Streit unter Schwestern - STANDPUNKT
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SEPTEMBER 2007 ZEITSCHRIFT DER GEW BERLIN 60.(75.) JAHRGANG STANDPUNKT Streit unter Schwestern TITEL Erfahrungen mit dem Zentralabitur SCHULE Runder Tisch Gemeinschafts- schule Die 100-Prozent- Schule TENDENZEN Kinderarbeit und Armut SENIORITA Vier Seiten für das gehobene Alter
ZEITSCHRIFT FÜR DIE MITGLIEDER DER GEW BERLIN blz | SEPTEMBER 2007
INHALT
3-5 Leute | Standpunkt | Kurz und bündig | Post an die Redaktion|
TITEL
6 Senatsjubel auf Kosten der Lehrkräfte Michael Brüser
8 Wir haben unsere Chance genutzt Hannah Jeschal
ÜBRIGENS FOTO: IMAGO/SUPER EXPRESS
9 Gut vorbereitet war es nicht G.-Keller-Gymnasium
G uter Start ins neue Schul-
jahr, das könnte an dieser
Stelle stehen, wenn es nicht
10 Was kommt denn eigentlich dran? Nina Niedermeyer
allzu ironisch wäre. Denn im- SCHULE
mer noch fehlen Lehrkräfte
und ErzieherInnen. Dass sich 11 Drei wacklige Säulen Peter Sinram
die Personalkostenbudgetie-
rung als rettender Anker er-
13 Mit der Gemeinschaftsschule geht es voran Marliese Seiler-Beck
weist, darf bezweifelt werden.
Und ein Tarifvertrag für Lehr-
kräfte scheint weiterhin Zu-
SOZIALPÄDAGOGIK
kunftsmusik zu sein. Es bleibt 16 Wozu Profession – sie zählt immer weniger Andreas Kraft
also dabei, wir brauchen euch
zum Durchsetzen der gemein-
samen Interessen und eure SENIORITA
Berichte für die blz.
17 Interview mit U. Widmer-Rockstroh Klaus Will
E ine traurige Nachricht gibt
es aus der Redaktion zu 19 Mit der GEW war ich immer zufrieden Dieter Haase
berichten. Folker Schmidt und 20 Ein Ehrenamt, das Spaß macht Marianne Pousset
Andreas K. Schmidt pausieren
für mindestens ein Jahr. Wir
wünschen uns für beide, dass HOCHSCHULE
es bei dem einen Jahr bleibt.
Denn sie reißen damit eine 21 Masterplan eine Nullnummer? Folker Schmidt
große Lücke in die Redaktion
– und das nicht nur für den
22 Privatisierung im Trend Malah Helman
Bereich Hochschule.
GEWERKSCHAFT
W eil alles mehrere Seiten
hat, haben wir den aktu-
ellen Titel dem Zentralabitur
24 Der Mete-Eksi-Preis 2007 Monika Rebitzki
gewidmet: War wirklich alles 24 Macht mit Friedens-AG
besser oder gerechter und zu
wessen Lasten ging es? sigrid 25 Der Streik der Lehrkräfte Jonas Mücke
Redaktionsschluss: blz 11/2007: 28.9. TENDENZEN
27 Kinderarbeit und Schule Manfred Liebl
IMPRESSUM
Die blz ist die Mitgliederzeitschrift der Gewerkschaft Erziehung und
Wissenschaft, Landesverband Berlin, Ahornstr. 5, 10787 Berlin und
erscheint monatlich (10 Ausgaben) als Beilage der E&W. Für die Mit-
RECHT & TARIF
glieder ist der Bezugspreis im Mitgliedsbeitrag enthalten. Für Nicht-
mitglieder beträgt der Bezugspreis jährlich 18 € (inkl. Versand). 30 Kurzmeldungen
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Redaktionsanschrift: Ahornstraße 5, 10787 Berlin,
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ISSN 0944-3207 9/2007: 22.000blz | SEPTEMBER 2007 STANDPUNK T 3
FOTO: TRANSIT/POLENTZ
LEUTE
Oh sister, where art thou?
Georg Christaller ist tot. Der Diplomphysi-
ker lehrte an der TFH Berlin und war lan-
ge Zeit auch im Landeselternausschuss Die Gewerkschaft ver.di und der Tarifkampf
aktiv. Ulrich Thöne hat ihn in seiner Zeit
als GEW-Landesvorsitzender kennen ge-
der Lehrkräfte.
lernt und erinnert sich: „Vieles in meiner
Arbeit in Berlin verbindet sich mit Georg
Christaller. Er hat sich auf Elternseite en-
gagiert, nachdrücklich aber auch humor-
voll für die Gemeinsamkeit zwischen El-
tern, SchülerInnen, ErzieherInnen und
LehrerInnen eingesetzt. Probleme waren von Rose-Marie Seggelke, Vorsitzende der GEW BERLIN
für ihn Herausforderungen. Deswegen
hat er tatkräftig das Aktionsbündnis ,Zu-
kunft für Bildung‘ mitgegründet und in
diesem Sinne gewirkt. Georg Christaller
bleibt ein Freund und Vorbild.“
W ie schwierig es sein kann, mit einer
großen Schwester auszukommen,
weiß ich aus früher Erfahrung. In unserer
te weder Weihnachts- noch Urlaubsgeld
noch die Tarifanhebung von 2003 und
2004, müssen aber als einzige Beschäf-
Kindheit haben meine Schwester und ich tigtengruppe länger arbeiten als 2002.
heftig miteinander gestritten und um Das macht einen „Solidarbeitrag“ von
Anita Schindler (Neukölln) und Dieter die Gunst der Eltern konkurriert. Inzwi- über 15 Prozent aus. Eine Rechnung, die
Paetsch (Tempelhof-Schöneberg) heißen schen sind wir erwachsen und ein biss- einfach und leicht nachvollziehbar ist.
die gleichberechtigten Vorsitzenden der chen weise. Wir achten uns in unserer Anscheinend aber nicht für ver.di. Ver.
neugegründeten „Vereinigung Berliner Unterschiedlichkeit und freuen uns, di verkündet, dass sie keine „Sonderbe-
Schulpsychologen in der GEW“. Die Verei- wenn wir einander treffen. In Konflik- handlung“ für Lehrkräfte dulden werde,
nigung wird künftig die Interessen der ten halten wir zusammen und unter- nimmt aber seit über vier Jahren ohne
Schulpsychologie als Fachdienst und Un- stützen uns gegenseitig. Protest hin, dass diese Berufsgruppe
terstützersystem für die Berliner Schule Wie viel schwieriger der Umgang mit besonders schlecht behandelt wird.
vertreten. Im Juli gab es ein erstes Ge-
spräch mit Bildungs-Staatssekretär Eckart
Schlemm über die Umsteuerungsprozes-
einer großen Schwestergewerkschaft ist,
habe ich erst in den letzten Jahren er-
fahren. Unsere große Schwestergewerk-
D ie wahren Motive für die versagte
Solidarität liegen auf der Hand: ver.
di hat aufgrund des Anwendungstarif-
se des Schulpsychologischen Dienstes. schaft ver.di ist noch jung und kein bis- vertrags von 2003 und der schlechten
schen weise. Sie konkurriert heftig mit Tarifabschlüsse der letzten Zeit (z.B.
