Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund

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Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund
Ausgabe 05-2020

                                                     FÜR ANWENDUNGSBEZOGENE WISSENSCHAFT UND KUNST

                Ostsee-Kooperationen

Campusnotizen                hlb aktuell                   Aus Wissenschaft            Wissenswertes
Lehramtsausbildung für       Promotionsrecht: Replik       & Politik                   Erleichterter Zugang
berufliche Schulen           auf Beiträge in der „F & L“   Quote der Studienabbrüche   zu Prüfungsunterlagen
                                                           sinkt

                         6                        18                          33                        34
Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund
2     Inhalt

    Campusnotizen                              Titelthema:                               hlb aktuell
4 Beuth Hochschule: Hochschul-
                                               Ostsee-                                18 Das eigenständige
  kooperation mit der TU Danzig                Kooperationen                             Promotionsrecht für HAW
                                                                                         Replik auf Beiträge in der
    Erneuerbare Energien in
                                                                                         „Forschung & Lehre“
    Westafrika: Sonnenstunden nicht
    gleich Energieausbeute                  8 Kreativität als Antriebskraft für       19 hlb -Kolumne: Keine falsche
                                              Kooperationen im Ostseeraum                Bescheidenheit | Von Nicolai
5 Berufsbegleitendes
                                              | Von Prof. Dipl.-Ing. Achim Hack und      Müller-Bromley
  Masterstudium: Nachfrage nach
                                              Dr. Laima Gerlitz
  flexiblen Weiterbildungsmodellen
                                            12 Mit strategischen Partnerschaften
    Wirtschaftspsychologie:
                                               Netzwerke ausbauen | Von
    Hohe Frauenquote, viele private
                                               Christine Boudin und Prof. Dr. Marco
                                                                                         Wissenswertes
    Anbieter, kaum Standorte im Osten
                                               Hardiman
6 Hochschule Harz:                                                                    34 Alles, was Recht ist
                                            14 Ostseeraum lebendig:
  Ingenieurpädagogik studieren                                                        35 Neue Bücher von Kolleginnen
                                               International Management
    Hochschule Kaiserslautern:                 Studies in the Baltic Sea Region          und Kollegen
    Operational Excellence in Krankenhaus      | Von Prof. Dr. Björn P. Jacobsen      36 Neuberufene
    und Pflege
7 Hochschule Darmstadt:
  Online-Nutzeridentifikation: sicherer,
                                               Aus Wissenschaft                          Standards
  benutzerfreundlicher und günstiger
                                               & Politik
    Studentischer Bundesverband:                                                      3 Editorial
    Hochschuldemokratie in der Krise
                                            30 Niedersachsen: Mehr Geld für
    besonders wichtig                                                                 33 Autorinnen und Autoren gesucht
                                               Öffnung der Hochschulen
                                                                                      33 Impressum
                                               Internationale Forschungs-
                                               praktika: Mobilität für Studierende    38 Stellenanzeigen
    Fachaufsätze                               im Ostseeraum
                                                                                      40 hlb -Seminartermine 2020
                                            31 Hessen: Zentrum für KI gegründet
20 Gelebte Exklusion: Mobbing | Von
   Prof. Dr. habil. Stefan Piasecki            China: Deutsch-chinesische
                                               Kooperationen zukunftsfest gestalten
24 Same same but different?
   Kulturelle Besonderheiten                32 Baden-Württemberg: „Corona-
   von Hochschulen | Von Prof. Dr.             Erklärung“ der HAW BW
   Sebastian Kaiser-Jovy                       Mecklenburg-Vorpommern:
28 Möglichkeiten und Grenzen der               Verlängerung der Regelstudienzeit
   kooperativen Promotion | Von             33 Deutsches Zentrum für Hochschul-
   Prof. Dr. Dieter Scholz                     und Wissenschaftsforschung:
                                               Analyse zum Studienabbruch

                                                                                                                 05 | 2020 DNH
Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund
Editorial    3

                          Die Chancen nutzen
                          Die Ostsee bildet auf unseren Landkarten oft den Rand Deutschlands.
                          Wenn wir umgekehrt einmal Deutschland als Rand der Ostsee
                          wahrnehmen, öffnet sich der Blick auf eine Region voller Möglichkeiten
                          für Partnerschaften in Lehre, Studium, Forschung, Wirtschaft und
                          Technologie.

                                                         Beim Stichwort „Hanse“ haben wir sofort         Christine Boudin und Marco Hardiman
                                                         das Bild der Ostsee als eines wirtschaft-     beleuchten die Chancen und Schwierig-
                                                         lich starken Raumes vor Augen. Damals         keiten bei der Mobilität von Studieren-
                                                         wurde nicht nur Geld verdient, sondern        den und Lehrenden. Ungleichgewich-
                                 Foto: Fotoladen Wedel

                                                         es kam auch zu befruchtendem kulturel-        te zwischen den beiden Richtungen des
                                                         len Austausch und zu wirkungsvollen           Austauschs bringen Mobilitätsabsprachen
                                                         technologischen Impulsen. (Und ja, regel-     immer wieder in Gefahr. Aber mit span-
                                                         mäßige kriegerische Auseinandersetzun-        nenden Themen lassen sich dann doch
                Christoph Maas                           gen gab es auch.)                             auch längerfristige Formen der Koopera-
                Chefredakteur                                                                          tion begründen (Seite 12).
                                                           All das verbinden wir aber mit einer weit
                                                         zurückliegenden Vergangenheit. In den            Der Beitrag von Björn P. Jacobsen steht
                                                         letzten Monaten war in der Berichterstat-     beispielhaft für Zusammenarbeit bei der
                                                         tung vor allem von vollen Stränden und        Ausgestaltung von Studienangeboten. Ein
                                                         ausgebuchten Hotels zwischen Flensburg        seit 25 Jahren bestehender Studiengang hat
                                                         und Ahlbeck die Rede. Wenn wir heute          sich stets mit den wechselnden Verhältnis-
                                                         die Ostsee vor allem als Tourismusgebiet      sen lebendig weiterentwickelt und setzt
                                                         einordnen, übersehen wir, dass sie wirt-      vor allem auf Double-Degree-Abkom-
                                                         schaftlich und technologisch hoch entwi-      men, die Studierenden ermöglichen, ohne
                                                         ckelte Länder miteinander verbindet, die      Zeitverlust an mehreren Hochschulen zu
                                                         zahlreiche Gelegenheiten für lohnende         studieren (Seite 14).
                                                         Formen der Zusammenarbeit bieten.
                                                                                                         In den Rubriken ‚Campusnotizen‘ und
                                                           Die Beiträge in diesem Heft lassen erken-   ‚Aus Wissenschaft und Politik‘ finden Sie
                                                         nen, aus welch unterschiedlichen Blick-       Beispiele für weitere Formen der Koope-
                                                         winkeln eine Kooperation angepackt            ration im Ostseeraum (Seiten 4 und 30).
                                                         werden kann.
                                                                                                         Heute darf ich Ihnen zum 50. Mal ein
                                                            Achim Hack und Laima Gerlitz arbei-        neues Heft der DNH vorlegen – ein guter
                                                         ten daran, traditionell aufgestellte Firmen   Anlass, mich bei allen zu bedanken, die
                                                         mit Unternehmen aus der Kreativbranche        mit Lob und Kritik, Nachrichten, Meldun-
                                                         zusammenzubringen. Beim Thema Indus-          gen und Aufsätzen, aber auch mit enga-
                                                         triedesign konnte mit Unterstützung des       giertem Einsatz hinter den Kulissen unse-
                                                         EU-Regionalfonds eine Zusammenarbeit          re Zeitschrift zu dem machen, was sie ist.
                                                         von kleinen und mittleren Unternehmen
                                                         (KMU) aus unterschiedlichen Ostseean-
                                                         rainerstaaten etabliert werden (Seite 8).                          Ihr Christoph Maas

DNH 05 | 2020
Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund
4     Campusnotizen

                             Beuth Hochschule

                           Hochschulkooperation mit der TU Danzig
                           Für die Berliner liegt die Ostsee geogra-            Welche Ergebnisse liegen bisher vor?      West- und südliches Ostpreußen. Eine
                           fisch nah und ist ihnen u. a. als Bade-            Hochschullehreraustausch zwischen           solche Kooperation kann natürlich nur
                           wanne in den Badeorten auf Usedom                  ein und fünf Wochen, Forschungsaus-         leben, wenn dieser Austausch regelmä-
                           oder Rügen vertraut. So lag es nah,                tausch mittels Fachvorträgen, beidseiti-    ßig mit Besuchen belebt wird, neben
                           dass die Beuth Hochschule Berlin sehr              ger Besuch von Studierenden, Austausch      einem kontinuierlichen kommunikati-
                           früh nach der Wende bereits 1994 eine              zur Studiengangumstellung nach Bolog-       ven Austausch. Nur so profitieren sowohl
                           Kooperation mit der TU Danzig abge-                na, insbesondere auch Beratungen durch      die polnische als auch die deutsche Hoch-
                           schlossen hat (Initiator und Koordina-             den langjährigen artikelunterzeichnen-      schule.
                           tor u. g. Unterzeichner) – hier speziell           den Studiendekan und Möglichkeiten der
                           die Fachbereiche „Elektronik/techni-               Promotion. Ergänzend konnten die ange-                   Prof. Dr. Helmut Keutner
                           sche Informatik/Telekommunikation“                 nehmen Seiten kennengelernt werden,            Beuth Hochschule für Technik Berlin
                           der TU Danzig und Fachbereich „Infor-              wie die unterschiedlichen Kulturen, die             keutner@beuth-hochschule.de
                           matik und Medien“ der TU Danzig und                neu aufgebaute Altstadt der ehemaligen
                           aufseiten der Beuth HS mit Studiengang             „Freien Stadt Danzig“, Kulinarisches,
                           „Technische Informatik“.                           Geografie wie die Kulturlandschaften

