BUND MAGAZIN - WAS LEBT DENN DA? 03 19 - Bund für Umwelt und Naturschutz ...
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BUND FAKTEN, ANALYSEN,
AKTIONEN UND TIPPS
FÜR UMWELTBEWUSSTE
03
19
MAGAZIN
ZUR ZEIT GRÜNES BAND
Grüne Geldanlage 30 Jahre Lebenslinie
Klimaschutz jetzt! BUND-Sommerabend
WAS LEBT
DENN DA?
Artenkenntnis und Naturschutz© salvia77 / photocase.de
Was bleibt,
wenn wir gehen?
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wenn wir gehen?
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10553 Berlin Almuth.Wenta@bund.netBUNDmagazin 3 | 19 › INHALT 3
INHALT
10 20
LIEBE LESERINNEN
UND LESER,
seit Mitte Juni sind in Deutschland
-Tretroller erlaubt. Als Spielwiese hat
E
man ihnen die Radwege zugeteilt. Keine
gute Idee: Gerade in den Städten benötigt
der Radverkehr nicht weniger, sondern
T. Stephan deutlich mehr Platz als bisher. Die meist
28 ohnehin zu schmalen Radwege nun auch
für Roller mit fragwürdiger Ökobilanz frei-
zugeben, weist in die falsche Richtung.
AKTUELLES ZUR ZEIT
Zu einem anderen, ungleich schädlicheren
4 Kurznachrichten 26 »Lass brummen« – ein Fazit
Verkehrsmittel: Neun von zehn Menschen
7 Gerettete Landschaft 27 15 Jahre Rettungsnetz Wildkatze
weltweit haben noch nie ein Flugzeug von
8 Kommentar 28 Grüne Geldanlage
innen gesehen. In Deutschland aber
30 Klimaschutz jetzt!
boomt das Fliegen, selbst innerdeutsch
SONDERTHEMA 31 Gas statt Kohle?
wird immer mehr geflogen. Wie sehr
10 30 Jahre Grünes Band
müssen die Temperaturen steigen, bevor
12 Grünes Band Europa NATUR IM PORTRÄT
dieser Trend gestoppt wird? Auf Seite 25
13 BUND-Sommerabend 32 Bedroht: Meerneunauge
finden Sie Tipps zum Thema Fliegen.
34 Grüne Insel in Gefahr
TITELTHEMA
Ein weiterer Trend macht dem BUND
14 Was lebt denn da? AKTIV
Sorgen: Immer weniger Menschen
16 Rettet die Artenkenner! 36 Klaus Milde im Gespräch
verfügen zumindest über ein Grundwissen
18 BUND aktiv 38 Neues aus dem BUND
der heimischen Tiere, Pflanzen und Pilze.
20 Citizen Science 40 Internationales
Und die, die sich gut auskennen, werden
42 Die junge Seite
immer älter. Warum das ein Problem ist?
GUT LEBEN
Weil wir Arten umso besser schützen
24 Virtuelles Wasser SERVICE
können, je mehr wir über sie wissen.
25 Tipps zum Fliegen 44 Leserbriefe
Lesen Sie dazu unser Titelthema ab S.14.
46 Marktplatz
48 Medien: Neu erschienen
50 Kontakte und Impressum
Das BUNDmagazin ist die
Severin Zillich
Mitgliederzeitschrift des BUND. Redaktion4 BUNDmagazin 3 | 19 › AKTUELLES
AKTUELLES
DIE ZAHL: CHEMIE-
GIFT MAL ZWEI?
Giftige Laborchemikalien sind heu-
te überall zu finden: in der Arktis,
in Tiefseegräben – und auch in
unserem Körper. Bald dürfte sich
die chemische Belastung deutlich
MEHR NATUR IN DER STADT erhöhen: Chemiefirmen haben von
zu bewahren. Auch will man das »Bundes- 2000 bis 2017 ihre Produktions-
programm biologische Vielfalt« erweitern. kapazität und ihren Umsatz welt-
In der Praxis bleibt jedoch viel zu tun: weit um hundert Prozent gesteigert.
So genügt das Baugesetzbuch noch lang Bis 2030 wird sich ihr Umsatz wohl
nicht dem Anspruch, Eingriffe in Natur erneut verdoppeln.
und Landschaft zu minimieren. Kontrol- Dies schreibt das Umweltprogramm
len des BUND Schleswig-Holstein zeigen der UN in seinem »Global Chemical
zudem, wie schlecht vor Ort meist darauf Outlook«. Zum Umgang mit den
M. Wessel
geachtet wird, dass solche Eingriffe mög- Chemikalien zitiert es die Welt-
lichst gering ausfallen und ausgeglichen gesundheitsorganisation. Demnach
werden, wie es das Gesetz vorschreibt. starben 2016 mindestens 1,6 Millio-
Natur in der Stadt ist wichtig nicht nur für Viele Kommunen kommen ihren Aufga- nen Menschen durch Chemikalien.
die Gesundheit und Lebensqualität derer, ben beim Natur- und Umweltschutz in der Sind es bald doppelt so viele und
die in Ballungsräumen wohnen. Gerade Bauleitplanung nicht (ausreichend) nach. mehr? Folgen der Klimakrise und
Kindern kommt es zugute, wenn sie die Wohl auch, weil sie fachlich und personell dem Verlust der biologischen Viel-
Natur direkt erleben. Aufgrund der Arbeit teilweise überfordert sind. falt bald die Konsequenzen der
des BUND und vieler Verbündeter hat die Höchste Zeit, die »grüne Infrastruktur« steigenden Chemikalienflut? Mit
Bundesregierung jüngst einen »Master- der Kommunen aufzuwerten – für eine mehr Krebserkrankungen und Stoff-
plan Stadtnatur« beschlossen. zukunftsfähige Entwicklung unserer Städ- wechselstörungen oder geringerer
Seine Eckpunkte begrüßen wir: So soll der te und Dörfer ist sie unverzichtbar. Der Fruchtbarkeit? Das muss nicht sein!
Artenschutz an Gebäuden gestärkt werden, BUND wird sich in den nächsten zwei Jah- Auf gefährliche Chemikalien im All-
besonders bei der drängenden Gebäude- ren fit für mehr Stadtnatur machen – ge- tag lässt sich gut verzichten. Siehe:
sanierung. Eine kommunale Landschafts- fördert vom Bundesamt für Naturschutz www.bund.net/chemie
planung soll dafür sorgen, die Stadtnatur aus Mitteln des Umweltministeriums.
NEUE HEIMAT bei, welche Pflanzen für Bienen gut sind«,
erinnert sie sich an ihre Jugend. Müll ver-
Die Wiedervereinigung war eine emotio-
nale Erfahrung für die einstige »Flüchtlings-
Die Bochumer Literaturwissenschaftlerin meiden, Ressourcen schonen, die Natur familie«. »Diesen menschenverachtenden
Karin Yeşilada wünschte sich zu ihrem schützen, das wurde zu wichtigen Lebens- Grenzstreifen in eine Lebensoase für die
Geburtstag Spenden statt Geschenke. prinzipien. Regelmäßig spendet sie für Natur zu verwandeln, ist genial«, begeis-
Natur kann Heimat sein, besonders wenn Naturschutzprojekte des BUND. tert sich Karin. »Aus dem Fluch wurde ein
die gesamte Familie woanders geboren Segen!« Den ersten Anteilschein für das
ist als man selbst. Vielleicht ist es das, Grüne Band schenkte sie sich selbst zum
was sie am Grünen Band so fasziniert. 50. Geburtstag. Die Idee zum »Spenden
Karin Yeşilada – Mutter aus Schlesien, wünschen« übernahm sie dann von einem
Vater aus der Türkei – lernte den Natur- engagierten Freund. Nun sammelt sie all-
schutz von ihren schlesischen Großeltern, jährlich mit ihren Geburtstagsgästen für
die in Nordhessen ansässig wurden. »Im weitere Anteilscheine.
