LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...

Die Seite wird erstellt Paul Reichel
 
WEITER LESEN
LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...
AUSGAB E 2011

LANDENTWICKLUNG AKTUELL
Das Magazin des Bundesverbandes der gemeinnützigen Landgesellschaften

                                           Perspektiven für die Orts-
                                           und Regionalentwicklung
                                             Erfolgsfaktoren und Initiativen
                                             Neue Ansätze in der Regionalentwicklung
                                             Energie vom und für das Land
                                             Integrierte Bestandsentwicklung

                                                                         BLG
LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...
Gemeinnützige Landgesellschaften
Partner für integrierte Landentwicklung

Ländliche Entwicklung und die sie begleitenden Förderprogramme sind      Aufgaben der Siedlungs- bzw. Landgesellschaften
nur dann nachhaltig und effizient, wenn sie qualifiziert umgesetzt       Umsetzung von Strukturförderprogrammen der EU (ELER, EFRE),
werden.                                                                  Bund und Ländern (GAK, GRW; Städtebauförderung):
    Bund, Ländern, Kommunen und privaten Akteuren stehen mit den           Betreuung einzelbetrieblicher Investitionsmaßnahmen,
gemeinnützigen Siedlungs- bzw. Landgesellschaften kompetente Ein-          Planung, Standort- und Genehmigungsmanagement für Investi-
richtungen zur Seite, die als Wirtschaftsunternehmen, mit öffentlicher     tionsvorhaben,
Beteiligung und unter öffentlicher Aufsicht förder- und ordnungspoli-      Durchführung von Maßnahmen der Flurneuordnung,
tische Aufgaben der ländlichen Entwicklung aktiv begleiten.                Dienstleistungen im Rahmen des Vertragsnaturschutzes,
    Im Kontext eines sektorübergreifenden integrierten Förder- und         Orts- und Regionalentwicklung; Erstellen und Umsetzen von Pla-
Entwicklungsansatzes, fortschreitender Funktionalreformen in der Ver-      nungen zur Land- und Gemeindeentwicklung inkl. integrierter re-
waltung, zunehmender Bedeutung Öffentlich-Privater Partnerschaften         gionaler Entwicklungskonzepte und integrierter Stadtentwicklung,
in der Finanzierung, Umsetzung und Realisierung von Entwicklungs-          Regionalmanagement, Begleitung von Leader-Aktionsgruppen
vorhaben sowie der Moderation von Entwicklungsprozessen sind die
Landgesellschaften kompetente Dienstleister und Partner für eine         Vorausschauendes und integriertes
nachhaltige, integrierte Entwicklung.                                    Flächenmanagement
    In Deutschland gibt es neun gemeinnützige Siedlungs- bzw. Land-      Zentrales Element der Entwicklungsaktivitäten der Landgesellschaf-
gesellschaften, die in 10 Bundesländern und 2 Stadtstaaten als Ent-      ten ist das umfassende Flächenmanagement, das in seiner Breite die
wicklungsgesellschaften für die ländlichen Räume und die Verbesse-       Besonderheit der Unternehmen ausmacht. Zum Flächenmanagement
rung der Agrarstruktur tätig sind.                                       der Landgesellschaften gehören:
                                                                            Landerwerb und Bodenbevorratung für Agrar- und Infrastruktur,
                                                                            ökologische und andere öffentliche Zwecke,
Die Siedlungs- bzw. Landgesellschaften                                      Ausübung des siedlungsrechtlichen Vorkaufsrechts in Verbindung
   haben ihre Rechtsgrundlage im Reichssiedlungsgesetz (RSG)                mit dem Grundstückverkehrsgesetz,
   sind Kapitalgesellschaften mit unmittelbarer bzw. mittelbarer            Betreuung und Durchführung überbetrieblicher Maßnahmen, wie
   mehrheitlicher Beteiligung der jeweiligen Bundesländer und sons-            Beschleunigte Zusammenlegung,
   tiger Körperschaften des öffentlichen Rechts                                Freiwilliger Landtausch,
   sind Organe der Landespolitik zur Entwicklung ländlicher Räume,             Bodenordnung und Zusammenführung von Gebäude- und Boden-
   sie unterstehen i. d. R. der Fachaufsicht des für Landwirtschaft            eigentum,
   zuständigen Ressorts. In den Aufsichtsgremien sind weitere Lan-          Verwaltung und Verwertung landeseigener Flächen und landwirt-
   desministerien vertreten.                                                schaftlicher Immobilien,
   arbeiten als gemeinnützige Unternehmen in der Planung, Finan-            Hofbörsen,
   zierung und Umsetzung strukturverbessernder Maßnahmen im                 Flächenagenturen für Ökopunkte.
   ländlichen Raum, die z. T. von der öffentlichen Hand gefördert        Agrarstrukturelle Belange spielen beim Flächenmanagement der Land-
   werden                                                                gesellschaften eine besondere Rolle. Als vor allem im öffentlichen
   sind von den Ländern als allgemeine Sanierungs- und Entwick-          Interesse tätige Unternehmen ist die Arbeit der Landgesellschaften
   lungsträger nach dem Baugesetzbuch anerkannt                          darauf ausgerichtet, die divergierenden Interessen verschiedener
   sind über ihren Bundesverband (BLG) deutschlandweit vernetzt          Gruppen auszugleichen und Konflikte zu mindern.
   und eingebunden in den europäischen Verbund der Landentwick-
   lungseinrichtungen (AEIAR).                                           Instrumenten-Mix für innovative Lösungen
                                                                         Ein Alleinstellungsmerkmal der Landgesellschaften ist der Instru-
Die Unternehmensziele – Verbesserung der Agrarstruktur, Stärkung         menten-Mix, den sie einsetzen können – ganz im Sinne einer inte-
der Wirtschaftskraft sowie Verbesserung der Lebens-, Arbeits- sowie      grierten und nachhaltigen Entwicklung. Dazu gehören die förder-
Umweltverhältnisse in ländlichen Räumen – sind in den Satzungen          politischen Instrumente und auch die Einbindung in den Vollzug
der Landgesellschaften verankert und bestimmend für das breite           der ordnungsrechtlichen Instrumente sowie eigenes wirtschaftliches
Aufgaben- und Tätigkeitsprofil der Unternehmen.                          Engagement.
LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...
Perspektiven für die Orts- und Regionalentwicklung                                                                                          3

