Krisenmanagement FOKUSTHEMA - 40_ Pius-Förderung: Gut für das Klima Nachhaltigkeit
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04|05.2021
Unternehmermagazin für die Region FrankfurtRheinMain A 4836 | Jahrgang 144
FOKUS THEMA
Krisenmanagement
40_ Pius-Förderung: 46_ Metropolregion: 62_ Fairer Wettbewerb:
Gut für das Klima Nachfrage steigt weiter Gesetz in Kraft
Nachhaltigkeit Rechenzentren Anti-Abmahngesetz
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VO RWO R T 3
Liebe Leserinnen und Leser!
Die Corona-Pandemie hat uns mitten in einer Phase soliden
Wirtschaftens abrupt den Stecker gezogen. Auch wenn der
Staat mit immensem Mitteleinsatz versucht, die Auswirkun-
gen für die Betriebe so gut es geht abzumildern, und die IHKs
alle Kräfte aufbieten, um Betroffenen mit Rat und Tat zur Sei-
„
te zu stehen, bleibt es dabei: Die Umsatzausfälle und Schlie-
ßungen über viele Monate hinweg hinterlassen tiefe Kratz-
spuren in den Kennzahlen. So traurig es ist: Wir müssen uns
auf eine Welle an Unternehmensinsolvenzen einstellen, die
das Maß normaler Zeiten bei Weitem übersteigt.
Die vergangenen Monate hinterlassen
tiefe Kratzspuren in den Kennzahlen“
Der Lockdown macht zudem deutlich: Unser Wirtschaftssys-
tem ist fragil. Es hängt zuvorderst davon ab, dass Lieferketten
funktionieren, Geldströme fließen, Menschen ihrer Beschäfti-
gung nachkommen können. Hakt es an der einen oder ande-
ren Stelle, kann jede Krisensituation sehr schnell existenzbe-
drohend sein. Für eine Pandemie gilt dies allemal.
Was jetzt gefragt ist: ein gut ausgeklügelter Notfallplan,
der hilft, das Geschäft weiter zu führen. Um sich für die Zu-
kunft zu wappnen, muss das Portfolio überprüft, müssen
Geschäftsprozesse optimiert oder auch von Grund auf neu
gedacht werden. Dennoch muss der Blick auch nach vor-
ne gehen, müssen gerade jetzt aus dieser schlimmen Lage
die richtigen Lehren gezogen werden. Die aktuellen Engpäs-
se überwinden, dann noch bessere Vorsorge treffen, Wider-
standsfähigkeit erhöhen, Resilienz stärken: Das sind die Ge-
bote der Stunde. Wenn uns Corona eines deutlich aufgezeigt
hat, dann dieses.
Ich wünsche Ihnen alles Gute!
Stefanie Kaulich
Vizepräsidentin, IHK Frankfurt
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 214 INH A LT 0 4 | 0 5 . 2 1
40 23 34
04|05_
Fokusthema
Krisen
management
In jeder Unternehmensgeschich-
te gibt es für die Verantwortli-
chen immer auch Krisen zu meis-
tern. Die Corona-Pandemie hat
schonungslos offengelegt, dass
in vielen Unternehmen deutlicher
Nachholbedarf insbesondere bei
der Liquiditätssicherung und Digi-
talisierung besteht.
38 50 56
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 21INH A LT 0 4 | 0 5 . 2 1 5
INHALT 04|05.21
3_ Vorwort
6_ Kurzmeldungen
Fokusthema Krisenmanagement
10_ Corona-Pandemie: Kühler Kopf in der Krise
22_ Interview mit Wirtschaftsphilosoph Anders Indset
26_ Änderungen im Überblick: Corona und das Insolvenzrecht
28_ Science Birds: Nur kurz ausgebremst
30_ Liquidität: Nachhaltige Finanzierung
Unternehmensreport
32_ Carl Friederichs: Nachhaltig in die Zukunft
34_ D-Champs: Fit fürs Homeschooling
Unternehmenspraxis
38_ Business Energieeffizienz-Netzwerk: „Wertvolle Kontakte“
40_ Pius-Fördersystem: Gut für das Klima
Metropolregion FrankfurtRheinMain
44_ Serie Immobilienstandort: Hofheim
46_ Rechenzentren: Nachfrage steigt weiter
49_ Außenhandel: Stabilitätsanker Binnenmarkt
50_ Digitalisierung: „Ein stetiger Prozess“
IHK intern
54_ IHK Business Club: Ein Ort der Begegnung
Aus- und Weiterbildung
56_ Landesbestenehrung: Leidenschaft für Autos
58_ Fachwirt im E-Commerce (IHK): Neuer Fortbildungsberuf
Recht und Steuern
60_ Jahressteuergesetz: Umsatzsteuer und Versandhandel
62_ Wettbewerbsrecht: Anti-Abmahngesetz in Kraft
Hinweis: In der IHK Frankfurt werden die coronabedingten Kontaktbeschränkungen
sowie die Abstands- und Hygieneregeln beachtet, auch bei Fotoshootings. Dennoch
kann es sein, dass Sie in dieser Ausgabe vereinzelt Fotos sehen, die vor Inkrafttreten
der coronabedingten Abstandsregelungen gemacht wurden. Gleiches gilt für die ver-
wendeten Fotos aus Bilddatenbanken. Hierfür bitten wir um Verständnis.
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 216 KUR ZMEL D UN GEN
IHK IN T ER N
Frankfurt: Kommunalwahl-Check
Anlässlich der Kommunalwahlen in Hes-
Foto: Jürgen Heine
sen hatte die IHK Frankfurt wirtschafts-
politische Positionen erarbeitet. Sie bil-
den in der neuen Legislaturperiode die
Legitimationsbasis der Industrie- und
Handelskammer für Positionierungen zu
wirtschaftspolitischen Themen, die vor-
nehmlich die Kommunalpolitik betreffen.
Gemeinsam mit der Handwerkskam-
mer Frankfurt-Rhein-Main (HWK) hatte
die IHK Frankfurt zudem per Livestre-
am zu einem Kommunalwahl-Check zur
Frankfurter Kommunalwahl 2021 einge-
laden. HWK-Präsidentin Susanne Haus
(vordere Reihe, 1. v. r.) und IHK-Präsident Ulrich Caspar (vordere Reihe, 1. v. l.) diskutierten mit den Spitzenkandidaten (hintere
Reihe v. l.) Annette Rinn (FDP), Michael Müller (Die Linke), Martina Feldmayer (Bündnis 90 / Die Grünen), Patrick Schenk (AfD),
Dr. Nils Kössler (CDU) und Mike Josef (SPD).