Frühjahr sammelten wir regelmäßig Kräu-
ter. Und meine Großmutter brachte mir www.bund.net/spenden-statt-geschenkeBUNDmagazin 3 | 19 › AKTUELLES 5
KURZ & GUT
»Only bad news
is good news« Im Thüringer Wildkatzendorf Hüt-
scheroda am Hainich hat der BUND
heißt es, vor allem ein Luchsgehege eröffnet. Unter
schlechte Nachrichten den Gästen waren der Leiter des
Nationalparks Hainich, Manfred
erregen also unsere UMWELTPREIS Großmann, und unser Vorsitzender
Aufmerksamkeit. Für eine digitale Rad- und Infokarte
Hubert Weiger. Die neue Schauanla-
ge mit zwei Tieren soll dazu anregen,
Doch positive Neuig- entlang seines Projektgebietes
die Tiere besser kennenzulernen
»Hohe Garbe« erhielt der BUND
keiten aus unserem den Umweltpreis 2019 des Landes
und sich über ihre Schutzwürdigkeit
zu informieren. Wie die Wildkatze –
Verband und aus dem Sachsen-Anhalt. Die Tour unter dem
von der im Dorf derzeit vier Tiere zu
Motto »Natur entdecken auf vielen
Umwelt- und Natur- Wegen« umfasst 26 Stationen zur
sehen sind – firmiert der Luchs als
ein Botschafter für die Wiederver-
schutz tun einfach gut. Natur sowie zu geschichtlichen und
netzung artenreicher Wälder. Sein
kulturellen Aspekten. Entstanden ist
Einige aus jüngster Zeit sie im Rahmen des Projekts »Leben-
Fortbestand in Deutschland gilt als
stark gefährdet.
haben wir wie immer dige Auen für die Elbe« und in enger
www.wildkatzendorf.de
Zusammenarbeit mit den Anwohne-
für Sie ausgewählt. r*innen des Gebietes.
www.bund.net/auentour
DEUTSCHE
UMWELTHILFE
Erstmals konnte der BUND in Nordost- Noch ein Erfolg vor Gericht: Die Deutsche
deutschland eine Wildkatze nachweisen. Die EU darf das Hormongift Bisphe- Umwelthilfe – einst mitgegründet vom
Im Fläming, nur 25 Kilometer südlich von nol A (BPA) als besonders gefähr BUND – kann als Verbraucherschutz-
Berlin, ließ sich ein – leider überfahrenes – lichen Stoff einordnen, gemäß der verband weiter Unternehmen abmahnen
Weibchen eindeutig dieser Art zuordnen. Chemikalienverordnung REACH. und gegen sie klagen. Sie bewege sich
Dazu Carsten Preuss, Vorsitzender des Mit diesem Sieg für Umwelt und Ge- im gesetzlichen Rahmen, beschied der
BUND Brandenburg: »Viele Jahre haben sundheit ist am 11. Juli eine Klage Bundesgerichtshof einem Autohändler.
wir auf die Rückkehr der Wildkatze gewar- der Plastikindustrie gescheitert. Das Die DUH hatte sich auch in der Politik
tet. Nun hoffen wir hier weitere der Tiere Gericht der Europäischen Union Feinde gemacht, weil ihre Klagen auf sau-
aufzuspüren.« So geeignet der waldreiche machte somit deutlich: Der Schutz bere Luft zu etlichen Diesel-Fahrverboten
Höhenzug als Lebensraum wirkt: Erneut von Umwelt und Gesundheit geht führten. Bundesgeschäftsführer Jürgen
erweist sich der Straßenverkehr als lebens- vor Konzerninteressen – ein klares Resch betonte: »Wir kontrollieren nicht
bedrohlich für die Katzen. Deshalb fordert Bekenntnis zum Vorsorgeprinzip. Geringfügigkeiten, sondern nur schwer-
der BUND Wälder besser zu vernetzen BPA findet sich unter anderem in wiegende Verstöße gegen den Umwelt-
und mehr Grünbrücken über große Stra- Konserven und Kassenzetteln. und Klimaschutz.« Für die eigentlich der
ßen zu bauen. Staat Verantwortung zeigen sollte …6 BUNDmagazin 3 | 19 › AKTUELLES
Rolf Vennenbernd/dpa
RISKANTER
RECHTSVERSTOSS
Viele Chemikalien sind potenziell gefähr-
lich für Mensch und Umwelt. Trotzdem
werden sie massenhaft für Alltagspro-
dukte verwendet. Der Grund: Etliche Kon-
zerne haben gegen die Auskunftspflicht
verstoßen, die das EU-Chemikalienrecht
REACH bei der Registrierung ihrer Stoffe
fordert. Dies hat der BUND aufwendig Schadstofftest beim TÜV Rheinland.
recherchiert und die säumigen Firmen
beim Namen genannt. Doch das Prinzip »Keine Daten, kein stoffmix ist mitverantwortlich für Krebs,
Unsere Recherche beruht auf Angaben Markt« funktioniert nicht: Rund 60 Pro- Unfruchtbarkeit, Immunschwäche, Diabe-
des Bundesinstituts für Risikoforschung. zent der registrierten Stoffe werden trotz tes oder Übergewicht. Der BUND fordert
Die Behörde übermittelte eine Liste mit der fehlenden Sicherheitsdaten für den die Europäische Chemikalienagentur auf,
941 Stoffen, für die keine vollständigen Handel freigegeben. So bleibt unklar, wel- alle unvollständig registrierten Stoffe und
Daten eingereicht wurden. Damit ermittel- che Produkte wirklich sicher sind. Die von ihre Hersteller bekanntzugeben. Sie muss
ten wir die Namen der Stoffe und der re- uns identifizierten Chemikalien werden in auch für die gesetzlich vorgesehenen
gistrierenden Firmen. Zu ihnen zählen Mengen von jährlich 12 bis 121 Millionen Sanktionen sorgen und erteilte Freigaben
BASF, Dow Chemicals, ExxonMobil, Merck, Tonnen gehandelt. Sie finden sich überall zurückziehen.
Bayer, KiK-Textilien, RWE und Vattenfall. – im Essen, im Wasser, in Spielzeug und
Sie alle müssen eigentlich nachweisen, Kosmetik, in Wohnungen und in Büros,
i
dass ihre Stoffe Mensch und Umwelt selbst im Amazonas oder in der Arktis. MEHR ZUM THEMA
www.bund.net/reach-verstoss
nicht bedrohen. Die tägliche Belastung mit diesem Schad-
Neu ist, dass interne Angebote auch
auf öffentlichen bund.net-Seiten präsen-
tiert werden und direkt nach dem Login
genutzt werden können. Neu ist auch der
Warenkorb: Stoßen Sie auf einer Seite von
bund.net auf interessante Publikationen
oder Materialien, können Sie diese in den
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Aktiven konnten nicht übertragen werden.
Bestellung zu einem späteren Zeitpunkt
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Der neue zugangsbeschränkte Bereich übernommen: Sie finden aktuelle, verbands- Aktiven-Newsletter, der Sie regelmäßig
für BUND-Gruppen und Aktive ist seit interne Informationen zu BUND-Aktionen über verbandsinterne Neuigkeiten und
Anfang August freigeschaltet. Damit ist und zum Verbandsleben. Und Sie erhalten Angebote informiert.
www.bund-intern.net auf dem neuesten Unterstützung für Ihre Aktivitäten vor Ort.
