GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm

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GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm
KOMPAKT

      (UN)
     GLEICH-
   BERECHTIGT
             Frauen zwischen
          Klischees und Karriere

                                                              UNSPL ASH / R ACHEL PFUE T ZNER (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)
  Sexismus           Stereotype         Diskriminierung
Von »Herrenwitzen«   Weiblich, fähig,    Entwicklungshilfe
   bis #MeToo         ungeeignet         per Gleichstellung
GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm
EDITORIAL                                                                      IMPRESSUM
                  Michaela Maya-Mrschtik                                       Chefredakteure: Prof. Dr. Carsten Könneker (v.i.S.d.P.)
                                                                               Redaktionsleiter: Dr. Daniel Lingenhöhl
                  E-­Mail: michaela.maya-mrschtik@spektrum.de                  Art Director Digital: Marc Grove
                                                                               Layout: Oliver Gabriel, Marina Männle

                  Liebe Leser*innen,
                                                                               Schlussredaktion: Christina Meyberg (Ltg.), Sigrid Spies,
                                                                               Katharina Werle
                                                                               Bildredaktion: Alice Krüßmann (Ltg.), Anke Lingg, Gabriela Rabe
                  vor 100 Jahren, im Jahr 1918, errangen Frauen in             Produktmanagement Digital: Antje Findeklee,
                                                                               Dr. Michaela Maya-Mrschtik
                  Deutschland erstmals das Wahlrecht. Seither haben sie        Verlag: Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH,
                                                                               Tiergartenstr. 15–17, 69121 Heidelberg, Tel. 06221 9126-600,
                  sich zahlreiche Privilegien erkämpft, die zuvor nur Männer   Fax 06221 9126-751; Amtsgericht Mannheim, HRB 338114,
                                                                               UStd-Id-Nr. DE229038528
                  genießen durften. Viele meinen deshalb, die Gleichstellung   Geschäftsleitung: Markus Bossle
                                                                               Marketing und Vertrieb: Annette Baumbusch (Ltg.),
                  von Mann und Frau sei abgeschlossen – Frauen hätten          Michaela Knappe (Digital)
                                                                               Leser- und Bestellservice: Helga Emmerich, Sabine Häusser,
                  heute bereits die gleichen Möglichkeiten und Chancen         Ilona Keith, Tel. 06221 9126-743, E-Mail: service@spektrum.de
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                  wie ihre Landsmänner. Doch so einfach ist die Sache          Die Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH ist Kooperations-
                                                                               partner der Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation
                  nicht: Auch 2018 stehen Frauen weiterhin vor strukturellen   gGmbH (NaWik).

                  und gesellschaftlichen Barrieren, die einer wahren           Bezugspreis: Einzelausgabe € 4,99 inkl. Umsatzsteuer

                  Gleichstellung der Geschlechter im Weg stehen. Vorurteile,   Anzeigen: Wenn Sie an Anzeigen in unseren Digitalpublikationen
                                                                               interessiert sind, schreiben Sie bitte eine E-Mail an

                  (oft subtile) Unterdrückung, Sexismus und sexuelle Gewalt    service@spektrum.de.

                  verhindern, dass Menschen unabhängig ihres Geschlechts       Sämtliche Nutzungsrechte an dem vorliegenden Werk liegen bei
                                                                               der Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesellschaft mbH. Jegliche

                  sich in Beruf und Alltag auf Augenhöhe treffen können. In    Nutzung des Werks, insbesondere die Vervielfältigung, Verbreitung,
                                                                               öffentliche Wiedergabe oder öffentliche Zugänglichmachung, ist

                  diesem Kompakt gehen wir einigen dieser Probleme auf         ohne die vorherige schriftliche Einwilligung des Verlags unzulässig.
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                                                                               autorisierten (oder gesetzlich gestatteten) Nutzung des Werks ist
                                                                               die folgende Quellenangabe an branchenüblicher Stelle vorzu-
                                                                               nehmen: © 2018 (Autor), Spektrum der Wissenschaft Verlagsgesell-
                                                                               schaft mbH, Heidelberg. Jegliche Nutzung ohne die Quellenangabe
                  Eine erkenntnisreiche Lektüre wünscht Ihre                   in der vorstehenden Form berechtigt die Spektrum der Wissenschaft
                                                                               Verlagsgesellschaft mbH zum Schadensersatz gegen den oder die
                                                                               jeweiligen Nutzer. Bildnachweise: Wir haben uns bemüht,
                                                                               sämtliche Rechteinhaber von Abbildungen zu ermitteln. Sollte
                                                                               dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt
                                                                               werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
                                                                               Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte und Bücher
                                                                               übernimmt die Redaktion keine Haftung; sie behält sich vor,
                  Erscheinungsdatum dieser Ausgabe: 10.09.2018                 Leserbriefe zu kürzen.

                                                                                                                                                         2
GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm
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                                      SEITE                                                                                                   GLEICHBERECHTIGUNG
                                                                                                                                                                          Weiblich, fähig, ungeeignet
                                       04                                                                                              Weiblich, fähig, ungeeignet
                                                                                                                                                                     12   STEREOT YPE
                                                                                                                                                                          Die Geniefalle
                                                                                                                                                                     21   MIS SBR AUCH IN DER THER APIE
                                                                                                                                                                          »Er wirkte wie ein gütiger alter Herr«
                                                                                                                                                                     28   SE XUELLE BEL ÄSTIGUNG
                                                                                                                                                                          #MeToo im Labor?
                                                                                                                                                                     34   HERRENWIT ZE
                                                                                                                                                                          »Sexismus ist heute subtiler«
                                                                                                                                                                     40   LINGUISTIK
DIANE39 / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

                                                                                                                                                                          Kulturwandel zeigt sich im Sprachgebrauch
                                                                                                                                                                     42   GLEICHSTELLUNG
                                                                                                                                                                          Die beste Entwicklungshilfe
                                                                                                                                                                     51   WEIBLICHER Z YKLUS
                                      SEITE   SE XUELLE BEL ÄSTIGUNG                                                GLEICHSTELLUNG                           SEITE        Mythos PMS
                                       28       #MeToo im Labor?                                                    Die beste Ent-                            42
                                                                                                                                                                     56   VERHÜTUNG
                                                                                                                    wicklungshilfe
                                                                                                                                                                          Für immer Frauensache?
                                                                       ECLIPSE _IMAGES / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

                                                                                                                                                                     63   LINGUISTIK
                                                                                                                                                                          Wie »gender« darf die Sprache werden?

                                                                                                                    V ERHÜ T UNG                             SEITE
                                                                                                                    Für immer Frauensache?                    56
 LIKOPER / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

                                                                       TOEPS / GE T T Y IMAGES / ISTOCK

                                                                                                                                                                                                                      3
GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm
GLEICHBERECHTIGUNG

Weiblich,
fähig,
ungeeignet
von Liesa Klotzbücher
Auf ihrem Weg in eine Führungsposition müssen
Frauen mehr Hindernisse überwinden als Männer.

                                                 MIMAGEPHOTOS / STOCK.ADOBE.COM (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)
Manchmal stehen sie sich auch selbst im Weg.