                             Erneuerbare Energien in Westafrika

                           Sonnenstunden nicht gleich
                           Energieausbeute
                                                                                 In Westafrika, wo im Jahr 2017 erst      von Aerosolen für diesen Kraftwerkstyp
                                                                              rund 55 Prozent der Haushalte über-         stärker ist als für die PV-Technologie, die
                                                                              haupt ans Stromnetz angeschlossen           neben der direkten Einstrahlung auch
                                                                              waren, könnte bei der Entwicklung des       die diffuse Strahlung für die Stromer-
                                                                              Netzes sofort auf erneuerbare Ressourcen    zeugung nutzt.
                                                                              gesetzt werden. Allerdings ist die Solar-
                                                                              energie mit ihrem Potenzial stark von          Die gängige Vorstellung, dass in Afri-
Foto: Bernd Evers-Dietze

                                                                              atmosphärischen Bedingungen abhän-          ka immer die Sonne scheint und deshalb
                                                                              gig. Um diesbezüglich den Einfluss von      Solarenergie nahezu unbegrenzt zur
                                                                              atmosphärischen Aerosolen zu ermes-         Verfügung stehen muss, ist nur bedingt
                                                                              sen, stützte sich Ina Neher auf meteo-      richtig. Im Modell zeigte sich stattdes-
                                                                              rologische Daten aus dem Jahr 2006.         sen fast erwartungsgemäß, dass Aerosole
                           Er folgt immer der Sonne: der Suntracker auf dem   Anhand der Daten von sechs Messstati-       während eines Sandsturms den Stromer-
                           Hochschuldach. Die Pyranometer messen die          onen modellierte sie den Ertrag zweier      trag eines Photovoltaikkraftwerks um bis
                           Globalstrahlung.                                   Kraftwerkstypen, die auf unterschiedli-     zu fast 80 Prozent verringern können. Bei
                                                                              che Weise solaren Strom erzeugen: den       einem Parabolrinnenkraftwerk kann es
                           Ina Neher, Doktorandin am Internationa-            eines Photovoltaik- und den eines Para-     sogar zu einem Totalausfall der Produk-
                           len Zentrum für nachhaltige Entwicklung            bolrinnenkraftwerks. Beim ersten wird       tion kommen. Doch auch an klaren
                           (IZNE) der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg              die Strahlung der Sonne direkt in elek-     Tagen reduzieren Aerosole den Ertrag von
                           (H-BRS), hat an der Universität zu Köln            trischen Strom umgewandelt. Ein Para-       Photovoltaikanlagen um durchschnitt-
                           ihre Doktorarbeit vorgelegt, in der sie sich       bolrinnenkraftwerk, auch Solarwärme-        lich 13 bis 22 Prozent und den von Para-
                           mit den Bedingungen für ein solarbetriebe-         oder solarthermisches Kraftwerk, erzeugt    bolrinnenkraftwerken sogar um 22 bis
                           nes Energiesystem in Westafrika beschäf-           hohe Temperaturen, die zum Betreiben        37 Prozent. Damit sind Parabolrinnen-
                           tigt. Dabei untersucht sie zum einen den           einer Dampfturbine benötigt werden,         kraftwerke sehr viel anfälliger für hohe
                           Einfluss von atmosphärischen Aerosolen,            indem es zunächst die Strahlung der         Aerosolkonzentrationen als Photovol-
                           insbesondere von Staubstürmen, auf die             Sonne über Spiegel fokussiert und dann      taikanlagen.
                           solare Energieproduktion. Zum anderen              absorbiert. Durch die Fokussierung der
                           analysiert sie langfristige Veränderungen          Solarstrahlung im Parabolrinnenkraft-       Kontakt:
                           in der atmosphärischen Variabilität und            werk spielt die Veränderung der direkten    Prof. Dr. Stefanie Meilinger
                           die Konsequenzen für mögliche Photovol-            Einstrahlung von der Sonne eine beson-      stefanie.meilinger@h-brs.de
                           taikerträge in Westafrika. Zudem spricht           dere Rolle, da diffuse Strahlung nicht
                           sie eine Empfehlung für den Netzausbau             gebündelt werden kann. Aerosole wirken                                          H-BRS
                           in Nord-Süd-Richtung aus.                          aber wie ein Diffusor, sodass der Effekt

                                                                                                                                                         05 | 2020 DNH
Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund
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              Berufsbegleitendes Masterstudium

          Nachfrage nach flexiblen Weiterbil-
          dungsmodellen
                                                           Koblenz, das rein englischsprachige Fern-     konnten sie sich jetzt intensiv mit dem
                                                           studium International Business Manage-        Thema berufsbegleitende Weiterqualifi-
                                                           ment MBA an der HWG in Ludwigshafen           zierung zur fachlichen und persönlichen
                                                           und Wirtschaftsingenieurwesen MBA &           Weiterentwicklung beschäftigen. Die
                                                           Eng. der TH Mittelhessen zählen zu den        Fernstudienangebote im zfh-Hochschul-
                                                           gefragtesten Fernstudienangeboten mit         verbund, welche sowohl in Form einzel-
                                                           MBA-Abschluss. Im technischen/naturwis-       ner Module wie auch als Gesamtstudium
Grafik: zfh

                                                           senschaftlichen Bereich ist das Fernstudium   mit Bachelor- oder Masterabschluss belegt
                                                           Informatik der Hochschule Trier – sowohl      werden können, passen sich an die Bedürf-
          Fernstudiengänge auf Masterniveau sind gefragt   mit dem Abschluss Master of Computer          nisse der Beschäftigten und Unternehmen
          wie nie.                                         Science als auch mit Zertifikatsabschluss     an und sind aufgrund ihrer ausgeprägten
                                                           – sehr gefragt. Corona hat sich demnach       Flexibilität mit den beruflichen und/oder
          Zum Wintersemester 2020/21 verzeichnet           nicht negativ auf die Beliebtheit von Fern-   anderweitigen Verpflichtungen bestens
          das Zentrum für Fernstudien im Hochschul-        studienangeboten ausgewirkt. Ganz im          vereinbar. Darüber hinaus führen sie als
          verbund (zfh) mit 711 Bewerberinnen und          Gegenteil – in der Lockdown-Phase mit         Teil wissenschaftlicher Weiterbildung an
          Bewerbern ein Allzeithoch in der Nachfrage       einem sehr eingeschränkten Freizeitan-        staatlichen Hochschulen zu anerkannten
          nach berufsbegleitenden Masterfernstudi-         gebot hatten viele Berufstätige nach dem      Kompetenzen und Bildungsabschlüssen.
          engängen. Das MBA-Fernstudienprogramm            Homeoffice Zeit zur Reflexion und haben
          am RheinAhrCampus der Hochschule                 Zukunftspläne geschmiedet. Beispielsweise                                            zfh

