IM FOKUS: Neue Lehrer sucht das Land! Wenn Pauker pauken Innovation auf Lehramt Lesen, schreiben, Selbstvertrauen lernen - OVGU
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Campus-Magazin der
Otto-von-Guericke-Universität
Magdeburg | Juni 2018
IM FOKUS:
• Neue Lehrer sucht das Land!
• Wenn Pauker pauken
• Innovation auf Lehramt
• Lesen, schreiben, Selbstvertrauen lernencampusdateLIVE und
Lange Nacht der Wissenschaft
im Bild
Mini-Vorlesungen der Fakultäten auf dem Open-Air-Campus
Individuelle Studienberatung der Fakultäten auf dem campusdateLIVE Der Rektor, Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan, beim Campusgeflüster
Eine Reise in die Zukunft auf dem Mobilitäts-Campus Ein begehbares Gehirnmodell zur 100. Vorlesung der Kinder-Uni
Science Slam im Hörsaal 5 zur Langen Nacht der Wissenschaft Lion Sphere waren zu Gast beim Guericke-FM-RadiokonzertInhaltsverzeichnis
IM FOKUS 04 Neue Lehrer sucht das Land!
08 Breiter geFÄCHERt
10 Wie werden aus Erstklässlern
Architekten digitaler Welten?
12 Jeder Ersti zählt
13 Aus Techniker wird Lehrer
14 Wenn Pauker pauken
16 Innovation auf Lehramt
18 Lesen, schreiben, Selbstvertrauen lernen
19 Lehramtsstudium aus einem Guss
KARRIEREWEGE 20 Herausforderung: Klassenzimmer
22 Neuer Name, neue Karrierewege
23 Die Frau mit dem Knochenjob
24 Gut beraten und betreut in puncto Weiterbildung
26 Gleichstellung oder Political Correctness?
27 Von Forschung bis Fußball
STUDIUM & LEHRE 28 Von der »Black Box« zur Lehrcommunity
FORSCHUNG & TRANSFER 30 Wenn der Tumor zu hören ist
31 Wenn dem Gehirn ein Licht aufgeht
32 Testparcours für Tüftler und Macher
33 Neue Drittmittelprojekte an der OVGU
35 Erfolgreich lernen trotz ADHS
INTERNATIONAL 36 Alle Hürden genommen | Syrische Geflüchtete
finden an der Uni ein neues Zuhause
38 Forschen mit der ganzen Welt
MENSCHEN & CAMPUS 40
# myspot auf dem Unicampus
41
Strategie für übermorgen
42
Für Sie getestet! Das Sportangebot der Uni
im Selbstversuch
44 Motiviert³!
46 Ausbilder mit Überzeugung
47 Schatten und Licht
48 Strahlentherapie weiter ausbauen
48 Europäische Laufbahn
48 Intelligent Urban Transportation
49 Lungenoperationen mit OP-Roboter
49 Den Partikeln auf der Spur
49 Individuelle Lösungen für Patienten
50 Informationsverarbeitung beim Lernen
50 Akustik für medizinische Therapie
50 Impressum4 IM GESPRÄCH
Neue Lehrer
sucht das Land!
Die Lage im Land ist beängstigend: Es gibt kaum Nachwuchs
für die Pflegeberufe, aber einen stetig wachsenden Bedarf.
Die Herausforderung ist, vorhandene Pflegefachkräfte im Be-
ruf zu halten und gleichzeitig den Beruf für Auszubildende
attraktiver zu machen. Aber was heißt das für die Ausbildung,
welche Rolle spielt dabei die Lehramtsausbildung an der Uni,
welche Chancen haben Quereinsteiger? Pressesprecherin Ka-
tharina Vorwerk sprach vor dem Hintergrund der laufenden
Pflegeberufe-Reform mit Professorin Astrid Seltrecht über
eine Vorreiterrolle der Uni Magdeburg.
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 20185
Alten- und Krankenpflege gehört zur
gesellschaftspolitischen Daseinsvorsor-
ge. Wie ist die Situation im Land Sach-
sen-Anhalt?
Klares Ziel der öffentlichen Daseinsvor-
sorge sind gleichwertige Lebensverhält-
nisse auf dem Land und in der Stadt. Mit
Blick auf Sachsen-Anhalt fällt aber auf,
dass gerade in entlegenen ländlichen
Regionen eine medizinische und pfle-
gerische Unterversorgung droht. Eine
gesundheitliche Versorgung darf aber
keine regionale Unterscheidung ma-
chen! Die in den zurückliegenden Jahren
demografisch geführte Diskussion, dass
weniger Menschen weniger gesund-
heitsversorgende Infrastruktur benötig-
ten, darf so nicht weitergeführt werden.
Das Land verzeichnet einen Rückgang
der Bewerberzahlen für die Alten- und
Krankenpflege, wo sehen Sie Ursachen?
Pflegefachkräfte haben ihren Beruf ge-
wählt, weil sie kranke, hilfsbedürfti-
ge oder alte Menschen im Prozess der
Genesung oder im Alter unterstützen,
begleiten und beraten wollen. Der
nicht-monetäre Gewinn, den sie aus
ihrer täglichen Arbeit ziehen, ist das Lä-
cheln und die Dankbarkeit von Patien
ten oder Altenheimbewohnern. Pflege-
fachkräfte stehen aber nicht nur ihren
Patienten gegenüber, sondern auch den
institutionellen Anforderungen. Und ein
Pflegeschlüssel, bei dem in Deutschland
auf 100 zu pflegende Patienten im Kran-
kenhaus 12 Pflegekräfte kommen, wird
den Erwartungen an einen ‚sorgenden‘
Beruf, wie sie zu Beginn der Ausbildung
noch vorhanden sind, im Berufsalltag
kaum mehr gerecht. In Norwegen wer-
den 100 Patienten von 43 Pflegekräften
versorgt. Würden wir in Deutschland
die Versorgung auf diesen Pflegeschlüs-
sel anheben, müssten wir schlagartig
566 000 Pflegekräfte einstellen.
2017 wurde das Pflegeberufe-Reform-
gesetz vom Bund verabschiedet: Bisher
getrennt geregelte Pflegeausbildungen
werden zusammengeführt. Was bedeu-
tet das für die Lehrkräfte?
Eine große Umstellung, von der wir
heute noch gar nicht sagen können,
wie wir ab 2020 im Bereich der Pflege-
ausbildung tatsächlich aufgestellt sein
werden. Derzeit nehmen verschiedene
Institutionen Stellung zum Referenten
entwurf der neuen Ausbildungsverord-
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 20186 IM GESPRÄCH
nung für Pflegeberufe. Unter welcher Wer regelt und definiert das neue Cur- Welche Kooperationen sind da gemeint?
ministeriellen Hoheit und mit welchem riculum für die Lehre ‚Gesundheit und Es bedarf neben Kooperationen mit
Curriculum in den einzelnen Bundes- Pflege‘ an der Uni Magdeburg? Hochschulen auch einer engeren Zu-
ländern 2020 die Pflegeausbildung Der Masterstudiengang für das Lehr- sammenarbeit mit Ausbildungsschulen:
starten wird, wird derzeit verhandelt. amt an berufsbildenden Schulen im Viele Absolventen der Pflegeausbildung
Für die Lehrkräfte mit weitreichenden Profilschwerpunkt Gesundheits- und suchen bereits nach kurzer Zeit Auf-
Folgen, denn die Pflegeausbildungen Pflegepädagogik ist 2012 mit der be- stiegschancen, die sie unter anderem
fanden bislang in verschiedenen Schul- ruflichen Fachrichtung ‚Gesundheit in einer Lehrtätigkeit sehen. Ohne den
formen statt, in Krankenpflegeschulen und Pflege‘ gestartet, nachdem es im ‚richtigen‘ Bachelorabschluss bleibt ih-
und in berufsbildenden Schulen. Das Masterstudiengang für das Lehramt an nen aber der Masterstudiengang an der
hatte Auswirkungen auf die Einstel- berufsbildenden Schulen bereits fünf OVGU verschlossen. Eine institutionelle
lungspraxis und die Einstellungsvor- technische Fachrichtungen und eine ge- Verzahnung von Pflegeausbildungs-
aussetzungen von Lehrkräften. Denn werbliche Fachrichtung gab. Das Curri- schulen, Hochschulen für pflegewissen-
an berufsbildenden Schulen benötig- culum ist inneruniversitär abgestimmt, schaftliche Studiengänge und der Uni-
ten sie eine berufliche Fachrichtung wird regelmäßig akkreditiert und ori- versität Magdeburg kann immer auch
und ein Unterrichtsfach, alternativ entiert sich an den Empfehlungen der Berufs- und Studienberatung sein und
zwei berufliche Fachrichtungen, die Kultusministerkonferenz zu Kompetenz- sichert langfristig eine gewisse Anzahl
sie in einem universitären Lehramts- bereichen und inhaltlichen Schwer- an Studienbewerbern für das Lehramt
studium mit dem Abschluss Master of punktsetzungen für die Gesundheits- in der beruflichen Fachrichtung Pflege.
