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02.2020
24. Jahrgang 2020
German Council of Shopping Places
ISSN 1614-7804
Impulse, Trends und Informationen für Handel, Städte,
Immobilienwirtschaft und Omnichannel-Marktplätze
ZUVERSICHT
INTERVIEW
»Der Dialog mit einem systemischen
Rivalen ist kein Deckchen-Sticken«
Reinhard Bütikofer, grüner Europa-
Abgeordneter und China-Experte, über die
Neuausrichtung europäischer China-Politik
GCSP-INSIGHT
Wir sind zuversichtlich!
Eine aktuelle Umfrage unter GCSP-Mitgliedern
offenbart, dass die Mehrheit der Unternehmer
der Zukunft positiv entgegen sieht. Nur Banken
und Einzelhändler sind zurückhaltend
INTERVIEW
»Ein bisschen ökologische Fassade
reicht mit mehr aus«
Christine Schäfer, Autorin der GDI-Studie
»Globale Konsumproteste«, über verändertes
Konsumverhalten und die Notwendigkeit von
Unternehmen, sich vom reinen Profitgedanken
zu verabschiedenD DABEI!
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an Council of Shop
Liebe Leserinnen und Leser,
erinnern Sie sich noch? Im Januar auf der Als ehrenamtlich tätiger Vorstand haben Wir im Vorstand und unsere Bevoll-
REBOOT in Berlin war es vereinzelt schon wir uns die Aufgaben geteilt und parallel mächtigten sind überzeugt, dass wir es
ein Diskussionsthema, dann trafen erste das bestehende Geschäftsmodell unseres gemeinsam schaffen. Deutschland ist bis-
Nachrichten im Vorfeld der Euro Shop Verbandes intensiv auf den Prüfstand ge- lang im weltweiten Vergleich relativ si-
Messe ein, dass die »Chinesen nicht kom- stellt. Grundlage war und ist die Erkennt- cher durch die Krise gekommen und hat
men« und nur wenig später war Europa, nis, dass – beschleunigt durch die Corona- sich insbesondere in der schweren See
Deutschland und am Ende die ganze Welt Krise – Reformen notwendig sind, welche der globalen Spannungen und Verände-
im Corona-Stillstand. Businesspläne für die Schwerpunkte unserer Verbandsar- rungen als sicherer Hafen mit belastba-
das Jahr 2020 waren in wenigen Tagen zur beit für unsere Mitglieder nachhaltig ver- ren Prognosen hervorgetan hat.
Makulatur geworden und insbesondere ändern. Die weltweiten gesellschaftlichen
das Geschäftsmodell unserer Branche ge- und wirtschaftlichen Veränderungen ha- Dieses großartige Verdienst ist das Ergeb-
riet in ein noch nie dagewesenes Vakuum. ben zum Teil tiefgreifende Auswirkungen nis des gemeinsamen Handelns von Bür-
auf die bestehenden Geschäftsmodelle un- gern, Politik und Unternehmen. Wir alle
Heute, sechs Monate später, blicken wir terschiedlichster Branchen, sei es eigentü- haben gelernt, dass es in Zukunft noch
auf eine beispiellose Zeit zurück. Noch nie mer-, betreiber- oder mieterseits – und mehr auf das gemeinsame Handeln an-
war die ganze Welt gemeinsam so betrof- eben auch auf der Verbandsebene. kommen wird. Dies gilt besonders vor
fen. Berichte von Erkrankten mit schwe- dem Hintergrund des europäischen Ge-
rem Verlauf machen eines deutlich: Es ist Es zeichnet sich leider ab, dass das Virus dankens, aber auch für jeden Einzelnen,
eben keine gewöhnlich Grippe. zu einer Art »Dauerwelle« wird, mit ent- der sich als Teil des Ganzen, vielleicht auch
sprechenden Folgen für den Event- und neu definieren muss. Die daraus resultie-
Wir haben als German Council of Shop- Networkbereich. Wir sind somit quasi renden Veränderungen sind der Nährbo-
ping Places von der ersten Stunde an alles gezwungen, völlig neu zu denken und uns den für unsere gemeinsame Zukunft.
daran gesetzt, die Krise aktiv zu managen entsprechend aufzustellen. Respekt und
und unsere Mitglieder bei den ungeahnten Demut, gepaart mit einem gesunden Op- Unser Engagement für den German
Herausforderungen zu unterstützen. He timismus, geben uns den Weg vor in ein Council of Shopping Places, für lebendi-
rausgekommen ist bis heute Einzigartiges: neues Zeitalter – auch wir werden zu- ge Marktplätze, war noch nie so wichtig
Angefangen mit regelmäßigen Corona künftig mehr als einen »Kanal« bedienen wie jetzt. Bleiben wir dran!
Summarys haben wir mit dem Muster- und das ist gut so.
handbuch zu Hygiene-Sicherheitsmaß-
nahmen nicht nur Handlungsempfehlun-
gen, sondern Entscheidungshilfen heraus-
gegeben, die mittlerweile europaweit An- Der Vorstand des GCSP
wendung finden. Mit dem Code of Con-
duct haben wir Maßstäbe gesetzt, die so-
wohl in der Verbandslandschaft als auch
»an der Front« Vergleichbares suchen.