Editorial
Sehr geehrte Leserinnen, sehr geehrte Leser,

                                     die Orts- und Regionalentwick-    erung der regionalen Entwicklung über Zielvereinbarungen, die Ge-
                               lung gehört seit über 40 Jahren zu      winnung neuer Zielgruppen und alternative Finanzierungsinstrumen-
                               den satzungsgemäßen Aufgaben der        te gedacht. Dies korrespondiert mit der Diskussion um neue Ansät-
                               Landgesellschaften. In den 1970er       zen in der Förderung und Finanzierung der Regionalentwicklung, die
                               Jahren wurde mit der Einführung der     ebenfalls in diesem Heft beleuchtet werden.
                               Gemeinschaftsaufgaben zur Verbesse-         Das BMVBS hat die Initiative »Ländliche Infrastruktur« gestartet.
                               rung der Agrarstruktur und des Küs-         »Energie vom und für das Land« schafft neue Perspektiven für die
                               tenschutzes (GAK) sowie der regio-      Orts- und Regionalentwicklung. Das Aktionsprogramm »Energie für
                               nalen Wirtschaftsförderung (GRW) und    morgen – Chancen für ländliche Räume« und die Wettbewerbe »Bio-
                               dem Bund-Länder-Programm der Städ-      energieregionen« und »Bioenergiedörfer« wirken hier als Impulsgeber.
                               tebauforderung in Deutschland eine          Die Landgesellschaften unterstützen diese Initiativen und wirken
                               Neuordnung der Strukturpolitik ein-     an deren Umsetzung mit. Sie stehen mit den Bundes- und Landes-
geleitet. Die Landgesellschaften haben ihre Instrumente und Tätig-     ministerien und untereinander in einem engen fachlichen Erfah-
keitsfelder seinerzeit neu justiert und seither stets an den neuen     rungsaustausch. Dies hilft den Landgesellschaften, ihre Instrumente
Herausforderungen ausgerichtet. Die Tätigkeitsfelder reichen von       und Dienstleistungen aktuell an die Aufgaben anzupassen und mit
der agrarstrukturellen Vor- und späteren Entwicklungsplanung, der      gebündeltem Know-how neue innovative Dienstleistungspakete zu
Aussiedlung von Landwirtschaftsbetrieben aus Dorflagen, der Dorf-      entwickeln – so beispielsweise für eine »integrierte Bestandsent-
erneuerung und Umwidmung ehemaliger landwirtschaftlicher Bau-          wicklung von Kommunen in ländlichen Räumen«, die in diesem Heft
substanz bis zur heutigen integrierten ländlichen Entwicklungspla-     vorgestellt wird, ebenso wie weitere praktische Beispiele der Orts-
nung und dem Regionalmanagement. Die Landgesellschaften zählen         und Regionalentwicklung.
zu den ersten Sanierungsträgern nach dem früheren Städtebauför-            Förderstrategien bedürfen der ordnungspolitischen Flankierung.
derungsgesetz. Zu den Tätigkeiten zählen die Dorf- und Stadtkern-      Durch die von der Bundesregierung vollzogene Energiewende kam es
sanierung in ländlichen Räumen und die Mitwirkung bei der kom-         schon im ersten Halbjahr 2011 zu einer Anpassung des Baugesetz-
munalen Bodenordnung. Bestandteil des Flächenmanagements der           buches. Eine »zweite« Novelle des Baurechtes zur Implementierung
Landgesellschaften ist die umfassende Bodenbevorratung für viele       der Folgen des demografischen Wandels in die Bauleitplanung durch
Kommunen in ländlichen Räumen und für Infrastrukturmaßnahmen           die weitere Stärkung der Innenentwicklung der Gemeinden steht an.
von Bund, Ländern und Gemeinden. Hinzugekommen ist die Funk-           Dabei ist im Vorfeld der Ressortgespräche auch das privilegierte land-
tion als Flächenagenturen für den naturschutzrechtlichen Ausgleich     wirtschaftliche Bauen von Tierhaltungsanlagen im Außenbereich in
(Kompensation). Die Breite des Dienstleistungsangebotes und der        die Diskussion geraten. Für die Zukunft der Tierhaltung ist dieses Pri-
Mix an Instrumenten, die die Landgesellschaften bei der Orts- und      vileg aus unserer Sicht unverzichtbar. Für die Standortsteuerung gibt
Regionalentwicklung einsetzen, ist ihr Markenzeichen als ländliche     es ausreichende Instrumente im Baurecht, diese verlangen aber eine
Entwicklungsgesellschaften.                                            aktive Gestaltung. Die Schaffung von Standortverhinderungsrechten
   Die Ortschaften in vielen ländlichen Regionen Deutschlands ste-     ist der ländlichen Entwicklung abträglich. Ungeachtet dessen gilt es
hen wegen der demografischen Veränderungen bei der Infrastruktur-      an Strategien zu arbeiten, um die zunehmenden Akzeptanzprobleme
auslastung und der Daseinsvorsorge vor neuen Herausforderungen.        bei Investitionen für Tierhaltungsanlagen/Stallbauten, Biogas- und
Dazu kommen Auswirkungen des (Agrar-)Strukturwandels sowie der         Windenergieanlagen zu überwinden.
Globalisierung der Wirtschaft. Andererseits entstehen aber auch neue       Wir bedanken uns herzlich bei den Autorinnen und Autoren dieses
Chancen für die Entwicklung in den ländlichen Räumen, für die Land-    Heftes und wünschen Ihnen eine interessante Lektüre.
wirtschaft, die gewerbliche Wirtschaft, für die Gemeinden, z. B.
durch die Nutzung der Potenziale erneuerbarer Energien.
   In den Politikbereichen verschiedenster Bundesressorts sind eine       Ihr
Reihe von Maßnahmen und Vorhaben für die Orts- und Regionalent-
wicklung in der Start- bzw. Umsetzungsphase. Über einige dieser                 Dr. Willy Boß
Initiativen berichtet diese Ausgabe von Landentwicklung aktuell.
   Mit dem Modellvorhaben »LandZukunft« will das BMELV neue            Vorsitzender des Vorstandes des BLG, Geschäftsführer
Wege in der ländlichen Entwicklung erproben. Dabei ist an die Steu-    der Landgesellschaft Sachsen-Anhalt mbH, Magdeburg
LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...
4                                                                                                                  Landentwicklung aktuell | 2011

Perspektiven für die Orts- und Regionalentwicklung
Inhalt

Editorial                                                                                                 Dr. Willy Boß                         3

    Erfolgsfaktoren für vitale ländliche Räume                                                            Prof. Dr. Rainer Danielzyk            5
    Sicherung der Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen – »Initiative Ländliche Infrastruktur«           Oda Scheibelhuber                    10
    Integriertes Handeln: IMAG »Ländliche Räume« und Modellvorhaben »LandZukunft«                         Dr. Theodor Seegers                  13
    Neue Ansätze in der Regionalentwicklung                                                               Dr. Dirk Ahner, Dr. Wolfgang Münch   16
    STATEMENTS: Innovative Finanzierungsinstrumente
       Revolvierender Fonds zur Förderung von Innovationen in der Agrarwirtschaft                         Dierk Francksen                      20
       Regionalisierte Teilbudgets in Niedersachsen                                                       Alexander Skubowski                  21
       Stadtentwicklungsfonds – interessant auch für ländliche Räume?                                     Dr. Peter Jakubowski                 22

    Kommunen als wichtige Träger ländlicher Entwicklung – die Potenziale nutzen                           Dr. Reinhard Dettmann                24
    STATEMENTS: Erfolgsfaktoren für vitale (ländliche) Gemeinden
      Handewitts »Erfolgsfaktoren« als vitale ländliche Gemeinde                                          Dr. Arthur Christiansen              27
      Flecken Bovenden: Traumhaft wohnen und leben im Plesseland …                                        Heidrun Bäcker                       28
      Eckstedt: Vom inaktiven Schlafdorf zur lebendigen Gemeinde                                          Rita Schmidtke                       30
      Gemeinde Dobbertin: Arbeitsgemeinschaft »Dorf im Dorf« Gesund alt werden auf dem Lande              Horst Tober                          31
    Die Förderkulisse als Erfolgsfaktor regionaler Entwicklung …                                          Christopher Toben                    33
    Integrierte Gemeindeentwicklung in Luxemburg – ein Blick zu den Nachbarn                              Arno Frising                         35

    Energiewende – Perspektiven für die Orts- und Regionalentwicklung                                     Clemens Neumann                      38
    Neue Energie – vom Land!                                                                              Udo Hemmerling                       42
    STATEMENT: »Unsere ökologisch denkende Stadt«
      Stadtwerke Neustrelitz weiterhin auf ökologischem Erfolgskurs                                       Frank Schmetzke                      45
    Energie vom und für das Land – Finanzierungsinstrumente                                               Dr. Christian Bock                   47
    Aktionsprogramm »Energie für morgen – Chancen für ländliche Räume«                                    Dr. Andreas Schütte                  49
    25 Bioenergie-Regionen – Leuchttürme der Energiewende                                                 Daniela Rätz, Zdenka Hajkova         53
    Bioenergie und Landnutzungsänderungen                                                                 Peter Kreins                         55
    Stallneubauten nur unter Protest? – Akzeptanzprobleme bei Investitionen überwinden                    Prof. Dr. Gerhard Breitschuh         58

    Integrierte Bestandsentwicklung – Landgesellschaften als Partner der Kommunen                         Stefan Engelhardt, Markus Löwer,
                                                                                                          Dirk Weidelhofer                     60

