NATUR & UMWELT - Regionalmanagement Burgenland
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3 1 . J a h r g a n g • A u s g a b e 4 / 2 0 2 1 • W i n t e r
NATUR & UMWELT
i m P a n n o n i s c h e n R a u m
SCHUTZGEBIETE
BIOLANDBAU
Burgenlands
Damit die Erde
Naturjuwelen
fruchtbar bleibt
im Rampenlicht
WALDWIRTSCHAFT MOBILITÄT
Rückblick auf Die multimodale
100 bewegte Jahre Verkehrswelt
der Zukunft
100 Jahre Burgenland
Umweltfaktor KulturlandschaftIn dieser Ausgabe:
Editorial Naturpark Landseer Berge
03 Hermann Frühstück 35 Schöne Projekte und Aktionen
VBNO-Jahrestagung Diözese Eisenstadt
04 und Vollversammlung
36 Das neue Haus der Diözese
Maschinelle Verschulung im
08 Landesforstgarten Marz 05 Biolandbau im Burgenland 37
Forschung Burgenland
Projekt „SHARE 4.0“
Damit die Erde fruchtbar bleibt
Bäuerliche Waldwirtschaft Verein Initiative Welterbe
08 38 Managementplan
Die vergangenen 100 Jahre
Natur- & Landschaftsschutz Biologische Station Illmitz
10 40 Bewegte Geschichte, Teil 33
Integrale Wege und Ziele
100 Jahre fachl. Naturschutz WLV Nördliches Burgenland
12 Johann Köllner, Teil 44
42 2022: Hohe Investitionen
Esterhazy Hianzenverein
15 Holz voller Leben
43 Hianzische Bliamal
Im intern. Rampenlicht Bgld. Müllverband
16 Andreas Ranner, Teil 22
44 Schwieriges Jahr bewältigt
RHV Reinhaltungsverband
45 25-Jahr-Jubiläum
Buntes Burgenland: Freude mit
24 der eigenen Schulzeitung 19
Buntes Burgenland
Naturjuwele schützen!
46
Mobilitätszentrale Burgenland
Nehmen wir uns die Freiheit ...
Aktivitäten des Landes Bgld. Burgenland Tourismus
20 Im Interview: Martina Jauck
47 Burgenland Gutscheine kaufen!
Neue Heizung, bessere Luft
22 ... im Sinne des Klimaschutzes
Buntes Burgenland „Gemachte Pandemie“
24 Feuchtwiesen entdecken!
48 powered by LUA
Aktionstage Nachhaltigkeit Vom Verbrauchter zum Hüter?
25 1. und 2. Platz ins Burgenland 50 powered by LUA
Bgld. Umweltpreis 2022
52 Die Ausschreibung
Verein BERTA
26 Biotopnetzwerk schaffen
BIO AUSTRIA Burgenland
30 Welterbe-Naturpark: Rückblick
auf ein Jahr im Naturpark
27 40-Jahr-Feier
Innovationslabor act4.energy n TITELFOTO:
28 Projekt „LocalRES“ Biologisch gezogenen
Regionalmanagement Bgld. Feldfrüchten, wie diesen
29 Natur kennt keine Grenzen Kürbissen im Südburgenland,
gehört die Zukunft. Der Dank
Welterbe-Naturpark für dieses schöne Foto gehört
30 Ein Jahr im Naturpark BIO AUSTRIA Burgenland.
Naturpark Rosalia-Kogelberg
31 Vielfältige Naturparkaktivitäten
Dreiländer-Naturpark Raab
32 Das große Pflanzen im Süden
Naturpark in der Weinidylle
33 Streuobstwiesen, Weingärten ...
Verein Initiative Welterbe: Naturpark Geschriebenstein
38 Vorbereitung Managementplan 34 Von der Roas bis zu PaNaNet+
N+U 2editorial
KULTUR – LAND – SCHAF(F)T
Diese drei Wörter oder Wortteile kann man unter-
schiedlich kombinieren und zusammenfügen, Wort-
spiele betreiben, letztlich haben aber alle Ergebnisse
mit Mensch, Natur, Eingriff, Veränderung, Einfluss Mag. Hermann Frühstück
und Ähnlichem zu tun.
Das Leben auf dem Planeten, auf dem wir leben, hat Kleinen, im Regionalen, z. B. durch massiven Boden-
sich im Laufe von vielen Millionen Jahren, von den verbrauch, intensivste Landnutzung, Nutzung fossiler
einfachsten Formen und Zellaggregaten ausgehend, Brennstoffe. All das hat uns Probleme gebracht, wie
im Einklang und in Abhängigkeit von den – einfach die Klimakrise, hohe Artenverluste, beeinträchtigte
ausgedrückt – vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und und verschandelte Landschaften. Klimakatastrophen
Erde zur Gesamtheit der Biomasse entwickelt, jener nehmen ständig zu – weltweit, aber auch lokal.
Lebewelt, die in ihrer Gesamtheit aus einer unend- Freilich gibt es, wenn auch teilweise sehr zaghaft,
lichen Fülle von Arten besteht, wovon der Mensch Maßnahmen, um der drohenden Katastrophe entge-
eine (1!) ist. genzuwirken, nämlich Energiekonzepte, Klimastrate-
In Abhängigkeit und unter dem Einfluss der verschie- gien, biologische Land- und Forstwirtschaft, Arten-
densten chemischen und physikalischen Gegeben- schutzprogramme, Ausweisung von Schutzgebieten
heiten auf unserem Planeten haben sich im Laufe der und Ähnliches.
Zeit aus dem sich entwickelnden, riesigen Potential Letztendlich fügt sich der Mensch aber selbst den
von unterschiedlichsten Lebensformen und in Ab- größten Schaden zu. Horst Stern, der bekannte
stimmung und Abhängigkeit voneinander Lebensge- Fernseh-Naturjournalist, hat einmal gesagt, er macht
meinschaften entwickelt, im Großen und weltweit, in sich um die Natur, die Pflanzen und Tiere, also die
Abhängigkeit von den Klimazonen und Höhenstufen, Lebewelt, keine Sorgen. Die Natur und die Lebe-
wie auch im Kleinen in der unmittelbaren Umwelt. wesen werden in irgendeiner Form weiter existieren
Diese Vielfalt, Biodiversität an Ökosystemen, Le- und überleben. Er macht sich nur Sorgen um den
bensräumen und Arten, im Großen wie im Kleinen, Menschen, ob der die selbst verursachten Probleme
hat sich insofern ergeben, dass die „Bauelemente“, überleben wird.
die Einheiten all dieser Systeme in einer ständigen Die Spezies Mensch, ausgestattet mit einem Geist,
Abhängigkeit und unter einem permanenten Ein- der ihn ob seiner Fähigkeiten über alle anderen Arten
fluss zueinander stehen. So haben sich absolut bes- stellt, hätte die Möglichkeiten dazu. Er könnte aus der
tens abgestimme und vollkommen funktionierende Natur, der Landschaft eine Kultur-Landschaft schaf-
Lebensgemeinschaften, im Großen wie im Kleinen, fen, in der alle Mitlebewesen eine Berechtigung und
entwickelt, die sich sozusagen in einem stabilen einen Platz haben, und wo ein ausgewogenes und
Gleichgewicht befinden, im sogenannten ökologi- gesundes Gleichgewicht herrscht.
schen Gleichgewicht. Dieses Gleichgewicht kann un- Aber derzeit herrschen bei uns Menschen und in
ter Umständen durch größere, z. B. Vulkanausbruch, unserer Gesellschaft Gier, Profit, Egoismus, Rück-
Sturmflut etc., oder kleinere Einflüsse, z. B. Felssturz, sichtslosigkeit, Respektlosigkeit, Brutalität, Hass, Un-
Lawinenabgang, lokale Überschwemmungen, über einsichtigkeit und Unvernunft vor, sodass ich wenig
längere oder kürzere Zeiträume gestört werden, stellt Hoffnung habe, dass die Menschheit im Großen wie
sich aber relativ bald wieder vollkommen her, völlig im Kleinen, direkt bei uns, in unserer nächsten und
selbständig. In diesem Systemen herrscht also nach näheren Umwelt, unseren engsten Lebensbereichen
außen hin eine vollkommene Abgestimmtheit der ein- das höchst notwendige Umdenken und konkrete
zelnen Elemente, ein gesundes Nebeneinander und Handeln stattfinden lässt. Man braucht zur Zeit bei-
wohlabgestimmte Abhängigkeiten. In solchen Syste- spielsweise nur unsere Straßengräben ansehen, wie-
men gibt es keine Nützlinge und Schädlinge, sondern viel Abfall hier zu finden ist.
