Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!

 
Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!
Titelthema:
              Arbeits- und
 Gesundheitsschutz

Pflichtstunden reduzieren – Altersteilzeit fortsetzen!
            GEW-Landesvorstand beschließt
        Mobilisierung für Streik am 17. November
Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!
ARBEITSNIEDERLEGUNG AM 17. NOVEMBER                                                                                             HLZ 10–11/2009                2

                                                                                                                 Zeitschrift der GEW Hessen
  Wenn Lehrer streiken …                             In jedem Fall wird der Arbeitgeber                          für Erziehung, Bildung, Forschung
                                                                                                                 ISSN 0935-0489
                                                 für den Streiktag kein Gehalt zahlen.
     Die GEW Hessen ruft nicht zum ersten        Wir freuen uns über alle Kolleginnen          I     M       P      R      E      S      S      U      M
     Mal verbeamtete Lehrerinnen und Leh-        und Kollegen, die sich dem Streik an-
     rer zu einer eintägigen Arbeitsniederle-    schließen. Streikgeld erhalten aber nur       Herausgeber:
     gung auf. Auch wenn der Europäische                                                       Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft
                                                 die Mitglieder der GEW (und alle, die         Landesverband Hessen
     Gerichtshof für Menschenrechte gerade       spätestens am Streiktag ihre Mitglied-        Zimmerweg 12
     in diesen Tagen ein generelles Streik-      schaft erklären). Grundlage des Streik-       60325 Frankfurt/Main
     verbot für Beamten und Beamte als                                                         Telefon (0 69) 9 71 29 30
                                                 geldes ist der monatliche Mitgliedsbei-       Fax (0 69) 97 12 93 93
     rechtswidrig bezeichnet hat, verwei-        trag. Für einen eintägigen Streik wird        E-Mail: info@gew-hessen.de
     gern deutsche Gerichte den Beamten          das Dreifache des jeweiligen Monats-          Homepage: www.gew-hessen.de
     dieses Grundrecht. Entscheidend war         beitrags als Streikgeld gezahlt, wobei        Verantwortlicher Redakteur:
     deshalb immer der Schutz der großen         ein Streiktag mit fünf Unterrichtsstun-       Harald Freiling
                                                                                               Klingenberger Str. 13
     Zahl. Wenn sich eine große Zahl von         den angesetzt ist. Werden mehr oder           60599 Frankfurt am Main
     Lehrerinnen und Lehrer dem Streik           weniger abgezogen, erhöht oder redu-          Telefon (0 69) 63 62 69
     anschließt, sind übermäßige Sanktio-                                                      Fax (0 69) 6 31 37 75
                                                 ziert sich das Streikgeld um 20 % pro         E-Mail: freiling.hlz@t-online.de
     nen ausgeschlossen. Die GEW Hessen          Unterrichtsstunde. Für Teilzeitbeschäf-
                                                                                               Mitarbeit:
     wird deshalb am 17. November nur            tigte wird der Mitgliedsbeitrag für eine      Christoph Baumann (Bildung), Joachim Euler (Aus- und
     dann zum Streik aufrufen, wenn minde-       volle Stelle zugrundegelegt. Zusätzlich       Fortbildung), Ulrich Heinz (Hochschule), Ulla Hess (Mit-
     stens 5.000 Lehrkräfte ihre Streik-         werden 5 Euro für jedes Kind gezahlt.         bestimmung), Michael Köditz (Sozialpädagogik), Annette
                                                                                               Loycke (Recht), Carmen Ludwig (Studium), Karin Schüßler
     teilnahme erklären. 2003 hatte die CDU-     • Weitere Informationen gibt es unter         (Bildung), Andreas Staets (Hochschule), Karola Stötzel
     Landesregierung auf Disziplinarmaß-         www.gew-hessen.de und bei den GEW-            (Weiterbildung), Gerd Turk (Tarifpolitik und Gewerk-
     nahmen gegen Lehrkräfte verzichtet.                                                       schaften)
                                                 Vertrauensleuten.
                                                                                               Gestaltung:
                                                                                               Michael Heckert, Harald Knöfel
                                                                                               Titelthema: Harald Freiling
                                                                                               Illustrationen:
                                                                                               Träger & Träger (Titel, S. 7, 9, 11), Ina Panasenko (S. 31),
                                                                                               Dieter Tonn (S. 34), Ruth Ullenboom (S. 4)
                                                                                               Fotos:
                                                                                               GEW (S. 10, 27), Kay Herschelmann (S. 24), Fabienne
                                                                                               Kneifel (S. 33), Ryszard Majewski (S. 20, 21)
                                                                                               Verlag:
                                                                                               Mensch und Leben Verlagsgesellschaft mbH
                                                                                               Niederstedter Weg 5
                                                                                               61348 Bad Homburg
                                                                                               Anzeigenverwaltung:
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                                                                                               Edith Hestert
                                                                                               Postfach 19 44
                                                                                               61289 Bad Homburg
                                                                                               Telefon (06172) 95 83-0, Fax: (06172) 9583-21
                                                                                               E-Mail: mlverlag@wsth.de
                                                                                               Erfüllungsort und Gerichtsstand:
                                                                                               Bad Homburg
                                                                                               Bezugspreis:
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                                                                                               lich Porto); Einzelheft 1,50 Euro. Die Kosten sind für die
      Aus dem Inhalt                              S. 14 Suchtprobleme im Betrieb               Mitglieder der GEW Hessen im Beitrag enthalten.
                                                  S. 15 Der DGB-Index Gute Arbeit
      Rubriken                                                                                 Zuschriften:
                                                  S. 16 Energiesparlampen umstritten           Für unverlangt eingesandte Manuskripte und Bilder wird
      S. 4 Spot(t)light                                                                        keine Haftung übernommen. Im Falle einer Veröffentli-
                                                  Einzelbeiträge                               chung behält sich die Redaktion Kürzungen vor. Nament-
      S. 5 Meldungen
                                                                                               lich gekennzeichnete Beiträge müssen nicht mit der Mei-
      S. 35 Recht und Rechtsberatung              S.   18   HKM kippt 50-plus                  nung der GEW oder der Redaktion übereinstimmen.
      S. 36 Magazin                               S.   19   Absagen für Vorbereitungsdienst
                                                  S.   20   Multikulturelle Schule
      Titelthema:                                                                              Redaktionsschluss:
                                                  S.   22   Überleitung BAT - TV-H
      Arbeits- und Gesundheitsschutz                                                           Jeweils am 5. des Vormonats
                                                  S.   24   Entgeltordnung der Länder
      S.    6   Schulergonomie                    S.   25   Ganztagsschule und Sozialstaat
      S.    8   Überlastungsanzeige               S.   26   Arbeitsbedingungen: Sozialarbeit   Nachdruck:
                                                                                               Fotomechanische Wiedergabe, sonstige Vervielfälti-
      S.    9   Schulsanierung in Frankfurt       S.   28   Neue Abiturverordnung              gungen sowie Übersetzungen des Text- und Anzeigen-
      S.   10   Arbeitsschutz in der Kita         S.   29   Berufsförderung vor dem Aus        teils, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Ge-
      S.   11   Gefährliche Klassenräume          S.   30   Eigenverantwortliche Schule        nehmigung der Redaktion und des Verlages.
      S.   12   HKM: Schule und Gesundheit        S.   32   Vom Innenleben der Schule          Druck:
      S.   13   Prävention: Unfallkasse Hessen    S.   34   Gemütliches Beisammensein, ade!    Druckerei und Verlag Gutenberg Riemann GmbH
Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!
Arbeitsbedingungen
         verbessern!
GEW mobilisiert für Arbeits-
niederlegung am 17. November
Nach einer aktuellen Studie der OECD ist der in             In den Schubladen liegen bereits die Pläne zur Erhö-
Deutschland bekanntermaßen geringe Anteil der öf-           hung des Eintrittsalters in den Ruhestand, obwohl die
fentlichen Ausgaben für Bildung am Bruttoinlands-           Lehrkräfte mit durchschnittlich 65,25 Jahren bereits
produkt - entgegen aller Sonntagsreden - noch einmal        heute die höchste Altersgrenze haben und in anderen
von 5,1 % auf 4,8 % deutlich gesunken. Deutschland          Berufen mit ähnlich hoher Belastung sogar deutlich
liegt im Vergleich der 28 Länder damit auf Platz 24 und     geringere Altersgrenzen gelten.
ist im Verhältnis zum steigenden Durchschnittswert             All dies begründet Ministerpräsident Koch mit der
aller Staaten weiter zurückgefallen. Auch im Bun-           „finanziellen Lage“ des Landes, obwohl er in den
desländervergleich von Klassengrößen und Bildungs-          vergangenen Jahren im Bundesrat allen Steuergeset-
ausgaben belegt Hessen innerhalb Deutschlands               zen zugestimmt hat, die inzwischen zu Steuerminder-
regelmäßig einen der hinteren Plätze. Nach einer Über-      einnahmen im hessischen Landeshaushalt von mehr
sicht der Kultusministerkonferenz haben die hessi-          als einer Milliarde Euro jährlich führen. Der Verzicht
schen Lehrkräfte die zweithöchste Pflichtstundenzahl.       auf die Erhebung einer Vermögenssteuer kostet das
Eine hessische Grundschullehrerin hat heute eine hö-        Land Hessen jährlich eine weitere Milliarde.
here Pflichtstundenzahl als ein „Volksschullehrer“ vor         Diese Politik führt zu einer dauerhaften Überbela-
100 Jahren.                                                 stung der professionellen Arbeit in den Schulen. Sie
Dennoch will die Landesregierung die Arbeitsbedin-          bringt schlechtere Qualität und einen höheren Kran-
gungen der Lehrkräfte weiter verschlechtern:                kenstand und wird wieder zu einem Anstieg der Früh-
• Die Übertragung der Arbeitszeitverkürzung wird            pensionierungen führen.
   verweigert.
• Die Möglichkeit der Altersteilzeit wurde bereits          Mehr Zeit – Mehr Qualität
   gestoppt.
                                                            In diesem Zusammenhang fordert die Vertrauensleu-
• Das Eintrittsalter in den Ruhestand soll erhöht werden.
                                                            teversammlung der GEW Hessen
In der Vergangenheit berief sich die Regierung Koch
                                                            • die zeit- und volumengleiche Übertragung der Ar-
immer wieder auf die Gleichbehandlung von Beamten
                                                               beitszeitverkürzung aus dem Tarifvertrag auf die
und Angestellten, um die Übertragung von Verschlech-
                                                               Pflichtstundenregelung der Lehrkräfte durch die
terungen bei den Beamten auf den Tarifbereich zu
                                                               Rücknahme der Pflichtstundenerhöhung von 2004
rechtfertigen. Das soll jetzt nicht mehr gelten, wenn es
                                                               ab kommendem Schulhalbjahr,
um die Übertragung des Tarifkompromisses auf die
                                                            • 10.000 zusätzliche Deputatsstunden für die Lehr-
Beamtinnen und Beamten geht. Im Tarifbereich ist die
                                                               kräfte an den Schulen,
42-Stundenwoche der „Operation düstere Zukunft“
                                                            • die Fortsetzung der Altersteilzeitregelung,
aus dem Jahr 2003 vom Tisch, aber für alle Lehrerinnen
                                                            • die Besetzung der freiwerdenden Stellen durch voll
und Lehrer soll es bei der erhöhten, extrem hohen
                                                               ausgebildete Lehrkräfte und
Pflichtstundenzahl bleiben. Die Arbeitszeitverkürzung
                                                            • die Rücknahme der Erhöhung des Renteneintritts-
als ein wesentlicher Teil des Tarifkompromisses soll
                                                               alters und keine Erhöhung des Pensionseintrittsalters
den Lehrkräften vorenthalten werden. Stattdessen soll
als Alibi für bis zu 50-jährige Lehrerinnen und Lehrer      Die Vertrauensleuteversammlung unterstützt die Be-
ein Zwangslebensarbeitszeitkonto eingerichtet wer-          schlüsse des GEW-Landesvorstands zur Mobilisierung
den, das den Betroffenen überhaupt nichts bringt.           für eine eintägige Arbeitsniederlegung am 17. Novem-
   Anstatt der hohen Arbeitsbelastung in den Schulen        ber 2009.
durch eine sozial verträgliche Regelung für den Über-
                                                            Die Resolution wurde von der Versammlung der Schulvertrauensleute der
gang in den Ruhestand Rechnung zu tragen, wurde             GEW Hessen am 18. 9. 2009 mit überwältigender Mehrheit beschlossen und
nicht nur die Möglichkeit der Altersteilzeit gestoppt.      vom GEW-Landesvorstand am 19. 9. 2009 einstimmig bestätigt.
Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!
SPOT(T)LIGHT                                                                                                         HLZ 10–11/2009        4