Sicherheitsstandard, nutzerfreundlicher Auch können Sie kostenlose Aktionspakete
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www.bund-intern.net
Mit dem Neustart mussten wir auch die Materialien des BUND. Und Sie finden hier Kontakt: stefan.euen@bund.net
Registrierung neu entwickeln. Die bisheri- schnell geeignete Ansprechpartner*innen. Tel. 0 30 /2 75 86-574GERETTETE
LANDSCHAFT
Um der Natur bei Bitterfeld eine zweite Chance zu geben,
erwarb der BUND 1300 Hektar einstige Tagebauflächen, die
heute im Besitz der BUNDstiftung sind. Seit knapp 20 Jahren
erobern viele Arten das Mosaik neuer Lebensräume in der
»Goitzsche«-Wildnis zurück. Ein besonderes Kleinod ist der
Zöckeritzer See. Die Kreisgruppe Anhalt-Bitterfeld unter-
stützt die Stiftung hier dabei, Amphibien, Schmetterlinge
und Pflanzen zu dokumentieren. In und um den See lassen
sich Moorfrosch, Eisvogel, Fisch- und Seeadler, Kranich und
Schwarzstorch sowie Biber und Fischotter beobachten.
Frank Koch8 BUNDmagazin 3 | 19 › AKTUELLES
KOMMENTAR
NATUR VERBINDET
Ein Todesstreifen wird zur
Lebenslinie. 30 Jahre nach dem Fall
der Mauer trägt das vom BUND ini-
tiierte »Grüne Band« reiche Früchte HUBERT WEIGER
– in doppelter Hinsicht. ist der Vorsitzende des BUND.
A uf 50 bis 200 Meter Breite schlängelt sich ein grünes Band
durch Deutschland. Es verläuft dort, wo einst eine todbrin-
gende Grenze Deutschland in zwei Teile schnitt. Vom Ostsee-
Hoffnung gibt da das Beispiel Südkorea. Hier ergreift eine de-
mokratische Regierung wieder verstärkt Anstrengungen, um die
Teilung zu überwinden. Der BUND hilft Institutionen und Verbän-
strand bei Lübeck über Schaalsee, Elbe, Drömling, Harz, Werra- den dort bereits seit Jahren, ein Grünes Bandes im Grenzbereich
tal und Rhön bis zum Thüringer und Frankenwald erstreckt sich zu schaffen.
dieses Band, fast 1400 Kilometer lang. Europa ist nicht gefeit vor jenen Kräften, die mit Vorliebe Gräben
Im Schatten von Stacheldraht, Wachtürmen und Grenzpatrouil- vertiefen. Mit der EU-Wahl haben die Fliehkräfte erfreulicherweise
len entstand und überdauerte hier eine Kette natürlicher Lebens- an Einfluss verloren. Mehr noch gibt das Wahlergebnis selbst An-
räume. Ihren Wert erkannten ehrenamtliche Naturschützer früh lass zur Freude: Die hohe Wahlbeteiligung hat gezeigt, dass ein
– der heutige Sprecher unseres Arbeitskreises Naturschutz, Kai vereintes Europa nach wie vor einer großen Mehrheit der Deut-
Frobel, schon als Schüler. Seit Mitte der 1970er Jahre erforschte schen am Herzen liegt. Und wer hätte gedacht, dass der Klima-
er mit Freunden der BUND-Kreisgruppe Coburg die Tier- und und Umweltschutz so rasch einmal Wahlen mitentscheidet?
Pflanzenwelt im Grenzgebiet. Gemeinsam dann organisierten Grenzen trennen – Natur verbindet. Wie notwendig das Grüne
wir 1989 – direkt nach dem Mauerfall – in Hof ein Treffen von Band als Denkmal der Einheit ist, werden wohl schon in Kürze die
Naturschützern aus Ost und West. Bei dieser Veranstaltung wurde Wahlen in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen zeigen.
der Begriff »Grünes Band« geprägt: Das erste gesamtdeutsche
Naturschutzprojekt war damit geboren. ZUM ABSCHIED
30 Jahre ist das jetzt her. Seitdem engagiert sich der BUND Dieser Kommentar, liebe Mitglieder des BUND, ist übrigens
dafür, diese Lebenslinie zu bewahren. Mit Erfolg: Über 5000 ver- mein letzter als Bundesvorsitzender. Anfang November werde
schiedene Tiere und Pflanzen leben heute hier. Zum Rückzugsort ich mich nach zwölf Jahren nicht mehr zur Wahl stellen. Ich bin
wurde das Grüne Band unter anderem für mindestens 1200 Arten, dankbar für die Zeit, in der ich als Ihr Vorsitzender den BUND ver-
die bei uns gefährdet oder gar vom Aussterben bedroht sind. treten durfte, um mitzuwirken am endgültigen Ausstieg aus der
Atomenergie und am überfälligen Einstieg in den Ausstieg aus
EINEN STATT TRENNEN der Kohleenergie. Auch ist es uns in diesem Zeitraum gelungen,
Erfolgreich war unser Einsatz nicht nur für die Natur. Das Grüne Europas Landwirtschaft weitgehend frei von der Agrogentechnik
Band wurde nämlich auch zum Symbol der deutschen Einheit, zu halten.
zu einer Erinnerungslandschaft an die jüngere deutsche und Große Aufgaben liegen aber vor uns, wie die, den Verlust der
europäische Zeitgeschichte. Was die Menschen einst trennte, Biodiversität zu stoppen und gegen die Klimakrise zu kämpfen.
verbindet sie heute. Die größte Aufgabe wird sein, unsere Industriegesellschaft zu
Gerade dafür sollten wir das Grüne Band besonders schätzen. wandeln in eine der Nachhaltigkeit verpflichtete Gesellschaft.
Schließlich erleben wir in vielen Weltregionen, wie das Trennende Der BUND ist dafür gut gerüstet, dank dem großen Einsatz unse-
wieder Raum gewinnt. Länder wie die USA schotten sich heute rer Mitglieder und Förderer. Auch weiterhin wird sich der BUND
nach außen ab wie kaum zuvor. Auch in Europa werden erneut sicherlich beispielgebend für das Gemeinwohl und damit für die
Grenzen errichtet: in Ungarn, wo einst der Eiserne Vorhang verlief, Interessen künftiger Generationen engagieren.
den wir als Grünes Band Europa zu schützen fordern.Zeit für gute Energie Wechseln Sie jetzt zu echtem Ökostrom und nachhaltigem Biogas und erhalten Sie ein Startguthaben von 25 Euro je Vertrag: www.naturstrom.de/energie19 • 100 % echter Ökostrom aus deutscher Wasser- und Windkraft • klimaneutrales Biogas ausschließlich aus Rest- und Abfallstoffen • unabhängig von Kohle-, Öl- und Atomindustrie • Bau und Förderung neuer Öko-Kraftwerke • fairer Preis, keine Mindestvertragslaufzeit, ausgezeichneter Kundenservice
Das Grüne Band zwischen
Mitwitz und Neustadt.
MONUMENTAL
GESCHÜTZT
30. Geburtstag feiert das Grüne Band zum Ende
dieses Jahres. Die Jubiläumsbilanz kann sich
sehen lassen. Der BUND hat daran großen Anteil.
Otmar Fugmann
LIANA GEIDEZIS KAI FROBEL
leitet den BUND-Fachbereich Grünes Band. Vater des Grünen Bands.
