TELEMATIK - GESTERN - HEUTE - MORGEN - Schwerpunkt - Technik in Bayern

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TELEMATIK - GESTERN - HEUTE - MORGEN - Schwerpunkt - Technik in Bayern
B 2883

                                             Nachrichten aus Technik, Naturwissenschaft und Wirtschaft
01/2017
      JANUAR/FEBRUAR

                                 www.technik-in-bayer n.de
                                                                  Das Regionalmagazin für VDI und VDE

                       Schwerpunkt

                       TELEMATIK –
                       GESTERN - HEUTE - MORGEN
                        Veranstaltungskalender
                        Januar/Februar 2017
                        Aktuelles aus VDI und VDE
                        20 Jahre Technik in Bayern
                        Campus Burghausen
TELEMATIK - GESTERN - HEUTE - MORGEN - Schwerpunkt - Technik in Bayern
INHALT
                                                                              springer-campus.de

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                                                                                         Technik in Bayern 01/2010
A35919 | Bilde: StockPhotoPro / Fotolia
TELEMATIK - GESTERN - HEUTE - MORGEN - Schwerpunkt - Technik in Bayern
GRUSSWORTE

                                                     Herzlichen Glückwunsch TiB
                                                     dem Titel verbannen wollte. Wäre da nicht die        näckiges Redaktionsteam führte das Ruder. In
                                                     unerschütterliche Begeisterung von Jochen            den Gründerjahren durfte ich miterleben, wie
                                                     Lösch gewesen, dem Ingenieurgeist ein markan-        die von mir hochgeschätzten Dres. Hofmeister,
                                                     tes Gesicht zu geben, und hätten die regionalen      Lange und Steinkamp dieses Team getragen
                  Foto: Silvia Stettmayer

                                                     Einheiten von VDI und VDE sich nicht an neu-         und die TiB unverwechselbar geprägt haben.
                                                     tralem Ort zusammenargumentiert, dann wäre           Dass TiB von Anfang an auch online erreicht
                                                     der Neustart wohl schon nach einigen Monaten         werden konnte, zeugte von großer Weitsicht.
                                                     verpufft. Es mangelte auch nicht an Gegenwind.          Und dennoch blieben kleine Wünsche offen,
                                                     Wozu brauchte es denn ein regionales Technikor-      wie z.B. die damals angestrebte Einbeziehung
            Dipl.-Ing. Eckart Naumann
                                                     gan, wenn doch die VDI-Nachrichten ihr Klientel      anderer wissenschaftlicher Vereine. Vielleicht
      ehemaliger Vorsitzender des VDI BV
                                                     allumfassend und deutschlandweit erreichten?         könnte diese ja zukünftig durch fachliche Gast-
  München und VDI Landesvertreter Bayern
                                                        Rückblickend hatte der anhaltende Erfolg          beiträge von Astronomie, Biologie, Chemie bis
   Besser als auf dieser Seite kann man nicht zei-   von TiB wohl mehrere Väter: Das Umfeld war           ...Z wieder belebt werden.
gen, dass Technik in Bayern in die nächste Gene-     günstig. Denn im gleichen Jahr gründeten die            Für die nächste Generation der TiB drücke
ration geht: hie die junge, engagierte Vorsitzende   vier VDI Bezirksvereine die VDI Landesvertre-        ich allen Verantwortlichen die Daumen, dass
aus der Wissenschaft und da der Zeitzeuge und        tung Bayern, die den Kontakt zu Politik, Wirt-       ihnen die Schwerpunktthemen nicht ausgehen
ehemalige Mitverantwortliche der TiB.                schaft und Öffentlichkeit landesweit verbessern      und der Spagat zwischen Print- und Online-
   Was waren das 1996 für Diskussionen, als-         sollte. Da konnte TiB nur helfen. Das Magazin        Medium gelingen möge. Persönlich freue ich
man dem alten Organ „Technik & München“ das          selbst bestach durch die klare inhaltliche Struk-    mich, wenn ich die nächste TiB – wie in den
mausgraue Kleid nehmen, den Umfang verdop-           tur, die attraktive Aufmachung mit wohldosier-       vergangenen 20 Jahren übrigens immer pünkt-
peln, die Verteilung auf ganz Bayern ausdehnen       ter Erscheinungsweise und einer gesicherten          lich – wieder in Händen halte.
und – wie wichtig – das für ein Technik­magazin      Finanzierung. Der Teamgeist stimmte. Denn               Es grüßt Sie in alter Verbundenheit
unschickliche kaufmännische &-Zeichen aus            ein ideenreiches, sich erneuerndes und hart-                                      Eckart Naumann

                                                     20 Jahre Technik in Bayern
                                                     setzte meine VDE-Aktivitäten im zentralen            schafft ein tolles Heft zu produzieren und her-
                                                     Ausschuss „Elektroningenieurinnen im VDE“            auszugeben. Die Themenvielfalt und fachliche
                                                     nun in der Region Südbayern fort. Schnell ka-        Breite ließ und lässt keine Wünsche offen.
                                                     men viele neue Aufgaben hinzu. Dazu gehörte             Mein Dank gilt der gesamten TiB-Redaktion,
                                                     auch die Mitwirkung in der Redaktion „Tech-          den Herausgebern und den Chefredakteuren
                                                     nik in Bayern“. In dieser Zeit hatte ich die Ehre,   sowie der guten Seele der TiB – Silvia Stett-
                                                                                                          mayer, seit vielen Jahren „Chefin vom Dienst“,
                    Foto: privat

                                                     unserem Dr. Jan Steinkamp zu assistieren und
                                                     bildete für einige Zeit mit ihm zusammen die         für die hervorragende Arbeit. Die Herausforde-
                                                     Vertretung des VDE in der TiB-Redaktion.             rung, ein stets anspruchsvolles Printmagazin
              Prof. Dr.-Ing. Petra Friedrich         Er war ein leidenschaftlicher Redakteur und          im Zeitalter der Digitalisierung, e-Paper und
                 Vorsitzende VDE Südbayern           engagierte sich sehr intensiv bei vielen Heft-       Apps zu produzieren und herauszugeben, bleibt
                                                     beiträgen. Sicher werden sich noch viele Leser       hoch. Heute sprechen alle von Industrie 4.0, Di-
   1997, das erste Heft der „Technik in Bayern“,     erinnern. Redaktionssitzungen waren geprägt          gitaler Fabrik, Internet der Dinge, Smart Home,
kurz TiB, ist erschienen. Das neue Magazin           von intensiven Diskussionen sowie Gerangel           Medizin 4.0, virtueller Realität und vieles mehr.
berichtet über Nachrichten aus Technik, Na-          um Themen, Headlines und Aufmachung des              Genügend Stoff für die nächsten Jahre, um von
turwissenschaft und Wirtschaft. Es ist ebenso        Heftes. Das war für mich persönlich eine sehr        der TiB verständlich und informativ aufbereitet
die neue Mitgliederzeitschrift des VDI Bezirks-      spannende und lehrreiche Zeit. Insbesondere          zu werden.
vereins München, Oberbayern, Niederbayern            die Erfahrung als Heftpatin zeigte mir die An-          Dafür wünsche ich dem Team der Technik
und des VDE Südbayern. Die Konvergenz der            strengungen, die erforderlich sind, um ein kom-      in Bayern für die Zukunft immer ein gutes
Sprach- und Datenwelt, die rasante Entwick-          plettes Schwerpunktthema einer Heftausgabe           Geschick und viel Erfolg, vor allem aber viel
lung des Mobilfunks und seiner Endgeräte und         verantwortlich auf die Beine zu stellen, trotz       Freude in der Auseinandersetzung mit den stets
vieles mehr, verbunden mit den entsprechen-          bester Unterstützung des gesamten Teams. Die         neuen technischen Fragen und Themen. Wir
den Veränderungen in den Geschäftsprozessen,         Leistung der Redaktion über so viele Jahre hin-      Leserinnen und Leser freuen uns sehr gespannt
waren Quellen für spannende Beiträge und             weg ist also gar nicht hoch genug zu bewerten.       auf die kommenden Ausgaben.
Themenschwerpunkte der TiB. 1997 wurde ich              Das Redaktionsteam unter der Leitung ver-            Mit herzlichen Grüßen
in den Beirat des VDE Südbayern gewählt und          schiedener Chefredakteure hat es immer ge-                                          Petra Friedrich

Technik in Bayern 01/2017                                                                                                                              3
TELEMATIK - GESTERN - HEUTE - MORGEN - Schwerpunkt - Technik in Bayern
INHALT

                                     Schwerpunkt
                                     20 Jahre Technik – nicht nur in Bayern                                                         6
                                     Fritz Münzel und Silvia Stettmayer

                                     Vom Fahrer zum Passagier                                                                       7
                                     Interview mit Hans-Hermann Braess, Günther Reichart und Werner Huber

                                     Autonome Autos in Recht und Moral		                                                          12
                                     Oliver Bendel

           Foto: Silvia Stettmayer
                                     20 Jahre Entwicklung des Mobilfunks                                                          14
                                     Berthold Panzner und Wolfgang Zirwas
 6
                                     Sensoren und Signalverarbeitung                                                              16
                                     Günther Reichart