Education erlangten. Zudem muss- und Pflegewissenschaft sowie zu denen
ten sie eine zweiphasige Ausbildung der Fachdidaktik Gesundheit und Pflege. In welcher Rolle sehen Sie die OVGU
durchlaufen: einen Masterstudiengang künftig bei der Fachkräftesicherung im
und den Vorbereitungsdienst, also das Wie wichtig sind Quereinsteiger und Land?
Referendariat. Für Krankenpflegeschu- wie werden sie künftig an der OVGU Die sehe ich neben der Lehre auch in
len reichte bislang ein Bachelor- oder qualifiziert? Forschungsprojekten. Dort widmen wir
Masterabschluss aus, ohne dass es sich Die berufliche Fachrichtung ‚Gesund- uns gezielt Fragen zur Professionali-
um ein explizites Lehramtsstudium ge- heit und Pflege‘ bieten wir lediglich sierung der Gesundheits-, Pflege- und
handelt haben musste. Auch eine zweite im Masterstudiengang an. Damit sind Lehrkräfte. Als Mitglied des Forschungs-
Ausbildungsphase, das Referendariat, alle Studieninteressierten, die für den netzwerks ‚Demografie und Fachkräfte-
war nicht vorgesehen. Masterstudiengang von einer anderen sicherung in den neuen Bundesländern‘
Hochschule zu uns wechseln, Querein- untersuchen wir gezielt den Verbleib
Was bedeutet diese Reform für die Lehr- steiger ins Lehramt. Wir qualifizieren sie und die Zufriedenheit von Gesund-
amtsstudierenden der Uni Magdeburg? unter anderem mithilfe eines Brücken- heits- und Pflegefachkräften. Die ‚Dritte
Das Curriculum des an der OVGU an- programms. So können sie fehlende Mission‘ der Universität, also das Hin-
gebotenen Masterstudiengangs ‚Ge- Inhalte im Bereich der Berufspädago- einwirken von Forschungsergebnissen
sundheit und Pflege‘ entspricht schon gik sowie ein Unterrichtsfach ‚nachstu in die Region, zeigt sich vor allem im
jetzt den hohen wissenschaftlichen und dieren‘. Im April 2018 haben wir darü- Bereich Laienpflege. So untersuchen wir
hochschuldidaktischen Anforderungen. ber hinaus die berufliche Fachrichtung psychische Belastungen und Beanspru-
Die Lehramtsstudierenden durchdringen ‚Pflege‘, die in Kombination mit der chungen von Familien Pflegebedürftiger
gesellschaftliche, gesundheitspolitische beruflichen Fachrichtung ‚Gesundheit‘ in entlegenen ländlichen Räumen. Die
und institutionelle Herausforderungen studiert wird, eingeführt. Damit setzen Ergebnisse sollen später in eine Fort-
sowie individuelle Problemlagen. Sie wir die mit dem Land abgesprochene bildungsveranstaltung für Lehrkräfte in
analysieren Zusammenhänge zwischen Zielvereinbarung um. Die sieht vor, mit der Ausbildung von Gesundheits- und
Gesellschaft, Beruf, Berufsausbildung der Uni Halle ein Bachelor-Master-Mo- Pflegeberufen münden. Lehrkräfte ha-
und Bildungspolitik, erleben eine enge dell ‚zu stricken‘, das den Vorgaben der ben vor diesem Hintergrund eine Mul-
Verzahnung von Fachwissen und Didak- Kultusministerkonferenz für Lehramts- tiplikatorenfunktion: Sie können in die
tik, von Theorie und Praxis, Forschung studiengänge entspricht. Studierenden, ländlichen Räume hineinwirken und die
und Lehre. Ich sehe die angehenden die den Studiengang ‚Evidenzbasierte nachfolgende Generation der Gesund-
Lehrkräfte aber auch immer als Multi Pflege‘ an der Universität Halle oder heits- und Pflegeberufe für die Beson-
plikatoren. Sie sind es, die die künftigen den Studiengang ‚Pflegewissenschaft‘ derheiten dieser Region und die Be-
Pflegekräfte auf eine lange Berufstätig- an der Ostfalia Hochschule Wolfsburg dürfnisse einer immer älterwerdenden
keit unter gesundheitlichen Belastungen absolviert haben, können anschließend Bevölkerung sensibilisieren.
und Beanspruchungen vorbereiten und auflagenfrei und ohne zusätzliches
frühzeitig beraten, sodass sie langjährig Brückenprogramm unseren Master stu- Frau Professorin Seltrecht, ich danke
ihren Beruf gesund und im Interesse der dieren. Zukünftig wird es auch nötig Ihnen für das Gespräch.
Patienten und Bewohner ausüben kön- werden, weitere Hochschulkooperatio-
nen. nen einzugehen.
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 20188 IM FOKUS
Breiter „Wir übernehmen mit dem erweiter-
ten Fächerangebot entlang unseres na-
tur- und ingenieurwissenschaftlichen
geFÄCHERt
Kernprofils Verantwortung für das Land
Sachsen-Anhalt“, kommentiert Rek-
tor Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan den
Ausbau des Angebots der OVGU in der
Lehramtsausbildung für allgemeinbil-
Neue Angebote im Lehramtsstudium dende Schulen um die Fächer Mathe-
Bachelor of Science
Lehramt an all- Beruf und Bildung
gemeinbilden-
den Schulen Profil Profil
Ökonomische Bildung Technische Bildung
Fach Fach Fach
Mathematik Wirtschaft Technik
Kombifach Kombifach Kombifach
Deutsch Deutsch Deutsch
Ethik Ethik Ethik
Physik Mathematik Mathematik
Sozialkunde Sport Physik
Sport Sozialkunde
Sport
Master of Education
Lehramt an Sekundarschulen oder Gymnasien
Fach Fach Fach
Mathematik Technik Wirtschaft
+ Kombifach + Kombifach + Kombifach
Vorbereitungsdienst
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 20189
matik und Physik. Ab dem kommenden Fachrichtungen um das Fach Physik er- es auch Bachelorabsolventinnen und
Wintersemester ist es möglich, neben weitert. -absolventen anderer fachwissenschaft-
den Schwerpunktfächern Wirtschaft und licher Studiengänge, unter bestimmten
Technik auch das Fach Mathematik mit Die Lehramtsausbildung an der Univer- Voraussetzungen in den Lehramtsmas-
den Fächern Physik, Deutsch, Sport, sität Magdeburg führt über eine 6-se- ter einzusteigen. Umgekehrt können
Ethik und Sozialkunde zu kombinieren. mestrige Bachelor- und eine anschlie- Studierende nach dem Bachelorab-
Darüber hinaus wird der bisherige Fä- ßende 4-semestrige Masterausbildung schluss sowohl den Master of Education
cherkanon im Fach Technik und in den zum Studienabschluss Master of Educa- als auch einen fachwissenschaftlichen
ingenieurpädagogischen beruflichen tion. Diese Zweistufigkeit ermöglicht Master anschließen.
