Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler

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Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler
Cahn’s Quarterly 2/2020

    Highlight

Festlich und kunstvoll betrauert
Von Martin Flashar

KINDERSARKOPHAG. L. 92 cm. H. 28,8 cm. T. 27 cm. Marmor. Römisch, antoninisch, Mitte 2. Jh. n. Chr.                                                     CHF 45'000

Die Dimension des marmornen Kastens ver­                tischer Einschnitt. Die Einzelheiten kennen        Typologie des trunkenen Weingottes evoziert
rät: Aufgrund der geringen Grösse muss es               wir in diesem Fall nicht, keine Inschrift, keine   sein mag. Von hinten schiebt an und hilft ihm
sich um den Sarkophag für ein kleines Kind              Namen. Neben schwerer Krankheit oder ei­           ein kleiner Geflügelter, auf dem Wagen selbst
handeln. Und schon vor der ikonografischen              nem Unglücksfall könnte es sich auch um den        darf er den Arm um die Schulter eines Ad­
Analyse reicht ein erster Blick auf das Relief­         bis in die Gegenwart virulenten sogenannten        jutanten legen. Vier Figuren davor besetzen
bild an der Front, um verwundert zu sagen:              «Plötzlichen Kindstod» gehandelt haben, der        den Kopf des Zuges: Ganz vorn ein Eros, der
Das ist ja ein scheinbar ganz fröhliches und            zumeist im ersten Lebensjahr auftritt.             enthusiastisch ein Instrument bedient (Becken
unbeschwertes Treiben.                                                                                     oder Tympanon), dann ein deutlich kleinerer
                                                        Betrachten wir zuerst die Schmalseiten des         Geselle sowie ein weiterer Amor mit Flügeln
Vorab jedoch dies: Wer heute intensiver als             Aussendekors: Jeweils ein Bogen und ein ge­        und ein kleiner Pan mit Bockshörnern, der
noch vor einer Reihe von Jahren nach Pro­               öffneter Köcher mit sichtbaren Pfeilen im Fut­     das Gefährt im Zentrum schleppt.
venienz und Vorbesitz fragt, wird bei diesem            teral, in flachem Relief diagonal überkreuzt,
Kunstwerk der römischen Kaiserzeit auf das              symbolisieren eine Abschussbereitschaft die­       Die grosse Metapher des Werbens um Liebe
Beste mit Information bedient: Der Sarkophag            ser «Waffen». Aber wen sollen sie treffen? Das     wird ausgebreitet angesichts und im Kontext
ist erstmals nachgewiesen 1873 im Besitz des            Relief der Front klärt auf: Es sind die Pfei­      des traurigen familiären Anlasses. Diese Iko­
Bildhauers Mellhuish im südlichen Londoner              le der Liebe, die hier zum Einsatz kommen.         nographie ist im Sepulkralzusammenhang al­
Stadtteil Lower Tooting – die Information wird          Der grenzenlosen natürlichen Liebe von El­         les andere als ungewöhnlich. Die römischen
dem grossartigen Handbuch Ancient Marbles               tern zu ihren Kindern. Denn vorn findet sich       Erotensarkophage zeigen die «Weinlese»,
in Great Britain (1882, S. 472-3) des Archäo­           die Darstellung eines Frieses kleiner Eroten /     «Zirkusrennen», die «Jagd», die «Schmiede
logen Adolf Michaelis verdankt, der seine be­           Amores – die Spitze der Prozession befindet        von Waffen» – und eben auch den «festli­
deutendste Wirkungsstätte seit 1872 an der              sich links, wir lesen von rechts: In der Ecke      chen» dionysischen Zug.
neu gegründeten Universität von Strasbourg              nimmt ein Gespann Fahrt auf, ein gela- gerter
gefunden hatte. Im Anschluss wanderte das               Jüngling rafft auf dessen Wagenkasten eine        Die korrodierte Oberfläche des Sarkophags,
Stück in den Londoner und den New Yor­                  weitere Figur liebevoll zu sich heran, das Ge­     womöglich durch Feuchtigkeit wegen län­
ker Kunsthandel, wo es 1934 vom Brooklyn                fährt wird gezogen von einem kleinen geflü­       gerer Aufstellung im Freien, schmälert die
Museum erworben, aber bereits 1942 wieder               gelten Kentauren, der zugleich eine für ihn        Lesbarkeit einiger Details, liefert hingegen
veräussert wurde. Nach verschiedenen Stati­             fast überdimensionierte Lyra spielt. Auf diese     kein Argument gegen die Authentizität. Die
onen US-amerikanischen Privatbesitzes kam               Weise ins Mythische gewendet und gleichsam         Datierung in das mittlere 2. Jh. n. Chr. er­
der Sarkophag 2014 in London erneut auf                 mühelos startet die glückselige Parade. Davor      folgt nicht über stilistische Analyse, sondern
den Kunstmarkt. Eine nahezu lückenlose Ge­              folgt ein zweiter Wagen, auf ihm steht wie­        durch Vergleiche der Zusammenstellung der
schichte des Verbleibs in den letzten 150 Jah­          der einer dieser kindlich-speckigen Amoren,        verwendeten Figurentypen. Nachträgliche
ren schmückt also das Objekt.                           schwankend offenbar und vielleicht trunken,        Montagen legen nahe, dass der Kasten in den
                                                        genau in der Mitte des Reliefs – weshalb man       letzten Jahrhunderten auch als Wasserbecken
Der Anlass der Produktion, die Bestattung               ihn mit Dionysos identifizieren wollte – das       benutzt wurde.
eines Kleinkinds, bleibt wie bei jedem Kinds­           ist indes nicht nötig, wenngleich durch die        Literatur: J. Huskinson, Roman Children's Sarcophagi: Their
tod ein trauriger und für die Familie trauma­           zentrale Stellung und das Stützmotiv gängige       Decoration and its Social Significance (Oxford 1996).

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Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler
Cahn’s Quarterly 1/2020