              Wirtschaftspsychologie

          Hohe Frauenquote, viele private Anbieter,
          kaum Standorte im Osten
          Wirtschaftspsychologie als Alternative           klassische Studienbereiche zu etwas Neuem     gut zwei Drittel, im Master 80 Prozent
          zum klassischen Psychologiestudium ist           kombiniert und dabei auch Themen aus          der Studierenden Frauen. An den priva-
          beliebt bei Studieninteressierten. Die aller-    dem Gesundheitsbereich wie Stress oder        ten Hochschulen, bei denen Studienge-
          meisten der noch vergleichsweise wenigen         Arbeitsbelastung aufgreift“, so der Autor     bühren anfallen, sind die Studiengänge
          Angebote staatlicher Hochschulen sind            der Studie.                                   in der Regel zulassungsfrei. Anders ist die
          zulassungsbeschränkt. Es gibt jedoch viele                                                     Situation an den gebührenfreien staatli-
          private Hochschulen, die das Fach anbie-           Insgesamt wird das Fach Wirtschaftspsy-     chen Hochschulen. „Wenn man die seit
          ten und seltener Zulassungsbeschränkun-          chologie aktuell an 47 Standorten an          Jahren hohe Nachfrage beim universitä-
          gen haben, wie eine aktuelle Auswertung          Fachhochschulen bzw. Hochschulen              ren Psychologiestudium bedenkt, dann
          des CHE Centrum für Hochschulentwick-            für angewandte Wissenschaften (HAW),          ist es schon erstaunlich, dass das Fach
          lung zeigt. Wirtschaftspsychologie exis-         angeboten. Mit der Wirtschaftspsycho-         gerade einmal an 17 der rund 100 staat-
          tiert an deutschen Hochschulen erst seit         logie eng verwandte Studiengänge, wie         lichen Fachhochschulen bzw. HAW ange-
          1998 als Studienangebot. Das Studien-            Kommunikations- oder Werbepsycho-             boten wird. Die privaten Anbieter haben
          fach ist u. a. für diejenigen eine interes-      logie, wurden ebenfalls einbezogen. Die       hier offenbar schneller auf die Nachfra-
          sante Alternative, denen der flächende-          CHE-Auswertung zeigt mit 63,8 Prozent         ge reagiert“, bilanziert CHE-Geschäfts-
          ckende Numerus Clausus ein universitäres         einen hohen Anteil an Angeboten von           führer Frank Ziegele. „Das Fach ist aber
          Psychologiestudium verwehrt. Es ist aber         privaten Hochschulen. Die meisten Studi-      insgesamt ein gutes Beispiel für die Anpas-
          auch für diejenigen attraktiv, die Interes-      enangebote finden sich an großen Hoch-        sungsfähigkeit des Hochschulsystems.
          se an einem Psychologiestudium haben             schulstandorten in Westdeutschland.           Den HAW gelingt es, akademische Fächer
          und sich praxisorientiert und speziell für       Abgesehen von den Angeboten in Berlin         in praxisorientieren Studiengängen neu
          eine Tätigkeit in der Wirtschaft qualifi-        sind nur zwei der 47 Studiengänge in          zu kombinieren.“
          zieren möchten. „Wirtschaftspsychologie          ostdeutschen Bundesländern angesiedelt.
          ist ein typisches Beispiel für die Entwick-                                                    Publikation unter:
          lung des Studienangebotes in Deutsch-              Wie auch im Fach Psychologie ist die          www.che.de/download/wirt-
          land“, erklärt Cort-Denis Hachmeister.           Mehrzahl der rund 10.000 Studierenden           schaftspsychologie/
          „Es handelt sich um ein stark nachgefrag-        der Wirtschaftspsychologie weiblich.
          tes Studienfach, das interdisziplinär zwei       Durchschnittlich sind im Bachelorbereich                                            CHE

          DNH 05 | 2020
Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund
6     Campusnotizen

                          Hochschule Harz

                        Ingenieurpädagogik studieren
                                                                                                       Ingenieurpädagogik        berufsbildenden Schulen sind“, erläutert
                                                                                                       belegt, macht den         Prof. Dr. Andrea Heilmann, Dekanin des
                                                                                                       ersten Schritt auf        Fachbereichs Automatisierung und Infor-
                                                                                                       dem Weg ins Lehr-         matik der Hochschule Harz. „So können
                                                                                                       amt an berufsbilden-      Interessierte gesucht werden, die in der
                                                                                                       den Schulen. In sechs     Region bleiben wollen.“ Der Bachelor-Ab-
                                                                                                       Semestern qualifizie-     schluss in Ingenieurpädagogik qualifiziert
                                                                                                       ren sich die Studieren-   bereits für außerschulische Lehrtätigkei-
                                                                                                       den in den Fächern        ten. „Der aufbauende Master-Studien-
Foto: Hochschule Harz

                                                                                                       Informationstech-         gang ‚Lehramt an berufsbildenden Schu-
                                                                                                       nik und Elektrotech-      len‘ führt zur Beamtenlaufbahn. Er endet
                                                                                                       nik mit Schwerpunkt       mit dem Abschluss Master of Education
                                                                                                       Automatisierungs-         und wird an der Universität Magdeburg
                                                                                                       technik. Die beglei-      angeboten“, schildert Prof. Dr. Klaus Jene-
                        Wer am Wernigeröder Standort der Hochschule Harz den Bachelor-Studiengang      tende pädagogische        wein, Leiter des dortigen Lehrstuhls Inge-
                        Ingenieurpädagogik belegt, macht den ersten Schritt auf dem Weg ins Lehramt    Ausbildung erfolgt        nieurpädagogik und gewerblich-techni-
                        an berufsbildenden Schulen.                                                    durch die Universität     sche Fachdidaktiken. Interessierte ohne
                                                                                                       Magdeburg, wobei          Hochschulzugangsberechtigung, die beruf-
                        Sachsen-Anhalt sucht Lehrerinnen und                       alle Lehrveranstaltungen in Wernigerode       lich besonders befähigt sind, können über
                        Lehrer – auch an berufsbildenden Schu-                     stattfinden. Das Angebot steht auch Inter-    eine sogenannte Immaturenprüfung ihre
                        len und dort verstärkt in den ingenieur-                   essierten ohne Hochschulzugangsberech-        Studierfähigkeit nachweisen. Auch eine
                        pädagogischen Fachrichtungen. Hier setzt                   tigung offen. Ingenieurpädagogik ist an       berufliche Aufstiegsfortbildung, wie die
                        ein gemeinsames Studienangebot der                         der Hochschule Harz eines der jüngsten        Techniker- oder Meisterausbildung, quali-
                        Hochschule Harz und der Otto-von-Gue-                      Studienangebote. „Die Uni Magdeburg hat       fiziert für den Weg ins Lehramt an berufs-
                        ricke-Universität Magdeburg an. Wer                        nach Kooperationspartnern bei der Lehr-       bildenden Schulen.
                        am Wernigeröder Standort der Hoch-                         amtsausbildung gesucht, um diese dezen-
                        schule Harz den Bachelor-Studiengang                       tral anbieten zu können – dort, wo die                                Hochschule Harz

                          Hochschule Kaiserslautern

                        Operational Excellence in Krankenhaus
                        und Pflege
                        Die Herausforderungen für das Gesund-                Excellence und der Innovationsmethodik.             einen das Erlernen erforderlicher Fähig-
                        heitswesen sind vielfältig. Neben Kosten-            Wie in vielen anderen Themenstellungen,             keiten und der Erwerb neuer Kompeten-
                        druck und Kapazitätsfragen ist es insbeson-          z. B. im Feld des Qualitätsmanagements,             zen durch das Personal. Zum anderen aber
                        dere auch der Wandel, der Krankenhäuser,             stammen solche Methoden ursprünglich                auch das systematische Ermitteln und
                        Pflegeeinrichtungen sowie andere Einrich-            aus der Industrie und finden dann im                Erkennen von Barrieren und Hindernis-
                        tungen des Gesundheitswesens in beson-               Laufe der Zeit auch in anderen Branchen             sen für die Annahme von Innovationen,
                        derem Maße betrifft. Dabei geht es um                wie dem Gesundheitswesen Anwendung.                 die oftmals nicht nur sachlich oder quali-
                        unvorhergesehene exogene Veränderun-                 Um die oben beschriebenen Veränderun-               fikationsbedingt, sondern auch motivati-
                        gen, z. B. durch die aktuelle Pandemie               gen zu bewältigen und die herausfor-                onal und emotional begründet sind. Und
                        verursacht, aber in großem Umfang auch               dernden Innovationen in Einrichtun-                 schließlich das Erlernen von Methoden
                        um Veränderungen im Gesundheitswe-                   gen aufnehmen zu können, eignen sich                zur Veränderung und Verbesserung des
                        sen, im Gesundheitsmarkt oder im tech-               beispielsweise die Lean-Healthcare-Metho-           Gesamtsystems bei der Integration von
                        nologischen Bereich. Veränderungen                   den des Training Within Industry (TWI)              Innovationen – diese entwickeln ihre
                        führen unweigerlich zu Innovationen im               für Krankenhäuser, medizinische Labo-               vollen Vorteile meist erst nach einer
                        Gesundheitswesen – neuen Techniken,                  re, Pflegeeinrichtungen usw. Diese eigent-          detaillierten Untersuchung und Verbes-
                        Arbeits- und Behandlungsverfahren, Medi-             lich sehr alten Methoden sind in den USA            serung begleitender sowie vor- und nach-
                        zinprodukten, Digitalisierung etc. Profes-           „wiederentdeckt“ und aus der Industrie auf          gelagerter Abläufe.
                        sor Thurnes, Leiter des Kompetenzzen-                das Gesundheitswesen übertragen worden.
                        trums OPINNOMETH an der Hochschu-                                                                        Kompetenzzentrum OPINNOMETH:
                        le Kaiserslautern – Campus Zweibrücken,                Um Innovation annehmen und Verän-                   https://www.hs-kl.de/opinnometh/
                        beschäftigt sich mit methodischen Vorge-             derung leben zu können, müssen verschie-
                        hens- und Lernverfahren der Operational              dene Lernfelder betrachtet werden. Zum                                                  HS-KL

                                                                                                                                                               05 | 2020 DNH
Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund
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  Hochschule Darmstadt

