Wissenschaft für die Praxis - s Mitteilungen der Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe e. V - Wissenschaftsförderung Sparkassen

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Wissenschaft
für die Praxis
Mitteilungen der Wissenschaftsförderung
der Sparkassen-Finanzgruppe e. V.

                                     s    Finanzgruppe
Heft 84 · Dezember 2018                   Wissenschaftsförderung
Wissenschaft für die Praxis - s Mitteilungen der Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe e. V - Wissenschaftsförderung Sparkassen
Herausgeber:
Wissenschaftsförderung der
Sparkassen-Finanzgruppe e. V.
Geschäftsstelle:
Simrockstraße 4, 53113 Bonn
Postanschrift:
Postfach 14 29, 53004 Bonn
Telefon: (02 28) 2 04-57 31
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Internet: www.s-wissenschaft.de

Verantwortlich:
Klaus Krummrich

Redaktion:
George Clegg
Telefon: (02 28) 2 04-57 31
Fax: (02 28) 2 04-57 35

Gestaltung:
weber preprint service, Bonn

Die Mitteilungen erscheinen zweimal
im Jahr und werden den Mitgliedern
der Wissenschaftsförderung der
Sparkassen-Finanzgruppe sowie der
interessierten Fachöffentlichkeit
unentgeltlich zur Verfügung gestellt.

ISSN 1864-2721

Titelbild: Das Bronzestandbild
des dänischen Bildhauers Bertel
Thorvaldsen am Gutenbergplatz
nahe des Staatstheaters Mainz zeigt
den berühmtesten Sohn der Stadt,
Johannes Gutenberg. In seinem
linken Arm trägt der Erfinder sein
wichtigstes Werk, die Gutenberg-
Bibel.

Foto: Landeshauptstadt Mainz
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Editorial

Editorial

Die Brüsseler Kommission er-
weist sich allen Subsidiaritäts-
Bekenntnissen zum Trotz nach
wie vor als in großen Teilen
(über)eifrige Gesetzgeberin.
Das gilt insbesondere auch für
das Kapitalmarktrecht, bei dem
die nationale Gesetzgebung
durch immer weitergehende
EU-Richtlinien ersetzt und zu-                              Dr. Karl-Peter Schackmann-Fallis,
                                                            Vorsitzender des Kuratoriums Wissenschaftsförderung
rückgedrängt wird.                                          der Sparkassen-Finanzgruppe e.V.

Für die heimische Kreditwirtschaft hat das spürbare         dischen Kreditinstitute, wie die Sparkassen, ihre
Konsequenzen, wie auch Professor Schneider im               Aufgabe als verlässliche Partner in allen Fianzierungs-
aktuellen Interview dieser Ausgabe nachweist. Gerade        fragen wahrnehmen können. Dazu aber bedarf es nicht
die kleineren und mittelgroßen Institute leiden zu-         nur verlässlicher, sondern vor allem auch erträglicher
nehmend unter der Regulierungswut Brüssels und wer-         gesetzgeberischer Rahmenbedingungen.
den – sowohl was die personellen Ressourcen als auch
die ausufernden Kosten angeht – unverhältnismäßig           Um nicht mißverstanden zu werden: Es geht nicht
belastet. Zwar wird immer wieder über die Möglichkeit       darum, notwendige Kontroll- und Sicherheitsmecha-
aufsichtsrechtlicher Erleichterung für weniger kom-         nismen zu verhindern oder auszuhebeln. Vielmehr
plexe Institute diskutiert, doch in der Praxis dreht sich   geht es um gesetzliche Rahmenbedingungen, die den
das Gesetzgebungs-Karussell in Brüssel ungedrosselt         Interessensausgleich zwischen Verbrauchern und
weiter. Als exemplarisch dafür kann die Debatte um          Instituten regeln, ohne die Leistungsfähigkeit der
eine Europäische Einlagensicherung angesehen                mittelständischen Kreditwirtschaft zu überfordern. Die
werden, die allen begründeten Bedenken zum Trotz in         Medizin immer neuer, EU-übergreifender Regulierun-
Brüssel unverdrossen weiter vorangetrieben wird.            gen und immer verkomplizierterer Verordnungs- und
Hier gilt es für die Kreditwirtschaft, im Interesse der     Richtlinienvorgaben garantiert nicht zugleich mehr
Verbraucher und der mittelständischen Wirtschaft            Sicherheit und Vertrauen. Vielmehr kommt es auf die
„dicke Bretter“ zu bohren, um mit ihren guten Argu-         individuelle Dosis an. Dann kann weniger auch mehr
menten bei der EU-Kommission durchzudringen.                (be)wirken.

Denn Deutschland kann seine Rolle als konjunkturelle                                   Dr. Karl-Peter Schackmann-Fallis
Lokomotive eines sich nach wie vor in schwieriger Lage
befindlichen EU-Raumes nur dann weiter ausfüllen,
wenn die hierzulande traditionell starken mittelstän-

                                                                                                                         3
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Inhalt

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EDITORIAL                                                              3
Das aktuelle Interview                                                 6
   Professor Dr. Dr. h.c. Uwe H. Schneider:
   Kapitalmarktrecht: Bedeutung wie Risiken sind rasant gestiegen
Gremien                                                                9
   Kuratoriumssitzung 2018 fand in Berlin statt
   Helmut Schleweis im Vorstand des Stifterverbandes
Wissenschaft vor Ort                                                  12
   13. Bonner Akademischer Sommer:
   Mit Wissen die Zukunft meistern und gestalten
   G-Forum: Entrepreneurship Research Newcomer Award geht
   nach Aachen
   DGF-Jahrestagung: Best Paper Award für Finance-Doktoranden:
   Wie Namen Aktien Flügel verleihen können
Aus der Forschung                                                     17
   Studie: Management-Summary – Von der Bargeldzahlung
   zur digitalen Transaktion
   Bachelor-Absolventen: Jungen Menschen Chancen und
   Perspektiven bieten
   Fahrbare Sparkassen-Filialen:
   Mit dem richtigen strategischen Ansatz die Kunden mobilisieren
Veranstaltungen                                                       25
   11. Magdeburger Finanzmarktdialog:
   Finanzielle Bildung: Investitionen in die Kundschaft von morgen
Unternehmensgeschichte                                                29
   200 Jahre Berliner Sparkasse:
   Als Kind der Aufklärung dem Gemeinwohl verpflichtet
   Savings & Retail Banking History Award:
   Forschungsarbeiten einreichen
Institut für Kreditrecht Mainz                                        32
    Brexit: Vertragskontinuität steht beim Brexit auf dem Prüfstand
    Seminartermine im Wintersemester 2018/19
Neues Studienprogramm der Sparkassen-Hochschule                       33
   Für die Besten das Beste aus zwei Welten
Eberle-Butschkau-Stiftung                                             35
   Sommerakademie 2018 in der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen:
   Nachhaltigkeit – ein essentieller Bestandteil der Geschäftspolitik
   EBuSti auf Informationsreise in Südafrika:
   Besuch im Land der Farben und Kontraste
   Hochschule der Sparkassen-Finanzgruppe:
   132 Nachwuchskräfte für ihre Mühen belohnt
Publikationen                                                         39