Denn so stellen wir uns die Zukunft unse-
res GCSP vor: zielgenau, tatkräftig und
praxisnah! Christine Hager Harald Ortner Markus TrojanskyGERMAN COUNCIL . INHALT
© European Union 2019 – EP / Emilie Gomez
© imago images / IPON
04 Titelthema Zuversicht 22 Interview mit Reinhard Bütikofer
german council interview
01 Vorwort 22 »Der Dialog mit einem systemischen Rivalen ist kein
Deckchen-Sticken«. Reinhard Bütikofer, grüner Europa-
zuversicht abgeordneter und China-Experte über den Zusammenhalt
04 Titelthema Zuversicht. Die Corona-Pandemie fordert uns alle der Europäischen Union und die Neuausrichtung der EU-
heraus, unser Handeln und Streben zu überdenken. Das gilt in China-Politik
besonderem Maße für den Einzelhandel 26 »Je solider die Datenbasis, desto fundierter können wir über
06 Best Performer in der Corona-Krise. Sex, Bytes and Video mögliche Mietanpassungen verhandeln«. Lars Jähnichen, IPH
08 Digital vernetzt, vor Ort verwurzelt. Mit »shopdaheim.de« haben Handelsimmobilien GmbH & IPH Centermanagement GmbH,
die Thalia Mayersche und Osiander eine Einkaufsplattform ins über Schicksalsgemeinschaften, den Exit aus der Abwärtsspirale
Leben gerufen, auf der sich immer mehr Händler vernetzen und warum es nicht sinnvoll ist, sich ausschließlich an Umsatz-
10 Mit Volldampf in die digital-stationäre Zukunft. In Corona-Zeiten verlusten zu orientieren
ist der Mitarbeiter ein zentraler Wettbewerbsaspekt im Lebens- 28 »Die Globalisierung ist nicht revidierbar«. Dem Konjunktur-
mittelhandel geworden einbruch durch die Corona-Krise werde ein starker Wirtschafts-
12 Gemeinsam durch die Not. In Südtirol haben sich schon sehr aufschwung in der zweiten Hälfte dieses Jahres und in 2021
früh Firmen, Banken und Verbände zusammengeschlossen, um folgen, so der Ökonom Folker Hellmeyer. Profitieren wird
wieder Schwung in die Wirtschaft zu bringen davon auch der stationäre Handel: »Viele Menschen wollen
16 Alibaba und das Reich der Mitte. China hat die Corona-Krise wieder physisch einkaufen.«
bereits abgeschüttelt und startet wirtschaftlich wieder durch
impressum
herausgeber redaktionsteam bezug verlag druck Nachdruck oder sonstige
German Council of Richard Haimann, Mitglieder des GCSP GCM-Verlag c/o Kunst- und Werbedruck, Reproduktion (auch auszugs
Shopping Places Leonore M. Lubenow Behrens und Behrens GmbH Bad Oeynhausen weise) nur mit Genehmigung
Bahnhofstraße 29 verbreitung Geschäftsführer und des Herausgebers.
D-71638 Ludwigsburg gastbeiträge Das German Council Verleger: Ingmar Behrens Das Magazin basiert auf
Telefon 07141.38 80 83 Oliverio Gomes Magazin hat eine Dorfstraße 64 Informationen, die wir als Mediadaten und weitere
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Christine Hager pexels.com Die Redaktion behält sich die August 2020
Kürzung eingesandter
chefredaktion GCM 2020 supporter Manuskripte vor. das nächste german
Susanne Osadnik Erfüllungsort und Gerichts- council magazin
(v.i.S.d.P.) stand ist Hamburg. erscheint im oktober 2020.
2 GCM 2/2020GERMAN COUNCIL . INHALT
© ZUMA Press, Inc. / Alamy Stock Foto
© pexels – pixabay.com / GCSP
44 Mehr Mut, mehr Kreativität 50 Engagiert. Beispiellos. Nützlich.
35 »Der Handel muss in sein digitales Angebot investieren«. 46 Ringen um die Finanzierung. Banken schauen vorsichtig auf
Alexander Otto, Chef und Miteigentümer des Shoppingmall- Retailobjekte und Shopping Center. Bei Refinanzierungen müssen
Betreibers ECE, über die größten Herausforderungen der nahen Bestandhalter mit höheren Zinsen und Eigenkapitalnachschüssen
Zukunft, die Chancen kleiner Center mit Nahversorgungscharakter kalkulieren
und die Wichtigkeit partnerschaftlicher Online-Plattformen 48 Komplett umdenken, beträchtlich umbauen. Shopping Center
36 »Wir bestimmen nicht die Musikrichtung, sondern schaffen müssen schnell neue Wege beschreiten, um ihr Überleben zu
das perfekte Klangambiente«. sichern
Gunnar Kron, Musikproduzent und Komponist über Klangfarben
in Shopping Centern, »falsche« Musik und der akustischen Über- insight
legenheit des stationären Handels 50 Engagiert. Beispiellos. Nützlich. Der German Council of
38 »Das Corona-Virus ist leicht zu knacken«. Shopping Places hat schon früh nützliche Maßnahmen entwickelt,
Marcell Engel, Gründer und Geschäftsführer von AKUT SOS um dem Einzelhandel in diesen Zeiten beiseite zu stehen
CLEAN, einem Unternehmen, das sich ganz in den Dienst von 53 Perfekt vorbereitet. Das neue Online-Krisenkommunikations-
Tatortreinigung, Desinfektion und Schädlingsbekämpfung gestellt training des GCSP
hat. Auch in Corona-Zeiten 54 Wir sind zuversichtlich! Eine aktuelle Umfrage unter GCSP-
40 »Ein bisschen ökologische Fassade reicht einfach nicht mehr Mitgliedern offenbart, dass die Mehrheit der Unternehmer
aus ...«. Christine Schäfer vom DGI über verändertes Konsum- positiv in die Zukunft sieht
verhalten und die Notwendigkeit von Unternehmen, sich vom 58 German Council of Shopping Places. Wir über uns
reinen Profitgedanken zu verabschieden
marktplatz-advertorial
vor ort 60 First Christmas: Riesenerfolg bei Dodenhof Posthausen
31 3 Places, 5 Topics, 1 Community. Die German Council
Konferenz in außergewöhnlichen Zeiten. Unbedingt den news
10. September vormerken und dabei sein: in Berlin, in 63 Wasser aus Mannheim für die Welt. Im Mannheimer Einkaufs-
Frankfurt oder in Düsseldorf zentrum Q6Q7 steht die erste »WIR«-Refill-Station für Trink-
wasser
handel und immobilien
42 Shopping in der »neuen Normalität«. Einzelhändler und
Mall-Betreiber verfolgen ein gemeinsames Ziel: Kunden zum
Shoppen zu bewegen. Das ist schwierig, weil viele Menschen ›Der eine fragt: Was kommt danach?