                                                                                                        4
GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm
I
       n der politischen Führungsriege des     erklärte sie 2015 in einer Rede vor dem Bun-
       Landes stand es 6 : 10. Sechs Frauen    desrat. »Drei Viertel der Frauen, die berufs-    AUF EINEN BLICK
       und zehn Männer bildeten die letzte     tätig sind, sagen: Es geht in der Arbeitswelt
       Bundesregierung. Auch der Bundes-       ungerecht zu.« Es gelte, endlich die Lücke
                                                                                                Hürdenlauf zum
       tag war zu 36 Prozent weiblich – im     zu schließen, die zwischen der im Grundge-       Chefsessel
Vergleich zu den Führungsetagen der Wirt-      setz verankerten gleichberechtigten Teilha-
                                                                                                1 W
                                                                                                   eibliche Führungskräfte bilden nach wie
schaft geradezu vorbildlich. So war Ende       be von Frauen und Männern und der Le-
                                                                                                  vor eine Minderheit. So ist nur rund jeder
2015 lediglich jeder fünfte Aufsichtsrat und   benswirklichkeit bestehe.                          20. Vorstandsposten der größten deut-
nur rund jeder 20. Vorstand der 100 größ-         Nicht nur Politiker und Wirtschaftswis-         schen Unternehmen von einer Frau be-
ten deutschen Unternehmen weiblich.            senschaftler, sondern auch Psychologen be-         setzt.
   Von großen Veränderungen war dort zu-       schäftigen sich mit dem altbekannten Phä-
letzt wenig zu spüren: Seit 2006 stieg etwa    nomen, dass gut ausgebildete Frauen häufig       2 E in bedeutsamer Grund hierfür sind Ge-
der Anteil der Aufsichtsrätinnen bei den       auf ihrem Karriereweg an eine Barriere sto-        schlechterstereotype: Sie halten sich
                                                                                                  hartnäckig und verändern sich nur lang-
100 größten Banken und Sparkassen um           ßen, an der es nicht weitergeht. Forscher
                                                                                                  sam.
insgesamt lediglich 6 Prozentpunkte; er        sprechen von der »glass ceiling«, auf Deutsch
liegt aktuell bei 21 Prozent. Dabei arbeiten   »gläserne Decke«. Sie behindere den weite-       3 A
                                                                                                   uf dem Weg nach oben laufen Frauen
in der Finanzbranche insgesamt mehr            ren Aufstieg nach oben massiv, sei aber            Gefahr, an eine »gläserne Decke« zu sto-
Frauen als Männer. Die Dynamik gleiche         durchsichtig und daher leicht zu übersehen.        ßen oder nur in einer prekären Lage des
»dem Ritt auf einer Schnecke«, so die Bi-         Doch was ist der Grund dafür? Laut Psy-         Unternehmens Führungsaufgaben über-
                                                                                                  tragen zu bekommen.
lanz von Elke Holst vom Deutschen Insti-       chologen sind vor allem Geschlechterste-
tut für Wirtschaftsforschung und Anja          reotype verantwortlich (siehe »Kurz er-
Kirsch von der Freien Universität Berlin,      klärt«). Sowohl Männer als auch Frauen
die diese Zahlen in ihrem »Managerin-          sind nicht vor ihnen gefeit; oft sind sie sich
nen-Barometer« präsentierten.                  ihrer überhaupt nicht bewusst. Studien ha-
   Die ehemalige Familienministerin Ma-        ben gezeigt, dass beide Geschlechter Frau-
nuela Schwesig wollte das ändern. »Abituri-    en vermehrt sozial verträgliche, umsor-
enten und Studienabsolventen sind in der       gende Eigenschaften zuschreiben. Sie gel-
Mehrzahl Frauen – und sie merken, dass sie     ten etwa als hilfsbereit, mitfühlend und
nicht in den Führungsetagen ankommen«,         freundlich. Das bezeichnen Forscher als

                                                                                                                                               5
GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm
»gemeinschaftsorientiert«. Männer gelten
dagegen eher als »handlungsorientiert«,
zum Beispiel unabhängig, ehrgeizig und        Kurz erklärt
durchsetzungsstark.
                                              STEREOTYPE
    Fragt man Menschen, wie eine erfolgrei-
                                              Verbreitete Überzeugungen über die Mitglieder einer sozialen Gruppe – etwa
che Führungskraft sein muss, so nennen
                                              Frauen, ethnische Minderheiten oder Homosexuelle. Sie sind oft, aber nicht im-
die meisten solche handlungsorientierten
                                              mer negativ (zum Beispiel »Mädchen sind schlechter in Mathe«) und dienen
Eigenschaften. Das Konzept von Führung
                                              dazu, komplexe Zusammenhänge zu vereinfachen, indem sie auf Basis von
ist in unseren Köpfen also stark mit »männ-
lichen« Persönlichkeitszügen verknüpft.
                                              Gruppenzugehörigkeit pauschalisieren. Stereotype können für die betroffenen
Im englischsprachigen Raum hat sich der       Gruppen negative Konsequenzen nach sich ziehen, von offener Diskriminierung
Ausspruch »think manager, think male«         bis zur selbsterfüllenden Prophezeiung. So schneiden Mädchen tatsächlich we-
eingebürgert, was so viel heißt wie »Denk     niger gut bei Rechenaufgaben ab, wenn man ihnen zuvor sagt, Mädchen seien
ich an Manager, denk ich an Männer«.          darin grundsätzlich schlechter als Jungen.
    »Die Vorstellung ›typisch Mann, typisch
Frau‹ hält sich hartnäckig«, bestätigt die
                                              IMPLIZITER ASSOZIATIONSTEST
Sozialpsychologin Melanie Steffens von        Ein sozialpsychologisches Messverfahren, das unbewusste, automatische Asso-
der Universität Koblenz-Landau. Ge-           ziationen erfasst. Dem Probanden werden auf dem Bildschirm Wörter wie »liebe-
schlechterstereotype würden nur nicht         voll« präsentiert, die er so schnell wie möglich zwei gegensätzlichen Begriffen
mehr so unverblümt ausgesprochen.             einer Kategorie zuordnen soll (etwa Frau oder Mann und warm oder kalt). Dazu
                                              drückt er entsprechende Tasten. Zwei Begriffe (etwa Frau und warm) belegen
Sexismus ist heute subtiler                   dabei dieselbe Taste; nach einer gewissen Zeit wechselt die Zuordnung (Mann
Unverhohlenen sexistischen Äußerungen         und warm). Ist der Proband schneller, wenn bei »liebevoll« die Taste für »Frau«
stimmen seit den 1970er Jahren immer we-      und für »warm« dieselbe ist, geht man davon aus, dass diese Begriffe in seinem
niger Menschen zu. Sexismus funktioniert      Gedächtnis implizit miteinander verknüpft sind. Der Test basiert auf der Annah-
heute subtiler – etwa, indem man die Dis-     me, Informationen seien im Gedächtnis in Form von assoziativen Netzwerken
kriminierung von Frauen leugnet. Und          gespeichert.
hinter mancher »ritterlichen« Einstellung
gegenüber Frauen verbirgt sich eine pater-

                                                                                                                                6
GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm
nalistische Sicht: So stimmen Probanden,
                                              FRAU AN DER SPITZE        die Sätze bejahen wie »Frauen sollten von
                              Angela Merkel ist laut der Forbes-Liste   Männern umsorgt und beschützt werden«,
                           2016 der drittmächtigste Mensch der Welt.    auch eher feindseligen Aussagen gegen-
                           Insgesamt sind aber nur 6 der 74 einfluss-   über Frauen zu (etwa »Viele Frauen versu-
                                  reichsten Persönlichkeiten auf der    chen, unter dem Deckmantel der Gleichbe-
                                                Forbes-Skala Frauen.    rechtigung besondere Vergünstigungen zu
                                                                        erlangen«).
                                                                           Ebenso haben auch Männer, die von der
                                                                        gesellschaftlichen Norm abweichen, mit
                                                                        Diskriminierung zu rechnen, wie Laurie
                                                                        Rudman und Kris Meschner von der Rut-
                                                                        gers University in New Brunswick (USA)
                                                                        2013 zeigten. Sowohl männliche als auch
                                                                        weibliche Probanden empfanden einen
                                                                        männlichen Angestellten, der den Perso-
                                                                        nalchef um eine zwölfwöchige Elternzeit
                                                                        bat, als unsicherer, weniger ehrgeizig und
                                                                        durchsetzungsfähig. Sie verneinten außer-
                                                                        dem häufiger Aussagen wie »Er macht
                                                                        Überstunden, wenn es nötig ist« oder »Er
                                                                        ist bei der Arbeit respektiert« und schlu-
                                                                        gen ihn seltener für eine Beförderung, ein
                                                                        Führungskräftetraining oder eine Gehalts-
                                                                        erhöhung vor. Ob Männer, die in Elternzeit
ISTOCK / R ALPH ORLOWSKI

                                                                        gehen oder wegen der Familie nur halbtags
                                                                        arbeiten, negativer bewertet werden als
                                                                        Frauen, ist unklar. Manche Untersuchun-
                                                                        gen deuten darauf hin, andere nicht.