                                                                               5
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Das aktuelle Interview

Bedeutung wie Risiken
sind rasant gestiegen
                            Interview mit Professor Dr. Dr. h. c. Uwe H. Schneider,
                            Direktor des Instituts für internationales Recht
                            des Spar-, Giro- und Kreditwesens an der
                            Johannes Gutenberg-Universität Mainz
                            Das Kapitalmarktrecht hat    Mülbert hinzugekommen. Der Kommentar hat heute
                            in den vergangenen           3426 Seiten. Aus welchem Grund – und vor allem:
                            Jahren an Bedeutung          Weshalb hat sich der Charakter des Kommentars
                            gewonnen. Wie sehen und      grundlegend verändert? Im Wertpapierhandelsgesetz
                            bewerten Sie die derzei-     sind die ursprünglichen Regelungsbereiche heute nur
                            tige Entwicklung auf         noch in Teilen erhalten. Allerdings wurden weitere Teile
                            europäischer Ebene?          (Regelungsbereiche? TW) ergänzt. Wesentliche Teile,
                                                         die bisher im Wertpapierhandelsgesetz geregelt
                               Das Kapitalmarktrecht     waren, wurden in Europäische Verordnungen über-
                               ist ein junges, schnell   führt. Der Kommentar enthält daher heute auch
                               wachsendes Rechts-        erstmals eine Kommentierung von fünf europäischen
gebiet, das in den letzten Jahren in der Tat große       Verordnungen und damit Kommentierungen zu
praktische Bedeutung für den Kapitalmarkt, für die       Quellen des europäischen Kapitalmarktrechts. Im
Kreditinstitute, für die Unternehmensfinanzierung und    Einzelnen sind das die Marktmissbrauchsverordnung,
für die Anleger gewonnen hat. Sein Umfang hat            die Verordnung über Märkte für Finanzinstrumente
erheblich zugenommen, die Beratung ist gefordert         (MiFIR), die PRIIP-Verordnung, nämlich die Verordnung
– aber die Übersichtlichkeit ist verloren. Die Risiken   über Basisinformationsblätter für verpackte Anlagepro-
fehlerhafter Anwendung sind gewachsen, etwa bei          dukte für Kleinanleger und Versicherungsanlagepro-
unterlassener Ad-hoc-Meldung, dabei können die           dukte, die Leerverkaufsverordnung und die Verordnung
Folgen fehlerhafter Anwendung dramatisch sein.           über OTC-Derivate (EMIR). Im Zusammenhang mit
                                                         diesen Verordnungen wurden die Delegierten Verord-
Nachzeichnen lässt sich diese Entwicklung durch den      nungen und Durchführungsverordnungen kommen-
Umfang eines jüngst vorgelegten Kommentars zum           tiert. Hinzu kommen die vielfältigen Verlautbarungen
Wertpapierhandelsrecht. Das „Gesetz über den Wert-       der ESMA, also der Europäischen Wertpapier- und
papierhandel und zur Änderung börsenrechtlicher und      Marktaufsichtsbehörde. Das alles hat zum Anwachsen
wertpapierrechtlicher Vorschriften“, nämlich das         des Kommentars letztlich des deutschen und europäi-
Zweite Finanzmarktförderungsgesetz, als Grundgesetz      schen Kapitalmarktrechts geführt – aber auch zu einer
des Kapitalmarkts bezeichnet, wurde am 30. Juli 1994     unschönen Unübersichtlichkeit des Regelwerkes.
im Bundesgesetzblatt verkündet. Das Gesetz regelt das
Funktionieren der Finanzmärkte und den Schutz des
Kapitalanlegers. Es diente unter anderem der Umset-
                                                         „Liste von Verboten und
zung der EG-Insider-Richtlinie, der EG-Transparenz-      Geboten erschreckend“
Richtlinie sowie Teilen der EG-Wertpapierdienstleis-
tungs-Richtlinie. Der von Professor Assmann und mir      Wie schätzen Sie die Bedeutung der nationalen Rechts-
herausgegebene Kommentar hatte 652 Seiten.               setzung gegenüber europäischen Regelungen ein?

In diesen Tagen erschien die siebte Auflage dieses       Wesentliche Teile der Regelungen des Kapitalmarkt-
Kommentars. Als Mitherausgeber ist Professor Peter O.    rechts sind – noch – im nationalen Recht verblieben.

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Das aktuelle Interview

Dazu gehören die Regelungen zu den Aufgaben und                       Um auf die Frage zurückzukommen: Ja, ein großer Teil
den allgemeinen Befugnissen der BaFin, zur Offen-                     des Kapitalmarktrechts ist heute in europäischen
legung bei wesentlichen Beteiligungen, zu den Ver-                    Verordnungen geregelt. Diese Verordnungen enthalten
haltenspflichten, Organisations- und Transparenzpflich-               unmittelbar in den Mitgliedstaaten anwendbares
ten der Wertpapierdienstleistungsunternehmen, zur                     Recht. Soweit nationales Recht verblieben ist, ist dies
Haftung für falsche und unterlassene Kapitalmarkt-                    weitgehend Richtlinienrecht, also nationales Recht,
information, zu Finanztermingeschäften, zur Überwa-                   das auf europäische Richtlinien zurückgeht.
chung von Unternehmensabschlüssen und zur Ver-
öffentlichung von Finanzberichten. Die Folge ist, dass
sich insoweit auch die Kommentierung zwar auf deut-
                                                                      „Differenzierung in
sches Recht bezieht, es sich dabei aber insoweit um                   hohem Maße begründet“
europäisches Richtlinienrecht handelt, das in nationa-
les Recht umgesetzt wurde. Das hat auch Auswirkungen                  Inwieweit sehen Sie hier denn noch den Grundsatz der
auf die Auslegung und Anwendung der Vorschriften;                     Proportionalität gewahrt?
denn sie sind richtlinienkonform auszulegen.
                                                                      Artikel 5 Absatz 1 Satz 2 EU-Vertrag lautet: „Für die
                                                                      Ausübung der Zuständigkeiten der Union gelten die
                                                                      Grundsätze der Subsidiarität und der Verhältnismäßig-
                                                                      keit.“ In Artikel 5 Absatz 4 EU-Vertrag wird definiert:
                                                                      „Nach dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gehen
                                                                      die Maßnahmen der Union inhaltlich wie formal nicht
                                                                      über das zur Erreichung der Ziele der Verträge erfor-
                                                                      derliche Maß hinaus. Die Organe der Union wenden
                                                                      den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nach dem
                                                                      Protokoll über die Anwendung der Grundsätze der
                                                                      Subsidiarität und der Verhältnismäßigkeit an.“ Anders
                                                                      formuliert: EG-Rechtsakte dürfen nicht über das zur
                                                                      Erreichung ihres angestrebten Zieles angemessene
                                                                      und erforderliche Maß hinausgehen. Das Protokoll über
                                                                      die Grundsätze der Subsidiarität und der Proportionali-
Weiter fleißig bei der Kreation neuer Gesetze und Verordnungen:       tät, das dem Vertrag von Lissabon angehängt ist,
Die Mitglieder der Europäischen Kommission in Brüssel.                konkretisiert diese Regelung. Danach müssen Kosten
                                Foto: Etienne Ansotte/EU-Kommission
                                                                      und bürokratischer Aufwand der EU – der nationalen,
                                                                      regionalen und lokalen Behörden bei allen Handlungen
Wachsende Bedeutung haben in diesem Zusammen-                         der EU – so gering wie möglich gehalten werden.
hang auch die strafrechtlichen und bußgeldrechtlichen                 Demnach soll ein System geschaffen werden, das den
Vorschriften erlangt. Die Lektüre ist erschreckend. Der               kleinstmöglichen Eingriff bevorzugt.
Abdruck von Paragraph 120 WpHG nimmt in dem
Kommentar 19 Seiten ein! Mit der großen Zahl an                       Was bedeutet das nun für die europäische Gesetz-
Unrechtstatbeständen bedroht der Gesetzgeber Ver-                     gebung und die europäische Aufsicht im Kapitalmarkt-
stöße gegen Gebote und Verbote des Wertpapierhan-                     recht?
delsgesetzes und gegen die europäischen Verordnun-
gen im Kapitalmarktrecht mit Geldbußen. Hinzu kommt:                  In der aktuellen Diskussion geht es um die Erleichte-
Das Kreditwesengesetz und das Börsengesetz enthalten                  rung aufsichtsrechtlicher Anforderungen gegenüber
weitergehende Bußgeldkataloge. Der Hintergrund wird                   mittelständischen Instituten. Kreditinstitute müssen
verständlich, wenn man berücksichtigt, dass die europä-               sich seit Beginn der Finanzmarktkrise mit einer schnell
ischen Rechtsakte in der Regel vorsehen, dass Verstöße                wachsenden Regulierung abfinden. Dabei werden in
unbeschadet strafrechtlicher Sanktionen mit angemes-                  der Regel alle Institute gleich behandelt, obwohl es in
senen verwaltungsrechtlichen Sanktionen geahndet                      der Praxis erhebliche Unterschiede gibt und die
werden müssen. Zumindest müssen den Behörden                          mittelständischen Institute unverhältnismäßig belastet
Bußgeldsanktionen an die Hand gegeben werden.                         werden. Im Frühjahr 2016 hat daher der Bundesfinanz-
Damit vollzieht sich im Kapitalmarktrecht eine Entwick-               minister aufsichtsrechtliche Erleichterungen für
lung, die im Kartellrecht längst Praxis ist, nämlich hohe             mittelständische, weniger komplexe Institute gefor-
Bußgelder und hohes Abschreckungspotential.                           dert. Seither wird von Politik, Aufsicht, Industrie und

