Land in Sicht - Interkulturelle Visionen für Heute und Morgen - Die Förderer - Die Veranstalter

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Land in Sicht - Interkulturelle Visionen für Heute und Morgen - Die Förderer - Die Veranstalter
Die Förderer

                   Dokumentation • 6. Bundesfachkonfress Interkultur • Braunschweig 03 - 05 / 04 / 2017
Die Veranstalter

                                                                                                          Land in Sicht –
                                                                                                          Interkulturelle Visionen
                                                                                                          für Heute und Morgen
Land in Sicht - Interkulturelle Visionen für Heute und Morgen - Die Förderer - Die Veranstalter
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2 | Inhalt                                                                                                                                                                                                      Inhalt | 3

                  Inhalt

                                                                                                                                             Fachforum 1
             4    Vorwort
                                                                                                                                        20   „Europa – Einheit in Vielfalt – Die europäische Gemeinschaft zwischen
                  Tina Jerman | Exile Kulturkoordination Essen
                                                                                                                                             zivilgesellschaftlichen Initiativen und identitären Tendenzen“ | Christian Miess
             6    Einleitung
                  Rolf Graser | Bundesweiter Ratschlag für kulturelle Vielfalt
                                                                                                                                             Fachforum 2
             8    Grusswort                                                                                                             24   „Von Wurzeln und Flügeln – Interkulturelle Kunst und Kulturarbeit
                  Joachim Klement | Generalintendant Staatstheater Braunschweig                                                              im europäischen ländlichen Raum“ | Gabriela Schmitt
                                                                                                                                        26   „TRAFO-Modelle für Kultur im Wandel“ | Harriet Völker
             10   Grusswort
                  Gabriele Heinen-Kljajić | Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur a. D.
                                                                                                                                             Fachforum 3
             12   Grusswort
                  Caren Marks | Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundesministerin                                              28   „Blick zurück nach vorn – Für eine neue Erinnerungskultur
                  für Familie, Senioren, Frauen und Jugend                                                                                   im Migrationsdiskurs“ | Franz Kröger
                                                                                                                                        29   „Grenzen der jüdischen Erinnerungskultur“ | Monty Aviel Zeev Ott
             14   Die Entdecker oder die Entdeckten. Was kam zuerst?
                  Eine literarische Antwort für Menschen ohne Migrationshintergrund                                                     31   „Das Programm Migration und Erinnerungskultur“ | Annemarie Hühne
                  Sharon Dodua Otoo

             18   Heimat in flüchtigen Zeiten – 10 Thesen                                                                                    Fachforum 4
                  Heribert Prantl | Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung und
                                                                                                                                        32   „Ablehnung und Vorurteile überwinden – Handlungsansätze in einer
                  Leiter des Ressorts Innenpolitik
                                                                                                                                             vielfältigen Gesellschaft“ | Jürgen Markwirth
                                                                                                                                        35   Interview | Jürgen Markwirth im Gespräch mit Cacau

                                                                                                                                             Fachforum 5
                                                                                                                                        38   „Gemeinsam Gesellschaft gestalten – Mehrfach-Identitäten in einer
                                                                                                                                             diversen Solidargemeinschaft“ | Breschkai Ferhad/Rolf Graser
                                                                                                                                        41   „Wie geht Einwanderungsland? Deutsch-sein und Superdiversität in der
                                                                                                                                             mehrheitlich Minderheiten-Gesellschaft“ | Jens Schneider

                                                                             Online verfügbar
                                                                                                                                             Fachforum 6
                                                                             zu Fachforum 1
                                                                                                                                        44   „Kann man Wirkung messen? Evaluation als Strategie und Instrument für
                                                                             Oliver Hidalgo, „Populismus, Rassismus, Extremismus –
                                                                                                                                             die Gestaltung kultureller Vielfalt“ | Sabine Schirra
                                                                             eine Gefahr für die Demokratie in Europa?“ PPP
                                                                                                                                        46   „Evaluation in der Entwicklungszusammenarbeit –
                                                                             zu Fachforum 3
                                                                                                                                             ein facettenreiches Lerninstrument“ | Monika Bayr
                                                                             Adnan Softic (PPP/Pdf)
                                                                             Rainer Ohliger, „Der politische und historische Ort der    47   „Warum Ziele in der Kultur“ | Dieter Haselbach
                                                                             Migration“ (Pdf)

                                                                             zu Fachforum 4
                                                                                                                                             Abschluss
                                                                             Daniela Krause, „Gespaltene Mitte – Feindselige
                                                                             Zustände“ PPP                                              53   „Willst Du Dein Land verändern… – Herausforderung für eine moderne
                                                                             Thomas Müller, Projektvorstellungen „Communication              Einwanderungsgesellschaft“ | Lamya Kaddor
                                                                             for Integration“ und „Stimme für Vielfalt“
                                                                                                                                        59   Bericht zum Intercultural Slam | Laura-Helen Rüge
                                                                             zu Fachforum 6
                                                                                                                                        59   Bericht Theatersport Berlin | Laura-Helen Rüge
                                                                             Sabine Schirra „WIR! Ein transkulturelles Jugendprojekt“
                                                                             (PPP)                                                      64   Akteur*innen und Referent*innen
Land in Sicht - Interkulturelle Visionen für Heute und Morgen - Die Förderer - Die Veranstalter
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     Vorwort
     Tina Jerman und Gabriela Schmitt

