Nachhaltigkeit - TU Dortmund

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Nachhaltigkeit - TU Dortmund
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  Nachhaltigkeit

Klimagerecht planen                    Visionär führen                      Energieeffizient fertigen
Hochwasser, Hitzewellen, Hurrikane –   Wie Führungskräfte ihr Team besser   Leichtes Material und clevere Konzepte
Wir müssen uns der Natur anpassen      motivieren können                    können den CO2-Ausstoß reduzieren

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Liebe Leserin, lieber Leser,

W     er sich der Technischen Universität Dortmund über die A45 von Süden her nähert, der sieht keine Fördertürme, keine
      Kraftwerke, keine Schlote, sondern: Windräder. Drei Windanlagen stehen nahe der Siedlung Salingen, eine weitere in
Eichlinghofen. Wo Kilometer unter der Erde noch Steinkohle lagert, wird heute in 100 Metern Lufthöhe Wind als regenera-
tive Energiequelle genutzt. Die Windräder sind eines der sichtbarsten Zeichen dafür, dass sich das Ruhrgebiet auf das Thema
Nachhaltigkeit eingestellt hat. Auch die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TU Dortmund befassen sich mit den
unterschiedlichen Aspekten der Nachhaltigkeit – ob ökologisch, ökonomisch oder sozial.

Unser Forschungsmagazin präsentiert gleich sechs Lehrstühle der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik, die
das Elektroauto in Fahrt bringen. Sie entwickeln intelligente Technik für günstiges Strom tanken und verbrauchsarme Stre-
ckenplanung. Professor Dietwald Gruehn kann Kommunen dabei helfen, die Folgen des Klimawandels bei der Stadtplanung zu
berücksichtigen. Die Dortmunder Plattform ChemBioTec bündelt Forschungsprojekte zur effizienten Verarbeitung nachwach-
sender Rohstoffe. Führungskräfte lernen bei Professor Jens Rowold, dass bildreiche Visionen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
nachhaltig motivieren. Juniorprofessor Christoph Schuck begleitet indes die Konsolidierung der Demokratie in Indonesien. Der
Fall der einstigen Militärdiktatur verdeutlicht, welch langer Weg Ägypten und Tunesien nach dem Arabischen Frühling noch be-
vorsteht. Im Interview stellen wir Ihnen schließlich Professor A. Erman Tekkaya vor, der das Recycling von Aluminium und Stahl
verbessern will: Umformen statt Schmelzen lautet seine Strategie – das spart Energie!

Kurz, die vorliegende Ausgabe unseres Forschungsmagazins mundo zeigt Ihnen: An der TU Dortmund weht ein frischer Wind für
die Nachhaltigkeit. Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der Lektüre!

Dortmund, Dezember 2011

Prof. Andrzej Górak, Prorektor Forschung

                                                                                                                            3
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    Nachhaltigkeit

Klimagerecht planen                    Visionär führen                      EnergieefÐzient fertigen
Hochwasser, Hitzewellen, Hurrikane –   Wie Führungskräfte ihr Team besser   Leichtes Material und clevere Konzepte
Wir müssen uns der Natur anpassen      motivieren können                    können den CO2-Ausstoß reduzieren

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Impressum
mundo – das Magazin der Technischen Universität Dortmund Herausgeber Referat Hochschulkommunikation Chefredakti-
on Angelika Willers Kontakt Angelika Willers, Tel. (0231) 755-5449, Mail: redaktion.mundo@tu-dortmund.de Redaktionelle
Mitarbeit Stephanie Bolsinger, Stefan Burkard, Alexandra Gehrhardt, Greta Hamann, Joachim Hecker, Ole Lünnemann, Eva
Prost, Katrin Pinetzki, Aeneas Rooch, Gabriele Scholz, Martina Schlüter, Matthias Steinbrecher Layout und Bildbearbeitung
Gabriele Scholz Fotografie Jürgen Huhn Bildnachweis Titelseite Jürgen Huhn, S. 17 Petra Albers/shotshop.com, S. 29 danstar/
shoptshop.com, S. 48/49 Helmar Ernst-Herzig/shotshop.com, S. 31 FranzPfluegl/shotshop.com, S. 26/27 Photodoc/shotshop.
com, S. 19 Rüdiger Rebmann/shotshop.com, S. 25 Tom Melorny/shotshop.com, S. 20/21 Erwin Wodicka/shotshop.com, S. 58
Grimme-Institut/Jens Becker, S. 8/9, 46, 62-65 Detlef Podehl, S. 14/15, 23, 24 Rainer Scholz, S.41, 43 Christoph Schuck, S.
66, 67 Ianus Simulation GmbH, S. 68 WDR/Gehle Redaktioneller Beirat Professoren Torsten Bertram, Uwe Clausen, Andreas
Hoffjan, Andrzej Górak, Walter Krämer, Holger Wormer, Elisabeth Wacker, Peter Walzel Druck Gebr. Lensing GmbH & Co KG,
Dortmund Anzeigen Public Verlagsgesellschaft und Anzeigenagentur mbH, Bingen (www.publicverlag.com) Grafische Kon-
zeption grimmdesign, Düsseldorf Erscheinungsweise zweimal jährlich

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In dieser Ausgabe

Nachrichten                                                 Wissen schafft Praxis
Forschungszentrum INVITE eröffnet/ERC Advanced
Investigator Grant für Prof. Sebastian Engell/TU koo-       Natur und Technik
periert mit polnischen Wissenschaftseinrichtungen/          Schlaue Werkstoffe
nrwision bleibt an der TU Dortmund/TU Dortmund war          Polymer-Experte Jörg Tiller entwickelt mitdenkende
mit dabei: Seit 25 Jahren gibt es die .de-Domain/Der        Werkstoffe und zaubert mit Kautschuk
INNOVATIONSSTANDORT ist ein Ort im Land der Ideen/          Seite 44
Erfolg bei Beobachtung kosmischer Strahlung
Seite 4                                                     Musik in den Ohren
                                                            Im Sonderforschungsbereich 823 wollen Statistiker
                                                            Hörgeräte konzerttauglich machen
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                                                            Kultur, Gesellschaft und Bildung
Titelthema: Nachhaltigkeit                                  Fragen Sie Ihren Medien-Doktor oder Apotheker
                                                            Journalistik-Webportal überprüft Gesundheits-News
Nie mehr schieben!                                          auf Qualität
Dortmunder Kompetenzzentrum kümmert sich um                 Seite 56
die perfekte Infrastruktur für Elektrofahrzeuge
Seite 8

Endlose Energiespender
Nachwachsende Rohstoffe können mehr als Erdöl
und Kohle ersetzen
Seite 14

Planen mit dem Klimawandel
Hochwasser, Hitzewellen und Hurrikane –
Warum wir uns der Natur anpassen müssen                     mundorama
Seite 20
                                                            Campus und Köpfe
Ich habe einen Traum... – Führen mit Vision                 Neuberufungen
Warum transformationale Führung Mitarbeiterinnen und        Seite 62
Mitarbeiter besser motiviert und den Gewinn steigert
Seite 26                                                    Ehrungen und Preise
                                                            Seite 65
Formvollendet CO2 sparen
A. Erman Tekkaya macht Profile aus Spänen                   Die Strömungsexperten
und Töpfe aus Waschmaschinen                                Zwei Absolventen der TU Dortmund haben sich mit
Seite 32                                                    Simulationssoftware selbstständig gemacht –
                                                            das Portfolio wächst
Courage ist gut – Ausdauer ist besser                       Seite 66
Die Dortmunder Politikwissenschaft leistet einen Beitrag,
den demokratischen Wandel Indonesiens nachhaltig zu         Wissenschaft für Kinder
gestalten                                                   Elektrischer Reis
Seite 38                                                    Seite 68

                                                                                                                     3
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TU und Bayer entwickeln Fabrik der Zukunft   [A]                                               Prof. Sebastian Engell                [B]

