Kulturland 0ldenburg - Oldenburgische Landschaft
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Zeitschrift der
Oldenburgischen
kulturland
Landschaft
Ausgabe 4.2018 | Nr. 178
0ldenburg oldenburgische
landschaft
Me, Myself and Fürst Das Groninger Forum Aus der Natur wächst das Leben
Von Selfies und den Ersten Umgestaltung der guten Stube Paul Dierkes Werkkulturland
4|18
Inhalt
Inhalt 4
2 Heimat gestalten, Zusammenhalt 30 Gröschler-Haus in Jever
stärken und Zukunft sichern Lackprofil zeigt den Zerstörungshori
Die 80. Landschaftsversammlung der zont der Jeverschen Synagoge
Oldenburgischen Landschaft 31 FrauenORT Ruth Müller in
4 „Weihnachten in Oldenburg damals Delmenhorst
und heute“ 32 Herzogin Amalie von Oldenburg
Ausstellung informiert über 150 Jahre „Die schönste Königin Griechenlands“
18
sich wandelnden Zeitgeist 33 Busreise nach Tauberbischofsheim –
8 Me, Myself and Fürst Würzburg – Bamberg
Von Selfies und den Ersten 34 Heimatdichter, Humorist, Humanist
10 Unterwegs im Auftrag des Groß Der erste Emder Komiker Fritz Gerhard
herzogs Lottmann
Der Oldenburger Landschaftsmaler 36 Plattsounds rockt dör Ostfreesland
Ernst Willers 37 Dor büst platt! – Plattdüütsch Orts
12 Eine Petruspforte für die Schloss schiller sett’t sik dör!
kirche in Varel
Wunsch oder Wirklichkeit?
37 Dor kummp een Schipp –
Gedanken to de Wiehnacht 32
14 Ein Wort wie Licht in der Nacht 38 Tageskulturfahrt nach Friedland zum
15 Sprakendag in’t Museumsdörp Museum
in Cloppenborg Bericht der Arbeitsgemeinschaft
16 Das Groninger Forum Vertriebene in der Oldenburgischen
Umgestaltung der „guten Stube Landschaft
Groningens“ 39 Heimat- und Bürgervereine tagten
18 Durchbruch in die Moderne in Delmenhorst
Avantgardegeschichte des Olden 40 Springkraut, Waschbären und
burger Landes Dreiecksmuscheln
22 Neue Sammlung historischer Invasive Arten im Oldenburger Land
Landkarten in der Landesbibliothek 44 Das ArchäoVisbek
329 Karten vom IJsselmeer bis zur Vom partizipativen Konzept zum
Weser
25 Olympisches Schwimmen und
gelungenen Projekt
47 Die rote Fahne auf dem Schloss
34
farbenreiche Objekte
Erinnerung an Helga Neuber
47 Neuerscheinungen
48 Mit dem Messer erzählen 40
26 „Maria mit Kind“ von Paul Dierkes Holzskulpturen von Roman led
Bildbetrachtung zur Skulptur 50 Ein Oldenburger im Ostpreußischen
27 „Aus der Natur wächst das Leben“ Landesmuseum
Zum künstlerischen Werk von Burchard Christoph von Münnich
Paul Dierkes 51 Ausschreibung Kunstpreis und
28 Ein Angebot, das stetig wächst Jugendkunstpreis der Gemeinde
29 Neue Mitarbeiter der Oldenburgischen Rastede 2019
Landschaft stellen sich vor 51 Vermittlung der Kultur und Geschichte
des Oldenburger Landes
52 Zukunftsgerichtete Alternativen
KOSTBAR 2019 ist Gutscheinbuch und
Einkaufsführer
53 Oldenburger spielen sich selbst
Titelbild: 54 Straßenfotografie
Herrliche Winterlandschaft 57 Neuerscheinungen
am Flötenteich in Oldenburg. 57 Impressum
Foto: Elke Syassen
58 kurz notiert
Inhaltkulturland
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Am
Flötenteich.
Foto:
Elke Syassen
Liebe Leserin, lieber Leser,
ein ereignisreiches Jahr neigt sich dem Ende zu.
Auf der Landschaftsversammlung haben wir die vielen Pro-
jekte und Aktivitäten der Landschaft im letzten Jahr noch
einmal Revue passieren lassen; auch im neuen Jahr wollen wir
gemeinsam mit den Arbeitsgemeinschaften und den Fach-
gruppen im Oldenburger Land entsprechend unserer Devise
„Kultur fördern, Tradition pflegen und Natur schützen“ aktiv
bleiben.
Das neue Jahr bietet manches spannende Datum, das zum Erinnern, aber auch zum Zukunftplanen, Anlass gibt:
Wir wollen – mit der Evangelischen Kirche gemeinsam – über den Oldenburger Theologen Rudolf Bultmann
sprechen, der im nächsten Jahr seinen 135. Geburtstag gefeiert hätte.
Mit einer besonderen Aktion wollen wir auch an Cäcilie von Oldenburg an ihrem 175. Todestag denken und
Karl Jaspers, der vor über 50 Jahren sein Buch „Wohin treibt die Bundesrepublik?“ geschrieben hat, wird uns in einer
gemeinsamen Aktivität mit der Karl-Jaspers-Gesellschaft beschäftigen.
Die „Zukunftswerkstatt“ für das Oldenburger Land, unser Projekt „Oldenburg 2050“, wird uns hoffentlich eine
Reihe von Veranstaltungen bescheren, die uns einen Blick in die Zukunft des Oldenburger Landes erlaubt. Dabei
wird es natürlich um die Kultur gehen, aber auch die Natur und das Klima werden uns beschäftigen, genauso wie
die zunehmende Rolle der Digitalisierung im Oldenburger Land.
Sie sehen, wir haben viele Angebote zur Mitarbeit für die Einzelmitglieder, für unsere Pflichtmitglieder und
darüber hinaus für alle, die sich um die Zukunft des Oldenburger Landes kümmern wollen. Mit unserer Arbeit
wollen wir die Heimat gestalten, den Zusammenhalt stärken und die Zukunft sichern.
Zum Schluss möchten wir all denen Dank sagen, die uns bei der Arbeit im letzten Jahr unterstützt haben. Die
Arbeitsgemeinschaftsleiter und die Mitglieder unserer Arbeitsgemeinschaften, ohne die eine lebendige Arbeit der
Oldenburgischen Landschaft kaum möglich wäre. Das Gleiche gilt natürlich für die Fachgruppen der Oldenbur
gischen Landschaft, die in hervorragender Art und Weise im letzten Jahr dazu beigetragen haben, dass wichtige
Themen im Oldenburger Land angesprochen worden sind.
Den Unterstützern aus der Wirtschaft im Oldenburger Land, aber auch den privaten Förderern unserer Aktivitä-
ten gebührt unser Dank!
Und selbstverständlich geht auch ein herzliches Dankeschön an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unse-
rer Geschäftsstelle, die oft zu ungünstigen Arbeitszeiten (abends und am Wochenende) engagiert dazu beigetragen
haben, dass die Oldenburgische Landschaft ihrem Auftrag gerecht werden kann.
Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wünschen wir ein gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Start ins neue
Jahr! Wir freuen uns auf eine weitere fruchtbare Zusammenarbeit!
Thomas Kossendey Dr. Michael Br andt
Präsident Geschäftsführer
Editorial | 1kulturland
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Heimat gestalten, Zusammenhalt stärken
und Zukunft sichern
Die 80. Landschaftsversammlung der Oldenburgischen Landschaft
Red. Unter dem Motto „Die Heimat gestalten, den In seinem Jahresbericht informierte Geschäfts-
Zusammenhalt stärken und die Zukunft sichern“ führer Dr. Michael Brandt die Landschaftsver-
hat die Oldenburgische Landschaft am 16. Novem- sammlung über die Tätigkeiten der Oldenburgi-
ber ihre 80. Landschaftsversammlung im Alten schen Landschaft im abgelaufenen Jahr. Neben
Landtag in Oldenburg abgehalten. einer Nennung der vielfältigen Aktivitäten der
In seiner Ansprache sagte Landschaftspräsi- Oldenburgischen Landschaft ging er dabei vor
dent Thomas Kossendey, Kultur könne auch allem auch auf die durch die Oldenburgische Land-
ein Mittel sein, den gesellschaftlichen Wandel schaft geleistete Kulturförderung im Oldenbur-
vor Ort besser zu bewältigen und zu gestalten. ger Land ein.
