Stiftung Netzwerk Jahres-bericht 2016
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Inhalt
5 Editorial
6 Gespräch mit Liska Bernet & Andreas Mösli
14 Gespräch mit Liliane Amuat & Constantin Seibt
28 Gespräch mit Erika Klossner-Locher, Thomas Frey & Carlo Wolfisberg
38 Expertengespräch mit Oswald Sigg
50 Finanzen & Statistiken, Rückblick, Budget 2017 & Ausblick
56 Statistiken
62 Bogen F: Konzerte & Anlässe
68 Daniel: Bewohner Auffangwohngruppe
72 Zaklina: Teilnehmende Arbeitsintegrationsprojekt (AIP)
78 Komun: Betrieb unseres Vertrauens
84 Jobbus/Garage: Angebot der Stiftung Netzwerk
100 Stiftungsrat & Mitarbeitende
102 Adressen
103 Impressum
AIP-Schule, Wetzikon: Kunstvermittlung als Teil des Schulunterrichts
2Was im Kleinen geht,
könnte auch im Grossen
funktionieren
Fussball fürs Volk, keine Gewalt und keine Diskriminierung im Stadion, Einsatz für Integration und
gegen Familienarmut – dafür steht der FC Winterthur. Der Geschäftsleiter des Klubs, Andreas Mösli,
betont im vorliegenden Jahresbericht, dass er es wichtig finde, demokratische Strukturen im Klei-
nen aufzubauen. «Ein Fussballklub ist eine ideale Plattform, um den Leuten zu zeigen, wie es anders
funktionieren könnte.» Auch Liska Bernet, die in Athen das Projekt Khora betreibt und pro Woche
6000 Flüchtlinge verpflegt, hält fest: «Wir machen die Arbeit, die der Job der europäischen Staaten
und NGOs wäre, unser Handeln ist also auch ein politisches Statement.»
Menschen, die für soziale Gerechtigkeit und Standards einstehen und aktiv werden, kitten den
gesellschaftlichen Zusammenhalt. Schauspielerin Liliane Amuat und Ex-Bundesratssprecher und
-Vizekanzler Oswald Sigg, zwei weitere GesprächsteilnehmerInnen in diesem Jahresbericht, ver-
missen diese Gerechtigkeit zurzeit jedoch am meisten. Ungleichheit und Ungerechtigkeit machen
eine Gesellschaft dysfunktionaler und brüchiger. Insbesondere in rauen Zeiten wie diesen, in denen
die autoritäre Option bei vielen aufgrund der Verbitterung über nicht gehaltene Versprechen an
Attraktivität gewinnt. «Wenn Höflichkeit, Augenmass, Verantwortung, Lösungen von Fall zu Fall als
Tugenden verschwinden», so Journalist Constantin Seibt, «müssen die Ruinen des Bürgertums neu
besiedelt und die Traditionen aufs Energischste verteidigt werden.» Kurzum: Dagegenhalten ist
angesagt – ein Aufstand der Anständigen.
Als soziale Stiftung müssen auch wir mit Stärken und Konstanten arbeiten, uns vermehrt vernetzen
und die Entwicklung gemeinsam in eine positive Richtung lenken. Über diesen Prozess, aber auch
über persönliche Positionen diskutieren Erika Locher-Klossner, Thomas Frey und Carlo Wolfisberg
vom Stiftungsrat der Stiftung Netzwerk im Jahresbericht. Im zweiten Teil dokumentieren zwei
Porträts wie individuell die Biografien unserer KlientInnen sind. In unserer Reportage erfahren Sie
ausserdem, wie ein ganz normaler Tag bei unserem Angebot Jobbus/Garage heute ausschaut und
wie alles seinen Anfang nahm – vor 22 Jahren.
Einerseits sind wir stolz, dass wir als Nonprofit-Organisation in der Vergangenheit auf Verände-
rungen adäquat reagieren konnten. Wir wissen jedoch auch, dass die Folgen der Digitalisierung
und die zunehmenden Anforderungen an die Leistungsfähigkeit der Menschen in Zukunft vor allem
unsere KlientInnen treffen werden. Für diese Zeitphänomene die richtigen Strategien zu entwickeln
ist daher dringlich. Denn Nischenplayer wie wir können im Kleinen zeigen, was im Grossen ebenfalls
funktionieren könnte.
In diesem Sinn hoffen wir, dass die Lektüre des vorliegenden Jahresberichts für Sie inspirierend ist.
AIP-Schule, Wetzikon: platonischer Körper im Schulzimmer
Wir bedanken uns ganz herzlich für das Vertrauen in unsere Arbeit und die grosszügige Unterstüt-
zung, mit der Sie sich ebenfalls für weniger Ungleichheit einsetzen.
4 Kaspar Jucker, Geschäftsleiter«Wenn du mit
anpackst,
kannst du Ein-
– ohne Boss und Organisation im Rücken. In wir die Einzigen, die noch zum Klub hielten. Wir
meiner Masterarbeit hatte ich die europäische pflegten das Loser-Image auf ironische Art. Als
Verantwortung bezüglich der Flüchtlingskrise der Verein vor der Pleite stand, veranstalteten
fluss nehmen»
untersucht. Also beschloss ich, London zu ver- wir im Gaswerk eine Bierkurvenparty und spen-
lassen und nach Serbien zu gehen. Was ich dort deten dem Klub die Einnahmen: 15 000 Franken.
erlebte, überstieg meine Vorstellungskraft. Wir So kam ich mit dem damaligen Ausbildungschef
leisteten vor Ort Nothilfe und bildeten via Face- Peter Knäbel und dem Präsidenten Hannes W.
book Netzwerke: mit Geldgebern, Flüchtlingen, Keller in Kontakt. Ich sagte mir: «Dein Klub liegt
kleinen Grassroot-Gruppen. Und wir machten am Boden. Wenn du mit anpackst, kannst du
einfach immer weiter. Als dann später unser hier Einfluss nehmen.» Im ersten Jahr arbeite-
Camp in Lesbos geschlossen wurde, steckten te ich gratis. Mir war klar: Wir mussten unsere
Tausende von Flüchtlingen in Athen fest. Also Nische finden. Für mich lag auf der Hand, dass
konnten wir nicht einfach nach Hause fahren. man in diesem Verein soziales Engagement und
Natürlich hat auch mein Engagement zwei Fankultur zuerst verbinden muss, um dann auf
Ein Gespräch mit Seiten: die weisse Europäerin, die den armen diesem Fundament aufbauen zu können. Fuss-
Liska Bernet & Andreas Mösli
«Wir fällen unsere Entscheide sehr ba-
Die Welt mehr so machen, wie ihr sie euch nie in die Welt hinausgezogen. Nach dem Motto sisdemokratisch, was sehr kompliziert
vorstellt, im Umgang mit Flüchtlingen, auf dem
Fussballplatz – ist das euer Hauptantrieb als
«Global denken, lokal handeln» wollte ich immer
dort etwas bewegen, wo ich lebe: in Winterthur. sein kann. Gleichzeitig lebt das Projekt
von dieser breiten Beteiligung» Liska Bernet
MacherInnen? Ich habe schon ganz viele Dinge gemacht: als
Liska Bernet: Ja, bei mir bestimmt. Dass Euro- Kollektivbeizer, Journalist, Musiker. Ich möchte
pa gegen die katastrophalen Lebensbedingun- die Welt in eine bessere Richtung verändern,
gen von Flüchtlingen viel zu wenig unternimmt, egal, ob es am Schluss nur 0,001111 Millimeter
ist offensichtlich. Als ich auf Lesbos war, standen sind. Bereits während der Lehre trat ich der
3000 Menschen vor mir im Schlamm, ohne WC, Gewerkschaft bei. Für mich war schon damals Flüchtlingen hilft. Doch die Ungleichheit auf die- ball ist für mich die Welt im Kleinformat. Bei uns
ohne irgendetwas. Ich musste etwas unterneh- klar, dass man sich engagieren muss, wenn sich ser Welt ist eine Realität. Ich sehe mich darum findest du die verschiedensten Menschen, Ge-
men und handeln, denn für mich steht immer der etwas ändern soll. vor allem als Brückenbauerin. Mit dem Geld aus nerationen, sozialen Schichten. Der Fussballklub
Mensch im Vordergrund. Solange die politischen der Schweiz und Europa werden die Leute un- ist eine ideale Plattform, um diesen Leuten zu
Strukturen sich nicht ändern, ist Handeln zwar Warum entscheidet sich eine junge Frau, nach terstützt, die von der Ungleichheit stärker be- zeigen, wie es auch anders funktionieren könn-
nur in einem limitierten Rahmen möglich. Unser ihrem Masterstudium sogleich ein eigenes Pro- troffen sind als ich. te. Trotzdem ist der Job als Geschäftsleiter eine
