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INFO                        01/2012

EIN KOMPASS IN
BEWEGTEN ZEITEN
Kompetenzvermittlung
in der Akademie für
Soziale Demokratie  3

VORDENKEN
Lust auf Vielfalt - Mut
zur Integration         9

MITWIRKEN
Analyse: Die Politik
versagt in der Krise   17

TEILHABEN
Holocaustgedenken
in der „dritten
Generation“            30

VERNETZEN
Szenarien für die
Eurozone 2020          37
INFO - Bibliothek der Friedrich-Ebert-Stiftung
2     DEZEMBER 2011 – JANUAR – FEBRUAR – MÄRZ 2012

           Inhalt
                    FES-INFO 1/2012                                                                  TEXT­BEI­TRÄ­GE
                                                                                                     IN DIE­SER AUS­GA­BE

                                                                                                     Joanna Andrychowicz, Jacob Birkenhäger,
                                                                                                     Bautista M. Brieger, Matthes Buhbe, Agata
                                                                                                     Chroboczek, Jochen Dahm, Oliver Dalichau,
                    SCHWERPUNKT                                                                      Anja Dargatz, Michael Dauderstädt, Knut
                    Ein Kompass in bewegten Zeiten:                                                  Dethlefsen, Sina Dürrenfeldt, Matthias Eisel,
                                                                                                     Enrico Günther, Martin Graefe, Rainer Gries,
                    Kompetenzvermittlung in der
                                                                                                     Björn Hacker, Felix Hett, Tina Hennecken,
                    Akademie für Soziale Demokratie......................................3           Silke Hillesheim, Johannes Hohaus, Kathrein
                    Orientierungshilfen:                                                             Hölscher, Daniela Iller, Susan Javad, Friederike
                    Themenmodule der Akademie...........................................4            Kamm, Türkan Karakurt, Christos Katsioulis,
                                                                                                     Ursula Koch-Laugwitz, Helene Kortländer,
                    Erfahrungsaustausch:                                                             Alberto Koschützke, Peer-Daniel Krause,
                    Arbeitsformen der Akademie.............................................5         Christian Krell, Sebastian Kreth, Volker
                                                                                                     Lehmann, Anette Lohmann, Thomas Mättig,
                    GESELLSCHAFTLICHES ENGAGEMENT /                                                  Anja Minnaert, Kerstin Ott, Paul Pasch,
                    SOZIALE DEMOKRATIE                                                               Tobias Paul, Tim O. Petschulat, Christoph
                    Lust auf Vielfalt:                                                               Pohlmann, Johannes Platz, Franziska Richter,
                                                                                                     Stefanie Ricken, Patrick Rüther, Markus
                    Klaus Wowereit wirbt für Integration.................................9           Schreyer, Günter Schultze, Bastian Schulz,
                    Kinderrechte auf dem Vormarsch:                                                  Raphaela Schwaiger, Bastian Sendhardt,
                    Neue Gesetzesgrundlage in der Diskussion.......................11                Jürgen Stetten, Axel Striebeck, Stephan
                                                                                                     Thalhofer, Urban Überschär, Sidonie Wetzig,
                    Gefangen im Netz?: Das Internet im polnischen
                                                                                                     Nicole Zeuner, Harald Zintl
                    Parlamentswahlkampf 2011.............................................13
                    Politik versagt in der Krise:
                    Analyse der Anpassungsprogramme................................17
                    Binnennachfrage stärken:
                    Kocheler Kreis tagt im Zeichen der Eurokrise....................18
                    Konsolidierung, Eurobonds
                    und Wachstum................................................................18
                    Arbeitnehmer zahlen die Zeche:
                    Gewerkschaftsarbeit in Griechenland...............................24
                    Dramatisches Problem der nahen Zukunft:
                    Europaweites Projekt zu Wegen aus der
                    Jugendarbeitslosigkeit......................................................25   IMPRESSUM
                    Das norwegische Modell:                                                          He­raus­ge­ber:
                    Vorbild für eine europäische Gender-Quote?....................29                 Fried­rich-Ebert-Stif­tung
                                                                                                     Kom­mu­ni­ka­ti­on und Grund­satz­fra­gen
                    INTEGRATION, BILDUNG, KULTUR                                                     Go­des­ber­ger Al­lee 149
                    Gratwanderungen:                                                                 D-53175 Bonn
                                                                                                     Te­le­fon: 0228/883–0
                    Holocaustgedenken in der „dritten Generation“..............30
                                                                                                     In­ter­net: www.fes.de
                    Grundwerte im digitalen Raum:                                                    E-Mail: pres­se@fes.de
                    Aktuelle netzpolitische Fragen erörtert.............................33
                                                                                                     Re­dak­ti­on: Pe­ter Do­nais­ki,
                    Das Wichtigste ist die Bildung:
                                                                                                     Pres­se­stel­le Ber­lin
                    Tunesische Studentinnen in Deutschland..........................35               Hi­ro­shi­ma­stra­ße 17, D-10785 Ber­lin
                                                                                                     Te­le­fon: 030/269 35–7038
                    EUROPA UND DIE WELT                                                              Te­le­fax: 030/269 35–9244
                    Szenarien für die Eurozone 2020 ....................................37           E-Mail: pe­ter.do­nais­ki@fes.de
                    Quo vadis, Bosnien?.........................................................40
                                                                                                     Satz, Lay­out, Herstellung:
                    Myanmar:                                                                         Pub­lix, H. Eschen­bach, Ber­lin
                    Land im Umbruch............................................................41    Druck: Saarländische Druckerei &
                    Nordkorea:                                                                       Verlag GmbH, Saarwellingen
                                                                                                     Titelseite und Bild auf Seite 3 unter
                    Impulse für Sechsparteiengespräche.................................42            Verwendung von Bildmaterial des AdsD
                    Nach der Sonne greifen:                                                          sowie von fotolia.com
                    Energiewende im Mittleren Osten und Nordafrika............44
                                                                                                     Ti­telgestaltung / Montage:
                    Das FES-Büro Singapur für regionale
                                                                                                     Wolfgang Rabe, Berlin
                    Zusammenarbeit in Asien.................................................48
                                                                                                     Prin­ted in Ger­ma­ny, Mai 2012
                    PUBLIKATIONEN                                                                    Ge­druckt auf 90 g matt ge­stri­chen
                    Neue Publikationen der FES..............................................53       ISSN 0942-1351ISSN 0942-1351

FES   I N F O       1 / 2 0 1 2
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SCHWERPUNKT     3

DIE AKADEMIE DER
SOZIALEN DEMOKRATIE

EIN KOMPASS IN BEWEGTEN ZEITEN                                                                                                            Einleitung zum
                                                                                                                                          Schwerpunktthema
KOMPETENZVERMITTLUNG IN DER AKADEMIE FÜR SOZIALE
D E M O K R AT I E ( A S D )
Im März 2007 fand das erste Seminar der Akade-      auseinanderzusetzen und sich erfolgreich in sie
mie für Soziale Demokratie statt. Damit startete    einzubringen.
in der Abteilung Politische Akademie ein neues,     Als Zielgruppe wurden Engagierte im politischen
bundesweit angebotenes Seminarprogramm mit          und betrieblichen Ehrenamt, Mittler der politi-
inhaltlich-programmatischer Ausrichtung. Die        schen Kommunikation und politische Führungs-
Friedrich-Ebert-Stiftung verfolgt mit dem Projekt   kräfte aller Ebenen definiert. Das Projekt soll
drei konkrete Ziele:                                also eine relativ große Bandbreite Interessierter
1. Eine theoretisch anspruchsvolle und              ansprechen, von der Betriebsrätin in einem Che-
    praxisorientierte Fundierung in Grund-          miekonzern über einen politisch engagierten
    fragen Sozialer Demokratie vermitteln.          Studenten bis hin zur Vorsitzenden der Landtags-
2. Die Identifikation mit den Grundwerten           fraktion einer Partei. Da Zeit bei der Zielgruppe
    Sozialer Demokratie erhöhen.                    der Akademie meist gering bemessen ist und da-
3. Die Motivation zu politischem                    her lange Anreisewege vermieden werden sollten,
    Handeln stärken.                                finden die Seminare an Wochenenden dezentral
                                                    im gesamten Bundesgebiet statt.
Zunächst geht es darum, grundlegende Orientie-
rung aus der Perspektive der Sozialen Demokratie    Welche Kompetenzen werden gebraucht?
zu vermitteln. Über diese Wertorientierung hi-      Um das Qualifizierungsprojekt nachfrageorien-
naus verweisen die Ziele aber auch auf zentrale     tiert gestalten zu können, wurden erste Skizzen zu
Anliegen politischer Bildung insgesamt, wie etwa    Inhalten und Konzepten aufgrund von systema-
die Entfaltung demokratischer Einstellungen         tischen Befragungen potenzieller Teilnehmerin-
und Gestaltungswünsche. Die Teilnehmerinnen         nen und Teilnehmer erarbeitet.
und Teilnehmer sollen durch die Bildungsan-         Werden die in der Befragung
gebote der ASD in ihrer Kompetenz unterstützt       deutlich gewordenen Anforde-
werden, sich kritisch mit politischen Prozessen     rungen der Teilnehmenden und