Forschungszentrum INVITE                           Auch unsere Studierenden profitieren        tory. Weitere branchenübergreifende
eröffnet                                           von INVITE durch praxisbezogene Lehr-       Forschungsprojekte beschäftigen sich
Die Bayer Technology Services GmbH                 veranstaltungen und Projektarbeit vor       mit neuen modularen Herstellungsme-
(BTS) und die Technische Universität               Ort«, unterstrich die Rektorin der TU       thoden für die Biotechnologie. Daneben
Dortmund haben am 21. September                    Dortmund, Prof. Ursula Gather, die Be-      stehen innovative Wege der Umwand-
das neue Forschungszentrum INVITE im               deutung des 50:50-Joint Ventures zwi-       lung und Nutzung von Kohlendioxid im
Chempark Leverkusen eröffnet. INVITE               schen BTS und der TU Dortmund.              Fokus der Wissenschaftler.
steht für INnovationen, VIsionen und                                                           Infos: www.invite-research.com
TEchnologien. Hier sollen ressourcen-              Die Grundsteinlegung für das vom Bund                                             [A]
schonende, flexible und effiziente Pro-            und dem Land NRW mit fünf Millionen
duktionskonzepte für die »Fabrik der               Euro aus dem Konjunkturpaket II geför-      ERC Advanced Investigator Grant
Zukunft« entwickelt und getestet wer-              derten Forschungsgebäude erfolgte im        für Prof. Sebastian Engell
den. Im Rahmen der Eröffnung erklärte              Oktober 2010. Insgesamt wurden 6,5          Prof. Sebastian Engell vom Lehrstuhl
der Geschäftsführer Dr. Thomas Bie-                Millionen Euro in das Projekt von Bayer,    für Systemdynamik und Prozessfüh-
ringer erstmals ein neuartiges Konzept             der TU Dortmund und dem Land inves-         rung der Fakultät Bio- und Chemieinge-
für die pharmazeutische Produktion,                tiert, mehr als 20 Mitarbeiterinnen und     nieurwesen der TU Dortmund (Principal
bei dem Module in einem Baukasten-                 Mitarbeiter sollen dort auf über 800        Investigator) und Prof. Hans Georg Bock,
prinzip im Containerformat aneinander              Quadratmetern Technikums-, Labor-           Interdisziplinäres Zentrum für Wissen-
gereiht werden sollen.                             und Bürofläche in Zukunft arbeiten.         schaftliches Rechnen der Universität
                                                                                               Heidelberg (Co-Investigator), erhalten
»Eine weitere, wesentliche Verbes-                 Die TU Dortmund zählt im Bereich Bio-       vom Auswahlausschuss des European
serung von Produktionsverfahren in                 und Chemieingenieurwesen zu den             Research Council (ERC) ein Advanced
punkto Nachhaltigkeit und Ressour-                 führenden Universitäten in Europa und       Investigator Grant.
censchonung kann nur mit dem Einsatz               arbeitet seit Jahren eng mit Bayer in
gänzlich neuer Technologien gelingen«,             vielen Forschungs- und Entwicklungs-        Engell und Bock, die schon seit Jahren
sagte Prof. Wolfgang Plischke, im Bay-             kooperationen zusammen. Eines der           intensiv auf dem Gebiet der optimie-
er-Vorstand zuständig für Innovation,              ersten Projekte, das auf die Infrastruk-    rungsbasierten Regelung zusammenar-
Technologie und Umwelt, vor über 100               tur von INVITE setzt, ist das EU-Projekt    beiten, sollen 3,5 Millionen Euro für ihr
geladenen Gästen aus Industrie, Politik            F3 Factory – Fast, Flexible, Future. Hier   Projekt Model-based optimizing control
und Wissenschaft.                                  werden die 25 Projektpartner – darun-       – from a vision to industrial reality er-
                                                   ter sieben der führenden europäischen       halten. Ziel dieses Projekts ist, Hinder-
Die Ergebnisse der Forschungsprojekte              Chemieunternehmen – erstmals wett-          nisse bei der industriellen Anwendung
sollen nicht nur in der Praxis zum Ein-            bewerbsübergreifend die Vorteile gro-       optimierungsbasierter Regelungen zu
satz kommen: Im Rahmen von Aus- und                ßer optimierter und kleinerer flexibler     beseitigen. Dazu sollen nicht nur Me-
Weiterbildungsveranstaltungen sollen               Anlagen vereinen. Die Idee: Chemiefa-       thoden zur Erhöhung der Robustheit
Studierende und Graduierte davon pro-              briken werden nach dem Baukasten-           und Fehlertoleranz sowie zur Reduzie-
fitieren. Diese können in Zukunft bei              prinzip konstruiert. Modulare Stan-         rung des notwendigen Modellierungs-
Besuchen im INVITE-Forschungszen-                  dard-Apparate werden in Containern          aufwands entwickelt und erprobt wer-
trum Wissenschaft und Forschung auf                zusammengefasst, die wiederum zu            den, sondern auch neue Konzepte für
höchstem Niveau hautnah erleben.                   einer kompletten Anlage hintereinan-        die Einbeziehung der Anlagenfahrer.
»Mit INVITE gelingt der Schulterschluss:           der geschaltet werden können. Bei-          Außerdem soll die optimierungsbasier-
Die TU Dortmund und Industriepartner               de Gesellschafter der INVITE GmbH           te Regelung auf das An- und Abfahren
können nun neuartige Technologien                  sind Mitglieder des mit 30 Millionen        von Anlagen ausgedehnt werden. Die
noch effizienter entwickeln – und zwar             Euro geförderten und von BTS koordi-        Regelungsverfahren sollen unter an-
unter realen Produktionsbedingungen.               nierten Forschungsprojektes F3 Fac-         derem an einer Reaktionskolonne in

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mundo — 15/11                                                                                                        Nachrichten

TU Dortmund und TU Lodz kooperieren   [C]                                              nrwision bleibt in Dortmund            [D]

Kooperation mit dem Lehrstuhl Fluid-        vorhaben ein intensiver Wissenschaft-      Hochschulen vor. Beabsichtigt sind bei-
verfahrenstechnik (Prof. Andrzej Górak)     leraustausch zwischen Dortmund und         spielsweise Veranstaltungen von Dort-
erprobt werden. Der Projektbeginn ist       Warschau. Zugleich sollen Studieren-       munder Professorinnen und Profes-
zum April 2012 vorgesehen.                  de beider Länder vermehrt die Chance       soren für Doktoranden in Polen sowie
                                            haben, in dem jeweils anderen Land         Summer Schools für Studierende aus
Advanced Investigator Grants des ERC        Studien- und Auslandserfahrungen zu        Polen in Dortmund und gemeinsame
sind auf europäischer Ebene die höchst-     sammeln. Die Polnische Akademie der        Forschungsvorhaben etwa im Bereich
dotierten Einzelförderungen in der Wis-     Wissenschaften ist ein Zusammen-           innovativer Herstellungsverfahren aus
senschaft. Sie werden an herausragend       schluss mehrerer staatlicher Wissen-       nachwachsenden Rohstoffen.
ausgewiesene      Wissenschaftlerinnen      schafts- und Forschungsinstitutionen.      Kontakt: Prof. Andrzej Górak, Ruf:
und Wissenschaftler vergeben und sol-       Das Institute of Physics der Polnischen    755-2323, Mail: andrzej.gorak@bci.tu-
len Exzellenz, Dynamik und Kreativität      Akademie der Wissenschaften ist über       dortmund.de; Prof. Manfred Bayer, Ruf:
der europäischen Forschung stärken.         Polen hinaus renommiert im Bereich         755-3532, Mail: manfred.bayer@tu-
Kontakt: Prof. Sebastian Engell, Ruf:       der Grundlagenforschung zur konden-        dortmund.de
755-5127, Mail: sebastian.engell@tu-        sierten Materie, in der Laserspektro-                                             [C]
dortmund.de                                 skopie und in der Halbleiterforschung
                                      [B]   – einem Spezialgebiet der Dortmunder       nrwision bleibt an der
                                            Fakultät Physik.                           TU Dortmund
TU kooperiert mit polnischen                                                           nrwision – der tv-lernsender für nord-
Wissenschaftseinrichtungen                  In Lodz unterzeichneten die Vertreter      rhein-westfalen wird nach dem Be-
Die Technische Universität Dortmund         der Technischen Universitäten Dort-        schluss der Medienkommission der
hat zwei Kooperationsverträge mit pol-      mund und Lodz einen Kooperationsver-       Landesanstalt für Medien NRW vom
nischen Wissenschaftseinrichtungen          trag über die engere Zusammenarbeit        16. September für weitere vier Jah-
geschlossen: mit der Polnischen Akade-      der bio- und verfahrenstechnischen         re zugelassen und gefördert. Der lan-
mie der Wissenschaften und der Tech-        Fakultäten beider Hochschulen. »Die        desweite Fernsehsender mit Sitz in
nischen Universität Lodz. Unterzeich-       Kooperation bedeutet einen neuen           Dortmund wird weiterhin vom Insti-
net wurden beide Abkommen während           Schub für die grenzübergreifende For-      tut für Journalistik der Technischen
eines Polenaufenthalts von Rektorin         schung im Bereich der Biotechnolo-         Universität     Dortmund      betrieben.
Prof. Ursula Gather und vom Prorektor       gie sowie der Verfahrenstechnik und        Projektleiter und Journalistik-Professor
Forschung Prof. Andrzej Górak mit NRW-      stärkt den polnisch-deutschen Wis-         Michael Steinbrecher begrüßte den Be-
Wissenschaftsministerin Svenja Schul-       senschaftleraustausch«, betonte Wis-       schluss: »Weil die Idee einfach toll ist.
ze. Anlass der Reise vom 2. bis zum 4.      senschaftsministerin Svenja Schulze        Wo sonst haben Bürgerinnen und Bür-
November war das NRW-Polen-Jahr             bei der Vertragsunterzeichnung. Die        ger wie auch angehende Profis die Mög-
2011/12. Neben offiziellen Gesprächen       Fakultät für Umwelt- und Prozessver-       lichkeit, selbst Programm zu machen?
mit Politikern sowie Vertretern der Pol-    fahrenstechnik der TU Lodz und die         Davon sind wir alle begeistert!« Auch
nischen Akademie der Wissenschaften         Fakultät Bio- und Chemieingenieurwe-       Ursula Gather, Rektorin der TU Dort-
standen Fragen des Forschungstrans-         sen der TU Dortmund werden zukünftig       mund und Intendantin des Senders,
fers und der Forschungskooperation im       ihre gemeinsame Forschung im Bereich       freute sich über die Verlängerung des
Mittelpunkt der Reise.                      Umwelttechnik intensivieren. Einzelne      erfolgreichen Konzepts: »Davon werden
                                            Forscherinnen und Forscher der beiden      nicht nur die Bürgerinnen und Bürger in
Physiker der TU Dortmund werden zu-         Universitäten arbeiten bereits seit mehr   Nordrhein-Westfalen profitieren. Eben-
künftig verstärkt mit ihren Kollegen der    als 20 Jahren zusammen. Zugleich sieht     so können die Studierenden am Institut
Polnischen Akademie der Wissenschaf-        der Kooperationsvertrag einen verstärk-    für Journalistik weiterhin Fernsehjour-
ten in Warschau kooperieren. Geplant        ten Austausch von Wissenschaftle-          nalismus unter professionellen Bedin-
ist neben gemeinsamen Forschungs-           rinnen und Wissenschaftlern beider         gungen erlernen.«