V ogelgezwitscher, Bienensummen, Bachgesprudel, dazu
der Geruch von frischem Gras. Andernorts schon ver-
schwundene oder bedrohte Tiere und Pflanzen tummeln sich
ten Reflex der Nachwende-Zeit, die Grenze auszuradieren, brach-
te vor allem der BUND eine bessere Idee auf den Weg: Aus dem
Todesstreifen sollte eine Lebenslinie der Erinnerung werden. Ein
in blühenden Wiesen, glitzernden Fließen und vielfältigen modellhafter Verbund von Lebensräumen. Und ein Denkmal für
Wäldern. Ein ganzer Fächer seltener Lebensräume entfaltet die Einheit Europas, das überdies Perspektiven für einen natur-
sich zu einem hochkarätigen Naturerbe, dem Grünen Band an nahen Tourismus schafft.
der ehemals innerdeutschen Grenze. Heute gilt diese Idee als anerkannt. Das Grüne Band präsentiert
Den 30. Geburtstag feiert das Grüne Band in guter Verfassung: sich als eines der bedeutendsten und komplexesten Naturschutz-
politisch akzeptiert, administrativ getragen, institutionell veran- projekte Deutschlands.
kert und ökologisch weitgehend in Schuss. Gegen den verbreite-BUNDmagazin 3 | 19 › SONDERTHEMA 11
Mit Banner am Grenzdenkmal in Wanderung mit Eseln am Grünen Band, vom Denkstein der Deutschen Einheit
Kleintettau (Thüringen-Bayern). bei Wenigentaft zur historischen Buchenmühle im Biosphärenreservat Rhön.
LÜCKEN SCHLIESSEN Anteil aller Anrainer – 343 Kilometer – will diesem Beispiel noch
Doch nur gut zwei Drittel des 177 Quadratkilometer großen Grü- im Jubiläumsjahr 2019 folgen. Besonders erfreulich: Erstmals
nen Bandes stehen bisher unter effektivem Schutz. Rund ein entwickeln westlich angrenzende Bundesländer wie Hessen und
Achtel wird derzeit noch intensiv beackert. Dies schränkt die Bayern ebenfalls Pläne für ein räumlich abgegrenztes Grünes
Funktion des knapp 1400 Kilometer langen Biotopverbundes Band. Denn auch hier existieren wertvolle Lebensräume und kul-
deutlich ein. Wer geht schon gerne über eine Holzbrücke, bei der turhistorische Anlagen. Hessen plant gar die Ausweisung als
so manche Bohle fehlt – oder auch mal zwei oder drei hinterein- Nationales Naturmonument.
ander? Noch zählen wir 26 markante Lücken, insgesamt etwa
170 Kilometer lang. … UND WELTERBE?
Diese Lücken zu schließen, darum bemüht sich der BUND mit Dass diese Schutzkategorie in Deutschland umgesetzt wird, ist
viel Einsatz, Geld und Geduld (und gefördert vom Bundesprogramm auch ein starkes Signal für das Grüne Band Europa. Die Motive
Biologische Vielfalt). Wir überzeugen Menschen, ihr Grundeigen- und Gründe gelten nämlich genauso im größeren europäischen
tum naturverträglich zu nutzen, zum Beispiel auf großer Fläche Maßstab. Sie beflügeln die Nominierung des Grünen Bandes als
von robusten Rindern beweiden zu lassen. Oder wir bewegen sie UNESCO-Welterbe – in den Kategorien Natur und Kultur.
zum Verkauf oder Flächentausch. Seit dem Jahr 2000 konnte Der Dauereinsatz des BUND darf nicht nachlassen: Wir müs-
der BUND mit eigenen Ankäufen und dank vieler Spender*innen sen die Lücken schließen, die Defizite bei der Pflege der Lebens-
über tausend Hektar erwerben. So tragen wir erfolgreich dazu bei, räume angehen und dafür sorgen, dass jegliche Nutzung endet,
die Lebensräume besser zu verbinden. die dem Naturschutz zuwiderläuft. Die Ausweisung als Natur-
monument muss auch in den übrigen Bundesländern erfolgen.
NATURMONUMENT … Zudem wollen wir in die Breite gehen und das Grüne Band künf-
Immer ist sich der BUND aber auch seiner Verantwortung für tig mit angrenzenden Lebensräumen in West und Ost verbinden.
einen sensiblen Umgang mit der Geschichte bewusst. Dies bele-
gen unsere vielen Projekte und Kooperationen mit den Grenz-
i
landmuseen. Ohne das Grüne Band wäre so manches Relikt MEHR ZUM THEMA
www.bund.net/gruenes-band
längst verschwunden. Unser Angebot von Führungen und Grenz-
wanderungen und die physische Unmittelbarkeit des Grünen
Bandes haben unzählige – gerade junge – Menschen für die his-
torische Dimension der deutschen Teilung und die Tragik der NATURSCHUTZTAGE AN DER ELBE 2019
Grenzopfer sensibilisiert. Das Grüne Band ist damit kein Gleich-
nis für Trennung, sondern Ausdruck einer Symbiose von Natur- 27. – 29. September
schutz und Erinnerungskultur. 30 Jahre Grünes Band Deutschland: Verbindende
Die Dimensionen Ökologie und Geschichte verleihen dem Landschaften – Spürbare Geschichte
Biotopverbund Grünes Band das, was man im Marketing ein Infos und Anmeldung unter:
»Alleinstellungsmerkmal« nennt. Im November 2018 wies Thü- www.bund.net/naturschutztage
ringen als erstes Bundesland seine gesamten 763 Kilometer
am Grünen Band als Nationales Naturmonument aus. Diese
neue Schutzkategorie bezieht auch kulturhistorisch-landeskund- Eine von vielen bedrohten Arten
liche Aspekte mit ein. Sachsen-Anhalt mit dem zweitlängsten im Grünen Band: der Fischotter.12 BUNDmagazin 3 | 19 › SONDERTHEMA
GRÜNES BAND EUROPA
MELANIE KREUTZ
ÖKOLOGISCHES BUND-Fachbereich Grünes Band.
RÜCKGRAT BEDEUTUNG BESTÄTIGT
Über 150 zivilgesellschaftliche und staatliche Organisatio-
nen in 24 Ländern arbeiten in der Initiative Grünes Band
Europa zusammen. Der BUND hat die »European Green Belt
Association« 2014 mitgegründet – ein wichtiger Schritt da-
Auch europaweit geht es mit mals, um dieses paneuropäische Netzwerk sichtbarer zu
dem Grünen Band vorwärts. machen, zu koordinieren und voranzubringen.
Das Herzstück dieser Initiative sind grenzübergreifende
Und wieder ist der BUND und transnationale Projekte. Solche zu starten ist eine der
entscheidend beteiligt. Aufgaben des BUND-Fachbereichs Grünes Band, der den
zentraleuropäischen Abschnitt betreut. Aktuelle Analysen
zeigen: Mit zunehmender Nähe zum ehemaligen Eisernen
Vorhang steigt der Anteil an Schutzgebieten, und ihre Ver-
F ast 40 Jahre lang teilte der Eiserne Vorhang ganz
Europa. In seinem Schatten entstand ein 12 500 Kilo-
meter langer Verbund von Lebensräumen, vom Eismeer
netzung wird enger. Bemerkenswert ist, dass dieser Effekt
auf der Ostseite wie auf der Westseite messbar ist. Damit
ist das Grüne Band als wichtiger Bestandteil von Europas
im hohen Norden bis zur Adria und dem Schwarzen Meer
grüner Infrastruktur bestätigt. Als ökologisches Rückgrat
im mediterranen Süden. Dieses Grüne Band dient heute als
des Kontinents erfüllt es eine wichtige Aufgabe.
Refugium für viele bedrohte Arten. Und als Landschaft
der Erinnerung daran, dass der Kalte Krieg überwunden ist.
ZWEI NEUE VORHABEN
Im EU-geförderten Projekt »DaRe to Connect« (Wage es,
zu verbinden, 2018 bis 2021) übernahm der BUND als
»Lead-Partner« die Hauptverantwortung. Mittels hoch-
auflösender Satellitendaten werden in zehn europäi-
schen Ländern grenzübergreifende Biotopverbünde
ermittelt. Vor Ort erfassen die Partner detailliert, wo
Barrieren wie etwa Zäune bestehen. Diese Informa-
tionen sind eine wichtige Planungshilfe. Wir wollen das
Netz der Lebensräume und Schutzgebiete ökologisch
Ru durchgängiger gestalten. Tieren soll es besser möglich
do
lf Ritt werden, sich auszubreiten und zu wandern.
