Die Schweizer Museumszeitschrift La Revue suisse des musées La Rivista svizzera dei musei La Revista svizra dals museums 14
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Die Schweizer Museumszeitschrift 14 La Revue suisse des musées La Rivista svizzera dei musei La Revista svizra dals museums
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11Inhaltsverzeichnis 14 Editorial
16 Verbandsnews von Catherine Schott
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Sommario Zum Jahreskongress «glokal»
20 Kongressbericht von Jacqueline Strauss
26 Zum Begriff des Glokalen von Katharina Flieger
Incontri
30 Colloquio tra Diana Tenconi
e Regina Bucher di Simona Sala
Bildstrecke
34 Blick ins
Fotomuseum Winterthur von Anne Morgenstern
Un regard au-delà des frontières:
Dakar, Sénégal
42 Entretien avec Mohamadou
Moustapha Dieye de Laure Eynard
46 Le Musée des
civilisations noires de Ciku Kimeria
Kulturpolitik
50 Die Kulturbotschaft
2021–2024 von Silvia Posavec
54 Buchhinweise von Sophie Vögele, Katharina Flieger
58 Chronik
60 Instagram
62 Impressum
«Thought Straightener» des Cuban art collective «The Merger». (© Ciku Kimeria) 13Editorial Éditorial Editoriale Editorial
Die ehrwürdige «Revue» der Verbände VMS und L’illustre «Revue» publiée par les associations AMS et L’illustre «Rivista» pubblicata dalle associazioni AMS L’illustra «Revista» da l’Associaziun dals museums
ICOM Schweiz hat einen tüchtigen Wandel erfahren – ICOM Suisse a connu un changement important: elle e ICOM Svizzera ha subito un importante cambiamen- svizzers AMS e dal Cussegl internaziunal dals muse-
schlanker, bunter und aktueller ist sie geworden. Aus- est devenue plus légère, plus colorée et plus actuelle. to: è diventata più agile, più colorata e più attuale. In ums ICOM Svizra è sa midada da fund – ella è daven-
schlaggebend dafür war eine Evaluation, die 2018 Un sondage, réalisé en 2018 parmi les membres de seguito a un sondaggio di opinioni effettuato nel 2018 tada pli satiglia, pli colurada e pli actuala. Main «name
unter den Mitgliedern durchgeführt wurde. In den ces deux associations, a révélé leur désir de moins tra i membri delle due associazioni è emerso un desi- dropping», dapli tematicas politic-culturalas e rapports
Rückmeldungen wurde unter anderem der Wunsch d’infos sur les personnes et une plus grande attention derio preciso: meno «name dropping» e maggiore at- ord il mund internaziunal dals museums eran ils
nach weniger «Name Dropping», mehr kulturpoliti- accordée aux sujets de politique culturelle et aux tenzione agli argomenti di politica culturale e ai reso- giavischs exprimids en ils resuns. Quai han las novas
schen Themen und mehr Berichten aus der interna- comptes rendus provenant du monde muséal inter- conti provenienti dai musei internazionali. Lo stesso suprastanzas da l’AMS e dad ICOM Svizra er considerà
tionalen Museumswelt geäussert. Gleich lautete national. Les mêmes missions que doivent affronter compito che sono stati chiamati ad affrontare i nuovi sco incumbensa. En l’emprima mesadad da l’onn avain
denn auch der Auftrag der neu formierten Vorstände les nouveaux membres des comités de l’AMS et de membri del comitato direttivo di AMS e ICOM Svizzera. nus elavurà in nov concept, ans mess a la tschertga
VMS und ICOM Schweiz. In der ersten Jahreshälfte l’ICOM Suisse. Pour cette raison, pendant la première Per questo, nella prima metà dell’anno abbiamo d’ina agentura da grafica adattada e definì ils emprims
haben wir darauf ein neues Konzept ausgearbeitet, partie de l’année, nous avons mis au point une nouvelle elaborato una nuova impostazione, e dopo aver defi- temas.
uns auf die Suche nach einer passenden Grafikagen- approche et, après avoir choisi les premiers sujets à nito i primi temi ci siamo messi in cerca di uno studio
tur gemacht und erste Themen definiert. traiter, nous nous sommes mis en quête d’un atelier grafico adatto. Uss tegnais Vus en maun in nov carnet: La Revista
de création graphique adapté. svizra dals museums, concepida dal biro da grafica
Quella che avete tra le mani è la nuova Rivista svizzera turitgais Hej. I sa tracta d’in carnet viv e ritg d’illustra-
Nun halten Sie ein neues Heft in den Händen: die Ce que vous tenez dans vos mains est la Revue suisse dei musei, progettata dallo studio grafico Hej di Zurigo. ziuns – e betg monotematic: En quel guardain nus vers
Schweizer Museumszeitschrift, gestaltet vom Zürcher des musées, mise en forme par l’atelier de création È un numero vivace, ricco di immagini e non certo mo- Son Gagl, nua ch’ha gì lieu quest onn il congress
Grafikbüro Hej. Es ist ein lebendiges und bildreiches graphique Hej de Zurich. C’est un numéro vivant, riche notematico: da San Gallo, dove si è svolto il congresso annual; en il Senegal, nua ch’ha cumenzà en il Musée
Heft – und nicht monothematisch: Wir blicken darin en images et certainement pas monothématique: après annuale, andiamo in Senegal, dove il Musée des des civilisations noires in nov ed impurtant chapitel da
nach St. Gallen, wo der diesjährige Jahreskongress Saint-Gall, où s’est déroulé notre congrès annuel, nous civilisations noires ha segnato l’inizio di un nuovo, l’istorgia dals museums africans; ed en il Tessin, nua
stattfand, in den Senegal, wo mit dem Musée des nous rendons au Sénégal, où le Musée des civilisations importante capitolo della storia museale africana, che nus mettain duas collavuraturas da differents
civilisations noires ein neues, wichtiges Kapitel afrika- noires a inauguré un nouveau et important chapitre de per arrivare in Ticino, dove abbiamo riunito intorno museums vid ina maisa. Contribuziuns infurmativas
nischer Museumsgeschichte begann, und ins Tessin, l’histoire muséale africaine, pour arriver enfin au Tessin, allo stesso tavolo due collaboratrici di musei diversi. davart singulas chasas, activitads da l’associaziun
wo wir zwei Mitarbeiterinnen unterschiedlichster Mu- où nous avons réuni autour d’une même table deux Nelle pagine che seguono troverete inoltre informa- e tematicas politic-culturalas chattais Vus vinavant,
seen an einen Tisch setzten. Zudem zeigen wir in die- collaboratrices de musées différents. Vous trouverez zioni sui singoli musei, sulle attività delle associazioni cumplettadas cun infurmaziuns divertentas ord il mund
ser Ausgabe in Bildern, wie es hinter den Kulissen des aussi dans les pages qui suivent des informations sur e sulla politica culturale, inframmezzate da curiosità da la litteratura dals museums, e maletgs che mussan,
Fotomuseum Winterthur aussieht. Weiterhin finden les différents musées, sur les activités des associations dal mondo della letteratura museale e immagini che co ch’i vesa or davos las culissas dal Museum da la
Sie Informatives zu einzelnen Häusern, ergänzt mit et sur la politique culturelle, des idées provenant du mostrano il dietro le quinte del Fotomuseum Winterthur. Fotografia Winterthur. Translaziuns dals artitgels pli
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vous souhaiter à toutes et à tous une bonne lecture!