                                                                                                                               7
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Das aktuelle Interview

Wissenschaft intensiv diskutiert, wie die Regulierung       Wer sich dies vor Augen führt, muss sich zunächst
mittelständischer Institute mit erleichterten Regelun-      vergegenwärtigen, dass es gerade im europäischen
gen und Anforderungen aussehen könnte. Plakativ             Bereich besonders wichtig ist, dass die Wirklichkeit in
geht es um die „small banking box“. Gedacht ist dabei       den Mitgliedstaaten sehr unterschiedlich ist und
in erster Linie an vereinfachte Regeln im operativen        deshalb genaue Information des Gesetzgebers erfor-
Bereich und weniger an eine Senkung der Kapital- und        dern. Die Bankenlandschaft in Deutschland ist eben
Liquiditätsanforderungen. Solche Forderungen sind in        anders als die Bankenlandschaft in Schweden oder
hohem Maße begründet.                                       Italien. Das verlangt hohe persönliche Präsenz in
                                                            Brüssel und Straßburg – aber auch in Basel, wo die
Der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit gilt auch für die     Vorarbeiten geleistet werden.
Aufsicht. Exemplarisch dazu heißt es etwa in den
Leitlinien der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde          Dies vorausgesetzt sollte man sich vergegenwärtigen,
zu den Baseler Offenlegungsanforderungen vom                dass Brüssel eine Stadt der Expertengruppen ist.
Januar 2015, Inhalt der Leitlinien seien sämtliche          Das gilt gerade auch für den Bereich der „financial
aktuellen Baseler Offenlegungselemente mit Ausnah-          regulation“. Die Europäische Kommission hat in einer
me der Anforderungen an die Verbriefung. Die Leitlinie      Liste, die den Bank- und Kapitalmarktbereich betrifft,
gelte sowohl für alle als global signifikant eingestuften   alle Expertengruppen zusammengestellt und dabei
Kreditinstitute, als auch für andere signifikante Ban-      drei größere Gruppen unterschieden. Allein die erste
ken. Gleichwohl obliege es den nationalen Aufsehern,        Gruppe hat 16 Expertengruppen, die alle unterschied-
die Offenlegungsanforderungen auch von den anderen          liche Aufgaben haben, unterschiedlich zusammen-
Kreditinstituten zu verlangen. Hierbei sollten sie aber     gesetzt sind, unterschiedlich häufig tagen und unter-
den Grundsatz der Verhältnismäßigkeit anwenden,             schiedlich großen Einfluss auf die europäische
nach denen bei kleineren und wenig komplexen                Gesetzgebung haben. Zu nennen sind etwa die Expert
Instituten einzelne Anforderungen gelockert werden          Group on Banking, Payments and Insurance, die
können.                                                     High-Level Expert Group on Sustainable Finance, die
                                                            Expert Group of the European Security Committee und
                                                            andere. Nur wer für Mitgliedschaft in diesen Experten-
„Gesetzgebung weiter in                                     gruppen sorgt, kann seine Anliegen vortragen. Ob sie
ungedrosseltem Tempo!“                                      gehört werden, ist eine andere Frage. Die Erfahrungen
                                                            sind höchst unterschiedlich.
Kann aus Ihrer Sicht die deutsche Kreditwirtschaft im
aktuellen Umfeld ihre Interessen in Brüssel noch
ausreichend vertreten und wenn ja, in welchem Rahmen        „Brüssel macht keine Freude,
und Umfang?
                                                            wirklich keine Freude!“
Die Gesetzgebungsarbeit geht in Brüssel entgegen
allen früheren Beteuerungen in ungedrosselter Ge-           Und dabei kann man gelegentlich ernsthaft verzwei-
schwindigkeit weiter. Gearbeitet wird an einem Re-          feln. Exemplarisch ist die Diskussion über die so
view–Package, an Änderungen der CRR, an der CRD IV          genannte Europäische Einlagensicherung. Aus der
und an der BRMD. Es geht um Basel IV, eine Überarbei-       Bundesrepublik Deutschland wurden von unterschied-
tung des Europäischen Finanzaufsichtssystems, um            lichen Ebenen, aus der Politik, von der Kreditwirtschaft,
einen Vorschlag für eine Verordnung über Aufsichtsan-       den Verbraucherverbänden und nicht zuletzt von der
forderungen an Wertpapierfirmen, das EMIR–Review I          Wissenschaft, schwere Zweifel an einer europäischen
und II und die Kapitalmarktunion. Da ist die gestellte      Einlagesicherung vorgetragen. Man hat den Eindruck,
Frage mehr als berechtigt.                                  dass dies an der Wirklichkeit in Brüssel völlig vorbei-
                                                            geht und dort weitergearbeitet wird an einem System,
Der Einfluss auf die Gesetzgebungsarbeit vollzieht sich     das zu einer Haftungsunion führt. Da kommen schwere
auf vielen Ebenen, nämlich durch Anhörungen, durch          Zweifel auf, ob man in Brüssel gehört wird. Das macht
die Teilnahme an Expertengruppen, die die Kommis-           keine Freude, wirklich keine Freude.
sion und das Parlament beraten, durch Einfluss auf die
Massenmedien und nicht zuletzt durch das sehr                        Wir bedanken uns herzlich für dieses Gespräch
wichtige persönliche Gespräch mit den Mitarbeitern
der Kommission.

8
Wissenschaft für die Praxis - s Mitteilungen der Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe e. V - Wissenschaftsförderung Sparkassen
Gremien

Kuratoriumssitzung 2018
fand in Berlin statt
Auf Einladung der Berliner Spar-
kasse fand am 5. Oktober 2018
die 66. Sitzung des Kuratoriums
der Wissenschaftsförderung der
Sparkassen-Finanzgruppe e. V.
unter Leitung von Dr. Karl-Peter
Schackmann-Fallis, Geschäfts-
führendes Vorstandsmitglied des
DSGV, in Berlin statt.
Im zurückliegenden Jahr wurde über die Umstellung
des Corporate Design, Internet, Broschüren etc., der
Wissenschaftsförderung sowie der Eberle-Butschkau-        Dr. Karl-Peter Schackmann-Fallis leitete die 66. Kuratoriumssitzung
Stiftung berichtet. Diese Neuerungen sind inzwischen      der Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe e. V.

erfolgreich zum Abschluss gebracht worden.
                                                          mit welcher Dynamik Veränderungen im Zahlungsver-
Immer wieder in der Diskussion ist auch die Frage nach    kehr stattfinden. Die Ergebnisse dieser Untersuchung
der Einbindung außeruniversitärer Kooperations-           sind in einer Broschüre öffentlich zugänglich.
partner. Mit dem DIW Berlin (Deutsches Institut für
Wirtschaftsforschung) sind bereits einige Projekte        Ein anderes interessantes Forschungsvorhaben be-
vereinbart worden. Außerdem ist die Vergabe eines         arbeitete Professor Dr. Jörn Block, Universität Trier,
Forschungsvorhabens an die Fraunhofer-Gesellschaft        unter dem Titel „Finanzierung von europäischen
in Vorbereitung. Diesem Handlungsfeld wird auch in        kleinen und mittelständischen Unternehmen: Muster,
Zukunft hohe Aufmerksamkeit geschenkt werden.             Determinanten und Dynamiken im Zeitablauf“.
                                                          Es wurden Muster in der KMU-Finanzierung auf Basis
Mit Blick auf die Zukunft wird ein Schwerpunkt der        neuer Daten identifiziert, die der SAFE Survey auf
Arbeit des Vorstands und der Geschäftsführung des         europäischer Ebene bereitstellt. Dieser umfasst derzeit
Vereins darin liegen, die Organisationsform der           ungefähr 17.000 Unternehmen in 30 Ländern in
Wissenschaftsförderung zeitgemäß anzupassen.              Europa. Gemeinsam mit mehreren wissenschaftlichen
                                                          Einrichtungen und der Europäischen Sparkassenverei-
                                                          nigung hat die Wissenschaftsförderung am 10. Oktober
Ausgewählte Projekte                                      2017 in Brüssel einen Workshop zum Thema „Mittel-
                                                          standsfinanzierung in Europa“ durchgeführt, in dem
Die Vorstandsvorsitzende des Vereins, Pia Jankowski,      die Ergebnisse des Vorhabens präsentiert und disku-
erläuterte eingangs den Stand der geförderten Vorhaben.   tiert wurden.