Sorge vor Ansteckung haben Der andere fragt nur: Ist es recht?
44 Mehr Mut, mehr Kreativität. Gravierende Veränderungen Und also unterscheidet sich
erwarten Center-Betreiber und Mieter gleichermaßen. Vor allem
Der Freie von dem Knecht.‹
die schwer angeschlagene Modebranche wird den Wandel
beschleunigen Theodor Storm (1817–1888 ),
deutscher Schriftsteller und Lyriker
GCM 2/2020 3GERMAN COUNCIL . ZUVERSICHT
Realistisch einschätzen, All dies, während unsere Wirtschaft auf-
Talfahrt ging: Die Prognosen einer bevor-
stehenden Rezession wurden stetig nach
zuversichtlich handeln oben korrigiert – und verunsicherten nicht
nur die Deutschen. Anfangs schätzte die
EU-Kommission, dass das Bruttoinland-
Die Corona-Pandemie fordert uns alle heraus, unser Handeln und produkt (BIP) in der EU 2020 um 1 Pro-
Streben zu überdenken. Das gilt in besonderem Maße für den Einzel- zent schrumpfen werde. Dann war von
handel, der zwar schwer getroffen wurde, aber auch gezeigt hat, dass mindestens 4 Prozent die Rede – wenn
er Kampfgeist besitzt, solidarisch sein kann und über enorme Kräfte man davon ausgehe, dass die Gesundheits-
krise sich bis Anfang Juni oder noch länger
verfügt. Immer mehr Händlern ist in diesen außergewöhnlichen
hinziehe. Inzwischen liegt die Prognose für
Zeiten bewusst geworden, wie wichtig die Verbindung zwischen den Euro-Raum bei einem Minus von 8,7
stationärem Handel und Online-Präsenz ist. Und dass beides kein Prozent; hierzulande soll die Wirtschaft in
Widerspruch ist, sondern eine sinnvolle Symbiose sein kann diesem Jahr um 6,3 Prozent sinken, aber
im kommenden Jahr wieder um 5,3 Pro-
zent sinken. Dass es nicht noch schlimmer
komme, habe Deutschland seinem ambiti-
Im Januar dieses Jahres schien Corona terkäufe, Mietausfälle, Kurzarbeit, Home onierten Konjunkturpaket zu verdanken,
noch weit weg zu sein. Selbst unsere Spit- office, verzweifelte Einzelhändler, Gast- lobte jüngst der EU-Wirtschaftskommissar
zenpolitiker sahen nicht, was da auf uns ronomen, Hoteliers, Konzertbetreiber, Paolo Gentiloni. Auch der Internationale
zurollte, obwohl sie zumindest theore- Künstler … Die schlechten Nachrichten Währungsfonds traut Deutschland eine
tisch weit besser informiert waren als der überboten sich im Stundentakt; die Zahl schnelle kräftige Erholung zu, die auf die
Rest der Bevölkerung. Noch Ende Febru- der Experten zu Gesundheits- und Wirt- gute Krisen-Reaktion der vergangenen
ar bewertete das Robert Koch-Institut schaftsfragen stieg in rasante Höhe. Monate zurückzuführen sei.