GEW und GdP und geht dabei so weit, Telekom) einen schmerzhaften Mitglie-
Jörg Köbke (39) will Lehrern und Schulen dass sie auf Bundesebene die Koopera- derschwund. Jeder Tarifabschluss ande-
helfen mit einer Lehrervermittlungsbörse tion mit dem Beamtenbund einer Zusam- rer Gewerkschaften wie unter anderem
im Internet. Bei seiner Firma „Lehrcare“ menarbeit mit den DGB-Gewerkschaften der IG-Metall und transnet, der Verbes-
stellen die Lehrer ihre Daten selbst ein, vorzieht. Hier in Berlin versagt uns ver.di serungen für die Mitglieder bringt, ver-
Schulen können dann die Datenbank im jegliche Unterstützung in den derzeitigen stärkt die Unzufriedenheit der ver.dia-
Abonnement benutzen, was immerhin Tarifverhandlungen für die angestellten ner und forciert die Austrittswelle. Mit
150 bis 250 Euro kosten soll. Billiger ist Lehrkräfte. Die Argumentation von ver.di der GEW BERLIN hat ver.di darüber hin-
es bei der Agentur für Arbeit, da muss ist simpel: „Ihr hättet 2003 den Anwen- aus das Problem, dass unter anderem
man gar nichts zahlen. Und auch die Se- dungstarifvertrag auch für Lehrkräfte un- nach der Übertragung der Horte an die
natsbildungsverwaltung will für den Ver- terschreiben können, dann gäbe es jetzt Schulen viele ErzieherInnen zu uns ge-
tretungsbedarf eine eigene Datenbank kein Problem.“ Was ver.di vergessen hat: wechselt sind, weil wir das bessere An-
einrichten. Die Berliner GEW-Vorsitzende 2003 ist bei den Beschäftigten im öffent- gebot an Beratung und Fortbildung ha-
Rose-Marie Seggelke findet ohnehin, dass lichen Dienst allein bei den Lehrkräften ben und uns intensiver um das einzel-
die Bereitstellung von Lehrern Aufgabe die Arbeitszeit erhöht worden. Gemäß An- ne Mitglied kümmern. Mit der Überfüh-
des Staates sei und nicht privatisiert wer- wendungstarifvertrag sollte diese höhere rung der Lehrkräfte in den Tarifvertrag
den dürfe, sagte sie der Berliner Zeitung. Arbeitzeit um 10 oder 12 Prozent abge- Länder würde die Attraktivität der GEW
senkt werden mit der verlockenden Aus- BERLIN weiter steigen und das will ver.di
sicht, die Hälfte der Absenkung einem verhindern nach der Devise: „Wer klein
Sarra Kebir hat ihr Abitur am Menzel-Gym- Lebensarbeitszeitkonto gutgeschrieben ist und nicht in uns aufgehen wollte,
nasium mit einem sagenhaften Noten- zu bekommen. Wir haben damals den muss klein bleiben und sich uns be-
duchrschnitt von 0,7 gemacht – auf dem Tarifvertrag für die Lehrkräfte nicht unter- scheiden unterordnen.“
Zeugnis erscheint allerdings nur die Note schrieben, weil er bedeutet hätte, dass Gut, dass wir im öffentlichen Dienst
1,0. Kunst war ihr schlechtestes Fach: LehrerInnen bei 10 bis 12 Prozent Gehalts- noch andere Schwestergewerkschaften
nur eine Eins minus! Die Tochter der Au- abzug mehr hätten arbeiten müssen als haben, die IG BAU und die GdP. Die sind
torin Sabine Kebir (u.a. Brecht-Buch „Ein 2002. Ver.di will bis heute nicht wahrneh- mit uns solidarisch und unterstützen
akzeptabler Mann“ und 2006 über die men, dass die Berliner Lehrkräfte in ei- unsere Forderung nach dem TV-L für
Brechtgefährtin Ruth Berlau „Mein Herz nem Maß geschröpft worden sind, das alle Lehrkräfte. Irgendwie war mir immer
liegt neben der Schreibmaschine“) will sogenannten Solidarbeiträge der Beschäf- klar, dass es sich mit kleinen Schwes-
jetzt Wirtschaftsingenieurswesen in Karls- tigten im öffentlichen Dienst überschrei- tern einfacher leben lässt als mit gro-
ruhe studieren. tet. So erhalten neueingestellte Lehrkräf- ßen.4 KURZ UND BÜNDIG blz | SEPTEMBER 2007
Schulpersonalräte erhalten keine Frei-
stellung und sollen alles außerhalb der
Unterrichtszeit erledigen. Weitere Punk-
te des Entwurfs betreffen die Beteili-
gungsrechte bei den Ein-Euro-Jobs und
die Einschränkung der Mitbestimmung.
Sofortprogramm zur Entlastung
der Schulen
Die Projektgruppe „Entbürokratisierung“
hat ein Sofortprogramm entwickelt mit
18 Maßnahmen zur Entlastung der
Schulen, wovon die meisten direkt den
LehrerInnenalltag betreffen: Korrektu-
ren, Gutachten, Zeugnisse und anderes
mehr. Ausgemustert wurden Tätigkei-
ten, die nach Einschätzung der Arbeits-
gruppe keinen Beitrag zu einer besse-
ren Schule leisten. Ob sich alle Maßnah-
men auch umsetzen lassen, prüft jetzt
die Verwaltung. Fraglich ist dies zum
Beispiel bei dem vereinfachten Verfah-
ren für die Präventionsgespräche. Das
Sofortprogramm ist zu finden unter:
www.berlin.de/sen/bildung/bildungs-
politik/. Die Stellungnahme der GEW
war bis zum Redaktionsschluss der blz
noch in Arbeit und ist auf der Internet-
seite der GEW BERLIN zu finden.
ErzieherInnenprotest vor dem Rathaus Neukölln am 4. Juli 2007. Siehe auch Info-Kasten auf der nächsten Seite.
FOTO: TRANSIT/CHRISTIAN V. POLENTZ
Empfehlungen zur
Lehrkräfteplanung und -zuteilung
Nach den Empfehlungen der Projekt-
Vierzehn Schulen sind für den finanziellen Gründen nicht am gemein- gruppe sollen Schulen künftig schon
Deutschen Schulpreis nominiert samen Mittagessen teilnehmen. VBS vor Beginn der Sommerpause wissen,
Die Carl-von-Linné-Schule, Sonderpä- und Ganztagsschulverband führten zu mit welchem Personal sie ins neue
dagogisches Förderzentrum in Lichten- diesem Thema auch Gespräche mit der Schuljahr starten. Dazu sollen alle not-
berg, ist in die engere Auswahl für den Senatsbildungsverwaltung sowie dem wendigen Daten und Fakten für das
Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch- Fraktionsvorsitzenden der SPD Michael kommende Schuljahr bis zum 1. Febru-
Stiftung gekommen. Insgesamt 14 Schu- Müller. Jetzt gibt es eine Lösung des ar jeden Jahres mit Zugriffsrecht der
len aus ganz Deutschland hat die Jury Problems: SPD- und Linksfraktion ha- Schulen auf diese Daten zusammenge-
vor den Sommerferien ausgesucht. Bei ben sich darauf verständigt, dass ab 1. tragen werden. Schon im April sollen
einem Besuch der Schule prüfen die Ju- Januar 2008 alle SchülerInnen an ge- dann die Einstellungs- und Umset-
ryteams nun, wie die eingereichten Be- bundenen Ganztagsgrundschulen Ber- zungsverfahren abgeschlossen sein,
werbungsunterlagen dem Schulalltag lins, die auch von der Lernmittelzuzah- wobei der Zeitraum für den Ausgleich
vor Ort entsprechen. Auf dem Pro- lung befreit sind, ein subventioniertes von Personalungleichgewichten auf drei
gramm stehen neben Unterrichts- und Mittagessen für 23 Euro erhalten. Bisher Jahre erweitert werden soll. Bei diesem
Projektbesuchen auch Gesprächsrun- mussten dafür oft mehr als 40 Euro auf- Verfahren soll regelmäßig die Zuwei-
den mit Eltern, Schülern und Lehrern. gebracht werden. Darüber hinaus soll sung von Personalressourcen (zum Bei-
Danach kommen 10 Schulen in die End- ein Härtefallfonds eingerichtet werden, spiel für Sprachförderung, Integration,
runde. Verliehen werden der Deutsche mit dem Ganztagsschulen selbst dazu Profilbildung) evaluiert werden, das Per-
Schulpreis (50 000 Euro) und vier wei- beitragen können, dass alle Kinder Mit- sonalkostenbudget für die Vertretungs-
tere Preise (jeweils 10 000 Euro) im De- tagessen bekommen. reserve an den Schulen soll erhöht, das
zember 2007 in Berlin. Einstellungsverfahren gestrafft werden.
