Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 Das Magazin der Berufsfachschule Bern

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Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 Das Magazin der Berufsfachschule Bern
Vielfalt
          gibb intern / Dezember 2021
Das Magazin der Berufsfachschule Bern
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 Das Magazin der Berufsfachschule Bern
«Queer – Vielfalt ist unsere Natur»
heisst die S
           ­ onderausstellung im
­Naturhistorischen Museum, in der die
 eindrücklichen Fotografien in diesem
 Heft entstanden sind. Im Beitrag auf
 Seite 18 um­reissen Fabienne Deppeler
 und Nathalie Jakobi den museums­
 pädagogischen Rahmen der Aus­
 stellung und schildern die Eindrücke
 einer ABU-Klasse, mit der sie im Okto­
 ber auf «Entdeckungsreise» waren.

 Die Ausstellung wurde im November
 mit dem Prix Expo 2021 als beste
­naturwissenschaftliche Ausstellung
 ausgezeichnet. Aufgrund des
 grossen Publikumsinteresses und
 der Auszeichnung wird «Queer» bis
 am 19. März 2023 verlängert.
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 Das Magazin der Berufsfachschule Bern
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Editorial

                 Bereicherung durch Vielfalt
                                                                          Sonja Morgenegg-Marti, Direktorin gibb

                                                        In dieser Ausgabe erfahren Sie, dass dies leider
                                                        nicht überall so gesehen wird. Junge Frauen, die
                                                        auf dem Bau arbeiten, müssen sich auch heute
                                                        noch stark als Fachpersonen bewähren, damit sie
                                                        nicht in erster Linie als Frauen oder gar nicht wahr-
                                                        genommen werden. Diese Erfahrung kann mit der
                                                        Zeit belastend sein und kostet Kraft.
                                                             Wie rekrutieren wir heute neue Mitarbeitende?
                                                        Stellen Sie sich vor, dass Bewerbungsdossiers ano-
                                                        nym eingereicht werden dürfen, so dass Sie weder
                                                        den Namen noch das Alter oder das Geschlecht der
                                                        Person kennen, die dahintersteckt; Sie könnten sich
                                                        nur auf die Qualifikationen abstützen. Welche Aus-
                                                        wirkungen würde das wohl haben?
                                                             Auch unsere Lernenden müssen vielfältige He­
                                                        rausforderungen meistern. Was bedeutet es, wenn
                                                        für eine ganze Familie nur ein Computer zur Ver­
                                                        fügung steht und drei Lernende gleichzeitig am
Liebe Leserinnen und Leser                              Fernunterricht teilnehmen sollten? Wie lebt es sich
Vielfalt ist mehr als ein angesagter Trend und zeigt    in der Schweiz, wenn man aus einem Land flüch-
sich nicht nur in gemischten Teams. Im Unterschied      ten musste und kaum deutsch sprechen kann?
steckt eines der wichtigsten Prinzipien erfolgreicher   Wie läuft die Integration in eine Klasse, wenn man
Teams: Vielfalt fordert uns heraus, man muss sich       stottert? Oder wie fühlt sich eine junge Frau auf
aufeinander einlassen, offen sein und respektieren,     dem Weg zur Erkenntnis, dass sie sich zu Frauen
dass andere anders sind. Viele dieser Unterschiede      hingezogen fühlt? Erfahren Sie mehr darüber, wie
werden uns in die Wiege gelegt. Alles, was uns          sich diese unterschiedlichen Voraussetzungen auf
­einzigartig macht, gehört zu dieser Definition von     die Persönlichkeit und den Bildungserfolg unserer
 Vielfalt. Eingliederung bedeutet, diese unterschied-   Lernenden auswirken.
 lichen Kräfte und Ressourcen nutzbar zu machen,             Es ist so, wie eine unserer Gastautorinnen
 im Sinne einer Bereicherung durch Vielfalt.            schreibt: Vielfalt klingt nett, in der Realität ist es
    Für das Zusammenleben und -arbeiten in Ge-          aber an­strengend, mit ihr umzugehen. Bestehendes
 meinschaften reicht es nicht, über Unterschiede        wird in Frage gestellt, ein Perspektivenwechsel
 hinwegzusehen. Im Gegenteil: Eine für Vielfalt offe-   ­gefordert. Die Autorin zeigt zugleich auf, dass sich
 ne Unternehmenskultur ist ein wichtiger Treiber für     diese Anstrengung für uns als Individuum und als
 Innovation und erfolgreiche Zusammenarbeit. Ge-         Gesellschaft lohnt und uns weiterbringt.
 mischte Teams erzielen bessere Ergebnisse. Auch             Die gibb will ein Umfeld bieten, das von Engage-
 angesichts der demografischen Entwicklung ist            ment, Respekt und Verbundenheit geprägt ist – wo
 Vielfalt entscheidend. Mit einer diversen und inklu-    der Reichtum an Ideen, Lebensumständen und
 siven Kultur meistern wir anstehende Herausforde-       ­Perspektiven genutzt wird, um beruflichen und ge-
 rungen und fördern die Chancengleichheit aller.          sellschaftlichen Wert für alle zu schaffen.
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 Das Magazin der Berufsfachschule Bern
4 gibb intern / Dezember 2021

                                Inhalt

                                Gut zu wissen                                   Impressum

                                                                                gibb intern
                                 5 Lernendenmanagementsystem (LEMA)
                                                                                Magazin der Berufsfachschule Bern
                                   Hans Hofer
                                 5 Neue Personalassistentin                     Herausgeberin
                                   Lara Krattinger                              gibb Berufsfachschule Bern
                                 6 Neuer Hausdienstleister Campus               Lorrainestrasse 1
                                   Carol Calmes                                 Postfach 248
                                 6 Digitale Transformation im Kanton            3000 Bern 22
                                   Pascal Willfratt                             Telefon 031 335 91 11
                                 6 Ressort Nachhaltigkeit                       Fax 031 335 91 60
                                   Eduard Wyss                                  direktion@gibb.ch

                                                                                Redaktionsteam
                                Vielfalt                                        Sonja Morgenegg-Marti
                                                                                Hans Hofer
                                 9 Das Grosse im Kleinen                        Sabine Beyeler
                                   Nicola von Greyerz                           Bernhard Roten
                                10 Offenes Menschenhaus                         Nicole Berner
                                   Ursula Stoll
                                12 Bildungsbenachteiligungen und Corona         Grafik und Layout
                                   Inés Mateos                                  www.kommapr.ch
                                14 Wir sind anders! – Wir sind divers!          www.eigenartlayout.ch
                                   Olivier Hirschi und Meret Bürki              Umsetzung
                                18 Eine Anregung zum Museumsbesuch              www.bueroz.ch
                                   Nathalie Jakobi und Fabienne Deppeler
                                19 Die Hände, die Magie machen                  Fotografie
                                   Manuela Irina Hostettler                     Alain Bucher, Bern
                                20 Mut zur Vielfalt                             Die Fotografien entstanden in der
                                   Esther Gygax                                 Sonderausstellung «Queer – Vielfalt
                                21 «Du kannst eh keinen Schacht öffnen!»        ist unsere Natur» mit freundlicher
                                   Interview von Franca Demarmels               ­Genehmigung des Naturhistorischen
                                27 Wozu gendern?                                 Museums. Wir bedanken uns beim
                                   Franca Demarmels und Martin Lehmann           NMBE für die Gastfreundschaft.
                                28 Sieben wertvolle Tools
                                   Simon Wegmüller                              Monika Stock (Seite 10)
                                29 «Wo ist meine Heimat?»                       Olivier Messerli (Seite 12)
                                   Interview von Nathalie Jakobi                Simon Zeltner (Seite 19)
                                30 A DiM lesson learnt                          Lenka Reichelt (Seite 20)
                                   Jelena Lenggenhager                          Christoph Sidler (Seite 14, 30)
                                33 «Ich bat darum, nicht verschont zu werden»   Weitere Fotos wurden von
                                   Interview von Martin Lehmann                 den Autorinnen und Autoren
                                34 «Ich habe gedacht, weil ich Frauen mag,      zur Ver­fügung gestellt.
                                   sei etwas schlecht mit mir»                  Wir danken dafür.
                                   Interview von Nathalie Jakobi
                                36 «Es gibt keine schlechte Religion,           Druck
                                   sondern nur schlechte Menschen!»             Ast & Fischer AG, Wabern
                                   Meret Bürki                                  Dezember 2021
                                37 Zahlen erzählen lassen
                                   Olivier Hirschi
                                40 Miniaturen

                                Atem holen

                                46 Reenactment
                                   Cornelia Burkhardt
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Gut zu wissen