Online-Nutzeridentifikation: sicherer,
benutzerfreundlicher und günstiger
Ob Überweisung oder Kfz-Anmeldung:             das Team die technischen und recht-          Prepaid-Telefon-Anbieter in der gesam-
Dank der Online-Identifikation funktio-        lichen Grundlagen für einen sicheren         ten EU profitieren.
niert mittlerweile vieles im Netz. Dafür       und vertrauenswürdigen Online-Iden-
müssen sich Nutzerinnen und Nutzer bei         titätsnachweis schaffen. „Die derzeit           SEIN nutzt eine sogenannte
jedem Anbieter ausweisen. Das ist zeitin-      gängigen Identifikationsverfahren wie        Access-to-Account-Schnittstelle, eine
tensiv, oft unkomfortabel und hinter-          POST-Ident, Video-Ident oder Ausweis-        Programmierschnittstelle für Drittpartei-
lässt viele gespeicherte Daten im Netz,        Ident erweisen sich als nutzerunfreund-      en, und greift auf die neue Zahlungsricht-
die von Hackern ausgespäht werden              lich und sind kompliziert in der Anwen-      linie aus dem Online-Banking zurück.
können. Das Projekt „Schneller elektro-        dung. Wir können die Identifizierung         Das Projekt verfolgt damit das Ziel,
nischer Identitätsnachweis auf Vertrau-        von natürlichen und juristischen Perso-      elektronische Identitäten der Inhaber
ensniveau ‚substanziell‘ (SEIN)“ will das      nen stark vereinfachen, beschleunigen        eines Online-Banking-Kontos für siche-
ändern: Ziel des Teams ist es, dass beste-     und vor allem kostengünstiger gestalten.     re abgeleitete Identitäten zu verwenden.
hende Login-Daten, etwa bei Banken,            Und zwar so, dass eine Speicherung der       Kundinnen und Kunden sollen als Iden-
auch zur Anmeldung bei weiteren Anbie-         Daten nicht vonnöten und die IT-Sicher-      tifikationsnachweis ihr vorhandenes
tern genutzt werden können – jedoch            heit immer gewährleistet ist“, erklärt       Banking-Login verwenden können und
ohne einen Datenaustausch zwischen             Michael Massoth die Motivation seines        umgehen damit eine zusätzliche Regis-
Bank und anfragendem Unternehmen,              Gründungsvorhabens. Neben der IT-Si-         trierung oder Speicherung ihrer Daten.
dem potenziellen Geschäftskunden oder          cherheit steht die Gewährleistung einer      Eine zentrale Bedeutung kommt dem
sonstigen Beteiligten. Kopf des wachsen-       hohen Benutzerfreundlichkeit im Fokus        Datenschutz zu. Die SEIN-Lösung wird
den Teams ist Prof. Dr. Michael Massoth        der Forschung. Der Identifikationsnach-      einen direkten Datenaustausch zwischen
vom Fachbereich Informatik der Hoch-           weis soll in Echtzeit erfolgen und damit     kontoführender Bank und anfragender
schule Darmstadt (h_da).                       zu einer deutlichen Beschleunigung           Firma, potenziellen Geschäftskunden
                                               und Optimierung beitragen. Mithil-           oder sonstigen Beteiligten verhindern.
  In einer digitalisierten und vernetz-        fe des SEIN-Identifikationsnachweises        Die Bank hat keine Kenntnis über das
ten Gesellschaft sind vertrauenswür-           könnten künftig Online-Geschäfte deut-       beteiligte Unternehmen und das Unter-
dige elektronische Geschäftsprozes-            lich automatisierter ablaufen. So sollen     nehmen erhält keinen Einblick in die
se zwischen Unternehmen, Behörden              Kosten gesenkt und Kundenbedürfnisse         Bankdaten der Kundinnen und Kunden.
sowie Bürgerinnen und Bürgern von              besser bedient werden. Von der Lösung
immer größerer Bedeutung. Deshalb will         könnten künftig etwa Behörden oder                                               h_da

  Studentischer Bundesverband

Hochschuldemokratie in der Krise
besonders wichtig
Die Corona-Krise hat die Wichtigkeit           und eine entsprechende Repräsentation in     rundheraus ignoriert, dann ist eine starke
studentischer Mitbestimmung deut-              ihren Gremien sorgt dafür, dass studenti-    Bundesvertretung, wie es der fzs ist, Gold
lich gezeigt, so die bundesweite Studie-       sche Positionen berücksichtigt und durch-    wert. Der fzs gibt der Not der Studieren-
rendenvertretung fzs. „Gerade dort, wo         gesetzt werden können. Zugleich steigt das   den eine Stimme.“
studentische Vertreter*innen wirklich in       Verständnis füreinander, wenn z. B. auch
Entscheidungsprozesse involviert wurden,       in Hochschulleitungen studentische Betei-                                           fzs
fanden Hochschulen einen vergleichsweise       ligung sichergestellt wird“, führt Zachrau
verträglichen Umgang mit der Pandemie“,        aus. Dass gerade auch die bundesweite
stellt fzs-Vorstandsmitglied Sebastian Zach-   Interessenvertretung unverzichtbar ist,
rau fest. „Studentische Stimmen sind vom       zeige sich in der derzeitigen Debatte um
Seminar über den Senat bis zum Rektorat        Finanzhilfen für Studierende. Amanda         Die Meldungen in dieser Rubrik, soweit
an allen Stellen der Hochschule eigentlich     Steinmaus, ebenfalls Mitglied im Vorstand       sie nicht namentlich gekennzeichnet
unverzichtbar. Eine enge Zusammenarbeit        des fzs, sagt dazu: „Wenn die zuständi-        sind, basieren auf Pressemitteilungen
mit den anderen Gruppen der Hochschule         ge Ministerin studentische Interessen            der jeweils genannten Institutionen.

DNH 05 | 2020
Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund
8    Ostsee-Kooperationen

Kreativität als Antriebskraft für
Kooperationen im Ostseeraum
Seit 2017 ist die Hochschule Wismar Projektträger des „CTCC“ im südlichen Ostseeraum,
gefördert durch das „Interreg South Baltic“-Programm der EU. Klein- und mittelständische
Unternehmen werden mit Kreativen zur Stärkung des Innovationsgeistes verknüpft.
| Von Prof. Dipl.-Ing. Achim Hack und Dr. Laima Gerlitz

Deutsche, polnische, litauische und schwedische         Intern, an der Hochschule Wismar, dienten die
klein- und mittelständische Unternehmen (KMU)         Erfahrungen der Zusammenarbeit zwischen den
arbeiten im CTCC-Projekt zusammen mit Experten,       Fakultäten für Gestaltung, Ingenieurwissenschaf-
Freelancern und Start-ups aus der Kreativwirtschaft   ten und Wirtschaftswissenschaften einerseits als
der Bereiche Architektur, Design, Werbung, Soft-      Beispiel für transdisziplinäre Kooperationen und
ware und Gamedesign, um gemeinsam grenzüber-          andere gemeinsame Forschungsinitiativen und ande-
greifende Lösungsansätze zu den Themen Innovati-      rerseits als organisatorische Grundlage für das geplan-
onsentwicklung, Management und Wertschöpfung          te CTCC-Projekt. Im Rahmen des vorhergehenden
zu entwickeln. Das Projektende ist für Dezember       grenzüberschreitenden EU-Projektes „Design Entre-
2020 anvisiert.                                       preneurSHIP“, welches auf die Entwicklung eines
                                                      gemeinsamen Trainingscurriculums zum Aufbau und
                                                      zur Erweiterung von Designmanagementkompeten-
Kreatives Potenzial schafft Synergie und Nachhal-     zen zielte, konnten vorab wertvolle Erfahrungen
tigkeit                                               gesammelt werden.

