Schulblatt 6/2016 Erste Schritte im Lehrberuf - Wie frischgebackene Lehrpersonen den Einstieg meistern - Edudoc
←
→
Transkription von Seiteninhalten
Wenn Ihr Browser die Seite nicht korrekt rendert, bitte, lesen Sie den Inhalt der Seite unten
Kanton Zürich
Schulblatt
Bildungsdirektion
6/2016
Erste Schritte
im Lehrberuf
Wie frischgebackene
Lehrpersonen den
Einstieg meistern
Krisen-
management
Hilfestellung
für Schulen
Gymiprüfung
Unterstützung für
benachteiligte Kinder
Globale
Unternehmen
Die duale Bildung
kommt an6 11
Magazin Fokus: Volksschule
Erste Schritte
4 im Lehrberuf 22
Meine Schulzeit Jugendprojekt
Mike Müller, Schauspieler 14 LIFT begleitet Jugendliche
Fachbegleitung auf dem Weg ins Berufsleben
5 Tragender Pfeiler der
Im Lehrerzimmer Berufseinführung 24
Kantonsschule Freudenberg, Schule und Sicherheit
Zürich 19 Wie Schulen erfolgreich
Mentoring und durch Krisen steuern
6 Coaching
Persönlich Unterschiedliche Modelle 26
Case Manager Peter Vesti auf Sekstufe II Stafette
hält die Fäden zusammen Die Oberstufe Horgen und
ihr Projekt «step by step»
9
Bildungsdirektorin 29
Die Berufslehre muss In Kürze
weiterentwickelt werden,
sagt Silvia Steiner
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Inhalt
Wichtige Adressen Impressum Nr. 6/2016, 28.10.2016
Bildungsdirektion: www.bi.zh.ch Generalsekretariat: 043 259 23 09 Herausgeberin: Bildungsdirektion Kanton Zürich, Walcheplatz 2, 8090 Zürich Erscheinungs
Bildungsplanung: 043 259 53 50 Bildungsstatistik: www.bista.zh.ch weise: 6-mal jährlich, 131. Jahrgang, Auflage: 19 000 Ex. Redaktion: Redaktionsleiter
Volksschulamt: www.vsa.zh.ch, 043 259 22 51 Mittelschul- und reto.heinzel@bi.zh.ch, 043 259 23 05; Redaktorin jacqueline.olivier@bi.zh.ch, 043 259 23 07;
Berufsbildungsamt: www.mba.zh.ch, 043 259 78 51 Amt für Jugend Sekretariat schulblatt@bi.zh.ch, 043 259 23 14 Journalistische Mitarbeit an dieser
und Berufsberatung: www.ajb.zh.ch, 043 259 96 01 Lehrmittel Ausgabe: Walter Aeschimann, Bettina Büsser, Paula Lanfranconi, Res Minder, Luzia Schmid
verlag Zürich: www.lehrmittelverlag-zuerich.ch, 044 465 85 85 Abonnement: Lehr personen einer öffentlichen Schule im Kanton Zürich können das
Fachstelle für Schulbeurteilung: www.fsb.zh.ch, 043 259 79 00 Schulblatt in ihrem
Schulhaus gratis beziehen (Bestellwunsch an Schulleitung).
Bildungsratsbeschlüsse: www.bi.zh.ch > Bildungsrat > Beschluss Bestellung des Schulblatts an Privatadresse sowie Abonne ment weiterer Interessierter:
archiv Regierungsratsbeschlüsse: www.rrb.zh.ch abonnemente@staempfli.com, 031 300 62 52 (Fr. 40.– pro Jahr) Online: www.schulblatt.zh.ch
Gestaltung: www.bueroz.ch Druck: www.staempfli.com Inserate: inserate@staempfli.com,
031 767 83 30 Re daktions- und Inserateschluss nächste Aus gabe: 24.11.2016 Das
Titelbild: Sophie Stieger nächste Schulblatt erscheint am: 6.1.2017
222 36
Mittelschule Berufsbildung 41
Amtliches
30 34
Übertritt ans Globale Unternehmen 51
Gymnasium Die Ausbildung von Weiterbildung
Ein Verein engagiert Lernenden wird immer Mobiles Lernen ist reizvoll
sich für Kinder aus wichtiger
Kurse und Module
benachteiligten Familien
36 60
33 Berufslehre heute schule & kultur
In Kürze Strassenbaupraktiker EBA
39 62
In Kürze Agenda
Editorial
Erinnern Sie sich noch an Ihren Berufseinstieg? Wie Sie sich fühlten, als Sie
zum ersten Mal alleine vor Ihren Schülerinnen und Schülern standen? Der
Moment, als Ihnen bewusst wurde, dass Sie nun die Verantwortung für eine
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Inhalt
Reto Heinzel ganze Klasse zu tragen hatten? Vielleicht meisterten Sie diese anspruchsvolle
erste Zeit mit Bravour, vielleicht nagten aber auch Zweifel an Ihnen.
In unserem Schwerpunkt widmen wir uns dieser entscheidenden Phase des
Berufslebens und den damit verbundenen Herausforderungen. Wir lassen jün-
gere und erfahrenere Lehrpersonen zu Wort kommen und Sie an deren unter-
schiedlichen Erfahrungen teilhaben. Auch zeigen wir, welche Bedeutung die
Fachbegleitung oder das Mentorat für das Gelingen des Berufseinstiegs haben
können und wie unterschiedlich die Begleitung je nach Schulstufe aussieht.
Ausserdem in diesem Heft: Was können Schulen tun, damit sie im Krisenfall
die Übersicht behalten? Ferner porträtieren wir einen Case Manager und
schliesslich zeigen wir, dass das duale Bildungssystem auch internationale
Firmen überzeugt.
3
Die Redaktion freut sich über Reaktionen auf das Schulblatt: reto.heinzel@bi.zh.ch, jacqueline.olivier@bi.zh.chMeine Schulzeit schon so gemacht. Nicht in Form und
«Selbst unser
I nhalt, sondern vom Zugang her.
Natürlich ist für einen Schauspieler
immer die Wirkung wichtig, das macht
Abwart war müde»
unsere Gilde ja auch so komisch. Aber der
Effekt, wenn man in der Französischstunde
den Französischlehrer imitiert und er selber
es nicht merkt, die Mitschüler aber schon:
Fünf Fragen an den Schauspieler unbezahlbar.
Was ist das Wichtigste, was Kinder
Mike Müller heute in der Schule lernen sollten, und
warum?
Die Frage ist mir zu gross. Umgekehrt ist
es einfacher: Den Hype um die sogenann-
ten MINT-Fächer verstehe ich überhaupt
nicht. Ich habe in den naturwissenschaft-
Wenn Sie an Ihre Schulzeit denken, was lichen Fächern viel Zeit verplempert, und
kommt Ihnen als Erstes in den Sinn? weil diese die Phil-I-Fächer dominierten,
Meine Schulkollegen und der Geruch des in letzteren dann eben auch. Ich verstehe
Putzmittels Taski 420. auch nicht, was Hausaufgaben in der
Welcher Lehrperson geben Sie rück Volksschule zu suchen haben. Ich hasste
blickend die Note 6 und warum? es als Kind, und heute weiss ich, dass ich
Meinem Englischlehrer. Er war Brite und recht hatte: Kinder brauchen Luft und
ein veritabler 68er, enorm engagiert und Bewegung. Noch heute kann ich mit dem
auf seine Art durchaus auch streng. Er hat Velo vor einem Rotlicht balancieren ohne
uns die Augen für englische Literatur abzusteigen. Das fand ich schon damals
geöffnet und uns künstlerische und intel- wichtiger, als alle Alpenpässe aufzusagen.
lektuelle Neugier vermittelt. Ausserdem sehe ich den Sinn nicht ein,
Inwiefern hat Ihnen die Schule warum frühmorgens müde Schüler auf
geholfen, Schauspieler zu werden? müde Lehrer treffen. Selbst unser Abwart
Ich hatte das Glück, dass an der Kantons- war müde.
Foto: SRF/Nici Jost
schule Olten progressives Schultheater Warum wären Sie eine gute Lehr
betrieben wurde. Unter dem Autor und person – oder eben nicht?