                                                                                                                               5
Nachhaltigkeit - TU Dortmund
Nachrichten                                                                                                         mundo — 15/11

25 Jahre .de-Domain                    [E]   Ausgezeichnet: DER INNOVATIONSSTANDORT   [F]

Seit Januar 2009 wird der landesweite        paderborn.de und drei weitere wurden           bringt Unternehmen und wissenschaft-
TV-Lernsender in Dortmund aufgebaut.         als erste Domains aus Deutschland mit          liche Einrichtungen aus der Region um
Alle Bürgerinnen und Bürger in Nord-         dieser Kennzeichnung zugelassen.               Dortmund, Hamm und dem Kreis Unna
rhein-Westfalen können mitmachen             Welche Domain tatsächlich als erste            zusammen und initiiert gemeinsame
und ihre Beiträge ausstrahlen. Jour-         registriert wurde, lässt sich heute nicht      Projekte. Ziel ist, eine Kultur der Koope-
nalistik-Studierende der TU Dortmund         mehr nachvollziehen, denn erst 1988            ration zwischen Wirtschaft und Wissen-
übernehmen dabei die Programmver-            übernahm mit der TU Dortmund eine              schaft zu etablieren, um neue Produkte
antwortung unter der Leitung von Chef-       deutsche Institution die Verwaltung            zu entwickeln und Innovationen umzu-
redakteur Stefan Malter: »Für unser          der .de-Domains: Über das Drittmittel-         setzen. Mit ihren sechs Hochschulen,
Team ist diese Entscheidung natürlich        Projekt EUnet war die Informatikrech-          diversen Forschungsinstituten und
ein Riesen-Kompliment und ein toller         ner-Betriebsgruppe (IRB) der Fakultät          zahlreichen Unternehmen bietet die
Vertrauensbeweis«.                           für Informatik für die Vergabe von Do-         Region beste Voraussetzungen für eine
Kontakt: Stefanie Opitz, nrwision, c/o       mainnamen und die Zuweisung von IP-            Zusammenarbeit von Wissenschaftlern
Institut für Journalistik, Ruf: (0231) 475   Adressen verantwortlich.                       und Unternehmern.
415-16, Mail: stefanie.opitz@tu-dort-
mund.de                                      Mit diesem Projekt wurde an der TU             Mit der Auszeichnung ist der Verein für
                                             Dortmund der Grundstein für eine In-           die regionale Integration von Wirtschaft
                                       [C]   stitution gelegt, die diese Aufgabe auch       und Wissenschaft einer von 365 Preis-
                                             heute noch erfüllt: das Deutsche Net-          trägern, die jedes Jahr von der Standort-
TU Dortmund war mit dabei: Seit              work Information Center, kurz DENIC.           initiative Deutschland – Land der Ideen
25 Jahren gibt es die .de-Domain             Bis 1993 verantwortete die TU Dort-            gemeinsam mit der Deutschen Bank
Es sind nur zwei Buchstaben, doch sie        mund die Verwaltung der deutschen              unter der Schirmherrschaft des Bun-
zeigen Internetsurfern auf der ganzen        Domains. Im Jahr 1994 wechselte DE-            despräsidenten Christian Wulff prä-
Welt an, welches Land sie gerade an-         NIC an das Rechenzentrum der da-               miert werden.
steuern. Seiten aus Deutschland sind         maligen Universität Karlsruhe (heute
an der Endung .de zu erkennen – mehr         Karlsruher Institut für Technologie).          Klaus Ulrich von der Deutschen Bank in
als 14,5 Millionen davon gibt es im di-      Hier wurde die Top-Level-Domain .de            Dortmund zeichnete das Projekt DER
gitalen Netz. Vor kurzem haben diese         weiter vorangetrieben und professiona-         INNOVATIONSSTANDORT – Wirtschaft
zwei Buchstaben ihren 25. Geburtstag         lisiert. Seit 1998 fungiert die Institution    und Wissenschaft vernetzt als Ausge-
gefeiert: Am 5. November 1986 wurde          als Genossenschaft und hat ihren Sitz          wählten Ort 2011 aus. Er betonte: »Die
die Domain .de registriert – dieses Da-      heute in Frankfurt am Main.                    Akteure fördern den Austausch zwi-
tum markiert die Geburtsstunde des           Kontakt: Hans Decker, Fakultät für In-         schen Wissenschaft und Wirtschaft
Internets in Deutschland. An dieser Ge-      formatik, Ruf: 755-2208, Mail: hans.de-        mit dem Ziel, am Standort eine Inno-
burt war auch die TU Dortmund betei-         cker@tu-dortmund.de                            vationskultur fest zu verankern. Dieser
ligt: Die Computerzentren der dama-                                                   [E]   fruchtbare Austausch ist eine wichtige
ligen Universitäten Dortmund und                                                            Voraussetzung, um auch in Zukunft als
Karlsruhe gaben den Anstoß für die           DER INNOVATIONSSTANDORT ist                    führender Innovationsstandort in der
weitere Entwicklung des Internets.           Ort im Land der Ideen                          globalisierten Welt mitspielen zu kön-
                                             DER INNOVATIONSSTANDORT e.V. ist               nen.«
Am 5. November 1986 wurde die Top-           Preisträger im bundesweit ausgetra-
Level-Domain .de bei der US-ameri-           genen Innovationswettbewerb 365                Prof. Ursula Gather, Vorsitzende des
kanischen Internet Assigned Numbers          Orte im Land der Ideen. Der Verein er-         Netzwerks DER INNOVATIONSSTAND-
Authority (IANA) in der Datenbank re-        hielt die Auszeichnung am 19. Oktober          ORT e.V. und Rektorin der TU Dortmund,
gistriert. Die Adressen uni-dortmund.        im Rahmen der Festveranstaltung 10             nahm die Auszeichnung entgegen und
de, uka.de (Universität Karlsruhe), uni-     Jahre Wissenschaftstag. Das Netzwerk           freute sich über die Anerkennung: »Wir

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Nachhaltigkeit - TU Dortmund
mundo — 15/11                                                                                                         Nachrichten