Zur Stärkung der Innovations- und Wettbewerbs-          Ziel des im Mai 2011 gestarteten EU-Projektes
fähigkeit von Kleinen und Mittleren Unterneh-         „Design EntrepreneurSHIP – Integration and educa-
men (KMU) durch eine engere Kooperation mit           tion of students, graduates and SME’s in terms of
Kreativen war bis zum dritten Aufruf des Inter-       industrial design management“ war es, das Markt-
reg-Programms „Südliche Ostsee 2014–2020“ im          potenzial des Sektors Industriedesign im südlichen
Jahr 2016 zunächst noch kein Projekt bewilligt        Ostseeraum besser auszuschöpfen. Die Hochschu-
worden. Erst mit den „Schlussfolgerungen des          le Wismar war dabei einer von vier Projektpartnern
Rates zu kulturellen und kreativen Crossover-Ef-      neben dem Innovationszentrum in Gdynia (Polen),
fekten zur Förderung von Innovation, wirtschaft-      der schwedischen Stiftung für Industriedesign (SVID)
licher Nachhaltigkeit und sozialer Inklusion“ vom     und dem Hanseatischen Institut für Unternehmer-
27. Mai 2015 wurde die Zusammenarbeit zwischen        tum und regionale Entwicklung (HIE-RO) an der
Kreativen und der Industrie sowie die Notwen-         Universität Rostock. Maßgeblich unterstützt wurde
digkeit des Kompetenzausbaus im KMU-Bereich           das Projekt außerdem von der Academy of Fine Arts
auch in der grenzüberschreitenden Zusammenar-         in Danzig (Polen). Bis 2014 wurde „Design Entre-
beit zum Thema. Regionalplaner und Akteure aus        preneurSHIP“ mit dem European Project Center an
der Politik und Wirtschaft erkannten die Wich-        der Hochschule Wismar als Projektpartner reali-
tigkeit der sektorenübergreifenden Zusammen-          siert. Konkrete Ziele ausgewählter KMUs wurden in
arbeit. Das EU-Projekt „CTCC – Zusammenarbeit         transdisziplinärer Zusammenarbeit unter die Lupe
zwischen kreativen und traditionellen Unterneh-       genommen. Dabei konnten exemplarische Lösun-
men“ (engl. „CTCC – Creative Traditional Compa-       gen und Ideen für die Optimierung von Produkten
nies Cooperation“) mit der Laufzeit von Juli 2017     und Dienstleistungen oder von internen Unterneh-
bis Dezember 2020 und einem Budget von rund           mensprozessen entwickelt werden.
1,6 Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds
für Regionalentwicklung (EFRE) stützt sich auf          Ein Benefit des Projektes war zudem die hochschul-
den Aufruf in der EU, mehr sektorenübergreifende      interne interdisziplinäre Forschungskompetenz im
Lösungen und Synergien im Rahmen der Koope-           Bereich Designmanagement und Kreativwirtschaft
ration mit Kreativen zu schaffen sowie die Tren-      auszuweiten und gleichzeitig jungen Nachwuchs-
nung zwischen den Feldern Wirtschaft, Techno-         wissenschaftlern eine Chance innerhalb der ange-
logie und Kreativität zu überwinden.                  wandten Forschung zu ermöglichen.

                                                                                                                05 | 2020 DNH
Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund
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                                                                                           Karte: © Europäische Union, 2019
   Eines der Ergebnisse war beispielswei-     und Wirtschaft berücksichtigt. Meck-
se die projektbegleitende Promotion zum       lenburg-Vorpommern und die südliche
Thema „Design Management as a Driver          Ostseeregion sind wirtschaftlich geprägt

                                                                                                                                                        Foto: Fakultät Gestaltung,
for Innovation in Small and Medium            durch traditionelle Unternehmen der

                                                                                                                                                        Hochschule Wismar
Sized Enterprises“, welche 2018 durch         Blue und Green Economy. Wichtige Ziel-
Laima Gerlitz an der School of Business       märkte sind der maritime Transport,
and Governance der Technischen Univer-        Schiffbau, erneuerbare Energien und der
sität Tallinn erfolgreich verteidigt wurde.   maritime Tourismus. Um den Herausfor-
                                              derungen des Umweltschutzes gestärkt
                                                                                                                              Prof. Dipl.-Ing. Achim Hack
                                              entgegentreten zu können, wünschen
                                                                                                                              Dekan der Fakultät Gestaltung
Kreativität als wichtige Ressource            sich viele KMUs mehr Raum für Innova-
                                                                                                                              Professur für Innenarchitektur, Möbel
                                              tionen. Hier setzt das „CTCC“-Projekt an.
                                                                                                                              und raumbildenden Ausbau, Entwurf und
Die gewonnenen Erkenntnisse aus dem           Bisher fast ausschließlich auf die Gestal-
Projekt „Design EntrepreneurSHIP“ und         tung und Nutzung von Marketinginstru-
                                                                                                                              Konstruktion, Fakultät Gestaltung
der begleitenden Forschungsarbeit im          menten begrenzt, stellen sich Koopera-                                          Hochschule Wismar
Bereich Designmanagement fanden               tionen mit Kreativen zur Entwicklung
                                                                                                                              achim.hack@hs-wismar.de
Anwendung bei der Konzipierung des            von umweltfreundlicheren und nach-
CTCC-Projektes. Kreativität als Fähig-        haltigen Produkten oder Dienstleistun-
keit, Design als Kernkompetenz sowie          gen, insbesondere in der maritimen Wirt-
Leitbild und Unternehmenskultur               schaft, meist als unzureichend dar. Auf
gelten als wesentliche Bestandteile zur       der anderen Seite sind Kreative meis-
                                                                                                                                                        Foto: eigene Aufnahme

Förderung der Wettbewerbsfähigkeit.           tens als sehr kleine oder mittelständische
Unternehmen, welche den Faktor                Unternehmer aktiv und zeichnen sich,
Design in den Vordergrund stellen, und        sowohl regional als auch über die Gren-
Kreativität als Arbeitsmittel verstehen,      zen hinaus, dementsprechend durch
erzielen nicht nur eine höhere Wert-          eine geringe Kooperationsbereitschaft
schöpfung, sondern verbessern durch           aus. Bedingt durch eine eher begrenz-                                           Dr. Laima Gerlitz
die Entwicklung einer wahrnehmbaren           te Zusammenarbeit mit Industriepart-                                            Senior Project Manager
Unternehmenskultur ihre Innovations-          nern und dem Mittelstand bleiben die                                            Head European Project Center
fähigkeit sowie Kundenzufriedenheit.          Kreativen in der Entwicklung von unter-                                         Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
Das Aufzeigen fundierter Chancen,             nehmerischen Fähigkeiten und Manage-                                            Hochschule Wismar
das Konkretisieren von existieren-            mentkompetenzen oftmals beschränkt.
den Bedürfnissen der KMUs und die             Daraus resultieren unter anderem auch                                           laima.gerlitz@hs-wismar.de
Entwicklung eines gemeinsamen Fahr-           eine ungleichmäßige Unternehmensent-
plans zur Unternehmensoptimierung             wicklung und größere Unterschiede in                                            beide:
bildeten das stabile Rückgrat für das         der Innovationsfähigkeit.                                                       Hochschule Wismar
nachfolgende CTCC-Projekt.                                                                                                    University of Applied Sciences, Technology,
                                                Das wird insbesondere deutlich im                                             Business and Design
  Vorbereitend wurden konkrete                Vergleich von litauischen und polni-                                            Fakultät Gestaltung/
Herausforderungen der Region „Südli-          schen mit deutschen und schwedischen                                            Fakultät für Wirtschaftswissenschaften
che Ostsee“ in Bezug auf die vorherge-        Regionen in Bezug auf ihre Innovati-                                            Philipp-Müller-Straße 14 | 23966 Wismar
hende überregionale Kooperation und           onsleistung, dort besitzt die Kreativ-
eine transdisziplinäre Zusammenar-            branche in Wirtschaft und Gesellschaft                                          www.hs-wismar.de
beit in den Bereichen Design, Technik         einen sehr differenzierten Stellenwert,                                         https://movecreative.eu

DNH 05 | 2020
Ostsee-Kooperationen - hlb Hochschullehrerbund
10 Ostsee-Kooperationen

bedingt durch unterschiedliche Managementkultu-                   Die Eröffnung des Kreativen Hubs war im Okto-
ren sowie verschiedene historische und gesellschaft-            ber 2017 in Klaipeda in Litauen. Die Projektpartner,
liche Entwicklungen.                                            Association of Polish Communes of Euroregion Baltic
                                                                (Elblag, Polen), ATI erc gGmbH (Wismar, Deutsch-
                                                                land), Blekinge Tekniska Högskola (Karlskrona,
Interdisziplinäre Teams schaffen neue Potenziale                Schweden), FINT (Rostock, Deutschland), Hoch-
                                                                schule Wismar (Wismar, Deutschland), Klaipeda
Das Projekt bringt sowohl akademische als auch                  Science and Technology Park (Klaipeda, Litauen),
Einrichtungen der Wirtschaftsförderung (Indus-                  Media Dizajn (Szczecin, Polen), Pomeranian Science
trie- und Handelskammern, Business-Inkubatoren)                 and Technology Park (Gdynia, Polen), Rietavas
sowie politische Träger (Kommunen und Verbän-                   Tourism and Business Information Centre (Rieta-
de) als direkte Partner zusammen. Als assoziierte               vas, Litauen), Rietavas Women Emploment Cent-
Partner sind rund 30 Institutionen aus dem ganzen               re (Rietavas, Litauen), trafen im Oktober 2018 und
Ostseeraum in das Projekt eingebunden, die ebenso               2019 in Stettin zusammen, um das Projekt und die
verschiedene Sektoren repräsentieren – aus Wissen-              bereits erzielten Ergebnisse im Rahmen der polni-
schaft und Forschung sowie Wirtschaft und Politik.              schen Konferenzreihe „Design Plus“ vorzustellen
                                                                und neue Synergien auszuloten. Mit starkem regi-
  Im Laufe des Projektes fanden mehrere Präsenz-                onalen Bezug fanden Workshops für die mariti-
und Online-Workshops zu den Themen Marketing                    men Unternehmen aus dem Solar- und Wind-
und Management, Innovation, Design Thinking und                 energiesektor in Klaipeda (Litauen), Stettin (Polen),
Prototypisierung sowie Trainingssessions im Rahmen              Karlshamn (Schweden) und Rostock in der Zeit
von Tagungen und internationalen Kongressen statt.              von September 2018 bis Januar 2019 statt. An der
Die Ergebnisse sind das Erfassen regionaler Potenzia-           im April 2019 in Gdynia stattfindenden Konferenz
le, der Erfahrungsaustausch über Maßnahmen zum                  „Design spricht Wirtschaftssprache“ (engl. Design
Ausbau von Kapazitäten und bei der Entwicklung                  Talks Business) nahmen neben den Projektpart-
von Prototypen im Produkt- bzw. Dienstleistungsbe-              nern mehr als 150 Unternehmer aus dem südli-
reich oder bei der Umstellung unternehmensinter-                chen Ostseeraum teil.
ner Prozesse, wie beispielsweise Change-Management
oder der Änderung der Marketing- und Kommuni-
kationsstrukturen.