Lernendenmanagement­                   Das Projektteam arbeitet inten-      Für mich ging es nach dem
system (LEMA)                          siv daran, die Bedürfnisse auf­      Kauffrau EFZ-Abschluss gleich
                                       zunehmen, zu verarbeiten und         ins nächste Abenteuer. Ich habe
Ein anspruchsvolles                    die definitive Einführung so gut     mich an der gibb immer sehr
Projekt                                wie möglich vorzubereiten. Es        wohlgefühlt und deshalb keine
                                       wird aber – wie bei solchen Pro-     Sekunde gezögert, Ja zu sagen,
Im Rahmen des Projekts Infor-          jekten vielfach der Fall – für die   als mir eine Stelle an­geboten
matik 4.0 hat die IET ein Lernen-      gibb einen Initialaufwand be­        wurde. In der Personaladmi­
denmanagementsystem auf­               deuten. Wir sind überzeugt, dass     nistration bin ich sowohl für die
gebaut, das wichtige Daten, die        uns das Tool nach eingelaufe-        Stellvertretungen als auch für
für den Unterricht gebraucht           nem Betrieb entlasten und ent-       ­einen Teil der festangestellten
werden, elektronisch und über-         sprechend Freude bereiten wird.       Lehrpersonen zuständig. Kein
sichtlich darstellt. Darin einge-                                            Tag ist wie der andere und
baut ist die Absenzenerfassung         Hans Hofer, Stv. Direktor             ­genau das macht meinen Job
inkl. elektronischem Entschuldi-                                              so abwechslungsreich.
gungsprozess. Vor zwei Jahren                                                     Neben meiner KV-Lehre habe
hat die Schulleitung entschieden,                                             ich im Jahr 2017 bereits eine
LEMA auf die ganze gibb aus­                                                  Lehre als Detailhandelsfach-
zurollen. Einzelne Abteilungen                                                frau EFZ im Globus Westside
­arbeiten bereits im Herbst­                                                  (Kinderabteilung) absolviert.
 semester 2021/22 in allen Klas-                                              Nach dieser Lehrzeit hatte ich
 sen mit dem Tool, andere Ab­                                                 die Möglichkeit, beim Globus
 teilungen sind mit Pilotklassen                                              Westside als Detailhandelsfach-
 im Sommer 2021 eingestiegen.                                                 frau meine erste Stelle anzu­
      Das Ziel ist, dass ab Feb­ruar                                          treten. In diesem Jahr wurde
 2022 weitere Pilotklassen dazu-                                              mir schnell klar, dass ich mich
 kommen und ab August 2022                                                    in eine ganz andere Richtung
 die ganze gibb LEMA einsetzen                                                weiterbilden möchte. Deshalb
 kann. Der angelaufene Rollout         Neue Personalassistentin               habe ich mich entschieden,
 bringt aufgrund der heterogenen       Von der Ausbildung                     noch eine Zweitlehre als Kauf-
 Bedürfnisse in den Abteilungen                                               frau EFZ zu starten. Heute bin
 einige Herausforderungen mit
                                       ins Berufsleben                        ich sehr froh, dass ich diesen
 sich: Der Modulunterricht in der                                             Schritt gegangen bin.
 IET ist beispielsweise anders         Im Juli 2021 habe ich die Aus­             Aufgrund meiner im August
 ­organisiert als Klassen im Team-     bildung zur Kauffrau EFZ erfolg-       2021 angetretenen Stelle in der
  teaching in der AVK. Oder: In der    reich abgeschlossen. In meiner         Personaladministration habe
  BMS1 hat es Lernende aus ande-       dreijährigen Ausbildung zur            ich die Möglichkeit, mich auf
  ren Berufsfachschulen, die über      Kauffrau EFZ war ich in diversen       ­diesem Gebiet weiterzubilden.
  ein eigenes Absenzensystem           Abteilungen der gibb tätig. Ich         Die Weiterbildung zur Personal­
  verfügen. Zudem ist es nicht ein-    durfte Einblick in die verschiede-      assistentin hat anfangs Novem-
  fach, dass sich alle Lehrbetriebe    nen Abteilungssekretariate, in          ber gestartet. Auf die kommende
  und gesetzlichen Vertretungen        die Personaladministration              Zeit in der Weiterbildung wie
  registrieren und sich im Falle       und in die Finanzbuchhaltung            auch in der gibb bin ich sehr ge-
  ­einer Absenz einloggen und die      ­erhalten. Diese vielseitigen Ein-      spannt. Ich freue mich auf neue
   Lektionen entschuldigen können.      blicke haben meine Lehre sehr          Herausforderungen, spannende
   Verbunden damit sind viele           spannend und abwechslungs-             Gespräche und neue Bekannt-
   ­Anfragen in den Sekretariaten       reich gemacht.                         schaften.
    und im Informatik-Support.
                                                                            Lara Krattinger, Personalassistentin
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 Das Magazin der Berufsfachschule Bern
6 gibb intern / Dezember 2021

                                                                       pflege den Kontakt mit meiner             Der Kick-off des Projekts auf
                                                                       Familie und Freunden.                     ­Stufe gibb fand nach den Herbst­
                                                                          Meiner grossen Leidenschaft             ferien statt. In diesem Schuljahr
                                                                       für das Eishockey folgend, habe            sind elf Innovationen, welche
                                                                       ich in diesem Jahr den Kurs                sich verschiedenen Aspekten
                                                                       zum «J & S Eishockeyleiter» ab-            des digitalen Unterrichts wid-
                                                                       solviert und trainiere derzeit die         men, Teil davon. Ferner trifft sich
                                                                       U11-Mannschaft bei Bern 96,                die kantonale Gruppe im Novem-
                                                                       in der auch mein 9-jähriger Sohn           ber mit den Scouts. Die digitale
                                                                       spielt. Es bereitet mir Freude,            Transformation geht weiter und
                                                                       Wissen und Erfahrungen weiter-             wir gestalten sie mit.
                                                                       zugeben und aktiv zu bleiben.
                                Neuer Hausdienstleister                                                          Pascal Willfratt,
                                Campus                                 Carol Calmes,                             Stv. Abteilungsleiter BMS

                                In Bewegung                            Hausdienstleiter Campus

                                Als gelernter Mechaniker habe
                                ich im Jahr 2010 entschieden,                                                    Ressort Nachhaltigkeit
                                mich neu zu orientieren, und           Digitale Transformation                   Erster Ressourcen­
                                                                       im Kanton
                                bin in den Beruf des Hauswarts                                                   tag zum Thema
                                eingestiegen. Wenn ich jetzt die       Unterrichtsinno­                          «Foodwaste»
                                Leitung der Hausdienste Cam-           vationen aufspüren
                                pus übernehme, schliesst sich                                                    Das Ressort Nachhaltigkeit der
                                ein Kreis: Ich habe die Weiterbil-     Seit Schuljahresbeginn läuft              gibb hat ein neues Angebot für
                                dung zum eidg. dipl. Hauswart          das kantonale Projekt «Digitale           unsere Lernenden konzipiert.
                                nämlich an der gibb absolviert.        Unterrichtsinnovationen». Es              Jährlich wird in der Kalender­
                                Das Areal und die Gebäude sind         hat zum Ziel, digitale Unterrichts­       woche neun mit sämtlichen
                                mir bestens bekannt. Es ist an-        innovationen, welche in den               Klassen der ersten Lehrjahre ein
                                genehm, mich wieder in dieser          ­letzten Jahren von vielen Lehr-          aktuelles Nachhaltigkeitsthema
                                vertrauten Umgebung bewegen             personen an Schulen gemacht              im Unterricht aufgegriffen.
                                zu dürfen, und ich freue mich           wurden, aufzuspüren, sichtbar                 Dieser Ressourcentag wird
                                darauf, diese spannende neue            zu machen und auszutauschen.             das erste Mal 2022 für über
                                Herausforderung anzugehen.              Eine kantonale Gruppe mit                2000 Lernende zum Thema
                                    Meine bisherigen Berufs­            ­Vertretern aus den Gymna­sien,          «Foodwaste» durchgeführt. Unser
                                erfahrungen werden mir an der            den kaufmännischen sowie den            Ziel ist es, die Lernenden für
                                gibb nützlich sein. In den elf           ­Berufsfachschulen baut dazu            ­dieses Thema zu sensibilisieren
                                ­vergangenen Jahren konnte ich            ­eine Struktur auf, die den Aus-        und Lösungen aufzuzeigen.
                                 im Schul- und Hochschulbetrieb            tausch zwischen den Schulen                Das Ressort bietet für diese
                                 der PHBern, der Berner Fach-              ermöglichen soll.                      Woche eine Ideenbroschüre für
                                 hochschule und der Volkschule,                Innerhalb der Schulen sind         Lehrpersonen an, die eine Unter-
                                 also in einem lebhaften, vielsei­         ­Innovations-Scouts dafür zu-          richtseinheit entwickeln möch-
                                 tigen und spannenden Umfeld,               ständig, digitale Unterrichtsinno-    ten. Auch externe Angebote
                                 viele Erfahrungen sammeln.                 vationen ausfindig zu machen          ­organisieren wir. ­Aktuell sind an
                                    Auch privat schätze ich es, in          und diese so aufzubereiten,            verschiedenen Standorten eine
                                 Bewegung zu sein. Meine Freizeit           dass ein Austausch mit anderen         Ausstellung, ein Stadtrundgang
                                 gestalte ich sehr abwechslungs-            Schulen ermöglicht wird. Ausser­       oder Workshops geplant.
                                 reich, mit sportlichen Aktivitäten,        dem funktionieren die Scouts
                                 ruhigen Spaziergängen, liebe-              als Verbindung zu der kantona-       Eduard Wyss,
                                 voll zubereitetem Essen, und ich           len Gruppe.                          Ressortleiter Nachhaltigkeit
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                          Vielfalt