UN T ER NEHMEN S FÖ R D ERUN G
S TA ND O R T P O L I T IK
Frankfurter Gründerpreis: Gestaltungsrichtlinie für
jetzt bewerben Frankfurter Altstadt
Foto: Picture Alliance / Zoonar / Firn
Die Wirtschaftsförderung Frankfurt ruft zur Bewerbung für
den Frankfurter Gründerpreis 2021 auf. Start-ups und Grün-
der:innen unterschiedlichster Branchen, die 2020 im Frankfur-
ter Stadtgebiet gegründet oder mit ihrem Kundengeschäft
begonnen haben, können sich noch bis 15. April bewerben.
Zu gewinnen sind Preisgelder in Höhe von insgesamt
30 000 Euro. www.frankfurt-business.net Frank
furter Gründerpreis
AUS B IL D UN G
Nachteilsausgleich für
Menschen mit Behinderung Die Gestaltungsrichtlinie für die Frankfur-
ter Altstadt wurde von der Stadtverordne-
tenversammlung beschlossen und ist am
Menschen mit Behinderungen haben laut § 64 Berufsbil 1. März in Kraft getreten. Ziel der Richt-
dungsgesetz ein Recht auf Nachteilsausgleich in Ausbildung linie ist es, das Stadtbild im besonders
und Prüfung. Ein Handbuch des Bundesinstituts für Berufs schützenswerten Bereich der Frankfurter Altstadt ge-
bildung (BIBB) bietet eine Fülle von Informationen zu Behinde- stalterisch zu ordnen. Sie regelt beispielsweise Lage,
rungsarten und geeigneten Formen des Nachteilsausgleichs. Größe und Gestaltung von Außengastronomieflächen,
Fallbeispiele zeigen konkrete Lösungsmöglichkeiten und hel- Warenauslagen und Werbeaufstellern sowie die Stra-
fen so bei der praktischen Umsetzung des gesetzlichen Ge- ßenraumgestaltung.
bots. www.bbib.de
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 21KUR ZMEL D UN GEN
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gefragt
Bundesweit gibt es knapp 8 000 öffentlich bestellte und
vereidigte Sachverständige in mehr als 280 Sachgebie-
ten. Von der IHK Frankfurt sind derzeit beinahe 120 Sach-
verständige öffentlich bestellt und vereidigt. Die öffentli-
che Bestellung und Vereidigung ist das öffentlich-rechtli-
che Qualitätssiegel für Sachverständige, die Ansehen
und großes Vertrauen bei Justiz, Verwaltung und Wirt-
schaft genießen. Sie werden im bundesweiten Sachver-
ständigenverzeichnis www.svv.ihk.de geführt. Wer in
seinem Fachgebiet über herausragende Kenntnisse und ca. 925 m2 ca. 412 m2 7 5 4 7
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nenmuseum in Frank-
furt mit neuer Ausstel-
lungsarchitektur und
inhaltlicher Neukonzep- Wir freuen uns auf Sie!
tion wiedereröffnet wor-
den. „Zum ersten Mal
seit seiner Eröffnung vor
30 Jahren hat das Iko-
nenmuseum eine derart MEHRFACH AUSGEZEICHNETER SERVICE
umfangreiche Moder-
Vorverkündigung am Brunnen (Russland,
19. Jahrhundert). nisierung erfahren. Mit
seinem neuen Präsen- CAPITAL
tations- und Raumkonzept bereichert es nicht nur die Frank-
FOCUS
furter Museumslandschaft, sondern unterstützt auch die Ver-
ständigung in unserer multikulturellen Stadt“, so Kulturdezer- DIE WELT
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Mitteilung der Industrie- und Handelskammer
Parkporträts: ins Grüne
Frankfurt am Main
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Unternehmermagazin für die Region KulturRegion FrankfurtRheinMain ver-
FrankfurtRheinMain öffentlichte Garten- und Parkführer
Herausgeber „Parkporträts: Ins Grüne“ stark nach-
Industrie- und Handelskammer Frankfurt am Main
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Nachdruck, auch auszugsweise, und elektronische
Vervielfältigung von Artikeln und Fotos nur nach
Rücksprache und mit Quellenangabe. Nachdruck
ME T R O P O L R EGI O N
von Namensbeiträgen nur mit der Genehmigung
des Verfassers. Belegexemplar erbeten.
Die mit Namen des Verfassers gekennzeichneten
Hessen-à-la-carte-Auszeichnungen
Artikel geben die Meinung des Autors, aber nicht
unbedingt die Meinung der Industrie- und Handels-
Der Landgasthof Saalburg (Bad Homburg), die Löwenherz-Gastrono-
kammer Frankfurt am Main wieder.
mie (Wehrheim), der Landgasthof Ziegelhütte (Weilrod), das Land-
Titelbild: Getty Images / Klaus Vedfelt
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gasthaus Kastanienhof (Eppstein) sowie das Gasthaus Zum Hauben-
Druck- und Verlagshaus Zarbock GmbH & Co. KG tal (Idstein) und damit fünf Restaurants aus dem Verbandsgebiet des
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60386 Frankfurt am Main
Taunus Touristik Services sind kürzlich mit dem Hessen-à-la-carte-Zertifikat aus-
Geschäftsführung Ralf Zarbock gezeichnet worden, das für hervorragende regionale Küche steht. Für die Gas-
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tronomiebranche, die durch die Corona-Pandemie und die mit ihr verbundenen
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Ralf Zarbock Folgen stark beroffen ist, eine gute Nachricht in schwierigen Zeiten.
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Nr. 122 vom 1. November 2020
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Außengastronomie: Sonderregelung
verlängert
Die Stadt Frankfurt verlängert
Picture Alliance / Chromorange / Karl-Heinz Spremberg
Das Magazin wird auf umweltfreundlichem
FSC®-zertifizierten Papier gedruckt. die großzügigeren Regelungen
für bereits bestehende Außen-
Der Bezug des IHK-Magazins erfolgt im Rahmen
der grundsätzlichen Beitragsp flicht als Mitglied der gastronomie bis 31. Dezember.
IHK. Das IHK W irtschaftsForum ist für Mitglieds- Alle Gastronomiebetriebe, die
unternehmen der IHK Frankfurt am Main kostenlos.