Die Redaktionsleiterin
Katharina Flieger (*1982), aufgewachsen in Zürich und Winterthur.
Studienabschlüsse in Kunst- und Medientheorie sowie in Kultur-
publizistik. Seit 2016 freiberufliche Kulturjournalistin und Redaktorin
(Ostschweizer Kulturmagazin Saiten, SRF Kultur, Fantoche etc.).
La rédactrice en chef
Katharina Flieger (1982) a grandi à Zurich et Winterthour. Diplômes
universitaires en théorie de l’art et des médias et en journalisme
culturel. Depuis 2016, elle travaille comme journaliste et rédactrice
freelance (Ostschweizer Kulturmagazin Saiten, SRF Kultur,
Fantoche, etc.).
La Caporedattrice
Katharina Flieger (*1982) è cresciuta tra Zurigo e Winterthur.
Diplomi in teoria dell’arte e dei media e in giornalismo culturale.
Dal 2016 lavora come giornalista e redattrice freelance
(Ostschweizer Kulturmagazin Saiten, SRF Kultur, Fantoche ecc.).
La manadra da redacziun
Katharina Flieger (*1982), creschida si a Turitg e Winterthur.
Terminà ils studis en teoria d’art e da medias, master en
publicistica da cultura. Dapi il 2016 schurnalista da cultura
e redactura libra (revista da cultura da la Svizra Orientala Saiten,
SRF cultura, Fantoche etc.).
15Verbandsnews Nouvelles des associations Notizie dalle associazioni
News aus den Verbänden Ein neues Präsidium, die Museumsdefinition in der Kritik und
Nouvelles des associations eine Stellungnahme zur neuen Kulturbotschaft – es tat sich einiges
Notizie dalle associazioni in den Verbänden.
Verband der Museen der Schweiz VMS Für Kritik sorgte die vom ICOM vorgeschlagene Neu-
Der neu formierte Vorstand hat sich im laufenden Jahr definition des Museums, über die an der Generalver-
unter dem interimistischen Präsidium von Stefan sammlung der ICOM-Weltkonferenz in Kyoto anfangs
Zollinger (Nidwaldner Museum, Stans) gut eingearbei- September abgestimmt werden sollte. Bisher hiess es:
tet. An der letzten Generalversammlung wurde nun «Ein Museum ist eine gemeinnützige, auf Dauer an-
Isabelle Raboud-Schüle (Musée gruérien, Bulle) zur gelegte, der Öffentlichkeit zugängliche Einrichtung im
neuen Präsidentin gewählt und der Vorstand um zwei Dienste der Gesellschaft und ihrer Entwicklung, die zu
weitere Mitglieder, Peter Wandeler (Musée d’histoire Studien-, Bildungs- und Unterhaltungszwecken mate-
naturelle Fribourg) und Carole Haensler Huguet rielle und immaterielle Zeugnisse von Menschen und
(Museo Villa dei Cedri, Bellinzona), ergänzt. Stefan ihrer Umwelt beschafft, bewahrt, erforscht, bekannt
Zollinger ist weiterhin Vorstandsmitglied. macht und ausstellt.»
Der Vorstand konzentrierte sich vor allem auf das Diese Definition in einer Version von 2007 ist heute
laufende Geschäft. In Zukunft möchte er die Regional- aufgrund von kulturellen und tiefgreifenden sozial-
und Bereichsverbände stärker einbinden sowie die politischen Entwicklungen überholt. Seitens des ICOM
Beitrittskriterien und das -prozedere für VMS-Kandida- erarbeitete ein Komitee eine neue Definition:
ten überarbeiten.
«Museen sind demokratisierende, für jeden zugäng-
Internationaler Museumsrat ICOM Schweiz liche und mehrstimmige Räume für den kritischen
Seit einem Jahr präsidiert Tobia Bezzola (MASI, Lugano) Dialog über vergangene und zukünftige Entwicklungen.
den ICOM Schweiz und Jacqueline Strauss (Museum Indem sie die Konflikte und Herausforderungen der
für Kommunikation, Bern) und Katharina Epprecht Gegenwart anerkennen und sich damit auseinander-
(Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen) wirken im setzen, sorgen sie dafür, dass Artefakte und Exem-
Vorstand mit. An der letzten Generalversammlung wur- plare für die Allgemeinheit aufbewahrt, vielfältige
den der Vizepräsident Philippe Büttner (Kunsthaus Erinnerungen für zukünftige Generationen konserviert
Zürich), Elisabeth Abgottspon (Ortsmuseum Küsnacht) und für alle Menschen die gleichen Rechte und der
und Susanne Buder (Kunstsammlungen des Bundes, gleiche Zugang zu kulturellem Erbe garantiert werden.
Bern) für eine weitere Amtsperiode von drei Jahren
bestätigt. Museen sind nicht auf Profit ausgerichtet. Sie sind
partizipative, transparente Einrichtungen, die in aktiver
Ein grosser Erfolg war die von Helen Bieri Thomson Partnerschaft mit und für unterschiedliche Gemein-
initiierte Zusammenarbeit mit dem ICOM Senegal mit schaften an der Erfassung, Bewahrung, Erforschung,
Unterstützung des ICOM International. Während zwei Interpretation, Darstellung und Vertiefung verschiedener
Wochen weilte diesen Sommer Mohamadou Mousta- Weltanschauungen arbeiten. Ihr Ziel ist es, einen Bei-
pha Dieye, Mitarbeiter des Musée Théodore Monod trag zur Menschenwürde, zur sozialen Gerechtigkeit
d’art africain in Dakar, im Musée national suisse – sowie zur globalen Gleichheit und zum Wohl der Erde
Château de Prangins, um sein Fachwissen betreffend zu leisten.»