„Wir freuen uns, unsere exzellenten
Studienbedingungen und wissenschaft-
lichen Kompetenzen in der Fakultät für
Mathematik in die Ausbildung künfti-
ger Lehrerinnen und Lehrer einbrin-
gen zu können“, unterstreicht Prof. Dr.
Beruf und Bildung Hans-Christoph Grunau, Dekan der Fa-
kultät. Im aktuellen CHE-Ranking konn-
Profil Profil te sich die Magdeburger Mathematik
Ingenieurpädagogik Wirtschaftspädagogik unter den besten Deutschlands in der
Spitzengruppe behaupten. Sowohl im
Berufliche Fachrichtung Berufliche Fachrichtung Lehrangebot, in der IT-Ausstattung, bei
Bautechnik Wirtschaft und Verwaltung der Betreuung im Studium als auch im
Elektrotechnik Gesamturteil der Studierenden gab es
Informationstechnik für die Mathematik Spitzenbewertun-
Labor- und Prozesstechnik gen. „Diese Ergebnisse bestärken uns
Metalltechnik darin, zum kommenden Wintersemester
Mathematik für das Lehramt an allge-
Kombifach Kombifach meinbildenden Schulen einzuführen.
Deutsch Deutsch Und auch eines der möglichen Zweitfä-
Ethik Ethik cher, die Physik, schneidet im Ranking
Informatik Informatik in der Kategorie ‚Abschlüsse in ange-
Mathematik Mathematik messener Zeit‘ sehr gut ab!“
Physik Sport
Sport Sozialkunde Das Ministerium für Wirtschaft, Wis-
Sozialkunde senschaft und Digitalisierung des Lan-
des Sachsen-Anhalt plant, die Zahl der
Lehramtsstudierenden an der Univer-
sität Magdeburg auf 200 und an der
Universität Halle auf 800 Studierende
im kommenden Wintersemester zu er-
höhen. „Ich freue mich sehr, dass die
Lehramt an berufsbildenden Schulen Universität Magdeburg die kurzfristige
Erhöhung der Kapazitäten in den Lehr-
Berufliche Berufliche Berufliche amtsstudiengängen schnell und unkom-
Fachrichtung Fachrichtung Fachrichtung pliziert in die Wege geleitet hat“, sagt
Bautechnik Wirtschaft und Gesundheit Minister Prof. Dr. Armin Willingmann.
Elektrotechnik Verwaltung und Pflege „Auch, wenn der aktuelle Lehrerman-
Informationstechnik gel dadurch nicht entschärft wird, sind
+ Kombifach + Kombifach
Labor- und Prozesstechnik doch jetzt die Weichen gestellt, um ab
Metalltechnik dem Jahr 2024 deutlich mehr gut aus-
Pflege gebildete Lehrer an Sachsen-Anhalts
+ Kombifach
Schulen einstellen zu können. Die Uni-
oder 2. berufl. Fachrichtung + Kombifach
versität Magdeburg ist gerade bei den
Natur- und Ingenieurwissenschaften
sehr gut aufgestellt – davon werden die
angehenden Lehrer und ihre künftigen
Schüler besonders profitieren.“
link.ovgu.de/lehramt KATHARINA VORWERK
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 201810 IM FOKUS
Wie werden aus
Erstklässlern
Architekten
digitaler Welten?
Foto: shutterstock
Die Welt wird digital. Das verändert, wie wir lernen, arbeiten, kommunizieren, konsumieren, ja, wie wir leben. Doch wie stellen
sich Bildung, Arbeit oder Kommunikation der digitalen Welt? Welche Chancen bietet die Digitalisierung, welche Risiken birgt sie?
Darüber sprach Pressesprecherin Katharina Vorwerk mit Professorin Dr. Jana Dittmann, Leiterin der Arbeitsgruppe Multimedia
and Security an der Fakultät für Informatik, Institut für Technische und Betriebliche Informationssysteme.
Als Mitglied im Digitalisierungsbeirat Sachsen-Anhalts wer- den Technikeinsatz sinnvoll zu gestalten, Gefahren und Risiken
den Sie in den nächsten Jahren die Umsetzung der ‚Digitalen zu erkennen und frühzeitig ‚digitale Selbstverteidigung‘ zum
Agenda‘ aktiv begleiten. Wie ist aus Ihrer Sicht der Stand in Schutz zu üben. Das sind wichtige Ziele für ein selbstbestimm-
Sachsen-Anhalt? tes, informiertes und eigenständiges Handeln in der digitalen
Mit der Digitalen Agenda sind wichtige ausstehende Aufga- Zukunft. Die Schulen müssen Vielfalt, Gestaltungsmöglich-
ben formuliert und es ist ein sehr guter Grundstein gelegt. Das keiten sowie Wahlfreiheit vermitteln. Sie sollten keine Einge-
Thema Bildung in der digitalen Welt und die Querschnittsziele wöhungskultur in einen kleinen Kreis von Anbietern fördern,
Verbraucherschutz, Datenschutz und Informationssicherheit sondern das Erlernen von Alternativen wie OpenSource und
liegen mir dabei besonders am Herzen. OpenContent fordern.
Bei der Analyse von individuellen Lernprozessen und der
Die neue Bundesbildungsministerin Anja Karliczek möchte Bewertung von Lernerfolgen muss ein für die Persönlichkeit
den Unterricht an den Schulen weiter digitalisieren. Was wür- des Schülers vertrauensvoller und sicherer Ansatz gesucht
den Sie ihr raten, was brauchen die Schulen? und gefunden werden. Beides muss strikt unter Kontrolle
Digitalisierung muss gesamtheitlich betrachtet werden: Schü- der Schule bleiben. Nicht zuletzt müssen dringend ethische
lern und Lehrern müssen die Grundlagen in Hard- und Soft- Grundsätze für unsere digitale Welt erarbeitet, umgesetzt und
ware, also die Informatik, mit Spaß vermittelt werden. Aktive vermittelt werden.
und realitätsnahe Beispiele wie Hardware zum Anfassen, zum Die Reflexion von Digitalisierung wird bestimmt durch
selbst Aufbauen oder selbst Konfigurieren bieten da gute An- zunehmend komplexere, undurchschaubare Technik und die
sätze zum Verstehen. Wissen und Kompetenzen zur Digitali- bisher meist ungeregelte Verfügbarkeit und Verwendung von
sierung müssen so aufgebaut werden, dass alle in der Lage Daten. Hier muss die Stellung des Einzelnen in der digitalen
sind, sich lebenslang auf aktuellem Stand zu halten. Welt durch Wissen gestärkt werden. Der Slogan unserer Fa-
Die zukünftig in der digitalen Welt Agierenden müssen be- kultät ‚Werde ArchitektIn digitaler Welten!‘ kann für jeden im
fähigt werden, sich souverän in ihr zu bewegen, das heißt, Kleinen stehen.