Handeln ist aber auch ein politisches Statement: jekt zu realisieren und nicht wie alle anderen bei Gratwanderung. Einerseits ist er spannend, weil
Wir machen den europäischen PolitikerInnen, einer NGO anzuheuern? Wie wird ein ehemaliger «Bewegter» Fussball- du viel erreichen und anreissen kannst: Inte-
Staaten, NGOs unmissverständlich klar, dass Bernet: Ich arbeitete nach dem Studium auch funktionär? gration, Solidarität, Spendeaktionen. Anderer-
wir genau registrieren, was passiert. Und dass noch bei zwei NGOs. Doch obwohl sie klein wa- Mösli: Fussball faszinierte mich bereits, als ich seits ist Fussball ein spezielles Business. Neben
wir darum die Arbeit machen, die eigentlich ihr ren, war mir im Hinblick auf die Entwicklungs- jung war. Ich gehörte irgendwann der Bierkurve dem Ökonomischen spielt das Emotionale stark
Job wäre und in ihrer Verantwortlichkeit liegen hilfeindustrie nicht wohl bei der Sache. Darum der links-alternativen Fanszene des FC Win- hinein. Das alles unter einen Hut zu bringen, ist
6 würde. Andreas Mösli: Als Macher hat es mich wollte ich lieber ein eigenes Projekt realisieren terthur an. Um die Jahrtausendwende waren extrem schwierig. Wenn es auf dem Platz läuftAndreas Mösli, *1965, aus Winter– Liska Bernet, *1989, aus Zürich, hat
thur, ehemaliger «Bewegter», Journa- Politikwissenschaften an der Universi-
list beim «Tages-Anzeiger» für die Re- tät Zürich studiert und ein Masterstu-
gion Winterthur. Bis heute Mitglied der dium an der School of Economics (LSE)
Winterthurer Gitarrenrockband Ear, in London absolviert mit Fachgebiet
mit der er im Vorprogramm von Bad Entwicklungszusammenarbeit und Fo-
Religion und Dinosaur Jr. auftrat. Seit kus auf humanitäre Nothilfe; Abschluss
2002 engagiert er sich beim FC Winter– 2015. Freiwilligenarbeit während der
thur; im ersten Jahr arbeitete er gratis Flüchtlingskrise in Serbien und auf Les-
im Vorstand. 2003 übernahm er die Ge- bos, wo sie mit anderen HelferInnen ein
schäftsleitung des hoch verschuldeten Flüchtlingscamp für über 600 Menschen
Klubs. Heute steht der FC Winterthur aufbaute. Als die europäischen Grenzen
«für das Gute im Schweizer Fussball» geschlossen wurden, ging sie nach Grie-
(WOZ, Die Wochenzeitung), weil er sich chenland und gründete in Athen das
auf und neben dem Fussballplatz für ein Projekt Khora. Auf fünf Stockwerken
solidarisches Zusammenleben einsetzt. bietet Khora unter anderem Sprach-
Da der Physiker Hannes W. Keller als und Musikkurse, juristische Beratung,
Präsident per Mitte Jahr zurücktreten eine Zahnarztpraxis und kostenloses
und gleichzeitig mit seiner Keller AG für Essen für zurzeit 1000 Flüchtlinge pro
Druckmesstechnik als Hauptsponsor Tag. Finanziert wird das Projekt durch
wegfallen wird, ist der Klub zurzeit auf private Spenden und Gelder von kleinen
der Suche nach neuen Geldgebern. Hilfsorganisationen.
und der Klub gewinnt, finden dich alle toll. Wenn
die Mannschaft schlecht spielt, hagelt es Kritik.
für das Projekt ist also riesig. 18 HelferInnen
erhalten Kost und Logis. Ausserdem haben wir
«Es fehlt an Toleranz, an Respekt vor
War es schwierig, die Leute für eure Idee zu be-
noch sechs Stipendien à 500 Euro. Auch ich lebe
von einem dieser Stipendien. Ich bin jetzt in der
anderen Meinungen und Lebenshal-
geistern?
Bernet: Aus meiner Sicht braucht man vor al-
Schweiz und suche weiter Geld. Unser Budget
liegt derzeit bei 15 000 Euro monatlich. Pro Wo- tungen. Es bräuchte mehr Gelassen-
lem am Anfang jemanden, der an die Idee glaubt.
Wir erhielten die erste namhafte Unterstützung
che verpflegen wir damit 6000 Flüchtlinge. Da
Khora Athen sehr selbständig läuft, könnte ich heit, um aufeinander zugehen zu
von einer englischen Grassroot-Organisation.
Als wir diese erste Hürde genommen hatten, lief
mir vorstellen, bereits ein weiteres Projekt im
Libanon oder in Jordanien zu starten. Mösli: können» Andreas Mösli
die Geldbeschaffung leichter. In Athen arbeiten Ich habe die Erfahrung gemacht, dass du schnell
zurzeit 50 freiwillige HelferInnen pro Tag, circa Goodwill erntest, wenn du dein Herzblut in ein
die Hälfte besteht aus Flüchtlingen. Der Support Projekt steckst und gute Arbeit lieferst. Win-
10terthur ist eine ehemalige Arbeiterstadt. Wenn Fussballer verbindet man in der Regel mit schi- Bernet: Gerechtigkeit vermisse ich total. Ver- Eine unübersichtliche Realität bedeutet für die
du in dieser Stadt «chrampfst», wird das ge- cken Ferraris. Es gibt aber auch noch eine an- stösse gegen Menschenrechte und Flüchtlings- Menschen Überforderung. Darum sagen viele,
würdigt. Da unser Hauptsponsor und Präsident, dere Realität: Viele Profifussballer leben nahe konventionen sind an der Tagesordnung, obwohl wir müssten die Grenzen schliessen und sollten
Hannes W. Keller, per Mitte Jahr zurücktritt, am Existenzminimum. Davon spricht niemand. Europa Verträge unterschrieben hat. Diese besser für uns selber schauen. Mösli: Die Über-
müssen wir nun aber neue Leute und neues Geld Gleichzeitig wird unsere Integrationsarbeit Rechtswidrigkeit ist bedenklich. Das Recht zählt forderung des Individuums in dieser grossen
finden. In einer finanzschwachen Stadt wie Win- im Fan- und Nachwuchsbereich viel zu wenig nicht mehr. Polizisten in Ungarn und Bulgarien und komplexen Welt ist allgegenwärtig. Auch ich
terthur wird es immer schwieriger, für Kultur, gewürdigt und belohnt. 63 Prozent unserer Ju- verbrennen Flüchtlingen mit brennenden Zi- verstehe vieles nicht. Darum finde ich es wichtig,
Sport und Soziales Unterstützung zu erhalten. nioren haben einen Migrationshintergrund, in garetten die Arme, nehmen ihnen die Kleider demokratische Strukturen im Kleinen aufzubau-
einzelnen Teams sind es über 80. Denen bietet weg, übergiessen sie mit kaltem Wasser. Diese en. Ich wollte nie eine linke Kampforganisation
Ihr müsst in eurer Position auch unangenehme sich die Chance, als Spieler eine gesellschaftliche Fälle sind dokumentiert. Aber es folgen keine aus dem FC Winterthur machen. Ein Fussball-
Entscheide auf personeller Ebene fällen. Wie und berufliche Perspektive und Akzeptanz zu er- Sanktionen gegen diese Staaten. Mösli: Wer verein hat die gesellschaftliche Verantwortung,
geht ihr damit um? arbeiten. In diesem Zusammenhang stellt sich seine Mitmenschen plagt, wird heute eher ho- möglichst viele Strömungen unter einem Dach
Mösli: Mir fällt es einerseits extrem schwer. Es die Frage, wie politisch Fussball, Sport allgemein, noriert als bestraft. Dass jeder zuerst für sich zu vereinen. Wenn du all die Leute am Ende un-
ist hart, einem jungen Spieler, den du seit Jahren sein darf. Unsere Aufgabe ist es, darüber eine schaut, manifestiert sich als Mentalität. Die ter dem Dach hast, kannst du politisch etwas
kennst und magst, sagen zu müssen, dass es für Diskussion in Gang zu bringen. Fussballvereine Krise im Kapitalismus spitzt sich zu, doch den bewegen. Wenn da nur Linke ständen, wäre der
die erste Mannschaft nicht mehr reicht. Ande- erhalten Unterstützung für die Infrastruktur, die Sozialismus als Alternative gibt es nicht mehr. Verein ein Ghetto, was meiner Auffassung von
rerseits habe ich gelernt, dass man in diesem Sportstätte, aber nicht für ihre wichtige Inte- Gleichzeitig können die fortschrittlichen Kräfte politischer Arbeit widerspricht.