Nichtmitglieder können das U nternehmermagazin im Besitz einer gültigen Son-
für FrankfurtRheinMain abonnieren. Das Jahres- dernutzungserlaubnis sind, dür-
abo kostet für Nichtmitglieder 30 Euro. Das IHK
W irtschaftsForum erscheint sechsmal pro Jahr. fen weiterhin die öffentlichen
Ausgabedatum Verkehrsflächen nutzen, sofern
1. April 2021 straßenrechtliche Belange nicht
Vollbeilagen berührt wurden. Wer im Besitz einer Sondernutzungserlaubnis für eine Außengas-
Lendico Deutschland GmbH, Berlin
Wortmann AG, Hüllhorst tronomie ist, kann diese mit der jetzigen Regelung ohne Antrag erweitern. Weitere
Infos und Merkblatt: www.ase-frankfurt.de
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 21KUR ZMEL D UN GEN 9
AUS B IL D UN G
Land fördert Azubis im Gastgewerbe
Auszubildende im Gastgewerbe können in diesem Frühjahr
Foto: Picture Alliance / Keystone / Ennio Leanza
kostenlose Vorbereitungskurse auf ihre IHK-Abschlussprü-
fung besuchen. Vermittelt werden insbesondere praktische
Kenntnisse, da dieser Teil der Ausbildung wegen der Corona-
Pandemie nicht im üblichen Umfang stattfinden konnte. „Die
Landesregierung wendet mit 930 000 Euro erhebliche Mittel
auf, um die Qualität der Berufsausbildung auch unter den Be-
dingungen der Pandemie aufrechtzuerhalten“, sagte Hessens
Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir. Das Angebot richtet sich
vor allem an Auszubildende in den Berufen Koch, Hotelfach-
leute, Restaurantfachleute und Fachkräfte im Gastgewerbe.
Infos und Anmeldung: www.dehoga-hessen.de
B R A N CHEN
R ECH T
Einzelhandelskampagne:
anfassbar gut Neuer Aushang Jugend
schutzgesetz
Mit der Gemeinschaftsinitiative „Anfassbar gut.“ möchten
der Handelsverband Deutschland (HDE) und Signal Iduna Aufgrund einer Ergänzung im Jugendschutzgesetz
einen Beitrag dazu leisten, die Lust auf einen Einkauf in der musste die Aushangvorlage „Auszug Jugendschutzge-
Innenstadt zu erhöhen und den stationären Handel zu unter- setz“ geändert werden. In § 11 wurden die Vorgaben zu
stützen. Gestartet ist dazu eine bundesweite Kampagne unter Werbung für Tabakwaren und alkoholische Getränke im
dem Motto: „Nicht nur klicken, auch anfassen – erlebe deine Rahmen von Filmveranstaltungen präzisiert. Nach dem
Stadt.“ Die Kampagne stellt die Vorzüge des lokalen Einzel- Jugendschutzgesetz ist das Gastgewerbe verpflichtet,
handels und das Einkaufserlebnis als sinnliche Erfahrung – am Auszüge aus dem Jugendschutzgesetz in einem deut-
Parfüm riechen, den Pullover anfassen – in den Fokus. Händ- lich sichtbaren und gut lesbaren Aushang bekannt zu
ler, die sich beteiligen möchten, können kostenfreie Materia- machen. Download unter www.frankfurt-main.ihk.de
lien wie Plakate oder Social-Media-Posts im Downloadportal Jugendschutzgesetz
abrufen. www.anfassbargut.com/nichtnurklicken
Liebe Mitglieder der IHK Frankfurt,
nach und nach werden wir immer mehr Services und Informationen für unsere Mitglieder vom Post- auf den
E-Mail-Versand umstellen. Daher benötigen wir Ihre aktuelle E-Mail-Adresse.
Sie erhalten von uns dann zukünftig Informationen zu wichtigen Gesetzesänderungen oder Umfragen zu
Wirtschaftsthemen per E-Mail. So können wir Ihre Meinung als Unternehmerin oder Unternehmer schnell
und unkompliziert einholen und in unsere Positionen gegenüber Politik und Verwaltung einfließen lassen.
Möchten Sie gerne darüber hinaus Veranstaltungseinladungen der IHK Frankfurt am Main per E-Mail
erhalten? Dann teilen Sie uns Ihr Einverständnis in unserem neuen Onlineformular „Einwilligung“ mit!
Link zum Onlineformular: www.frankfurt-main.ihk.de/einwilligung
Alternativ können Sie das Onlineformular über den QR-Code öffnen.
Industrie- und Handelskammer Ihre IHK Frankfurt am Main
Frankfurt am Main
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 2110 FO KUS T HEM A
Fotos: Gettyimages / sorbetto
Fokusthema
Krisenmanagement
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 21K risenmanagement 11
CO R O N A-PA ND EMIE
Kühler Kopf in der Krise
Viele Unternehmen befinden sich seit einem Jahr im Krisenmodus: Die Corona-
Pandemie legte schonungslos offen, dass bei Themen wie Liquiditätssicherung,
Digitalisierung und Personal nicht selten deutlicher Nachholbedarf besteht.
Einmal im Monat begibt sich Michael Pachmajer auf eine spannende Spurensuche.
„
In seinem kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie gestarteten Podcast „Der
Moment der Wahrheit“ spricht der Unternehmer ausführlich mit Vertreter:innen
aus Wirtschaft und Gesellschaft. Von ihnen will er wissen, was genau deren Be-
reitschaft ausgelöst hat, einen Veränderungsprozess in Gang zu setzen. Für Unter-
Es gibt nicht genügend Heroes“
nehmer:innen bedeutet das: „Mit welchen Geschäftsmodellen sind wir im digitalen
Zeitalter genauso erfolgreich wie in der Vergangenheit? Auf diese Frage müssen
alle Unternehmen schnell eine Antwort finden“, glaubt der Gründer und Geschäfts-
führer von D.Quarks, Frankfurt, der seit Anfang 2020 eine Plattform für die unter-
nehmerische und gesellschaftliche digitale Transformation betreibt und Kunden
vom Kleinstunternehmen über Konzerne bis zur öffentlichen Hand berät.
Digitale Transformation ist Chefsache
Gesprochen hat Pachmajer auch mit Michael Rüffer, Geschäftsführer Technik und
Betrieb der Verkehrsgesellschaft Frankfurt. Mit zahlreichen innovativen digita-
len Mobilitätslösungen beweist das Verkehrsunternehmen, wie wichtig Verände-
„Digitale Transformation ist kein Tech Change, sondern ein
People Change. Und die Verantwortung dafür ist Chefsache.“
Michael Pachmajer, Gründer und Geschäftsführer, D.Quarks IHK O NL INE
Ausführliche und aktuelle
Infos zum Thema Krisen-
rungsbereitschaft ist, um erfolgreich die Mobilitätswende zu schaffen. Für Pach- management finden Sie
majer geht es aber nicht nur darum, neue Technologien einzuführen und Prozes- auf der Homepage der
se zu automatisieren, sondern, was für ihn wesentlich wichtiger ist, die Kultur im IHK Frankfurt unter:
Unternehmen zu verändern. „Das wird sehr oft unterschätzt. Digitale Transforma-
tion ist kein Tech Change, sondern ein People Change. Und die Verantwortung da- www.frankfurt-main.ihk.de/
für ist Chefsache.“ Mit der digitalen Transformation besetzt D.Quarks eines der unternehmenskrisen
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 2112 FO KUS T HEM A
Corona-Checkliste
Die Corona-Checkliste der hessischen
Industrie- und Handelskammern
unterstützt beim Umgang mit den
aktuellen Herausforderungen in
Unternehmen und gibt wichtige
Hinweise auf Maßnahmen im Betrieb
sowie finanzielle Fördermöglichkeiten.
www.hihk.de Corona-
Checkliste
verlängerte Hilfs- und Stützungsmaß-
nahmen für die Wirtschaft beschlossen.