„Sie ist nicht das ‚Sahnehäubchen‘ auf einem kom-
Präsentation
munalen, Landes- oder Bundeshaushalt, wenn
noch etwas Geld übrigbleiben sollte“, betonte
er nachdrücklich. „Nein: Kultur gehört zur Da- Die umfang- und erfolgreichen Projekte der Olden-
seinsvorsorge!“ burgischen Landschaft im Bereich Plattdeutsch
Der Oldenburgischen Landschaft liege die Kul- stellte Plattdeutschreferent Stefan Meyer der Ver-
turförderung in der Fläche jenseits der Städte sammlung vor. Das Plattdeutschbüro ist sehr
besonders am Herzen. „Aus diesem Grund unter- stark in der Netzwerkarbeit, so werden beispiels-
stützen wir auch intensiv den Vorschlag, an der weise der plattdeutsche Bandwettbewerb „Platt-
Universität Vechta einen Studiengang ‚Verände- Von oben: Dr. Michael sounds“, eine Imagekampagne an Schulen „Platt
rungsprozesse im ländlichen Raum‘ einzurich- Brandt, Stefan Meyer. is cool“, der zweijährige „Lääswettstriet“ in Ko-
Fotos: Jörgen Welp, Olden-
ten“, erklärte der Landschaftspräsident. burgische Landschaft
operation und das Festival für neue niederdeut-
Die Redebeiträge finden Sie unter www.olden- sche Kultur „PLATTart“ mit anderen Landschaf-
burgische-landschaft.de – Service – Presse Presse- ten und Landschaftsverbänden durchgeführt.
mitteilung Nr. 39 vom 16.11.2018.
Vorstand Beirat
Im Vorstand der Oldenburgischen Neues Beiratsmitglied ist Jürgen
Landschaft wurden durch das Aus- Müllender, Vorstandsmitglied der
scheiden zweier Mitglieder Nach- Öffentlichen Versicherungen Olden-
wahlen erforderlich. burg. Mit der Berufung von Jürgen
Prof. Dr. Uwe Meiners, langjäh- Müllender in den Beirat der Olden-
riger Direktor des Museumsdorfs burgischen Landschaft ist jetzt
Andreas Tensfeldt. Foto: Prof. Dr. Meiners (rechts) Cloppenburg und seit Kurzem im wieder ein Vorstandsmitglied der
Stadt Delmenhorst im Gespräch mit dem Ruhestand, vertritt jetzt die Einzel- Öffentlichen Versicherungen Olden-
Gegenkandidaten Günter
Brüning. Foto: Jörgen Welp,
mitglieder der Oldenburgischen Land- burg in diesem Gremium vertreten.
Oldenburgische Landschaft schaft im Vorstand.
Für die Stadt Delmenhorst ist jetzt
Andreas Tensfeldt, Fachbereichs
leiter bei der Stadt Delmenhorst,
Mitglied im Vorstand der Olden-
burgischen Landschaft.
2 | Aus der Landschaftkulturland
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Ehrungen
Dr. Hans-Ulrich Minke
Der mit der Landschaftsmedaille ausgezeichnete Landespfarrer i. R. Dr.
Hans-Ulrich Minke stand der 2002 neu gegründeten Arbeitsgemeinschaft
Vertriebene der Oldenburgischen Landschaft als deren erster Leiter bis
zum Frühjahr 2018 vor. Unter seiner Federführung entstanden zahleiche
Publikationen zu Schicksal und Verdiensten der Vertriebenen im Olden-
burger Land. „Nicht seine schlesische Heimat stand im Vordergrund seiner
Arbeit für die Oldenburgische Landschaft, sondern die Einflüsse der Hei-
matvertriebenen in Oldenburg und dem Oldenburger Land“, charakterisierte
Dr. Gisela Borchers, Nachfolgerin Dr. Minkes in der Leitung der Arbeits-
Dr. Minke hier im Gespräch mit Sabrina Kolata. Foto: Jör- gemeinschaft, das Wirken ihres Vorgängers in ihrer Laudatio.
gen Welp, Oldenburgische Landschaft
Die Falkenaugen
„Die Falkenaugen“, die Jugendgruppe des Hegerings Rastede Nord und För-
derpreisträger der Oldenburgischen Landschaft, gibt es seit 2016. Sie sind
die erste Jugendgruppe eines Hegerings überhaupt und setzen sich in viel-
fältigen Projekten für Nachhaltigkeit und Naturschutz ein. „Es ist vorbild-
lich, schon junge Menschen mit dem Naturschutzgedanken vertraut zu
machen und dies nicht nur theoretisch, sondern auch ganz praktisch“, so
Vorstandsmitglied Barbara Woltmann in ihrer Laudatio.
Die Falkenaugen mit Landschaftspräsident Thomas Kos-
sendey (2. von links) und Laudatorin Barbara Woltmann
(5. von links, hinten). Foto: Jörgen Welp, Oldenburgische
Landschaft
Tim Ruben Morgenstern
Den anderen Förderpreisträger, den Nachwuchstänzer Tim Ruben Morgen-
stern aus Wilhelmshaven, der nicht anwesend sein konnte, stellte Vor-
standsmitglied Ursula Glaser der Landschaftsversammlung vor. Der junge
Nachwuchstänzer hat, schon seit er sieben Jahre alt war, eine profunde
Tanzausbildung absolviert. Er hat sich darüber hinaus auch in benachbarten
Disziplinen fortgebildet und sich vielseitige Fähigkeiten erworben. „Er
verfolgt sehr engagiert und diszipliniert das Ziel, professioneller Tänzer
zu werden“, so Glaser in ihrer Laudatio, die sie nach der Preisverleihung
in Wilhelmshaven noch einmal verlas. Die Preisverleihung an Tim Morgen-
stern fand bereits am 2. November in Wilhelmshaven statt.
Mitglied des Vorstands der Oldenburgischen Landschaft
Ursula Glaser, Preisträger Tim Ruben Morgenstern, Land-
schaftspräsident Thomas Kossendey (von links). Foto:
Katharina Kück, Landesbühne Niedersachsen Nord
Aus der Landschaft | 3kulturland
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„Weihnachten in Oldenburg
damals und heute“
Ausstellung informiert über 150 Jahre
sich wandelnden Zeitgeist
Von Katrin Zempel-Bley
U
Im Uhrzeigersinn: Kurator nabhängig davon, ob es schneit
Marcus Kenzler zeigt eini- oder eher frühlingshaft ist, in
ge der zehn erhaltenen
Figuren einer Weihnachts-
Oldenburg läutet der Lamberti-
krippe, die um 1740 vom Markt die Advents- und Weih-
nordwestdeutschen nachtszeit ein und die Einkaufs-
Barockbildhauer Thomas straßen der Fußgängerzone
Simon Jöllemann für die
katholische Pfarrkirche der
sind entsprechend festlich beleuchtet. Der Weih-
Gemeinde St. Johannes nachtsmarkt, erst in den 1970er-Jahren in seiner
Baptist in Molbergen im heutigen Form ins Leben gerufen, wird eingerahmt
Landkreis Cloppenburg vom Rathaus, der St.-Lamberti-Kirche und dem
geschaffen wurde. Foto:
Katrin Zempel-Bley
Schloss, und diese schöne historische Kulisse
verleiht ihm eine besondere weihnachtliche Stim-
Tannenbaumschmuck aus mung. Blickt man in die Geschichte zurück, so
den 1950er-Jahren. Foto: spielte das Weihnachtsfest auch im Großherzog-
Landesmuseum für Kunst
und Kulturgeschichte
tum eine besondere Rolle. Grund genug für das
Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte, gen zahlreiche kunst- und kulturhistorische Ex-
Nussknacker aus Holz, zurückzublicken und in den eigenen Sammlun- ponate aus allen Sammlungsbereichen, die christ-
Anfang 19. Jahrhundert. gen Weihnachtliches aufzuspüren. „Alles sieht liche Ursprünge und Bedeutungen beleuchten
Foto: Landesmuseum
für Kunst und Kulturge- so festlich aus – Weihnachten in Oldenburg da- und ein eindrucksvolles Bild von weihnachtli-
schichte mals und heute“ lautet der Titel einer Kabinett- chem Brauchtum aus mehreren Jahrhunderten
ausstellung im Prinzenpalais, die vom 6. Novem- und gesellschaftliche Traditionen zeichnen“, be-
ber bis zum 6. Januar 2019 zu sehen ist. richtet er.