                                                                                                             1 / 2 0 1 2                      I N F O   FES
                                                                                    QR code generated on http://qrcode.littleidiot.be
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4     SCHWERPUNKT

                die Ziele der FES gemeinsam betrachtet, zeigt                  die gewonnene Orientierung ein Anreiz zu poli-
                sich, dass die in der ASD zu vermittelnden Kom-                tischem Engagement verstärkt bzw. das politische
                petenzen am ehesten als demokratische Orientie-                Handeln zielgerichteter und effektiver weiterent-
                rungs- und Handlungskompetenzen beschrieben                    wickelt werden.
                werden können. Folglich ermöglichen die Semi-
                nare den Teilnehmenden einerseits, die Idee der                Wie werden die Kompetenzen vermittelt?
                Sozialen Demokratie klar herauszuarbeiten, von                 Grundprinzip bei allen methodischen Überle-
                anderen politischen Strömungen zu unterschei-                  gungen ist der „Beutelsbacher Konsens“ (1977): Es
                den und einzelne Politiken vor diesem Hinter-                  gelten das „Überwältigungsverbot“, also die Ab-
                grund einzuordnen. Andererseits kann durch                     lehnung jedweder Indoktrination, die Akzeptanz

                ORIENTIERUNGSHILFEN
                THEMENMODULE DER AKADEMIE

                G R U N D L A G E N D E R S O Z I A L E N D E M O K R AT I E   S TA AT, B Ü R G E R G E S E L L S C H A F T U N D
                Libertäre Demokratie vs. Soziale Demokratie                    S O Z I A L E D E M O K R AT I E
                Menschenbild der Sozialen Demokratie                           Primat der Politik
                Bürgerliche, ökonomische, soziale und                          Solidarische vs. liberale Bürgergesellschaft
                kulturelle Menschenrechte                                      Verhältnis von Staat, Markt und
                Praxisbeispiele Sozialer Demokratie                            Bürgergesellschaft

                W I R T S C H A F T U N D S O Z I A L E D E M O K R AT I E     G L O B A L I S I E R U N G U N D S O Z I A L E D E M O K R AT I E
                Koordinierte vs. unkoordinierte Marktwirt-                     Ursachen und Auswirkungen
                schaften                                                       der Globalisierung
                Gerechte und dynamische Wirtschafts-                           Soziale und ökologische Gestaltung der
                ordnung                                                        globalisierten Welt
                Wachstum, Nachhaltigkeit und sozialer                          Chancen und Grenzen von Global Governance
                Ausgleich                                                      Universelle Durchsetzung der Grundrechte
                Politische Positionen zur Wirtschaftspolitik
                                                                               FRIEDEN, SICHERHEIT UND
                S O Z I A L S TA AT U N D S O Z I A L E D E M O K R AT I E     S O Z I A L E D E M O K R AT I E
                Sozialstaat und Demokratie                                     • Deutsche Außen- und Sicherheitspolitik im
                Gerechtigkeitsbegriffe                                           Rahmen von EU und UN
                Sozialstaaten im europäischen Vergleich                        • Universelle Geltung der Menschenrechte
                Reformen des Sozialstaates und Reformen                        • Interessen und Instrumente in der
                im Sozialstaat                                                   Außenpolitik

                E U R O PA U N D S O Z I A L E D E M O K R AT I E
                Europäische Entscheidungsprozesse
                Europäisches Wirtschafts- und Sozialmodell
                Europa als Chance und Herausforderung
                Sozialer Demokratie

                I N T E G R AT I O N U N D S O Z I A L E D E M O K R AT I E
                Grundlagen der Integrationspolitik
                Wechselseitige Anerkennung in der Praxis
                Soziale Demokratie und kultureller
                Pluralismus                                                    Vermittlungsformen der Themenmodule sind Semi-
                Gleichberechtigte Teilhabe und gemeinsame                      nare, Lesebücher, Hörbücher, Lehrfilme und Policy-
                Bürgerschaft                                                   Papers.

FES   I N F O   1 / 2 0 1 2
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SCHWERPUNKT    5

ERFAHRUNGSAUSTAUSCH
ARBEITSFORMEN DER AKADEMIE

G E S P R Ä C H S K R E I S J U N G E S O Z I A L E D E M O K R AT I E   Fragen von Werten in der Politik stattfinden. Im
Der Gesprächskreis junge Soziale Demokratie                              öffentlichen Teil richten sich die Kongresse an
bringt in einer Kooperation der Berliner Akade-                          ein breites politisch interessiertes Publikum. Im
miegespräche der FES und der ASD etwa 30 junge                           fachöffentlichen Teil kommen etwa 200 Spitzen-
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus                             kräfte aus Politik und Wissenschaft zusammen,
unterschiedlichen Disziplinen zusammen. Die                              um Zukunftsfragen der Sozialen Demokratie zu
Teilnehmenden zeichnen sich durch fachliche                              diskutieren.
Brillanz und Nähe zur Sozialen Demokratie aus.
Das gemeinsame Ziel sind Diskussions- und Be-                            I N T E R N AT I O N A L E A R B E I T
ratungspapiere und damit Beiträge zur program-                           Die Akademie für Soziale Demokratie ist auch ein
matischen Erneuerung der Sozialen Demokra-                               Ansprechpartner für programmatische Grund-
tie. Der Gesprächskreis tagt zweimal jährlich im                         satzfragen Sozialer Demokratie im In- und Aus-
Plenum und arbeitet unter dem Jahr in Projekt-                           land – sei es für Delegationen von Partnerinnen
teams.                                                                   und Partnern in Deutschland, in Form von Ex-

F O R E N S O Z I A L E R D E M O K R AT I E
Die Foren Sozialer Demokratie sind Abendveran-
staltungen. Gemeinsam mit ausgesuchten poli-
tischen und wissenschaftlichen Spitzenkräften
wird in den Foren Sozialer Demokratie im öffent-
lichen Gespräch und der Diskussion mit dem Pu-
blikum die programmatische Dimension Sozia-
ler Demokratie kritisch und konstruktiv erörtert.
So entwickeln die Foren Impulse und Maßstäbe
für politisches Handeln.

KONFERENZEN
Die Konferenzen der ASD dienen der Entwick-
lung des Curriculums, der Politikberatung und
der Qualifizierung der Trainerinnen und Trainer
der ASD. Sie werden ein- bis zweimal pro Jahr
mit ca. 50 Personen in einem dreitätigen Format
durchgeführt. Teilnehmerinnen und Teilnehmer
sind Trainerinnen und Trainer, Wissenschaft-
lerinnen und Wissenschaftler sowie politische
Nachwuchs- und Führungskräfte.                                           perteneinsätzen im Ausland oder bei der Bera-
                                                                         tung ähnlicher Projekte der FES-Auslandsbüros.
KONGRESSE                                                                In diesem Rahmen sind auf Initiative verschie-
In 2011 wurde in Kooperation der Berliner                                dener Auslandsbüros auch eine Vielzahl Über-
Akademiegespräche der FES und der ASD der                                setzungen der Lesebücher entstanden. In bisher
Kongress „Demokratie in Deutschland“ durch-                              15 Sprachen liegen Übersetzungen von Lesebü-
geführt. Im Herbst 2012 wird ein Kongress zu                             chern vor oder sind in Arbeit.

kontroverser Inhalte („was in Wissenschaft und                           Darüber hinaus sind die Überlegungen zum me-
Politik umstritten ist, muss auch beim Lernen als                        thodischen Arrangement der ASD von unter-
kontrovers dargestellt werden“) und das Prinzip                          schiedlichen Herausforderungen geprägt, wie
der selbstständigen Interessenerkenntnis und                             z.B. heterogenen Teilnehmerstrukturen, die auf
-vertretung der Teilnehmenden im Lernprozess.                            den breiten Zielgruppenanspruch zurückzufüh-