Die Auswahl der Lehrkräfte soll die
Entwurf der Änderung des Personal- Schule selbstständig vornehmen kön-
Mittagessen an gebundenen vertretungsgesetzes vorgelegt nen, was die Einrichtung von Schulper-
Ganztagsschulen wird bezahlbar In den Ferien erreichte die GEW der sonalräten notwendig mache. Viel Ex-
Mitte Mai hatte die Vereinigung der Entwurf zur Änderung des PersVG. Da- plosives steckt in dem 35-seitigen Pa-
Berliner Schulleiterinnen und Schullei- nach sollen künftig Schulpersonalräte, pier plus Anlagen. Klar ist zunächst
ter (VBS) gemeinsam mit dem Ganztags- die gleichzeitig auch die Rechte der nur, dass so weitreichende Veränderun-
schulverband darauf aufmerksam ge- Frauenvertretungen wahrnehmen, für gen erst erprobt werden müssen durch
macht, dass immer mehr Kinder an den befristete Einstellungen von zwei bis Schulen, die dies auf freiwilliger Basis
gebundenen Ganztagsgrundschulen aus sechs Monaten zuständig sein. Diese machen wollen.blz | SEPTEMBER 2007 POST AN DIE REDAKTION 5
Unverlangt eingesandte Besprechungsexemplare in der Senatsverwaltung („keine Fange- schnell im Buchhandel vergriffen war.
und Beiträge werden nicht zurückgeschickt. Die meinde“) in keiner Weise nachvollzie- Warum wohl? Weil Brigitte Pick mit ih-
Redaktion behält sich bei allen Beiträgen Kürzungen hen kann, finde ich es ungehörig, aus ren Fallbeschreibungen die Lage einzel-
vor. Beiträge möglichst auf Diskette oder per e-
mail einsenden. Die in der blz veröffentlichten Ar- der zeitlichen und räumlichen Distanz ner Schüler treffend beschreibt und
tikel sind keine verbandsoffiziellen Mitteilungen, heraus sich in dieser Art kritisch, ver- diese mit einer strukturellen Kritik der
sofern sie nicht als solche gekennzeichnet sind.
letzend und persönlich herabsetzend Hauptschule als Restschule verbindet.
über jemanden zu äußern, ohne dass Vor allem sieht sie die Perspektivlosig-
„Das können wir unseren der Betroffene die Möglichkeit hat, sich keit vieler ihrer SchülerInnen, ange-
deutschen Kunden nicht erklären“, mit den Äußerungen auseinander zu sichts der enormen Jugendarbeitslosig-
blz Juli-August 2007 setzen, Korrekturen vorzunehmen, keit. Was blieb ihr als Schulleiterin an-
Richtigstellungen oder Belege einzufor- deres übrig, als in konkreten Notsituati-
Die nüchterne Bilanz sei hier noch dern, einzelne Unterstellungen zu wi- onen und Konflikten, persönlich einzu-
nachgetragen: 3 von 83 SchülerInnen derlegen. greifen und zu helfen – zu vermitteln?
der Eberhard-Klein-Oberschule konnten Ich bedauere, dass sich eine Gewerk- Dass ein Teil der Hauptschullehrer-
bis Anfang Juli einen Ausbildungsver- schaftszeitung solcher diffamierender schaft nicht mehr die Kraft hat, die
trag unterschreiben, obwohl 13 Prozent Methoden bedient, die ich allenfalls in schwierige Arbeit vor Ort zu bewälti-
den Mittleren Schulabschluss (MSA) ge- Boulevardzeitungen erwartet hätte, oh- gen, ist nicht neu. Die Zuspitzung im
schafft hatten. Eine ganze Schülergene- ne sie dort etwa zu akzeptieren. Ich er- Frühjahr 2006 an der Rütlischule ist
ration ausschließlich mit Migrationshin- warte eine Entschuldigung für diesen kein Zufall. Die besondere soziale
tergrund wird damit ins Aus manöv- journalistischen faux-pas in der nächs- Brennpunktsituation des Reuterkiezes
riert, wobei nicht nur arbeitsmarktpoli- ten Ausgabe der BLZ. in Neukölln ist schon lange bekannt.
tische, sondern auch diskriminierende Norbert Wimmer Brigitte Pick hat sie mit ihren „Geschich-
Aspekte wirksam werden. „Sie haben ei- (Die Redaktion nimmt sich die Kritik ten“ im Buch treffend charakterisiert.
nen deutschen Pass, sind aber Türke“ zu Herzen.) Ich fand auch die Beschreibung ihrer
und „Macht nicht so einen guten Ein- früheren Zeit als Junglehrerin an einer
druck bei den Hotels, wo wir jetzt tätig Sonderschule und den Wechsel an die
sind, wenn da Türken arbeiten“ bekam Manfred Triebe über Brigitte Picks Rütlischule in den siebziger Jahren le-
ein Schüler mit deutschem Pass und Buch „Kopfschüsse“, Juni-blz 2007 senswert. Man kann Brigitte Picks Buch
türkischem Migrationshintergrund bei sehr wohl als weiteren Beleg der Bil-
seinem ersten Bewerbungsgespräch zu Im Zentrum seiner Kritik liegen die dungsmisere werten. Ihre persönliche
hören. Die Gebäudereinigungsfirma er- Kollegenschelte der Schulleiterin der Enttäuschung am Ende einer „langen
kundigte sich außerdem nach den Rütlischule und deren Selbstrechtferti- Dienstzeit“ ist nachvollziehbar.
Deutschkenntnissen seiner Eltern und gungsversuche in ihrem Buch, das sehr Lothar Kunz
bot ein zweimonatiges unentgeltliches
Praktikum in der Sommerzeit ohne wei-
tere Perspektive an. Die meisten Schü-
lerInnen erhielten nicht die Chance, ih- LAND UNTER IN SÜDOST: VOM ERZIEHERÜBERHANG ZUM ERZIEHERMANGEL
re Stärken zu zeigen. Wann erkennen
Wirtschaft und Politik den dringenden Unter dem Motto „Land unter in SüdOst“ fand am 4. Juli bei strömenden Regen eine
Handlungsbedarf? Aktion von Kitas aus dem Eigenbetrieb SüdOst statt. 200 ErzieherInnen, Kinder und
Christine Baur ihre Eltern hatten sich zu einer Protestveranstaltung vor dem Rathaus Neukölln ver-
sammelt, um gegen den drohenden Abzug von 78 ErzieherInnen aus dem Eigenbe-
trieb SüdOst zu protestieren.
Leute-Notiz zu Benno Linne, blz Juli- In den gebundenen und offenen Ganztagsgrundschulen besteht ein großer Ersatz-
August 2007 bedarf an ErzieherInnen zu Beginn des neuen Schuljahres: Mindestens 200 Vollzeit-
stellen sind neu zu besetzen. Um dem drohenden Erziehermangel begegnen zu
Mit großem Interesse lese ich als können, hatte die Senatsverwaltung für Finanzen bereits am 20. Juni verfügt, dass
langjähriges Gewerkschaftsmitglied die ErzieherInnen nicht mehr prämienbedingt ausscheiden können und die Alterszeit
blz, dabei auch die Rubrik „Leute“. Über nur noch ab 60 Jahren in Anspruch genommen werden kann. Das zentrale Perso-
die Notiz zu Benno Linne und seine Tä- nalüberhangsmanagement hat nun außerdem verfügt, dass die 160 ErzieherInnen
tigkeit als Schulleiter an der Deutschen aus dem zentralen Stellenpool, die bislang in die Eigenbetriebskitas abgeordnet
Schule in Mexiko-Stadt bin ich aber sehr sind, an die Grundschulen wechseln sollen.
empört und finde, dass Sie mit diesem Allein aus dem Eigenbetrieb SüdOst sollen 78 aus dem Stellenpool abgeordnete
Text die Grenzen der journalistischen KollegInnen an die Grundschulen wechseln. Die meisten von ihnen (69) werden auf
Anständigkeit und Fairness überschrei- die gesetzlich vorgeschriebene Personalausstattung angerechnet. Es braucht nicht
ten. Ob es überhaupt von allgemeinem besonders viel Phantasie, um sich vorzustellen, was ein Abzug in dieser Größen-
Interesse ist, in welcher Art und Weise ordnung bedeutet. Schon jetzt gibt es nicht besetzte Stellen, und wenn weitere 78
ein ehemaliger Mitarbeiter der Senats- Kolleginnen und Kollegen wegfallen, ist die gesetzlich vorgeschriebene Personal-
verwaltung seine Tätigkeit in Mittela- ausstattung (die ohnehin nicht ausreichend ist) nicht mehr gewährleistet. Von päd-
agogischer Kontinuität und Qualitätsentwicklung kann da kaum die Rede sein.
merika ausübt, wäre eine weitere Frage.