Kurator Dr. Marcus Kenzler hat in Vorbereitung So lädt das Museum passend zur Weihnachts-
der Ausstellung allerhand Sehenswertes und Auf- zeit zu einem Ausflug in die weihnachtliche
schlussreiches in den hauseigenen Sammlungen Huntestadt der vergangenen 150 Jahre ein. Präsen-
entdeckt und festgestellt, dass das Thema Weih- tiert werden in zwei Räumen zahlreiche Exponate
nachten für das Landesmuseum mit seiner hun- wie zum Beispiel Weihnachtskarten, alte Weih-
dertjährigen Geschichte durchaus eine Rolle ge- nachtsbücher, historisches Mobiliar, Spielzeug,
spielt hat. „Dass sich unser Haus immer wieder Gemälde, Zeichnungen, Tannenbaumschmuck,
mit dem Thema Weihnachten befasst hat, bezeu- eindrucksvolle Fotos und Aufzeichnungen be-
4 | Museum und Ausstellungkulturland
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kannter Persönlichkeiten aus den eigenen Sammlungen, aber
auch von privaten Leihgebern. Sie wollen die Geschichte rund
ums Weihnachtsfest näherbringen und die Besucher emotio-
nal anrühren. Zudem wird ein Rahmenprogramm angeboten.
So gibt es Führungen mit Gesang, Lesungen mit schwarzem
Humor und normale Führungen. Außerdem werden Kinder-
führungen mit dem Weihnachtsmann und Bastelaktionen an-
geboten, bei denen Weihnachtskugeln nach dem Geschmack
der Kinder entstehen.
Tannenbaumschmuck gehört auch zu den Traditionen und
ist aus verschiedenen Jahrzehnten in der Ausstellung zu sehen.
Der war ursprünglich dezenter. Knallig farbige Kugeln und
aufflackernde Lichterketten sowie ein peppiger Weihnachts-
mann, der in Weiß-Rot daherkommt, kannten die Menschen
vor 150 Jahren nicht. „Er sah eher aus wie ein Jäger, und Weih-
nachten war ein durch und durch besinnliches Fest“, sagt
Marcus Kenzler. „Regionale Gebräuche werden jedoch im Laufe
der Zeit weniger und von der zunehmenden Kommerzialisie-
rung abgelöst.“ So sind heute vermutlich nur noch in wenigen
Weihnachtszimmern Weihnachtskrippen anzutreffen.
Eine besondere, erschaffen um 1740 vom nordwestdeutschen
Barockbildhauer Thomas Simon Jöllemann, zeigt die Ausstel-
lung. Er fertigte sie für die katholische Pfarrkirche der Ge-
meinde St. Johannes Baptist in Molbergen im Landkreis Clop-
penburg an. „Erhalten sind zehn bis zu 35 Zentimeter hohe,
kunstvoll aus Holz geschnitzte Figuren der Krippe, die im Jahr
1889 von dem Vikar der Gemeinde Dr. Gisbert Meistermann
als Schenkung in die Sammlungen des Großherzogs gegeben
wurden. Die einst farbig gefassten Figuren sind individuell ge-
staltet und weisen eine hohe Detailgenauigkeit auf“, berichtet
Museum und Ausstellung | 5kulturland
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Im Uhrzeigersinn: Auch der Kurator. „Gestaltung und Größe der Figuren Kenzler, der darauf hinweist, dass sich erst in der
Kinderspielzeug – wie legen nahe, dass die Krippe einst im Altarraum Übergangszeit vom 18. zum 19. Jahrhundert das
Dackel Alexander – aus
den 1930er-Jahren prä
der Pfarrkirche aufgebaut war und der weih- Rodeln als beliebte Volksbelustigung in den Win-
sentiert die Ausstellung. nachtlichen Dekoration diente.“ termonaten etablierte.
Der Hund stammt aus Ein in der Ausstellung aufgebauter Gabentisch Und was wäre Weihnachten ohne gutes Essen.
der Handweberei Hohen- zeigt, dass Spielzeug sich bis heute behauptet. So präsentiert die Ausstellung historisch über-
hagen.
Zwar kommt es in einem anderen Design daher, lieferte Weihnachtsrezepte und bis zu 200 Jahre
Ostfriesischer Stuhlschlit- aber damals wie heute mögen Kinder Stofftiere, alte Lebkuchenformen. Weihnachtsgebäck wie
ten für Kinder, um 1850, Puppenstuben und auch Schlitten, sofern mal der Lebkuchen haben ihre ganz eigene Kultur-
Holz. Schnee liegt. Ein wirklich schönes Exemplar ei- geschichte, die bis heute fortgeführt wird. „In
Bernhard Winter: „Die
nes ostfriesischen Kinderschlittens, der um 1850 unseren Sammlungen befinden sich zahlreiche
heiligen drei Könige im im ostfriesischen Esens gebaut wurde und in historische Lebkuchenformen, die aus dem frühen
Ammerland“, 1920, Öl leuchtendem Rot mit weißen Schmucklinien ver- 19. Jahrhundert stammen und als zweiteilige
auf Leinwand. ziert ist, gelangte 1938 als Geschenk aus Olden- Hohlform aus Holz geschnitzt sind. Gefertigt
Georg Bernhard Müller
burger Privatbesitz in die Sammlungen des Lan- wurden hiermit dreidimensionale Lebkuchen
vom Siel: „Die Produktion desmuseums. „Während entsprechende Gefährte figuren, die zunächst als Zierde dienten und dann
der Koithdarstellung/Der im 17. und 18. Jahrhundert noch ein Privileg des verspeist wurden“, klärt Marcus Kenzler auf.
Weihnachtsbaum“, um Adels waren und dem höfischen Amüsement Auch für die Großherzoge hatte das Weih-
1914/36, Gouache, Aqua-
rell, Bleistift.
dienten, kam später auch das Bürgertum in den nachtsfest eine große Bedeutung. Der Kurator
Fotos: Landesmuseum Genuss einer Schlittenfahrt“, berichtet Marcus berichtet, „dass die Großherzogin die obligato
für Kunst und Kulturge-
schichte
Alles sieht so festlich aus – Weihnachten in Oldenburg damals und heute
Dauer der Ausstellung: 6. November 2018 bis 6. Januar 2019
Ausstellungsort: Prinzenpalais, Damm 1, 26135 Oldenburg
Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag: 10–18 Uhr
Eintritt: 6 Euro
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rischen Weihnachtsbescherungen in den Olden-
burger Krankenhäusern begleitete, die Diener-
schaft im großen Schlosssaal beschenkt wurde,
während die Großherzogliche Familie selbst den
Weihnachtstag im Elisabeth-Anna-Palais beging.“
Es existiert sogar eine schriftliche Anweisung
von Gr0ßherzog Friedrich August, die eine Auf-
listung enthält, aus der hervorgeht, dass ein Bra-
ten zum Weihnachtsfest ebenso wenig fehlen
darf wie Süßigkeiten. Und Helene Lange (1848–
1930), Pädagogin, Politikerin, Frauenrechtlerin
und Ehrenbürgerin von Oldenburg, steuert ihre
Weihnachtserinnerungen bei.