Darüber hinaus wurde vorübergehend
die Insolvenzantragspflicht ausgesetzt
für pandemiebedingt überschuldete Fir-
men, deren Vermögen also nicht mehr
ausreicht, um alle bestehenden Verbind-
lichkeiten zu decken, sowie für eben-
falls pandemiebedingt zahlungsunfähige
Unternehmen (befristet bis 30. Septem-
Topthemen der aktuellen Krise. Und aufrechterhalten, indem sie die Mit- ber 2020), die mehr als zehn Prozent
doch ist sie nur eine von zahlreichen He- arbeiter motivieren und binden. Wäh- ihrer fälligen Verbindlichkeiten in abseh-
rausforderungen, die die Führungskräfte rend die Umsätze sinken oder sogar barer Zeit (in der Regel binnen drei Wo-
zeitgleich managen müssen. wegbrechen, gilt es, die Liquidität zu chen) nicht begleichen können. Immer
sichern und Geschäftsmodelle anzupas- noch sind überschuldete Unternehmen
Geschäftsmodelle anpassen sen. Gleichzeitig sind offene oder frei bis Ende April 2021 von der Antrags-
gewordene Stellen zu besetzen. Last, pflicht befreit, vorausgesetzt, dass ihre
Millionen Mitarbeiter wechselten von but not least, verlangen ständig neue Krise pandemiebedingt ist und sie mit
jetzt auf gleich ins Homeoffice. Die Regeln zu Lockdowns von light über Coronahilfen rechnen können.
Chefs müssen seitdem auch auf Dis- hart bis sehr hart oder Vorschriften zum
tanz führen, dabei die Produktivität Arbeitsschutz höchste Flexibilität. Vermeintliche Sicherheit
Noch herrscht in Deutschland die Ruhe Für Matthias Beck, Geschäftsführer
IHK-Services vor dem Sturm. Trotz des massiven der BeckConsult Steuerberatungsge-
Konjunktureinbruchs sind die Insolven- sellschaft, Kelkheim, und Senior Advi-
• Publikationen, Broschüren und zen im vergangenen Jahr laut Creditre- sor bei der Wirtschaftsprüfungs- und
Checklisten
• Finanzierungs- und Fördersprechtage
(gemeinsam mit der WIBank) „Durch die Finanzhilfen und Insolvenzregeln sind viele Zombie-
• Sprechtage Unternehmensnachfolge Firmen am Markt geblieben, die eigentlich gar nicht mehr über-
• Team Unternehmensförderung: lebensfähig sind. Ich rechne mit einer großen Pleitewelle.“
Telefon 0 69 / 21 97-20 10, E-Mail Matthias Beck, Geschäftsführer, BeckConsult Steuerberatungs-
gesellschaft
unternehmensfoerderung@frank-
furt-main.ihk.de
Weitere Infos unter www.frank
form um 13,4 Prozent auf 16 300 Fälle Steuerberatungsgesellschaft Falk,
furt-main.ihk.de/unterneh
gesunken. Um die Pandemie abzufe- Frankfurt, steht fest: „Durch die Finanz-
mensfoerderung
dern, hatte die Bundesregierung zahl- hilfen und Insolvenzregeln sind viele
reiche mehrfach bis ins laufende Jahr sogenannte Zombie-Firmen am Markt
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 21K risenmanagement 13
PRAXISTIPPS
geblieben, die eigentlich gar nicht mehr
überlebensfähig sind. In diesem Jahr
rechne ich deshalb mit einer großen
Pleitewelle.“ Die Aufhebung der Insol- So können Sie Ihre Finanzierung auf eine breitere Basis stellen:
venzantragspflicht ist aus Sicht des Re- • Bei Darlehensaufnahmen darauf achten, dass zu viele Fälligkeiten zu einem Zeitpunkt
strukturierungsexperten vom Gesetz- vermieden werden.
geber zwar gut gemeint gewesen, habe
aber manche Unternehmer:innen in ver- • Separaten Aval-Kreditrahmen einräumen; der Kontokorrentkreditrahmen bleibt dadurch frei.
meintlicher Sicherheit gewogen, in der • Kreditlinien entlasten, indem Avalkredite auf Kreditversicherer ausgelagert werden oder
Annahme, die Insolvenzantragspflichten Leasing genutzt wird.
seien bedingungslos ausgesetzt. Nicht • Wo immer möglich, öffentliche Förderkredite mit Haftungsfreistellungen und / oder tilgungs-
zuletzt deshalb, weil infolge der häufi- freien Zeiten einsetzen.
gen Änderungen von Fristen und Vor-
• Factoring (Forderungsverkauf) als Finanzierungsalternative prüfen.
aussetzungen nicht jedem Unternehmer
klar sei, was auf seinen Betrieb zutreffe.
Liquidität sichern die dritte Phase der Finanzhilfen ein Ex- Branchen, die schon vor der Pande-
perten-Desk angekündigt wurde, der mie mit ihren Geschäftsmodellen unter
„Und auch in dieser Zeit gilt es, die sich schriftlich äußert. „Wir behelfen Druck geraten waren, wie der statio-
Liquidität durch geeignete Maßnah- uns, indem wir Aktenvermerke den An- näre Einzelhandel, der nicht gleich-
men bestmöglich zu sichern, gegebe- trägen beifügen, in denen wir unsere zeitig E-Commerce betreibt, oder auf
nenfalls mit den staatlichen Hilfspake- Rechtsauffassung gegenüber Bewilli- Verbrennertechnologie ausgerichtete
ten.“ Doch da steckt der Teufel oftmals gungsstellen offenlegen.“ Automobilzulieferer, aber auch die Tou-
im Detail. „Einerseits soll es natürlich ristik, die zu den größten Krisenverlie-
schnell gehen, andererseits macht man Großer Restrukturierungsbedarf rern gehört. „Seit Jahresbeginn bie-
sich schnell strafbar, wenn die Anträge tet zudem das Stabilisierungs- und Re-
falsch ausgefüllt werden.“ Der Haken: Der Wirtschaftsprüfer sieht großen strukturierungsgesetz (Starug) mit sei-
Zweifelsfragen, insbesondere zu ver- Restrukturierungsbedarf vor allem in nen erweiterten finanzwirtschaftlichen
bundenen Unternehmen, würden von
der Hotline des Bundeswirtschaftsmi-
nisteriums nicht verbindlich beantwor-
tet. Als positiv bewertet Beck, dass für
Notfallhandbuch für Unter-
nehmen
Was, wenn der Chef
oder die Chefin plötz-
lich ausfällt? Um den
Betrieb vor unnötigem
Schaden zu bewahren, sollte es für
diesen Fall im Unternehmen einen Not-
fallkoffer geben, der mit Vollmachten,
Vertretungsplan und wichtigsten Doku-
menten gefüllt ist. Die hessischen IHKs
haben ein Notfall-Handbuch erstellt,
das aufzeigt, was in den Notfallkoffer
gehört. Es ist Anregung, Orientierung
und Werkzeug zugleich, damit im Falle
eines Falles Vertrauenspersonen hand-
lungsfähig bleiben.