                                     Precision Farming		                                                                          18
                                     Hermann Auernhammer

                                     Die Informatisierung der Gesellschaft – eine Studie von 1978                                 19
                                     Der historische Hintergrund von Frank Dittmann

16
          Foto: Daimler AG

                                                                                      Titelbild
                                                                                      Autonomes Fahren
                                                                                      Foto: Uli-B, fotolia
          Grafik: Auernhammer

18
     4
                                                                                                             Technik in Bayern 01/2017
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INHALT

Hochschule und Forschung
Hochschule München:
Der Klang des Fahrens                                      29
Christiane Taddigs-Hirsch

Aktuelles
VDI München: Mitgliederversammlung 2017                    20
VDI Preise 2016                                            22
VDE Awards                                                 24
VDI Bayern Nordost: Innovationspreis 2016                  28
VDI BG Innviertel: Campus Burghausen                       31
VDI Bayern Nordost: Mitgliederversammlung 2017             35

VDI/VDE
FiB München                                                26
VDI Landesverband                                          28
VDI-AK Werkstofftechnik                                    30
Studenten und Jungingenieure                               32
VDE-AK Energietechnik                                      36
VDI-AK Technische Führungskräfte und Unternehmer           46

Rubriken
Veranstaltungskalender                                     39
Buchbesprechungen                                          48
Ausstellungstipp                                           50
Vorschau                                                   50
Impressum                                                  50

   Die Redaktion
   der Technik in
   Bayern wünscht
   allen Leserinnen
   und Lesern Frohe
   Feiertage und ein
   Gutes Neues Jahr

VDI Landesverband Bayern
VDI Bezirksverein München, Ober- und Niederbayern e.V.
Westendstr. 199, D-80686 München                                Fachliste Technik
Tel.: (0 89) 57 91 22 00, Fax: (0 89) 57 91 21 61
www.verein-der-ingenieure.de, E-Mail: bv-muenchen@vdi.de         Kontaktdaten von mehr als 340
                                                                                                r-
                                                                  qualifizierten technischen Über-
VDI Bezirksverein Bayern Nordost e.V.                             setzern und Dolmetschern aus
c/o Ohm-Hochschule, Keßlerplatz 12, D-90489 Nürnberg              dem gesamten Bundesgebiet
Tel.: (09 11) 55 40 30, Fax: (09 11) 5 19 39 86
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                                                                  200 technische Fachgebiete
VDE Bayern, Bezirksverein Südbayern e.V.
Hohenlindener Straße 1, D-81677 München
                                                                 kostenlos erhältlich per E-Mail
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Technik in Bayern 01/2017
TELEMATIK - GESTERN - HEUTE - MORGEN - Schwerpunkt - Technik in Bayern
SCHWERPUNKT

20 Jahre Technik – nicht nur in Bayern
   Als 1997 die erste Technik in Bayern mit       Städten und an Autobahnen. Dennoch, die           zung von Menschen und Maschinen, von
einem Heft über Telematik erschien, konnte        Elektroautos werden stetig mehr werden,           allem mit jedem. Wird das Arbeitsplätze
sich niemand vorstellen, dass wir heute die-      denn die Politik wird die Umweltansprüche         kosten? Sicher nicht in der IT-Wirtschaft,
ses schöne Jubiläum feiern können. So wech-       weiter erhöhen, und sie tut es bereits im Fer-    denn die Abläufe sind so kompliziert, dass
selvoll diese 20 Jahre auch waren – mehrfach      nen Osten, wo deutsche Automarken wesent-         sie ohne Kontrolle und Eingriff von kundi-
wurden Layout und Heftkonzept geändert            liche Absatzmärkte haben. Das Smart Grid,         gen Menschen nicht funktionieren werden.
und manchmal musste auch ein neuer her-           und hier schließt sich der Kreis zur Telema-      Andererseits ist auffällig, dass die Idee eines
ausgebender Verlag gefunden werden – es           tik, gibt es bisher fast nur in Fachpublikatio-   Grundeinkommens immer häufiger disku-
sind doch 120 Ausgaben der TiB erschienen.        nen und auf Kongressen.                           tiert wird.
   120 Ausgaben mit fast genau so vielen                                                               Eine besondere Fertigungstechnik ist die
Schwerpunktthemen, mit sehr interessanten,        Information und                                   Bautechnik. Computergestütztes Planen und
oft visionären Gesprächspartnern in unse-         Telekommunikation                                 Entwerfen mit durchgängiger Kostenkon-
rem Interview. An den Fußleisten dieser Aus-         Das Lieblingsgesetz der Branche ist nach       trolle ist ein „Muss“ geworden. Weiterent-
gabe erscheinen alle bisherigen Titelbilder       Gordon Moore benannt: Er prophezeite 1965         wickelte Baustoffe in Richtung hochfester
noch einmal im Briefmarkenformat, unmög-          eine Verdoppelung der Schaltkreise auf einem      Beton oder Leichtbeton und neue Beweh-
lich, auf alle Themen einzugehen. Wenn man        Computerchip in einem Jahr, heute werden          rungen bis hin zu Carbon erlauben völlig
sich aber im Sessel zurücklehnt, empfindet        dafür ca. 18 Monate genannt, und ein Ende         neue Konstruktionen. Eingebaute Sensorik
man manche Entwicklungen durchaus be-             ist noch nicht erreicht. Mit Innovationszyklen    ermöglicht eine bessere Kontrolle über die
deutender als andere, was natürlich immer         wie bei keinem anderen Produkt erreichte die      Vorgänge im Inneren eines Bauwerks.
subjektiv ist. Begleiten Sie uns also auf einen   Halbleiterindustrie damit im Laufe der Jahre
kleinen Rundgang.                                 eine immense Zunahme an Speicherkapazität         Umwelttechnik
                                                  sowie Prozessorgeschwindigkeit, welche die          Schärfer gewordene Vorgaben für Schad-
Elektrische Energie                               Voraussetzungen für alle einschlägigen Tech-      stoffe in Luft, Boden und Gewässern haben
   Politische Vorgaben haben den Ausstieg         nologiesprünge sind.                              uns eine saubere Umwelt beschert, um die
aus der Kernenergie erzwungen. Erst be-              Das Internet erlebte eine dramatische Ent-     uns viele beneiden. Vollbiologische Klär-
schlossen, dann abgebremst und wieder             wicklung und gilt heute als eine der größten      anlagen sind kein Zukunftsthema mehr, es
mit dem Fukushima-Booster beschleunigt,           Veränderungen in der Informationstechnik.         gibt sie längst und die hier angewendete
mit der Folge des Einstiegs in die regenera-      Der Mobilfunk hat sich vom Telefondienst          Biotechnologie wird akzeptiert, anders als
tiven Energien mit allen Konsequenzen für         zum universellen Breitbandnetz entwickelt,        etwa in der Nahrungsmittelproduktion. Der
die Infrastruktur. Als normaler Verbraucher       Voraussetzung für das Entstehen der Wisch-        menschengemachte Klimawandel ist in aller
hat man außer dem gestiegenen Strompreis          und Tippgeneration, aber auch unabdingbar         Munde. Er wird als Grund für alle mögli-
davon bisher nicht allzu viel mitbekommen:        für die Vernetzung von Autos. Nicht zu verges-    chen Katastrophen herangezogen, was einer
Die Stromnetze sind weder, wie prophezeit,        sen ist dabei der Siegeszug der Flachbildschir-   wissenschaftlichen Beurteilung aber nicht
instabil geworden noch sind nennenswerte          me, mit oder ohne „Touch“, für Smart Phones       standhält. Und so haben die „Klimaleug-
Blackouts aufgetreten. Aber das heißt nicht,      und Fernsehgeräte. Röhrenmonitore gibt es         ner“ weltweit stärkeres Gewicht bekommen.
dass die Stromversorgung hoch zuverlässig         nur noch in unaufgeräumten Kellern.               Bleibt zu hoffen, dass Politik und Technik
wäre, denn es gibt Freileitungen und Wetter-                                                        dennoch einen verantwortbaren Weg in die
bedingungen wie Sturm und Eis. Der Strom          Fertigungstechnik                                 Zukunft finden.
kommt noch immer aus der Steckdose, nur             Nachdem die Robotik die Fließbandpro-
dort nicht, wo Elektroautos ihn bräuchten,        duktion abgelöst hat, steht sie nun vor dem           Fritz Münzel und Silvia Stettmayer
also an den sog. „Laternengaragen“ in den         nächsten Umbruch: Industrie 4.0; Vernet-                                           Redaktion TiB
1997

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                                                                                                                          Technik in Bayern 01/2017
TELEMATIK - GESTERN - HEUTE - MORGEN - Schwerpunkt - Technik in Bayern
SCHWERPUNKT

Vom Fahrer zum Passagier
1997 haben wir die erste Ausgabe der TiB mit einem Interview mit Prof. Dr. Dr. e.h. Hans-Her-
mann Braess, VDI, dem damaligen Leiter des Bereiches Wissenschaft und Forschung der BMW
AG, begonnen. Unter dem Titel „Telematik im Gespräch“ sprach er damals u.a. über die Einbin-
dung elektronischer Systeme zur Fahrerassistenz. 20 Jahre später konnten wir mit Prof. Braess
und zweien seiner damaligen Mitstreiter, Dr.-Ing. Günter Reichart und Prof. Dr. Werner Huber,
über die Entwicklungen der Telematik in den letzten Dekaden und die Zukunftsszenarien der
Automobilindustrie unter dem Druck neuer Wettbewerber sprechen.