nur Abhängigkeiten voneinander. Zu Nützlingen und Nichts desto Trotz und vor allem im Hinblick auf das
Schädlingen macht sie nur der Mensch. bevorstehende Weihnachtsfest darf die Hoffnung und
Von diesem Standpunkt aus betrachtet und rein auf der Glaube an das Gute im Menschen nicht aufge-
die natürlichen Verhältnisse bezogen, gibt es eigent- geben werden, dass die Menschheit, jeder einzelne
lich auf unserem Planeten, unserer Erde, nur eine ein- Mensch, also die Spezies Mensch doch noch recht-
zige Spezies, eine einzige Art, die als Schädling zu zeitig zu der Erkenntnis gelangt, dass schnelles und
bezeichnen ist – und das ist der Mensch. konkretes Handeln in allen Bereichen des Lebens für
Durch den Einfluss des Menschen ist die gesamte den Erhalt und die Förderung der Biodiversität in all
Biodiversität, die Vielfalt aller Ökosysteme, Lebens- ihren Formen höchst notwendig ist.
räume und Arten schwerstens beeinträchtigt, das Beginnen wir jetzt, jeder Einzelne und jede Einzelne,
Gleichgewicht in diesen Systemen schwer gefähr- in seinem/ihren Bereich zu handeln. Dann werden un-
det. Natürliche Systeme sind teilweise schwer be- sere Kinder, Enkel, Großenkel ... auch noch den 200.
schädigt, drohen aus dem Gleichgewicht zu gera- Geburtstag des Burgenlands feiern können, meint Ihr
ten und zu kippen. Weltweit im Großen, wie z. B. die
Verschmutzung der Meere, das verantwortungslose, Hermann FRÜHSTÜCK
großflächige Abholzen der Regenwälder, aber auch im Landesleiter Naturschutzorgane Burgenland
3 N+UImpressum + Offenlegung ReUse-Shops:
Retro, Vintage & Oldie but Goldie
Verleger, Inhaber, Herausgeber: und Informations-Drehscheibe
• Verein der Burgenländischen aller mit Natur- und Umweltschutz Neulich war ich wieder in einem
Naturschutzorgane – VBNO befassten burgenländischen Insti- dieser ReUse-Shops – gibt’s eh
Europaplatz 1, 7000 Eisenstadt tutionen.Das gemeinsame Ziel ist im ganzen Burgenland. Ich sage
T 057 600 2812 (Karin Wild) die Gewährleistung einer verstärk- euch, das ist eine wahre Fund-
• Co-Herausgeber: ten Zusammenarbeit und mehr
grube für Second-Hand-Freaks.
- Amt der Burgenländischen Coole Sachen zum unschlagbaren
Effizienz in der Arbeit für den
Landesregierung, Abteilung 4,
Preis – von Kleidung über Technik
Natur- und Umweltschutz.
bis zu Original LPs. Wo gibt’s
Hauptref. Natur- und Klimaschutz
denn das sonst noch?
- Landesumweltanwaltschaft • „Natur & Umwelt im Pannoni-
Burgenland schen Raum” erscheint vier Mal Und alle Sachen
pro Jahr und wird in enger Zusam- sind tip-top und
Redaktionsbeirat:
menarbeit mit den folgenden in einem super
Lois Berger,
Vereinen und Institutionen erstellt: HITS Zustand. Ich finde
Johann Binder,
80‘s die ReUse-Shops
Thomas Böhm, echt stark und
• Naturschutzbund Burgenland,
Ernst Breitegger, die Idee
• Bgld. Naturschutzorgane,
Angela Deutsch, very nachhaltig.
• Verein B.E.R.T.A.
Hermann Fercsak,
• Bio Austria Burgenland,
Hermann Frühstück, Weitere Infos findest
• Welterbe-Naturpark,
Christof Giefing, du unter
• NuP Rosalia-Kogelberg, www.reuse-burgenland.at
Christian Horvath,
• NuP Landseer Berge,
Thomas Knoll,
• NuP Geschriebenstein-Irottkö,
Alois Lang,
• NuP In der Weinidylle,
Andreas Leitgeb,
• NuP Raab-Örsèg-Gori˘cko,
Ernst Leitner,
Verena Münzenrieder • Bgld. Müllverband,
• NP Neusiedler See – Seewinkel,
www.bmv.at
Michael Niederkofler
Clara Noé-Nordberg • WLV Nördliches Burgenland
Gottfried Reisner, • Verein „Initiative Welterbe”
• „Hianzenverein”
VBNO lud zur Jahrestagung
Nikolaus Sauer,
Thomas Schneemann, • Burgenland Tourismus
Doris Seel, • Biolog. Station Neusiedler See
Ernst Trettler,
Thomas Zechmeister,
• Diözese Eisenstadt
• Bgld. Forstverein
und Vollversammlung
Markus Zechner • Esterházy Betriebe Am 30. Oktober 2021 lud der Verein der Burgen-
Christine Zopf-Renner • Innovationslabor act4.energy ländischen Naturschutzorgane (VBNO) seine Mit-
• Forschung Burgenland glieder zur Jahrestagung und Vollversammlung ins
Redaktion, Produktion: • Mobilitätszentrale Burgenland
DIE SCHREIBMEISTER OG südliche Burgenland nach Güssing ein. Ein wich-
• Reinhaltungsverband Region
Manfred Murczek tiger Tagesordnungspunkt der Vollversammlung
Neusiedler See – Westufer
2491 Neufeld/L., Lisztgasse 2 war die Neuwahl des Vorstandes, die alle drei Jah-
T +43 676 6106297 • „Natur & Umwelt im Pannoni-
re stattzufinden hat. Der Wahlvorschlag wurde von
murczek@speed.at schen Raum” ist ein grenzüber- den Vereinsmitgliedern einstimmig angenommen.
www.schreibmeister.info schreitendes – A, HU, SK, SLO, Im Anschluss an die Vollversammlung lud der
Auflage: 7.500 Stück HR ... – Informationsmedium und wiedergewählte Landesleiter, Mag. Hermann Früh-
auch das offizielle Mitglieder- stück, zum Mittagessen und anschließender Exkur-
• Es wird ausdrücklich darauf magazin des Naturschutzbunds sion mit Führung rund um die Güssinger Fischtei-
hingewiesen, dass die Inhalte Burgenland. Mitgliedsgemeinden che ein. Bei strahlendem Herbstwetter erläuterten
der Artikel nicht in allen Fällen des Naturschutzbunds Burgen- zwei Experten – DI Stefan Weiss und Rudolf Grass-
die Meinung des Verlegers bzw. land: Leithaprodersdorf, Stotzing, mugg – die botanischen als auch ornithologischen
des Herausgebers wiedergeben. Müllendorf, Baumgarten, Gols, „Schmankerl“ der Güssinger Fischteiche.