Perspektiven für die Orts- und Regionalentwicklung – Beispiele aus der Tätigkeit der Landgesellschaften
  Naturschutz und Landwirtschaft arbeiten Hand in Hand                                                    Karl-Heinz Kolb                      66
  Bodenbevorratung als besonderes Instrument der Innenentwicklung                                         Joachim Kothe                        68
  Natur- und Klimaschutz, ein Zukunftsthema der Landgesellschaft                                          Hauke Kroll                          69
  Leader – Verstetigung regionaler Entwicklungsprozesse zur Entwicklung ländlicher Räume                  Heike Winkelmann                     71
  Stadt Tornesch: Baulandentwicklung durch erfolgreiche Betriebsumsiedlungen                              Rainer Schuldt                       73
  Regionales Entwicklungskonzept »Kleines Wiesental« …                                                    Thomas Bieler                        75
  zero:e park in Hannover-Wettbergen: Europas größte Null-Emissionssiedlung                               Andreas Kutscher                     77
  ILE-Region Westerzgebirge – vital, familienfreundlich, mit Tradition und Zukunft                        Dr. Wolfgang Huhn                    79
  Begegnungsstätte Schleusegrund – erfolgreiche Anpassung an demografische Entwicklung                    Thomas Saupe                         80

Veröffentlichungshinweis: Chance! Demografischer Wandel vor Ort – Ideen, Konzepte, Beispiele                                                   82
LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...
Perspektiven für die Orts- und Regionalentwicklung                                                                                          5

Erfolgsfaktoren für vitale ländliche Räume

                                     Autor: Prof. Dr. Rainer Danielzyk

                                          Ländliche Räume in Deutschland sind von einer Vielzahl ländlicher Entwicklungs-
                                     muster gekennzeichnet und hinsichtlich ihrer demografischen, wirtschaftlichen und
                                     kulturellen Ausprägung stark ausdifferenziert. Perspektiven für die Zukunft in Form von
                                     konkreten Handlungsansätzen für ländliche Räume und Dörfer sind dementsprechend
                                     individuell anzupassen, sodass vorhandene Chancen eine sozioökonomisch relevante
                                     Entfaltung erfahren können. Der Beitrag stellt einige ausgewählte grundsätzliche Hand-
                                     lungsansätze für Entwicklungspfade dar.

Ländliche Räume in Deutschland – benachteiligt                           Vertreter ländlicher Gebiete gibt, die diese im Interesse einer noch
und vergessen?                                                           stärkeren Subventionierung gerne ausschließlich negativ charakte-
                                                                         risieren. Mit einem fachlichen, empirisch abgestützten Erkenntnis-
Den ländlichen Raum gibt es nicht!                                       stand hat das allerdings wenig zu tun. So hat die Ministerkonferenz
       Es ist eine weitverbreitete Überzeugung, dass »die Städte«        für Raumordnung im Raumordnungspolitischen Handlungsrahmen
prosperieren würden und »die ländlichen Räume« von immer grö-            (MKRO 1995) schon vor eineinhalb Jahrzehnten fünf Typen länd-
ßeren Problemen bedroht seien und in eine immer stärkere Abhän-          licher Räume unterschieden, die die Vielfalt der Entwicklungsmuster
gigkeit von den großen Zentren geraten würden. Diese Auffassung          anzeigen sollen: Ländliche Räume mit Strukturschwäche, mit großer
wird auch in der Fachliteratur gelegentlich vertreten, so etwa im        Verkehrsgunst, mit hoher touristischer Attraktivität, mit günstigen
»Lexikon der Geographie«, wo man unter dem Stichwort »ländlicher         Agrar- und Produktionsbedingungen und mit industriellen Wachs-
Raum« folgende Ausführungen findet: »… dass der ländliche Raum           tumstendenzen. Auch wenn diese Typenbildung nicht voll überzeu-
in der Sicht der Raumordnung eine ›Restgröße‹ bildet, spiegelt sich      gen kann, so gilt in jedem Falle, was schon im Jahr 2000 der Bun-
auch in der Sicht von Wissenschaftlern, Planern und Politikern, wel-     desraumordnungsbericht (BBR 2000, S. 63) festgestellt hat: »Den
che ihn häufig durch die ›urbane Brille‹ betrachten und dabei ent-       ländlichen Raum gibt es nicht.« In der Tat sind ländliche Räume
weder Defizite oder aber exotische Reize sehen und zentrale, von         wie das Emsland, Oberbayern, die Uckermark oder das Fichtelgebirge
oben ›oktroyierte‹ Steuerungsprogramme entwickeln, um in allen           Beispiele für vollkommen unterschiedliche Entwicklungsverläufe.
Teilräumen des Staatsgebietes gleichwertige Lebensbedingungen            Daher sollte man am besten nur noch den Plural – »ländliche Räu-
zu schaffen. … Tatsächlich belasten hohe Arbeitslosigkeit, Abwan-        me« – verwenden.
derung und Infrastrukturverfall viele ländliche Gebiete und Dörfer.
Nicht selten entwickelt sich ein regionaler Teufelskreis wirtschaft-
licher Stagnation oder gar Depression« (Henkel 2002, S. 302). Dann
schiebt der Autor aber auch noch zwei Sätze nach: »Auf der anderen                                         Prof. Dr. Rainer Danielzyk
Seite stehen reiche Agrarlandschaften mit baulich und infrastruk-                                          Universitäts-Professor für
turell attraktiven und intakten Dörfern, welche durch die moderne                                          Landesplanung und Raum-
Verkehrserschließung (meist Autobahnen) einen Aufschwung erfah-                                            forschung an der Fakultät
ren haben … In anderen Regionen wurde der Tourismus zum Motor                                              Architektur und Landschaft der
eines wirtschaftlichen Aufschwungs« (ebd.).                                                                Leibniz-Universität Hannover;
   Zu Recht wird damit deutlich, dass es inzwischen eine Vielzahl                                          Wissenschaftlicher Leiter des
von ländlichen Entwicklungsmustern gibt, die sich kaum auf einen                                           ILS – Institut für Landes- und
Begriff bringen lassen. Sicher mag es manchen »Städter« geben, für                                         Stadtentwicklungsforschung
den der ländliche Raum eine allenfalls für Naherholung und Tou-                                            Dortmund und Aachen
rismus interessante »Restgröße« ist. Wie es aber auch politische
LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...
6                                                                                                            Landentwicklung aktuell | 2011

                                                                                                                                                 Foto: Thomas Wolf
Die Lage zu wichtigen Verkehrsachsen ist einer der relevanten Entwicklungsaspekte für ländliche Regionen.