Textilien mit dem hiesigen Museum auszutauschen.
Das Projekt wird in den kommenden fünf Jahren fort- Im Vorfeld der Konferenz in Kyoto regte sich Unmut
geführt: Interessierte Schweizer Museen, die einen unter den europäischen Länderkomitees über diese
Austausch mit einem ICOM-Komitee aus Westafrika Neufassung. ICOM Europe initiierte darum den Antrag,
durchführen möchten, können sich an das General- die Abstimmung zu verschieben und die vorgeschla-
sekretariat des ICOM Schweiz wenden. gene Museumsdefinition zu überarbeiten. Auch der
Vorstand des Schweizer Nationalkomitees sprach sich
Gemeinsam setzten sich der VMS und ICOM Schweiz gegen die neue Version aus: Sie sei zu radikal, unter-
für die Zulassung von In-situ-Stickstoffanlagen gegen grabe grundsätzliche Leistungen, die ein Museum zu
Schädlingsbefall bei Kulturgütern ein. Und im Zuge erfüllen habe, und setze keinen architektonischen Ort
der Vernehmlassung zur Kulturbotschaft 2021–2024 mehr voraus. Die in Kyoto geplante Abstimmung
formulierten die beiden Verbände eine Stellungnahme wurde auf die nächste Generalkonferenz 2020 ver-
(S. 50). Dazu wurden alle VMS-Mitglieder befragt und schoben und der neue Vorschlag wird überarbeitet.
ein runder Tisch mit Vertretern von Regional- und Be-
reichsverbänden wurde organisiert. Catherine Schott
Generalsekretärin VMS und ICOM Schweiz
Jahreskongress 2019 in der Lokremise in St.Gallen (Foto: Emanuel Gut) 17Verbandsnews Nouvelles des associations Notizie dalle associazioni
Une nouvelle organisation, les critiques à l’égard de la définition Una nuova presidenza, le critiche alla definizione di museo e la
de musée et la prise de position sur le nouveau message culturel: presa di posizione sul nuovo messaggio culturale: per le associazioni
les associations ont eu un emploi du temps chargé. un periodo ricco di avvenimenti.
Association des musées suisses – AMS La nouvelle définition de musée proposée par l’ICOM, Associazione dei musei svizzeri – AMS Molte critiche ha suscitato la nuova definizione del
Les membres du nouveau comité de l’AMS, avec qui devait être votée par assemblée générale à l’occa- Nel corso del 2019 i membri del nuovo Comitato diretti- museo proposta da ICOM, che doveva essere votata
Stefan Zollinger (Nidwaldner Museum, Stans) comme sion de la Conférence mondiale de l’ICOM à Kyoto au vo di AMS, con Stefan Zollinger (Nidwaldner Museum, dall’Assemblea generale in occasione della Confe-
président par intérim, ont pu se familiariser avec leurs début du mois de septembre, a suscité de nombreuses Stans) come presidente ad interim, hanno acquisito renza mondiale di ICOM a Kyoto all’inizio di settem-
missions. À la dernière assemblée générale, Isabelle critiques. Il était établi précédemment que: familiarità nelle loro mansioni. Nell’ultima Assemblea bre. In precedenza si era stabilito che:
Raboud-Schüle (Musée gruérien, Bulle) a été élue nou- «Un musée est une institution permanente sans but generale, Isabelle Raboud-Schüle (Musée gruérien, «Il museo è un’istituzione permanente, senza scopo
velle présidente; deux autres membres, Peter Wandler lucratif au service de la société et de son développe- Bulle) è stata eletta nuova presidente e altri due di lucro, al servizio della società e del suo sviluppo.
(Musée d’histoire naturelle, Fribourg) et Carole ment, ouverte au public, qui acquiert, conserve, étudie, membri, Peter Wandeler (Musée d’histoire naturelle È aperto al pubblico e compie ricerche che riguardano
Haensler Huguet (Museo Villa dei Cedri, Bellinzona), expose et transmet le patrimoine matériel et immatériel Fribourg) e Carole Haensler Huguet (Museo Villa dei le testimonianze materiali e immateriali dell’umanità
ont rejoint le comité, duquel Stefan Zollinger reste de l’humanité et de son environnement à des fins Cedri, Bellinzona), si sono aggiunti al Comitato, che si e del suo ambiente; le acquisisce, le conserva, le
membre. d’études, d’éducation et de délectation.» avvale ancora della partecipazione di Stefan Zollinger. comunica e le espone a fini di studio, educazione e
diletto.»
Pour le moment, le comité s’est surtout concentré sur Cette définition, qui remonte à 2007, apparaît au- Per il momento la direzione si è concentrata soprat-
les affaires courantes. Ses objectifs futurs com- jourd’hui dépassée à la lumière des profonds change- tutto sugli affari correnti. Tra i suoi obiettivi futuri vi Questa enunciazione, che risale al 2007, appare oggi
prennent une plus forte implication des associations ments culturels et socio-politiques qui se sont produits sono un maggior coinvolgimento delle associazioni superata alla luce dei profondi cambiamenti culturali
régionales et de secteur, ainsi que la révision des au cours des dernières années. Le comité de l’ICOM regionali e di settore e la revisione dei criteri e delle e socio-politici degli ultimi anni. Il comitato di ICOM
critères et des procédures d’adhésion à l’AMS. a donc élaboré une nouvelle définition: procedure di adesione alla AMS. ha quindi elaborato una nuova definizione:
Conseil international des musées – ICOM Suisse «Les musées sont des lieux de démocratisation inclu- Consiglio internazionale dei musei – ICOM Svizzera «I musei sono spazi di democratizzazione, inclusivi e
Tobia Bezzola (MASI, Lugano) est depuis un an sifs et polyphoniques, dédiés au dialogue critique sur Tobia Bezzola (MASI, Lugano) è da un anno presiden- polifonici che promuovono un dialogo critico sul pas-
président de l’ICOM Suisse; le comité comprend main- les passés et les futurs. Reconnaissant et abordant les te di ICOM Svizzera; del Comitato direttivo sono en- sato e sul futuro. Riconoscendo e affrontando i con-
tenant aussi Jacqueline Strauss (Museum für Kommu- conflits et les défis du présent, ils sont les dépositaires trate a far parte anche Jacqueline Strauss (Museum flitti e le sfide del presente, essi custodiscono manu-
nikation, Berne) et Katharina Epprecht (Museum zu d’artefacts et de spécimens pour la société. Ils sauve- für Kommunikation, Berna) e Katharina Epprecht fatti e reperti a beneficio della società, salvaguardano
Allerheiligen, Schaffhouse). À l’occasion de la dernière gardent des mémoires diverses pour les générations (Museum zu Allerheiligen, Schaffhausen). In occasione memorie diverse per le generazioni future e garanti-
assemblée générale, le vice-président Philippe Büttner futures et garantissent l’égalité des droits et l’égalité dell’ultima assemblea generale, il vicepresidente scono a tutti pari diritti e pari accesso al patrimonio.