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 201811
Wann sollte die Digitalisierung des Unterrichts beginnen – in was kann ich und sollte ich wie konfigurieren? Was ist für mich
der Grundschule, im Gymnasium oder in der berufsbildenden und andere gut, was kann gefährlich sein? Was hat welche
Schule? Folgen für die Nutzer persönlich und die Gesellschaft insge-
Die Kompetenz, Digitalisierung zu verstehen, sie zu gestalten, samt? Werde ich oder kann ich später diskriminiert werden?
also Einfluss zu nehmen, kann so früh wie möglich als Lernziel
verfolgt werden. Die Digitalisierung des Unterrichts sollte je- Sollte Informatikunterricht flächendeckend als Pflichtfach in
doch maßvoll erfolgen; nur ein Teil sein. Die bewährten tradi- den Schulen eingeführt werden, also Programmieren wie Le-
tionellen Lehr- und Lernformen haben ihre Berechtigung und sen und Schreiben gelehrt werden?
sind sehr sinnvoll. Ein herkömmliches Buch hat hier nach wie Informatik als Pflicht kann sehr hilfreich sein, man könnte das
vor viele Vorteile. Die Digitalisierung kann gezielt ergänzen. Fach auch Digitalisierung nennen. Das Grundverständnis zur
Programmierung ist sehr hilfreich, es reicht aber für sich allei-
Es reiche nicht, in allen Klassenzimmern SmartBoards und an- ne nicht aus. Bei der Digitalisierung werden Systeme gebaut,
dere digitale Technik zu installieren, sagen Sie. Was braucht die mit anderen Systemen zusammenarbeiten – sprich ver-
es noch? netzt sind. Man sollte von Anfang an das Verständnis fördern,
Wenn Sie Schwimmen lernen möchten, reicht es nicht, eine dass Digitalisierung viele Facetten hat und dann gezielt die
Schwimmhalle zu bauen und sich diese anzuschauen. Sie Gestaltungsmöglichkeiten, wie auch den technischen Daten-
müssen hinein ins Wasser, mit dem ganzen Körper und al- schutz mit möglichst datenschutzkonformen Voreinstellungen
len Sinnen. So ist es auch bei der Digitalisierung. Um diese vermitteln.
zu verstehen und zielführend zu nutzen, reicht es nicht, ein
SmartBoard anzuschauen und die Inhalte zu sehen. Es ist ein Der von Karliczeks Vorgängerin 2016 angestoßene Digitalisie-
Element von vielen und dieses sollte in eine lernfördernde rungspakt soll für fünf Jahre fünf Milliarden Euro zur Verfü-
Strategie eingefügt werden. Die Freiheit und Kreativität der gung stellen. Reichen Zeit und Geld, um die Schulen für ihre
Einzelnen darf nicht durch vorgegebene Frage- und Antwort- Aufgaben in der digitalen Bildung fit zu machen?
schemata so eingeengt werden, dass sie ‚individuell verküm- Wenn man den aktuellen Diskussionen folgt, gibt es da durch-
mern‘ und sich selbst reduzieren. Technik sollte sich dem aus Zweifel. Der Digitalisierungspakt ist ein Signal und ein
Menschen anpassen, nicht umgekehrt. Start. Noch wichtiger als Geld jedoch sind gute Konzepte zur
Anwendung, zum Einsatz, zur Betreuung; sind gut ausgebilde-
Sie sprachen von ‚digitaler Selbstverteidigung‘. Welche Rolle te Lehrer und Lehrerinnen mit Zeit für eine gute Vorbereitung.
spielen Datenschutz und -sicherheit in der digitalen Zukunft? Darüber hinaus werden neben der Auswahl und Anschaf-
Mit Informatik kann man die Digitalisierung gestalten, aber fung von Hard- und Software auch Experten für deren stra-
ohne Sicherheit wird diese Gestaltung nicht gelingen. Was Si- tegisch sinnvolle, sichere und vertrauenswürdige Konzepti-
cherheit in der digitalen Welt bedeutet, haben viele kaum im on, Konfiguration und Einrichtung sowie Techniker benötigt.
Blick. In Fächern wie Chemie und Physik wird das Verständnis Ebenso sollten eine aktive Betreuung der Lehrer und Schüler
der Welt vermittelt, hier begreifen die Schüler durchaus was sowie die Wartung und Aktualisierung der Hard- und Soft-
gut und was schlecht ist und wo die Gefahren sind. So sollte ware, einschließlich der Lernprogramme, Sicherheitslösungen
es auch bei der Digitalisierung sein, Chancen und Risiken be- und Schulbücher, abgedeckt sein.
greifbar zu machen. Doch oft im Dunkeln und unbeantwortet
bleiben Fragen wie: Was verbirgt sich dahinter, was passiert
wann und wie? Wer hat und nutzt meine persönlichen Daten, Vielen Dank für das Gespräch, Frau Professorin Dittmann.
Prof. Dr.-Ing.
Jana Dittmann
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 201812 IM FOKUS
Jeder
Nur wenige Abiturienten wollen das Studium der Betriebspäda-
gogik beginnen. Hat der Berufsschullehrer ein schlechtes Image?
Viele Abiturienten, die sich ein Lehramtsstudium vorstellen
können, bevorzugen mit der Primar- und der Gymnasialleh-
Ersti zählt
rerausbildung Laufbahnen, die sie in ihrer Biografie kennen-
gelernt haben. Dabei ist gerade das Berufsschullehramt nicht
nur durch die Studienratslaufbahn interessant und umfasst Tä-
tigkeiten beispielsweise in der dualen Berufsausbildung, der
Fachschule für Technik oder im beruflichen Gymnasium. Das
Lehramt ist eines der anspruchsvollsten und vielseitigsten Auf-
gabenfelder in unserem Bildungssystem. Leider bekommen
unsere Abiturienten davon wenig mit.
Wie können wir das ändern?
Bislang haben die Hochschulen bei der Rekrutierung angehen-
der Betriebspädagogen fast nur auf Absolventen allgemeinbil-
dender Gymnasien geschaut. Inzwischen werden aber viele zum
Studium berechtigender Abschlüsse an berufsbildenden Schu-
len vergeben. In Baden-Württemberg, zum Beispiel, werden
mehr studienqualifizierende Bildungsabschlüsse an berufs-
bildenden Schulen erworben als an den allgemeinbildenden
Gymnasien! Wir arbeiten seit einigen Jahren in Sachsen-Anhalt
an der Entwicklung und dem Ausbau leistungsfähiger studien-
qualifizierender Bildungsmodelle wie dem beruflichen Gymna-
sium für Ingenieurwissenschaften. Auch Meister- und Techni-
kerabschlüsse sind inzwischen der allgemeinen Hochschulreife
gleichgestellt. Hier liegt ein großes Potenzial, Studierende mit
einer beruflichen Bildungsbiografie zu gewinnen.
Ist das Erfolgsmodell duale Ausbildung am Ende, weil Be- Das bedeutet eine sehr heterogene Studierendenschaft ...
rufspädagogen Mangelware sind? Was ist zu tun, um den Trend Ja, aber wir müssen multiple Zugänge in das Lehramtsstudium
zu stoppen, und welche Rolle spielt dabei die Uni Magdeburg? schaffen und die Studierenden bei einem erfolgreichen Stu-
Katharina Vorwerk hat mit dem Betriebspädagogen Prof. Klaus dieneinstieg begleiten! Wir haben bereits mit der Hochschule
Jenewein über die derzeitige Schieflage gesprochen. Merseburg einen Bachelorstudiengang ‚Ingenieurpädagogik‘
eingerichtet, der im Süden des Bundeslandes auch Studien
interessenten mit Fachhochschulreife an das Lehramt für
Das System der beruflichen Bildung wird als Rückgrat der berufliche Schulen heranführt. Auch Absolventen ingenieur-
Innovationsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bezeichnet, wissenschaftlicher Bachelor- und Diplomstudiengänge finden
leidet aber am akuten Lehrermangel. Wie ist die Situation? bei uns den Weg in das Masterprogramm Lehramt an berufs-
Die berufliche Bildung in Sachsen-Anhalt befindet sich in einer bildenden Schulen. Diese speziellen Wege bedeuten natürlich
beträchtlichen Schieflage: Technische Ausbildungsberufe ver- eine viel stärkere Heterogenität, als wir das bisher gewohnt
zeichnen dramatische Rückgänge an Auszubildenden, die Zahl waren und wir haben bereits umfangreiche Maßnahmen zur
der Abbrecher steigt enorm. Die Fachkräfteversorgung über Unterstützung dieser Studierenden eingeführt.