Der Oldenburger Heimatmaler Bernhard Win-
ter (1871–1964) bereichert die Weihnachtsausstel-
lung mit seinem Gemälde „Die heiligen drei Kö
nige im Ammerland“, das er 1920 gemalt hat. Er
verlegt die Geburt Jesu kurzerhand von Bethle-
hem in den Nordwesten. „Das Kind kommt nicht
in einer Krippe in einem kärglichen Stall zur
Welt, sondern vor einem typischen reetgedeckten
Ammerländer Bauernhof aus Backstein und Ei-
chenfachwerk, neugierig beäugt von der authen-
tisch gekleideten Landbevölkerung“, berichtet
Marcus Kenzler.
Die Ausstellung macht deutlich, wie sich der
Zeitgeist gewandelt hat und welche bedeutende
Rolle heute die Weihnachtsindustrie spielt. So
wissen wohl nur noch wenige, dass der heute rot-
weiß gestylte Weihnachtsmann einst eine Wer-
befigur von Coca-Cola war und uns seither als
Weihnachtsmann dient. „Der Tannenbaum ist
viel älter und taucht erstmals im mitteleuropäi-
schen Raum im 15. Jahrhundert auf“, berichtet
Marcus Kenzler. „Etablieren tut er sich aber erst
gegen Ende des 19. Jahrhunderts.“ Weih-
nachtsschmuck ist nicht mehr wegzu-
denken, allerdings präsentiert er
sich heute in ganz anderer Form.
Und ein gutes Essen, Weih-
nachtsbäckerei und manche
Schlickerei können sich heute
viel mehr Menschen leisten
als vor 150 Jahren.
Museum und Ausstellung | 7kulturland
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Me, Myself and Fürst Heute gibt es natürlich auch noch den „first“,
aber so viele, dass man dem Gedränge besser fern
bleibt. Trumps Forderung „America first“ steht
Von Selfies und den Ersten de r t im Zeichen der Selfie-Generation. Es ist Helene von
geförh die
r c
du rgische Oldenburg zu danken, dass sie auf diesen Para-
u
oldenb chaf t
la n d s digmen-Wechsel aufmerksam macht.
Von Jürgen Weichardt Aber zusätzlich sind an dem Paar Selfie und Por-
trät noch Beobachtungen zu machen, die zu den
O
allgemeinen Zeiterscheinungen quer stehen. Was
bietet das Fürsten-Porträt? Was kann das Selfie
rt der eigentümlichen Ausstellung „Me, Myself and Fürst“ (6. Juli bieten? Die Galerie zeigt zwei Reihen von Bildnis-
bis 2. September 2018) von Helene von Oldenburg war die Fürsten- sen Jeveraner Fürsten und ihrer Verwandten. Die
galerie im Schlossmuseum Jever. Das Publikum war angeregt, Porträts sind meist auf Kopf und Schulterpartie
sich mit dem Handy in der Porträtgalerie zu fotografieren und da- beschränkt. Da rückt ihnen das Selfie schon recht
mit das hierarchische Prinzip des Ersten (First) im Lande umzukehren. nahe. Nur in drei Fällen sind Hände zu sehen:
Die Ausstellung stellte mit Ölmalerei und Fotografie Historie und Gegen- Maria von Jever hat die Hände in den Schoß gelegt,
wart und zugleich Fürsten und Bürger einander gegenüber. Sie war eine Aus- ein Ausdruck der Stille und Demut. Auf dem Bild
stellung „in progress“, das heißt am Anfang wusste niemand, wie sie am darunter ist ein Fürstenpaar im Profil zu sehen, wie
Ende aussehen wird, nicht zuletzt weil sie eine unbekannte Zahl von Auto- die anderen auch mit wenig Lebendigkeit. Nur die
rinnen und Autoren enthalten würde, einmal die Künstler, die die Ölporträts linke Hand der First Lady hält ein Schmuckstück an
gemalt haben, zum anderen die Fotografierenden, die sich angestrengt hat- ihr Dekolleté – eine Geste, die befremdet, aber
ten, ihre Selfies im Fürstensaal zu platzieren. Sowohl Porträt als auch Selfie menschlich ist: „Guck mal, was ich hier habe!“ wür-
sind eine Fundgrube an Beziehungen zu ihrer jeweiligen Zeit, aber sie ha- de jemand sagen, wenn der Schmuck eigene Be-
ben unterschiedliche Vergangenheitswerte: Das Porträt hat Jahrhunderte deutung hat. Unter Fürsten ein Hinweis für Kon-
überdauert, es suggeriert die gute alte Zeit, als jeder noch wusste, was oben kurrentinnen auf den Fürstenstühlen.
und unten ist, der Fürst war der first, und jeder Bürger stand auf einer Stufe.
Der Selfie-Aufnahme gebe ich ein Jahrzehnt, wenn es hoch kommt.
8 | Museum und Ausstellungkulturland
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Die Gemälde erlauben auch einen Blick auf die Die Ausstellung steht unter dem Begriff „Parti- Linke Seite: Viele Selfies
Kleidung, die zu den Insignien eines Fürsten-Por- zipation“, eine von Helene von Oldenburg und dem wurden in der Gemälde-
galerie aufgenommen.
träts gehört, wobei auffällt, dass zur selben Zeit die Frauen-Labor thealit in Bremen gepflegte Form von
Oldenburger Fürsten sich mit einer fast schlichten Veranstaltung, die dazu dient, die Schwelle vor Unten: Im Gegensatz zu
Uniform zufrieden gaben, während Zar Peter III. Kunstausstellungen zu schleifen und die Diskre- historischen Portraits
– der Jüngste unter den Porträtierten – sich in ei- panz zwischen Ausstellungsmachern und Publi- wird auf Selfies heute
immer gelächelt.
ner Ritterrüstung zeigt, in tragbar leichter Form, kum durch dessen Teilnahme aufzufüllen. Fotos: Schlossmuseum
aber dennoch anachronistisch. Sie verdeutlicht Diese Teilhabe am Kunstprozess hatte Helene Jever
den Abstand zum Volk. von Oldenburg in früheren Aktionen schon thema-
Die zwanzig Bildnisse zeigen kein Lächeln, viel- tisiert: Eine Zeitlang hatte sie sich mit dem Thema
leicht einmal einen Zug heiterer Sinn und ein „Netze“ beschäftigt und von der Natur mit dem
freundliches Gesicht, alle anderen sind ernst und Spinnennetz bis zum Begriff Vernetzung durchge-
sich der Situation bewusst, gemalt zu werden als arbeitet. Im Netz haben alle Menschen schon lange
Erste in ihrem Reich und als Fürst des Volkes. gehangen. Dann hat sie nach Möglichkeiten ge-
Seit Kurzem wird in der modernen Gesellschaft sucht, außenstehende Menschen emotional und
an einer neuen Galerie gebastelt – eine Galerie der handelnd in den Kunstsektor einzubeziehen.