     Der 6. Bundesfachkongress Interkultur, der unter dem        Interkultur: Die thematische Programmgestaltung            Alltag von Kommunen und den lokalen Akteuren aus?            sionen, präsentiert sowohl vom Staatstheater Braun-
     Motto „Land in Sicht. Interkulturelle Visionen für heute    und das begleitende Kulturprogramm entstanden in           Und, um Veränderungsprozesse und Wirkungen die-              schweig, auch von vielen Kultureinrichtungen der Stadt
     und morgen“ vom 3. bis 5. April 2017 in Brauschweig         enger Zusammenarbeit mit vielen Akteur*innen, dem          ser Arbeit zu bewerten: Wie lassen sich die Ergebnisse       und Künstler*innen aus der Region. Das letzte Wort
     stattfand, steht in der Reihe der, vom Bundesweiten         Staatstheater Braunschweig und zahlreichen Kultur-         messen und belegen?                                          aber hatte die Kabarettistin Idil Baydar, bekannt ge-
     Ratschlag Kulturelle Vielfalt, alle zwei Jahre veranstal-   institutionen vor Ort und ebenso mit der Zivilgesell-      In dem unterhaltsamen Format des Intercultural Slam          worden u.a. mit ihrer Kunstfigur Jilet Ayse, mit einem
     teten Kongresse und Fachtagungen. Der Ratschlag             schaft, vertreten beispielhaft durch das dortige Haus      präsentierten sich am Ende des zweiten Tages einen           ironischem „Kehraus“ ein kleines Feuerwerk mit Sze-
     Kulturelle Vielfalt, ein Bündnis interkulturell aktiver     der Kulturen. So konnte auch ein besonderer aktueller      Reihe von Projekten und Initiativen, die belegen, dass       nen aus dem interkulturellen Alltag präsentierte.
     Initiativen und Institutionen, besteht seit 2004 und        Schwerpunkt im Flächenland Niedersachsen, die in-          gerade künstlerische Interventionen ein großes Poten-        Mit „Land in Sicht“ haben wir bewusst ein optimis-
     verfolgt das Ziel, den migrationsbedingten Wandel           ter-kulturelle Versorgung im ländlichen Raum, und die      tial haben, auf Missstände aufmerksam oder tatsäch-          tisches Motto des Kongresses gewählt. Wir wollten
     in Deutschland öffentlich und reflektierend zu be-          konkrete, potentialorientierte Umsetzung interkultu-       lich Vielfalt erlebbar zu machen.                            Raum für Visionen schaffen und Visionen Raum ge-
     gleiten und mit seinen Chancen und Potenzialen zu           reller Strategien und Konzepte zur Diskussion gestellt     Mit ihrem Impuls-Beitrag „Willst Du Dein Land ver-           ben, allerdings wurde zumeist von den Realitäten her
     gestalten.                                                  und so die jeweiligen lokalen Fragestellungen einge-       ändern – Herausforderung für eine moderne Einwan-            diskutiert.
     Ziel der Bundesfachkongresse ist es, die unterschied-       bunden werden.                                             derungsgesellschaft“ ging die Islamwissenschaftlerin         Aber der Wunsch nach Visionen und neuen gesell-
     lichen Diskurse im Bereich kulturelle Vielfalt zusam-       Angesichts der großen Zahl von Geflüchteten, die im        Lamya Kaddor am dritten Tag auf die konkreten Bedarfe        schaftlichen Rahmungen ist, wie wir gehört haben,
     menzuführen und Fragen nach den Perspektiven un-            Jahr 2015 nach Deutschland gekommen waren, stan-           und Anforderungen an ein multi-kulturelles und multi-        groß. Wir als Ratschlag Kulturelle Vielfalt möchten
     serer diversen Gesellschaft zu stellen. Theoretische        den mit den beiden Beiträgen der Autorin Sharon Otoo       religiöses Zusammenleben in Deutschland ein.                 diese Dialoge und Diskurse in unserer Arbeit vertiefen.
     und praktische Fragestellungen werden in Keynotes,          „Die Entdecker oder die Endeckten – Was kam zuerst?“       Alle Teilnehmer*innen des Kongresses „Land in Sicht“         Neben der Vorbereitung des nächsten Bundesfachkon-
     Fachforen und Diskussionsrunden behandelt. Künst-           und des Journalisten Heribert Prantl „Heimat in flüch-     waren im Anschluss dazu eingeladen, sich im „Club der        gresses werden wir die nun jährlichen Ratschlag-Tref-
     lerische Beiträge ergänzen die Kongressinhalte und          tigen Zeiten“ gleich zwei grundlegende, bewegende          Visionäre“ einzufinden und gemeinsam darüber nach-           fen um das Format der Denkwerkstatt – eines Think
     beleuchten die vielfältigen Themenstellungen mit äs-        Themen im Raum: die Frage nach den bis heute spür-         zudenken und zu spinnen, wie die Zukunft eines „bun-         Tanks – erweitern. Für mehr Informationen laden wir
     thetischen Mitteln.                                         baren Folgen des Kolonialismus und die Frage sowie         ten“ Deutschland aussehen könnte. Viele von ihnen,           zu einem Besuch unserer neuen Website www.rat-
     Die wesentlichen Ergebnisse des 6. Bundesfachkon-           der Versuch einer Bilanz, wie unsere Gesellschaft, die     darunter zahlreiche Aktivist*innen vor Ort, aber auch        schlag-kulturelle-vielfalt.de ein.
     gresses sind nun in dieser Dokumentation in chrono-         Institutionen und die vielen zivilen Initiativen mit dem   Vertreter*innen von Kommunen und Kultureinrich-              Aber jetzt heißt es „Dankeschön“ zu sagen, für tat-
     logischer Reihenfolge zusammengefasst und können            Menschenrecht auf Asyl umgehen.                            tungen, professionelle Sprecher von politischen oder         kräftige, fröhliche und unermüdliche Unterstützung
     darüber hinaus auch unter www.bundesfachkongress-           Die Themen der Fachforen deckten ein breites Spek-         Interessensverbänden, konnten hier spontan, präzise          bei der Umsetzung des 6. Bundesfachkongress Inter-
     interkultur-2017.de eingesehen werden. Wir freuen uns,      trum ab: Wie umgehen mit einem Europa der gegen-           und streitbar ihre Visionen, die sie aus ihrer eigenen ge-   kulturdurch das Team des Haus der Kulturen Braun-
     diese Dokumentation den 400 Teilnehmer*innen des            sätzlichen Richtungen in Umgang mit Vielfalt? Wie          sellschaftlichen Arbeit entwickelt haben, vorbringen:        schweig, Christiana Antonelli, Wiebke Graupner, Georg
     Kongresses als Erinnerungsstütze und allen weiteren         kann die inter-kulturelle Versorgung im ländlichen         Der Kongress hatte hier, unterstützt vom Berliner Im-        Halupcok und den zahlreichen Mitdenker*innen und
     Interessierten als Fundgrube für fachliche Anregungen       Raum aussehen? Wie gestaltet sich Erinnerungskultur        provisationstheater Theatersport, das Wort.                  Unterstützer*innen.
     zur Verfügung stellen zu können.                            in einem vielfältiger werdenden Land? Wie arbeiten         Der gesamte 6. Bundefachkongress wurde begleitet von
     Der 6. Bundesfachkongress spiegelt die aktuellen na-        Vorurteile und Rassismen und wie können wir dage-          einem vielseitigen, interkulturellen Rahmenprogramm,
     tionalen und internationalen Diskurse zum Thema             gen angehen? Wie sieht die Gestaltung von Vielfalt im      mit zahlreichen Konzerten, Darbietungen und Exkur-
                                                                                                                                                                                           Tina Jerman
                                                                                                                                                                                           Gabriela Schmitt
                                                                                                                                                                                           Sprecherrat des Bundesweiten Ratschlags Kulturelle Vielfalt

                                                                                                                                                                                           In dieser Dokumentation wird der im April 2017
                                                                                                                                                                                           erreichte Diskussionsstand wiedergegeben, die Posi-
                                                                                                                                                                                           tionen einzelner Autorinnen und Autoren können
                                                                                                                                                                                           sich in der Zwischenzeit verändert haben.
Land in Sicht - Interkulturelle Visionen für Heute und Morgen - Die Förderer - Die Veranstalter
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     Eröffnungsrede
     Rolf Graser

     Mit dem diesjährigen Motto „Land in Sicht“ haben wir       sent ist, samt der sie immer wieder erneuernde Zivilge-     Mekonnen Mesghena als Kongressbeobachter beim
     bewusst einen optimistischen Titel für den diesjäh-        sellschaft, ein Teil davon ist heute hier in Braunschweig   letzten Bundesfachkongresses in Mannheim eindrück-
     rigen Kongress gewählt. Für alle, die von Afrika nach      versammelt. Es sind hier bei diesem Kongress vor allem      lich hingewiesen.
     Europa fliehen, ist es nicht nur lebensrettend, sondern    die Praktiker, die interkulturell Aktiven versammelt.       Wer den Menschen und seine Würde in das Zentrum
     auch Inbegriff einer großen Hoffnung, wenn endlich         Und wenn wir von Optimismus reden, dann ist dies            des Diskurses stellt, muss auch die soziale Frage stellen.
     Europa, also „Land“ in Sicht ist. Aber auch für uns, die   der „Optimismus des Handelns“, zum dem aber auch,           Das Auseinanderklaffen von Arm und Reich hat welt-
     wir eigentlich gesättigt in Europa, in diesem „Land der    engstens miteinander verhakt, der „Pessimismus des          weit, aber auch in Deutschland eine noch nie dagewe-
     Verheißung“ leben, ist Perspektivlosigkeit, in jeglicher   Wissens“ gehört. Denn natürlich dürfen wir all die Ge-      sene Dimension erreicht. Niemand kommt mehr daran
     Hinsicht, lähmend.                                         fahren für Diversität und Demokratie nicht negieren.        vorbei, sich damit zu beschäftigen. Die soziale Frage
     Ein optimistischer Titel in einer Zeit, die eigentlich     Aber unsere Aktivitäten, unsere Arbeit muss vom Op-         muss deshalb zum festen Bestandteil einer jeden Diver-
     eher den Pessimisten Recht zu geben scheint. Doch,         timismus gespeist sein.                                     sitätspolitk werden. Noch tut sich hier viel zu wenig,
     ohne Rechtspopulismus, Ausgrenzung und all die has-        Natürlich müssen wir uns all diesen, unsäglichen Dis-       vielleicht auch deshalb, weil ein Großteil derjenigen,
     serfüllten und vom Gift des Rassismus getränkten           kussionen stellen, in denen Selbstverständnisse und         die hier aktiv werden könnten, selbst das Privileg ge-
     Auseinandersetzungen hier und auf der ganzen Welt          Selbstverständlichkeiten wieder in Frage gestellt wer-      nießt, sich auf der Sonnenseite des Lebens zu tummeln.
     auch nur eine Sekunde verharmlosen zu wollen, dieser       den. Aber: wir dürfen auch nicht in reinen Abwehrde-        Um interkulturelle Visionen für heute und morgen zu
     zunehmend um sich greifende Pessimismus ist auch           batten verharren. Wir können nichts bekämpfen, ohne         entwickeln, ist das Zusammenführen all dieser Hand-
     ein mediales Produkt, forciert von deren, die ein fried-   gleichzeitig eigene glaubwürdige Alternativen vorwei-       lungsfelder erforderlich: Kulturpolitik, Integrationspo-
     liches und solidarisches Miteinander nicht „schaffen“      sen zu können. Wir müssen gerade in den aktuellen De-       litik, Antidiskriminierungsarbeit, alle Nuancen interkul-
     wollen und uns allen suggerieren, dass dies auch nicht     batten den Blick wieder mehr nach vorne richten und         turellen Schaffens, und natürlich die Sozialpolitik und
     zu schaffen sei.                                           eigene starke interkulturelle Visionen entwickeln, Visi-    die Sozialarbeit, all das muss zusammengeführt und
     Dabei sind kulturelle Vielfalt und Mehrfach-Identi-        onen, die nicht nur das „Morgen“ beschreiben, sondern       zusammen gedacht werden. Und genau deshalb gibt
     täten längst Realität, was nicht zuletzt deutlich wur-     stets auch einen Bezug zum „Heute“ haben und: es gilt,      es auch den Bundesfachkongress Interkultur und den
     de, als die große Anzahl von Geflüchteten, vor allem       Wege aufzeigen, wie Visionen zu Realitäten werden           Ratschlag kulturelle Vielfalt: Das Zusammenführen all
     aus arabischen Ländern, zu uns kam. Von vielen wurde       können, diversitätsorientiert und antirassistisch.          dieser verschiedenen gesellschaftspolitischen Diskur-
     dies als unüberwindbarer Kulturschock hochstilisiert.      Kunst und Kultur nehmen hierbei eine Schlüsselfunk-         se war schon von Anfang an, bereits beim ersten Kon-
     Aber Deutschland, und da gehören alle, ausnahmslos         tion ein, nicht zuletzt da sie an menschlichen Fähigkei-    gress, den wir 2006 in Stuttgart organisierten, das Ziel
     alle Menschen dazu, die hier leben, dieses neue und        ten und Stärken ansetzen und nicht die Defizite beto-       und die Stärke des Kongresses. Hier sollen sich alle tref-
     bunte Deutschland ist heute wesentlich vielfältiger        nen. Die gleichberechtigte Teilhabe aller Bürger*innen      fen und austauschen: die Kulturarbeiter*innen mit den
     und besser auf die Neuankömmlinge vorbereitet, als         jenseits von Herkunft, Geschlecht und sozialer Lage         Integrationspolitiker*innen, die Sozialarbeiter*innen
     z.B. zu Zeiten des sogenannten Gastarbeiter-Zuzugs;        ist ein weiterer zentraler Pfeiler unserer Arbeit, aber     mit den Antidiskriminierungsstellen, die Migranten-
     denn damals war Deutschland tatsächlich noch sehr          wohl eher die Beschreibung einer Vision als der Reali-      organisationen mit Repräsentant*innen staatlich ge-
     homogen „ursprungsdeutsch“. Damals gab es z.B. weit        tät. Denn nicht jeder, der verbal für Gleichberechtigung    förderter Hochkultur.
     weniger Menschen, die ordentlich Spagetti kochen           eintritt, ist auch bereit, hierfür Macht, Einfluss und      Lassen Sie uns also gemeinsam, und damit meine ich
     konnten, als es heute Deutsche mit perfekten Ara-          eigene Gestaltungsspielräume abzugeben. Dass sich           wirklich alle Teilnehmer*innen, Impulse setzen und
     bisch-Kenntnissen gibt.                                    die kulturell vielfältige Realität weder in Ausschüssen     Handlungsempfehlungen entwickeln. Tauschen Sie
     Diversität ist jetzt schon bundesdeutsche Realität         und Gremien, noch auf der Leitungsebene widerspie-          sich aus in den nächsten drei Tagen, vernetzen Sie sich,
     und: Diversität hat ein Potential und eine Dynamik,        gelt, hat auch mit diesem Nicht-Abgeben-Wollen von          damit wir, trotz allem Wissen über die Probleme dieser
     die letztlich stärker ist als all die vergangenen Zeiten   Macht zu tun. Das Machtgefüge, dessen Bestandteil           Welt, als optimistisch Handelnde feststellen können:
     angehörenden Abgrenzungsideologien, zumindest so-          man selbst ist, muss stets selbstkritisch reflektiert       „Land in Sicht!“

