       darf wohl bald wieder gemeinsam
wie zum Beispiel den Stöckwald bei      mit dem Theaterverein Ischgl herz-
Ischgl, sowie das Schloss Wiesberg      haft gelacht werden.
am Taleingang. Die Vereinsmitglieder
geben aber nicht nur auf, sondern       Theaterverein Ischgl                    (Spielleiter Paul Zangerl in „Die Siebtelbauern“)

12 | darstellendes spiel
Nah & fern

      Umtriebiger Verein in Osttirol                                                             Theatergruppe
                                                                                                 Außervillgraten
Die Theatergruppe Außervillgraten ist nicht nur für seine erfolg-
reichen Aufführungen bekannt. Die Mitglieder lassen sich auch
      bei vielen Bühnen in der erweiterten Region blicken.                                       osttirol
         Ein sympathischer Haufen Theaterbegeisteter!

D
                 ie Theatergruppe Au-      eins und gleichzeitig Spielleiter war      aktive Mitglieder. Besonders freute man
                 ßervillgraten   feierte   Josef Lusser sen. Nach seinem plötz-       sich zuletzt über drei neue, junge Spieler,
                 2018 ihr 70-jähriges      lichen Tod im Jahre 1986 übernahm          die erstmalig mitwirkten.
                 Bestehen und blickt auf   Konrad Ortner bis heute die Leitung.       Unsere Theateraufführungen sehen nicht
eine interessante Geschichte zurück.       Neben Josef Lusser sen. waren Josef        nur Einheimische, sondern sie sind auch
Theater gespielt wurde in Außervillgra-    Told, Margit Bachlechner, Franz Berg-      regional beliebt. 1.700 Besucher*innen
ten schon um 1900. Die Gründung er-        mann und bis heute Josef Lusser jun.       kamen ins Haus Valgrata. Wir besuchen
folgte durch den Lehrer Josef Obbrug-      die Spielleiter.                           gerne die umliegenden Gruppen, jährlich
ger. Jahrzehntelang diente die Veranda     Die größte Herausforderung in der Ge-      an die 40 Aufführungen im gesamten
im Gasthof Einkehr als Bühne und The-      schichte der Theatergruppe war sicher-     Raum Osttirol, Oberkärnten und Südti-
atersaal. Später war der Gasthof Perfler   lich die Aufführung der Hochpusterta-      rol, was sich auch bei den eigenen Auf-
die Heimat der dramatischen Wilderer-      ler Passion im Jahre 1991, die von Dr.     führungen widerspiegelt.
stücke in originellster Form. Während      Egon Kühebacher umgeschrieben wur-         Jedes Jahr unternimmt der Theaterver-
des 1. und 2. Weltkrieges wurden nur       de. Die Idee zur Aufführung hatten der     ein einen Ausflug, der uns letztes Jahr
wenige Stücke aufgeführt. Erst im Jah-     damalige Spielleiter Franz Bergmann,       ins Salzkammergut führte. Heuer muss-
re 1948 wurde die Theatergruppe als        sowie Anton Obbrugger und Konrad           te aufgrund der aktuellen Situation der
Verein geführt und trat dann dem Tiroler   Ortner. 2008 wurde unter der Leitung       traditionelle Ausflug ausfallen, jedoch
Landesverband bei. Einige Zeit spielte     von Josef Lusser jun. dieser Erfolg wie-   wurde ein gemeinsames Mittagessen
man jährlich zwei Stücke, die Aufführu-    derholt.                                   mit gemütlichem Beisammensein veran-
gen fanden in der Weihnachts- und Os-      Viele Jahre lang war eine Abordnung        staltet.
terzeit statt. Durchwegs heitere, aber     der Theatergruppe auch bei den legen-
auch ernstere Stücke wurden im Laufe       dären Sillianer Faschingssitzungen mit     Theatergruppe Außervillgraten
der Jahre dargeboten.                      dabei.                                     www.theatergruppe-ausservillgraten.at
Vermutlich der erste Obmann des Ver-       Momentan zählt der Verein um die 20
                                                                                                             Foto: TG Außervillgraten

                                                                                                      darstellendes spiel | 13
dIES & DAS

    Warten Sie bitte, ihr Leben steht auf dem Spiel
  Benjamin Nicolussi Castellans regelmäßige Dialoggedanken gehen diesmal im Kreis