Deshalb muss der Eigenbetrieb umgehend dafür Sorge tragen, dass alle ErzieherIn-
Was beabsichtigen Sie mit dieser Dar-
nen aus dem Stellenpool, die im Eigenbetrieb SüdOst für die gesetzlich vorgeschrie-
stellung? Abgesehen davon, dass ich
bene Personalausstattung benötigt werden, dort bleiben und auf festen Stellen be-
auf der Grundlage vieler persönlicher
schäftigt werden. Wenn es nicht genügend ErzieherInnen im Stellenpool geben soll-
und dienstlicher Kontakte zu Benno
te, müssen neue ErzieherInnen eingestellt und Teilzeitkolleginnen aufgestockt wer-
Linne eine solche pauschale, ironisch
den. Bärbel Jung
verkleidete Diffamierung seiner Arbeit6 TITEL blz | SEPTEMBER 2007
DAS NEUE ABITUR
Senatsjubel auf Kosten der Lehrkräfte
Bilanz nach dem Prüfungsmarathon beim Zentralabitur.
von Michael Brüser, Vorsitzender Fachgruppe Gymnasien der GEW BERLIN
D as Schuljahr 2006/07 ist Geschichte und es
gilt, Bilanz zu ziehen. Wohl alle KollegInnen,
die in irgendeiner Weise mit dem Abitur im letzten
Wie schon seit etwa zwei Jahren bekannt, ent-
schloss sich die Senatschulverwaltung in einem –
aus unserer Sicht – Anflug von Wahnsinn, alle
Jahr beschäftigt waren, werden in das gleiche Neuerungen auf einmal durchzuführen. Neben
Horn stoßen können: Endlich ist dieser Stress vor- den neuen curricularen Vorgaben, den jetzt ab
bei – so ein Schuljahr haben wir noch nicht erlebt. Klassenstufe 11 geltenden neuen Rahmenlehrplä-
Viele KollegInnen fühlen sich so, als hätten sie ein nen und der damit verbundenen Neuausrichtung
eineinhalbjähriges Schuljahr durchlitten. des Unterrichts auf Kompetenzerwerb sollte im
Die Fachgruppe Gymnasium meldet sich in die- Schuljahr 2006/07 die Nagelprobe erfolgen. Wie
FOTO: IMAGO/KARLHEINZ EGGINGER
sem Heft zu Wort, um ihre Sicht der Dinge vor al- belastbar sind eigentlich die KollegInnen an unse-
lem bezüglich dreier Problemkreise zur Diskussi- ren Schulen, speziell hier an den Gymnasien und
on zu stellen, die die KollegInnen im letzten Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe? Nicht
Schuljahr so ausgiebig beschäftigt haben: vergessen werden sollte zudem, dass die Pflicht-
• die neue fünfte Prüfungskomponente, stundenzahl mittlerweile bei 26 Wochenstunden
• das erstmalig durchgeführte Zentralabitur, liegt, Altersermäßigungen für BeamtInnen gestri-
• der veränderte Abiturablauf. chen, die Klassenfrequenzen erhöht worden sindblz | SEPTEMBER 2007 TITEL 7
und andere Ermäßigungstatbestände und ein Teil konnten dabei die Lehrkräfte eine Vorauswahl tref-
der Verwaltungsstunden dem Rotstift zum Opfer fen, anschließend hatten die Prüflinge nochmals
DAS NEUE ABITUR
fielen. die Möglichkeit der Wahl. Dieses insgesamt faire
Angebot fand bei den meisten KollegInnen Zu-
spruch.
Die fünfte Prüfungskomponente Natürlich haben die KollegInnen der dezentralen
Fächer jetzt im Vergleich zu den Zentralabifächern
Die AbiturientInnen hatten in diesem Schuljahr eine größere Abiturvorbereitung durch die Aufga-
diese neue Prüfung als verbindlichen Teil ihrer benerstellung. Daraus allerdings abzuleiten, das
Reifeprüfung. Die SchülerInnen haben dabei die Zentralabi für alle Fächer zu fordern, erscheint
Möglichkeit, zwischen zwei Formen der Prüfung aus unserer Sicht zu kurz gegriffen. Jahrelang ha-
und Prüfungsvorbereitung zu wählen. Entweder ben die GEW-Gremien gegen das Zentralabitur Stel-
sie schreiben eine so genannte besondere Lern- lung bezogen, die entsprechenden Argumente sol-
leistung (BLL – eine schriftliche Arbeit im Umfang len an dieser Stelle nicht alle wiederholt werden.
von mindestens 20 Seiten, etwa vergleichbar mit Zumindest für die gesellschaftswissenschaftlichen
einer Proseminararbeit in der Universität) oder sie Fächer Politikwissenschaften und Geografie er-
absolvieren eine Präsentationsprüfung. Es handelt scheint nicht nur aus Aktualitätsgründen das Zen-
sich hier um zusätzliche Belastungen, die die Kol- tralabi ungeeignet. Allerdings sollten für alle Fä-
leginnen zu tragen haben. Die BLLs müssen sach- cher Vereinfachungen (z.B. Raster wie im Fach
gerecht (inhaltlich und methodisch) betreut und Englisch) bei der Korrektur ermöglicht werden.
von zwei KollegInnen begutachtet werden. Am En- Auch an die Vergabe der Zweitkorrektur an die ei-
de steht ein Kolloquium, zu dem erneut die zwei gene Schule sollte angesichts der kürzeren Korrek-
KollegInnen den Prüfling zu seinem Konvolut be- turzeiten gedacht werden.
fragen. Betreuung, Einlesen und Gutachten erfol- Durch die gezielte Vorbereitung, die veränder-
gen eben mal so ganz nebenbei in den Weihnachts- ten Korrekturbedingungen im Fach Englisch (Weg-
ferien. Ähnlich verhält es sich mit der fall des Fehlerquotienten) und die erleichterten
Präsentationsprüfung als fünfte Prüfungskompo- Anforderungsprofile in den Naturwissenschaften
nente. Auch hier muss zumindest bei der Themen- und in Mathematik (Note 1+ bei 95 Prozent bzw.
wahl Orientierungshilfe gegeben werden. Am Ende Note 4 bei 45 Prozent der erbrachten Leistungen)
stehen dann die 20-40minütigen (je nach Prü- wurde in den meisten Berliner Schulen ein besse-
fungsgruppengröße) Präsentationen und wieder rer Abiturdurchschnitt erreicht. Zum besseren Ab-
ein Prüfungsgespräch. Als äußerst problematisch schneiden des Abiturjahrganges trug natürlich
erweist sich die Tatsache, dass es offensichtlich auch die fünfte Prüfungskomponente bei, denn
sogenannte Magnetlehrer gibt, die aufgrund ihrer auf diese Präsentation bzw. die BLL konnten sich
Fächerkombination (oft gefragt II. Aufgabenfeld, die Prüflinge gezielter vorbereiten und damit
Biologie) oder gewisser Schülerfreundlichkeit viel Punkte sammeln. Allerdings geben wir zu beden-
mehr solcher Arbeiten (BLL und Präsentationsprü- ken, dass zum Teil die verbesserten Leistungen
fung) zu betreuen haben als andere. Hier sollte die durch eine Niveauabsenkung erreicht wurden.