                                                                                                                                      g
     lange unsere Demokratie lebt, noch lebendig und prä-       und angegangen werden. Hierauf hat übrigens auch

                                                                                                                                     n
                                                                                                                              Rolf Graser
                                                                                                                              Sprecherrat des Bundesweiten Ratschlags Kulturelle Vielfalt

                                                                                                                                  fnu
                                                                                                                               röf
                                                                                                                              E
Land in Sicht - Interkulturelle Visionen für Heute und Morgen - Die Förderer - Die Veranstalter
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     Grusswort
     Joachim Klement

     Meine sehr verehrten Damen und Herren,                      und häufig genug: Hass. „Über den Hass“ ist der Titel        aber bestärkt es uns in der Hoffnung, dass wir die
     wir freuen uns sehr, dass Sie heute bei uns zu Gast         eines Buches der Publizistin und Philosophin Carolin         Verhältnisse lenken, nicht umgekehrt. Ich hoffe,
     sind. Seien Sie herzlich willkommen zur Eröffnung des       Emcke, die 2016 mit dem Friedenspreis des Deutschen          dass es uns mit den Partnerinnen und Partnern und
     6. Bundesfachkongresses Interkultur: „Land in Sicht –       Buchhandels ausgezeichnet wurde.                             den unterschiedlichen Netzwerken auch in diesem
     Interkulturelle Visionen für heute und morgen“ ist das      Sie schreibt: „Vielleicht ist es die wichtigste Geste ge-    Jahr wieder gelingt, möglichst viele Menschen aus
     Thema. Er findet in diesem Jahr parallel zur 6. Themen-     gen den Hass: sich nicht vereinzeln zu lassen. Sich nicht    verschiedensten Kulturkreisen, Milieus und Gene-
     woche Interkultur am Staatstheater Braunschweig             in die Stille, ins Private, ins Geschützte des eigenen Re-   rationen für das Theater, die Kunst, den kulturellen
     statt. Seit 2012 gibt es dieses besondere Format am         fugiums oder Milieus drängen zu lassen. Vielleicht ist       Austausch und vor allem aber den jeweils Anderen
     Staatstheater, einem Haus, an dem täglich Menschen          die wichtigste Begegnung die aus sich heraus. Auf die        zu begeistern.
     aus 28 Nationen zusammen arbeiten. Was mit einem            Anderen zu. Um mit ihnen gemeinsam wieder die sozi-          Ein herzlicher Dank gilt dem Bundesweiten Ratschlag
     verlängerten Wochenende begann, um die interkultu-          alen und öffentlichen Räume zu öffnen.“                      Kulturelle Vielfalt, dem Forum der Kulturen Stuttgart
     rellen Aktivitäten des Hauses zu bündeln und mit Gast-      Was bedeutet Interkultur heute? Wie lebt man Viel-           und dem Haus der Kulturen Braunschweig als Veran-
     spielen und Gesprächen zu ergänzen, hat sich durch          falt? Was braucht es für kulturelle Teilhabe? Und            stalter, – und er gilt den Förderern: Dem Niedersäch-
     die Kooperation mit vielen Partnern, internationalen,       welche Aufgaben stellen sich für die Zukunft in einer        sischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur, der
     regionalen und besonders lokalen, zu einem Festival         vielleicht komplexer werdenden Gesellschaft? Diese           Stadt Braunschweig, der Stiftung Niedersachsen, der
     im Wochenumfang entwickelt. Axel Preuß, hier lang-          Fragen stehen im Zentrum Ihrer Arbeit aber auch des          Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz und dem
     jähriger Chefdramaturg und heute Schauspieldirektor         vielfältigen Themenwochen-Programms.                         Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
     am Staatstheater Karlsruhe, hat wesentlich zum Erfolg       Dazu gehören unter anderem: Die Premiere von »Na-            Jugend.
     beigetragen. Ihm ist auch die Initiative für die Ausrich-   dia«, ein Stück über eine junge europäische IS-Sympa-        Ich wünsche Ihnen und uns einen spannenden Auf-
     tung des Bundesfachkongresses in Braunschweig zu            thisantin, das Bestandtteil einer internationalen Koo-       takt, erfolgreiche und informative Begegnungen, an-
     verdanken. Als wir 2012 anfingen, befanden wir uns          peration der ETC mit Theatern aus Amsterdam, Oslo,           regende Foren, viele neue Eindrücke und dem Bundes-
     in der meist politisch funktionalisierten Debatte über      Parma, Liege und Berlin ist.                                 fachkongress damit gutes Gelingen.
     Parallelgesellschaften und gescheiterte Intergration        Das mit Hilfe des Bundesfachkongress Interkultur             Haben Sie eine gute Zeit bei uns und in Braunschweig.
     bis hin zur Beschwörung vom Untergang des Abend-            ermöglichte Gastspiel der großartigen ukrainischen           Vielen Dank.

                                                                                                                                                                       g
     landes. Die schlichte Frage stand im Raum, was das          Frauen-Band Dakh Daughters heute Abend hier im
     Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen            Großen Haus, – sie kommen gerade von einem Gast-

                                                                                                                                                                      n
     Kulturkreisen eigentlich bedeutet? Wie offen oder ab-       spiel aus Hellerau. Oder: Ein Grenzen überwindendes

                                                                                                                                                                     u
     weisend ist die sogenannte Mehrheitsgesellschaft?           Konzert mit Mitgliedern des Staatsorchesters, dem
     Wie verändert Einwanderung eine Gesellschaft oder           »Welcome Board Ensemble« des Musiklandes Nie-

                                                                                                                                                                    n
     fordert sie heraus?                                         dersachsens und weiteren Gästen.