                                                                                                                     7
GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm
Da »kontrastereotypes« Verhalten häu-     handlungen mit einem weiblichen oder
fig auf Unverständnis stößt oder gar zu      männlichen Chef. Gegenüber einer Vorge-
                                                                                            Die »Frauenquote«
Sanktionen führt, vermeiden es viele. Das    setzten agierten männliche Probanden da-
zeigt zum Beispiel eine weitere Studie von   bei aggressiver und verlangten einen deut-     Ab dem 1. Januar 2016 gilt für alle bör-
Rudman, in der die Teilnehmer Dinge ge-      lich höheren Lohn. Sollten sie eine Bonus-     sennotierten und »voll mitbestimmungs-
fragt wurden wie »Wann wurde das Haar-       zahlung mit einem Kollegen teilen, so          pflichtigen« Unternehmen, deren Auf-
                                                                                            sichtsrat aus ebenso vielen
spray erfunden?« oder »Wer hat zum ers-      gaben sie weniger ab, wenn es sich dabei
                                                                                            Arbeitnehmern wie Aktionären besteht,
ten Mal Flammenwerfer in einer Schlacht      um eine in der Hierarchie höhergestellte       eine vorgeschriebene Mindestquote an
eingesetzt?«. Erfahrungsgemäß weiß so        Frau handelte. Dieses Verhalten dient laut     Frauen von 30 Prozent in Aufsichtsräten.
etwas kein Mensch. Hinterher erhielten       einer Theorie dazu, das männliche Selbst-      Rund 100 Unternehmen sind von der
alle Probanden die fingierte Rückmeldung,    bild zu schützen, das durch die Konstellati-   Regelung betroffen, die meisten von
sie hätten den ersten Platz im Wissensquiz   on gefährdet ist. Und tatsächlich bewerten     ihnen haben mindestens 2000 Arbeitneh-
                                                                                            mer. Die Firmen müssen bei jedem neu
belegt – und zwar entweder in der Katego-    Probanden Männer mit einem weiblichen
                                                                                            zu besetzenden Posten im Aufsichtsrat
rie »Männerfakten« oder »Frauenfakten«.      Chef als weniger maskulin als jene mit ei-
                                                                                            so lange eine Frau (oder einen Mann)
Außerdem fragte man sie, ob sie mit der      nem männlichen Chef.                           berücksichtigen, bis die Geschlechter-
Veröffentlichung ihres Siegs auf einer           In einem weiteren Versuch überprüften      quote erfüllt ist. Sonst bleibt der Platz
Homepage einverstanden seien. Männer,        die Wissenschaftler, ob der wahrgenomme-       leer. Dieselbe Vorgabe besteht auch für
die vermeintlich über hervorragendes         ne Führungsstil die Bereitschaft zu teilen     Aufsichtsratsgremien, in denen der Bund
weibliches Wissen verfügten, und Frauen,     beeinflusst. Einer machtorientierten und       mehr als zwei Sitze innehat. Etwa 3500
                                                                                            weitere Unternehmen müssen selbst
die sich besonders gut in der Männerdo-      ehrgeizigen Vorgesetzten gaben männliche
                                                                                            Zielgrößen für Vorstand, Aufsichtsrat und
mäne auskannten, stimmten dem selte-         Probanden weniger von ihrem Bonus ab als       die obersten Managementebenen formu-
ner zu. Erkundigte sich der Versuchsleiter   einem Mann mit diesen Eigenschaften. Ge-       lieren, um ihren Frauenanteil zu erhöhen.
anschließend, in welcher Kategorie eine      genüber einer ergebnisorientierten Mana-
Person gewonnen habe, log diese ihn häu-     gerin zeigten sie sich dagegen ähnlich groß-
fig sogar an.                                zügig wie gegenüber einem vergleichbaren
   Welche Konsequenzen Stereotype im         Mann. Frauen überließen weiblichen und
Arbeitsalltag haben können, demonstrier-     männlichen Führungskräften im Schnitt
te eine Studie der Universität Mailand von   denselben Betrag, egal welchen Führungs-
2015. Die Forscher simulierten Gehaltsver-   stil diese an den Tag legten.

                                                                                                                                        8
GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm
Doch Stereotype sind nicht unveränder-      gangenen Jahrzehnte weit weniger verän-
lich, sie können sich wandeln. »Das ist aber   dert. Man kann das sich wandelnde               Wissenschaftlerinnen verdienen, wenn man
ein langsamer Prozess«, erklärt Steffens. In   weibliche Stereotyp als positiven Schritt       Fach, Rang und Dienstjahre berücksichtigt,
einer 2014 veröffentlichten Studie nutzte      werten. Auf der anderen Seite kann es Frau-     in den USA im Jahr gut 3000 Dollar weniger
die Sozialpsychologin den so genannten         en überfordern, all diesen Rollen gerecht       als männliche Kollegen, und zwar sowohl in
                                                                                               von Frauen als auch in von Männern domi-
Impliziten Assoziationstest (siehe »Kurz       werden zu wollen. So erledigen laut Befra-
                                                                                               nierten Fächern.
erklärt«). Dieses Verfahren basiert auf der    gungen voll berufstätige Frauen trotzdem
Annahme, man könne über die Reaktions-         noch den Großteil der Hausarbeit. Und           Psychol. Women Q. 33, S. 410–418, 2009
zeit Rückschlüsse auf sexistische oder ras-    wenn Frauen etwa 70 und Männer 30 Pro-
sistische Einstellungen ziehen, die Men-       zent der Kindererziehung übernehmen,
schen in expliziten Tests möglicherweise       dann haben viele Paare bereits das Gefühl,    haben, schließlich begegnet uns die Bun-
verheimlichen würden. Das Ergebnis: Ei-        es gehe bei ihnen gerecht zu. Diese »second   deskanzlerin bereits seit 2005 ständig in
genschaften wie »liebevoll« sahen alle eher    shift« (auf Deutsch: zweite Schicht) nach     den Medien.
als weiblich an, »gefühlskalt« als männlich.   der Arbeit bringe Frauen unter enormen
Sowohl Männer als auch Frauen assoziier-       Zeitdruck, erklärt Steffens. Die Zeit fehle   Fördert eine Kanzlerin
ten jedoch das eigene Geschlecht implizit      dann, um »networking« zu betreiben und        die Gleichstellung?
mit »Kompetenz«. Dass Menschen dazu            die Karriere voranzubringen.                  Dass Merkels Vorbild andere Frauen dazu
neigen, intuitiv ihre soziale Gruppe zu be-       Wie Stereotype gezielt verändert wer-      animiere, Karriere zu machen, ist laut Stef-
vorzugen, ist bekannt. Dennoch hatten bei-     den können, lässt sich bisher nicht befrie-   fens nicht unbedingt der Fall. Eine Spitzen-
de Geschlechter in früheren Untersuchun-       digend beantworten. In einer Studie der       frau könne auch abschrecken, wenn Ge-
gen Kompetenz stärker Männern zuge-            Organisationspsychologen Niels Van Qua-       schlechtsgenossinnen sich nicht mit ihr
schrieben. Auch andere Befunde legen           quebeke und Anja Schmerling von 2010          identifizieren (etwa »Das könnte ich nicht«
nahe, dass Frauen mittlerweile »männli-        verbanden Probanden weibliche Vorna-          oder »So wie Angela Merkel will ich nicht
che« Eigenschaften zugesprochen werden,        men ebenso schnell wie männliche mit          sein«). »Ein paar Gegenbeispiele reichen
während sie gleichzeitig nach wie vor als      Führungsaufgaben, wenn sie zuvor Bilder       nicht aus, um Stereotype aufzubrechen«,
einfühlsam oder unterstützend gelten.          von Spitzenpolitikerinnen wie Angela          sagt die Sozialpsychologin. Nur wenn mehr
   Frauen haben offenbar eine weitere so-      Merkel betrachtet hatten. Nach diesem Be-     Frauen Spitzenpositionen innehätten,
ziale Rolle erhalten. Das Stereotyp des Man-   fund dürften wir hier zu Lande keinen         stünden auch genügend weibliche Vorbil-
nes hat sich dagegen im Verlauf der ver-       Mangel an weiblichen Führungskräften          der zur Wahl.