Ein weiteres EU-Projekt trägt den Titel »LIFE for MIRES«
(Leben für Moore, 2018 bis 2024). Verortet ist es am Grü-
nen Band Bayern-Tschechien, wo die Nationalparks Bayeri-
scher Wald und Šumava sowie die artenreiche Kulturland-
ha
Ri
schaft der Bischofsreuter Waldhufen aneinandergrenzen.
c
rd
K raf
t
Hier arbeiten wir bereits daran, die europäischen Schutz-
gebiete besser zu verknüpfen. Der BUND kauft Flächen an
und kooperiert dabei grenzübergreifend mit dem National-
Zwei von vielen: Waldbirkenmaus und Hochmoorgelbling –
beide gefährdet – profitieren davon, dass der BUND am park Šumava. Damit können wir Moore und Feuchtgebiete
Grünen Band Bayern-Tschechien diverse Moore wiederbelebt. renaturieren und wiedervernässen, die Lebensräume von
seltenen Arten wie Hochmoorgelbling, Waldbirkenmaus
oder Kreuzotter.
i
MEHR ZUM THEMA
www.bund.net/gruenes-band-europaBUNDmagazin 3 | 19 › SONDERTHEMA 13
BUND-SOMMERABEND
GRÜNES BAND:
GESTERN – HEUTE – MORGEN
30 Jahre Grünes Band – unter diesem Motto feierte der BUND am 5. Juni sein
politisches Sommerfest mit 350 Gästen. Und das direkt am Berliner Spreeufer,
wo vor 30 Jahren noch die Grenze des geteilten Berlins verlief.
W as für ein Ausblick! Von der Terrasse reicht der Blick nach
Westen bis zur Oberbaumbrücke, wo einst ein Grenzüber-
gang die innerdeutsche Grenze markierte. Im Osten glänzt die
monumentale Skulptur des »Molecul Man« am Treptower Park.
Je später der Abend, desto mehr Gäste drängen sich an den Ti-
schen entlang der Spree. Eine leichte Brise sorgt hier für etwas
Abkühlung – am bis dato heißesten Tag des Jahres.
Weniger hitzig war die Atmosphäre zuvor drinnen auf dem Po-
dium gewesen. Umweltministerin Svenja Schulze und Annegret
Kramp-Karrenbauer bestätigten beide die Bedeutung des Grü- Bei 35 Grad waren Sonnenschirme und
nen Bandes: für den Naturschutz wie auch als Mahnmal der Kaltgetränke überlebensnotwendig.
deutschen Teilung. Die Ministerin sagte zu, den Lückenschluss an
der fast 1400 Kilometer langen Lebenslinie weiter mitzufinanzieren
und sich in Brüssel für das Grüne Band Europa starkzumachen.
Die CDU-Chefin mahnte Konflikte derer, die das Land nutzen und
die die Natur schützen, so zu lösen, dass das Grüne Band nicht
erneut die Menschen trenne.
Ein Heimspiel hatte Thüringens Umweltministerin Anja Sieges
mund mit ihrem »Herzensprojekt«. Hat sie doch großen Anteil
Ausgezeichnet mit dem Forschungs-
daran, dass der längste Abschnitt des innerdeutschen Grünen preis des BUND: Lou Böhm, Fabian Das Maskottchen des
Bands heute als Nationales Naturmonument geschützt ist. Ge- Wirth und Sarah Redlich (von links). Grünen Bands mit Fans.
meinsam mit dem BUND-Vorsitzenden Hubert Weiger forderte
sie, die Vision des Grünen Bands europaweit stärker zu fördern
– etwas wenn die Bundesregierung 2020 die EU-Ratspräsident-
schaft übernimmt.
Auch durch den dritten Sommerabend des BUND führte als
Moderator wieder der souveräne Max Moor. Das Podium verließ
er nur, als die Slamerin Jessy James LaFleur bissig mit den Ver-
säumnissen der Regierung beim Klimaschutz abrechnete.
Vor Beginn des Sommerabends überreichte Hubert Weiger
den diesjährigen Forschungspreis des BUND. Geehrt wurden
J. Farys (4)
drei junge Wissenschaftler*innen: Sarah Redlich für ihre Disser- Moderator Max Moor, Annegret Kramp-Karrenbauer,
tation zu »Chancen und Hürden ökologischer Intensivierung«; Svenja Schulze, Anja Siegesmund und Hubert Weiger.
Fabian Wirth für seine Masterarbeit zur Zukunft des deutschen
Schienengüterverkehrs; und Lou Böhm für ihre Bachelorarbeit
i
»Beteiligungsstrukturen in der nationalen Umsetzung des Welt WWW.BUND.NET/SOMMERABEND
aktionsprogramms Bildung für nachhaltige Entwicklung«. WWW.BUND.NET/FORSCHUNGSPREISWAS LEBT
DENN DA?
Mal ehrlich: Wissen Sie, welches der häufigste
heimische Vogel ist? Nicht mal jede*r zehnte
Deutsche dürfte ihn erkennen. Es ist der Buchfink.
Nun ist Ihnen – als BUND-Mitglied – wohl diese
Weisheit vertraut: Nur was man kennt, kann man
schützen. Das lässt sich weiterführen: Nur was
man kennt, nimmt man zumeist überhaupt wahr.
Erst mit etwas Artenkenntnis entpuppen sich die
Meisen im Garten als Kohl- und Blau-, Hauben-
oder Weidenmeise. Nur wer ein wenig geübt hat,
filtert aus dem vielstimmigen Konzert der Vögel
mehr als den Kuckuck heraus. Nur wer botanisch
belesen ist, bemerkt, wo rare Pflanzen besonderen
Schutz verdienen. An Flechten, Pilze oder den
Mikrokosmos der Insekten gar nicht zu denken ...
Um die Fülle unserer biologischen Vielfalt
zu schützen, brauchen wir Leute, die sich
auskennen: Naturkundige, die registrieren,
wenn die Vielfalt bedroht ist. Und die uns
sagen, was wir unternehmen können.
Um sie geht es auf den nächsten Seiten.South_agency/iStock.com
16 BUNDmagazin 3 | 19 › TITELTHEMA
NATURSCHUTZ
RETTET DIE ARTENKENNER!
KAI FROBEL W ie geht es dem Kiebitz im Land-
kreis? Hat der Laubfrosch die neu
angelegten Tümpel besiedelt? Wird die
Doch wie sollen wir wissen, wie es un-
serer natürlichen Umwelt geht, wenn nie-
mand mehr erkennt, was da kreucht und
lehrt Biogeographie an der
Uni Bayreuth und ist Sprecher
Speerazurjungfer wegen der Klimakrise fleucht, und Alarm schlägt, wenn Arten ver-
des BUND-Arbeitskreises seltener? Typische Fragen im Naturschutz schwinden oder keinen Nachwuchs mehr
Naturschutz. vor Ort. Wer sie beantworten will, braucht haben? Ohne ehren- und hauptamtliche
Daten: Wo kommen welche Arten warum Artenkenner ist Naturschutz schlicht un-
Nicht nur viele Tier- bei uns vor? Halten sie sich, nehmen sie zu möglich. Ihr Wissen und ihre langjährige
oder ab? Ohne dieses Wissen bleibt unser Erfahrung bilden dafür erst die Grundlage.
und Pflanzenarten BUND-Engagement orientierungslos.
werden immer seltener. Hier sind wir auf Artenkundige angewie- BLEIBENDE LÜCKE
sen: Menschen, die sich privat, ehrenamt- Artenkenntnis – ein Leben lang erweitert
Gleiches gilt auch für lich oder beruflich mit bestimmten Tier- – ist eine oft unterschätzte Qualifikation.
die Menschen, die sie und Pflanzengruppen befassen, diese be- Wir brauchen Menschen, die Tiere und
stimmen und draußen in der Landschaft Pflanzen erkennen und beobachten und
erkennen können: kartieren. Was sie beobachten, zeigt die aus eigener Anschauung die biologische
Ihre Zahl schwindet. Verbreitung und – oft dramatische – Ent- Vielfalt »messen« können. Sie wirken wie
wicklung bestimmter Arten. So waren es ein Frühwarnsystem. Nehmen sie doch
Für den N aturschutz ist Krefelder Ehrenamtliche, die den langfristi- Veränderungen im Gelände oft viel eher
das ein großes Problem. gen Niedergang der Insekten nachwiesen. wahr als die, die im Labor sitzen.