                                                                                                                                                                   f
     Fünf Jahre später sind die Fragen dringlicher geworden.     Das Theater ist einer der wichtigsten, frei gestaltbaren

                                                                                                                                                                  f
     Viele Menschen fliehen vor Perspektivlosigkeit, Armut       Räume unserer Demokratie, ein Labor sozialer Fantasie.
     und Krieg und suchen Zuflucht in Europa. Die Zuwan-         Jenseits von Ideologie kann hier die Debatte um die

                                                                                                                                                                 ö
     derung erfüllt viele Menschen mit Sorge. Populistische      Frage, wie wir leben wollen, vorbehaltlos geführt wer-

                                                                                                                                                               Er
     Parteien in Deutschland und Europa schlagen daraus          den. Theater besteht aus Differenzierung, weil es nur           Joachim Klement
     Kapital und propagieren die Ausgrenzung von allem           so der Wahrheit zu ihrem Recht verhelfen kann, und es           Intendant Staatstheater Braunschweig
     Abweichenden und Fremden. Aus Vielfalt wird Einfalt         stellt Entwürfe vor – Lebensentwürfe. Vor allem                 bis Spielzeit 2016/2017
Land in Sicht - Interkulturelle Visionen für Heute und Morgen - Die Förderer - Die Veranstalter
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       Grusswort
       Gabriele Heinen-Kljajić �

       Herzlich willkommen zum 6. Bundesfachkongress In-           schaftlich ableiten lassen: Aufgrund der demogra-             sichern. Es geht nicht darum, Kulturgewohnheiten zu         Eingang in die Angebote von Kunst und Kultur? Und
       terkultur hier in Braunschweig. Wir freuen uns, mit         fischen Entwicklung brauchen wir Zuwanderung. Der             ändern oder einen Kanon zu vermitteln, es geht nicht        welche Rahmenbedingungen müssen wir schaffen,
       Ihnen gemeinsam über das Thema Interkultur disku-           Fachkräftemangel braucht Zuwanderung. Aber die                um eine Gebrauchsanweisung für den deutschen Kul-           um das Kreativitätspotenzial der Zuwanderung und
       tieren zu können, denn der Ansatz der Interkultur spielt    gesellschaftlich-zivilisatorisch positiven Effekte von        turbetrieb. Es geht darum, Wünsche und Erwartungen          der sozialen Öffnung unserer Kultureinrichtungen
       in Niedersachsen eine große Rolle.                          Migration wirken viel tiefer. Denn Kulturen entwickeln        der Migrantinnen und Migranten wahrzunehmen und             wirklich auszuschöpfen? Wir haben bei all den regio-
       Was verbirgt sich hinter dem Ansatz der Interkultur?        sich immer nur dann weiter, wenn sie Impulse von au-          auszuhandeln, wie diese Erwartungen erfüllt werden          nalen Foren, die wir als Ministerium im letzten Jahr in
       Erst mal beschreibt er eine demografische Realität.         ßen erhalten und wenn sie sich austauschen. Und weil          können. Und es geht darum, sie mit ihren Erfahrungen        unterschiedlichen Städten ausgerichtet haben, eines
       Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten, ins-        das immer schon so war, gibt es auch keine klaren kul-        und Lebenswelten vorkommen zu lassen. Denn junge            gelernt: Der Ansatz der Interkultur funktioniert, wenn
       besondere in den letzten Jahren, immer bunter und in-       turellen Grenzen oder Zuordnungen.                            Menschen, die hier aufgewachsen sind und sich für           Aufnahmegesellschaft und Migrant*innen miteinan-
       ternationaler geworden. Allein in Braunschweig leben        Kulturen sind immer hochgradig miteinander verfloch-          den IS rekrutieren lassen, Menschen mit türkischen          der, statt übereinander reden und wenn wir erkennen,
       fast 60.000 Menschen aus über 150 Nationen. Inzwi-          ten und nie statisch, sondern immer in Bewegung. Die          Wurzeln, die seit Jahrzehnten hier leben und trotzdem       dass beim Aufeinandertreffen verschiedener Kulturen
       schen hat jede fünfte Person, die in Deutschland lebt,      Idee einer Leitkultur ist deshalb nicht nur ein politischer   glauben, dass Herr Erdogan ihre Interessen besser ver-      nicht nur Divergenzen, sondern immer auch Anschluss-
       einen sogenannten „Migrationshintergrund“. In West-         Irrweg, sondern auch völlige Illusion. Kunst und Kultur,      tritt, als Frau Merkel, Herr Schulz oder Herr Steinmeier,   möglichkeiten bestehen.
       deutschland gilt das für jede vierte Person, bei den Kin-   die Kulturpolitik und die Kultureinrichtungen haben           zeigen was passiert, wenn man das nicht tut.
       dern unter fünf Jahren bereits für gut ein Drittel. Das     eine ungemein wichtige Bedeutung: Denn Kunst und              Wir versuchen hier in Niedersachsen aus den Fehlern
       alles ist aus der Perspektive der Menschheitsgeschich-      Kultur können diesem Austausch, dieser gegensei-              der Vergangenheit zu lernen. Alleine für die in Nie-
       te ziemlich gewöhnlich, denn unsere Geschichte war          tigen Befruchtung, einen Ermöglichungsort anbieten.           dersachsen gestrandeten Flüchtlinge stellen wir in
       immer schon eine Geschichte der Migration. Dass Ar-         „Interkultur“, „Transkultur“, „Cross Culture“, all diese      meinem Haus in den kommenden Jahren jährlich über
       mut und Krieg die treibenden Kräfte solcher Migration       Begriffe beschreiben eben diesen Austausch, diese             50 Millionen Euro zur Verfügung: Für Sprachkurse, für
       sind, ist übrigens auch nicht neu.                          Durchmischung und diese gegenseitige Befruchtung.             Grundbildungskurse und den zweiten Bildungsweg,
       Ein Blick in die Geschichte macht ebenfalls deutlich:       Diese neuen Ansätze sind auch die Antwort auf eine            und eben für den Bereich Kultur. Und wir unterschei-
       Dort, wo es zu einem Austausch auf Augenhöhe                in Deutschland, und nicht nur hier, über Jahrzehnte           den beim Zugang zu unseren Maßnahmen übrigens
       kommt, entwickelt die Migration immer positive Kräf-        falsch verstandene Vorstellung einer Integrationspoli-        nicht nach Herkunftsland oder Aufenthaltsstatus.
       te. Dort wo Kulturen sich gegenseitig durchdringen,         tik, die das Anpassen, das „Assimilieren“ zum Ziel hat-       In der Kultur fördern wir Projekte zur Integration für
       schaffen sie permanent Neues. „Partizipation“, „Diver-      te und die die Integrationsleistung ausschließlich bei        Flüchtlinge. Wir finanzieren dreimonatige Praktika,
       sität“, „Interkultur“ oder „Transkultur“ sollten deshalb    den Zugewanderten, nicht aber bei der Aufnahmege-             einjährige Stipendien, ein FSJ Kultur für Flüchtlinge
       selbstverständliche Leitlinien jeder Kulturpolitik zu       sellschaft gesehen hat. Kunst und Kultur haben dabei          und wir fördern Ausbildungs- und Arbeitsplätze, denn
       jeder Zeit sein. Diese positiven Effekte der gegensei-      in der Vergangenheit keine Ausnahme gemacht. Im               Kultur ist auch ein großer Arbeitgeber. Wir sind jeden-
       tigen Durchdringung sind so stark, dass sie selbst unter    Gegenteil: Gerade unsere Kultureinrichtungen, allen           falls der Überzeugung, dass es die Aufgabe von lan-
       schwierigen Bedingungen Wirkung entfalten.                  voran die großen Einrichtungen wie Theater und Mu-            desgeförderten Kulturinstitutionen ist, interkulturell
       Bei allen Defiziten und allen Fehlern, die wir als Auf-     seen, stehen symbolhaft für das Versagen kultureller          zu denken, zu handeln und zu arbeiten; und wir sind
       nahmegesellschaft in Sachen Teilhabe und Chancen-           Teilhabe. Und in Sachen Öffnung der Häuser für brei-          der Überzeugung, dass sich gerade Kunst und Kultur
       gleichheit gemacht haben - und immer noch machen:           tere Schichten, auch für Migrantinnen und Migranten,          in besonderem Maße als Aushandlungsort eignen, zur
       Einwanderung hat unser Land bereichert, sie hat unse-       gibt es noch viel zu tun. Denn in der Praxis wird kul-        Beantwortung der Frage, wie wir miteinander leben
       re Gesellschaft verändert, und sie hat sie weltoffener      turelle Teilhabe immer noch allzu häufig als Kulturver-       wollen. Schließlich ist es das Wesen der Künste, ande-
       gemacht. Nicht zuletzt die breit getragene zivilgesell-     mittlung im Sinne eines vertraut Machens mit dem              re Perspektiven einzunehmen und dem vermeintlich
       schaftliche Hilfsbereitschaft gegenüber Flüchtlingen        bestehenden, tradierten Kulturbetrieb und seinen              Fremden Raum zu geben.
       zeigt, dass unsere Gesellschaft Einwanderung endlich        Angeboten verstanden. Partizipation ist aber kein In-         Ich wünsche diesem Kongress, dass er Antworten                 Gabriele Heinen-Kljajić
       als Herausforderung annimmt, auch weil sie darin eine       strument, die Vormachtstellung der Kultur der Aufnah-         findet auf die Fragen: Wie finden die Bedürfnisse der          Niedersächsische Ministerin für Wissenschaft und Kultur
       Chance sieht. Diese Chance mag sich auch volkswirt-         megesellschaft gegen eingewanderte Kulturen abzu-             Migrant*innen, ihre Biographien, ihre Lebenswelt               bis November 2017