                                                                                                                                            9
GLEICH-BERECHTIGT (UN) - Margrit Stamm
Steffens vergleicht den Karriereweg von       nis: Vor allem in Krisenzeiten oder wenn           »In Krisenzeiten passt das männlich ge-
Frauen mit einem Hürdenlauf, der bereits         sich die Firma in einem Abwärtstrend be-        prägte Bild der idealen Führungskraft nicht
damit beginne, dass Eltern und Lehrer bei        findet, werden Frauen an die Spitze beru-       mehr so gut«, fasst Bruckmüller die Befun-
Mädchen technische Begabungen und                fen. Die beiden Wirtschaftspsychologen          de zusammen. In einer schwierigen Phase
Führungspotenziale weniger gut erken-            nannten ihre Entdeckung die »gläserne           erhofften sich Menschen von einem Chef
nen. Wer dennoch die »gläserne Decke«            Klippe«: Wenn die Firma zu kämpfen hat,         ein gutes Gespür für die Mitarbeiter – et-
durchbricht, den erwartet danach eine wei-       ist auch der Chefsessel wacklig und das Ri-     was, was als typisch weiblich gilt. Manch-
tere Hürde, so Michelle Ryan und Alexan-         siko zu scheitern besonders groß.               mal gehe es einer Firma aber auch darum,
der Haslam von der University of Exeter.             Doch weshalb bekommen Frauen, wenn          mit einer weiblichen Führungskraft ein
Auf die Spur hatte sie die Journalistin Eliza-   es brenzlig wird, leichter als sonst das Zep-   sichtbares Zeichen des Neuanfangs und
beth Judge gebracht, die in der englischen       ter in die Hand? Sind sie womöglich beson-      der Veränderung zu setzen. Gleichzeitig
Tageszeitung »The Times« im Jahr 2003 re-        ders fähig, knifflige Führungsposten zu         berichteten Frauen in Führungspositionen
sümierte, der Triumphmarsch der Frauen           übernehmen? Oder schützen Männer Ge-            von wesentlich weniger Unterstützung als
in die Vorstandsetagen habe nur Chaos an-        schlechtsgenossen eher vor einer solchen        Männer, was die Situation für sie beson-
gerichtet. Judge hatte den Prozentsatz           Lage, indem sie lieber Frauen der Gefahr        ders schwierig mache.
weiblicher Vorstände bei den 100 größten         aussetzen? Männliche Befragte neigten je-          Vor solchen Mechanismen kann die
und umsatzstärksten Unternehmen des              denfalls stärker als weibliche dazu, das Phä-   neue Quotenregelung, die am 1. Januar
Landes berechnet. Von jenen zehn Firmen          nomen zu verharmlosen oder seine Exis-          2016 in Kraft trat, Frauen nicht schützen.
mit den meisten Frauen im Vorstand hat-          tenz anzuzweifeln.                              Manuela Schwesig bezeichnet sie dennoch
ten sechs im Vergleich zu den anderen                Nach einer Überblicksarbeit von Susan-      als historischen Schritt. »So selbstverständ-
Top-100-Unternehmen die schlechtesten            ne Bruckmüller von der Universität Kob-         lich, wie Frauen heute wählen, werden sie
Leistungen erbracht. Überdurchschnittlich        lenz-Landau und Kollegen aus dem Jahr           in den Führungsetagen mitbestimmen«,
erfolgreich dagegen waren fünf Unterneh-         2014 hielten weibliche wie männliche Pro-       glaubt sie. Andere beurteilen das skepti-
men mit männlichen Vorständen gewesen.           banden Frauen tatsächlich oft für besser ge-    scher. »Die Frauenquote ist nur ein Ein-
Waren Frauen schlicht ungeeignet für Füh-        eignet als Männer, die Führung einer Firma      stieg«, sagt die Ökonomin Elke Holst. Sie
rungsaufgaben?                                   in angespannter wirtschaftlicher Lage zu        sei das Resultat gescheiterter Selbstver-
   Ryan und Haslam erschien Jugdes               übernehmen. In »guten Zeiten« tendierten        pflichtungen. Und auch in der jetzigen
Schlussfolgerung zu einfach. Sie schauten        sie hingegen dazu, männliche Kandidaten         Form appelliere man damit großteils an
sich den Datensatz genauer an. Ihr Ergeb-        der weiblichen Konkurrenz vorzuziehen.          Firmen, sich freiwillig Quoten aufzuerle-

                                                                                                                                                 10
gen. Doch die Unternehmenskultur müsse           durch die Quote Frauen in Führungsposi-                        Führungspositionen in der Privatwirtschaft und im öffentli-
sich grundlegend ändern – etwa in puncto         tionen auf lange Sicht selbstverständli-                       chen Dienst. Juli 2015. PDF abrufbar unter: http://t1p.
Flexibilität bei Arbeitszeiten und Karriere-     cher werden und Stereotype aufweichen.                         de/0ymw
modellen.                                        »Doch Phänomene wie die gläserne Klippe                        Holst, E., Kirsch, A.: Weiterhin kaum Frauen in den Vorstän-
   »Quoten führen zu negativen Nebenef-          verdeutlichen die Grenzen von Quotenre-                        den großer Unternehmen: Auch Aufsichtsräte bleiben Män-
fekten«, sagt Melanie Steffens. Es bestehe       gelungen«, sagt die Sozialpsychologin.                         nerdomänen. In: DIW-Wochenbericht 82, S. 47–60, 2015
die Gefahr eines neuen Stereotyps: das der       Gleichberechtigung sei eben mehr als nur                       Holst, E.,Kirsch, A.: Finanzsektor: Frauenanteile in Spitzen-
Quotenfrau, die ihre Position nur ihrem          ein Zahlenspiel.                                             gremien bleiben gering. In: DIW-Wochenbericht 82, S. 62-
Geschlecht verdankt. Um Skeptiker zu                                                                            71,2015
überzeugen, müsse sie härter arbeiten und        (Gehirn&Geist, 2/2016, aktualisiert)                           Ebert, I. et al.: Warm, but maybe not so Competent?—Con-
bessere Ergebnisse liefern. Bekannterma-                                                                        temporary Implicit Stereotypes of Women and Men in Ger-
ßen schwächt es das Selbstbild, nur eine         Literaturtipp                                                  many. In: Sex Roles 70, S. 359-375, 2014
Quote zu erfüllen. Erklärt man jemandem,         Steffens, M. C ., Ebert, I. D.: Frauen – Männer – Karrieren.   Ryan, M., Haslam, S.: The Glass Cliff: Evidence that Women
er habe eine Position allein auf Grund sei-      Eine sozial-psychologische Perspektive auf Frauen in           are Over‐represented in Precarious Leadership Positions.
nes Geschlechts oder seiner Hautfarbe be-        männlich geprägten Arbeitskontexten. Springer, Wiesbaden       In: British Journal of Management 16, S. 81-90, 2005
kommen, sinkt sein Selbstwertgefühl, und         2016                                                           Rudman, L., Mescher, K.: Penalizing Men who Request a
er schätzt seine Fähigkeiten geringer ein        Ein leicht verständlicher und guter Überblick zum Thema        Family Leave: Is Flexibility Stigma a Femininity Stigma? In:
als zuvor.                                                                                                      Journal of Social Issues 69, S. 322-340, 2013
   Auf der anderen Seite müsse man Frau-         Quellen                                                        Rudman, L., Fairchild, K.: Reactions to Counterstereotypic
en auf ihrem Weg in Spitzenpositionen            Bruckmüller, S. et al.: Beyond the Glass Ceiling: The Glass    Behavior: The Role of Backlash in Cultural Stereotype Main-
unterstützen, damit sich langfristig etwas       Cliff and its Lessons for Organizational Policy. In: Social    tenance. In: Journal of Personality and Social Psychology
verändert, sagt Steffens. »Wenn wir keine        Issues and Policy Review 8, S. 202–232, 2014                   87, S. 157-176, 2004
Frauen in der Führungsetage haben, ha-           Bruckmüller, S., Branscombe, N.: The Glass Cliff: When and     Netchaeva, E., et al.: A Man's (Precarious) Place: Men's
ben wir keine weiblichen Vorbilder. Dann         why Women are Selected as Leaders in Crisis Contexts. In:      Experienced Threat and Self-Assertive Reactions to Female
gibt es keine Frauen, die sich für die Positi-   British Journal of Social Psychology 49, S. 433-451, 2010      Superiors. In: Personality and Social Psychology Bulletin
on interessieren, und so ändern sich auch        Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Ju-        41, S. 1247-1259, 2015
die Geschlechterstereotype nicht«, fasst         gend, Bundesministerium für Justiz und Verbraucher-            Travis, C. et al.: Tracking the Gender Pay Gap: A Case
sie die Krux zusammen. Susanne Bruck-            schutz: Fragen und Antworten zu dem Gesetz für die gleich-     Study. In: Psychology of Women Quarterly 33, S. 410-418,
müller sieht das ähnlich. Sie hofft, dass        berechtigte Teilhabe von Frauen und Männern an                 2009

                                                                                                                                                                                11
Die                   STEREOTYPE

                                                            Geniefalle
                                                            von Andrei Cimpian und Sarah-Jane Leslie
                                                            In manchen Fächern gilt ein überragender
                                                            Intellekt als entscheidend für die Karriere.
                                                            Wegen hartnäckiger Vorurteile haben
                                                            Frauen an den Hochschulen dann oft das
                                                            Nachsehen.
UNSPL ASH / LUCREZIA CARNELOS (SYMBOLBILD MIT FOTOMODELL)