                                                                                                                              Foto: eigene Aufnahme

Kick-Off-Meeting mit den Projektpartnern in Gdynia, v.l.n.r. (obere Reihe): Karolina Skrzypik (Pomeranian Science and
Technology Park), Hanna Gryka (Pomeranian Science and Technology Park), Rasa Baliuleviciene (Rietavas Tourism and Business
Information Centre), Marzyn Bak (Media Dizajn), Veronika Schubring (FINT), Monika Spychalska-Wojtkiewicz (Media Dizajn),
Lawrence Henesey (Blekinge Institute of Technology). Mittlere Reihe: Paulina Lieder (Association of Polish Communes of
Euroregion Baltic), Ausra Dockeviciute (Association Rietavas Women Employment Center), Laima Dockeviciene (Rietavas Tourism
and Business Information Centre), Teresa Trabert (FINT), Steffi Groth (ATI erc gGmbH), Monika Tomczyk (Media Dizajn).
Untere Reihe: Laima Gerlitz (Hochschule Wismar), Angela Olejko (FINT) und Malgorzata Samusjew (Association of Polish
Communes of Euroregion Baltic), August 2017

                                                                                                                                                      05 | 2020 DNH
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„Der ‚Kreative Broker‘ versteht
sich als neuartiger
Dienstleister und Vermittler bei
der Zusammenarbeit von
traditionellen Unternehmen
und der Kreativbranche.“

                                                                                                                                              Foto: Michal Wojtarowicz
                                                         Prof. Achim Hack bei einem Vortrag auf der Konferenz „DesignPlus“ in Stettin,
                                                         Oktober 2019, Quelle: Michal Wojtarowicz

Transdisziplinäre Zusammenarbeit in der Zukunft          das ganze unternehmerische Ökosystem, hinterfragen
                                                         kritisch den Kunden- und Nutzerkreis und stimmen
Eine wesentliche Basis für die Aufrechthaltung der       die neuen Ideen, Lösungsansätze oder Konzepte der
Zusammenarbeit auch während der Beschränkun-             Unternehmen aufeinander ab. Dabei versteht sich
gen durch die Pandemie schafft die als Projekt-          der „Kreative Broker“ als neuartiger Dienstleister und
ergebnis entwickelte projektinterne Online-Trai-         Vermittler bei der Zusammenarbeit von traditionellen
ning-Plattform, in der Akademiker, Unterneh-             Unternehmen und der Kreativbranche mit dem Ziel,
mer und Vertreter aus Organisationen und Politik         die Innovationsfähigkeit von Unternehmen zu stei-
zusammentreffen können.                                  gern und die Kreativen verstärkt am Entwicklungs-
                                                         prozess zu beteiligen. Bereits jetzt zählen mehr als 40
  Als nächster Schritt folgt die Phase einer gemeinsa-   „Kreative Broker“ zum CTCC Creative Broker Netz-
men Prototypisierung. Dabei werden die ausgewähl-        werk, welches letztes Jahr offiziell gegründet wurde.
ten Unternehmer aus Deutschland, Litauen, Polen
und Schweden mit Kreativschaffenden zusammen-              Auch in der Zukunft werden diese Dienstleister mit
arbeiten und Prototypen im Produkt- und Dienstleis-      ihren Methoden bzw. Trainingswerkzeugen für die
tungsbereich beziehungsweise neue Marketingstra-         Vereinfachung der sektorenübergreifenden Zusam-
tegien oder Innovationen in unternehmensinternen         menarbeit ausschlaggebend sein. Die Notwendigkeit
Strukturen, wie zum Beispiel dem Change-Manage-          der Neuausrichtung vieler sozialer, umweltbezoge-
ment-Bereich, entwickeln. Die Entwicklung eines          ner und wirtschaftlicher Tätigkeitsbereiche, auch in
Prototypen für die neue Online-App zum Vertreiben        Folge der Konsequenzen durch die Corona-Pandemie,
von unverpackten Produkten des Rostocker Unter-          wird ein hohes Maß an Kreativität verlangen, die sich
nehmens oder Aufstellung einer neuen Marketing-          mithilfe einer strukturierten und auf Nachhaltigkeit
und Kommunikationsstrategie für eine Initiative der      ausgerichteten Vorgehensweise leichter entfalten
plastikfreien Stadt Rostock zählen zu den 30 Proto-      lässt. Dies ist durch das gegründete überregionale
typen, die von den ausgewählten Unternehmen in           CTCC-Netzwerk, die Einbindung von Trainingsin-
Litauen, Polen, Schweden und Deutschland entwi-          halten in die Curricula der am Projekt beteiligten
ckelt werden.                                            Bildungseinrichtungen, die Vergabe von Abschluss-
                                                         arbeiten in den Partneruniversitäten oder durch die
   Am Ende dieser Phase, die seit April 2019 bis Ende    Ausrichtung jährlicher Wettbewerbe für traditionel-
2020 verläuft, sollen 30 konkrete Lösungen entste-       le Unternehmen und Kreative geplant. Im Rahmen
hen, die für die teilnehmenden Unternehmen als           einer weiteren Verwertung von Projektideen, in der
Sprungbrett für die Einwerbung von Zukunftsinves-        Hochschullehre und -forschung sowie extern im
titionen aus den weiteren Förderungsfonds sowie          Rahmen der Ostseekooperation wird der Forschungs-
für die Sicherstellung der Finanzierung zur Erwei-       schwerpunkt zur Kreativwirtschaft und zum Design-
terung, Anpassung oder dem Ausbau von Produkt-           management institutionell verankert und ausgebaut,
linien oder Dienstleistungsprogrammen dienen             gerade mit Aussicht auf die neue Förderperiode 2021
können. Sogenannte „Kreative Broker“ analysieren         bis 2027 und die Fortsetzung des Projekts, prioritär
mithilfe eines für Projektzwecke entwickelten kreati-    im Bereich des nachhaltigen Wachstums und der
ven Auditwerkzeugs alle Unternehmensbereiche und         Stärkung des KMU-Sektors.

DNH 05 | 2020
12 Ostsee-Kooperationen

                               Mit strategischen Partnerschaften
                               Netzwerke ausbauen
                               Die Fachhochschule Kiel mit ihren sechs Fachbereichen engagiert sich seit mehr
                               als 30 Jahren in der Ostseezusammenarbeit mit dem Ziel, die Studierenden- und
                               Lehrendenmobilität zu Partnerhochschulen rund um das Mare Balticum zu stärken.
                               | Von Christine Boudin und Prof. Dr. Marco Hardiman