Schule Möglichkeiten schaffen, dass eine gerech- Dies sollte nicht unser Anspruch sein. Zudem
tere Verteilung dieser Zusatzarbeit erfolgen kann. könnte es dazu beitragen, dass die Universitäten
Generell lässt sich konstatieren, dass vor allem vermehrt Einstellungstest vornehmen.
durch diese BLL die SchülerInnen sicherlich eine
Menge für die Studiumsvorbereitung geleistet ha-
ben und engagiert zu Werke gingen, allerdings Der veränderte Prüfungsablauf
wieder auf dem Rücken der LehrerInnen. Wäre es
nicht möglich, die fünfte Prüfungskomponente in Die zentralen Prüfungen lagen unmittelbar nach
Form eines ausgearbeiteten Referats oder einer den Osterferien und damit schmolz die Korrektur-
Präsentation in den Unterricht, möglicherweise zeit für alle betroffenen KollegInnen auf einen fast
auch mit einer Beurteilung durch zwei KollegIn- unerträglich kurzen Zeitraum. Dies belastete die
nen, einzubeziehen? Lehrkräfte am meisten. Im schlechtesten Fall blie-
ben für Erst- und Zweitkorrektur insgesamt vier
Wochen Zeit, zuvor waren es für den Erst- und
Das Zentralabitur Zweitkorrektor jeweils sechs Wochen. In dieser
Zeit lagen dann immer unterrichtsfreie Tage (Feri-
In den drei Fächern Deutsch, Mathematik und en genannt), diesmal gab es das nicht. Die Kolle-
Englisch (beziehungsweise der ersten Fremdspra- gInnen waren in diesem Zeitraum von der Unter-
che) fand in diesem Jahr entsprechend dem bun- richtsverpflichtung in ihren 13er Kursen befreit,
desweiten Trend nun auch in unserer Stadt das allerdings kann das nicht als ausreichend bezeich-
erste Zentralabitur statt. Dazu gab es vorher Fach- net werden. Die Senatsverwaltung machte zudem
briefe, Fachkonferenzen und natürlich das Probea- das Zugeständnis, dass schulintern Korrekturtage
bitur. Dies erwies sich aus unserer Sicht als hilf- vergeben werden konnten.
reich. SchülerInnen und KollegInnen wurden so Diese Regelung gab es aber nicht offiziell, son-
mit dieser Prüfungsform konfrontiert, zudem wur- dern nur an Schulen, wo KollegInnen dies forder-
den durch entsprechende Rückmeldungen Verbes- ten. Das ist keine faire und transparente Verfah-
serungsvorschläge für den Hauptlauf gemacht, die rensweise. Trotzdem bleibt zu konstatieren, dass
dann eingearbeitet worden sind. In allen Fächern die Qualität der Korrekturen leidet, dass die Ge- 48 TITEL blz | SEPTEMBER 2007
4fahr von Anfechtungsklagen vor den Verwaltungs- aller Deutlichkeit klargestellt. Die Terminplanung
gerichten zunehmen wird, auch weil die Schullei- für das nächste Jahr zeigt indes die bekannte Be-
DAS NEUE ABITUR
tungen jetzt so gut wie keine Zeit mehr haben, ei- ratungsresistenz der Senatsverwaltung. Die zu
ne anspruchsvolle Endkontrolle durchzuführen. kurzen Korrekturzeiten bleiben.
Zwar war die Einsetzung für anfallende Vertretun- An meiner Schule (Max-Planck-OS, Berlin-Mitte)
gen durch eine Empfehlung der Senatsverwaltung haben im abgelaufenen Schuljahr 660 Prüfungen
im Vorfeld begrenzt worden. Wie das dann aller- stattgefunden (bei 72 Abiturienten und drei zehn-
dings in den Schulen umgesetzt wurde, oblag den ten Klassen). Dies führte zum Unterrichtsausfall
Schulleitungen. an 16 Tagen. Im nächsten Schuljahr werden wir
Hier hörten wir Unterschiedliches. In einigen 200 AbiturientInnen haben. Wir rechnen mit 1680
Schulen machten Gesamtkonferenzen ihren Un- Prüfungen. Da ist es kein Wunder, wenn Eltern Ein-
mut deutlich, indem Sie die Zweitkorrektur nach gaben und Beschwerden losschicken, die den ho-
hinten schoben, Überlastungsanzeigen formulier- hen Unterrichtsausfall während der Prüfungszeit
ten oder remonstrierten. Unzufriedenheit machte beklagen. Unterricht wurde so nur noch zur Ne-
sich vor allem dadurch breit, dass die KollegInnen bensache.
neben den Korrekturen ihren ganz normalen Das diesjährige Abitur ist also nicht die Er-
Schulalltag zu bewältigen hatten. Das konnte gar folgstory, die die Senatsverwaltung der Presse zu
nicht in der entsprechenden Qualität erfolgen. Die verkaufen suchte, sondern bei Lichte besehen, ei-
Senatschulverwaltung muss den Korrekturzeit- ne organisatorische Katastrophe, die wieder die
raum um mindestens zwei Wochen verlängern KollegInnen ausbaden mussten. Ist es das, was die
oder den Prüfungszeitraum ganz verändern (als Senatsschulverwaltung unter Qualitätsoffensive
Block ähnlich wie in Frankreich oder Italien). Die versteht? Womöglich braucht diese Stelle auch mal
GEW hat in einer Presseerklärung Ende Juni dies in eine Evaluation!
Wir haben unsere Chance genutzt
Zwischen Befürchtung und Aufatmen.
von Hannah Jeschal, Abiturientin
I ch kann mich noch genau erinnern, dass viele
von uns SchülerInnen schon zu Beginn der
Oberstufe jammerten, warum sie nicht ein Jahr
fünfte Prüfungskomponente für uns SchülerInnen
eine echte Chance war, das Abitur zu verbessern.
Jede/r konnte hier ein Thema wählen, was ihn/
älter seien und damit vom lästigen Zentralabitur sie wirklich interessierte und damit dann ordent-
verschont geblieben wären. Doch mussten wir lich punkten.
wirklich mehr leiden als die Jahrgänge zuvor Problematisch war allerdings, dass Informatio-
oder hatte das Zentralabitur vielleicht sogar posi- nen bezüglich der fünften Prüfungskomponente,
FOTO: PRIVAT
tive Auswirkungen auf unsere Abiturnoten? vor allem zur schriftlichen besonderen Lernleis-
Ganz klar positiv war für uns SchülerInnen das tung (BLL), uns SchülerInnen erst sehr spät er-
im Rahmen des Zentralabiturs durchgeführte Pro- reichten. Es wäre wünschenswert, dass der Senat
Hannah Jeschal beabi. Erstens war es eine Lernhilfe für das richti- nicht erst zwei Wochen vor der Abgabe der BLL er-
ge Abitur. Denn die meisten Schüler wiederholten klärt, welche formalen Aspekte seiner Ansicht
für das Probeabi bereits im Oktober die ersten bei- nach unbedingt eingehalten werden müssen.
den Semester. Außerdem wurden wir dank des Schön wäre es auch gewesen, wenn uns direkt
Probeabis schon mal daran gewöhnt, fünf Zeit- nach der mündlichen Prüfung und der Präsentati-
stunden über einer Klausur zu sitzen. onsprüfung beziehungsweise dem Kolloquium die
Ergebnisse mitgeteilt worden wären und wir nicht
wochenlang voller Nervosität auf den „Tag der
Warten auf den „Tag der Wahrheit“ Wahrheit“ hätten warten müssen.
Schließlich ist er da, der Tag, an dem wir unsere
Meiner Meinung nach war auch der Zeitpunkt Prüfungsnoten erfahren. Unser Schulleiter gratu-
der Abiturprüfungen gut gewählt. So mussten wir liert uns: Wir sind der beste Jahrgang, der je an
nicht wie unsere Vorgänger mitten im Stress des unserer Schule Abitur gemacht hat. Und das haben
vierten Semesters auch noch das Abi schreiben, wir sicherlich nicht nur unseren eigenen Leistun-
sondern konnten uns intensiv in den Osterferien gen zu verdanken, sondern auch dem Zentralabi-
darauf vorbereiten. Ebenfalls denke ich, dass die tur.blz | SEPTEMBER 2007 TITEL 9
Gut vorbereitet war es nicht
DAS NEUE ABITUR
Die Pannen bei der Vorbereitung wurden durch gute Ergebnisse verschleiert.
vom Leistungskurs Politikwissenschaften des Gottfried-Keller-Gymnasiums
Z um Thema Schule gab es viele Meldungen im
letzten Jahr. Rütli weckte selbst die verschla-
fensten Bürger und Politiker auf. Viel wurde disku-
tiert über Gewalt an Schulen, Hauptschulen und
das Schulsystem an sich. Aber nicht nur hier liegt
etwas im Argen, auch die diesjährigen Abiturien-
ten sind mit ihrem neu eingeführten Zentralabitur
Sorgenkinder und bekamen die Reformwut
Deutschlands der letzten Jahre zu spüren.