      Weg damit!
                                                                                              oder macht seinen Flugschein. Solche
                                                                                              Lebensänderungen können natürlich
                                                                                              auch beängstigend sein, deshalb suchen
                                                                                              sich manche lieber eine größere Woh-
                                                                                              nung, bevor sie sich von Büchern, Ord-
                                                                                              nern und Pullundern trennen.
      Lehrer sind manische Sammler. Was           und bauen hohe Stapel rund um ihren             Was macht man nun am Ende seines
      immer sie für ihren Unterricht gebrau-      Schreibtisch, auf allen Treppenstufen       Berufslebens mit den vielen Schulsa-
      chen könnten, wird aufgehoben. Aller-       und allen verfügbaren Schränken. Man-       chen? Einfach wegwerfen? Die kann
      dings findet man den Artikel zur trostlo-   che halten sich sogar Zeitschriften-        schließlich noch jemand brauchen! Also
      sen Situation der Wildkatze in Tadschi-     sammlungen direkt neben dem Klo. An-        werden die Schätze in der Schule ausge-
      kistan sowieso nicht, wenn man ihn in       dere lagern Materialien in die Schule       legt. Mit kleinen Zetteln dran: „Zum
      Erdkunde einsetzen will. Aber es wäre       aus, sofern sie dort einen freien Kubik-    Mitnehmen!“ Gerade die jüngeren Kolle-
      ein Riesenfehler, vorzeitig (also vor der   meter finden. Es gibt viele überfüllte      gen freuen sich ungemein über eingeris-
      Pensionierung) auszumisten. Mit Sicher-     Schränke in Klassenräumen und Lehrer-       sene Plastikhefter, Aquarellfarbkästen mit
      heit würde man das Interview mit der        zimmern, deren Inhalt niemandem mehr        nur noch fünf Brauntönen und Bleistift-
      buddhistischen Nonne gerade dann su-        eindeutig zuzuordnen ist. Aber kann         halter aus der Nachkriegszeit. Begeistert
      chen, wenn man den entsprechenden           man die Mikroskope, Metronome, Turn-        sammeln sie gelungene Unterrichtsent-
      Ordner (Welches Stichwort bloß? Inter-      hosen und leeren Marmeladengläser ein-      würfe von 1973, alte Schülerzeitungen
      views? Weltreligionen? Berufskunde?)        fach wegwerfen? Lieber legt man sie im      und Blumentöpfe ein. Raffen unvollstän-
      in die Altpapiersammlung gegeben hat.       schwer zugänglichen Oberschrank ab.         dige Schachspiele und Duden aus der Zeit
      Weil man nie ganz sicher weiß, was man          Nun erreichen immer mehr Kollegen       vor der Rechtschreibreform an sich (so-
      eventuell mal weggeworfen hat, wühlt        das Pensionsalter und misten richtig aus.   viel hat sich ja nun auch nicht geän-
      man oft stundenlang vergeblich.             Wahrscheinlich haben sie einen Feng-        dert...). Nur die Sprachkassette „Norwe-
          Also heben Lehrer alles auf. Wenn sie   Shui-Ratgeber gelesen: Wer seine Keller,    gisch für Fortgeschrittene“ und das
      Zeit haben, archivieren sie nach feinsin-   Garagen, Schreibtische, Schränke, Ki-       Gartenbrevier „Düngen für Anfänger“
      nigen Systemen und finden das Testa-        sten und Kasteln entrümpelt, befreit sich   liegen länger im Lehrerzimmer rum.
      ment der Gräfin Muschwitz aus dem           auch geistig-seelisch! Oft nimmt das Le-        Die neue Deutschfachleiterin will ih-
      Jahre 1848 auf Anhieb. Die Kollegen, die    ben danach dramatische neue Wendun-         ren Elan sofort sichtbar unter Beweis
      ich kenne, haben allerdings keine Zeit      gen! Man wandert nach Tasmanien aus         stellen. Also räumt sie auf. Leider ohne
                                                                                              vorher mit allen Kollegen über jedes
                                                                                              einzelne Arbeitsblatt Rücksprache zu
                                                                                              nehmen. Sensationelle Texte zur Rolle
                                                                                              der Frau in Papua-Neuguinea landen im
                                                                                              Müll. Formulare für Bundesjugendspiele
                                                                                              aus den achtziger Jahren (weibliche Ju-
                                                                                              gend) ebenso. Wertvollste Dia-Samm-
                                                                                              lungen, ein schlaffer Fußball und nie
                                                                                              genutzte Schallplatten („Heinrich George
                                                                                              liest Adalbert Stifter“) verschwinden
                                                                                              über Nacht. Zerfetzte Schulbücher la-
                                                                                              gern vorm vollen Altpapiercontainer.
                                                                                              Ein Deutschlehrer rettet in letzter Sekun-
                                                                                              de einen Satz Lesebücher für den 10.
                                                                                              Jahrgang. Darin steht eine wichtige Pa-
                                                                                              rabel von Kafka! Andere Rettungsversu-
                                                                                              che misslingen. Die Kollegen sind be-
                                                                                              stürzt. Sammlungen von historischer
                                                                                              Bedeutung – einfach dem Müll überge-
                                                                                              ben. Die neue Deutschfachleiterin wird
                                                                                              einen schweren Stand haben. Ihr einzi-
                                                                                              ges Verdienst ist, dass sie Küchenecke
                                                                                              und Kühlschrank gleich mit aufgeräumt
                                                                                              hat. An die überlagerten Milchtüten und
                                                                                              Käsescheibletten hat sich seit Jahren
                                                                                              niemand getraut. Und den Tee aus der
                                                                                              grusinischen Volksrepublik trank ohne-
                                                                                              hin keiner. Aber dass daneben auch die
                                                                                              Videokassette mit „König Ottokars Glück
                                                                                              und Ende“, einer Aufzeichnung aus den
                                                                                              Berner Kammerspielen von 1958, ent-
                                                                                              sorgt wurde, ist unverzeihlich.
                                                                                                                    Gabriele Frydrych
Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!
5      HLZ 10–11/2009                                                                                                      MELDUNGEN