(RKI) das Risiko einer Covid-19-Pande- Kaum jemand, der nicht allabendlich ge-
mie für die Bevölkerung in Deutschland bannt auf die jüngsten Infektionsziffern Staatliche Unterstützung, private
als »gering bis mäßig«. Das änderte sich, starrte, die in unzähligen Sondersendun- Kooperationen
nachdem die Infektionszahlen nach Kar- gen über den Bildschirm flimmerten und
nevalsfeiern und Skiurlaub in Österreich dem alten Medium Fernsehen enorme Tatsächlich haben Bundesregierung und
rasant anstiegen. Mitte März galt das Ri- Aufmerksamkeit bescherten. Wir lern- Parlament schon früh das größte Hilfspa-
siko als »hoch«; mit dem 16. März für ten, welche Branchen systemrelevant ket auf den Weg gebracht, das die Nation
Risikogruppen als »sehr hoch«. Und sind, was Aerosole sind, wie man Mas- bislang gesehen hat: Der Umfang der
dann ging es ganz schnell: Lockdown, ken richtig trägt und was eine Repro- haushaltswirksamen Maßnahmen beträgt
Isolation, geschlossene Geschäfte, Hams- duktionszahl ist. insgesamt 353,3 Milliarden Euro und der
Umfang der Garantien insgesamt 819,7
Milliarden Euro. Doch kann das nicht da-
rüber hinwegtäuschen, dass sich ganze
© Twitter
Branchen weiterhin in ihrer Existenz be-
droht sehen. Vor allem der Einzelhandel
hat während des Lockdowns schwer ge-
litten. Über Nacht sanken Umsätze auf
Null, monatliche Ausgaben für Personal,
Mieten und Unterhaltung in vier-, fünf-
oder sogar sechsstelliger Höhe liefen wei-
ter. Die für das Frühjahr georderte Ware
belief sich auf fünfstellige Anschaffungs-
und Lagerkosten, konnte aber jetzt nicht
mehr zu den ursprünglich geplanten Prei-
sen verkauft werden. Doch in den Stun-
den größter Not bewiesen die Einzelhänd-
ler auch enormen Kampfgeist und mobili-
sierten Kräfte, von denen sie selbst nicht
mal ahnten, dass sie in ihnen schlummer-
ten. Binnen kürzester Zeit entstanden
Die Schlacht vom Aldi, 2020 nach Chr., anonyme Volkskunst Vermarktungsideen, neue Vertriebswege
4 GCM 2/2020GERMAN COUNCIL . ZUVERSICHT
© imago images / Christian Spicker
Pressekonferenz mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Markus Söder (Ministerpräsident des Freistaates Bayern, CSU) und Peter Tschentscher (Erster Bürgermeister
der Hansestadt Hamburg, SPD)
und Kooperationen, die es unter norma- onäre Händler bekamen Zugang zu einer Überall, Land auf, Land ab, fanden sich
len Umständen niemals gegeben hätte – Plattform, auf der sie ihre Warenbestän- in den vergangenen Monaten kleine und
und die heute, sechs Monate später, den de hochladen und etwa durch Taxen, große Initiativen. Da gab es kreative An-
Weg in die Zukunft weisen. Lieferdienste, Getränkelieferanten und sätze wie die der Fleischerei Meissmer im
andere regionale Logistikdienstleister osthessischen Eiterfeld, die einen Liefer-
Bereits im März starteten Marcus Diek- versenden konnten. Inzwischen zählt die service einrichtete und »Krisenpakete«
mann, Geschäftsführer des Bocholter On- Initiative rund 2600 Mitstreiter, darunter für 7,50 Euro anbot – darin enthalten wa-
line-First-Fahrradherstellers und -händ Schwergewichte wie MediaMarkt, Sa- ren Klopapier, Nudeln und Eier. Andern-
lers Rose Bikes, der Babyfachmarktkette turn, TomTailor und Intersport, aber orts wurden Bücher per Fahrrad geliefert.
BabyOne und der Shopsoftware-Herstel- auch Handels- und Wirtschaftsverbände, Und überall stellte man fest, dass das Mit-
ler Shopware im Rahmen der Initiative Medien wie das Handelsblatt oder For- einander Mut machte. Zuversicht ist der
»Händler helfen Händlern« eine ganz schungsinstitute wie das IFH Köln und Motor, der alle antreibt und weit über
besondere Rettungsaktion. Das vorran- auch Borussia Dortmund. ihre ursprünglichen Grenzen schauen
gige Ziel war, Informationen rund um lässt. Wer hätte gedacht, dass sich große
Hilfsprogramme und -fonds von Land, Kreative Initiativen ebnen den Weg in Unternehmen auf Augenhöhe mit kleinen
Bund, EU, Banken, KfW zu teilen und die Zukunft Händlern begegnen – und das auch noch
sich über mögliche Maßnahmen wie gut finden? Ohne Pandemie hätte so man-
etwa Liquiditätsprogramme oder Steuer Andere Initiativen, die während des Lock- cher sich gar nicht in die Online-Welt ge-
erleichterungen auszutauschen. Es ging down entstanden sind – etwa support wagt – nicht nur aus Kostengründen.