 Highlight

Ein spätantiker Chlamydatus
Von Detlev Kreikenbom

Ein kurzes Gewand mit langen Ärmeln, ein             300 n. Chr. üblich und löste die im vor-
Manteltuch auf den Schultern und im Rücken,          ausgegangenen Jahrhundert verbreite-
ein einfacher Gürtel und ein Schwertgehänge          ten Formen mit Schnallen ab.
mit einer einschneidigen Spatha, deren Heft
ein tordiertes Muster zeigt – kein Zweifel: Der      Tatsächlich gehört die im Hohlguss-
junge Mann gehörte dem römischen Militär             verfahren hergestellte, ursprünglich ca.
an. Für alle Soldaten war dabei das cingulum,        34 cm messende und einst vollständig
der Gürtel, ein besonders wichtiges Element          vergoldete Statuette dem 4. Jh. an. Der
der Tracht, da es gleichsam den «Dienstaus-          Kopf zeigt mit seinen Proportionen,
weis» bildete. Den Gürtel zu verlieren, etwa         dem kleinen Mund, den einheitlich
in einer Schlacht, bedeutete Ehrverlust. Dem         gewölbten Gesichtsflächen, grossen
Dargestellten erschien der Stab, den er mit          Augen und kompakten Haarflocken
seiner rechten Hand hielt, gewiss nicht weni-        Charakteristika konstantinischer Bild-
ger wichtig. Dieser verlief gemäss der leicht        niskunst; insbesondere Porträts des
gedrehten Handhaltung schräg. Damit schei-           Kaiserhauses bieten enge Parallelen.
den ein Feldzeichen, eine Standarte oder eine        Der Künstler legte grossen Wert auf die
Fahne als Möglichkeiten aus, denn sie werden         Ausarbeitung der Einzelformen, etwa
in Bildwerken generell streng aufrecht präsen-       der schweren Lider in ihrer zeittypi-
tiert. Von der Position und Ausrichtung her          schen Prägung. Den Haaren über der
käme dagegen eine vitis, ein Weinstock, in           Stirn verlieh er eine besondere Frisur:
Frage, wie ihn in verschiedenen Darstellungen        Zwei Locken wachsen gleichsam aus
centuriones, Hauptleute, als ihr Kennzeichen         der Stirnhaut heraus, verjüngen sich
vorweisen. Das Loch in der Hand erscheint je-        nach oben und biegen dann zur lin-
doch zu gross für einen solchen dünnen Stock.        ken Seite um. Rechts von ihnen ist eine
Daher ist am ehesten an einen Speer zu den-          dritte Locke in die Gegenrichtung ge-
ken, der durchaus in einer der Statuette ent-        strichen. Es entsteht ein Motiv, das we-
sprechenden Weise gehalten werden konnte.            der bei kaiserlichen Bildnissen noch bei
Über den Rang des Dargestellten wird damit           Privatporträts jener Zeit wiederkehrt,
nichts ausgesagt. An sich kämen alle Vertreter       aber eine gewisse Ähnlichkeit mit Ale-
des Militärs in Betracht, bis hinauf zum Impe-       xander dem Grossen nicht verhehlen
rator. Ebenso ist die Schriftrolle in der ande-      kann. Eine bewusste Bezugnahme auf
ren Hand nicht rangspezifisch. Sie findet sich       das überragende Urbild militärischer       CHLAMYDATUS MIT SCHWERT. H. 24 cm. Bronze. Spätrömisch,
mehrfach auf Grabreliefs von Soldaten. Viel-         Leistung erscheint durchaus denkbar.       1. Drittel 4. Jh. n. Chr.                  CHF 82'000
leicht darf in der Rolle der Statuette die Wie-
dergabe eines Offizierspatents erkannt werden.       Es stellt sich die Frage, ob die Statuette nicht   etwas gewendete Kopf tut ein Übriges, dass
                                                     sogar einen Kaiser wiedergibt. Die Antwort         der Dargestellte so gar nicht der gängigen
Wenngleich hier keine Sicherheit zu gewinnen         fällt negativ aus. Die Frisur verhindert den       Vorstellung von einem spätantiken Bildwerk
ist, geben Ausrüstung und Tracht immerhin            Anschluss an einen der verbindlichen Bildnis-      entspricht. Das liegt nicht – oder nur zum
verlässliche Auskunft über die Entstehungszeit       typen. Die Tracht wäre atypisch, da ab Kon-        Teil – an dem Massstab; in ihrer erhaltenen
der Kleinbronze. Die Ausstattung römischer           stantin allein der Panzer als das imperatorische   Gestalt misst die Statuette 24 cm. Es ist vor-
Soldaten erfuhr während der ersten Jahrhun-          Repräsentationsmuster angewendet wurde und         nehmlich eine bewusste habituelle Interpre-
derte nach der Zeitenwende einige, auf den           die noch um 300 n. Chr. parallel vorkommende       tation eines statuarischen Schemas, das von
ersten Blick kaum auffällige, aber doch be-          Tunika verdrängte. Entsprechend bilden Mün-        soldatischen Grabdenkmälern bekannt ist.
zeichnende Änderungen. So wäre bei einer             zen den Kaiser ab der konstantinischen Periode     Gegenstand der künstlerischen Gestaltung
Darstellung bis zur mittleren Kaiserzeit zusätz-     durchgängig im Panzer ab. Ferner wären an der      war darüber hinaus die Orientierung auf eine
lich ein Dolch zu erwarten gewesen; einfache         Statuette mit grosser Wahrscheinlichkeit herr-     damals aktuelle klassizistische Stilrichtung.
Soldaten trugen ihn an der linken, Centuri-          scherliche Insignien zu erwarten, insbesondere     In den Haaren manifestiert sie sich in den
onen an der anderen Seite ihres Gürtels. Im          Pendilien: Schmuckkettchen, die vorzugsweise       sorgfältig gesträhnten Locken mit starkem
Verlauf des 3. Jhs. entfiel der Dolch als Teil der   von den Fibeln ausgingen.                          Volumen anstelle der noch um 300 n. Chr.
Ausrüstung. Parallel wurde das herkömmliche                                                             üblichen Negation jedweder Plastizität von
kurze Schwert durch ein langes ersetzt, das          Was aber den besonderen Reiz der Figur             Haaren. An der Tunika und am paludamen-
sich wie bei der Statuette nun grundsätzlich         ausmacht, ist die Selbstverständlichkeit, mit      tum sind die harten, kantigen Falten vorkon-
an der linken Körperseite befand – bei Centu-        der sie sich präsentiert. Keine selbstgefälli-     stantinischer Statuen überwunden. So gehen
rionen sogar schon vordem. Hinzu kommt der           ge Pose, kein machtvoller Habitus. Der jun-        unprätentiöses Verhalten des Dargestellten
schmucklose glatte Gürtel. Unabhängig vom            ge Mann steht entspannt da; sein schlanker         und gezielte Formgebung in der qualitativ
soldatischen Rang seines Trägers wurde er um         Körper wächst in leichter Bewegung auf. Der        herausragenden Arbeit harmonisch überein.

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Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler
Cahn’s Quarterly 4/2019

 Highlight

Eine Kostbarkeit zur Geburt
Die römische Kaiserin Faustina Minor im Porträt einer Gemme

Von Martin Flashar

Geschnittene Steine, Gemmen und Kameen,            Als Bestätigung tritt hinzu,
können etwas besonders Exquisites sein. Es         dass auf den Faustina-Mün-
gibt sie auch in schlichter Ausführung, als        zen gern Fecunditas, die
Zeugnisse des Volksglaubens zum Beispiel,          Personifikation der Frucht-
in Form gleichsam magischer Amulette. Aber         barkeit, auf den Rückseiten
wenn, wie bei dem vorliegenden Stück, in           eingeführt wird: als stehende
winzigem Format von nur zwei Zentimetern           weibliche Gewandfigur mit
eine weibliche Porträtbüste in solch ausser-       Szepter und einem Kleinkind
gewöhnlicher Qualität und Detailfreude zu          im Arm. Die Analyse des
erkennen ist, steht nur ein Kaiserbildnis zur      hochgradigen Karneols zeigt
Debatte. Um es vorwegzunehmen: dasjenige           folgende Details des Kopfes
der Faustina der Jüngeren.                         und der Frisur im Profil: einen
                                                   Oberkopf, bei dem von der
Annia Galeria Faustina wurde um 130 n. Chr.        Kalotte aus die Haare in pa-
geboren; sie war die (gleichnamige) Tochter        rallelen Strähnen nach aus-
der Faustina der Älteren – weshalb sie fortan      sen gestrichen sind (keine
Faustina Minor hiess – und deren Ehemann,          Anzeichen der «Melonenfri-
des römischen Kaisers Antoninus Pius (reg.         sur» wie bei den frühen Faus-
138 bis 161 n. Chr.). Faustina Minor, Gattin des   tina-Porträts); ein dreifach
Mark Aurel (reg. 161 bis 180 n. Chr.), fand in     konturiertes Haarband, je-
den antiken Quellen oftmals eine negative Be-      denfalls kein «kronenartiges»
wertung, überraschend für die Gattin des so        Diadem; einen Knoten, der
positiv als Intellektuellen und «Philosophen       aus geflochtenen und nicht
auf dem Thron» akzeptierten Aurelius, der die      einfach nur eingeschlunge-
                                                                                     ANHÄNGER MIT DEM PORTRÄT DER KAISERIN FAUSTINA DER JÜNGE-
bemerkenswerte Schrift der «Selbstbetrachtun-      nen Strähnenbündeln be-
                                                                                     REN. H. 2,6 cm. Gold, Karneol. Römisch, um 162 n. Chr. CHF 40'000
gen» in der Tradition der Stoa hinterliess. Das    steht; einen kleinen, leicht
schlechte Etikett der Faustina ist offenbar da-    eingerollten Zopf, der in den
rauf zurückzuführen, dass ihr Sohn Commo-          Nacken fällt; eine zweigeteil-
dus als nachfolgender Kaiser ein zwielichtiges     te Haaranordnung von der
Image in den antiken Quellen erhielt, nicht zu-    Stirn über die Schläfe nach
letzt wegen seiner Auftritte im Amphitheater.      hinten: vorn spiralige Wirbel
                                                   von oben nach unten, nach
Im Zuge der geradezu obsessiven dynastischen       hinten dann leicht einge-
Zwänge bei den sogenannten Adoptivkaisern          krümmte Parallelsträhnen.
spielte die Nachkommenschaft eine eminente
Rolle. Das Problem hatte sich schon bei Hadri-     Im Durchblick über die kei-
an (reg. 117 bis 138 n. Chr.) gezeigt, der weder   neswegs leicht zu scheiden-
leiblichen Sohn noch Tochter besass, weshalb       den Porträts ergeben sich am
er kurz vor dem eigenen Tode eilends Anto-         ehesten Übereinstimmungen
ninus adoptierte. Mit Faustina Minor wurde         mit dem Bildnistypus Nr.
aber alles anders: Sie gebar dreizehn Kinder.      8, geschaffen im Jahr 162
Nicht alle überlebten lange, manche starben        n. Chr. aus Anlass der Geburt
schon kurz nach der Geburt. Allein, es blieb       des Sohnes Annius Verus.
ihr ein «Verdienst», das auch damals gewür-        Faustina verstarb 176 n. Chr.     Im Abdruck der Gemme wird die Qualität der Schneidearbeit besonders deutlich.
digt wurde. Dem Archäologen Klaus Fittschen
ist es zu verdanken, in einer epochalen Studie     Ein Indiz für die Wertschätzung der römi-              klusiv, ist allerdings ein wertvoller Beleg für
die Münzbildnisse der Faustina Minor nicht         schen Kaisergemmen insgesamt ist übrigens,             Bildtraditionen, die über die römische Antike
nur dekliniert und geschieden, sondern ihren       dass sie bei den Merowinger- und Franken-              bis weit ins Frühmittelalter reichen.
jeweiligen historischen Ort und Anlass just        königen noch im 9. Jahrhundert zur Besie-
mit diesen Kindsgeburten in Verbindung ge-         gelung amtlicher Dokumente Verwendung                  Klaus Fittschen, Die Bildnistypen der Faustina minor und
                                                                                                          die Fecunditas Augustae, Abh. der Akad. der Wiss. Göttin-
bracht zu haben. Warum sollten ansonsten           fanden, wobei gelegentlich eine zusätzliche            gen, Philolog.-Histor. Klasse, Dritte Folge Nr. 126 (Göttin-
einer Frau (wenngleich Kaiserin) immerhin          Beischrift mit Bezug auf einen antiken Herr-           gen 1982); Stefan Priwitzer, Faustina minor – Ehefrau ei-
neun Bildnistypen zuteilwerden?                    scher fixiert war. Dieser Gebrauch bleibt ex-          nes Idealkaisers und Mutter eines Tyrannen (Bonn 2009).