Ein karger, nur mit einem kleinen           S: Sehr gut. Nur machen Sie nichts,        P: Vage Andeutungen helfen mir nicht!
Tisch, auf dem ein Telefon steht,           das die Lage verschlimmern könnte. Ich     Sie sagen, mein Leben stünde auf dem
möblierter Raum. Eine Person tritt          melde mich wieder bei Ihnen.               Spiel und dass ich warten soll, bis sich
ein. Kurz darauf klingelt das Tele-                                                    die Dinge entspannt haben. Wodurch
fon. Die Person hebt ab.                    P: Nichts da! Klären Sie mich gefälligst   wird mein Leben bedroht? Worauf soll
                                            auf! ... Hallo!?                           ich warten? Worum geht es hier eigent-
Person: Hallo?                                                                         lich?
                                            Die Person legt auf. Irgendwann
Stimme: Warten Sie bitte.                   läutet das Telefon erneut.                 S: Das kann ich Ihnen leider nicht sa-
                                                                                       gen.
P: Mit wem spreche ich? ... Hallo? Wor-     P: Endlich! Wissen Sie, wie lange ich
auf soll ich bitte warten? ... Hallo!?      jetzt warten musste? Ich habe meine        P: Was!?
                                            Zeit auch nicht gestohlen! Erklären Sie
S: Warten Sie bitte. Ihr Leben steht auf    mir endlich, worum es geht!                S: Es ist zum jetzigen Zeitpunkt unge-
dem Spiel.                                                                             wiss, was passieren würde, wenn Sie
                                            S: Warten Sie bitte.                       etwas täten. Deshalb ist es absolut not-
P: Was soll das heißen? Drohen Sie                                                     wendig, dass Sie nichts tun.
mir?                                        P: Den Teufel werde ich tun! Für wen
                                            halten Sie sich, mir zu sagen, was ich     P: Jetzt reicht es! Ich gehe!
S: Nein. Aber wenn Sie jetzt unüberlegt     tun soll! Ich werde sicher nicht warten!
handeln, gefährden Sie nicht nur sich,                                                 S: Tun Sie das nicht. Sie könnten
sondern auch etliche Andere. Tun Sie        S: Es ist zu Ihrer eigenen Sicherheit.     Schuld sein.
einfach nichts.
                                            P: Wie kommen Sie darauf? Ich führe        P: Oder jemand anders!
P: Worum geht es hier?                      ein geregeltes Leben, bin ein unbe-
                                            scholtener Bürger und mir geht es gut,     Die Person legt auf und verlässt
S: Warten Sie. Die Situation wird sich      bis auf den Umstand, dass ich mich mit     den Raum. Kurze Zeit später tritt
bald wieder entspannen.                     Ihnen herumschlagen muss! Wie ver-         eine weitere Person P2 ein. Das Te-
                                            dammt nochmal kommen Sie darauf,           lefon klingelt und sie hebt ab.
P: Sie wollen mich also zur Untätigkeit     meine Sicherheit sei gefährdet?
verdammen, ohne mir zu sagen, wes-                                                     P2: Hallo?
halb? Sonst noch was? Entweder Sie          S: Sie müssen sicher nicht mehr allzu
sagen mir, was los ist, oder ich ... lege   lange warten. Die Lage wird sich bald      Stimme: Warten Sie bitte.
auf!                                        wieder normalisiert haben.
                                                                                       Dunkel

14 | darstellendes spiel
Kurz & Bündig

                              KURZ & BÜNDIG
                          Berichte vom Verband

                            Hartwig Ladner
                    Neuer Bezirksobmann in Landeck

Wie kommst du zu deiner neuen              genauso viel Spaß wie das Theater-
Funktion und wie war dein bisheri-         spielen selbst.
ger Theater-Werdegang?
Jürgen Frommelt, mein Vorgänger, hat       Was hat dich an dieser Aufgabe ge-
sich ja leider entschlossen, nicht mehr    reizt?                                                             Foto: privat

zur Wahl anzutreten.                       Nun ja, ich bin der Meinung, dass es
Ich habe das sehr bedauert, da er in       wichtig ist, im Verband organisiert zu
den letzten drei Jahren sehr gute Arbeit   sein. Es werden wichtige Rahmenbe-
geleistet hat. Ich glaube, es war ihm      dingungen geschaffen und hochwerti-
wichtig, diese Aufgabe in gute Hände       ge Fortbildungen angeboten.
zu legen und so hat er mich gefragt,       Das zu kommunizieren und den Büh-
ob er mich als Wahlvorschlag nennen        nen zu vermitteln sehe ich schon als
darf. Ich wurde dann bei der Bezirks-      eine meiner wichtigen Aufgaben und
versammlung gewählt und hoffe nun,         schließlich kannst du nur etwas be-
dass ich dem in mich gesetzte Vertrau-     wegen, wenn du dich selber mit ein-
en gerecht werde.                          bringst.