                              «Ist es nicht fast schwieriger,
                                die kleinen Unterschiede zu
                               ­akzeptieren, als im Grossen
                          ­ iversität und Vielfalt zu leben?»
                          D

                          Szenen des Alltags
                          Das Grosse im Kleinen

                          Vor einigen Jahren, als ich noch in einem anderen        ging ­joggen. Warum hat sich meine Laune so
                          Mietshaus wohnte, habe ich eine interessante Beob-       schlagartig geändert, fragte ich mich, als ich durch
                          achtung gemacht – an mir selbst. An einem frühen         den Wald lief.
                          Sonntagmorgen wurde ich von einem wummern-
                          den Bass geweckt. Die Musik kam aus irgendeiner          Abstufungen der Grosszügigkeit
Nicola von Greyerz,       Wohnung in meinem Haus, ich konnte sie aber nicht        Wir alle reagieren auf gewisse Situationen ganz
Wissenschafts­            genau lokalisieren. Ich habe ihr nachgelauscht und       ­unterschiedlich. Das hat sicher auch mit der eige-
kommunikatorin und        mir das junge Pärchen in der Wohnung einen Stock          nen momentanen Laune oder Befindlichkeit zu tun.
Kulturmanagerin Uni­
                          höher vorgestellt, wie sie, eben vom Ausgang zu-          Aber nicht nur. Es hat auch damit zu tun, wer an
versität Bern, Mitglied
                          rückgekommen, in der Küche sitzen, eine Zigarette         der jeweiligen Situation beteiligt ist und in welchem
im gibb-Schulrat
                          rauchen und darauf warten, müde genug zu werden,          Verhältnis man zu dieser Person steht. Unsere
                          um ins Bett zu gehen. Dieser Gedanke zauberte             Grosszügigkeit kennt verschiedene Stufen, unsere
                          mir ein Lächeln aufs Gesicht und erinnerte mich           Toleranz hat unterschiedliche Grenzen. Je nach-
                          ­daran, wie es war, als ich selber noch die Nächte        dem, mit wem wir es zu tun haben, sind wir eher
                           durchtanzte und auf dem Heimweg bei der Bäckerei         bereit, Dinge oder Verhaltensweisen zu tolerieren,
                           frische Gipfeli holte, um sie gemeinsam mit meiner       die uns bei andern stören und verärgern.
                           damaligen Wohnpartnerin in unserer kleinen ge­              Ich kannte das Pärchen in der Wohnung über
                           mütlichen Küche zu verspeisen.                          mir. Wir unterhielten uns im Treppenhaus, gossen
                               Kurze Zeit später stand ich auf, um in der Küche     uns gegenseitig die Blumen und tranken ab und an
                           ein Glas Wasser zu trinken. Da stellte ich fest, dass    einen Kaffee zusammen. Den Mann neben mir
                           die Musik nicht aus der Wohnung oberhalb, son-           kannte ich nicht. Und so konnte ich ihn einfach in
                           dern aus der direkt neben mir kam. Da wohnte seit        die Schublade des rücksichtslosen Typen stecken,
                           einigen Wochen ein junger Typ, der im Treppenhaus        der nach Lust und Laune seine Schuhe ­herumliegen
                           kaum grüsste und auf dem gemeinsamen Treppen-            lässt und das Haus mit seiner bescheuerten Musik
                           absatz dauernd seine Turnschuhe so liegen liess,         beschallt.
                           dass ich auf dem Weg zur Arbeit auch schon mal
                           fast darüber gestolpert wäre. Und weg war das           Der englische Rasen und die Magerwiese
                           ­Lächeln. Ärger stieg in mir hoch. Ärger über diesen    Uns ist allen bewusst, dass Vielfalt und Unter­
                            rücksichtslosen Menschen, der wohl zu besoffen         schiedlichkeiten das Leben bereichern. Da müssen
                            war, um zu merken, dass er mit seinem Gewummer         wir unseren Blick nur von einem englischen Rasen
                            das halbe Haus weckte. An Schlaf war nicht mehr        hin zu einer blütenreichen Magerwiese schweifen
                            zu denken. So zog ich selbst Turnschuhe an und         lassen und uns darin verlieren. Oder uns an ver­
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10 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt

                               gangene Reisen erinnern. Vielfalt ist bereichernd        Im Kleinen beginnen
                               und schön, Unterschiedlichkeiten sind spannend         Vielfalt akzeptieren beschränkt sich eben nicht
                               und abwechslungsreich. Wir finden es auf Reisen        nur darauf, unterschiedlichen kulturellen Hinter­
                               spannend, neue Gerüche zu entdecken und un­            gründen Akzeptanz entgegenzubringen, sondern
                               bekannte Landschaften zu erkunden. Wir lieben es,      umfasst auch, unserem alltäglichen sozialen Mit­
                               in andere Lebenswelten einzutauchen und uns un-        einander, anderen Lebenssituationen und Denk­
                               bekannten Traditionen hinzugeben. Und kaum sind        weisen mit der nötigen Grosszügigkeit zu begeg-
                               wir wieder zu Hause, ärgern wir uns über unordent-     nen. Aber gerade da suchen wir häufig dann doch
                               lich hingeworfene Turnschuhe.                          lieber das Gewohnte und Vertraute. Da sind wir viel
                                   Erst einige Wochen später lernte ich meinen        offener und aufgeschlossener, wenn wir etwas
                               Nachbarn zufällig in der Waschküche kennen und         ­kennen und es unseren Vorstellungen (oder eigenen
                               erfuhr, dass er bei der Post Nachtschichten in einem    Erinnerungen, wie bei mir) entspricht. Das gibt uns
                               Paketverarbeitungszentrum schob und an dem be-          Sicherheit.
                               sagten Sonntag wohl gerade von einer solchen                Ist es nicht manchmal fast schwieriger, im all­
                               heimgekommen war. Dass das sein momentaner              täglichen Zusammenleben die kleinen Unter­schiede
                               Zwischenjob war, bis er seine Ausbildung zum So-        zu akzeptieren und Toleranz zu zeigen, als im Gros­
                               zialtherapeuten beginnen konnte, und dass diese         sen Diversität und Vielfalt zu leben? Braucht es
                               Wohnung seine erste war und er noch nicht genau         nicht grössere Kraftaufwendungen, im Kleinen
                               wusste, wie die Waschmaschine zu bedienen ist.          ­weniger kleinlich als im Grossen grosszügig zu
                               So wurde dieser «Typ» zu einem Menschen, der in          sein? Wir sollten uns immer wieder darum be­
                               einer komplett anderen Lebenssitua­tion steckte und      mühen, im Kleinen, Alltäglichen zu beginnen, gross-
                               sich in dieser auch erst noch etwas zurechtfinden        zügig zu sein und unserem Gegenüber – wer immer
                               musste. Er entschuldigte sich für den Lärm und           es ist – freundlich und zuvorkommend zu begeg-
                               mir war es auf einmal sehr peinlich, dass ich ihm        nen. Es macht unser Leben schöner und bereichert
                               in den ersten Minuten in der Waschküche eher             den Alltag.
                               ­argwöhnisch und abweisend b   ­ egegnet war.