   Technik in Bayern: Herr Prof. Braess, Sie be-     gente Tempomat. Es war das erste System, das
schäftigten sich schon seit Mitte der 1980er Jahre   schon bald nach Projektende in die Fahrzeuge
mit Verkehrstelematik, u.a. dem Forschungs-          eingebaut wurde.
programm PROMETHEUS. Können Sie uns die                Günter Reichart: Als wir das ACC – Active
Motivation zu solchen Projekten kurz skizzieren?     Cruise Control eingeführt haben, haben wir ver-
   Prof. Braess: Die technologische Situation        einbart, dass eine Automatisierung auf einem
konnte man als Aufbruchsstimmung für Elek-           niedrigen Level durchaus möglich ist.
tronik im Auto bezeichnen. Sensorik, Aktua-
torik etc. fingen damals in den 1980er Jahren          TiB: Wie haben Sie das damals mit der Len-
an und es gab erste Fortschritte in der Infor-       kung gemacht?
mations- und Kommunikationstechnologie.                Prof. Huber: Damals hatten wir natürlich
Es gab erste Konzepte zur dynamischen Ver-           noch nicht die elektromechanischen Systeme,
kehrsbeeinflussung und erste Studien zu Un-          die wir heute haben. Es gab aber schon elektri-     Prof. Braess
fallvermeidungspotenzialen und Fahrerunter-          sche Aktuatoren, die die Lenkaufgabe überneh-
stützung. Ich zitiere nur Dr. Enke von Daimler:      men konnten.                                           Das sind mehrere Punkte, die maßgeblich
„Wenn man den Fahrer nur 0,5 Sekunden frü-                                                               von PROMETHEUS getriggert und nachträg-
her informiert, dann kann er eine ganze Menge           TiB: Wurden nicht auch Navigationssysteme        lich weiter verfolgt und entwickelt wurden. Und
an Unfällen vermeiden.“                              im Rahmen von PROMETHEUS erstmals prä-              es ist interessant, was im Nachgang zu PROME­
   Mit PROMETHEUS sollte die vorwett­                sentiert?                                           THEUS im Laufe der Jahre alles gekommen
bewerbliche Technologieforschung zu europa-             Dr. Reichart: Das ist richtig, es gab schon      ist. PROMETHEUS war der Auslöser für viele
weiten Standards führen. Der Verkehr war da-         fahrzeugbasierte Navigationssysteme, eine           technische Neuerungen und eine ganze Menge
                                                                                                                                                             INFO
mals schon stark grenzüberschreitend, man hat        Baken-basierte Lösung und als infrastruktu-         nationaler und internationaler Forschungs­          INFO
also gesagt: Wenn wir was machen, dann nicht         relle Ergänzung RDS-TMC (Übermittlung von           programme. Da ist schrittweise alles Mögliche       TIPP
nur auf Deutschland bezogen, sondern europa-         Zusatzinformationen beim Hörfunk) mit der           eingeführt worden.
weit. Das Gesamtziel von PROMETHEUS war,             jeweils aktuellen Verkehrsinformation. Die Na-
Konzepte und Lösungen zu schaffen, die den Weg       vigationssysteme waren sicher eine der ganz              ANMERKUNG
hin zu hoher Umweltverträglichkeit und Wirt-         großen Erfolgsgeschichten von PROMETHEUS.            Das EUREKA-PROMETHEUS-Projekt
schaftlichkeit sowie bisher noch nie erreichter         Das zweite Thema war ACC – Active Cruise             (PROgraMme for a European
Sicherheit im Straßenverkehr aufweisen.              Control oder die intelligente Abstandsregelung.         Traffic of Highest Efficiency and Unpre-
                                                                                                             cedented Safety, 1986–1994) kam auf In-
                                                        Auch wurden Spurhaltungsunterstützungs-
                                                                                                             itiative von Ferdinand Panik (damals bei
   TiB: Diese Ziele sollen auch mit dem automa-      systeme wie Heading Control oder Lane Keeping           Daimler-Benz) und seinen Kollegen aus den
tischen Fahren von heute erreicht werden. War        System entwickelt. Und dann gab es die Tote-            Konzernforschungen der meisten anderen
das mit angedacht und welche Ergebnisse hat          Winkel-Überwachung als wesentliches Ergebnis            europäischen Fahrzeughersteller zustande.
                                                                                                             An diesem bislang größten europäischen
PROMETHEUS gebracht?                                 sowie die Nachtsichtgeräte Night Vision und das
                                                                                                             Projekt zur Verbesserung der Effizienz, Um-
   Prof. Braess: Wir wollten damals ganz be-         aktive Kurvenlicht.                                     weltverträglichkeit und Sicherheit des Stra-
wusst kein automatisches Fahren. Wir wollten            Prof. Braess: Nicht zu vergessen der Auto-           ßenverkehrs mit einem Förderumfang von
den automatischen Nothalt: Wenn der Fahrer           matische Notruf, der ja jetzt ab 2018 Vorschrift        über 700 Mio. ECU beteiligten sich neben
                                                                                                             den Fahrzeugherstellern fast alle bedeu-
nicht mehr in der Lage ist, seiner Fahraufgabe       wird. Den haben wir damals auch schon ent-
                                                                                                             tenden europäischen Zuliefererfirmen und
nachzukommen, wollten wir das Fahrzeug kon-          wickelt. Wir wollten einfach nach einem Unfall,         weitere Elektronikfirmen, die bisher noch
trolliert, nicht schlagartig anhalten. Das haben     bei dem es evtl. Schwerverletzte gibt, keine Zeit       nicht im Automobilbereich tätig waren, so-
wir damals diskutiert. Ein wichtiges Ergebnis        vergeuden und sofort Hilfsmaßnahmen einlei-             wie eine Vielzahl wissenschaftlicher Institu-
                                                                                                             te. (Quelle: Wikipedia, abgerufen 26.10.16)
von PROMETHEUS war der ACC – der intelli-            ten. Automatischer Notruf ist wichtig.
                                                                                                                                                         7
Technik in Bayern 01/2017
TELEMATIK - GESTERN - HEUTE - MORGEN - Schwerpunkt - Technik in Bayern
SCHWERPUNKT

  TiB: Machen wir einen Zeitsprung. Heute ist das        Prof. Braess: Und es kommt ein Grundsatz­
Autonome Fahren in aller Munde. Wie sieht es da       aspekt ins Spiel, dadurch, dass Sie in Deutsch-
mit gesamteuropäischen Projekten aus?                 land erst dann eine Technologie zugelassen
  Dr. Reichart: Die Bereitschaft zur Zusam-           bekommen, wenn sie ausgereift und erprobt ist.
menarbeit war damals in Europa wesentlich             Die Amerikaner sehen das ein wenig anders. Die
größer als heute. Mit PROMETHEUS wurden               probieren erst einmal und kippen es später, falls
auch die Amerikaner und die Japaner angeregt,         es nicht funktioniert. Sie sagen: Schauen wir mal
die dann ihre eigenen nationalen Forschungs-          und machen erst einmal. Wir Deutschen versu-
programme gemacht haben. In diesem Rah-               chen immer zuerst die Risiken abzuwägen und
men wurde damals erstmalig das automatische           einzuschätzen und zu minimieren.
Fahren realisiert. Sie haben das getan, indem sie        Prof. Huber: Das sieht man ja schon an den
Magnetnägel in die Straße geschlagen haben,           ganzen Testfeldern für das autonome Fahren
denen die Fahrzeuge dann nachgefahren sind.           in Amerika, die da aus dem Boden gestampft
                                                                                                          Prof. Huber
                                                      wurden, lange vor uns. Und wir ziehen hier
                                                      jetzt erst langsam nach.                            des Auto zu bauen ist ja kein Fahrzeugprojekt
                                                         Prof. Braess: Ein weiterer Punkt sind die ge-    mehr. Es ist ein reines IT-Projekt geworden. Die
                                                      änderten Entwicklungsmethoden. Als wir uns          Fragen, um die es geht, sind: Wie schaffen wir
                                                      damals mit den Themen angefangen haben zu           die richtigen Architekturen, wie entwickeln wir
                                                      befassen, stellten wir fest, dass die klassischen   die richtige Software? Wie sieht die Absicherung
                                                      Entwicklungsmethoden aus dem Maschinen-             der Funktion aus?
                                                      bau überhaupt nicht mehr ausreichten. Und             Wir reden hier nicht mehr über einen reinen
                                                      heute spielt die Software eine ganz entschei-       Automobilentwicklungsprozess, den wir natürlich
                                                      dende Rolle. Ohne Software kann das Ganze           können, sondern wir reden plötzlich über ganz
                                                      nicht mehr funktionieren. Schon der heutige         andere, agile Prozesse in der Entwicklung, die
                                                      assistenzgestützte Verkehr ist ein offenes System   dann diejenigen Partner mitbringen, die aus der
                                                      Das birgt große Gefahren durch Eingriffe durch      IT-Branche kommen, die Googles und Apples die-
                                                      Hacker. Das Problem gab es damals noch nicht.       ser Welt, die ganz anders entwickeln.
                                                                                                            Dazu müssen wir die Kompetenz des Auto-
                                                                                                          bauens mit der IT-Kompetenz ergänzen.
Jochen Lösch
                                                                                                             TiB: Da stellt sich doch die Frage: Warum kön-
   Heute müssen wir leider feststellen, dass die                                                          nen diese neuen Player so plötzlich am Markt
Bereitschaft zum gemeinsamen Forschen und Ent­                                                            auftauchen?
wickeln beim Autonomen Fahren insgesamt nicht                                                                Dr. Reichart: Aus meiner Sicht gar nicht
so ausgeprägt ist, wie man es sich wünschen würde.                                                        so verwunderlich, weil natürlich bei diesen
Ich denke, die Firmen werden sich keinen Gefallen                                                         Playern eine ganz andere Geschäftsabsicht da-
tun, wenn sie sich in punkto Automation und Si-                                                           hinter steht: das Big Data Geschäft. Google ist
cherheitstechnik weiter auseinander entwickeln.                                                           eine der größten Datamining Companies der
                                                                                                          Welt und seit langem in diesem Geschäft tä-
   TiB: …und es kommen neue Player ins Spiel,                                                             tig. Die sehen natürlich das Potenzial in diesen
                                                      Dr. Reichart (li.) und Fritz Münzel
siehe Tesla, Google, Amazon, nicht unbedingt aus-                                                         selbstfahrenden Autos: einerseits Werbeträger
gestattet mit Kompetenz, die sie sich aber mit viel     Prof. Huber: Aber einen Punkt möchte ich          zu haben und auf der anderen Seite Informa-
Geld einkaufen. Eine Marktmacht, die die Investi-     noch erwähnen: Wir stehen ja heute mit dem          tionsquellen der besonderen Art. Und diese
tionskraft von Daimler, BMW und den anderen           Autonomen Fahren wieder vor der gleichen            Strukturen wollen sie auch für alles Mögliche
Automobilherstellern bei weitem übersteigt.           Aufgabenstellung, denn ein autonom fahren-          nutzen. Sie können damit die Bewegungs-
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                                                                                                                                 Technik in Bayern 01/2017
TELEMATIK - GESTERN - HEUTE - MORGEN - Schwerpunkt - Technik in Bayern
SCHWERPUNKT