schlicht und ergreifend darum, die Exis- yourlocal – bieten stationären Händlern
tenz zu sichern. Dem folgte jedoch zügig eine Plattform an, auf der sich Unterneh- Bei manchen großen Händlern hat die
ein zweiter Schritt. Die Initiatoren nann- men präsentieren und ihren Kunden Ge- Krise zum Umdenken geführt – und
ten das: »Die Schockstarre schnell über- schenkgutscheine verkaufen können. In längst fällig Pläne in die Tat umsetzen las-
winden, das Momentum nutzen, kreativ Berlin startete die Gutschein-Pattform sen. Etwa beim Bergsportspezialisten Or-
werden und Impulse für neue Business- »helfen.berlin«, hinter der mehrere Berli- tovox, der ebenso wie Salewa und Sportiva
modelle sammeln, die den Unternehmen ner Gründer stecken, unter anderem vom früh angekündigt hatte, die Kollektion für
eine Zukunft geben … Nutzt die Krise Start-up Outside Society und dem Berliner den Sommer 2021 deutlich zu kürzen. Da-
und macht sie zur Chance – gemeinsam.« Wirtschaftsnetzwerk. Auch »PayNowEat durch soll der Warendruck für die Händler
Binnen weniger Wochen wurde der Weg Later« entstand in dieser Zeit und bietet verringert werden. Außerdem wird die
zu Verkaufsmöglichkeiten geebnet, die es ein ähnliches Gutschein-System für mehre- Auslieferung der Winterkollektion um ei-
vorher für viele Händler nicht gab: Stati- re Städte an, unter anderem für Hamburg. nen Monat nach hinten verschoben. Und
GCM 2/2020 5GERMAN COUNCIL . ZUVERSICHT
zwar nicht nur in diesem Jahr. Winterware Während des Lockdowns reichte das Un- auf ihrer eigenen Webseite integrieren. Da-
von Ortovox wird auch in Zukunft nicht ternehmen 25 Prozent seiner Umsätze aus bei werden dem Kunden beim Checkout
vor dem 1. September ausgeliefert. dem Online-Shop an den lokalen Fachhan- automatisch die zehn nächstgelegenen
del weiter – und beteiligt die Händler auch Händler der Rechnungsanschrift angezeigt.
Umdenken ist das Gebot der Stunde heute noch mit 10 Prozent. »Die neu ge- Den zu unterstützenden Händler kann der
schaffene digitale Shop-Struktur wird auch Endverbraucher dann selbst wählen.
Die Sommer-Auslieferung startet dement- nach Covid-19 als technische Basis für
sprechend nicht am 1. Februar, sondern B2B-Services mit vielen Vorteilen für den
am 1. März. »Wir alle haben immer frü- Handel dienen«, so Schneidermeier. Tech- Ein Beitrag von
her ausgeliefert, gleichzeitig kommt der nisch ist das unter anderem auf Outtra zu- Susanne Osadnik,
Winter immer später. Diese Lücke ist viel rückzuführen. Das Tool ermöglicht die In- GCM-Chefredakteurin
zu groß geworden, und wir müssen mit tegration von lokalen Produktverfügbar-
den Saisonrhythmen unbedingt wieder keiten des Sportfachhandels im Ortovox-
näher an den Jahresrhythmus herankom- Online-Shop. Händler, die an Outtra ange-
men«, so Ortovox-Geschäftsführer Chris- bunden sind, erhalten zudem ein digitales
tian Schneidermeier. Schaufenster und können dieses genauso
Bestperformer
in der Corona-Krise –
Sex, Bytes and Video
Sexspielzeug boomt herstellern. Die Mitarbeiter sind im Dauer- TikTok – Videospass
Sexspielzeuge verkaufen sich besonders einsatz, Sonderschichten werden gefahren. Bytedance, der chinesische Betreiber der
gut. Die Bestellzahlen des Online-Erotik- Stammen bei Gosebeck auch die meisten App TikTok, ist weiter auf Erfolgskurs: Al-
shops »Eis.de« haben sich seit Beginn der Kunden aus Nordrhein-Westfalen, wird den- lein im ersten Quartal 2020 gab es mehr
Krise verdoppelt. Mit dem Lockdown sei noch auch weltweit geliefert – auch nach als 300 Millionen Neuinstallationen. Tik-
etwa in Bayern der Absatz von Solo-Sexar- Dubai, Australien und Kanada. Tok ist Spaß, Spontanität und Authentizi-
tikeln wie Masturbatoren für Männer und tät. Witzige selbstgedrehte Videos von
Druckwellen-Vibratoren für Frauen um Hellofresh – Koch doch selbst! maximal 60 Sekunden regen zum Nach-
300 Prozent gestiegen. Der Verkaufsknül- Dass immer noch viele Menschen von zu ahmen an. Sie bietet auch Gelegenheit,
ler »Krankenschwesterset« war zwischen- Hause aus arbeiten, beschert dem Kochbo- Zielgruppen zu erreichen, die beispiels-
durch ausverkauft. Von März bis Mai xenlieferanten Hellofresh ein dickes Plus: weise kein Fernsehen gucken. Die Tages-
machte auch Funfactory aus Bremen Mit einem Umsatzplus zwischen 55 und 70 schau, die WHO und das Bundesministeri-
durchschnittlich 50 Prozent mehr Online- Prozent rechnet man für 2020. Allein im um für Gesundheit nutzen TikTok, um die
Umsatz gegenüber dem Vorjahr. zweiten Quartal stieg der Umsatz um etwas Verbreitung von Falschinformationen zu
zwischen 965 und 975 Millionen Euro. (2019, reduzieren.
Kondome in Grosspackungen Q2: 437 Millionen Euro). Hellofresh ver-
Kondomfabrikant Ritex verzeichnete im schickt Rezepte zum Selbstkochen und lie-
März einen drastischen Umsatzanstieg fert die Zutaten für das Gericht gleich mit.
bei Kondomen. Im Vergleich zum Vorjah-
resmonat haben sich die Umsätze fast Medizintechnik aus Lübeck
© vilma3000 / Luiza – stock.adobe.com (v.o.)
verdoppelt. Besonders gut haben sich Der Lübecker Medizintechnikproduzent
Großpackungen verkauft. Auch Gleitgel Drägerwerk ist ein Hersteller von Beat-
wurde mehr nachgefragt. mungsgeräten für die Intensiv- und Notfall-
medizin. Seit Ausbruch der Corona-Krise
Strandkorb für zu Hause kann sich das Unternehmen vor Bestellun-
Im April zählte man bei Gosebeck 4000 gen kaum retten, der Börsenkurs stieg von
Klicks pro Tag auf der Website – allesamt gut 50 Euro auf zeitweilig über 100 Euro. In-
für Strandkörbe. Seitdem brummt das Ge- zwischen wird das Papier für etwa 70 Euro
schäft auch bei allen anderen Strandkorb- gehandelt.