Melanka Helms/GEO
Käferexperte bei einem Tag der Arten-
vielfalt, veranstaltet von GEO und BUND.BUNDmagazin 3 | 19 › TITELTHEMA 17
Seit etlichen Jahren beschäftigt sich
der BUND mit einer Entwicklung, die wir
2016 mit einer Studie erstmals belegen
konnten: der Erosion der Artenkenner. In
den letzten 20 Jahren ging ihre Zahl bun-
Thomas Stephan
desweit um 21 Prozent zurück. Viele von
ihnen sind schon über 60. Und es mangelt
an qualifiziertem Nachwuchs. So ist ab-
sehbar: Viele Expert*innen werden uns in
zehn, zwanzig Jahren verloren gehen. Und Lernen im Gelände: Jugendliche mit K
eschern bei Wertvolles Wissen: Botanisch versierter
einer BUND-Exkursion. Ehrenamtlicher des BUND.
werden Lücken hinterlassen, weil Schulen
und Universitäten kaum Nachwuchs lie-
fern. Da fehlt eine ganze Generation von KAUM ANGEBOTE Profundes Artenwissen entsteht nicht
Menschen mit Artenkenntnis. Hier müssen Ein Großteil der Artenkundigen erfuhr die von heute auf morgen. Der Nachwuchs
wir schleunigst gegensteuern. Natur als Kind in der nächsten Umgebung: muss langfristig und gesamtgesellschaft-
in heckenreicher Kulturlandschaft, viel- lich gefördert werden. Gefragt sind Um-
VIELE URSACHEN fältigen Wäldern, geheimnisvollen Auen. weltbehörden, Naturschutzzentren, Schu-
Es ist kurios: Die Unterstützung für den Dort erlebten sie Tiere und Pflanzen, ihre len, Universitäten – und wir alle.
Schutz der Biodiversität steigt sprunghaft Schönheit und Faszination. Heute wach- Viele der heutigen Artenkenner sagen,
– siehe das erfolgreiche Volksbegehren sen Kinder oft inmitten von Fichtenforsten, ihre Eltern hätten den Grundstein für ihre
»Artenvielfalt in Bayern«. Gleichzeitig aber Maisäckern und Güllewiesen auf. Was gibt Naturbegeisterung gelegt. Dabei kam es
schwindet die Artenkenntnis. Ohne genug es da noch zu entdecken? nicht darauf an, ob die Eltern Spezialisten
Expertise droht uns ein regelrechter Blind- Daran ändert auch die Schule wenig. waren. Wichtiger war, dass sie Neugierde
flug durch diese Zukunftsfrage. Wem selbst jede Artenkenntnis fehlt, und Interesse für die Natur weckten.
Der eklatante Mangel ist ein weltweiter. kann sie auch nicht vermitteln. Und ver-
So warnt US-Ökologe E. O. Wilson vor ei- meidet wohl eher, gemeinsam ins Grüne FÜR DIE ZUKUNFT
nem »schwarzen Loch der Unwissenheit«. zu gehen, aus Angst vor peinlichen Fragen. Nötig sind auch Lehrer*innen, die draußen
Er fordert angesichts des Artensterbens Die Universitäten wiederum versagen, da zumindest einen Teil der Artenfülle ver-
mehr Wertschätzung für Feldbiologen – die Drittmittel der Industrie oder des Staates mitteln können. Ihre Ausbildung braucht
einst an der Spitze ihrer Disziplin standen. andere Prioritäten setzen. So wurden Be- in der Didaktik der Biologie also andere
Die Gründe für den Negativtrend sind stimmungskurse und freilandorientierte Schwerpunkte. Und die Universitäten
vielfältig: Kinder erleben heute zu wenig Lehrstühle massiv gestrichen, die Stellen müssen wieder Leute mit Artenkenntnis
Natur in ihrem Umfeld. Lange hat man die von Artenkennern nicht neu besetzt. Im ausbilden, das ist schlicht ihre gesell-
Artenkenntnis gesellschaftlich kaum wert- Studium ist das Interesse an Arten und schaftliche Aufgabe.
geschätzt. Viele Lehrer*innen sind zudem Geländekartierungen unverändert groß. Im BUND sollten wir unser reiches An-
selbst ohne Artenkenntnis. Kein Wunder: Nur fehlen oft Angebote und die Wert- gebot an Naturerfahrung für Kinder erwei-
An den Universitäten wurde die freiland- schätzung für entsprechende Abschluss- tern – um zusätzliche Möglichkeiten für
biologische Ausbildung stark dezimiert, arbeiten. Deshalb suchen Planungsbüros angehende Artenkenner. Bewährt haben
verdrängt von hoch geförderten Disziplinen und Behörden heute händeringend Nach- sich Artenkundige, die in kleinen Gruppen
wie der Gentechnik. wuchs mit guter Artenkenntnis. im Gelände ihr Wissen an Interessierte
weitergeben. Gerade Berufsanfänger so-
WER IST GEFRAGT? wie Frauen mittleren Alters nehmen diese
WAS LEBT
Die BUND-Studie war ein Weckruf. So Angebote gerne an. Eine gute Ergänzung
nahm das Bundesumweltministerium un- zur manchmal sperrigen Bestimmungs-
DENN DA?
ser Anliegen in die »Naturschutzoffensive literatur sind auch digitale, bildbasierte
2020« auf. Der Deutsche Naturschutztag Wege der Arterkennung über Apps.
entwickelte ein eigenes Forum für Ju- Welche Konzepte versprechen heute
gendliche mit diesem Schwerpunkt. Und besonderen Erfolg, um die Artenkenntnis
neue Initiativen entstanden, um die zu fördern? Um das herauszufinden, for-
Artenkenntnis zu fördern. Viele kleine dert der BUND Modellprojekte staatlich zu
Anstöße vereinen sich gerade zu einer unterstützen. Damit die Vielfalt der Arten
schwungvollen Bewegung. (-kenner) eine Zukunft hat!18 BUNDmagazin 3 | 19 › TITELTHEMA
BUND AKTIV
VIELFÄLTIGE
ANGEBOTE
Die Umweltbildung gehört zu den wichtigsten
Säulen des BUND-Engagements. Getragen
Bernd Quellmalz
von vielen ehren- und hauptamtlich Aktiven,
dient sie zumeist auch (und teilweise ganz
gezielt) dazu, Artenkenntnis zu vermitteln.
»Aktion Wasser«: Bestimmung von Wasserorganismen
an der Umweltstation Iffens/Niedersachsen.
K lar: Bei jeder kleinen BUND-Tour ins Grüne fallen ein paar
Tier- und Pflanzennamen. Und jede Broschüre über ein
Schutzgebiet führt exemplarisch einige seiner Bewohner mit auf.
noch mehr Streuobst-Pädagogen: Über 70 können ihr Wissen zu
diesem artenreichen Lebensraum bereits landesweit teilen.