Mein Theater-Werdegang beginnt bei         Wo siehst du die größte Herausfor-
der Heimatbühne Strengen. Mein Va-         derung?
ter war einer der Mitbegründer und so      Für alle Bühnen ein Ansprechpartner zu
konnte ich schon mit 16 Jahren Büh-        sein, bei allen Bühnen Präsenz zeigen,
nenluft schnuppern.                        das ist sicher nicht immer einfach. Ich    Ich kann mich noch erinnern

                                                                                                             „
Mich hat dann das Theaterspielen ein-      habe aber eine fantastische Stellver-      wie aufregend ich es fand,
fach nicht mehr losgelassen, und ich       treterin und kann eh nur mein Bestes       wenn mir bekannte erwach-
habe auch begonnen, bei anderen Ver-       geben.                                     sene Menschen in andere
einen oder Projekten mitzuspielen. Von     Es sind schwierige Zeiten, für alle im     Rollen schlüpften ...
2015 bis 2017 habe ich eine Ausbil-        Kulturbereich. Ich sehe mich einfach als
dung zum Kinder- und Jugendtheater-        Bindeglied zwischen den Bühnen und
Spielleiter gemacht und seit dieser Zeit   dem Theater Verband Tirol.
macht mir das Regieführen mindestens

                                                                                                darstellendes spiel | 15
dIES & DAS

                           Was möchtest du dabei bewegen?              Wie schätzt du die Theaterland-
                           Ich glaube, es ist einfach wichtig den      schaft ein?
                           Bühnen zu zeigen, dass der Theater-         Vielschichtig! Wir haben im Bezirk ex-
                           verband eine Institution ist, die einiges   trem kreative Bühnen. In den letzten
                           leistet und es ausgezeichnete Fortbil-      Jahren sind einige großartige Produk-
                           dungen gibt. Im Bezirk selbst möchte        tionen gezeigt worden. Es ist wirklich
                           ich die Vernetzung der einzelnen Büh-       alles dabei. Mich freut auch besonders,
                           nen fördern. Ich glaube, man könnte         dass einige Bühnen tolle Jugendar-
                           sich gegenseitig viel mehr unterstützen,    beit leisten. Generell kann man schon
                           mit Know-how, mit Technik oder auch         sagen, dass die Ansprüche der Thea-
                           mal mit Spieler/innen.                      termacher an sich selbst und auch die
                                                                       Ansprüche des Publikums größer ge-
                           Wie war dein erster Kontakt mit             worden sind.
                           Theater?
                           Wie schon erwähnt, hatte ich das große      Welches Lob möchtest du dem
                           Glück, schon als Kind bei Proben dabei      Theater Verband machen?
                           sein zu können.                             Auf jeden Fall ein Lob für die extrem
                           Ich kann mich noch erinnern, wie auf-       hochwertigen Aus-und Fortbildungen,
                           regend ich es fand, wenn mir bekannte       die angeboten werden.
                           erwachsene Menschen in andere Rol-          Auch die viele Arbeit im Hintergrund,
                           len schlüpften und natürlich auch die       die jetzt nicht unmittelbar sichtbar ist,
                           Aufregung und das Lampenfieber kurz         kann ruhig mal gelobt werden.
                           vor einer Premiere.
                                                                       Welche Kritik hast du an den Thea-
                           Gibt es eine Theaterproduktion, die         ter Verband?
                           dich geprägt hat und warum?                 Ich hätte lieber einen Wunsch an den
                           Im Jahr 2004 habe ich im Rahmen der         Theater Verband. Gerade jetzt mit Co-
                           13. Arlberger-Kulturtage im Fluchtstol-     vid-19 ist es für alle Bühnen eine gro-
                           len des Arlbergtunnels „Heim“ von Fe-       ße Herausforderung Veranstaltungen
                           lix Mitterer gespielt. Dort habe ich das    zu planen. Ich würde mir vom Verband
                           erste Mal mit einem Theaterpädagogen        wünschen, dass es immer klare Emp-
                           gearbeitet und das hat mich schon ge-       fehlungen gibt, wie mit den aktuellen
                           prägt. Die Art und Weise, wie die Rol-      Verordnungen umzugehen ist.
                           len erarbeitet wurden, war etwas völlig
                           Neues für mich und hat mir gezeigt, wie     Unter welches Motto würdest du
                           vielschichtig und diffizil so eine Figur    deine Aufgabe im TVT für dich stel-
                           sein kann und manchmal sein muss.           len und warum?
                           Auch den McMurphy in „Einer flog über       Wege entstehen dadurch, dass wir sie
                           das Kukuksnest“ spielen zu können,          gehen (Franz Kafka).
                           war eine wirklich großartige Erfahrung.     Ich bitte einfach alle Theatermacher im
                           Ansonsten ist natürlich immer das ak-       Bezirk, diesen neuen Weg gemeinsam
                           tuelle Projekt das schönste und wich-       mit mir entstehen zu lassen, und dann
                           tigste.                                     schauen wir, wo er uns hinführt.

