Marktmacher - Börse Stuttgart
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Marktmacher
d a s M a g a z i n m i t w e i t b l i c k
starten: Was der neue Anlegerclub der Börse Stuttgart seinen Mitgliedern bietet.
orientieren: Welche Industriezweige den Trend zum smarten Zuhause mitgestalten.
handeln: Wo Chancen und Risiken von höher verzinsten Unternehmensanleihen liegen.
ankommen: Wie Autor Rolf Dobelli die Kunst der klugen Geldanlage beschreibt.
w w w . b o e r s e - s t u t tga r t . d e a p r i l 2015
2020
VERNETZTES WOHNEN
ist für die meisten Menschen in den Industrie-
ländern Alltag. Am Smart Home bauen viele
Branchen mit – an deren Wachstumsaussichten
können auch Anleger teilhaben.editorial
Liebe Leserin,
starten
4–5 ZAHLEN & FAKTEN
Lieber Leser,
Prognose zum Ölpreis – Russlands Devisen-
reserven schrumpfen – Welche Finanzlektüre
als Privatanlegerbörse möch- sich lohnt – Aktienbesitz rückläufig – Stabiles
ten wir Ihnen Orientierung Handelsvolumen in Stuttgart – Neuer Anleger-
und Know-how bieten – als club startet – Trading-Experte Simon Betschinger
Unterstützung für ein selbst- über den Umgang mit Fehlern.
bestimmtes Agieren an den
Finanzmärkten. Entspre-
chend setzt unser Magazin
„Marktmacher“ auf interes-
orientieren
sante Markteinblicke und fundierte Informationen. 6–13 ZUKUNFTSTREND
Deshalb freue ich mich, mit dieser Ausgabe den Staf- 2020 – Das Zuhause ist smart vernetzt
felstab von Christoph Lammersdorf, dem Vorsitzenden Die meisten Haushalte in den Industrieländern
der Geschäftsführung der Börse Stuttgart, zu überneh- nutzen intelligent verknüpfte Geräte. Der neue
men, der im April 2015 seine Tätigkeit beendet und Massenmarkt birgt Chancen für viele Branchen:
seinen Ruhestand antritt. Ich bin seit 1. März 2015 Gefragt sind Lösungen mit Mehrwert.
Vorstand der Vereinigung Baden-Württembergische
Wertpapierbörse e.V., der Muttergesellschaft der 14–15 INTERVIEW
Gruppe Börse Stuttgart. Ich schätze es sehr, dass die XING-Gründer und Investor Lars Hinrichs
Vermittlung von Finanzwissen am Börsenplatz Stuttg- Warum das Smart Home bald Wirklichkeit wird
art seit jeher einen hohen Stellenwert besitzt – und wie und welchen Komfort das vernetzte Wohnen im
Herrn Lammersdorf liegt mir das Thema Anlegerbil- Alltag bringt.
dung sehr am Herzen.
16–17 INVESTMENTHINTERGRUND
Diese Ausgabe von „Marktmacher“ beleuchtet Mögliche Ansätze für Privatanleger
einen Trend, der in den nächsten Jahren weiter an Ob Energieversorger oder Internetfirma:
Fahrt gewinnen dürfte: Das vernetzte Wohnen setzt Kleine und große Unternehmen in aller Welt
sich durch – mit intelligent verknüpften Geräten und positionieren sich mit ihrem Know-how, um
individuell gesteuert per Smartphone. Unterschied- sich im Smart-Home-Bereich durchzusetzen.
liche Branchen bringen sich dabei als Innovationstrei-
ber in Stellung. Doch noch ist nicht ausgemacht, wer
die maßgeblichen Standards für den neu entstehenden
Massenmarkt setzen wird. Deshalb kann es nicht nur
handeln
für Verbraucher, sondern auch für Anleger interessant 18–20 SOCIAL-MEDIA-MONITORING
sein, sich mit der Entwicklung hin zum Smart Home zu Spüren, was den Markt bewegt
beschäftigen. Wie DAX-Werte in sozialen Medien beurteilt
werden, zeigt der Social Sentiment der Börse
Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen Stuttgart. Trends sind so früh erkennbar.
bei der Lektüre.
21 KURS VS. PERFORMANCE
Die richtige Formel
Manche Aktienindizes berücksichtigen
Dividenden, andere nicht. Für Anleger ist
Dr. Michael Völter dies ein kleiner, aber feiner Unterschied.
Vorstand der Vereinigung
Baden-Württembergische Wertpapierbörse e.V.
Cover Montage: Image Source/Getty Images
Foto links: Börse Stuttgart
Foto rechts: Luis Alvarez/Getty Images
2 marktmacher 01/2015inhalt
22–23 FINANZTRANSAKTIONSSTEUER
Neue Last für Privatanleger?
Deutschland und zehn andere EU-Staaten
nehmen einen weiteren Anlauf, um Wertpapier-
geschäfte zu besteuern – die Details sind offen.
24–26 CORPORATE BONDS
Den Blick weiten
Auf der Suche nach höheren Zinsen nehmen
Anleger Unternehmensanleihen ins Visier.
Je nach Ausgestaltung der Papiere sind
spezifische Chancen und Risiken zu beachten.
ankommen
28–30 PRIVATANLEGERINNEN
Was Frauen wollen
Sicherheit ist für viele Anlegerinnen
wichtiger als Rendite. Manchmal indes kann
zuviel Risikoscheu auch hinderlich sein.
31 ESSAY
Einen Augenblick, Herr Völter
Der Vorstand der Vereinigung
Baden-Württembergische Wertpapierbörse e.V.
über den Privatanleger der Zukunft.
32 Pro & contra
Negativzinsen sind bald normal
und ein Signal für Privatanlege
ZUKUNFTstrend Asoka Wöhrmann, Deutsche Asset & Wealth
6–13
Management, diskutiert mit Dorothea Mohn
vom Verbraucherzentrale Bundesverband.
33 INTERVIEW
„Über Geld spricht man nicht. Oder doch,
Herr Dobelli?“
Der Schweizer Bestsellerautor über kluge
Per Smartphone Anlageentscheidungen, Verlustaversion und den
richtigen Umgang mit „Mr. Market“.
das Zuhause steuern 34 NACHGEFRAGT
Leserfrage & Impressum
Alle eingehenden Antworten nehmen an der
2020 können Bewohner intelligenter Häuser nicht nur Verlosung teil. Zu gewinnen gibt es ein iPad Air.
Temperatur oder Beleuchtung via App regeln. Alle
Geräte sind vernetzt und kommunizieren miteinander.
Das Smart Home schafft viele Annehmlichkeiten – und
ein Wachstumsfeld für unterschiedliche Industriezweige.
marktmacher 01/2015 3starten
Wohin der Ölpreis in US-Dollar je Barrel
Entwicklung von März 2014 bis Februar 2015
Ölpreis steuert
$
110
100
Der Ölpreis hat sich zwischen Ende Januar und Mitte März 2015 90
erholt: Für die Sorte Brent legte er um 17 Prozent auf rund 57
80
US-Dollar je Barrel zu. Eugen Weinberg, Leiter Rohstoff-Analyse der
Commerzbank, erwartet aufgrund eines erhöhten Angebots auf dem 70
Markt, dass der Ölpreis im Jahresverlauf zunächst wieder auf 50
60
US-Dollar fällt, bis Ende 2015 dann aber rasch auf 75 US-Dollar
steigt. Der durchschnittliche Preis pro Barrel dürfte 2015 seiner 50
Einschätzung nach bei 61 Dollar liegen – nach 100 Dollar im Jahr Mär Mai Jul Sep Nov Jan
zuvor. Auch für 2016 rechnet Rohstoffexperte Weinberg mit einer
Quelle: Börse Stuttgart
weiteren Erholung: Öl könnte dann 80 Dollar pro Barrel kosten.
Um 88.960.000.000 US-Dollar
SIND DIE DEVISENRESERVEN RUSSLANDS 2014 geschrumpft. Der Grund: Die russische Notenbank hat Rubel aufgekauft,
um den Wertverfall der eigenen Währung zu stoppen. Dieser spiegelte die Krise der russischen Wirtschaft wieder, die unter
niedrigen Öl- und Gaspreisen, aber auch unter den Sanktionen des Westens zu leiden hatte.