TU-Forscher beobachtet Teilchenkaskaden   [G]

sind froh, ein Ausgewählter Ort im Land         G-APD Cherenkov Telescope) verwert-        äußerliche Einflüsse eingeschränkt. Die
der Ideen zu sein. Diese bundesweit be-         bare Aufnahmen von atmosphärischen         nutzbare Beobachtungszeit steigt stark
deutende Auszeichnung ist für uns eine          Teilchenkaskaden machen, schrieb ihm       an.
Bestätigung, dass wir mit unserer Initi-        sein Doktorand von den kanarischen
ative auf dem richtigen Weg sind.«              Inseln. »So etwas habe ich noch nie        Die Ergebnisse der Messungen kön-
                                                erlebt«, so Prof. Rhode, Professor für     nen Antworten auf wichtige Fragen in
Aus insgesamt 2.600 eingereichten Be-           experimentelle     Astroteilchenphysik     der Astroteilchenphysik, der Kosmo-
werbungen überzeugte das Netzwerk               an der TU Dortmund. »Normalerwei-          logie und der Teilchenphysik bringen:
die unabhängige Jury und repräsentiert          se braucht man mehrere Wochen vom          Aus welchen Quellen kommen die kos-
als zukunftsfähige Idee Deutschland             ersten Aufstellen eines neuen Tele-        mischen Teilchen, die in der Atmosphä-
als das Land der Ideen. »In einem roh-          skops bis zu dem Moment, in dem man        re schneller als das Licht sind? Welche
stoffarmen Staat wie Deutschland sind           brauchbare Daten bekommt.«                 Eigenschaften haben die Galaxien, aus
einzig Innovationen die Motoren für                                                        denen sie kommen? Und welche Hin-
Entwicklung und Wachstum. Die Preis-            Die Kamera, die an der ETH Zürich zu-      dernisse mussten sie auf dem Weg bis
träger im Wettbewerb 365 Orte im Land           sammengesetzt wurde und pro Sekun-         zur Erde überwinden?
der Ideen machen mit Leistung und Lei-          de mehrere 100 Millionen bis Milliarden
denschaft die Zukunftsfähigkeit des             Bilder aufnimmt, steht in 2.200 Metern     Die von der Kamera aufgezeichneten
Standorts Deutschland sichtbar«, so             Höhe auf der Insel La Palma. Dort befin-   Hochgeschwindigkeitsfilme      müssen
die Begründung von Klaus Ulrich zum             den sich bereits zwei weitere Teleskope,   mit neuen Methoden analysiert wer-
Engagement der Deutschen Bank.                  sogenannte MAGIC-Teleskope, an denen       den, um den Herkunftsort, die Energie
Infos: www.der-innovationsstandort.de           die Wissenschaftler der TU Dortmund        und die Art des kosmischen Teilchens
                                          [F]   auch beteiligt sind.                       festzulegen. In Dortmund erfolgt dies in
                                                                                           enger Zusammenarbeit mit dem Dort-
Erfolg bei Beobachtung                          Bereits mit diesen Teleskopen konnte       munder Sonderforschungsbereich 876,
kosmischer Strahlung                            man die bläulichen Cherenkov-Blitze        in dem schnelle und energiesparende
Wissenschaftlern der TU Dortmund ist            der Teilchenkaskaden beobachten. Das       Methoden zur Datenanalyse entwickelt
in Zusammenarbeit mit der Universi-             neue Teleskop basiert jedoch nicht         werden.
tät Würzburg und der ETH Zürich ein             mehr wie bei MAGIC auf Photonenver-
technischer Durchbruch gelungen: Zum            stärker-Röhren, sondern auf Halbleiter-    Im Moment sind Prof. Rhode und sei-
ersten Mal haben sie mit Hilfe einer            detektoren, sogenannten G-APDs (Gei-       ne Kollegen im Gespräch mit Wissen-
Kamera auf Basis von Halbleiterdetek-           germode Avalanche Photo Diodes).           schaftlern rund um den Globus. An vie-
toren atmosphärische Teilchenkaska-                                                        len Orten sind derzeit neue Teleskope
den, die beim Zusammentreffen kos-              Diese neue Technik bietet zahlreiche       geplant, um die Quellen der kosmischen
mischer Teilchen hoher Energie mit der          Vorteile: G-APDs sind sehr viel robuster   Teilchen möglichst lückenlos beobach-
Erdatmosphäre entstehen, beobachten             gegenüber Sonnenlicht und anderen          ten zu können. Die neue Technologie soll
können. Diese neue Technologie kann             äußeren Einflüssen. Man kann die Pi-       dafür zur Verfügung gestellt werden.
Ausgangspunkt für weiterführende Er-            xelgröße verkleinern und braucht für       Kontakt: Prof. Wolfgang Rhode, Ruf:
kenntnisse in der Gamma-Astronomie              ihren Betrieb keine Hochspannung. Ei-      755-3550, Mail: wolfgang.rhode@tu-
und anderen Bereichen sein.                     ner der größten Vorteile der neuen Tech-   dortmund.de
                                                nik ist allerdings, dass man sie auch in                                        [G]
Als Prof. Wolfgang Rhode am Morgen              Nächten benutzen kann, in denen der
des 12. Oktobers sein E-Mail-Postfach           Mond scheint oder andere Störungsfak-
öffnete, staunte er nicht schlecht: Be-         toren die Nacht erhellen. Somit können
reits in der ersten Nacht konnte das            die Wissenschaftler mehr Daten gewin-
neue Cherenkov-Teleskop FACT (First             nen und sind nicht mehr so stark durch

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Nachhaltigkeit - TU Dortmund
Thema – Nachhaltigkeit                                              mundo — 15/11

         Nie mehr schieben!
          Dortmunder Kompetenzzentrum kümmert sich um die perfekte Infrastruktur für

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mundo — 15/11   Thema – Nachhaltigkeit

Elektrofahrzeuge

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Thema – Nachhaltigkeit                                                                                        mundo — 15/11