16 | darstellendes spiel
Kurz & Bündig

                     INFOS AUS DEM BÜRO

      Figurentheaterfestival Schwaz                            1.      COVID-19 Infos
            19.11. - 22.11.2020                                Bitte informiert euch auf unserer website unter „Aktuel-
Donnerstag 19. Nov.,                                           les“. Da sich die Situation ständig ändert, macht es na-
15:00 / SZentrum Schwaz Knappensaal (ab 4 Jahren)              türlich keinen Sinn, in einem Quartalsheft zu berichten!
„Ein Baum geht durch den Wald“ – GundBerg Figurentheater
20:00 / SZentrum Schwaz Knappensaal (für Erwachsene)
„Agathe Notnagl & Herr Nachbar: Eine Frau bricht durch“ –      2.      Volksbühnenpreis 2021
GundBerg Figurentheater

Freitag 20. Nov., Bischöfliches Gymnasium Paulinum             Die neuen Bedingungen könnt ihr ebenfalls unter
(ab 14 Jahren)                                                 „Aktuelles“ nachlesen.
10:00 (geschlossene Vorstellung)
20:00 (öffentliche Aufführung)
„Wenn du einmal groß bist“ – Figurentheater Pantaleon          Natürlich könnt ihr uns während der Bürozeiten
15:00 / Franziskanerkloster / Mariensaal (ab 3 Jahren)
                                                               gerne anrufen und euch informieren!
„Der Zaubertopf“ – Figurentheater Namlos

Samstag 21. Nov.
11:00 / Franziskanerkloster / Mariensaal (ab 4 Jahren)
„Wenn Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen“ – Figurentheater   Nur ein Seminar in naher Zukunft
Pantaleon
                                                               Tischfigurenbau mit Gernot Nagelschmied
15:00 / Franziskanerkloster / Mariensaal (ab 4 Jahren)
„Katz und Maus“ – Figurentheater Linde Scheringer
20:00 / Franziskanerkloster / Mariensaal (für Erwachsene)      Das Spiel mit Tischfiguren hat sich in den letzten zwei
„Lovestory“ – Figurentheater Namlos                            Jahrzehnten in der Figurentheaterspieler*innenszene weit
                                                               verbreitet.
Sonntag 22. Nov.                                               Die Figur kann sitzen, gehen & stehen. Das Gerüst kann
11:00 / Franziskanerkloster / Mariensaal (ab 3 Jahren)
                                                               nach Kursende von den Teilnehmer*innen nach persönli-
„Schneeweißchen und Rosenrot“ –
Marionettenbühne Gogolori                                      chem Wunsch ausgestattet werden.
15:00 / Franziskanerkloster / Mariensaal (ab 4 Jahren)
„So ein Zirkus“ – Puppenbühne Zappelfetzn                      Zielgruppe:
                                                               Alle Interessierten mit und ohne Vorkenntnissen.
Kartenreservierung unbedingt erforderlich (ab 2. Nov.)         Wann: Samstag 5. Dezember von 09:00 - 18:30
Online: www.theaterverbandtirol.at/termine                     Wo: Seminarraum Theater Verband Tirol
Telefonisch: 0677 / 61594339
                                                               (Etrichgasse 32, 6020 IBK)
Mo–Do von 8:00–13:00 persönlich
(danach Anrufbeantworter)                                      www.theaterverbandtirol.at/fortbildung/tischfigurenbau