Das Forschungsvorhaben „Erfolgsperspektiven von           Eine sehr praxisorientierte Untersuchung zum Thema
Zahlungsverkehrsinnovationen in einer digitalen Welt“     „Mobile Geschäftsstellen im Sparkassensystem – eine
von Professor Dr. Dirk Schiereck von der Technischen      wirtschaftsgeografische Analyse ihrer Einsatzmöglich-
Universität Darmstadt ist besonders auf Anbieter          keiten und Erfolgsfaktoren“ führte Professor Dr. Rudolf
digitaler Produktinnovationen ausgerichtet und zeigt,     Juchelka, Universität Duisburg-Essen, durch. Als

                                                                                                                                9
Wissenschaft für die Praxis - s Mitteilungen der Wissenschaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe e. V - Wissenschaftsförderung Sparkassen
Gremien

Nutzen dieses Forschungsvorhabens ergeben sich             werden. Des Weiteren habe das gemeinsame Stipen-
Optimierungspotenziale für die Sparkassen, die bereits     dienprogramm mit der Stiftung für internationale
über mobile Geschäftsstellen verfügen oder deren           Kooperation für die Teilnehmer wertvolle Erfahrungen
Einsatz planen. Professor Juchelka trug die Kern-          gebracht und die Stiftung vor Ort unterstützt.
ergebnisse seiner Untersuchung am Ende dieser
Kuratoriumssitzung vor.                                    Der Direktor des Forschungszentrums für Sparkassen-
                                                           entwicklung e.V. an der Universität Magdeburg, Pro-
                                                           fessor Dr. Peter Reichling, berichtete vom 11. Magde-
Projekte in Bearbeitung                                    burger Finanzmarktdialog am 14. Juni 2018 unter dem
                                                           Thema „Finanzielle Bildung – Investition in die Kund-
Professor Dr. Lukas Menkhoff, Humboldt-Universität         schaft von morgen“. Auch in diesem Jahr konnten
Berlin / DIW, beschäftigt sich in seinem Forschungsvor-    wiederum hochrangige Referenten gewonnen werden.
haben „Finanzielle Bildung: Maßnahmen, Erfahrungen,        Darüber hinaus waren die Direktoren des Forschungs-
Evaluierung und Ausblick“ vorrangig mit der Frage, wie     zentrums in verschiedenen Veranstaltungen und
finanzielle Bildung effizienter gestaltet werden kann.     Arbeitsgruppen des öffentlich-rechtlichen Finanz-
Dies soll auf Grundlage einer Meta-Analyse bereits         sektors präsent.
vorhandener internationaler empirischer Studien
erfolgen.                                                  Für das Institut Mainz teilte Professor Dr. Peter O.
                                                           Mülbert mit, dass Professor Dr. Dirk Verse die Univer-
Professor Dr. Dorothea Schäfer, DIW Berlin und Jön-        sität in Richtung Heidelberg verlassen hat, wo er ab
köping International Business School, forscht unter        dem Wintersemester 2018/19 einen Lehrstuhl für
dem Titel „Die Bedeutung von Institutsvielfalt für         Bürgerliches Recht übernommen hat. Er selbst nahm
Bankensektorstabilisierung und KMU-Finanzierung“ zu        an der Gründungsveranstaltung des Munich Center for
einem Thema, das bislang wissenschaftlich noch nicht       Capital Law, das an der LMU angesiedelt ist, teil.
ausführlich behandelt worden ist. Es sollen jene
Faktoren identifiziert werden, die von Institutsvielfalt   Ergänzend äußerte Professor Dr. Dr. h. c. Uwe H.
auf die Stabilität und Leistungsfähigkeit des Banken-      Schneider seine große Sorge über die zunehmende
sektors in der KMU-Finanzierung ausgehen.                  Verbreitung von Codizes und Leitlinien, insbesondere
                                                           durch die nationalen und europäischen Aufsichts-
                                                           behörden. Diese Regelungsmethode sei stark prozess-
Institutionelle Partner und                                orientiert, und in den meisten Fällen nicht juristisch
                                                           unterlegt. Es handele sich dabei um eine Form von
Untergremien                                               Rechtspolitik, deren Beeinflussung am ehesten durch
Für den Arbeitskreis Sparkassengeschichte bedankte         Kommunikation mit Rechtspolitikern, Richtern und
sich Professor Dr. Günter Schulz bei Dr. Wilhelm           zielgerichtete wissenschaftliche Arbeit gewährleistet
Kraetschmer vom Österreichischen Sparkassenverband         werden könne.
für eine Einladung zu einem Workshop „Financial
Literacy“ nach Wien im kommenden Jahr. In diesem
Zusammenhang plädierte er dafür, von „finanzieller         Zuwahlen in die Gremien
Aufklärung“ zu sprechen, weil das viel eher den An-
spruch von Financial Literacy deutlich mache. Zudem        Der Kuratoriumsausschuss für Aufgaben der Eberle-
stellte er heraus, wie wichtig es sei, sich mit wirt-      Butschkau-Stiftung hat einen Neuzugang zu ver-
schaftshistorischen Fragestellungen zu beschäftigen.       zeichnen. Björn Gribbe, stv. Direktor Personal bei der
Diese gäben in vergleichender Perspektive oft ein          Landessparkasse zu Oldenburg, wurde vom Kuratorium
gutes analytisches Raster für Gegenwartsphänomene          einstimmig bestellt.
ab.

Für den Kuratoriumsausschuss für Aufgaben der              Wissenschaftliche Tagungen
Eberle-Butschkau-Stiftung berichtete Klaus Krummrich
in Vertretung des Vorsitzenden, dass die Zahl von          Als die jährliche Hauptveranstaltung des Vereins
Anmeldungen für das Kolleg im Wintersemester               eröffnete im Sommer 2018 der Bonner Akademische
2018/19 merklich anstieg und klar über den Zahlen der      Sommer den Teilnehmern aus der Praxis und der
Vorjahre liegt. Ferner solle die Positionierung des        Wissenschaft die Möglichkeit, sich auch über rein
Kollegs als Mittler digitalen Wandels unterstrichen        kreditwirtschaftliche Themen hinaus mit neuen wissen-

10
Gremien

schaftlichen Erkenntnissen auseinanderzusetzen. Er       20. bis 22. September 2018 in Trier. Bei dieser Ver-
wird von der Wissenschaftsförderung der Sparkassen-      anstaltung wurde der Doktorandenpreis der Wissen-
Finanzgruppe e. V. in Kooperation mit der Manage-        schaftsförderung überreicht. Bei der DGF handelt es
ment-Akademie der Sparkassen-Finanzgruppe, dem           sich um die bedeutendste wissenschaftliche Vereini-
Lehrinstitut und der Hochschule der Sparkassen-          gung nahezu aller deutschsprachigen Wirtschafts-
Finanzgruppe – University of Applied Sciences –, Bonn,   wissenschaftler, die zu Themen des Banken- und
ausgerichtet.                                            Finanzsystems forschen.

Auf Einladung der Berliner Sparkasse fand am 6. Sep-
tember 2018 der Sparkassenhistorische Workshop
                                                         Wissenschafts-Netzwerk zum
„Wendezeiten. Sparkassen in historischen Umbrüchen       Nutzen der Sparkassen ausbauen
am Beispiel Berlins“ statt. In mehreren Vorträgen und
einem Zeitzeugengespräch wurden bei dieser Tagung        Die Wissenschaftsförderung hat in diesem Jahr anläss-
entscheidende Epochen der Berliner Sparkassen-           lich des 22. G-Forums am 11. Oktober 2018 in Stuttgart
geschichte beleuchtet.                                   bereits zum zehnten Mal den Entrepreneurship Re-
                                                         search Newcomer Award übergeben. Das G-Forum ist
Die Wissenschaftsförderung und der Deutsche Spar-        die Jahrestagung des FGF, Förderkreis Gründungs-
kassen- und Giroverband beteiligten sich beratend und    forschung. Von dieser Einrichtung gehen wichtige
als Leihgeber an der Vorbereitung der Ausstellung        Impulse für Mittelstand und innovative Unternehmen
„Sparen. Geschichte einer deutschen Tugend“ im           aus. Aus diesem Grund wird dieser Verein von der
Deutschen Historischen Museum Berlin. Sie wurde          Wissenschaftsförderung finanziell unterstützt.
am 22. März 2018 eröffnet und lief bis zum 4. Novem-
ber 2018. Die Ausstellung stieß weit über Deutschland    Als Daueraufgabe der Wissenschaftsförderung in
hinaus auf großes Interesse und wurde von Besuchern      diesem Bereich gilt es nach wie vor, das Netzwerk mit
rege frequentiert.                                       Wissenschaftlern auszubauen, die für Fragestellungen
                                                         der Sparkassen-Finanzgruppe Interesse zeigen.
Ein weiteres Highlight war die 25. Jahreskonferenz der
DGF, Deutsche Gesellschaft für Finanzwirtschaft, vom                                              Gregor Mauer

  Schleweis in den Vorstand
  des Stifterverbandes gewählt
  Helmut Schleweis, Präsident des Deutschen Spar-
  kassen- und Giroverbandes (DSGV), ist am 24. Mai
  2018 in den Vorstand des Stifterverbandes für die
  Deutsche Wissenschaft e. V., gewählt worden.

  Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft
  e. V. ist eine Gemeinschaftsinitiative von Unterneh-
  men und Stiftungen, die als einzige ganzheitlich in
  den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Innovation
  berät, vernetzt und fördert. Er verkörpert seit 1920
  die gemeinsame Verantwortung der deutschen
  Unternehmen für eine zukunftsfähige und lebens-
  werte Gesellschaft. DAX-Konzerne, Mittelständler,
  Unternehmensverbände, Stifter und engagierte
  Privatpersonen. Rund 3000 Mitglieder haben sich im
  Stifterverband zusammengeschlossen und bilden          Zivilgesellschaft. Über den Deutschen Sparkassen-
  den Nukleus eines in Deutschland einzigartigen         und Giroverband ist die Sparkassen-Finanzgruppe
  Netzwerks aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und    Förderer dieser Einrichtung.

                                                                                                                11
Wissenschaft vor Ort

Mit Wissen die Zukunft
meistern und gestalten
Wie kann in einer
Zeit des rasanten
digitalen Wandels
und großer politi-
scher und gesell-
schaftlicher Heraus-
forderungen die
Zukunft der Spar-
kassen aktiv
gestaltet werden?
Diese Fragen standen
im Mittelpunkt des
13. Bonner Akademischen Sommers.

                                        Um darauf Antworten zu finden,      Vor allem die von der EU ange-
                                        hatte die Wissenschaftsförderung    strebte Zentralisierung der Ein-
                                        der Sparkassen-Finanzgruppe         lagensicherung mit einer Verge-
                                        renommierte Referenten aus dem      meinschaftung der finanziellen
                                        Bereich der Wissenschaft und        Sicherungs-Ressourcen (EDIS)
                                        Forschung nach Bonn eingeladen.     brenne den Sparkassen auf den
                                                                            Nägeln. Denn ein Zugewinn an
                                        Prägende Themen waren die           Finanzstabilität und Sicherheit für
                                        Herausforderungen des digitalen     die Kunden könne aus diesen
                                        Umbruchs im Arbeitsalltag, die      Plänen nicht erwachsen. Vielmehr
                                        Auswirkungen des sich wandeln-      sei zu befürchten, dass hier „ein
                                        den Kundenverhaltens auf die        weiterer zwischenstaatlicher
                                        Geschäftsabläufe sowie der          Transferkanal“ geschaffen werde,
                                        Einfluss des demographischen        der zu neuen europaweiten Ver-
                                        Wandels auf das Angebot der         teilungsdebatten führen könne.
                                        Sparkassen im Vorsorgebereich.      Würden die bewährten Instituts-
                                        Diese Veränderungen seien in eine   sicherungssysteme der Sparkassen
                                        brisante politische Diskussion      und Genossenschaftsbanken
                                        eingebettet, erläuterte das Ge-     ausgehöhlt, hätte das aus Sicht von
                                        schäftsführende Vorstandsmitglied   Schackmann-Fallis weitreichende
                                        des Deutschen Sparkassen- und       negative Auswirkungen auf das
„Das Vertrauen der Kunden in Spar-
                                        Giroverbandes, Dr. Karl-Peter       Vertrauen der Kunden und die
kassen darf nicht ausgehöhlt werden“,
warnte DSGV-Geschäftsführer             Schackmann-Fallis, in seiner        Investitionsbereitschaft der
Dr. Karl-Peter Schackmann-Fallis.       Begrüßungsrede.                     Realwirtschaft.

12
Wissenschaft vor Ort

Mit Spannung und großer Aufmerksamkeit verfolgten                                      Die Ungleichgewichte in den
die erneut zahlreichen Gäste des Bonner Akademischen Sommers                           Außenhandelsbilanzen thematisierte
die hochkarätig besetzten Vorträge und Diskussionsforen.                               Professor Dr. Horst Gischer.

Dass sich inzwischen eine zunehmend breite institu-                  „Neuvermessung der Welt“, in der industrielle Wert-
tionelle und politische Phalanx gegen die Pläne der                  schöpfungsketten durch digitale Plattformen ersetzt
Einlagensicherungs-Vergemeinschaftung organisiert,                   werden, sei mit Beharrungskräften und Ängsten
sah der DSGV-Geschäftsführer als positives Zeichen.                  verbunden. Ihnen solle und müsse mit intelligenten
Die Diskussion könne dadurch noch in eine Richtung                   gesellschaftlichen und unternehmerischen Strategien
gelenkt werden, die den Interessen der deutschen                     und Konzepten begegnet werden.
Kreditinstitute und deren Kunden gerecht werde.
                                                                                       Wie einigen Herausforderungen in
Fundamentale Veränderungen                                                             der Sparkassenpraxis begegnet
benötigen fundierte Antworten.                                                         werden kann, wurde in drei ver-
Darauf verwies Professor Dr.                                                           tiefenden Forenrunden zu den
Henning Vöpel, Direktor des                                                            Themen „Mobile Geschäftsstellen
Hamburgischen Weltwirtschafts-                                                         im Sparkassensystem“, „Mobiles
Instituts und Professor an der                                                         Arbeiten im Zeitalter der Digitali-
Hamburg School of Business                                                             sierung“ und „Digitale Anforderun-
Administration, in seinen Betrach-                                                     gen im Firmenkundengeschäft“
tungen zum Einfluss der Digitali-                                                      diskutiert.
sierung auf die gesellschaftliche
und wirtschaftliche Entwicklung. In                                                    Dienstleistungen und Produkte in
der Digitalisierung erblickte er den                                                   einer digitalisierten Welt pass-
„größten Strukturbruch“ seit dem                                                       genau auf die individuellen Kun-
Eintritt in die Industriegesellschaft                                                  denbedürfnisse zuzuschneiden sei
vor 150 Jahren“. Die „digitale                                                         eine wesentliche Voraussetzung für
Revolution“ biete neue technische                                                      einen nachhaltigen unternehmeri-
Möglichkeiten, bedeute zugleich                                                        schen Zukunftserfolg, so Professor
aber auch eine Disruption etablier-                                                    Dr. Isabell Welpe von der TU
ter Strukturen, die sowohl die                                                         München in ihrem Vortrag zu
Gesellschaft als auch Unternehmen                                                      Digitalisierung und Disruption.
und Kreditinstitute vor extreme              Die „digitale Revolution“ meistern,       Darin zeigte sie auf, welche digita-
Herausforderungen stelle. Diese              forderte Professor Dr. Henning Vöpel.     len und personellen Strategien

                                                                                                                              13
Wissenschaft vor Ort

                                                   erfolgreiche Unternehmen wie Netflix und Amazon
                                                   anwenden, um den veränderten Marktansprüchen
                                                   gerecht zu werden.

                                                   Die Förderung von Kreativität und die Stärkung der
                                                   persönlichen Mitarbeiterfähigkeiten durch neue
                                                   Formen der Unternehmensführung sowie die Nutzung
                                                   innovativer Technologien wie Blockchain stellen für
                                                   Welpe die wichtigsten Voraussetzungen für den
                                                   nachhaltigen unternehmerischen Erfolg bei einer
                                                   immer individuelleren Nachfragestruktur dar.

                                                   Auf das brisante Thema einer ausreichenden Alters-
                                                   vorsorge in einem schwierigen Finanzmarktumfeld
                                                   ging Professor Dr. Thomas Langer von der Universität
                                                   Münster ein. Er gab den Impuls zu einer Diskussions-
                                                   runde. In ihr ging es darum, wie die Vorsorgebranche
                                                   ihre Kunden über die Herausforderungen bei der
                                                   privaten Zusatzvorsorge in Zeiten von Niedrigzins und
                                                   zunehmender Inflation aufklären kann. Die Diskutanten
                                                   Frank Dehnke, Vorstandsvorsitzender der Stadtspar-
                                                   kasse Remscheid, und Dr. Ulrich Neugebauer von der
                                                   Deka Investment GmbH waren sich einig, dass fundier-
Zeigte das Geheimnis erfolgreicher digitaler und
personeller Strategien in einem viel beachteten
                                                   te Beratung und neutrale Aufklärung die Schlüssel-
Vortrag auf: Professor Dr. Isabell Welpe.          elemente für eine ausreichende Altersabsicherung
                                                   darstellen.