                                           A     ls Christian Rehtanz mit seinen
                                                 drei Kindern einmal ein Elektroau-
                                           to ausprobierte, kam er ganz schön ins
                                                                                      Netze, kurz TIE-IN. Den größten Anteil
                                                                                      dieser Fördermittel, rund 4,6 Millionen
                                                                                      Euro, erhalten sechs Lehrstühle der Fa-
 Info                                      Schwitzen: »Papa, da steht, dass wir       kultät für Elektrotechnik und Informa-
 Elektroautos brauchen ein dichtes         nur noch 20 Prozent haben. Schaffen        tionstechnik an der TU Dortmund. »Mit
 Stromtankstellennetz und müssen           wir es noch bis nach Hause?«, fragte       TIE-IN leisten wir gemeinsam mit un-
 sicher sein. Sonst haben sie auf dem      der Sohn. »Ich wusste es in dem Mo-        seren Industriepartnern aus der Region
 Massenmarkt keine Chance.                 ment selbst nicht«, erzählt der Pro-       einen wertvollen Beitrag für das NRW-
                                           fessor für Energiesysteme und Ener-        Kompetenzzentrum Elektromobilität,
 Mit 6,5 Millionen Euro fördert das        giewirtschaft. Zumal das Elektroauto       Infrastruktur und Netze«, erklärt Reh-
 Land NRW deshalb das Kompetenz-           am letzten Berg vor dem Ziel auch noch     tanz. »In diesem offenen Kompetenz-
 zentrum für Elektromobilität an der       in den Sparbetrieb schaltete. »Wir sind    zentrum bündelt das Land Expertise,
 TU Dortmund. Die Universität soll         dann wirklich nur noch auf den Hof ge-     indem sich hier alle kompetenten Ak-
 damit zur zentralen Anlaufstelle in       rollt. Die Batterie war komplett leer.«    teure aus Wissenschaft und Wirtschaft
 allen systemischen Fragen rund um                                                    in Nordrhein-Westfalen zusammenfin-
 das Thema Elektromobilität und In-        Damit ist Rehtanz genau das passiert,      den und gemeinsam agieren können.
 frastruktur werden.                       was die Menschen skeptisch auf das         Und unsere Dortmunder Technologie-
                                           Thema Elektroauto blicken lässt: Der       plattform, mit der wir die gesamte Kette
 Bis 2013 soll am Campus eine Test-        batteriebetriebene Pkw kommt mit dem       vom Stromnetz über die Ladestationen
 und Entwicklungsumgebung ent-             heutigen Stand der Technik höchstens       und Abrechnungssysteme bis hin zu
 stehen, in der Wissenschaftler, aber      150 Kilometer weit. Bei einer Umfra-       den Bordsystemen abdecken, soll darin
 auch Energieunternehmen, Herstel-         ge des Frankfurter Instituts für Mar-      eine zentrale Anlaufstelle in allen sys-
 ler von Bordsystemen oder Ladesta-        kenkontrolle BrandControl unter 700        temtechnischen Fragestellungen dar-
 tionen Produkte auf Herz und Nieren       potenziellen Neuwagenkäufern gaben         stellen«, so Rehtanz weiter. Eine solche
 prüfen können. Möglich sind dann          knapp 500 an, nur ein niedriges oder       Technologieplattform ist nötig, meint
 Tests zu elektrischen oder kommu-         sehr niedriges Interesse an einem Auto     der Leiter von ie³: Immerhin sollen bis
 nikationstechnischen Anforderun-          mit reinem Elektroantrieb zu haben. Von    2020 eine Million Elektroautos über
 gen, Umweltprüfungen, Prüfungen           diesen Elektroauto-Skeptikern nannten      Deutschlands Straßen rollen, bis 2030
 zur Personensicherheit und zur Si-        51 Prozent eine zu geringe Reichweite      sogar fünf Millionen. So lautet das Ziel
 cherheit der Systeme sowie Tests zur      als Hauptgrund. Das zweit- und dritt-      der Bundesregierung im Anfang 2011
 elektromagnetischen     Verträglich-      häufigste Argument waren zu teure An-      vorgestellten Nationalen Entwicklungs-
 keit.                                     schaffungskosten (26 Prozent) und we-      plan Elektromobilität.
                                           nige Tankstellen (19 Prozent).
 Am Projekt Technologie- und Prüf-
 plattform für ein Kompetenzzentrum        Doch Professor Rehtanz, Leiter des ie³            Grüne Batterie wichtiger
 für interoperable Elektromobilität,       – Institut für Energiesysteme, Energie-            als ein TDI-Schriftzug
 Infrastruktur und Netze (TIE-IN) sind     effizienz und Energiewirtschaft, spornte
 sechs Lehrstühle der Fakultät für         sein Erlebnis nur umso mehr an. Der
 Elektrotechnik und Informations-          43-Jährige ist nämlich Teil des groß an-   Genau 2307 Pkws mit Elektroantrieb
 technik beteiligt: Energiesysteme         gelegten Masterplans Elektromobilität      waren zum Stichtag 1. Januar 2011 laut
 und Energiewirtschaft (Prof. C. Reh-      Nordrhein-Westfalen. Dieser Master-        Kraftfahrt-Bundesamt      deutschland-
 tanz), Elektrische Antriebe und Me-       plan sieht vor, im bevölkerungsreichs-     weit zugelassen, 501 davon in Nord-
 chatronik (Prof. S. Kulig), Kommu-        ten deutschen Bundesland drei Kom-         rhein-Westfalen. Bislang kostete ein
 nikationsnetze (Prof. C. Wietfeld),       petenz- und Entwicklungszentren für        Kleinwagen mit Elektroantrieb etwa
 Regelungssystemtechnik (Prof. T.          Elektromobilität zu etablieren: eines      30.000 bis 40.000 Euro. Das ist kaum
 Bertram), Bordsysteme (Prof. S. Frei)     für Batterietechnik, eines für Fahr-       erschwinglich für die Generation, der
 und Energieeffizienz (Prof. J. Myrzik).   zeugtechnik/Produktion sowie eines         eine grüne Batterie wichtiger ist als ein
 Kooperationspartner aus der Wirt-         für Infrastruktur und Netze. Das zu-       roter TDI-Schriftzug. Anfang September
 schaft sind: AKUVIB Engineering und       letzt genannte ist in Dortmund ange-       2011 wurde bei der Internationalen Au-
 Testing GmbH, EMC Test NRW GmbH,          siedelt. 6,5 Millionen Euro aus Mitteln    tomobil-Ausstellung (IAA) in Frankfurt
 Lti DrivES GmbH, RWE Rheinland            des Landes NRW und der Europäischen        am Main erstmals ein Elektromobil zum
 Westfalen Netz AG, TÜViT Informati-       Union fließen in das dazugehörige Pro-     Neuwagenpreis von weniger als 20.000
 onstechnik GmbH und das Technolo-         jekt Technologie- und Prüfplattform für    Euro präsentiert. Wem das immer noch
 gieZentrum Dortmund.                      ein Kompetenzzentrum für interopera-       zu teuer ist, kann Elektroautos ander-
                                           ble Elektromobilität, Infrastruktur und    weitig testen, etwa als Dienstwagen,

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beim Carsharing-Anbieter oder als                     giesystems. »Durch eine übergreifende     baren Energiequellen betankt, könnten
Leihauto in Tourismusgebieten wie dem                 Koordination der Ladewünsche unter-       sie nicht nur den Kohlendioxidausstoß
Allgäu.                                               schiedlicher Fahrer in einer Siedlung     im Straßenverkehr senken, sondern
                                                      könnten die Batterien der Elektroautos    wären insgesamt umweltfreundlicher.
Spätestens wenn man im Auto sitzt und                 über Nacht zeitversetzt geladen wer-      Das unterstreichen Studien des ADAC,
die Batterieanzeige von grün auf rot                  den, um eine Überlastung des Netzes       des Bundesumweltministeriums (BMU)
wechselt, stellt sich die Frage: Wann,                zu vermeiden«, sagt Wietfeld. »Hierfür    und des Heidelberger Instituts für Ener-
wo und wie lade ich mein Elektroauto                  entwickeln wir die entsprechende In-      gie- und Umweltforschung. Kommt der
am einfachsten auf? Dieser Frage wid-                 formations- und Kommunikationstech-       Strom für die Elektroautos aus einem
met sich im TIE-IN-Projekt das Team um                nologie.«                                 Steinkohlekraftwerk, fällt die Um-
Christian Rehtanz. »In einem normalen                                                           weltbilanz für die Batterieflitzer noch
Haushalt wird heute schon abends die                                                            schlechter aus als für baugleiche Autos
maximale elektrische Leistung benö-                               Elektroautos am besten        mit Verbrennungsmotoren. Legt man
tigt: Da wird gekocht, der Fernse-                                  über Nacht aufladen         aber den Strommix Deutschland, also
her oder das Radio eingeschaltet, die                                                           die Zusammenstellung an Kraftwer-
Waschmaschine angestellt, der Trock-                                                            ken, wie sie in Deutschland vorherrscht,
ner noch dazu; und der Kühlschrank                    Nachts die Batterien des Elektroau-       zugrunde, sind Elektroautos für weni-
und die Lampen sind sowieso an. Wenn                  tos aufzuladen, sei ohnehin sinnvoll,     ger CO2-Ausstoß verantwortlich. In der
man jetzt noch das Elektroauto neben                  sagt Rehtanz: »Da ist das Energienetz     Studie des BMU zeigt sich die grüne
dem Haus an die Steckdose für den Ra-                 nicht ausgelastet. Außerdem erzeugen      Seite von Elektroautos: Lädt man sie
senmäher anschließt, dann verdoppelt                  Windenergieparks auch nachts Spit-        vollständig mit Strom aus erneuerbaren
man die Spitzenleistung.«                             zen, so dass man die gerade gewon-        Energiequellen, wird ihr CO2-Ausstoß
                                                      nene Energie gleich nutzen kann, statt    unschlagbar niedrig.
Jetzt wäre der Zeitpunkt gekommen, zu                 sie umständlich zwischenspeichern
dem Rehtanz seinen Kollegen Professor                 zu müssen.« Elektroautos werden ja        Nützlich können auch Ladesäulen in
Christian Wietfeld anruft. Mit seinem                 nicht nur entwickelt, um auf Diesel und   Parkhäusern sein: Während man den
Lehrstuhl für Kommunikationsnetze                     Benzin zu verzichten. Sie sollen auch     Tag über arbeitet, hat das Auto genug
ist Wietfeld nämlich der Experte für die              anderweitig nachhaltig sein: Würden       Zeit, seine Batterien wieder aufzula-
Vernetzung aller Teilnehmer des Ener-                 Elektroautos mit Strom aus erneuer-       den. Irgendwann soll man an den Lade-
                                                                                                säulen auch ganz gezielt seine Wunsch-
Prof. Christian Rehtanz will Elektroautos zuverlässiger machen.
                                                                                                Parameter einstellen können, sagt Jan
                                                                                                Fritz Rettberg. Er leitet das Projekt
                                                                                                zum Aufbau des Dortmunder Test- und
                                                                                                Prüfzentrums für interoperable Elektro-
                                                                                                mobilität. »Dann könnte man der Lade-
                                                                                                säule zum Beispiel mitteilen: Lade mein
                                                                                                Elektroauto auf, wenn der Strom am
                                                                                                preiswertesten ist, und zwar so, dass
                                                                                                die Akkus bis 17 Uhr auf mindestens
                                                                                                30 Prozent aufgeladen sind, denn diese
                                                                                                Energie wird für die Heimfahrt reichen.«
                                                                                                Mit solchen intelligenten Lösungen las-
                                                                                                sen sich Stromspitzen abfangen und
                                                                                                Kosten sparen. »Der Mensch muss also
                                                                                                mit dem Stromnetz kommunizieren
                                                                                                können«, sagt der promovierte Kauf-
                                                                                                mann Rettberg vom Institut für Energie-
                                                                                                systeme, Energieeffizienz und Energie-
                                                                                                wirtschaft ie³ an der TU Dortmund.