                                                                                                                  1 / 2 0 1 2    I N F O   FES
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6     SCHWERPUNKT

                ren sind, breite Themenfelder, ein eng bemes-        Präsentation und Diskussion, Simulations- und
                sener zeitlicher Rahmen, sowie der Anspruch, in      Planspiele oder Partnerarbeiten.
                nur einem Seminar Theorie und Praxis zu vermit-
                teln. Um diesen Herausforderungen Rechnung           Wer macht das?
                zu tragen, muss ein komplexer Methodenmix            Dem Anspruch, Soziale Demokratie in Theorie
                entwickelt werden. Erfahrungsaustausch, theore-      und Praxis teilnehmerorientiert zu vermitteln,
                tische Inputs, Diskussion und die Erarbeitung ge-    wird im Seminardesign auch personell Rechnung
                meinsamer Standpunkte müssen methodisch so           getragen. Die Seminarleiterinnen und Semi-
                miteinander verbunden werden, dass die Zielset-      narleiter der Akademie zeichnen sich einerseits
                zungen Sozialer Demokratie offen diskutiert wer-     durch herausragende fachliche und didaktische
                den können. Aus diesem Grund ist beispielsweise      Qualifikationen, andererseits durch praktische
                der stets sehr positiv bewertete wissenschaftliche   Erfahrungen mit Sozialer Demokratie aus. Ihnen
                                                                                                   kommt eine an-
                                                                                                   spruchsvolle Auf-
                                                                                                   gabe zu, da sie zu-
                                                                                                   nächst eine Exper-
                                                                                                   tenrolle    einneh-
                                                                                                   men, Fachwissen
                                                                                                   einbringen      und
                                                                                                   Expertise bereitstel-
                                                                                                   len, darüber hinaus
                                                                                                   aber auch Modera-
                                                                                                   toren sind, die das
                                                                                                   Lernen organisie-
                                                                                                   ren und Gruppen-
                                                                                                   prozesse gestalten.
                                                                                                   Zwei weitere Perso-
                                                                                                   nengruppen wir-
                                                                                                   ken lehrend in den
                                                                                                   Seminaren       mit.
                                                                                                   Wissenschaftlerin-
                                                                                                   nen und Wissen-
                                                                                                   schaftler – zusam-
                                                                                                   mengefasst        im
                                                                                                   „Wissenschaftlich-
                                                                                                   en Lehrkörper der
                                                                                                   Akademie“ – liefern
                                                                                                   am ersten Abend
                                                                                                   des Seminars ei-
                                                                                                   nen        Überblick
                                                                                                   zum Thema aus
                                                                                                   wissenschaftlicher
                                                                                                   Perspektive.     Am
                                                                                                   zweiten Abend sind
                                                                                                   politische     Prak-
                                                                                                   tiker    eingeladen.
                                                                                                   Politikerinnen und
                Fachvortrag immer Bestandteil der Seminare. We-      Politiker diskutieren mit den Teilnehmenden
                sentlich häufiger werden aber Methoden bemüht,       praxisorientierte Handlungsansätze. Während
                die weniger von Input geprägt sind, sondern          die Wissenschaftler demnach eine theoretische
                die Teilnehmenden aktiver beteiligen. Beispiele      Grundlegung leisten, stellen die Politiker prak-
                hierfür sind Arbeitsgruppen mit anschließender       tische Bezüge her und bieten Anknüpfungspunkte

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SCHWERPUNKT    7

zur Identitätsbildung. So leisten die Seminare        betonen hier insbesondere den Zugewinn an
auch eine Transmission zwischen Wissenschaft          Orientierungswissen („Ich weiß endlich wieder,
und Politik und politischem Alltagsverständnis.       wofür Soziale Demokratie steht“) und an Hand-
                                                      lungskompetenzen („Gute Argumentationsan-
Was bringt das?                                       sätze gewonnen“, „Habe wieder richtig Lust,
Die Frage, wie die Wirkung politischer Bildung        mich zu engagieren“).
gemessen werden kann, ist immer wieder Gegen-
stand kontroverser Debatten und kann auch hier        Wie geht es weiter?
nicht abschließend beantwortet werden. Den-           Nach einer Laufzeit von mehreren Jahren kann
noch ist es für ein junges Projekt entscheidend,      eine positive Zwischenbilanz gezogen werden. Ein
die Angebote kritisch zu überprüfen, zu hinter-       neues, werteorientiertes Bildungsangebot wird in
fragen und auf dieser Grundlage weiterzuentwi-        wachsendem Umfang nachgefragt und die Eva-
ckeln. Es gibt daher keine Maßnahme, kein Se-         luationsergebnisse sind ausgesprochen positiv.
minar und keine Publikation der ASD, die nicht        Zugleich zeigen sich aber auch verschiedene An-
evaluiert wird.                                       satzpunkte zur Weiterentwicklung des Projekts.
Nach der Durchführung jeder Maßnahme wer-             Neben der kontinuierlichen Aktualisierung der
den die Teilnehmenden gebeten, in Fragebögen          Seminarinhalte wurde der Ausbau ASD in drei Be-
Einzelaspekte des Seminars zu bewerten (z.B. Ort      reichen begonnen. So wurden zusätzlich zum rei-
und Zeit, fachliche Kompetenz der Seminarlei-         nen Seminarbetrieb andere Formate entwickelt,
tung), generelle Einschätzungen vorzunehmen           um weitere Zielgruppen zu erreichen. Verschie-
(z.B. „Wie beurteilen Sie die Veranstaltung insge-    dene Konferenzen sind etwa besonders auf poli-
samt?“) und Angaben zu ihrer Person zu machen.        tische Spitzenakteure und deren knappe Zeitres-
Diese quantitativen Daten sind zur Weiterent-         sourcen hin orientiert und dienen zugleich der
wicklung der Seminare wichtig. Über die Wir-          weiteren Qualifizierung der Seminarleiterinnen
kung des Projekts, also die Frage, ob die Orientie-   und Seminarleiter. Des Weiteren wurde mit dem
rungs- und Handlungskompetenzen tatsächlich           FES-Campus ein nur für Teilnehmende der Veran-
gewachsen sind, leisten diese statistischen Anga-     staltungen offener Onlinebereich geschaffen, in
ben aber nur eine sehr begrenzte Aussage.             dem Wissensangebote und Interaktionsmöglich-
Durch verschiedene Methoden werden daher              keiten die Präsenzveranstaltungen verstärken.
auch qualitative Daten erhoben, etwa durch of-        Und schließlich publiziert die ASD zu jedem Se-
fene Fragen in den Fragebögen, durch münd-            minarmodul Lese- und Hörbücher, in denen die
liches und schriftliches Feedback oder durch          wesentlichen Inhalte und Kontroversen der Semi-
Einzelgespräche. Auch hier ist ein kritisches Hin-    narthemen dargestellt und didaktisch aufbereitet
terfragen sinnvoll, schließlich sind subjektive       werden. Sie dienen der Vor- und Nachbereitung
Verzerrungen durch soziale Erwünschtheit oder         der Seminare, aber auch der eigenständigen An-
strategische Wahrheiten möglich. Dennoch er-          näherung an das jeweilige Thema.
lauben die Daten belastbarere Einschätzungen          (Erschienen in:
zur Wirkung der Seminare. Die Teilnehmenden           Praxis Politische Bildung, Heft 04/2008)

(K)EINE DEFINITION
Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität sind die drei Grundwerte der Sozialen Demokratie.
Freiheit bedeutet, selbstbestimmt zu leben. Wirklich Freiheit ist dann erreicht, wenn auch die öko-
nomischen und sozialen Voraussetzungen zum Gebrauch der Freiheit geschaffen sind. Gerechtig-
keit beschreibt immer eine relative Dimension zur Verteilung von materiellen oder immateriellen
Gütern. Sie gründet in der gleichen Würde aller Menschen und verlangt nicht nur Gleichheit vor
dem Gesetz, sondern auch ein Mindestmaß an materieller Gleichheit, unabhängig vom familiären
Hintergrund, von sozialer Herkunft, von Vermögen oder Geschlecht. Solidarität ist die Bereitschaft
der Menschen, füreinander einzustehen und sich gegenseitig zu helfen.
Entscheidend für das Verständnis Sozialer Demokratie ist das Verhältnis der Grundwerte zueinan-
der. Sie sind gleichrangig, sie bedingen sich und sie stützen sich wechselseitig. Aber sie begrenzen

                                                                                         1 / 2 0 1 2      I N F O   FES
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8     SCHWERPUNKT

                sich auch. Das unterscheidet die Soziale Demokratie von anderen politischen Strömungen, die sich
                z. T. auf die gleichen oder auf ähnliche Grundwerte beziehen. Liberale etwa würden den Wert der
                Freiheit viel stärker gewichten als Gerechtigkeit und Solidarität. Soziale Demokratie betont, dass die
                drei Grundwerte nicht gegeneinander abgewogen werden können, sondern wechselseitig Voraus-
                setzung füreinander sind. Gerechtigkeit und Solidarität sind so wichtige Voraussetzungen zur Ver-
                wirklichung von Freiheit. Auch kann ein Grundwert nicht für sich alleine stehen. Solidarität kann
                es sicherlich auch in einer rechtsextremen Kameradschaft geben. Erst im Verbund mit den anderen
                Grundwerten kann Solidarität im Sinne Sozialer Demokratie wirken.