RÜCKSCHLAG FÜR DIE AKTIENKULTUR LESESTOFF FÜR
Der DAX hat 2014 neue Höchststände erreicht – doch in derselben Zeit hat die PRIVATANLEGER
Zahl der Aktienbesitzer in Deutschland abgenommen. Laut Deutschem Aktienin- Ob es nun um „die besten Anlagestrate-
stitut DAI sank die Zahl der Bürger, die Aktien oder Anteile an Aktienfonds gien der Welt“ geht oder um „Power-
besitzen, im vergangenen Jahr um eine halbe Million auf 8,4 Millionen. Aus Sicht tools für die technische Analyse“: In der
des Geschäftsführenden Vorstands des DAI, Christine Bortenlänger, ist das ein Bücherecke auf der Internetseite der
„herber Rückschlag“ für die Aktienkultur hierzulande. Die längerfristigen Folgen Börse Stuttgart finden Privatanleger
macht sie an einem Beispiel fest: Hätten Privatanleger seit 2001 nur jeden eine kompakte Auswahl an lesens-
vierten Euro, den sie Jahr für Jahr in Bankeinlagen steckten, in Aktien investiert, werter Literatur zu Börsen- und Finanz-
wäre das Geldvermögen aller Deutschen heute um 106 Milliarden Euro größer. themen. Zusammengestellt und ergänzt
werden die Lesetipps von den Experten
Kein Boom bei Aktien der Kundenbetreuung der Börse Stuttg-
Zahl der Aktionäre und Aktienfondsanleger 2014 in Deutschland. art, die täglich von 8 bis 22 Uhr die
Fragen von Privatanlegern beantworten.
Nur Fondsbesitz 4,3 Mio.
Nur direkter Aktienbesitz 2,5 Mio.
Aktien- und Fondsbesitz 1,7 Mio. Mehr Details zur Bücherecke:
@ www.boerse-stuttgart.de/buecherecke
Quelle: DAI 0 1 2 3 4 5
4 marktmacher 01/2015starten
Auf 87,8 Milliarden Drei Fragen an …
Euro belief sich 2014
der Orderbuchumsatz
an der Börse Stutt- Simon Betschinger,
Trading-Experte
von TraderFox.
gart. Ende des Jah-
res waren neun DAX-
Konzerne zusammen
genau so viel wert.
1. Was ist beim Trading zu beachten?
Trading folgt anderen Gesetzen als klassische
Aktienanlage. Wer mit Trading beginnt, sollte vor
allem Verluste begrenzen können. Viele Neu-
Privatanleger haben in Stuttgart im linge schaffen das nicht, sondern jagen Boom-
letzten Jahr Wertpapiere für rund 87,8 märkten nach und machen bei Rückschlägen auf
Milliarden Euro gehandelt – Aktien, einmal eine längerfristige Anlage aus dem
verbriefte Derivate, Anleihen, Fonds Trade. Gute Trader haben dagegen nie Positi-
und Exchange Traded Products. Das onen mit mehr als 10 Prozent Minus im Depot,
Handelsvolumen blieb 2014 gegenüber weil davor immer eine Absicherung greift.
dem Vorjahr stabil und entsprach der
Marktkapitalisierung der Unternehmen 2. Was sollte ein Trader sonst noch mitbringen?
Beiersdorf, Commerzbank, Heidelberg- Erstens sollte man sich Fehler eingestehen
Cement, Infineon, K+S, Lanxess, können. Denn als Trader hat man sein Schicksal
Lufthansa, Merck und ThyssenKrupp selbst in der Hand. Die Verantwortung für
am Ende des Börsenjahres. Misserfolge auf äußere Umstände zu schieben
wird mit weiteren Verlusten bestraft. Zweitens
ist Geduld entscheidend. Viele Strategien lassen
sich im Börsenzyklus nur alle paar Jahre umset-
Anlegerclub geht an den Start zen. Erfolgreiche Trader warten hier den rich-
Bei Fragen zum Wertpapierhandel ist die Börse Stuttgart ein kompe- tigen Zeitpunkt ab.
tenter Ansprechpartner für Anleger. Nun steht Interessierten eine neue
Plattform offen – der Börse Stuttgart Anlegerclub. Nach kostenfreier 3. Wo liegen die größten Fehler?
Anmeldung erhalten die Clubmitglieder exklusive Informationen, etwa in Anleger lernen nicht von Vorbildern. Etwa von
regelmäßigen Marktnewslettern, Expertenvideos und Webinaren. Zudem Warren Buffett, der eine einfache Strategie hat:
Fotos: (c) Börse Stuttgart AG, Traderfox
bietet der Club Vergünstigungen für Börsenseminare oder Zugang zu Er kauft Aktien marktführender Unternehmen,
speziellen Events. Auf die ersten 1.000 Mitglieder wartet zudem ein und zwar bevorzugt in Crashphasen. Aber wer
Gutscheincode im Wert von 129 Euro für den €uro Investor, ein onlineba- macht sich das Leben schon so einfach, wenn im
siertes Lernprogramm mit zertifizierter Abschlussprüfung. Boom die Zukunftsaussichten rosarot erschei-
nen? Der größte Fehler ist daher aus meiner
Sicht, nicht nach Rücksetzern von Hochs zu
Informationen und kostenlose Anmeldung:
@ www.anlegerclub.de investieren, sondern dann, wenn die Märkte
bereits über Jahre haussiert haben.
marktmacher 01/2015 5orientieren orientieren Analyse: Was Häuser künftig intelligent macht S. 6–13 Interview: Wer die Innovationstreiber beim Smart Home sind S. 14 –15 Strategie: Wie Anleger auf den Trend eingehen können S. 16 –17 6 marktmacher 01/2015
2020
DAS ZUHAUSE
IST SMART
VERNETZT
In den Haushalten der Industrie-
staaten werden intelligent verknüpfte
Geräte zum Standard. Smart Home
sorgt für Komfort – und öffnet einen
neuen Massenmarkt.
von nando sommerfeldt und Holger Zschäpitz
Die Autoren sind Redakteure der „WELT“ und „WELT am SONNTAG“
N
ormalerweise müsste er schon längst am Kühl-
schrank gewesen sein. Susanne Knuth* blickt fra-
gend auf ihr Smartphone. Die 47-jährige Berlinerin
kennt sein Verhaltensmuster genau. Es ist halb zehn
Uhr vormittags - und keine Spur von ihrem Vater.
Der wohnt 580 Kilometer weit weg in der bayrischen Provinz. Der
85-Jährige lebt allein in seinem Haus. Er ist zwar noch gut zu Fuß.
Dennoch haben er und seine Tochter ein Überwachungssystem
installieren lassen – es zeichnet sozusagen die digitale Spur des
Rentners im Alltag nach. Geht er etwa an den Kühlschrank, wird
das Signal des eingebauten Sensors im Internet gespeichert. Stellt
er die Kaffeemaschine an, erfährt auch Susanne Knuth in Berlin
davon.
NOCH IST DAS HAUS des hochbetagten Pensionärs nur ein Test-
ballon. Ein deutscher Energiekonzern spielt hier auf 156 Quadrat-
metern die Zukunft des Wohnens durch – und verspricht sich so
viel davon, dass die Details noch geheim gehalten werden. Vor der
offiziellen Präsentation heißt es lediglich, das Thema sei zu wichtig
für einen Schnellschuss.
*Name geändert
3D-Grafik: Andreas Schiebel/dieKLEINERT.de marktmacher 01/2015 7orientieren
Der Kühlschrank lässt
sich via Touchscreen
steuern und zeigt an,
wenn etwas fehlt.