                                                                                                           12
Z
            u Beginn der 1980er Jahre war                 terien. Philosophen legen größten Wert auf
            unter amerikanischen Philoso-                 das persönliche Auftreten, am besten als       AUF EINEN BLICK
            phen oft die Rede von »The                    schillernder Superstar mit herausragenden
            Beam« – einem Strahl intellek-                geistigen Fähigkeiten. Hingegen glauben
                                                                                                         Wie wichtig ist ein
            tueller Brillanz, der die kompli-             Psychologen eher, die führenden Köpfe des      brillanter Geist?
ziertesten philosophischen Rätsel zu erhel-               Fachs hätten ihren Status durch harte Ar-
                                                                                                         1 In Studienfächern, deren Vertreter eine
len vermochte. Nur wenige Denker seien                    beit und Erfahrung erworben.
                                                                                                           herausragende intellektuelle Begabung
mit dieser Gabe ausgestattet, und ihr Werk                   Zunächst sahen wir in der Geniebeses-         oft für notwendig erachten, promovieren
repräsentiere den Maßstab für geistiges Ge-               senheit der Philosophen nur eine Marotte,        in den USA besonders wenige Frauen und
lingen. Wem der Glanz fehle, der sei auf ewig             ein bisschen seltsam, aber harmlos. Für          Afroamerikaner.
dazu verdammt, im Schatten zu stehen.                     Leslie stand vielmehr im Vordergrund, dass
   Das Thema kam jedes Mal zur Sprache,                   ihr Fach keine Anziehung auf Frauen und        2 O
                                                                                                            bwohl angeborene kognitive Fähigkeiten
wenn wir beide uns bei einer Konferenz tra-               Minderheiten auszuüben schien. Trotz al-         nachweislich nicht von Geschlecht oder
                                                                                                           Ethnie abhängen, schreibt man diesen
fen. Wir hatten zwar unterschiedliche Fä-                 ler Versuche, das Blatt zu wenden, waren in
                                                                                                           zwei Gruppen seltener außerordentliche
cher studiert (Leslie Philosophie, Cimpian                den Vereinigten Staaten bloß 30 Prozent          Intelligenz zu.
Psychologie), bearbeiteten aber ähnliche                  aller anno 2015 in Philosophie promovier-
Themen. Also tauschten wir uns regelmä-                   ten Personen weiblich, und Afroamerika-        3 V
                                                                                                            orurteile entmutigen offenbar sowohl
ßig über unsere Erfahrungen im jeweiligen                 ner beiderlei Geschlechts stellten sogar nur     Frauen als auch Schwarze, eine akademi-
Fachgebiet aus. Psychologie und Philoso-                  ein Prozent der promovierten Philoso-            sche Karriere in Fächern wie Mathematik
                                                                                                           oder Physik anzustreben, die als Voraus-
phie haben dieselben Wurzeln; bis ins 19.                 phen. Ganz anders die im selben Jahr ver-
                                                                                                           setzung einen scharfen Geist betonen.
Jahrhundert war die Psychologie eine phi-                 liehenen Doktorgrade in Psychologie: 72
losophische Teildisziplin. Dennoch galten                 Prozent Frauen und immerhin sechs Pro-
unseren Eindrücken nach in beiden Fä-                     zent Afroamerikaner – womit Letztere je-
chern höchst unterschiedliche Erfolgskri-                 doch noch immer stark unterrepräsentiert
                                                          waren.
                                                             Aus der Diskrepanz wurden wir einfach
Andrei Cimpian ist Assistenzprofessor für Psychologie     nicht schlau. Unsere Fächer haben so viel
an der New York University. Sarah-Jane Leslie lehrt als
Professorin für Philosophie an der Princeton University   gemeinsam – beide fragen, wie Menschen
im US-Bundesstaat New Jersey.                             die Welt wahrnehmen und begreifen, wie

                                                                                                                                                      13
sie zwischen richtig und falsch unterschei-   Gebiet praktisch gleichbedeutend mit ei-       nen hohen Stellenwert genießt. Außerdem
den, wie sie Sprache lernen und gebrau-       nem Verbotsschild für jeden Neuling, der       dürften die bereits etablierten Mitglieder
chen, und so weiter. Selbst die wenigen Un-   anders aussieht als die drinnen?               eines solchen Felds Männer und Frauen
terschiede, beispielsweise die Anwendung          Auf den ersten Blick wirkt die Betonung    unterschiedlich einschätzen und sie des-
von Statistik und randomisierten Experi-      der Intelligenz nicht diskriminierend, denn    halb nicht gleichermaßen unterstützen.
menten in der Psychologie, verwischen         nach wissenschaftlichem Kenntnisstand          Dasselbe gilt für die ethnische Zugehörig-
sich, seit die so genannte experimentelle     hängen kognitive Fähigkeiten weder von         keit: In den USA haben Afroamerikaner seit
Philosophie ebenfalls Befragungen und         sexueller noch von ethnischer Zugehörig-       jeher als intellektuell unterlegen gegolten,
Versuchsanordnungen verwendet, um             keit ab. Philosophen erstreben eine be-        was sich natürlich verstärkt in einem Be-
Themen wie Moral und Willensfreiheit zu       stimmte Geisteshaltung, unabhängig da-         reich auswirkt, der großen Wert auf geisti-
erforschen. Wie können derart eng ver-        von, wem der Geist gehört. Diese scheinbar     ges Brillieren legt. Angesichts dieser Ste-
wandte Gebiete so unterschiedliche Perso-     selbstverständliche Präferenz wird aller-      reotype, für die es keine wissenschaftliche
nenkreise anziehen?                           dings sofort zum Problem, wenn bestimm-        Begründung gibt, lag der Verdacht nahe,
                                              te Stereotype ins Spiel kommen, die einen      dass der unter Philosophen verbreitete Ge-
Scharfer Intellekt als Eintrittskriterium     überlegenen Intellekt fälschlicherweise pri-   niekult die sexuelle und ethnische Vielfalt
Unser gemeinsames Aha-Erlebnis hatten         mär mit gewissen Gruppen assoziieren –         der ganzen Disziplin negativ beeinflusst.
wir vor einigen Jahren. Am Rand einer Kon-    zum Beispiel mit männlichen Weißen.               Wir überlegten dann, ob das auch für
ferenz aßen wir mit einer Gruppe von Phi-         Selbst unter den an jenem Abend anwe-      andere Fachgebiete gilt. Unter Akademi-
losophen und Psychologen zu Abend, und        senden Akademikern war zu hören, dass          kern ist generell viel von Brillanz die Rede,
zufällig kamen kurz hintereinander der        Männer und Frauen einfach verschieden          vor allem in Fächern wie Naturwissen-
Geniekult der Philosophen und der unter       dächten. Frauen seien praktischer und rea-     schaft, Technik, Ingenieurwissenschaft
ihnen herrschende Frauenmangel zur            listischer, während Männer eher zu jenem       und Mathematik, in denen die Diversität
Sprache. Das brachte uns erstmals auf die     spekulativen, abstrakten Räsonieren neig-      ebenfalls zu wünschen übrig lässt. Verriet
Idee, zwischen beidem bestehe ein Zusam-      ten, das nun einmal als Zeichen philoso-       unser eher zufälliger Vergleich von Philo-
menhang. Wir fragten uns, ob geistige Be-     phischer Brillanz gelte. Wir begannen uns      sophie und Psychologie gar etwas über
gabungen bei Frauen und Afroamerika-          zu fragen, ob die Gleichsetzung von bril-      den Mangel an Frauen und Minoritäten in
nern leichter übersehen werden. Ist das       lantem Geist mit Männlichkeit Frauen da-       bestimmten Disziplinen?
Beharren auf einem scharfen Intellekt als     von abschreckt, ein wissenschaftliches Ge-        Vielleicht konnte unsere Brillanz-Hypo-
Eintrittsvoraussetzung in ein spezielles      biet zu betreten, in dem diese Qualität ei-    these ja erklären, warum die geschlechtli-

                                                                                                                                             14
Wie akademische Stereotype Frauen und Minderheiten diskriminieren
                                                         80                                                                 Kunstgeschichte                                    promovierte Frauen
                                                                                    Psychologie                                                                                     Sozial- und Geisteswissenschaften
                                                                    Pädagogik

                                                                                                                                                                                                                               JEN CHRISTIANSEN, NACH: LESLIE, S.-J. E T AL.: E XPECTATIONS OF BRILLIANCE UNDERLIE GENDER DISTRIBUTIONS ACROSS ACADEMIC DISCIPLINES. IN: SCIENCE 347,
                                                                                                                                                                                    Naturwissenschaften, Mathematik,
                                                         70                                                                                                                         Technik
                                                                                              Kommunikationsforschung
Prozentsatz aller Promotionen pro Fach in den USA 2011

                                                                                                               Soziologie              Spanisch                       Literaturwissenschaft
                                                         60                          Anthropologie
                                                                                                                                                       Komparatistik
                                                                                                                              Linguistik
                                                                                                                              Linguistics
                                                                                                                       Molekularbiologie                                                          vorwiegend Frauen
                                                                                         Archäologie
                                                         50                            Neurowissenschaft                               Evolutionsbiologie                                      Gleichstand