Job unbedingt alles klar kommunizieren muss. grationsarbeit. Doch es gibt Politiker, die wol- den Leuten keine glaubhaften Alternativen zum
Egal, ob es sich um einen Trainerwechsel oder len davon nichts hören, obwohl es um die Frage Kapitalismus bieten. Wenn ein Banker von einem
um einen Spieler handelt – Systemkorrektu- geht, wie das öffentliche Geld verteilt werden gemeinsam gebackenen Kuchen mit 14 Stücken
ren sind nötig, damit wir ein gemeinsames Ziel soll. Bernet: Die Freiheit zu bewahren, damit 13 wegnimmt, sagt er zu seinem Tischnachbarn,
erreichen können. Bernet: Wir fällen unsere wir tun und sagen können, was wir wollen, ist dem Schweizer Arbeiter: «Jetzt musst du aber
Entscheide sehr basisdemokratisch, was sehr für uns das A und O. Bei Khora treffen die un- aufpassen, dass dir der Ausländer das letzte
kompliziert sein kann. Gleichzeitig lebt das Pro- terschiedlichsten Menschen zusammen: Sie Stück nicht wegnimmt.» Also wächst die Wut
jekt von dieser breiten Beteiligung. Die Mehr- stammen aus verschiedenen Ländern, gehören auf die Ausländer. Es wird gar nicht mehr hin-
heit bei Khora arbeitet aus Überzeugung gratis. anderen Religionen an. Es gibt AktivistInnen, terfragt, wieso der Banker 13 Stücke für sich
Diese Leute am Entscheidungsprozess teilhaben Linke, SozialistInnen, BesetzerInnen, die auch beansprucht. Am meisten vermisse ich den Re-
zu lassen, ist wichtig, sonst entsteht Frust. Als Flüchtlinge in ihren Häusern aufnehmen. Zu- spekt vor den Mitmenschen. Es fehlt aber auch
Präsidentin des Projekts trage ich die Gesamt- sammen diskutieren wir intensiv, welches Geld an Toleranz, an Respekt vor anderen Meinungen
verantwortung. Ich hafte rechtlich, muss also wir überhaupt annehmen dürfen, um unabhän- und Lebenshaltungen. Es bräuchte mehr Gelas-
alleine vors Gericht, wenn wir mit dem Gesetz gig zu bleiben. Staatliche Unterstützung lehnen senheit, um aufeinander zugehen zu können.
in Konflikt geraten. Darum kann ich ein Veto ein- wir aus Prinzip ab, auch die von grossen NGOs.
legen, wenn ich sehe, dass etwas gar nicht geht. Diese zu kritisieren und gleichzeitig ihr Geld zu Auf der einen Seite wachsen die Produktion und
nehmen, wäre ein Widerspruch. Wie lange wir der Zugang zum Wissen in einer nie dagewese-
Im Fussball regiert das Geld. Gleichzeitig be- das so strikt handhaben können, weiss ich nicht. nen Weise. Auf der anderen Seite verkümmern
steht ein Fussballklub nicht nur aus einer ersten Wahrscheinlich müssen wir am Ende einen Mit- Durchblick und Verstehen. Stecken wir in einer
Mannschaft, sondern da sind vor allem Junioren, telweg wählen. Bewusstseinskrise?
die es zu fördern gilt. Warum wird das so selten Bernet: Die Globalisierung hat die Welt komple-
thematisiert? Gerechtigkeit, Toleranz, eine Politik, die handelt, xer und unübersichtlicher gemacht. Wenn ich
Mösli: Fussball ist Kapitalismus im Quadrat. eine fairere Welthandelspolitik: Was vermisst im Laden einen Joghurt kaufe, weiss ich nicht
Das ist sicher nicht gesund, auch für uns nicht. ihr zurzeit am meisten? mehr, welche Folgen dies am Ende der Kette hat.
12«Die Zeiten sind
rau, aber
interessant»
Constantin, du sagst, dass du beruflich mit dei- das alltägliche Scheitern, da ich jeden Abend
nem Medien-Start-up im bisher interessantes- neu beurteilt werde. Doch wenn man nicht
ten, aber auch schwierigsten Projekt steckst. scheitert, hinterfragt man sich nicht und pro-
Liliane, du stellst dich im Theater und in Filmen biert auch nichts Neues aus.
immer wieder neuen Herausforderungen. Wie Seibt: Welches Urteil zählt für dich am meisten:
fest sitzt euch dabei die Angst vor dem Schei- das der Zuschauer, das der KollegInnen oder
tern im Nacken? dein eigenes? Amuat: Wahrscheinlich zuerst
Seibt: Ich dachte ursprünglich, dass Scheitern das eigene, es ist ja auch das erste. Während
okay wäre, wenn man hart gekämpft hat. Doch des Probens gibt es noch kein Publikum. Ich ver-
bei «Project R» und der «Republik» ist Scheitern suche dann immer, möglichst nicht an das End-
keine Option – es wäre eine klare, endgültige produkt zu denken, sondern Dinge zu entdecken
Niederlage. Schon allein, weil wir dem Publikum und herauszufinden. Auffallend ist, dass im The-
ein Versprechen gegeben haben. Beim Crowd- ater grundsätzlich die Figuren, die scheitern, am
Ein Gespräch mit funding verkaufen wir hektoliterweise Hoffnung
– und haben die Pflicht, sie über die Jahre in
meisten interessieren, weil Scheitern mensch-
lich ist. Seibt: Yep. Es sind nicht die Siege und
Liliane Amuat & Constantin Seibt kleinen Fläschchen zurückzuzahlen. Ausserdem Stärken, sondern die Wunden und Sehnsüchte,
braucht der Journalismus ein neues Modell, um die einen vorantreiben. Mit dem Alter wird das
zu überleben. Wenn wir es nicht hinbekommen, schwieriger: Man hat zu viele verheilte Narben.
sind die Türen für viele andere Projekte auf lange Als ich jung war, sah ich mir die alten Herren an,
Zeit geschlossen. Kurz: Wir. Dürfen. Es. Nicht. bei denen jede Anekdote und jede Idee zwanzig
Vermasseln. Amuat: Bei dir hat Scheitern sehr Jahre alt war. Und ich dachte: Die haben einen
Ihr seid beide preisgekrönt, in den Medien wird angeht, sind Ehrungen nichts wert. Man sitzt
konkrete Folgen, Constantin. Bei mir ist das ein Charakterfehler. Heute weiss ich: Das passiert
positiv über euch berichtet. Was bedeuten euch jedes Mal wieder vor einem leeren Blatt Papier.
berufliche Ehrungen, und welche Wirkung haben Nach einem Erfolg ist das noch übler. Du denkst,
sie? du musst zwingend wieder etwas Grossarti-
Constantin Seibt: Früher dachte ich immer, ges liefern und die Leute weghauen. Und dann
dass es cool wäre, irgendeinen Preis zu gewin-
nen. Als ich tatsächlich einen Preis gewann,
scheiterst du grausam. Weil du an die Wirkung
denkst – nicht an die Sache.