Last, but not least hat der BUND überall dort, wo Wildkatzen
So fördert unser öffentlicher Einsatz für die Natur immer auch leben, auch für diese seltene Art Botschafter*innen ausgebildet.
das Allgemeinwissen zur Artenvielfalt. Doch damit allein ist
dem Schwund der Artenkenner nicht beizukommen. Der BUND ANGEBOTE FÜR KINDER
hat deshalb spezifische Angebote entwickelt. Eine Investition in die Zukunft ist die Arbeit mit Kindern. Die
»Artenkenntnis erhalten – Entdecke Dein NaturTalent« lautet meisten BUND-Kindergruppen eint das Anliegen, Umweltver-
eine Kampagne des BUND in Bayern. Von Oberbayern bis Unter- ständnis und Artenkenntnis zu fördern. Das ist vielleicht nicht
franken bieten etliche Kreisgruppen und Naturschutzzentren seit immer spektakulär, kann als dauerhaftes Angebot aber prägend
Jahren Bestimmungskurse für Jugendliche und Erwachsene. sein. Wie auch die Aktion »Naturtagebuch« der BUNDjugend:
Das inhaltliche Spektrum ist groß und reicht von Pilzen und Pflan- Jahr für Jahr regt sie Kinder zwischen 8 und 12 dazu an, einmal
zen über diverse Insekten bis zu Vögeln und Fledermäusen. eingehender bestimmte Tiere oder einen Lebensraum zu erfor-
Im Saarland leistet der BUND Überzeugungsarbeit für eine schen – und ihre Erlebnisse in einem Naturtagebuch festzuhalten.
»Akademie für Artenkenner«. Sie soll Fachleute für Vier Bundesländer richten hierzu
verschiedenste Artengruppen ausbilden. Die Landes- Wettbewerbe aus. Wer weiß, wie
regierung hat sich das Projekt zu eigen gemacht viele Kinder das schon zum Anlass
und erarbeitet derzeit ein Konzept. nahmen, sich in die Bestimmungs-
literatur zu vertiefen?
BOTSCHAFTER DER NATUR
Damit sich Artenkenntnis verbreitet, bildet der BUND
Zeichenkurs im Haus der BUNDten Natur,
gerne Multiplikator*innen aus, die ihr Wissen an Hamburg: Ob aus dieser Künstlerin mal
andere weitergeben. So etwa in Baden-Württemberg: eine große Artenkennerin wird?
40 »Schmetterlingsguides« bieten hier inzwischen
Exkursionen, Schulausflüge oder Erlebnistage an.
Sehr gefragt ist eine Fortbildung des BUND Rheinland-Pfalz. Im AKTIV AN SCHULEN
Mittelpunkt seiner Kurse für Wildbienenbotschafter*innen stehen Diverse BUND-Angebote sind darauf gemünzt, Schulkinder für
Artenkenntnis und Naturschutz. »Die Leute rennen uns die Bude den Artenschutz zu gewinnen. So können Klassen etwa Paten-
ein«, heißt es dazu aus dem Landesverband. Der BUND Nieder- schaften für Bäche abschließen und deren Lebenswelt erkunden.
sachsen qualifiziert ebenfalls »Wildbienenkennerinnen« – und Herauszuheben ist das fahrende Klassenzimmer des BUND Saar:BUNDmagazin 3 | 19 › TITELTHEMA 19
WAS LEBT
DENN DA?
Axel Schreiner
Andre Maslo
Was sitzt denn da? Naturkundliche Führungen Insektenkurs im Bildungszentrum
zählen zum Standardprogramm vieler BUND-Gruppen. Wartaweil am Ammersee.
Im KunterBUNDmobil können über 2500 Schüler*innen pro Jahr unterscheiden? Artenkundige Ehrenamtliche geben bei solchen
wirbellose Tiere unter der Lupe betrachten. Aktivitäten gerne Auskunft.
Einer wichtigen Zielgruppe nimmt sich der BUND Bremen an: Wer weitab der Natur in Ballungsräumen wohnt, kann in Städten
Kinder mit Migrationshintergrund und aus sozial schwachen wie Herten, Hamburg oder Bremen zudem Erlebnisgärten des
Stadtteilen. Neugierde und Forscherdrang will er fördern bei de- BUND aufsuchen – und dort die heimische Natur kennenlernen.
nen, die oft sehr wenig über die Natur vor ihrer Haustür wissen.
Um Schüler*innen ganz allgemein Spinnen, Wildbienen, Wasser- SPEZIALISTEN AM WERK
insekten oder Amphibien nahezubringen, bietet der Landesver- Hier und da hat sich in Gruppen und Arbeitskreisen besonderes
band Materialkisten zu »Bremens Vielfalt unter der Lupe« an. Knowhow versammelt. Zwei Beispiele vom Bodensee: Die
Projekttage und -wochen für Schulklassen vermitteln Wissen BUND-Gruppen aus Gottmadingen (Fokus: Fledermäuse) und
speziell über Insekten. Radolfzell (Orchideen) gewinnen mittels vielfältiger Aktivitäten
Die Schule meist schon beendet hat, wer bei der Kreisgruppe Verbündete und kundigen Nachwuchs.
Köln Studienpraktika in Biologie und Geographie absolviert – Oder der Arbeitskreis »Feldherpetologie« in Sachsen-Anhalt:
und dabei Grundkenntnisse in der Artenbestimmung erlangt. Er hat sich ganz der Erforschung und dem Schutz der Amphibien
und Reptilien verschrieben. Dazu treibt er viel Öffentlichkeits-
FÜR JEDEFRAU UND JEDERMANN arbeit: In Aschersleben betreut er einen Lehrgarten mit Schau-
Zahllose BUND-Gruppen führen naturkundliche Exkursionen in gehegen. Außerdem organisiert er Camps für Kinder und Jugend-
ihrem Programm. Je nach Jahreszeit stehen hier verschiedene liche sowie Exkursionen zu Frosch, Eidechse und Co.
Tiere oder Pflanzen im Fokus. Um dauerhaft auf die Flora und Oder der Berliner Arbeitskreis »Pilzkunde & Ökologie«. Er wirbt
Fauna eines Schutzgebietes hinzuweisen, haben viele Gruppen mit Vorträgen und Seminaren dafür, das so bunte – und doch
Naturlehrpfade eingerichtet oder Infotafeln aufgestellt. Was ge- vielen ganz unbekannte – Reich der Pilze zu entdecken.
nau wächst und gedeiht hier? Und was unternimmt der BUND vor Wer also seinen Blick für die Artenvielfalt öffnen und seinen
Ort, um die Vielfalt zu bewahren? Horizont erweitern möchte, ist beim BUND vielerorts bestens
Ein klassischer Anlass, um Artenkenntnisse zu vermitteln, ist aufgehoben. Kontaktieren Sie Ihre Kreisgruppe oder Ihren Landes-
der GEO-Tag der Natur. Gruppen wie der BUND Neubrandenburg verband, wenn Sie sich schlauer machen wollen! sz
nutzen ihn alljährlich, um mit Fachleuten bestimmte Flächen ge-
nauer unter die Lupe zu nehmen. Dazu laden sie regelmäßig auch
die Öffentlichkeit ein. Für Laien lässt sich da viel lernen! Wie bei
i
MEHR INFORMATIONEN
so vielen Einsätzen draußen: Welche Molche und Frösche sind zum Bildungsangebot des BUND finden Sie unter
diesmal am Krötenschutzzaun gestrandet? Und wie sind sie zu www.bund.net/umweltbildungWAS LEBT
DENN DA?