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 2114 FO KUS T HEM A
lieferer für die Automobilindustrie eben-
Krisen und Insolvenzen vermeiden so wie Kunststoffproduzenten, die von
explodierenden Rohstoffpreisen getrof-
Die Beratungspraxis zeigt, dass in kleinen Unternehmen Risiken oder Bedrohungen häufig fen wurden. „Dieser Kreis ist viel grö-
spät bemerkt werden oder gar unentdeckt bleiben. Höchste Not herrscht dann, wenn aus ßer, als man denkt.“ Und für alle gilt:
einem theoretischen Risiko ein wirklicher Schadens- oder Notfall wird, der den Fortbestand „Cash is King, man darf nicht illiquide
des Unternehmens gefährdet. Der Leitfaden „Probleme erkennen“ soll Unternehmen eine werden.“ In guten Zeiten wisse jeder
Hilfestellung geben, damit aus Problemen keine Krisen werden, die dann zur Insolvenz Unternehmer beim Blick auf sein Konto
führen. www.frankfurt-main.ihk.de/publikationen Leitfaden aus dem Bauch heraus, ob die Liquidität
stimmt. „Aktuell ist das definitiv nicht
der richtige Weg.“
Sanierungsinstrumenten die Chance, zierung, Bad Kreuznach, kommt es
ohne Insolvenzverfahren in die Restruk- während der Krise vor allem auf Offen- Außenstände einfordern
turierung zu gehen“, ergänzt Beck. heit, Kommunikation und Transparenz
75 Prozent der betroffenen Gläubiger an. Wie die Unternehmen ihre Liquidi- „Eine möglichst aktuelle und detaillier-
müssten zustimmen, Akkordstörer kön- tät sichern können, das ist sein Thema. te Liquiditätsplanung mit allen Verpflich-
nen überstimmt werden. Mit dem Ge- „Engpässe treffen ja nicht nur Firmen, tungen, seien es zu erwartende Steuer-
setz sollen die Nachteile einer Insolvenz die direkt etwa vom Lockdown betrof- nachzahlungen aus den guten Jahren
vermieden werden, etwa ein drohender fen sind“, sagt er. Zu seinen Mandanten 2018 und 2019 oder fällige Tilgungen,
Reputationsverlust durch Forderungs- zählen Dienstleister, die zum Beispiel ist unerlässlich“, warnt der Berater. Mit
ausfälle bei Lieferanten, hohe Kosten für die Kulturbranche arbeiten, oder Zu- seinen Mandanten geht der Finanzie-
oder auch Einschränkungen bei der Ent-
scheidungsfreiheit der Geschäftsfüh-
rung.
„Wer nicht schreit, kriegt auch nichts.“
„Cash is King“ Rainer Langen, Inhaber, Rainer Langen und Partner
Mittelstandsfinanzierung
Für Rainer Langen, Inhaber der R
ainer
Langen und Partner Mittelstandsfinan
rungsexperte alle Maßnahmen durch,
die in der Krise helfen können. Sein Rat:
„Wer nicht schreit, kriegt auch nichts.“
Langen ist immer wieder erstaunt, wie
hoch die Außenstände bei vielen klei-
nen und mittelständischen Unterneh-
men (KMU) sind. Das Geld komme
schon, man wolle seine Kunden ja auch
nicht vergraulen, das hört er immer wie-
der. Er rät zu Anrufen in der Buchhal-
tung, zur Verkürzung von Zahlungszie-
len, zum Einholen von Bonitätsauskünf-
ten und als äußerstes Mittel auch zur
Vereinbarung einer Ratenzahlung. „So
bekommt man zumindest etwas.“
Gleichzeitig empfiehlt er, bei Bedarf mit
allen Gläubigern wie Banken, Vermie-
tern, Finanzamt, Lieferanten über eine
Stundung von Zahlungen zu sprechen,
falls nötig. „Reden ist Silber, Schwei-
gen ist Gold“, diese Weisheit hat für
ihn in der Krise keinen Bestand. Langen
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 21EINER VON BEIDEN
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Beratungsförderungen zur
Unternehmenssicherung
Das Beratungsförder-
programm „Förderung
unternehmerischen
Know-hows“ ermög
licht die Bezuschussung eines Berater-
einsatzes. Mit dem Modul „Unter-
nehmen in Schwierigkeiten“ ist ein
Zuschuss in Höhe von 90 Prozent des
Beraterhonorars möglich. Zuständig für
die Umsetzung des Programms ist das
Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhr-
kontrolle (Bafa).