«Es herrscht ein Mangel an briti-
musste ich feststellen, dass Ehrungen darin
bestehen, dass dir plötzlich alle möglichen Leu-
Liliane Amuat: Preise sind in meinem Fall wohl
am ehesten eine Anerkennung für die kontinu-
schem Stoizismus. Es wird viel
te auf die Schultern klopfen, die du gar nicht
kennen wolltest. Beim Gründen von «Project
ierliche Arbeit in den vergangenen Jahren. Dass
ich plötzlich so prominent in der Öffentlichkeit
gejammert, und dieses Jammern ist
R» habe ich dann die Erfahrung gemacht, dass
Image tatsächlich Geld wert ist. Das hat mich
stehe, ist komplett neu für mich. Ich werde
durch die Preise aber nicht besser, schlechter
aggressiv gemeint» Constantin Seibt
verblüfft. Ich hielt mich für den schlechtesten oder eine andere. Die Ehrungen müssen ausser-
aller Verkäufer und war überzeugt, dass ich als dem richtig eingeordnet werden: Sie sind eine
Gebrauchtwagenhändler verhungern würde. Anerkennung, ja, doch es ist nicht so, dass ich bisschen anders: Ich muss als Schauspielerin einfach so. Irgendwann kommst du in die Rush-
Dass ich bei Gesprächen mit Investoren über- deshalb mit Angeboten überhäuft werde oder den Mut haben, zu scheitern, weil sonst die Ge- hour des Lebens: Du hast einen Beruf, eine Ehe,
zeugen konnte: ein Wunder. Nur entbindet dies plötzlich höhere Gagen kassiere. Alle Filme wa- fahr besteht, gefällig zu werden. Darum ist diese Kinder. Das heisst, du musst effizient werden,
nicht von der Arbeit, mit diesem Geld etwas ren Low-Budget-Filme. Es freut mich natürlich, Option für mich sehr wichtig. Sie zwingt mich, damit du dein Leben managen kannst. Nur:
Vernünftiges, Solides anzustellen – im Gegenteil: wenn diese Arthouse-Filme aufgrund der Preise ein Risiko einzugehen, den sicheren Rahmen zu Effizienz bedeutet, dass du schon davor unge-
14 Die Verantwortung wächst. Was das Schreiben mehr Aufmerksamkeit bekommen. verlassen. Als Theaterschauspielerin kenne ich fähr weisst, was am Schluss dabei rauskommt.Constantin Seibt, *1966, aus Zürich, Liliane Amuat, *1989, aus Zürich,
Journalist und Autor (u.a. «Der Swis- Schauspielerin. Nach Abschluss des
sair-Prozess», «Deadline – wie man Musischen Gymnasiums wurde sie
besser schreibt»). Von 1997 bis 2005 2008 am Max-Reinhardt-Seminar in
Redaktor für Politik und Wirtschaft Wien aufgenommen, danach war sie
sowie Kolumnist bei der WOZ. Danach vier Jahre lang am Wiener Burgthe-
Reporter beim Tages-Anzeiger. Grosse ater engagiert. 2014 erhielt sie den
Wirkung erzielte er mit der gerichtli- «Junge Talente Preis». 2015 wechselte
chen Aufarbeitung des Swissair-Groun- sie ans Theater Basel, wo sie in «Drei
dings. 2007: Journalist des Jahres; 2012 Schwestern» (gefeiert am Berliner
und 2016: Reporter des Jahres. Seit Theatertreffen 2017) und «Idomeneus»
Ende 2016 ist er für das eigene Start-up auf der Bühne steht. Anfang Jahr war
«Project R» tätig. Falls beim Crowdfun- sie ausserdem in zwei Hauptrollen im
ding im Mai 3000 LeserInnen zusammen Kino zu sehen: in «Skizzen von Lou» von
750 000 Franken spenden, geht «Pro- Lisa Blatter und «Der Frosch» von Jann
ject R» mit zwei Gesellschaftsformen Preuss. An den Solothurner Filmtagen
an den Start: Die Genossenschaft «soll hat sie den Schweizer Fernsehfilmpreis
dem Journalismus seinen Platz als als beste Nebendarstellerin in Micha
Wachhund in der Demokratie sichern». Lewinskys Streifen «Lotto» erhalten.
Die AG wird das digitale Magazin «Die Zudem war sie in diesem Jahr als bes-
Republik» herausbringen. Das gesam- te Nachwuchsschauspielerin für den
te Budget beträgt sieben Millionen Max-Ophüls-Preis sowie auch für den
Franken. Schweizer Filmpreis als beste Darstel-
lerin nominiert.
→ Mittlerweile ist das Crowdfunding
durch die Decke gegangen. Nach Ab-
schluss Ende Mai zählt das digitale Ma-
gazin «Republik» 13’845 AbonnentInnen
und VerlegerInnen.
«Dennoch glaube ich, dass es diese In der Jugend hatte man Zeit herumzuhängen
– auf acht Parties, in acht Filmen, in acht The-
sei, sich auf unorthodoxe Weise zu beweisen.
Wem gebt ihr Recht?
grosse Sehnsucht nach dem ateraufführungen langweilte man sich. Aber
bei der neunten sah man etwas wirklich Neues.
Seibt: Beide haben recht. Die Zeiten sind
rau, aber interessant. In meiner Branche etwa
gemeinschaftlichen Erlebnis gibt. Das Das passiert in einem effizienten Leben kaum
mehr: weil man keine Zeit zum Herumhängen
machen die Verleger ihren Job nicht mehr. Sie
verlassen den Journalismus und setzen auf eine
Theater wird aus diesem Grund hat. Zukunft als Internet-Handelshäuser. Also haben
wir etwas Neues gegründet: die Firma «Project
weiterexistieren» Liliane Amuat Theater, Kino, Zeitungen klagen über schwin-
dende Zuschauer- und Leserzahlen. Es gibt
R» und das Magazin «Republik», um den Jour-
nalismus in seiner traditionellen Rolle als Wach-
Stimmen, die sagen, dass das goldene Zeitalter hund der Demokratie zu erhalten. Nur: Um das
definitiv vorbei sei. Andere wiederum sind der zu tun, muss man den Beruf neu erfinden – leser-
Meinung, dass es gerade heute wieder möglich finanziert, ohne Werbung, kompromisslos in der
18Qualität, ohne Bullshit. Der Job einer Redaktion ihren Sehnsüchten, von ihrer Verlorenheit in der So jedenfalls geht es mir. Mich überfordert die schen Instinkt: Der Untergang ist die bessere
besteht heute nicht mehr darin, Autorität und heutigen Zeit. Und auch in diesem Stück ist das Flut an Informationen, und es fehlt auch oft das Geschichte als der Erfolg. Seitdem kämpfen
Instanz zu sein, sondern eine Dienstleistung für Scheitern Thema. Vertrauen; man ist nicht mehr sicher, was wirk- Haltung und Instinkt in meinem Kopf. Mal sehen,
Menschen in einer komplexen Welt. Die Leser lich stimmt. Wenn ich zum Beispiel im Theater wer gewinnt. Amuat: Ich versuche es ebenfalls
führen ein vernünftiges Leben mit Job, Familie, Gerechtigkeit, Toleranz, Mut, eine Politik, die in der Endprobephase stecke, habe ich diesen mit Optimismus. Erfreulicherweise entstehen
Hobby und haben wenig Zeit, sich um den Lärm handelt, eine fairere Welthandelspolitik: Was Tunnelblick, ich will mich nicht ablenken lassen. zurzeit ja auch viele Gegenbewegungen. Leute
der Welt zu kümmern. Das ist unsere Aufga- vermisst ihr zurzeit am meisten? Darum höre ich oft nicht einmal mehr Nachrich- werden politisch aktiv, schliessen sich zusam-
be. Im Grunde mietet sich der Leser mit einem Amuat: Für mich ist vor allem Gerechtigkeit ein ten, da ich gar nicht weiss, wohin ich mit den men, halten dagegen. Das ist ein Grund zur
Abonnement bei uns ein privates Expeditions- Thema. Ich kann mein Leben in dem Beruf be- Informationen soll. Ohne Handlungsspielraum Hoffnung.