Berufsausbildung wird langfristig nicht mehr funktionieren,
wenn es nicht gelingt, neue Wege zu erschließen. Gleichzei- Welche Rolle spielt die Universität bei der Ausbildung von
tig geraten aber die berufsbildenden Schulen in die Defensive, Berufspädagogen im Land?
weil innerhalb kürzester Zeit viele Lehrkräfte in den Ruhestand Wir sind de facto zuständig für die Ausbildung von Berufsschul-
gehen: Von 329 Lehrkräften für Metalltechnik im Schuljahr lehrern für Sachsen-Anhalt. Dafür kooperieren wir bereits mit
2015/16 werden 2030 nur noch 79 im Dienst sein; in Bau- oder den Hochschulen Magdeburg-Stendal, Merseburg und mit der
Elektrotechnik sieht das ähnlich aus. Bisher zeichnet sich ab, Uni Halle. Dennoch fehlen sowohl Studierende als auch Absol-
dass das Land seine Ausbildungsverpflichtungen gegenüber venten. Gemeinsam mit dem Land haben wir darum Maßnah-
der Wirtschaft nur noch schwierig wird absichern können. men ergriffen: Wir erweitern das Angebot an Fachrichtungen,
entwickeln neue studienqualifizierende Bildungsprogramme
Was bedeutet diese Situation für die Ausbildung von Berufs- an den Schulen und fördern Quereinsteiger in das Studium.
bildungspädagogen an der Uni Magdeburg? Dennoch: Gerade in den technisch-beruflichen Fachrichtungen
Wir stehen vor der Herausforderung, die Absolventenzahlen in wird Sachsen-Anhalt jeden jungen Menschen brauchen, der
der Lehrerausbildung an der Uni zu verdoppeln. In den techni- für ein Lehramtsstudium gewonnen werden kann.
schen Fachrichtungen wird das aber nicht reichen. Hier rech-
nen wir mindestens mit einem 5-fachen Absolventenbedarf. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Jennewein.
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 201813
nste i ge r
Que re i
Foto: Stefan Berger
Aus Techniker wird Lehrer doch deutliche Probleme. Hier konnte ich wiederum auf die
Unterstützung der Kommilitonen, aber auch auf das fördern-
de Kursangebot der Universität zurückgreifen. Nach dem Ba-
Jens Kämpfer über seinen Weg ins Lehramt chelorstudium (6 Semester) führte der Weg in das Masterstu-
dium zum Lehramt an berufsbildenden Schulen (4 Semester).
Der Schwerpunkt lag hier eher auf der Fachdidaktik oder an-
Würde ich die Entscheidung für ein Lehramtsstudium aus ders gesagt auf der Unterrichtsplanung und -gestaltung. Das
heutiger Sicht noch einmal treffen? Die Antwort ist völlig ein- machte mir richtig Spaß und bestärkte mich in meiner Berufs-
deutig: Auf jeden Fall! Doch von Anfang an: Seit 2010 bin ich wahl nachhaltig. In der Praktikumsphase konnte ich zudem
staatlich geprüfter Techniker mit dem Schwerpunkt Maschi- Erfahrungen im Unterrichten und im Schulalltag sammeln.
nenbautechnik. Bereits sehr früh habe ich mein Interesse
entdeckt, mit jungen Menschen zu arbeiten und deshalb auch Nachdem der Masterabschluss erfolgreich absolviert war, be-
gleich die Ausbildereignungsprüfung abgelegt. Verschiede- gann im April 2016 das Referendariat, also der Vorbereitungs-
ne Gründe führten zu meinem Entschluss, Lehrer zu werden: dienst für das Lehramt an berufsbildenden Schulen. Dies war
Zum einen die Freude am Lehren (Referieren, frei Sprechen). nun der letzte Schritt meiner Ausbildung zum Lehrer: Sech-
Zum anderen ist das Lehramt an berufsbildenden Schulen zehn Monate gleichzeitig Junglehrer und doch auch Schüler.
mit meiner bisherigen beruflichen Ausbildung und Erfahrung An vier Tagen in der Woche unterrichtete ich verschiedene
eng verknüpft. Zusätzlich ist der Beruf des Lehrers ein höchst Jahrgangsstufen und Berufsgruppen in Metalltechnik und Ma-
krisensicherer Arbeitsplatz, mit hohem Nachwuchsbedarf. So thematik. Der fünfte Tag der Woche galt dem Studienseminar,
entschied ich mich für das Bachelorstudium Berufsbildung, in welchem wir Referendare beamtenrechtlich sowie tief-
das auch ohne Abitur möglich ist. Mit der Aufnahme des Stu- gründig fachdidaktisch ausgebildet wurden. Mit diesem Aus-
diums an der Universität Magdeburg war also der erste Schritt bildungsaufbau konnten einerseits Unterrichtserfahrungen
in die Lehramtsausbildung getan. analysiert und reflektiert werden. Andererseits erhielten wir
konkretes Handwerkszeug für die Unterrichtsplanung. Immer
Bereits bei der Bewerbung hatte ich mich für die Fachrich- wieder konnte ich für den Metalltechnikunterricht auf meine
tung Metalltechnik und das allgemeinbildende Unterrichtsfach Erfahrungen aus der beruflichen Praxis zurückgreifen, die mir
Mathematik entschieden. Die Vorlesungen des Maschinenbaus im Referendariat generell vielfach geholfen haben.
und der einzelnen Ausrichtungen waren sehr interessant, tief-
greifend und fachlich auf einem anspruchsvollen Niveau. Da- Inzwischen habe ich das Referendariat erfolgreich abgeschlos-
bei konnte ich sehr gut auf meine eigenen Berufserfahrungen sen. Der Weg war aufwendig und mühsam, das Studium je-
zurückgreifen und auch Kommilitonen bei der einen oder an- doch ist schaffbar, und ich bin mir sicher, dass ich von meinen –
deren Verständnisschwierigkeit unterstützen. auch im Verhältnis zu den „normalen“ Lehramtsstudierenden –
umfangreichen beruflichen Erfahrungen sehr profitieren
Das Studium der Grundlagenfächer und des Zweitfachs, be- konnte. Jetzt freue ich mich auf meine pädagogisch und fach-
sonders die Vorlesungen der Mathematik, bereiteten mir lich anspruchsvolle Lebensaufgabe.
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 201814 IM FOKUS Wenn Pauker pauken Die Universität bildet nicht nur Lehrer aus, sondern auch weiter Seit dem ersten „Magdeburger Tag der im Jahr diese Weiterbildung zu Hirnfor- Annelore Gumz zum Tag der Erziehung. Erziehung“ ist Uwe Görs vom Rudolf-Hil- schung und Neurowissenschaften für Sie unterrichtet an der Berufsschule debrand-Gymnasium in Stendal dabei. Lehrer aller Schulformen, für Erzieher, Schönebeck Auszubildende in der Kin- Inzwischen veranstaltete die Abteilung Sonderpädagogen und Eltern sowie für der- und Gesundheitspflege. „Immer Zoologie / Entwicklungsbiologie ihn zum an Hirnforschung Interessierte an. Der wieder bieten mir die Veranstaltungen 15. Mal. Angeregt durch die Initiative Fokus liegt auf Lern- und Gedächtnis- neue Aspekte, viel Input und wissen- der „Brain Awareness Week“ der Dana prozessen, und darauf, wie Umweltfak- schaftliche Erkenntnisse, wie in diesem Alliance Foundation bietet der Lehrstuhl toren auf die Gehirnentwicklung ein- Jahr beispielsweise die Beschäftigung von Professorin Katharina Braun einmal wirken. Seit vielen Jahren kommt auch mit Resilienz, innerer Stärke, seelischer uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 2018
15
Widerstandsfähigkeit“, findet sie. „Die tik – Informatische Bildung an Schulen“ sich Anregungen, wie die technischen
neuen Erkenntnisse werde ich an meine den enormen Fortbildungsbedarf auf Aspekte im Unterricht nachhaltig umzu-
Schülerinnen und Schüler weitergeben. dem Gebiet der sich immer schneller setzen seien.