                               Die Fachhochschule (FH) Kiel kooperiert in acht Ostsee-       aus diesen Ländern an die FH Kiel gekommen, was
                               anrainerstaaten mit insgesamt 33 Partnerhochschulen           etwa 25 Prozent der Incoming-Erasmus-Mobilitäten
                               und hat rund 50 Erasmus-Abkommen in den verschie-             entspricht. In diesem Zahlenverhältnis wird eine der
                               denen Studiengängen auf Bachelor- und Masterpro-              Herausforderungen mit Kooperationen im Ostseeraum
                               grammebene abgeschlossen. Die Hochschulkooperatio-            erkennbar: Die Hochschulen in den Ostseeanrainer-
                               nen in Kiels Partnerstädten Tallinn (Estland) und Vaasa       ländern entsenden weniger Studierende. Besonders in
                               (Finnland) gehören zu den langjährigen Partnerschaften        Dänemark, Estland, Schweden und Norwegen ist die
                               mehrerer Fachbereiche. Mit sechs Hochschulen, über-           Outgoing-Mobilität zu uns rückgängig und nicht nur
                               wiegend Universities of Applied Sciences (UAS), wurden        seit der Corona-Pandemie. Aufgrund des Ungleichge-
                               in den Fachbereichen Medien und Wirtschaft attrakti-          wichts haben in den zurückliegenden Jahren Partner-
                               ve Doppelabschlussprogramme aufgebaut. Doppelab-              hochschulen in Dänemark und Schweden bilaterale
                               schlüsse bestehen zurzeit mit den Hochschulen in Finn-        Abkommen gekündigt, sehr zum Bedauern unserer
                               land (South-Eastern Finland UAS), Litauen (TU Vilnius         Studierenden. Neue zusätzliche Partnerschaften zu
                               und Mykolo Romerio University), Lettland (Vidzemes            initiieren war nicht einfach. Beispiel einer gelunge-
                               UAS), Norwegen (Volda UAS) und Schweden (Mälardalen           nen Kooperation ist die bereits seit dem Jahr 2003
                               University). In den Ingenieurwissenschaften bestehen          bestehende Partnerschaft des Fachbereichs Wirtschaft
                               die Kontakte zu Hochschulen in Kongsberg (Norwe-              mit der LAUREA University of Applied Sciences im
                               gen), Turku und Vaasa (Finnland) auch durch die vor           Raum Helsinki.
                               Ort ansässigen Unternehmen und Forschungszentren,
                               die den Kieler Studierenden ein Praxisprojekt oder eine
                               anwendungsbezogene Abschlussarbeit in Kooperation             Strategische Partnerschaft mit der LAUREA
                               mit Industriepartnern ermöglichen.
                                                                                             Die Zusammenarbeit der beiden Hochschulen inten-
                                 In der aktuellen Erasmusperiode, die 2014 begann,           sivierte sich ab dem WS 2006/2007 mit gemeinsamen
                               haben 274 Kieler FH-Studierende einen Auslands-               Lehrangeboten. Dabei handelte es sich um singuläre
                               aufenthalt in den Ostseeanrainerstaaten absolviert.           Kurse, beispielsweise in Jelgava (Lettland) oder Leices-
                               Das sind 44,8 Prozent unserer gesamten europäi-               ter (England), die zwar bilateral, aber auch teilweise
                               schen Mobilität. Beliebteste Zielländer sind Norwe-           mit Universitäten anderer Länder Erasmus-finanziert
                               gen und Schweden. Im Gegenzug sind 96 Studierende             durchgeführt wurden. Aufgrund des großen Anklangs
                                                                                             des Konzepts wurden diese Kurse bilateral weiterent-
                                                                                             wickelt und fanden mit der Zeit regelmäßiger statt. Mit
                                                                                             dem gemeinsamen Ansatz des International Approach
                                                                                             to Design Thinking (IADT) (vgl. Henriksson et al. 2020)
                                                                                             wurde ein anspruchsvolles bilaterales projektbasiertes
                                                                                             Kurskonzept umgesetzt, das in intensiven ein- oder
                                                                                             zweiwöchigen Blockkursen gestaltet wurde. Ab dem
                                                                                             Herbst 2016 wurden die Blockkurse seitens der LAUREA
Foto: ESN Vilnius University

                                                                                             und der FH Kiel dauerhaft angeboten. Heute ist der Kurs
                                                                                             Bestandteil im Wahlpflichtbereich des Curriculums des
                                                                                             Studiengang BA BWL mit Schwerpunkt Marketing sowie
                                                                                             des Minors „Marketing and Cross Culture“ und steht
                                                                                             zusätzlich allen Studierenden der FH Kiel als interdis-
                                                                                             ziplinärer Kurs zur Verfügung.
                               Die ESN Vilnius University in Litauen ist eine der Koopera-
                               tionspartnerinnen der FH Kiel.
                                                                                                                                                        05 | 2020 DNH
13

                                                                                       „Auch die vor Ort ansässigen Unternehmen
                                                                                       und Forschungszentren ermöglichen den
                                                                                       Kieler Studierenden ein Praxisprojekt oder

                                                    Karte: © Europäische Union, 2019
                                                                                       eine anwendungsbezogene Abschlussarbeit
                                                                                       in Kooperation mit Industriepartnern.”

Erasmus+ Strategic Partnerships                 Erfolgreicher Ansatz

Motiviert durch den Erfolg wurde von der        Der positive Verlauf dieser Aktivitäten ermu-
LAUREA UAS für eine noch weitreichende-         tigte die LAUREA und die FH Kiel, einen
re Durchführung und Finanzierung dieser         weiteren Erasmus-Projektantrag zu initiie-

                                                                                                                                          Foto: privat
Kurse ein gemeinsamer Erasmus+-Antrag im        ren. Anfang 2020 wurde der Antrag für das
Bereich Strategic Partnerships (KA 203) mit     Projekt froM Overtourism To Innovating
positivem Ergebnis gestellt. Das Programm       sOlutioNs (MOTION) bewilligt. In diesem
fördert den Austausch, die Zusammenar-          Projekt geht es in den nächsten Jahren                     Christine Boudin
beit für Innovation sowie den Erfahrungs-       darum, Innovationen für eine andere Art                    International Office
austausch für die allgemeine und berufli-       von Destinationen zu entwickeln: Ziel des
                                                                                                           christine.boudin@fh-kiel.de
che Bildung (European Commission, 2017)         Projekts ist es, Lösungen für touristische
und unterstützt ein breites Spektrum unter-     Top-Destinationen, die unter Massentou-
schiedlicher Projekte von Partnern. Für den     rismus leiden, zu entwickeln (z. B. Stätten
Antrag wurden Konsortium und Kurskon-           des UNESCO Weltkulturerbes). Im Fokus
zept auf weitere Universitäten aus Schwe-       steht der Schutz der Orte und ihrer Umwelt.
den, Schottland, Griechenland und Kroa-         Die aktuelle Corona-Situation konnte in
                                                                                                                                          Foto: Matthias Pilch
tien erweitert. Das Projekt Versatile Islands   den Antrag noch nicht einfließen, wird das
cooperating for new Services and Inno-          Projektgeschehen allerdings maßgeblich
vation in Tourism (VISIT) beinhaltete die       beeinflussen, da ein wesentlicher Teil des
Entwicklung neuer innovativer Services          Projekts die Berücksichtigung ungewisser
für den jeweiligen lokalen Tourismus auf        Zukünfte ist. In der Lehre wird das erfolg-
kleinen Inseln. Jede der Partneruniversi-       reiche Konzept der internationalen Block-                  Prof. Dr. Marco Hardiman
täten, die allesamt am Meer liegen, wenn-       kurse weitergeführt.                                       Fachbereich Wirtschaft
gleich nicht alle an der Ostsee, brachten
eine kleine Insel als Projektpartner ein. In                                                               Fachhochschule Kiel
IADT-Kursen entwickelten die Studieren-         Bilanz                                                     Sokratesplatz 1
den Serviceinnovationen in internatio-                                                                     24149 Kiel
nalen Teams, was dazu führte, dass dem          Der Aufbau des Netzwerks im Ostseeraum ist
Design-Thinking-Prozess eine neue und           für uns noch nicht abgeschlossen. Wesent-                  marco.hardiman@fh-kiel.de
weitere Kreativitätsdimension hinzugefügt       lich für unseren bislang sehr erfolgreichen
wurde. Die örtlichen Herausforderungen          Weg ist unsere Partnerschaft mit der finni-
wurden vor den vielfältigen kulturellen         schen LAUREA. Wir haben noch viele Ideen                     Literatur
Hintergründen sowie länderspezifischen          und Projekte, die wir gemeinsamen ange-
                                                                                                             European Commission (2017): Erasmus+ strategic
Erfahrungen und Gegebenheiten betrach-          hen möchten. Seit dem WS 2016/17 haben                           partnerships: Compendium 2014. [Compendi-
tet, was sich in vielfach besseren Lösun-       über diesen Weg 88 Studierende in interna-                       um]. Publications Office of the European Union.

gen widerspiegelte. Die Projektergebnisse       tionalen Teams in verschiedenen Partner-                     Henriksson, K., Mantere, P., Mänty, I., & Hardiman,
                                                                                                                M. (2020): IADT - Design Thinking with a Twist.
wurden im Nachgang in Businesspläne zur         ländern unsere Blockkurse besucht. Hinzu                        In: Hirvikoski, Tuija; Erkkilä, Laura; Fred, Minna;
Implementierung der erarbeiteten Innova-        kamen etwa ein Dutzend Lehrende. In den                         Helariutta, Ailo; Kurkela, Ilkka; Pöyry-Lassila,
                                                                                                                Päivi; Saastamoinen, Kaisla; Äyväri, Anne (Hrsg.):
tionen überführt und den teilnehmenden          letzten Jahren haben wir die Partnerschaft                      Co-creating and Orchestrating Multistakeholder
Unternehmen überreicht.                         mit unserer finnischen Partnerhochschule                        Innovation, S. 264–270. LAUREA University of
                                                                                                                Applied Sciences. http://www.theseus.fi/hand-
                                                in vielen Bereichen intensiviert und gemein-                    le/10024/344909
                                                sam unser Netzwerk durch internationale                      VISIT Erasmus+ Project – Versatile Islands coopera-
                                                Lehrveranstaltungen gefestigt.                                   ting for new Services and Innovation in Tourism.
                                                                                                                 http://www.visit-islands.eu

DNH 05 | 2020
14 Ostsee-Kooperationen

Ostseeraum lebendig:
International Management Studies
in the Baltic Sea Region
Im Jahr 1996 wurde an der Hochschule Stralsund ein betriebswirtschaftlicher
Studiengang mit dem Fokus „Ostseeraum“ eingerichtet. Welche Erfahrungen
wurden gemacht und vor welchen Herausforderungen steht der Studiengang
25 Jahre später? | Von Prof. Dr. Björn P. Jacobsen