6 GCM 2/2020GERMAN COUNCIL . ZUVERSICHT
Videokommunikation ist der Hit Coole Kiste aus Würzburg
© Matthias Enter / Andrey Popov / karrastock / galitskaya – stock.adobe.com (v.o.)
Videokommunikation hat sich als Kom- Das Unternehmen va-Q-tec aus Würzburg
munikationsmittel etabliert, dank Aus- boomt. Mit seinen Thermobehältern wer-
gangsbeschränkung und Homeoffice- den weltweit mehr als die Hälfte aller Co-
Zwang. Kaum ein Unternehmen hat davon vid-19-Testkits transportiert. Die Boxen
so sehr profitiert wie die Softwarefirma können Temperaturen zwischen vier und
Zoom, die eine Plattform für digitale Kon- zehn Tage lang ohne Stromzufuhr halten.
ferenzen anbietet. 10 Millionen Nutzer hat- Wichtig: Covid-19-Testkits brauchen eine
te Zoom im Dezember 2019, inzwischen konstante Temperatur von -20 Grad.
sind es mehr als 200 Millionen. Unterneh-
mensgründer Eric Yuan konnte sein Ver- Samsung – der stille Riese
mögen in dieser Zeit auf mehr als sieben Fernsehen auf Erfolgskurs Dank der Chip-Nachfrage in der Corona-Kri-
Milliarden Euro verdoppeln. Fernsehen ist das Medium der Stunde. Der se erwartet der Elektronikriese Samsung
Verband Privater Medien (Vaunet) hat im für das zweite Quartal 2020 einen deutlich
März ein Anschwellen der Nutzerzahlen auf höheren operativen Gewinn: 22,7 Prozent
18,3 Millionen im Pay-TV beobachtet (März mehr als 2019 (ein Plus von 6 Milliarden
2019: 16,4 Millionen). Bei Streaming-Diens- Euro). Das Unternehmen profitiert vom
ten haben sich die Zahlen schon 2019 auf starken Internetverkehr, der die Nachfrage
13,4 Millionen Zuschauer fast verdoppelt. nach Speicherchips antreibt, da mehr Men-
Aktuelle Zahlen fehlen noch. schen von zu Hause arbeiten.
Shopify
Die Shopify-Aktie ist um mehr als 80 Prozent
gestiegen. Shopify bietet eine Software an,
mit der man Online-Geschäfte auf- und aus-
Virusfrei unterwegs auf dem Rad bauen kann. Der Umsatz könnte 2020 mehr
Der Fahrrad-Boom hält unvermindert an. als 2 Milliarden US-Dollar betragen. Die Prog-
Der Mai war der stärkste Monat, den die nose für 2021: mehr als 3 Milliarden US-Dol-
Branche jemals erlebt hat, so David Eisen- lar. Von Mitte März bis Ende April 2020 stieg
berger vom Zweirad-Industrie-Verband. die Zahl der neuen Shops auf Shopify um
Ein Großteil der Hersteller habe die coro- mehr als 60 Prozent. Inzwischen setzen
nabedingten Einbußen wieder aufgeholt. mehr als 1 Million Firmen weltweit in mehr
Die Umsätze sollen bald wieder auf Vor- als 175 Ländern auf Shopify-Software.
jahresniveau liegen.
Apps – Bildung und Business
Anbieter von Apps erleben dank Online-Zu-
sammenarbeit einen Nachfrage-Ansturm. Safer Cars
Business-Lösungen profitierten mit einem Caravaning erfreut sich derzeit exorbitant
Plus von 133 Prozent am stärksten. Darauf steigender Beliebtheit. Die Branche erlebt
folgen Bildungs-Apps mit +84,4 Prozent. Auf das beste erste Halbjahr ihrer Geschichte:
Platz drei mit den höchsten Zuwachsraten Die Neuzulassungen von Fahrzeugen stie-
liegen Gesundheits- und Fitness-Apps (+57,7 gen um 3,7 Prozent. In den ersten sechs
Prozent), gefolgt von News (+44,9 Prozent), Monaten dieses Jahres wurden 54.439
sozialen Netzwerken (42,4 Prozent), Bü- Fahrzeuge neu zugelassen. Das sind be-
chern (39,6 Prozent) und medizinischen Pro- reits zur Halbzeit so viele wie im gesamten
grammen (38,3 Prozent). Abgestürzt sind Jahr 2016.
Reise-Apps (-61,6 Prozent).