team im Hinblick auf die Wirklichkeit. Und kauft streiten, für den ich brenne und den ich liebe. fühle ich mich oft nur seltsam berührt. Daher
sich komprimierte Zeit. Mal sehen, ob das Kon- Im Vergleich zu vielen anderen Menschen fühle nehme ich in diesen Phasen eher eine Abwehr-
zept klappt. Unser Projekt ist ein Risiko. Aber ich ich mich deshalb sehr privilegiert. Toleranz und haltung ein. Seibt: Ich habe öfter das Gefühl,
glaube, es passt in die Zeit, in der sich auch po- Respekt beschäftigen mich derzeit zum Beispiel dass wir ziemlich allein unterwegs sind und uns
litisch alles ändert. Das Bürgertum ist erodiert; im Hinblick auf Amerika. Ich habe das Gefühl, den Kompass selber bauen müssen. Mein Gehirn
es läuft zu den Rechtsnationalen über. Zentrale dass wir uns heute wieder mit Dingen aus- ist empört, damit überfordert zu sein. Nur stellt
Tugenden verschwinden: Höflichkeit, Augen- einandersetzen müssen, in denen wir eigentlich sich die Frage, ob das nicht immer so war. Es gab
mass, Verantwortung, Lösungen von Fall zu Fall. schon weiter waren. Die Gleichberechtigung der um 1870 ärztliche Untersuchungen, die besag-
Also muss man als Ex-Punk eben die Ruinen des Frauen etwa. Ich sehe Rückschritte in vielen Be- ten, dass der menschliche Körper die rasende
Bürgertums neu besiedeln. Das ist politisch reichen. Seibt: Was mich am meisten beschäf- Geschwindigkeit der Eisenbahn nicht aushalte.
riskant, persönlich peinlich, aber intellektuell tigt, ist der Mangel an Mut. Egal, mit welcher Und davor flammende Warnungen über die Ver-
interessant. Ich glaube, das Motto der aktuellen Branche man sich beschäftigt – Theater, Me- derbnis durch das Buch. Die ersten Strassen-
Zeit lautet: Wir müssen aufs Energischste die dien, Banking, Werbung –, es ist überall das Glei- laternen führten zu Schlaflosigkeit und wurden
Traditionen verteidigen, die wir gerade neu er- che: Das Geschäft läuft ziemlich gut, aber man von den Anwohnern geköpft. Die Bedrohung
finden. Amuat: Mit der ganzen Digitalisierung fürchtet, dass es in Zukunft nicht mehr so gut durch das Neue ist also schon seit je ein Thema.
hat in unserem Genre natürlich eine Verände- laufen könnte. Und man hat auch keine Idee, was Wir leben in Ambivalenzen und müssen lernen,
rung stattgefunden. Wieso soll jemand ins Kino kommt. Das heisst: Überall sitzen wohlhabende uns durchzuschlagen.
gehen, wenn er oder sie sich zu Hause auf dem Leute, die entschlossen sind, den Status quo
Sofa eine tolle amerikanische Serie anschauen zu verteidigen. Das hat zur Folge, dass ein be- Blickt ihr eher pessimistisch oder eher optimis-
kann? Dennoch glaube ich, dass es diese grosse achtliches Potenzial für autoritäre Strukturen tisch in die Zukunft?
Sehnsucht nach dem gemeinschaftlichen Erleb- entsteht. Es herrscht ein Mangel an britischem Seibt: Meine Haltung war lange, dass ich pessi-
nis gibt. Der Begriff der komprimierten Zeit oder Stoizismus. Es wird viel gejammert, und dieses mistisch für die Welt und optimistisch für mich
der komprimierten Wirklichkeit, den Constantin Jammern ist aggressiv gemeint. selber bin. Nur: So denken fast alle. Statistiken
erwähnt hat, gefällt mir sehr. Das Theater wird beweisen, dass der Fortschritt in den vergan-
aus diesem Grund weiterexistieren. Am Theater Auf der einen Seite wachsen die Produktion und genen zwei Jahrhunderten atemberaubend
Basel haben wir ein älteres Stammpublikum. der Zugang zum Wissen in einer nie dagewese- war, bei Kindersterblichkeit, Armut, Analpha-
Aber wir versuchen natürlich, auch ein jünge- nen Weise. Auf der anderen Seite verkümmern betismus etwa. Kurz: Hinter meiner Skepsis im
res Publikum anzusprechen. Mit dem Tsche- Durchblick und Verstehen. Stecken wir in einer Grossen steckt offensichtlich weniger Klugheit
chow-Klassiker «Drei Schwestern», den Simon Bewusstseinskrise? als ein fundamentaler Mangel an Vertrauen in
Stone auf unsere heutige Zeit umgeschrieben Amuat: Es ist sicher so, dass wir heute oft die anderen Leute. Deshalb versuche ich, meine
hat, ist uns das gelungen. Das Stück ist sehr überfordert sind. Früher musste man das Wis- Haltung zu ändern – in Richtung Optimismus.
cineastisch und handelt von jungen Menschen, sen suchen, jetzt muss man sich eher schützen. Dies widerspricht jedoch meinem dramati-
20AIP Restaurant Konter, Wetzikon: Jahresabschlussessen aller
Teilnehmenden des Arbeitsintegrationsprojekts (AIP)
22Geschäftsstelle Zürich: Büroräumlichkeiten der Teams von Restaurant Viadukt AIP-Schule, Wetzikon: Sport und Kultur – vierzehntäglich Capoeira-Training
und Bogen F sowie der Mitarbeitenden des administrativen Dienstes
2426
AIP Bogen F, Zürich: The Paper Kites (AUS)«Bei uns steht
der Prozess im
Mittelpunkt»
dies den Stiftungsrat sicher stärker belasten. im Sozialbereich offensichtlich eine Taktik der
Vielleicht wäre es dann auch im Gremium zu Ab- Verdrängung ihrer KlientInnen verfolgen, sei es
gängen gekommen. in der Sozialhilfe selbst oder indem man diesen
Menschen Angebote vorenthält. Schlimm da-
Welche Veränderungen sind am stärksten ran ist, dass solche Gemeinden mit dieser Taktik
spürbar? auf der Kostenseite Erfolge verbuchen können.
Klossner: Die wohl grösste Veränderung ist, Denn die Leute, die unter die Räder kommen,
dass bestimmte Gemeinden und auch der Kan- verlassen irgendwann den Wohnort und ziehen
ton gewisse Angebote als selbstverständlich an einen anderen Ort. Gemeinden, die anders-
betrachten und sie aus dieser Haltung heraus wo eine menschlichere Sozialpolitik verfolgen,
nicht mehr aktiv unterstützen. Hier anzuset- werden im Grunde also bestraft. Für mich ist
zen und Gemeinden und Kanton klarzumachen, es wichtig, dass die Gemeinden die soziale Ver-
dass dies nicht sein sollte, ist eine grosse He- antwortung übernehmen. Ein Angebot wie der
rausforderung. Wolfisberg: Die Tatsache,
Ein Gespräch mit dass man die Bearbeitung sozialer Probleme
Jobbus/Garage, das aus dem System gefallenen
Menschen eine Aufgabe ermöglicht und damit
Erika Klossner-Locher, Thomas Frey & Carlo Wolfisberg delegiert und sie so aus dem öffentlichen Be- einen Platz in unserer Gesellschaft, zeichnet ein
wusstsein und aus den Schlagzeilen tilgt, ist gutes Sozialwesen aus.
«Mein Fokus liegt auf dem
Ihr engagiert euch alle seit Jahrzehnten im Stif-
tungsrat des Netzwerks. Warum habt ihr zu die-
werk sich stetig verändert. Wenn ich auf die
vergangenen neun Jahre zurückblicke, sehe ich Positiven, nicht auf dem, was nicht
sem Amt Ja gesagt, und wie erklärt ihr euch die
auffallende Konstante im Gremium?
eine hochdynamische Entwicklung, die uns stets
positiv gefordert hat. geht» Erika Klossner-Locher
Thomas Frey: Erstens ist dieses Engagement
im Stiftungsrat für mich eine ausserordentlich Obwohl in neuester Zeit keine neuen Angebote bei der Mittelkürzung der Dezentralen Drogen- Kann sich die Stiftung Netzwerk als kleiner Ni-
bereichernde Ergänzung zu meinem Beruf als hinzukamen? hilfe sichtbar geworden. Ähnliches haben wir schenplayer gegen Sparübungen wie etwa die
Bezirksrichter – sozial und unternehmerisch. Erika Klossner-Locher: Von aussen betrach- in der vergangenen Zeit immer wieder erlebt. Streichung der kantonalen Subventionen der
Zweitens finde ich das Konzept der Stiftung tet mag man vielleicht den Eindruck haben, dass Es ist erfreulich, wenn soziale Probleme gelöst Dezentralen Drogenhilfe wehren?