                                                   Die These der „Zukunft Europas als eine Republik“
                                                   stellte Professor Dr. Ulrike Guérot von der Donau-
                                                   Universität Krems zur Diskussion. Auf die aktuelle
                                                   Diskussion um die Ungleichgewichte in den Außen-
                                                   handelsbilanzen ging Professor Dr. Horst Gischer,
                                                   Direktor des Zentrums für Sparkassenentwicklung
                                                   Magdeburg, ein. Abgerundet wurde das Tagungs-
                                                   programm mit Erkenntnissen der Hirnforschung über
                                                   ökonomisches Entscheidungsverhalten, die Professor
                                                   Dr. med. Christian Elger von der Universitätsklinik Bonn
                                                   den Teilnehmern näher brachte.

                                                   Das hochkarätige Vortragsprogramm und die regen
                                                   Diskussionen untermauerten das Plädoyer von DSGV-
                                                   Geschäftsführer Dr. Schackmann-Fallis für eine ver-
                                                   stärkte Kooperation zwischen Wissenschaft und
                                                   unternehmerischer Praxis, wie sie exemplarisch von
                                                   der Wissenschaftsförderung e. V. zum Nutzen der
                                                   Sparkassen-Finanzgruppe praktiziert wird.

                                                                                             Juliane Clegg

Die Zukunft Europas aktiv gestalten,
dazu rief Professor Dr. Ulrike Guérot auf.

14
Wissenschaft vor Ort

Entrepreneurship
Research Newcomer Award
geht nach Aachen
Zexiong Yan, Steffen Strese und
Constanze Chwallek wurden
am 11. Oktober in Stuttgart als
Preisträger 2018 ausgezeichnet
Für die englischsprachige Arbeit „Explorer CEOs:
The effect of CEO career variety on large firms’ relative
exploration orientation“ erhielten Zexiong Yan und
Ass. Professor Dr. Steffen Strese, beide RWTH Aachen,
sowie Professor Dr. Constanze Chwallek, Fachhochschule
Aachen, auf der 22. Interdisziplinären Jahreskonferenz
zu Entrepreneurship, Innovation und Mittelstand (G-Fo-
rum) am 11. Oktober in Stuttgart den „Entrepreneurship
Research Newcomer Award 2018“. Der mit 1000 Euro            Professor Dr. Christoph Stöckmann von der Privatuniversität Schloss
                                                            Seeburg (rechts) und Gregor Mauer von der Wissenschaftsförderung
dotierte und von der Wissenschaftsförderung der             der Sparkassen-Finanzgruppe überreichten den Preis an Constanze
Sparkassen-Finanzgruppe e.V. bereits zum zehnten Mal        Chwallek, die ihn stellvertretend für das Autorenteam entgegen-
ausgelobte Preis wurde auf der Abendveranstaltung des       nahm.                                         Foto: Felix Pilz Fotografie
22. G-Forums im Haus der Wirtschaft Baden-Württem-
berg in Stuttgart durch Gregor Mauer von der Wissen-        Dieser Effekt wird interessanterweise gemindert, wenn
schaftsförderung der Sparkassen-Finanzgruppe e.V. Bonn      sie mit sehr heterogenen oder in starkem Maße funk-
sowie den Vorsitzenden der Jury, Professor Dr. Christoph    tional organisierten Top-Management-Teams zusam-
Stöckmann von der Privatuniversität Schloss Seeburg,        menarbeiten. Die Studie unterstreicht die Bedeutung,
an Constanze Chwallek überreicht, die ihn stellver-         die der Auswahl von CEOs und der Besetzung von Top-
tretend für das gesamte Autorenteam entgegennahm.           Management-Teams zur Förderung explorativer, neu-
                                                            artiger Innovationen beizumessen sind.
Inhalt der Arbeit
Die vom Autorenteam verfasste Studie thematisiert den
                                                            Der Preis
Einfluss der Karrierevielfalt von CEOs auf die Ausrich-     Der themenoffene Preis richtet sich speziell an Dokto-
tung des Unternehmens im Spannungsfeld zwischen             randen, Habilitanden und Juniorprofessoren, die ein
explorativen und exploitativen Innovationen. In der         Full-Paper Referatsangebot bei der interdisziplinären
vorliegenden Studie wird untersucht, wie sich das           Jahreskonferenz zu Entrepreneurship, Innovation und
Ausmaß an vielfältigen beruflichen Erfahrungen, die         Mittelstand (G-Forum) einreichen. Die Preisträger wur-
die Führungskräfte sammeln konnten, bevor sie CEOs          den in einem zweistufigen Auswahlverfahren ermittelt.
wurden, auf die relative Explorationsorientierung           In der ersten Stufe wurden in diesem Jahr die sieben im
großer börsennotierter Unternehmen auswirkt. Basie-         Double-blind-Review am besten bewerteten wissen-
rend auf quellenübergreifenden Sekundärdaten für            schaftlichen Arbeiten von Nachwuchswissenschaftlern
318 im S&P 500 vertretenen Unternehmen wird nach-           nominiert. Anschließend wählte eine Jury aus den
gewiesen, dass sich die Karrierevielfalt von CEOs positiv   nominierten Arbeiten die zu prämierende Arbeit aus.
auf die relative Explorationsorientierung auswirkt.                                                    Gregor Mauer

                                                                                                                                  15
Wissenschaft vor Ort

Best Paper Award für
Finance-Doktoranden verliehen

Wie Namen
Aktien Flügel
verleihen
können
Für seine Untersuchungen der                             Gemeinsam mit dem Preisträger Pavel Lesnevski (Mitte) freuten
                                                         sich Professor Dr. Erik Theissen, Schirmherr des Doktoranden-
Auswirkungen von Spillover-                              seminars, sowie Klaus Krummrich von der Wissenschaftsförderung
                                                         der Sparkassen-Finanzgruppe e.V.
Effekten auf Aktienrenditen
wurde Pavel Lesnevski von der
                                                         Spillover-Effekte in Bezug auf die Aufmerksamkeit von
Uni Mannheim ausgezeichnet.                              Kleinanlegern mit Aktien ähnlich benannter Unter-
                                                         nehmen, die in der Folge zu einer übermäßigen
Anlässlich der Jahrestagung 2018 der Deutschen           Korrelation der Aktienrenditen führen. Dabei sind die
Gesellschaft für Finanzwirtschaft (DGF) an der Univer-   Spillover-Effekte umso stärker ausgeprägt, je mehr sich
sität Trier hat die Wissenschaftsförderung der Spar-     die Namen der Unternehmen ähneln. Das gilt auch für
kassen-Finanzgruppe wieder einen Best Paper Award        Tage mit stärkeren Nachrichten. Aktienkurse reagieren
für Finance-Doktoranden gefördert. Der Preis wurde       auf Nachrichten von ähnlich benannten Unternehmen
von Professor Dr. Erik Theissen von der Universität      und kehren nach 40 Tagen zu ihrem Ausganskurs
Mannheim, dem Schirmherrn des Doktorandensemi-           zurück.
nars, an den Preisträger Pavel Lesnevski (ebenfalls
Universität Mannheim) im Beisein von Klaus Krumm-        Der daraus resultierende Überschuss in Korrelation
rich von der Wissenschaftsförderung der Sparkassen-      der Renditen macht wirtschaftlich bedeutungsvolle
Finanzgruppe überreicht.                                 zehn Prozent der durchschnittlichen Korrelation aus.
                                                         Er ist stärker quantifizierbar bei jüngeren Aktien mit
                                                         einem größeren Privatanlegerbesitz und höheren
Namensähnlichkeit                                        Arbitragebeschränkungen. Eine Analyse von Ände-
fördert Korrelationseffekt                               rungen des Firmennamens unterstützt die kausale
                                                         Interpretation der Ergebnisse. Insgesamt lässt sich
In seinem Arbeitspapier hat Pavel Lesnevski die          feststellen, dass diese Studie eine Verhaltensver-
Auswirkungen von Spillover-Effekten im Aktienmarkt       zerrung identifiziert, die sich signifikant auf die
analysiert. Dieses Arbeitspapier dokumentiert starke     Korrelation der Aktienrenditen auswirkt.