macht viel mehr die Erfahrung, dass
90 Prozent der Beteiligten gesprächsbe-
reit sind. Da macht sich dann auch eine
aktuelle transparente Liquiditätsplanung
bezahlt. „Wer eine Stundung gewähren existierende Strukturen aufsetzen, um eine Bilanzsumme von mehr als zehn
soll, will vernünftige Zahlen sehen und schnell handeln zu können“, sagt der Millionen Euro auswiesen und zwi-
nicht den Eindruck bekommen, dass Jurist. Mit insgesamt rund einer Milliar- schen mehr als zehn und maximal 50
sein Gegenüber schon vor Corona fast de Euro unterstützte das Förderinstitut Millionen Euro umsetzten oder zwi-
pleite war“, sagt der Unternehmer. im Auftrag des Landes hessische Unter- schen 50 und 249 Mitarbeitende be-
nehmen sowie Gesundheitseinrichtun- schäftigten. Während Unternehmer:in-
Digitale Kreditvergabe gen seit Beginn der Corona-Pandemie nen bei den Finanzhilfen des Bundes
im März 2020 in Form von Treuhand- wie November- und Dezemberhilfe
Gute Erfahrungen macht Langen aktuell Darlehen, Krediten, Zuschüssen, Bürg- oder Überbrückungshilfen über zu viel
mit der digitalen Kreditvergabe. Die Kre- schaften und Beteiligungen. Bürokratie, komplizierte Einzelfallrege-
ditnehmer müssten bei den Onlinean-
bietern zwar oft höhere Zinsen in Kauf
nehmen, hätten aber den Vorteil, dass „Auch nach der Coronakrise brauchen die Unternehmen Liquidi-
sie schnell ihren Cashflow verbessern tät, um die Transformation der Wirtschaft weiter voranzutreiben.“
könnten, um in der Krise gegenzusteu- Dr. Michael Reckhard, Mitglied der Geschäftsleitung, Wirtschafts-
ern. Wichtig sei es dabei, die Modalitä- und Infrastrukturbank Hessen
ten für eine vorzeitige Rückzahlung zu
klären. Last, but not least, rät Langen
seinen Mandanten, teure Kontokorrent-
kredite in günstigere Tilgungskredite Hilfsprogramme des Landes lungen, nachträgliche Zugangsänderun-
umzuschulden. gen und insbesondere die schleppende
Um auch 2021 handlungsfähig zu blei- Auszahlung klagen, scheinen die von
Dr. Michael Reckhard sorgt mit der ben, haben das Land Hessen und die der WIBank nach Ausbruch der Pande-
Wirtschafts- und Infrastrukturbank WIBank im Dezember 2020 den Hes- mie gestarteten Landes-Hilfsprogram-
Hessen (WIBank) im Auftrag des Lan- senfonds aufgelegt. Für Bürgschaf- me die Wirtschaft deutlich schneller zu
des dafür, dass die Unternehmen auch ten stehen bis zu fünf Milliarden Euro erreichen.
in der Krise liquide bleiben. „Uns war zur Verfügung, für stille Beteiligungen
es vor allem wichtig, dass wir in engs- bis zu 500 Millionen Euro. Der Fonds „Bei dem Programm Hessen-Mikroli-
ter Abstimmung mit Wirtschaftsförde- dient zur Stabilisierung von Unterneh- quidität etwa wurden die Hilfen anfangs
rern, IHKs, Handwerkskammern, Land men, die im letzten abgeschlossenen nach rund zwölf Tagen bewilligt, kurze
und Hausbanken Hilfsprogramme auf Geschäftsjahr vor dem 1. Januar 2020 Zeit später schon nach fünf bis sechs
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 21K risenmanagement 17
D R EI FR AGEN A N
Melanie Nolte, Vizepräsidentin der IHK Frankfurt,
über Auswirkungen der Coronakrise für die Unternehmen
Frau Nolte, wie ist es Ihnen als Worüber haben Sie sich besonders Sehen Sie mittlerweile Licht am
Kommunikationsberaterin in der geärgert? Tunnelende?
Krise ergangen? Dass die Politik zwar Hilfe für alle ver- Wir hoffen auf die Impfung, aber fi-
Ich hatte Glück mit meinen Auftrag- sprochen hatte, die spezifische Situa- nanziell läuft für viele Kollegen die Zeit
gebern. Aber viele Kollegen meiner tion Soloselbstständiger aber nicht auf davon. Neuerdings gibt es zwar die
Branche nicht, da Budgets enorm ge- dem Radar war. Fast alle Programme Neustarthilfe für Soloselbstständige,
kürzt wurden. Der Cut im Frühjahr decken nur betriebliche Fixkosten ab, aber der Betrag ist gering. So bleibt
2020 war für viele abrupt, im Sommer die bei uns kaum ins Gewicht fallen. vielen nur die Grundsicherung. Wenn
kamen nur zögerlich Aufträge, seit No- Dass wir ohne Umsatz auch unseren man bisher am Markt erfolgreich war,
vember herrscht wieder Stillstand. Lebensunterhalt verlieren, hat man ist das mehr als frustrierend.
nicht bedacht.
Die Fragen stellte Dr. Matthias
Schoder, IHK Frankfurt.
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Zeitalter zu entwickeln. Soll das gelin-
PRAXISTIPPS gen, müssen Unternehmen aus Sicht
von Transformationsberater Pachmajer
in den Aufbau der vier Kompetenzfelder
So können Sie Krisen rechtzeitig erkennen und erfolgreich gegensteuern:
„Kultur, Innovation, Plattform / Technolo-
• Beobachten Sie kontinuierlich die Entwicklung Ihres Unternehmens, um Krisen frühzeitig gie und Netzwerk“ investieren. Konkret
zu erkennen und zu vermeiden. seien zum Beispiel Punkte wie vertrau-
• Auch für kleine und mittlere Unternehmen ist ein Controllingsystem unabdingbar. ensvolle, agile Zusammenarbeit, Kom-
munikation auf Augenhöhe, gegenseiti-
• Reagieren Sie bei ersten Anzeichen einer Fehlentwicklung und warten Sie nicht ab.
ge Information, Fördern von Kreativität
• Überprüfen Sie alle Geschäftsfelder; identifizieren Sie Produkte, Leistungen und Ressourcen, und Innovation, Umgang mit Fehlern,
die den Erfolg gefährden. technologische Grundlagen, modulare
• Klären Sie rechtzeitig Mitarbeiter, Geschäftspartner, Banken und Institutionen über eine IT-Strukturen sowie Aufbau von fairen
Schieflage auf und binden Sie diese ein. Partnerschaften in Angriff zu nehmen.
• Nutzen Sie frühzeitig die Hilfe Dritter. Die IHKs verschaffen Ihnen den Zugang zu Beratungs-
Prioritäten setzen
angeboten und Beratungsförderprogrammen.
Die lange To-do-Liste zeigt: Der Prozess
Tagen“, betont Reckhard. Gewährt wer- Hessen haben wir Förderangebote für braucht Zeit. „Neben dem Commitment
den Darlehen in Höhe von maximal Unternehmen jeder Größenordnung und der Führungsspitze muss sich deshalb
35 000 Euro, die KMU unter Einbindung sind damit sehr gut aufgestellt“, unter- ein spezielles Team dauerhaft mit dem
der Kooperationspartner der WIBank, streicht Reckhard, der damit rechnet, Aufbau dieser Fähigkeiten und der Zu-
wie zum Beispiel der IHK Frankfurt, dass das Land besser als zunächst be- kunft des Unternehmens beschäftigen“,
über ein Onlineportal beantragen kön- fürchtet durch die Krise kommt. ist er überzeugt. Schließlich sei es un-
nen. Die Liquiditätshilfe für hessische erlässlich, Prioritäten zu setzen und da-
KMU, ein gleichfalls unmittelbar nach Wie gut sich die Wirtschaft künftig bei seine Ressourcen im Blick zu behal-
Start der Pandemie aufgelegtes neues entwickelt, hängt nicht zuletzt von de- ten. Als Beispiel aus der eigenen Praxis
Produkt, vergibt seit April 2020 Nach- ren Fähigkeit ab, erfolgreiche nachhal- nennt der d.quarks-Inhaber einen Mittel-
rangdarlehen bis zu 500 000 Euro. „In tige Geschäftsmodelle für das digitale ständler aus der Lebensmittelbranche.