Sie sind es, die sie künftig anwenden entwickelnden Informatik. „Die Ziel-
werden, denn immer häufiger haben gruppen sind Lehrende im Fach Infor- Mehr Praxis bereits im Lehramtsstudium
auch diese Berufsgruppen mit Kindern matik und Lehrende anderer Fächer, wünscht sich Franziska Labitzke in Erin-
zu tun, die aus schwierigen Verhält- die Aspekte der informatischen Bildung nerung an ihr Studium und aus Erfah-
nissen kommen und eine hohe Stress und Medienbildung in ihren Unterricht rung als Betreuerin von Referendaren.
erfahrung mitbringen. Darauf möchte integrieren wollen“, erläutert Dr. Henry „Ich fände es toll, wenn erfahrene Lehr-
ich die künftigen Pfleger vorbereiten.“ Herper von der Fakultät für Informa- kräfte in Kooperation mit der Universität
tik, „denn informatische Bildung findet Kurse für Lehramtsstudierende geben,
Zu jeder Veranstaltung gibt es für die nicht mehr nur im Informatikunterricht in denen sie Probleme wie zum Beispiel
Teilnehmenden einen Fragebogen, auf statt, sondern muss in die gesamte Bil- den Umgang mit schwierigen Schülern
dem neben Lob und Kritik auch The- dungsbiographie integriert werden. Da- ansprechen, bearbeiten und Lösungen
menwünsche für die nächste Veranstal- her wurde vor etwa 10 Jahren die frühe aufzeigen. So fühlen sich die Studen-
tung vermerkt werden sollen. „Das dies- Bildung und der Primarbereich bewusst ten in den Praktika sicherer. Ich könnte
jährige Thema Epi-Genetik passte sehr in den Lehrertag integriert.“ mir sehr gut vorstellen, die Universität
genau, da es gerade in den Lehrplan bei einem solchen Kurs zu unterstützen
aufgenommen wurde“, ist Uwe Görs, und meine Erfahrungen, ob gut oder
der Biologie und Chemie unterrichtet, Die Fortbildung schlecht, an die nachrückenden Genera-
begeistert. „Das Gehörte fließt gleich tionen weiterzugeben.“
morgen mit in den Unterricht ein.“
kam gelegen
Wie heutige Schülergenerationen mit
„Lernen, Bildung und Weiterbildung Franziska Labitzke hat nicht Informatik Smartphone & Co im Unterricht abzu-
werden immer deutlicher als Ressource studiert, sondern Lehramt an berufs- holen sind, darüber können sich Lehrer
erkannt und müssen daher weiterent- bildenden Schulen für Wirtschaft in im „AppLab“ nicht nur untereinander,
wickelt und optimiert werden“, schätzt Kombination mit Mathematik. Heute sondern auch mit Studierenden aus-
Professorin Braun ein. „Es geht nicht unterrichtet die OVGU-Absolventin am tauschen und so voneinander profi-
mehr darum, ‚ob‘ etwas verändert wer- Berufsschulzentrum des Landkreises tieren. Das App-Labor ist ein jährlich
den muss, sondern vielmehr um den Stendal. Dort werden Informatik-Leh- angebotenes mehrtägiges Weiterbil-
‚richtigen Weg‘. Daher ist ein zentrales rer gesucht. „Könnten Sie sich vorstel- dungsformat, dessen erste Experimen-
Ziel dieser Veranstaltung, einerseits den len ...“, hieß es da und Franziska Labitz- tier-App eine Schnitzeljagd war. In
wissenschaftlichen Austausch zwischen ke konnte. Computer schrecken sie nicht diesem Jahr stand eine App zur Erstel-
den verschiedenen Fachdisziplinen und ab, schließlich ist sie im Team robOTTO lung von Kurzfilmen im Mittelpunkt
andererseits den Dialog zwischen Wis- dabei. „Die Fortbildung kam mir sehr des Labors. „Der Einsatz von Apps im
senschaft und Praxis zu fördern. Die gelegen, weil sich der Fachlehrplan ge- Unterricht soll eine Unterstützung für
Hirnforschung kann spektakuläre Ein- ändert hat und meine Referendarin und die Lehrer sein“, unterstreicht Marion
sichten in die Arbeit des Organs des ich auf der Suche nach einem Programm Pohl vom Zentrum für Lehrerbildung.
Denkens, in seine Entwicklungsverläufe waren, mit dem wir den Schülern das „Das gute alte Schulbuch wird es auch
während der frühen Kindheit und in die Programmieren beibringen können und zukünftig noch geben. Doch wir möch-
Mechanismen von Lern- und Gedächt- dass durch schnelle Erfolge die Schüler ten die Lehrkräfte für den Einsatz neu-
nisprozessen liefern und damit einen motiviert und dazu bringt, am Ball zu er Medien sensibilisieren, ihnen die
Beitrag zum ‚gehirngerechten‘ Lehren bleiben. Dieser Wunsch wurde erfüllt! Scheu davor nehmen und sie vor allem
und Lernen leisten. Die Begegnung von Zudem wurden einige Informatik-Wett- dazu befähigen, ihren Schülern Tech-
Wissenschaft und Praxis führt zu einer bewerbe vorgestellt, an denen sicher nikbegeisterung mitzugeben.“
verstärkten Sensibilisierung der Vor- einige meiner Schüler teilnehmen wer-
tragenden für die Fragen und Anliegen den.“ Wie die Schulen dafür künftig mit di-
des pädagogischen ‚Alltags‘ in Kinder- gitalen Unterrichtsmitteln ausgestattet
garten, Schule und Elternhaus, und Fehlende Informatik-Lehrer, schwierig sein müssen, präsentiert das Landes-
soll damit eine längst überfällige, in umzusetzender Informatik-Unterricht – Demonstrations-Zentrum für Schul-IT
Deutschland leider noch wenig erkenn- dass die Probleme an den Schulen über- und digitale Lernwerkzeuge an der
bare interdisziplinäre Zusammenarbeit all ähnlich sind, erfuhr Ilka Dankert, die Universität. Schulträger, Ingenieurbü-
anregen und fördern.“ am Gymnasium im niedersächsischen ros, Lehrer und Eltern können sich hier
Schöningen unterrichtet, während der informieren, welche Geräte für den
Die Universität bildet nicht nur den Gespräche mit ihren Kollegen. Von den Schulalltag pädagogisch und technisch
künftigen Lehrkräftenachwuchs aus, sie Workshops, die neben den beiden all- tauglich sind und im Zusammenspiel
übernimmt auch Weiterbildungsverant- gemeinen Hauptvorträgen die spezifi- mit allen Komponenten dauerhaft und
wortung. Seit 2005 deckt die OVGU mit schen Interessen der unterschiedlichen sicher funktionieren.
dem „Magdeburger Lehrertag Informa- Teilnehmer berücksichtigen, erhoffte sie INES PERL
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 201816 IM FOKUS
Innovation auf Lehramt
Lehramtsstudierende sind nicht diejenigen, von denen tech- penleiterin vom Projekt. Über das ohrenbetäubende Schep-
nologische Innovationen erwartet werden. Ihr Ziel ist es, dem pern tausender kleiner Lego-Bausteine hinweg, in denen die
Nachwuchs erfolgreich die Grundlagen zu vermitteln. Oder? Jungs nach dem richtigen Stück kramen, muss sie fast schreien:
Jeden Donnerstag um 16:30 Uhr bringt die Lehramtsstudentin Seit drei Jahren leitet sie die Robotics AG in den Räumen der
Anja Tomala in der Rötgerstraße in Magdeburg beides zusam- Otto-von-Guericke-Gesellschaft. Das „Guerickianum II“ bietet
men. Dort leitet sie das Schülerlabor „Guerickianum II“. Dabei außerschulische Lern- und Arbeitsgruppen, die an techni-
verbindet sie nicht nur Lehramt mit Innovation, sondern auch schen und naturwissenschaftlichen Projekten und Workshops
Otto von Guericke mit Robotern. Ein Besuch. arbeiten – zum Beispiel an Robotertechnik mit LEGO. Es er-
gänzt das „Guerickianum I“, das vor allem ein Angebot an
Der Raum, in dem die 25-jährige Lehramtsstudentin Anja To- Schulklassen ist, die im Rahmen einer Unterrichtseinheit in das
mala auf die Jungs ihrer „Robotics AG“ wartet, sieht nicht aus Otto-von-Guericke-Zentrum kommen und klassische physikali-
wie ein Labor, wo an moderner Technologie gebastelt wird. sche Experimente durchführen – zum Beispiel zu Vakuumtech-
Ein großer, kühler Raum mit kleinen Fenstern wie im Souter- nik und Luftdruckmessung. Als das „Guerickianum II“ in Ko-
rain: Schulbänke mit Anschlussleisten und Messskalen und ein operation mit der Universität gegründet wurde, wurden gezielt
Vitrinenschrank voller Messinstrumente, alles in Beige- und Lehramtsstudierende für die Leitung und Betreuung der AGs
Brauntönen, erinnern an altmodischen Physikunterricht. Ein rekrutiert – für ihre pädagogische Kompetenz, aber auch als
Flipchart sticht als modern hervor. Aber im hinteren Teil ist Chance, sich zusätzlich zur universitären Lehre zu qualifizieren.
ein großflächiger, oben geöffneter Kasten wacklig aufgebockt. Seitdem ist Anja Tomala dabei.