Zur Person: Mike Müller (53) ist im Kanton
Solothurn aufgewachsen. Während seines Regisseur Fritz H. Dinkelmann imitierten Ich habe während des Studiums Englisch
Philosophiestudiums sammelte er erste wir nicht ein kleines Stadttheaterensemble, an der Oberstufe unterrichtet, und ich war
Schauspiel-Erfahrungen. Müller wirkte in
mehreren Kinofilmen mit, darunter «Ernst- sondern arbeiteten wie in der freien Szene. leider erst zum Schluss ein guter Lehrer.
fall in Havanna» und «Achtung, fertig, Char- Es kam jede und jeder auf ihre oder seine Ich blieb aber immer einem Rat treu, den
lie!». Dem TV-Publikum ist er als Co-Mode-
rator von «Giacobbo/Müller» sowie als
Art zum Zug. Später in der freien Szene mir mein Vater mitgab, der selbst Lehrer
ermittelnder «Bestatter» bekannt. dachte ich oft: Das haben wir bei Fritz war: Du sollst die Dummen nicht plagen.
Bildungs-Slang
Ruedi Widmer, Cartoonist, interpretiert Begriffe aus Bildung und Schule – diesmal: Qualifikationsverfahrensversagen
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Magazin
4Im Lehrerzimmer
Kantonsschule
Freudenberg
Sogar das Mobiliar ist mit dem Denkmalschutz abgesprochen.
Fotos: Marion Nitsch
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Magazin
Dezente Farben: sind an der Kantonsschule Freudenberg nicht nur im Lehrerzimmer Konzept: Farbe sollen die Menschen ins Haus
bringen. Unter Denkmalschutz: steht die gesamte Anlage, zu der auch die benachbarte Kantonsschule Enge gehört. Die in den 1950er-
Jahren entstandenen Schulhäuser gelten als Meilensteine der Schulhausarchitektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und locken
Architekten aus der ganzen Welt an. Schwierig durchführbar: sind deshalb Veränderungen; sogar die runden Tische mit Stühlen aus
schwarzem Holz und Stahlrohr im Lehrerzimmer bedurften der Zustimmung des Denkmalschutzes. Frische Sommerblumen: auf den
Tischen erinnern an den Elternabend der Erstklässler vom Vortag. Lange Wege: in der weitläufigen Anlage erschweren es den Lehr
personen aus den Nebengebäuden, während der kurzen Pausen ins Hauptgebäude zu kommen. Den Lehrpersonen des zur Schule
gehörenden Liceo Artistico, der Naturwissenschaften und des Sports steht deshalb je ein eigenes Lehrerzimmer zur Verfügung.
Eine Architekturführung: absolvieren die Erstklässler der KS Enge, die vor dem Fenster vorbeimarschieren. Seit Kurzem sei dies für die
neuen Schüler beider Schulen Programm, erklärt Rektor Niklaus Schatzmann. Sie trügen den Gebäuden danach etwas mehr Sorge. [jo]
5Persönlich Im Gespräch fällt auf, wie respektvoll der
«Wir stecken ab
Sozialpädagoge von den Jugendlichen
spricht. Ein Grundgespür für Menschen
in schwierigen Situationen habe er von
und zu im Stau»
seiner Mutter mitbekommen, erzählt er.
Ursprünglich machte er eine kaufmänni-
sche Lehre, realisierte jedoch schnell,
dass das Büro nicht seine Welt war: «Ich
Als Case Manager bei Netz2 begleitet brauche Kontakt zu Menschen.» Erste
schwierige, aber wertvolle Erfahrungen
Peter Vesti junge Menschen in komplexen mit traumatisierten Menschen sammelte
Situationen beim Einstieg in den Beruf. der junge Bündner während eines Prakti-
kums in einem Flüchtlingsheim. Danach
wechselte er an eine Sonderschule für
Text: Paula Lanfranconi Foto: Stephan Rappo
mehrfach behinderte Kinder und bildete
sich berufsbegleitend zum Sozialpädago-
gen aus. Später baute er im Bündner
Oberland eine Berufswahlschule auf und
Er ist gross gewachsen. Sein fester Hände- will» und «Wie mache ich es?» bis zum leitete sie mehrere Jahre. Dann zog es ihn
druck und der offene Blick sorgen dafür, befreienden «Ich habs geschafft!». in den Kanton Zürich, wo er die Stärken
dass man sich bei Peter Vesti rasch Vesti ist seit 2010 dabei, dem Grün- des Case Management entdeckte und sich
willkommen fühlt. Über seinem Bespre- dungsjahr von Netz2. Initiator des Projektes entsprechend ausbilden liess.
chungstisch im biz Oerlikon hängt das war das damalige Bundesamt für Berufs
Poster einer Yellow Cab im New Yorker bildung und Technologie. Das Ziel: mittels Bündner Wurzeln
Strassendschungel. Vesti versteht das Bild Case Management mehr gefähr deten Wenn Peter Vesti den Computer aufstartet,
als Symbol: Zusammen mit den jungen Jugendlichen zu einer beruflichen Grund- begrüsst ihn mit neugierigen Augen sein
Menschen steige er in dieses Taxi. Das ausbildung verhelfen. Im Kanton Zürich Jüngster, der achtmonatige Bengiamin.
Fernziel – eine Grundbildung – sei klar, startete Netz2 mit zwei Pilotprojekten in Die romanische Schreibweise des Namens
doch den Weg müssten sie gemeinsam den Bezirken Dietikon und Dielsdorf. wie überhaupt seine Bündner Wurzeln
finden. «Ab und zu stecken wir im Stau Um ihre Zielgruppe zu erreichen, kontak- sind dem Case Manager wichtig. Bengia-
oder es gibt gar einen Motorschaden.» tierten Vesti und seine Kollegin Natascha mins dreieinhalbjähriger Bruder Flurin
Der 47-jährige Sozialpädagoge ist einer Bodul vom biz Urdorf Oberstufenschul- geht denn auch in eine romanischsprachige
von neun Case Manager bei Netz2. Im häuser, Berufsberatungsstellen, Jugend- Krippe, die sein Vater zusammen mit Kol-
Auftrag der Bildungsdirektion begleitet er und Familienberatungen, Kinder- und legen auf die Beine gestellt hat. Am besten
mit einem 80-Prozent-Pensum 24 Jugend- jugendpsychiatrische Dienste sowie die erholt sich Vesti beim Biken, Snowboarden,
liche zwischen 14 und 24 Jahren, die es regionalen Arbeitsvermittlungsstellen. Joggen. «Seitdem ich Familie habe, muss ich
wegen ihrer schwierigen Lebenssituation mir diese Erholungszeiten viel bewusster
nicht schaffen, in der Berufswelt Fuss zu Praktikum im Flüchtlingsheim nehmen», stellt er fest.
fassen. Neben persönlichen, familiären Bis jetzt sind 520 Jugendliche bei Netz2 Für die Jugendlichen ist er «grund-
oder finanziellen Problemen ist fast jeder angemeldet worden. «Je länger sie sich sätzlich» während der Bürozeiten erreich-
Zweite mit psychischen Schwierigkeiten auf den Unterstützungsprozess einlassen, bar. Netz2 sei kein Kriseninterventions-
oder Diagnosen belastet. Die Jugendli- desto grösser ist die Chance auf einen er- zentrum, dafür gebe es spezialisierte
chen werden von Ärzten, Psychologinnen, folgreichen Sek-II-Abschluss», sagt Vesti. Stellen. Manche Schicksale gehen ihm
Sozialdiensten, Lehrpersonen, Schulsozial- Fünf Jahre nach dem Start von Netz2 liegt nahe. Zum Beispiel jenes einer jungen
arbeitern betreut. Auch an diesem Morgen die Erfolgsquote bereits bei 50 Prozent Frau, deren Leben wegen traumatisie-
hatte Vesti Kontakt mit einer Psychiaterin. bei einer durchschnittlichen Falldauer render Kindheitserlebnisse aus den
Er erkundigte sich, ob der Klient zum Ge- von über zwei Jahren. Knackpunkt sind Fugen geraten war: «Solche Ereignisse
spräch erschienen sei: «Wir arbeiten mit laut dem Case Manager die sogenannten belasten die jungen Menschen oft ein
jungen Menschen in komplexen Situatio- Floater: «18- bis 24-jährige Jugendliche, Leben lang.» Umso stärker beeindruckt
nen. Bei einigen ist es schon ein Erfolg, die schon lange keine Tagesstruktur mehr ihn, dass die heute 23-Jährige während
wenn sie es schaffen, am Morgen aufzu- hatten, überhaupt in eine kontinuierliche der eineinhalbjährigen Begleitung wieder
stehen und einen Termin wahr Zusammenarbeit einzubinden.» Seit 2014 Vertrauen in ihr Umfeld und sich selber
zunehmen.» gehört Netz2 zum festen Angebot des fand und kürzlich eine IV-finanzierte
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Magazin
Amtes für Jugend und Berufsberatung.