Vom Energieversorger bis zum Telekomkonzern, erklärt Hinrichs. Das ändert sich
@
vom Softwareanbieter bis zum Elektronikriesen: Alle jetzt (s. Interview auf Seite 14).
stehen in den Startlöchern für das nächste große Links Das intelligente Haus ist in
„Ding“. Vor acht Jahren begannen Smartphones den zum Thema: den westlichen Industrienationen
Alltag der Menschen weltweit komplett umzukrem- schon lange ein Thema – bislang
peln. Eine milliardenschwere Industrie entstand, von jedoch vor allem für gut situierte
Geräteherstellern bis zu App-Schmieden. Technik-Fans. Nur wer sich bei
einem Neubau ein sogenanntes
Nun wird die nächste Stufe der smarten Revoluti- Befragung zum intelligent Bus-System und einen zentralen
vernetzten Haus
on gezündet. Nachdem das Smartphone aus dem Le- http://bit.ly/
Hauscomputer im Wert von rund
ben der Menschen nicht mehr wegzudenken ist, wird DeloitteStudieSmartHome 30.000 Euro leisten konnte und
es auch zur Steuereinheit der eigenen vier Wände. Das wollte, hatte die Möglichkeit,
Smartphone schafft das Smart Home – die intelligente seine elektronischen und elektri-
Vernetzung verschiedener Geräte und deren zentrale schen Geräte zentral zu steuern.
Steuerung und Überwachung. Die Software lässt sich
per Update einer App auf dem aktuellen Stand halten. KÜNFTIG SOLL DAS Smart Home
Smarte Chancen für
verschiedene Industrien
mitdenken. Der US-Ökonom und
„IN ZUKUNFT WERDEN ALLE DINGE miteinander kom- http://bit.ly/ Soziologe Jeremy Rifkin spricht
CapgeminiAnalyse
munizieren und damit intelligent“, sagt Lars Hinrichs, von der dritten industriellen Re-
Foto: Getty Images
XING-Gründer und Internet-Investor. „Bislang war ein volution, wenn künftig jedes Gerät
Haus nur so schlau wie sein Programmierer. Sollte und Ding mit einem Sensor aus-
es etwas Neues lernen oder können, musste ein IT- gestattet ist und damit kommu-
Spezialist gerufen werden und Regeln neu festlegen“, nizieren kann. Seine Vision bleibt
8 marktmacher 01/2015orientieren
nicht beim intelligenten Heim stehen. Schon in weni- Espresso wünscht und die Mu-
Hype-
gen Jahren würden sich Billionen solcher Sensoren sikanlage, dass ein bestimmtes
Zyklus
zu einem weltumspannenden Netzwerk verbinden, in Frühstücksradio gespielt wer-
dem dann auch die intelligente Wohnung aufgeht. Der den muss. Die Kommunikation
Für die Analyse
Wissenschaftler beobachtet schon heute, dass Firmen zwischen den Geräten soll dabei
der Erfolgsaus-
entsprechend „neue Geschäftsmodelle und Dienstlei- sichten neuer
über ein spezielles Protokoll
stungen in ihr bestehendes Portfolio“ einbauen. Technologien erfolgen – vergleichbar dem
Die Technologie-Analysten von Gartner sagen 13,2 wie Smart Home Austausch zwischen Computern
Milliarden vernetzte Geräte allein im Wohnbereich für hat sich in den im World Wide Web. Doch für das
letzten 20 Jah-
das Jahr 2020 voraus. Strategy Analytics erwartet ein Smart Home muss ein solcher
ren der soge-
weltweites Marktvolumen von 115 Milliarden US-Dol- nannte Hype-Zy-
Kommunikationsstandard noch
lar für Smart-Home-Technologie. (s. Seite 12: "Das klus bewährt. Er gefunden werden. Bislang sind
Smart Home bietet vielfältige Lösungen"). macht sichtbar, Lösungen verschiedener Her-
welche Phasen steller nicht kompatibel, unter-
der öffentlichen
DER GESAMTMARKT für vernetzte Geräte – inklusive schiedliche Ansätze konkurrieren
Aufmerksam-
Smartphones, intelligenten Maschinen und Cloud- keit eine neue
miteinander. Seine Stärken kann
Speichern im Internet – dürfte nach Berechnungen Technologie bei das intelligente Zuhause jedoch
der Universität im finnischen Jyväskylä in fünf Jahren ihrer Einführung nur ausspielen, wenn die Ver-
1,8 Billionen US-Dollar schwer sein. Wer es schafft, durchläuft. ständigung zwischen allen Gerä-
Diese folgen
seine Smart-Home-Anwendungen in diesen Kontext ten funktioniert. Deshalb ist eine
einem Muster:
einzubetten, kann sich ein Stück des Kuchens sichern. Nach einem
Standardisierung der zweite Trei-
Drei Entwicklungen werden das Wachstum technologischen ber der smarten Zeitenwende.
fördern. Erstens dürften die Preise für Sensoren, Durchbruch
netzwerkfähige Kameras und Datenspeicher in den steigt das öffent- Doch Smart Home muss für
liche Interesse.
nächsten Jahren fallen. Seit jeher konnte sich eine seinen Durchbruch nicht nur
Auf Euphorie
Technologie erst dann zum Massenmarkt entwickeln, folgt Ernüch-
günstiger und durch Standards
wenn die Kosten dafür überschaubar werden. Gart- terung, bevor definiert werden. „Mindestens
ner-Analyst Peter Middleton rechnet damit, dass die sich langfristig genauso wichtig ist, dass der
Preise für smarte Hardware bis 2020 so weit sinken, der wahre Wert Verbraucher die neuen Mög-
der Innovation
dass sich die Wohnungseinrichtung mit Sensoren und lichkeiten und den Komfort als
herauskristalli-
Konnektoren ausstatten lässt. Alle Geräte besitzen siert.
unverzichtbar betrachtet“, sagt
dann die Fähigkeit, Daten zu erfassen, zu kommuni- Tobias Struck, Technologiedi-
zieren und daraus Schlüsse zu ziehen. rektor beim Energieversorger
Wemag. Ein wirksames Argument
SO MELDET DER TOASTER, wenn er in Betrieb ge- könnte beispielsweise größere
nommen wird. Dank der vorhandenen Nutzerdaten Energieeffizienz sein. Weltweit
weiß die Kaffeemaschine, wenn morgens vor acht Uhr entfällt auf die privaten Haushalte
getoastet wird, dass der Bewohner einen doppelten rund ein Drittel des gesamten
Stromverbrauchs, entsprechend
hoch sind die Einsparpotenziale.
»SENSOREN KNÜPFEN EIN Laut einer Analyse des Mischkon-
NETZ UM DIE WELT, IN DEM zerns ABB lassen sich die Ener-
giekosten durch ein mitdenken-
AUCH INTELLIGENTE des Haus um 40 Prozent senken.
WOHNUNGEN AUFGEHEN.«
Foto: laif
„Der Nutzer muss letztlich
Jeremy Rifkin, US-Ökonom und Soziologe das Gefühl haben, dass er für
marktmacher 01/2015 9orientieren
30 Euro im Monat etwas bekommt, das er unbedingt
braucht”, sagt Struck. Er spielt damit auch auf den
sogenannten Smartphone-Effekt an. Als Mitte 2007
das erste Gerät auf den Markt kam, galt es als Luxus-
artikel. Viele Verbraucher waren nicht bereit, 600 Euro
dafür auszugeben. Schließlich waren sie es gewohnt,
ihr klassisches Mobiltelefon praktisch geschenkt zu
bekommen. Echten Zusatznutzen bot das neuartige
Gerät damals noch nicht.
Die ersten Smartphone-Käufer wollten sich vor
allem damit schmücken. Doch dank vieler Applikati-
onen, genannt Apps, wurde schnell offenbar, dass die
neuen Geräte viel mehr waren als Mobiltelefone, mit
denen man gut online gehen kann. Plötzlich erschien
es Kunden vollkommen gerechtfertigt, 600 Euro für
ein Smartphone zu bezahlen – der Mehrwert war da.
Viele Verbraucher haben inzwischen das Gefühl, dass
es ohne Smartphone gar nicht mehr geht. So soll es
auch beim Smart Home werden.
NATÜRLICH IST ES SCHON heute praktisch, wenn sich tische Steuerung der Geräte
die Waschmaschine in dem Moment einschaltet, wenn als unmittelbare Erhöhung des
draußen die Sonne scheint und die Fotovoltaik-Anlage Lebenskomforts erleben. Gute
Chancen haben auch Anbieter von
Sicherheitstechnik. Für intelli-
800.000.000
gente Warn- und Alarmsysteme
existiert schon jetzt konkrete
Nachfrage.
Bis 2020 sollen weltweit 800 Millionen
DOCH DAS IST ERST der Anfang.