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Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler
Cahn’s Quarterly 3/2019

 Highlight

Kulturtransfer am Beginn der neuen Epoche
Von Martin Flashar

                                                                                                        tanz, kleine runde «Knubben» aufweist, kaum
                                                                                                        erkennbar: ohne technische Funktion fraglos,
                                                                                                        individuelles Töpfersignet vielleicht, mögli-
                                                                                                        cherweise als spielerische Abbreviatur gesetzt.

                                                                                                        Der Dekor der Vase ist vielfältig; von oben
                                                                                                        nach unten sind zu erkennen: unter der Lip-
                                                                                                        pe ein umlaufendes Band mit Tangenten-
                                                                                                        kreis-Kette, durch eine schwarze Linie vom
                                                                                                        breiten figürlichen Hauptfries getrennt, der
                                                                                                        seinerseits oben und unten von einer Linie
                                                                                                        «gerahmt» wird, darunter drei verschieden
                                                                                                        breite balkenartige Streifen, unten ein Lotos-
                                                                                                        blüten-Palmetten-Fries. In der zentralen Zone
                                                                                                        agieren acht männliche Figuren von rechts
                                                                                                        nach links – Tiere sind ihre Gegner, offenbar
                                                                                                        wilde Ziegen. Mit speerähnlichen Stosswaffen
                                                                                                        sind die Jäger ausgestattet. Nur Einer wendet
                                                                                                        sich nach rechts zu dem grössten Tier mit dem
                                                                                                        mächtigsten Gehörn: Das könnte eine «Haupt-
                                                                                                        szene» sein, denn ansonsten sind Anfang und
                                                                                                        Ende des Treibens nicht definiert. Es fehlt das
                                                                                                        (für uns) erkennbare Narrativ, der Mythos zum
                                                                                                        Beispiel. Auch stilistisch bleibt das Stück ein
                                                                                                        spannender Mix: Die männliche Figur verharrt
                                                                                                        in ihrer Schematik mit dreieckigem Oberkör-
                                                                                                        per, überschlanker Taille und dem Kontur des
                                                                                                        Unterkörpers noch ganz im Geometrischen.
                                                                                                        Ebenso die Ornamente an sich: Sonnensymbol
                                                                                                        mit halbrunder Scheibe, Sterne, Speichenräder,
                                                                                                        Rauten, Spiralen, Wellen- und Zickzacklinien,
                                                                                                        Swastika. Doch die überbordende Platzierung
                                                                                                        im Bildfeld gemahnt bereits an den Horror
SPÄTGEOMETRISCHER PITHOS. H. 47,5 cm. Ton. Westgriechisch, um 700–670 v. Chr. 			   Preis auf Anfrage   vacui des korinthischen Stils. Der Lotos-Pal-
                                                                                                        metten-Fries über dem Fuss dürfte das «jüngs-
An Epochenwenden sortieren sich auch die            In diesen Kontext der Akkulturation gehört          te» Element sein; er hat sich um 700 v. Chr.
Künste neu. Auslöser und Indikatoren für die        die prächtige Vase der Galerie Cahn. Es be-         noch nicht etabliert und begegnet nur ver-
Umwälzung sind gesellschaftlicher Art; tech-        ginnt mit der Form. Solche Gefässe mit Fas-         einzelt in der Protokorinthischen Malerei, im
nologische Innovation kommt hinzu, neue             sungsvermögen von mehreren Litern dienten           Mutterland zunächst gar nicht.
Erfahrung von Raum und Zeit. In der Renais-         der Aufbewahrung und dem Transport von
sance waren die Erfindung der Buchdrucker-          Waren, zum Beispiel Wein oder Öl. Sie treten        Die Herkunft: Aufgrund der Form, des dunklen
kunst, der Bau neuer Segelboote für den See-        durch die Zeiten im gesamten antiken Mittel-        Tons mit vulkanischen Einschlüssen sowie des
weg nach Indien und zur Atlantiküberquerung,        meerraum auf; die Formen variieren, ähneln          hellgelben Gefässüberzugs als Grundierung der
der Humanismus (besonders am Oberrhein),            sich aber am Ende. Am neutralsten bleibt die        Malerei wurde an eine Fundgruppe aus dem
die Reformation und anderes mehr begleitet          Bezeichnung Pithos, oft henkellos, manch-           729 v. Chr. gegründeten Megara Hyblaia auf
von enormen Entwicklungen in der Kunst: der         mal mit Ösen oder Handhaben zum Vertäuen.           Sizilien erinnert. Prominent sind die «ovoiden
weibliche und männliche Akt in Anlehnung            Der Stamnos käme ebenso in Frage, weil er           Stamnoi» im Louvre (Inv. CA 3837) und in Ba-
an die Antike, das Porträt, die Zentralperspek-     in der Regel bauchiger geformt ist; er besitzt      sel (Antikenmuseum, Inv. 1432), beide jedoch
tive. Im späten 8. Jh. v. Chr., dem Ausgang der     aber immer zwei Henkel. Die offene Antwort          mit eindeutig mythologischen Themen und
geometrischen Zeit, setzte ähnlicher Elan ein:      bedeutet nicht terminologische Unsicherheit         bereits früharchaischer Anlage der menschli-
Der Einführung des phönizischen Alphabets           der Forschung. Denn nicht alles lässt sich mit      chen Figur, also gewiss später entstanden, von
folgten die griechische Kolonisation mit der        Begriffen klassifizieren, was in der Antike – in    der Hand der Söhne derjenigen, die diese Va-
Gründung neuer Stadtstaaten in Ost und West,        lokalen oder regionalen Traditionen – weiter-       sen in der Kolonie etablierten. Zumindest in-
die Entstehung der homerischen Epen Ilias           gegeben und variiert wurde. Zumal in Zeiten         direkt gibt uns das imposante Gefäss am Ende
und Odyssee, erste mythologische Bilder, die        des Wandels. Zu der eiförmigen Silhouette der       die Frage mit auf den Weg, ob wir heute nicht
Erfindung des Bronzehohlgusses, die Entwick-        Vase Cahn gehört, dass sie in der Halszone an       wieder an der Schwelle solch eines geschichtli-
lung der Grossplastik schliesslich.                 drei Stellen des Runds, etwa in gleicher Dis-       chen und kulturellen Umbruchs stehen.

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Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler
Cahn’s Quarterly 2/2019