Berufsabklärung starten konnte. «Von
Case Manager der ersten Stunde Das Case Management werde von allen ihren kognitiven Ressourcen her könnte
Peter Vestis Kernaufgabe: «Wir Case Ma- Beteiligten sehr geschätzt, konstatiert Vesti. eine Lehre mit EFZ drinliegen», meint
nager halten die Fäden zusammen. Das «Eigentlich müssten wir unser Angebot
Vesti. In seiner Stimme schwingen Freude
macht Sinn, weil wir die Jugendlichen verdoppeln oder verdreifachen können.» und Stolz mit.
stufenübergreifend begleiten und so viel
hilfreiches Wissen aufbauen können.» Zu
seiner Arbeit hat er sich Stichworte no- Netz2, das Case Management Berufsbildung, wird in den regionalen Berufsin-
tiert. Zuoberst steht: «Vertrauen und Be- formationszentren (biz) und dem Laufbahnzentrum der Stadt Zürich angeboten.
ziehung schaffen.» Dann: «Diskutieren, Ziel der Case Manager ist es, Jugendlichen mit einer Mehrfachproblematik einen
planen, an die Hand nehmen, Standort- Ausbildungsabschluss auf Sekundarstufe II zu ermöglichen. Netz2 versteht sich
und Krisengespräche führen.» Auf dem jedoch nicht als zusätzliches Angebot, sondern koordiniert die bereits involvier-
Tisch liegt die Zeichnung einer Treppe. ten Fachstellen stufenübergreifend bis zum erfolgreichen Ausbildungsabschluss
Ihre sechs Stufen stehen für den Entwick- der Jugendlichen.
lungsprozess der Betreuten. Sie beginnen www.netz2.zh.ch
mit «Ich kann nicht», führen über «Ich
6Schulblatt Kanton Zürich 5/2016 Magazin
Peter Vesti hat schon
früh gemerkt, dass
das Büro nicht seine
Welt ist und er lieber
7
mit Menschen arbeitet.Gesunde Ernährung ist für Kinder sehr wichtig. Das heisst
für uns: frische, abwechslungsreiche und gesunde Menus
kommen auf den Tisch. Aus hochwertigen Produkten.
Und schonend zubereitet. Qualität mit Geschmack für Ihren
Mittagstisch: So macht Kinderverpflegung allen Spass.
t
Kontak
SV (Schweiz) AG
Meals for Kids Tel +41 43 814 13 90
Wallisellenstrasse 57 info@mealsforkids.ch
CH-8600 Dübendorf www.mealsforkids.ch
Erfahrung zählt!
Sie machen sich Gedanken um Ihre Zukunft.
Stimmen Ansprüche, Wünsche
und Alltag noch überein?
Es lohnt sich, von Zeit zu Zeit
innezuhalten.
Gönnen Sie sich professionelle
Unterstützung.
PPC prospektives persönliches Coaching
Esther Zumbrunn, lic. phil. I
Coach, Mediatorin, Bildungsfachfrau
al fresca, Gebhartstrasse 18a, 8404 Winterthur, www.alfresca.ch
zumbrunn@alfresca.ch, 052 242 55 25
LEHREN IST IHR LEBEN?
UNSERES AUCH.
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016
E
N LI N
E O al.ch
RS
EK
U
w w.z
L w
AL
Für Schule begeistern
Zürcher Arbeitsgemeinschaft für Weiterbildung der Lehrpersonen
Bärengasse 22 | 8001 Zürich | info@zal.ch
8Bildungsdirektorin
«Wir können uns nicht auf
den Lorbeeren ausruhen»
Die duale Grundbildung gilt als Erfolgsmodell der Schweiz.
Sie muss sich aber weiterentwickeln, um auch in Zukunft
erfolgreich zu sein, sagt Bildungsdirektorin Silvia Steiner.
Interview: Reto Heinzel
Seit das neue Schuljahr begonnen hat, und gut ausgebildete Lernende, die unsere
finden sich nicht nur viele Volksschü Unternehmen voranbringen.
lerinnen und Volksschüler in einem Wo sehen Sie bei der Berufsbil
völlig neuen Umfeld wieder – auch für dung Handlungsbedarf?
zahlreiche Lernende in den Betrieben In den letzten Jahren haben wir viel für
hat ein ganz anderes Leben begonnen. jene Jugendlichen gemacht, die Mühe ha-
Das ist richtig. Auch in der öffentlichen ben, eine Lehrstelle zu finden, und einen
Verwaltung des Kantons Zürich sind derzeit kleinen Bildungsrucksack mitbringen.
über 1000 Lernende in der Ausbildung. In Wir haben zum Beispiel die EBA-Lehren
der Bildungsdirektion selber bilden wir eingeführt. In den kommenden Jahren
KV-Lernende und Informatiker aus. In müssen wir uns vermehrt um die leis-
den übrigen Direktionen gibt es viele wei- tungsstarken Jugendlichen kümmern. Wir
tere spannende Berufe zu erlernen, die können nicht einfach nur klagen, dass die
man nicht unbedingt erwarten würde, wie leistungsstarken Schülerinnen und Schü-
etwa Gemüsegärtner, Köchin, Forstwart, ler den gymnasialen Weg wählen, wir
Logistikerin, Landmaschinenmechani- müssen ihnen auch attraktive Angebote
kerin oder Winzerin. ihnen setzen sich mit viel Energie dafür machen.
Wie sieht derzeit die Lehrstellen ein, dass die jungen Menschen den Schritt An was denken Sie zum Beispiel?
situation aus? von der Schule in die berufliche Ausbil- Es beginnt bei der Kommunikation: Es
Als Bildungsdirektorin bin ich froh, dass dung schaffen. muss uns noch besser gelingen, zu zeigen,
den Jungen genügend Lehrstellen zur Sind unbesetzte Lehrstellen für dass die duale Berufsbildung ein gutes
Verfügung stehen. Das war nicht immer so. die betroffenen Betriebe nicht unange Sprungbrett für eine berufliche Karriere
Ende der 1990er-Jahre musste die öffent- nehm? sein kann. Man weiss das zwar heute und
liche Hand eingreifen und den Lehrstel- Als Bildungsdirektorin ist es mir ein Anlie- Untersuchungen zeigen auch klare Er-
gen, Firmen in solchen Situationen zu er- gebnisse, aber in den Köpfen der Jugend-
mutigen, offene Lehrstellen beizubehalten, lichen und der Eltern ist immer noch der
diese noch attraktiver zu gestalten und gymnasiale Weg der Königsweg.
weiterhin in die berufliche Grundbildung Müsste man bei der Berufslehre
«Wir müssen ihrer Branche zu investieren. Denn es liegt nicht einfach die Allgemeinbildung
uns um die im ureigenen Interesse der Betriebe, Nach-
wuchskräfte auszubilden und das betrieb-
stärken, um mehr leistungsstarke
Jugendliche anzulocken?
leistungsstarken liche Know-how langfristig zu erhalten.