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Hessischen Unternehmen, die sich in
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ratung an. Unternehmensverantwort-
liche werden dabei unterstützt, in
Krisensituationen abzuwägen, was in
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wird von Unternehmen, Kammern,
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ist die Coronakrise für alle Manager glei-
chermaßen mit enormen Herausforde-
rungen verbunden. Die verstärkte vir-
tuelle Zusammenarbeit stellt hohe An-
sprüche an die Kommunikationsfähigkeit
und die Transparenz der Führungskräfte.
„Manche Mitarbeiter haben ihre Chefs
noch nie so oft gesehen wie in den Zei-
ten der Videokonferenzen“, beschreibt
Laubner-Peters den Idealfall. Für die Ex-
geniam-Chefin kommt es vor allem da-
rauf an, trotz der Distanz Nähe und Em-
pathie für den Einzelnen, aber auch für
seine Familie zu zeigen. Mit den Mit-
arbeitern müsse regelmäßig, offen und
transparent kommuniziert werden, um
deren Motivation aufrechtzuerhalten,
sie an das Unternehmen zu binden und
letztlich die Produktivität sicherzustel-
len. „Das wird sich nach der Krise aus-
Der nutzt die Krise, um neue digitale fortgeschrittenen Unternehmen zu ver- zahlen.“
Wege in der Kundenkommunikation zu flachen, suchen wir, falls das bei der
beschreiten. Statt ausschließlich dem ausgeschriebenen Position möglich ist, Arbeitgebermarke stärken
Handel dieses Feld zu überlassen, geht auch in Branchen, die schon mehr Erfah-
der Produzent jetzt via Onlinemarketing rung in der digitalen Transformation ha- Denn der Fach- und Führungskräfte-
direkt auf seine Kunden zu, um so eine ben.“ Wurde eine Führungskraft gefun- mangel bleibt ein Topthema. Die Attrak-
größere Bindung zu erreichen, etwa den, gilt es, die nächste Hürde zu meis- tivität eines Arbeitgebers hänge schließ-
über Koch-Communitys und Influencer. tern: das Onboarding, das am ersten lich nicht zuletzt davon ab, wie die Orga-
Arbeitstag in der Regel vor Ort stattfin- nisation aufgestellt sei, welche Haltung
Recruiting in Coronazeiten
Für Sigrid Laubner-Peters hat das Ge- „Die Mitarbeiter wollen zunehmend wissen, welchen Beitrag
schäftsjahr trotz Corona-Pandemie gut sie zum Unternehmenserfolg leisten können – in der Krise und
begonnen. Zu den Kunden der auf Exe- danach.“
cutive Search spezialisierten Berate- Sigrid Laubner-Peters, persönlich haftende Gesellschafterin,
rin gehören neben der stark leidenden Exgeniam Executive Search Personalberatung
Touristik die von der Krise kaum betrof-
fenen Infrastruktur- und Konsumgüter-
industrien im In- und Ausland. „Für sie det, sich dann aber zumindest teilweise sie zeige und wie sie sich dem Gemein-
suchen und gewinnen wir aktuell vor in den digitalen Raum verlagert. „Auch wohl verpflichtet fühle. „Die Mitarbei-
allem technische und kaufmännische beim Hybrid-Modell kommt es darauf ter wollen zunehmend wissen, wel-
Geschäftsführer, Onlinemarketing- und an, dass sich der neue Mitarbeiter ab- chen Beitrag sie zum Unternehmens-
Vertriebsspezialisten sowie Experten für geholt und aufgehoben fühlt. Gelingen erfolg leisten können, in der Krise und
die Digitalisierung“, sagt die Geschäfts- kann das nur, wenn er in klar strukturier- danach“, ist Laubner-Peters überzeugt.
führerin der im Jahr 2009 gegründeten te Prozesse eingebunden wird, um Kol- Nicht nur für die Mitarbeiter, auch für
Exgeniam Executive Search Personalbe- legen, interne Abläufe und die Unterneh- die Führungskräfte hat die Coronakrise
ratung, Kronberg. menskultur kennenlernen zu können“, die Frage nach dem „Warum“ stärker
sagt die Expertin. in den Fokus der Karriereplanung ge-
Doch vor allem die Digitalisierungs- rückt. Laut einer Ende 2020 veröffent-
profis sind nicht leicht zu bekommen. Nähe trotz Distanz lichten Studie der auf Executive Search
„Es gibt nicht genügend Heroes“, spezialisierten Personalberatung Od-
stellt die studierte Betriebswirtin fest. Unabhängig von den verschiedenen gers Berndtson belegte zwar der „Ein-
„Um die Lernkurve in digital weniger Industrie- oder Dienstleistungszweigen satz der persönlichen Stärken und
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 21K risenmanagement 21
Begabungen“ mit gut 62 Prozent unter Arbeitgeber punkten.“ Ihr Tipp: Mut bei
den Karrieremotivatoren Platz eins. Auf der Auswahl von Führungskräften be-
Rang zwei folgte aber schon die „Sinn- weisen, auch ungewöhnlichen Profilen
haftigkeit der eigenen Aufgabe“, die in und Quereinsteigern eine Chance ge-
den Vorjahren nur Platz vier oder fünf ben.
belegt hatte.
Nicht aus den Augen verlieren dür-
„Nach der Krise ist vor der Krise“ fe man die Zeit nach Ende der Krise,
unterstreicht Reckhard. „Auch dann
Auch die Erwartungen an Agilität und brauchen die Unternehmen Liquidität,
Flexibilität hätten enorm zugenommen, um die Transformation der Wirtschaft
beobachtet Laubner-Peters: „Nach der weiter voranzutreiben.“ Finanzierungs-
Krise ist vor der Krise. Die Arbeitswelt experte Langen rechnet damit, dass
verändert sich in einer immer schnel- im zweiten Halbjahr die Wirtschaft
leren Taktung.“ Darauf müssten die wieder größtenteils normal läuft: D IE AU TO R IN
Unternehmen mutig und zügig reagie- „Geht die Inzidenz weiter zurück,
ren. Als Beispiel nennt die Personalbe- wird der Druck immer größer, die Be-
raterin einen Klienten, der binnen kür- schränkungen zurückzunehmen.“ Re-
zester Zeit seine Produktion von der Al- strukturierungsexperte Beck glaubt
koholherstellung auf die Produktion von allerdings: „So schön wie vor Corona
Desinfektionsmitteln umgestellt habe mit niedriger Arbeitslosigkeit, stabilem
und sich damit gleichzeitig für das Ge- Wachstum und ausgeglichenem Haus- Eli Hamacher
meinwohl engagiere. „So kann das halt wird die Wirtschaftswelt dann Freie Journalistin, Berlin
Unternehmen auch noch als attraktiver nicht mehr sein.“ eh@elihamacher.de
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 2122 FO KUS T HEM A
K R I S ENM A N AGEMEN T
„Der Chef ist tot“
Ein Gespräch mit Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph und B
estsellerautor,
über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Wirtschaft und
Unternehmenskulturen sowie den bevorstehenden digitalen Tsunami.