Smart Meter im Einsatz sein. Diese Gibt es im Jahr 2020 die von Gart-
intelligenten Energiezähler helfen im ner prognostizierten 13,2 Milli-
vernetzten Haushalt, gezielt Strom arden vernetzten Smart-Home-
Geräte, hätte sich das Volumen
zu sparen.
in fünf Jahren mehr als vervier-
facht. Angesichts dieses Potenzi-
als greifen viele Unternehmen die
den selbst produzierten Strom einspeist. „Doch allein
deshalb wird sich niemand für ein Smart-Home-Paket
entscheiden“, erklärt Energieexperte Struck. “Erst »VIELE UNTERNEHMEN
KÖNNEN SICH UNMITTEL-
Fotos: Deloitte, Getty Images
wenn Waschmaschine, Rauchmelder, Kühlschrank
und Heizung gemeinsam mitdenken, kann der Ver-
braucher überzeugt werden.”
BAR IM SMART-HOME-
Eine aktuelle Umfrage von Fittkau & Maaß Con- MARKT POSITIONIEREN.«
sulting zeigt, dass Zahlungsbereitschaft bereits Andreas Gentner, Leiter der
heute vorhanden ist, wenn Menschen die automa- Technologiesparte bei der Beratung Deloitte
10 marktmacher 01/2015orientieren
Möglichkeit, sich unmittelbar im Smart-Home-Markt
zu positionieren“, erklärt Andreas Gentner, Leiter der
Technologiesparte von Deloitte. Die Netzbetreiber ver-
fügten bereits über bestehende Kundenbeziehungen
und Vertriebskanäle zu einem großen Konsumen-
tenkreis. „Die Anbieter haben zudem Erfahrung mit
verschiedensten Tarifmodellen, die sie in ähnlicher
Form auch auf den Smart-Home-Markt übertragen
Daten- können“, meint Gentner.
Schutz
IN DER ELEKTRONIKBRANCHE wird die Hardware für
Den Durchbruch die Smart-Home-Revolution produziert. Dabei geht
zum Massen- es nicht nur um die so genannte schwarze Ware, also
Das Smartphone hilft beim markt wird das
energiesparenden Steuern Smartphones oder Laptops. Auf zusätzliches Geschäft
von Haushaltsgeräten. Smart Home nur
dann erleben, dürfen auch die Hersteller weißer Ware hoffen. Denn
wenn den viele Verbraucher müssten für ein heimisches Intelli-
Verbrauchern genz-Upgrade vom Toaster bis zum Kühlschrank viele
die Sorge um Geräte austauschen. Für die Hersteller eröffnet sich
den Datenschutz
dadurch ein Erneuerungszyklus. Zudem könnten Fir-
genommen wer-
den kann. Die men, die sich sowohl mit Computertechnologie aus-
Idee des Smart Home auf – der Bedenken der einandersetzen, als auch Haushaltsgeräte herstellen,
Ausgang des Rennens um die Do- Konsumenten ihre Kenntnisse in neuartigen Lösungen bündeln.
minanz im neuen Massenmarkt in Bezug auf Wie sehr Konzerne am Haus der Zukunft mitbau-
Datensicherheit
ist noch völlig offen. Naheliegend en wollen, zeigt sich darin, welch hohe Summen sie
wiegen schwer:
wäre zunächst, dass Halbleiter- Schließlich ist für den Kauf neuer Technologien aus bisher fremden
produzenten profitieren. Soll in das eigene Heim Geschäftsfeldern in die Hand nehmen. Ein Internetgi-
Zukunft jedes Gerät kommuni- für viele die gant beispielsweise übernahm im Frühjahr 2014 für
kationsfähig sein, muss es mit letzte Bastion gut drei Milliarden US-Dollar eine Firma, die gerade
der Privatsphä-
einem Chip ausgestattet werden. einmal zwei Produkte – einen lernfähigen Raum-
re. Verbraucher
Doch mittelfristig könnten die werden keine thermostat und einen vernetzten Rauchmelder – im
großen Internet- und IT-Konzerne vernetzten Repertoire hatte. Ein Elektronikkonzern zahlte wenige
die Führungsrolle übernehmen. Lösungen oder Monate später mehrere hunderte Millionen Dollar für
Sie verfügen über die nötige Produkte kaufen, ein zwei Jahre altes Unternehmen. Die Gründer hat-
die unkon-
Erfahrung, wenn es um benut- ten eine App entwickelt, die verschiedene Sensoren
trolliert Daten
zerfreundliche Software und sammeln oder verbindet und Schlösser, Schalter oder Thermostate
das Verwerten von Daten geht. Cyber-Krimi- steuern kann.
Im Smart Home sehen sie einen nellen Tür und
noch nicht gehobenen Schatz: Tor öffnen. Des- DIESE SUMMEN machen deutlich, dass es sich um
halb haben die
Informationen zum Alltagsverhal- strategische Übernahmen handelt, von denen sich die
Sicherheit der
ten zu gewinnen, wäre etwa für Systeme und der Konzerne mittel- bis langfristig eine führende Rolle
maßgeschneiderte Werbung von verantwortungs- beim Smart Home versprechen.
größtem Interesse. volle Umgang Ganz kurzfristig hingegen konnte Susanne Knuth
Daneben trachtet auch die mit Daten im ihren vermisst geglaubten Vater aufspüren. Der hatte
Smart Home für
Telekommunikationsbranche schlichtweg einfach mal ausgeschlafen und seine
Anbieter hohe
nach neuen Umsatzchancen. Priorität. Tochter nach dem Aufstehen ganz klassisch – so wie
„Die Unternehmen haben die früher – angerufen.
marktmacher 01/2015 11DAS SMART HOME BIETET
VIELFÄLTIGE LÖSUNGEN
Intelligent vernetzte Häuser setzen sich bis 2020 in den
Industriestaaten durch. Entsprechend rasant wird sich
der Markt bis dahin entwickeln. Die Hausbewohner
gewinnen an Komfort und sparen Energie. Allerdings
hegen sie auch Datenschutzbedenken.
WACHSENDER MARKT HAUSHALTSGERÄTE
Weltweiter Umsatz mit vernetzten Geräten. Die automatische Kommunikation
1800 zwischen den einzelnen
Spülmaschine
1500 Apparaten läuft technisch über
ein standardisiertes Protokoll ab.
In Milliarden US-Dollar
1000
500
0
2010 2011 2012 2013 2014 2015 2016 2017 2020
Quelle: Universität Jyväskyla
HOHE ERWARTUNGEN
Wie Entscheider den Smart-Home-Markt bis
2020 einschätzen.
Wachstum/zunehmende Verbreitung Waschmaschine
Mehr Kunden/stärkere Nachfrage
Fallende Kosten
Mehr Anbieter/mehr Konkurrenz
In Prozent
Verbreitetere Technik
Neue Produkte
10 20 30 40 50 60 70 80 90 100
Quelle: Trendresearch
BEACHTLICHE ZUNAHME
Zahl der Smart-Home-Haushalte in Deutschland – Alarmanlage
konservativ und progressiv geschätzt.
1500 SICHERHEITSTECHNIK
Konservatives Szenario Fenster, Jalousien und Kame-
Progressives Szenario ras lassen sich von unterwegs
1000 steuern. Die Rollläden
In Tausend schließen und öffnen sich zu
vorgegebenen Zeiten.
500
0
2013 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020
Quelle: Deloitte
12 marktmacher 01/2015SMARTE
SMARTE
HELFER
HELFER
IM ALLTAG
IM ALLTAG
Zahl der weltweit
Zahl der mit
weltweit
dem Internet
mit demverbundenen
Internet verbundenen
Geräte. Geräte.
25 25
Automobil-Sektor
Automobil-Sektor
Verbraucher-Sektor
Verbraucher-Sektor 20 20
Business-Sektor
Business-Sektor
15 15
In Milliarden
In Milliarden 10 10
5 5
0 0
2013 2014
2013 2015
2014 2015 2020 2020
Solarzellen
Solarzellen *Ohne PCs, *Ohne
TabletsPCs,
undTablets und Smartphones
Smartphones Quelle: Gartner
Quelle: Gartner
ENORMES
ENORMES
SPARPOTENZIAL
SPARPOTENZIAL
MöglicheMögliche
Energieeinsparung mithilfe von
Energieeinsparung mithilfe von
Gebäudesystemtechnik.
Gebäudesystemtechnik.