Selfies der da unten mit denen da oben. Nicht das So hat sie Werke von Horst Janssen auseinan-
Selfie jener da oben, das will eigentlich keiner dergenommen und an einer einzelnen Stelle in
sehen – sondern das mit ihnen, wenn man sie denn einem seiner Bilder sichtbar gemacht, wie der
zu fassen kriegt. „Ha – ich und Angela“ – wer ist Künstler gearbeitet hat. Und in einem separaten
denn da nun „the first“? Raum konnte das Publikum mit dem
Das Selfie entsteht oft vor besonderer Architek- Stift solchen Stellen in den Bildern
tur, Persönlichkeit, Ereignis. Gewöhnlich zeigt von Horst Janssen nachgehen und
es einen Ausschnitt, meist nur Kopf, gerade so viel, zeichnen. Praxis ist Voraussetzung,
dass das Ich erkannt und das Objekt dahinter ge- eigene Kreativität zu entdecken.
sehen werden kann. Die Selfisten lächeln meistens Aber das ist ein klassischer Weg.
oder grinsen vor Glück, das besondere Objekt ent- Die Kunst hat längst das Atelier ver-
deckt oder die Politikerin erwischt zu haben. Das lassen und die Natur erobert. Auch
momentane Verhältnis zum Motiv – zum Louvre dabei hat Helene von Oldenburg zu-
oder zur ersten Politikerin – kann die Selfisten für sammen mit Claudia Reiche im vori-
Momente bis auf höchste Ränge schleudern; der gen Jahr ein Projekt initiiert, bei dem
Alltag sorgt dafür, dass sie wieder herunterkom- Bewohnern vorgeführt wird, welche
men. Haltungen sie gegenüber einem be-
Bezeichnend ist der Standort: Die Fotografieren- liebigen Stück Natur einnehmen kön
den stehen anders als üblich vor der Kamera und nen: Die beiden Künstlerinnen nann-
mit dem Rücken zum Objekt und bei wichtigsten ten ihr Projekt „Civil Wilderness“
Personen auf gleicher Höhe, Wange an Wange. und ließen Menschen Stücke aus der
Der Blick auf das ins Bild genommene Motiv wird Natur auswählen, die sie als wild
der Kamera überlassen, wird an das Handy und bezeichnen und nach drei Gesichts-
später an jene, die das Motiv im Handy betrachten punkten beobachten oder pflegen sollten:
dürfen, delegiert. 1. Das Gewohnte darf nicht verändert werden,
Natürlich ermöglicht auch der Spielraum eines freier Wildwuchs bei sanfter Pflege, um die
Handys, kreativ zu werden, und die Selfies zeigen durch Naturkraft hervorgerufenen Verände-
den Grad der Kreativität an. Dazu gehört, dass das rungen zu minimalisieren;
Selfie die Rangfolge vertauscht: first me, myself, 2. das Stück Natur darf nicht betreten werden, also
dann das Objekt, auch wenn es das ursprüngliche freier Wildwuchs; und
Ziel der fotografischen Aktion war. Das Ich –„me, 3. das Stück Natur ist dem Willen der Menschen
myself, I“ schiebt sich in den Vordergrund –, „I ausgeliefert.
first“ war früher: Ich, der Fürst. Und um das noch Bleibt die Frage, bezogen auf die Ausstellung im
deutlicher vom Volk abzuheben, folgte der Zusatz: Schlossmuseum: Was würden Sie tun, wenn Sie
„Von Gottes Gnaden“. Jetzt ist der/die Fotografie- heute Herrscher in Jever wären? Die Antwort wird
rende „first“, und alle anderen, alles andere second. den Leserinnen und Lesern überlassen.
Das Ich behauptet sich – ein Zeichen des Selbst-
bewusstseins.
Museum und Ausstellung | 9kulturland
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Unterwegs im Auftrag des Großherzogs
Der Oldenburger Landschaftsmaler Ernst Willers
Von Anna Heinze
F
ür einen Künstler des 19. Jahrhunderts dort – mit einigen Unterbrechungen dem allerdings 1837 Amalie von Ol-
war die aufklärerische Bildungsreise – 26 Jahre. In Italien wurde er zu je- denburg den ersten griechischen
in den Süden eine Pflichtveranstaltung. nem Landschaftsmaler, als den wir König Otto von Wittelsbach heiratete
Vor allem in Italien konnte man sich ihn heute wahrnehmen, dort bilde- und die neuen Beziehungen zu Grie-
sowohl an den Werken der Antike als ten sich die für ihn charakteristischen, chenland langfristig auch im öffent-
auch der Alten Meister schulen sowie künstlerischen Eigenschaften aus: lichen Bewusstsein verankert wer-
Landschaftsstudien betreiben. Auch der Oldenbur- ein ausdrucksstarkes Kolorit und eine den sollten, wurde Willers 1843 vom
ger Maler Ernst Willers sollte mit Anfang dreißig kraftvolle Form, die bei allem Natu- Großherzog damit beauftragt, nach
in das Land, „wo die Zitronen blühn“, reisen, um ralismus eine ganz eigene atmosphä- Griechenland zu reisen, die dortigen
dort – ausgestattet mit einem Stipendium des rische Qualität entwickeln. Eindrücke malerisch festzuhalten
Oldenburger Großherzogs Paul Friedrich August Das Ölgemälde „Blick auf Terraci- und zurück nach Oldenburg zu brin-
– die Landschaft Latiums in zahlreichen Zeich- na“ im Landesmuseum für Kunst und gen. Aus dieser ersten Reise resul-
nungen und Ölskizzen festzuhalten. Kulturgeschichte Oldenburg aus dem tierten jedoch nur wenige Werke, da-
Angefangen hatte der 1802 auf der Hofstelle Jahr 1843 zeugt von dieser Atmosphä- runter zwei Akropolis-Ansichten, von
Vegesack in der Bauerschaft Jeddeloh im Herzogtum re: Wie fast alle Werke von Willers denen sich eine in Privatbesitz und
Oldenburg geborene Willers allerdings in Varel, lässt sich auch dieses geografisch ge- eine im Landesmuseum Oldenburg
wo er eine Malerlehre bei einem Anstreicher absol- nau lokalisieren. Der Künstler er- befindet.
viert hatte. Anschließend ging er nach Düssel- fasst die topografischen Merkmale Eine zweite Reise führte den
dorf und besuchte dort als einer der Ersten die der Landschaft mit ihren Bodenbe- Künstler 1857 bis 1859 erneut nach
gerade gegründete Kunstakademie, an der er sich schaffenheiten und Hügelketten bis Griechenland. Willers klagte über
erstmals mit der Landschaftsmalerei beschäftigte. zum Horizont, ebenso die sich im die Strapazen der Unternehmung,
Ein Stipendium von Großherzog Peter Friedrich Bildvordergrund befindende Wasser- Italien halte er dagegen „für ein
Ludwig ermöglichte es ihm, nach Dresden überzu- quelle sowie Bäume und Sträucher. ganz civilisiertes Land“, und er war
siedeln, wo es an der Akademie zwei Lehrer für Die Vedute der kleinen Hafenstadt froh, „mit dem Leben davonge-
Landschaftsmalerei gab. Der eine war Caspar David Terracina bildet das architektonische kommen zu sein, ohne von Räubern
Friedrich, der als Vertreter der romantischen, Gegengewicht zu dieser Landschaft, ausgeplündert zu werden“. Doch
symbolgeladenen Landschaftsmalerei Willers aller- die ihre Wirkung vor allem durch künstlerisch war die Erfahrung der
dings weniger zuzusagen schien, denn der Stu- die Lichtsituation und die Rhythmi- griechischen Landschaft vor allem
dent entschied sich, bei dem norwegischen Meister sierung von hellen und schattigen für Willers’ Spätwerk prägend: Ab
Johann Christian Dahl zu lernen, dessen Darstel- Arealen entfaltet. Die kleinen Figuren 1860 überwogen die Darstellungen
lungen eher naturalistisch-monumentalen Charak- im Vordergrund mögen noch als Griechenlands, Italien spielte eine
ter hatten. Dahl war es auch, der ihn an die Praxis letzter Nachklang der idealen Histo- untergeordnete Rolle. Willers wandte
der Ölskizze heranführte, die zu Willers’ bevorzug- rien-Landschaft begriffen werden, die Ölstudien-Technik auch in Grie-
ter Maltechnik wurde. Willers sollte sich aber zukünftig den chenland an, und seine zahlreichen
Zurück im Nordwesten entstanden die ersten menschenleeren Großlandschaften Zeichnungen und Skizzen münde-
Studien im Neuenburger Urwald bei Varel und im hinwenden und damit zu den Erneu- ten, zurück in seinem Atelier in Ol-
Hasbruch bei Hude. Doch hielt es Willers nicht erern gehören, die eine erhabene denburg, in dem vier Gemälde um-
lange in seiner Heimat. 1835 siedelte er nach Rom Landschaftsmalerei vertraten, bei der fassenden Griechenland-Zyklus, den
über, wo er sich eine Wohnung nahm und die ita- sich das Heroische allein aus dem Willers 1867 für das Oldenburger
lienische Landschaft bei Exkursionen nach Oleva- Formgehalt der Komposition ergibt. Schloss vollendete. Die menschen-
no Romano, Civitella in Val di Chiana, Cervara di So viele, vor allem aus Deutschland leeren, kargen und fast baumlosen
Roma, Tivoli etc., also den einschlägigen Orten, an kommende Campagna-Maler sich in Landschaften markieren die end-
denen die deutschen Landschaftsmaler ihre künst- Italien tummelten, so wenige Künst- gültige Abkehr von der historisch
lerischen Studien betrieben, erkundete. Er blieb ler erkundeten Griechenland. Nach- aufgeladenen Ideal-Landschaft mit
10 | Kunstkulturland
4|18
Das Urteil des Bremer Malers
Arthur Fitger im Nachruf auf Willers
fiel zweischneidig aus. Einerseits
lobte er die künstlerische Qualität vor
allem der Zeichnungen: „In ganzen
Haufen haben wir die herrlichsten
Studien in Kohle und Blei bei ihm ge-
sehen, Studien von großent heils so
künstlerischer Durchbildung, dass sie
ein minder strenger Kritiker gar
wohl für fertige Kunstwerke passie-
ren lassen könnte. Keiner hat viel-
leicht mit solcher Meisterschaft die
Zeichnung beherrscht wie er.“ Auf
der anderen Seite rügte er das verhält-
nismäßig kleine Œuvre von etwa 50
bis 60 ausgeführten Gemälden und
200 Zeichnungen und Ölstudien:
„Willers war einer von den Künstlern,
die für die Welt unglaublich unpro-
duktiv sind.“ Tragischerweise wurde
Willers in der weiteren Rezension
von namhaften Kunstkritikern wie
Adolf Rosenberg vorgeworfen, kein
Erneuerer in seinem Fach gewesen zu
sein. So geriet er schnell in Verges-
senheit. Es ist daher nur zu begrüßen,
dass Willers seit einigen Jahren als
Landschaftsmaler wiederentdeckt,
die Qualität seiner Werke erkannt
und dies in zahlreichen Ausstellungen
und Publikationen gewürdigt wird.