          Information zu den                           Neuer Staatsvertrag für                     Drohgebärden des Amtes
          GEW-Mitgliedsbeiträgen                       Hochschulzulassung                          für Lehrerbildung

    Die hessische Landesregierung hat in         In der 21. Plenarsitzung des Landtags       Vordemokratisches Verständnis prägt
    Übertragung des Tarifvertrages für die       stand am 17. September die erste Lesung     die Verfügung des Amtes für Lehrerbil-
    Angestellten des Landes auf den Beam-        des Entwurfs der Landesregierung für ein    dung (AfL)vom 9. 9. 2009, die die Be-
    tenbereich eine Erhöhung der Besol-          Gesetz zum Staatsvertrag der Bundeslän-     schäftigten des AfL und der hessischen
    dung in Höhe von 3 Prozent (rückwir-         der über die Errichtung einer gemeinsa-     Studienseminare in bürokratisch-auto-
    kend ab April 2009) sowie eine Einmal-       men Einrichtung für Hochschulzulassung      ritärer Amtssprache verpflichtet, den
    zahlung von 500 Euro beschlossen.            auf der Tagesordnung. Diese soll als        Dienstweg einzuhalten. Beamte müssten
    Teilzeitkräfte erhalten die Einmalzah-       „Stiftung für Hochschulzulassung“ die       „auch rechtswidrige Anordnungen be-
    lung anteilig. Pensionärinnen und Pen-       Zentralstelle für die Vergabe von Studi-    folgen“. Der „schuldhafte Verstoß“ ge-
    sionäre erhalten keine Einmalzahlung.        enplätzen (ZVS) ersetzen, Mehrfach-         gen die Anordnung könne disziplinar-
    Der Beitragsordnung entsprechend er-         bewerbungen frühzeitig abgleichen und       und arbeitsrechtliche Konsequenzen bis
    höht sich deshalb der Mitgliedsbeitrag       Verzögerungen bei der Studienplatz-         hin zur Kündigung nach sich ziehen.
    für Mitglieder, die diese Erhöhung er-       vergabe abbauen. Der Sitz bleibt in Nord-   Die Verfügung steht für die GEW im
    halten.                                      rhein-Westfalen. Das Land gibt dafür etwa   „eklatanten Widerspruch“ zu den
        Bei dieser Gelegenheit noch ein Hin-     640.000 Euro jährlich. Die Einrichtung      „Grundsätzen über Zusammenarbeit und
    weis unserer Mitgliederbetreuung: Nach       soll Leistungen für die Hochschulen nach    Führung“ des AfL: Danach soll der
    der Sommerpause ergeben sich oft beruf-      deren Wünschen und auf deren Kosten         persönliche Umgang von „Respekt vor
    liche Veränderungen, die auch Einfluss       erbringen. Das Gesetz regelt auch die       der Person des anderen“ geprägt sein
    auf die Mitgliedsdaten der GEW haben.        Ermittlung der Aufnahmekapazität und        und „eine positive, konstruktive Grund-
    Die Landesgeschäftsstelle bittet, Adress-    die örtliche Studienplatzvergabe. Am sel-   stimmung vorherrschen.“ Der Landes-
    änderungen, Änderungen des Einkom-           ben Tag ging es im Landtag auch um die      vorstand der GEW Hessen protestierte
    mens und bei der Arbeitsstelle schriftlich   Novellierung des Hessischen Hochschul-      gegen die undemokratische Umgangs-
    mitzuteilen. Nachrichten nehmen wir ger-     gesetzes und des Gesetzes über die TU       weise des AfL und forderte die Amtslei-
    ne per E-Mail (mitgliederverwaltung@gew-     Darmstadt (HLZ 9/2009).                     tung auf, die Verfügung zurückzuziehen.
    hessen.de) entgegen. Rechtsschutz und
    Versicherungsleistungen durch die GEW
    sind von der satzungsgemäßen Bezah-                                                der Landesfachgruppe
    lung des Beitrags abhängig.                   Fachtagung                           Grundschule der GEW Hessen
                                                 Grundschule in Hessen:
          Nachholbedarf bei sozialen             Alles bleibt anders?
          Dienstleistungen                       Donnerstag, 29. Oktober 2009
                                                 10 bis 16 Uhr
    Mitte September präsentierten der hes-       Bürgerhaus Frankfurt-Griesheim
    sische DGB-Vorsitzende Stefan Körzell        Schwarzerlenweg 57
    und die Vorsitzenden von GEW und
                                                 AG 1: Gerechtere Ressourcenverteilung
    ver.di Hessen Jochen Nagel und Jürgen
                                                 für die Grundschulen durch einen
    Bothner eine gemeinsame Publikation
                                                 Sozialindex?
    mit Eckpunkten für eine zukunftsfähige
                                                 Referenten: Dr. Jungblut, W. Söder und E.
    Dienstleistungspolitik in Hessen.            Diegelmann, Kultusministerium, AG-Lei-
        Körzell verwies auf die Tatsache, dass   tung: Manfred Schiwy, Schulleiter
    Deutschland im Vergleich zu anderen
    Staaten eine beträchtliche Dienstleis-       AG 2: Wie wirken sich Bildungsstan-
    tungslücke aufweist und zwar insbeson-       dards auf den Grundschulunterricht aus?
    dere in den Bereichen Erziehung und          Referentin: Christa Göppert
    Bildung sowie Soziales und Gesundheit.       AG 3: Bildungs- und Erziehungsplan -
    Nagel rechnete vor, dass eine Übertra-       Übergang Kindergarten - Grundschule
    gung des skandinavischen Personalstands      Referentinnen: Gudrun Behring, Heike
    in den Bereichen Erziehung und Bildung       Eckelhöfer, Astrid Ries-Wenzel
    allein in Hessen zu rund 90.000 zusätzli-
                                                 14 Uhr: Grußwort und Vortrag der Kul-
    chen Arbeitsplätzen führen würde. Ge-
                                                 tusministerin Dorothea Henzler und
    messen an den skandinavischen Verhält-
                                                 Aussprache mit den Vertreterinnen und
    nissen fehlten in Hessen 60.000 Stellen im
                                                 Vertretern des Kultusministeriums
    vorschulischen Bereich und 30.000 Stel-
    len an Schulen und Hochschulen.              Kosten mit Verpflegung: 20 Euro, für GEW-
    • Das Eckpunktepapier steht auf der Home-    Mitglieder 12 Euro, Anmeldung mit Angabe
    page des DGB Hessen (www.hessen.dgb.de)      der Arbeitsgruppe: GEW Hessen, Postfach
    und der GEW Hessen (www.gew-hessen.de)       170316, 60077 Frankfurt, Fax: 069-971293-
                                                 93, E-Mail: info@gew-hessen.de
    als pdf-Datei zur Verfügung.
Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!
TITELTHEMA: ARBEITS- UND GESUNDHEITSSCHUTZ                                                                       HLZ 10–11/2009       6