Amazon Wildtiere auf dem Vormarsch
Bereits 2019 war der Kurs des Online-Gi- Gilead – mehr wert als Siemens Wale auf Elba, Schildkröten an verwaisten
ganten um rund 20 Prozent gestiegen, bis Der US-Konzern Gilead, ein führender Anbie- thailändischen Stränden, Korallenmöven
zum 19. Februar 2020 kamen noch ein- ter von Aids-Medikamenten, produziert den auf Mallorca. Überall auf der Welt werden
mal mehr als 17 Prozent hinzu. Jetzt rech- Wirkstoff Remdesivir, der bei Corona-Patien- Tiere gesichtet, die sich angesichts der re-
nen Experten für April bis Juni mit einem ten ausweislich erster Studien lindernd wir- lativen Ruhe – ohne Kreuzfahrtschiffe,
Umsatz von 82,7 Milliarden Dollar (2019: ken könnte. Gilead ist an der Börse inzwi- Flugzeuge und Massentourismus – wie-
63,4 Milliarden Dollar). Der Gewinn vor schen mehr wert als das Dax-Schwerge- der in Gefilde wagen, die sie lange gemie-
Steuern: 9,1 Milliarden Dollar. wicht Siemens. den haben.
GCM 2/2020 7GERMAN COUNCIL . ZUVERSICHT
Digital vernetzt, 41 Branchen und nahezu 10.000 Händ-
leradressen. Als die Klickrate schon im
sechsstelligen Bereich lag, gesellten sich
vor Ort verwurzelt auch Deutsche Post und DHL, inter-
sport, das Drogerieunternehmen dm so-
wie viele weitere kleine Händler mit nur
Der Buchhandel in Deutschland hat früh erkannt, dass die einem Geschäft hinzu. Michael Busch,
Corona-Krise auch an ihm nicht spurlos vorübergehen wird geschäftsführender Gesellschafter und
und es Zeit zum Handeln ist. Mit »shopdaheim.de« haben die CEO von Thalia Mayersche: »Mit unse-
Urgesteine Thalia Mayersche und Osiander eine Einkaufs- rer landesweiten Initiative haben wir es
geschafft, ein Schlaglicht auf die Bedeu-
Plattform ins Leben gerufen, auf der sich immer mehr Händler
tung des lokalen stationären Handels zu
vernetzen. Längst sind auch Vertreter aus zahlreichen anderen werfen. Nur gemeinsam kann es uns ge-
Branchen als dem Buchhandel dabei. Und selbst im Nachbarland lingen, eine starke Allianz aufzubauen,
Österreich nutzt man das Angebot die für die Menschen eine attraktive Al-
ternative zum multinationalen Online-
Handel ist.«
Manche Dinge entwickeln sich so fracht, Umbreit und Libri zählten zu den Die Partner der Initiative plädieren da-
schnell, dass sie selbst für aktuelle Ent- ersten Teilnehmern in Österreich Mora- für, sich auf die eigenen Stärken zu be-
wicklungen rasant vonstatten gehen: wa, buchmedia, KNV Zeitfracht sowie sinnen. Das sind die persönlichen Kun-
Ende März starteten zwei Urgesteine des Libri. denbeziehungen und die kompetente Be-
deutschen Buchhandels eine Initiative, ratung in den Läden. In Verbindung mit
mit der sie ein Zeichen dafür setzen woll- Die Botschaft der Gründungspartner innovativen digitalen Services liege da
ten, dass auch in Corona-Zeiten das Le- leuchtete allen sofort ein: Es ist notwen- rin ein beachtlicher Wettbewerbsvorteil,
ben weitergeht – und zwar online. Das dig, die Vertriebskanäle online und statio- den es im Sinne der Kunden zu nutzen
Motto von Thalia Mayersche und Osi- när so miteinander zu vernetzen, dass der gelte. Für Ursula Schüller, Inhaberin der
ander: Wer bislang in seiner Buchhand- Handel in der Umgebung, der mit attrak- Buchhandlung Sommer in Niedernhau-
lung vor Ort nach Neuerscheinungen ge- tiven Läden die Innenstädte bereichert, sen, ist die Initiative genau der notwen-
stöbert hat, kann das auch in Phasen des eine erfolgreiche Zukunft hat. In Windes- dige Schritt in die richtige Richtung:
Lockdowns, wenn alle Geschäfte ge- eile schlossen sich immer mehr Buch- »Einzelhandelsgeschäfte sind Treffpunk-
schlossen sind, weiterhin nach Herzens- händler, aber auch andere Branchen an. te, die ein Stück Lebensqualität bedeu-
lust tun. Mit ihrer Initiative »shop- Bereits Anfang April waren 24 Bran- ten und die wir auch in Zukunft brau-
daheim.de« erreichten sie binnen drei chen dazugekommen – darunter Anbie- chen werden. Wir wollen für unsere
Wochen 5000 Einzelhändler, die sich ih- ter von Babynahrung, Confiserie, Kos- Kunden ganz klar kommunizieren: Wir
nen anschlossen – und zwar nicht nur metik, Mode und Sport. Mitte April sind weiterhin über alle Kanäle erreich-
hierzulande. Neben eBuch, KNV Zeit- zählte die Plattform »shopdaheim.de« bar – und unsere treuen Kunden haben
das auch mit vielen Bestellungen hono-
riert.« Caroline Thiedig, Geschäftsfüh-
rerin der Confiserie Walter sah während
© geralt – pixabay.com
des Lockdowns die Chance zum Kun-
denkontakt, blickte aber auch in die Zu-
kunft nach Corona: »Als kleine Schoko-