Zuletzt erschien die Schrift „Ernst
Willers. Ein Beitrag zur Geschichte
der Landschaftsmalerei“ von Jörg
Deuter (Laugwitz Verlag, Buchholz
in der Nordheide 2017, 52 S., Abb.,
ISBN 978-3-933077-50-9).
Die Volkserberge von Civi-
tella aus, 1837, Ölfarbe auf Figuren. Willers monumentale Szenerien bergen jegliche in- Dr. Anna Heinze ist Kuratorin für die
farbigem Papier auf Lein-
haltliche Dimension in sich selbst. Abteilungen Bildende Kunst und
wand, Landesmuseum für
Kunst und Kulturgeschich- Nach Jahren der Unterstützung und der Aufträge durch den Kunstgewerbe/Design am Landes-
te Oldenburg. Großherzog wurde Willers offiziell zum Hofmaler erklärt. museum für Kunst und Kulturge-
Diese Rolle behagte ihm offenbar weniger. Der Marschendichter schichte Oldenburg.
Blick auf Terracina, 1843,
Öl auf Leinwand, Landes-
Hermann Allmers schrieb 1862 in einem Brief: „Der alte, wa-
museum für Kunst und ckere Kerl – denken Sie sich welch tragisches Geschick – der gute
Kulturgeschichte Olden- Kerl ist neulich Großherzoglich Oldenburgischer Wirklicher
burg, Leihgabe der Stif- Hofmaler geworden; er muss sich seinen Bart stutzen […] und
tung Niedersachsen.
hat zum Atelier einen Saal im Schloße erhalten, wo er nicht
Fotos: Sven Adelaide, Lan- mal rauchen darf. Er soll sehr betrübt ob solch harten Schlägen
desmuseum für Kunst und sein.“ Dieser Zustand währte allerdings nicht lange, denn Wil-
Kulturgeschichte Olden- lers‘ Oldenburger Zeit endete 1863, als ihm vom Großherzog die
burg
Übersiedlung nach München genehmigt wurde. Dort lebte
und wirkte er in Künstlerkreisen bis zu seinem Tod im Jahr 1880.
Kunst | 11kulturland
4|18
Eine Petruspforte für
die Schlosskirche in Varel
Wunsch oder Wirklichkeit?
Von Marianne Janssen
U
nübersehbar mitten in Varel steht auf einer Bedeutende Kirchen und Gebäude präsentieren sich mit
leichten Anhöhe die Schlosskirche St. Petri. entsprechenden Portalen. Doch daran mangelt es der Schloss-
Sie prägt das Bild der Stadt und ist seit vielen kirche, denn der neoromanisch gestaltete Haupteingang
Jahrhunderten ihr Wahrzeichen. Aus einer an der Westfassade kam bei den jahrhundertelangen Umbau
Granitkirche des Jahres 1150 wuchs im Laufe arbeiten regelmäßig zu kurz und zeigt sich daher wenig ein
der Geschichte ein beeindruckendes Bauwerk ladend. Tympanon (Schmuckfläche im Bogenfeld) und breiter
mit einer einmaligen und unverwechselbaren Westfassade. Kämpfer (lasttragender Stein im Bogen) sind durch glatte Gra-
Als Turm und Hauptschiff wegen akuter Einsturzgefahr von nitplatten angedeutet, die Holztür besteht aus einfach gefüg-
1984 bis 1994 grundlegend saniert wurden, waren nicht nur ten Brettern.
Bronzeportal gewünscht
die Kirchengemeinde, sondern auch Vareler Bürger mit gro-
ßem Engagement und finanzieller Hilfe unterstützend zur
Stelle. Ein Provisorium also, bis heute. Das soll sich ändern, findet
Die Vareler lieben ihre Schlosskirche vielleicht auch deshalb, der Förderverein der Schlosskirche, sprach Künstler an und
weil das trutzige, fast abweisende Gebäudeäußere nur die raue warb um Ideen für eine repräsentative Portalgestaltung, die
Schale eines weichen Kernes sichtbar macht. Beim Betreten dem Namenspatron der Kirche, Petrus, gerecht werden soll-
der Kirche entfaltet sie ihren ganzen Charme, auch und vor al- ten. Der Vorschlag des Potsdamer Bildhauers Professor Carl
lem weil hier einige herausragende Arbeiten des Bildhauers Constantin Weber überzeugt mit einer bronzenen „Petruspforte“,
Ludwig Münstermann aus dem 17. Jahrhundert in Staunen ver- auf der Episoden aus dem Leben Petrus eindrucksvoll sichtbar
setzen. Neben Taufstein und Kanzel kann man sich nicht satt werden.
sehen an der Farbigkeit und dem Detailreichtum des Altars. Der Stil ist eher expressiv als realistisch, erfordert genaues
Hier hat ein manieristischer Meister aus dem Vollen geschöpft Hinsehen, wirft Fragen auf. Besondere Wirkung erzielt Weber
und ein großartiges Werk geschaffen, dessen kunsthistori- mit der Plastizität des Tympanons: Die Figuren lösen sich vom
sche Bedeutung unumstritten ist. Auch Zeitgenossen, die der Hintergrund und fallen beinahe aus dem Rahmen. Ein Hahn,
überschäumenden christlichen Symbolik nicht mächtig sind, fast freischwebend im vorderen Bildzentrum, erinnert an Ver-
können versucht sein, die Bildergeschichten zu enträtseln. rat und Schwäche des Petrus (Matthäus 16, 24–25). Die Tür-
Wer an diesem Ort nicht betet, der meditiert oder staunt zu- flächen sind in acht plastischen Bildern den vier Evangelien
mindest. Ganz sicher dann, wenn sich der visuelle Eindruck vorbehalten und zeigen das Leben des Petrus an der Seite Jesu
mit dem auditiven Genuss der imposanten Schuke-Orgel in seiner ganzen charakterlichen Ambivalenz: Liebe, Verrat,
verbindet. Angst, Vertrauen. Der Betrachter der Bronzetür entdeckt in den
Seltene Kirchenanlage
biblischen Bildergeschichten zutiefst aktuelle, menschliche
Eigenschaften, die versöhnlich stimmen und einladen, die
Eine Kirche wie ein spannendes Lesebuch, mit Architektur- Kirche zu betreten.