(Kunsthaus Zürich), Elisabeth Abgottspon (Orts- d’accès au patrimoine pour tous les peuples. Philippe Büttner (Kunsthaus Zürich), Elisabeth
museum Küsnacht) et Susanne Buder (Kunstsamm- Abgottspon (Ortsmuseum Küsnacht) e Susanne Buder I musei non hanno scopo di lucro. Sono partecipativi
lungen des Bundes, Berne) ont été reconduits à leur Les musées n’ont pas de but lucratif. Ils sont participa- (Kunstsammlungen des Bundes, Berna) sono stati ri- e trasparenti, e lavorano con e per le diverse comu-
poste pour trois autres années. tifs et transparents, et travaillent en collaboration active confermati nel loro incarico per altri tre anni. nità secondo un rapporto di collaborazione attiva, al
avec et pour diverses communautés afin de collecter, fine di raccogliere, conservare, studiare, interpretare,
La collaboration avec l’ICOM Sénégal, mise sur pied préserver, étudier, interpréter, exposer et améliorer les Grande successo ha registrato la collaborazione con esporre e incrementare la comprensione del mondo,
par Helen Bieri Thomson avec le soutien de l’ICOM compréhensions du monde, dans le but de contribuer ICOM Senegal, avviata da Helen Bieri Thomson con il con l’obiettivo di contribuire alla dignità umana e alla
Suisse, a connu un grand succès. Au cours de l’été, à la dignité humaine et à la justice sociale, à l’égalité sostegno di ICOM International. Nel corso dell’estate, giustizia sociale, all’uguaglianza globale e al benes-
Mohamadou Moustapha Dieye, collaborateur du mondiale et au bien-être planétaire.» Mohamadou Moustapha Dieye, collaboratore del sere planetario.»
Musée Théodore Monod d’art africain de Dakar et Musée Théodore Monod d’art africain di Dakar ed
expert en tissus, a séjourné pendant deux semaines À la veille de la conférence de Kyoto, les comités esperto di tessuti, ha soggiornato per due settimane Alla vigilia della conferenza di Kyoto, i comitati
au Musée national suisse – Château de Prangins pour nationaux européens ont exprimé leur désaccord avec al Museo nazionale svizzero – Château de Prangins nazionali europei hanno espresso insoddisfazione
partager ses compétences avec le musée helvétique. cette nouvelle formulation. L’ICOM Europe a donc pro- per condividere le sue competenze con il museo per questa nuova formulazione. ICOM Europa ha
Ce projet se poursuivra les cinq prochaines années. posé de renvoyer le vote et de réélaborer la définition svizzero. Il progetto proseguirà nei prossimi cinque quindi proposto di rinviare la votazione e di rielabo-
Les musées suisses intéressés par un échange avec de musée. Le comité de l’ICOM Suisse s’est prononcé anni. I musei svizzeri interessati a uno scambio con rare la definizione di museo. Anche la direzione del
un comité ICOM de l’Afrique occidentale peuvent lui aussi contre la nouvelle version, avec la motivation un comitato ICOM dell’Africa occidentale possono Comitato nazionale svizzero si è pronunciata contro
contacter le secrétariat général de l’ICOM en Suisse. que celle-ci est trop radicale, qu’elle appauvrit les contattare la Segreteria generale di ICOM Svizzera. la nuova versione, con la motivazione che è troppo
exigences fondamentales qu’un musée doit satisfaire radicale, impoverisce i requisiti fondamentali che un
L’AMS et l’ICOM Suisse ont soutenu conjointement et qu’elle ne présuppose plus un site architectural. Le AMS e ICOM Svizzera hanno sostenuto in maniera museo deve soddisfare e non presuppone più un sito
l’utilisation de systèmes d’anoxie à l’azote pour com- vote prévu à Kyoto a été renvoyé à la prochaine confé- congiunta l’uso di sistemi ad azoto per combattere architettonico. Il voto previsto a Kyoto è stato infine
battre l’infestation parasitaire des biens culturels. rence générale de 2020, et la nouvelle proposition sera l’infestazione parassitaria dei beni culturali. Le due rinviato alla prossima Conferenza generale del 2020
Les deux associations ont formulé une déclaration à donc revue. associazioni hanno formulato una dichiarazione in e la nuova proposta sarà dunque rivista.
ce sujet au cours de la consultation sur le message proposito nel corso della consultazione sul messag-
culturel 2021–2024 (p.50). Tous les membres de l’AMS Catherine Schott gio culturale 2021–2024 (P.50). Tutti i membri di AMS Catherine Schott
ont été interpellés sur cette question et une table ronde Secrétaire générale de l’AMS et de l’ICOM Suisse sono stati interpellati sull’argomento ed è stata orga- Segretaria generale AMS e ICOM Svizzera
a été organisée avec les représentants des associa- nizzata una tavola rotonda con i rappresentanti delle
tions régionales et de secteur. associazioni regionali e di settore.
19Glokal – wem gehört
Zum Jahreskongress Sur le congrès annuel Sul congresso annuale
das Museum?
Vor dem Fenster Geranien aus Afrika, einheimische Igel im Zoo:
Das Globale und das Lokale stehen in einer komplexen Wechsel-
beziehung und in regem Austausch. Deshalb widmete sich der dies-
jährige Jahreskongress des VMS und des ICOM Schweiz, der am
22. August in St. Gallen stattfand, dem Glokalen. Die Beiträge deckten
überraschende Verbindungen auf und zeigten neue Perspektiven.