   Allerdings ist einzuräumen, dass es bislang keine wirklich über-         Wichtig ist also die Erkenntnis, dass es eine ausgeprägte teil-
zeugende Ausdifferenzierung von Entwicklungstypen ländlicher Re-         räumliche Ausdifferenzierung von Entwicklungsmustern ländlicher
gionen gibt, die bundesweit Gültigkeit beanspruchen könnte. Dafür        Regionen gibt, weshalb auch Zukunftsperspektiven und entspre-
müsste man eine ganze Anzahl relevanter Faktoren kombinieren, wie        chende planungs- und strukturpolitische Handlungsansätze räum-
etwa die Lage zu wichtigen Verkehrsachsen und Verdichtungsräu-           lich sehr differenziert ausfallen müssen. Standardrezepte helfen hier
men, die Dichte der Besiedlung, die landschaftliche bzw. touristische    nicht weiter.
Attraktivität, »Erblasten« durch frühere Industrialisierungsphasen
usw. In der Regionalforschung (vgl. z. B. zusammenfassend Köhler         Zukunft der Dörfer
2007, Tröger-Weiß …) wie auch in der Raumordnungspolitik (vgl.           An dieser Stelle muss kurz darauf hingewiesen werden, dass sich
etwa das Leitbild 1 der aktuellen Leitbilder zur Raumentwicklung in      auch zum »Dorf von morgen« keine einheitlichen Aussagen machen
MKRO 2006) wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es auch            lassen, vielmehr – wie hinsichtlich der Regionalentwicklung – auf
außerhalb der Stadtregionen in ländlichen Räumen bemerkenswerte          Differenzierungen zu achten ist. In einer bemerkenswerten Studie
Wachstumsprozesse, sowohl Bevölkerung als auch Beschäftigung             hat ein Team der TU München (Groß/Ritzinger/Magel 2011) vier
betreffend, gibt. Hier ist etwa auf die ländlichen Räume im Nord-        Szenarien zur Zukunft bayrischer Dörfer erarbeitet, deren Grund-
westen Deutschlands, am Bodensee und in Bayern hinzuweisen.              aussagen sich durchaus verallgemeinern lassen. In der hier gebo-
Genauso gibt es aber auch strukturschwache, dünn besiedelte und          tenen Kürze können nur die Überschriften dieser Szenarien genannt
»peripherisierte« ländliche Räume mit großen strukturellen Proble-       werden, die allerdings für sich sprechen:
men. Zahlreiche Beispiele finden sich dafür etwa in Ostdeutschland,
im Südwesten (Pfalz), in Franken, aber auch in Südniedersachsen/            Für die Dörfer im strukturschwachen peripheren Raum wird das
Nordhessen.                                                              »Land-ohne-Leute-Szenario« vom »Patchwork-Dorf-Szenario« un-
LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...
Erfolgsfaktoren für vitale ländliche Räume | Prof. Dr. Rainer Danielzyk                                                                      7

terschieden. Letzteres zeichnet sich gegenüber Ersterem vor allem         auf den »Output« (z. B. die Lebenserwartung, die Kindersterblich-
dadurch aus, dass durch einen aktiven Umgang mit der strukturell          keit usw.). Sollte sich eine gravierende Benachteiligung einzelner
schwierigen Situation und ein bemerkenswertes zivilgesellschaft-          Räume herausstellen, wäre Handeln geboten, wobei das nicht un-
liches Engagement trotz schwieriger Rahmenbedingungen zukunfts-           bedingt Erhalt oder Einrichtung materieller Infrastruktur bedeuten
fähige und lebenswerte Dörfer erhalten bleiben. Da nicht in allen         muss.
alles vorgehalten werden kann, kommt es hier gerade auch auf eine
überörtliche Kooperation bei der infrastrukturellen Ausstattung und       Trends und Perspektiven
der wirtschaftlichen Orientierung an.
   Für Dörfer in prosperierenden Ballungsräumen wird das »Schlaf-         Trends
dorf-Szenario« vom »Stadt und Land – Hand in Hand-Szenario« un-           Die wesentlichen Rahmenbedingungen und Trends, die Entwicklungen
terschieden. Während im ersteren monofunktionale Orientierungen           ländlicher Räume beeinflussen und nach gestaltenden Antworten
als Wohnstandort und Naherholungsraum für Städter dominieren,             verlangen, sind weithin bekannt und werden deshalb hier nur kurz
spielt auch hier wieder im zweiten Szenario das zivilgesellschaftliche    angesprochen:
Engagement eine besondere Rolle. Die nicht zuletzt durch die Nähe
zur Stadt gegebenen Chancen werden aktiv genutzt, Dörfer auch im             Demografischer Wandel: Abnahme, Alterung und Internationali-
Sinne der Nutzungsmischung, z. B. als Arbeitsstandorte, profiliert.          sierung der Bevölkerung;
                                                                             Globalisierung der Wirtschaft, der Kultur und der Politik;
   Diese sicher zugespitzt formulierten Szenarien weisen auf drei            Wirtschaftskultureller Wandel hin zur Dienstleistungsgesellschaft
Aspekte hin: Die notwendige teilräumliche Differenzierung ver-               und Wissensökonomie mit kleineren Anteilen des primären und
bunden mit dem Eingehen auf ortsspezifische Situationen, die Be-             sekundären Sektors, die allerdings höchst entwickelt und techni-
deutung zivilgesellschaftlichen Engagements und aktiven Handelns             siert sind;
sowie die Bedeutung einer kooperativen Grundeinstellung.                     Klimawandel mit seinen kleinräumlich vielfach nur sehr schwer
                                                                             vorhersehbaren Auswirkungen;
Gleichwertige Lebensverhältnisse – eine realistische                         Privatisierung und Deregulierung, was sich insbesondere bei den
Leitvorstellung?                                                             Infrastrukturen vielfach problematisch auswirkt.
Zentrale Leitvorstellung räumlicher Entwicklungspolitik sind »die
gleichwertigen Lebensverhältnisse«, die allerdings zurzeit vor dem           Auch hier gilt, was im ersten Kapitel mehrfach deutlich betont
Hintergrund veränderter Rahmenbedingungen und geringer wer-               wurde: Diese Trends wirken sich teilräumlich und in den verschie-
dender Handlungsspielräume der öffentlichen Hände verstärkt in die        denen Entwicklungstypen ländlicher Räume höchst unterschiedlich
Diskussion geraten sind (vgl. z. B. Beirat für Raumordnung 2005,          aus. Zudem kommt es immer darauf an, mit welcher Haltung und mit
2007, Danielzyk 2009). Ohne zu sehr ins Detail gehen zu können, sei       welchem Engagement auf sie reagiert wird: ob aktiv und gestaltend
darauf hingewiesen, dass es zum einen um »Gleichwertigkeit« und           oder eher passiv – erduldend.
nicht um »Gleichheit« – wie immer wieder gerne missverstanden –
geht, dass zum anderen bei grundsätzlichem Erhalt der Leitvorstel-        Handlungsansätze
lung ein Überdenken der Interpretation und der Strategien erfor-          An dieser Stelle soll auf einige wenige Faktoren hingewiesen werden,
derlich ist. Es ist zunehmend – keinesfalls nur aus finanziellen, son-    die nach bisherigen Erfahrungen und in der Regel auch durch empi-
dern auch aus inhaltlichen Gründen – sehr schwierig, einheitliche         rische Studien belegt wichtige Erfolgsfaktoren für die Entwicklung
Mindeststandards für bestimmte Ausstattungsmerkmale flächende-            ländlicher Räume sind. Es versteht sich von selbst, dass die Faktoren
ckend zu definieren. Das wird den teilräumlich unterschiedlichen          nicht trennscharf unterschieden werden können, sondern vielfache
Entwicklungsständen und -dynamiken nicht gerecht. Außerdem                Überschneidungsbereiche aufweisen, und dass der »Erfolgsbeitrag«
kommt man dann ganz schnell zu sehr schwierig zu beantwortenden           jedes einzelnen Faktors nicht quantitativ zu bestimmen ist. Es geht
Fragen: Kann man etwa die vielfach höhere Umweltqualität und              vielmehr um Handlungsfelder, in denen kommunale und regionale
niedrigeren Immobilienpreise in ländlichen Räumen gegen die mehr          Politik in ländlichen Räumen im Interesse von deren Dynamik und
oder weniger bessere infrastrukturelle Ausstattung der Städte auf-        Erfolg aktiv werden muss.
rechnen? Solche Überlegungen und Diskussionen führen in der Regel
zu keinem befriedigenden Ergebnis. Wichtig ist demgegenüber, dass            Studien in besonders dynamischen ländlichen Räumen (vgl. Daniel-
die Chancengerechtigkeit gewahrt bleibt, insbesondere Zugangs-            zyk 2007, Tröger-Weiß …) zeigen, dass den sogenannten weichen
möglichkeiten zu wichtigen Infrastrukturen im Sinne einer guten           Standortfaktoren eine besonders hohe Bedeutung zukommt. Dazu
Daseinsvorsorge überall gegeben sind.                                     können Aspekte zählen wie eine handlungsfähige, umsetzungsorien-
   Zur adäquaten Beurteilung sollte man weniger, wie bislang noch         tierte und »gute« Verwaltung und Politik, in der kurze Entschei-
verbreitet, auf den materiellen Input achten (die Zahl der Kranken-       dungswege üblich sind und die Planungs- und Investitionssicher-
hausbetten oder Arztpraxen je tausend Einwohner), sondern eher            heit gewährleisten kann. Dazu können darüber hinaus auch eine
LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...
8                                                                                                            Landentwicklung aktuell | 2011