                               Die GEWA und die Integration
                               Offenes Menschenhaus

                               Jedes Individuum hat eine eigene Vorstellung von       Angebote zur beruflichen Integration
                               der Normalität. Haben Sie schon einmal versucht,       Diversität zeigt sich zum Beispiel in der sexuellen
                               Normalität zu ­beschreiben? Ist es Ihnen gelungen,     und religiösen Identität. Im Deutschen wird oft der
                               klar und verständlich zu umfassen, was «normal»        Begriff «Vielfalt» verwendet anstelle von «Diversi-
                               ist? Dann darf ich Ihnen gratulieren!                  tät». Gemeint ist die soziale Vielfalt, die sich unter
Ursula Stoll                      Zum Beispiel: «Ist Ihr Blutdruck normal?» Bereits
                               diese Frage ist eine Wissenschaft. Je nach Alter
                               und Geschlecht ist ganz unterschiedlich, welcher         Ursula Stoll ist 1987 in Bern geboren. Sie ist
                               Blutdruck normal ist, und diese Frage bezieht sich       Kauffrau und hat einen Bachelor of Science
                               einzig auf zwei Aspekte. Das Leben eines Menschen        BFH in Sozialer Arbeit sowie einen Master of
                               ist jedoch viel umfassender und vielschichtiger als      ­Advanced Studies BFH in Integrativem Ma­
                               nur Alter und Geschlecht.                                 nagement. Seit über zehn Jahren ist sie in der
                                                                                         ­beruflichen Integration unterwegs. Aktuell ist
                                                                                          sie Leiterin der Abteilung Berufliche Integration,
                                                                                          Bildung und Innovation in der GEWA.
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 11

anderem in der Kultur, Gesundheit oder Krankheit,         Alle sind eingebunden
familiären Lebenssituation sowie im wirtschaftli-        Der GEWA ist es wichtig, dass Diversität nicht ein-
chen Status niederschlägt.                               zig eine Managementaufgabe ist und die Führungs-
    Die GEWA ist ein sozialwirtschaftliches Unter­       kräfte dafür verantwortlich sind. Nein, die GEWA
nehmen, das Menschen, die psychisch besonders            strebt danach, dass die gesamte Belegschaft in
he­ rausgefordert sind, beruflich integriert. Ihr        Verantwortungsbereiche, Projekte, Strategiepro­
Kernanliegen ist es, Menschen zu befähigen, ihren        zesse etc. eingebunden ist. Eine aktive Beteiligung
Platz in der Arbeitswelt zu finden. Um diese Aufgabe     wird angestrebt. Je nach Aufgabenstellung ist für
wahrzunehmen, bietet sie Angebote zur berufli-           die Personen die Mitwirkung in verschiedenen Grup-
chen Integration und wirtschaftliche Dienstleis­         pen möglich. Die Bestrebungen sind klar: Vielfalt
tungen mit eigenen Betrieben in verschiedenen            darf und muss Platz haben und ist wichtig.
Branchen an.                                                 Oft wird in der GEWA auch vom «Menschen-
    Die GEWA ist nicht homogen ausgerichtet, son-        haus» gesprochen. Dies drückt sich besonders in
dern stellt sich in vielfältiger Weise der Unter­        der Vision und den Werten der GEWA aus. Im Leit-
schiedlichkeit. Beispielsweise setzt sich ein Team       bild der GEWA steht: «Jeder Mensch ist gleichwertig
aus Fach- und Führungskräften, Menschen mit und          und unabhängig von seiner Leistung wertvoll. Wir
ohne IV-Rente sowie Menschen in einem Eingliede-         gehen mit unseren Mitmenschen so um, wie wir
rungsprogramm zusammen. Zudem sind die Teams             möchten, dass sie mit uns umgehen: Wir leben
alters- und geschlechtsdurchmischt. Unterschiedli-       Wertschätzung und haben eine zutrauende Haltung.
che Kulturen, Religionszugehörigkeiten, Bildungs-        Damit schaffen wir die Voraussetzung, um Selbst-
hintergründe etc. zeichnen die Teams aus. Ein            wirksamkeit aufzubauen, Talente zu entdecken, ge-
­gemeinsames Ziel und ein gemeinsamer Kunden-            zielt zu fördern und zur Entfaltung zu bringen. Dabei
 auftrag stellen die Verbindung in der Gruppe her. So    streben wir ein gesundes Mass an Herausforderung
 vielseitig, wie die Menschen sind, so bunt sind die     an. Die gesamte Belegschaft aller Funktionsstufen
 Teams. Führt dies nicht zu ständigen Konflikten?        sind gleichwertige Partner, die das Unternehmen
                                                         mitgestalten und auf das Erreichen der GEWA-Vision
So gestalten wir Diversität in der GEWA                  hinarbeiten. Wir sind mutig, stehen zu unseren
Vielfalt klingt zwar nett, aber es ist in der Realität   ­Fehlern und lernen daraus. In unserem Alltag leben
eine Anstrengung, mit ihr umzugehen. In der Tat: Mit      wir die GEWA-Werte: wertschätzend, grosszügig,
den Programmen in der beruflichen Integration ist         ehrlich und zuverlässig, mutig, vertrauenswürdig,
die Gruppe durch eine hohe Fluktuation heraus­            kompetent, kreativ, zufrieden».
gefordert. Es ist ein ständiger Prozess, sich wö-
chentlich auf neue Gruppenkonstellationen einzu-
lassen. Mit der Unterschiedlichkeit umzugehen,
stellt daher eine tägliche Herausforderung dar. Un-
terschiede auszuhalten kann als Stress empfunden           GEWA steht für «Gemeinsam Wagen»
werden.                                                    Die G­ EWA ist ein sozialwirtschaftliches Unter-
   Dennoch bringt die Vielfalt auch viel Positives         nehmen. Ihr Kernanliegen ist es, Menschen
mit sich: Die Vielseitigkeit beflügelt Entwicklung         zu befähigen, ihren Platz in der Arbeitswelt zu
neu, Bestehendes wird in Frage gestellt und lässt          finden. Um diese Aufgabe wahrzunehmen, bie-
eine Horizonterweiterung und einen Perspektiven-           tet sie Angebote zur beruflichen Integration und
wechsel zu. Zudem ermöglicht die Vielfalt produk­          wirtschaftliche Dienstleistungen mit eigenen
tive Ideen, welche das Unternehmen vorwärts­               Betrieben in verschiedenen Branchen.
bringen.                                                      Sie versteht sich als Spezialistin im Umgang
                                                           mit Menschen, die aus psychischen Gründen
                                                           besonders herausgefordert sind.
                                                              Seit August 2020 besuchen die GEWA-­
                                                           Lernenden der praktischen Ausbildung nach
                                                           INSOS den ABU-Unterricht an der gibb.
12 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt

                               Am besten gelingt gelebte Vielfältigkeit, wenn Vor-       Probieren Sie es aus
                               urteile abgebaut werden. Dazu bedarf es einer Sen-       Einander auf Augenhöhe zu begegnen und Unter-
                               sibilisierung für das Thema und eine Offenheit zur       schiede als Chance zu sehen, sind nicht einfach und
                               Selbstreflexion. Unterstützend sind auch Acht­           bleiben eine Daueraufgabe. Dennoch: Es lohnt sich,
                               samkeitstrainings, welche das Bewusstsein schär-         sich auf das Gegenüber einzulassen und sich von
                               fen und einen wertschätzenden Umgang mit Di­             ihm inspirieren zu lassen.
                               versität fördern. Ein weiterer Schlüssel liegt in der       Wagen Sie es, sich immer wieder neu auf die
                               Kommunikation. Aufeinander zuzugehen, Unter-            ­Unterschiedlichkeit der Menschen einzulassen?
                               schiede anzusprechen und die Absicht, sich gegen-        ­GEmeinsam WAgen: Als GEWA wollen wir uns der
                               seitig verstehen zu wollen, helfen in der Annahme         Unterschiedlichkeit immer wieder stellen, voneinan-
                               der Vielfalt.                                             der lernen und ein offenes Menschenhaus haben.