Der Berliner Senat und allen voran der langjähri-
ge Bildungssenator Klaus Böger setzten sich für
das Zentralabitur ein. Es sollte die perfekte Lösung
für die zukünftig gesuchten Fachkräfte Deutsch-
lands sein. Es sollte eine zentrale Prüfung in den
Sprachen und Naturwissenschaften geben. Die
SchülerInnen der Gymnasien sollten alle die glei-
chen Abiturklausuren schreiben und eine beson-
dere Lernleistung, das 5. Prüfungsfach, erbrin-
gen. In seiner Intention ist dieser Vorschlag nicht
zu bemängeln, nur die Umsetzung erfüllte nicht Hoffentlich gut vorbereitet! FOTO: IMAGO/BONN-SEQUENZ
unsere Erwartungen.
Am 20. April 2007, dem Tag der ersten zentra- te ebenfalls erbracht werden. Für dieses war ein
len Prüfungen, wurden größtenteils positive Be- Prüfungszeitraum von Januar bis Juni vorgegeben.
richte laut, die allerdings kein Spiegel für die Vor- Je nach Umsetzung dieses Zeitraums in den Schu-
bereitung dieser Prüfungen sein können. Denn len hatten die SchülerInnen am Ende sehr unter-
waren die für den jetzigen 13. Jahrgang geltenden schiedliche Vorbereitungszeiten für diesen Teil
curricularen Vorgaben schon vor zwei Jahren be- der Prüfung.
kannt, so wurden die genauen Vorgaben für das Zudem waren die Informationen über diese neu
Zentralabitur erst zu Anfang des ersten Semesters eingeführte Prüfungskomponente zunächst rar
publiziert. Hinzu kamen die sich ständig ändern- und ungenau. So erhielten die SchülerInnen, wel-
den Bestimmungen. Die Lehrpläne für die Semes- che eine 20-seitige Seminararbeit schrieben, den
ter wurden neu gestaltet, frühere Oberthemen Leitfaden für ihre Arbeit im Oktober 2006. Es wur-
wurden zu Teilaspekten degradiert, sodass nicht de ihnen aber nahe gelegt, ihre Seminararbeit in
alle Aspekte der erwarteten Anforderungen im Un- den Monaten davor zu verfassen. Die Berechnung
terricht gut vorbereitet werden konnten. der Gesamtqualifikation und der Prüfungen konn-
Damit das Zentralabitur schon mal geübt und te erst in der zweiten Woche der Osterferien
auf Herz und Nieren geprüft werden konnte, gab durchgeführt werden, da das zu verwendende
es das sogenannte Probeabitur. Im Fach Deutsch Computerprogramm von jeder Schule eigenhändig
musste dafür noch schnell ein inhaltlicher Rah- zu erstehen war und die Vorgaben des Senats un-
men geschaffen werden. Einige Wochen vor den genau waren. Das bedeutete, dass die Zulassun-
Prüfungen beschäftigten sich alle SchülerInnen gen erst nach den Osterferien vergeben werden
Berlins mit der Prosa Büchners, die für das Abitur konnten. So ging wichtige Zeit zum Lernen verlo-
selbst nicht relevant war. Im Fach Mathematik tra- ren.
ten die Komplikationen erst bei den Lösungsvor- Hoffen wir, dass die SchülerInnen den Anforde-
schlägen des Senats auf. Der Erwartungshorizont rungen besser gerecht werden als der Senat. Er-
beinhaltete die falschen Lösungsvorgaben. Selbst wartet werden Struktur, Disziplin, Zeiteinteilung
die Prüfungsvorschriften zum richtigen Abitur un- und überlegtes – nicht voreiliges Handeln. Die Fra-
terlagen bis einen Monat vor den Prüfungen stän- ge nach dem Sinn stellt sich für den Jahrgang 07
digen Änderungen. Ein Beispiel ist die Prüfungs- sowieso, denn bald gibt es in Berlin das zwölfjäh-
ordnung für die mündliche Prüfung des zweiten rige Abitur und eine „neue“ gymnasiale Oberstu-
Aufgabenfeldes, dessen veränderter Ablauf den fe. Falls Sie sich je gefragt haben, was mit ihren
SchülerInnen erst wenige Wochen zuvor mitgeteilt Steuergeldern geschieht: Das Zentralabitur und
wurde. Das neu eingeführte 5. Prüfungsfach muss- der Berliner Bürokratismus lassen grüßen.10 TITEL blz | SEPTEMBER 2007
Was kommt denn eigentlich dran?
DAS NEUE ABITUR
Über Gerechtigkeit und Vergleichbarkeit des Zentralabiturs.
von Nina Niedermeyer , Abiturientin
A ls endlich fest stand, dass wir nach den Ver-
gleichsarbeiten 2004 nun auch der erste Jahr-
gang sein werden, der in Berlin das Zentralabitur
Als die Bepunktung der Probeklausuren mit dem
Erwartungshorizont verglichen wurde, ergaben
sich neue Fragezeichen. Ein Teil der KorrektorIn-
ausprobieren würde, sah ich der Sache alles ande- nen gab relativ großzügig Punkte für angeschnit-
re als skeptisch entgegen. Aus inzwischen uner- tene, aber dennoch inhaltlich mit dem Erwarteten
klärlichen Gründen vertrat ich die Meinung, die übereinstimmende Ausführungen, andere beharr-
zentralen Prüfungen würden uns Versuchskanin- ten fast auf den Wortlaut des Vordrucks.
chen auf jeden Fall zugute kommen, schließlich sei Unerklärlich für uns SchülerInnen bleibt bis
FOTO: PRIVAT
es mit den Vergleichsarbeiten ähnlich gewesen. heute, warum in den Probeklausuren der neue mil-
Mich erwartete das Zentralabitur im Leistungs- dere Bewertungsmaßstab angewandt wurde, ob-
kurs Deutsch und im Grundkurs Englisch. Bereits wohl von vornherein bekannt war, dass im Abitur
Nina Niedermeyer Anfang des ersten Semesters haben wir uns im wieder der alte, härtere zählen würde. Der neue
Deutschkurs die Themenbereiche für das Abi an- Bewertungsmaßstab legt fest, dass mit fünf Pro-
gesehen, doch keiner konnte sich wirklich etwas
darunter vorstellen. Was uns nun tatsächlich im
neuen Abitur erwartet wurde, sollten die Probe-
klausuren im September 2006 zeigen.
Auffällig war hier bereits der spärliche Informa-
tionsfluss, worauf der Fokus dieser Arbeiten lie-
gen würde. Besonders in Gesprächen mit Schüle-
rInnen anderer Schulen zeigte sich immer wieder,
dass jeder Kursleiter andere Schwerpunkte bei der
Besprechung und Auswahl von Lektüren setzte.
Hatte ich in Mathematik aufgrund eines kopier-
ten Schreibens des Senats über die gestellten An-
forderungen noch das Gefühl, gut vorbereitet in
die Klausur zu gehen, war das in Englisch alles an-
dere als der Fall. Hier kamen mir beide vorgeleg-
ten Aufgabenvorschläge schon im entfernten Sin-
ne bekannt vor, jedoch konnte ich mir beim bes-
ten Willen nicht vorstellen, welche Konkretionen
der Erwartungshorizont enthielt. Bei der anschlie-
ßenden Besprechung der Probeklausuren war mir
endgültig klar: Selbstläufer werden die neuen Prü-
fungen nicht!