60 60
In ProzentIn Prozent 50 50
58 58
Automatisierung
Automatisierung
40 40
der Beleuchtung
der Beleuchtung
Automatisierung
Automatisierung
42 25
42 25
Saugroboter
Saugroboter der Heizung
der Heizung
30 30
20 20
7 7
10 10
ASSISTENZSYSTEME
ASSISTENZSYSTEME 0 0
Quelle: BDHQuelle: BDH
Der Saugroboter
Der Saugroboter
benötigtbenötigt
keinerleikeinerlei
Anweisungen.
Anweisungen.
Je Je
nach Wunsch
nach Wunsch
bewegt er
bewegt
sich er sich DATENSICHERHEIT
DATENSICHERHEIT
ALS PROBLEM
ALS PROBLEM
nur dannnur
durch
danndie
durch
Räume,
die Räume, GeäußerteGeäußerte
Befürchtungen
Befürchtungen
bei einembei
vernetzten
einem vernetzten
wenn niemand
wenn niemand
zu Hausezuist.
Hause ist. Zuhause.Zuhause.
In ProzentIn Prozent
25 25
24 24 Angst vorAngst vor
Angst umAngst um Hacker-Angriffen Sorge umSorge um
Hacker-Angriffen 20 20
Privatsphäre
Privatsphäre Datenschutz
Datenschutz
19 19
17 17 15 15
10 10
SMARTSMART
METERMETER
Diese mitdenkenden
Diese mitdenkenden
Energie-Energie- 5 5
zähler helfen
zählerdabei,
helfenimdabei,
Hausim Haus
gezielt Stromfresser
gezielt Stromfresser
auszuma-auszuma- 0 0
Strom-Strom-
chen und chen
Geräte
undsparsam
Geräte sparsam Quelle: Bitkom
Quelle: Bitkom
einzusetzen.
einzusetzen. zähler zähler
Wärmepumpe
Wärmepumpe
Heizung
Heizung
INTELLIGENTE
INTELLIGENTE STEUERUNG
STEUERUNG
HEIZSYSTEME
HEIZSYSTEME Die Bewohner
Die Bewohner
können die
können die
Sie temperieren
Sie temperieren
das Gebäude
das Gebäude
wie gewünscht,
wie gewünscht, einzelnen
einzelnen
Komponenten
Komponenten
im im
bevor diebevor
Bewohner
die Bewohner
nach Hause
nachkommen.
Hause kommen. Haus auch
Haus
ausauch
der Ferne
aus der
viaFerne via
Wärmepumpen
Wärmepumpen
erzeugenerzeugen
Strom. Strom. Smartphone
Smartphone
regeln. regeln.
Infografik: Niko Wilkesmann marktmacher 01/2015 13orientieren
>>DIE TREIBER DER Der Gründer des
INNOVATIONEN Karrierenetzwerkes
XING und Finanzinvestor
KOMMEN AUS GANZ Lars Hinrichs realisiert
ein Smart-Home-Projekt.
VERSCHIEDENEN Er setzt auf die intelligente
Vernetzung.
BEREICHENorientieren
Klingt eher nach ein paar netten kleinen nung gelangen, sofern Sie das Schloss
Spielereien ... nicht schnell genug durch einen Fach-
... ist aber viel mehr. Wenn ich mir den mann austauschen lassen. In einem
Wecker künftig eine Stunde früher stelle, Smart Home, in dem Sie die Türen mit
geht die Heizung automatisch auch eine dem Smartphone öffnen, können Sie
Stunde früher an. Das ist mit der alten hingegen selbst in Sekundenschnelle den
Technik nicht möglich. Bisher agieren die Code über das Internet ändern.
Bestandteile einer Wohnung weitgehend
dezentral: Die Heizung wird über ein Aber was ist mit Hackerangriffen auf
Thermostat eingestellt, die Jalousien meine intelligente Wohnung, wenn
werden am Fenster geregelt, und jedes solche Informationen im Netz oder in der
Licht hat seinen Schalter. In Zukunft Cloud stecken?
machen die Hersteller ihre Produkte fürs Das ist eine eher irrationale Vorstellung.
Haus – egal ob Waschmaschine, Dusche In der Regel geht es hier nicht um krimi-
oder Fenster – über eigene IP-Adressen nelle Superhirne, die einen Code knacken,
und das Internet-Protokoll erreichbar und sondern um die Unachtsamkeit der
über Apps steuerbar. Die Regelung von Benutzer. Bei XING konnten wir beispiels-
Beleuchtung, Luftzufuhr, Strom oder weise schon früh beobachten, mit welch
Heizung wird sich in Zukunft also individu- schwachen Passwörtern die Nutzer ihre
ell an die Hausbewohner anpassen. Das Daten sichern. Das ist in der Regel das
nenne ich intelligent. Hauptproblem. Ich vertraue auf die Cloud:
Sie wird 24 Stunden und sieben Tage in
Intelligent, aber auch unheimlich, wenn der Woche überwacht, die Anbieter kön-
die Wohnung so viel von mir weiß? zur nen sich keine Ausfälle oder Sicherheits-
Im Grunde ist es nicht anders als mit dem person lücken leisten.
Smartphone. Sie tauschen Daten gegen
Komfort und Bequemlichkeit. Aber anders Sie wollen als Finanzinvestor mit der
Der 38-jährige
kann es auch nicht gehen. Wer will, dass Wohnrevolution Geld verdienen. Doch
Unternehmer
seine Heizung warm ist, wenn er nach Lars Hinrichs ist
können auch normale Anleger davon
Hause kommt, muss seiner Heizung den vor allem durch profitieren?
Zugriff auf das persönliche GPS-Signal die Gründung Die für Investitionen interessanten Treiber
ermöglichen, um rechtzeitig vor der des beruflichen der Innovationen kommen aus ganz
Kontaktnetz-
Heimkehr die Temperatur nach oben zu verschiedenen Bereichen. Etablierte
werks XING
regeln. Und so funktioniert das auch mit bekannt gewor-
Hausgerätefirmen oder Energiekonzerne
der smarten Wohnungstür. Wer den den. Er investiert entwickeln genauso mit am intelligenten
Zugang in die Wohnung auf einen be- vornehmlich in Heim wie Start-ups. Vor allem für drei
stimmten Personenkreis beschränken Internet-Start- Anwendungen besteht aus meiner Sicht
ups, sitzt im
will, muss eben gewisse Merkmale dieser eine gute Nachfrage: Solche, die Energie-
Aufsichtsrat der
Menschen definieren und der Wohnung Deutschen Te-
kosten sparen, die Beleuchtung intelligent
mitteilen. lekom und baut steuern oder mehr Sicherheit bieten. Hier
in Hamburg ein entstehen gerade völlig neue, integrierte
Apartmenthaus,
Foto: David Maupile/laif
Was ist mit dem Thema Sicherheit, wenn Lösungen.
das mit Smart-
jeder mit meinem Handy in die Wohnung
Home-Technolo-
und dort alles steuern kann? gie ausgestattet Interview: nando sommerfeldt,
Wenn Sie heute den Haustürschlüssel sein wird. Holger Zschäpitz
verlieren, kann jeder Finder in Ihre Woh- Die Autoren sind Redakteure der „WELT“ und „WELT am SONNTAG“
marktmacher 01/2015 15orientieren
1 TECHNOLOGIEKONZERNE
ERHALTEN NEUEN SCHUB
Die Smart-Home-Revolution durchdringt die
gesamte technologische Wertschöpfungskette – von
Vorprodukten wie Mikrochips über vernetzte Sen-
soren bis hin zu Datendienstleistungen in der Cloud.
Auch wenn heute noch niemand sagen kann, welche
Mögliche
ansätze für
Privatanleger
Lösungen für intelligente Häuser
werden zu einem Massenmarkt.
Ganz unterschiedliche Branchen und
Unternehmen können davon profitieren
– Anleger sollten genau prüfen, wo sie
die größten Wachstumschancen sehen.