                Einflussreiche Theoretiker wie Hermann Heller, Thomas Marshall oder Thomas Meyer beschreiben
                Soziale Demokratie als Verhältnis von Grundrechten, die jedem und jeder gleichermaßen zustehen.
                Grundrechte können unterschieden werden in sogenannte negative und positive Freiheitsrechte. Ne-
                gative Freiheitsrechte sind abwehrende Rechte, die den/die Einzelne/n vor willkürlichen Eingriffen
                der Gesellschaft oder des Staates schützen. Dabei geht es zum Beispiel um das Recht auf persönliche
                Freiheit und Sicherheit. Wenn der Staat die freie Meinungsäußerung oder die freie Wahl einschrän-
                ken will, schützen die negativen Freiheitsrechte davor. Positive Freiheitsrechte sind demgegenüber
                ermöglichende Rechte. Sie sollen dem/der Einzelnen ermöglichen, seine/ihre Freiheitsrechte aktiv
                auszuüben. Dazu gehören zum Beispiel das Recht auf Arbeit, auf freie Bildung und soziale Sicherheit.
                Die positiven Freiheitsrechte sind Voraussetzung für die Nutzung der negativen Freiheitsrechte. Ein
                Beispiel: Wer nicht über ein Mindestmaß an Bildung verfügt, wird seine Recht auf freie Meinungs-
                äußerung nicht in gleichem Maße ausüben können wie etwa eine hochgebildete und eloquente
                Akademikerin. Deshalb betont die Soziale Demokratie, dass positive und negative Freiheitsrechte
                gleichrangig sind. Wiederum ist der Blick auf andere politische Strömungen hilfreich: Teile des Li-
                beralismus würden betonen, dass negative Freiheitsrechte absoluten Vorrang vor positiven Freiheits-
                rechten haben müssen, da positive Freiheitsrechte die negativen Freiheitsrechte einschränken kön-
                nen. Aus Sicht Sozialer Demokratie sind die positiven Freiheitsrechte aber ganz entscheidend für die
                gleichberechtigte Ausübung der negativen Freiheitsrechte. Nur wenn die ermöglichenden, positiven
                Freiheitsrechte verwirklicht sind, wird auch jeder und jede in der Lage sein, seine negativen Frei-
                heitsrechte tatsächlich auszuüben. Soziale Demokratie ist demnach die weltweite Verwirklichung
                positiver und negativer Freiheitsrechte.

                Für die praktische Politik ergeben sich aus den drei Grundwerten und der Idee gleicher Grundrechte
                sehr konkrete Aufgaben. Eine Politik, die sich an diesen Werten orientiert, wird etwa eine ausrei-
                chende materielle Mindestsicherung für jede und jeden anstreben, ebenso wie freie Bildung und Aus-
                bildung, eine angemessene Gesundheitsvorsorge, die Gleichstellung der Geschlechter oder eine voll
                entwickelte Demokratie mit funktionierender Öffentlichkeit. In unterschiedlichen Ländern sind
                diese konkreten Politiken Sozialer Demokratie unterschiedlich verwirklicht, so dass im internatio-
                nalen Vergleich durchaus eine Rangfolge Sozialer Demokratie beschrieben werden kann. Die skan-
                dinavischen Staaten mit ihren umfassenden Sozialsystemen, ihren von der sozialen Herkunft relativ
                unabhängigen Bildungschancen und gut funktionierenden Demokratien können in diesem Ver-
                gleich in hohem Maße als Soziale Demokratien charakterisiert werden. Die Vereinigten Staaten von
                Amerika können demgegenüber kaum als Soziale Demokratie beschrieben werden. Dort werden die
                negativen Freiheitsrechte weit höher bewertet als die positiven Freiheitsrechte mit entsprechenden
                Konsequenzen für die politische Praxis: Schwach ausgeprägter Sozialstaat mit hohen Armutsquoten,
                hohe Ungleichheit, starker Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom sozialen Hintergrund und einer
                zunehmend fragmentierten und polarisierten Öffentlichkeit (Stichwort: Fox-News), die die demo-
                kratische Willensbildung deutlich erschwert.
                Es zeigt sich, dass unterschiedliche politische Wertvorstellungen und Leitideen das Leben einzelner
                Menschen in hohem Maß beeinflussen. Umso wichtiger ist es, die eigenen Wertvorstellungen immer
                wieder zu überprüfen und sich ihrer zu vergewissern. Die Idee Sozialer Demokratie lebt davon, dass
                sich immer wieder Menschen mit ihr auseinandersetzen, sie weiterentwickeln und andere dafür be-
                geistern.

FES   I N F O   1 / 2 0 1 2
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GESELLSCHAFTLICHES ENGAGEMENT / SOZIALE DEMOKRATIE                         9

GESELLSCHAFTLICHES ENGAGE-
MENT / SOZIALE DEMOKRATIE
V O R D E N K E N

LUST AUF VIELFALT                                                                                      Buchvorstellung

K L A U S W O W E R E I T W I R B T F Ü R I N T E G R AT I O N
„Mut zur Integration. Für ein neues Miteinan-        Deutschland neofeudal.“ Die beiden Autoren
der“ – zu der Vorstellung von Klaus Wowereits        waren sich darüber einig, dass Wahrnehmungs-
Buch waren 600 Gäste in die Friedrich-Ebert-         muster, die eine Spaltung in „Wir“ und „die
Stiftung in Berlin gekommen. Das Buch behan-         Anderen“ erlauben, Grundlage für Rassismus
delt das zentrale Thema des Zusammenlebens in        und Ausgrenzung sind. Terkessidis argumen-
deutschen Städten und Gemeinden. Die Kom-            tiert, dass Veränderungen nicht Korrekturen
mune ist für Berlins Regierenden Bürgermeister       des Regelbetriebs sein dürften, vielmehr müsse
der Ort der Integration. Das gilt in ganz beson-     der Regelbetrieb selbst verändert werden. Orga-
derem Maße auch für Berlin: Integration ist eine     nisationsstrukturen müssten verändert werden
Gemeinschaftsaufgabe, der es sich voller Lust        und so zu einem progressiven Gesellschaftsbild
auf Vielfalt zu widmen gilt. Und dazu ruft Wo-       führen. Wowereit möchte eine defizitorientierte
wereit in seinen Buch auf: „Wenn wir den gesell-     Debatte gerne durch eine Debatte über gemein-
schaftlichen Zusammenhalt wollen, dann müs-          same Ziele ersetzen; „Wir müssen uns endlich
sen wir eine Gesellschaft werden wollen. Das gilt    als das begreifen, was wir sind – ein Volk.“
für alle Beteiligten.“
Sozialer Aufstieg für alle, ist Leitmotiv
Wowereits. Zugänge zu ermöglichen, Her-
kunft und Zukunftsaussichten zu entkop-
peln, dafür tritt er ein. Das dies noch nicht
immer gelingt, und dass die Herkunft über
den gesellschaftlichen Aufstieg noch stark
mitentscheidet, daran erinnerte Mark Ter-
                                                                                                       Integration ist eine
kessidis, Autor des Buches „Interkultur“,
                                                                                                       Gemeinschaftsauf-
der an dem Abend mit Wowereit diskutier-                                                               gabe: Klaus Wowe-
te: „In der Struktur der Bildung hat sich                                                              reit bei der Vorstel-
                                                                                                       lung seines Buches
sehr wenig verändert, hier funktioniert                                                                (Foto: Himsel)

                                                                                        1 / 2 0 1 2          I N F O           FES
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10      GESELLSCHAFTLICHES ENGAGEMENT / SOZIALE DEMOKRATIE