und andere Start-Ziel-Profile der Kunden er-         sagen, es liegt alles auf dem Tisch, damit man
kennen und auch zielsicher nutzen. Mit den           Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation vernünf-
selbstfahrenden Autos haben sie natürlich die        tig machen kann. Die Frage ist nur: Wer fängt
perfekte Datamining-Plattform, die unter dem         damit an?
Mobilitäts­aspekt vertrieben wird.
   Und das Fahrzeugknowhow kaufen sie sich              TiB: Ist es einigungsfähig?

                                                                                                                                                                      Fotos: Silvia Stettmayer
dazu. Das sieht man gerade an der Verbindung,           Prof. Huber: Ja, es ist einigungsfähig. Das                                                                                              INFO
die sie mit FIAT eingegangen sind. Sie suchen        scheint ein Henne-Ei-Problem zu sein. Das er-                                                                                               INFO
sich also Firmen, die im Elektronikbereich nicht     ste Auto, das auf den Markt kommt, wird wahr-                                                                                               TIPP
so stark sind, die aber trotzdem Automobil-          scheinlich nie auf eine Situation treffen, in der
Know-how haben. Das funktioniert, weil die           es Informationen, die es benötigen würde, von
Plattform, auf der das läuft, nicht besonders        einem anderen Fahrzeug erhält. Erst ab einem           ANMERKUNG
kompliziert ist. Die Komplexität liegt in der        gewissen Durchdringungsgrad können solche
                                                                                                         Ziel des Forschungsprojektes SIMTD
Sensorik und letztendlich in der Software, mit       Systeme wirken. Bis dieser Punkt allerdings er-         (Sichere Intelligente Mobilität –
der man das realisieren muss. Aber das Ganze         reicht wird, dauert es einfach zu lange. Deshalb        Testfeld Deutschland) ist es, die Funktiona-
ist für diese Player nicht mehr der große Akt.       wird Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation nur                lität, Alltagstauglichkeit und Wirksamkeit
                                                                                                             von Car-to-X-Kommunikation erstmalig un-
                                                     auf Basis einer gesetzlichen Einführung zum
                                                                                                             ter realen Bedingungen zu erproben. Durch
   TiB: Die Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation          Leben erweckt werden können.                            Car-to-X-Kommunikation werden Fahrzeu-
war schon zu PROMETHEUS Zeiten ein gerne                                                                     ge und Infrastruktur elektronisch vernetzt.
diskutiertes Thema. Hier kommen wir aber ganz           Dr. Reichart: Das haben wir seinerzeit bei           So werden nachfolgende und entgegen-
                                                                                                             kommende Verkehrsteilnehmer über po-
schnell zur Datensicherheit. Gibt es für die Ver-    PROMETHEUS auch schon vorausgesehen.
                                                                                                             tenzielle Gefahren frühzeitig informiert und
netzungssysteme eine irgendwie geartete Nor-         Die Fahrzeug-Infrastruktur-Kommunikation                können rechtzeitig reagieren. Informatio-
mungsbestrebung, die vernünftig ist und in der       wird wesentlich schneller realisiert werden als         nen zur Verkehrslage werden an die SIMTD-
Sicherheitsstandards definiert werden?               die Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation. Weil               Versuchszentrale übermittelt, die dann
                                                                                                             Verkehrsentwicklungen zuverlässig pro-
   Prof. Huber: Ja, die gibt es, nicht zuletzt aus   sich dort der Nutzen für das Einzelfahrzeug
                                                                                                             gnostizieren und zielsicher steuern kann.
dem Forschungsprojekt SIM-TD. Hier wurden            unmittelbarer darstellen lässt, als wenn Fahr-          Die gewonnenen Informationen werden
erstmals gemeinsame Standards definiert              zeuge direkt miteinander kommunizieren.                 den Verkehrsteilnehmern zur Verfügung
und festgelegt. Das ganze Thema Fahrzeug-            Bei der Fahrzeug-Fahrzeug-Kommunikation                 gestellt, die damit ihre Fahrtrouten anpas-
                                                                                                             sen können. Dies reduziert auch den CO2-
Fahrzeug-Kommunikation wurde hier über               braucht man einfach eine Mindestausstat-
                                                                                                             Ausstoß im Straßenverkehr. Fahrzeugbezo-
Use Cases und Protokolle gestaltet. Und man          tungsquote, damit der Fahrer einen Nutzen               gene Daten werden dabei ausschließlich in
hat die infrage kommenden Übertragungs-              davon hat. Dies führt dann eben zu dieser er-           anonymisierter Form übermittelt. (Quelle:
technologien beleuchtet. Ich würde mal so            schwerten Einführungssituation.                         Wikipedia, abgerufen 26.10.16)

CARTOON
                                                                                                                                       Cartoon: Cornelis Jettke

                                             Moderne Navigation in historischem Umfeld
                                                                                                                                                                  9
Technik in Bayern 01/2017
TELEMATIK - GESTERN - HEUTE - MORGEN - Schwerpunkt - Technik in Bayern
SCHWERPUNKT