Die duale Berufsbildung wird immer
Ich glaube nicht, dass man damit Erfolg
haben wird. In anspruchsvollen Lehren
Lernenden wieder als Erfolgsmodell gepriesen … haben sie ja auch eine anspruchsvolle
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Magazin
kümmern.» Im Moment ist die Situation gut. Das heisst
aber nicht, dass wir uns nicht bemühen
Schulbildung. Ich denke, wir müssen ver-
mehrt versuchen, leistungsstarken Jugend-
müssen, die duale Berufsbildung weiterzu- lichen den Weg zur Berufsmaturität zu
entwickeln. Wir können uns nicht auf den ermöglichen. Wir wissen heute, dass es für
Lorbeeren ausruhen, sondern müssen dar- viele Jugendliche zu viel ist, neben der
lenmarkt regelrecht ankurbeln. Heute um bemüht sein, dass wir die duale Berufs- Lehrstelle eine Berufsmaturität zu absol-
werden im Kanton Zürich jährlich rund bildung auch für die Zukunft als Erfolgs- vieren. Wir müssen uns einerseits fragen,
12 000 neue Lehrverträge abgeschlossen. modell erhalten. Bei diesem Unterfangen mit welchen Modellen mehr Jugendliche
Dieses Jahr blieben im Kanton Zürich sind alle Seiten in der Pflicht: Wir brau- eine Berufsmaturität erreichen können.
etwa 1300 Lehrstellen unbesetzt. Das chen verantwortungsvolle Lehrbetriebe Andererseits müssen wir für Maturanden,
heisst, dass viele Jugendliche vielleicht und fähige Berufsbildner, die sich der Ler- die sich entscheiden, nach der Matur doch
nicht gerade ihre Traumlehrstelle finden, nenden annehmen. Wir brauchen erstklas- noch eine Lehre zu machen, mehr Mög-
aber trotzdem nicht einfach nehmen müs- sige Berufsfachschulen, die auf der Höhe lichkeiten anbieten. Es müssen beide Wege
sen, was sie bekommen. Ich bin auch der Zeit unterrichten und sich an den sich möglich sein: Über die Berufslehre weiter
immer wieder beeindruckt vom grossen
wandelnden Bedürfnissen der Wirtschaft an die Universität oder über das Gymnasi-
Engagement der Lehrpersonen. Viele von orientieren. Und wir brauchen motivierte um hinein in eine Berufslehre.
9Fokus
Erste
Schritte im
Lehrberuf
Nicht nur für unzählige Kinder beginnt jeweils
nach den Sommerferien ein neuer Abschnitt,
sondern auch für die vielen Lehrerinnen und
Lehrer, die neu in den Beruf einsteigen.
Wir lassen diese, aber auch die erfahreneren
Kolleginnen und Kollegen zu Wort kommen,
erklären, wie Fachbegleitungen in der
Volksschule funktionieren und was sie bringen.
Und ein Blick in die Mittel- und die Berufs
fachschulen zeigt, wie unterschiedlich Mentorat
und Coaching aussehen können.
Porträttexte: Reto Heinzel
Fotos: Sophie Stieger
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Fokus
11Rahel Strickler, 28, hat während des den Schulleiter. Fordernd war meine An-
stellung an der Bezirksschule Muri (AG),
Studiums mit dem Unterrichten auf wo ich im Jahr darauf eine sechsmonatige
Stellvertretung übernahm. Da ich erst-
Primarstufe begonnen. Nach verschie- mals Deutsch unterrichtete und überdies
denen Lehraufträgen arbeitet sie die Aufgaben einer Klassenlehrerin über-
nahm, war ich stark engagiert. Glücklicher-
heute als Gymnasial- und Berufsfach- weise überliess mir die Lehrerin, die ich
vertrat, viel Unterrichtsmaterial. Wir hat-
schullehrerin in Zürich und Winterthur. ten auch regelmässig Kontakt. Stark profi-
tieren konnte ich vom Teamteaching mit
einer anderen Lehrerin. Dass ich damals
mit der Ausbildung zur Gymilehrerin
«Bereits in der Kanti war es mein Ziel, wahrscheinlich mehr machen können. Zu- (Lehrdiplom für Maturitätsschulen) be-
Gymilehrerin zu werden. Ich wollte wissen, dem unterliefen mir die typischen Anfän- gann, kam mir ebenfalls zugute. Obschon
wie es ist, quasi auf der anderen Seite zu gerfehler. So wiederholte ich zum Beispiel mir die dortige Fachausbildung zu theo-
stehen. Den direktesten Weg wählte ich regelmässig die Antworten der Kinder, rielastig war, erhielt ich doch wertvolle
allerdings nicht. In gewisser Weise bin ich wurde zum ‹Schülerecho›. Das fiel jedoch Tipps zur Unterrichtsgestaltung. Vor allem
sogar mehrmals in den Lehrberuf einge- praktisch nicht ins Gewicht; das Unter- die in der Fachdidaktik erarbeiteten Un-
stiegen. Als ich nach der Matura Englisch richten machte mir Spass, und ich gewann terrichtsmaterialien und Ideen konnte ich
und Spanisch studierte und nach einem rasch an Sicherheit. Der Schulleiter be- umsetzen und ausprobieren. Das eigentli-
Studienjob Ausschau hielt, stiess ich 2011 suchte zu meiner Unterstützung einige che Handwerk lernte ich aber erst in der
auf ein Inserat der Primarschule Bürglen Lektionen von mir. Er gab mir Tipps, sagte, Praxis – ‹learning by doing› eben.
(TG). Dort suchte man für ein Jahr eine worauf ich bei den Kindern achten müsse. Seit Sommer 2014 unterrichte ich an
Englischlehrperson. Ich bewarb mich und Im Herbst 2012 übernahm ich an der der Berufsschule für Detailhandel in Zü-
unterrichtete bald darauf in zwei 4. Klas- Sekundarschule Bürglen vier Lektionen rich. Hier bekam ich eine erfahrene Men-
sen – und das natürlich ohne ‹tiefgründige› Englisch. Dass meine Vorgängerin mich torin zur Seite gestellt, mit der ich alles
pädagogische Erfahrung. Ich wurde rich- rechtzeitig mit dem Lehrmittel vertraut Notwendige besprach: Lehrmittel, Lehr-
tiggehend ins kalte Wasser geworfen. Dass machte, half mir sehr, denn der Vorberei- plan, Qualifikationsverfahren, aber auch
der Einstieg trotzdem gut gelang, hatte auch tungsaufwand war deutlich höher als auf Administratives. Nebenher klärte sie mich
damit zu tun, dass Kinder in diesem Alter Primarstufe. Tauchten Fragen oder Prob- über die Eigenheiten der Schule auf. Zu-
noch rasch zu begeistern sind. In didak leme auf, wandte ich mich primär an die sammen mit der Prorektorin besuchte sie
tischer Hinsicht hätte ich damals sehr anderen Lehrpersonen, zum Teil auch an meine Lektionen, die wir im Anschluss ge-
meinsam besprachen. Im Gegenzug wohnte
ich ihrem Unterricht bei. Das Mentorat
dauerte ein Semester, die Lehrerin blieb
aber über diese Zeit hinaus eine wichtige
Ansprechperson für mich. Heute, nachdem
ich zwei Jahre an der Berufsschule unter-
richtet habe, weiss ich, wie der Hase läuft.
Seit gut einem Jahr bin ich zudem als Lehr-
beauftragte an der Kantonsschule Im Lee
in Winterthur tätig, wo mich im ersten
Semester ebenfalls eine erfahrene Lehr-
person mentorierte. Wir besuchten uns ge-
genseitig drei Mal im Unterricht und auch
der Prorektor wohnte einiger meiner Lek-
tionen bei. Mit der Mentorin der Kantons-
schule stehe ich bis heute regelmässig im
Kontakt, was dadurch begünstigt wird, dass
wir uns im Vorbereitungszimmer gleich ge-
genübersitzen. Ausserdem tausche ich
mich regelmässig mit meinen Fachschafts-
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Fokus
kolleginnen aus, sei es, wenn Probleme
auftauchen oder um Ideen für den Unter-
richt zu besprechen.
Trotz zeitweiligen Schwierigkeiten in
der Anfangsphase hatte ich eigentlich nie
das Gefühl, schlecht betreut zu sein. Ich
wusste immer, an wen ich mich bei Fragen
oder Problemen wenden konnte. Zudem
hatte ich von Anfang an ein gutes Verhält-
nis zu den Kindern und Jugendlichen.
Natürlich hatte ich es auch mal mit
schwierigen Schülerinnen oder Schülern
zu tun. Die wohlwollende Atmosphäre
wurde dadurch aber nie getrübt.»
12Synthia Weber, 23, unterrichtet seit bildung war mir zum Beispiel gar nicht
bewusst, was sich neben dem Unterricht
diesem Schuljahr als Kindergärtnerin alles abspielt, wie gross der administrative
Aufwand ist: Elternkontakte, Formulare,
in Benglen (Fällanden). Sie schätzt Briefe, Kindergarten-ABC, Sitzungen. Das
es, auf die Unterstützung einer Fach Thema Elternkontakte zum Beispiel hat-
ten wir während des Studiums meistens
begleiterin zählen zu können. in Form von Rollenspielen behandelt. Mit
der Wirklichkeit hatte dies nicht viel zu
tun. Diesen Dingen sollte meiner Meinung
nach in der Ausbildung mehr Aufmerk-
samkeit zukommen.