Ländliche Regionen weisen ausgeprägte teilräumliche Ausdifferenzierungen von Entwicklungsmustern auf. Das verlangt auch differenzierte
Planungs- und strukturpolitische Handlungsansätze. Dies gilt auch für die Dörfer.

leistungsorientierte »Arbeitsmentalität« der regionalen Bevölkerung    dern vielmehr an die höchst bedeutsamen Klein- und Mittelstädte
und deren Bereitschaft zu besonderem Engagement in der Arbeit          inmitten ländlicher Räume, die als kleine Wachstums- und Innova-
wie auch ehrenamtlich für das Gemeinwesen zählen. Diese Aspekte,       tionspole im Interesse wirtschaftlicher Dynamik ebenso wie als
insbesondere auch das zivilgesellschaftliche und ehrenamtliche         »Ankerpunkte« der Infrastrukturen und Daseinsvorsorge in schrump-
Engagement in Zeiten geringer werdender staatlicher Handlungs-         fenden Regionen eine nicht zu vernachlässigende Bedeutung haben.
spielräume und Aktionsfähigkeit, stellen ein besonderes Potenzial      Gelegentlich wird hier immer noch, gerade auch in der Politik, ein
und auch für wirtschaftliche Ansiedlungen einen besonderen Attrak-     gewisser Interessengegensatz konstruiert, der nicht gegeben ist.
tivitätsfaktor in ländlichen Räumen dar. Das wird zurzeit zweifellos   Partnerschaftliche Kooperation ist hier das Gebot der Stunde, nicht
schon in gewissen »Fällen« gewürdigt, aber als höchst relevanter       Unterordnung der einen Seite unter die Interessen der anderen. Ge-
Faktor der Regionalentwicklung, der auch unterstützt und entwickelt    rade das differenzierte und dezentrale Städtesystem Mitteleuropas
werden muss, noch viel zu wenig beachtet. Besonders gute Bei-          ist ein besonderes Potenzial auch im Sinne der dynamischen Ent-
spiele für Phänomene dieser Art lassen sich im westlichen Nieder-      wicklung ländlicher Räume und muss von beiden Seiten als solches
sachsen finden.                                                        verstanden und in Wert gesetzt werden. In gewisser Weise geht es
                                                                       hier um »räumliche Nachbarschaftshilfe auf kommunaler und regio-
   Ländliche Räume benötigen ohne jeden Zweifel eine gut ausge-        naler Ebene« (vgl. auch Beirat für Raumentwicklung 2011).
baute verkehrliche Infrastruktur (von Straßen und Bahnstrecken bis
zur Breitbandverkabelung), um die aufgrund unzureichender Trag-           Die »Energiewende« wird die Wettbewerbssituation vieler länd-
fähigkeit und geringer Bevölkerungsdichte nicht unmittelbar vor        licher Räume in positiver Hinsicht verändern. In den ländlichen
Ort vorhandenen Einrichtungen zumindest in relativ überschaubaren      Räumen gibt es eine immer stärker wachsende Nachfrage nach
Zeiten erreichen zu können. Genau das ist mit der Chancengerech-       Standorten für regenerative Energieerzeugung (Windkraft, Biomasse,
tigkeit im Sinne gleichwertiger Zugänglichkeit gemeint. Im Zeitalter   Wasserkraft, Fotovoltaik). Diese veränderte Nachfragesituation er-
intensiver Telekommunikation sind die laufenden, aber noch aus-        fordert die Gestaltung der Rahmenbedingungen, um die ländlichen
baubedürftigen Initiativen zur besseren Breitbandversorgung länd-      Standorträume an den Erträgen aus diesen Entwicklungen zu beteili-
licher Räume von ganz besonderer Bedeutung. Aber auch hier zeigt       gen. Einerseits ist eine möglichst dezentrale und auf regionale Wert-
wieder ein Beispiel aus Westniedersachsen (der Bau der A 31), dass     schöpfungsketten orientierte Energieversorgung im Interesse der
auch klassische Formen »harter« Infrastruktur eine Relevanz haben      ländlichen Räume notwendig, andererseits sollten sie von den neu-
und ihr Ausbau durch entschlossenes kooperatives Handeln der re-       en Standortansprüchen in der Energiewirtschaft profitieren können.
gionalen Akteure gefördert werden kann.
                                                                          Zur Umsetzung dieser und anderer Zielvorstellungen bietet sich
   Besondere Aufmerksamkeit muss unbedingt der Überwindung des         ein regionales Prozessmanagement als kontinuierlich bestehende
scheinbaren Stadt-Land-Gegensatzes durch bessere Kooperation           Einrichtung an, die die Interessen und Potenziale der vielfältigen
von Stadt und Land gelten (vgl. auch das vierte Szenario »Stadt        Akteure in ländlichen Räumen zusammenführt. Besonders geeignet
und Land – Hand in Hand« in Kapitel 1.2). Wenn hier von Städten        sind dafür nach allen Erfahrungen externe, aber mit der Region ver-
die Rede ist, ist nicht an Großstädte und Metropolen gedacht, son-     bundene Moderatoren, die auch jenseits des Agierens der regionalen
LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...
Erfolgsfaktoren für vitale ländliche Räume | Prof. Dr. Rainer Danielzyk                                                                                      9

Die Zugangsmöglichkeiten zu wichtigen Infrastrukturen für die Daseinsvorsorge ist in ländlichen Regionen ein entscheidender Faktor

Akteure auf bekannten Wegen neue Kooperationen und Zusammen-                      den Kommunen und Regionen zur Verfügung gestellt wird. Das wür-
schlüsse initiieren sollten. Dabei ist die enge Verknüpfung externer              de integratives, entscheidungsfreudiges und umsetzungsorientiertes
Anregungen und der endogenen Handlungs- und Entwicklungspoten-                    Handeln ganz sicher vortrefflich unterstützen.
ziale von besonderer Bedeutung, um die Dynamik entsprechend zu
fördern. Gerade die in der EU-Strukturpolitik vielfach üblichen netz-             Schlussbemerkungen
werkorientierten kooperativen Handlungsansätze haben hier eine
besondere Bedeutung.                                                              Entgegen manchen Unkenrufen sind ländliche Räume nicht per se
                                                                                  benachteiligt, strukturschwach und verlassen. Selbstverständlich ist
   Hinsichtlich der finanziellen Förderung ist das Nebeneinander                  auch das Gegenteil nicht richtig. Gefordert ist vielmehr ein diffe-
vielfältiger Programme und sektoraler Ansätze ein bekanntes Pro-                  renzierter Blick auf die vielfältigen Realitäten, die heutzutage in
blem, das nie vollständig gelöst werden wird. Es wäre wünschenswert,              ländlichen Räumen zu beobachten sind. Struktur- und planungspo-
dass zumindest ein Teilbereich der insgesamt nicht zu vernachlässi-               litische Strategien müssen dieser Vielfalt und der jeweiligen spezi-
genden Finanzbetriebe zur Unterstützung ländlicher Entwicklungen                  fischen Situation gerecht werden, um im Interesse der ländlichen
entsprechend der teilräumlich ausdifferenzierten Entwicklungsbe-                  Räume und ihrer Bewohner die bestmöglichen Entwicklungsansätze
dingungen und Entwicklungspotenziale in Form von Regionalfonds                    umzusetzen.