Interessant ist an dieser Stelle, wie verschieden
jede Lehrkraft mit der für alle nicht vertrauten Si-
tuation umging. Trafen einige zum Beispiel in den
Fächern Deutsch und Mathematik mit ihren Schü-
lerInnen Absprachen, welches Thema auf jeden
Fall aussortiert werden würde, verweigerten ande-
re diese Kooperationsmöglichkeit strikt. Hier lässt
sich das Ziel „Einheit und Gerechtigkeit“ der zen- zent weniger Leistung die gleiche Note bezie-
tralen Prüfungen aufgreifen. Ein Teil der Abituri- hungsweise Punktzahl wie nach der alten Skala er-
enten war gezwungen, sich auf alle vier möglichen reicht werden kann.
Themenbereiche vorzubereiten, während andere Abschließend bleibt mir nur festzuhalten, dass
im Vorhinein wussten, dass sie sich um diesen das Zentralabitur sicherlich von Vorteil sein wird,
oder jenen Bereich nicht kümmern müssen. um berlinweit bessere Vergleichsmöglichkeiten zu
Andere SchülerInnen bekamen von ihren Kurs- haben. Jedoch muss meiner Meinung nach noch
leiterInnen gesagt, was diese sich annähernd an genau an den Absprachen zur Vorbereitung gear-
Aufgabenstellungen vorstellen konnten. Erwar- beitet werden. So wie es jetzt ist, ist es ungerecht
tungshorizonte aus dem Probeabitur wurden ko- und die Leistungen sind nicht wirklich miteinan-
piert und besprochen. der vergleichbar.blz | SEPTEMBER 2007 SCHULE 11
Drei wacklige Säulen
Jürgen Zöllner zeigt sich beratungsresistent – und lässt die Schulen im Regen stehen.
von Peter Sinram, Personalrat berufsbildende Schulen
S enator Klaus Böger hatte die Berliner
Schule noch mit einer Fülle von Refor-
men überschwemmt. Sein Nachfolger ist
Ausgleiche. Pädagogische Kontinuität?
Egal! Schulentwicklung? Irrelevant! Fach-
liche Kompetenzen? Völlig schnurz!
Ein eigenständiger Schultopf könnte da-
bei viele Probleme lösen: Die Schullei-
tung schaut auf die interne Liste (auf
da verhaltener; im pädagogischen Be- Und so sollen jetzt KollegInnen der der ja nur Freiwillige stehen), sucht Kol-
reich konzentriert er sich auf das gebets- Sek II an die Grundschulen gehen, um legInnen mit den entsprechenden Fä-
mühlenartige Wiederholen der Forderung dort den Bedarf in der flexiblen An- chern, spricht mit ihnen die Planung
nach individuelle Förderung bei gleich- fangsphase abzudecken. Eine Schule in der nächsten zwei Wochen ab, und alles
zeitigem Ausweichen der Frage, wie die Neukölln war bei 100,3 Prozent, hatte ist in Butter. Die Vertretung kann
zur Erreichung dieses Zieles notwendi- also rund sechs Stunden mehr als ihr schnell organisiert werden; es wird
gen Rahmenbedingungen beschaffen zusteht; schon musste jemand gehen. fachgerecht vertreten; die KollegInnen
sein müssten. Dafür hat Jürgen Zöllner An einer berufsbildenden Schule sollten bekommen für jede Stunde die entspre-
sich auf dem Feld der Schulorganisati- zwei 64-Jährige umgesetzt werden; das chende volle Vergütung; für die ande-
on weit vorgewagt. Das neue Schuljahr konnte noch verhindert werden. Am ren entfällt Vertretungsunterricht und
wird nach drei Prinzipien organisiert: übelsten ist folgender Tatbestand: Den eventuell Mehrarbeit.
• Alle Schulen beginnen das neue Paritätischen Kommissionen wurden So wird das Konzept auch der Öffent-
Schuljahr mit einer maximalen Ausstat- zahlreiche KollegInnen gemeldet, die lichkeit gegenüber verkauft, und das
tung von 100 Prozent. sich freiwillig umsetzen lassen wollten, nicht einmal ungeschickt. Nur GEW und
• Für kurzfristigen Vertretungsbedarf darunter nicht wenige, die von ihrer Personalräte sind mal wieder dagegen!
können die Schulen einen Pool in Höhe „Freiwilligkeit“ erst hörten, als sie die Ein Grund dafür ist, und der wird
von 3 Prozent ihres anerkannten Bedar- Umsetzungsverfügung in den Händen auch von den Schulleitungen geteilt,
fes selbst bewirtschaften. hielten oder als die Personalräte bei ih- dass 3 Prozent nie und nimmer ausrei-
• Bei längerfristigem Vertretungsbe- nen nachfragten, ob sie denn wirklich... chen, um den tatsächlich anfallenden
darf – „längerfristig“ bedeutet konkret : Es gab eine klare Alternative: Wenn Unterrichtsausfall abzudecken. Der lag
mehr als drei Monate – wird über das man schon das Gesamtkonzept durch- selbst nach den Berechnungen der Se-
Verfahren der zentralen Nachsteuerung drücken will – warum lässt man nicht natsverwaltung in den letzten Jahren
eine Lehrkraft mit einem Fristvertrag eine Schule bei 102 Prozent, spart sich immer gleichbleibend zwischen 6 und
eingestellt. die Umsetzungen, lässt die erfahrenen 7 Prozent. Was macht eine Schule, wenn
und eingearbeiteten KollegInnen vor der Topf leer ist? Lässt sie am Anfang
Ort und verkleinert entsprechend den des Schuljahres Unterricht ausfallen,
100 Prozent – und keine Stunde mehr Vertretungspool? Unter dem Strich wäre um dann im Herbst/Winter, wenn die
das gleiche herausgekommen. Die Zöll- Grippewelle droht, noch etwas im Topf
Zunächst bleibt festzuhalten, dass nersche Projektgruppe zur Lehrerzutei- zu haben? Die Versprechung, dass man
Zöllner der erste Senator ist, der die lung hat einen derartigen Vorschlag ge- nicht ausgeschöpfte Mittel ins nächste
Schulen ohne jegliche Reserve ins neue macht; die Verwaltung soll nun prüfen, Schuljahr mitnehmen darf, ist nur ein
Schuljahr gehen lässt. Böger hatte vor ob in den nächsten Schuljahren eine billiger Köder – es bleibt nichts übrig!
vielen, vielen Jahren noch 500 Vollzeit- Bandbreite mit einer eventuellen Über- Schwerwiegender für unsere Ableh-
lehrereinheiten für Vertretungsbedarf ausstattung für eine gewisse Zeit in nung ist ein anderer Grund: Wer kommt
eingeplant; die sind schon lange weg. Kauf genommen werden soll. Aber für wie auf die Listen? Das Zöllnersche Mo-
In den Organisationsrichtlinien des das kommende Schuljahr waren diese dell kennt zwei Wege: Man kann sich di-
letzten Schuljahres waren noch 2 Pro- sinnvollen Vorschläge noch zu früh. rekt bei den Schulen melden und man
zent für Vertretungsbedarf vorgesehen kann sich in einer zentralen Liste ein-
– auch weg. Nun können alle Schullei- tragen lassen. Diese Liste hat den schö-
tungen nur hoffen, dass in den Ferien Der Drei-Prozent-Topf nen Namen BEOv (Bewerbungen und
niemand krank geworden ist. Einstellungen Online für Vertretungs-
Um überall die 100 Prozent zu errei- Der allergrößte Teil des Unterrichts- einstellungen).
chen, wurde in den letzten Wochen des ausfalls wird durch kurzfristige Erkran- Hier beginnt das eigentliche Problem.