Der Berufseinstieg ist eine intensive,
strenge Zeit. Ich achtete darum vor allem
«Kurz vor den Sommerferien hatte ich verläuft. Wie ich von meinen Kolleginnen in den ersten Wochen darauf, dass ich kei-
mein Diplom in der Tasche. Und nun, ein weiss, ist das keine Selbstverständlichkeit. ne grossen Freizeitpläne schmiedete und
paar Wochen später, stehe ich als frisch- Ich habe es wirklich ausnahmslos mit genügend Schlaf bekam. Zum Glück fühl-
gebackene Kindergärtnerin vor einer freundlichen Eltern zu tun. te ich mich bereits in der zweiten Woche
1. Kindergartenklasse in Benglen (Schul- Das Unterrichten bereitet mir keine bedeutend fitter.
gemeinde Fällanden). Zu meiner Über grossen Schwierigkeiten, ich fühlte mich Ich bin froh, dass ich auf die Unter-
raschung verlief der erste Tag ohne Zwi- auch grundsätzlich gut vorbereitet. Die stützung einer Fachbegleiterin zählen
schenfälle. Die Kinder waren fröhlich und Ausbildung an der Pädagogischen Hoch- kann. Die Kindergärtnerin arbeitet aller-
voller Erwartungen. Damit hatte ich nach schule Zürich war sehr nah am Berufsall- dings nicht in Benglen, sondern etwas
meinem Praktikum im vorigen Jahr nicht tag. Regelmässig hatten wir Gelegenheit, entfernt in Pfaffhausen. Habe ich Fragen
gerechnet, denn damals hatte ich ein sehr das Gelernte im Rahmen von Kindergar- oder organisatorische Probleme, kontak-
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Fokus
schwieriges Kind in der Klasse, das tenpraktika zu erproben. Doch natürlich tiere ich sie, fixe Besprechungstermine
schliesslich prompt ein Jahr zurückgestuft probierte ich zunächst sehr viele Dinge haben wir nicht. An den Besuchsnachmit-
werden musste. Ich befürchtete, an mei- aus, ich wusste ja nicht, was im Unterricht tag vor den Sommerferien begleitete sie
nem ersten Tag in Benglen müsse etwas und mit dieser Klasse funktionierte. Sobald mich, das gab mir emotionalen Halt. Sie
Ähnliches passieren. Zum Beispiel, dass ich die Kinder jedoch besser kannte und wird mich auch gelegentlich im Unter-
ein Kind einen Weinkrampf bekommen sie mich, wurde es einfacher, ich gewann richt besuchen, ebenso die Schulleiterin.
oder unablässig schreien würde und alle ja auch an Sicherheit. Vor Kurzem passierte In Benglen haben wir drei Kindergarten-
Aufmerksamkeit auf sich ziehen würde. es mir, dass ich Unterlagen, die ich vor klassen. Eine meiner dortigen Arbeits
Das wäre für mich sehr schwierig gewesen. bereitet hatte, zu Hause vergass. Das kolleginnen ist zugleich ‹Gotte› von mir,
Zu meiner grossen Erleichterung geschah brachte mich aber nicht aus dem Konzept, wenn ich eine kurze Frage habe, gehe ich
aber nichts dergleichen. Selbst beim Ab- im Gegenteil gelang es mir gut, spontan zu ihr. Zum Glück erinnert sie mich aber
schied von den Eltern floss keine einzige auf ein anderes Thema zu schwenken. auch an wichtige administrative Dinge,
Träne! Überhaupt bin froh, dass der Kon- Es gibt aber Dinge, bei denen ich noch zum Beispiel an Formulare, die ich abge-
takt zu den Eltern bis jetzt reibungslos etwas hinterherhinke. Während der Aus- ben muss.»
13Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Fokus
Als Fachbegleiter möchte
Gerhard Meier den
erfolgreichen Berufs-
einstieg neuer Lehr-
personen unterstützen.
14
Regelmässige Gespräche
sind dafür wichtig.Ruhig ist es an diesem frühen Mittwoch- Fachbegleitung
Erfahrungs-
nachmittag in Weiach am nördlichsten
Zipfel des Zürcher Unterlandes. Die Sonne
treibt die Temperaturen auf hochsommer-
schatz hilft mehr
liche Werte, obschon der Kalender bereits
Mitte September anzeigt. Im Dorfkern der
knapp 1400 Einwohner zählenden Gemein-
als Bücher
de steht das Primarschulhaus Hofwies –
bordeauxrote Metallfassade, ungleichsei-
tiges Giebeldach in derselben Farbe. Bis
vor den Sommerferien gingen hier 100 Kin-
der in Mehrjahrgangsklassen zur Schule, Berufseinsteigerinnen und -einsteiger
seit Beginn dieses Schuljahrs sind es 170
in sechs Jahrgangsklassen. Dies, weil man an der Volksschule werden in den
in Weiach die Schülerinnen und Schüler
der angrenzenden Aargauer Gemeinden
ersten zwei Jahren von einem Fach
Fisibach und Kaiserstuhl aufgenommen begleiter unterstützt. Wie sieht diese
hat, nachdem die dortigen Primarschulen
geschlossen worden waren. Begleitung konkret aus?
Aufgrund dieser Vergrösserung zählt
Text: Jacqueline Olivier
das Hofwies-Team, zu dem auch die Kin-
dergärtnerinnen gehören, nun vier Lehr-
personen mehr – allesamt Berufseinstei-
gerinnen. Eine von ihnen ist Annamaria
Gartmann, die ihre Erfahrungen der ersten
Schulwochen folgendermassen zusam- hauskultur und des Schulprogramms. Der spräche im Sinne einer Zwischenbilanz
menfasst: «Gleich zu Beginn sind ganz Lehrer der 4. Klasse unterstützt deshalb stattfinden. Im zweiten folgt ein weiterer
viele neue Eindrücke auf mich eingepras- als sogenannter Fachbegleiter Annamaria Unterrichtsbesuch und gegen Ende ein
selt und es gibt viel zu organisieren, zum Gartmann und die drei weiteren neuen Schlussgespräch. Darüber hinaus ist der
Beispiel musste ich gleich in der ersten Lehrpersonen an der Schule. Ausserdem Fachbegleiter Ansprechperson bei Fragen
Schulwoche den ersten Quintalsbrief an noch eine Kollegin, die bereits im zweiten und Unsicherheiten, fragt auch selber
die Eltern schreiben und verschicken.» Jahr ihrer Berufskarriere steht. immer wieder nach, wie die junge Lehr-
Als Erleichterung empfindet es die Jung- person zurechtkommt, führt diese ins
lehrerin, dass sie gleich mit der 1. Klasse Viel persönliches Engagement Team ein, bespricht mit ihr Prüfungs
starten konnte; in dieser ist auch für die Die Fachbegleitung ist der tragende Pfei- vorbereitungen, Benotungen und so wei-
Kinder und die Eltern alles neu. Auch dass ler der Berufseinführung, welche die Päd- ter. Um diese verantwortungsvolle Auf
in ihrem Klassenzimmer eine erfahrene agogische Hochschule Zürich (PHZH) im gabe wahrnehmen zu können, absolvieren
ehemalige Kindergärtnerin als IF-Lehr- Auftrag der Bildungsdirektion seit 2003 Fachbegleiterinnen und Fachbegleiter an
person mitarbeitet (Integrierte Förderung), anbietet. Nicht mehr als drei Lehrper zehn Halbtagen eine Weiterbildung an
schätzt sie sehr. «Sie gibt mir jeweils bei sonen gleichzeitig sollte ein Fachbegleiter der PHZH.
der Vorbereitung der Lektionen Anregun- betreuen, denn seine Aufgabe erfordert Mit den fünf Berufseinsteigerinnen,
gen und Tipps.» Zeit und persönliches Engagement, vor die er aktuell begleitet, kann Gerhard
Der Einstieg in den Lehrberuf sei intensiv, allem im ersten Jahr. In diesem müssen Meier die vorgeschriebenen Abläufe nicht
die Belastung hoch, weiss Kollege Ger- nach einem Erstgespräch zwei Unter- einhalten. Er hat deshalb mit der PHZH
hard Meier, hinzu komme die Integrierung richtsbesuche mit anschliessendem Re- eine Sonderregelung vereinbart: Anstelle
in das Team, das Kennenlernen der Schul- flexionsgespräch sowie zwei Standortge- der Standortgespräche führt er mit seinen
fünf Kolleginnen fünf Supervisionen
durch – gemeinsame Gesprächsrunden,
Mentoring für Schulleiterinnen und Schulleiter in denen sich die Teilnehmenden aus
Seit dem Schuljahr 2015/16 bietet der Verband Schulleiterinnen und Schulleiter tauschen können. Dass er überhaupt fünf
Zürich (VSLZH) ein freiwilliges Mentoring für Berufseinsteiger an. Entwickelt Begleitungen parallel wahrnimmt, habe
wurde das Angebot in Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Hochschule sich so ergeben, erklärt der Weiacher
Zürich (PHZH), dem Volksschulamt und dem Verband der Zürcher Schulpräsi- Lehrer, zurzeit sei er der einzige an der
denten. Das Mentoring soll den Einstieg in den Beruf erleichtern und die Schule, der diese Funktion habe über
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Fokus
berufliche Entwicklung unterstützen und fördern. Die Mentees profitieren dabei nehmen können.
von den Erfahrungen langjähriger Schulleiter.