                                                   Z.B. Bremsleistungen beim ACC. Wenn jetzt              TiB: Könnte einer der vorgenannten neuen
                                                   ein Auto in den vom System eingehaltenen            Wettbewerber das automatische Fahren einfach
                                                   Sicherheitsabstand hineinfährt, kann das Sys­       einführen und zeigen, dass es funktioniert? Viele
                                                   tem nicht so schnell reagieren und muss es ja       angestammte Industriebereiche wurden ja schon
                                                   vielleicht auch nicht. Es informiert den Fahrer,    komplett aufgemischt. Sehen Sie diese Gefahr
                                                   dass dies gerade passiert, und der kann dann        auch für die gesamte Automobilindustrie?
                                                   beurteilen und handeln. Dieses Vorgehen ist in         Dr. Reichart: Ja, ich sehe das wie Prof. Braess,
                                                   dem Automatisierungsgrad „Assistenz“ sicher         der das auch schon früher angesprochen hat,
                                                   auch optimal.                                       dass die Automobilindustrie sich überlegen
                                                      Schwieriger wird der Sachverhalt, wenn ich       muss, wie ihre zukünftige Rolle sein wird. Da-
   TiB: Wenn wir durch die Zunahme der Assi-       dem Fahrer noch mehr abnehme, ohne gleichzei-       mals war der Ansatz ein Mobilitätsunternehmen
stenzsysteme den Automationsgrad immer mehr        tig die dann aufkommenden Situationen perfekt       mit Verkehrskonzepten und vieles mehr… Wir
vorantreiben, wird das zu Entwicklungen führen,    zu beherrschen. Die Gefahr geht dabei auch ein      haben die großen Mobilitätsfragen in den Bal-
dass z.B. niemand mehr einparken kann, wenn        Stück weit von den Fahrern aus. Wenn diese er-      lungsgebieten noch nicht wirklich adressiert.
er es doch mal selbst machen müsste?               kennen, dass sie sich zu über 99 % auf das Sys­     Wie wollen wir z.B. den Massentransport or-
   Dr. Reichart: Das ist richtig und eine not-     t­em verlassen können, dann beginnen sie, die       ganisieren? Das geht dann übrigens auch nicht
wendige und unvermeidbare Konsequenz aus           Verantwortung an das System abzugeben.              mit den Peoplemovern von Google. Sobald die
einer technischen Weiterentwicklung. Man                                                               Aufgabe ist, z.B. 50.000 Menschen von einem
muss aber bei der Konzeption von technischen          TiB: 99 % ist aber ein sehr schlechter Wert.     Fußballstadion weg zu transportieren, geht das
Systemen genau hinschauen, denn ich kann              Prof. Huber: Das genau ist aber das Problem.     nicht auf diese Weise. Das würde genauso zu 15
nicht immer weiter die Abläufe automatisieren      Je mehr man die Systeme von den Assistenz- zu       km Stau führen wie wir das jetzt hin und wieder
und dann in einer Notsituation unvermittelt die    vollautomatischen Systemen hin entwickelt,          erleben.
Kontrolle an den Fahrer zurückgeben.               aber von der Perfektionierung noch ein Stück
                                                   weg ist, desto schlechter wird die Gesamtper-         TiB: Wohin soll der Transformationsprozess der
   TiB: Das gibt es in der Luftfahrt regelmäßig.   formance der Systeme. Weil das Fahrzeug dann        Automobilindustrie gehen?
   Prof. Huber: Das ist aber etwas anderes, die    den Eindruck erweckt, die Situation zu beherr-        Prof. Braess: Wir haben uns offensichtlich
Piloten sitzen da und erwarten aufmerksam          schen, es aber nicht vollständig kann, der Fahrer   zu wenig Gedanken gemacht, wohin das Ganze
diesen Moment.                                     aber nur selten die Grenzen des Systems erlebt.     gehen soll.
   So wie aber automatisiertes Fahren propa-          Wir sollten also solche Systeme besser nur         Dr. Reichart: Wenn sich beim automatisier-
giert wird – mit Abwenden vom Cockpit und          bis zu einem bestimmten Automatisierungs-           ten Fahren ein BMW genauso fährt wie ein Opel
Zeitung lesen etc. – wird das mit der Rücküber-    grad entwickeln und für die restlichen z.B. 5%      oder ein Mercedes, und sie sich nur noch in der
gabe an den Fahrer nicht funktionieren. Es ist     bewusst auf den Fahrer zurückzugreifen. Das         Farbe der Polsterung unterscheiden, ist das kein
ja schon fast ironisch, den Fahrer systematisch    schafft mehr Sicherheit als scheinbar sicher        Geschäftsmodell. Wir haben zusätzlich ein paar
aus der Loop zu nehmen, weil der Automat es        vollautomatisch.                                    große Themen, die wir noch nicht richtig ver-
besser kann. Wenn aber der Automat dann eine          In einem Assistenzsystem wird der Fahrer         nünftig beantwortet haben, wie die CO2-The-
Situation nicht mehr lösen kann, wieder nach       immer eingebunden und auch an die Grenzen           matik, für die wir mit dem Elektroauto sicher
dem Menschen zu rufen. Das wird sicher nicht       geführt, d.h. er erlebt sie aktiv und bleibt auch   auch nur eine Übergangstechnologie anbieten.
funktionieren.                                     in die Regelkreisläufe eingebunden. In diesem       Das ist nur eine lokale Lösung, keine für das
   Gott sei Dank sind die Fahrerassistenz­sys­     Fall kann ich dann auch die Fahraufgabe wieder      Gesamtproblem. Auf die Frage des Antriebs der
teme heute auf einem Entwicklungsstand, bei        an ihn zurückgeben.                                 Zukunft muss die Automobilindustrie endlich
dem davon ausgegangen wird, dass der Fahrer           Prof. Braess: Trotzdem gibt es das Thema der     eine Antwort finden.
noch auf sein System aufpasst. Das heißt, er       Dilemma-Entscheidung (s. S. 12, Anm. d. Red.).
ist immer noch in die Loop eingebunden. Das        Das haben wir damals schon andiskutiert, es ist       TiB: Vielen Dank für das Gespräch.
ist auch gut so, denn unsere heutigen Systeme      aber bis heute noch nicht gelöst.                          Das Interview führten Jochen Lösch,
haben begrenzte Unterstützungsleistungen.                                                                      Fritz Münzel und Silvia Stettmayer
1999

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                                                                                                                               Technik in Bayern 01/2017
MEHR als ein Studium!
                                 Studien-Infotag
                   Samstag, 28. Januar 2017, 10:00 - 15:00 Uhr
                        SHMT, Filderhauptstraße 142, 70599 Stuttgart

            Finanziert             Berufsintegriert          International           Betreut

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                                                                                               11
 Technik in Bayern 01/2017
 Das Event ist kostenlos. Anmeldung via: www.scmt.com/studien-infotag
SCHWERPUNKT

Autonome Autos in Recht und Moral
Das autonome Fahren beschwingt und beflügelt die einen, als würde man damit den Boden
verlassen können, und empört die anderen. Es entstehen Eutopien und Dystopien. Es werden
Behauptungen aufgestellt, die entweder eine gewisse Plausibilität haben oder von der Rea-
lität weit entfernt sind. Im Folgenden werden Behauptungen diskutiert, die man vor allem
aus Industrie und Politik immer wieder hört. Dabei werden rechtliche und moralische Fragen
aufgeworfen.

Die Unfallzahlen werden drastisch                   tos zwingen, nicht mehr als 20 km/h zu fahren.     relativ dumm halten. Dann fährt es in einer
reduziert                                           So macht man es mit einem Shuttle in Sitten im     Gefahrensituation einfach geradeaus oder ver-
   Diese Aussage ist verbreitet. Tatsächlich        Wallis, das im Herbst 2016 dennoch die offene      sucht zu bremsen. Was aber, wenn die Bremsen
kann man z.B. die Zahl der Verkehrsopfer in         Heckklappe eines Lieferfahrzeugs touchiert hat.    versagen und auf dem Zebrastreifen mehrere
bestimmten Gebieten senken, nämlich überall         Solche und schwerere Unfälle lassen sich, selbst   Kinder sind? Müsste es nicht ausweichen und
dort, wo es übersichtlich ist und wo nur weni-      mit einer Kombination aus Kameras, Radar,          die womöglich schwerwiegenden Folgen be-
ge Einfluss- und Störfaktoren vorhanden sind.       Lidar und Ultraschall, auch mit hochkarätigen      rücksichtigen? Schon rutschen wir in Dilem-
Autonome Autos auf den Autobahnen sind eine         klassischen und genetischen Algorithmen, in        mata hinein. Vermutlich existieren im Stadt-
gute Idee, in den Städten sind sie eine schlechte   Innenstädten nicht verhindern.                     verkehr keine befriedigenden Ansätze, um allen
(s. Abbildung). In den Städten gibt es Fußgän-                                                         Beteiligten gerecht zu werden oder nicht gegen
ger, Fahrrad- und Rollstuhlfahrer, Skater, Kat-     Es werden keine klassischen                        die populäre Ansicht, dass jedes Menschenle-
zen, Hunde, Füchse, Lichtreflexe und -signale,      Dilemmata vorkommen                                ben zählt, zu verstoßen. Sowohl das Qualifizie-
Schattenwürfe von Häusern und Brücken, Kon-            Das hört man vor allem von Seite der Au-        ren, das Bewerten von Personen, als auch das
fettiregen, Seifenblasen, Müllsäcke – und man       tobauer. Nicht immer wird verstanden, wozu         Quantifizieren, das Durchzählen, bringt Pro-
könnte weiter so machen, mehrere hundert be-        moralische Dilemmata dienen. Es sind Gedan-        bleme mit sich. Auf der Autobahn wird es so
wegte und unbewegte Objekte aufzählen, die der      kenexperimente, mit denen man moralische           wenige kritische Situationen geben, dass man
Wagen in jeder Sekunde in ihrer Art beurteilen      Grundfragen stellen, -probleme ergründen,          sich moralische Maschinen, die Menschen be-
und in ihrem Verhalten berechnen muss. Wenn         -prinzipien erkennen will. Man geht, auch in       werten, ersparen kann (Bendel 2016).
er wenige berücksichtigt, wird es viele Unfälle     der Maschinenethik, den Dingen auf den Grund
geben. Wenn er alle berücksichtigt, wird er ste-    (Bendel 2016). Natürlich hat sich das Trolley-     Der Verkehr wird vollkommen
henbleiben. Selbst wenn er ständig dazulernen       Problem in dieser Form nie ereignet. Nie ist       autonom sein
könnte, sind die Situationen sehr komplex.          eine Straßenbahn auf fünf Personen auf einem          Davon gehen manche Experten in mehrfacher
   Auf den Autobahnen ist kaum etwas von dem        Gleis zugefahren, während man die Möglichkeit      Hinsicht aus. Es werde eine umfassende Infra-
vorhanden, was genannt wurde, man fährt in          gehabt hat, sie auf ein anderes Gleis mit einem    struktur geben, ein Verkehrsüberwachungs-
eine Richtung, die Kurven sind sanft, die Ge-       Unbeteiligten umzulenken. Das ist aber gar         und Verkehrsleitsystem, sowie eine funktionie-
fälle und Anstiege schwach. Autonomes Fahren        nicht der Punkt. Die gefährlichen Situationen,     rende Car2Car Communication, und kaum noch
würde die Unfallzahlen in den nächsten Jahren       in die das autonome Auto verwickelt sein wird,     ein Auto, das nicht als autonomes konzipiert ist.
auf den Autobahnen senken, in den Städten           können Varianten von klassischen Dilemmata,        Zudem werde es kaum noch erlaubt oder mög-
erhöhen. Natürlich kann man diese wieder            neuartige Dilemmata oder ganz gewöhnlicher         lich sein, das Fahrzeug nicht als autonomes zu
einmal umbauen (Maurer 2015). Man kann              Art sein.                                          betreiben, also manuell einzugreifen.
Sonderspuren einrichten, Straßen mit Straßen           Generell ist die Herausforderung, das Auto         Diese Vorstellungen werden verbunden mit
überdachen, Tunnel bohren, man kann die             so zu gestalten, dass es Unfälle vermeidet. Man    der Hoffnung auf enorme Chancen, etwa auf
Menschen vertreiben. Oder man kann die Au-          kann es, wie es manche Autobauer wünschen,         hohe Verlässlichkeit und Sicherheit (Maurer
2000