                                                                                                                                                                                        ung
Land in Sicht - Interkulturelle Visionen für Heute und Morgen - Die Förderer - Die Veranstalter
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       Grusswort
       Caren Marks

       Sehr geehrte Damen und Herren,                              turkreisen kommen, ist kein Selbstläufer. Damit dieser       Geflüchteten und Neuzugewanderten verlangen, lei-            Rahmen für einen lockeren Austausch. Und auf der De-
                                                                   Schritt gelingt, brauchen wir Integrations- und Sprach-      der auch für manche aus unserer Mitte keine Selbst-          mokratie-Konferenz, die vor zwei Wochen im Braun-
       I. Ich freue mich, heute hier in Braunschweig zu sein,      kurse, Angebote zur Nachqualifizierung, Arbeits- und         verständlichkeit mehr sind.                                  schweiger Rathaus stattfand, sind mit Sicherheit neue
       einer Stadt, in der Interkulturalität gelebt wird, ge-      Ausbildungsplätze. Und wir müssen den Menschen,              Weil das Vertrauen in unsere Demokratie sinkt und            Ideen für Projekte geboren worden, die bald unsere
       stern und heute. Ein Beleg dafür ist der Interkulturelle    die dauerhaft bei uns bleiben wollen, offen sagen, was       sie angegriffen wird. Einige von Ihnen haben das wo-         Demokratie stärken werden.
       Stadtplan der Stadt. 1971 wurde in Braunschweig der         wir als Gesellschaft von ihnen erwarten: Die Achtung         möglich schon erlebt. Übergriffe auf Minderheiten,           Diese Beispiele zeigen in ihrer Vielfalt, worum es geht:
       städtische Arbeitskreis für die Probleme ausländischer      unserer Gesetze, die Akzeptanz zentraler Werte wie           Geflüchtete und Engagierte nehmen zu, ob auf der             Wir müssen Demokratie leben! Vor Ort, ganz konkret.
       Arbeiter gegründet. Er war von Anfang an zu 50 Pro-         Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und die Gleichbe-        Straße, im Sportverein oder im Einkaufsladen. Dem            Diese Botschaft werden wir in den kommenden Wo-
       zent mit Migrant*innen besetzt. 10 Jahre später rich-       rechtigung von Frau und Mann. Aber das alleine macht         müssen wir uns klar und entschieden entgegenstellen.         chen unter dem Motto „Wer, wenn nicht wir?“ in die
       tete der „Förderkreis für ausländische Arbeitnehmer“        noch keine erfolgreiche Integration. Vieles fängt im         Wir müssen uns fragen: In was für einem Land wollen          Fläche tragen: mit Plakaten, auf Litfaßsäulen, in der
       eine „Einschulungshilfe für ausländische Kinder“ ein.       Kleinen an, im Dialog, wenn Menschen auf andere              wir leben? Ich will in einem weltoffenen Land leben,         Online-Kommunikation, denn Demokratie ist keine
       Dort wurden die Kinder auf den Schulbesuch vorberei-        Menschen zugehen, ihnen die Hand reichen und ihnen           in dem alle Menschen frei und gleich an Würde und            Selbstverständlichkeit. Sie ist nicht einfach da. Demo-
       tet und lernten die deutsche Sprache. Aus der Einschu-      auf Augenhöhe begegnen. Indem man sich im Fami-              Rechten sind, in dem sie miteinander solidarisch sind.       kratie ist eine Mitmachveranstaltung. Sie lebt davon,
       lungshilfe entwickelte sich ein Nachbarschaftsladen,        lien- oder Kulturzentrum mit den Kindern begegnet,           In dem kulturelle Vielfalt gelebt und geschätzt wird.        dass Menschen sie jeden Tag mit Leben füllen, für sie
       den es bis heute gibt.                                      gemeinsam kocht, musiziert oder über die Fußballer-          Wir dürfen nicht hinnehmen, dass diejenigen Zulauf           aufstehen und sich einbringen, um unser Land vielfäl-
       Das sind nur zwei Beispiele von vielen. Aber sie zeigen:    gebnisse diskutiert.                                         bekommen, denen genau das ein Dorn im Auge ist und           tiger, toleranter und gerechter zu machen.
       Vor Ort wurde schon früher viel für die Integration und     Vor Ort entscheidet sich, ob wir ein gutes Miteinander       die unsere offene Gesellschaft bekämpfen.
       den interkulturellen Dialog geleistet. Diesen Gestal-       zwischen Neuzugewanderten und hier lebenden Men-                                                                          V. Das ist auch ein Ziel dieses Kongresses. Menschen
       tungswillen und diese Einsatzbereitschaft brauchen          schen schaffen. Die meisten wünschen sich genau das.         IV. Kulturelle Vielfalt geht nicht ohne interkulturellen     aus den unterschiedlichsten Arbeitsbereichen wie der
       wir auch heute. Wir haben eine breit aufgestellte           Niemand verlässt seine Heimat aus freien Stücken. So         Dialog. Mit unserem Bundesprogramm „Demokratie               kulturellen Bildung, der Jugendarbeit, aus Bürgerbüros,
       Zivilgesellschaft, Menschen, die sich für andere stark      wie die 19-Jährige Doaa aus Syrien. Zuhause war sie          leben!“ wollen wir diesen Dialog stärken. „Demokratie        Integrationsbeiräten, Kulturvereinen, Stadtteilbüros,
       machen.                                                     eine gute Schülerin und wollte studieren. Bis sie mit        leben!“ unterstützt Initiativen, Vereine und engagierte      Bürgerinitiativen und Verbänden, sind hier heute mit
       Sie, die zu diesem Kongress heute nach Braunschweig         ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg nach Ägypten fliehen        Bürgerinnen und Bürger, die sich für ein vielfältiges, ge-   dabei. Sie finden hier einen guten Rahmen, um sich
       gekommen sind, sind der beste Beweis. Sie setzen sich       musste. Dort lebten sie am Rande der Gesellschaft.           waltfreies und demokratisches Miteinander einsetzen,         auszutauschen und gegenseitig von den Erfahrungen
       für den interkulturellen Dialog ein. Sie stehen für ein     Eine Zukunft, einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz           auf allen Ebenen: im Bund, auf der Ebene der Länder und      und Kompetenzen, die Sie alle in Ihren Arbeitsbe-
       vielfältiges, weltoffenes Miteinander in unserem Land,      gab es für sie nicht. Aber genau das wollte sie für sich     Kommunen. Vor Ort fördern wir lokale Partnerschaften         reichen gesammelt haben, zu profitieren. Und um Ihre
       in Ihrer Nachbarschaft, im Freundeskreis, im Ehrenamt,      und ihre Familie: eine Zukunft. Also kratzte sie alles       für Demokratie. Gut 260 gibt es bundesweit bereits,          Erfahrungen und Ihr Know-How zusammenzuführen.
       auf der Arbeit. Schön, dass Sie gekommen sind.              Geld zusammen, was sie hatte und machte sich auf             auch hier in Braunschweig. Gerade diese lokalen Part-        Ich freue mich auf Ihre Ergebnisse.
                                                                   den Weg nach Europa. Auf der Flucht wäre sie beina-          nerschaften zeigen eindrucksvoll, wie vielfältig der Ein-    In der Dokumentation des letzten Kongresses habe
       II. Auch wenn das Thema Flucht in den Medien derzeit        he gestorben, als ihr Boot im Mittelmeer unterging.          satz für unsere Demokratie ist und wie wichtig.              ich Folgendes gelesen: „Wollen wir aber gemeinsam
       nicht mehr so präsent ist: Es kommen noch immer             Sie konnte sich selbst und ein kleines Mädchen retten,       Mir gefällt zum Beispiel die Initiative Welcome Dinner.      wachsen und vorankommen, können wir nicht ständig
       Menschen zu uns. Jeden Monat, jede Woche, jeden Tag.        das ihr von deren Mutter übergeben wurde. Die Mut-           Braunschweigerinnen und Braunschweiger öffnen ihr            einen Bogen um die verminten Felder machen, sondern
       Ohne die vielen haupt- und ehrenamtlich Engagierten         ter verließen die Kräfte – sie konnte nicht mehr weiter      Zuhause und laden neuzugewanderte Menschen zum               müssen die Minenfelder räumen.“ Darum geht es heute,
       wäre es uns in den letzten beiden Jahren nicht so gut       schwimmen und ertrank. Doaa will jetzt ihren Weg bei         Essen ein. Jeder, der gerne kocht und Platz an seinem        morgen und übermorgen. Lassen Sie uns in den Dialog
       gelungen, die Menschen, die zu uns geflüchtet sind, zu      uns in Europa weitergehen.                                   Tisch frei hat, kann mitmachen. Auch junge Menschen          treten. Über die Aufgaben, die vor uns liegen, und über
       versorgen und unterzubringen, mittlerweile sind wir         Sie will sich integrieren, die Sprache lernen und studie-    bringen sich ein. Der Jugendring Braunschweig hat im         die richtigen Lösungen.
       gut aufgestellt. Die Erstversorgung funktioniert und        ren. Sie will die Chance, die sich ihr bietet, nutzen. Wir   letzten Jahr zusammen mit anderen Verbänden aus der          Ich wünsche Ihnen einen interessanten, vielfältigen
       die Notunterkünfte leeren sich. Auf den ersten Schritt,     sind in der Verantwortung, sie und die vielen anderen        Zivilgesellschaft und mit geflüchteten Jugendlichen          Austausch, gute Impulse und facettenreiche Kultur-
       die Ersthilfe und Versorgung, muss aber der zweite          Geflüchteten dabei zu unterstützen.                          im Jugendschutzhaus Neustadtmühle ein Kulturfest             beiträge.
       Schritt folgen: die Integration. Wir wissen: die Integra-   III. Und wir haben die Verantwortung, sie zu schützen,       veranstaltet. Musik und internationale Gerichte, die
       tion von Menschen, die mehrheitlich aus anderen Kul-        weil die Werte, deren Anerkennung wir von zu uns             viele Jugendliche selbst gekocht hatten, bildeten den        Vielen Dank!