                                                                                                          Geschichte                                   Biochemie                                  vorwiegend Männer
                                                                                                                                           Statistik         Altphilologie
                                                         40                                                              Politologie
                                                                                                                                       Orientalistik
                                                                                                                                  Chemie
                                                                                                     Geologie
                                                                                                                                                        Wirtschaft                                     Philosophie
                                                         30         promovierte Afroamerikaner
                                                                    (beiderlei Geschlechts)                                       Astronomie                                     Mathematik
                                                                       Sozial- und Geisteswissenschaften                                   Technik
                                                         20            Naturwissenschaften, Mathematik, Technik                         Informatik
                                                                                                  Neuro-           Molekular-                   Physik                  Kompositionslehre

                                                                                                                                                                                                                               S. 262-265, 2015 / SCIENTIFIC AMERICAN SEPTEMBER 2017
                                                                                                  wissenschaft     biologie       Statistik
                                                         10         Pädagogik                                              Chemie       Biochemie
                                                                                    Psychologie                                               Technik
                                                                                                                                                               Physik         Mathematik                       Philosophie
                                                                                       Geologie
                                                          0
                                                                                                          Evolutionsbiologie        Astronomie           Informatik

                                                              geringere Betonung brillanter Begabung                                                                            stärkere Betonung brillanter Begabung

                                                              3,2                                   3,7                                       4,2                                     4,7                                5,2
                                                                                                                       fachspezifisches Brillanz-Betonungsmaß

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                    15
che und ethnische Diskriminierung so           Grenzen ihrer Begabung sichtbar machen         man Fehler und Mängel bevorzugt dort
deutlich variiert, wenn man unterschiedli-     würden. Wer hingegen einen »wachstums-         wahr, wo man sie von vornherein erwartet.
che akademische Fächer betrachtet. Bei-        orientierten Denkstil« (growth mindset)
spielsweise gibt es fast 50 Prozent weibli-    vertritt, sieht seine aktuelle Fähigkeit als   Karriere aus der Binnenperspektive
che Promovierte in Biochemie, aber in or-      eine formbare Größe, die sich im Prinzip       Gemeinsam entwickelten wir einen Plan,
ganischer Chemie nur etwas mehr als 30         durch Anstrengung und geschickten Ein-         um unsere Ideen zu testen. Wir wollten
Prozent. Die Differenz lässt sich weder        satz steigern lässt. Für eine solche Person    Akademiker aus vielen verschiedenen Dis-
durch die recht ähnlichen Forschungsin-        sind Fehler kein Verhängnis, sondern wert-     ziplinen fragen, ob der Erfolg in ihrem Fach
halte erklären noch durch die Geschichte,      volle Signale, die anzeigen, an welchen Fer-   ein außerordentliches intellektuelles Ta-
denn die Biochemie trennte sich von der        tigkeiten sie noch arbeiten muss.              lent erfordere. Dann würden wir Statisti-
organischen Chemie ungefähr so spät wie            Ursprünglich untersuchte Dweck Indi-       ken der National Science Foundation kon-
die Psychologie von der Philosophie. Also      viduen; kürzlich jedoch stellte sie zusam-     sultieren, die über die geschlechtliche und
fragten wir uns, ob die demografischen Un-     men mit Mary Murphy, die jetzt an der In-      ethnische Zusammensetzung der in die-
terschiede zwischen so eng verwandten          diana University in Bloomington forscht,       sen Disziplinen promovierten Personen
Feldern etwas damit zu tun haben, wie sehr     die These auf, dass auch organisierte Grup-    Auskunft geben. Falls wir mit unserer Ver-
sie herausragendes intellektuelles Talent      pen wie Firmen oder Klubs derartige Denk-      mutung Recht hätten, gäbe es in den Fä-
als Schlüssel zum Erfolg betonen.              stile pflegen. Wir trieben die Idee noch ein   chern, die gesteigerten Wert auf Brillanz le-
   Bei diesen Überlegungen fielen uns die      Stück weiter und überlegten, ob diese wo-      gen, weniger promovierte Frauen und Af-
umfangreichen Arbeiten der Psychologin         möglich ganze Fachgebiete beherrschen.         roamerikaner. Das sollte nicht nur im
Carol Dweck von der Stanford University        Der in Philosophie und anderen Fächern         Großen und Ganzen beim Vergleich zwi-
in Kalifornien ein. Wie Dweck gezeigt hat,     übliche Geniekult erzeugt offenbar eine        schen Natur- und Geisteswissenschaften
wirkt sich die Einstellung zur eigenen Fä-     Atmosphäre, in der das Zurschaustellen         gelten, sondern auch im Kleinen für eng
higkeit stark auf den Erfolg aus, den man      seines Intellekts belohnt wird und Unzu-       benachbarte Felder wie Philosophie und
schließlich erringt. Eine Person, die Talent   länglichkeiten um jeden Preis verheim-         Psychologie.
für eine unveränderliche Charaktereigen-       licht werden. In Kombination mit gängigen         Nach mehr als einem Jahr und Tausen-
schaft hält, vertritt gemäß Dwecks Termi-      Vorurteilen über die geringere geistige Be-    den von E-Mails besaßen wir gemeinsam
nologie einen »starren Denkstil« (fixed        gabung ganzer Menschengruppen kann             mit Meredith Meyer von der Otterbein
mindset): Die Person will ihr Talent bewei-    dies Frauen und Afroamerikanern leicht         University in Ohio und Edward Freeland
sen und keine Fehler machen, welche die        zum Nachteil geraten. Immerhin nimmt           von der Princeton University Antworten

                                                                                                                                              16
von fast 2000 Akademikern aus 30 For-         mit Hausfrauen verheiratete Männer bes-
schungsfeldern. Sie bestätigten unsere An-    ser zurechtkämen. Oder: Frauen hätten
nahme: Je stärker die Fixierung auf Bril-     eine natürliche Vorliebe, sich mit lebenden
lanz, desto weniger Doktorgrade wurden        Organismen zu beschäftigen statt mit leb-
an Frauen und Afroamerikaner verliehen.
Deren jeweiliger Anteil war zum Beispiel in
                                              losen Objekten. Wir mussten herausfin-
                                              den, ob unsere Hypothese wirklich etwas
                                                                                            Der Geniekult sagte den
Psychologie größer als in Philosophie, Ma-    Neues brachte; vielleicht war sie nur eine    Frauenanteil in allen 30
                                                                                            untersuchten Disziplinen
thematik oder Physik.                         alte Erklärung in neuem Gewand.
   Dann analysierten wir die Antworten           Sorgfältig prüften wir die gängigsten
aus den physikalischen und biologischen       Alternativen. Gab unser Maß für Brillanz      besser voraus als andere
Wissenschaften getrennt von denjenigen,       beispielsweise bloß die unterschiedlich
die von Geistes- und Sozialwissenschaft-      große Rolle der Mathematik in verschiede-     mögliche Erklärungen
lern stammten. Wie sich ergab, traf unsere    nen Forschungsgebieten wieder? Wir be-
Annahme auch dann zu, wenn wir Unter-         trachteten den Mathematikanteil in den
gruppen bildeten und etwa Physik mit Bio-     Zulassungsprüfungen für Doktoranden:
logie verglichen oder Philosophie mit So-     Die Betonung des brillanten Geistes sagte
ziologie. Anscheinend gilt die Brillanz-Hy-   den Frauenanteil viel besser voraus als an-
pothese ganz allgemein für das gesamte        dere mögliche Erklärungen. Ebenso wenig
akademische Spektrum.                         fanden wir einen Beleg für die verbreitete
   Allerdings hatten wir damit zunächst       Meinung, in »fordernden« Fächern seien
nur einen statistischen Zusammenhang          Frauen unterrepräsentiert, weil sie sich
zwischen Geniekult und Diskriminierung        mehr Zeit für die Familie wünschten. Wir
in bestimmten Bereichen hergestellt, aber     fragten die Akademiker unserer Stichpro-
nicht Ursache und Wirkung bewiesen. Man       be, wie viele Stunden pro Woche sie arbei-
hat im Lauf der Jahre viele andere Erklä-     teten. Doch selbst bei Berücksichtigung
rungen für akademischen Frauenmangel          unterschiedlicher Arbeitsbelastung sagte
vorgeschlagen. Beispielsweise herrsche in     der Geniekult den Frauenanteil in allen 30
dem betreffenden Fach eine besondere Ar-      untersuchten Disziplinen am besten vor-
beitsbelastung, mit der Junggesellen sowie    aus. Wir untersuchten auch die vorherr-

                                                                                                                       17
EIN HÖRSAAL VOLLER MÄNNER
                                      Mathematik, Physik, Philosophie: Hier beherr-
                                      schen Männer die Hörsäle besonders deutlich.
                                      Nicht weil Frauen sich weniger für abstrakte
                                      Formeln und Gedanken interessierten, sondern
                                      weil es ihnen – so das gängige Vorurteil – qua
                                      Geschlecht an geistiger Brillanz fehle.