Literatur
· Beirat für Raumentwicklung (2011): Zukunftskonzept »Daseinsvorsorge«. Denkanstöße und Handlungsansätze für periphere, strukturschwache, ländliche Räume.
  Bonn 2011.
· Beirat für Raumordnung (2005): Stellungnahme des Beirats für Raumordnung zur raumordnerischen Diskussion der Ausgestaltung des Leitprinzips
  »Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse«.
· Beirat für Raumordnung (2007): Empfehlungen des Beirates für Raumordnung zur »Räumlichen Ausgleichspolitik«. Berlin.
· Danielzyk, R. (2007): Strategien von Wachstumsregionen in peripheren Räumen. Das Beispiel Emsland. In: Stefan Köhler (Hrsg.): Wachstumsregionen fernab der
  Metropolen – Chancen, Potenziale, Strategien. Hannover: Akademie für Raumforschung und Landesplanung 2007, S. 51–60 (= Akademie für Raumforschung und
  Landesplanung, Arbeitsmaterial Nr. 334).
· Danielzyk, R. (2009): Die neuen Leitbilder der Raumentwicklung und das Postulat der Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. In: Marc GOTTWALD/ Markus LÖWER
  (Hrsg.): Demografischer Wandel – Herausforderungen und Handlungsansätze in Stadt und Region. Münster 2009, S. 27–38 (= Arbeitsgemeinschaft Angewandte
  Geographie Münster, Arbeitsberichte Heft 40).
· Groß, C./A. Ritzinger/ H. Magel (2011): Auf der Suche nach dem Dorf von Morgen – Szenarien zur Funktionalität bayrischer Dörfer 2020. In: disp 185, S. 44–55.
· Henkel, G. (2002): Ländliche Räume. In: Lexikon der Geographie. Band 2. Heidelberg.
· Köhler, S. (2007) (Hrsg.): Wachstumsregionen fernab der Metropolen – Chancen, Potenziale, Strategien. Hannover: Akademie für Raumforschung und Landes-
  planung 2007 (= Akademie für Raumforschung und Landesplanung, Arbeitsmaterial Nr. 334).
· MKRO: Ministerkonferenz für Raumordnung (1995): Raumordnungspolitischer Handlungsrahmen. Bonn 1995.
· MKRO: Ministerkonferenz für Raumordnung (2006): Leitbilder der räumlichen Entwicklung in Deutschland. Berlin 2006.
· Tröger-Weiß, G. u. a. (2008): Erfolgsbedingungen von Wachstumsmotoren außerhalb der Metropolen (= Werkstatt: Praxis Heft 56) Hrsg. vom BBSR. Bonn.
LANDENTWICKLUNG AKTUELL - Bundesverband der ...
10                                                                                                        Landentwicklung aktuell | 2011

Sicherung der Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen –
»Initiative Ländliche Infrastruktur«

                                   Autorin: Oda Scheibelhuber

                                         Die Bundesregierung ist sich ihrer Verantwortung für die ländlichen Räume bewusst
                                   und hat im Koalitionsvertrag »Wachstum. Bildung. Zusammenhalt.« die Sicherung der
                                   Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen als besondere Aufgabe definiert. Für das Bun-
                                   desministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung hat Bundesminister Dr. Ramsauer
                                   Anfang 2010 die »Initiative Ländliche Infrastruktur« gestartet. Sie umfasst insbesondere
                                   die ländlichen peripheren Räume, die vor besonders großen Herausforderungen stehen.
                                   Bei dieser Initiative setzen wir insbesondere auf die regionalen Stärken, die Ideen und die
                                   Mitwirkung der Bürgerinnen und Bürger vor Ort und bündeln eine Vielzahl von Maßnah-
                                   men für eine Stärkung der ländlichen Räume unter einem Dach.

      Die Sehnsucht nach einem idyllischen Leben auf dem Lande ist    Die kommunale Ebene braucht deshalb ausreichend Mittel und Ge-
groß. Zahlreiche Hochglanzmagazine und Zeitschriften bedienen mit     staltungsspielräume, um sie erfolgreich zu bewältigen. Es kommt
überwältigendem Erfolg das Verlangen nach schöner Landschaft, fri-    darauf an, den demografischen Wandel nicht nur als schwierige Her-
scher Luft, gesunden, erntefrischen landwirtschaftlichen Produkten    ausforderung zu begreifen, sondern den Wandel aktiv zu gestalten
und einer schmucken Immobilie mit eigenem Garten. Hinzu kommt         und so auch die Chancen zu nutzen. Denn eins ist sicher: Es ist für
eine große Anzahl von Büchern auf den Bestsellerlisten, in denen      den Bund von höchster Bedeutung, die städtischen und ländlichen
ausgestiegene Städter über ihr Leben auf dem Lande berichten.         Regionen gleichermaßen gut zu entwickeln. Die Schaffung gleich-
   Aber wie sieht es tatsächlich im ländlichen Raum aus? Sprechen     wertiger Lebensverhältnisse bleibt oberste Priorität.
nicht die Statistiken und Prognosen eine andere Sprache?                 Langfristig wird sich der demografische Wandel durch Bevölke-
   Heute leben in Deutschland etwa 82 Millionen Menschen; 2060        rungsrückgang, Alterung der Gesellschaft und anhaltende Binnen-
werden es voraussichtlich nur noch etwa 65 bis 70 Millionen sein.     wanderung noch stärker auf die ländlichen Räume auswirken. Damit
Wir müssen uns also in absehbarer Zeit auf einen Bevölkerungsrück-    diese Regionen nicht dauerhaft in ihrer wirtschaftlichen, sozialen
gang um bis zu 20 Prozent einstellen.                                 und ökologischen Entwicklung zurückfallen, muss die Politik ein be-
                                                                      sonderes Augenmerk auf sie richten.
Demografischer Wandel – Herausforderung
und Chance                                                            Erprobte und neue Instrumente

Eine Besonderheit des demografischen Wandels in räumlicher Hinsicht   Gerade das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwick-
ist das Nebeneinander von Wachstums- und Schrumpfungsprozessen.       lung (BMVBS) hat vielfältige Möglichkeiten, Städte und Gemeinden
Daraus ergeben sich große Herausforderungen für eine koordinierte     durch Investitionen in die Infrastruktur zu fördern, sie lebenswert
Infrastrukturplanung und für die Gewährleistung der Daseinsvorsor-    und funktionsfähig zu halten. Davon profitieren insbesondere auch
ge. Denn immer weniger Menschen bedeuten rückläufige Auslastung,      die kleineren Orte in den Regionen. Im Folgenden werden im Rahmen
veränderte Nachfrage und steigende Kosten bei wichtigen Infra-        der »Initiative Ländliche Infrastruktur« sowohl bereits erfolgreich
strukturangeboten wie Schulen, kommunalen Ämtern oder kultu-          erprobte als auch neue Instrumente aus dem Bereich des Städtebaus
rellen Einrichtungen. Die wohnortnahen Einkaufsmöglichkeiten sind     und der Bundesraumordnung vorgestellt. Am 29. und 30. Juni 2011
oftmals nicht mehr vorhanden, die ärztliche Versorgung wird zum       hatten fast 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmer in Berlin Gelegen-
Teil auf einen Mindeststandard zurückgefahren. Viele dieser Pro-      heit, sich beim Demografiekongress »Ideenforum für ländliche Infra-
bleme betreffen insbesondere die kleineren Städte und Gemeinden.      struktur« über diese Projekte zu informieren und zu diskutieren.
Sicherung der Daseinsvorsorge in ländlichen Regionen – »Initiative Ländliche Infrastruktur« | Oda Scheibelhuber                            11

Städtebauförderung
Insbesondere die Städtebauförderung ist für die kleineren Städte und
Gemeinden in ländlichen Regionen ein wichtiges Förderinstrument.
Mit dem neuen Städtebauförderungsprogramm »Kleinere Städte und
Gemeinden« haben wir im Jahr 2010 gemeinsam mit den Ländern
einen wesentlichen Impuls für unsere »Initiative ländliche Infra-