                                                                                                                                                                                                Caren Marks, MdB

                                                                                                                                                                                                        g
                                                                                                                                                                                                MdB Parlamentarische Staatssekretärin bei der Bundes-

                                                                                                                                                                                                       n
                                                                                                                                                                                                ministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

                                                                                                                                                                                                    fnu
Land in Sicht - Interkulturelle Visionen für Heute und Morgen - Die Förderer - Die Veranstalter
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       Die Entdecker oder die Entdeckten: Was kam zuerst?
       Eine literarische Antwort
       für Menschen ohne Migrationshintergrund
       Eine Kurzgeschichte von Sharon Dodua Otoo

       Yaa hatte sich verkleidet. Heute wollte sie losziehen,      Eltern redeten darum mit ihm besonders gern.               „Welche Gruppe?“ fragte Karin nach einigen Sekun-         setzt. Das Lachen der Kinder ihrer Klasse klang jetzt
       um die Antwort auf eine große Frage zu suchen. Eine         „Menschen wie ich, werden immer nur entdeckt,“ ant-        den. „Ich rede von den Entdeckern und den Entdeckten      schon in ihren Ohren. Sie würden sich Montag in der er-
       Frage, der sie wohl nur im Raumanzug nachgehen              wortete Yaa. „Ich möchte auch mal entdecken. Wollen        – was kam zuerst? Das ist die Frage, die ich den Leuten   sten Stunde über ihre seltsame Lebensgefährtin noch
       konnte.                                                     wir das nicht letztendlich alle?“                          stellen möchte.“ „In Niedersachsen?“ erwiderte Karin.     mehr lustig machen, als sie es ohnehin schon taten.
       „Raumanzug – ernsthaft?“ Karin verdrehte die Augen.         Karin legte ihren Stift zur Seite, lehnte sich zurück in   „Das wird sowas von in die Hose gehen ...“ während sie    Um von den Kolleg*innen ganz zu schweigen. „Frau
       „Ich muss mich schützen,“ antworte Yaa, als würde die       ihrem Stuhl und fixierte Yaa. „Das ist dein Anliegen?“     verstummte, schüttelte sie den Kopf.                      sieht sich,“ winkte Yaa zum Abschied und fuhr los.
       Aussage ohne weitere Erklärung Sinn ergeben. „Ich           stammelte sie. „Du weißt, es ist inzwischen 2017?“         „Wollen wir mal sehen,“ antwortete Yaa – und packte       Vom Raumschiff aus hatte Yaa die nötige Distanz, um
       fahre auf eine Entdeckungsreise!“ Sie platzte fast vor      „Darum geht es aber immer noch,“ antwortete Yaa.           ihre selbstgebastelte Fahne in ihren Rucksack ein. Na-    bestimmte Phänomene genauer erforschen zu kön-
       Stolz. Denn, je mehr Yaa in den Tagen zuvor darüber         „Ihr Linken, ihr streitet euch immer über Genderthe-       türlich wusste Yaa, dass es draußen vor ihrer Haustür     nen. Sie würde erst den richtigen Ort aussuchen, dann
       nachgedacht hatte, desto besser hatte ihr die Idee von      men, oder Rassismus oder Klassismus. Identität und         fortgeschrittene Zivilisationen gab. Ethnien, die in      die Fahne hissen, und anschließend die Reaktionen
       der künstlerischen Intervention gefallen. Als Karin end-    Privilegien und so. In Wahrheit gibt es eigentlich nur     gut funktionierenden politischen Systemen organi-         der Vorbeigehenden beobachten. Natürlich würde sie
       lich verstand, dass ihre Frau mit dem Anzug auf die         zwei Gruppen in dieser Welt: die Entdecker und die         siert waren und Zugang zu Handel und Medizin und          auch versuchen, mit den Eingeborenen Yaalands ins
       Straße gehen wollte, schreckte sie hoch.                    Entdeckten.“ „Ich habe keinen blassen Schimmer, wo-        Wissenschaften und sogar W-Lan hatten. Sie wusste         Gespräch zu kommen. Es war allerdings gut möglich,
       „Bitte nicht,“ meinte sie. „Oder zumindest nicht hier.      von du redest ...“                                         auch, dass es ganze Bevölkerungen gab, die sich liebten   dass die Aktion vielen von denen nicht gefallen würde.
       Nicht in Braunschweig.“ Es war noch nicht genug Zeit        Karins linkes Auge fing an zu zucken. Yaa merkte das       oder sich bekriegten je nach Fußballspiel-Ergebnis. Es    Bei der letzten Intervention hatte Yaa sogar eine Anzei-
       vergangen, seit Yaas letzter Intervention. Karin wurde      aber nicht und redete einfach pausenlos weiter. „Neh-      gab auch Bildung, Kunst und Kultur – richtig schöne       ge erhalten, wegen Ruhestörung. Obwohl sie nicht als
       von den Eltern an der Schule, wo sie Kunst unterrichte-     men wir als Beispiel diese völlig verzerrte und unnötige   Sachen. Dennoch, obwohl es „inzwischen 2017“ war,         Erste geschrien hatte. Es war keine gute Idee gewesen,
       te, gelegentlich immer noch darauf angesprochen.            Obsession mit dem Thema Migration.“ „Obsession?“           hatten die hiesigen Eingeborenen es noch immer nicht      mit dem Polizisten in Streit zu geraten. Sie saß wirklich
       Doch Yaa war gedanklich schon ganz woanders. Sie            „Klar!“ Yaa stand auf und fing an, im Zimmer auf und       geschafft, einen menschenwürdigen Umgang mit Mi-          einige Stunden lang danach in der Zelle, bis Karin sie
       hatte eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie           ab zu gehen. Was nur mäßig gut klappte, weil sie mit       gration – oder gesellschaftlicher Vielfalt überhaupt –    nach der Schule abholen konnte. Diesmal würde Yaa
       das Ganze ablaufen sollte. Yaa würde das Gebiet, das        dem Raumanzug nicht überall zwischen den Möbeln            hinzubekommen. Das fand Yaa bedauerlich und wollte        einfach ruhig bleiben. Nicht mehr als unnötig provo-
       sie bald in Beschlag nehmen würde, nach sich selbst         durchkam.                                                  deswegen ihren eigenen kleinen Beitrag dazu leisten,      zieren. Sie hielt kurz an, schrieb ihre Gedanken in ihr
       benennen. Sie fand das kein bisschen egozentristisch.       „Du weißt doch, es geht selten um Migration im ei-         diesen Missstand zu ändern.                               Schwarz-Rot-Gold-Notizbuch auf, und fuhr weiter. „Bis
       Cecil Rhodes hatte es seinerzeit schließlich vorge-         gentlichen Sinne, sondern meist nur um die Migrati-        „Starte dort, wo du stehst. Benutze das, was du hast.     zum Ende des Tages habe ich meine Antwort,“ lachte
       macht. Der Name Yaadesia würde aber nicht gehen.            on ganz bestimmter Menschen aus ganz bestimmten            Tu das, was du kannst,“ proklamierte sie – und zog los.   sie.
       „Klingt eher wie ein Freizeitpark,“ gab sie zu. „Oder wie   Gebieten – denen es vermeintlich angesehen werden          Gerne wäre sie in dem Moment eigenständig und wür-        Während sie weiterfuhr, meinte Yaa den Ort, den sie
       eine chronische Krankheit,“ grummelte Karin. Immer          kann, dass sie nicht deutsch sind ...“                     devoll durch die Wohnungstür hinausgegangen, doch         suchte, am Horizont erkennen zu können. Land in Sicht!
       wenn sie ihren Unterricht vorbereiten musste, fing sie      Yaa hatte natürlich recht, Karin wusste aber aus bit-      die war viel zu schmal und deswegen war Yaa auf Ka-       Oder, wie Yaa kurzerhand daraus machte, „Deutsch-
       früher oder später an, über Gesundheitsprobleme zu          terer Erfahrung auch, dass es jetzt besser wäre, still     rins Hilfe angewiesen. Karin verdrehte die Augen noch     land in Sicht“. An jenem fernen Ort, dem Yaa natürlich
       reden.                                                      zu bleiben. „Obwohl alle wissen, dass es seit Jahrhun-     einmal, begleitete sie schließlich doch von der Woh-      jetzt entgegensteuerte, gab es noch Ungerechtigkeit
       „Die Vereinigte Staaten von Yaa klingt etwas hoch-          derten Einwanderung überall auf der Welt gibt, der         nung bis zum Treppenhaus, und dann half Karin ihr         und Konflikte – sogar leider noch Diskriminierung. Das
       gegriffen in meinen Ohren.“ „Definitiv,“ nickte Karin,      Diskurs darüber wird hier immer noch geführt, als wäre     auch durch die Flügeltüren im Erdgeschoss, damit Yaa      spürte sie einfach.
       ohne von ihren Unterlagen hochzuschauen.                    sie etwas Neues.“                                          zum Hinterhof gelangen konnte. Yaa merkte nicht, wie      Jedoch waren die Menschen, die an jenem Ort lebten,
       „Yaaland!“ rief Yaa nach einigen Minuten. „Reimt sich       Yaa setzte sich wieder hin und schaute Karin direkt        schlecht gelaunt Karin war – dafür war der Himmel zu      in der Lage, konstruktiv und empathisch miteinander
       mit Saarland – das gefällt mir!“ Karin schloss die Augen    an. „Warum haben wir nie das Wort „Entdecker-Kri-          offen, die Sonne zu freudig, die Stimmung insgesamt       umzugehen. Wenn eine Person Unrecht tat, blieb der
       und hielt kurz inne. Von allen Ideen Yaas war dies ein-     se“ gehört? Erklär‘ mir das bitte mal!“ Karin schwieg      viel zu leicht. Es war ein wunderschöner Tag, um auf      Fokus auf der Wirkung ihrer Handlung und nicht auf
       deutig die Absurdeste. „Warum machst du das?“ Karin         weiterhin. Was eine gute Entscheidung war, weil Yaa        Entdeckungsreise zu gehen.                                der Intention. Es gab leider immer noch ungleichen Zu-
       wusste nämlich jetzt schon, dass sie am Montag Ärger        sich sowieso nur abreagieren wollte. „Doch die ent-        Yaa stieg in ihr Raumschiff ein. Oder eigentlich auf.     gang zum Arbeitsmarkt, zum Gesundheitssystem und
       bei der Arbeit bekommen würde. Herr Torberg wollte          scheidende Frage ist nicht mal das,“ Yaas Stimme klang     Wenn wir wirklich genau sein wollen, stieg sie auf ihr    zur Bildung. Jedoch wurde auf allen Ebenen jener Orga-
       sich als neuer Schulleiter gegenüber den Eltern bewei-      allmählich etwas sanfter. „Die wirklich entscheidende      Fahrrad und zog das Raumschiff über den Anzug an.         nisationen Beteiligung von Menschen aus unterreprä-
       sen. Er nahm darum deren Sorgen besonders ernst. Die        Frage ist: Welche Gruppe kam zuerst?“                      „Du hast ein Raumschiff gebastelt?“ Karin war ent-        sentierten Gruppen ermöglicht. Es wurde anerkannt,
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16 | Kurzgeschichte | Sharon Dodua Otoo                                                                                                                                                                                                               Kurzgeschichte | Sharon Dodua Otoo | 17