16
Aus der Forschung

Management Summary –
Von der Bargeldzahlung
zur digitalen Transaktion
Eine Studie beleuchtet die                                                             formation
                                                                                                    :
                                                                         Autorenin                S c hiereck
Zukunft des Bezahlens im                                                         s o r  D r. Dirk
                                                                         Pro fe s                        hls für
                                                                                h ab  e r d es Lehrstu
Zeitalter der Digitalisierung.                                           ist In                    nzierung
                                                                                        mensfina
                                                                          Unterneh                 n
                                                                                        chnische
                                                                          an der Te               s tadt
Die Studie von Professor Dr. Dirk Schiereck präsentiert                                 ät Darm
                                                                          Universit                   -
eine Momentaufnahme zum Stand der digitalen Trans-                                       k@bwl.tu
                                                                           (schierec
formation im Bereich der Bezahlformen und Zahlungs-                                       t.de).
                                                                           darmstad
dienste am Anfang des Jahres 2018. Jede derartige
Zustandsbeschreibung in einem Umfeld höchster
Dynamik, das jetzt durch die Aufnahme der Wirecard AG                  ten erläutert. Dabei zeigt sich dann auch, was passie-
in den DAX eine weit sichtbare Dokumentation erfährt,                  ren muss, um dieses Nutzungsverhalten allgemein zu
wird zwar sofort im Detail unscharf. Aber jeder Leser,                 ändern, wer unter einem solchen Wandel besonders
der sich nicht tagtäglich mit Innovationen bei Digital                 leidet und wie das Verhalten in Deutschland internatio-
Payments befasst, erhält hier einen kompakten, facet-                  nal einzuordnen ist.
tenreichen Überblick von immer noch sehr hoher Aktua-
lität und Detailtiefe, die es ermöglicht, schnell ein                  Um die empirische Evidenz theoretisch zu unterlegen,
gutes Grundverständnis zu den heutigen Herausforde-                    wird eine Einordnung in das theoretische Konzept der
rungen im Bereich der Zahlungsdienste zu erlangen.                     mehrseitigen Märkte geboten. Netzwerkeffekte und die
                                                                       Bedeutung der Preissetzung werden erläutert und es
                                                                       wird gezeigt, dass trotz der Netzwerkeffekte nicht
                                                                       unbedingt von einer dauerhaften Dominanz der heute
                                                                       größten Anbieter ausgegangen werden muss, weil
                                                                       Zahlungsdienste mit ihren niedrigen Multi-Homing
                                                                       Costs bei unterschiedlicher Ausgestaltung einzelner
                                                                       Kriterien starke Nachfrageänderungen erfahren kön-
                                                                       nen, wenn sich die beigemessene Bedeutung wesent-
                                                                       licher Funktionalitäten im Zeitablauf kritisch wandelt.

                                                                       Ferner werden wesentliche Trends im Markt für Digital
Im digitalen Zeitalter ändert sich auch das Zahlungsverhalten.         Payments erläutert. Gemäß aktueller Studien gewinnen
                                                          Foto: DSGV   die Services von Fintechs in Deutschland sehr schnell
Wer die Nutzung digitaler Bezahlformen verstehen will,                 an Akzeptanz, und 35 Prozent der deutschen Internet-
muss sich zunächst mit dem Verhältnis zum Bargeld                      nutzer verwenden aktiv internetbasierte Finanzproduk-
befassen. Während im Jahr 2017 der Bargeldanteil am                    te wie mobile Bezahlmethoden oder Online-Finanzie-
Umsatz unter 50 Prozent sank, ist der Betrag, den ein                  rungen. Die Nutzung von Geldtransferservices und
Bürger in Deutschland durchschnittlich an Bargeld mit                  Bezahlungen durch Nutzung eines Fintechs sind dabei
sich führt, mit 105 Euro deutlich höher als in Griechen-               am beliebtesten. Gerade jüngere und wohlhabendere
land (80 Euro) oder Frankreich. In der Studie werden                   Menschen – und damit eine besonders attraktive
die Motive der Bargeldpräferenz und die Vorbehalte                     Zielgruppe auch der Sparkassen – wenden sich Fin-
gegenüber digitalen Innovationen bei Zahlungsdiens-                    techs für digitale Geldbewegungen zu.

                                                                                                                                 17
Aus der Forschung

Parallel zu einer steigenden Kundenakzeptanz sind           Darüber hinaus wird die globale Dimension beschrie-
die Eigenkapitalfinanzierungsmöglichkeiten für              ben, die beim Aufbau von Zahlungsinfrastrukturen von
Zahlungsinnovationen sehr günstig. Deutsche                 Apple, Google und Amazon, aber auch von Alibaba und
Start-ups haben im ersten Halbjahr 2017 mehr                Tencent zu beachten ist, und zudem auf die Zahlungs-
Eigenkapital als jemals zuvor eingeworben. Fintechs         verkehrsdienstleister wie Wirecard und Concardis und
waren hierbei nach dem E-Commerce die zweit-                ihre Services eingegangen, ohne die die Verbreitung
bedeutendste Branche. Unterstützt wird diese                digitaler Bezahlsysteme in der gegenwärtigen Ge-
Entwicklung durch eine wachsende Bereitschaft zu            schwindigkeit nicht möglich wäre.
Engagements in Later-Stage-Finanzierungen, wobei
auch der Anteil etablierter Unternehmen steigt, die         Schließlich wird ein Überblick zu einigen absehbaren
in disruptive Technologien und Geschäftsmodelle             Trends zur weiteren Entwicklung des Marktes für
investieren.                                                Digital Payments als Ausblick gegeben.

Jungen Menschen Chancen
und Perspektiven bieten
Ein wesentlicher
Auftrag der Wissen-
schaftsförderung
der Sparkassen-
Finanzgruppe besteht
darin, den Dialog mit
der Wissenschaft
zu suchen, um den
Wissenstransfer in
die Sparkassen und
Landesbanken zu
ermöglichen.
                                      Den Wunsch junger Menschen nach Weiterbildung sollten die
                                      Sparkassen im eigenen Interesse fördern und unterstützen.

Das Projekt „Beschäftigungsperspektiven für Bachelor-       Die Sparkassen-Finanzgruppe hat zu entscheiden, ob
Absolventen in der Sparkassen-Finanzgruppe“ wurde im        und wie sie den zukünftigen, personellen Herausforde-
Zeitraum von Juni 2014 bis Dezember 2016 als Koope-         rungen begegnen möchte. Ein besonderes Interesse
ration zwischen der Wissenschaftsförderung der Spar-        besteht darin, interne Aus- und Weiterbildungsmög-
kassen-Finanzgruppe und dem Magdeburger For-                lichkeiten, im Speziellen das Angebot dualer Studien-
schungszentrum für Sparkassenentwicklung realisiert.        modelle, sowie den Einsatz von akademisch qualifizier-
Motiviert war es durch den erwarteten personalwirt-         ten Mitarbeitern in seiner Notwendigkeit und Wirkung
schaftlichen Handlungsbedarf in der Sparkassen-Finanz-      einzuordnen.
gruppe. Dieser wird maßgeblich durch den demographi-
schen Wandel und den Trend zur Akademisierung               Basierend auf einer umfangreichen, empirischen
verursacht.                                                 Studie zur vorherrschenden und zukünftigen Personal-