 Highlight

Athena oder Perseus?
Ein archäologisches Puzzle beginnt völlig neu

Von Martin Flashar

Majestätisch und «klassisch» kommt dieser         Albani? Falls ja, was mir
leicht überlebensgrosse Marmorkopf daher.         gut denkbar erscheint,
Doch hernach beginnen die Fragen – wie            erklärte sich die Büste
sollte es anders sein in der archäologischen      mit Gorgoneion – die
Wissenschaft. Die Büste samt Sockel kann          Athena Albani trägt das
nicht zugehörig sein: Sie ist aus dem 19. Jahr-   traditionelle geschupp-
hundert. Als antiker Befund bleibt der Kopf,      te Ziegenfell der Aegis
mit sichtbarer Bruchfläche im Hals (eine          vor der Brust. Und diese
Entrestaurierung wurde bislang nicht vor-         Athena war von Beginn
genommen). Die Benennung wird nahege-             an prominent. Kein Ge-
legt durch die Büste: Neben der Angabe des        ringerer als Johann
Brustpanzers sticht besonders das zentrale        Joachim Winckelmann
geflügelte und schlangenumzüngelte Haupt          stellte dem Kardinal
der Medusa in den Blick; damit muss auf die       Alessandro Albani die
Aegis angespielt sein, die neben Zeus vor         Kunstsammlung für sei-
allem Athena trägt. So kennen wir es von          ne 1760 in Rom errich-
mehreren griechischen Athena-Statuen klas-        tete Villa zusammen.
sischer Zeit. Der Ergänzer der Büste liefert      Goethe schreibt: «Über
also die Interpretationshilfe. Der Kopf selbst    alles förderte ihn das
wirkt herb, fast maskulin.                        Glück, ein Hausgenosse
                                                  des Kardinal Albani ge-
Wie kam es zur Ergänzung und Benennung?           worden zu sein.»
                                                                              KOPF (TYPUS ALBANI). H. 31 cm. Marmor. Römisch, 3. Jh. n. Chr. nach einem
Eine wesentliche Spur ist zu erwähnen – und                                   griechischen Original um 450 v. Chr. Erstpublikation: F. Haverfield, A Later In-
das ist die eigentliche Sensation: Es existiert   Von Beginn an fiel den      scription from Nicopolis, Journal of Philology 12 (1883) 296. Preis auf Anfrage
eine Replik des Kopfes, allem Anschein nach       Interpreten der Athena
(die Überprüfung en détail fand noch nicht        Albani der Tierskalp auf der Kopfoberseite auf.      den Pheidias-Schüler Agorakritos kam auch
statt) sogar eine sehr präzise und wohl sogar     Er ist als Hund oder Wolf anzusprechen. Adolf        die (zu) späte Datierung ins Spiel (430/420 v.
massgleiche! Es handelt sich um den Kopf der      Furtwängler nahm dies zum Anlass, in seinem          Chr.). Durch die Perseus-Benennung kann man
berühmten Statue der Athena Albani. Aber          Buch Meisterwerke der griechischen Plastik           nun auch an die Statue Myrons auf der Akro-
hier entsteht ein analoges Dilemma in der         (1893) eine Zuweisung der Statue an den klas-        polis denken, um 450 v. Chr. wohl (Pausanias
Frage der Zugehörigkeit zur Statue. Offenbar      sischen Bildhauer Agorakritos vorzunehmen.           1,23,7). Der künftiger Eigner dieses prominen-
gab zuerst der Comte Frédéric de Clarac (1777–    Denn von ihm ist eine Kultstatue der Athena          ten Kopfes kann dazu beitragen, dass eine fast
1847), seinerzeit Leiter der Antikenabteilung     im böotischen Koroneia literarisch bezeugt –         150 Jahre währende Forschungsdiskussion
des Louvre, im dritten Band seines Musée          dort als Gruppe gemeinsam mit Zeus-Hades.            völlig neu belebt wird.
de sculpture antique et moderne (erschienen       Da gab es die Verbindung mit einem Unter-
posthum 1850) den Hinweis, dass die Athena        weltskult, denn schon Homer erwähnt die
Albani samt Kopf aus der Villa Hadriana           «Hundekappe» für Hades (Ilias 5, 844 f.).
stamme. Tradiert wird bis heute: Beide seien
an getrenntem Ort in Tivoli gefunden. Der         Der Bonner Archäologe Ernst Langlotz (1895–
Kopf der Athena Albani ist ein Einsatzkopf.       1978) zweifelte an der Richtigkeit der Kombi-
Und da begegnet das Problem: Es gibt keine        nation. Seine Skepsis fand kaum Echo. Ich ge-
Bruch-an-Bruch-Flächen, also keinen Beweis;       stehe: Als ich begann, mich mit diesem Kopf
man kann nur schauen, ob Grösse und Umriss        zu befassen, hegte ich keinen Zweifel an der
beider einigermassen überzeugend zueinander       communis opinio. Doch mittlerweile gewinne
passen. Der scharfsinnige Andreas Linfert         ich den kritischen Bemerkungen des sensiblen
(1942–1996) erwähnte in seinem Beitrag            Beobachters Langlotz, des ersten akademi-
zum Katalog der Villa Albani (1989) die «fast     schen Lehrers und dann langjährigen Freun-
unübersehbare Literatur» zur Statue und           des von Herbert A. Cahn, einiges ab. Langlotz
notierte auch: «Die Zugehörigkeit des Kopfes      schlug vor, den Kopftypus mit einem in meh-
darf folglich mit Fug bezweifelt werden, ist      reren Repliken überlieferten männlichen Torso
aber trotzdem eher wahrscheinlich.»               zu verbinden, der den Heros Perseus darstelle.
                                                  Das wäre tatsächlich eine «Befreiung». Denn
                                                                                                       Sog. Perseus Langlotz. Rekonstruktion mit Kopf Albani,
Die naheliegende Frage ist: Kannte der Ergän-     die Strenge des Kopfes ist nicht nur eine Fra-       Torso Kapitol. E. Langlotz, Der triumphierende Perseus
zer des Kopfes der Galerie Cahn die Athena        ge des Geschlechts. Mit der Zuschreibung an          (1960) Taf. 10 ff.

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Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler
Cahn’s Quarterly 1/2019

 Highlight

Wahrscheinlich Königin Arsinoë III.
Von Martin Flashar

                                                                               Zunächst zur Zeitstellung.       um 200 v. Chr. datierbaren Alexander-Porträt
                                                                               Kein zwingendes Indiz ver-       in Olympia. Nun die Physiognomie: der kleine
                                                                               langt die Annahme einer          Mund, eher oberflächlich eingesetzt, nicht im
                                                                               Entstehung in der römischen      Karnat versinkend, das kugelige, aber knappe,
                                                                               Kaiserzeit; es handelt sich      beinahe «fliehende» Kinn. Prägnant die kräfti-
                                                                               also um ein griechisches         ge, gekrümmte, mittig mit einem «Höcker» ver-
                                                                               Original. Der weibliche Kopf     sehene Nase – aquilin nennt man das. David
                                                                               bleibt formal zweifelsfrei der   Cahn dachte sogleich an eine Ptolemäerin; in
                                                                               späten Klassik des 4. Jahr-      der weiteren Diskussion ergab sich eine An-
                                                                               hunderts v. Chr. verpflichtet    sprache als Arsinoë III. – jene ägyptische Kö-
                                                                               – voran die ebenmässige,         nigin, die ihren Bruder Ptolemaios II. heiratete
                                                                               auf den ersten Blick jeden-      und von 220 bis zu ihrem Tod 204 v. Chr. re-
                                                                               falls «geschlossene» Anla-       gierte. Das ist deshalb eine zündende Idee, weil
                                                                               ge des Gesichts mit klarer       nicht nur die Datierung passen könnte. Auch
                                                                               achsenorientierter Ordnung       die Münzen zeigen sehr ähnliche Profile und
                                                                               von Nase, Mund und Augen.        – ebenso wie ein Bronzekopf in Mantua, den
                                                                               Aber es gibt deutliche stilis-   man lange schon auf Arsinoë III. bezieht – zu-
                                                                               tische Indizien, die nachklas-   dem dasselbe Löckchen auf der rechten Seite.
                                                                               sisch sind und in die Epoche     In der Tat befanden sich in der Sammlung des
                                                                               des Hellenismus weisen: Das      früheren Besitzers zahlreiche Kunstobjekte mit
                                                                               Untergesicht mit den Backen      Herkunft aus Ägypten.
                                                                               ist auffällig gelängt und
                                                                               sprengt die Proportion. Die      Die Archäologin Christiane Vorster hat kürz-
                                                                               markante Stirn mit den flei-     lich noch einmal methodisch gewarnt vor
                                                                               schig-quellenden      Brauen-    Benennungsversuchen bei vermeintlichen
                                                                               bögen lädt seitlich weit aus     Bildnissen der Ptolemäerinnen. Tatsächlich
                                                                               und sitzt wie ein mächtiger      besteht dieselbe Schwierigkeit für die helle-
                                                                               Balken über dem restlichen       nistischen Herrscherporträts insgesamt: Nur
Weiblicher Kopf, vielleicht ein Porträt der ptolemäischen Königin Arsinoë III.
H. 25,5 cm. Marmor. Griechisch, um 220–200 v. Chr. Vormals Privatsamm-
                                                                               Gesicht. Solche Formgebung       relativ wenige ihrer offiziellen Bildnisse sind
lung Liechti, Genf, erworben vor 1970.                      Preis auf Anfrage  und Konstruktion des Kopfes      bis heute identifiziert. Sichere Anhaltspunkte
                                                                               trifft man im fortgeschritte-    geben die (namentlich beschrifteten) Münz-
Dieser Kopf ist ein echtes «Highlight», und nen 3. Jahrhundert an, zuerst vielleicht bei                        prägungen mit den Konterfeis der Monarchen
zwar insofern als er intensiv erforscht werden der Statue einer Opferdienerin im römischen                      im Profil. Bei den zu debattierenden Köpfen
möchte und noch nicht sämtliche seiner Ge- Thermenmuseum, dem berühmten Mädchen                                 müssen Stil, Physiognomie, Frisurentypologie
heimnisse preisgibt. Spontan fragt man sich: von Antium (um 230 v. Chr.).                                       und ein Herrschaftszeichen – in der Regel das
Wer ist diese Dame, die hier dargestellt ist?                                                                   Diadem – zusammenkommen. Der Erhaltungs-
Mit dieser Annäherung und dem Frageimpuls Hinzu tritt die gespannte Wölbung der Wan-                            zustand des Kopfes erschwert die Beurteilung
wird bereits Wesentliches berührt: Denn bei gen des Cahn’schen Kopfes: Gleichsam ge-                            zwar, weil von der Frisur und dem Oberkopf
allen idealen Zügen und jeglicher Zurück- bläht sitzen sie auf dem Knochengerüst, fest                          kaum etwas erhalten blieb. Die Krone ist gut
haltung des Individuellen könnte es sich bei zugleich, nicht nach aussen quellend und sich                      denkbar, jedoch nicht gesichert. Aber: Die
diesem Marmorkopf doch um die Wiedergabe aufwölbend, wie wir es bei Fleisch- und Mus-                           Zeitstellung passt. Die physiognomische Ver-
einer bestimmten Person handeln. Also be- kelpartien im pergamenischen Hochbarock                               wandtschaft besticht, und die Tatsache, dass
darf es der stilistischen und der physiognomi- kennen. Für den formalen Befund geben die                        das Porträt – eingedenk des fehlenden Ober-
schen Analyse, um die Frage zu beantworten. Kultbilder der Gruppe von Lykosoura auf der                         kopfes – deutlich überlebensgross war, erlau-
                                                             Peloponnes einen wichtigen Anhaltspunkt; sie       ben am Ende doch den Vorschlag: Arsinoë III.
                                                             stammen von der Hand des Künstlers Damo-           Literatur: Chr. Vorster, Woran erkennt man eine Ptolemä-
                                                             phon aus Messene und können inzwischen             erin? in: Th. Greub – M. Roussel (Hrsg.), Figurationen des
                                                             mit guten Gründen in die Jahre unmittelbar         Porträts (2018) 67–98.
                                                             nach 194 v. Chr. angesetzt werden. Bei ihnen
                                                             trifft man auf eine ganz ähnliche Formfas-
                                                             sung des Gesichts. Das gilt ebenso für weitere
                                                             Götterköpfe des Damophon, die noch einige
                                                             Jahre früher entstanden sind. Zur Datierung
                                                             kann man Detail-Vergleiche durchführen und
                                                             die Struktur der Haarlocke analysieren, die
Arsinoë III.: Goldmünze aus Alexandreia; Bronzekopf in       als Strähne rechts vor dem Ohr in die Schläfe
Mantua.                                                      fällt. Ihre Textur findet sich wieder bei einem    Details: Kopf Cahn; Alexander Volantza, Mus. Olympia.