                                                                                              darstellendes spiel | 17
Kurz & Bündig

 BUCHTIPPS FÜR THEATERLIEBHABER
Es gibt was zum Schmökern! Wer Lust hat, ein wenig übers Theater zu erfahren, kann
sich ans Büro wenden. Hier, bei uns im Stadlweg, findest du unzählige Bücher in den
Regalen, die sich mit allen Facetten des Theaters beschäftigen. Zum Ausleihen! Es lohnt
                sich somit ein Besuch. Ein kleiner Hoangascht inklusive!

„Die Odyssee der Drehbuchschreiber, Romanautoren und Dramatiker“
Mythologische Grundmuster der Heldenreise für Schriftsteller
Christopher Vogler
Autorenhaus Verlag (aktuellste Auflage!)
Hollywood-Consultant, Film-Dozent, Autor

C
                  hristopher Vogler ist         es lang ging.                              dimir Propp mit seiner „Morphologie
                  in Hollywood kein Un-         Er erkannte zu diesem Zeitpunkt auch,      des Märchens“ geglückt.)
                  bekannter. Und da             dass alle Geschichten seit Bestehen der    Eine weitere Grundlage für Voglers Werk
                  Hollywood auch nicht          Erzählung (Entstehungsmythen sämtli-       stellt C. G. Jungs Modell der „Archety-
gerade Hintertupfing ist, sollte er ein in-     cher Urvölker) nach einem Muster ablau-    pen“ dar. Wie man ja weiß, sind Arche-
ternationaler Star sein. Nur leider ist er      fen und in etwa dieselben Figuren darin    typen die im kollektiven Unbewussten
das nur für eingefleischte Insider und          vorkommen. Dieses Wissen hat er dem        angesiedelten Urbilder menschlicher
ein paar innovative Business-Consulter,         Urvater der Geschichten-Forschung,         Vorstellungsmuster. Es gibt in jedem
die ja bekanntlich in allen Wissenschaf-        Joseph Campbell, zu verdanken, der         Menschen Erfahrungen aus Urzeiten,
ten wildern. Vielleicht liest ja ein weiterer   das wegweisende Buch „Der Heros            die völlig autonom verankert sind. Zum
Geschichtenerzähler oder eine weite-            in tausend Gestalten“ verfasst hatte.      Beispiel die Erfahrung der Geburt, des
re Geschichtenerzählerin diese Zeilen           In diesem etwas spröder zu lesenden        Todes, der Mutterschaft etc. Wenn man
und lässt sich inspirieren. Ich behaupte        Buch kann man Campbells umwälzen-          es schafft, durch eine Geschichte diese
nämlich, dass jede und jeder, der sich          de Forschung nachlesen. Dieses Werk        Urmuster im Menschen anzusprechen,
mit dem Leben, ob fiktiv oder real, aus-        ist eines der bedeutensten Bücher, die     ist Zuschauer*in, Zuhörer*in, Leser*in
einandersetzt, diese Thematik kennen            jemals geschrieben wurden, wage ich        davon gefesselt, unabhängig vom Bil-
sollte.                                         zu behaupten. Es entschlüsselt den Ge-     dungsstand. Es macht also Sinn, sich
                                                heimcode des Geschichten-Erzählens.        da auszukennen.
Der ursprüngliche Gedanke Voglers               Campbell forschte an Entstehungsmy-
war ja, ein Dramaturgie-Handbuch                then sämtlicher Völker, ob Inuit, ob Ab-   Vogler hat also all dieses Wissen vereint
zu schreiben, das für Normalsterbli-            origini. Er entdeckte Gemeinsamkeiten.     und einen berauschenden Cocktail ge-
che auch verständlich ist. Da hatte er          Einerseits im Erzählstrang, andererseits   mixt. Die Basisforschungen von Camp-
schon einige Jahre als „Script-Doctor“          bei der dramatis personae, den vor-        bell und Jung beziehen sich nämlich
und Story-Analytiker bei Disney in Hol-         kommenden Figuren. (Ähnliches, wenn        nicht nur aufs Geschichten-Erzählen,
lywood auf dem Buckel und wusste, wo            auch nicht ganz so erfolgreich, ist Wla-   sondern auf das Leben. Es betrifft alle

18 | darstellendes spiel
Kurz & Bündig

Menschen! Jede Geschichte nach diesem Muster
spiegelt reales Leben wieder. Natürlich in verschlüs-
selter Form. Deshalb lieben wir es, ohne zu wissen
warum. George Lucas hat seine „Star Wars“ Dreh-
bücher nach Voglers Arbeit geschrieben. Und das
sind immer noch die erfolgreichsten Filme aller Zei-
ten. Aber dies gelingt auch bei romantischen Bezie-
hungsfilmen, Western, Krimis, Komödien usw.