In einer globalisierten Welt mit heterogenen formation mit Fokus auf Sammlungen – eine
Bevölkerungen und internationalem Wettbe- reichhaltige Mischung, wie die nachfolgend
werb unter Museen stellen wir uns drängen- zusammengefassten Beiträge zeigen.
de Fragen: Wie bleiben Museen für ihr Pub-
likum relevant? Wer ist dieses Publikum «Many histories and shared future»
überhaupt? Wenn Museumsbesucherinnen Die Besucherinnen und Besucher schauen
und -besucher nur aus ausgewählten Schich- auf ihre Smartphones – was wie der Albtraum
ten oder Gruppen fortgeschrittenen Alters eines klassischen Museums klingen mag, ist
stammen, dann repräsentieren sie nicht die im Brooklyn Museum erwünscht. Mit der App
vielfältige Bevölkerung. Damit geraten Mu- «ASK Brooklyn Museum» werden die Gäste
seen in eine Sackgasse. Wie sollen sich Men- ermuntert, Fragen zur Ausstellung über das
schen für ein Museum interessieren, wenn Smartphone zu stellen. Das Museumsteam
sich das Museum nicht für die Menschen beantwortet diese unmittelbar. Dr. Sharon
interessiert? Inspirierend sind Museen, die Matt Atkins, Direktorin für Ausstellungen und
angesichts dieser Herausforderungen den strategische Initiativen am Brooklyn Museum,
Weg der Partizipation wählen. Museen, die erzählte am Kongress, wie ihre Institution
Ausstellungen und Aktivitäten nicht für ihr Partizipation umsetzt. Über die Jahre habe
Publikum, sondern mit ihrem Publikum ent- sich das Kunstmuseum mutig auf zahlreiche
wickeln. Diese Museen öffnen sich und bieten Experimente eingelassen und das vielfältige
die Gelegenheit, Interessen und Wissen auf Umfeld des New Yorker Stadtteils Brooklyn
Augenhöhe einzubringen und zu teilen. Nur miteinbezogen. Alle Initiativen stützten sich
wenn Menschen aus einer Community nach- auf eine klare Mission – «To create inspiring
haltig und sinnvoll einbezogen werden, sind encounters with art that expand the ways we
sie durch das Museum auch wirklich reprä- see ourselves, the world and its possibilities»
sentiert. – und definierten Werte wie «Many histories
and shared future». Was Sharon Matt Atkins
Der Begriff «glokal» (S. 26) wurde von der hervorhob: Bevor ein Museum neue Gruppen
Autorin
ehemaligen Schweizer ICOM-Präsidentin, anspreche, müsse es diese überhaupt kennen.
Jacqueline Strauss,
Direktorin Museum Madeleine Schuppli, ins Spiel gebracht. Der Einbezug der lokalen Bevölkerung gehe
für Kommunikation Helen Bieri Thomson, Katharina Epprecht dabei jedoch nicht auf Kosten der inter-
in Bern und ich haben den Ball gerne aufgenommen nationalen Gäste. Damit schafft das Brooklyn
Bilder und das Programm für den Jahreskongress Museum dynamisch und erfolgreich den
S. 20: 2019 entwickelt. Dabei war uns bewusst, Spagat zwischen zwei Zielgruppen. Eine
Foto: Marcel Studer dass auch die Frage der Restitution zum Bereicherung für alle, denn auch das
© StAAG/RBA13-
RC02557-2_22
Themenkreis des Glokalen gehört. Ange- Museum kann sich so weiterentwickeln,
S. 23, 25: sichts der Tragweite erschien es uns jedoch vorausgesetzt, es hört gut hin – «Listening»
Foto: Christine sinnvoll, diesem Aspekt eine eigene Tagung war denn auch ein Schlüsselwort dieser
Moor
zu widmen. So haben wir zwei Schwerpunkte Präsentation. →
© Bernisches
Historisches definiert: Partizipation mit Fokus auf
Museum, Bern das Museumsumfeld und kulturelle Trans-
Geranienschmuck wird zur Nationaltugend: Lilo Pulver und Ehemann Helmut Schmid auf dem Balkon ihres Hauses. 21Zum Jahreskongress Sur le congrès annuel Sul congresso annuale
«Exposition pas prévue» Ausstellungssaal, der «den Orient» als
Anne-Claire Schumacher, leitende Kuratorin Projektionsfläche aus europäischer Warte
am Ariana Museum in Genf, stellte das zeigt, ein Blick von aussen ganz gut.
Projekt «Blue Sky» vor. Drei jugendliche Asyl-
suchende aus nichteuropäischen Herkunfts- Kulturelle Transformation: Sammlungen mit
ländern wurden eingeladen, sich intensiv Migrationshintergrund
mit dem Museum auseinanderzusetzen. Der zweite Schwerpunkt der Tagung lag auf
Interessanterweise gelang der Anschluss dem Prozess kultureller Transformation.
über ausgestellte Keramikobjekte in der Überregionale Vernetzung beeinflusst das
Farbe Kobaltblau; diese blaue Glasur ist welt- Leben der Menschen seit prähistorischen
weit verbreitet. Überraschend für die Kurato- Zeiten. Was wir als Träger und prägende
rin und den involvierten Künstler kam der Exponenten einer Kulturregion verstehen,
Wunsch der Jugendlichen, eigene kerami- basiert oft auf Wanderbewegungen und kul-
sche Arbeiten herzustellen und sie in die turellem Austausch. Hinter manchem lokalen
permanente Ausstellung zu integrieren. Da- Kulturerzeugnis steckt eine unerwartete
mit hinterliess das Projekt Spuren, die für alle Migrationsgeschichte. Die ursprüngliche
Museumsgäste sichtbar wurden. Und einer kulturelle Zugehörigkeit von Artefakten
der Jugendlichen entschied sich im Nach- und deren stilistisch-formalen Merkmalen
gang gar für eine Ausbildung zum Töpfer. Das können durch mehrmalige Transformation
Projekt zeigt, wie eine ergebnisoffene Heran- oder Vereinnahmung so weit assimiliert
gehensweise Wirkung zu entfalten vermag. worden sein, dass sie als typisch lokales Phä-
nomen missverstanden werden. Kulturelle
«Piccolo grande mondo» Transformation beschreibt einen Prozess der
So klein das Museum des Verzascatals auch wechselseitigen Beeinflussung und Ver-
sein mag, so gross ist seine Wirkung. Früher mischung, der neue Erkenntnisse und ästhe-
waren die Gäste vorwiegend Touristinnen tische Vorlieben hervorbringt. So sind die
und Touristen. Weil die Talbevölkerung nicht vermeintlich «typischen» Repräsentanten
ins Museum kam, initiierte die Kuratorin des Lokalen oftmals Produkte globaler Trans-
Veronica Carmine das Projekt «Senti questa!». formationsprozesse. Am Nachmittag wurden
Damit lud sie die Bevölkerung zu neun Treffen ausgewählte Beispiele vorgestellt, die der-
in unterschiedlichen Restaurants im ganzen artige Missverständnisse aufdeckten.