                                                                                                 Zur Kommunikation gehören auch sol-
                                                                                                che Fragen: Wie weise ich mich an der
                                                                                                Ladesäule aus? Wie wird abgerechnet
                                                                                                – per EC-Karte wie an der normalen
                                                                                                Tankstelle oder wie bei einem Handy

                                                                                                                                     11
Thema – Nachhaltigkeit                                                                                        mundo — 15/11

mit einer monatlichen Rechnung oder
per Prepaidkarte? Um diese Fragen
kümmert sich Wietfeld, der Fachmann
für Kommunikationsnetze im TIE-IN-
Projekt.

Das Herzstück des Test- und Prüfzen-
trums für interoperable Elektromo-
bilität, Infrastruktur und Netze wird
schließlich eine Halle im Technologie-
zentrum nahe des Dortmunder Campus
sein. Im Frühjahr 2012 soll die Halle
ihre Tore öffnen. Dann können mittel-
ständische Unternehmen dort ihre
Neuentwicklungen testen. Damit sind
nicht nur die Elektroautos nachhaltig,
sondern das Kompetenzzentrum selbst         Am Forschungsprojekt beteiligt sind:
– immerhin erhält und schafft es neue
Arbeitsplätze. »Wenn zum Beispiel je-
mand eine neue Ladesäule konzipiert                                      Prof. Dr.-Ing. Prof. h.c. Torsten Bertram, geboren
hat, wird die in der Halle aufgebaut, an                                 1964 in Hilden, studierte von 1985 bis 1990 an der
ein eigens eingerichtetes Stromnetz                                      Gerhard-Mercator-Universität Duisburg. Zwischen
angeschlossen, mit einem Elektroauto                                     1990 und 1994 war er Wissenschaftlicher Ange-
getestet und dahingehend überprüft,                                      stellter am Fachgebiet für Mess-, Steuer- und Re-
ob alle Normen erfüllt sind«, sagt Prof.                                 gelungstechnik und promovierte. 1995 ging er zur
Christian Rehtanz. Der Experte für En-                                   Robert Bosch GmbH in die Forschung und Voraus-
ergiesysteme hat bereits einen Test-                                     entwicklung. 1998 wechselte er zurück an die Uni-
koffer entwickelt, der in Experimenten                                   versität Duisburg, um die Forschungsgruppe Fahr-
die Rolle der Ladesäule oder die Rolle      zeugsystemtechnik im Fachgebiet Mechatronik zu leiten. 2002 folgte er dem Ruf
des Elektroautos mimen kann und dann        an die Technische Universität Ilmenau auf die Professur Mechatronik. Seit 2005
misst, wie das echte Gegenüber funk-        ist Torsten Bertram Inhaber des Lehrstuhls für Regelungssystemtechnik an der
tioniert.                                   TU Dortmund.

                                                                       Prof. Dr.-Ing. Stephan Frei machte sein Abitur
               Virtuell                                                1985 in Hanau. Anschließend studierte er Elek-
         durch das Sauerland                                           trotechnik in Saarbrücken und Berlin. In der Bun-
                                                                       deshauptstadt wurde er 1999 mit einer Arbeit
                                                                       zur elektromagnetischen Verträglichkeit zum
Außerdem wird es in den Räumlich-                                      Dr.-Ing. promoviert. Sein Einstieg in die Wirt-
keiten des Kompetenzzentrums einen                                     schaft erfolgte 1999 bei Audi. Dort war er für die
sogenannten Antriebsstand geben.                                       Entwicklung von Fahrzeugelektronik zuständig.
Das ist so etwas wie ein Laufband im                                   Seit 2006 ist er Professor an der TU Dortmund
Fitnessstudio, nur für Autos statt Men-     und beschäftigt sich mit Fahrzeugelektronik und Bordnetzen.
schen und mit allerlei Leistungselek-
tronik statt Pulsmesser. »Dieser An-                                     Prof. Dr.-Ing. Dr.-Ing. Stefan Kulig hat Elektrotech-
triebsstand lässt sich vielfältig nutzen,                                nik an der Technischen Universität Krakau studiert.
zum Beispiel um zu testen, wie sehr                                      1974 promovierte er dort über Innere Unsymme-
sich lange Bergfahrten auf die Batte-                                    trie von elektrischen Synchronmaschinen. 1987
rie auswirken«, sagt Professor Torsten                                   habilitierte er sich zum Thema Über die Auswir-
Bertram, der den Lehrstuhl für Rege-                                     kungen von Störfällen in elektrischen Energieüber-
lungssystemtechnik innehat. Dazu fah-                                    tragungsnetzen auf Kraftwerksturbosätze an der
ren Mitarbeiter von Bertram zunächst                                     Fernuniversität Hagen und erhielt die Venia Legen-
mit dem Elektroauto der TU Dortmund                                      di. Von 1971 bis 1995 war er Entwicklungsingenieur
eine bestimmte Strecke ab, etwa durch       bei der Siemens AG, Bereich Turbogeneratoren. Seit 1996 ist er Inhaber des Lehr-
das Sauerland. Die Route wird mitsamt       stuhls Elektrische Antriebe und Mechatronik an der TU Dortmund.
Angaben zu Steigungen, Gefällen und
Kurven in einen Computer eingespeist.

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                                                                                     Diese Daten werden auf den Antriebs-
                                                                                     stand übertragen, das Profil lässt sich
                                                                                     anwählen, so wie das Bergwander-Pro-
                                                                                     fil auf dem Laufband im Fitnessstudio.
                                                                                     »Schließlich kann eine Firma ein Elek-
                                                                                     troauto mit ihrem neuen Antrieb hier
                                                                                     direkt auf den Prüfstand bringen«, sagt
                                                                                     Bertram. »Wir fahren die Sauerland-
                                                                                     Route virtuell ab und testen dabei, wie
                                                                                     der Antrieb belastet wird.«

                                                                                     Torsten Bertram beschäftigt noch ein
                                                                                     anderes Problem, das sich mit dem
                                                                                     Projekt TIE-IN und dem zukünftigen
                                                                                     Kompetenzzentrum ein Stück weit lö-
                                                                                     sen ließe: »Ein Navigationsgerät im
                                                                                     Auto gibt immer nur die kürzeste oder
                                                                                     die schnellste Strecke aus – doch
                                                                                     wir brauchen nun auch die energie-
                             Prof. Dr.-Ing. Johanna Myrzik ist seit September        optimale Route.« Berge, Stop-and-Go
                             2009 Inhaberin der neuen RWE-Stiftungsprofes-           im Stadtverkehr, freie Fahrt oder Stau
                             sur Energieeffizienz an der TU Dortmund. Myrzik         auf der Autobahn: Das alles beeinflusst
                             studierte nach dem Abitur 1985 an der TU Darm-          die Reichweite der Batterie im Elektro-
                             stadt Elektrotechnik. 1993 wurde sie mit einem          auto. Im Winter reichen die Batterien
                             Promotionsstipendium an der Universität Kassel          mitunter nur für gut 80 Kilometer. Die
                             ausgezeichnet und dort im Jahr 2000 zum Dr.-Ing.        Lithium-Ionen-Akkus sind bei Kälte we-
                             promoviert, anschließend wechselte sie in die Nie-      niger leistungsfähig. Zusätzlich zieht
                             derlande. An der Universität Eindhoven arbeitete        die Heizung Strom. »Es ist also extrem
 sie zunächst als Postdoc (wissenschaftliche Forschungstätigkeit nach Beendi-        wichtig, mit einem Elektroauto die rich-
 gung der Promotion), später dann als Associate Professor mit Lehrtätigkeit und      tige Fahrstrategie zu wählen«, sagt
 Forschung zu dezentraler Energieversorgung und Power Quality.                       Bertram. »Mir schwebt ein Algorithmus
                                                                                     für ein Navigationsgerät vor, der warnt,
                              Prof. Dr.-Ing. Christian Rehtanz, geboren 1968 in      wenn man zu schnell fährt und somit
                              Dortmund, studierte ab 1989 an der TU Dortmund         Energie verschleudert. Gut wäre es zu-
                              Elektrotechnik, wo er 1997 promovierte. 2001 er-       dem, wenn das Navi eine Route planen
                              hielt er die Venia Legendi für elektrische Ener-       kann, bei der Abschnitte für die Ener-
                              gietechnik an der Eidgenössischen Technischen          giegewinnung bedacht werden, etwa
                              Hochschule (ETH) Zürich. Von 2000 bis 2007 war er      eine längere abschüssige Strecke oder
                              in leitenden Positionen im Bereich Forschung und       ein selten befahrenes Autobahnstück.«
                              Entwicklung bei ABB in der Schweiz und in China        Das wäre dann eine neue Form des vo-
                              tätig. Seit April 2007 ist Christian Rehtanz Profes-   rausschauenden Fahrens: Der Fahrer
 sor an der TU Dortmund und seit 2011 Leiter des dort neu gegründeten ie³ Insti-     achtet nicht mehr nur auf die Ampel in
 tuts für Energiesysteme, Energieeffizienz und Energiewirtschaft der Fakultät für    200 Metern und darauf, ob die drei Au-
 Elektrotechnik und Informationstechnik.                                             tos zwischen ihm und der Ampel brem-
                                                                                     sen, sondern auch das Navigations-
                              Prof. Dr.-Ing. Christian Wietfeld, geboren 1966 in     gerät schaut voraus und ändert seine
                              Essen, studierte von 1986 bis 1992 Elektrotechnik      Empfehlungen je nach Ladestatus und
                              an der RWTH Aachen. Am dortigen Lehrstuhl für          Landkarte.
                              Kommunikationsnetze war er anschließend Wis-
                              senschaftlicher Mitarbeiter und promovierte zum        Gäbe es bereits dieses Navigationsge-
                              Thema Mobilfunksysteme für die europäische Ver-        rät mit Energie-Optimum-Modus, dann
                              kehrsleittechnik. 1997 wechselte er zur Siemens        hätten Christian Rehtanz und seine Kin-
                              AG und war zuletzt Leiter Produktlinienmanage-         der nicht bangen brauchen, ob sie das
                              ment im Bereich Mobilfunknetze. Seit dem Jahr          Elektroauto vielleicht die letzten Meter
 2005 ist Christian Wietfeld Inhaber des Lehrstuhls für Kommunikationsnetze          nach Hause schieben müssen.
 (CNI) an der TU Dortmund.                                                                                    Stefan Burkard