      Fachtagung und
          Workshops    ZU WENIG AUFKLÄRUNG
                       B Ü N D N I S PA R T N E R G E G E N R E C H T S G E S U C H T

                       Regelmäßige Aufmärsche von Rechtsextre-              Auch den Schulen kommt bei der Bekämpfung
                       misten, gewalttätige Ausschreitungen, gezielte       von Rechtsextremismus eine wichtige Aufgabe
                       Regelverletzungen und die psychische und phy-        zu. Am 20. März veranstalteten das FES-Forum
                       sische Verfolgung Andersdenkender gehören            Politik und Gesellschaft und „Schule ohne Ras-
                       mittlerweile zum Alltag in Teilen des Ruhrgebiets    sismus – Schule mit Courage“ in Berlin, einen
                       und anderen Regionen in Nordrhein-Westfalen.         Projekttag für Schülerinnen und Schüler.
                       Die Bestandsaufnahme und eine Diskussion             In einem der sieben Workshops wurde beklagt,
                       über konkrete Gegenmaßnahmen, waren die In-          dass in den Medien das Thema Rechtsextremis-
                       halte einer Fachtagung der FES, die am 23. und       mus häufig erst dann behandelt würde, wenn es
                       24. Februar im westfälischen Lüdenscheid statt-      zu einem Verbrechen gekommen sei. Über den
                       fand. Insbesondere Mitglieder des nordrhein-         alltäglichen Rassismus in der Gesellschaft werde
                       westfälischen Landtags, darunter die Wissen-         leider nicht so ausführlich berichtet. Wolfgang
                       schaftsministerin Svenja Schulze, berieten mit       Thierse, MdB und Vizepräsident des Deutschen
                       wissenschaftlichen Experten über Strategien zur      Bundestages, hatte schon in seiner Einführung
                       Bekämpfung des Rechtsradikalismus und der Si-        darauf hingewiesen, dass es in der Bevölkerung
                       cherung demokratischer Grundwerte.                   einen nicht geringen Prozentsatz von fremden-
                       Vorgeschlagen wurde eine parteiübergreifende         feindlichen und antisemitischen Einstellungen
                       Initiative auf parlamentarischer Ebene wie auch      gebe. In einer anderen Arbeitsgruppe drehte sich
                       eine bessere Vernetzung der verschiedenen po-        die Diskussion um rechtsextreme Symbole und
                       litischen Institutionen und Organisationen der       deren Verwendung. Von der Bedeutung einiger
                       Zivilgesellschaft. Zusätzlich wurde auch über        Codes und Kleidermarken habe er zuvor noch
                       neue Bündnispartner wie zum Beispiel Sportver-       gar nichts gewusst, bekannte ein Schüler.
                       eine nachgedacht.

      Online-Angebot
                       SAG WAS!
                       D A S D E B AT T E N P O R TA L D E R F E S G A N Z V O R N
                       Politische Bildung in den sozialen Netzen?           Stiftung. Es setzt auf interaktive Nutzung, bietet
                       Eine Internet-Plattform für politische Debatten      Bewegtbilder und bringt sogar Antworten aus der
                       macht es möglich: themenoffen, den Werten            Politik.
                       und Zielen der FES verpflichtet, lebendig und ak-    Vom NPD-Verbot über die Situation in Russland
                       tuell, und präsent auf Social-Media-Plattformen      bis zur Frage nachhaltiger Ernährung – verschie-
                       wie facebook. Sagwas.net – das im Oktober 2011       denste Themen werden zur Debatte gestellt. Dazu
                       gegründete Debattenportal der Friedrich-Ebert-       kommen regelmäßige Beiträge von Bloggern, die
                       Stiftung erfreut sich einer stetig wachsenden        für SagWas schreiben. Und: User können selbst
                       User-Gemeinde. Und seit Ende Januar auch der         Beiträge einstellen. Eine Debattenschule gehört
                       Wertschätzung der Initiative „Land der Ideen“        zu den Angeboten, und das jüngste Vorhaben ist
                       als einer der Preisträger 2012!                      ein Schulprojekt mit Online-Debatten auf Sag-
                       Anfang 2011 entstand die Idee zu einem Experi-       was.net, um das Portal für den Politikunterricht
                       ment, dessen Grundfragen lauteten: Wie schaf-        nutzbar zu gestalten.
                       fen wir es, politische Bildungsangebote im Netz      INTERNET
                       zu platzieren? Wie erschließen wir uns die User      www.sagwas.net
                       des Internets? Wie befördern wir gleichzeitig
                       auch eine neue Streitkultur? Und können wir
                       im Netz diejenigen zum Mitreden bewegen, die
                       sonst nicht so oft oder gar nicht zu unseren zahl-
                       reichen Veranstaltungen kommen? Das Portal
                       ist das erste Debattenportal einer politischen                           eine neue Streitkultur!

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GESELLSCHAFTLICHES ENGAGEMENT / SOZIALE DEMOKRATIE                           11

KINDERRECHTE AUF DEM VORMARSCH                                                                           Fachkonferenz

NEUE GESETZESGRUNDLAGE IN DER DISKUSSION

Recht haben und Recht bekommen sind bekannt-         Menschenrechte und humanitäre Hilfe der SPD-
lich häufig zwei ganz verschiedene Dinge. In Hin-    Fraktion, Christoph Strässer, der darauf hinwies,
blick auf die Kinderrechte ist im Dezember 2011      dass Deutschland das Zusatzprotokoll zwar be-
auf internationaler Ebene ein wichtiger Schritt      reits gezeichnet habe, nun aber auch rasch in den
getan worden, um sicherzustellen, dass Kinder        Ratifizierungsprozess eintreten müsse. Nach dem
auch tatsächlich zu ihren Rechten kommen. Wie        musikalischen Intermezzo des GRIPS-Theaters,
andere Menschenrechtsverträge auch, wurde die        das die rund 120 Konferenzteilnehmenden mit
UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK) um ein            „Trau Dich!“ aus dem Mittagstief schüttelte, dis-
Zusatzprotokoll ergänzt, das eine Individualbe-      kutierte das fachlich versierte und junge Publi-
schwerde bei der Verletzung der Kinderrechte         kum am Nachmittag in drei Arbeitsgruppen mit
urch einen Staat – nach Ausschöpfung des natio-      Expertinnen und Experten die Relevanz der UN-
nalen Rechtswegs – möglich macht.                    KRK, insbesondere die Frage, wie sich das Wissen
Bei der Fachkonferenz „Rechte haben – Recht          über die Inhalte der UN-KRK in die breite Öffent-
bekommen! Das Individualbeschwerdeverfah-            lichkeit tragen lässt.
ren zur UN-Kinderrechtskonvention“ wurde             Die Bundestagsabgeordnete Marlene Rupprecht,
diese rechtliche Neuerung am 23. März mit            Mitglied in der Kinderkommission des Deut-
einem hochmoti-
vierten Experten-
publikum disku-
tiert. Die von FES,
Kinder not hilfe
(KNH) sowie der
National Coali-
tion zur Umset-
zung der UN-KRK
in Deutschland                                                                                           Spaß muss sein: Das
organisierte                                                                                             Gripstheater leistet
                                                                                                         einen musikalischen
Ve r a n s t a l t u n g
                                                                                                         Beitrag zur Konfe-
zeichnete           den                                                                                  renz. (Foto: Schicke)
langen, steinigen
Verhandlungsweg nach, der gegangen werden            schen Bundestags brachte dann viel persönliches
musste, um das Zusatzprotokoll auf den Weg           Engagement in die Diskussion und bekräftigte
zu bringen. Hier konnte die Konferenz von den        auch in Hinblick auf die Frage, ob Kinderrechte
Einblicken der stellvertretenden Referatsleite-      ins Grundgesetz aufgenommen werden sollten:
rin Menschrechte im Auswärtigen Amt, Anke            „Seit Jahrzehnten engagiere ich mich für die Kin-
Konrad, profitieren, die für Deutschland die Ver-    derrechte, ich möchte nicht bis zu meinem sieb-
handlungen geführt hatte. Ergänzt wurde ihr          zigsten Geburtstag darauf warten müssen, dass
Beitrag von einem Kommentar des Sprechers für        nun endlich etwas passiert!“

ONLINEAKADEMIE ZUR NACHHALTIGKEIT
Grundlegende und vertiefende Texte zum Selbststudium greifen in einem neuen Themenmodul der
FES OnlineAkademie den Begriff der Nachhaltigkeit auf und stellen ihn in Beziehung zu den Gestal-
tungsanforderungen an Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Glossar, Linkliste und Lehrmaterialien
vervollständigen das Angebot. Die Startphase wird von einem Blog begleitet, dessen Autor alle zwei
Wochen zur Onlinediskussion einlädt.
www.fes-online-akademie.de