18
Aus der Forschung

planungssituation, zum Meinungsbild von Vorständen
und Personalleitern, Mitarbeitern sowie von Studieren-
den und Alumni der Sparkassen-Bildungseinrichtun-
gen wurden die zentralen Ergebnisse erarbeitet. Die
Studie begründet folgende Aussagen zur zukünftigen
Personalplanungssituation:
b Ein erheblicher Anteil von Mitarbeitern mit Bache-
  lor oder höherem Abschluss wird Tätigkeiten
  ausführen, die auch ein Mitarbeiter ohne Bache-
  lorabschluss erledigen kann, und wird damit oft
  nicht qualifikationsgemäß eingesetzt sein.             Das Team um Professor Dr. Thomas Spengler untersuchte in einer
b Die Bereitschaft eines Mitarbeiters mit Bachelor
                                                         Studie die Beschäftigungsperspektiven von Bachelor-Absolventen in
                                                         der Sparkassen-Finanzgruppe.
  oder höherem Abschluss, die Sparkassen-Finanz-
  gruppe zu verlassen, ist zweimal so hoch wie die
  Bereitschaft eines Mitarbeiters ohne Bachelor-         Den Wunsch nach
  abschluss.                                             Akademisierung fördern
b Der Hauptanteil der im Unternehmen beschäftigten
  Bachelor-Absolventen ist zwischen 21 und               Gemäß dem Trend zur Akademisierung ist zu vermuten,
  35 Jahre alt.                                          dass zukünftig am Arbeitsmarkt wie auch in der Spar-
                                                         kassen-Finanzgruppe ein hoher Anteil von Arbeitskräf-
Das Meinungsbild der befragten Personen bezüglich        ten mit Bachelor- oder höherem Abschluss zur Verfü-
ihrer Arbeitssituation, dem Erwerb akademischer          gung stehen wird. Der Gewinn bzw. die Bindung dieser
Qualifikationen und der Sparkassen-Finanzgruppe als      Arbeitskräfte kann unter anderem durch die Unterstüt-
Arbeitgeber ist wie folgt zusammenzufassen:              zung beim Erwerb eines – weiteren – akademischen
b Durchschnittlich 40 Prozent der Mitarbeiter streben    Abschlusses, die Förderung persönlicher Entwicklungs-
  eine (weitere) akademische oder vergleichbare          möglichkeiten und durch interne Mechanismen zur
  Qualifikation an.                                      Vergabe geeigneter Aufgaben und Arbeitsplätze für
b Die am häufigsten angestrebten Abschlüsse sind         akademisch qualifizierte Mitarbeiter realisiert werden.
  der Bachelor, der Sparkassenbetriebswirt und der
  Master.                                                Die empirische Analyse bestätigt den Trend zur Akade-
                                                         misierung, da 40 Prozent der Mitarbeiter in der Spar-
b Die Hauptmotive für den Erwerb einer akademi-          kassen-Finanzgruppe angeben, eine – weitere – akade-
  schen Qualifikation sind eine „höhere Vergütung“,      mische Qualifikation anzustreben. Diesem Wunsch
  „bessere Aufstiegsmöglichkeiten“ und die „Ver-         ihrer Mitarbeiter sollten die Institute nachkommen und
  änderung des Verantwortungs- und Aufgabenbe-           solche Interessenten beim Erwerb einer akademischen
  reiches“.                                              Qualifikation – z. B. durch Studienberatung, Stipendien
b Durchschnittlich 20 Prozent der Mitarbeiter streben    und Bereitstellung von zusätzlichen Lernmaterialien
  Auslandserfahrungen mit einer Dauer von mindes-        – unterstützen. Erfahrene Unterstützung steigert die
  tens zwei Monaten an.                                  Zufriedenheit der Arbeitskräfte und wirkt sich damit
b Es kann kein eindeutiger Zusammenhang zwischen         erwartungsgemäß positiv auf Produktivität, Motivation
  dem Erwerb einer akademischen Qualifikation und        und Mitarbeiterloyalität aus. Zudem schätzen die
  dem Eintreten der erwarteten Auswirkungen              Vorstände und Personalleiter, dass der benötigte Anteil
  begründet werden.                                      von Mitarbeitern mit einem abgeschlossenen Bache-
                                                         lorstudium in den kommenden fünf Jahren auf durch-
b Die Hauptgründe dafür, die Sparkassen-Finanz-          schnittlich 11 bis 20 Prozent ansteigen wird. Sie
  gruppe zu verlassen, sind „Höhe des Einkommens“,       erwarten also ein Vorhandensein von Einsatzmöglich-
  „unzureichende Karriere- und Entwicklungsmög-          keiten für akademisch qualifizierte Mitarbeiter.
  lichkeiten“ und „keine adäquaten Aufgaben für
  Hochschulabsolventen“.                                 Die Einstellung von Mitarbeitern ohne Bachelorab-
b Die Hauptaspekte, die für die Sparkassen-Finanz-       schluss wird zudem zukünftig dadurch erschwert, dass
  gruppe als Arbeitgeber sprechen, sind „langfristige    Arbeitskräfte, die qualifiziert genug sind, um Aufgaben
  Beschäftigungssicherheit“ und „hohe soziale            in der Sparkassen-Finanzgruppe zu übernehmen,
  Verantwortung gegenüber Kunden und Kollegen“.          vermehrt direkt nach einem akademischen Abschluss

                                                                                                                        19
Aus der Forschung

anstelle einer Berufsausbildung streben. Die am
Arbeitsmarkt verbleibenden Mitarbeiter ohne
Bachelorabschluss werden dann erwartungsgemäß
nicht über das Potenzial verfügen, überhaupt Tätig-
keiten im Bankensektor auszuführen.

An dieser Stelle ist der Einsatz dualer Studienkonzepte
zu empfehlen, da diese sowohl Schulabgänger zum
Ausbildungs- und Berufseinstieg in der Sparkassen-
Finanzgruppe motivieren als auch vorhandene Mit-                                              Durch gezielte
arbeiter zur weiteren Qualifikation innerhalb des                                             Förderung die Chancen
                                                                                              junger Mitarbeiter
gewohnten Arbeitsumfeldes bewegen können.
                                                                                              erhöhen
                                                                                              Foto: Hochschule
                                                                                              der Sparkassen-
Digitalisierung als Chance                                                                    Finanzgruppe

Die wachsende Bedeutung der digitalen Medien stellt       qualifizierten Mitarbeiter im Alter zwischen 21 und
personalwirtschaftlich gleichermaßen eine Heraus-         35 Jahren sind. Es verlassen also vorrangig jüngere,
forderung und eine Chance dar. Die Digitalisierung        als belastbar eingeschätzte Arbeitskräfte mit hoher
verlangt neue Berufsbilder, bei deren Ausbildung          erwarteter Produktivität die Sparkassen-Finanzgruppe.
technologiebasierte Kompetenzen gezielt geschult und
gefördert werden. Dieser Herausforderung kann gerade      Gerade sie stellen jedoch eine wichtige Ressource in
dadurch begegnet werden, dass das Angebot neuer,          der Personalplanung dar. Dementsprechend besteht
dualer Ausbildungsmöglichkeiten mit dem Fokus auf         eine Notwendigkeit, Bachelor-Absolventen für das
digitale Kompetenzen sowohl dem zukünftigen Perso-        Unternehmen zu gewinnen bzw. diese als Mitarbeiter
nalbedarf angepasst ist als auch Mitarbeiter mit          im Unternehmen zu halten. Dies ist nicht zuletzt durch
Interessen außerhalb der Finanzwirtschaft für die         geeignete Einsatzmöglichkeiten für Bachelor-Absol-
Sparkassen-Finanzgruppe gewinnt.                          venten in den Unternehmen sowie die Förderung der
                                                          Integrationsbereitschaft von Mitarbeitern und Füh-
Zudem sollte der Versuch unternommen werden, die          rungskräften zu erreichen. Neben dem Aspekt der
Fluktuationsrate der aktuell vorhandenen Mitarbeiter      beruflichen Qualifikation können auch die Unterstüt-
zu verringern. Eine mögliche Strategie kann dabei in      zung beim Erwerb von angestrebten Auslandserfahrun-
der Balance der Aufstiegschancen und Gehälter von         gen durch Reisekostenzuschüsse und Stipendien sowie
Männern und Frauen bestehen. Da die Frauen mit            begleitende Netzwerke, wie das Kolleg der Eberle-
58 Prozent einen maßgeblichen Beschäftigtenanteil         Butschkau-Stiftung, Aspekte für die Bindung dieser
im Finanzsektor darstellen (Holst und Kirsch 2016),       Mitarbeiter sein.
hat eine Unzufriedenheit der Mitarbeiterinnen starke
Auswirkungen auf das Unternehmen. Der nicht zuletzt       Insgesamt ergibt sich in der Prognose für die nächsten
aus dieser Ungleichheit resultierenden geringen           fünf Jahre ein Personalbedarf für ausreichend quali-
Frauenquote in Führungspositionen sollte begegnet         fizierte Mitarbeiter. Gemäß dem demographischen
werden, wobei ausbildungsfördernde Institutionen –        Wandel und dem Trend zur Akademisierung ist zu
wie z. B. die Eberle-Butschkau-Stiftung – eine tragende   erwarten, dass am Arbeitsmarkt weniger qualifizierte
Rolle übernehmen können. Eine weitere Strategie kann      Arbeitskräfte zur Verfügung stehen werden und dass
ein Ausbau von und eine bessere Kommunikation der         die jungen, ausreichend qualifizierten Arbeitskräfte den
internen Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten sein.       Wunsch nach einem Hochschulstudium besitzen.
Darauf aufbauend sollten als positiv wahrgenommene        Die Sparkassen-Finanzgruppe kann und sollte dem-
und erwartete Auswirkungen einer zusätzlich erworbe-      entsprechend potenzielle Arbeitskräfte durch ein
nen Qualifikation stärker hervorgehoben und konse-        breites Angebot von dualen Studienplätzen, Aus- und
quent umgesetzt werden.                                   Weiterbildungsmöglichkeiten sowie ausbildungsunter-
                                                          stützenden Leistungen für das Unternehmen gewinnen.
Die Studie ergibt zudem, dass doppelt so viele Mit-
arbeiter mit Bachelorabschluss die Sparkassen-Finanz-      Professor Dr. Thomas Spengler, Frauke Kühn,
gruppe verlassen wie Mitarbeiter ohne Bachelorab-          Julia Lange (M.Sc.)
schluss, und dass die meisten der akademisch

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