Wenn man Lust hat, kann man nach dem Lesen des
Buches eine beliebige Geschichte hernehmen (Film,
Buch, Märchen, Sage) und sie analysieren. Bingo!
Wenn man noch weiter gehen mag, kann man diese
Aussagen als Selbsterfahrungsanalyse für sein eige-
nes Leben betrachten. Bingo!

Es macht jetzt wenig Sinn, euch den Inhalt hier auf-
zublättern. Vielleicht ein kleiner Vorgeschmack, was
euch bei der Lektüre erwartet.

In jeder erfolgreichen Geschichte gibt es 12 Erzähl-
Stationen. Man kann diese chronologisch erzählen,
oder aber durcheinander, etwa mit Rückblenden.
Nur vorkommen sollten sie, weil unser kollektives
Unbewusste (siehe oben) darauf anschlägt. Der
Held/die Heldin geht also auf eine Reise. Zu Beginn,
ist sie/er in seiner/ihrer gewohnten Welt, bis zur
Rückkehr mit dem Erfahrungsschatz der Gschichte,
die seine ursprüngliche Welt verändert hat. Während
dieser Reise hat es die zentrale Figur (Held/Heldin)
mit weiteren sechs archetypischen Figuren zu tun,
die ebenfalls vorkommen sollten. Zum Beispiel der
Mentor. Es geht gegen den Schatten, der besiegt
werden muss. Im Prinzip sind diese Figuren Persön-      Vertiefende Literatur:
lichkeitsanteile des Helden/der Heldin, die ausgela-
gert in Rollen in der Story vorkommen. Je kreativer     „Der Heros in tausend Gestalten“; Joseph Campbell, insel taschen-
man mit diesen Bausteinen umgeht, desto span-           buch
nender wird es. Es sind wie Noten, die man immer        „Archetypen“; C. G. Jung, dtv
wieder zu einer neuen Melodie zusammensetzt.            „Die Morphologie des Märchens“; Wladimir Propp, Carl Hanser Ver-
                                                        lag (vergriffen)
Ich hoffe, ich habe euch ein wenig Lust gemacht, da     „Mythen, Träume und Mysterien“; Mircea Eliade, Otto Müller Verlag
hineinzublättern.                                       „Märchen, Mythen, Träume“; Erich Fromm, rororo
                                                        „Psychodrama und Soziometrie“; J. L. Moreno; EHP Fachbuch
Euer Thomas Gassner                                     „Die Kraft der Mythen“; Joseph Campbell, Albatros Verlag

                                                                                                 darstellendes spiel | 19
Kurz & Bündig

„Erste Hilfe für die Künstlerseele“
Stressbewältigung, Kommunikation und Konfliktlösung im Kulturbetrieb - Ein Ratgeber
Christina Barandun
Alexander Verlag

W
                      as im ersten Mo-
                      ment Augenrollen
                      oder Schmunzeln
                      auslöst, ist bei nä-
herer Betrachtung eine erschreckend
realitätsnahe Auflistung der Missstände
an großen Theaterhäusern und richtet
sich somit an alle KünstlerInnen, die so
ein riesiger Betrieb beherbergt. Baran-
dun gibt praktische Tipps für das per-
sönliche Wohlbefinden im stressigen
Arbeitsalltag, von Mentaltraining über
Kommunikationsstrategien bis hin zu
Körperarbeit. Ein Aufruf, aktiv verkrus-
tete Strukturen aufzubrechen, um der
künstlerischen Gestaltungskraft wieder
einen geschützten Raum zu geben, frei
von Ängsten, Eitelkeiten, Unsicherhei-
ten und Konfliktscheu.