                                                                                         1 / 2 0 1 2          I N F O            FES
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  Fortschrittsforum
                            WÜNSCH DIR WAS
                            ZUKUNFTSVISIONEN VON JUGENDLICHEN

                            Wie wollen wir leben? Rund 180 Berliner Schü-          Gruppen ging es um Toleranz. „Wertschätzung
                            ler/innen stellten sich am 7. März dieser Frage.       sollte ganz selbstverständlich allen Menschen
                            Im Rahmen des Fortschrittsforums hatten die            unabhängig von ihrer sozialen Herkunft oder
                            Friedrich-Ebert-Stiftung, die Hans-Böckler-Stif-       Nationalität entgegen gebracht werden“, so das
                            tung und die Otto-Brenner-Stiftung gemeinsam           Fazit einer Teilnehmerin.
                            eingeladen, um in Erfahrung zu bringen, wie            In einer anderen Gruppe wurden mehr Chan-
                            sich junge Menschen zwischen 15 und 20 Jahren          cengleichheit in der Gesellschaft und ein bes-
                            das Zusammenleben in der Zukunft vorstellen.           seres Bildungssystem angemahnt. Mit der Un-
                            Welche Werte sind ihnen wichtig? Welchen Stel-         gleichheit zwischen Arm und Reich setzten sich
                            lenwert haben Familie, Freunde und Beruf?              weitere Schüler/innen auseinander. Soziale Un-
                            Gleich zu Beginn der Veranstaltung notierten           terschiede werde es zwar immer geben, aber zu-
                            viele ihre ganz persönlichen Zukunftsvisionen          mindest sollten die Ärmeren mehr Chancen auf
                            auf Moderationskarten. „Freiheit“ ist häufig zu        gesellschaftliche Teilhabe und Aufstieg haben als
                            lesen, aber auch „Frieden“ oder „weniger Ar-           bisher, so der Wunsch eines Teilnehmers.
                            mut“. In einer der anschließenden Workshop-

       Expertenrunde
                            WORTE HABEN FOLGEN
                            EINE LEHRE DES 20. JAHRHUNDERTS
                            Die Meinungsfreiheit gehört zu den Grundpfei-          Gebert. Der liberale Publizist und Leiter des Euro-
                            lern, auf denen jedes demokratische Staatswesen        pean Council of Foreign Relations in Warschau
                            ruht. Doch sie ist auch anfällig für Missbrauch.       erinnerte aber auch an das Vermächtnis von Bro-
                            Was tun, „wenn aus Worten Waffen werden“?              nislaw Geremek. „Worte haben Folgen“, sagte Ge-
                            Diese Frage versuchte eine Expertenrunde auf           bert und fügte hinzu: „Bronislaw Geremek hat der
                            Einladung des Warschauer Geremek-Zentrums              Freiheit der Rede stets die Verantwortung für das
                            und der Friedrich-Ebert-Stiftung zu beantworten.       gesprochene Wort hinzugestellt.“
                            Wie viel Meinungsfreiheit vertragen demokra-           Der französische Philosoph und Schriftsteller
                            tische Gesellschaften? Am 80. Geburtstag des           Jacques Dewitte führte die Zuhörer zunächst an
                            2008 verstorbenen polnischen Historikers, Frei-        den Ursprung des Menschseins zurück. „Wir sind
                            heitskämpfers und postkommunistischen Außen-           sprachliche Wesen“, sagte er und verwies auf die
                                                                                   „Magie der Wörter“. Sprache besitze schöpfe-
                                                                                   rische Kraft, könne aber auch vernichtende Wir-
                                                                                   kung haben. Jede Verfolgung beginne mit Verbal-
                                                                                   angriffen. Dies sei die Lehre des 20. Jahrhunderts
                                                                                   mit seinen Gewaltexzessen in Wort und Tat, so
                                                                                   der Philosoph.
                                                                                   „Hasssprache gibt es auch losgelöst vom Op-
                                                                                   fer“, erklärte die Psychologin Paula Sawicka und
                                                                                   Mitbegründerin des Vereins „Offene Republik“,
                                                                                   der sich den Kampf gegen Antisemitismus und
                                                                                   Fremdenhass auf die Fahnen geschrieben hat.
           Einmischen er-                                                          Polen sei das beste Beispiel für ein Land, in dem
      wünscht: Meinungs-
       freudiges Publikum
                                                                                   es zwar nur wenige Juden, aber dennoch einen
              in Warschau                                                          virulenten Antisemitismus gebe, stellte sie fest.
                            ministers Bronislaw Geremek konnte es kaum ein         „Wir haben lange für die Meinungsfreiheit ge-
                            würdigeres Thema geben als diese Frage. „Je mehr       kämpft. Wir haben sie schließlich erkämpft.
                            Freiheit des Wortes möglich ist, desto besser“, lau-   Nun müssen wir nur noch lernen, damit umzu-
                            tete die Eingangsthese von Moderator Konstanty         gehen“, sagte Sawicka.

FES      I N F O            1 / 2 0 1 2
GESELLSCHAFTLICHES ENGAGEMENT / SOZIALE DEMOKRATIE                    13

GEFANGEN IM NETZ?                                                                                            Studie

D A S I N T E R N E T I M P O L N I S C H E N PA R L A M E N T S W A H L K A M P F 2 0 1 1

Im Oktober 2011 wählte Polen ein neues Parla-          politischen Positionen nie beantwortet.
ment. Doch obwohl mittlerweile 65 Prozent der          Der Abgeordnete der polnischen Bauernpartei,
Jungwähler das Internet als ihre wichtigste Infor-     Janusz Piechociński, machte den Zuhörern hin-
mationsquelle bezeichnen, investierten die poli-       gegen wenig Hoffnung auf eine baldige Besse-
tischen Parteien und die einzelnen Kandidaten          rung dieses Zustandes: „Für einen durchschnitt-
wenig Zeit und Mühe in ihre Internetauftritte.         lich bekannten Politiker übertrifft der Aufwand
Wie eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung in        eines eigenen Internetauftrittes dessen konkreten
Polen und des Warschauer Instituts für Öffent-         Nutzen. Gerade in den ländlichen Regionen
liche Angelegenheiten belegt, besaß mehr als die       zählt weiterhin vor allem die persönliche Anspra-
Hälfte aller Kandidaten für Sejm und Senat nicht       che der Wähler“, so Piechociński. Diese Aussage
einmal eine eigene Internetseite. Doch selbst die      konnte auch Lisa Peyer vom Institut für Kommu-
wenigen existierenden Homepages hielten in der         nikation in sozialen Medien teilweise bestätigen.
Regel nur oberflächliche Informationen über den        Zwar besäßen mittlerweile zwei Drittel aller Euro-
Lebenslauf der betreffenden Politiker bereit. Stel-    päer einen Internetanschluss. Doch lediglich ein
lung zu inhaltlichen Themen bezog demgegenü-           Drittel nutze dieses Medium, um sich politisch zu
ber kaum ein Kandidat.                                 informieren. Noch viel niedriger seien die Zahlen
Unter dem Titel „Gefangen im Netz. Politiker           in Bezug auf eine wahrnehmbare Aktivierung.
und Wähler in der Welt des Internets“ luden die        Bislang deuten alle Studien darauf hin, dass Par-
Herausgeber des Berichts im Februar 2012 zur           teien selbst mit guten Onlineauftritten maximal
öffentlichen Diskussion der Ergebnisse ein. Im         die eigenen Anhänger mobilisieren können. Der
Rahmen einer Podiumsdiskussion tauschten sich          durchschnittliche User hingegen wolle lediglich
polnische und deutsche Politiker, Wissenschaft-        informiert, nicht aber aktiviert werden. Insofern
ler, Journalisten und Betreiber von Internetplatt-     nehme die Bedeutung des Internets als Informa-
formen über Defizite und Verbesserungsmöglich-         tionsquelle sicherlich zu. Ob es aber für die tra-
keiten des politischen Diskurses im Netz aus.          ditionellen Parteien ein zeitgemäßes Instrument
Teresa Bücker, die im neu eingerichteten News          zur Mobilisierung neuer Anhängergruppen dar-
Desk des Willy-Brandt-Hauses die Internet-             stellen kann, bleibe zumindest für den Moment
präsenz der SPD mitgestaltet, wies darauf hin,         offen.
dass sich die Parteien für eine effektive Online-
Kommunikation zunächst einmal an ein neues             SOZIALPOLITISCHES LESEBUCH                            Kurz notiert
Kommunikationsverhalten gewöhnen müssten:
„Zurzeit reagieren die etablierten Parteien noch       Zum zweiten Mal traf sich im März der „Arbeits-
weitgehend auf die netzpolitische Themenset-           kreis Sozialdemokratische Sozialpolitik“ in der
zung anderer Akteure, anstatt selbst die Agenda        FES in Warschau. Junge Wissenschaftler, Journa-
zu bestimmen.“ Róza Rzeplińska, die sich mit           listen, Gewerkschafter und Politiker entwerfen
ihrer Nichtregierungsorganisation Stowarzysze-         ein gemeinsames Konzept für eine sozialdemokra-
nie 61 für die Bereitstellung öffentlich relevanter    tische Sozialpolitik in Polen. Am Ende des Jahres
Informationen im Netz einsetzt, unterstrich zu-        soll ein sozialpolitisches Lesebuch vorliegen. „Die
dem die Bedeutung, die Bürger der virtuellen           Publikation nimmt zunächst eine Definition so-
Erreichbarkeit von Politikern beimessen. Im            zialdemokratischer Werte und Grundannahmen
Vorfeld der polnischen Parlamentswahl hatten           vor. In den folgenden Kapiteln werden daraus
sich über 300.000 Nutzer auf dem Internetpor-          konkrete sozialpolitische Maßnahmen abgelei-
tal von Stowarzyszenie 61 angemeldet, um dort          tet“, erklärt Knut Dethlefsen aus dem Warschau-
Informationen über die verschiedenen Parteien          er Büro der FES. „Mit unserem Projekt wollen wir
und Kandidaten abzufragen. Allerdings konnten          versuchen, die rechte Dominanz zu durchbre-
Rzeplińska und ihre Kollegen den Interessenten         chen und die polnische Linke in sozialpolitischen
oftmals nicht weiterhelfen: Trotz mehrfacher           Belangen wieder sprachfähiger zu machen“, er-
Aufforderung hatte über ein Drittel der Kandi-         gänzt Projektpartner Michał Syska vom Breslauer
daten den Fragebogen von Stowarzyszenie 61 zu          Ferdinand-Lassalle-Zentrum für soziales Denken.