Für die Inhalte sind die jeweiligen Pöttelsdorf, Zemendorf-Stöttera, Foto: Horst Köllerer
Autoren direkt verantwortlich. Mattersburg, Forchtenstein,
Eberau, Rohr i. Bgld., Ollersdorf,
• Bezahlte, redaktionell gestaltete
Burgauberg-Neudauberg, Markt
Anzeigen oder Beiträge, für die
ein Druckkostenbeitrag geleistet Allhau, Wolfau, Grafenscha-
wurde, sind entsprechend chen, Oberschützen, Bernstein,
gekennzeichnet. Rechnitz, Mogersdorf, Neusiedl
am See, Tadten, Unterrabnitz-
• Die Zeitschrift transportiert im Schwendgraben, Draßmarkt.
wesentlichen die Inhalte des
Natur- und Umweltschutzes im
Pannonischen Raum und dient als
Sprachrohr sowie Koordinations-
N+U 4Damit die Erde fruchtbar bleibt
Entwicklungsgeschichte des Biolandbaues im Burgenland
Ernst Trettler
Was trieb die Pioniere des bio- wegs um eigenständige, wache später als in den übrigen österrei-
logischen Landbaus in den 1970er- Betriebsführer, manchmal vollauf chischen Bundesländern, hatten
Jahren zu dem Entschluss, aus dem experimentierfreudig, manchmal sich auch im Burgenland eine klei-
gängigen, modern-fortschrittlichen eher umsichtig. Interessant ist es, ne, überzeugte Schar von Weinbau-
Wirtschaftssystem auszusteigen wie sie es schafften, auf einmal als ern und einige wenige gemischte
und auf Handarbeit, Kreislaufwirt- Biobauer zu wirken, der aus der an- Bio-betriebe mit Getreide- und Ge-
schaft und Verzicht auf chemische gestammten landwirtschaftlichen müseanbau sowie Viehzucht zu-
Hilfen umzustellen? Methode ausbricht und in die entge- sammengeschlossen und sich für
Wann und warum hatte der Ge- gengesetzte Richtung marschiert. naturgemäße Landwirtschaft ent-
danke an eine biologische, ökolo- Erstaunen mag es erregen, dass schieden.
gische, naturgemäße Lebensweise diese frühen Biobauern nicht – wie Ein Mann der ersten Stunden
diesen Landwirt und jene Bäuerin heute unabdingbar vorgeschrieben war Ing. Ernst Zöchling. Sein halbes
erfasst und begeistert, dass sie ihn – mit einem festgelegten Stichtag Leben ist mit dem Werden des ös-
unter allen Umständen realisieren komplett auf biologische Landwirt- terreichischen Biolandbaus verfloch-
wollten? schaft umgestellt haben, sondern ten – so sieht es Ing. Ernst Zöchling
Ein Zugang war jedenfalls das in Etappen oder in einem längeren selbst. Tatsächlich hat sich der in der
beginnende Bewusstsein für gesun- Erprobungszeitraum. Erst ließ man Burgenländischen Landwirtschafts-
de Ernährung und ihr Einfluss auf den Kunstdünger weg und erst in kammer als Berater und Lehrer An-
die Gesundung und Kräftigung des einem späteren Schritt verzichtete gestellte seit Mitte der 1970er-Jahre
Körpers. Diese Logik übertrugen die man beim Pflanzenschutz auf che- mit ökologischen Themen auseinan-
Bio-Pioniere auf ihre neue wirtschaft- mische Mittel. Auch das Kriterium dergesetzt. Einige Jahre danach hat
liche Praxis, die davon ausging, dass der offiziellen Anerkennung durch ei- er das Zustandekommen des bur-
eine optimale Nährstoffzufuhr in nen Verband oder eine staatliche In- genländischen Landesverbands
einen lebendigen Boden auch die stitution fiel damals weg – es gab sie organisch-biologisch wirtschaften-
Widerstandskraft der Pflanzen posi- nicht. Vielmehr war es eine persön- der Bauern vorangetrieben und ihn
tiv beeinflusst und so für den Mensch liche bzw. kollegiale Zuschreibung: in der Folge aktiv begleitet.
gesunde Lebensmittel wachsen. Man fühlte sich als Biobauer, man
Die biologische Landwirtschaft verhielt sich entsprechend und man
war so weit gediehen, dass man ihr bezeichnete sich als solcher.
von offizieller Seite ökonomisch eine Auf dem steinigen Weg zu einer
Nische zugestand. Die Bioproduk- großen, agrarpolitisch wirksamen
te waren unübersehbar gegenläu- Einheit, als die sich die Biolandwirt-
fig zum Zeitgeist, oft schrumpelig schaft heute darstellt, waren riesige
und für Normalverbraucher sünd- Aufgaben zu bewältigen. Auch im
teuer, dies alles im Öko-Ambiente: Burgenland war es so, dass lauter
Weidenkörbe, einfach gezimmerte einzeln Berufene zu einer der beiden
Holzregale, meist selbst gemacht, damals greifbaren biologischen Me-
individuell gestaltet, recycled und die thoden (biologisch-dynamisch oder
Waren im Mehrweg-Pfand-System. organisch-biologisch) fanden oder
Die wissenschaftliche Fragestellung hingeführt wurden. Erst über den
ging dahin, ob es sich hier um eine eigenen Zugang und die Bereitschaft
Subkultur handelt und wenn ja, ob oder die Notwendigkeit, biologisch
diese das Potential hätte, zu einer zu wirtschaften, lernten sie ande-
Leitkultur aufzusteigen oder ob es re Gleichgesinnte kennen, bildeten
eine Modeerscheinung sei und als nach und nach Gruppen und erst
solche auch bald wieder verschwin- später Verbände, so wie 1981 den
den würde. Innerhalb von vierzig Vorläuferverein von BIO AUSTRIA
Jahren sind all diese Zuschreibun- Burgenland. Das Experiment der
gen – Nische, Mode, „Gammel- Vielfalt in der Einheit ist – wohl mit
Look“ – obsolet. Biolandbau und großen menschlichen Anstrengun-
Bioprodukte sind normal geworden, gen, denn diese Pioniere zeichnet
ja sind etablierte Größen. auch ein gewisses „Einzelkämpfer-
Bei den burgenländischen Bio- tum“ aus – gelungen. n Bio-Sojabohnen: Der Anbau
pionieren handelte es sich durch- Ende der 1970er-Jahre, etwas boomt – auch im Burgenland
5 N+Uim Bioverband unermüdlich in Ver-
handlung mit dem Ministerium, dass
„aus alternativem Weinbau“ auf dem
Etikett stehen durfte. Aufgrund sei-
nes Wissens fungierte Steindl auch
als einer der drei ersten Bio-Kontrol-
lore im Bio-Verband.
Diskussionen und Meinungsver-
schiedenheiten über Biolandbau gab
es in den eigenen Reihen in der Land-
wirtschaftskammer bzw. gegenüber
Politikern des öfteren. Wenn etwa
der Kammeramtsdirektor vor den
35 Personen der Vollversammlung
die Meinung vertrat, Biolandbau sei
rückständig, Mist und den Kompost
habe man längst überwunden, das
wäre keine moderne Landwirtschaft,
so konterte Zöchling klipp und klar:
,,Nein. Wir, die Biobauern sind die
Modernen; und Kunstdünger und
Spritzmittel sind rückständig!“
Wohl wissend, dass es in den
Lagerhausberichten nur darum geht,
n Pioniere des biologischen Landbaus im Burgenland: Eugen Wimmer, bei welchem Kunstdünger und wel-
Johann Steindl, Rudolf Beilschmid (v. l. n. r.) chem Spritzmittel der Verkauf um
wie viel Prozent gestiegen ist. ,,Aber
wenn das so weiter geht, vergif-
Durch die Anthroposophische Teilnehmer in Purbach abgehalten. ten wir uns ja“, lautete Zöchlings
Gesellschaft in Wien bekam er die Neben vielen anderen wertvollen Schlussfolgerung. 1981 verfasste er
Anregung, einen Einführungskurs in Anregungen war die Vorstellung der in dieser Hinsicht einen Rundbrief
die biodynamische Wirtschaftsweise Spatenprobe durch Prof. Preuschen an die Vorstände von Gesundheits-
in Darmstadt zu belegen, wo er Per- ein bleibender Eindruck. Ein An- vereinen. Er verfolgte die Idee, dass
sönlichkeiten, wie die für ihre For- fang war gemacht, nun musste die Vertreter dieser Vereine – namentlich
schungen über Mondeinflüsse auf Gruppe noch zusammengeschweißt wird der Kneippbund angeführt – in
das Pflanzenwachstum bekannte werden. Engste Mitverfechter waren Form eines „übervereinsmäßigen
Maria Thun, kennenlernte. Auch Vor- der erste Obmann, Eugen Wimmer, Ausschusses“ diese Kontrollfunktion
träge am Goetheanum in Dornach Johann Steindl aus Purbach und übernehmen könnten. Nicht zuletzt
besuchte er. Später kamen Bücher Rudolf Beilschmied, die er schon als deshalb, weil sie das Vertrauen ihrer
über biologischen Landbau dazu, Berater in der Kammer kennenge- Mitglieder, d. h. der Konsumenten
etwa von Dr. Hans Peter Rusch über lernt hatte. genießen. Es ging um die Kontrolle
die Bodenfruchtbarkeit. Es konn- der Erzeuger bezüglich der Einhal-
te nicht ausbleiben, einen Kurs bei w 1981 – Erster Obmann: tung ihrer selbst auferlegten Produk-
Dr. Müller in Großhöchstetten zu Eugen Wimmer tionsrichtlinien.