Die Wolke der kreativen Glückselig-
keit schwebt oft über dem Überleben
in permanenter Überforderung. Große
Bühnen sind gewaltige Wundermaschi-          Wenn Körper und Psyche des Pri-              chenend- und Abenddiensten, fehlen-
nerien, in denen das Mantra „Im The-         vatmenschen als tägliches Arbeits-           den Rückzugsmöglichkeiten, schlechter
ater ist das so“ leider oft zum Freibrief    instrument dienen, sind technische           Bezahlung und „Dienst nach Vorschrift“
für sämtliche Missstände wird. Macht-        Absicherung und gesunde Rahmenbe-            hilft eines sicher nicht weiter: Jammern.
missbrauch, Ausbeutung, Stress, Frust        dingungen unbedingt notwendig. Die           Handlungsmaßstäbe, Selbstwirksam-
und gesundheitliche Schäden sind die         Autorin liefert nützliche Tipps und Tricks   keit, intrinsische Motivation, Austausch
Folgen. Aber das Theater ist es doch,        für ein positives Mindset, sowie Vor-        und Achtsamkeit lauten die Ideale. „An
das die Entmenschlichung der Gesell-         schläge, wie in das Handwerk Theater         sich ist nichts weder gut noch schlimm,
schaft kritisiert! Ein Ort, an dem zwei-     mit seinen unzähligen künstlerischen         das Denken macht es erst dazu“. Ob
hundert Menschen in wenigen Wochen           Anforderungen und Gruppierungen              dies auf Dauer dem Credo „Kunst ist
koordinative, kreative Höchstleistungen      Arbeitsschutz und Gesundheitsma-             schön, macht aber viel Arbeit“ standhal-
unter komplexen Arbeitsstrukturen voll-      nagement einfließen könnten, ohne der        ten kann - einen (Selbst-)Versuch ist es
bringen, muss daher als gutes Beispiel       Kunst im Wege zu stehen. Denn bei            zumindest wert!
vorangehen können, findet die Autorin.       Überstunden, unsozialen Schicht-, Wo-        			Julia Jenewein

20 | darstellendes spiel
Kurz & Bündig

                                                     „KIND“
       Ein Porträt einer außergewöhnlichen Produktion
Man konnte diese Geschichte beim Kultursommer im Zeughaus sehen. Das breite Programm
dieses Mini-Festivals machte es möglich, dieses berührende, einfache und nachdenkliche Werk
       zu erleben. Der Autor und Hauptdarsteller hat uns ein paar Zeilen dazu verfasst.

„Ich war noch nie in einem Kreißsaal.       mussten.                                     Das Stück KIND war geboren.
Ein Ort, wo Leben und Liebe ge-             KIND ist eben nicht nur eine persönli-       Die geplanten Proben und die Urauf-
schenkt wird. Wo aus Frauen Mütter          ches Transkription zwischen Hoffnung         führung im Juli 2020, der weitere Auf-
werden und aus Männern überglück-           und Enttäuschung, sondern bezieht            führungen gefolgt wären, fielen den
liche Väter. Seit ich erwachsen den-        auch ganz klar gesellschaftspolitische       ersten Covidmaßnahmen zum Op-
ken kann, denke ich, wollte ich Vater       Haltung gegen Abschiebungen von              fer. Das Stück landete wieder in der
werden. […]“                                Menschen, die sich nach Schutz und           Schublade. Auf ungewisse Zeit.
                                            Hilfe sehnen. Ihnen ein unbürokratisches     Regisseurin Nuran Yildirim-Bauschke,
Ein Zitat aus meinem Stück KIND, das        Bleiberecht zukommen zu lassen, dafür        die im Stück auch die Rolle von Frau
vielleicht am besten beschreibt, wel-       kämpfe und engagiere ich mich.               übernommen hat, wurde schließlich
ches Bedürfnis dem Stück zugrunde           Der Vorfall einer fremdenpolizeilichen       auf den Kultursommer im Zeughaus
gelegen war. Als Audioeinspielung im        Maßnahme in Vorarlberg, wo BeamtIn-          aufmerksam, wo eine Open-Air-Bühne
Stück zu hören.                             nen nicht davor zurückgescheut sind,         den Kulturschaffenden die Chance bot,
KIND ist ein sehr intimes, autobiographi-   dienstbeflissen bis in den Kreißsaal ein-    trotz Virus Produktionen zur Aufführung
sches Geständnis, das die Geschichte        zudringen und dort Angst und Schre-          bringen zu können.
von Mann erzählt, der seinen innigsten      cken zu verbreiten, war neuerlich An-        Abschließend: Es ist angedacht, das
Wunsch, Vater sein zu dürfen, nicht er-     lass, etwas zu schreiben. Es entstand        Stück KIND wieder aufzunehmen.
füllt bekommen hat. Schlimmer noch!         der „Monolog“, der im 1. Bild zu sehen       Dann, wenn es der Kunst wieder er-
Ein zweites Mal damit abschließen hat       und zu hören ist. Letztlich fügte sich das   laubt sein wird, ihre Kunst auf die Büh-
müssen, nachdem ihm Frau - Zitat: „Ich      intime Leid von Mann mit dem Leid der        ne zu bringen.
möchte Dir ein Kind schenken“, seine        Menschen, welche eine Rückführung zu
große Hoffnung erneut genährt hat.          befürchten haben, textlich zusammen.         Christof Heinz
Drei Jahre später entstand dann der
Text „Die Geschichte von Fabienne“. Ein                                   Foto: privat
fiktiver Dialog mit Frau, der die Absicht
in sich trug, dem ganzen Schmerz ein                                                     „KIND“
versöhnliches Ende zu ermöglichen.                                                       Ein Stück von Christof Heinz
Neben meiner großen Leidenschaft für                                                     Darsteller*innen: Nuran Yildirim-
die Bühne, ob auf oder davor, war es                                                     Bauschke, Christof Heinz
mir immer eine Herzensangelegenheit,                                                     Regie: Nuran Yildirim-Bauschke
für die Menschen dasein zu dürfen. Im                                                    Produktion: AnaTirolia
speziellen für die kleinsten und jüngsten
unserer Gesellschaft, die mit Ihren Müt-
tern und Vätern ihre Heimat verlassen