                                                                                                                          13
Thema – Nachhaltigkeit                                                  mundo — 15/11

     Endlose Energiespender
     Nachwachsende Rohstoffe können mehr als Erdöl und Kohle ersetzen
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mundo — 15/11   Thema – Nachhaltigkeit

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Thema – Nachhaltigkeit                                                                                   mundo — 15/11

                                                                                 E    d Bernstein sah die Zukunft ziemlich
                                                                                      schwarz. Als Mitautor des Buchs
                                                                                 Die Welt in 100 Jahren hatte er 1910
                                                                                 den rasant steigenden Rohstoffhunger
                                                                                 der aufstrebenden Industrienationen
                                                                                 beobachtet: »Inzwischen verbraucht
                                                                                 die Menschheit von Jahr zu Jahr mehr
                                                                                 Steinkohle«, stellte Bernstein fest. Ka-
                                                                                 men im Jahr 1880 auf einen Deutschen
                                                                                 durchschnittlich noch 850 Kilogramm
                                                                                 des Schwarzen Goldes, stieg dieser
                                                                                 Verbrauch bis 1905 auf rund 1800 Kilo-
                                                                                 gramm an. Bernstein folgerte: »Bei glei-
                                                                                 cher Steigerung müssten es Anfang des
                                                                                 21. Jahrhunderts über 7000 Kilogramm
                                                                                 sein.« Bei der Menge an Energie, die
                                                                                 wir jeden Tag verbrauchen, möchte man
                                                                                 meinen, Bernstein habe noch zu niedrig
                                                                                 kalkuliert. Der tatsächliche Verbrauch
                                                                                 für Steinkohle in Deutschland lag um
                                                                                 die Jahrtausendwende nach Angaben
                                                                                 der Vereinten Nationen aber doch bei
                                                                                 „nur“ knapp 5800 Kilogramm pro Kopf.
                                                                                 Ein wichtiger Grund dafür: Atomkraft,
                                                                                 Erdöl und Erdgas ergänzen und erset-
                                                                                 zen heute das Schwarze Gold.

                                                                                      »Wir treiben Raubbau mit den
                                                                                        Schätzen unserer Erde.«

                                         Zur Person                              »Wir treiben Raubbau mit den Schät-
                                         Dr.-Ing. Frank Eiden, geboren 1962 in   zen unserer Erde«, warnte Ed Bernstein
                                         Gladbeck, studierte an der TU Dort-     noch. Tatsächlich verbraucht die Welt-
                                         mund Chemie und promovierte dort        bevölkerung momentan Jahr für Jahr so
                                         1995 über die Optimierung biotech-      viel Erdöl, wie erdgeschichtlich in einer
                                         nologischer Prozesse. 1998 gründete     Million Jahre gebildet wurde. »Und von
                                         er das Beratungsunternehmen Bio-        dem geförderten Erdöl werden rund 93
                                         Con in Dortmund. Von 1995 bis 2002      Prozent verheizt. Nur sieben Prozent
                                         war er verantwortlicher Projektent-     werden stofflich verwertet, also zum
                                         wickler bei einer Tochter der Wirt-     Beispiel zu Cremes, Kunststoffen und
 Zur Person                              schaftsförderung in Hamm und von        Medikamenten verarbeitet«, sagt An-
 M.Sc. Dipl.-Chem. Andreas J. Vorholt,   2002 bis 2006 Geschäftsführer der       dreas Vorholt von der Fakultät Bio- und
 geboren 1982 in Haselünne, studier-     regionalen Biotechnologie-Initiative    Chemieingenieurwesen an der TU Dort-
 te von 2003 bis 2008 Chemie an der      BioIndustry mit Sitz an der Ruhr-Uni-   mund. »Wäre es umgekehrt, würde das
 TU Dortmund und an der University       versität Bochum. Seit 2006 leitet er    Erdöl nicht nur noch 40 oder 50 Jahre
 of Queensland (Australien). Anfang      gemeinsam mit Prof. Andreas Schmid      reichen, um hochwertige Stoffe herzu-
 2011 erhielt er den Grad Master of      das Forschungs- und Entwicklungs-       stellen, sondern Hunderte von Jahren.«
 Science der Wirtschaftswissen-          Netzwerk ChemBioTec, welches seit       Doch irgendwann wird auch der letzte
 schaften. Seit 2008 promoviert er       2010 von der TU-eigenen BioChem-        Brocken Steinkohle und das letzte Bar-
 zum Thema Hydroaminomethylie-           Gate GmbH getragen wird. Außerdem       rel Erdöl gefördert, verarbeitet und ver-
 rung von Fetten am Lehrstuhl für        ist Eiden Lehrbeauftragter für indus-   braucht sein. Spätestens dann beginnt
 Technische Chemie A der TU Dort-        trielle Biotechnologie an der FH Gel-   eine neue Ära: Auf das Zeitalter der Pe-
 mund.                                   senkirchen.                             trochemie folgt das Zeitalter der nach-
                                                                                 wachsenden Rohstoffe.

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mundo — 15/11                                                                                        Thema – Nachhaltigkeit

Nachwachsende Rohstoffe sind Pro-           ze geschaffen? Und: Wie sieht der mit     gesamte Fläche des Landes nicht aus-
dukte, die land- oder forstwirtschaftlich   dem Anbau verbundene Strukturwandel       reichen, um genügend Zuckerrüben an-
erzeugt und nicht als Nahrungs- oder        in ländlichen Regionen aus?               zubauen«, sagt Frank Eiden.
Futtermittel verwendet werden. Holz
aus den deutschen Wäldern wird zu Pa-       Auf rund 2,3 Millionen Hektar werden      Der promovierte Bioverfahrenstechni-
pier, Zellstoff und Möbelstücken. Hanf-     im Jahr 2011 in Deutschland Energie-      ker leitet zusammen mit Prof. Andreas
fasern gelangen in Dämmstoffe und in        und Industriepflanzen geerntet, schätzt   Schmid vom Lehrstuhl Biotechnik die In-
Textilien. Und Harze sowie Wachse sind      die Fachagentur Nachwachsende Roh-        itiative ChemBioTec. Das ist eine an der
wichtig für die pharmazeutische Indus-      stoffe, die vom Bundesministerium für     TU Dortmund angesiedelte Plattform
trie.                                       Ernährung, Landwirtschaft und Ver-        für nachhaltige chemische und bio-
                                            braucherschutz ins Leben gerufen wur-     technische Produktionsprozesse: Sie
                                            de. Damit machen die nachwachsenden       fördert Projekte, baut ein Netzwerk mit
   Mais und Zuckerrüben werden zu           Rohstoffe etwa 19 Prozent der Ackerflä-   Hochschulforschern und Industriepart-
     Wärme, Strom und Biosprit              che Deutschlands aus. Ein Großteil da-    nern auf und hilft bei der Aus- und Wei-
                                            von dient der energetischen Nutzung,      terbildung. Getragen wird ChemBioTec
                                            das heißt der Erzeugung von Wärme,        von der 2010 neu gegründeten, univer-
Ob nachwachsende Rohstoffe nachhal-         Strom und Kraftstoffen – wenngleich       sitätseigenen BioChemGate GmbH.
tig und umweltfreundlich sind, hängt        das nicht immer sonderlich populär
von verschiedenen Faktoren ab: Werden       ist, wie der E10-Boykott der deutschen    »Das Einzigartige an ChemBioTec ist,
durch den Einsatz fossile Rohstoffe ge-     Autofahrer an den Tankstellen jüngst      dass wir nur solche Projekte fördern
schont? Werden wirklich weniger Treib-      bewies. Hinzu kommt: »Wenn ganz           – und zwar mit Mitteln der Deutschen
hausgase ausgestoßen? Werden durch          Deutschland mit Ethanol aus Zucker-       Bundesstiftung Umwelt –, bei denen
nachwachsende Rohstoffe Arbeitsplät-        rüben fahren würde, dann würde die        nachweislich die Nachhaltigkeit im