                                                                                  Schulergonomie
                    Damit fängt gute Schule an
     Die Schule ist ein Arbeitsort. Insbesondere die Klassenräume     findens. Es lohnt sich also, sich mit dem Raumklima im
     sind Arbeitsplätze für Schülerinnen und Schüler und für          Unterricht zu beschäftigen.
     Lehrerinnen und Lehrer. Moderne Arbeitswissenschaft hat               Die Entwicklung des Raumklimas im Klassenraum wird im
     die Bedeutung der Arbeitsumgebung vielfach nachgewiesen.         Wesentlichen durch den Arbeitsprozess im Raum, die Charak-
     Kaum sonst im Arbeitsleben ist sie so primitiv gestaltet wie     teristik der daran beteiligten Personen, ihre Anzahl und die
     in der Schule. Schulqualität wird nicht allein durch die         Luftwechselrate bestimmt. Raumklima ist also nicht als natür-
     gängigen Kriterien wie Unterricht, Klassenfrequenzen oder        liche Konstante aufzufassen. Einen besonderen Stellenwert
     Schülerpopulation und andere Sozialindikatoren determi-          nimmt die Anfangssituation zu Beginn des Unterrichts ein; je
     niert. Ergonomie – Schulergonomie – bezeichnet die Ermitt-       schlechter der Startwert, umso früher werden „Grenzwerte“
     lung und Entwicklung möglichst günstiger Bedingungen             für die CO2-Konzentration überschritten.
     menschlicher Arbeit in der Schule und für die Schule. An              Würde der Unterricht mit der Qualität der Außenluft
     zwei eklatanten Beispielen ist die Dringlichkeit zu demon-       beginnen, also mit ca. 350 ppm CO2, hätte die CO2-Konzentra-
     strieren: schlechte Atemluft in Klassenräumen und Lärm.          tion im besetzten Unterrichtsraum bereits nach rund elf
                                                                      Minuten den Wert von 1.500 ppm und damit den nach der
                                                                      DIN 1946 empfohlenen Grenzwert erreicht. Bei einem An-
     Atemluftqualität im Unterricht
                                                                      fangswert von 800 ppm würde diese Grenze bereits nach
     Das Handbuch der Schulhygiene von August Burgerstein und         sieben Minuten überschritten. Das ergibt eine Hochrechnung
     Leo Netolitzky (1) mit fast 1.000 Seiten erschien erstmals       für einen Standard-Klassenraum mit 25 Grundschülerinnen
     1898. Schon dort wird auf die „Pettenkofer Zahl“ als bis heute   und –schülern bei mittlerer Aktivität. In die Modellbildung
     gültiges Maß für eine zu akzeptierende Konzentrations-           wurde eine Luftwechselrate von 0,6 je Stunde eingerechnet,
     grenze für die Qualität der Atemluft im Unterricht hingewie-     für die Ruhesituation eine CO2-Abgabe von 14,3 Liter pro
     sen, wonach eine Konzentration von 1.000 ppm CO2 nicht           Stunde und Person beziehungsweise für leichte Aktivität von
     überschritten werden soll. Nach Pettenkofer (1858) beginnen      28,3 Liter pro Stunde und Person.
     ab dieser Grenze zunehmend Konzentrations- und Wahr-                  Die Grafik weist die Konsequenzen der Steigerung des
     nehmungsstörungen sowie Beeinträchtigungen des Wohlbe-           CO2-Gehalts aus. Nicht nur der absolute Wert einer CO2-
                                                                      Belastung ist von Bedeutung, vielmehr auch ihre Dauer und
                                                                      Intensität. Die Abbildung zeigt den Zusammenhang zwischen
                                                                      Zeit und Ausmaß der Intensität der CO2-Belastung nach
                                                                      „Bioastronautics Data Book“ (NASA SP-3008, 1973). Ober-
                                                                      halb der dargestellten Grenzkurve kommt es zu Wahrneh-
                                                                      mungsstörungen, die auf biochemischer Ebene nachweisbar
                                                                      sind. Über die 45 Minuten einer Unterrichtsstunde gelegt,
                                                                      bedeutet dies, dass der Wert nach DIN 1946 zu hoch angesetzt
                                                                      ist.
                                                                           Überträgt man die Wirkung der beiden Referenzwerte auf
                                                                      den zuvor dargestellten Verlauf der CO2-Konzentration im
                                                                      Klassenraum für die Bedingung „leichter Aktivität“, so erge-
                                                                      ben sich drei Zeitbereiche im Unterricht, die durch unter-
                                                                      schiedliche Konzentrationsfähigkeit aller Beteiligten ge-
                                                                      kennzeichnet sein müssen. Die Modellrechnung ergibt, dass
                                                                      • nur in den ersten fünf Minuten ungestörtes Arbeiten mit
                                                                      voller Aufmerksamkeit möglich ist,
                                                                      • in den folgenden zehn Minuten mit zunehmender Beein-
                                                                      trächtigung der Aufmerksamkeit gerechnet werden muss und
                                                                      • in den letzten 30 Minuten erste, ansteigende Wahrneh-
                                                                      mungsstörungen mit allen daraus entstehenden Folgen auf-
                                                                      treten werden.
                                                                           In mehr als 60 % der Unterrichtszeit ist also bei den
                                                                      Schülerinnen und Schülern mit mehr oder weniger deutli-
                                                                      chen Wahrnehmungsstörungen zu rechnen. Jeden Schul-
                                                                      politiker müsste dieses Bild sehr nachdenklich stimmen.
                                                                           All dem kann mit einfachen Maßnahmen deutlich entge-
                                                                      gengewirkt werden. Man braucht nur regelmäßig alle 20
                                                                      Minuten für zwei bis drei Minuten zu lüften, um die CO2-
                                                                      gesättigte Luft im Klassenraum auszutauschen. Das ist jedoch
Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!
7      HLZ 10–11/2009                                                                                                               TITELTHEMA

    wegen teilweise überfüllter Klassenräume und möglicher
    Unfälle durch ungeeignete Fensterkonstruktionen leichter
    gesagt als getan. Ausgehend von den bisher benutzten CO2-
    Grenzwerten von Pettenkofer (1.000 ppm) und DIN 1946
    (1.500 ppm) wurden die Zeiten im Unterricht ermittelt, in
    denen diese Grenzwerte bei Durchführung zum Lüften ge-
    nutzter Kurzpausen überschritten wurden. Die Messergebnisse
    sind eindeutig! Nach Einführung von Lüftungspausen (alle 20
    Minuten für zwei bis drei Minuten) haben sich die Arbeitsbe-
    dingungen für dieselbe Klasse deutlich verbessert: 61 % der
    Unterrichtszeit finden unter optimalen Bedingungen statt,
    nur noch 39 % mit leichten Beeinträchtigungen.

    Lärm - ein Grundproblem in Schulen
    „Lärm ist ein unerwünschtes Geräusch, das zu einer Belästigung,
    Störwirkung, Beeinträchtigung der Leistungsfähigkeit, besonderen
    Unfallgefahren oder Gesundheitsschäden führt.“
    Dass es in Schulen laut ist, wird kaum je bestritten. Ist es
    während der Unterrichtszeit laut, ist die Schuldige scheinbar
    schnell zu benennen: die jeweilige Lehrkraft, die keine Ruhe
    in die Klasse bringen kann. Tatsächlich sind es die akustisch
    unmöglichen Unterrichtsbedingungen, wie die einschlägi-
    gen Untersuchungen zeigen (siehe Tabelle).
        In Deutschland wurde für Büroarbeit einmal ein Hinter-         auf die Herzschlagfrequenz der Lehrkräfte auf. Es zeigte sich
    grundgeräuschpegel von 55 dB (A) für gerade noch akzep-            sowohl eine gleiche Richtungsänderung im Tagesverlauf als
    tabel angenommen. In Skandinavien zum Beispiel wird ein            auch eine Senkung der Herzfrequenz nach der Reduktion der
    Grenzwert für technische Geräusche im leeren Klassenzim-           Nachhallzeiten im Unterricht, also nach der Verbesserung der
    mer von < 30 dB (A) vorgegeben. Davon ist man in Deutsch-          akustischen Bedingungen.
    land weit entfernt.
        Da in der Schule auf allen Stufen schwierige geistige
    Arbeit verlangt wird, übersteigen 55 dB (A) im Unterricht
                                                                       Effekte von Lärm und Lärmminderung
    Akzeptanzgrenzen. Büroarbeit stellt niedrigere Anforderun-
    gen an Angestellte als der Unterricht an Schülerinnen,             Hohe Schallbelastung im Unterricht hat die Tendenz, noch
    Schüler und Lehrkräfte. Schülerinnen und Schüler sollen            höhere Schallbelastung hervorzurufen. Jeder wird lauter, um
    Neues lernen. Büroangestellte arbeiten auf hohem Trainings-        verstanden zu werden. Bei Senkung der Schallbelastung
    niveau in vertrautem Aufgabenfeld. Maria Klatte von der            durch Maßnahmen akustischer Ergonomie steigt die Intensi-
    Universität Oldenburg hat die Leistung mindernde Wirkung           tät der Mitarbeit der Schüler insbesondere im Gruppen-
    von wechselnden Hintergrundgeräuschen eindeutig belegt             unterricht. Lehrerinnen und Lehrer bestätigen positive Aus-
    (2). Man kann deshalb ganz einfach sagen: An deutschen             wirkungen auf ihre Befindlichkeit, solange sie die Unter-
    Schulen ist es generell zu laut. Die Definition von Lärm findet    schiede noch registrieren. Doch darauf ist weniger Verlass als
    an deutschen Schulen ihre volle Bestätigung.                       auf die gemessene Senkung der Herzfrequenz.
        Die Auswirkungen von Fluglärm sind bekannt. Jeder                  Maria Klatte hat bei kontrollierten Versuchen festgestellt,
    Überflug erhöht Blutdruck und Herzfrequenz der betroffenen         dass sich Störschall auf die Ergebnisse der Lernprozesse von
    Menschen. Ursache ist die biologisch bedingte Unfähigkeit          Grundschulkindern generell mindernd auswirkt. Die Minde-
    der Menschen, sich gegenüber akustischen Reizungen will-           rung tritt besonders deutlich bei Grundschülern aus Familien
    kürlich abzugrenzen. In unseren kontinuierlichen, zeitglei-        ohne Deutsch als Muttersprache auf und zwar auch dann,
    chen, parallelen Ereignismessungen (Schallpegel, Herzfre-          wenn die Kinder gut Deutsch sprechen.
    quenz, Unterrichtsbeobachtung) traten unverkennbar gleich-             Schulergonomie umfasst wesentlich mehr Komponenten
    gerichtete Wirkungen von Schallemissionen im Unterricht            als die oben genannten. Lichtverhältnisse, Sonnenein-
                                                                       strahlung, Schulmobiliar gehören ebenso dazu wie die Länge
                                                                       der Unterrichtsstunden, der Pausenrhythmus, die Stoffvertei-
                                                                       lung und die Sozialformen des Unterrichts im Zeitablauf.
                                                                       Diesem Themenkomplex widmen wir im Institut für Interdis-
                                                                       ziplinäre Unterrichtsforschung unsere Arbeit.
                                                                       Prof. Dr. Hans-Georg Schönwälder und Dr. Gerhard Tiesler
                                                                       Institut für Interdisziplinäre Schulforschung (ISF) Bremen
                                                                       (1) Burgerstein, L.; Netolitzky, A.; Handbuch der Schulhygiene, (zweite,
                                                                       umgearbeitete Auflage) Jena 1902
                                                                       (2) Klatte, M.; Meis, M.; Nocke, Ch.; Schick, A.; Hören in Schulen, in:
                                                                       Klatte, M. et. Al.; Könnt ihr denn nicht zuhören, Oldenburger Symposi-
                                                                       um zur Psychologischen Akustik, Bibliotheks- und Informationssystem
                                                                       der Universität Oldenburg 2003
Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!
TITELTHEMA                                                                                                         HLZ 10–11/2009       8