                                                        Der Ostseeraum hatte spätestens seit          Um diese Chancen für die regional-
                Foto: Timo Roth, Hochschule Stralsund

                                                        dem Ende der Hanse im 17. Jahrhundert       wirtschaftliche Entwicklung nutzbar zu
                                                        seine wirtschaftspolitische Bedeutung       machen, hat das Land Mecklenburg-Vor-
                                                        zu einem guten Teil eingebüßt. Besten-      pommern die Hochschule Stralsund
                                                        falls für die deutschen Ostseehafenstäd-    bereits im Jahr 1996 dabei unterstützt,
                                                        te hatte diese Region naturgemäß auch       einen betriebswirtschaftlichen Studi-
                                                        weiterhin eine Bedeutung, die vorrangig     engang einzuführen, der sich auf den
                                                        von der wirtschaftlichen Entwicklung        Ostseeraum konzentriert: anfangs „Baltic
                                                        der Ostseeanrainerstaaten abhing. Der       Management Studies“ genannt und seit
            Prof. Dr. Björn P. Jacobsen                 Großteil des deutschen seewärtigen Im-      dem Jahr 2017 präziser in „Internatio-
                     Hochschule Stralsund               und Exports wurde jetzt über die Nord-      nal Management Studies in the Baltic
        Lehrgebiet: Managementlehre und                 seehäfen Hamburg und Bremen abge-           Sea Region“ umbenannt. Dieser acht-
             Internationales Management                 wickelt. Die Situation verschärfte sich     semestrige Bachelor-Studiengang wurde
                    Fakultät für Wirtschaft             infolge des Zweiten Weltkriegs, denn        in der DNH 06/2017 beschrieben, sodass
                 Zur Schwedenschanze 15                 faktisch verlief der Eiserne Vorhang von    auf eine detaillierte Darstellung an dieser
                          18435 Stralsund               der finnisch-russischen Grenzen quer        Stelle verzichtet wird. Vielmehr sollen die
                                                        durch die Ostsee, bevor er zu einer Land-   derzeitigen und zukünftigen Herausfor-
   www.hochschule-stralsund.de/jacobsen                 grenze wurde. „Irgendwie“ hatten sich       derungen des Studiengangs im Kontext
 bjoern.jacobsen@hochschule-stralsund.de                die Anrainer in dieser Situation einge-     der Ostseeraumzusammenarbeit skizziert
                                                        richtet, was zu einem weiteren Wahr-        werden.
                                                        nehmungs- und Bedeutungsverlust des
                                                        Ostseeraums aus deutscher Perspektive
                                                        führte. In der Bundesrepublik dauer-        Fokus Ostseeraum –
                                                        te es bis zum Jahr 1988, als der damals     Wunsch und Wahrnehmung
                                                        neu gewählte schleswig-holsteinische
                                                        Ministerpräsident Björn Engholm die         Die grundsätzlichen wirtschafts- und
                                                        Chancen der Ostseeraumzusammenar-           bildungspolitischen Intentionen im Jahre
                                                        beit für sein Bundesland erkannte und       1996 waren (und sind) einleuchtend: ein
                                                        das Thema auf die politische Agen-          betriebswirtschaftlicher Studiengang, der
                                                        da setzte. Das entscheidende Ereignis,      die Absolventinnen und Absolventen befä-
                                                        welches aus dem geteilten Binnenmeer        higt, sich in dem prosperierenden, aber von
                                                        einen neuen, starken Wirtschaftsraum        vielen nationalen und regionalen Besonder-
                                                        entstehen ließ, war der Fall des Eiser-     heiten geprägten Wirtschaftsraum Ostsee
                                                        nen Vorhangs. Speziell die norddeut-        erfolgreich zu bewegen. Diesen Intentionen
                                                        schen Bundesländer, allen voran Meck-       trug und trägt der Studiengang zum einen
                                                        lenburg-Vorpommern, erkannten und           durch die Sprachlichkeit Rechnung: Die
                                                        ergriffen die Chancen – ohne dass sich      Studieninhalte werden komplett in engli-
                                                        jedoch bis heute auf bundesdeutscher        scher Sprache vermittelt und es besteht
                                                        Ebene ein wirklicher Wahrnehmungs-          die Verpflichtung, mindestens eine weite-
                                                        wandel vollzogen hätte.                     re Sprache des (erweiterten) Ostseeraums

                                                                                                                                  05 | 2020 DNH
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                                                                                                     „Während aus deutscher Sicht die
                                                                                                     wirtschaftlichen Chancen nicht
                                                                                                     vornehmlich im Norden liegen, ist
                                                                                                     Deutschland umgekehrt der wichtigste
                                                                                                     Wirtschaftspartner für die meisten

                                                             Foto: Timo Roth, Hochschule Stralsund
                                                                                                     Ostseeanrainerstaaten.“

– derzeit Norwegisch, Schwedisch oder Russisch – zu                                                  die meisten Ostseeanrainerstaaten. Diese Tatsache
erlernen. Zum anderen legt der Studiengang Wert auf                                                  greift der Studiengang „International Management
die Vermittlung interkultureller Kompetenz mit einem                                                 Studies in the Balic Sea Region“ auf und sucht gezielt
Schwerpunkt auf den Kulturen des Ostseeraums. Abge-                                                  Kontakt zu Schulen mit deutschsprachigem Zweig
rundet wird dies durch curricular verankerte Exkursi-                                                im Ostseeraum. Ergänzt werden diese Bemühun-
onsangebote und die jährliche Studierendenkonferenz                                                  gen durch Abkommen mit Partnerhochschulen im
„Baltic Sea Forum“ zu jeweils einem Länderschwer-                                                    Ostseeraum, um so verstärkt ausländische Studie-
punkt der Region. Damit ist Schritt für Schritt ein fokus-                                           rende – sei es in Vollzeit oder im Austausch – in
sierter Studiengang entstanden.                                                                      den Studiengang zu integrieren. Bei den Hochschul-
                                                                                                     partnerschaften handelt es sich neben den „klassi-
  Die Herausforderung besteht – nach wie vor – darin,                                                schen“ ERASMUS-Vereinbarungen in der Regel um
dieses Studienangebot über den norddeutschen Raum                                                    Double-Degree-Abkommen, die es den Studieren-
hinaus bei Studieninteressierten zu positionieren.                                                   den ermöglichen, ohne Verlängerung der Studienzeit
Eine der wesentlichen Gründe liegt dabei erfahrungs-                                                 einen Abschluss an der Hochschule Stralsund und
gemäß in der bereits angesprochenen Wahrnehmung                                                      gleichzeitig an der ausländischen Partnerhochschu-
des Ostseeraums, den man bestenfalls als Urlaubsre-                                                  le zu erwerben. Derzeit bestehen solche Abkommen
gion, nicht jedoch als starke Wirtschaftsregion sieht:                                               mit Partnern in Finnland, Litauen, Polen und Russ-
Silicon Valley kennt jeder, Medicon Valley nur die                                                   land. Die Wahrnehmung dieser Angebote seitens
Eingeweihten.                                                                                        der Studierenden gestaltet sich positiv, sodass hier
                                                                                                     ein wirklicher Mehrwert entstanden ist und weiter
                                                                                                     ausgebaut werden soll.

                                                                                                       Für einen vergleichsweise kleinen – und damit
                                                                                                     ressourcenmäßig eng begrenzten – Studiengang
                                                                                                     besteht die Herausforderung, diese Abkommen auszu-
                                                                                                     arbeiten, zu pflegen und vor allem in die prakti-
                                                                                                     sche Umsetzung zu bringen. Dies ist mit Bord- bzw.
                                                                                                     zeitlich begrenzten Projektmitteln nachhaltig nicht
                                                                                                     leistbar. Durch die Aufnahme der Internationalisie-
                                                                                                     rung und speziell den Ausbau der Double-Degree-Ab-
                                                             Foto: privat

                                                                                                     kommen in den Hochschulentwicklungsplan der
                                                                                                     Hochschule Stralsund sowie die geplante finanzi-
Abbildung 1: Studierende in der Original Kulisse des IKEA                                            elle Unterstützung seitens des Bildungsministeri-
Katalogs, Älmhult, Schweden                                                                          ums Mecklenburg-Vorpommern werden derzeit die
                                                                                                     ersten Weichen für eine nachhaltige Zukunftsent-
   Es handelt sich hierbei um eine „Süd-Nord“-Heraus-                                                wicklung gestellt.
forderung: Während aus deutscher Sicht die wirt-
schaftlichen Chancen nicht vornehmlich im Norden                                                       Es kann festgehalten werden, dass es somit gelun-
liegen, ist Deutschland umgekehrt der (oder zumin-                                                   gen ist, ein interessantes Studienangebot zu entwi-
dest einer der) wichtigste(n) Wirtschaftspartner für                                                 ckeln, welches Studierende mit den Kompetenzen

DNH 05 | 2020
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