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Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler
Cahn’s Quarterly 4/2018

 Highlight

Die zwei Seiten des Ganymed
Von Martin Flashar

                                                                     brutal strafenden Gottes mit
                                                                     dem Bogen. Der spätklassische
                                                                     Bildhauer Praxiteles hat sie ge­
                                                                     schaffen, vermutlich schon in
                                                                     den 360er Jahren. Das Bronze­
                                                                     original, meist zu spät datiert,
                                                                     könnte mithin dem Zeitan­
                                                                     satz des Schaffenshöhepunkts
                                                                     (Akmé) des Praxiteles in der 104.
                                                                     Olympiade (364–361 v. Chr.)
                                                                     zugrunde liegen, den Plinius in
                                                                     seiner Naturgeschichte im Buch
                                                                     über die Metalle (34,50) – aus
                                                                     ihm vorliegenden Quellen –
                                                                     überliefert. Die Gemeinsamkeit
                                                                     ist deutlich, ein schöner (sehr)
                                                                     junger Mann mit jener auffäl­
                                                                     lig starken Biegung des Körpers
                                                                     und ganz ähnlichem statua­
                                                                                                         Der Torso im ergänzten Zustand. Historische Fotografie,
                                                                     rischen Aufbau. Doch schnell        vor 1937, im Nachlass Paul Arndt (Universität Erlangen)
                                                                     wird klar, dass dies nicht der
                                                                     Typus des Torsos der Galerie        Arndts in Erlangen wurde eine Fotografie be­
                                                                     Cahn sein kann. Denn es gibt        kannt, deren Herkunft offenbleibt (er selbst
                                                                     zwei (wesentliche) Abweichun­       notierte am Rand: «wo?»); Arndt hat die Auf­
                                                                     gen: Der linke Arm führt bei        nahme wohl käuflich erworben, kannte den
                                                                     dem Torso, obgleich die Achsel      Standort des Objekts jedoch nicht (mehr). Es
                                                                     nach oben gedrückt ist, deutlich    ist eine Ganymed-Skulptur zu erkennen. Bei
LEBENSGROSSER TORSO. H. 60 cm. Marmor. Römisch, 1.–2. Jh. n. Chr.,
nach griechischem Vorbild wohl des 3. Jhs. v. Chr. Preis auf Anfrage
                                                                     nach unten – beim Sauroktonos       genauerem Hinsehen wird deutlich, dass es
                                                                     hingegen weit nach oben, denn       sich mit Sicherheit um eine Ergänzung just
Ein nackter, augenscheinlich männlicher er lehnt sich an einen Baumstamm, auf der                        des Torsos der Galerie Cahn handelt. Über­
Torso, der spontan anspricht und gleich ein­ die kleine Echse krabbelt, die er im Begriff ist            all dort, wo an dem entrestaurierten Torso
zuleuchten scheint … – mitnichten ist es so aufzuspiessen. Zweitens ist der jugendliche                  die Extremitäten enden, erkennt man Brüche
einfach. Es fehlen der Kopf samt Hals, beide Apoll insgesamt nicht so süsslich, so feminin.              und Anstückungen auf dem Foto. Mehrere
Arme vom Oberarmansatz an, die Beine ab                                                                  Dübellöcher, über der linken Taille, am linken
einer Linie knapp unterhalb des Genitals, das Deshalb muss eine andere Lösung gesucht                    Oberarm und ebenso rechts unter der Achsel
Genital selbst. Alle nicht mehr vorhandenen werden. Markant erscheint das Weibli­                        und auf Hüfthöhe, sitzen genau dort, wo links
Partien waren einst feinsäuberlich angestückt, che, das Zwitterhafte des Torsos. Und die                 die Adlerfigur und rechts der hinabgeführte
jeweils durch heute noch deutliche Löcher sanft-schwellenden                   Gesässbacken      erin­   Arm angefügt waren.
und Einlassungen mit Dübeln und Stiften nern an ein heranwachsendes Mädchen.
verbunden. Der Befund reicht aus, um das Da es sich um eine mythologische Fi­                            Unter den antiken Ganymed-Skulpturen fin­
statuarische Motiv zu rekonstruieren: eine gur handeln muss, kommen zum Beispiel                         den sich tatsächlich Parallelen wie etwa eine
frontal zu erfassende Jünglingsfigur (ohne Narkissos, Eros oder Hermaphroditos in                        römische Marmorgruppe in Neapel (Museo
Pubes) mit auffälliger Torsion im S-Schwung, Frage. Die Statue des berühmten Herm-                       Nazionale, Inv. 6355) aus der Sammlung Far­
der rechte Arm gesenkt, der linke ebenfalls, aphroditen aus Pergamon aus dem 2. Jh. v. Chr.              nese. Es mag also die historische Ergänzung
jedoch wahrscheinlich an sehr hoher Stel­ zeigt alsbald eine eindeutig weibliche Brust;                  (nebenbei interessant, dass sie im Unterkörper
le aufgestützt (denn nur so erklären sich die aber sie trägt einen Hüftmantel, was bei dem               nicht ausgeführt wurde, sondern man die Fi­
steil geneigte Schulterachse und die Fleisch- Torso nicht der Fall ist.                                  gur im Oberschenkelansatz auf einen profi­
und Muskelstauung neben der Achsel), rechts                                                              lierten Sockel setzte) zutreffen, und in der Tat
das Standbein mit der hochgestemmten Hüf­ Eine Spur ist gelegt durch die Arbeit des                      der kleine unschuldige Hirtenknabe, von Zeus
te, links das Spielbein, im Oberschenkel nach Archäologen, Sammlers und Kunsthändlers                    in Gestalt eines Adlers in den Olymp entführt
vorn geführt, unterhalb zurückgesetzt. Über Paul Arndt (1865–1937), der – im engen                       und dort auch als Mundschenk verdungen,
Attribute kann vorerst nur spekuliert werden.           wissenschaftlichen Kontakt mit den wich­         dargestellt gewesen sein. Und antike Quellen
                                                        tigsten Forschern seiner Zeit über antike        bezeugen zudem das Androgyne des Gany-
Sogleich denkt man an den Apollon Sauro- Plastik, besonders Heinrich Brunn und Adolf                     med, nennen ihn sogar «Hermaphrodit». Den
ktonos, den Eidechsentöter, durch zahlreiche Furtwängler – von München aus sein Netz­                    stilistischen Ort zeigen Statuen nachpraxiteli­
römische Kopien überliefert. Das ist eine ju­ werk aufbaute und manche Sammlungen                        scher Prägung wie etwa der sogenannte Eros/
gendliche, ganz verspielte Version des oft so mit Skulpturen versorgte. Aus dem Nachlass                 Genius Borghese.