                               Schulschliessungen und Chancengleichheit
                               Bildungsbenachteiligungen und Corona

                               Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 schie-            ist das schon viel. Er erzählt von einem weiteren
                               nen Schulschliessungen unumgänglich. Die Folgen         ­Jugendlichen, der sich für den Unterricht einen Platz
                               für den Bildungserfolg von Kindern und Jugend­           in der Bahnhofsunterführung sucht, weil es da ei-
                               lichen, aber auch für das Bildungssystem selbst          nen Internetzugang gibt, den er zuhause nicht hat.
                               waren nicht absehbar. Nun wissen wir: Es gibt            Martin fühlt sich angesichts dieser Verhältnisse
Inés Mateos                    ­erhebliche Bildungslücken. Getroffen wurden die         ohnmächtig.
                                Schwächsten. Benachteiligungen aufheben und                 Yolanda und Martin 2021: Fast ein Jahr später
                                Chancengleichheit herstellen darf gerade in der Kri-   erzählen beide von Bildungslücken bei vielen Kin-
                                se nicht aus den Augen verloren werden.                 dern und Jugendlichen. Sie sagt: «Ein Junge, der
                                                                                        vor dem Lockdown gut unterwegs war, hinkt jetzt
                               Erinnerungen an 2020                                     masslos hinterher. Er hat zuhause niemanden, der
                               April 2020: Alle Schulen in der Schweiz sind seit        ihn unterstützen kann. Das ist fast nicht mehr
                               ­Mitte März geschlossen: Yolanda D., Primarlehrerin      ­aufzuholen und frustrierend.» Er meint: «Die sozia-
                                und Heilpädagogin in Kleinbasel, erzählt von Fami-       len Verhältnisse der Familie sind ohnehin aus­
                                lien und deren Kindern, die wochenlang nicht er-         schlaggebend für den Bildungserfolg – auch vor
                                reichbar sind. Sie und ihre Kolleg*innen haben den       Corona war das so.» Mit geschlossenen Schulen
                                Schüler*innen die Aufgaben nach Hause gebracht,          und Fernunterricht verstärkt sich dieses Problem
                                um sicherzustellen, dass die Kinder mit Schulma­         extrem. Für die betroffenen Jugendlichen wird es
                                terial versorgt sind und auch «um den Kontakt zu         noch mehr ein Lauf gegen die Zeit. Sie sind nur noch
                                halten», wie sie sagt. Es geht teilweise um Kinder,      am Aufholen.
                                die auch ohne Corona in psychosozial herausfor-
                                dernden Verhältnissen aufwachsen müssen. Yolan-
                                da macht sich Sorgen.                                    Inés Mateos ist freischaffende Fachexpertin,
                                   Martin F., Berufsschullehrer in Bern, erzählt von     Moderatorin und Dozentin zu gesellschaftlichen
                                einem lernmotivierten Jugendlichen mit Fluchtge-         Themen rund um Bildungs- und Diversitäts­
                                schichte, der sich nicht zu jeder Unterrichtsstunde      fragen. Die Partizipation und Anerkennung von
                                einloggen kann. Er teilt den Familiencomputer mit        Bürger*innen mit Migrationsgeschichte als Teil
                                zwei weiteren Geschwistern, die alle auch fern­          der Schweiz ist der Grundsatz, der ihre Arbeit
                                unterrichtet werden; wenn jedes der Kinder pro Tag       leitet. Sie ist Gründungsmitglied des Institut
                                zwei Stunden im Fernunterricht dabei sein kann,          Neue Schweiz (INES) und Mitglied der Eidge-
                                                                                         nössischen Migrationskommission (EKM).
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 13

Es trifft schwächere Familien                                 allen Haushalten steht ein Drucker oder unein-
Im Sommer 2020 warnte das Kinderhilfswerk                     geschränkter Internetzugang zur Verfügung.
UNICEF eindringlich vor einer internationalen Bil-         4. Unterstützung: Die Unterstützung durch die
dungskrise aufgrund der Schulschliessungen. In                ­Eltern bei Schulschliessungen ist vor allem bei
der Schweiz äusserten schon im Frühjahr 2020, als              jüngeren Schüler*innen absolut zentral. Wenn
rund eine Million Schüler*innen im Fernunterricht              die Anleitung für den Schulunterricht durch
sassen, Lehrpersonen und Lehrbetriebe, Schullei­               die Lehrpersonen wegfällt und die Eltern diese
ter*innen und Bildungsexpert*innen die Befürch-                Begleitung nicht wahrnehmen können, sind die
tung, die Reduktion auf Fernunterricht könnte die              Kinder schnell orientierungslos. Aber auch bei
im Schweizer Bildungsbereich ohnehin existieren-               älteren Schüler*innen sind die abverlangte tägli-
den Benachteiligungen verschärfen. Dabei sind                  che Disziplin vor dem Bildschirm und die hohe
­keineswegs nur Kinder und Jugendliche aus Migra-              intrinsische Motivation nicht einfach gegeben;
 tionsfamilien betroffen, vielmehr trifft es alle sozio-       insbesondere dann, wenn die Welt draussen still
 ökonomisch schwächer gestellten Familien, ganz                zu stehen scheint und nicht absehbar ist, wann
 besonders jene mit tiefem Bildungsniveau.                     Präsenzunterricht wieder möglich wird. Wenn
    Das ist nichts Neues. Auch ohne Schulschlies­              keine Erwachsenen in dieser unsicheren Situa­
 sungen und digitalisierten Fernunterricht besitzt             tion geeignete Begleitung anbieten können, die
 das Schweizer Bildungssystem eine beträchtliche               für die Jugendlichen einen geregelten und moti-
 soziale Selektivität: Je gebildeter die Eltern und je         vierenden Zugang zum Fernunterricht schafft,
 vermögender sie sind, desto bessere Bildungschan-             verkommt der Unterricht zuhause für viele
 cen haben in der Schweiz ihre Kinder.                         ­Kinder und Jugendliche zu einem erschreckend
                                                                unstrukturierten Raum. Sich darin sinnvoll
Facetten des Schulerfolges                                      Schulstoff aneignen zu können, wird zur Un-
Aus den bisherigen Untersuchungen und Studien                   möglichkeit; den verpassten Schulstoff danach
lassen sich Herausforderungen für betroffene                    aufzuholen, birgt hohes Frustpotenzial und wird
Schüler*innen auf unterschiedlichen Ebenen fin-                 für viele zum Lauf gegen die Zeit.
den. Dabei spielen neben der für den Schulerfolg           5. Lesekompetenz: Die Fähigkeit, schriftliche
entscheidenden Begleitung durch die Eltern und                  Texte zu verstehen, wird beim Fernunterricht zur
der ausschlaggebenden Lesekompetenz auch Zeit,                  Grundvoraussetzung, um überhaupt Arbeits­
Raum und materielle Ressourcen eine wichtige                    anweisungen verstehen und dem Distanzunter-
­Rolle. Schauen wir uns diese Aspekte genauer an:               richt folgen zu können. Lesekompetenz wird so
 1. Zeit: Grundsätzlich reduziert sich die Bildungs-            zur Schlüsselkompetenz für alle Fächer. Hin­
    zeit von Schüler*innen aus bildungsfernen und               gegen können Schwierigkeiten darin zur Motiva-
    sozioökonomisch schwachen Familien durch                    tionsbremse und im schlimmsten Fall zum Ab-
    Schulschliessungen erheblich. Auf die Formel                schusskriterium für Bildungsfortschritte werden.
    gebracht bedeutet dies: Jede Stunde, welche                 Dass Eltern mit höherem Bildungsstand auch
    diese Schüler*innen nicht in der Schule verbrin-            mit Sprach- und Medienkompetenz ihre Kinder
    gen, ist für deren Bildungsfortschritt in vielen            besser unterstützen können, liegt auf der Hand,
    Fällen eine verlorene Stunde.                               vergrössert aber gleichzeitig die Kluft für jene,
 2. Raum: Nicht alle Kinder und Jugendlichen ver­               welche keine Unterstützung bekommen können.
    fügen über ein eigenes oder geeignetes ­Zimmer,
    das ihnen die Ruhe garantiert, die sinnvoller          Gravierende Herausforderung:
    Fernunterricht voraussetzt.                            soziale Selektivität
 3. Material: Die digitale Ausstattung in den Familien     Für Schüler*innen aus fremdsprachigen Familien
    ist sehr unterschiedlich. Nicht alle erfüllen die      kommt eine weitere gravierende Herausforderung
    Anforderungen, die der Übermittlung von Lern-          hinzu: Migrant*innen, welche der deutschen Spra-
    inhalten und der Fernkommunikation genügen.            che erst eingeschränkt mächtig sind, haben bei
    So besitzen nicht alle Jugendlichen automa-            Schulschliessungen noch eine zusätzliche Barriere
    tisch einen eigenen Computer. Und nicht in             zu bewältigen. Dass dies in vielen Fällen zu Über­
14 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt

                               forderung, Verzweiflung und Motivationsverlust          können, weil ihre psychosoziale Situation grund­
                               führt, wie es die grösste Langzeit-Bildungsstudie       sätzlich unstabil ist …), zeigt sich dieser Bildungs­
                               in Deutschland zeigt, ist nachvollziehbar. In der       verlust deutlich.
                               Schweiz verhält es sich ähnlich.                           Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass
                                  Bildungsexpert*innen und Forscher*innen sind         Schulschliessungen eine massive Wirkung auf die
                               sich durchgehend einig: Die Schulschliessungen          Chancengleichheit unseres Bildungssystems ha-
                               im Jahr 2020 bewirkten Bildungslücken, die sich         ben. Die soziale Selektivität – ohnehin das grosse
                               nur schwer schliessen lassen. Bei Schüler*innen,        Hinkebein des Schweizer Bildungssystems – wird
                               deren Eltern die didaktisch-pädagogische Be­            dadurch empfindlich verstärkt. Die negativen Ef­
                               gleitung nicht ersetzen konnten (weil sie auch im       fekte auf den Bildungsverlust über alle Schulstufen
                               Lockdown zur systemrelevanten Arbeit gehen              hinweg, aber auch auf die Übergänge in die Berufs-
                               mussten, weil sie selbst wenig Bildung genossen         bildung drohen zuzunehmen.
                               haben, weil sie der deutschen Sprache nicht mäch-       Anmerkung: Dieser Text ist in einer erweiterten Version
                               tig sind, weil sie alleinerziehend nicht neben dem      in «terra cognita», Schweizer Zeitschrift zu Integration
                               Homeoffice auch noch Schulunterricht ersetzen           und Migration, im Frühling 2021 erschienen.