      Wir zeigen Ihnen hiermit an …
     Nach den Paragraphen 15 bis 17 des Arbeitsschutzgesetzes          Veranstaltungen wie Wander- und Projekttagen oder der
     (ASchG) sind Beschäftigte verpflichtet, dem Arbeitgeber           Mitarbeit in schulinternen Gruppen zur Weiterentwicklung
     unmittelbare erhebliche Gefahren anzuzeigen, die die Sicher-      von Curricula oder Schulprogrammen. Diese Kolleginnen
     heit und Gesundheit der Beschäftigten gefährden. Sie sind         und Kollegen verzichten auf Bezahlung und Pensionsansprü-
     berechtigt, dem Arbeitgeber Vorschläge zu allen Fragen der        che um ihrer Gesundheit willen und weil sie glauben, anders
     Sicherheit und des Gesundheitsschutzes zu machen. Lehre-          die von ihnen selbst an ihre Arbeitsqualität angelegten
     rinnen und Lehrer und Personalräte Frankfurter Schulen            Maßstäbe nicht erfüllen zu können.
     haben von dieser Möglichkeit jetzt in Schreiben an das                Arbeitsqualität und Gesundheit werden aber auch durch
     Hessische Kultusministerium, das Staatliche Schulamt, das         die völlig unzureichende Ausstattung unserer Arbeitsplätze
     Stadtschulamt und die Schulleitungen Gebrauch gemacht.            gefährdet: Es existieren nur zwei teilweise defekte und
     Die HLZ dokumentiert den Wortlaut eines Musterschreibens,         veraltete Computer für 80 Kolleginnen und Kollegen, geeig-
     das von den Schulen ergänzt und für die jeweilige Schule          nete Büroarbeitsplätze sind nicht vorhanden, bestenfalls gibt
     konkretisiert wurde, in Auszügen.                                 es im Lehrerzimmer ein kleines Fach für die Materialablage,
     Wir zeigen Ihnen hiermit an, dass wir uns aufgrund der            was dazu führt, dass Materialien in größerem Umfang zwi-
     extrem gewachsenen Zahl an dienstlichen Aufgaben nicht            schen Wohnung und Schule hin- und hergeschleppt werden
     mehr in der Lage sehen, unsere Arbeit vollständig und in          müssen. Konzentriertes Arbeiten und das Führen ungestörter
     qualitativ angemessener Weise und erforderlicher Sorgfalt         Gespräche sind praktisch unmöglich, dafür vorgesehene
     auszuführen und dass wir dadurch unsere Gesundheit gefähr-        Räume dienen gleichzeitig der Ablage. Für die „Pausen“ fehlt
     det sehen. Wir weisen darauf hin, dass aufgrund der nicht         ein Ruhebereich, in dem man sich erholen könnte, obwohl er
     mehr möglichen ordnungsgemäßen Ausführung aller Dienst-           in den Arbeitsschutzbestimmungen vorgesehen ist.
     pflichten oder aufgrund von Fehlern, die dadurch auftreten
     können, auch Dritte geschädigt werden können, vor allem           Arbeitsbelastungen reduzieren!
     Schülerinnen und Schüler, die nicht mehr die optimale
     Unterrichtsqualität, Betreuung, Beurteilung und Aufsicht          In den letzten Jahren wurde die Pflichtstundenzahl erhöht.
     erhalten. Wir reklamieren hiermit Haftungsfreistellung, falls     Sie liegt heute wieder auf dem Niveau von nach dem 2.
     aufgrund unserer Arbeitsüberlastung Schäden entstehen soll-       Weltkrieg, obwohl die Unterrichtsbedingungen sich erschwert
     ten.                                                              haben und an Unterricht weitaus komplexere Anforderungen
                                                                       gestellt werden als damals. Dazu gab es viele arbeitsintensive
                                                                       Neuerungen, deren Ende nicht absehbar ist. Parallel dazu
     Überlastungsanzeigen Frankfurter Lehrkräfte                       wurden Ermäßigungs- und Deputatsstunden abgebaut.
     Seit Schuljahresbeginn bewegen wir uns am gesundheitli-               Die seit Jahren von der Politik versprochene „Unterrichts-
     chen Abgrund. Es muss permanent über der Belastungsgren-          garantie“, die darin bestehen würde, dass auch bei Ausfall von
     ze gearbeitet werden, und selbst dies reicht nicht aus, um alle   Lehrkräften qualifiziertes Vertretungspersonal zur Verfü-
     inzwischen von Lehrkräften verlangten Tätigkeiten zu schaf-       gung stehen würde, ist einem mehrfachen Wortbruch zum
     fen, schon gar nicht mit der geforderten Qualität. Erschöpfung    Opfer gefallen. Stattdessen erstellen Lehrkräfte Materialien
     und Stresssymptome machen sich verstärkt bemerkbar. Wir           für Unterrichtsstunden ohne Lehrer, sie betreuen Klassen
     sind der festen Überzeugung, dass auch die Arbeitsbelastung       links und rechts des Ganges, sie bereiten ihren Unterricht
     einer mit voller Pflichtstundenzahl arbeitenden Lehrkraft so      komplett vor, wenn sie voraussehbar fehlen, sie helfen hier
     beschaffen sein muss, dass weder ihre Gesundheit aufgrund         und dort Betreuungskräften, die mit den Klassen, die sie
     permanenter Überlastung geschädigt wird noch dienstliche          beaufsichtigen sollen, nicht zurecht kommen. In der Regel
     Aufgaben vernachlässigt, weggelassen oder mit unzurei-            geht all das auf Kosten der Unterrichtsqualität, was bei
     chender Qualität ausgeführt werden müssen. Dafür haben Sie        Schülerinnen und Schülern zu Unzufriedenheit, bei Lehrkräf-
     als Dienstherrin, das Staatliche Schulamt als Schulaufsicht       ten zu schlechtem Gewissen und permanentem psychischem
     wie auch der Schulleiter im Rahmen Ihrer im Beamtenrecht          Druck führt. Schülerinnen und Schüler haben ein Recht auf
     enthaltenen Fürsorgepflicht Sorge zu tragen. Dies kann            Bildung, das Sie selbst in Rahmenlehrplänen und Qualitäts-
     dadurch geschehen, dass die Arbeitszeit angemessen gestaltet      studien permanent fordern! Indem Sie die zwangsläufigen
     wird und an den Arbeitsplätzen gute Bedingungen herrschen.        Abstriche bei der Unterrichtsqualität billigend in Kauf neh-
     Es muss möglich sein, dass eine Lehrkraft ein volles Lehr-        men, verletzen Sie nicht nur Ihre Fürsorgepflicht gegenüber
     deputat schultern kann, und zwar auch als Berufsanfänger          den Lehrkräften, sondern auch diejenige gegen den im
     oder als zur großen Gruppe der älteren Lehrkräfte gehörig.        Bildungsprozess befindlichen jungen Menschen.
     Und auch eine Lehrkraft, die zwei Korrekturfächer hat, muss           Wir fordern das Kultusministerium, das Staatliche Schul-
     dies noch schaffen können, ohne dabei krank zu werden.            amt und die Schulleitung auf, unverzüglich Maßnahmen
         Es darf nicht sein, dass sogar Menschen, die ihre Stunden-    einzuleiten, die den Zustand der permanenten Überlastung
     zahl reduziert haben, die Arbeitsbelastung kaum mehr ertra-       der Kolleginnen und Kollegen an unserer Schule beseitigen,
     gen können. Teilzeitbeschäftigte liegen in ihrer real gearbei-    und uns mitzuteilen, welche unserer dienstlichen Tätigkeiten
     teten Wochenarbeitszeit häufig bei über 40 Stunden, ganz zu       wir bis zur Beseitigung weglassen oder einschränken dürfen,
     schweigen von der zusätzlichen Belastung bei besonderen           um unsere Gesundheit zu schützen.
Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!
9     HLZ 10–11/2009                                                                                                          TITELTHEMA