alten Schuljahres ein gigantisches Um- kungen verursacht. Ebenso kurzfristig Wer hat einen Überblick über den Per-
setzungskarussell in Gang gesetzt. Da- muss sich dann die Schulleitung auf die sonenkreis auf den Listen der 622 Schu-
bei ging es lediglich um rechnerische Suche nach Vertretungskräften machen. len, die bei dem Projekt mitmachen 412 SCHULE blz | SEPTEMBER 2007
4wollen? Und wer hat einen Überblick da- barung wird wohl nicht zustande kom- bringt. Das hieß in der Konsequenz,
rüber, welche dieser Personen einen men. Das heißt aber auch, dass es für dass Einstellungen dann nicht zuge-
oder mehrere kurzfristige Vertretungs- die schulischen Listen kein geregeltes stimmt wurde, wenn noch Fristis mit
einsätze gehabt haben? Eines ist klar: Verfahren gibt. Kreativität ist angesagt: gleicher Laufbahn und Fach/Fächern
Die Zentrale hat diesen Überblick nicht 622 Schulleitungen warten auf diejeni- vorhanden waren. Diese hat in vielen
und will ihn auch gar nicht haben – sol- gen, die an ihre Tür pochen, und bas- Fällen dazu geführt, dass die Fristver-
len das doch die Schulen alleine regeln. teln sich eine Liste. träglerInnen ein Einstellungsangebot
Die Personalräte haben ihn auch nicht, Das zweite Listenverfahren ist inzwi- bekamen – aber mit den obigen Ein-
denn befristete Arbeitsverhältnisse unter- schen fertig: Das Beteiligungsverfahren schränkungen. Und die GEW-Personalrä-
halb von zwei Monaten sind nicht mit- mit dem Hauptpersonalrat zu BEOv ist te konnten nur so agieren, weil sie die
bestimmungspflichtig, und es ist zwei- beendet, alle Interessierten können sich einzigen waren, die einen Überblick
felhaft, ob alle 622 Schulleitungen im- elektronisch eintragen lassen. Dabei über diesen Personenkreis hatten.
mer brav den Personalrat informieren. war in der ersten Vorlage noch ein wun- Dieser Notbehelf wird nun zum Re-
Andererseits erwirbt man sich über derhübscher Satz enthalten, den der gelfall. Alles auf 100 – und sonstiger
einen Fristvertrag einen eventuellen HPR herausboxen konnte. Zunächst langfristiger Bedarf nur noch über Frist-
Vorrang bei der Vergabe von unbefriste- sollten sich alle Menschen bewerben verträge. Das Prinzip „Hire and fire“
ten Stellen. Mit anderen Worten: Wenn dürfen, „die sich berufen und befähigt wird flächendeckend auf die Schulen
hier nicht von Anfang an Klarheit und fühlen, in Berliner Schulen zu unter- übertragen.
Transparenz herrschen, kann man sich richten.“ Die Ersetzung eines Fachstudi-
in Zukunft jedes geordnete Einstel- ums durch ein Gefühl – eine derartig
lungsverfahren abschminken. leichtfertige Entwertung jeglicher Pro- Was kommt hinten raus?
Deshalb haben die GEW-Personalräte fessionalität hatte sich ein Böger nicht
einen konstruktiven Vorschlag gemacht. getraut. Jetzt heißt es: „Interessierte Auf diesem Weg wird ein zentraler
Wir haben den Abschluss einer Dienst- Lehrkräfte, aber z.B. auch Absolventin- Baustein des Bögerschen Schulgesetzes
vereinbarung zu den schulischen Listen nen und Absolventen anderer Studien- zu Grabe getragen. Er hatte doch stolz
angeboten. Diese Listen sollten nur Per- richtungen oder Studentinnen und Stu- verkündet, dass die Schulleitungen nun
sonen enthalten, die nicht an einem un- denten insbesondere für das Lehramt allein darüber entscheiden würden, wer
befristeten Arbeitsverhältnis interes- können sich ab sofort online ... für eine an ihren Schulen eingestellt wird und
siert sind, z.B. Teilzeitbeschäftigte, Kol- Vertretungstätigkeit bewerben.“ Wie die wer nicht. Mit diesem Argument ist die
legInnen in Elternzeit oder in der Ruhe- Konkurrenz der 622 Schulen um die Verwaltung noch vor das Bundesverwal-
phase der Altersteilzeit, Pensionäre, wenigen Menschen z. B. für das Fach tungsgericht gegangen und hat damit
dienstunfähige KollegInnen. Wenn die Latein konkret aussieht, wie schnell die die Mitbestimmungsrechte der Perso-
für einen begrenzten Zeitraum mit ei- angeforderte Vertretungskraft vor Ort nalräte bei der Auswahl von Schulleite-
ner begrenzten Stundenanzahl aushel- ist, wie vollmundig die Zöllnerschen rInnen beseitigt. Und nun? Schulbezo-
fen wollen, dann soll es deren Entschei- Versprechungen waren – das werden gene Ausschreibungen – einstmals ge-
dung sein. Und die Schulleitungen le- wir in den nächsten Monaten hautnah dacht als Herzstück der schulischen
gen zwei Mal im Jahr den Beschäftigten- miterleben können. Personalentwicklung – sind so gut wie
vertretungen die Listen vor. Wenn dann verschwunden. Und wenn ich eine Refe-
Kollege Meier sich krank meldet, schaut rendarIn halten will, weil er oder sie
die Schulleitung auf die Listen und Letzter Ausweg: der Fristvertrag haargenau in das Schulprofil passt?
macht dann den Vertretungsplan. Ende Welche Schulleitung kann denn wissen,
des Verfahrens. Wer nun die nötigen Mit diesem Modell wurde bereits im ob nicht irgendwo ein entsprechender
Stunden gibt, kann einem Personalrat letzten Schulhalbjahr flächendeckend Fristverträgler mit dem gesetzlich abge-
herzlich egal sein. operiert. Am Schluss waren über 300 sicherten Vorrang unterrichtet?
Offensichtlich war das zu einfach. KollegInnen im Berliner Schuldienst tä- Die Personaldecke ist zu knapp, 100
Vor allem die Eingrenzung auf den obi- tig mit der Perspektive, spätestens am Prozent reichen nicht. Der Vertretungs-
gen Personenkreis wollte die Verwal- 11. Juli wieder ALG II entgegennehmen topf ist zu knapp bemessen, 3 Prozent
tung nicht akzeptieren. Ihrer Meinung zu dürfen. Dabei war allen klar, dass reichen nicht. Die Zentrale wird keinen
nach sollte der Kreis weiter gezogen diese KollegInnen nicht längerfristigen Überblick mehr darüber haben, wer wo
werden. Ein Beispiel: Lehramtsstudie- Krankheitsausfall abdeckten, sondern wie tätig ist. Die Personalräte werden
rende ab dem vierten Semester sollen im Regelunterricht tätig waren. Die auch nicht mehr genau wissen, wer an
sich auch melden können! Nun hat die knappe Ausstattung ließ überhaupt den Schulen einen Kürzestvertrag hat.
GEW BERLIN immer gefordert, dass The- nichts anderes zu. Die Schulleitungen haben die Verant-
orie und Praxis in der Ausbildung stär- Es ist uns nicht gelungen, trotz der wortung und müssen sich durchwurs-
ker verzahnt werden müssen, dass vielfältigen Aktivitäten auch von Eltern, teln. Das Modell „Unterrichtsgarantie
Lehramtsstudierende möglichst früh Kollegien, Schulleitungen und Schüle- plus“ in Hessen, das eines der Vorbilder
den Schulalltag kennen lernen sollen – rInnen und trotz des auch hier positi- für Berlin war, ist dort soeben glorios
das aber bitte mit Begleitung, im Rah- ven Medienechos, für alle Fristverträge gescheitert. Berlin bleibt beratungsres-
men des Studiums, mit Hilfestellung eine Entfristung zu erreichen. Die Per- istent.
und Auswertung. Diese Vorschläge ha- sonalräte der GEW BERLIN hatten sich Eingedenk der Überschrift schließen
ben die LehrerbildnerInnen in der Ver- auf eines geeinigt: Es gibt nun einmal wir mit Ludwig Uhland:
waltung jahrzehntelang ignoriert. Nun ein Teilzeit- und Befristungsgesetz und
soll wohl der „Stundenlehrer“ durch die eine Sonderreglung zum Bundesange- „Noch eine hohe Säule
kalte Küche wieder eingeführt werden, stelltentarifvertrag, wonach ein Frist- zeugt von verschwund’ner Pracht,
und zwar als Lückenbüßer. vertrag einen Vorrang bei der Einstel- Auch diese, schon geborsten,
Wie dem auch sei, die Dienstverein- lung auf unbefristete Stellen mit sich kann stürzen über Nacht.“Sie können auch lesen