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Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler
Cahn’s Quarterly 3/2018

 Highlight

Liebesspiel öffentlich und daheim
Von Martin Flashar

                                                                                                                     also ergänzend das «Interieur»: Der Musikant
                                                                                                                     links bläst die Doppelflöte. Das Instrument
                                                                                                                     stösst unmittelbar in Richtung der Tänzerin
                                                                                                                     rechts vor und scheint ihren Oberkörper zu
                                                                                                                     berühren. Die besonders lange Flöte dient of-
                                                                                                                     fenbar als Penis-Metapher, deren Zielrichtung
                                                                                                                     ist nicht die Vagina – nein: die weiblichen
                                                                                                                     Brüste als sekundäres Geschlechtsmerkmal
                                                                                                                     werden attackiert. Das wilde und schrille, ur-
                                                                                                                     sprünglich einmal im alten Griechenland als
                                                                                                                     «barbarisch» empfundene Flötenspiel – wir
                                                                                                                     denken an den Marsyas-Mythos – stachelt
                                                                                                                     die Gespielin an. Ganz verhüllt in ihr Ge-
                                                                                                                     wand bleibt sie zwar noch, aber mit gezierten
                                                                                                                     Armbewegungen kündet sie bereits von dem
                                                                                                                     bevorstehenden Striptease: ein antikes Tab-
                                                                                                                     le-Dancing par excellence.

                                                                                                                     Am Ende wirken beide Szenen irgendwie
                                                                                                                     «verhalten». Sie offenbaren nicht die letzte
                                                                                                                     Konsequenz des Amüsements, umspielen sie
                                                                                                                     nur. Das sexuelle Treiben wird nicht zum Ende
                                                                                                                     ausgeführt, alles verharrt in der Andeutung.
ROTFIGURIGE PELIKE. H. 40 cm. Ton. Attisch, um 490-480 v. Chr. Von Herbert A. Cahn dem Eucharides-Maler zu-          Das war nicht immer so in der Entwicklung
geschrieben (Werkstatt des Nikoxenos). Zuerst publ.: Münzen und Medaillen AG Basel, Kat. Sonderliste R (Dez. 1977)   dieser Motivwelt. Noch wenige Jahrzehnte
53, Nr. 50. BAPD Nr. 13607. Historische Aufnahme aus den 1970er Jahren.             			         Preis auf Anfrage    zuvor sahen solche Bilder der Ausschwei-
                                                                                                                     fung, beim Symposion etwa, dem Trinkgelage
Die meisten Kunstwerke muss man detailliert                gibt sein frontaler Sitz mit geöffneten Beinen            älterer Männer und junger Knaben, bei dem
betrachten und beschreiben, um sie zu verste-              das ikonografische Indiz, dass hier ein Ange-             dann auch weibliche Gespielinnen (Hetären)
hen, nur wenige erschliessen sich prima vis-               höriger niederer sozialer Schicht dargestellt             anwesend waren, anders aus: nackte Körper
ta. So ist es auch hier. Die figurenintensivere            ist: der Sklave des älteren Liebeswerbenden,              herrschten vor, eindeutige sexuelle Handlung
Zeichnung dieser stattlichen Pelike definiert              mit dem Stock des Gebieters. Er scheint zu                lautete die Darstellungsabsicht.
die Hauptseite (A): Links agiert ein männlich-             schlafen, mindestens zu «dämmern», das
es Paar. Den dominanten Part spielt ein Bär-               Haupt in die Linke gestützt – welche Ironie               Doch die Zeiten haben sich geändert in den
tiger, der den Jüngeren, Unbärtigen, gleich-               angesichts der spannenden Aktion links?                   Jahren um 500 v. Chr. in Athen. Die Tyran-
sam im «Ringergriff» umarmt. Der wehrt sich                Oder schaut er aus Scham gar nicht hin, ist er            nenherrschaft über die Polis war beendet,
nicht, steht ganz aufrecht. Sein gar nicht                 vielmehr Platzhalter gesellschaftlicher Kritik            erste deutliche Anzeichen einer Demokrati-
so spektakuläres Glied, das im Zentrum der                 an der Ausschweifung der Noblesse?                        sierung blieben unverkennbar, die Isonomía,
Gruppenkomposition aus der Mantelfülle he-                                                                           die Gleichstellung der Vollbürger vor dem
rausscheint, signalisiert jedenfalls Gefallen –            Oben hängen an imaginärer Wand Schwamm,                   Gesetz, wurde zum politischen Schlagwort
sonst hätte es der Maler nicht so betont plat-             Strigilis und Aryballos: Accessoires jugendli-            und Prinzip. Die alte Führungselite des Adels
ziert. Die Mäntel der beiden umfangen weite                cher Athletik, erotische Implikate also. Span-            verschwand nicht – aber sie musste verste-
Partien der Körper, eigentlich relativ wenig               nend auch der Baum links aussen, denn er                  hen, sich in einem gewandelten Kontext neu
wird entblösst, der nackte Hintern des jünge-              dient offenbar nicht nur als vegetabile Bil-              zu definieren. Und so ändert sich auch die
ren Liebhabers in feiner Kontur aber allemal.              drahmung, sondern als Metapher aus der                    «visuelle Kommunikation» beim Thema Lie-
Bei genauerem Hinsehen entdeckt man drei                   Welt der Flora: Vom Efeu wird er ringsum                  beswerbung und Gelage, jetzt wird die Dras-
parallele, kräftige Linien, die von dem Älte-              überwuchert und umschlungen, eben wie der                 tik gemildert, und die Maler pointieren eher
ren in Richtung des Jugendlichen führen, un-               junge Mann, den der ältere Lover so mächtig               die Andeutung, das Versteckte, ein Detail,
terhalb dessen Genitals: Das muss, etwas ver-              für sich einnimmt. Der Baum und die Abbre-                eine gewisse Mässigung.
steckt, der Phallos des Dominanten sein, der               viatur der Architektur zeigen den «Aussen-
hier von vorn zum Schenkelverkehr ansetzt.                 raum» an, vielleicht die Palästra.                        Dem Oeuvre des Malers werden mittlerweile
                                                                                                                     gut 130 Gefässe zugeschrieben, davon knapp
Rechts hockt ein auch proportional kleinerer               Auf der sparsamer dekorierten Seite B ist ein             ein Drittel noch in schwarzfiguriger Technik.
junger Mann, angelehnt an eine Säule mit                   typischer Moment des spassigen Miteinan-                  Er gehört mithin zu der Generation, die den
schwerer Basis. Die verringerte Dimension                  ders beim weinseligen Symposion der Män-                  Epochen- und Politikwechsel erlebte – und in
fällt in die Rubrik «Bedeutungsgrösse»; ebenso             ner unter weiblicher Anwesenheit gezeigt,                 ihren Bildern unweigerlich spiegelte.

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Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler
Cahn’s Quarterly 2/2018

 Highlight

Festgesang als gesellschaftliches Ereignis
Kitharoden auf der Bühne – und im Vasenbild des Brygosmalers
Von Martin Flashar