absolvieren. Und nicht zuletzt führ- Im Jahr darauf hatten die An- Eugen Wimmer oblag es ab
te der Weg zu den Kongressen strengungen Zöchlings gefruchtet. 1981 in seiner Funktion als ers-
„Grünes Forum Alpbach“, die Ing. Am 15. Jänner 1981 wurde die Ab- ter Obmann des neu gegründeten
Willi ab 1978 abhielt. Dort kam von sichtserklärung zur Bildung eines Biovereins in der eigenen Diktion,
seinem Tiroler Kammerkollegen Willi Biovereins im Burgenland beim ,,dafür zu sorgen, dass die Partie
sehr direkt die Aufforderung, doch Bundesministerium für Land- und beieinanderbleibt und sich weiter-
einen Bioverband zu gründen – die Forstwirtschaft eingebracht. Bereits bildet.“ Wo es am laufenden Band
Burgenländer wären das letzte Bun- einen Monat danach fand die 1. Voll- Schwierigkeiten gegeben hatte, war
desland, in dem es noch keinen Lan- versammlung vom „Landesverband bei den Behörden. Es war den Bio-
desverband gab. Burgenland organischbiologisch bauern unmöglich, sich Zutritt zum
Besondere Unterstützung bekam wirtschaftender Bauern Österreichs Kammerpräsidenten oder zum Kam-
er durch Miriam Wiegele, die sich zur Förderung des biologischen meramtsdirektor zu verschaffen. Die
frisch nach dem Studium der Medi- Landbaus“ statt. 15 Biobauern wa- Herren in der Landwirtschaftskam-
zin und Botanik für den Biogedanken ren die ersten Mitglieder. Steindl er- mer hatten damals nichts übrig für
in ihrer Umgebung engagierte. hielt die erste Mitgliedsnummer, ge- Biolandbau, kannten sich nicht aus,
So wurde im Februar 1980 ein gengezeichnet vom ersten Obmann, interessierten sich aber auch nicht
viertägiger Einführungskurs in die Eugen Wimmer. Steindl war in weite- dafür.
biologische Landwirtschaft für ca. 40 rer Folge als Obmann-Stellvertreter All das war absolut unverständ-
N+U 6lich für die Biobauern, deren Über- ten der Praktiker und der Kämme- immer mehr Bauern für Bioland-
zeugung es war, dass durch den rer – nächtens, nach beider normaler bau interessierten und Beratung
biologischen Werdegang alles bes- Arbeitszeit – über die kritische Fra- gesucht hatten. Zur Projektfinan-
ser, einfacher und die Lebensqualität ge der Echtheit eines Bioprodukts, zierung musste aber erst Landesrat
gehoben wird. die oft auch den höheren Preis vor Paul Rittsteuer gewonnen werden,
Ing. Ernst Zöchling hat seinen dem Käufer rechtfertigen musste. was Schlögl nahtlos gelang. So er-
Kollegen in der Burgenländischen Wie können Konsumenten „bio“ er- gab sich eine vollkommen neue
Landwirtschaftskammer, Ing. Stefan kennen? Wie kann ihnen eine Ga- Konstellation in der Bioberatung, die
Ibeschitz, schon öfter in eine Diskus- rantie gegeben werden? Nach wel- sich nun schwerpunktmäßig zu BIO
sion über Biolandbau verwickelt. Da chen Kriterien könnte eine Kontrolle AUSTRIA Burgenland verlagerte.
Ibeschitz als Berater für das ganze erfolgen? Sie entschieden sich für Im Laufe der Zeit änderte sich nicht
Burgenland zuständig war, kannte er ein Protokollbuch, d. h. der Winzer nur die Struktur der Verbände, auch
viele Bauern persönlich – unter an- macht kontinuierliche Aufzeichnun- die Betriebe passten sich den aktu-
derem auch die acht oder zehn, viel- gen aller Bearbeitungsmaßnahmen ellen Erfordernissen an. Die ersten
leicht elf Biobauern, die es damals im im Weingarten, auch im Keller. Sie Biobauern waren Direktvermarkter
Land gab. In den Publikationen der entschieden sich für die Offenlegung mit einem breiten Produkt-sortiment.
Burgenländischen Landwirtschafts- der Betriebsdaten, samt Belegen Das änderte sich erst, als Anfang
kammer platzierte Stefan Ibeschitz über die Zulassung der verwendeten der 1990er-Jahre erstmals Förde-
aktuelle Themen zum Biolandbau Mittel – die heute oft zitierte und ge- rungen an die Biobauern ausgezahlt
bzw. bot seine Dienste als offizieller forderte Transparenz. wurden. Dadurch stiegen auch viele
Berater für Biolandbau an. Das war nicht direkt vermarktende Betrie-
ein klarer Vorstoß in fremdes Terrain w Entwicklungssprung Anfang be, vorwiegend Grünlandbetriebe,
und schmeckte manchem konven- der 1990er-Jahre auf die biologische Wirtschafts-
tionellen Bauern gar nicht. Bei den Einen Entwicklungssprung gab weise um. Eine zweite Welle wurde
Gruppentreffen oder in einzelnen es Anfang der 1990er-Jahre, als durch die große Nachfrage nach
Gesprächen sammelte und verglich DI Franz Schlögl mit einem ehrgeizi- Bio-Getreide ausgelöst, die viele
Ibeschitz die Maßnahmen, die die gen Projekt in der Burgenländischen Ackerbaubetriebe zum Umstieg auf
einzelnen Biobauern gesetzt hatten, Landwirtschaftskammer vorsprach. die Bio-Landwirtschaft bewegte.
er zeichnete die erzielten Erfolge Er hatte soeben einen Beraterkurs Maßgeblich am Ansteigen der Nach-
oder Rückschläge auf und wurde für Biolandbau absolviert, kannte frage beteiligt war der Einstieg des
zur Informationsdrehscheibe, die das brachliegende Biopotenzial des Lebensmitteleinzelhandels in den
von der Burgenländischen Landwirt- Burgenlands und legte ein Konzept Bio-Markt.
schaftskammer aus agierte. zur Umstellung von 100 Betrieben Heute hat sich die Bio-Land-
Noch einen zweiten starken Bio- innerhalb von drei Jahren vor. Für wirtschaft als Alternativmodell zur
winzer hatte Ibeschitz für innovative ihn bestand somit auch Aussicht, Intensivlandwirtschaft etabliert. Viele
Ideen an der Hand: Rudi Beilschmidt in seiner Arbeit entlastet zu werden, sehen in ihr inzwischen sogar das
aus Rust. In langen Sitzungen berie- da sich auch in den letzten Jahren einzige landwirtschaftliche Modell
der Zukunft.
Literatur:
Bio-Pioniere in Österreich
Vierundvierzig Leben im Dienste
des biologischen Landbaus
Autorin: Aurelia Jurtschitsch, Verlag Böhlau
Fotos
BIO AUSTRIA Burgenland
Autor
DI Ernst TRETTLER
Ausbildung auf der Universität
für Bodenkultur (BOKU) in Wien
zum Diplomingenieur
für Agrarwissenschaften.
Seit 2005
bei BIO
AUSTRIA
Burgenland
im Bereich
Regional-
marketing,
seit 2012 als
n Bio-Weidegänse aus dem Burgenland – die Nachfrage übersteigt das Geschäftsführer
Angebot deutlich. tätig.