Herr Indset, die Corona-Pandemie hat Wir reden über digitale Transforma-
uns vor Augen geführt, wie fragil unser tion, künstliche Intelligenz. Dabei tun
global vernetztes Wirtschaftssystem wir so, als verstünden wir, worum es
ist. War das für Sie eine wirklich überra- geht. Aber zu was transformieren wir
schende Erkenntnis? uns eigentlich? Und ist Intelligenz künst-
Nein, ganz und gar nicht. Seit einem lich, wenn sie von Menschen geschaf-
halben Jahrhundert befinden wir uns in fen wurde? Kaum jemand kann diese
einem großen Nickerchen. Nach dem Begrifflichkeiten tatsächlich definieren –
Zweiten Weltkrieg gab es zunächst das wir leben daher in einer Art Pseudo-
deutsche Wirtschaftswunder, in den wissensgesellschaft. Das ist keine gute
„
Siebzigern sollte die Welt globaler wer- Ausgangssituation, denn die eigentliche
den. Lange war Deutschland zwar un- exponentielle technische Beschleuni-
anfechtbarer Exportweltmeister. In der gung, der digitale Tsunami, steht noch
Coronakrise bekam ganz Europa aber bevor. Nur weil wir uns jetzt mit Zoom
umso schmerzlicher zu spüren, was verbinden können oder einen Online-
Wir brauchen mehr Unternehmer, die als Hand
lungshelden mit positivem Beispiel vorangehen“
es heißt, dass wir hier zum Teil lebens- shop aufgebaut haben, ist das noch kein
wichtige Produkte nicht mehr selbst digitaler Wandel. Da braucht es ganz
herstellen. In dieser Phase konnten wir andere Ansätze. Unternehmen müssen
die negativen Symptome der Globalisie- sich mit der Welt auseinandersetzen:
rung nicht wie gewohnt mit Anästhesie Was passiert gerade? Welche innovati-
ausblenden. Die Corona-Pandemie hat ven Technologien, welche Megatrends
uns gelehrt, dass wir in einem Weltdorf gibt es? Nur darauf lassen sich tragfähi-
leben und in einer Interdependenz mit- ge Geschäftsmodelle der Zukunft auf-
einander verbunden sind. Daher können bauen. Viele Unternehmer haben das
wir die posthumanistische Zukunft nur bisher vernachlässigt. Schlussendlich
gemeinsam gestalten. wird es keine Initiative geben, die Unter-
nehmen mit überholten Geschäftsmo-
Seit Monaten ist in den Medien zu le- dellen retten wird. Das ist schade, aber
sen und zu hören, dass die Coronakrise die Dinosaurier starben auch aus.
einen Digitalisierungsschub auch in der
Wirtschaft ausgelöst hat. Teilen Sie die- Kleine und mittelständische Unterneh-
se Ansicht? men sind in puncto Digitalisierung nicht
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 21K risenmanagement 23
Foto: David Hagemann
Anders Indset, Wirtschaftsphilosoph: „Der digitale Tsunami steht noch bevor. Nur weil wir uns jetzt mit Zoom verbinden können oder einen Onlineshop aufgebaut haben, ist
das noch kein digitaler Wandel.“
selten überfordert und können mit Glo- Neues, das stärker ist als die Summe Künftig werden nicht mehr diejenigen
bal Playern kaum Schritt halten. Wo se- einzelner Teile. Unternehmen erfolgreich sein, die hier-
hen Sie dennoch besondere Zukunfts- archisch organisiert sind und deren Ma-
chancen? Welche Führungsqualitäten müssen nager autoritär an starren Denk- und Lö-
Mittelständische Unternehmen müs- Manager in Zukunft mitbringen, um auf sungsmustern festhalten oder Besitz-
sen erkennen, wo sie stark sind, aber diesen vielschichtigen Wandel ange- stände wahren wollen, sondern diejeni-
auch klar definieren, was ihre Daseins- messen reagieren zu können und vor gen, die ihren Mitarbeitenden genügend
berechtigung ist. Sie können nicht allem Mitarbeiter in diese Prozesse ein- Raum geben, damit sich Kollaboration
schlicht von anderen kopieren, son- zubinden? und Co-Kreation entfalten sowie die
dern müssen ihre eigene Intelligenz Niemals zuvor gab es eine solche Wis- Weisheit der Erfahrenen und das frische
und Problemlösungskompetenz vor- sensexplosion wie heutzutage, erwor- Wissen der Jungen miteinander paaren
weisen. In der Ökonomie der Zukunft benes Wissen veraltete noch nie so ra- können.
müssen sich Unternehmen im Sinne sant. Deshalb müssen sich Unterneh-
von Sharing Economy mehr öffnen, men alle fünf bis zehn Jahre komplett Wird die Corona-Pandemie unsere Ge-
auch für Partnerschaften mit Wett- neu erfinden, mit Folgen für das Leader- sellschaft und das Wirtschaftssystem
bewerbern: Es geht um Kooperatio- ship: Denn der selbsternannte Exper- nachhaltig verändern?
nen, also Kollaboration, und ein ge- te, der Chef, ist tot. Der einzige Chef im Vermutlich nicht, dafür war die Corona-
sundes Miteinander von strategischen Unternehmen ist das Projekt, an dem Pandemie – anders als die Spanische
Partnern. Gerade der Mittelstand hat gemeinsam in Teams gearbeitet wird. Grippe oder die beiden Weltkriege –
Chancen, wenn er mit seiner Kompe- Sie bringen dort ihr Know-how und ihre nicht tiefgreifend genug. Allenfalls hat
tenz und Kreativität an große, digitale Kreativität ein und gehen danach wie- sie uns vorübergehend wachgerüttelt.
Ökosysteme andockt und die eigene der auseinander. Es geht nicht mehr da- Denn wenn wir eines aus der Geschich-
Ebene an Intelligenz darauflegt. Dann rum, Mitarbeiter mitzunehmen, sondern te gelernt haben, ist es, dass die Men-
entsteht das Kollektive, etwas großes voneinander und miteinander zu lernen. schen auch sehr schnell wieder verges-
IHK Wir t schaf t s FORUM 04|0 5 . 21Sie können auch lesen