Netzwerk schlichtweg genial. Sozialarbeit ohne alles beim Alten geblieben ist. Doch es gibt im- werden. Wir wissen aber, dass sie oft nur aus Klossner: Wenn das Elend auf der Strasse
miefigen Unterton und dafür mit viel Einsatz und mer wieder Anpassungen, etwa wenn ein Ange- dem öffentlichen Bewusstsein verschwinden. sichtbar ist, verlangt man nach Angeboten
Freude. Die Kombination von sozialer Arbeit mit bot sich neu ausrichten muss, weil die Nachfrage Frey: Wenn bestimmte Gemeinden für pro- für die betroffenen Menschen. In der jetzigen
Kultur und Sport ist wegweisend. Carlo Wol- abgenommen hat. Die Sicht ist darum immer blembelastete Menschen, namentlich Jugend- Situation, in der die Drogenproblematik im
fisberg: Mir wird diese Frage öfters gestellt, wieder eine andere. Von innen betrachtet ver- liche, kein Geld mehr ausgeben wollen, besteht öffentlichen Raum nicht mehr in der gleichen
doch ich selber stelle die Frage eher umgekehrt: ändert sich viel, und gleichzeitig ist es erfreulich, die grosse Gefahr, dass diese Menschen unter die Weise präsent ist, erachtet man diese Projekte
Wieso engagieren sich eigentlich nicht viel mehr dass es Konstanten gibt. Es gibt eine Konstante Räder kommen. In meiner Tätigkeit als Bezirks- als immer unnötiger und streicht deshalb Sub-
Menschen? Engagement ausserhalb von Beruf sowohl in der Geschäftsführung wie auch im Ka- richter sehe ich, dass Personen in aussichtslo- ventionen. Dieser Entwicklung müssen wir mit
und Familie ist für mich selbstverständlich. Dass der. Das ist aussergewöhnlich für eine so grosse sen Situationen öfter mit dem Gesetz in Konflikt mehr Öffentlichkeitsarbeit entgegenwirken.
ich schon bald ein Jahrzehnt lang im Stiftungs- Nonprofit-Organisation. Wenn wir uns ständig kommen. Dies führt dann zu hohen Folgekosten, Es wird oft ignoriert, dass es heute viel mehr
rat bin und bis heute nie ans Aufhören gedacht mit Personalproblemen herumschlagen und zum Beispiel im Justizvollzug. Klossner: Ich Menschen gibt, bei denen zur Suchtproblematik
28 habe, rührt wohl daher, dass die Stiftung Netz- neue Führungskräfte suchen müssten, würde finde es bedenklich, dass gewisse Gemeinden noch eine psychische Erkrankung hinzukommt.30
Carlo Wolfisberg, Thomas Frey und Erika Klossner-LocherCarlo Wolfisberg, *1967, Thomas Frey, *1956, wohnhaft Erika Klossner-Locher, *1955,
wohnhaft in Uster, seit 2008 in Auslikon, seit der Gründung wohnhaft in Bisikon, seit 2004
im Stiftungsrat der Stiftung der Stiftung Netzwerk im Jahr Stiftungsrätin und seit 2008 Stif-
Netzwerk. Er leitete während 1998 Mitglied des Stiftungsrats. tungsratspräsidentin der Stiftung
mehrerer Jahre die Ausbildung Von 1994 bis 1997 nahm er bereits Netzwerk. Als FDP-Politikerin
an der Hochschule für Soziale Einsitz im Fachausschuss der In- wurde sie 2002 in den Stadtrat
Arbeit, bis er 2008 an die In- stitution Wohnnetz – der von der von Illnau-Effretikon gewählt, wo
terkantonale Hochschule für Gemeinnützigen Gesellschaft des sie das Ressort Bildung leitet. Vor
Heilpädagogik wechselte, wo er Bezirks Hinwil getragenen Vor- dem Stadtratsmandat war sie
zurzeit das Institut Behinderung gängerin der Stiftung Netzwerk. während acht Jahren in der Vor-
und Partizipation leitet. Des Seit 1980 arbeitet er am Bezirks- mundschaftsbehörde und ebenso
Weiteren ist er Präsident der gericht Hinwil, in den vergange- lang in der Jugendkommission des
Mathilde Escher-Stiftung. nen 26 Jahren als Bezirksrichter. Bezirks Pfäffikon und der Region
Ausserdem beteiligt er sich aktiv Oberland tätig. Ausserdem hat
an den Produktionen der Thea- sie als selbständige Unterneh-
tergruppe Auslikon-Balm. mensberaterin und Mediatorin,
vor allem im Hospitality-Bereich,
gearbeitet.
Diese Doppeldiagnose nimmt sogar bei den ganz
Jungen zu. Wir müssen sehr wach und beweglich
arbeiten und bei denen die Restaurants oder
auch der Dorfladen zusätzlich nach aussen wir- «Die Kombination von sozialer
Arbeit mit Kultur und Sport ist
sein, damit wir auf diese Veränderungen adä- ken, ist aber viel einfacher als Öffentlichkeitsar-
quat reagieren und herausfinden können, wel- beit für das Angebot Jobbus/Garage mit älteren
wegweisend» Thomas Frey
che Programme machbar sind und welche nicht. TeilnehmerInnen.
Politisch wird einfach alles delegiert. Der Kanton
delegiert das Problem an die Gemeinden. Und Wie sieht eure aktuelle Strategie aus: konso-
wenn ein Angebot für ehemalige Drogensüchti- lidieren oder beweglich bleiben und über neue
ge wegfällt, muss die Gemeinde weiterschauen. Angebote nachdenken?
Ich bin überzeugt, dass unsere Angebote eine Wolfisberg: Nischenplayer wie das Netzwerk
hohe Qualität aufweisen. Öffentlichkeitsarbeit können es sich nicht erlauben, auf eine 5-Jah-
für unsere Angebote zur Arbeitsintegration zu res-Strategie zu setzen. Sie müssen beweglich
machen, in denen vor allem junge Menschen bleiben. In den vergangenen Jahren gab es eine
32gewisse Konsolidierung. Doch ich bin der Auf- im Schulbereich ganz viel passiert ist. Für 95 ist für mich eine Einladung zur Klage, ich vermis- eine hinreichende soziale Kompetenz findet man
fassung, dass dies nach dem grossen Wachs- Prozent der SchulabgängerInnen sollten nach se heutzutage jedoch vielmehr die Lust an der kaum mehr einen Job. Die Anforderungen auf
tumsschub die richtige Strategie war. Das heutigen Vorgaben Anschlusslösungen gefun- Freude. Klossner: Mir geht es ähnlich. Mein dem Arbeitsmarkt steigen, und gleichzeitig ster-
Netzwerk reagiert nach wie vor sehr schnell auf den werden. Früher gingen viele von der Schu- Fokus liegt auf dem Positiven, nicht auf dem, ben ganz viele Berufe aus. Klossner: Wenn ich
Entwicklungen im Sozialbereich. Dass man dabei le ab und verschwanden vom Radar. In diesem was nicht geht. heute die Auftrittskompetenz von Jugendlichen
versucht, mit Stärken und Konstanten zu arbei- Bereich hat also ganz klar eine Sensibilisierung mit derjenigen meiner Generation vergleiche,
ten und Neues auszuprobieren, etwa im Bereich stattgefunden. Gleichzeitig sind aber auch die Auf der einen Seite wachsen die Produktion und nehme ich wahr, dass diese Generation einen
Arbeitsintegrationsprogramme, zeichnet die Anforderungen an die Jugendlichen gestiegen. der Zugang zum Wissen in einer nie dagewese- viel souveräneren Auftritt hat, etwa bei Vorträ-
Stiftung aus. Alle Geschäfte werden extrem gut Eine Ausbildung, Weiterbildung, Diplome sind nen Weise. Auf der anderen Seite verkümmern gen. Die Fähigkeiten haben sich also auch ver-
vorbereitet. Sie sind dermassen transparent, heute zwingend, um im beruflichen Leben wei- Durchblick und Verstehen. Stecken wir in einer ändert. Gleichzeitig sind heute im Berufsleben
dass wir im Stiftungsrat sofort wissen, worum terzukommen. Bewusstseinskrise? mehrheitlich Eigenschaften gefragt, die eher
es geht. Frey: Das stimmt: Wir werden über Wolfisberg: Als Historiker habe ich gelernt, einen intellektuellen und weniger einen hand-
Zahlen und Inhalt perfekt informiert. Würde Worüber streitet ihr euch im Stiftungsrat, wo dass die Menschen in ihrer Zeit stets gefordert, werklichen Bereich betreffen.
sich die Geschäftsleitung verrennen, würden seid ihr euch einig?