7 N+URückblick: 100 Jahre bäuerliche
Waldwirtschaft im Burgenland
Hubert Iby
Anlässlich des 100. Geburts- Bewirtschaftern wider. Sie geben Stallungen, Zäune etc. Viele Hand-
tags unseres Heimatlandes soll der auch Zeugnis von den Änderungen werksberufe waren, lange vor dem
Versuch unternommen werden, im im Umgang mit dieser natürlichen Siegeszug der Kunststoffe, auf den
Schnelldurchlauf die Entwicklung Ressource. Die folgenden Gedanken Rohstoff Holz angewiesen. Neben
der Waldbewirtschaftung Revue beziehen sich in erster Linie auf den den Zimmerleuten und Tischlern gab
passieren zu lassen. Für unsere Kin- kleinstrukturierten bäuerlichen Wald, es beispielsweise Wagner, Drechsler,
der und Jugendlichen sind die Le- der im Burgenland einen Anteil von Fass- und Besenbinder.
benswelt und die Lebensumstände mehr als 57 % an der Waldfläche Holz war ein knappes Gut, die
ihrer Ur-Urgroßeltern, die die Geburt einnimmt. Die größeren Betriebe mit Holznutzung erfolgte in einer heute
des Burgenlandes miterlebt haben, eigenen, professionellen Zielsetzun- unvorstellbaren Intensität. Im Bau-
nur schwer vorstellbar. In Baum- gen wären gesondert zu betrachten. ernwald wurde im Zuge der Nut-
generationen gerechnet sind 100 zungen die gesamte Holzbiomasse
Jahre aber eher überschaubar. Vie- w Die ersten drei Jahrzehnte aus dem Wald geschafft, selbst die
le Waldbestände und Altbäume, in Die burgenländische Bevölke- Feinäste wurden zu sogenannten
deren Schatten wir uns gerne auf- rung war zur Zeit der Gründung „Bürdeln“ gebunden und als Unter-
halten, wurden noch zu Zeiten der der ersten Republik überwiegend zündmaterial nach Hause gebracht.
Habsburgermonarchie begründet. agrarisch geprägt und die Subsis- Der Holztransport erfolgte mühsam
Das weist uns auch auf die große tenzwirtschaft noch weit verbreitet. auf unbefestigten Wegen mittels
Verantwortung hin, die den derzeit Holz war damals ein im wörtlichen Ochsen- oder Pferdezug. Die Ver-
aktiven Forstleuten und Waldbauern Sinne wichtiges „Lebensmittel“. Die- jüngung der Schlagflächen geschah
zukommt, wenn sie in Zeiten des ses kam in vielen Fällen aus dem mittels Saat, soweit sie nicht der
Klimawandels mit vielen Unwäg- eigenen Wald oder auf Grund eines Natur überlassen wurde. Ein allge-
barkeiten die Wälder der Zukunft Holzbezugsrechts aus den Gemein- meiner Markt für Forstpflanzen war
begründen sollen. schafts- oder Urbarialwäldern. Es noch nicht etabliert.
Kommen wir zurück zur Stun- ermöglichte die tägliche Zuberei- Zur regulären Waldnutzung ge-
de Null des Burgenlandes. Vom tung warmer Speisen am Küchen- hörte auch die Streugewinnung. In
Staatsmann Helmut Kohl stammt herd und brachte in der kalten Zeit älteren Waldbeständen wurde dabei
der Spruch: „Wer die Vergangen- Wärme in die oft kargen und wenig die oberste Bodenschicht aus Na-
heit nicht kennt, kann die Gegen- gemütlichen Stuben. Entsprechend deln und Laub mittels Rechen ab-
wart nicht verstehen und die Zu- der Verwendung trennte man das gezogen und als Einstreumaterial für
kunft nicht gestalten“. So spiegeln Sommerholz (Weichholz) vom Win- das Vieh in die Ställe gebracht. Diese
die heutigen Waldbilder vielfach die terholz (Hartholz). Das leichte und Streunutzung war bis in die 1950er-
Wünsche und Zielsetzungen vergan- verschnittfähige Nadelholz war be- Jahre vor allem in Ortsnähe weit
gener Generationen von bäuerlichen gehrt als Bauholz für Dachstuhl, verbreitet und führte infolge wieder-
n li.: Umbruch von Hutweiden als Aufforstungsvorbereitung (1955); re.: Beginn des Forstwegebaus (1950er-Jahre)
N+U 8kehrenden Nährstoffentzugs zur De- wissen heute, dass diese hohen nissen erstmals großflächige Bor-
gradierung vieler Waldstandorte, die Ertragserwartungen in vielen Fällen kenkäferschäden in den sekundären
bis heute nachweisbar ist. Diese lan- nicht eingetroffen sind. Die aktuellen Fichtenwäldern des Burgenlands
ge geübte Praxis begünstigte auch Forstschutzprobleme mit Schäd- auf. Käfernester und absterben-
die rasche Ausbreitung der Kiefer im lingsmassenvermehrungen sind zum de Bestände sind seither zu einem
burgenländischen Wald, da diese als Teil auf diese Zeit der wirtschaft- gewohnten sommerlichen Erschei-
Mineralbodenkeimer auf den freige- lichen Euphorie bei Missachtung der nungsbild in nadelholzreichen Wald-
legten Böden beste Anwuchsbedin- natürlichen Gegebenheiten zurück- gebieten geworden. Angesichts die-
gungen vorfand. zuführen. ser Erfahrungen und verstärkt durch
In den Laubwaldgebieten des die spürbaren Klimaveränderungen
w 1950 bis 1980 nördlichen und mittleren Landesteils werden seit der Jahrtausendwen-
Nach dem Krieg und verstärkt überdauerte mit den Niederwäldern de auch im Kleinwald überwiegend
nach dem Ende der Besatzungszeit eine zu dieser Zeit in der Forstwis- naturnahe Laub- und Mischwälder
erfuhr das Burgenland einen ersten senschaft als altmodisch und über- begründet. Auch dies führt zu neu-
großen Wirtschaftsaufschwung. Die holt angesehene Bewirtschaftungs- en Herausforderungen, da die wald-
Landwirtschaft erlebte eine Mecha- form. Ihr Ziel war einst und ist bis baulichen Ansprüche zur Produktion
nisierungswelle, Traktoren ersetzten heute die Produktion von Brenn- und wertvollen Laubholzes im Vergleich
die Zugtiere und in den Wäldern Energieholz. zur einfachen, plantagenähnlichen
heulten schon bald die Motorsägen. Bewirtschaftung von Fichten- und
Wälder wurden nach und nach durch w Die Entwicklung seit 1980 Kiefernreinbeständen wesentlich
geschotterte Forstwege erschlossen Die Koniferenwelle dauerte bis in höher sind. Die Holznutzung verlor
und somit ganzjährig erreichbar. die 1980er-Jahre an. Mit steigendem für hofferne Waldbesitzer an Bedeu-
Im Zuge von Flurbereinigungen Naturverständnis und unter dem tung. Die Auswertung der Daten der
wurde Land urbar gemacht, das bis- Einfluss der Beratung durch ökolo- Waldinventuren zeigt einen Trend zu
her als unproduktiv galt. Viele dieser gisch geschulte Forstleute kam es natürlichen Waldverhältnissen bei
Grenzertragsböden sowie die nicht langsam zu einer Umorientierung steigendem Holzvorrat.
mehr benötigten Hutweiden wurden und Beendigung dieser naturfernen Die große Aufgabe der nächsten
aufgeforstet, oftmals mit Fichten Aufforstungspraxis. Einen wichtigen 100 Jahre ist aus heutiger Sicht die
oder Kiefern in Reinkultur, die einen Lenkungseffekt hatten die Förder- Schaffung beziehungsweise die Er-
raschen und hohen Ertrag erwarten programme von Bund und Land, haltung klimafitter Waldbestände an-
ließen. Die forstliche Beratung so- die eine Beimischung von Laub- gesichts der zunehmend unsicheren
wie die Produktion der florierenden mischholzarten einforderten. Der Entwicklungen.