Tal ein unter der Bedingung, ein Objekt, Doku-
mente oder Fotos und persönliche Geschich- «Wir sind alles Wanderer auf einem Weg
ten mitzubringen. Als das Museum an- durch die Jahrhunderte»
schliessend das über einen Monat Gesam- Strasse und Feld statt Haus und Herd. Mig-
melte ausstellte, kamen auch die Einheimi- ration statt Verwurzelung. Keine chronolo-
schen ins Museum – schliesslich wurde es gische, sondern thematische Präsentationen.
so zu ihrem Museum mit ihren Geschichten. Weglassen statt Fülle. Dr. Matthias Wemhoff,
Direktor des Museums für Vor- und Früh-
«Das Museum braucht die Geflüchteten mehr, geschichte zu Berlin, erläuterte bildhaft, wie
als diese das Museum brauchen» er mit den Regeln einer archäologischen Aus-
Seit letztem Frühling bieten Menschen mit stellung gebrochen hat. Mit diesem Perspek-
Fluchterfahrung Führungen durch das tivenwechsel wird aus vermeintlicher Heimat-
Bernische Historische Museum an. Aline geschichte eine europäische Geschichte mit
Minder, Leiterin Bildung & Vermittlung, und starkem Bezug zur Gegenwart. Exemplarisch
Annemarie Sancar, Sozialanthropologin und zeigte dies «Bewegte Zeiten», die Ausstellung
Projektinitiantin, präsentierten das Projekt aller deutschen Landesarchäologen, die an-
«Multaka» in fünf Thesen. Eine davon: «Das lässlich des Europäischen Kulturerbejahres
Museum braucht die Geflüchteten mehr, als 2018 in Berlin stattfand. Rückmeldungen
diese das Museum brauchen.» Das interak- zeigten, dass Fachleute und das museums-
tive Format war ursprünglich ein Kooperati- gewohnte Publikum mit diesem Bruch von
onsprojekt von fünf Berliner Museen und traditionellen Denkmustern etwas Mühe
findet nun international in weiteren Museen bekundeten – ganz anders als Neulinge im
Verbreitung. Es ist adaptierbar und skalierbar Museum. →
für kleinere und grössere Häuser. Die Ge-
flüchteten bekommen eine neue Aufgabe,
das Publikum eine überraschende Führung
und auch das Bernische Historische Muse-
um profitiert – so tut etwa dem bekannten
Multaka-Guide Thomas Tesfaghiorghis während seiner Führung. 23Zum Jahreskongress Sur le congrès annuel Sul congresso annuale
Fr L’essentiel en bref
«Eingewandert, eingebürgert, eingeschwei- Szenografie führt die Grimmwelt Kassel in Global et local sont liés par une interrela-
zert, globalisiert» das Leben und Werk der beiden Brüder ein. tion complexe et par un rapport d’échange
Wer kennt sie nicht – die idyllischen Schwei- Ausgehend von der weltweit gelebten réciproque. Pour cette raison, le congrès
annuel de AMS et ICOM Suisse, qui s’est
zer Chalets mit farbenfrohen Geranien vor Tradition und Kulturtechnik des Märchen- tenu le 22 août à Saint-Gall, a été consacré
den Fenstern. Doch hinter der scheinbar so erzählens realisierte die Grimmwelt ein au glocal. Cet article met en lumière
heimatlichen Pflanze steckt eine Migrations- Integrationsprojekt und einen interkulturellen l’importance de cette thématique pour
les musées et résume les contributions de
geschichte. Das Geranium wanderte als Austausch mit in Kassel lebenden Flüchtlin-
la journée.
exotische Pflanze im 17. Jahrhundert nach gen. Dazu wurden Arbeitsmaterialien ge-
Europa ein und hatte in der Schweiz im 19. fertigt, die in 13 Sprachen als Download zur It Tutto l’essenziale in breve
Jahrhundert seinen ersten künstlerischen Verfügung stehen. Direktor Peter Stohler Globale e locale sono legati da una
complessa interrelazione e da un reciproco
Auftritt – auf einem Bild von Albert Anker, zeigte in seiner Präsentation auf, wie der rapporto di scambio. Per questo motivo il
dem berühmten Maler des Volkslebens. Es Austausch rund um die Märchen seine Fort- congresso annuale di AMS e ICOM
folgte die schweizweite Verbreitung über Ver- setzung in unserer Zeit findet. Svizzera che si è tenuto il 22 agosto a
San Gallo è stato dedicato al glocale.
schönerungsvereine und Märkte. In der L’articolo mette in luce l’importanza
Nachkriegszeit besonders beliebt war die «Intensität der direkten Begegnung» dell’argomento per i musei e riassume
Kombination von Eternit-Blumenkiste mit Die Indiennes, kunstvoll bedruckte Baum- i contributi della giornata.
rotem Geranium. So also mutierte die Exotin wollstoffe, gehören zu den ersten globalisier-
Traductions / Traduzione
zur Heimatpflanze schlechthin. Heute ist sie ten Produkten. Seit dem 17. Jahrhundert sind museums.ch/fr/revue
ein globales Industrieprodukt; denn die Setz- sie Teil kontinentenübergreifender Handels- museums.ch/it/rivista
linge auf Schweizer Märkten stammen aus kreisläufe. Dank einem Studienaufenthalt,
afrikanischen Treibhäusern. Am Beispiel der von ICOM Schweiz angeregt wurde,
des Geraniums zeigte Beat Hächler, Aus- lud das Château de Prangins (Schweizer
stellungsmacher und Direktor des Alpinen Nationalmuseum) einen Kollegen des Musée
Museums, wie sein Haus arbeitet: Es setzt Théodore Monod d’art africain aus Dakar an
sich regelmässig mit alpinen Identitäts- den Genfersee ein. Mohamadou Moustapha
konstruktionen auseinander und versucht Dieye, Assistenzkurator und Konservator,
Brücken zu schlagen zwischen vermeintlich arbeitete während zwei Wochen an der
«Heimatlichem» und «Fremdem». Über Dauerausstellung über die Geschichte der
eigentliche Ausstellungsprojekte hinaus Indiennes mit. Die Direktorin Helen Bieri
arbeitet dabei das Museum in vielfältigen Thomson begleitete dieses Projekt, dank
und nachhaltigen Netzwerken, etwa mit Re- dem das Museumsteam ein besseres Ver-
gionalmuseen. ständnis der Rolle dieser Stoffe erlangte
und der senegalesische Fachmann vom
«Exotische Tiere und lokale Akzente» Austausch mit Fachpersonen in der Schweiz
Giraffe, Gepard, Gorilla: Die Attraktionen profitieren konnte. Das Projekt zeigte, wie viel
des Basler Zoos sind die exotischen Tiere. Globales in einem als «typisch schweize-
Direktor Dr. Olivier Pagan verdeutlichte, dass risch» wahrgenommenen historischen Frauen-
ein wissenschaftlicher Zoo noch viel mehr gewand steckt.