     Mangelhaft
    Seit dem Jahr 2002 unterliegen auch Schulen den Bestim-
    mungen des Arbeitsschutz- und des Arbeitssicherheitsgeset-
    zes. Im Auftrag der hessischen Landesregierung untersuchen
    Fachkräfte für Arbeitssicherheit die Lehrerarbeitsplätze an
    den Schulen und listen die Gesundheitsgefahren in „Begeh-
    ungsberichten“ auf.
        Ende 2008 startete der Gesamtpersonalrat der Lehrerin-
    nen und Lehrer in Frankfurt (GPRLL) eine Befragung bei den
    Schulpersonalräten, um herauszubekommen, welche Män-
    gel, die in den letzten Jahren bei Schulbegehungen festge-
    stellt wurden, durch den Schulträger noch immer nicht
    behoben wurden. Auf diese Befragung haben 40 Schulper-
    sonalräte geantwortet. Aus neun Antworten ging hervor, dass
    Sanierungsmaßnahmen erfolgreich abgeschlossen wurden
    oder gerade im Gange sind. In 31 Antworten offenbart sich die
    gesamte restliche Misere. Die Personalräte berichten von
    sanierungsbedürftigen Toiletten, maroden Turnhallen, man-
    gelhaftem Brandschutz und unzeitgemäßem Mobiliar. Viele
    klagen auch über das Fehlen von ruhigen Arbeitsräumen, von
    ergonomisch eingerichteten Arbeitsplätzen oder gar von
    fehlenden Sitzplätzen im viel zu kleinen Lehrerzimmer.
        Der GPRLL hat sich in einem Schreiben an die Stadt
    Frankfurt gewandt und verlangt,                                  funktionierenden Sonnenschutz gibt, nur schwer guter Un-
    • dass die von der Landesregierung zur Ankurbelung der           terricht machen. Dasselbe gilt für Klassenräume, die im
    Konjunktur bereitgestellten Sonderinvestitionsmittel zu-         Winter wegen defekter Heizung nicht warm werden oder
    nächst dafür verwendet werden sollen, das Sonderprogramm         deren Temperatur nicht reguliert werden kann. In Lehrerzim-
    zum Einbau von Lärmschutzmaßnahmen sofort und nicht,             mern sollten genügend Plätze vorhanden sein, damit die
    wie ursprünglich geplant, über mehrere Jahre hinweg durch-       Kommunikation unter den Lehrkräften überhaupt stattfinden
    zuführen und                                                     kann. Werkstätten sollten über funktionierende Sicherheits-
    • dass die von den Schulen in ihren Rückmeldungen                einrichtungen verfügen, damit Lehrkräfte sich in Ruhe und
    beklagten Zustände vorrangig beseitigt werden.                   ohne Sicherheitsbedenken den Problemen der Kinder zuwen-
                                                                     den können. Die Arbeit an Bildschirmarbeitsplätzen kann nur
                                                                     dann gute Ergebnisse bringen, wenn sie nicht durch un-
    Mit Konjunkturpaket Arbeitsbedingungen verbessern                ergonomisches und deshalb belastendes Sitzen beeinträch-
    Diesen dringenden Anliegen standen die Bedingungen des           tigt wird. Diese Liste könnte man fortsetzen.
    Programms entgegen: nur Vorhaben, die ohnehin bereits                Das Institut für Qualitätsentwicklung, das die hessischen
    geplant waren, konnten genehmigt und entsprechend zeitlich       Schulen durchleuchtet, hat dies für seine eigenen Beschäftig-
    vorgezogen werden. Daraufhin hat der GPRLL vorgeschla-           ten sehr wohl erkannt, denn es stellt in dem Referenzrahmen,
    gen, in den kommenden Haushalten, die durch das Konjunk-         der zur Sicherung seiner eigenen Qualität erstellt wurde,
    turprogramm solchermaßen entlastet sein würden, nunmehr          folgende Forderungen an seine Arbeitsplätze auf:
    die von den Schulpersonalräten angegebenen Mängel zu             „Räumlichkeiten und Büroausstattung sind funktional. Die
    beheben. Das Stadtschulamt sagte daraufhin allerdings nur        MitarbeiterInnen äußern sich zufrieden über ihre Arbeitsplätze. Es
    zu, einen Stufenpan für die anstehenden Lärmsanierungs-          stehen funktionsgerechte Arbeitsplätze und –möglichkeiten zur
    maßnahmen vorzulegen, der eine zeitnahe Abarbeitung              Verfügung. Die Einrichtung des Arbeitsplatzes entspricht den
    dieses Problems vorsieht.                                        geltenden Richtlinien. Die technische Ausstattung des Arbeitsplat-
        Für alle anderen bestehenden Probleme bekam der GPRLL        zes ermöglicht effizientes Arbeiten, ein Support ist vorhanden. Die
    keine Zusagen. Eine Begründung für die ablehnende Haltung        MitarbeiterInnen erkennen berufsbedingte physische und psychische
    waren die Unsicherheiten bezüglich der Steuereinnahmen           Belastungen und treffen, gegebenenfalls mit Unterstützung der
    und der daraus resultierenden Haushaltslage. Gesamtperso-        Leitungsebenen, Maßnahmen zum Abbau von Belastungen.“
    nalratsvorsitzende Marianne Friemelt äußerte sich ent-           Ähnliches sollte für Lehrerarbeitsplätze, an die hohe Quali-
    täuscht: „Das Argument, es sei kein Geld da, zieht nicht mehr,   tätsanforderungen gestellt werden, auch gelten. Sein Schrei-
    nachdem aus dem Stand Milliarden für Banken, Autos und           ben an die Stadtverordneten beschließt der GPRLL wie folgt:
    eben auch Bausanierungen locker gemacht werden konnten.“         „Sowohl die anstehende Lärmsanierung vieler Schulgebäude als auch
        Sie stellt die Frage, wie Qualität erbracht werden soll,     die vielen anderen Sanierungsmaßnahmen sind dringender denn je!
    wenn die Arbeitsbedingungen miserabel, ja gesundheitsge-         Alle Kinder haben Anrecht auf eine Lernumwelt, in der sie sich wohl
    fährdend sind. So lässt sich z.B. in einem Klassenraum, der      fühlen. Alle Lehrkräfte haben ein Recht auf eine Arbeitsplatz-
    sich im Sommer bis auf 40 Grad aufheizt, weil es keinen          umgebung, die nicht gesundheitsgefährdend ist!“
Arbeits- und Gesundheitsschutz - Pflichtstunden reduzieren - Altersteilzeit fortsetzen!
TITELTHEMA                                                                                                           HLZ 10–11/2009        10