Forstbaumschulen unterstützten Waldzustand rückte zunehmend ins Fotos
diese Entwicklungen, da in dieser öffentliche Interesse. Auffallende Burgenländischer Forstverein
Zeit von Seiten der Industrie selbst Kronenverlichtungen in den Nadel-
für minderwertige Nadelholzsorti- wäldern führten zur Sorge vor einem Autor
mente hohe Preise geboten wurden. großflächigen, durch Luftschadstof-
Es kam zu einem Revival der soge- fe verursachten Waldsterben. Die DI Hubert IBY
nannten „Bodenreinertragslehre“, Besetzung der Hainburger Au durch Leiter des
die bereits im 19. Jahrhundert ent- besorgte Umweltaktivisten hatte die Referats Landes-
standen war und die höchstmög- Neuausrichtung der Umweltpolitik forstinspektion
liche Verzinsung des Bodenkapitals zur Folge. im Amt der
zum Ziel hatte. Der Wald wurde pri- Ab Mitte der 1990er-Jahre traten Burgenländischen
mär als Holzfabrik betrachtet. Wir in der Folge von Schneebruchereig- Landesregierung
n li.: Maschinelle Verschulung im Landesforstgarten Marz; re.: Aufforstungspartie im Mittelburgenland (1960er-Jahre)
9 N+UNatur- und Landschaftsschutz –
integrale Wege und Ziele
Erwin Frohmann / Christian Katona / Teil 14
w Landschaft als Lebensgefüge logische, gestalterische, soziale klare Trennlinie mehr zwischen
zwischen Natur und Kultur und wirtschaftliche Vernetzung Natur- und Kulturlandschaften
Landschaft entwickelt sich aus von natur- und kulturräumlichen ziehen. Denn zu unmittelbar sind
den naturräumlichen Grundlagen Faktoren. Dabei ist Landschaft beide raumprägenden Faktoren
einer Region und findet ihren Aus- aber nicht nur ein physischer miteinander verwoben – und das
druck über die Wechselwirkung Ausdruck eines bestimmten Zu- auf lokaler, regionaler, länderüber-
zwischen Kultur und Natur. Die stands, sondern zugleich auch ein greifender Ebene bis hin zur glo-
Bedeutung des Begriffes Land- sich fortschreibender Prozess, der balen Vernetzung. Umso bedeut-
schaft geht auf seine alt- und mit- sich über die menschlichen Akti- samer wird es sein, zu verstehen,
telhochdeutschen Wortwurzeln vitäten im Kontext der naturge- dass sich Landschaft über den
zurück und meint mit Land (lant) gebenen Evolution in seiner Na- Charakter einer Region mit ihrem
ein bestimmtes Gebiet, in dem tur- und Kulturräumlichkeit vereint Klima und Boden, ihrer Topogra-
sich der Mensch durch sein ge- und über seine Raumwirkung eine fie, Morphologie, der begleitenden
stalterisches Wirken schaft (scaft) bedeutsame psychische Wech- Flora und Fauna und den in ihr
ausdrückt. Dementsprechend ist selwirkung mit dem Menschen handelnden Menschen als gren-
die Landschaft ein Abbild des entfaltet (Kluge 2002). zenloser, übergreifender Lebens-
Beziehungsgefüges zwischen Im Zeitalter des Anthroprozäns raum realisiert. Landschaftsräume
Mensch und Raum über die öko- angekommen, lässt sich keine sind demnach über die körperlich-
ökologischen Kreisläufe physisch
miteinander und über die emotio-
nalen Beziehungen der Menschen
zu ihr ebenso psychisch miteinan-
der verbunden.
Darauf aufbauend lässt sich
ein Verständnis für die Landschaft
über ihre äußere und innere Natur
ableiten, dass auch die Trennlinie
zwischen Objekt und Subjekt auf-
hebt und den Bogen von der Be-
trachtung der Landschaft hin zur
Beziehung mit ihr spannt. So wird
die Umwelt zur Mitwelt in der sich
die Außensicht mit der Innensicht
verbindet.
Das Wirken der äußeren Na-
tur ist offensichtlich und den
Menschen über das naturwis-
senschaftlich basierte Land-
schaftsverständnis vertraut. Sie
beschreibt das Verständnis für
die Natur aus Sicht ihrer ökologi-
schen Zusammenhänge über die
Elemente Boden, Wasser, Luft,
Licht und Wärme mit all den zuge-
hörigen Tieren und Pflanzen, die
sich durch mehr oder weniger Di-
versität in Struktur und Artenviel-
falt auszeichnen. Die Menschen
nehmen die Rolle der objektivie-
renden Betrachter*innen ein und
n Landschaft als Resonanzraum und als Spiegel des menschlichen Handelns sehen sich über das Zusammen-
N + U 10spiel der Ökosystemleistungen Natur. Aus diesem Grund fühlen dem Prinzip der Soziogenese, ein-
als Betroffene, die sich außerhalb sich Menschen draußen in der Na- gebettet in den entsprechenden
des Systems befinden. Wir spre- tur lebendiger und voller Energie, Kulturraum. Sinnesbezogen ver-
chen dann von der Umwelt und und deshalb berichten uns Gärt- bunden mit den gesellschaftlichen
vergessen dabei viel zu leicht, ner, dass ihre Arbeit sie beruhigt Paradigmen sind Landschaften
dass wir Teil einer Mitwelt sind. und erfrischt, denn der Aufenthalt demnach Ausdruck unserer Kul-
Basierend auf diesem Verständ- in der Natur weckt die konstruk- tur (Strohmeier, 2000). Schließlich
nis greifen rein technisch organi- tiven Elemente des menschlichen das für die Naturverbundenheit
sierte Lösungen oftmals zu kurz. Wesens.“ relevanteste Prinzip der Phyloge-
Technisch innovative Lösungsan- Der Philosoph Martin Heid- nese, das den Menschen als evo-
sätze sind wichtig, brauchen aber egger meint in diesem Zusam- lutionär eingebundenen Organis-
für ein immanentes Miteinander menhang, dass es in der Subjekt- mus beschreibt. Über die Zeiten
auch einen emphatischen Bezug Objekt Beziehung keine Trennung hinweg gewachsen, hat sich die
zur Landschaft, um Lösungen für zwischen „Drinnen und Draussen“ Erd-Mensch-Beziehung genetisch
die Entwicklung qualitativ-nach- gibt (Luckner, 2001). in die Lebenserfahrung des Men-
haltiger Landschaften sicherzu- Und die Landschaft wird zum schen verankert und hält auch
stellen. Speziell das Naturhafte Resonanzraum, in welchem sich heute noch unsere Verbundenheit
ist demnach nicht bloß nur als die Geschichte der naturräum- mit der Natur und unsere Sehn-
Sehnsuchtsort im romantischen lichen mit der der kulturräum- sucht nach ihr in uns aufrecht –
Denkmuster verankert, sondern lichen Entwicklung treffen und einerseits über die ökologischen
Ausdruck einer realen Lebens- beide miteinander in Resonanz Kreisläufe der Nahrungsaufnahme
gemeinschaft, basierend auf der treten. Über die persönliche und des Atemaustausches mit der
lebensnotwendigen Verbunden- Raumwahrnehmung wird der Ort Pflanzenwelt und anderseits über
heit des Menschen mit dem Eigen- zum Resonanzraum der gemein- die seelenverwandte Beziehung
wert der Natur der Erde. Über die samen Begegnung, in dem die des Menschen mit der Erde. Diese
Vielfalt der Wechselwirkungen Landschaft wie ein Spiegel das Verankerung mit dem Naturräum-
und der gewachsenen Beziehun- menschliche Handeln reflektiert. lichen stabilisiert die individuelle
gen, im Verständnis von Mitwelt, Die Wahrnehmungsforschung Persönlichkeit sowie das Kollektiv
bleibt der Mensch erdverbunden definiert in diesem Zusammen- des Miteinander (Guski/Blöbaum,
und in emphatischer Beziehung hang drei Entwicklungsmodi, die 2003).
mit der Welt der Mineralien, Pflan- den Menschen über seine Raum- Autoren
zen und Tiere und kann sich als erfahrungen individuell, kollek-
Bindeglied einer schöpferischen tiv und evolutionär bedingt, mit Ao. Univ. Prof. Dr. Erwin
Gemeinschaft begreifen (Brands- der Landschaft verbinden (Bou- FROHMANN
tetter/ Weber, 2019). rassa, 1990). Über die persönli- Biologe und
So wird der Mensch über das che Wechselwirkung erleben wir Landschaftsarchi-
Wirken der inneren Natur vom Landschaft nach dem Prinzip der tekt. Studium der
Betroffenen zum Teilnehmenden, Ontogenese, wo wir vorwiegend Biologie an der
und das eben nicht nur auf der in unserer Kindheit die eigenen Universität Graz,
physischen, sondern ebenso auf Landschaftserlebnisse als per- Weiterbildung zum
der psychischen Ebene. sönliche Erfahrungsmuster in un- Ökopädagogen.