Interessierte Mentoren und Mentees können sich beim VSLZH anmelden. Auf Diverse Kurse und Beratungen
einem Formular wird ein persönliches Stärkenprofil festgehalten, Mentees 120 Lehrpersonen im Kanton Zürich
nennen zusätzlich aktuelle Spannungsfelder, Herausforderungen und Anliegen. haben während des letzten Schuljahrs die
Aufgrund dieser Angaben führt der Verband möglichst passende Tandems zu- Ausbildung zum Fachbegleiter, zur Fach-
sammen. Laut Präsidentin Sarah Knüsel ist diese Passung bisher immer gelungen. begleiterin abgeschlossen, seit Beginn
Das Mentoring dauert maximal eineinhalb Jahre und umfasst in der Regel vier waren es mehr als 1400. Gleichzeitig
bis sechs Treffen à eine bis zwei Stunden. Mentorinnen und Mentoren besuchen waren 2015/16 rund 1400 Berufseinstei-
einen eintägigen Einführungsworkshop an der PHZH sowie ein Netzwerk gende im ersten und zweiten Berufsjahr
treffen. Bisher wurden so rund 50 Schulleitungspersonen als Mentoren aus in den Schulen tätig. Diese Zahl sei in den
gebildet. Die Kosten für das Mentorat übernimmt die Schulgemeinde des Mentees. vergangenen Jahren kontinuierlich gestie-
Zurzeit läuft eine Evaluation des Angebots. [jo] gen und werde in den kommenden Jahren
www.vslzh.ch > Beruf Schulleiter > Mentoring voraussichtlich weiter steigen, sagt Bar-
15
bara Dangel, Bereichsleiterin Person undProfession an der PHZH (s. Interview).
Ihnen allen steht das vielfältige Beratungs-
«Enorm wichtig in
und Weiterbildungsangebot an der Päda- der Einstiegsphase
gogischen Hochschule zur Verfügung.
Sehr gefragt sei die dreiwöchige ist der Austausch»
Weiterbildung gegen Ende der zweijähri-
gen Berufseinstiegsphase, die den neuen
Wer neu in den Lehrberuf einsteigt,
Lehrpersonen die Möglichkeit bietet, bis- sollte sich Unterstützung nicht erst dann
lang Erfahrenes und Erlebtes zu reflektie- holen, wenn es schwierig wird, rät
ren, Weiterentwicklungsmöglichkeiten zu Barbara Dangel, Bereichsleiterin Person
eruieren und neue Inputs zu erhalten. Die
gut 35 Kurse im Angebot sind Themen ge-
und Profession an der Pädagogischen
widmet wie Beurteilung und Zeugnisse, Hochschule Zürich.
Disziplin und Klassenführung, Selbstma-
nagement oder Gesprächsführung. In der
Beratung sind sowohl Einzel- als auch
Gruppensupervisionen möglich, ebenso Warum ist aus Ihrer
fachdidaktisches Coaching oder Beratung Sicht eine engmaschige
in Krisensituationen. Begleitung von Berufs
einsteigern nötig?
Geerdeter als früher Ich bin nicht der Meinung,
Christina Bretscher ist seit mittlerweile dass eine engmaschige Beglei-
vier Jahren im Schulhaus Weiach tätig und tung nötig ist. Vielmehr sollen
wurde in den ersten zwei Jahren ebenfalls die Berufseinsteigerinnen und
von Gerhard Meier begleitet. «An der PH -einsteiger selber entscheiden
wird oft das theoretische Optimum ver- können, wie viel und welche
mittelt, zur besten Lösung kommt man Art von Unterstützung sie in
aber, wenn man in der Praxis einfach Anspruch nehmen möchten.
selber probiert», findet sie. Dabei sei die Darum ist das gesamte Angebot für Berufseinsteigende
Fachbegleitung sehr wertvoll. «Der Erfah- fakultativ – ausser die Fachbegleitung. Und auch bei dieser
rungsschatz einer Lehrperson, die schon kann der Kontakt auf die individuellen Bedürfnisse abge-
lange im Beruf steht, ist manchmal hilf stimmt und auf das vorgegebene Minimum reduziert werden.
reicher als alle Bücher.» Zurzeit bildet sie Der Austausch ist aber enorm wichtig in der Einstiegsphase.
sich zur Heilpädagogin weiter. Angefan- Indem die Berufseinsteigenden mit dem Fachbegleiter oder
gen hat sie in Weiach als Lehrerin einer den Kolleginnen und Kollegen ihr Handeln reflektieren,
Dreijahrgangsklasse. «Ich habe sehr viel können sie an ihren Erfahrungen wachsen und
gewinnen
investiert, um trotz dieser Mehrbelastung zunehmend an Sicherheit in der Ausübung ihrer Rolle.
jedes Kind zu fördern und mit den Eltern Welche Themen beschäftigen die Berufseinsteige
in Kontakt zu sein. Ich fand diese Arbeit rinnen und Berufseinsteiger vor allem?
aber sehr bereichernd und habe viel ge- Klassenführung, Zusammenarbeit mit Eltern, Beurteilung –
lernt.» Ihr damaliger Fachbegleiter nickt: diese Themen stehen immer wieder im Zentrum. Zwar haben
«Christina hat enorm viel gearbeitet, da die Lehrpersonen während der Ausbildungspraktika auch in
sah ich meine Rolle dann auch mal darin, diese Bereiche Einblicke erhalten, aber nun müssen sie
sie abends nach Hause zu schicken.» eigenverantwortlich handeln, das kann eine grosse Heraus-
Was der Lehrer, der auch schon als forderung sein.
Schulleiter tätig war, feststellt: «Heutige Was sollte eine Fachbegleiterin oder ein Fachbeglei
Berufseinsteigerinnen und Einsteiger ter für eine erfolgreiche Begleitung beherzigen?
sind geerdeter und haben weniger ro- Fachbegleiter sollten für die Berufseinsteigenden eine An-
mantische Vorstellungen vom Beruf, als sprechperson sein, die ihnen im Schulalltag niederschwellig
dies bei mir und Kollegen meiner Genera- zur Verfügung steht, ohne sich jedoch aufzudrängen, sondern
tion der Fall war.» Auch brächten die indem sie ihnen die nötige Autonomie zugesteht, um auszu-
jungen Lehrpersonen viel Wissen mit, das probieren und eigene Erfahrungen sammeln zu können. Das
sie abrufen könnten. «Meine Aufgabe ist ist manchmal eine Gratwanderung, das merken wir in den
es, dieses Wissen mit Erfahrungswerten Weiterbildungen für die Fachbegleiter – das Thema sorgt oft
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Fokus
zu verknüpfen.» für rege Diskussionen. Fachbegleiterinnen und Fachbegleiter
Allen Hürden zum Trotz: Der Einstieg sollten ihre Rolle so ausüben, dass sie die Berufseinsteigen-
in den Lehrerberuf ist primär ein positi- den in i hrer beruflichen Entwicklung unterstützen oder sogar
ver Moment. So sieht es jedenfalls Anna- fördern. Es wäre falsch, die Fachbegleitung auf praktische
maria Gartmann. «Anders als im Prakti- Tipps zu beschränken oder den Berufseinsteigenden ein-
kum bin ich von Anfang an die fach zu sagen, wie man es macht.