 12
                                                                                                                              Technik in Bayern 01/2017
SCHWERPUNKT

2015). Gegen sie sprechen viele Fak-
toren. Eine lückenlose Infrastruktur
sowie eine beherrschende Über-
macht autonomer Autos werden
sich so schnell kaum entwickeln. Es
scheint unwahrscheinlich zu sein,
dass die Gesetzgeber mehrerer zu-
sammenhängender Länder eine
radikale Position einnehmen, um
die autonomen PKW sich grenzen-
los bewegen zu lassen. Nicht zuletzt
kennen wir aus unseren eigenen
konventionellen Fahrten unzählige
Situationen, wo wir spontan ein-
greifen müssen, weil wir zu rollen
begonnen, in die falsche Richtung
gelenkt oder einfach die Meinung
geändert haben. Vermutlich werden
wir hybride Fahrzeuge haben. Die
Politik in Deutschland ist ebenfalls
der Meinung, dass der Insasse aktiv
werden können muss; er dürfe sich
vom Verkehrsgeschehen abwenden,
solle sich aber bei Bedarf wieder
zuwenden.
                                                    Abb.: Das autonome Auto hat in der Stadt nichts verloren.
   Der Sicherheitsaspekt ist in dem
skizzierten Gesamtsystem mit sei-
nen unzähligen Objekten, diesem
Teilsystem des Internets der Dinge, grundsätz-      einfach hat, wenn man eine bestimmte Aufgabe         Auf dem Boden bleiben
lich zu beachten. Mehrmals wurde vorgeführt,        übernimmt (Höffe 2008). Eine Sekundärver-              Wie es am Ende kommen wird, weiß nie-
dass man die Mehrzahl eingebetteter Systeme         antwortung kann es schwerlich übernehmen,            mand. Aber bis dahin sollten wir Lösungen dis-
relativ einfach hacken und diese missbrauchen       es kann also nicht zur Rechenschaft gezogen          kutieren, sollten uns im Theoretischen streiten
kann. Wenn man Autos auf diese Weise ent-           werden. Natürlich ist es möglich, seine Tech-        und im Praktischen ausprobieren, und zwar so,
führen, umleiten, weglenken und abbremsen           nik zu überarbeiten oder es aus dem Betrieb zu       dass niemand auf der Strecke bleibt. Im Mo-
kann, ist die persönliche Autonomie außer           nehmen, aber das ist damit nicht gemeint. Eine       ment gibt es zu viele Höhenflüge, und mit Autos
Kraft gesetzt und die körperliche Unversehrt-       Tertiärverantwortung schließlich ist weitgehend      sollte man auf dem Boden bleiben.
heit gefährdet.                                     ausgeschlossen. Ein Auto kann man nicht verur-                  Prof. Dr. oec. HSG Oliver Bendel
                                                    teilen und nicht bestrafen. Die Haftung ist allen-                  Fachhochschule Nordwestschweiz
                                                                                                                                                              INFO
Das Auto kann Verantwortung                         falls in einem gewissen Rahmen abbildbar: Man                        Institut für Wirtschaftsinformatik
                                                                                                                                                              INFO
tragen                                              könnte autonome Fahrzeuge mit einem Budget                                         CH-5210 Windisch       TIPP
   Aus der Politik kam im Frühjahr 2016 auch        ausstatten und sie untereinander Bagatellschä-
der Vorschlag, Autopilot oder autonomes Auto        den regeln lassen. Die Versicherung des Besitzers
und Fahrer rechtlich gleichzustellen. Ein Fah-      wird auch künftig bezahlen müssen. An wen sie            LITERATUR

rer, der vor allem ein Beifahrer ist, sollte nach   unter Umständen herantreten können soll, ist           Baumann, Uli. Maas bremst Dobrindt aus.
dem Wunsch des Bundesverkehrsministeriums           eine heikle Frage, und überhaupt, wer haftbar          In: auto motor und sport, 7. Juni 2016. Über
nicht fahrlässig handeln, wenn er das System        gemacht werden kann. Die einen Autobauer wol-          http://www.auto-motor-und-sport.de/news/
                                                                                                           autonomes-fahren-maas-bremst-dobrindt-
lenken und entscheiden lässt, außer eben, die-      len an einer gemischten Haftung festhalten, die
                                                                                                           aus-8841995.html.
ses fordert ihn auf, selbst aktiv zu werden. Er     anderen die volle übernehmen. Wer die Verant-          Bendel, Oliver. Die Moral in der Maschine:
soll also in rechtlicher Hinsicht seine Verant-     wortung in den Unternehmen trägt, ist schwierig        Beiträge zu Roboter- und Maschinenethik.
wortung abgeben. Das Bundesjustizministe-           zu beurteilen. Der Geschäftsführer, der Manager,       Heise Medien, Hannover 2016.
                                                                                                           Höffe, Otfried. Lexikon der Ethik. 7., neube-
rium bremste Dobrindt im Sommer 2016 erst           der Programmierer, der Verkäufer? Vermutlich
                                                                                                           arb. und erweit. Auflage. C. H. Beck, Mün-
einmal aus (Baumann 2016).                          jeder von ihnen, und jeder hat eine gewisse            chen 2008.
   Manche sind sogar der Meinung, das Auto          Schuld. Und der Fahrer? Der kann in moralischer        Maurer, Markus; Gerdes, J. Christian; Lenz,
selbst könne Verantwortung tragen. Das kann es      Hinsicht nicht einfach die Verantwortung abge-         Barbara et al. Autonomes Fahren: Technische,
                                                                                                           rechtliche und gesellschaftliche Aspekte.
höchstens, um Begriffe der Ethik zu verwenden,      ben, und schon gar nicht an Maschinen, die über
                                                                                                           Springer Vieweg, Wiesbaden 2015.
im Sinne der Primärverantwortung, die man           Leben und Tod von Menschen entscheiden.
                                                                                                                                                      13
Technik in Bayern 01/2017
SCHWERPUNKT

20 Jahre Entwicklung des Mobilfunks
Der Mobilfunk blickt auf eine lange und abwechslungsreiche Historie zurück und hat durch
seine rasante Weiterentwicklung unser Leben und unseren Alltag in den vergangen zwei
Jahrzehnten erheblich verändert. Im folgenden Beitrag möchten wir eine kleine Zeitreise un-
ternehmen, beginnend von den Anfängen des digitalen zellularen Mobilfunks vor mehr als
20 Jahren bis zu den aktuellen Entwicklungen für 5G.