Mit jedem Schritt, den man näherkommt, kann man weiter
über die Seitenwände in die Miniaturwelt sehen, die sich Ihre Fächerkombination ist Mathe und Technik. Sie schließt
darin befindet: Auf einer grünen aufgemalten Wiese mit auf- bald ihren Bachelor ab und wechselt voraussichtlich im Herbst
gemalten Flüssen und aufgemalten Nadelbäumen, stehen fu- reibungslos in den Master an der OVGU. Es scheint ihr die
turistisch anmutende Industriekomponenten, konstruiert aus beste Lösung – denn Technik auf Lehramt wird nicht überall
LEGO – und auch Roboter! Anja Tomala steht lächelnd neben angeboten. „Das Fach an sich gibt es ja auch nicht in jedem
der „LEGO Hydro Dynamics“-Miniaturwelt. Als die Teilnehmer Bundesland“, sagt die gebürtige Sachsen-Anhalterin. Obwohl
nach und nach den Raum betreten, begrüßt die Lehramtsstu- es so vielseitig ist. „Man bekommt alle Naturwissenschaften
dentin sie mit Namen, stellt kurz ein paar Fragen. mit“, sagt die 25-Jährige.
Während die Jungs ihre LEGO-Kästen aus den Schränken ho- Und nicht nur Naturwissenschaften. Die AG hat sich nach den
len und sich vor Arbeitsbeginn einrichten, erzählt die Grup- individuellen Interessen geteilt in die „Baugruppe“ und die
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 201817
„Programmierer“. Zwei Jungs sitzen am Laptop: „‘If‘ heißt Panzer und „Raupen“. Das Kernstück, der tatsächliche Arm, der
‚falls‘! Du kannst doch Englisch! Falls das passiert, dann wird flexibel und weit greifen soll, ist in der Mitte platziert. Die not-
dies ausgeführt“, erklärt der 14-Jährige seinem Freund. Auf wendigen, aber sperrigen Computermodule wurden platzspa-
dem Bildschirm ist etwas angezeigt, das einem Zug mit vielen rend aufeinander verbaut – lassen sich aber stufig nach hinten
Waggons ähnelt, tatsächlich sind es Programmierungskompo- wegschieben wie beim Öffnen vieler Werkzeug- und Nähkäs-
nenten. Sie basteln Schleifen – nicht zum Geschenkeverpacken, ten. Das erlaubt den Blick auf die Displays und kann gleich
sondern als Abfolgen von Befehlen, die kein Ende haben. Es zeitig als Gegengewicht dienen, falls ein schwererer Gegen-
sei denn, man befiehlt es ihnen. „Das lernt man in Informatik stand gegriffen wird. Für den Arm selbst hat die „Baugruppe“
in der Schule als erstes“, sagt Anja Tomala, „und Schleifen mehrere Gelenke eingesetzt, sodass er flexibel in der Richtung
sind auch das Wichtigste. Also das Wenn-dann-sonst-Prinzip.“ ist, und zusätzliche Teile verbaut, die Stabilität gewährleisten.
Zurzeit steht sie vor allem als Betreuung
und für Fragen zur Verfügung. Die Ju-
gendlichen arbeiten an eigenen Projek-
ten. Sie nutzen das hochwertige Arbeits-
material, das ihnen hier zur Verfügung
steht und konstruieren zum Beispiel
einen fahrbaren Greifarm. Aber im Lau-
fe des Jahres wird es wieder einen For-
schungsauftrag geben. Den vergeben die
Veranstalter der First Lego League (FLL).
Im vergangenen Jahr hat die Gruppe die
„LEGO Hydro Dynamics“-Miniaturwelt
erstellt: Ein Wasserauffangbecken, einen
Kran, eine Spülung und sogar eine Blu-
menbewässerung haben sie mit LEGO-
Mindstorm-Sets gebaut. Schon Otto von
Guericke hat sich die physikalischen Ei-
genschaften der Elemente zunutze ge-
macht – zum Beispiel für ein Wasserbarometer. Die Aufgabe Anja Tomala lässt das Team nebenbei über die Arbeitsschritte
zur FLL wird strukturiert geplant und ausgeführt. Wer beim berichten und vollzieht nach, wie Aufgaben und Probleme an-
Wettkampf auf regionaler Ebene in Magdeburg innovative An- gegangen werden und welche Wege und Lösungen sie auch in
sätze präsentiert und elegante Konstruktionen austüftelt, hat Zukunft Schülern mitgeben kann. In den 90 Minuten, die heu-
die Chance, erfolgreich weiterzugehen. Aber bei der FLL und te zur Verfügung standen, haben die Schüler die Konstruktion
in der Robotics AG wird Teamwork größer geschrieben als ein des Greifarms fertiggestellt. Die Programmierung läuft noch.
Endprodukt, deshalb fließen vorbildliche Zusammenarbeit und Hannes aus der „Baugruppe“ erläutert seine Arbeitsstrategie
Unterstützung als Faktor mit in die Endwertung ein. Dies kann so: „Das ist Überlegung, Fantasie und, wenn es nicht klappt –
Anja Tomala donnerstags fördern und beobachten. Anders einfach nochmal probieren.“ JULIA HEUNDORF
als beim Lehrpraktikum oder dem zukünftigen Referendariat,
muss sie für die Robotics AG nicht jede Stunde vorbereiten
oder über Lehrplänen und -material brüten. Es gibt keinen
Frontalunterricht, sondern gemeinsa-
mes Arbeiten. Hier lernt sie die spezifi-
schen Herausforderungen des praktisch
angelegten Technik-Unterrichts kennen,
sammelt Erfahrung in der zeitlichen Pla-
nung oder dem Erkennen und Steuern
von Gruppendynamiken. Nachdem sich
die Jungs so lautstark eingerichtet hat-
ten, ist Ruhe eingekehrt. Konzentriert
arbeiten sie und automatisch übermit-
teln sie jede Info im Flüsterton. Bis die
zwei Gruppen sich wieder zusammen-
finden und ihre Pläne vergleichen und
koordinieren.