                               Diversity Management an der gibb
                               Wir sind anders! – Wir sind divers!

                               Von diesem Motto geleitet wird seit dem Winter          schätzender Umgang aller Beteiligten mit diesen
                               2020 im Auftrag der Direktion am Projekt «Diversity     Voraussetzungen.
                               Management gibb» (DiM gibb) gearbeitet.
                                  Immer öfter wird in den Medien über Diversity        Wir verfolgen folgende Ziele:
                               Management und dessen Vorteile berichtet. Das           – Das Hauptziel ist die Sensibilisierung sowohl
                               Diversity Management will die personelle und so­          der Lernenden wie auch der Mitarbeitenden für
                               ziale Vielfalt in einer Organisation konstruktiv nut-     die einzelnen Themen der Diversität. Dadurch
                               zen. Viele Firmen versprechen sich davon besser           wollen wir unbeabsichtigte, unbewusste Aus-
                               funktionierende Teams, zufriedenere Mitarbei­             grenzungen vermeiden und die Chancengleich-
                               ter:innen und nicht zuletzt mehr Umsatz. Für eine         heit für alle erhöhen.
                               öffentliche Berufsschule sind die Vorteile des Diver-   – Durch gute Beispiele soll der Begriff «Vielfalt/­
                               sity Managements etwas anders gelagert. Wenn wir          Diversity» positiv besetzt werden. Wir streben
                               es schaffen, alle ins «Wir» einzubinden, profitieren      nicht nur Toleranz, sondern Akzeptanz und
                               wir als Schule von höherer Motivation und Mitver-         eine wertschätzende Haltung gegenüber dem
                               antwortung sowohl bei den Lernenden als auch              Andersartigen an.
Meret Bürki und                bei den Mitarbeitenden. Dieses Zugehörigkeits­          – Die gibb als grösste Berufsschule der Schweiz
Olivier Hirschi,               gefühl zu unserer Institution fördert die Leistungs-      soll eine Vorreiterrolle im Umgang mit Diversität
Co-Projekt­leitung             bereitschaft und auch die Gesundheit.                     in der Schulkultur einnehmen. Die Vielfalt soll
DiM gibb
                                                                                         als Ressource erlebt und genutzt werden.
                               Dimensionen der Diversität                              Um diesen ambitionierten Zielen näher zu kommen,
                               Unsere buntgemischte Projektgruppe mit Vertre­          nutzen wir ganz unterschiedliche Möglichkeiten:
                               ter:innen aller Abteilungen und Fachrichtungen kon-     – Durch die seit August 2021 laufende Kommu­
                               zentriert sich im Moment vor allem auf die inneren        nikationsoffensive auf verschiedenen Kanälen
                               Dimensionen der Persönlichkeit. Diese angeborenen         (www.gibb.ch > Grundbildung > Erfolgs­
                               Aspekte können vom Individuum kaum oder gar               geschichten > Diversity, Facebook, Instagram)
                               nicht verändert werden. Umso wichtiger ist ein wert-      wird die Diversität unserer Lernenden sichtbar
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 15

Aus: Modell der «4 Layers of Diversity» nach Gardenswartz/Rowe,
L. Gardenswartz und A. Rowe: Diverse Teams at Work;
Society for Human Resource Management, 2002

                         gemacht. Lernende erzählen offen über sich               ein möglichst breites Angebot für verschiedene
                         und ihre Ansichten. Ein kleiner Vorgeschmack             Fächer und Niveaustufen anzubieten. Diese
                         ist in diesem Heft zu finden. Es lohnt sich, diese       werden ab Frühjahr 2022 zur Verfügung stehen.
                         sehr persönlichen Interviews zu lesen!                – Die Projektgruppe beantragt, das Projekt
                     –   Zum ersten Mal wurde an der gibb eine gesamt-            DiM gibb im Sommer 2022 in eine Fachstelle
                         heitliche Umfrage zur Vielfältigkeit bei unseren         zu überführen. Damit würde der Vielfalt an der
                         Lernenden durchgeführt. Geplant ist eine                 gibb weiterhin Aufmerksamkeit beigemessen.
                         ­regelmässige Befragung mit einem jährlich               Der Entscheid der Schulleitung dazu steht
                          wechselnden Schwerpunkt.                                noch aus.
                     –    Auf Diversität ausgerichtete Weiterbildungen für    In diesem Heft ist ein bunter Blumenstrauss der
                          unsere Mitarbeitenden werden laufend geplant        ­bisherigen Arbeit zu finden. Eine erste Auswertung
                          und im Kursangebot der gibb publiziert. Die          der Lernendenbefragung gibt Einblick in die Diver­
                          Auswertung der oben genannten Umfrage weist          sität. Lernende und eine Lehrperson sprechen über
                          auf verschiedene Anknüpfungspunkte hin.              persönliche Erfahrungen und den individuellen Um-
                     –    Zum Umgang mit der gendergerechten Sprache           gang mit der Vielfalt. Thematisiert werden der Ein-
                          ist ein Sprachleitfaden für die gibb in Arbeit.      satz von technischen Hilfsmitteln im Unterricht
                     –    Zur Sensibilisierung der Lernenden im Unter-         und ein Bericht zur Ausstellung «Queer – Vielfalt ist
                          richt erstellen wir verschiedene Unterrichts­        unsere Natur». Inputs zur gendergerechten Sprache
                          einheiten und Unterrichtsmaterialien zuhanden        und zur Diversität in Bewerbungsverfahren schlies­
                          der Lehrpersonen der gibb. Es ist uns wichtig,       sen den Reigen an Artikeln zum Thema ab.
16 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 17
18 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt

                               Queer – Vielfalt ist unsere Natur
                               Eine Anregung zum Museumsbesuch