GSM – Der erste globale, digitale                   sen Übertragung, Authentisierung, internationa-      Project) Standardisierung an der Weiterentwick-
Mobilfunkstandard                                   les Roaming, automatische Positionserkennung,        lung von GSM, z.B. im Release 13 wurde EC-GSM
   Vor etwa 20 Jahren wurden analoge Mobil-         Interoperabilität mit ISDN und Faksimile Grup-       (Enhanced GSM) für schmalbandige IoT (In-
funksysteme der ersten Generation wie das           pe 3. Die digitalisierten Sprachsignale wurden       ternet of Things) Anwendungen mit 10 kbit/s
A-, B- oder C-Netz vom neuen digitalen GSM          mittels GMSK auf einen hochfrequenten Träger         Übertragung, hoher Reichweite und niedrigem
(Global System for Mobile Communications)           in einer Rahmenstruktur aus 8 Zeitmultiplex-         Energieverbrauch spezifiziert.
Standard der zweiten Generation abgelöst. Mit       kanälen übertragen. Die Vermittlung im GSM
GSM war zum ersten Mal ein länderübergrei-          Kernnetz war anfänglich leitungsorientiert (cir-     UMTS – Die GSM Nachfolge­
fendes Mobilfunksystem verfügbar, welches die       cuit-switched) und erlaubte die digitale Übertra-    generation
bis dahin existierende starke Fragmentierung        gung von Sprache und Daten mit 9,6 kbit/s Nutz-         Durch den Erfolg von GSM vorangetrieben,
der analogen Vorgängersysteme durch einen           datenrate pro Teilnehmerkanal. Die Architektur       begann das in den 90er Jahren gegründete Stan-
gemeinsamen weltweiten Standard ablöste.            des GSM Netzes mit der Unterteilung in 3 klas-       dardisierungsorgan 3GPP die sogenannte dritte
   Technisch basiert GSM auf einer gemeinsamen      sische Domänen des drahtlosen Zugangsnetzes          Mobilfunk Generation zu standardisieren, welche
europäischen Entwicklung, die die Vorteile eines    RAN (Radio Access Network), des Weitbereich          offiziell mit dem ersten 3GPP Release 99 im Jahre
digitalen Übertragungsverfahrens – in diesem        Übertragungsnetzes (core oder Kernnetz) und          1999 UMTS aus der Taufe hob. Aus vielen konkur-
Falle basierend auf dem robusten Gaussian Mini-     der Management Schicht (OSS/BSS) sind bis            rierenden Vorschlägen für die Luftschnittstelle
mum Shift Keying (GMSK) – deutlich vor Augen        heute in ihrer Grundstruktur für nachfolgende        der dritten Mobilfunkgeneration (UMTS) setzte
führte. Effiziente Nutzung der Kanalbandbreite      Mobilfunksysteme erhalten geblieben.                 sich am Ende das sogenannte W-CDMA (Wide-
bei gleichzeitig guter Sprachqualität und Unter-       Ebenfalls richtungsweisend für spätere Mo-        band-Code Division Multiple Access) Verfahren
stützung von Datendiensten, wie z.B. den im Jahre   bilfunkgenerationen war die kontinuierliche          durch und mit dem Begriff Universal Mobile Tele-
1995 eingeführten Short Message Service (SMS),      Weiterentwicklung (Evolution) des GSM Stan-          communications Systems (UMTS) wurde auch
bei gleichzeitig hoher Mobilität und großen Zell-   dards durch die ETSI in sogenannten Releases.        bereits der Anspruch auf ein weltweit einheitli-
durchmessern waren so überzeugend, dass sich        So wurde beispielsweise im Laufe der Zeit die        ches Verfahren unterstrichen.
GSM global als der wichtigste Mobilfunkstandard     Datenübertragungsrate von 9.6 kbit/s (ein GSM           Einheitliches Entwicklungsziel waren eine er-
durchsetzen konnte. Attraktive Mobiltelefone im     Kanal) gesteigert durch Bündelung mehrerer           höhte Datenrate pro Nutzer, eine höhere Kapazi-
Hemdtaschenformat waren ein weiterer Schlüs-        Transportkanäle, bezeichnet als HSCSD (High          tät, eine erhöhte spektrale Effizienz, kürzere La-
selfaktor für den Erfolg von GSM.                   Speed Circuit Switch Data) auf bis zu 57.6 kbit/s,   tenzzeiten und natürlich eine möglichst direkte
   Im 900 MHz Bereich und ab 1994 auch im           packetorientierte Übermittlung im Netz genannt       Internetanbindung. Der Europäische Vorschlag
1800 MHz Bereich (dort als DCS 1800 - Digital       GPRS (General Packet Radio Service) auf bis zu       W-CDMA basiert auf Direct Sequence Spread
Cellular System bezeichnet) benutzt GSM ein         171.2 kbit/s und durch Einsatz von höherwerti-       Spectrum und benutzt Code Division Multiplex
Frequenzsprung Verfahren, einen Mix aus Zeit-       ger Modulation (8-PSK Phase Shift Keying) mit        für den Mehrfachzugriff auf das Übertragungs-
und Frequenzmehrfachzugriff mit 200 kHz Ka-         EDGE (Enhanced Data GSM Evolution) auf 384           medium, d.h. mehrere Teilnehmer benutzen
nalraster und 124 full duplex Kanälen. Es bot als   kbit/s. Auch heute noch arbeitet ein kleiner Teil    exakt den gleichen Zeitschlitz sowie Kanal,
weitere Merkmale Verschlüsselung der drahtlo-       innerhalb der 3GPP (3rd Generation Partnership       verwenden allerdings unterschiedliche (ortho-
2001

 14
                                                                                                                                 Technik in Bayern 01/2017
SCHWERPUNKT

gonale) Spreizcodes. Als                                                                                                      verbinden (IoT). Inzwischen
anschauliches Beispiel           The journey for human technology                                                             ist die Entwicklung für 5G in
kann man sich meh-               Mobile networks today and tomorrow                                                           vollem Gange und wird unter
rere Personenpaare in                                                                                                         europäischer Federführung
                                             Smart                   VoLTE,      Private LTE,       Internet of
einem Raum vorstellen,           Mobile
                                  Voice      phone                   VoWiFi          Public           things                  im 5G PPP (Public Private
                                           revolution                                Safety
welche zugleich jeweils                                                                                                       Partnership) vorangetrieben.
miteinander sprechen,                                                                                                         5G tritt mit dem Ziel an, die
allerdings jeweils un-                                                                                                        Kapazität des LTE Netzes
terschiedliche Sprachen                                                     Network
                                                                                                                              (Stand 2012) um den Faktor
                                2G      3G       LTE Heterogeneous
benutzen. Der entspre-                                   network
                                                                            Function
                                                                         Virtualization
                                                                                                                              1000 zu übertreffen. Neben
                                                                                              Telco
chende         Sprachpart-                                                                          5G                        dieser drastischen Steigerung
                                                                                              Cloud
                                                               Licensed-
ner (Empfänger) kann                                          unlicensed
                                                                 (WiFi)
                                                                                                                              der Leistungsfähigkeit wer-
aus dem gleichzeitigen                                                                                                        den viele neue Anwendungs-
Stimmen-Wirrwarr die            1   © Nokia 2016
                                                                                                                              optionen erschlossen, wie die
für ihn bestimmte Nach-                      Historie und Ausblick auf die Entwicklung des Mobilfunks.                        optimale Unterstützung von
richt dekodieren. Da die                                                                                                      Sensornetzen oder die Car-
verwendeten Trägerfrequenzen bei 3G höher Einzelträger) die im Frequenzbereich orthogo- to-Car Kommunikation und das mit höchster
als bei GSM waren (3G: 1.9 GHz) und die Sen- nal sind, wobei jeder Träger mehrwertig QAM Zuverlässigkeit und gleichzeitig extrem kurzen
deleistung auf eine wesentlich höhere Kanal- modulierte Symbole überträgt. Damit kann die Latenz­zeiten unterhalb 1ms.
bandbreite aufgeteilt wurde (5 MHz anstatt 200 drahtlose Übertragung bei LTE sehr effektiv an
kHz), war die Reichweite mit 3G geringer als die Frequenzselektivität des drahtlosen Über- Zusammenfassung
mit GSM. Der Zellradius ist also mit 3G kleiner tragungskanals angepasst werden. Die Kombi-                   Interessant ist auch ein Blick auf die Verän-
geworden, was eine dichtere Platzierung von 3G nation von OFDM mit neuesten Turbo Kodie- derungen im täglichen Leben, die sich seit den
Zellen bedingte, damit aber auch die Netzkapa- rungsverfahren kommt für Einzelverbindungen ersten Anfängen mit GSM ergeben haben. Zu
zität steigerte.                                      sehr nahe an das theoretische Maximum (ge- Beginn war die einfache Idee, vorhandene Fest-
   Ein neues technisches Thema, welches mit geben durch das Shannon-Limit des Kanals) netztelefone weltweit mobil zu machen, d.h. es
3G auftauchte und danach dauerhaft im Mobil- heran. Ein weiterer wichtiger Aspekt der Ortho- ging vornehmlich um mobile Sprachkommu-
funk bestehen blieb, war interworking mit der gonalisierung von OFDM ist die vereinfachte nikation. Spätestens mit UMTS kam die Idee,
Vorgänger-Mobilfunktechnologie (beispiels- Implementierung von MIMO-Verfahren (Mul- jederzeit überall mit allem verbunden zu sein,
weise im einfachsten Fall ein Anruf von einem tiple Input Multiple Output). MIMO erlaubt die d.h. speziell jederzeit Zugriff auf jedwede In-
UMTS Teilnehmer zu einem GSM Teilnehmer). räumliche Mehrfachnutzung des verfügbaren formation aus dem Internet zu haben. Mit LTE
Entsprechende Schnittstellen wurden mit jeder Spektrums für mehrere Nutzer bzw. Datenströ- haben sich die Endgeräte zu multifunktionalen
neuen Mobilfunkgeneration geschaffen und me und wurde daher von Anfang an als zentra- Alleskönnern weiterentwickelt die neben Ka-
sorgen so für ein nahtloses Zusammenwirken les LTE Merkmal festgelegt.                                    mera, Musik, Video und Internetanbindung vor
der verschiedenen Mobilfunktechnologien.                LTE benutzt unterschiedliche Systemband- allem Zugriff auf Plattformen der sozialen Me-
   Der weltweite Erfolg von GSM und dem In- breiten (1.4, 5, 10, 15, 20 MHz) bei unterschied- dien bereitstellen, mit denen jederzeit weltweit
ternet löste um die Jahrtausendwende einen lichen Trägerfrequenzen (42 Frequenzbänder interagiert werden kann. Das Smartphone ist
regelrechten Hype im Mobilfunkmarkt aus, der sind spezifiziert; populär in Deutschland sind heute unser täglicher Begleiter geworden und
leider auch mit überzogenen Erwartungen an 800 MHz, 2.1 GHz und 2.6 GHz) und kann hat unsere Lebensweise in so kurzer Zeit verän-
neue Geschäftsmodelle für 3G einherging. Vor sowohl als Frequenzmultiplex-Technik (LTE dert, wie es nur sehr wenige Technologien zuvor
allem waren sowohl die Netze als auch die End- mode 1) als auch als Zeitmultiplex-Technik vermocht haben.                                                   INFO
geräte anfangs nur eingeschränkt internetfähig. (LTE mode 2) eingesetzt werden. Dabei ist LTE                                  Dr. Berthold Panzner und INFO
Dies verzögerte den Erfolg der 3. Generation, ein sogenanntes Frequency Reuse 1 System, bei                                              Wolfgang Zirwas TIPP
der sich erst 2007 mit dem Erscheinen des ers­ dem alle Zellen das gesamte Spektrum gleich-                                        Nokia Networks, München
ten iPhones durch Apple einstellte.                   zeitig nutzen dürfen.
                                                                                                           REFERENZEN
LTE – Die 4. Mobilfunkgeneration                   5G – Das neue Mobilfunksystem
                                                                                                        [1] Berthold Panzner, Wolfgang Zirwas, Von
   Bei LTE (Long Term Evolution) als Synonym       steht in den Startlöchern
                                                                                                        LTE zur nächsten Mobilfunkgeneration, Tech-
für 4G war das Ziel eine sehr flexible und sehr       Obwohl LTE noch über viele Jahre die Basis        nik in Bayern, März 2014, S. 8-9
leistungsfähige Luftschnittstelle einzuführen,     des Mobilfunks sein wird, hat man frühzeitig         [2] Werner Mohr, 5G Forschung und Entwick-
die Datendienste wie das Internet von Anfang       die Initiative für die Erarbeitung der näch-         lung (5G Kommunikationsnetz Teil 1), VDE
                                                                                                        Dialog 02/2016, ITG News, S. 4-7
an optimal unterstützt und sich perfekt an den     sten Mobilfunkgeneration 5G ergriffen [1-4].         [3] Joachim Sachs, Michael Meyer , 5G Stan-
Kanal anpasst. OFDM (Orthogonal Frequency          Während vorangegangene Generationen des              dardisierung (5G Kommunikationsnetz Teil 2),
Division Multiplex) ist eine Multiträger Tech-     Mobilfunks primär dazu dienten Menschen              VDE Dialog 02/2016, ITG News, S. 8-10
nik und benutzt separate Einzelträger (bei         miteinander zu verbinden, wird 5G verstärkt          [4] Thomas Hock, 5G Technologie: Start in ein
                                                                                                        neues Zeitalter, VDE Dialog 02/2016, S. 36-37
LTE mit voller 20 MHz Systembandbreite 1200        den Fokus darauf setzen Dinge miteinander zu
                                                                                                                                                   15
Technik in Bayern 01/2017
SCHWERPUNKT