                                                                                                          darstellendes spiel | 21
Kurz & Bündig

Kultursommer im Zeughaus 2
Dr. Assmann, der Direktor der Tiroler Landesmuseen, und sein Team hatten die geniale
Idee, in diesem Sommer Theater im Zeughaus anzubieten und mit dem BogenTheater
den passenden Kooperationspartner gefunden. Obfrau Stephanie Larcher-Senn scharte
in Windeseile ein motiviertes Organisationsteam um sich und machte sich gleich auf,
Innsbrucks Theatervereine an Bord zu holen. Heraus kam ein buntes Programm über 20
Tage mit 24 Veranstaltungen, davon 4 Kinderstücken und 20 Abendvorstellungen.
                                 Ein kleiner Überblick:

 Foto: privat

„Der Vorname“: BogenTheater               Thomas Gassner bilden seit Langem            Die Geschichte des stadtbekannten
Begonnen hat das Ganze mit der Pre-       schon das Feinripp-Ensemble, mit dem         Riesen für Kinder aufbereitet und ganz
miere von „Der Vorname“. Eine Pro-        sie große Erfolge und tolle Stücke auf       wunderbar erzählt von der Puppenbüh-
duktion des BogenTheaters, die kurz       die verschiedenen Bühnen im deutsch-         ne Tupilak.
nach dem Lockdown Premiere haben          sprachigen Raum bringen. Mit „Shakes-
sollte. Die Inszenierung eröffnete dann   peare reloaded“ – oder fast, „weil sie die   „Kind“: Eine Produktion von
im Zeughaus den Theater-Reigen. Das       Requisiten nicht alle zammdastopselt         AnaTIROLia (siehe Bericht Seite 21)
beliebte Stück wurde vom Ensemble         haben, was nicht die Schuld der Aus-
des BogenTheaters schwungvoll auf die     statterin Andrea Kuprian ist“ bereicher-     „Drei Winter“ Westbahntheater
Bühne gebracht. Die Inszenierung war      ten sie den Kultursommer mit einem           Das Westbahntheater besuchte den
am Punkt. Eine wundervolle Produktion!    fantastisch inszenierten (Susi Weber)        Kultursommer 2020 mit dem bewegen-
                                          und virtuos anmutenden Theaterabend.         den historischen Stück „Drei Winter“,
„Shakespeare – reloaded“:                                                              das eine fast hundertjährige Familien-
Feinripp-Ensemble                         „Der Riese Haymon“: Kinderstück              geschichte mit Rück- und Vorblenden
Bernhard Wolf, Markus Oberrauch und       von der Puppenbühne Tupilak                  in Jugoslawien porträtiert. Luka Ober-

22 | darstellendes spiel
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