Autoritätsperson im Klassenzimmer und Und welchen zentralen Tipp würden Sie Berufsein
kann hier die Regeln selber aufstellen. steigenden mit auf den Weg geben?
Und ich kann sie auch wieder ändern, Dass sie den Austausch suchen – sei es mit dem Fachbegleiter,
wenn ich merke, sie bewähren sich nicht.» sei es mit Kolleginnen und Kollegen –, und zwar nicht erst,
Von Gerhard Meier erwartet sie vor allem, wenn es schwierig wird. Dass sie eine aktive Rolle einneh-
dass er ihr den Raum lässt, Dinge auszu- men, sich Unterstützung holen, ohne das Gefühl zu haben,
probieren und Erfahrungen zu sammeln. dies sei ein Zeichen von Schwäche. Vielmehr sollten sie dies
Damit sie mit der Zeit ihren eigenen Stil mit der Einstellung tun, dass es sie weiterbringt, wenn sie
16
entwickeln kann. nachfragen und sich erkundigen. [Interview: jo]Auf Annamaria Gartmann (links)
prasselten in den ersten Wochen
zahlreiche Eindrücke ein.
Für Christina Bretscher (rechts)
liegt der Berufseinstieg
bereits vier Jahre zurück.
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Fokus
Einige Stichworte zu dem,
17
was sich junge Lehrpersonen
von der Fachbegleitung erhoffen.Céline Chalverat, 26, ist Sekundar auch gestehen, dass ich eine tolle Klasse
habe, mit der es von Anfang an bestens
lehrerin in Wangen-Brüttisellen. geklappt hat. Ich konnte einfach Schule
geben. Bei einer disziplinarisch schwieri-
Vor den Sommerferien endete die gen Klasse wäre das sogenannte ‹Class-
zweijährige Zeit, in der sie von room Management› sicherlich schwieriger
gewesen. Ich hatte natürlich auch Glück.
einer Fachbegleitung unterstützt Jedenfalls fiel mir der Einstieg dadurch
bedeutend leichter.
wurde. Vor den Sommerferien habe ich eine
dreiwöchige Weiterbildung absolviert:
Workshops, Referate, Vertiefungsarbeiten
in Gruppen. Ich schätzte diesen Zwischen-
«Mittlerweile habe ich das Gefühl, ich sei Besuchen den Fokus legen sollte. Einmal halt – eine willkommene Verschnaufpause,
im Lehrberuf angekommen. Als ich vor konzentrierte er sich darauf, wie ich auf die es mir erlaubte, zusammen mit ehe-
zwei Jahren als Sekundarlehrerin anfing, die Klasse wirkte, das andere Mal beob- maligen Studienkolleginnen und -kollegen
hatte ich den Eindruck, ins kalte Wasser achtete er, wie die Schüler in einer Grup- auf die vergangenen zwei Jahre zurück
geworfen zu werden. Ich dachte: Okay, penphase arbeiteten. zublicken und zu reflektieren. Üblicher-
jetzt ist die Zimmertüre zu und du bist al- Am Anfang war der Austausch inten- weise befindest du dich als Junglehrerin
leine – mit 18 Schülern! Stets rechnete ich siver. Als Junglehrerin ist man ja mit vielen ja auf einer Art Autobahn. Ständig lernst
damit, dass jemand das Klassenzimmer Dingen im Schulhaus noch nicht vertraut. du Neues dazu und hast eigentlich kaum
betritt und mir sagt, was ich gut und was Da ist es gut zu wissen, dass jemand für Zeit, über Verbesserungen des Unter-
ich schlecht gemacht hätte. Nach all den einen da ist, an den man sich jederzeit richts nachzudenken. In der Weiterbil-
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Fokus
Praktika war es schon seltsam, plötzlich wenden kann, ohne ein schlechtes Gewis- dung habe ich wertvolle fachliche und
die Verantwortung für eine Klasse tragen sen zu haben. Mir hat das viel gebracht. methodische Tipps erhalten. Zum Beispiel,
zu müssen, zu planen, aber auch tun und Optimal schiene mir, wenn der Fach wie ich IF-Lehrpersonen (Integrierte För-
lassen zu dürfen, was ich für richtig hielt. begleiter eine Klasse desselben Jahrgangs derung) gewinnbringender im Unterricht
Ich profitierte damals sehr von meinem betreuen würde und zur selben Zeit mit einsetzen kann.»
Fachbegleiter, einem erfahrenen Lehrer- den gleichen Fragen beschäftigt wäre. Die Zeit der Fachbegleitung ist seit den
kollegen. Mit ihm traf ich mich damals Leider war das in meinem Fall nicht so. Sommerferien vorbei. Nun bin ich also tat-
regelmässig zum Austausch, wobei er oft Am meisten brachte mir die Unterstüt- sächlich vollkommen alleine unterwegs.
die Initiative ergriff. Wir besprachen uns zung bei den schulinternen Abläufen, den Ich merke allerdings gar keinen grossen
zum Beispiel vor dem ersten Elternabend, kleinen, vor allem administrativen Dingen Unterschied zu vorher. Die Betreuung war
vor dem ersten Klassenlager, auch bot er des Alltags: Sitzungen, die Planung von ja vor allem am Anfang intensiv, nahm
mir wiederholt an, bei mir auf Schul Elternabenden, Schulsilvestern und so dann aber sukzessive ab. Den Austausch
besuch zu kommen. Gut war, dass ich je- weiter. Bei fachlichen Fragen brauchte ich mit meinem ehemaligen Fachbegleiter
weils wählen konnte, worauf er bei seinen die Begleitung weniger, ich muss aber pflege und schätze ich aber weiterhin.»
18Lehrerinnen und Lehrer, die an der Kan- Mentoring und Coaching
Jeder Schule
tonsschule Zürcher Oberland (KZO) in den
Beruf einsteigen, werden bereits vor den
Sommerferien durch ihren Mentor oder
ihr Konzept
ihre Mentorin kontaktiert. Es gehe dabei
um das «Aufschliessen der Schatztruhen
der Schule», heisst es im Konzept. Das
Mentorat, das ein Semester lang dauert,
dient aber nicht nur der Begleitung und
Unterstützung der jungen Kolleginnen und
An Mittel- und Berufsfachschulen
Kollegen, sondern ebenso deren Beurtei- werden Berufseinsteigende in der
lung im Hinblick darauf, ob sie für eine un-
befristete Anstellung geeignet sind. Regel von einem Mentor oder einem
Rektor Martin Zimmermann ist be-
wusst, dass eine solche Doppelrolle des
Coach begleitet. Allerdings
Mentors einen Spagat darstellt. Entspre- unterscheiden sich die Modelle.
chend lange habe man im Konvent darü-
ber diskutiert, als vor rund zehn Jahren das Text: Jacqueline Olivier
Konzept erarbeitet wurde. Ein Mentoring
gab es an der Schule zwar schon lange, da-
mals habe der Fokus aber klar auf der Beur-
teilung gelegen. «So, wie wir es jetzt machen, tensiven Zusammenarbeit im Fachschafts- Zahl der Lernenden verfünffacht. Parallel
dient es beiden Seiten und ist auch für die kollegium.» dazu mussten auch mehr Lehrpersonen
mentorierte Person transparent.» Das Problem der Doppelrolle entfällt, eingestellt werden. Diese hatten teilweise
Dass der Mentor eine Leistungsbeur- wenn die Schule die Begleitung von Berufs- zwar Erfahrungen als Berufsbildner im
teilung zuhanden der Schulleitung abgibt, einsteigern an Fachleute überantwortet. Betrieb, waren aber noch nie vor einer
ist an diversen Mittelschulen Usus, so An der Kantonsschule Zürcher Unterland Klasse gestanden. Wie Ursula Kundert, Ab-
auch an der Kantonsschule Enge. Jasmin (KZU) etwa werden Berufseinsteigende teilungsleiterin Soziale Berufe, erzählt, gab
Andermatt, die an der Schule unterrichtet seit einigen Jahren von einem externen dies den Anstoss, ein umfassendes Konzept
und für das Mentoring zuständig ist, meint Spezialisten für Beratung, Trainings- und zu erstellen. Basierend auf zehn obligatori-
dazu: Die Haltung des Mentors sei grund- Organisationsfragen betreut. Zwischen schen Modulen werden Berufseinsteigende
sätzlich eine wohlwollende, es gehe nicht Oktober und März des ersten Berufsjahrs nun von den jeweils für ein Modul verant-
darum, jeden Fehler aufzulisten. finden jeweils vier Settings à zwei Stun- wortlichen Personen beispielsweise in die
den statt. Wie Rektor Roland Lüthi betont, Schulorganisation, die Administration, die
Begleitung auf Augenhöhe ist die Teilnahme am Coaching zwar nicht Mediothek oder das Qualitätsmanagement
Etwas anders sieht dies Anita Pfau vom obligatorisch, vonseiten der Schulleitung eingeführt. Ein zentrales Modul bildet ein
Institut für Erziehungswissenschaft, Ab- jedoch erwünscht. zweitägiger Crashkurs im Unterrichten. Pa-
teilung Lehrerinnen- und Lehrerbildung rallel dazu wird jeder Berufseinsteiger von
Maturitätsschulen, an der Universität Zü- Ohne Erfahrung vor die Klasse einem Mentor im Berufsalltag unterstützt.