leistet; neben Erholung und Bildung auch
Forschung und Naturschutz. Im Fokus steht Und jetzt?
die Begegnung der Menschen mit dem Der gewählte Fokus auf Partizipation und
lebendigen Tier. Überraschenderweise leben Transformation bestätigte, dass «glokal» ein
in der grünen Basler Oase aber auch über relevantes und nach wie vor aktuelles Thema
3’000 einheimische Arten zwischen den Ge- für Museen ist. Selbstkritisch nehmen wir die
hegen, die den Zoo als ihren Lebensraum Frage mit, in wessen Dienst sich Museen
gewählt haben – zum Beispiel Igel. Auch in stellen wollen und sollen. Voraussetzungen
der Tierwelt begegnen sich also das Globale für das Gelingen von global-lokalen Projekten
und das Lokale direkt. sind ein unvoreingenommener Blick, ein
klares Konzept und Durchhaltewillen. So
«Zweibahnstrasse – Dialog auf Augenhöhe» gewinnen alle beteiligten Menschen, das
Rotes Käppchen und blauer Bart: Bekannt Museum und das Publikum. Oder in den
wurden die Brüder Grimm vor allem für ihre Worten von Sharon Matt Atkins aus Brooklyn
Sammlung der «Kinder- und Hausmärchen». ausgedrückt: «It is all about partnership.»
Die Grimms haben mündlich überlieferte
Geschichten mit breiter Provenienz ver-
schriftlicht und für die Nachwelt aufbewahrt.
Ihre persönlichen Arbeitsexemplare gehören
seit 2005 zum UNESCO-Weltdokumenten-
erbe. Mit einer durchdachten und kreativen
Multaka-Guide Farhad Haji während seiner Führung. 25Zum Jahreskongress Sur le congrès annuel Sul congresso annuale
Global, lokal,
total egal?
Der diesjährige Jahreskongress trug das Label «glokal».
Ein kurzer Blick in die Geschichte des Begriffs und dessen
vielfältige Potenziale für die Museumswelt.
Von Geranien, Yoga und in die USA ausge- können» auf Definitionen wie die des «Oxford
wanderten Tessinerinnen und Tessinern war Dictionary of New Words», wo Glokalisierung
unter anderem die Rede am diesjährigen schlicht als «The practice of conducting busi-
Jahreskongress des VMS und des ICOM ness according to both local and global con-
Schweiz – all dies und vieles mehr liess sich siderations.» erklärt wird. Etwas weiter geht
unter dem Überthema des «Glokalen» ver- die Encyclopædia Britannica: «Glocalization,
einen. Man ahnt es: Mit dem Begriff öffnet the simultaneous occurrence of both uni-
sich ein breites Spektrum. Wie im Beitrag von versalizing and particularizing tendencies in
Jacqueline Strauss (S.20) zu lesen ist, boten contemporary social, political, and economic
die Präsentationen grosser und kleiner Insti- systems» Doch auch die Definition, Glokali-
tutionen anregende Einblicke in Projekte, in sierung als gleichzeitiges in Erscheinungtre-
denen das Globale und das Lokale ineinan- ten universalisierender und partikulari-
dergreifen. Doch was genau ist mit dem sierender Tendenzen in heutigen sozialen,
«Glokalen» gemeint? Wann und wie wurde politischen und ökonomischen Systemen zu
der Begriff verwendet, und worin könnte sein verstehen, so lässt sich kritisieren, unter-
Potenzial für die Schweizer Museumswelt schlägt die kulturelle Dimension des Begriffs.
heute liegen? Denn das Lokale, das Globale und in er-
weitertem Sinne das Glokale treten auch in
Zuerst einmal lenken das Adjektiv «glokal», Diskursen zu Hybridisierung, kultureller
das Substantiv «das Glokale» oder das die Transformation, Nation oder Identität in Er-
Prozesshaftigkeit betonende «Glokalisie- scheinung. Ein kurzer Blick in die Begriffs-
rung» unsere Aufmerksamkeit auf zwei Pole: geschichte lohnt sich.