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Thema – Nachhaltigkeit                                                                     mundo — 15/11

                         Rahmen einer Ökoeffizienz-Analyse          produzierte. »Ein positiver Nebenef-
                         quantifiziert wird«, berichtet Eiden.      fekt ist, dass die kleinen grünen Algen
                         Das ist natürlich nicht einfach. Immer-    bei diesem Prozess außer Sonnenlicht
                         hin ist der Begriff Nachhaltigkeit an      auch Kohlendioxid für die Fotosynthe-
                         sich schon schwer zu definieren – wie      se verwerten.« Das Verfahren ist also
                         also soll man Nachhaltigkeit dann auch     grundsätzlich umweltschonend. Noch
                         noch mit einer Zahl ausdrücken? »Es        sind die Mengen an verbrauchtem CO2
                         gibt tatsächlich Tausende Messgrößen,      allerdings relativ gering.
                         die man einbeziehen kann, wenn man
                         Nachhaltigkeit beziffern möchte«, sagt     »25 Forschungs- und Entwicklungspro-
                         Eiden und zählt ein paar auf: Wie viel     jekte mit insgesamt fast 100 Partnern
                         Abfall wird durch den neuen Prozess        hat ChemBioTec in den fünf Jahren sei-
                         eingespart, wie viel Abwasser, wie viel    nes Bestehens bereits gefördert«, bilan-
                         Energie? Ist die Energieausbeute bes-      ziert Eiden. Ein besonders spannendes
                         ser? Ein Paradebeispiel ist das Vitamin    Projekt war das zum allergenfreien Lat-
                         B2, so Eiden: »Um dieses Vitamin her-      exhandschuh. Bis zu 17 Prozent des kli-
                         zustellen, hat die Industrie früher acht   nischen Personals an Krankenhäusern
                         Produktionsstufen gebraucht. Heute         leidet mittlerweile unter einer Latex-
                         wird B2 mit Hilfe von Bakterien produ-     allergie: Hervorgerufen wird sie durch
                         ziert. Nun hat man nur noch einen ein-     verschiedene Eiweiße im verwendeten
                         zigen Schritt im Herstellungsprozess,      Latex aus dem Kautschukbaum Hevea
                         und der ist sauberer und weniger ener-     brasiliensis oder durch Stoffe, die bei
                         gieaufwändig als der gesamte Prozess       der Verarbeitung des Latex verwendet
                         früher.«                                   werden. Die Eiweiße mit den stärksten
                                                                    allergieauslösenden      Eigenschaften
                                                                    kann man aber nicht so einfach aus
                            Mikroalgen nutzen Kohlendioxid          dem Kautschuk entfernen. Ohne sie
                                                                    ließen sich aus dem Latex keine Hand-
                                                                    schuhe mehr formen. Deswegen suchte
                         Ein weiteres Nahrungsergänzungsmit-        man nach Pflanzen, also nachwachsen-
                         tel wird mittlerweile aus nachwach-        den Rohstoffen, aus denen sich Natur-
                         senden Rohstoffen hergestellt: Omega-      kautschuk ohne diese Allergene gewin-
                         3-Fettsäuren. Die Fettsäuren sind gut      nen lässt. »Fündig wurde man bei den
                         für das Gehirn; die Werbung verspricht     Milchsaftzellen des Russischen Löwen-
                         außerdem positive Wirkungen auf den        zahns. Hier zeigt sich, wie pflanzliche
                         Cholesterin- und Blutzuckerspiegel und     Biotechnologie konventionelle industri-
                         Schutz vor dem plötzlichen Herztod,        elle Produktionsverfahren ersetzen und
                         auch wenn wissenschaftliche Studien        ergänzen kann«, sagt Eiden.
                         das bislang nicht eindeutig beweisen
                         konnten. Omega-3-Fettsäuren stecken
                         vor allem in Wildlachs, Makrele, Hering               Fette werden als
                         und anderen Kaltwasserfischen. Doch                  Rohstoff wichtiger
                         Überfischung,      Schwermetallbelas-
                         tung und eine saisonal schwankende
                         Fettsäure-Zusammensetzung        haben     Weltweit werden pro Jahr etwa 130 Mil-
                         Forscher dazu angetrieben, alternati-      lionen Tonnen Fette und Öle gewonnen,
                         ve, möglichst rein pflanzliche Quellen     vor allem aus gepressten Pflanzen und
                         für den Stoff zu suchen. Sie stießen       Abfällen aus der Fleischproduktion. Al-
                         auf Mikroalgen. Ein Forschungsprojekt,     lein Soja- und Palmöl machen jeweils
                         das über ChemBioTec finanziert wurde,      gut 31 Millionen Tonnen der Jahrespro-
                         ergab: Von verschiedenen Algenarten        duktion aus. »Die Fette und Öle werden,
                         war es die Kieselalge Phaedactylum         neben den Kohlenhydraten, derzeit als
                         tricornutum, die im Fotobioreaktor das     wichtigste nachhaltige Rohstoffe ange-
                         Nahrungsergänzungsmittel am besten         sehen«, erklärt Andreas Vorholt: »Fette

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                sind sogenannte Triglyceride. Das heißt,
                an einem Molekül Glycerin hängen drei
                Fettsäuren wie lange Fransen. Je nach-
                dem, wie lang diese sind und welche
                funktionellen Gruppen sie enthalten,
                lässt sich mit dem Stoff etwas Anderes
                herstellen.« Der 29-Jährige versucht
                gerade für seine Doktorarbeit möglichst
                ökonomisch eine sogenannte Amino-
                gruppe mit dem Molekül einer Fett-
                säure zu verbinden. Aminogruppen be-
                stehen aus einem Stickstoffatom, zwei
                Wasserstoffatomen und verschiedenen
                Kohlenstoffgruppen. »Mit diesem neu-
                en Baustein am Fettmolekül hat die
                Fettsäure neue technisch interessante
                Eigenschaften, zum Beispiel für die Her-
                stellung von Biopolymeren.«

                Auch für das Glycerin, den anderen
                Fettbestandteil, suchen Chemiker und
                Chemieingenieure nach weiteren Ver-
                wendungsmöglichkeiten. Diese zäh-
                flüssige farb- und geruchlose Substanz
                fällt vor allem bei der Biodieselproduk-
                tion an. Allerdings in solchen Mengen,
                dass längst nicht alles verbraucht wird,
                sagt Vorholt: »Die klassischen Anwen-
                dungsfelder, etwa als Grundlage für
                Kosmetika oder als Feuchthaltemit-
                tel in Zigaretten, reichen nicht aus. Es
                bleiben immer noch Unmengen übrig.«
                Experimente mit Glycerin sollen deswe-
                gen neue Anwendungsmöglichkeiten zu
                Tage fördern. »Zukunft hat Glycerin zum
                Beispiel als Ausgangsstoff für Oktan
                Booster in Kraftstoffen oder als Fein-
                staub verringernder Treibstoffzusatz«,
                prophezeit Vorholt.

                »Wichtig ist – nicht zuletzt für die
                Nachhaltigkeit –, dass sich klassische
                chemische Synthesewege mit neuen
                bio-technologischen Schritten ergän-
                zen«, sagt Frank Eiden. Mikroorganis-
                men wie Bakterien können und sollten
                häufiger als Katalysatoren und Mini-Fa-
                briken genutzt werden. »Die Öl-Chemie
                hat mehr als 100 Jahre Vorsprung vor
                der modernen Biotechnologie«, sagt Ei-
                den. Vielleicht sind dies die 100 Jahre,
                die 1910 auch Ed Bernstein seiner Zeit
                voraus war.
                                         Stefan Burkard

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