                         dass Prozesse der Veränderung langatmig sein können.        solchen eher seltsamen Vorhaben locker umgehen.             nander und sortierte die Plastik und Papierstücke in die    neu zu erkunden. Aber dann dachte ich – nee, du bist
                         Individuen wurden ermutigt, kritikfähig zu werden,          „Warum aber soweit weg? Es gibt doch genug hier zu          verschiedenen Container. Die künstlerische Interventi-      natürlich Entdeckte, weil – wie du gesagt hast – egal
                         um handlungsfähig zu bleiben. Die Grundstimmung             entdecken.“ „Das was ich suche, gibt es hier nicht.“        on war vorbei, Karin würde sich freuen. Yaa schloss ihr     was du machst, deine Geschichte und deine Kultur
                         der Bevölkerung, optimistisch; die Orientierung der Po-     „Das glaube ich nicht. Was suchen Sie denn?“                Fahrrad ab und war dankbar, dass es den ganzen Rück-        stets als etwas völlig Neues präsentiert wird. Oder
                         litik, menschlich. Und als Yaa die Humboldtstr. entlang     Yaa sah die Person genauer an. Sie hatte nämlich nicht      weg nach Hause nicht geregnet hatte.                        nicht? Dann dachte ich aber, Menschen die entdeckt
                         fuhr, fiel ihr ein, dass „Yaastraße“ auch etwas hatte.      damit gerechnet, dass diese Person auch Fragen stellen      Vielleicht ist es ihr nur so vorgekommen, aber Yaa          werden, sind doch auch Entdecker – sie haben es nur
                         Nach einiger Zeit sprach sie eine Person an. Na ja, sie     würde. Einheimische hatten in der Regel ruhig zu sein       meinte, erkannt zu haben, dass der Himmel sich ver-         zuerst gemacht. Also was kam denn deiner Meinung
                         räusperte sich eher. Es war ziemlich anstrengend, die       und Forschung über sich ergehen zu lassen. Kolumbus         dunkelt hatte, nachdem die Person, mit der sie gespro-      nach zuerst?”
                         ganze Zeit im Raumanzug plus Raumschiff zu fahren.          hätte sich sicherlich mit sowas nicht herumschlagen         chen hatte, ebenfalls nach Hause aufgebrochen war.          „Ach,“ sagte Yaa. „Dadurch, dass ich weiblich bin, fühle
                         Yaa war dankbar, dass sie mal stehen bleiben konnte.        müssen. Yaa überlegte, wie sie mit dieser unerwar-          „Hallo Käpt’n!“ rief Karin, als Yaa die Wohnungstür auf-    ich mich sowieso nicht von den Kategorien angespro-
                         „Guten Tag,“ sagte Yaa. „Ich möchte Ihnen ein Paar          teten Situation umgehen sollte. Sie überlegte, ob sie       schloß. „Ich habe fest damit gerechnet, dass du mich        chen.“ „Da hast du auch wieder recht,“ stimmte Karin
                         Fragen über diese Gegend stellen. Haben Sie kurz            erwähnen sollte, dass sie letzte Woche eher zufäl-          irgendwann anrufst, und mich bittest, dich von irgend-      zu.
                         Zeit?“ „Ich bin aber nicht aus Nordstadt,“ antwortete       lig den Fernseher angemacht hatte, und sah, wie ein         wo abzuholen.“ Karin lachte, als Yaa das Wohnzimmer         „Aber,“ sagte Yaa nach einigen Momenten der Stille,
                         die Person. Das war nicht unfreundlich gemeint, war         Mann, vom Beruf her Pilot, vom Tod seiner Kleinfamilie      betrat. Yaa lächelte nachdenklich zurück.                   „ich weiß wie die Einheimischen Yaalands heißen wür-
                         aber schon etwas fantasielos. Yaa überlegte wie die         berichtete. Seine Frau, seine dreijährige Tochter und       „Alles ok?“ Yaa setzte sich hin und nickte. „Doch,“ sagte   den, sollte ich jemals eine Kolonie gründen.“ „Wie wür-
                         Entdecker damals in einer ähnlichen Situation reagiert      sein einjähriger Sohn waren alle am Tag zuvor im Mit-       sie. „Alles blendend. Allein, ich bin nicht dazu gekom-     den sie heißen?“
                         hätten, und konterte: „Für meine Zwecke ist das ein         telmeer ertrunken. Er hatte erzählt, dass er das Wort       men, der Bevölkerung meine eigentliche Frage zu stel-
                         unerhebliches Detail.“                                      „Familienzusammenführung“ auswendig konnte; er              len.“                                                       „Yaasager!“
                         Und somit wurde die Person zur Ureinwohnerin. Ihre          kannte das Wort „erfolgreich“ nicht.                        Karin hatte inzwischen die Unterrichtsvorbereitungen
                         Frisur „typisch“, ihre Kleidung „authentisch“, ihre Aus-    Und Yaa wunderte sich über die vielen verschiedenen         fertig und war jetzt am Malen. Klassische Musik lief im
                         sprache „repräsentativ.“ Die Sonne schien der Person        Menschen, denen dieser Mann bestimmt begegnet               Radio. Das Zimmer roch nach Ölfarben, Terpentin und
                         direkt in die Augen, Yaa bemerkte das aber nicht. Wahr-     war. Menschen, die alle ihren kleinen Beitrag zum Tod       Kaffee. Sie arbeitete einfach und vertraute darauf, dass
                         scheinlich weil sie noch immer ihren Helm auf hatte,        der Familie geleistet haben, in dem sie im falschen Mo-     Yaa weiter erzählen würde, wenn sie soweit war. Yaa
                         und die Blendung nicht selbst mitbekam.                     ment „nein“ gesagt hatten. Yaa hatte die Stimme des         betrachtete Karins Bild und beruhigte sich. Karin war
                         „Die Menschen hier schauen etwas grimmig,“ notierte         Mannes nicht hören können, denn seine Worte wurden          in vielen Aspekten nicht wie Yaa. Yaas Eltern und Groß-
                         sie jedoch später in ihr Logbuch. „Vorsicht ist geboten.“   mit Hilfe einer Dolmetscherin übertragen. Aber die Au-      eltern kamen alle aus Braunschweig und haben immer
                         „Meine erste Frage: Wie komme ich am besten dort-           gen. Yaa konnte seine Augen nicht vergessen. Voll und       nur dort gelebt. Karins Mutter hingegen, war zwar in
                         hin?“ Yaa zeigte zum Ort am Horizont. In Yaas Wahr-         tief und blau wie ein Ozean. Die Idee für die Interventi-   Berlin aufgewachsen, aber in Oslo geboren. Und Karins
                         nehmung schimmerte und glänzte er, als bestünde er          on ist ihr in derselben Nacht gekommen.                     Vater, der in Frankfurt geboren war, hat eigentlich fast
                         aus Diamanten.                                              „Ich suche einen Ort, an dem Menschen keine Angst           sein ganzes Leben in New York gelebt. Karin malte ab-
                         Die Person schielte, gab aber nach wenigen Momenten         haben,“ antwortete Yaa, wohlwissend, dass sie durch         strakte Bilder, immer wieder Variationen mit den Far-
                         zu, „Ich sehe nichts. Was ist da?“ Es stimmte, dass der     die Begegnung mit dieser Person vielleicht doch schon       ben schwarz, rot und gelb.
                         Ort weit entfernt lag. Sehr weit entfernt. Dennoch war      angekommen war.                                             „Also,“ sagte Karin, irgendwann nachdem einige Minu-
                         er erreichbar und absolut erkennbar. Warum konnte           „Starte dort, wo du stehst,“ antwortete die Person.         ten vergangen waren. „Die Frage hast du nicht beant-
                         die Frau ihn nicht sehen?                                   Und Yaa bekam große Augen – woher kannte sie die-           wortet.“ „Welche Frage?“ „Die Entdecker-Frage.“
                         „Das ist der Ort, den ich entdecken möchte,“ antwor-        sen Spruch?                                                 „Hatte ich doch gesagt, dass ich keine Antwort hatte.“
                         tete Yaa schließlich. Sie rechnete damit, dass die Person   „Komm,“ nickte die Person, „Ich begleite dich ein biss-     „Aber du warst gerade echt lange unterwegs. Gab es
                         entweder loslachen würde, oder spätestens jetzt sich        chen.“ Und sie liefen zusammen los. Einige Stunden          nicht mal Ansätze von Ideen?“ Karin machte eine Pau-
                         von ihr abwenden würde. Aber offenbar konnte eine           später radelte Yaa nach Hause, ihr Kopf schwer mit den      se und schob sich die Haare aus dem Gesicht. „Zum
                         Person, die kein Problem hatte, mit einer im Raum-          ganzen neuen Informationen. Im Hinterhof nahm sie           Beispiel, ich habe gedacht, vielleicht bist du Entdecker      Sharon Dodua Otoo
                         schiffanzug angezogenen Frau zu sprechen, auch mit          bedächtig ihr Raumschiff und den Raumanzug ausei-           ... du bist ja schließlich losgezogen, um deine Heimat        Autorin