Sensoren und Signalverarbeitung

Die Wahrnehmung der Fahrumgebung bei
autonomen Fahrzeugen
Eine der zentralen Herausforderungen des autonomen Fahrens ist die verlässliche und korrekte
Wahrnehmung und Interpretation der Fahrzeugumgebung. Sensoren im optischen Bereich und
im Mikrowellenbereich liefern die entsprechenden Informationen, die zusammengeführt und
gemeinsam ausgewertet werden müssen.

Einleitung                                           People Movern (bis ca. 40km/h) auf Sensoren       150-200m werden üblicherweise in einem Fre-
   Zur Fahrumgebung gehören alle Objekte und         mit hoher Reichweite verzichtet werden. Googles   quenzbereich um 77 GHz betrieben. Sie sind
Zustände, die für eine sichere Fahrzeugführung       Prototypfahrzeug benutzt beispielsweise nur       in der Lage, in einem entfernungsabhängigen
und zur Erkennung von Systemgrenzen ein-             einen, zwar sehr aufwendigen Laserscanner,        Winkelbereich von ca. 12 bis 60°, Abstand und
zubeziehen sind: die Straße, Kreuzungen und          um ein Bild der Fahrumgebung zu erzeugen.         radiale Differenzgeschwindigkeit von Objekten
Einmündungen, Ausfahrten, Baustellen, beweg-         Allerdings stellt sich bei einem breiteren Ein-   relativ präzise zu messen. Die Winkelposition
liche oder statische Objekte, Verkehrszeichen,       satz die Frage, ob nicht allein aus Gründen der   ist dagegen ungenauer. Je nach Auflösungs- und
Sichtbedingungen, Straßenzustand und vieles          Funktionssicherheit eine redundante Sensorik      Trennvermögen können mehrere Ziele gleich-
mehr. Eine weitere wichtige Randbedingung ist        ohnehin zwingend erforderlich wird. Je nach       zeitig erfasst werden. Diese Radarsysteme sind
der Verkehrsraum, der befahren werden soll. So       Automatisierungsumfang eines Automobils           relativ unempfindlich gegenüber Sichtbeein-
sind Autobahnen wesentlich einfacher für die         müssen die Sensoren den gesamten Bereich der      trächtigungen durch leichten und mittleren Re-
Automatisierung zu handhaben als der Verkehr         Fahrumgebung erfassen. Wird nur eine Automa-      gen, Nebel, Staub oder Rauch.
in komplexen, städtischen Umgebungen (par-           tisierung des Folgefahrens hinter vorausfahren-      Für den Nahbereich bis ca. 40m sind hoch-
kende Fahrzeuge, Fußgänger, Radfahrer etc.).         den Fahrzeugen in der eigenen Fahrspur beab-      genaue, weitwinklige Radare verfügbar. Sie
Der Mensch als Fahrzeugführer leistet diese          sichtigt, genügt die Erfassung im Frontbereich.   arbeiten bei einer Frequenz von 24 GHz und
Aufgaben primär über die visuelle Wahrneh-              Der Stand der Technik setzt primär auf bild-   liefern bei Multiple Beam Lösungen oder bei
mung, unterstützt durch das Kontext-Wissen,          gebende Verfahren, d.h. Stereo- oder Monoka-      scannenden Verfahren auch die Winkellage des
das er sich durch die Fahrerfahrung erworben         mera, LIDAR (scannend oder Multibeam) wie         Reflexionsschwerpunktes, sowie dessen Entfer-
hat. Die menschliche visuelle Wahrnehmung ist        auch auf RADAR- Sensorik. Die physikalischen      nung und Relativgeschwindigkeit zum eigenen
einerseits extrem leistungsfähig, aber sie hat ge-   Eigenschaften dieser Sensoren erlauben keine      Fahrzeug. Diese Systeme sind relativ empfind-
genüber technischen Sensoren auch Defizite, z.B.     vollständige Redundanz der Wahrnehmungs-          lich gegenüber starkem Regen, Schneefall und
bezüglich der Präzision der Entfernungsbestim-       leistungen.                                       gegenüber der Vereisung des Radoms.
mung, der Relativgeschwindigkeits-Schätzung
oder auch bezüglich der Aufrechterhaltung der        Radarsensorik                                     Optische Sensoren
Aufmerksamkeit bei Ermüdung oder Ablenkung.             Radarsysteme (heute meist Multibeam-             Optische Systeme haben eine deutlich gerin-
                                                     Radare) werten die von Objekten reflektierten     gere maximale Detektionsentfernung, Kameras
Anforderungen an die technische                      Signale aus [1]. Die Objektausdehnung lässt       können bis zu einem Entfernungsbereich von
Sensorik                                             sich in aller Regel nicht bestimmen und führt     etwa 80m eingesetzt werden, LIDAR-Systeme
   Einen erheblichen Einfluss auf den Aufwand        zu einer gewissen Unsicherheit gerade bei quer-   bis ca. 130m. Sie sind deutlich empfindlicher
bei der Sensorik hat der Geschwindigkeitsbe-         stehenden Objekten.                               gegenüber Sichtbeeinträchtigungen.
reich, der durch die Automatisierung abgedeckt          Mikrowellenradare mit mehreren Sende-            LIDAR Systeme senden aktiv Lichtimpulse
werden soll. So kann bei langsam fahrenden           keulen (Multibeam) für den Fernbereich bis        über Laserdioden aus und werten die Laufzeit
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