                                                                                                                                                 Foto: Dirk Michael Deckbar
struktur« gegeben. Gerade Klein- und Mittelstädte in ländlichen,
dünn besiedelten Räumen sind wichtige wirtschaftliche, soziale und
kulturelle Zentren und Ankerpunkte für die Sicherung der öffent-
lichen Daseinsvorsorge. Durch das Städtebauförderungsprogramm
werden Kommunen dabei unterstützt, ihre städtebauliche Infra-
struktur der Daseinsvorsorge anzupassen und bedarfsgerecht zu ge-
stalten. Dabei werden gezielt Kommunen gefördert, die überörtlich
kooperieren und abgestimmte integrierte Konzepte erarbeiten. Es          Auf dem Demografiekongress »Ideenforum für ländliche Infrastruk-
ist gelungen, die Finanzhilfen des Bundes für dieses Programm von        tur« wurden die Preisträger des Wettbewerbs »Menschen und Erfolge«
18 Mio. Euro im Jahr 2010 auf rund 35 Mio. Euro im Jahr 2011             ausgezeichnet.
nahezu zu verdoppeln. Es zeigt sich schon jetzt, dass das neue
Städtebauförderungsprogramm bundesweit den richtigen Nerv zahl-
reicher kleiner Gemeinden im ländlichen Raum getroffen hat: So
konnten bereits im ersten Programmjahr 76 Fördermaßnahmen in 75
kleineren Städten und Gemeinden begonnen werden. Für das Jahr
2011 wird von einer deutlichen Ausweitung ausgegangen.

Wettbewerb »Menschen und Erfolge«
Ein weiterer Bestandteil der Initiative ist der Wettbewerb »Menschen

                                                                                                                                                 Foto: Göran Gnaudschun
und Erfolge«, mit dem wir Kreativität und Engagement der Bürge-
rinnen und Bürger zur Aufrechterhaltung und Ausgestaltung eines
bedarfsgerechten Infrastrukturangebots in ländlichen Regionen
würdigen wollen. Die erste Wettbewerbsrunde wurde mit der Ver-
leihung von 15 Preisen und 6 Anerkennungen beim Demografiekon-
gress erfolgreich abgeschlossen. Insgesamt war die Resonanz mit
585 hochqualifizierten und vielfältigen Wettbewerbsbeiträgen be-         Produktionsschule Wolgast des Christlichen Jugendwerks auf der Insel
eindruckend. Beeindruckend war auch, welch gute Ideen die Bür-           Usedom-Zinnowitz gibt jungen Menschen eine (zweite) Chance, einen
gerinnen und Bürger entwickeln, um ihre Gemeinde trotz schrump-          Berufsabschluss zu erlangen.
fender Bevölkerung lebensfähig und liebenswert zu erhalten, und
mit welcher Energie die Ideen dann umgesetzt wurden: das reichte
vom bürgerschaftlich betriebenen Schwimmbad oder der bürger-             Regionen hatten sich in einem Wettbewerb für die Teilnahme qua-
schaftlich organisierten Versorgung des Dorfes mit vor Ort erzeugter     lifiziert und erweiterten gezielt ihre regionalen Stärken: Dies waren
preiswerter Energie über bürgerschaftlich betriebene Kultureinrich-      Nordfriesland in Schleswig-Holstein, der hessische Werra-Meißner-
tungen und Dorfläden bis hin zu neuen Konzepten zur langfristi-          Kreis sowie die kreisübergreifenden Regionen Südharz-Kyffhäuser in
gen Sicherung der medizinischen Versorgung. Gemeinsam mit un-            Sachsen-Anhalt/Thüringen und Stettiner Haff in Mecklenburg-Vor-
seren Kooperationspartnern Deutscher Landkreistag und Deutscher          pommern. Ihr entscheidender Erfolgsfaktor: Sie haben ganzheitliche
Städte- und Gemeindebund wird Bundesminister Dr. Ramsauer noch           demografische Handlungskonzepte und Regionalstrategien Daseins-
im Herbst eine weitere Wettbewerbsrunde mit dem Schwerpunkt              vorsorge entwickelt und sie konnten sich auf die Ideen und Mitwir-
»Mobilität« ausloben.                                                    kung ihrer Bürgerinnen und Bürger stützen.
                                                                             Das demografische Handlungskonzept und die Regionalstrategie
Demografischer Wandel – Region schafft Zukunft                           Daseinsvorsorge wurden zu nachhaltigen Erfolgsrezepten für die
Mit dem Modellvorhaben »Region schafft Zukunft« hat das BMVBS            Querschnittsaufgabe Demografischer Wandel: Die schrittweise Umset-
Städte und Gemeinden darin unterstützt, den demografischen Wan-          zung förderte neue, attraktive Versorgungs-, Betreuungs- und Infra-
del aktiv zu gestalten. Das 2007 gestartete und jetzt aktuell abge-      strukturangebote, eine gute Erreichbarkeit, Familienfreundlichkeit,
schlossene Modellvorhaben setzte auf die Zukunftschancen, die sich       soziales Engagement und regionale Identität. Die Projekte ermög-
im ländlichen Raum aus dem demografischen Wandel ergeben. Vier           lichten integrierte Lösungen für ganz unterschiedliche Aufgaben
12                                                                                                          Landentwicklung aktuell | 2011

wie wohnortnahe Einkaufsmöglichkeiten, Pflegeangebote und ärzt-        Wachstum und Kohäsion in größeren funktionalen Räumen zu ver-
liche Gesundheitsversorgung, altersgerechtes Wohnen, neue Über-        einen. Im Kern des Ansatzes steht das partnerschaftliche Miteinan-
gänge in den regionalen Arbeitsmarkt sowie Freizeitangebote für        der unterschiedlich strukturierter, d. h. städtischer und ländlicher
Jung und Alt im ländlichen Raum. Zwischen den Regionen wurde ein       Teilräume mit dem Ziel, die Wettbewerbsfähigkeit der Gesamtregion
intensiver Erfahrungsaustausch und Ergebnistransfer organisiert, so    zu fördern und gleichwertige Lebensbedingungen in allen Teilen
dass die besten Lösungsansätze für ländliche Regionen weiter ver-      des Kooperationsgebietes zu schaffen. Zum Teil aufbauend auf be-
breitet und angewendet wurden und werden.                              reits existierenden Kooperationen innerhalb der Metropolregionen,
   Insgesamt wurden aus den Programmen des BMVBS 75 regio-             haben unsere Modellvorhaben der Raumordnung Ȇberregionale
nal entwickelte Projekte mit fast 6 Millionen Euro gefördert. Es ist   Partnerschaften – innovative Projekte zur stadtregionalen Koopera-
erfreulich, dass viele Projekte auch über die Modellphase hinaus       tion, Vernetzung und gemeinsamen großräumigen Verantwortung«
eigenständig fortgeführt werden. So können bundesweit Städte und       eindrucksvoll gezeigt, dass es erfolgreiche Ansätze gibt, die großen
Gemeinden von guten und übertragbaren Lösungen im Umgang mit           ländlichen Verflechtungsräume gleichberechtigt in gemeinsame Ent-
dem demografischen Wandel profitieren.                                 wicklungskonzepte mit den metropolitanen Zentren zu integrieren.
                                                                       Die Modellprojekte decken ein breites Themenspektrum ab, welches
Aktionsprogramm Regionale Daseinsvorsorge                              zum Beispiel von der regionalen Vermarktung von Agrarprodukten
Einen neuen Schwerpunkt innerhalb der »Initiative ländliche Infra-     bis hin zum Aufbau eines Netzes energietechnologischer Zentren
struktur« bildet das Aktionsprogramm Regionale Daseinsvorsorge.        reicht.
Es zielt darauf ab, eine Vielzahl von Regionen insbesondere in länd-      Gute Potenziale einer verstärkten Zusammenarbeit von Stadt
lichen Räumen dafür zu gewinnen und darin zu unterstützen, ein         und Land ergeben sich auch in den Handlungsfeldern Klimawandel/
Instrument zur Sicherung der Daseinsvorsorge anzuwenden, das sich      Energie, ÖPNV, Tourismus und Gesundheit. Allerdings sind Stadt-
bereits modellhaft bewährt hat, die sogenannte »Regionalstrategie      Land-Partnerschaften noch kein Selbstläufer. Deshalb stehen in den
Daseinsvorsorge«. Diese wurde in sieben Modellregionen – auch im       Jahren 2011 bis 2013 weitere 300.000 Euro für die Förderung von
Rahmen von »Region schafft Zukunft« – entwickelt und erprobt.          Projekten sowie den Transfer der Projektergebnisse bereit.
   Das Aktionsprogramm Regionale Daseinsvorsorge – ein neues Mo-
dellvorhaben der Raumordnung mit einem Gesamtvolumen von 6,5           Fazit
Mio. Euro – soll diese Regionalstrategie bei Planungsregionen, Land-
kreisen und Gemeindeverbünden weiter verbreiten. Sie ist dort auf      Durch die vorgestellten Maßnahmen werden die ländlichen Räume
großes Interesse gestoßen, stellt in der Umsetzung allerdings hohe     mit ihren Kleinstädten und vielen kleinen Ortschaften wichtige
Anforderungen. In den nächsten drei Jahren werden deshalb 20–30        Impulse erhalten und deren Stärken gefördert werden. Es wurden
Regionen bei der Erarbeitung und Umsetzung interkommunal abge-         bereits wertvolle Arbeiten geleistet, die selbstverständlich nicht
stimmter Maßnahmebündel zur Sicherung der Daseinsvorsorge fach-        eins zu eins übertragbar sind. Aber mit Kreativität und Engagement
lich und finanziell unterstützt. Der Aufruf zur Interessenbekundung    lassen sich oft modifizierte Lösungen entwickeln, die dann für die
war auf ein überwältigendes Echo gestoßen. Insgesamt wurden 156        einzelnen Regionen maßgeschneidert sind.
Beiträge eingereicht. Im Rahmen des Demografiekongresses wurden           Mit der »Initiative ländliche Infrastruktur« werden wir helfen,
die 50 Regionen vorgestellt, die in einer zweiten Wettbewerbsrunde     den Menschen vor Ort neue Zukunftsperspektiven zu geben und die
detaillierte Projektvorschläge ausarbeiten. Aus diesen 50 werden in    ländlichen Räume als attraktive, lebenswerte Regionen zu erhalten
einem weiteren Verfahrensschritt 20 bis 30 Regionen ausgewählt.        und zu entwickeln.