                               «Queer» wird heute als positive Bezeichnung für           Tipps zum Besuch
                               ­Mitglieder der LGBTIQ+ Community verwendet. Un-         Während des Museumsbesuchs sollen sich die
                                sere Gesellschaft ist auf den ersten Blick in zwei      ­Lernenden möglichst frei auf ihrer Reise durch die
                                Geschlechter kategorisiert, und dies gilt im gesell-     Ausstellung bewegen und ihr Expeditionsheft aus-
                                schaftlichen Kontext meistens als natürlich. Aber        füllen können. Aus unserer Sicht empfiehlt es sich,
                                gibt es wirklich nur diese zwei Geschlechter oder        einen Schwerpunkt auf die Videoporträts und auf
                                Identitäten in der Natur und in unserer Gesellschaft?    die Hör- und Videobeiträge in der Zone «Kräfte» zu
                                Die Sonderausstellung «Queer – Vielfalt ist unsere       setzen. Hier erfährt man neben Fakten auch Schil-
                                Natur» im Naturhistorischen Museum Bern, die             derungen von persönlichen Schicksalen.
                                noch bis zum 19. März 2023 dauert, gibt einen Ein-           Es bietet sich an, eine Reportage, einen Bericht
                                blick in die Vielfalt der Geschlechter und sexuellen     zum Ausstellungsbesuch bzw. zur Thematik oder
                                Ausrichtungen von Tier und Mensch.                       auch einen Kommentar über eine umstrittene Frage
                                   Die Ausstellung ist als Entdeckungsreise kon­         schreiben zu lassen. Anregungen für Aufträge kön-
                                zipiert. Die Besuchenden gehen mit einem Expe­           nen Lehrpersonen bei der Projektgruppe Diversity
                                ditionsheft durch vier Zonen auf ihre eigene Reise.      Management auf Sharepoint herunterladen.
 Nathalie Jakobi und            Es spielt keine Rolle, welche Vorkenntnisse vorhan-          Was sollte beachtet werden, wenn man die Aus-
­Fabienne Deppeler,             den sind.                                                stellung mit einer Schulklasse besucht?
 ABU-Lehrerinnen DMG,                                                                    – Zertifikatspflicht: Wer sich testen lassen muss,
 DiM-Projektgruppe
                                Relevante Ausstellung                                         sollte das Testergebnis bereits am Vorabend
                                Die Reise beginnt mit einem Film, der die Besuchen-           des Museumsbesuches erhalten. So kann
                                den auf das bevorstehende Abenteuer vorbereitet.              ­sichergestellt werden, dass keine positiv ge­
                                Anschliessend folgt die erste Zone «Vielfalt» mit              testeten Personen den Unterricht besuchen.
                                ­einem Fokus auf die Tierwelt, die anderen drei Zo-      – Drei Schulklassen können die Ausstellung
                                 nen konzentrieren sich auf die Vielfalt der Men-              gleichzeitig besuchen. Man muss ein Besuchs-
                                 schen. In diesen vier Zonen werden verschiedene               fenster auf der Internetseite des Naturhistori-
                                 Themenbereiche zu Geschlecht, Sexualität und                  schen Museums buchen.
                                 Identität behandelt und Fragen dazu aufgeworfen.        – Eine Anmeldung für einen Workshop erfolgt
                                 Die Ausstellung bietet somit viel Diskussionsstoff            mindestens zehn Tage im Voraus.
                                 für eine Nachbereitung des Besuchs.                     Zur Vorbereitung auf den Museumsbesuch kön-
                                     Warum soll die Ausstellung besucht werden?          nen die folgenden Unterrichtsmaterialien bearbeitet
                               ­Gemäss dem Bundesamt für Statistik sitzen in             werden:
                                 ­jeder Schulklasse beispielsweise ein bis zwei homo-    – Was bedeutet LGBTIQ+, Material der Projekt-
                                  oder bisexuelle Lernende. Dazu ist eine Person von         gruppe Diversity Management
                                  200 Lernenden transgender und eine von 400 Ler-        – «Mein Geschlecht und ich», Material des
                                  nenden hat eine Variation der Geschlechtsentwick-          ­S tapferhauses in Lenzburg zur Ausstellung
                                  lung. Trotzdem richtet sich die Gesellschaft nach         ­Geschlecht.
                                  den Kategorien Frau und Mann, und hetero wird          – Das zur Verfügung gestellte Unterrichtsmaterial
                                  als «normal» bezeichnet. Doch was bedeutet «nor-            des Naturhistorischen Museums.
                                  mal»? Mit dieser und anderen Fragen beschäftigen
                                  sich die Besuchenden in der Ausstellung.
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 19

                         Überraschte Lernende                                        positiv und die Klasse empfiehlt die Ausstellung
                         Die bilinguale Klasse KO2020a besuchte im ABU-              ­anderen Lernenden weiter.
                         Unterricht die Ausstellung, da das Unterrichts­                 Einige Lernende waren sehr überrascht, wie offen
                         thema «Ehe für alle» bereits auf grosses Interesse           Menschen in dieser Ausstellung über ihre sexuelle
                         gestossen war. Die Lernenden schauten einzelne               Ausrichtung und Geschlechtsidentität sprechen. Es
                         Stationen an und lösten frei ausgewählte Aufgaben            zeigte sich, dass heute im Sexualkundeunterricht
                         aus dem didaktischen Material zur Ausstellung. Die           Themen rund um LGBTIQ+ immer noch, wenn über-
                         Rückmeldungen der Klasse zur Ausstellung waren               haupt, nur am Rande angesprochen werden.

                         Gelebte Vielfalt: Büro und Kunst
                         Die Hände, die Magie machen

                         Und was soll das überhaupt heissen – jemand ist               niert mit subtilen Details und provokativen Elemen-
                         «sonderbar» und «eigenartig»? Das sind doch                   ten. Ich liebe es, Realistisches mit Surrealistischem
                         bloss Synonyme für besonders und für einzigartig.             zu mixen und zu vereinen. Konzepte gibt es nur
                         Jemand sagt dir: «Du bist anders», dann denk                  ­selten, ich mache, was mir gefällt und wonach mir
                         dir für dich: Anders ist nicht falsch, ist bloss ’ne           grad der Sinn steht. Mit Portraitaufträgen habe
Manuela Irina            ­Variante von richtig!» Julia Engelmann                        ich begonnen, meine Kunst zu verkaufen. Später
­Hostettler,                                                                            ­designte ich Buchillustrationen, Logos und Mer-
 Mitarbeiterin Finanz-   Ich bin Tattoo- und Fine Art-Künstlerin. Mit Blut               chandise-Artikel für Schweizer Musiker. Heute habe
 und Rechnungswesen
                         und Seele – selbsterlernt, ohne Ausbildungen im                 ich ein Tattoo-Studio und bemale nebenbei Leder­
 gibb, Tattoo- und
                         bildnerisch kreativen Bereich. Meine Begeisterung               jacken. Rein nach dem Motto: Der Zauber liegt in
 Fine Art-Künstlerin
                         für die Kunst begann bereits im Kindergartenalter.              der ­Diversität und im Unterschied.
                         Den Bleistift trug ich schon immer durchs Leben.                   Mein Berufsleben startete ich mit einer Lehre
                         Ich habe sämtliche Bereiche der Kunst ausprobiert           als Kauffrau, ich war ­lange im Rechnungswesen
                         und praktiziert: Musik, Fotografie, Modedesign,             ­einer öffentlichen Verwaltung tätig, obwohl ich
                         Haarkunst. Es hat mich aber immer wieder zu mei-             ­meine Bestimmung an einem ganz anderen Ort
                         nem Ursprung – dem bildnerischen Gestalten – zu-                sah, die Passion Kunst begleitete mich immer dabei.
                         rückgeführt.                                                    Neben meiner Teilzeit­anstellung an der gibb, welche
                             Ich liebe die Kunst in allen Facetten und mit ­allem,       mir einen Ausgleich zur selbstständigen Tätigkeit
                         was sie mit sich bringt. Ich bin stets ruhelos und              gibt, bin ich seit Mitte 2019 Berufstätowiererin und
                         entdecke mich immer wieder neu. Was ich auch in                 darf auf eine erfolg­reiche Karriere in diesem Busi-
                         meinen Bildern auslebe. Die verschiedenen Roh­                  ness blicken. Eine B  ­ ürotätigkeit und das Ausüben
                         medien, die ich ausprobiere und mit denen ich ar­               der Tattoo-Kunst scheinen komplett unterschied-
                         beite, sind grenzenlos, und ich bin mir sicher, dass            lich, das ist es auch und es passt nicht so richtig
                         es noch viel zu entdecken gibt. Mit einem minima-               zusammen. Das ist aber das Schöne daran und
                         listischen Ansatz versuche ich, den Betrachtenden               macht es doch anders.
                         in eine Welt der Schönheit und der Wildnis zu ent-                 Ich bin spezialisiert auf micro-realistische Frauen­
                         führen. Auch kleine Dinge zu beachten, welche min-              portraits, die ich gerne mit surrealistischen Elemen-
                         destens genauso wichtig sind. Durch die Betonung                ten kombiniere, vorwiegend im Black’n’Grey-Bereich.
                         der Ästhetik schaffe ich Arbeiten basierend auf                 Was mir am Tätowieren besonders gut gefällt, ist,
                         ­inspirierenden Situationen: Visionen, Gefühle, Emo-            dass es sich um ein Handwerk handelt, fernab von
                          tionen, magische Momente, Begegnungen, Tiere,                  sehr modernen Computerprogrammen. Ich darf
                          Menschen, Weiblichkeit und Männlichkeit, kombi-                meine Hände die Magie machen lassen.
20 gibb intern / Dezember 2021 Vielfalt

                               Eines der schönsten Erlebnisse in meinem Alltag als      ich jedoch immer wieder, dass schon rein das Ge­
                               Tätowiererin ist es, die glücklichen Gesichter zu seh-   fallen einer Tätowierung Bedeutung genug ist. Zu
                               en, meistens mit dem Satz «es isch no viu schöner        viele Bedeutungen nehmen mir oft ein wenig den
                               aus i mir ds ha vorgsteut» verbunden, nachdem ich        Rahmen zur freien Kreativität, weil Vorstellung und
                               die Haut meiner Kundschaft schmücken durfte. Für         Realität oft nicht zu vereinen sind. Bedeutungen
                               diese Momente bin ich sehr dankbar.                      sind oft nur für die Gesellschaft und für das Aussen
                                  Was mir in meinen Beratungen für eine Tattoo­         wichtig; ein Tattoo kann aber für den Menschen
                               sitzung immer wieder auffällt, sind die Fragen und       selbst geschaffen sein.
                               Aussagen betreffend das Sujet und dessen Be­                In diesem Sinne: Lebt für euch, nicht für andere
                               deutung. Bedeutung ist immer etwas Schönes,              und seid öfter mutig.
                               denn sie steht für eine Geschichte. Dann erwähne