                                                     logisch beinahe so daher wie der Gott selbst:      Exemplare bezeugt ist. Die Sänger zur Kitha-
                                                     Er trägt dessen Kleidung, einen langen Chiton      ra traten natürlich als Programmpunkt beim
                                                     und den darüber geworfenen Mantel. Allein,         Symposion in Erscheinung. Aber einige Bilder
                                                     bei Darstellungen Apollons begegnen niemals        zeigen deutlich ein veritables Bühnenpodest,
                                                     Ausdruckswerte, die besondere Ekstase oder         zusätzlich bekränzende Niken: Hier muss also
                                                     Enthousiasmos vermitteln, keine entsprechen-       auf den siegreichen Wettkampfbeitrag bei ei-
                                                     den Gesten, Tanz- oder auffällige Schrittbewe-     nem offiziellen Agon angespielt sein. So ist es
                                                     gungen, kein aktiver Gesang – dies bleibt dem      schon bei schwarzfigurigen Bildern der zwei-
                                                     Bild des menschlichen Kitharoden eigen.            ten Hälfte des 6. Jhs. v. Chr. zu sehen. Dahinter
                                                                                                        steht zweifelsohne die gestiegene Bedeutung
                                                     Der Maler, der oft die perfekten Schalen des       der Disziplin bei den athenischen Panathe-
                                                     signierenden Töpfers Brygos dekoriert, gehört      näen. Wenn dann, im zweiten Schritt, jene
                                                     zu den Führungspersönlichkeiten unter den          eindrücklichen anonymen Kitharoden ohne
                                                     Künstlern des frühen 5. Jhs. v. Chr. in Athen.     den erzählerischen Kontext auf den Plan der
                                                     Mehr als zweihundert Gefässe hat man seiner        Bild-Erfinder treten, verschiebt sich der Blick
                                                     Hand zugewiesen. Mit grossem Gespür bann-          ein Stück weit hin zum Individuellen. Durch
                                                     ten der Brygos-Maler und seine Zeitgenossen        die Isolation der Figur wird dem Betrachter das
                                                     aktuelle, symbolträchtige Leitthemen auf das       Identifikationsangebot bestärkt – eine Etappe
                                                     Rund der keramischen Produkte: neben den           auf dem Weg zu neuem Menschenbild, jetzt
                                                     Mythenbildern oft strahlende Athleten, ver-        vorgeführt beim freilich weiterhin adligen
                                                     ehrte Dichter wie Sappho und Alkaios, immer        Trinkgelage in den Kreisen der Jeunesse dorée
                                                     wieder natürlich Athena, Symposion-Szenen.         Athens. Schon Ernst Buschor hat übrigens in
                                                     Und gerade für die Lekythen, die (als traditi-     seinem berühmten Vasenbuch die Notwendig-
                                                     onelle Gabe ins Grab) vor anderen Gefässfor-       keit einer historischen Sicht gespürt: «Dass die
                                                     men einen besonderen Grad an Individualität        Hingabe an die Welt der Töne jetzt zur Dar-
                                                     ausdrücken, sieht er auch unbenannte Män-          stellung kommt, ist ein Zeichen der Zeit: diese
                                                     ner und Frauen beim Musizieren vor.                Versenkung ist eine der Wurzeln klassischen
                                                                                                        Wesens» (Griechische Vasen, 1940, S. 171).
                                                     Ein schöner Zufall will es, dass eine «geschwis-
                                                     terliche» Vase, ebenfalls des Brygos-Malers,       Eine technische Eigenheit zeigen die merk-
                                                     erhalten blieb: Diese zweite Lekythos, 1982        würdigen, wie «geisterhaft» wirkenden, ver-
                                                     bei Münzen und Medaillen AG Basel, befin-          schwommenen Silhouetten weiterer Gestal-
                                                     det sich heute in den Kunstsammlungen der          ten auf der linken Seite und hinten an der
                                                     Ruhr-Universität Bochum. Es ist kein echtes        Vase der Galerie Cahn. Sie hängen natürlich
                                                     Pendant oder Duplikat – die Lekythos misst         nicht mit der eigentlichen Bemalung und dem
                                                     1,5 cm mehr in der Höhe, und der Kitharo-          Hauptbild zusammen. Man hat das Phänomen
ROTFIGURIGE LEKYTHOS DES BRYGOS-MALERS.
H. 32,5 cm. Attisch, um 480-470 v. Chr. CHF 46'500   de wirkt hier etwas steifer und gemessener in      tatsächlich als «Ghosts» bezeichnet. Das ist
                                                     der Komposition, vielleicht ist sie samt Zeich-    ein «Fehler» bei der Herstellung, der gerade
Ein männlicher bärtiger Musiker im leicht be-        nung ein paar Jahre früher entstanden –,           bei Lekythen begegnet: Denn diese schlanken
wegten Schritt, das lange Gewand schwingt da-        aber sie beweist die Präsenz des Sujets in der     Vasen mit fast vertikaler Wandung standen
bei etwas aus, er spielt die Kithara, das Instru-    Werkstatt. Das Bochumer Exemplar hat deut-         naturgemäss beim Trocknen und später im
ment Apolls, vor dem mächtigen Resonanz-             licher als die neue Vase das grosse Stück bunt     Brennofen enger aneinander als weit gekurvte
kasten schlägt er mit dem Plektron in der rech-      bestickten, mit Bordüren und langen Fransen        Kratere oder Amphoren. Genau das ist auch
ten Hand die Saiten, der Kopf des Bärtigen ist       verzierten Stoffes bewahrt, das von der Ki-        hier passiert, die Vasen berührten sich mit
heftig in den Nacken genommen, weit nach             thara tief hinabhängt und kein Kleidungs-          ihren Oberflächen, die Zeichnungen «färbten
oben, nahezu senkrecht ‘gen Himmel stößt er          bestandteil ist, vielmehr gleichsam festliches     ab» von einem Stück auf das nächste. Oft er-
mit geöffnetem Mund seinen eindrücklichen            Ornat des Instrumentes selbst.                     kennt man gleichsam magische Gesichter im
Gesang – eine wunderbare Komposition!                                                                   Bild der fremden Nachbarvase, hier sind es
                                                     Sir John Beazley forschte als erster in ei-        Schemen von Figuren. Es liegt also kein Zau-
Zur genaueren Deutung bedarf es der ikonogra-        nem programmatischen Aufsatz (Citharoe-            ber in dem Phänomen, und mitnichten beein-
phischen Analyse, der Betrachtung von Thema          dus, Journal of Hellenic Studies, 1922) dem        trächtigt das Detail die schöne Lekythos – im
und Motiv. Bei welchen Gelegenheiten geschah         Motiv nach, das auf den rotfigurigen Vasen         Gegenteil: der zufällige «Abdruck» gewährt ei-
diese musikalische Übung? Wie verhält sich           um die Wende zum 5. Jh. v. Chr. auftritt (im       nen punktuellen Einblick in den hochkompli-
das Menschenbild zur Imagination des My-             Umfeld des sog. Berliner Malers) und dann          zierten Herstellungsprozess und wertet so die
thos? Der Sänger im Rechtsprofil kommt typo-         für wenige Jahrzehnte durch einige Dutzend         Vase in unseren Augen eher noch auf.

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Festlich und kunstvoll betrauert - Highlight - Artbutler
Cahn’s Quarterly 1/2018

 Highlight

Gefährlich-faszinierende Schlangen
Nattern, Vipern und antiker Kult
Von Martin Flashar

«Die Schlangen spielten im Leben der Völ-
ker des Altertums eine so bedeutende Rolle
wie keine andere Tierordnung mit Ausnah-
me der verschiedenen Haustiere.» So lau-
tet der erste Satz des immerhin 63 Spalten
umfassenden Artikels «Schlange» in Pauly’s
Realencyclopädie der Classischen Alter-
tumswissenschaft (aus dem Jahr 1921). Wer
sich die mediterrane Welt vor 2500 Jahren
vorstellt, wird das nicht als überraschenden
Befund ansehen.

Lukan, römischer Dichter des ersten Jahr-
hunderts nach Christus, führt in seinem
Epos über den Bürgerkrieg zwischen Caesar
und Pompeius einen regelrechten Schlan-
genkatalog mit 15 unterschiedenen Arten
auf – und zwar dort, wo er seine Version
des Mythos von Perseus und Medusa, der
prominentesten der drei geflügelten Gor- BRONZE-VOTIV: BÄRTIGES SCHLANGENPAAR IN ANGRIFFSHALTUNG. L. max. 11,5 cm. Griechisch, um 450 v. Chr.
gonen mit Schlangenhaaren, einfügt. Aus                                                                                            CHF 26’000
dieser Schlüsselstelle der antiken Literatur folgt zweierlei: Die anti- Die Arbeit muss zu einem Zeitpunkt entstanden sein, als man be-
ke biologische Kenntnis der Schlangen, angefangen bei der Histo-        gann, in naturnaher Wiedergabe eine besondere künstlerische Auf-
ria Animalium des Aristoteles, erreicht einen hohen Grad treffender     gabe zu sehen – und zugleich der Versuchung erlag, Schönheit des
Naturbeobachtung. Und die Wirklichkeit des Reptils bleibt stets eng     Fleisches und der Haut positiv zu überzeichnen. Also werden die bei-
verwoben mit mythologischen Geschichten.                                den Schlangenleiber in die klassische Epoche der griechischen Kunst
                                                                        zu datieren sein. Die relativ strenge, so ornamental wirkende Gravur
Zwei bronzene Schlangen sehen wir in dem kleinen Kunstwerk der          der Schuppen spricht dafür, innerhalb des 5. Jahrhunderts mit dem
Galerie Cahn, jeweils auf einem eigenen Sockel montiert. Die iden-      Zeitansatz nicht allzu weit hinabzugehen.
tische Zurichtung auf der Unterseite mit einem rechteckigen Dorn
zeigt an, dass sie unweigerlich zusammengehören. Sie gleichen sich      Wirklich datierte Denkmäler für den Vergleich existieren kaum. Bei
geschwisterlich, stammen ohne Zweifel aus einer Werkstatt, von der-     einer Gruppe bronzener Kerykeia (den Heroldsstäben des Gottes
selben Künstlerhand. Bilden sie aber ein Paar? Natürlich. Die heute     Hermes), die vermutlich aus Unteritalien stammt, gibt es äussere
getrennte Positionierung auf zwei Sockeln kann nicht dem antiken Be-    Indizien für eine Entstehung im fortgeschrittenen 5. Jahrhundert.
fund entsprechen. Da davon auszugehen ist, dass es nicht um Serien-     Das Paar der Galerie Cahn wirkt formal aber eher älter. Die Me-
produktion geht, spricht alles – ebenso wie auch die Herkunft aus       tope des olympischen Zeustempels mit Herakles’ Besiegung des
demselben Vorbesitz – dafür, dass beide ursprünglich in ein und den-    Schlangenungeheuers von Lerna ist zu schlecht erhalten. Aber das
selben steinernen Sockel eingesetzt gewesen sind. Der längere Teil      beschriebene Bildkonzept, narrativ die «Momente der Spannung»
der Leiber liegt eingeringelt am Boden, jeweils linksläufig geführt,    (Luca Giuliani) einzufangen, gehört unweigerlich in den Strengen
also nicht wie antithetische Pendants, sondern in weitgehender Wie-     Stil, in die Frühe Klassik, in die neue Epoche, in der erweitertes
derholung. Kopf und Hals jedoch klimmen angriffslustig empor und        Verständnis für zeitliche Abläufe Raum greift.
erscheinen momenthaft die Situation vor der eigentlichen Attacke
des Gegners festzuhalten.                                               Abschliessend zur Frage der Funktion des Objekts: Immer schon pro-
                                                                        vozieren Schlangen, real und im Bild. Man ist fasziniert oder abge-
Besonders sind auffällig die unter dem Kinn der Schlangenköpfe          stossen. Dazwischen bleibt wenig Spielraum. So sagen es auch die
hinab führenden kleinen Bärte. Das wird nicht der Natur abgeschaut,     Quellen: Drohende Gefahr und Giftigkeit wird oft masslos übertrie-
findet sich aber zum Beispiel bei den Schlangenköpfen der Medusa,       ben – gegen die Realität. Es ist eine nicht bestrittene Tatsache, die
ganz deutlich bei dem Schlangengürtel der Gorgo im archaischen          besonders die französischen Strukturalisten in Bezug auf die grie-
Tempelgiebel von Kerkyra/Korfu. Auch der Pythondrache, den Apol-        chische Religion, Bilderwelt und Mythologie herausgearbeitet haben:
lon zu besiegen hat, weist dies Detail in den antiken Bildern auf.      Das Schreckliche, das Hässliche erschreckt und stösst ab – fesselt
Göttliche Macht wird also ikonografisch indiziert.                      aber zugleich den Blick, magnetisiert ihn gleichsam. Da steht es mit
                                                                        der Fratze der Gorgo nicht anders als mit vermeintlich gefährlichen
Sind die regelmässigen Schuppungen der Haut – auf der Oberseite         Kriechtieren. Und genau diese Ambivalenz, tödliche Bedrohung ei-
spitzoval und versetzt eingeritzt, unten in parallelen Rippen – nun     nerseits, Häutung = Verjüngung = Erneuerung andererseits, definiert
Abbild der Realität oder Dekor und Oberflächenreiz der Bronze?          die Magie der Schlange in der Antike. Ein Votiv, eine Opfergabe ist
Es trifft wohl beides zu. Das hat auch mit der Zeitstellung zu tun.     das bronzene Schlangenpaar gewesen!