Stadt-Land-Partnerschaften:
großräumig – innovativ – vielfältig
Wachstum und Innovationen schaffen wichtige Voraussetzungen
für eine gleichwertige Entwicklung des Bundesgebietes. Dank einer
relativ ausgewogenen räumlichen Verteilung der Wachstumszentren
über das Gebiet der Bundesrepublik kann eine Vielzahl von Teilräu-
men von diesen Wachstumsimpulsen partizipieren. Das gilt nicht                                            Oda Scheibelhuber
nur für die ländlichen Räume im unmittelbaren Einzugsbereich der                                          Leiterin der Abteilung Raum-
Großstädte. Auch weiter entfernt liegende ländliche Räume weisen                                          ordnung, Stadtentwicklung,
Potenziale auf, die sie in Stadt-Land-Partnerschaften einbringen                                          Wohnen, Öffentliches Baurecht
können. Die Raumordnungspolitik des Bundes und der Länder ent-                                            im Bundesministerium für
wickelte hierfür in den 2006 von der Ministerkonferenz für Raumord-                                       Verkehr, Bau und Stadtentwick-
nung verabschiedeten Leitbildern der Raumentwicklung den Ansatz                                           lung (BMVBS), Berlin
der »Großräumigen Verantwortungsgemeinschaft« als eine Strategie,
Perspektiven für die Orts- und Regionalentwicklung                                                                                    13

Integriertes Handeln: IMAG »Ländliche Räume« und
Modellvorhaben »LandZukunft«

                                     Autor: Dr. Theodor Seegers

                                           Vorrangiges Ziel der Bundesregierung ist es, die ländlichen Räume unter Berück-
                                     sichtigung ihrer unterschiedlichen Entwicklungspotenziale als eigenständige Lebens- und
                                     Wirtschaftsräume zu stärken, nachhaltig zu gestalten, zukunftsfähig zu machen und ihre
                                     Attraktivität zu erhalten. Sie sollen zu vitalen, multifunktionalen, wettbewerbsfähigen
                                     und lebenswerten Räumen weiterentwickelt werden. Dabei ist das Bundesministerium für
                                     Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz bemüht, mit entsprechenden Maßnah-
                                     men und Projekten die ökonomischen, sozialen und ökologischen Aspekte mehr als bisher
                                     auf die spezifischen regionalen Erfordernisse zu konzentrieren und die Eigenverantwor-
                                     tung der Regionen für ihre Entwicklung zu stärken. Dies ist ein wichtiger Beitrag zum
                                     Erhalt gleichwertiger Lebensverhältnisse in Deutschland.

IMAG »Ländliche Räume«                                                    Stärkung der Wirtschaftskraft und Aktivierung des wirtschaft-
                                                                          lichen Potenzials
      Die von der Bundesregierung eingesetzte interministerielle          Sicherung und Schaffung neuer Arbeitsplätze
Arbeitsgruppe »Ländliche Räume« (IMAG »Ländliche Räume«) hat              Standortverbesserung durch integriertes Vorgehen zur
im April 2009 ein Handlungskonzept der Bundesregierung zur Wei-              Sicherung der Fachkräftebasis
terentwicklung der ländlichen Räume vorgelegt. Das Bundeskabinett            Sicherung der kommunalen Handlungsspielräume
hat den Auftrag erteilt, die relevanten Politikbereiche besser zu ko-        Anpassung der verkehrlichen Infrastruktur und der
ordinieren und die im Handlungskonzept aufgeführten Vorschläge               Daseinsvorsorge
umzusetzen. Diese Vorgaben werden mit dem »Aktionsplan der Bun-           Etablierung und Ausbau regionaler Wertschöpfungsketten
desregierung zur Entwicklung ländlicher Räume« im Sinne eines in-         Stärkung der regionalen Kooperation
tegrativen Politikansatzes erfüllt. In Anlehnung an das Handlungs-
konzept werden die drei nachfolgenden, thematisch übergeordneten           Die Maßnahmenpalette umfasst z. B. Projekte zur Fachkräftesi-
Handlungsfelder definiert:                                              cherung, zum kommunalen Bildungsmanagement, zur Anpassung/
                                                                        Abstimmung der Gemeinschaftsaufgaben GRW und GAK und auch das
1 Wirtschaft und Arbeit,                                                unten beschriebene Modellvorhaben LandZukunft des BMELV.
2 Daseinsvorsorge und ländliche Infrastrukturen,
3 Natur und Umwelt.                                                     2 Daseinsvorsorge und ländliche Infrastrukturen
                                                                        Diesem Handlungsfeld sind im Wesentlichen die folgenden Ziele zu-
   Die aufgeführten Maßnahmen sind Handlungsschwerpunkte für            zuordnen:
die Entwicklung ländlicher Räume der jeweiligen Bundesressorts und
werden im Aktionsplan zusammengeführt, aufeinander abgestimmt,            Prüfung neuer Ansätze der Versorgung (u. a. regionalisierte Be-
regelmäßig bewertet und fortgeschrieben.                                  darfsplanung, Gemeindeschwestern, Telemedizin) auf ihre Eig-
                                                                          nung speziell für die Situation in peripheren ländlichen Räumen
1 Wirtschaft und Arbeit                                                   Nachhaltige Absicherung von Mobilität durch eine hinreichende
Die in diesem Handlungsfeld zusammengeführten Maßnahmen die-              Verkehrsinfrastruktur und ein bedarfsorientiertes Verkehrsange-
nen der Erreichung nachfolgender Ziele:                                   bot des ÖPNV ergänzt durch alternative Angebote zum Indivi-
                                                                          dualverkehr per Pkw
Sie können auch lesen