                                                                                                                                                                                                                  ung
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                                                                                                                                                                                                             rö
18 | Thesen | Heribert Prantl

                            Thesen zum Vortrag
                            Heimat in flüchtigen Zeiten.
                            Von Heribert Prantl

                            1. „Wir schaffen das“: Eindreiviertel Jahre nach Merkels      so einseitig, so gegenläufig ist, ist Europa keine runde
                            14 Buchstaben ist die Gesellschaft zerrissen, sie ist par-    Sache. Die Migration in Eur0pa sollte keine Not-Migra-
                            tiell schwer verängstigt. Eine Politik der 15 Buchstaben      tion sein, keine, die man wagt, weil man dazu gezwun-
                            wäre jetzt notwendig: "Entängstigt euch!" Das funk-           gen ist, wenn man einigermaßen überleben will. Die
                            tioniert nur auf der Basis einer Leitkultur, die auf den      Migration innerhalb von Europa sollte eine Lust-Migra-
                            Werten des Grundgesetzes aufbaut. Und das funkti-             tion sein: also eine, die man nicht macht, um existieren
                            oniert nur dann, wenn sich die Menschen beheimatet            zu können, sondern eine, die man macht, um sich zu
                            und geschützt fühlen. Dann haben sie Kraft, selbst            qualifizieren, um seine Lebenschancen zu mehren. und
                            Schutz zu geben. Jeder zehnte Deutsche engagiert sich         auch deshalb, weil man sich nicht nur als Grieche, als
                            ehrenamtlich, zumindest gelegentlich, für Flüchtlinge.        Italiener, als Pole oder Rumäne fühlt, sondern auch als
                            Immer noch und trotz alledem. Das ist außergewöhn-            Europäer – weil einem Europa zur zweiten Heimat ge-
                            lich; das ist spektakulär. Das kommt im politischen All-      worden ist oder wird.
                            tag viel zu kurz; der politische Alltag ist zu sehr fixiert   5. Hauptaufgabe der Sozialisation in einem Einwande-
                            auf AfD und Co.                                               rungsland Deutschland wird es sein müssen, Hetero-
                            2. Der Raum ist kleiner geworden, in dem Mitgefühl und        genität als Normalität nicht nur zu ertragen, sondern
                            Hilfsbereitschaft zum Zuge kommen. Wenn Flüchtlin-            zu akzeptieren und zu respektieren. Es geht nicht nur
                            ge öffentlich immer öfter der Kategorie potenzieller          um Toleranz, es geht um Respekt voreinander.
                            Verbrecher und Terroristen zugeordnet werden, wird            6. Migration darf nicht zu andauernder Entwurzelung
                            aus dem Willen zur Hilfe Widerwille; die Verantwor-           führen, nicht zur Heimatlosigkeit. Das Bedürfnis nach
                            tung wird abgeschüttelt. Es zählt nicht mehr der Ein-         Beheimatung, nach Sesshaftigkeit, nach Kontinuität
                            zelfall, sondern die Generalprävention. Das ist ein Kli-      darf nicht vergessen werden. Anders gesagt: Europa
                            ma für Abschiebung und Desintegration.                        sollte kein Kontinent von Flachwurzlern werden. Fle-
                            3. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, hieß es früher. Ist    xibilität und Mobilität sind nicht Selbstzweck. Green-
                            das wirklich noch so? Jeder ist seines Glückes Schmied?       cards und Bluecards können wichtig sein; der Abbau
                            Jeder? Überall? Ich fürchte, die alten Lebensweisheiten       von bürokratischen Hürden, die die Migration erschwe-
                            sind verbraucht, weil es das Fundament nicht mehr             ren, ist wichtig. Die unkomplizierte Anerkennung von
                            gibt, auf dem sie gewachsen sind. Junge Menschen,             ausländischen Berufsqualifikationen ist auch wichtig.
                            die in soziale Randlagen geworfen sind; junge Men-            Aber: Lebens"lauf" sollte nicht zum Synonym für ein
                            schen, die allein sind in fremder Umgebung, in fremder        neues Nomadentum werden. Der Mensch braucht Hei-
                            Sprache, in fremder Kultur; junge Menschen, die sich in       mat auch in flüchtigen Zeiten. Das ist der Sinn und das
                            einer völlig neuen Umgebung zurechtfinden müssen;             Ziel von Integration
                            sie können nichts schmieden, solange sie keinen Aus-
                            bildungs- oder Arbeitsplatz haben.
                            4. Bisher ist es in Europa so: Von Norden nach Süden
                            reist man – in Ferien, zur Erholung, zum Ausspannen,
                            zum Genießen. Von Süden nach Norden migriert man
                            – zum Arbeiten, um existieren zu können. So lange das

                                                                                             Prof. Dr. Dr. h.c. Heribert Prantl

    g
                                                                                             ist Mitglied der Chefredaktion der Süddeutschen Zeitung
                                                                                             und Leiter des Ressorts Innenpolitik

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