                                                                                             1 / 2 0 1 2         I N F O    FES
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  Aktionsplattform
                              ZUKUNFT, DIE WIR WOLLEN
                              BRASILIANISCHE ZIVILGESELLSCHAFT VOR DER UN-KONFERENZ
                              F Ü R N A C H H A LT I G E E N T W I C K L U N G

                              Die Hoffnungen sind verhalten. „Die Beschlüsse      durch marktwirtschaftliche Logik getriebenen
                              werden weit hinter dem hinterherhinken, was         Übergang. Über eine nötige Änderung von Kon-
                              nötig wäre, um einen Wandel hin zu einer nach-      sumgewohnheiten, soziale Gerechtigkeit und
                              haltigen Gesellschaft zu bewerkstelligen und den    die Sanktionierung umweltschädlichen Verhal-
                              sozialen und ökologischen Kollaps unserer Zivi-     tens, schweigt der Text hingegen weitgehend.
                              lisation zu verhindern“, prophezeit Aron Belinky    Der brasilianischen und internationalen Zivil-
                              von der brasilianischen Nichtregierungsorgani-      gesellschaft kommt deswegen die wichtige Rolle
                              sation Vita Civilis. Zwanzig Jahre nach dem UN-     zu, das offizielle UN-Dokument durch Vorschlä-
                              Gipfel zu Umwelt und Entwicklung wird im Juni       ge und Kritik zu beeinflussen sowie darüber hi-
                              die internationale Gemeinschaft erneut in Rio       naus Facetten eines Weges hin zu einer sozial
                              de Janeiro zusammenkommen, um über Wege zu          gerechten, ökonomisch stabilen und ökologisch
                              einer nachhaltigen Entwicklung zu diskutieren.      nachhaltigen Zukunft aufzuzeigen.
                              1992 hatte hier der historische Weltgipfel, wich-   Die FES unterstützt ihre zivilgesellschaftlichen
                                                                                  Partner darin, diese Herausforderung anzuge-
                                                                                  hen, indem sie das zivilgesellschaftliche Komi-
                                                                                  tee zu Rio+20 begleitet. Die Plattform vereint
                                                                                  diverse soziale Netzwerke, NGOs und Interes-
                                                                                  sengruppen, die sich zusammen getan haben,
                                                                                  um eine zivilgesellschaftliche Parallelkonferenz
                                                                                  zur UN-Konferenz auf die Beine zu stellen. Hart
                                                                                  wird über Kritikpunkte, Alternativen und lo-
        Wichtiger Partner                                                         kale Anknüpfungspunkte eines nachhaltigen
      der FES in Brasilien:                                                       Wirtschaftens und einer zukunftsfähigen Um-
      Der Gewerkschafts-
        dachverband CUT                                                           weltpolitik diskutiert. Konsens besteht darin,
                              tige Wegmarken gesetzt und die Konventionen         dass das Umsteuern zu einem nachhaltigen Ent-
                              zu Klimawandel, Biodiversität und der Bekämp-       wicklungsweg nicht auf einen rein technischen
                              fung der Verwüstung auf den Weg gebracht so-        Umbau der Volkswirtschaften zu saubereren Pro-
                              wie den Begriff der „nachhaltigen Entwicklung“      duktionsweisen verkommen darf, sondern mit
                              mit ihren drei Säulen – sozial, ökologisch und      Diskursen über gesellschaftliche Umverteilung,
                              ökonomisch nachhaltig – geschaffen.                 alternative Produktionsformen und Konsum-
                              Das Einschlagen eines neuen Entwicklungs-           muster verbunden werden muss.
                              weges erwies sich aber als eine komplexe Heraus-    Die Gewerkschaften machen sich ebenfalls Ge-
                              forderung: Während Industrieländer die Not-         danken über den Übergang zur grünen Wirt-
                              wendigkeit und den ökonomischen Nutzen des          schaft. Sie erinnern an die oft vernachlässigte
                              Umbaus der Volkswirtschaften zu einer grünen        soziale Dimension der Nachhaltigkeit – im
                              Wirtschaft betonen, befürchten Entwicklungs-        Sinne von Beschäftigung, guter Arbeit und sozi-
                              und Schwellenländer, der Verzicht auf fossile       aler Umverteilung. Ein in Partnerschaft mit der
                              Energieträger verhindere das für ihre wirtschaft-   FES organisiertes internationales Seminar des
                              liche und soziale Entwicklung nötige Wachstum.      brasilianischen     Gewerkschaftsdachverbandes
                              Der kürzlich publizierte „Zero Draft“, also der     Central Única dos Trabalhadores (CUT) und des
                              erste Entwurf einer Abschlussdeklaration für        lateinamerikanischen gewerkschaftlichen Regi-
                              die anstehende Rio+20 Konferenz, geht nur un-       onalverbandes (CSA) brachte rund 100 gewerk-
                              zureichend auf diesen Konflikt ein. Der heftig      schaftliche Entscheidungsträger in Sao Paulo
                              debattierte Text zeichnet unter dem Titel „Die      zusammen, um verschiedene Aspekte nachhal-
                              Zukunft, die wir wollen“ ein recht eindimensi-      tiger Entwicklung zu erörtern. CUT Präsident Ar-
                              onales Bild einer grünen Wirtschaft. Armut soll     tur Henrique betonte „grüne Jobs sind nur dann
                              vor allem durch technologischen Fortschritt und     gute Jobs, wenn sie die Grundnormen men-
                              Effizienzgewinne überwunden werden, in einem        schenwürdiger Arbeit respektieren.“

FES      I N F O              1 / 2 0 1 2
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VERÄNDERER FINDEN ZUSAMMEN                                                                                   Zukunftswerkstatt