Beispielhaft und praxisnah auf serem Unterbewusstsein veran- Vortrags- und
den Garten übertragen meint Sue kern und in unsere weiterführende Seminartätigkeit
Stuart-Smith (2021) dazu: „Wenn Entwicklung mitnehmen. Sozial im Bereich der Ökopädagogik.
wir mit der äußeren Natur arbei- betrachtet erleben wir Landschaft Ab 1993 an der Universität für
ten, arbeiten wir mit der inneren als kollektives Phänomen nach Bodenkultur Wien. Aktuell am
Department für Raum, Land-
schaft und Infrastruktur, Institut
für Landschaftsarchitektur.
Christian KATONA
Landschaftsplaner
und Eventmana-
ger. Studium der
Landschafts-
planung und
Landschaftspflege
an der Universität
für Bodenkultur.
Seit 2019 Amtssachverständiger
für Landschaftsschutz im Amt der
Bgld. Landesregierung.
n Wirkungsebenen im Kontext der Landschaftswahrnehmung (Bourassa 1990) Bgld. Naturschutzorgan.
11 N + U100 Jahre fachlicher Naturschutz
im Burgenland Botanik – Teil 44
In der zweiten Hälfte der 1980er- ligungsvoraussetzungen in Hinblick Schutzgebietskategorien Voll- und
Jahre prägten das Zusammentref- auf eine naturschutzfachliche Über- Teilnaturschutzgebiet zur Katego-
fen und Überlagern mehrerer Ent- prüfung der Naturschutzrelevanz rie Naturschutzgebiet, und letztlich
wicklungen auf gesellschaftlicher, konkretisiert. Weiters wurde der Ar- die Festlegung zusätzlicher Schutz-
sozioökonomischer und wirtschaft- tenschutz unter legistischer Berück- gebietskategorien, namentlich die
licher Ebene gleichzeitig die Arbeit sichtigung der damals mittlerweile Möglichkeit der Ausweisung von
des behördlichen und fachlichen bereits vorliegenden 2. Auflage der Landschaftsschutzgebieten mit
Naturschutzes nachhaltig. „Rote Liste gefährdeter Pflanzen wertvoller Erholungsfunktion als
So bedingten nach ca. 25 Jah- des Burgenlands“ (Traxler 1987) „Naturparke“ und die Kategorie
ren seit Inkrafttreten des NG 1961 auf eine zeitgemäße Basis gestellt, „Geschützter Landschaftsteil“ für
auf Grund der erkennbaren, nach- wobei darin auch viele weitere flo- kleinflächige Landschaftsgebiete
haltigen, gesellschaftlichen, sozio- ristische Forschungsbeiträge v. a. mit wertvoller naturschutzrelevanter
ökonomischen und wirtschaftlichen aus den vorangegangenen Jahr- Lebensraumausstattung.
Änderungen und der daraus abge- zehnten berücksichtigt wurden. In Mit der Errichtung eines Natio-
leiteten vielfachen Flächenansprü- diesem Zusammenhang sind an flo- nalparks („Neusiedler See – See-
che an die dominant agrarisch bzw. ristischen Forschungsbeiträgen und winkel“) im Jahre 1993 wurde auch
forstlich genutzte Kulturlandschaft, Wiedernachweisen neben jenen diese Schutzgebietskategorie im
v. a. durch markante Steigerungs- von G. Traxler selbst auch die vie- neuen Naturschutzgesetz im Rang
raten der Verkehrsdichte und der len weiteren, zum Teil über mehrere einer Verfassungsbestimmung
dafür benötigten Infrastrukturbau- Jahrzehnte erfolgten floristischen aufgenommen (§§ 44 und 45 NG
ten, Aufschwung des Fremdenver- Forschungsergebnisse v. a. von 1990). Für die Vertiefung dieser ca.
kehrs, Siedlungsausweitung und Helmut Melzer, Otto Guglia, Fritz 70 Jahre dauernden Diskussions-
der deutlichen Fortschritte in der Kasy, Thomas Barta, Karl Tkalcsics, und Planungsphase zur Errichtung
Agrartechnik (z. B. Allradantriebs- Walter Timpe, Josef Wöhl, Peter eines Nationalparks, konkret im
technik, zielgerichtete Innovationen Heyter, Ernst Wukovatz, Uwe Raa- Landschaftsraum Neusiedler See,
und Diversifizierung in der Maschi- be und unzählig weitere, in der ein- war nicht zuletzt das am Rande des
nenbautechnik) letztlich intensiv be- schlägigen Fachliteratur verstreut 26. Naturschutztages des Österrei-
triebene Vorarbeiten auf rechtlicher vorhandene naturschutzrelevante chischen Naturschutzbundes statt-
und naturschutzfachlicher Ebene floristische Hinweise und Beiträge gefundene Mattersburger Manifest
für die Erstellung eines zeitgemäßen zu erwähnen. vom Oktober 1978 mit von Bedeu-
Naturschutzrechts im Burgenland – tung. Seitens der Burgenländischen
das nach deutschem Vorbild beti- w Schutzgebietskategorisierung Landesregierung wurde u. a. zur
telte Burgenländische Naturschutz- Die Novellierung dieses Geset- naturschutzfachlichen Vorbereitung
und Landschaftspflegegesetz (NG zes umfasste jedoch auch noch des Nationalparks letztlich im Sep-
1990). Auf Basis dieser umfangrei- weitere notwendige rechtliche tember 1988 der Arbeitsausschuss
chen Vorarbeiten wurde u. a. unter Anpassungen, so z. B. die Imple- „Rat der Wissenschafter“ einge-
Miteinbindung der Sachverständi- mentierung einer immer wichtiger setzt, in dem neben prominenten
gen der Biologischen Station eine werdenden Naturraumerhebung Vertretern v. a. der einschlägigen
zeitgemäße Neuorientierung des als rasch und allzeit, d. h. auch in- und ausländischen universitären
gesetzlichen Rahmens des Natur- außerhalb der Vegetationsperiode Forschungsszene, der UNESCO,
schutzes angepeilt, nicht zuletzt, verfügbaren Informationsbasis be- der Akademie der Wissenschaf-
um auch die vielen verschiedenen züglich des Arten- und Lebensraum- ten und NGOs (konkret: Vertreter
wissenschaftlich begründeten An- inventars naturschutzrelevanter Flä- jeweils der Landesgruppen der
forderungen eines zeitgemäßen Ar- chen als wertvoller Beitrag der na- beiden Naturschutzorganisationen
ten- und Biotopschutzes auf Basis turschutzfachlichen Beurteilungs- Naturfreunde und Naturschutzbund
der wissenschaftlichen Fortschritte basis in Behördenverfahren, die sowie des WWF Österreich) sei-
im Bereich des Arten-, Lebens- auch außerhalb der Vegetations- tens der Biologischen Station deren
raum- und Landschaftsschutzes in periode ablaufen, weiters die un- Leiter F. Sauerzopf sowie die drei
einem entsprechend umfassenden gemein wichtige Implementierung naturschutzfachlichen Sachver-
Naturschutzgesetz am Anfang der des Feuchtlebensraumschutzes ständigen A. Herzig (Limnologie),
1990er-Jahre abzubilden. In die- sowie die auf Grund der Erfahrun- A. Grüll (Ornithologie, Zoologie) und
sem wurden zum Beispiel erstmals gen in der rechtlichen und fach- J. Köllner (Botanik) vertreten waren.