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Cahn’s Quarterly 4/2017

 Highlight

Anakreon, der frühgriechische Dichter
Eine wichtige Porträtreplik taucht wieder auf
Von Martin Flashar

                                                                                         Dichters. Grosse Teile seines Lebens befand er sich auf Wan-
                                                                                         derschaft, von einem Fürstensitz zum nächsten. Er begeisterte
                                                                                         durch Verse – überliefert in (bis heute) gut 110 Fragmenten –,
                                                                                         seine Lyrik gerann im Urteil der Nachwelt zum Stereotyp für das,
                                                                                         was reiche Männer sich als Themen zum Symposion wünsch-
                                                                                         ten: Wein, Weib (oder Knaben) und Gesang. Bereits in der An-
                                                                                         tike verschleiern Anekdoten die präzisen Daten seiner Vita. Je-
                                                                                         denfalls soll Anakreon 531 v. Chr. seinen Schaffenshöhepunkt
                                                                                         (Akmé) erreicht haben, als er am Hofe des Tyrannen Polykrates
                                                                                         von Samos weilte. Später hielt er sich in Athen auf, bei Hippar-
                                                                                         chos, dem 514 v. Chr. ermordeten Herrscher aus dem Geschlecht
                                                                                         der Peisistratiden, weniger Politiker als Freund der Künste. In
                                                                                         dieser Zeit wurde Anakreon, so die Quellen, in stärkerem Masse
                                                                                         zur öffentlichen Person. Attische Vasenbilder der letzten Jahre
                                                                                         des 6. Jhs. v. Chr. zeigen ihn (mit Namensbeischrift) als Sänger,
                                                                                         als Komast. Mit dem Vater des Perikles, dem Feldherrn Xanthip-
                                                                                         pos, pflegte er eine engere Freundschaft. Beider Porträtstatuen
                                                                                         liess Perikles daher postum um 450/440 v. Chr. prominent ne-
                                                                                         beneinander auf der Akropolis Athens aufstellen, wohl von der
                                                                                         Hand einer der berühmten klassischen Bildhauer, Pheidias oder
                                                                                         Kresilas. Pausanias berichtet darüber.

                                                                                         Schon der erste Archäologe, der die Überlieferung dieses Por-
                                                                                         trättypus sortierte und die Identifikation mit Anakreon festigte,
                                                                                         Reinhard Kekulé von Stradonitz, bemerkte 1892, dass alle Repli-
                                                                                         ken so eng zusammenhängen, dass sie ausnahmslos als Reflexe
                                                                                         der Statue in Athen zu lesen sind. Das ist insofern bemerkens-
                                                                                         wert, als literarische Zeugnisse von weiteren Weihungen berich-
                                                                                         ten, darunter mindestens eine Statue in der Heimatstadt.

                                                                                               Und Kekulé hat offenbar als einer der Wenigen die Replik sei-
BILDNIS DES GRIECHISCHEN DICHTERS ANAKREON. Höhe des Kopfes bis zum Bruch im
                                                                                               nerzeit im Berliner Schloss Glienicke gesehen, die sich jetzt bei
Hals: 31 cm. Wohl pentelischer Marmor. Römische Kopie des späten 1. Jhs n. Chr. nach grie-     der Jean-David Cahn AG befindet. Die Sammlung der preussi-
chischem Original um 450/440 v. Chr. Vorm. Slg. Prinz Carl Alexander von Preussen (1801–       schen Prinzen wurde dann ab 1918 bis in die 1930er Jahre sys-
1883), Schloss Glienicke, Berlin, wahrscheinlich erworben in Rom in den 1840er Jahren durch    tematisch durch Einzelverkäufe, aber auch Verauktionierungen,
Vermittlung von Karl Friedrich Schinkel (1781–1841), möglicherweise von den Brüdern Ves-
covali. Danach Slg. Bernard Baruch Steinitz (1933–2012), Paris. Zuerst erwähnt: R. Kekulé,
                                                                                               dezimiert. Per Zufall kam 1998 die alte Abguss-Form des Kopfes
Anakreon, JdI 7, 1892, 120.                                               Preis auf Anfrage    in der Berliner Formerei zutage, nur durch einen angehefteten
                                                                                               Zettel bezeichnet. Der danach gefertigte Gips bezeugt, dass die
Wie so oft bereitet ein spannendes antikes Objekt Probleme, wirft Fra-                   gesamte Herme von den Schultern an abwärts neuzeitlich ergänzt ist,
gen auf. Das gehört zum Metier dazu, darüber müssen sich Experte                         denn der Abguss gibt das Porträt im antiken Zustand mit der Bruch-
und interessierter Laie und wissender Privatsammler stets Zeugnis ab-                    kante im Hals. Doch: Sowohl die Montage auf der erst nach dem
legen: Die Archäologie ist die Disziplin der Untersuchung des Frag-                      Ausgang des Kopfes aus der Berliner Kollektion im 20. Jh. montierten
mentarischen. Mithin haftet ihr bisweilen etwas Detektivisches an.                       Herme als auch die Sockelung des Abgusses selbst gehen völlig fehl!
                                                                                         Denn sie präsentieren das vollbärtige, mit dicht gelocktem Haar und
Wir sehen eine ansprechende, qualitativ gute, marmorne Porträtbüste                      Binde ausgestattete, lebensgrosse Dichterporträt frontal oder sogar
der römischen Kaiserzeit. Sie zeigt zweifelsfrei das Bildnis des früh-                   mit leichter Neigung nach links.
griechischen Dichters Anakreon. So erweist es der vergleichende Blick
auf die übrigen etwa ein Dutzend Repliken des nicht erhaltenen bron-                     Der statuarische Zusammenhang spricht indes eine andere Sprache:
zenen Originalporträts. Es sind nicht nur Ähnlichkeiten vorhanden,                       Der Lyriker stand fast nackt in etwas labil-tänzelndem Körperaufbau,
sondern enge Übereinstimmungen, Haarlocken lassen sich en detail                         nur mit einem Schultermäntelchen bekleidet, den Kopf im Liedvor-
identifizieren und nachzählen.                                                           trag – so erklärt sich der geöffnete Mund – nach rechts gewendet und
                                                                                         leicht zurück gelegt. So führt es die einzige erhaltene Statuenkopie,
Anakreon wurde um 575 v. Chr. in der ionischen Küstenstadt Teos                          gefunden in einer antiken Villa am Monte Calvo in den Albaner Ber-
geboren. 85-jährig soll er gestorben sein, also etwa 490 v. Chr. Die Le-                 gen unweit Roms, seit 1885 in der Ny Carlsberg Glyptotek Kopenha-
gende, nach der Anakreon an einem Traubenkern erstickt sei, spiegelt                     gen aufbewahrt. «Und er ist in solcher Haltung dargestellt, wie wohl
den fruchtbaren Umgang der antiken Biographen mit dem Oeuvre des                         ein trunkener Mensch singen würde.» (Paus. 1,25,1).

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