auf die Gegensätze des Grossen, Globalen,
Universalen und des Kleinen, Lokalen, Par- Vielfalt verkauft sich gut
tikulären. Doch sind diese Gegensätze gar Der Neologismus «Glokalisierung» wurde
nicht so eindeutig. Denn der Begriff der Glo- bereits in den 1980ern in ökonomischen Kon-
balisierung, also der Prozess der zunehmen- texten verwendet, Vorbild war der in Japan
den weltumspannenden Verflechtung und verbreitete Begriff «dochakuka»: Damit
seine Phänomene des Austauschs, Handels, wurde ursprünglich die Anpassung von land-
der Diversifizierung und Vereinheitlichung, wirtschaftlichen Techniken an lokale Um-
trägt diese beiden Pole bereits vereinend in stände bezeichnet. Im japanischen Ge-
sich. Das Lokale und das Globale waren be- schäftsleben etablierte er sich aber auch als
reits vor der Globalisierung – und seither erst Begriff für die Anpassung einer globalen
recht – miteinander verflochten und beding- Perspektive an lokale Umstände. Mit dem
ten einander. Kofferwort «Glokalisierung» wurde dieses
Autorin
Katharina Flieger,
Prinzip in westliche Sprachen übersetzt. Als
Redakteurin Erste Recherchen im Netz zeichnen ein Teil des internationalen Geschäftsjargons
Schweizer diffuses Bild: Da treffen auf Blogs selbster- erhielt der Begriff dann in den frühen Neun-
Museumszeitschrift
nannter «Veränderungsmanager» knackig zigerjahren eine spezifischere Bedeutung
Illustration formulierte Tipps wie «Die Glokalisierung und schaffte es in den Marketingjargon. →
© Samuel Jordi einfach erklärt und wie Sie davon profitieren
27Zum Jahreskongress Sur le congrès annuel Sul congresso annuale
Werbefachleute bezeichneten damit das Zu- Das Museum als «Welt-Raum»
schneiden globaler Güter und Dienstleistun- Und was mag dies für die Museumswelt
gen und deren Bewerben auf differenzierte, heissen? Ein «glokales Bewusstsein» oder
partikulare Märkte. «Mikro-Marketing» vom eine «glokale Perspektive» ist heute für Aus-
Feinsten: So wurden etwa bewährte TV-Spiel- stellungshäuser jeder Kategorie relevant,
shows oder Castingformate an unterschied- denn im Museum als einer Art «Welt-Raum»
liche nationale Gegeben- und Eigenheiten sind das Globale und das Lokale gleich in
angepasst, dasselbe galt für grössere Mode- zweifacher Hinsicht verflochten: in Bezug
oder Restaurantketten. auf die ausgestellten Objekte, Sammlungen
und Archive und die damit verbundenen Er-
Der britische Soziologe Ronald Robertson zählungen einerseits und in Bezug auf die
war es, der dem Begriff 1998 mit seinem Auf- Herkunft des Publikums und auf Fragen der
satz «Glokalisierung: Homogenität und He- Kommunikation andererseits. So mag in der
terogenität in Raum und Zeit» einen Platz in einen, städtischen Institution ein Artefakt der
den Sozialwissenschaften einräumte und Globalgeschichte oder ein Werk eines inter-
ihm zu weitreichenderer Bedeutung verhalf. national bekannten Künstlers auf eine dem
Robertson plädierte dafür, das Lokale nicht Museum benachbarten Schulklasse treffen,
als Gegenspieler des Globalen zu betrachten, während in einem anderen, abgelegenen
sondern vielmehr als Aspekt von Globalisie- Museum in einem Bergtal lokale Handwerks-
rung. «Fast überflüssig zu erwähnen, dass tradition auf eine Besucherin aus Asien trifft.
die Anpassung an lokale und andere speziel-
le Umstände in einer Welt kapitalistischer Eine «glokale Perspektive» könnte also heis-
Produktion für zunehmend globale Märkte sen, einen (selbst-)kritischen Blick auf diese
nicht einfach ein Fall unternehmerischer Re- unterschiedlichen Kontexte zu werfen. Sich
aktion auf existierende globale Vielfalt ist – bewusst zu machen, aus welcher Warte man
auf kulturell, regional, gesellschaftlich, eth- selber spricht, welche Mythen vielleicht un-
nisch, sexuell und anders differenzierte bewusst mit einem Objekt oder in einem
Verbraucher –, als gäbe es eine solche Viel- Archiv eingeschrieben sind und transportiert
falt oder Heterogenität einfach ‹an sich›.» werden. Und darüber hinaus könnte die
Damit hob er den Konstruktionscharakter des Frage, welches Publikum mit welchen Aus-
Fr L’essentiel en bref
Begriffs hervor: «Mikro-Marketing – bzw stellungen angesprochen werden soll, selbst- Depuis les années quatre-vingt, les
allgemeiner ausgedrückt: Glokalisierung – reflexiv verwoben werden mit Überlegungen économistes et les experts en publicité
beinhaltet in beträchtlichem Umfang die zur eigenen Positionierung in Prozessen désignent avec le terme «glocalisation»
l’adaptation de biens et de services
Konstruktion von zunehmend differenzierten der Globalisierung und nicht zuletzt der De- globaux à la culture locale, ainsi que leur
Verbrauchern, die ‹Erfindung› von ‹Verbrau- kolonialisierung. Dies würde auch den promotion sur des marchés différenciés.
chertraditionen›. Um es einfach auszudrü- Umgang mit den Sammlungen, Archiven und Dans son essai «Glocalization: Homo-
geneity and Heterogeneity in Space and
cken: Vielfalt verkauft sich gut.» Dies scheint Repräsentationen betreffen sowie strukturel- Time» (1998), le sociologue anglais Ronald
auch heute noch so zu sein. Das Prinzip der le Fragen der hiesigen Personal- und Kultur- Robertson soutient que le «local» ne doit
Vielfalt ermöglicht lokal Verwurzelten, bei politik. Worauf gründen diese? Wer soll pas être considéré comme un antagoniste
de la globalisation, mais comme l’un de
ihrer jeweiligen Kultur zu bleiben. Und: Nur angesprochen werden? Und wer entscheidet
ses différents aspects. Cet article examine
mit dem Gegensatz lokal verwurzelter Men- über Themen, Umsetzungen und Finan- brièvement l’histoire de ce terme et
schen im Hinterkopf kann man sich als Kos- zierung? Wie Jacqueline Strauss zur Er- s’interroge sur son potentiel pour le monde
mopolitin bezeichnen. Der Soziologe Robert- öffnung des Kongresses so schön gesagt hat: muséal suisse d’aujourd’hui.
son verstand Globalisierung nicht nur als Im Nachdenken über das Wort «glokal» er- It Tutto l’essenziale in breve
Bedrohung des Lokalen, sondern als Motor, geben sich einige Überraschungen. Dagli anni Ottanta, con il termine
der in gewisser Hinsicht gar erst die Wieder- «glocalizzazione» economisti ed esperti
di pubblicità designano l’adattamento alla
herstellung von «Heimat» und «Lokalität» mit
cultura locale di beni e servizi globali e
sich brachte – all dies drückte er mit dem la loro promozione su mercati differenziati.
Begriff des «Glokalen» aus. Nel 1998, il sociologo inglese Ronald
Robertson nel suo saggio «Glocalization:
Homogeneity and Heterogeneity in Space
and Time» sosteneva che il «locale» non
deve essere visto come un antagonista, ma
come uno dei vari aspetti della globalizza-
zione. L’articolo esamina brevemente la
storia del termine e si interroga sul suo
potenziale per il mondo museale svizzero
di oggi.
Traductions / Traduzione
museums.ch/fr/revue
museums.ch/it/rivista
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