3 DIE OLD ECONOMY STEHT
IN DEN STARTLÖCHERN
Nicht nur Technologiefirmen stoßen bei Smart
Home in etablierte Geschäftsfelder anderer Bran-
chen vor. Umgekehrt wollen auch viele „alte“ Kon-
zerne den zukunftsträchtigen Markt erschließen,
indem sie ihre Produkte intelligent vernetzen. Dazu
16 marktmacher 01/2015Unternehmen letztlich das Rennen machen: Wahr- delbar sind. Wer hingegen breiter gestreut investieren
scheinlich ist, dass große Internet-Konzerne im intelli- möchte, findet an der Börse Stuttgart elf Exchange
genten Heim einziehen werden. Schon heute bringen sie Traded Funds, die umfassende Technologie-Indizes
sich mit milliardenschweren Übernahmen und For- abbilden. Davon legen sieben ETFs den Fokus auf die
schungsinvestitionen in Stellung, um das Wachstumsfeld europäische Tech-Branche. Auch rund ein Dutzend aktiv
für sich zu öffnen. Ihre Aktien gehören regelmäßig zu gemanagte Aktienfonds mit Schwerpunkt auf Technolo-
den gefragtesten Auslandswerten an der Börse Stuttg- gietiteln werden in Stuttgart fortlaufend und ohne
art, wo sie bis zum US-Börsenschluss um 22 Uhr han- Ausgabeaufschlag gehandelt.
2 SPEZIALISTEN ENTWICKELN gelistet. Ebenfalls an Bedeutung gewinnt die Datensi-
SMARTE PRODUKTE cherheit: Menschen werden smarte Häuser nur bewoh-
nen, wenn ihre Privatsphäre gegen Ausspähung und
Rund um das digitale Heim sind fokussierte Invest- Hacker geschützt ist. Die Marktakteure werden deshalb
ments in Unterbranchen denkbar. Zum Beispiel im kaum umhinkommen, entweder selbst Sicherheitslö-
Hinblick auf Smart Grid: Die gezielte Vernetzung von sungen zu entwickeln oder mit spezialisierten Partnern
Stromerzeugung und -verbrauch verspricht künftig zu kooperieren. Profitieren könnten Firmen, die sich auf
immense Energieeinsparungen. Intelligente Stromspei- Videoüberwachung, biometrische Erkennung oder
cher in Millionen Eigenheimen könnten zudem helfen, Datenverschlüsselung verstehen. Auch deren Aktien
dem steigenden Aufkommen an regenerativer Energie sind in einem entstehenden Markt allerdings mit dem
Herr zu werden. Schon jetzt sind an der Börse Stuttgart Risiko verbunden, dass sich letztlich ein Konkurrent im
die ersten Indexzertifikate zu diesem Anlagethema Smart Home durchsetzt.
Die Produktfinder der
Börse Stuttgart:
www.boerse-stuttgart.de/
produkt-finder
zählen Hersteller von Haushaltsgeräten, aber auch onen zu lancieren. An der Börse Stuttgart gelistet sind
Produzenten von Thermostaten, Betriebe aus der beispielsweise neun Index-Zertifikate auf den südkorea-
Lichtindustrie oder Anbieter von Klimaanlagen. Natür- nischen Leitindex KOSPI 200, der auch die führenden
lich sind am Industriestandort Deutschland einige Elektronik-Unternehmen des Landes umfasst. Ebenfalls
solcher Unternehmen zu finden und mit ihren Aktien in handelbar sind vier Exchange Traded Funds auf den
Indizes vertreten. Doch auch Konzerne aus Asien, etwa Index MSCI Korea, in dem Aktien aus dem Bereich der
aus Südkorea, versuchen, in ihrem Produktspektrum langlebigen Konsumgüter einen Anteil von rund 15
Synergien für das Smart Home zu heben und Innovati- Prozent ausmachen.
Foto: Samsung marktmacher 01/2015 17handeln
SPÜREN, WAS
DEN MARKT BEWEGT
Der Social Sentiment der Börse Stuttgart zeigt, welche Stimmung zu
den 30 DAX-Unternehmen gerade bei den Nutzern der Online-Plattform
Twitter vorherrscht. Aktuelle Trends lassen sich so einfacher erkennen.
Z
uerst war es nur ein Gerücht. Der Newsticker @ Jones hauptsächlich von Invest-
der Finanznachrichtenagentur Dow Jones mentprofis gegen Bezahlung
verbreitete am 9. September 2014, Microsoft abonniert wird. Doch nur zwei
Mehr zum Social
stehe möglicherweise kurz davor, die schwe- Sentiment Minuten nach der Meldung kur-
www.boerse-stuttgart.de/
dische Firma Mojang zu übernehmen, die das socialsentiment
sierten bereits die ersten Kurz-
millionenfach verkaufte Computerspiel „Minecraft“ nachrichten dazu im sozialen
entwickelt hatte. Für Microsoft ein Coup – nicht zuletzt Netzwerk Twitter – lange bevor
wegen des Zugangs zu einer treuen und konsumfreu- klassische Online-Medien das
digen Spielergemeinde. Kaum ein Privatanleger bekam Thema aufgriffen. Aus dem Ge-
in dem Moment etwas von der Neuigkeit mit, da Dow rücht wurden ein paar Tage später
18 marktmacher 01/2015handeln
MANIPULATION ment“ kostenfrei zur Verfügung, der auf einer automa-
ERKENNEN tischen Auswertung von Twitter beruht. Dieser Sentiment
gibt zum einen Auskunft darüber, wie viele Beiträge zum
DAX und zu dessen 30 Einzelwerten am jeweiligen Tag
Die Analyse
sozialer Netz- getwittert werden – inklusive der Veränderung zum
werke könnte Vortag. Zum anderen ist ablesbar, ob die Mehrzahl der
künftig auch in Tweets eine positive, neutrale oder negative Meinung
der Handels- widerspiegelt. Damit verdichtet der Social Sentiment die
überwachung
aktuelle Marktstimmung der Twitter-Nutzer auf über-
eingesetzt
werden, um sichtliche Weise (siehe S. 20: „Der Social Sentiment auf
manipulatives einen Blick“). Für den DAX findet sich der Sentiment direkt
Verhalten von auf der Startseite des Börsenportals, die Daten zu den
Marktteilnehmen 30 DAX-Einzelaktien stehen nach kostenfreier Anmeldung
schneller und
zur Verfügung.
früher zu iden-
tifizieren. Zum
Beispiel dann, BASIS DES NEUEN ANGEBOTS sind die Ergebnisse des EU-
wenn dubiose Forschungsprojekts FIRST, an dem auch die Börse
Marktakteure Stuttgart beteiligt war. Ziel des Projekts, das von 2010 bis
den Preis von
2013 dauerte, war es, Investoren eine neue Informations-
Ramschaktien
mit geringem quelle an die Hand zu geben. „Die Herausforderung lag
Handelsvolu- darin, die unstrukturierten Inhalte aus sozialen Medien zu
men durch die erfassen, zu bündeln und schnell zu analysieren. Deshalb
Verbreitung haben wir spezielle Software entwickelt, um die Informa-
euphorischer
tionen direkt für Anleger nutzbar zu machen“, sagt Ulli
Nachrichten in
sozialen Medien Spankowski, der das FIRST-Projekt für die Börse Stuttg-
Fakten. Am 15. September 2014 künstlich in die art geleitet hat.
kaufte Microsoft tatsächlich Mo- Höhe treiben und
jang – für 2,5 Milliarden US-Dollar. anschließend DIE IDEE ZUM PROJEKT entstand im Jahr 2007 – rund um
versuchen, ihre
die Markteinführung des ersten iPhones. „Für die Ent-
eigene Position
DIE GESCHICHTE ZEIGT, mit wel- mit Gewinn zu wicklung der Apple-Aktie war diese Phase wahnsinnig
chem Tempo sich Neuigkeiten auf verkaufen – be- spannend“, erinnert sich Wirtschaftswissenschaftler
Twitter verbreiten. Zudem geben die vor der Schwin- Spankowski. Das FIRST-Team fand rückblickend heraus,
abgesetzten Tweets tagtäglich in del auffliegt. Mit dass in den sozialen Netzwerken schon Monate vor der
Social-Media-
der kompakten Form von maximal Präsentation des iPhones über eine mögliche Apple-
Monitoring ließe
140 Zeichen eine Vielzahl von sich ein solches Innovation diskutiert wurde – insbesondere über ein
Vermutungen und Meinungen „Pump and Handy, wie es bislang noch keines gegeben hatte. „Es war
wieder. Diese können für Investiti- Dump“-Szenario kurios: Eigentlich konnte niemand etwas über das künf-
onsentscheidungen herangezogen leichter entlar- tige Smartphone wissen. Trotzdem kursierten schon
ven.