wir es merken. Klossner: Grösstenteils hat die
heutige Geschäftsleitung das Netzwerk dorthin
Wolfisberg: Ich denke, dass wir oft unter-
schiedliche Standpunkte vertreten, aber die «Wir vertreten oft unterschiedliche
gebracht, wo es heute steht. Das ist eine Garan-
tie. Uns werden Dinge nicht vorenthalten, son-
Wertebasis teilen. Für mich ist das eine gute
Ausgangslage, da ich andere Meinungen schät- Standpunkte, teilen aber die
Wertebasis» Carlo Wolfisberg
dern wir werden stets möglichst breit und gut ze. Klossner: Ich schätze die unterschiedlichen
informiert. Das ist die perfekte Ausgangslage. Erfahrungen und Standpunkte, aber auch die
Wir entscheiden nie Hals über Kopf. Wir nehmen gemeinsame Wertehaltung in unserem Stif-
uns immer Zeit, Themen zu durchleuchten und tungsrat. Ein Nickergremium wäre nicht der wenn nicht sogar überfordert waren. Weshalb Blickt ihr eher pessimistisch oder eher optimis-
die Dinge auszudiskutieren. richtige Platz für mich. Bei uns steht der Prozess sollen wir es plötzlich nicht mehr sein? Frey: tisch in die Zukunft?
im Mittelpunkt. Frey: Man kann dies Schwarm– Dennoch wird per se auch nicht alles besser. Klossner: Ich finde, dass wir gute Grundvo-
Gibt es noch eine starke Lobby für sozial Be- intelligenz nennen. Jeder bringt sich ein, und wir Uns geht es trotz steigender Produktivität im- raussetzungen und Möglichkeiten haben, um
nachteiligte? finden Schritt für Schritt gemeinsam einen Weg mer noch gut, ja. Die weltweit zunehmende unseren Teil zum Gelingen beizusteuern. Ich bin
Wolfisberg: Einerseits ist man versucht, Nein und müssen zu guter Letzt gar nicht mehr ab- Arbeitslosigkeit als logische Folge von Industri- daher weder pessimistisch noch optimistisch.
zu sagen, anderseits gibt es auch positive Ent- stimmen. alisierung und Digitalisierung findet aber in den Selbstverständlich gibt es Dinge, die mich nach-
wicklungen. In vielen Bereichen ist ganz viel pas- schwächeren Ländern statt: in Italien, Griechen- denklich stimmen. Doch es liegt auch in unserer
siert, etwa im Bereich der Arbeitsintegration, Gesunden Menschenverstand, Gerechtigkeit, land, Spanien, in Afrika und Südamerika. Dort Hand, die Entwicklung in eine positive Richtung
wo die Stiftung Netzwerk neue Projekte realisie- Toleranz, Respekt, eine Politik, die handelt, eine gibt es Heerscharen von Arbeitslosen, vor allem zu lenken.
ren konnte. Darum glaube ich nicht, dass die Ge- fairere Welthandelspolitik: Was vermisst ihr von arbeitslosen Jugendlichen, die teils als Wirt-
sellschaft sich aus der Verantwortung gezogen zurzeit am meisten? schaftsflüchtlinge zu uns kommen. Wolfisberg:
hat. Frey: Ich wollte gerade das Gleiche sagen. Frey: Ich ärgere mich über das Aufkommen des Dass die Anforderungen an die Leistungsfähig-
Leute mit psychischen Problemen wurden frü- sogenannten Wutbürgers, die oberflächlichen keit der Menschen konstant zunehmen, berei-
her etwa rasch als «arbeitsscheu» abgestem- Hasskommentare im Internet und die Tatsache, tet mir ebenfalls Sorgen. Viele Berufe des 19.
pelt. Problembelastete Jugendliche rutschten dass die Medien dieses Phänomen noch för- Jahrhunderts gibt es nur noch in geschützten
ins Drogenelend ab. Heute kümmert man sich dern, zum Beispiel der «Tages-Anzeiger», indem Werkstätten, den des Töpfers und Flechters
besser um sie. Klossner: Man muss sicher den er die Entlöhnung der Online-Journalisten von etwa. Solange kein Topf in Scherben ging, wurde
richtigen Massstab finden. Ich bin seit 15 Jah- der Anzahl der durch ihre Artikel generierten früher auch ein unkommunikativer Mitarbeiter
ren Schulpräsidentin und kann bestätigen, dass Klicks abhängig macht. Wolfisberg: Die Frage als Töpfer geschätzt. Heute ist das anders: Ohne
34«Wenn Unge-
rechtigkeit nicht
sichtbar ist, ist
Wir trafen uns, und er erklärte mir seine Idee Die finnische Regierung will 2017 das bedin-
der Mikrosteuer. gungslose Grundeinkommen mit 1000 Pro-
banden testen. Man will herausfinden, ob ein
Kritiker bemängeln, dass bei der Einführung ei- Bürger gewillt ist zu arbeiten, wenn der Staat
sie kaum ein
ner Mikrosteuer die grossen Finanztransaktio- dessen Existenzminimum absichert. Warum ist
nen innert Kürze ins Ausland verlagert würden. solches in Finnland möglich und in der Schweiz
Was entgegnen Sie denen? nicht?
Thema»
Die automatische Mikrosteuer verschiebt die Das ist auch in der Schweiz möglich. In den Zür-
Steuerlast, und sie ist ein Ersatz für andere cher Stadtkreisen 4 und 5, wo das BGE übrigens
Steuern. Die Realwirtschaft wird also finanziell angenommen wurde, und in Lausanne sind Be-
und administrativ stark entlastet, weil tiefere strebungen im Gang, die Sozialhilfe temporär in
Steuern den Unternehmen einen Wettbewerbs- Form eines Grundeinkommens auszuschütten.
vorteil verschaffen. Zur Kasse gebeten werden Solche Versuche sind wichtig, um die sozial-
Expertengespräch mit Oswald Sigg vor allem Dealer, Trader, Spekulanten – also die
Finanzwirtschaft, die über 90 Prozent des ge-
politischen und wirtschaftlichen Wirkungen des
BGE zu testen.
«Wir sind wirtschaftlich vielleicht
In einem Porträt über Sie ist zu lesen: «Oswald
Sigg ist eher der Grübler und Zweifler als der
men einen schönen Teilerfolg erzielte, engagie-
ren Sie sich für die stufenweise Einführung einer
in der Lage, Trends und Tendenzen
Macher. Er ist der klassische Intellektuelle, der
Bücher liest, selber schreibt und seine Ideen an-
Mikrosteuer von 2 Promille auf allen elektroni-
schen Geldtransaktionen.
umzusetzen, politisch und vor allem
deren zur Verfügung stellt.» Richtig getroffen?
Nicht ganz. Ich bin kein Bücherverschlinger, son-
Das BGE und die Mikrosteuer sind miteinander
verknüpft. Als ich am Tag eins nach meiner Pen-
sozialpolitisch gelingt uns das aber
dern lese eher langsam. Ich habe meistens drei
Bücher gleichzeitig auf dem Nachttisch. In meiner
sionierung erwachte und mir bewusst wurde,
dass ich ab sofort nicht mehr wie all die Jahre
immer weniger»
Bibliothek steht auch viel Lesestoff, den ich bis zu zuvor ins Bundeshaus gehen würde, kam bei mir
meiner Pensionierung nie angeschaut habe. Ein nicht Langeweile auf, sondern ein Gefühl von
Grübler? Ja, wenn damit nachdenken, analysie- Freiheit. Dank der Errungenschaften der 1. und samten Zahlungsverkehrs verursacht. Der Zür- Bis 2020 könnten mehr als 5 Millionen Jobs in
ren oder Ideen nachhängen gemeint ist. Wobei 2. Säule erfuhr ich damals, was es bedeutet, sich cher Finanzprofessor Marc Chesney, der auch in den 15 wichtigsten Industrieländern verloren
dieser Prozess bei mir in der Regel durch einen nicht mehr um materielle Sicherheit kümmern unserem Komitee ist, warnt davor, dass die heu- gehen. Verschläft die Politik aus Ihrer Sicht die
Impuls von aussen ausgelöst wird. Bei der ersten zu müssen. Eine Woche später kontaktierten tige Casino-Finanzwirtschaft für die Schweiz Gelegenheit, auf einschneidende Entwicklungen
Initiative, die ich 1969 lancieren half, der Schulko- mich meine Grundeinkommensbrüder. Sie sag- ein Hochrisiko darstellt. Sie gefährdet unsere auf dem Arbeitsmarkt adäquat zu reagieren?