L E I P Z I G E R B Ü R G E R G E S TA LT E N P O L I T I K

Am Schluss war klar: Veränderungen gibt es nur          ten, wurden Ideen für ein besseres, lebenswerte-
im Kleinen. So das Ergebnis einer Diskussion            res Leipzig entwickelt.
Leipziger Bürgerinnen und Bürger über die Zu-           Soll ein bedingungsloses Grundeinkommen
kunft ihrer Stadt.                                      die Menschen absichern? Erreichen engagierte
Die Chance wirkliche Veränderung anzustoßen,            Bürger mehr durch direkte Demokratie oder da-
benötigt die Beiträge der Menschen vor Ort. Aus-        durch, dass sie in Parteien mitarbeiten?
gehend von dieser Überlegung lud das Landesbü-          Aus Ideen sollten konkrete Forderungen werden,
ro Sachsen am 23. Februar in Leipzig zur lokalen        erste Pläne für die Umsetzung waren gefragt.
Zukunftswerkstatt unter dem Motto des Fort-             Auf der Wunschliste standen schließlich ein
schrittsforums „Wie wollen wir leben?“.                 durchdachtes Verkehrskonzept, ein „gläsernes“
Zu Beginn erläuterte die Leipziger MdB Daniela          Rathaus, Unterstützung bei innovativen Unter-
Kolbe die Ziele der von ihr geleiteten Enquete-         nehmensgründungen und ein bundesweit ein-
Kommission des Bundestages „Wachstum, Wohl-             heitliches Bildungssystem.
stand, Lebensqualität“, bevor sie mit Leipziger         Nicht alle Ideen der Leipziger Zukunftswerkstatt
Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kam.               können Realität werden. Aber die Bürgerinnen
Nach der Sammlung von Kritikpunkten, die von            und Bürger haben einander kennengelernt als
zu kurzen Ampelphasen über Lärm bis hin zu              engagierte und kreative „Veränderer“, die sich zu-
prekärer Beschäftigung, einem veralteten Schul-         sammenschließen und Politik gestalten können.
system und mangelnder Bürgerbeteiligung reich-

JUGEND POSITIONIERT SICH                                                                                     Workshops

ANREGUNGEN FÜR POLITISCHEN NACHWUCHS IN BOLIVIEN
Seit dem Zerfall des alten Parteiensystems in           Menschen je nach Region sehr unterscheiden.
Bolivien und dem Aufstieg des Movimiento al             Einen wesentlichen Beitrag konnte die FES bei
Socialismo (MAS) kommt es zwischen der Regie-           der Ausarbeitung eines Jugendstatuts zur An-
rungspartei und der FES-Vertretung zu regelmä-          erkennung einer eigenständigen Parteijugend
ßigen Kooperationen.                                    innerhalb der offiziellen Parteistruktur leisten.
Ein Pfeiler der Zusammenarbeit besteht in der           Statut und Struktur wurden auf dem nationalen
Unterstützung der Parteijugend. Bisher hatte            Parteikongress des MAS im März angenommen.
die MAS-Jugend innerhalb der Parteistruktur
keinen offiziellen Status und deshalb nur eine
geringe eigenständige Identität entwickelt. Dies
ist besonders gravierend in einem Land wie Bo-
livien, in dem junge Menschen die Mehrheit
der Bevölkerung stellen. Deshalb legt die FES
bei den Workshops besonderen Wert darauf,
neben den zentralen Aspekten einer pluralen                                                                  Aus allen Teilen
                                                                                                             Boliviens kamen die
Demokratie auch die unabhängige Perspektive                                                                  Teilnehmerinnen
der Jugend zu fördern. Dass diese sich durchaus                                                              und Teilnehmer der
                                                                                                             Workshops zusam-
kritisch von der Mutterpartei absetzen kann, ist                                                             men.
eine der wichtigsten Erfahrungen, die die jungen        Ein weiteres Ziel ist die Unterstützung der regi-
Parteimitglieder dabei machen. Die FES versam-          onalen und internationalen Vernetzung. Die
melt in verschiedenen Workshops führende Ak-            von der FES jährlich organisierte Sommerschu-
tivisten der MAS-Jugend aus allen Landesteilen.         le für sozialdemokratische und linksprogressive
Logistisch in dem schwer zugänglichen Land              Jugendorganisationen in Lateinamerika, liefert
eine Herausforderung, inhaltlich aber von stra-         auch Anregungen für die Positionierung des po-
tegischer Bedeutung, da sich die Probleme der           litischen Nachwuchses in Bolivien.

                                                                                             1 / 2 0 1 2           I N F O         FES
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          Ausstellung
                              „ETWAS BESSERES ÜBERGEBEN ALS
                              DAS VORGEFUNDENE“
                              FES EHRT HANS-JOCHEN VOGEL

                              Seit 1950 Parteimitglied, zwölf Jahre Oberbür-         Bärbel Dieckmann folgten der Einladung und
                              germeister in München, neun Jahre Bundesmi-            wurden von Peter Struck empfangen, der den
                              nister, ehemaliger Fraktionsvorsitzender und           Abend eröffnete. Der Vorsitzende der Friedrich-
                              Bundesvorsitzender der SPD – das ist der poli-         Ebert-Stiftung bedankte sich bei Vogel und be-
                              tische Lebenslauf eines der bedeutendsten SPD-         zeichnete ihn als seinen „Lehrmeister“, von dem
                              Politiker seit dem Zweiten Weltkrieg. Das Archiv       er das politische Handwerk gelernt habe. Struck
                              der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stif-      betonte in seiner Rede die Verlässlichkeit des
                                                                                     Geehrten: „Ein Wort von Hans-Jochen Vogel
                                                                                     war ein Wort, auf das man sich immer verlassen
                                                                                     konnte.“ Hans-Jochen Vogel dankte Peter Struck
                                                                                     für seine Rede, die erfreulicherweise kein Nach-
                                                                                     ruf gewesen sei, sondern die „Worte eines Freun-
                                                                                     des mit gutem Erinnerungsvermögen.“
          Abschluss einer
       Ausstellung: Hans-                                                            Auf die Ausstellung blickend bedankte sich Vogel
         Jochen Vogel mit                                                            bei den Veranstaltern und seinen Weggefährten:
      seiner Frau Liselotte
        und der Vorsitzen-                                                           „Was hier in der Ausstellung mir zugeschrieben
        den des FES-Kura-                                                            wird, ist nur möglich gewesen, weil mir Men-
            toriums Ingrid
       Matthäus-Meier in
                                                                                     schen geholfen haben.“
                    Bonn.                                                            Zum Abschluss kehrte er an die Anfänge seines
                              tung und der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus           politischen Wirkens zurück: „Es geht nicht nur
                              würdigten mit einer Ausstellung das Lebenswerk         um uns, sondern wir müssen sehen, dass wir der
                              Hans-Jochen Vogels. Den Abschluss bildete eine         Generation nach uns etwas Besseres übergeben
                              Finissage in Bonn, pünktlich zum 86. Geburts-          als wir vorgefunden haben“, beschrieb er seine
                              tag des ehemaligen Kanzlerkandidaten. Viele            Motivation, sich in der Nachkriegszeit zu enga-
                              Freunde und Bekannte wie Rudolf Dressler und           gieren.
                              die ehemalige Bonner Oberbürgermeisterin

           Kurz notiert       KONTRAHENTEN VON EINST                                 ma: der Abwertung der Arbeit und der Arroganz
                              „Zwei Köpfe, zwei Parteien – aber oft eine Mei-        des Geldes. Er rief zu einem Aufstand gegen das
                              nung“, so beschrieb die „Kölnische Rundschau“          „Diktat der Finanzwirtschaft“ auf. Rudolf Dreß-
                              eine Diskussionsrunde der Kurt-Schumacher-             ler unterstützte ihn: „Die Finanzwirtschaft muss
                              Akademie in Bad Münstereifel, bei der Norbert          an die Kette gelegt werden“.
                              Blüm und Rudolf Dreßler – zwei Kontrahenten
                              früherer Bundestagsdebatten – aufeinandertra-          SZENARIEN ZUR MOBILITÄT
                              fen. Norbert Blüm kam schnell zu „seinem“ The-         „Mobilitätskultur in einer alternden Gesell-
                                                                                     schaft: Szenarien für das Jahr 2030“, so der Titel
                                                                                     eines Projektes, das Professor Georg Rudinger
                                                                                     und Nicolaus Haverkamp vom Zentrum für Al-
                                                                                     ternskulturen der Universität Bonn in der Kurt-
                                                                                     Schumacher-Akademie, Bad Münstereifel vor-
                                                                                     stellten. Gegenstand des Projektes sind sowohl
                                                                                     Szenarien der Verkehrswelt älterer Menschen im
                                                                                     Jahr 2030 als auch Mobilitätswünsche und -be-
                                                                                     dürfnisse der Generation der „Baby-Boomer“,
                                                              (Foto: Hering-Heidt)   die dann 65 Jahre und älter sein werden.

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