werden – etwa wenn es darum geht, Vermutungen im Netz , in denen von ‚Apple-Telefon ohne
Fotos: Chris Ratcliffe/Bloomberg via Getty Images, Privat
einen Trend am Markt früh zu Tasten‘ oder von ‚Bedienung per Touchscreen‘ die Rede
identifizieren. war“, so Spankowski. Diese Erkenntnis war der Anstoß
Die Kunst besteht allerdings
darin, aus der Masse der Beiträge
relevante Tendenzen und Stim- »DIE VERBESSERTE INFORMATIONS-
mungen herauszufiltern, ohne damit
viel Zeit zu verlieren. Ab sofort
VERSORGUNG KANN ZU
müssen Privatanleger nicht mehr FUNDIERTEREN ANLAGE-
selbst recherchieren: Die Börse ENTSCHEIDUNGEN FÜHREN.«
Stuttgart stellt auf ihrer Website
Jan Muntermann, Professor für Electronic Finance und
einen sogenannten „Social Senti- Digitale Märkte an der Universität Göttingen.
marktmacher 01/2015 19handeln
Der Social Sentiment auf einen Blick
1 Stimmung:
65 Prozent von 382 Tweets
3 HEISSE THEMEN:
Die meist diskutierten
1 3
äußern sich positiv zur Aktie, Aspekte zum jeweiligen
7,1 Prozent mehr als am Unternehmen sind auf einen
Vortag. Blick erkennbar.
2 SUCHE: Anleger können 4 TWEETS: Die Beiträge
4
alle ausgewerteten Tweets lassen sich nach den Kate- 2
nach einem bestimmten gorien „positiv“, „negativ“
Schlagwort durchsuchen. und „neutral“ filtern.
dazu, Informationen in Tweets gezielt zu analysieren, um @ eines Wertpapiers heranzuziehen
finanzmarktrelevante Ereignisse möglichst frühzeitig zu und beispielsweise die generelle
erkennen. Heute leistet dies ein intelligenter Algorithmus, Die Börse Stuttgart Marktlage oder Unternehmens-
auf Twitter:
der nahezu in Echtzeit fast wie ein Mensch Begriffe https://twitter.com/ kennzahlen außer Acht zu lassen.
verknüpfen und Texte verstehen kann. Dadurch lässt sich boersestuttgart Dennoch bietet der Sentiment einen
auch qualitativ auswerten, ob ein Tweet negativ, positiv Mehrwert: „Die verbesserte Infor-
oder neutral über ein Unternehmen berichtet – und für mationsversorgung kann zu fun-
dessen Aktie überhaupt relevant ist. dierteren Anlageentscheidungen
führen“, sagt Professor Jan Mun-
DER SOCIAL SENTIMENT der Börse Stuttgart beruht auf termann, der an der Universität
diesem Algorithmus und dient Anlegern als Entschei- Göttingen Betriebswirtschaftslehre
dungshilfe. „Der Sentiment gibt Aufschluss, über welche lehrt und sich auf Electronic Fi-
Aktien derzeit besonders viel diskutiert wird und wie die nance und Digitale Märkte speziali-
aktuelle Marktstimmung aussieht. Er sollte aber nur eine siert hat. „Mit dem Social-Media-
Informationsquelle unter vielen sein“, unterstreicht Monitoring steht Privatanlegern
Spankowski. Es empfiehlt sich also nicht, die Stimmung erstmals ein Datenuniversum zur
auf Twitter als Hauptkriterium für den Kauf oder Verkauf Verfügung, das zuvor nur sehr
schwer zu erfassen war“, so der
IT-Experte.
ZUGLEICH VERWEIST ER auf die
Social Media im Aufwind Risiken: „In den erhobenen Stim-
Werden soziale Medien künftig mungen können auch Gerüchte
wichtiger für Anlageentscheidungen? ohne Substanz oder falsche Beur-
teilungen der Marktsituation ste-
Das Beratungsunter- cken.“ Letztlich sei jeder Privatan-
Nein, Unsicher nehmen Brunswick hat leger selbst verantwortlich, die neu
definitiv nicht institutionelle Investo-
Ja, definitiv
ren und Analysten zu verfügbaren Informationen kritisch
4 5
23 sozialen Netzwerken in die eigenen Investitionsentschei-
befragt und die Ergeb- dungen einfließen zu lassen. Dann
21 nisse 2014 veröffent-
licht. 70 Prozent der kann die Schwarmintelligenz der
47 Befragten glauben, dass Twitter-Nutzer helfen, aktuelle
Nein, Social Media künftig bei Finanzmarkttrends schneller zu
Chart: Börse Stuttgart
eher nicht Anlageentscheidungen
Ja, vielleicht
eine größere Rolle erfassen – vielleicht auch, wenn
Quelle: Brunswick Insight spielen wird. wieder einmal aus einem kleinen
Gerücht eine große Geschichte
wird. GIAN HESSAMI
20 marktmacher 01/2015handeln
Die passende Formel
Aktienindizes können
mit und ohne Berück- DAX-Indizes im Langzeitvergleich
sichtigung von Performance-Index schlägt Kurs-Index
Dividenden berech- Kleiner Unterschied mit
net werden. Den großen Folgen: Der DAX–
Performance-Index hat
11.000 DAX-Performance-Index
10.000
Unterschied sollten
DAX-Kurs-Index
den DAX-Kurs-Index seit 9.000
Auflage der beiden Indizes 8.000
Anleger kennen. Ende 1987 klar abgehängt. 7.000
Das belegt, wie wichtig 6.000
aus Anlegersicht Dividen- 5.000
Quelle: LBBW
4.000
D
den sind. Denn während
3.000
die Ausschüttungen beim 2.000
er DAX ist in Deutsch- Performance-Index berück- 1.000
sichtigt und reinvestiert 0
land das Maß aller werden, ist das beim Kurs-
88
90
92
94
95
00
02
04
06
08
10
12
14
19
19
19
19
19
20
20
20
20
20
20
20
20
Dinge, international Index nicht der Fall.
jedoch ein Exot. Denn
das deutsche Aktienba-
rometer wird als Performance-
Index berechnet: Neben den
Kursbewegungen der 30 DAX-Un- Dividenden bewerten und einen Index als Vergleichsmaßstab heran-
ternehmen fließen auch deren Kapi- 2015 ziehen, ist ein Performance-Index erste Wahl. Dividenden
talveränderungen, Bezugsrechte bleiben so bei der Betrachtung nicht außen vor.“
und vor allem Dividendenausschüt-
Aktionäre
tungen in den Indexstand ein. Das kann einen erheblichen Unterschied ausmachen:
können sich
Anders bei wichtigen weltweiten freuen: Laut DZ Analysten der UBS zufolge resultierten seit 1984 rund 60
Indizes wie dem EURO STOXX 50, Bank erhöhen Prozent des Ertrags bei europäischen Aktien aus Dividen-
dem S&P 500 aus den USA oder die 110 im HDAX denausschüttungen, nur der Rest entfiel auf Kursgewinne.
dem Schweizer SMI: Als Kurs-Indi- vertretenen Auch beim DAX wirken sich die eingerechneten Dividenden
Unternehmen
zes berücksichtigen sie ausschließ- aus: Während die Kurs- und die Performance-Variante
ihre Dividenden
lich die Kursentwicklung der 2015 um rund Ende 1987 bei der Marke von 1.000 Punkten starteten,
enthaltenen Titel. 11 Prozent auf stieg der DAX-Kurs-Index bis Mitte März dieses Jahres auf
Allerdings gibt es die meisten 37 Milliarden 6.240 Punkte, der DAX-Performance-Index jedoch bis auf
Indizes nicht nur in ihrer bekann- Euro. Damit 12.168 Punkte.
würde mehr als
testen Form, sondern auch in der Um bei der Beurteilung unterschiedlicher Aktienindi-
jemals zuvor an
jeweils anderen Variante. Denn die Anteilseigner zes nicht Äpfel mit Birnen zu vergleichen, gilt es deshalb,
beide Berechnungsmethoden haben ausgezahlt. Die auf die Art der Indexberechnung zu achten. Auch wer über
etwas für sich: „Wer ausschließlich Ausschüttungs- ein Index-Zertifikat oder einen Exchange Traded Fund
die Kursentwicklung betrachten quote läge bei (ETF) investieren möchte, sollte sich den zugrundelie-
rund 36 Prozent
möchte, sollte sich am Kurs-Index genden Index genau ansehen. So sind für viele klassische
der Firmenge-
orientieren“, erklärt Uwe Streich, winne. Kurs-Indizes wie EURO STOXX 50 oder S&P 500 auch die
Index-Experte und Analyst bei Performance-Varianten als Basiswerte verfügbar. Bei
der Landesbank Baden-Württem- Produkten auf diese „Total-Return-Indizes“ werden die
berg. „Möchten Anleger dagegen ausgeschütteten Dividenden bei der Wertentwicklung
den Gesamterfolg eines Portfolios mitberücksichtigt – so wie beim DAX. Jürgen Büttner
marktmacher 01/2013 21handeln
NEUE LAST FÜR
Einig sind sich die EU-Staaten nur,
dass Staatsanleihen ausgenommen
werden.