                                      schende Meinung, dass Frauen lieber mit
                                      Menschen arbeiten und sie intuitiv besser
                                      verstehen, während Männer unbelebte
                                      Systeme bevorzugen. Dagegen sprechen
                                      aber unter anderem die vielen Zweige der
                                      Philosophie, die vom Menschen handeln
                                      und dennoch von Männern dominiert
                                      werden.

                                      Mehr Bewunderung für
                                      männliche Professoren
                                      Nun wollten wir wissen, ob die Einstellung
                                      zur Brillanz schon in frühen Phasen des Stu-
                                      diengangs den Anteil von Frauen und Mino-
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                                      ritäten prägt. Wir testeten unsere Idee bei
                                      Studenten, die einen Bachelor-Abschluss
                                      hatten. Beeinflussen Aussagen über die
                                      Wichtigkeit intellektueller Begabung die
                                      Wahl des Fachs, in dem junge Frauen und
                                      Afroamerikaner ihr Studium fortsetzen?

                                                                                       18
Die Antwort ist Ja. In einer im Jahr 2016      Wann beginnen in unserer Kultur Heran-         Schränken diese kindlichen Stereotype
publizierten Arbeit analysierten wir ano-      wachsende zu glauben, dass es in manchen       die Interessen von Kindern ein? Wir stell-
nyme Bewertungen von Dozenten durch            Gruppen gehäuft brillante Leute gibt? Einer-   ten eine andere Gruppe von Fünf-, Sechs-
ihre Studenten auf der Website »RateMy-        seits könnte diese Meinung erst relativ spät   und Siebenjährigen vor ungewohnte spie-
Professors.com«. Die Vorlesungskritiken        durch nachhaltige Beeinflussung etwa durch     lerische Aufgaben, die nur etwas für »wirk-
beschrieben männliche Professoren fast         entsprechende Darstellung in den Medien        lich, wirklich schlaue Kinder« seien. Dann
doppelt so häufig als »brillant« oder »geni-   entstehen. Andererseits legen entwicklungs-    verglichen wir das Interesse von Jungs und
al« wie weibliche. Hingegen gebrauchten        psychologische Befunde nahe, dass bereits      Mädchen an diesen Aufgaben. Bei Fünfjäh-
die Studenten Ausdrücke wie »hervorra-         kleine Kinder begierig die kulturellen Ein-    rigen fanden wir keinen Geschlechtsunter-
gend« oder »toll« gleich oft für Männer        flüsse ihrer Umgebung aufsaugen. Tatsäch-      schied, aber ein deutlich größeres Interes-
und Frauen. Wie wir feststellten, hing die     lich haben offenbar schon Grundschulkin-       se bei sechs- und siebenjährigen Jungen.
Häufigkeit, mit der in den Vorlesungskriti-    der die Stereotype absorbiert, die Rechnen     Die kindlichen Stereotype bedingen somit
ken von Brillanz und Genialität die Rede       mit Jungen und Lesen mit Mädchen assozi-       unmittelbar das Interesse an neuartigen
war, eng mit mangelnder Diversität am          ieren. Demnach könnten auch Brillanz-Ste-      Aufgaben.
Ende des Studiums zusammen.                    reotype früh verinnerlicht werden.                Je mehr ein Kind im Test Genialität mit
                                                  Um das zu klären, befragten wir Hun-        dem anderen Geschlecht assoziierte, desto
Vorurteile entstehen schon                     derte von Fünf-, Sechs- und Siebenjähri-       weniger Lust hatte es, an unseren Spielen
im Kindesalter                                 gen, ob sie das Etikett »wirklich, wirklich    für »wirklich, wirklich schlaue Kinder« teil-
Weitere Untersuchungen ergaben, dass           schlau« – unsere kindgerechte Überset-         zunehmen. Dieser Befund spricht für eine
auch Nichtakademiker ähnlich voreinge-         zung von »brillant« – mit ihrem Geschlecht     frühe Verbindung zwischen Brillanz-Ste-
nommen sind in Bezug auf die Frage, wel-       assoziierten. Unsere im Januar 2017 im         reotypen und kindlichem Ehrgeiz. Das
che Fächer Brillanz erfordern. Diese Mei-      Fachjournal »Science« publizierten Resul-      dürfte viele begabte Mädchen schon in der
nungen können potenzielle Wissenschaft-        tate belegen die frühe Übernahme ge-           Kindheit von Fächern abbringen, die sich
ler oder Ingenieure entmutigen, eine           schlechtsspezifischer Stereotype: Im Alter     nach gängiger Meinung vor allem für über-
bestimmte Laufbahn einzuschlagen, lange        von fünf Jahren unterschieden sich die         durchschnittlich intelligente Leute eignen.
bevor sie den Fuß in eine Universität set-     Kinder in ihrer Selbsteinschätzung noch           Was kann man dagegen unternehmen?
zen. Deshalb mussten wir ergründen, wie        nicht, doch schon sechsjährige Mädchen         Relativ einfach und wirksam wäre es
solche Stereotype überhaupt erworben           meinten seltener als Jungen, dass ihr Ge-      schon, gegenüber Schülern und Studen-
werden.                                        schlecht »wirklich, wirklich schlau« sei.      ten möglichst wenig von Brillanz und Ge-

                                                                                                                                              19
nialität zu reden. Angesichts der herr-
schenden Vorurteile können Aussagen,

                                                                 KOMPAKT
die diese Eigenschaften als Vorausset-
zung für den beruflichen Erfolg darstel-
len, talentierte Mitglieder sozial benach-
teiligter Gruppen entmutigen. Doch wie
unsere Forschungen zeigen, beginnt die
Prägung der Stereotype bereits in der
Grundschule. Deshalb wäre es falsch, mit
Gegenmaßnahmen bis zur Hochschulrei-
fe zu warten. Wir sollten die Heranwach-
senden möglichst früh zu einem wachs-
tumsorientierten Denkstil ermuntern,
damit sie nicht fatalistisch in der starren

                                                                 INTELLIGENZ
Denkweise verharren, die gängige Vorur-
teile bestätigt.                        

(Gehirn&Geist, 4/2018)
Kington, R. S.: On Being an »African American Scientist«.
In: The Scientist 27, Mai 2013 Online unter: www.the-scien-          Was kluge Köpfe auszeichnet
tist.com/?articles.view/articleNo/35251/title/
On-being-an-African-American-Scientist                                          > Versteckspiel im Genom
Leslie, S.-J. et al.: Expectations of Brilliance Underlie Gen-         > Anlage kontra Umwelt – ein unsinniger Streit
                                                                                                                        FÜR NUR
der Distribution across Academic Disciplines. In: Science                   > Kann man Intelligenz trainieren?           € 4,99
347, S. 262–265, 2015
Storage, D. et al.: The Frequency of »Brilliant« and »Genius«
in Teaching Evaluations Predicts the Representation of
                                                                                HIER DOWNLOADEN

                                                                                                                                  ISTOCK / MAXIPHOTO
Women and African Americans across Fields. In: PLoS One
11, e0150194, 2016

                                                                                                                                                       20
PEOPLEIMAGES / GE T T Y IMAGES / ISTOCK
               MISSBRAUCH IN DER THERAPIE

          »Er wirkte wie ein
        gütiger alter Herr«
                    von Jana Hausschild
Sexuelle Beziehungen zwischen Psychotherapeuten und
  ihren Patienten sind verboten. Dennoch gibt es jedes
Jahr allein in Deutschland mehrere Hundert solcher Fälle,
 schätzen Experten. Selten handelt es sich um einmalige
 Übergriffe – manche Betroffene brauchen Jahre, bis sie
          sich von ihrem Therapeuten lossagen.