Thomas Stephan
Hat hier eine Wildkatze Haare gelassen? BUND-
Aktive kontrollieren einen Lockstock in Sachsen.
BÜRGERWISSENSCHAFT
PATENT AUS PASSION
MARTINA LÖW
leitet die Abteilung
Freiwilligenmanagement.
Ehrenamtliche Artenkundige liefern wert-
MAGNUS WESSEL
volle Daten für Wissenschaft und Naturschutz.
leitet die Naturschutzpolitik
Und verdienen dafür alle Unterstützung. des BUND.
C itizen Science hat in den vergangenen
Jahren erheblich an Popularität ge-
wonnen. Auch ist sie aus der Diskussion
LANGE TRADITION
Grundsätzlich ist das nichts Neues: Men-
schen mit Interesse an der Natur erfas-
WAS LAIEN LEISTEN
Wie wichtig – und immer wichtiger – der
bürgerwissenschaftliche Einsatz ist,
um die Zukunft der Forschung nicht mehr sen ehrenamtlich Arten, sammeln Daten zeigt das Beispiel der Roten Listen ge-
wegzudenken. Citizen Science – oft als oder ergründen Zusammenhänge und die fährdeter Arten: Ihr Fundament bilden
»Bürgerwissenschaft« übersetzt – meint Ursachen von Veränderungen in Natur ganz überwiegend Daten und Schlussfol-
vor allem zweierlei: die Beteiligung von und Umwelt. Das haben schon Goethe, gerungen, die außerhalb der universitä-
Laien an wissenschaftlichen Projekten. Charles Darwin oder Jane Godall getan – ren Forschungswelt entwickelt wurden.
Und die eigenständige Forschungsarbeit große Namen, lange bevor über Citizen So stammt der wichtigste Nachweis da-
von Menschen jenseits der universitären Science gesprochen wurde. Schon seit für, dass unsere Insektenfauna nun seit
Wissenschaft (oder nur lose verknüpft Jahrhunderten erforschen »Laien« Jahrzehnten verarmt, von pri-
damit). Ihr Einsatz erfolgt dabei freiwillig Themen, die der institutionellen vat tätigen Insektenkundlern.
und nicht im Rahmen einer beruflichen Wissenschaft oft abwegig erschie- Auch zentrale Artenschutz-
Tätigkeit. nen. Sie entwickelten eigene Hy- projekte des BUND fußen auf
pothesen und Theorien, zuweilen Citizen Science (> Kasten).
sehr erfolgreich, wie Darwins Welche Herausforderungen
Evolutionstheorie bezeugt. Oder zeichnen sich dafür ab?
sie bleiben einer Passion wie Unsere Gesellschaft steht
der Pflanzen-Taxonomie treu, vor der Jahrhundertauf-
obwohl sie an vielen Unis gabe, schnell zu einer
längst aufs Abstellgleis ran- wirklich nachhaltigen
giert wurde. Lebensweise zu finden.BUNDmagazin 3 | 19 › TITELTHEMA 21
Die biologische Vielfalt zu schützen ist
eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, ge-
nauso wie viele Aspekte des Umweltschut-
zes. Die Bürgerwissenschaft spielt dabei
eine starke Rolle. Doch dauerhaft können
Natur- und Umweltschutz nur erfolgreich
sein, wenn der Staat seine Verantwortung
hierbei angemessen wahrnimmt.
Jutta Schreiner
Ehrenamtliche befestigen in Rheinland-Pfalz einen
Spurentunnel, um Gartenschläfer nachzuweisen.
Der dafür nötige Wandel wird nur glücken, kritisch im Blick zu behalten. Das schützt
wenn Zivilgesellschaft und Wissenschaft vor Missbrauch und »Greenwashing« und
WILDKATZEN UND
eng kooperieren. Kundige Freizeitforsche- bietet Chancen für beide Seiten.
r*innen haben den Raum, über die Fach- Damit Citizen-Science-Projekte gelin-
SCHLAFMÄUSE
disziplinen hinaus den Blick zu öffnen, ihr gen und die Freiwilligen gut eingebunden
Fachgebiet breiter zu denken und zu werden, müssen sie begleitet und koordi- »Als wir Handschuhe bekamen,
überschauen. Wer ehrenamtlich forscht, niert werden. Wer ein solches Projekt wurde mir klar: Jetzt wird es wis-
hat die Freiheit, seinen Blick auf größere plant, sollte deshalb immer einen Förder senschaftlich. Die Proben sollten
Zusammenhänge zu werfen. Und das, anteil für das Management der Freiwilligen ja nicht verunreinigt werden.«
ohne überlegen zu müssen, welche The- beantragen. Auch der nicht-universitäre
men und Hypothesen sich wohl für die Partner sollte die Federführung und die
Wissenschaftsjournale eigneten. Antragsrechte innehaben können. Ehren-
Wer nicht hauptberuflich forscht, kann amtlich Aktiven darf es zudem nicht zu So berichtet ein ehrenamtlicher Hel-
auch mal eine Außenseitermeinung ver- schwer gemacht werden: Kurze Fristen fer von seiner Teilnahme am Citizen-
treten – faktenbasiert, versteht sich. Oder für die Antragstellung, zu wenig Anerken- Science-Projekt »Wildkatzensprung«
sich in vernachlässigte Bereiche vertiefen. nung ehrenamtlicher Zeit und Ressourcen des BUND. Freiwillige sammelten
Oder sein Wirken mit einem praktischen (für den Eigenanteil) sowie hohe formale jahrelang Haare von Wildkatzen,
Naturschutzprojekt verbinden. akademische Hürden haben der Citizen begleitet von einem Forschungs-
Science in der Vergangenheit oft Steine in institut. In sechs aufeinanderfol-
WAS BRAUCHT CITIZEN SCIENCE? den Weg gelegt. genden Wintern kontrollierten sie
Fruchtbar könnte sich ein engeres Mitein- regelmäßig über 3500 Lockstöcke.
ander von Wissenschaft und Bürgerwis- STAAT IN DER PFLICHT Damit lieferten eine beachtliche
senschaft auswirken. Und mehr Mut sei- Schließlich sollten wir nicht vergessen: Bei Datenbasis, um die Verbreitung der
tens der Institutionen, auf Augenhöhe mit bestimmten Aufgaben steht primär der seltenen Art zu erforschen.
den Laien zusammenzuarbeiten. Gemein- Staat in der Verantwortung – zum Beispiel Wie erfolgreich Citizen Science
same Standards und Methoden, techni- bei der kontinuierlichen Überwachung und beim BUND zum Einsatz kommt,
sche Unterstützung und Möglichkeiten Kontrolle europäischer Schutzgebiete. zeigt auch unser aktuelles Projekt
der Veröffentlichung schaffen die Basis Wenn Behörden dieser Pflicht nicht ausrei- »Spurensuche Gartenschläfer«.
der Kooperation – und sichern gleichzeitig chend nachkommen, können und sollten Viele freiwillige Helfer*innen wei-
die Qualität der Ergebnisse. Ehrenamtliche diese Lücke nicht füllen. sen die Schlafmaus hier mithilfe
Für die Eigenständigkeit von Citizen- Politisch bewegt sich sonst noch weniger. von »Spurentunneln« nach, die den
Science-Projekten ist es wichtig, die Rech- Auch darf zum Beispiel, wer bei einem Ein- Pfotenabdruck der Tiere dokumen-
te an Datengrundlagen und Ergebnissen griff Natur und Umwelt schädigt, nicht aus tieren. Außerdem kontrollieren sie
zu wahren; sich intensiv auszutauschen; der Pflicht entlassen werden, selber nach- Nistkästen und bringen Wildtier-
die Forschungsergebnisse transparent zu zuweisen, dass er diesen Schaden ausge- kameras in Aktion.
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