                                                              Ungesunde Kita-Arbeit
                    Der Tarifvertrag zur betrieblichen Gesundheitsförderung
     Mit dem Abschluss eines Tarifvertrags zur betrieblichen          Jeder und jede Beschäftigte kann ab Inkrafttreten des Tarif-
     Gesundheitsförderung wird im Sozial- und Erziehungsdienst        vertrages einen Antrag auf Durchführung einer Gefährdungs-
     Neuland betreten. Zwar gibt es in vielen Bereichen des           beurteilung stellen. Die Gefährdungsbeurteilung wird dann
     Arbeitslebens, auch im öffentlichen Dienst, bereits Erfahrun-    nach den Regelungen des Arbeitsschutzgesetzes vorgenom-
     gen mit tarifvertraglichen Regelungen für den Arbeits- und       men. Das bedeutet, dass die Beurteilung je nach Art der
     Gesundheitsschutz. Erstmals wurden jetzt aber Ansprüche          Tätigkeiten vorgenommen wird. „Bei gleichartigen Arbeits-
     der Beschäftigten und betriebliche Verfahren im Bereich          bedingungen ist“, so heißt es in § 5 Abs. 2 Arbeitsschutz-
     pädagogischer und sozialer Berufe erfasst. Vom Geltungsbe-       gesetz, „die Beurteilung eines Arbeitsplatzes oder einer
     reich des Tarifvertrages nicht erfasst sind technische, haus-    Tätigkeit ausreichend.“ Das Arbeitsschutzgesetz gibt in § 5
     wirtschaftliche und Verwaltungsberufe, die in Einrichtungen      Absatz 3 auch Hinweise darauf, welche Gefährdungsursachen
     des Sozial- und Erziehungsdienstes tätig sind. Man wird nicht    besonders beachtet werden sollen:
     erwarten können, dass gesundheitliche Belastungen am Ar-         Eine Gefährdung kann sich insbesondere ergeben durch
     beitsplatz sehr schnell abgebaut werden. Der Zusammenhang        1. die Gestaltung und die Einrichtung der Arbeitsstätte und des
     von gesundheitlichen Beschwerden und spezifischen Arbeit-           Arbeitsplatzes,
     bedingungen ist gerade in pädagogischen Berufen außeror-         2. physikalische, chemische und biologische Einwirkungen,
     dentlich komplex. Liegt die Kausalität etwa im Straßenbau        3. die Gestaltung, die Auswahl und den Einsatz von Arbeitsmitteln,
     zwischen dem Einatmen von Teerdunst und einer Lungen-               insbesondere von Arbeitsstoffen, Maschinen, Geräten und Anla-
     schädigung auf der Hand, so wird man für das Burn-out-              gen sowie den Umgang damit,
     Syndrom ganze Ursachenbündel zu untersuchen haben.               4. die Gestaltung von Arbeits- und Fertigungsverfahren, Arbeitsab-
         Die Tarifvertragsparteien waren sich bei Vertragsabschluss      läufen und Arbeitszeit und deren Zusammenwirken,
     darüber einig, dass sie im juristischen Sinne mit dem verein-    5. unzureichende Qualifikation und Unterweisung der Beschäftigten.
     barten Text noch keine völlige Rechtssicherheit herstellen       Es ist also nicht vorgesehen, dass jeder Arbeitsplatz im
     konnten. So wurde in einer Protokollerklärung die Verpflich-     Einzelnen untersucht wird – das wären im Geltungsbereich
     tung aufgenommen, dass man zu weiteren Verhandlungen             des Tarifvertrags rund 220.000 Arbeitsplätze. Es reicht aus,
     zusammenkommt, wenn sich durch Rechtsprechung zeigen             signifikant bedeutsame Arbeitsplätze oder Tätigkeiten zu
     sollte, dass einzelne Passagen geltendem Recht widerspre-        untersuchen. So würde man zum Beispiel zur Beurteilung des
     chen. Dies betrifft insbesondere die Zusammensetzung und         Faktors Lärm für Gesundheitsgefahren in Kindertagesstätten
     die Befugnisse der betrieblichen Kommission. Vermutlich          in einer Kommune eine Auswahl von Arbeitsplätzen mit
     wird es auch weiteren Klärungsbedarf hinsichtlich der Ab-        spezifischen Ausstattungsmerkmalen in den Blick nehmen.
     grenzung von Rechten und Pflichten aus dem Tarifvertrag,         Kriterien für die Auswahl der zu untersuchenden Arbeitsplät-
     dem Arbeitsschutzgesetz, dem Arbeitssicherheitsgesetz, den       ze könnten sein: Baujahr, Bauweise, verwendete Baumateria-
     Hygienerichtlinien und der gesetzlichen Unfallversicherung       lien (Fliesen, Holz, Teppichboden), Raumgröße, Zahl der
     geben. Der Tarifvertrag nennt drei Instrumente:                  gleichzeitig anwesenden Kinder.
     1. den individuellen Anspruch auf die Durchführung einer             Zur Untersuchung von Faktoren, die chronische Erschöp-
        Gefährdungsbeurteilung                                        fungszustände auslösen, werden andere Kriterien, sogenann-
     2. die Einrichtung einer betrieblichen Kommission                te „Stressoren“, eine Rolle spielen wie Alter der Erzieherin,
     3. die Einrichtung eines Gesundheitszirkels                      Anforderungsprofil, „schwierige“ Kinder, Betriebsklima, Vor-
                                                                      und Nachbereitungszeit und vieles mehr.
                                                                          Mit der Bildung von betrieblichen Kommissionen und der
                                                                      Einrichtung von Gesundheitszirkeln geht man über die bishe-
                                                                      rigen Regelungen des Arbeitsschutzgesetzes hinaus. Während
                                                                      es in § 3 lediglich heißt, dass der Arbeitgeber eine „Verbesse-
                                                                      rung von Sicherheit und Gesundheitsschutz der Beschäftigten
                                                                      anstreben soll“, werden mit dem neuen Tarifvertrag Strukturen
                                                                      geschaffen, in denen Beschäftigte und Arbeitgeber gemeinsam
                                                                      „Belastungen am Arbeitsplatz und deren Ursachen analysieren
                                                                      und Lösungsansätze zur Verbesserung der Arbeitssituation
                                                                      erarbeiten“. Die Vertreterinnen und Vertreter in der betriebli-
                                                                      chen Kommission werden auf Vorschlag des Personalrates
                                                                      berufen. Sie müssen zwar Beschäftigte der jeweiligen Kommune
                                                                      sein, aber nicht selbst Personalratsmitglieder. Die Befugnisse
                                                                      der betrieblichen Kommission gehen nicht so weit, dass sie
                                                                      Beschlüsse fassen kann, die unmittelbar Maßnahmen zur Ver-
                                                                      besserung des Arbeitsschutzes und der Gesundheitsförderung
                                                                      in Gang setzen. Erst wenn die Vertreter der Beschäftigten mit der
11      HLZ 10–11/2009                                                                                                               TITELTHEMA

     Mehrheit der Arbeitgebervertreter Maßnahmen beschließt,                 nächsten Jahren wird es mit den neuen tarifvertraglichen
     müssen diese umgesetzt werden. Kommt ein Beschluss nur mit              Instrumenten gelingen, das Problembewusstsein und das Wis-
     Stimmenmehrheit der Vertreter der Beschäftigten zustande und            sen über den Zusammenhang von Arbeitsbedingungen und
     lehnt der Arbeitgeber die Umsetzung dieses Beschlusses ab, so           gesundheitlichen Belastungen von Erzieherinnen und Erzie-
     hat er die Gründe, die zur Ablehnung führten, öffentlich                hern zu erhöhen. Die GEW wird sich an diesem Prozess aktiv
     bekannt zu machen. Bei aller Einschränkung der Befugnisse               beteiligen, indem sie ihre Mitglieder, die in den betrieblichen
     und damit der Wirksamkeit der betrieblichen Kommission ist              Kommissionen und Gesundheitszirkeln mitwirken, umfassend
     der Tarifvertrag dennoch ein wichtiger Schritt zur Aufwertung           fortbildet und begleitet.
     des Arbeitsschutzes und der Gesundheitsförderung. In den                Bernhard Eibeck, GEW-Hauptvorstand

                                           Gefährliche Klassenräume
      Schadstoffe in der Raumluft gefährden die Gesundheit
     Ein langer Schultag! Acht Stunden in stickigen Räumen                   Richtwert II überschritten. Naphthalin führt nach dem On-
     gesessen, jetzt, auf dem Heimweg: Kopfschmerzen. Wer                    line-Lexikon Wikipedia „auf der Haut zu starken Reizungen
     kennt das nicht, wenn man im Unterricht mit aller Macht                 und zu Dermatitis, (...) kann die roten Blutzellen schädigen
     gegen den Drang kämpft, den Kopf auf den Tisch zu legen                 und (...) zu Schleimhautreizungen, Kopfschmerzen und Übel-
     und für einen Moment die Augen zu schließen. Jemand muss                keit, Erbrechen und Verwirrtheitszuständen führen. (…) Eine
     wegen heftigem Nasenbluten eine Klausur abbrechen, ein                  krebserregende Wirkung des Naphthalins wird vermutet.“
     anderer geht nach der vierten Stunde wegen Übelkeit nach                    Für die auf dem Schulgelände aufgestellten Container
     Hause. Der nächste sitzt mit brennenden Augen im Unter-                 liegen zwar keine konkreten Messergebnisse vor, doch
     richt, ein Sanitäter wird gerufen, weil jemandem schwindlig             besteht der Verdacht, dass die dortige Schadstoffsituation
     ist. Lehrer haben mit unkonzentrierten Klassen zu „kämp-                ähnlich ist. Sie stehen zwar nur noch bis nach dem Umbau im
     fen“, viele Schülerinnen und Schüler sind erkältet. Lange               Jahr 2012, jedoch ergibt das insgesamt sieben Jahre Lernen
     Schultage, spätes Zubettgehen, Stress in Schule oder Frei-              im Container. In der Arbeitsstättenverordnung von 1997
     zeit, frühes Aufstehen gelten als mögliche Ursachen. Aber               heißt es, dass „während der Arbeitszeit ausreichend gesund-
     sind es auch die einzigen?                                              heitlich zuträgliche Atemluft vorhanden sein muss“.
         Im Sommer 2007 wurde in Teilen unserer Schule ein                       Abschließend lässt sich sagen, dass man bei einer Beurtei-
     neuer Boden verlegt, der Synthese-Kautschuk-Boden ob-                   lung der Schadstoffgefährdung nicht nur die einzelnen Werte
     jectflor® - SaarFloor Diamant. Den meisten Schülerinnen                 sehen darf, sondern auch die Addition vieler Schadstoffe, die
     und Schülern fiel der „Gestank“ des neuen Bodens auf, der               im Einzelnen vielleicht unter den Grenzwerten liegen, sich
     durch Lüften nur kurzfristig vermindert wurde, insgesamt                aber im Körper akkumulieren (ausführlich: www.dugi-ev.de/
     aber auch jetzt, zwei Jahre später, noch sehr stark ist. Im             KrugWolfgang-KinderhirnInNot.pdf).
     April 2008 fanden Raumluftmessungen bezüglich flüchti-                  Maike Kaufmann
     ger organischer Substanzen, den VOCs (Volatile Organic                  Schülerin der Jahrgangsstufe 13 der Martin-Luther-Schule Rimbach
     Compound), statt. Beim Betrachten der Messergebnisse fällt
     neben anderen festgestellten chemischen Stoffen die Kon-
     zentration von Naphthalin (24,5 µg/m3) vor allem in einem
     Raum ins Auge. Für Naphthalin bestimmt das Umweltbun-
     desamt wie für viele andere Stoffe keine Grenzwerte für die
     Raumluftkonzentration, sondern Richtwerte. Dabei muss
     man zwischen Richtwert I (RW I) und Richtwert II (RW II)
     unterscheiden. Das Umweltbundesamt schreibt dazu:
     „Richtwert I (RW I) beschreibt die Konzentration eines Stoffes in der
     Innenraumluft, bei der bei einer Einzelstoffbetrachtung nach gegen-
     wärtigem Erkenntnisstand auch dann keine gesundheitliche Beein-
     trächtigung zu erwarten ist, wenn ein Mensch diesem Stoff lebens-
     lang ausgesetzt ist.“
     Stoffkonzentrationen bis RW I werden also als unschädlich
     angesehen. Zu RW II heißt es auf der Homepage weiter:
     „Er stellt die Konzentration eines Stoffes dar, bei deren Erreichen
     beziehungsweise Überschreiten unverzüglich zu handeln ist. Diese
     höhere Konzentration kann, besonders für empfindliche Personen bei
     Daueraufenthalt in den Räumen, eine gesundheitliche Gefährdung sein.“
     Bei Naphthalin liegen RW I bei 0,002 mg/m3 und RW II bei
     0,02 mg/m3 = 20 µg/m3. Somit wurde in diesem Raum der
TITELTHEMA                                                                                                         HLZ 10–11/2009        12