                               Diversität in Bewerbungsverfahren
                               Mut zur Vielfalt

                               Am 23. September 2021 konnte man folgende                sich dieser Problematik mit einem synchronisierten
                               SRF-News-Schlagzeile lesen: «Stadt Zürich setzt          Fragenkatalog für alle Bewerbenden entgegen.
                               auf anonyme Bewerbungen». Als Leserin erfahre            Auch der Ablauf von Bewerbungsverfahren wird ab-
                               ich weiter: Um Diskriminierungen zu verhindern, will     geglichen, Entscheidungsfindungen werden mehr-
                               die Stadt Zürich einen mehrjährigen Pilotversuch         perspektivisch diskutiert und reflektiert. Doch Hand
 Esther Gygax,                 mit anonymisierten Bewerbungen starten. Perso-           aufs Herz: Nicht selten geschehen Anstellungen an
 Abteilungsleiterin AVK,       nalverantwortliche sollen nur über die fachlichen        der gibb im Kontext von Zeitdruck und dem Mangel
 Projektbegleiterin            Qualifikationen von Bewerberinnen und Bewerbern          an verfügbaren Bewerbenden mit den erforderli-
­Diversity Management
                               informiert werden, nicht aber über deren Namen,          chen Kompetenzen auf dem Bewerbungsmarkt.
                               Geschlecht, Alter oder Herkunft.                         Und unter dem Diktat des Bauchgefühls.
                                  Wie muss ich mir das vorstellen? Bewerbungen             Man erlaube mir hier eine weitere ketzerische
                               ohne Bild und Personalien? Nicht einmal Alter oder       These: Die soziokulturelle Monokultur in der Zu­
                               Geschlecht sollen einsehbar sein? Wie soll damit         sammensetzung des Kollegiums wird mit diesem
                               eine vernünftige Stellenbesetzung gelingen? Wir          Vorgehen zusätzlich gehegt und gepflegt. Wir fah-
                               dürfen gespannt auf die Auswertung des Stadt­            ren damit in der Regel gut. Weshalb also sollten
                               zürcher Pilotversuchs sein.                              wir in Anstellungsverfahren den Faktor Diversität
                                                                                        bewusster miteinbeziehen?
                               «Culture eats recruiting for breakfast»
                               Eine ketzerische These lautet: Entscheide für Stel-      Was wäre, wenn
                               lenbesetzungen fallen oft auf Basis des Bauchge-         Stellen wir uns vor, die gibb übernimmt in zukünf­
                               fühls beziehungsweise der Intuition – und werden         tigen Rekrutierungsverfahren das Modell der ano­
                               nachträglich rationalisiert und begründet. Bauch­        nymen Bewerbungen der Stadt Zürich. Lassen Sie
                               gefühle generieren sich aus unseren Erfahrungen.         mich ein Phantasiebild eines solchen Verfahrens
                               Und unsere Erfahrungen stehen in direktem Zusam-         entwerfen: Gesucht wird eine Lehrperson für den
                               menhang mit unserer kulturellen Prägung. So ein-         allgemeinbildenden Unterricht im EBA-Programm
                               fach ist das. Und genauso kompliziert.                   für ein Pensum mit der Bandbreite von 75 bis 87,5%.
                                  Der Leitfaden für Bewerbungsgespräche an der          Nebst dem Studium zur Berufsschullehrperson für
                               gibb zeugt davon: An unserer Schule ist man sich         den allgemeinbildenden Unterricht soll diese Per-
                               der Problematik der intuitiven Entscheidungsfin-         son Erfahrung und Kompetenzen im Umgang mit
                               dung bei Stellenbesetzungen bewusst. Man stellt          Lernenden mit besonderen Lernbedürfnissen mit-
Vielfalt gibb intern / Dezember 2021 21

                        bringen. Zudem werden ausgeprägte Kompetenzen           Für wen entscheiden Sie sich?
                        in der Umsetzung des digitalen und handlungs­           Was soll nun am anonymisierten Vorgehen besser
                        orientierten Unterrichtssettings erwartet.              sein, als wenn der 33-jährige, aufstrebende Jung­
                           Die Einreichung der Bewerbungsdossiers sollen        lehrer mit schweizerischer Herkunft und in Kennt-
                        anonym geschehen, Angaben zu Namen, Alter, Ge-          nis der hiesigen Kultur und Bildungslandschaft die
                        schlecht und Herkunft sollen erst beim Bewer-           Stelle kriegen würde? Hinweis: Der Junglehrer wird
                        bungsgespräch ersichtlich werden. 36 Bewerbun-          leider im Zürcher Modell bereits bei der ersten An-
                        gen gehen ein. Vier Bewerbende werden ausgewählt        wendung der Selektionskriterien aussortiert, weil
                        und zum Gespräch eingeladen. In den Bewerbungs-         er noch keine Berufserfahrung aufweisen kann.
                        gesprächen zeigen alle Personen das Potenzial, die
                        Herausforderungen der ausgeschriebenen Stelle           Erfolgsfaktor Vielfalt
                        gut bewältigen zu können. Liebe Lesende, Sie haben      Die Vielfalt in unserer Gesellschaft ist eine Tatsache.
                        die Wahl zwischen:                                      Die Chancengleichheit leider nicht. Das ist nicht
                        – Lehrperson, weiblich, 54 Jahre,                       ­richtig und nicht gerecht. Lassen Sie uns mit der
                           Herkunft Bulgarien                                    Unterschiedlichkeit der Menschen verantwortungs-
                        – Lehrperson, weiblich, 37 Jahre,                        voll umgehen. Die Vielfalt von Lernenden, Studie­
                           Herkunft Deutschland                                  renden und Mitarbeitenden ist für unsere Schule
                        – Lehrperson weiblich, 49 Jahre,                         ein Erfolgsfaktor, weil unterschiedliches Wissen
                           Herkunft Schweiz                                      und verschiedene Erfahrungen zu vielfältigen Ideen
                        – Lehrperson männlich, 47 Jahre,                         und Lösungen führen.
                           Herkunft Schweiz.

                        Berufliche Gleichstellung
                        «Du kannst eh keinen Schacht öffnen!»

Interview:              Wie ist es, 2021 als Frau in einem eher typischen        Also handwerklich begabt im Gegensatz zu mir.
Franca Demarmels,       Männerberuf tätig zu sein? Die Zeichnerinnen             Wie sieht es denn bei dir aus, Lara?
Lehrerin Deutsch, BMS   Lara Fuchser und Janine Zuber – im Sommer 2021          Lara Fuchser: Mein Name ist Lara Fuchser, ich gehe
                        haben beide die Lehre und die BMS erfolgreich           mit Janine in dieselbe Klasse und mache die Aus­
                        ­abgeschlossen – erzählen aus ihrem Berufsalltag.       bildung zur Zeichnerin Fachrichtung Ingenieurbau
                         Dabei offenbaren sich Unterschiede, aber auch          im vierten Lehrjahr. Ich bin 19. Nebst meinem eher
                         deutliche Parallelen bei den Erfahrungen der beiden    speziellen Hobby, dem Töpfern, verstehen die we-
                         ehemaligen Schülerinnen. Denn dass sie Frauen          nigsten, wie ich zu einem solchen «Männerberuf»
                         sind, bemerken sie oft erst auf der B
                                                             ­ austelle.        gekommen bin: Da die meisten meiner Familie im
                                                                                Bau tätig sind und wir auch ein privates Bauunter-
                        Franca Demarmels: Beginnen wir doch mit dem             nehmen führen, bin ich sozusagen im Baugeschäft
                        Wichtigsten zuerst: Stellt euch kurz vor, und zwar      gross geworden und habe schon sehr früh eine
                        mit einem Fakt, den nur wenige von euch wissen.         ­Faszination für das Gebaute entwickelt.
                        Janine Zuber: Ich bin Janine Zuber, bin 19 Jahre alt,
                        komme aus Lyss und mache eine Lehre zur Tief­           Du bist also Zeichnerin aus Überzeugung?
                        bauzeichnerin. Dazu besuche ich die technische          Fuchser: So kann man es auch sagen. Dazu kommt,
                        BMS und bin im vierten Lehrjahr. Ich bin kreativ        dass ich gerne zeichne, ich mag insbesondere
                        und in meiner Freizeit bastle ich sehr gerne mit        ­technisches Zeichnen. Zunächst dachte ich: «Tief-
                        sämtlichen Materialien – von Papier über Holz, alles     bau? Nie im Leben!» Aber nach einem Schnuppertag
                        ist möglich.                                             hat es mir enorm gefallen, vor allem das genaue
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