Aus kleinen Plastikstücken ist ein kom-
plexer Aufbau geworden: Der fahrbare
Untersatz erinnert als Kettenfahrzeug an
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 201818 IM FOKUS
Lesen,
schreiben,
Selbstvertrauen lernen
Erwachsenenbildung für Menschen
mit geistiger Behinderung
Diese Zeilen hat ein Teilnehmer eines besonderen Kursange- Dr. Schulze. „Von Beginn an war es unser Anliegen, ihnen mit
botes an der Fakultät für Humanwissenschaften geschrieben. dem Kurs die Teilhabe an einem für sie neuen Lebens- und
Und nicht nur der Kurs ist besonders, auch die Teilnehmenden Arbeitsbereich zu eröffnen. Mit großem Interesse und stau-
selbst sind es. Fünf Frauen und drei Männer mit einer soge- nendem Blick haben die Kursteilnehmer und -teilnehmerin-
nannten geistigen Behinderung aus der Werkstatt für behin- nen in einen gefüllten Hörsaal geschaut, den Besuch in der
derte Menschen (WfbM) der Pfeifferschen Stiftungen kommen Unibibliothek aufgenommen und zahlreiche Begegnungen
wöchentlich einmal an die Uni. Sie besuchen den Kurs zum mit Studierenden erlebt.“
(besseren) Lesen- und Schreibenlernen. Angeboten wird er
vom Lehrstuhl Soziale Integration und berufliche Rehabilita- Das Staunen ist allerdings auch auf der Seite der Studieren-
tion als Teil eines Masterseminars zum „Schriftspracherwerb den und der Seminarleiterin, wenn sie auf die Entwicklung
bei Menschen mit geistiger Behinderung“. der Teilnehmenden im Verlauf der vergangenen Monate zu-
rückschauen. Sie durften erleben, mit wie viel (Lern-)Freude,
Die Studierenden aus dem Bereich Bildungswissenschaften Begeisterung und Anstrengungsbereitschaft sich die Frauen
mit dem Schwerpunkt integrative und inklusive Bildung haben und Männer den für sie schwierigen und teilweise auch durch
gemeinsam mit Dr. Marion Schulze vom Lehrstuhl ein theore- negative Erfahrungen besetzten Lernaufgaben zuwandten. Das
tisches Konzept entwickelt, welches als Arbeitsgrundlage für erarbeitete tätigkeits- und entwicklungsorientierte Konzept
die Umsetzung des Kurses im Wintersemester 2017/18 diente. sowie die differenziert und individuell gestalteten Lernange-
Dieses Konzept wird nun für noch folgende Kurse kontinuier- bote haben es ermöglicht, die sehr unterschiedlichen Lernvor-
lich weiterentwickelt. aussetzungen zu berücksichtigen und persönliche Lernerfolge
zu sichern.
„Die Beschäftigten aus der Werkstatt der Pfeifferschen Stif-
tungen nehmen alle freiwillig an diesem Kurs teil, sind hoch Durch eine intensive Zusammenarbeit der Studierenden mit
motiviert und möchten aus den unterschiedlichsten persönli- den einzelnen Teilnehmenden entstanden nahezu freund-
chen Gründen – besser – lesen und schreiben lernen“, weiß schaftliche Beziehungen und ein herzlicher und entspann-
ter Umgang miteinander, was sich in der Arbeitsatmosphäre
widerspiegelte. Sie konnten miterleben, wie sich die Männer
und Frauen von Woche zu Woche nicht nur auf den Kurs freu-
ten, sondern auch immer mehr Vertrauen in ihre eigenen Fä-
higkeiten entwickelten. Da die Semesterpause eine zu lange
Auszeit für die Kursteilnehmer bedeutet hätte, arbeiteten die
Studentinnen auch in der vorlesungsfreien Zeit weiter mit
ihnen. „Der Lese- und Schreiblern-Kurs hat nicht nur einen
hohen persönlichen Stellenwert für die Teilnehmenden, er
eröffnet den Studierenden die Möglichkeit, auf besondere
Weise Theorie und Praxis miteinander zu verbinden, eigene
Erfahrungen mit der Organisation von Bildungsprozessen für
Menschen mit Behinderungen zu sammeln und dem Inklusi-
onsgedanken ein reales Umsetzungsfeld zu geben“, fasst Dr.
Foto: Katharina Pongratz
Marion Schulze zusammen. BARBARA GYURASITS
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 201819
Lehramtsstudium aus einem Guss
In Sachsen-Anhalt herrscht akuter Lehrermangel. Rein rechne- tischen Fachschaft und den Prüfungsämtern zusammen.“ Das
risch müssten bis 2030 jährlich mehr als 730 neue Lehrkräfte ZLB unterstützt zudem das landesweite Programm zur Mento-
eingestellt werden. Deshalb soll die Zahl der Lehramtsstudie- ren*innenausbildung. Lehrkräfte, die die angehenden Lehrer
renden an Sachsen-Anhalts Universitäten auf 1 000 im Jahr und Lehrerinnen im Land der 1. (universitäre Ausbildung) und
steigen. Die Universität Magdeburg erweitert mit dem neu- 2. Ausbildungsphase (Referendariat) betreuen, werden hier
en Erstfach Mathematik und dem neuen Zweitfach Physik ihr in einer Fortbildung gemeinsam mit dem ZLB der Universität
bereits bestehendes Angebot in der Lehramtsausbildung. Al- Halle, dem Landesschulamt Sachsen-Anhalt und dem Landes-
les rund um Lehramtsstudiengänge an der OVGU koordiniert institut für Schulqualität und Lehrerbildung ausgebildet.
fakultätsübergreifend das Zentrum für Lehrerbildung (ZLB).
Ein dritter Arbeitsbereich des ZLB ist die wissenschaftliche
Im Fokus der Arbeit des ZLB steht die Qualitätssicherung und Beforschung von Studienverläufen im Lehramt. Dabei geht
-entwicklung. „Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Vorberei- es vor allem darum, zu erfahren, wie Schüler*innen auf die
tung und Koordinierung der verschiedenen Studien- und Prü- Lehramtsausbildung an der OVGU aufmerksam geworden sind
fungsordnungen nicht nur für die Vorlage in den universitären und wie die Übergänge zwischen den Studienabschnitten (Ba-
Gremien, sondern auch mit Blick auf die Akkreditierung der chelor, Master) verlaufen. Auch das Schulpraxissemester im
Studiengänge. Die Universität geht derzeit von der Programm Lehramt an Gymnasien oder Sekundarschulen sowie andere
akkreditierung zur Systemakkreditierung über, das heißt, die schulpraktische Phasen werden wissenschaftlich unter die
Fakultäten prüfen selbst ihre Qualität in Studium und Lehre“, Lupe genommen. „Im Fokus steht immer die Verbesserung der
erläutert Astrid Ilgenstein, Geschäftsführerin des ZLB. Dazu Studienprogramme“, erklärt Astrid Ilgenstein. INES PERL
müssen die Fächer und Fachrichtungen der Fakultäten gemein-
sam an ihrer Studienqualität arbeiten. Dieser Prozess wird in
einer lehramtsspezifischen Richtlinie zur Qualitätssicherung Das Vorkursprogramm „MINT@OVGU“ ermöglicht
und -entwicklung festgehalten und im ZLB koordiniert. Erstsemesterstudierenden mit verschiedenen
Angeboten einen guten Einstieg ins Studium.
Eine zweite Säule der Arbeit des ZLB ist die Beratung. Lehr- Der „Grundkurs: Fit fürs Studium“ vermittelt vom
amtsinteressierte werden u. a. auf dem campsdateLIVE, auf 17. bis 21. September 2018 Mathematikkenntnisse
Messen oder auch individuell in den Sprechzeiten zu den auf Abiturniveau.
Möglichkeiten des Lehramtsstudiums an der OVGU beraten.
Gemeinsam mit dem Team von fokus: LEHRE werden zudem Fachspezifische Vorkurse bereiten vom 24. bis 28.
September 2018 auf die Mathematikanforderun-
in diesem Jahr erstmals Vorkurse für Lehramtsstudierende gen des Studienfachs vor.
organisiert. Auch während der Einführungstage gibt es spe-
zielle Veranstaltungen für Lehramtserstis. Aber auch Seiten- Zudem gibt es Vorkurse für Informatik und
und Quereinsteiger wenden sich mit ihren Fragen an das Technik sowie für internationale Studierende
ZLB. „Und natürlich finden die Studierenden im ZLB stets ein und Lehramtsstudierende.
offenes Ohr für ihre Fragen, Sorgen und Nöte“, zählt Astrid www.vorkurs.ovgu.de
Ilgenstein weiter auf. „Dafür arbeiten wir eng mit der studen-
uni:report Campus-Magazin der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg Juni 2018Sie können auch lesen