landesweit alle bewilligungspflichti- lichen Anwenderpraxis überfälli- Ab 1988 verstärkte der aus Güs-
gen Maßnahmen und deren Bewil- ge Zusammenführung der beiden sing stammende Botaniker Eduard
N + U 12Weber (Dissertant beim Braun- die Bezirksverwaltungsbehörde w Pflanzengesellschaften
Blanquet-Schüler G. Wendelber- betraut, so hatte diese vor der be- Österreichs
ger, Wien) das Team des fachlichen hördlichen Entscheidung in einem Im Bereich der österreichweiten
Naturschutzes an der Biologischen Verwaltungsverfahren mit Natur- vegetationskundlichen Erforschung
Station. Er widmete sich bereits in schutzrelevanz den seitens der konnte 1993 unter verstärkter Ein-
der intensiven Vorbereitungsphase Landesregierung für den Bezirk be- bindung der die Abläufe ebenfalls
des neuen Naturschutzgesetzes stellten, ehrenamtlichen Konsulen- wesentlich beschleunigenden elek-
1990 vor allem dem Aufbau einer ten anzuhören. Bereits mit der Erst- tronischen Datenverarbeitung in
Naturraumerhebung im Burgenland, fassung des NG 1990 wurde jedoch einem Kraftakt vom Autorenteam
mit damals wichtigem Schwerpunkt auf Grund der Erfahrungen und der G. Grabherr, L. Mucina, T. Ellmauer
auf Kartierungsarbeiten im Vorfeld alljährlich zunehmenden Fülle an und unter Einbindung vieler weite-
der naturschutzfachlichen Vorbe- verschiedenen naturschutzrecht- rer Spezialisten zu einzelnen Vege-
reitungsarbeiten für das geplante lich relevanten Behördenverfahren tationseinheiten die innerhalb der
Gebietssystem des Nationalparks. im Rahmen der Anwendungspraxis letzten fünf Jahrzehnte nach der
Mit seiner Aufnahme in den Lan- des NG 1961 in der jeweils gelten- Braun-Blanquet-Methode öster-
desdienst am 1. Juli 1991 über- den Fassung sowie in Vollziehung reichweit erstellte, umfangreiche
nahm E. Weber auf Grund der mit auch anderer Gesetze (Wasserrecht, pflanzensoziologische Datenbasis
Inkrafttreten des neuen NG 1990 Flurverfassungs-Landesgesetz, gesichtet, bewertet und zu einer
hinzugekommenen Aufgaben von Bergbaurecht, Abfallrecht etc.) mit dreibändigen Synopsis der „Pflan-
J. Köllner die Agenden des botani- der Bestellung der drei Zoologen zengesellschaften Österreichs“ zu-
schen naturschutzfachlichen Sach- H. Metz, A. Grüll und H. Szinovatz, sammengeführt werden. Dieses bis
verständigendienstes (Fachdienst der beiden Botaniker J. Köllner und heute unverzichtbare, wichtige ve-
Naturschutz, Fachbereich Botanik) E. Weber, des Limnologen A. Her- getationskundliche Standardwerk
im Bereich der mittel- und südbur- zig zu Sachverständigen des Na- wurde in weiterer Folge auf Rechts-
genländischen Bezirke Oberpullen- turschutzes und des Bautechnikers basis des NG 1991 in der jeweiligen
dorf, Oberwart, Güssing und Jen- F. Menghini zum Sachverständigen Fassung zusammen mit dem darauf
nersdorf, insbesondere auch jene des Landschaftsschutzes entspre- methodisch aufbauenden, bereits
zahlreichen naturschutzrelevanten chend Rechnung getragen. Mit im darauffolgenden Jahr 1994 von
Überprüfungen (Vorprüfungen / § 69 NG 1990 wurde dieser Sach- A. Koó im Auftrag der Naturschutz-
Screenings zur Umweltverträglich- verständigendienst auch entspre- abteilung beim Amt der Burgenlän-
keitsprüfung) im Sinne der Einhal- chend naturschutzrechtlich veran- dischen Landesregierung erstellten
tung von Erhaltungs- und Entwick- kert. Dieser § 69 (Sachverständige) „Pflegekonzept für die Naturschutz-
lungszielen in den einzelnen Natura entfällt nach nunmehr dreißig Jah- gebiete“ zur landesweit einheitli-
2000-Gebieten bzw. den Europa- ren wieder mit der aktuellen Fas- chen Beurteilungsgrundlage zu den
schutzgebieten im Rahmen diverser sung (19. Änderung) des NG 1990 verschiedensten Fragestellungen
Verwaltungsverfahren, die solche vom 17. September 2020. im Rahmen der botanisch fachli-
Schutzgebiete und damit gemein- Die zunehmende Digitalisierung chen Sachverständigentätigkeit.
schaftsrechtliche Schutzinteressen der Arbeitswelt, insbesondere ab In Gefolge des Beitritts Öster-
gemäß der Flora-Fauna-Habitat- der zweiten Hälfte der 19890er- reichs zur Europäischen Union (da-
Richtlinie berühren bzw. betreffen, Jahre, brachte wesentliche Vorteile mals: Europäische Gemeinschaft)
bis zu seiner Pensionierung am 31. und eine Beschleunigung in der Er- am 1. Jänner 1995 erfolgte mit Ge-
Dezember 2011. fassung (v. a. rasch editierbare und setz vom 28. März 1996 (3. Ände-
Mit der feierlichen Eröffnung des inhaltlich aktualisierbare Listen- und rung des NG 1990 vom 2. Juli 1996)
Nationalparks am 25. April 1994 Kartenerstellung), Verarbeitung und die Rechtsanpassung des Burgen-
und dem Inkrafttreten und Vollzie- Ausgabe auch von botanischen ländischen Naturschutzrechts an
hung der entsprechenden Rechts- Fachdaten, die mit der mehrmali- Gemeinschaftsrecht mit dem Punkt
lage nach dem NG 1990 i. d. Fas- gen Aktualisierung der Roten Liste 16 (Einfügung der §§ 16a bis 16 c
sung der 1. Änderung vom 7. Ok- gefährdeter Pflanzen Burgenland im zwecks Umsetzung des gemein-
tober 1993 und dem Nationalpark- Zeitraum 1981 (G. Traxler) bis 2005 schaftsrechtlichen Artenschutzes
gesetz NP-G 1992 war der Fach- (E. Weber) neben der bundesweiten gem. FFH- und Vogelschutz-Richt-
dienst Naturschutz, Fachbereich Roten Liste gefährdeter Farn- und linie) sowie mit den Punkten 20
Botanik, im Wesentlichen im Rah- Blütenpflanzen Österreichs von und 21 (§ 22 wird zu § 21a sowie
men der naturschutzbehördlichen Niklfeld H. & L. Schratt-Ehrendorfer die Einfügung der §§ 22 bis 22e)
Bewilligung von verschiedenen (1999) und der Exkursionsflora für zwecks Umsetzung des gemein-
Forschungsvorhaben auf National- Österreich, Liechtenstein und Süd- schaftsrechtlichen Gebietsschutzes
parkflächen gem. § 8 NP-G und tirol von M. A. Fischer, K. Oswald mit der Ausweisung von „geschütz-
bei Bedarf in die wissenschaftliche und K. Adler (3. Auflage, 2008) ih- ten Lebensräumen“ (GLR) und von
Begleitung von botanischen For- ren Niederschlag fanden, und das Europaschutzgebieten (ESG), und
schungsvorhaben in beratender Hil- jeweilige Referenzwerk zur wichti- deren Eingliederung in das gemein-
festellungsfunktion eingebunden. gen Beurteilungsgrundlage in der schaftsrechtliche Naturschutzge-
War anfänglich laut § 25 (3) NG floristischen Artenschutzarbeit des bietssystem „Natura 2000“.
1961 zur Durchführung von Natur- fachlichen Naturschutzes über viele Der mit 1. Dezember 1999 in
schutzverfahren im Wesentlichen Jahre darstellte. den Landesdienst aufgenommene
13 N + USie können auch lesen