und Heimatgeschichte, die weit über den regionalen Horizont Leider steht der Realisierung des großartigen Portalentwur-
hinausweist. Als eine der vier Sendkirchen des Bistums Bre- fes bislang noch eine „Kleinigkeit“ im Wege: die Finanzierung.
men war sie wichtiger Ausgangspunkt für die Christianisie- Natürlich hofft der engagierte Förderverein, dass mit verein-
rung des Landes. Die rekonstruierte Baugeschichte zeigt die ten Kräften von Kirche, Stiftungen und Sponsoren die Petrus-
Kirche als Teil einer Gesamtanlage mit Stifterbau und Herr- pforte Wirklichkeit wird.
schersitz, die bis zum Abbruch der Schlossgebäude im Jahr
1870 in räumlicher Nähe zueinander standen. Solche Anlagen Marianne Janssen ist Kunsthistorikerin und
sind in Norddeutschland selten. ist im Vorstand des Förderkreises der Schlosskirche.
12 | Bauwerkkulturland
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Linke Seite: Die Computer-
simulation des Eingangs-
portals der Schlosskirche
Varel. Foto: Architekt J.
Boner
Das Eingangsportal heute
mit Blick in das Kirchen-
schiff auf den Münster-
mann-Altar. Fotos: Rosen-
dahl Fotografie, Varel
Bauwerk | 13kulturland
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Ein Wort wie
Licht in der Nacht
Von Bischof Thomas Adomeit
N
icht gerade weihnachtlich erscheint dieses Fenster: keine Krippe,
kein Stern, keine Hirten oder Könige, nicht einmal ein Kind.
Die weiß-blauen Schlieren auf der linken Seite muten zwar wie
eine Schneelandschaft an, und die grauen Wolken oben rechts
erinnern an manch diesigen Winterhimmel über dem Oldenburg Land.
Aber weihnachtlich ist das doch nicht?
Das Kirchenfenster schmückt erst seit acht Jahren die Heppenser Kirche
in Wilhelmshaven. Als man dort vor ungefähr fünfzehn Jahren die längst
verloren geglaubten Fenster aus dem 19. Jahrhundert wiederentdeckte, ent-
schloss sich die Kirchengemeinde zu einem bemerkenswerten Schritt.
Zum einen sollten die vorhandenen alten Fensterteile restauriert und wieder
eingebaut werden. Zum anderen sollten die fehlenden Teile nach dem alten
Vorbild rekonstruiert und neu gefertigt werden. Schließlich aber sollten –
um nicht einem erneuten Historismus zu verfallen – zwei der vier Fenster
im Altarraum von einem Künstler vollkommen neu geschaffen werden. Den
Auftrag erhielt der Wilhelmshavener Maler und bildende Künstler Hartmut
Wiesner. Er schuf ein Stille-Fenster über dem Taufstein und eben dieses
Wort-Fenster neben der Kanzel.
Eine Verbindung, ein Brückenschlag zwischen Erde und Himmel. Eine
Leiter, die nicht auf festem Grund steht, sondern die aus dem Winterhimmel
herabgereicht wird. Dort, oben zwischen den Wolken, sind die Sprossen Wort-Fenster des Wilhelmshavener
am stabilsten, während sie bei uns Menschen unten am brüchigsten sind. Malers und Künstlers Hartmut Wiesner
neben der Kanzel der Heppenser Kirche.
Was aber da vom Himmel herab auf die Erde kommt, ist eigenartig. Es ist Foto: Ev.-luth. Kirchengemeinde Heppens
ein Wort und merkwürdigerweise auch noch das Wort „Wort“.
„Denn als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht in ihrem Gang
die Mitte erreichte, fuhr dein allmächtiges Wort vom Himmel herab, vom geschieht. Dieses machtvolle Wort wird nun zu
königlichen Thron.“ (Die Bibel, Weisheit 18,14–15a) einem Menschen. Ja, Gott selbst wird als Mensch
Mitten im Winter, wenn die Nacht am längsten ist, feiern wir das Fest der geboren und kommt auf die Erde.
Geburt Jesu Christi – Weihnachten. In tiefster Dunkelheit kommt das Licht In Heppens sieht man, was passiert, wenn
der Welt zur Welt. Gott wird Mensch und kommt dorthin, wo es am dun- Gottes Wort in der Nacht vom Himmel herab-
kelsten ist, wo die Finsternis am meisten schmerzt. Am Heiligen Abend hö- kommt: Ein Feuerwerk bricht auf der Erde aus.
ren wir in unseren Kirchen, wie der Evangelist Lukas dieses wundersame Funken sprühen, Kraft und Lebendigkeit strah-
Geschehen in seiner Weihnachtsgeschichte ausmalt: ein unscheinbares len auf.
Dorf mit einem armseligen Stall und einfachen Schafhirten. Gott kommt Und tatsächlich schaffte es der Mensch Jesus,
nicht in die Paläste der Reichen und Mächtigen, sondern dorthin, wo es am unzählige Menschen für Gott und seine Liebe
dunkelsten ist. So vertraut und fast romantisch die Bilder aus der Weih- zu begeistern. Aus den Jüngern wurden Apostel,
nachtsgeschichte des Lukas sind, so spröde klingen die Worte beim Evan- aus den Freunden wurden Gemeinden.
gelisten Johannes, die wir am ersten Weihnachtsfeiertag in den Gottes- Und so feiern wir noch heute, im Jahr 2018
diensten hören: nach Christi Geburt, eben diese Geburt, das Wort
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott. (…) Und das Wort vom Himmel, das Licht in tiefster Nacht: „Weil
ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit.“ (Die Gott in tiefster Nacht erschienen, kann unsre
Bibel, Johannes 1,1.14a) Nacht nicht traurig sein.“ (Ev. Gesangbuch 56)
Durch das Wort schuf Gott das Licht und die Welt. Denn Gottes Wort ist
nicht einfach nur ein Wort, es hat Kraft und Macht. Gott spricht – und es
14 | Kunstbetrachtungkulturland
4|18
Sprakendag in’t Museumsdörp
in Cloppenborg
Van Christiane Ehlers
I
n Europa sünd en Barg Spraken tohuus: Kloor, dat gifft de groten Spraken, man
ok vele, vele lütte Spraken. Se all maakt de ünnerscheedlichen Klören vun Europa ut.
Üm to wiesen, wo wichtig dat is Spraken to lehren, hett de Europaraat den Euro-
pääschen Sprakendag inricht. To düssen Akschoonsdag laadt de Bundesraat för Ned-
derdüütsch (Bf N) eenmal in’t Johr Plattsnackers ut all acht Bunnslänner in. Düt Johr
stünn de Dag ünner dat Motto „Brüchen slaan – Sprache als Brücke“. De Bf N hett in’t
Museumsdörp in Cloppenborg en interessant Programm op de Been stellt.
Dr. Julia Schulte to Bühne, de Direktersche vun dat Museum, hett mit Vertreders ut
de Region över de Bedüden vun Plattdüütsch för de Minschen in de Region snackt un na
dat „beste Produkt“ op Platt fraagt. Dorbi is düütlich worrn, in wat för ünnerscheed
liche Delen vun de Gesellschop Platt to finnen is. Allerwegens funkschoneert Spraak as
Baven: De Musikkoppel Brüch. Dorvun kunnen sik de Besökers bi’t „Speed-Dating“ op Platt övertügen. Fachlüüd
„De Grup“ maakt en hebbt en Inblick geven to Plattdüütsch un Mehrsprakigkeit in de School, bi de Pleeg,
musaklisch Reis över de
Grenz twüschen Düütsch-
in Tosamenhang mit Arbeit un Tourismus, bi’t Schrieven vun literarische Texten un bi’t
land un de Nedderlanden. Översetten.