rich. Sie hat vor ein paar Jahren das Projekt Speziell gestaltet sich der Berufseinstieg Auch an der Berufsschule Rüti setzt
zur Berufseinführung an Zürcher Mittel- an den Berufsfachschulen. Berufsschul- man seit fünf Jahren auf zwei Pfeiler. Neben
schulen geleitet, in dessen Rahmen das lehrpersonen absolvieren ihre Ausbildung dem Mentor, der die Berufseinsteigenden
Modell des Kooperativen Mentorats ent- an der Pädagogischen Hochschule Zürich in pädagogischen und methodisch-didak-
wickelt wurde (s. Kasten). «Es sollte nicht (PHZH) berufsbegleitend. Zwar ist es mög- tischen Belangen berät, geht es im Ein-
die Aufgabe des Mentors sein, Beurteilun- lich, Grundlagenmodule bereits vor Stellen- trittscoaching darum, zu einer eigenen
gen abzugeben, die von der Schulleitung antritt zu belegen, aber nicht Pflicht. Was Haltung zur Klassenführung zu finden.
zum Beispiel als eine Entscheidungsgrund- dies bedeutet, hat man an der Berufsfach- Der Weg dorthin führt über das eigene
lage für die weitere Anstellung der Jung- schule Winterthur erlebt, als 2006 an der Disziplinverständnis und Führungsver-
lehrperson genutzt werden», erklärt sie. Schule die neue Berufsgruppe Fachange- halten. Die Umsetzung wird in einem zwei-
«Ein Mentorat sollte eine Begleitung auf stellte Betreuung eröffnet wurde. Inner- ten Schritt thematisiert. Prorektorin Janine
Augenhöhe sein und der Beginn einer in- halb der ersten zehn Jahre hat sich die Allimann hat für ein solches Coaching eine
Weiterbildung in systemischer Beratung
durchlaufen. «Klassenführung ist das bren-
Kooperatives Mentorat für Mittelschulen nende Thema für Berufseinsteiger», sagt
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Fokus
Angeregt durch die Schulleiterkonferenz der Zürcher Mittelschulen (SLK) und sie, «dank des Coachings sind sie besser
im Auftrag der Bildungsdirektion hat das Institut für Erziehungswissenschaft gewappnet gegen schwierige Situationen.»
der Universität Zürich das Modell des Kooperativen Mentorings konzipiert. Im Gleichzeitig sei es eine Präventionsmass-
Zentrum dieses Modells stehen ein kollegiales Unterrichtscoaching sowie eine nahme, denn Burnouts seien meist eine
intensive Zusammenarbeit zwischen Mentor und Mentee bei der Bearbeitung Folge von Schwierigkeiten in der Klasse.
ausgewählter Entwicklungsschwerpunkte. An der PHZH unterstützt man solche
Mentoren und Mentees waren in die Erarbeitung des Modells involviert, Ver Bemühungen der Berufsfachschulen. Zum
treter der SLK sowie des Amts für Mittelschulen und Berufsbildung bildeten Beispiel mit einem Erfahrungsaustausch
die Begleitgruppe. Informationen sind auf der Website des Instituts abrufbar. für Mentorinnen und Mentoren sowie
Zu diesem freiwilligen Angebot gehören ausserdem eine Weiterbildung für einer jährlichen Tagung für Praktikums-
Mentoren sowie Weiterbildungskurse für Lehrpersonen, die sich in ihren ersten lehrpersonen, Mentoren und Verantwort-
Berufsjahren befinden. [jo] liche der Qualitätssicherung.
www.ife.uzh.ch > Lehrdiplom für Maturitätsschulen > Berufseinführung an
Maturitätsschulen www.phzh.ch > Weiterbildung >
Weiterbildung für Berufsfachschulen >
19
Beratung und Coachingnach Jahren, als die Lehrbeauftragten auf
Jürg Pleiss, 55, ist seit 1994 dem Verordnungsweg zu ‹Mittelschul
Geschichtslehrer in Küsnacht. An lehrpersonen ohne besondere Aufgaben›
gemacht wurden. Ab diesem Zeitpunkt
den Berufseinstieg denkt er fanden Beurteilungen statt.
mit gemischten Gefühlen zurück.
Heute gibt es in Küsnacht ein schul
internes Mentoratsreglement, jedem Ein-
steiger wird eine Lehrperson zugewiesen.
Wie intensiv die Unterstützung durch den
Mentor oder die Mentorin ist, ist aller-
«Mein Berufseinstieg war etwas holpriger rale Rolle. Er hatte mich schon während dings von Fall zu Fall unterschiedlich.
als bei anderen Kollegen. Es dauerte lange, meines grossen Fachpraktikums betreut Zudem spielt die Fachschaft Geschichte
bis ich richtig Fuss gefasst hatte. Während und wusste deshalb, was bei mir gut läuft weiterhin eine wichtige Rolle. In Küs-
der ersten zehn Jahre als Geschichtsleh- und was weniger. Von ihm bekam ich viel nacht bemühen wir uns um eine Kultur
rer war ich nicht gewählt, hatte lediglich Unterrichtsmaterial, in erster Linie war gegenseitiger Unterstützung, auch in
einen Status als Lehrbeauftragter und seine Unterstützung aber moralischer Art: Unterrichtsfragen. Die Mitglieder der
schlug mich mit kleineren Pensen in Küs- Er war Anlaufstelle bei Problemen, gleich- Fachschaft sitzen einmal pro Quartal zu-
Schulblatt Kanton Zürich 6/2016 Fokus
nacht und am Gymnasium Unterstrass in zeitig auch Klagemauer. Dass er mir sammen, auch wenn es nichts Dringendes
Zürich durch. In den 1990er-Jahren gab es gegenüber nicht als allwissender Guru
zu besprechen gibt. Dies ist immer mit
keine institutionalisierte Fachbegleitung. auftrat, tat mir als Anfänger besonders einem gemeinsamen Essen verbunden.
Alles geschah auf informellem Weg, ein gut. So erzählte er mir nicht nur von tollen Diese Kultur existierte schon, als ich hier
Mentorat existierte ebenfalls nicht. Ich Lektionen, die er gegeben hatte, sondern anfing.
kam damals frisch von der Uni, wo ich, genauso, was ihm in der Vergangenheit al- Ich denke mit gemischten Gefühlen
von der Fachdidaktik einmal abgesehen, les misslungen war. Dass er gar nicht erst an den Einstieg zurück. Einerseits war das
eine ziemlich rudimentäre Gymilehrer- versuchte, den Eindruck zu erwecken, Umfeld in Küsnacht gut, ja familiär, das
ausbildung absolviert hatte. Und so wurde dass bei ihm alles geschliffen sei und rund erleichterte mir den Start, selbst wenn ich
ich einfach in den Schulalltag hineinge- laufe, empfand ich nicht nur als sehr die Situation als unorganisiert empfand.
stellt, wo es dann an mir war, schwimmen wohltuend, daraus habe ich auch Kraft Anderseits hatte ich persönlich zunächst
zu lernen. geschöpft. Ein ernsthaftes Controlling der Mühe mit der Lehrerrolle. Ich brauchte
Für mich spielte der damalige Vorste- Schulleitung existierte in dieser Anfangs- eine gewisse Zeit, bis ich mich daran
her der Fachschaft Geschichte eine zent- zeit auch nicht. Dies änderte sich erst gewöhnte.»
20Sie können auch lesen