ordination, holte mich ein Freund ins Boot. Auch ten in etwa: «Du hast ein Grundeinkommen, und Volkswirtschaft. Das wissen wir spätestens seit Da bin ich mir nicht so sicher. Der Bruch
auf die Initiative zum bedingungslosen Grundein- wir möchten eins.» Da die Idee mich überzeug- der Finanzkrise, die im Jahr 2008 begann. Wenn zwischen analogem und digitalem Zeitalter
kommen wurde ich durch Kollegen aufmerksam. te, trat ich dem Komitee bei. Wochen später also aufgrund der Einführung der Mikrosteuer überfordert uns: Wir können uns nicht konkret
schrieb mir ein Banker von der Goldküste. Er sei die Hochrisiko-Finanzwirtschaft redimensio- vorstellen, welche Konsequenzen diese Ent-
Seit der Ablehnung des bedingungslosen Grund- zwar ein Freisinniger, doch er befürworte das niert wird, ist das nur gut für die Schweiz und wicklung in Zukunft haben wird. Wir sehen aber
38 einkommens (BGE), das mit 23 Prozent Ja-Stim- BGE und wisse, wie man es finanzieren könne. für uns alle. bereits, dass viele bewährte und traditionelle40
Oswald SiggBerufe überflüssig werden. Die Gewerkschaften Volksinitiativen vernünftige Ideen enthalten, die Oswald Sigg, *1944, aufgewachsen
wissen nicht recht, wie sie diesem Phänomen er in seine Politik integrieren könnte. Stattdes- in Höngg, wohnhaft in Bern, von 2005
begegnen sollen. Sie waren auch die grössten sen lehnt die Regierung beinahe alle Volksinitia- bis 2009 Vizekanzler und Bundesrats-
und stärksten Gegner des BGE. Sie sind nach tiven aus Prinzip ab. sprecher im Bundeshaus. Davor hat er
wie vor auf Vollbeschäftigung und auf das Recht für die ehemaligen Bundesräte Adolf
auf Arbeit ausgerichtet. Die Frage ist aber, wel- Sie haben praktisch Ihr ganzes Berufsleben im Ogi, Samuel Schmid, Moritz Leuenber-
chen Sinn das noch macht, wenn es keine Arbeit Dunstkreis der Politik verbracht. Worüber ha- ger, Willi Ritschard und Otto Stich als
mehr gibt. Bereits vor über 100 Jahren, als man ben Sie selber gestaunt? Informationschef und Stabschef ge-
im Nationalrat die damalige von der SP und den Darüber, dass jede und jeder im Bundesrat die arbeitet. In Bundesbern startete das
Gewerkschaften lancierte Initiative «Recht auf Rolle spielt, für die sie oder er gewählt wurde. SP-Mitglied seine berufliche Laufbahn
Arbeit» behandelte, warf ein Liberaler diese So richtig klar wurde mir das, als Alt-Bundesrat als Stellvertretender Informations-
Frage in die Runde. Ich möchte hier kein Gewerk- Moritz Leuenberger vor der Vereinigten Bun- chef der Bundeskanzlei. Des Weiteren
schaftsbashing betreiben, ich bin selber seit 1973 desversammlung seine Abschiedsrede hielt. Er war er Chefredaktor der Schweize-
SP-Mitglied und Gewerkschafter. Aber wenn wir begann und schloss das Referat mit demselben rischen Depeschenagentur, Unterneh-
sehen, wie lange es gedauert hat, bis die AHV Satz: «Wir treten auf, wir spielen, wir treten menssprecher der SRG sowie Mitini-
angenommen wurde – beinahe 50 Jahre –, ist es ab.» Im ersten Moment schüttelte ich über die- tiant der Volksinitiative über das be-
nun wirklich an der Zeit, gewissen Tatsachen in sen Satz den Kopf. Doch je länger ich darüber dingungslose Grundeinkommen (BGE).
die Augen zu schauen. Die Sozialversicherung nachdachte, desto mehr musste ich ihm recht Als freier Autor hat er Kolumnen und
wird in Zukunft nicht mehr über den Arbeitslohn geben. Moritz Leuenberger hat den Bundesrat Artikel für diverse Zeitungen sowie die
finanzierbar sein. Wir werden das Geld für die als Theaterbühne begriffen, auf der alle ihre Rol- Bücher «Koch- und Lesebuch für alle
öffentlichen Aufgaben dort holen müssen, wo es le mehr oder weniger gut spielen. Eine gewisse Fälle» und «Die käufliche Schweiz» (mit
«arbeitet»: in der Finanzwirtschaft. Abgehobenheit und Entfremdung vom Publikum Co-Autor Viktor Parma) geschrieben.
und damit von den Bürgerinnen und Bürgern
Das grosse Verdienst unserer direkten Demo- geht aus diesem Grund mit dem Amt einher.
kratie sei, dass wir über Utopien diskutieren Auf der anderen Seite werden diejenigen abge-
und abstimmen können, sagen Sie. Können Sie wählt, die nicht mitspielen. Dieser in der Politik
das weiter ausführen? logische Vorgang hat sich im Fall von Bundesrat
Bekanntlich musste über die Einführung der Christoph Blocher gezeigt. Es ist allgemein be-
AHV auch lange diskutiert und mehrmals abge- kannt, dass Blocher im Bundesrat bei wichtigen
stimmt werden, bevor sie 1947 angenommen und Fragen feststellte, die Meinungen seien gemacht
umgesetzt wurde. Viele konnten sich damals und man möge sofort abstimmen. Genau das
nicht vorstellen, dass pensionierte Grossväter war aber eigentlich verfassungswidrig. In un-
gemütlich ein Buch lesen und eine Rente bekom- serer Bundesverfassung schreibt Artikel 177 und ihnen nichts mehr zutraut. Inwiefern hat hierzulande ist zudem, dass es uns im europä-
men, so, wie es Hans Ernis damaliges Plakat zur Absatz 1 vor: «Der Bundesrat entscheidet als sich die Politik hierzulande vom Volk entfernt? ischen Vergleich extrem gut geht. Ich bin aber
Einführung der AHV illustrierte. Das Fatale an Kollegium.» Das heisst: Er muss so lange dis- Die Freisinnigen hiessen früher Radikale, Sozial- der Meinung, dass wir teilweise auf Kosten von
unserer direkten Demokratie ist, dass sich zu kutieren, bis ein Weg gefunden worden ist und demokraten waren vom Habitus her eher So- Europa leben und von einigen der Krisen pro-
viele um ihr Stimmrecht foutieren. Also leisten ohne davor eine Mehrheit zu ermitteln. Blocher zialisten, die Gewerkschaft nennt man im fitieren. Das hat eine gewisse Tradition in der
wir uns den Luxus, dass die meisten Abstimmun- verweigerte sich dem Kollegium, er spielte das Welschen Syndicat. Sie alle gingen früher viel Schweiz – wir sind zwar von den letzten beiden
gen und Wahlen von einer Minderheit bestritten Spiel nicht mit. Dabei gehört die Kollegialität zur öfter auf die Strasse und brachten ihre Politik Weltkriegen verschont geblieben, aber nicht nur
werden und dass die Mehrheit von ihrer Stim- politischen Architektur und ist mit ein Grund für unter die Leute. Es herrschten andere politische wegen unserer Armee.
me gar keinen Gebrauch macht. Würde unsere die politische Stabilität in unserem Land. Zustände, und es wurde in einem Umfeld politi-
direkte Demokratie mit qualifizierten Mehrhei- siert, in dem die Zeitungen schwächere Rollen Je näher eine komplexe, aber faktische Zukunfts-
ten aller Stimmberechtigten funktionieren, leb- Die Wahlen in den USA und in Frankreich haben spielten im Vergleich zu den heutigen Medien. möglichkeit rückt, umso nostalgischer und gegen-
ten wir in einem anderen Land. Der Bundesrat gezeigt, dass das Volk den etablierten politischen Gegenwärtig gestalten Politikerinnen und Po- wartsverliebter werden die Menschen, so der Ein-
wiederum hat leider nie begriffen, dass einige Parteien, egal ob linke oder rechte, misstraut litiker weniger und verwalten mehr. Die Krux druck. Wie steht es um unsere Zukunftskompetenz?
42Sie können auch lesen