Musikers ut beide Länner En heel wichtige Rull speelt de Regionalspraak in’t kulturelle Feld, dat kunnen de
wiest, dat de plattdüüt- Tokiekers bi dree besünnere Projekten wies warrn. „Ritter Trenk op Platt“, de eerste
sche Spraak twüschen
beide Länner ok en Brüch
plattdüütsche Kinofilm för Kinner, hett groten Indruck op dat Publikum maakt. De
ween kann. düütsch-nedderlannsche Musikgrupp „De Grup“ hett wiest, dat Spraak ok över Länner-
grenzen weg Brüchen boen kann. Un wo goot Musik hölpt, Kinner an Spraken ranto
Ünnen: In enkelte Koppels föhren, hett dat Kinnerbook „Kinderleicht & Grenzenlos. Kinderlieder auf Platt, Deutsch
sünd de Besökers bi’t
„Speed-Dating“ wies worrn,
und Niederländisch“, rutgeven vun de Emsländische Landschop, düütlich maakt.
wo Spraak en Brüch ween Dr. Saskia Luther un Heinrich Siefer, de Sprekers vun den BfN freit sik, dat so vele
kann. De Översetter Hart- Minschen na Cloppenborg kamen sünd: Plattsnackers, man ok Lüüd, de sik för de Regio
mut Cyriacks hett en nalspraak interesseert. Stütt geven för de Veranstalten hett de Beopdragde vun de
Inblick in sien Wark geven.
Fotos: Bundesraat för Ned-
Bunnsregeren för Kultur un Medien.
derdüütsch
Christiane Ehlers, se hett dat Leit vun’t
Nedderdüütschsekretariat.
Platt:düütsch | 15kulturland
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Das Groninger Forum
Umgestaltung der „guten Stube Groningens“
Von Wolfgang Stelljes (Text und Fotos)
W
er in diesen Tagen nach längerer Zeit Mitgestaltungsmöglichkeiten
mal wieder Groningen besucht, der Ein Ort für Ausstellungen und Filme, Dokumentationen und
wundert sich über einen Berg aus Stein Debatten, Lesungen und Talkshows soll es werden. Offiziell
und Glas, der sich mitten in der Stadt liest sich das so: „Hier werden die Bedürfnisse und Wünsche
erhebt. Es ist das Groninger Forum, das einer neuen Generation befriedigt, die nicht mehr passiv kon-
gerade seiner Vollendung entgegen- sumieren möchte, sondern über die Welt von jetzt und später
strebt und im Herbst 2019 offiziell eröffnet werden soll. Gronin- selber forschen, erleben, reden und denken möchte.“ An der
gen war schon in der Vergangenheit alles andere als zurück- Gestaltung des Programms sollen sich auch Initiativen und
haltend, was moderne Bauten betraf, man denke nur an das Bürgerbewegungen beteiligen können. Und schon seit längerer
Groninger Museum. Doch das Groninger Forum ist noch mal Zeit steht fest, dass auch das Comicmuseum, jetzt noch am
ein Kapitel für sich, mit einer Höhe von 45 Metern und einer Westerhaven, und der VVV, also das Tourismusbüro, hier ein-
Gesamtfläche von 17.000 Quadratmetern. ziehen werden.
16 | Unsere Nachbarnkulturland
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Vor dem Groninger Forum soll der „Neue Markt“
entstehen. Und darunter eine Tiefgarage für Öffentliche Führungen zum Groninger Forum
380 Autos und 1200 Fahrräder. So sieht es der und zur Erneuerung der Ostseite des Grote
Entwurf von NL Architects aus Amsterdam vor. Markt bietet die Stadt Groningen jeweils don-
Der Neue Markt ist der dritte Markt in der Gronin- nerstags um 16 Uhr an.
ger Innenstadt, neben dem Grote Markt und Um vorherige Anmeldung wird gebeten,
dem Fischmarkt, die zusammen schon jetzt den entweder telefonisch unter 0031-50-7600060
zweitgrößten innerstädtischen Markt in Europa oder per E-Mail an
bilden – nur der in Krakau ist größer. info@groningenvernieuwt.nl.
Verschönerung des Grote Markt Die Führungen starten beim Info-Zentrum
Auch der Grote Markt verändert sein Gesicht, auf dem Grote Markt.
dank einer neuen „Ostwand“, bestehend aus ei-
nem Hotel und einem Café und Restaurant, je-
weils mit einer Fassade aus Back- oder Naturstein
und großen vertikalen Fenstern – Architektur-
Fans werden sich an die Amsterdamer Schule er-
innert fühlen.
Es war gerade diese Ostseite des Grote Markts,
die vielen Groningern ein Dorn im Auge war.
Die „gute Stube Groningens“ war in den letzten
Tagen des Zweiten Weltkriegs stark in Mitleiden-
schaft gezogen worden. Zwar hatte der „Alte Graue“,
wie die Groninger liebevoll den Turm ihrer Mar-
tinikirche nennen, die heftigen Kämpfe in der
Innenstadt halbwegs unbeschadet überstanden,
sieht man mal von ein paar Kugeleinschlägen ab.
Nicht so viel Glück hatten dagegen die alten Gie-
belhäuser am Markt, von denen etliche zerstört
wurden – der ursprüngliche Charakter des Mark-
tes ging verloren.
Speziell die Ostseite des Marktplatzes wurde
dann durch eine eher freudlose Nachkriegsbebau-
ung zu einem Ort, der „eigentlich nie viel Lauf- Oben: Mirjam de Boer
publikum angezogen“ hat, wie es in der Broschüre erläutert deutschsprachi- der Rat grünes Licht, 2011/2012 wurden die alten
gen Gästen das Groninger
„Groningen erhält Facelift“ heißt. Kurzum: Es Forum.
Gebäude abgerissen. Gab es anfangs „viele ableh-
war „nicht wirklich einladend“. Durch das Gro- nende Stimmen, so ändert sich jetzt die Meinung
ninger Forum soll der Grote Markt nun „seine Modell des Groninger vieler Groninger“, glaubt de Boer, auch weil das
Proportionen aus der Vorkriegszeit und die intime Forums, zu sehen im Info- Forum doch nicht ganz so groß sei, wie manch
Zentrum auf dem Grote
Atmosphäre zurückerlangen“, so die offizielle Markt.
einer vielleicht befürchtet habe. Immerhin, zehn
Darstellung. Stockwerke sind es am Ende geworden. Die soll-
Linke Seite: Blick vom Mar-
Erwartungen
ten ursprünglich bereits 2017 eröffnet werden.
tiniturm auf das lange Zeit Da aber die Erde in Groningen in den vergangenen
umstrittene Bauvorhaben,
Wie der Marktplatz vor dem Krieg aussah und wie Stand März 2018.
Jahren wiederholt bedenklich bebte, eine Folge
in den Tagen danach, das kann man sich auf der Erdgasförderung in der Region, wurde per
Fotos im provisorischen Domizil des VVV auf dem Referendum entschieden, dass das Gebäude
Grote Markt ansehen. Hier starten auch die Füh- erdbebensicher sein muss. Ein paar Dinge muss-
rungen, bei denen Mirjam de Boer mit ihren Gästen ten also noch angepasst werden. Nun wird man
das Groninger Forum umrundet. Auch de Boer die kulturellen Angebote, den „spektakulären
weiß, dass der Streit um das Groninger Forum Blick“ auf die Altstadt und die Kinoabende auf
jahrelang die Gemüter erhitzt hat. Es gab kaum der offenen Dachterrasse vermutlich ab 2019
ein Thema, das in den vergangenen Jahren so kon- genießen können.
trovers diskutiert wurde wie die Neugestaltung
der „toten“ Ostseite des Marktes. Im Juni 2010 gab
Unsere Nachbarn | 17Sie können auch lesen