                                                            21
I
       na Wegener* wollte ihre Ehe retten.        Eines Tages fragte der Psychotherapeut
       Sie und ihr Mann stritten oft, auch     sie, ob sie jetzt nicht die gemeinsamen Fan-               AUF EINEN BLICK
       sexuell stimmte das Miteinander         tasien ausleben wollten. Wegener war ver-
       nicht mehr. Die Schuld an der Situa-    wirrt und schockiert. Den schriftlichen
                                                                                                          Zum Schutz
       tion suchte die Mittdreißigerin vor     Austausch hatte sie nicht als ernsthafte se-               befohlen
allem bei sich selbst und begab sich des-      xuelle Annäherung empfunden. Ander-
                                                                                                          1 J edes Jahr gibt es laut Expertenschätzun-
halb bei einem Psychotherapeuten in Be-        seits mochte sie ihn ja, wollte ihn nicht ent-
                                                                                                             gen 300 bis 600 Fälle von sexuellem
handlung. Heute, viele Jahre später, liegt     täuschen. Im Verlauf der Sitzung übte der                     Missbrauch durch Psychotherapeuten.
ihr Leben in Trümmern. Ihr Psychothera-        Therapeut weiter Druck auf sie aus; am
peut hat es zerstört.                          Ende der Stunde sei sie in Tränen ausge-                   2 D
                                                                                                             ie betroffenen Patienten sind in der
   Er hatte leichtes Spiel. Ina war von Kin-   brochen. Kraftlos und mit der Situation                      Regel weiblich, die Therapeuten männlich,
desbeinen an daran gewöhnt, andere über        überfordert gab sie nach. An diesem Tag                      deutlich älter und Wiederholungstäter. Die
ihr Leben bestimmen zu lassen. Von Ver-        hatte sie das erste Mal Sex mit ihrem Psy-                   Initiative geht meist von Letzteren aus.
wandten wurde sie regelmäßig geschlagen.       chotherapeuten.
                                                                                                          3 D
                                                                                                             ie Opfer leiden häufig noch jahrelang unter
Sie fand sich mit der Rolle des Opfers ab:        Mehr als ein Dutzend Sitzungen bestan-                    Ängsten, Albträumen und anderen Spätfol-
sich ducken, stillhalten, nicht rebellieren.   den danach nur noch aus Geschlechtsver-                      gen ihrer traumatischen Erfahrungen.
Diese Haltung und die sexuellen Probleme       kehr. Statt ins Behandlungszimmer lenkte
in der Ehe waren die Schwächen, die der        der Psychotherapeut Wegener in sein
Therapeut auszunutzen wusste.                  Schlafzimmer. Sie ekelte sich vor dem
   Getarnt als Teil der Therapie forschte er   Mann, zweifelte daran, dass dieses Verhält-
zunächst eindringlich nach ihren sexuel-       nis ihr helfen würde. Ihr Körper sträubte
len Vorlieben. Er begann einen Briefwech-      sich dagegen: Sobald sie in die Praxis kam,
sel mit der Patientin, in denen es um Ge-      entwickelte sie Atemnot und Angstzustän-
schlechtsverkehr zwischen ihm und ihr          de, schließlich sogar Verfolgungswahn.
ging – eine therapeutische Übung, wie er
behauptete. Wegener machte mit, hoffte,
es würde ihre Eheprobleme lösen. Doch          Jana Hauschild ist Psychologin und arbeitet als freie
                                               Journalistin in Berlin. Sie hat sich schon öfter mit der
immer wieder beschlich sie das Gefühl,         dunklen Seite von Psychotherapie beschäftigt und über
eine Therapie dürfe so nicht sein.             ihre Nebenwirkungen sowie Fehlbehandlungen berichtet.

*Name von der Redaktion geändert
                                                                                                                                                            22
Doch jedes Mal, wenn sie dem Therapeu-
ten davon berichtete, beschwichtigte er sie:   PERFIDER MACHTMISSBRAUCH
Mit dem Sex befreie sie sich von ihrem         Wenn ein Psychotherapeut seine Patientin
Mann, von der Bevormundung. Ina Wege-          sexuell bedrängt, bringt er sie in eine Zwick-
ner fühlte sich zu schwach und hilflos, um     mühle: Oft fühlt sie sich von dem Mann ab-
Widerstand zu leisten.                         hängig, ekelt sich aber gleichzeitig vor ihm,
   Experten schätzen, dass jedes Jahr zwi-     weil er ihre Situation ausnutzt.
schen 300 und 600 Patienten von ihren
Psychotherapeuten missbraucht werden –
mit fatalen Folgen. Die Betroffenen verlie-
ren nicht nur das Vertrauen in die Behand-
lung, sondern häufig auch in andere Men-
schen. Die Beschwerden, deretwegen sie
die Therapie aufnahmen, festigen oder ver-
schlimmern sich gar. Viele sind traumati-
siert, denken an Suizid.
   »Bereits anzügliche Kommentare oder
Fragen zu sexuellen Vorlieben sind ein
Missbrauch«, erklärt die Psychotherapeu-
tin Christiane Eichenberg von der Univer-
sität zu Köln. Auch Kontakte über die Be-
handlung hinaus gehören nicht zur Thera-
pie, und dennoch kommen sie vor.

Berühren verboten
»Ich habe schon von Patienten gehört, die

                                                                                                NEUFFER-DESIGN
mit ihrer Therapeutin in den Urlaub gefah-
ren sind oder deren Praxis geputzt haben.
Das geht nicht«, berichtet die Vorsitzende

                                                                                                                 23
des Deutschen Instituts für Psychotrauma-       Regel blind. Ebenso müssen Patienten sich
tologie, Monika Becker- Fischer. Sie hat sich   auf den Therapeuten einlassen und darauf      Hilfe für Patienten
auf die Behandlung von Missbrauchsop-           vertrauen, dass er die richtigen Methoden
fern spezialisiert. Weder sollten sich Pati-    anwendet und seine eigenen Bedürfnisse        Der Verein »Ethik in der Psychotherapie«
ent und Therapeut außerhalb der Praxis          zurückstellt, um ihnen zu helfen.             rät Patienten zu prüfen, ob sie dem Psy-
                                                                                              chotherapeuten vertrauen und sich bei
zum Kaffee treffen noch über das Privatle-         Nicht selten verlieben sich Patienten in
                                                                                              ihm wohlfühlen. Etwaige Zweifel oder
ben des Therapeuten plauschen, sagt sie.        ihre Therapeuten. Die spezielle Situation
                                                                                              unangenehme Gefühle sollten sie ihm
Berührungen gehören ebenfalls nicht zur         trägt dazu bei: Der Behandler hört aufmerk-   gegenüber offen ansprechen. Lassen sich
Behandlung – außer in der Körpertherapie.       sam zu, nimmt Probleme ernst, fängt Sor-      die Probleme nicht klären, sollten sich
Solche Verhaltensweisen können ein frü-         gen auf. Das tut gut und kann eine Schwär-    Patienten professionellen Rat holen. Eine
hes Warnzeichen dafür sein, dass der Psy-       merei auslösen. Doch der Therapeut darf       solche Beratung bietet der Ethikverein kos-
chotherapeut auf intime Kontakte hin-           sich nicht darauf einlassen. Denn außer-      tenlos und anonym an. Auch wer unsicher
                                                                                              ist, ob ein Therapeut seine Grenzen über-
steuert.                                        halb des Praxiszimmers wäre ihm diese Zu-
                                                                                              schreitet, kann hier nachfragen.
   Schon seit Freuds Zeiten ist ein sexuel-     neigung wohl kaum zuteilgeworden.
les Verhältnis zwischen Patient und Thera-         »Natürlich kann es sein, dass sich die     Wer sexuelle Übergriffe in der Psychothe-
peut tabu. Heute findet sich dazu in jeder      beiden wirklich ineinander verlieben«, sagt   rapie erlebt hat, kann sich außerdem an
Ethikrichtlinie von helfenden Berufen ein       Psychotherapeutin Becker-Fischer. Patient     die regionale Psychotherapeuten- oder
entsprechender Passus. Auch im hippokra-        und Therapeut sollten die Behandlung          Ärztekammer, seine Krankenkasse oder
tischen Eid, den Psychiater ablegen, ist das    dann sofort abbrechen und eine Weile kei-     den Berufsverband der Psychotherapeuten
                                                                                              wenden.
Abstinenzgebot verankert. Denn: Patient         nen Kontakt haben, bevor sie sich privat
und Psychotherapeut begegnen sich nicht         wiedersehen. »Meine Erfahrung sagt, dass      Mehr Informationen im Internet:
auf Augenhöhe, sondern der eine erhofft         die Patienten nach einigen Monaten kein       www.ethikverein.de
sich vom anderen Hilfe, und deshalb gibt        Interesse mehr an einem Kontakt haben.«
es ein Machtgefälle zwischen den beiden.
   »Am besten lässt sich das Verhältnis zwi-    Strafbarer Kunstfehler
schen Patient und Psychotherapeut mit           Trotz des allseits bekannten Abstinenzge-
dem eines Kindes zu seinen Eltern verglei-      bots galten sexuelle Kontakte zwischen Pa-
chen«, sagt Eichenberg. Kinder sind abhän-      tient und Psychotherapeut lange Zeit nicht
gig von ihren Eltern, vertrauen ihnen in der    als verwerflich: Da begegnen sich schließ-

                                                                                                                                            24
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