PRIVATANLEGER?
Österreichs Initiative zielt
darauf ab, möglichst viele Produkte
zu besteuern, dafür aber die Steu-
ersätze niedriger anzusetzen als
geplant. Die EU-Kommission hatte
0,1 Prozent bei Aktien und Anleihen
Deutschland und zehn andere EU-Staaten und 0,01 Prozent bei Derivaten
nehmen einen erneuten Anlauf zu einer vorgeschlagen. Dabei rechnete
Brüssel infolge der Steuer mit
gemeinsamen Finanztransaktionssteuer. rückläufigen Handelsvolumina – bei
Die genaue Ausgestaltung ist weiter offen. Wertpapieren um 15 Prozent, bei
Derivaten gar um 75 Prozent. Mit
niedrigeren Sätzen wollen die
D
Staaten erreichen, dass der Handel
ie Finanztransaktionssteuer war fast tot“, nicht so stark einbricht und es
@
Fotos: Robin MacDougall/Getty Images, Börse Stuttgart
stellte Österreichs Finanzminister Hans Jörg weniger Ausweichreaktionen auf
Schelling Anfang 2015 fest: „Nun ist sie von Die EU-Kommission zur Handelsplätze ohne eine Besteue-
Finanztransaktions-
der Intensivstation in die Normalstation steuer:
rung gibt.
verlegt.“ Daran hat Schelling seinen Anteil: Er http://kurzlink.de/FTS Der Weg zur Finanztransakti-
versucht, einen gemeinsamen Nenner der elf EU-Staaten onssteuer bleibt damit holprig:
zu finden, die eine Finanztransaktionssteuer einführen Nach der Finanzkrise wollten
wollen. Dabei hat er Frankreich zurück ins Boot geholt, Befürworter die Steuer weltweit
das vom Antreiber zum Bremser geworden war – wohl einführen, um die Finanzindustrie
auch, weil die 2012 auf nationaler Ebene gestartete an den staatlichen Rettungskosten
Finanztransaktionssteuer eher ernüchternde Ergebnisse zu beteiligen. Da aber mit den USA
brachte (siehe S. 23: „Schlechte Erfahrung“). und Großbritannien zwei dominie-
rende Finanzzentren Gegner der
Doch weiterhin ist nicht abschließend geklärt, welche Steuer sind, verständigten sich
Finanzprodukte von der Steuer betroffen sein sollen. 2013 letztlich nur elf der 28
Geplant ist, in einem ersten Schritt Aktien zu erfassen EU-Staaten auf eine ge-
und in einem zweiten andere Produkte, insbesondere meinsame Steuer. Diese
Derivate. Allerdings herrscht noch sollte eigentlich 2016
Uneinigkeit darüber, welche genau. starten, aber nun gibt es
In Brüssel entscheiden die Finanzminister von
elf EU-Staaten über die Details und den Zeitplan
der Finanztransaktionssteuer.
22 marktmacher 01/2015handeln
große Zweifel, ob der Termin zu hal- SCHlechte se sind. Jetzt kommt noch die Finanztransaktionssteuer
ten ist – auch in Berlin. Laut Micha- erfahrung hinzu. Für die private Ersparnisbildung sind das sehr
el Meister, Parlamentarischer schlechte Aussichten.“ Kosten für die Anleger sieht er
Staatssekretär im Bundesfinanzmi- infolge der Weitergabe der Steuer durch die Banken – bei-
Zwei Länder
nisterium, wären selbst bei Inkraft- leibe nicht nur in Höhe des einfachen Steuersatzes. Zieht
sind bei der
treten der Gesetze 2016 drei Jahre Finanztrans- ein Auftrag des Anlegers weitere Transaktionen der Bank
für technische und organisatorische aktionssteuer nach sich, könne ein „Kaskadeneffekt“ entstehen und die
Vorbereitungen notwendig. Erhoben vorgeprescht: Steuerbelastung vervielfachen. Für Demary ist klar: „Die
würde die Steuer demnach kaum Frankreich 2012 Finanztransaktionssteuer trifft die Altersvorsorge.“ Und
und Italien 2013.
vor 2019. zwar direkt bei Wertpapieren, aber auch indirekt bei
Beide besteu-
erten Aktien gro- Lebensversicherungen und Pensionsfonds, die das Geld
DOCH NACH WIE VOR STEHT zu ßer Unterneh- ihrer Kunden an den Kapitalmärkten investieren.
befürchten, dass vor allem private men. Dadurch
Anleger die Leidtragenden der verteuerten DESHALB FORDERT Christoph Boschan, die Finanztrans-
sich Transakti-
Steuer sind. Dr. Christoph Boschan, aktionssteuer verantwortungsvoll zu gestalten und für
onen auch für
Geschäftsführer der Boerse Stuttg- Privatanleger Privatanleger Ausnahmen zu machen: „Nicht nur erhöhte
art Holding GmbH, betont: „Private erheblich. Die Freibeträge im Rahmen der Kapitalertragsteuer, auch
Anleger haben die Finanzkrise nicht Handelsumsätze eine Besteuerung erst ab einer bestimmten Auftragsgrö-
verursacht und auch bereits üppig fielen und die ße, einer gewissen Anzahl von Transaktionen oder einem
Steuereinnah-
für deren Bewältigung bezahlt. bestimmten Steueraufkommen pro Jahr sind denkbar.“
men blieben
Außerdem investieren sie aus schon weit hinter den Der einfachste Weg, so Boschan, wäre jedoch, „alle
versteuertem Arbeitseinkommen Erwartungen kapitalertragsteuerpflichtigen Privatanleger von der
und und haben die Kapitalertrags- zurück. Ähnliche Finanztransaktionssteuer auszunehmen und nur körper-
steuer zu tragen.“ Erfahrungen schaftsteuerpflichtige, professionelle Marktteilnehmer zu
hatte Schweden
Auch Markus Demary, Finanz- besteuern.“ Vorschläge liegen also auf dem Tisch – der
von 1985 bis
markt-Experte beim Institut der 1992 gemacht. Ausgang der politischen Hängepartie rund um die Finanz-
deutschen Wirtschaft (IW), kriti- transaktionssteuer ist weiter offen. Hans G. Linder
siert: „Privatanleger sind von den
anhaltenden Nied-
rigzinsen
betroffen,
»Privatanleger sollten
die eine ganz von der Steuer
Spätfolge ausgenommen werden.«
der
Dr. Christoph Boschan,
Finanzkri- Geschäftsführer der Boerse Stuttgart Holding GmbH
KLARES MEINUNGSBILD ZUR STEUER
„Jede zusätzliche Steuer „Marktmacher“ wollte
von den Leserinnen und
„Nein, da es derzeit
auf Finanztransaktionen Lesern wissen, ob die keine Alternativen zu
schadet dem Anleger geplante Finanztransakti-
onssteuer private Anleger
börsengehandelten
und der Altersvorsorge.“ belasten wird. Papieren gibt!“
Maria Hettrich, Saarbrücken Jan-Bernd Kneilmann, Oldenburg
JA 88 %
NEIN 12 %
marktmacher 01/2015 23Sie können auch lesen