                                    Projekte wirken
     Das Projekt Schule & Gesundheit des Hessischen Kultusminis-    • Qualifizierung der dem Projekt „Schule & Gesundheit“
     teriums (HKM) soll den Aufruf „Gesundheit für alle“ der        zugeordneten Fachberaterinnen und Fachberater der staatli-
     Weltgesundheitsorganisation (WHO) und die in den Erklä-        chen Schulämter
     rungen von Ottawa (1986), Jakarta (1997) und Mexiko (2000)     • jährliche Fachtagung des Projekts „Schule & Gesundheit“
     formulierten WHO-Strategien umsetzen. Das betrifft             Zur Förderung der Gesundheit von Lehrerinnen und Lehrern
     • die Verbesserung der gesundheitsorientierten Chancen-        wurden in den vergangenen beiden Jahren Pilotvorhaben mit
     gleichheit für Schülerinnen und Schüler durch Minderung        verschiedenen Kooperationspartnern durchgeführt mit dem
     individuellen Risikoverhaltens und Stärkung individueller      Ziel, Informationen und Erfahrungen zu sammeln, um daraus
     Ressourcen und Schutzfaktoren (Lebensweisen-Ansatz),           ein Regelangebot für die Unterstützung der Schulen in
     • die gezielte Verbesserung der gesundheitsorientierten        Hessen zu entwickeln:
     Professionalität von Lehrerinnen und Lehrern durch Minde-      • Das Pilotprojekt Lehrerinnen- und Lehrergesundheit im
     rung individueller Risikomuster und Stärkung individueller     Bereich des Staatlichen Schulamtes Weilburg wurde durch
     Ressourcen und Schutzfaktoren (Lebensweisen-Ansatz) und        Professor Uwe Schaarschmidt, Mitinitiator der Potsdamer
     • die Gestaltung gesundheitsfördernder Arbeitsplätze, Lern-    Lehrerstudie, und Dr. Fischer (www.coping.at) begleitet. Mit
     und Lebensräume, die vor allem von einem guten Schulklima,     Hilfe der Befragungssysteme AVEM (Persönliches Erlebens-
     einer gesundheitsförderlichen Schulorganisation im Kontext     und Verhaltensmuster) und ABC-L (Arbeitsplatz-Bewertungs-
     der Schulentwicklung und gesundheitsverträglichen Schul-       check für Lehrerinnen und Lehrer) wurde eine Bestandsauf-
     bauten getragen sind (Setting-Ansatz).                         nahme zur Erfassung der Lehrerinnen- und Lehrergesundheit
         Um diese Ziele zu erreichen, sind alle Einrichtungen der   erhoben. Auf der Grundlage der Ergebnisse wurden Maßnah-
     Bildungsverwaltung aufgefordert, Maßnahmen der Gesund-         men zur Gesundheitsförderung in den Schulen verabredet.
     heitsförderung einzuleiten und schrittweise ein Gesundheits-   Das Befragungsinstrument wurde weiterentwickelt und steht
     management aufzubauen. Hierbei soll der gesetzlich gefor-      allen hessischen Schulen gegen einen geringen Kosten-
     derte Arbeits- und Gesundheitsschutz realisiert werden.        beitrag zur Verfügung.
         Zur Unterstützung des Gesamtprozesses wurde die opera-     • Das Vorhaben „Gemeinsam gute Schule entwickeln“
     tive Geschäftseinheit Servicestelle Schule & Gesundheit beim   wurde mit Unterstützung der Deutschen-Angestellten-Kran-
     Amt für Lehrerbildung (AfL) etabliert. Sie bietet Beratungen   kenkasse DAK durch die Universität Lüneburg an einigen
     in den folgenden Teilgebieten:                                 hessischen Modellschulen durchgeführt. Im ersten Schritt
     • Sucht- und Gewaltprävention                                  wird eine umfassende Diagnose durchgeführt, in der zentrale
     • Ernährungs- und Verbraucherbildung einschließlich            Dimensionen der Schulqualität und des Gesundheitsstatus
         Schulverpflegung                                           der Mitglieder sowie Einflussfaktoren und Rahmenbedin-
     • Bewegung und Wahrnehmung einschließlich täglicher            gungen erhoben werden. Auf Grundlage der Problemanalyse
         Bewegungszeiten                                            bestimmte jede Schule selbst, welche Aspekte der Gesund-
     • Umweltbildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung        heitsförderung ihr wichtig sind und wo es Handlungsbedarf
     • Verkehrserziehung und Mobilitätsbildung                      gibt. In Projektgruppen entwickelten Schülerinnen und Schü-
     • Sexualerziehung und HIV-Aidsprävention                       ler, Lehrkräfte, Schulleitung, nichtunterrichtendes Personal
     • Schulsanitätsdienste und Erste-Hilfe-Kurse
                                                                    und Eltern Maßnahmen zur Gesundheitsförderung, die den
     • Informationen zur Organspende, für chronisch kranke
                                                                    Handlungsbedarf aufnehmen und die Schulen auf ihrem Weg
         Kinder und über Fragen der seelischen Gesundheit
     • Gesundheit der Lehrkräfte                                    zur guten gesunden Organisation positiv bestärken. Am Ende
     • Arbeitsplatz Gesunde Schule und Gesundes Studien-            der dreijährigen Begleitung durch das Projektzentrum an der
         seminar (Arbeitsschutz, Gesundheitsmanagement)             Leuphana-Universität Lüneburg wird über eine abschließen-
     Zielgruppen der Beratungen sind Lehrerkollegien, einzelne      de Befragung der Projektverlauf evaluiert. Jede Schule erhält
     Lehrkräfte, die Fachberaterinnen und Fachberater der Staat-    einen abschließenden Projektbericht.
     lichen Schulämter, die Vertreterinnen und Vertreter der        • Unter dem Titel „Gesundheitsmanagement konkret“ fand
     Studienseminare, Führungskräfte in der Bildungsverwaltung,     im Juni 2009 die Auftaktveranstaltung eines weiteren Pro-
     Eltern und Schülerinnen und Schüler. Dabei werden zur Zeit     jektes statt, an dem 22 Schulen unterschiedlicher Schul-
     folgende Leistungen erbracht:                                  formen und zwei Studienseminare teilnehmen. Dabei konn-
     • Hotline zur persönlichen Beratung                            ten auch schon erste Ergebnisse aus den Projekten zur
     • www.schuleundgesundheit.hessen.de: Themenportal mit          Lehrergesundheit berücksichtigt und Schritte zum Aufbau
     Hintergrundinformationen, Materialien und aktuellen Infos      eines Gesundheitsmanagements in Schule und Bildungs-
     • Vermittlung von Expertinnen und Experten und Referen-        verwaltung entwickelt werden. Die Servicestelle beim AfL
     tinnen und Referenten                                          koordiniert und steuert den Gesamtprozess unter anderem
     • Unterstützung bei der Durchführung von Online-Befra-         auch durch Fortbildungsmaßnahmen für die beteiligten
     gungen zur Gesundheit der Lehrkräfte sowie zur Gesundheit      Projektteams.
     der Schülerinnen und Schüler                                   Margit Büchler-Stumpf und Reiner Mathar, AfL
     • direkte Beratung bei der Planung und Umsetzung von           Kontakt: Servicestelle Schule & Gesundheit im AfL, Margit Büchler-
     schuleigenen Projekten und Konzepten, zum Beispiel zur         Stumpf, E-Mail: Margit.Buechler-Stumpf@afl.hessen.de, und Reiner
     Schulentwicklung durch Gesundheitsförderung                    Mathar, E-Mail: Reiner.Mathar@afl.hessen.de
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