ladenmanufaktur mit vier Filialen in
Berlin ist das für uns eine tolle Möglich-
keit, unsere bestehenden Kunden weiter-
hin zu erreichen und vielleicht sogar
neue zu gewinnen. Es ist für alle gerade
eine Herausforderung. Umso schöner
finden wir es, wenn wir als kleine Unter-
nehmen und Händler in dieser Zeit soli-
darisch zusammenstehen.«
Buchläden bedeuten ein Stück Lebensqualität. Während des Lockdowns wurden sie von vielen Menschen Und das tun sie weiterhin – auch wenn
schmerzlich vermisst. Die neue Initiative »shopdaheim.de« ermöglicht den Zugang zu Büchern – ganz ohne die Geschäfte längst wieder geöffnet ha-
persönliche Präsenz ben und sowohl stationär als auch online
8 GCM 2/2020GERMAN COUNCIL . ZUVERSICHT
© pexels – pixabay.com / shopdaheim.de
Eröffnet neue Wege für den Buchhandel: die Plattform »shopdaheim.de«
eingekauft werden kann. Aber die Ver- bekleidung« und »Wellness« sind präsent sechsstelligen Betrag in die Infrastruktur
knüpfung aus beiden Welten entwickelt – es bleibt kaum ein Wunsch offen. und in das Marketing investiert. Thalia
sich zur Erfolgsstory: Aktuell sind knapp Mayersche und Osiander haben darüber
17.000 Händleradressen aus Deutsch- Die Verbraucher haben während des hinaus auch ein Zeichen für Corona-Hil-
land und Österreich verfügbar. Zuletzt Lockdowns den Wert der Geschäfte vor fen gesetzt: Der RTL Kinderstiftung lie-
kamen DEPOT, MediaMarkt und SA- Ort mit ihren durchdachten Sortimenten ßen sie Bücher und Beschäftigungsmateri-
TURN mit ihren Standorten in Deutsch- neu entdeckt. Jetzt sei es wichtig, die Er- al im Wert von 50.000 Euro zukommen.
land auf die Plattform sowie die stolze reichbarkeit der Läden auch online si- Alle Händler, die auf die neue Plattform
Zahl von 5400 Apotheken. Insgesamt 53 cherzustellen, denn die Menschen werden kommen, werden gebeten, entweder hier
Branchen von »Arzneimittel« über »Bü- weiterhin verstärkt im Internet kaufen, ist ebenfalls zu spenden oder etwas für Coro-
cher« und »Feinkost« bis hin zu »Sport- Thalia-Chef Busch überzeugt: »Die Men- na-Hilfen in ihrer Gegend zu geben.
schen sind aktuell solidarisch mit dem
heimischen Einzelhandel. Damit es je-
doch zu einer nachhaltigen Veränderung Ein Beitrag von
© John M. John / Thalia
des Einkaufsverhaltens kommt und die Leonore M. Lubenow,
Kunden auch langfristig den lokalen Ein- freie Journalistin
zelhandel bevorzugen, müssen wir unsere
Wettbewerbsfähigkeit gegenüber dem
multinationalen Online-Handel stärken:
Angebot, Service und Erreichbarkeit müs-
sen stimmen, aber auch die politischen
Rahmenbedingungen.« So tritt der Buch-
händler für die Gleichbehandlung des hie-
sigen Einzelhandels mit internationalen
Internet-Konzernen ein, etwa in Hinblick
auf zu leistende Steuerzahlungen.
Der German Council of Shopping Places be-
Die Gründungspartner sind bei der grüßt die neue Initiative »shopdaheim.de«
Markteinführung von »shopdaheim.de« in und unterstützt das Engagement gerne.
Michael Busch Vorleistung gegangen und haben einen Mehr Infos unter: www.shopdaheim.de
GCM 2/2020 9GERMAN COUNCIL . ZUVERSICHT
Mit Volldampf in die Volk: Jedermann, der im Laden verkauft,
die Kasse bedient, Regale einräumt und
Waren transportiert, ist extrem wichtig,
stationär-digitale Zukunft damit man überhaupt einkaufen kann.
Plötzlich wurden die Mitarbeiter im stati-
onären Einzelhandel wertgeschätzt, gelobt
In der Corona-Krise ist für den Lebensmittelhandel der Faktor – und von vielen Mitmenschen erstmals
Mitarbeiter zu einem zentralen Wettbewerbsaspekt geworden. richtig wahrgenommen. »In der Corona-
Daraus können Unternehmen einen strategischen Vorteil gegenüber Krise ist für den Lebensmittelhandel der
dem Online-Handel entwickeln. Gleichzeitig sind immer mehr Faktor Mitarbeiter zu einem zentralen
Wettbewerbsaspekt geworden. Die Kun-
Lebensmittelhändler bereit, ihr digitales Engagement zu erhöhen.
den nehmen in den Märkten die Mitarbei-
Denn das ist der Schlüssel zu effizienterer Organisation und stärkerer ter anders wahr. Gleichzeitig werden
Kundenbindung Freundlichkeit und Offenheit der Mitar-
beiter in Stress-Situationen besser wertge-
schätzt. Die Unternehmen sollten versu-
Essen und trinken muss der Mensch im- Desinfektionsmittel auch im Mai noch chen, daraus einen strategischen Wettbe-
mer. Daran kann auch ein gemeingefährli- mit einem Plus von mehr als 200 Prozent werbsvorteil zu entwickeln, also einen
ches Virus nichts ändern. Wenn es in Zei- das Spitzenprodukt, Brotmischungen pen- Faktor, der nachhaltig differenzierend
ten wie diesen eine simple Erkenntnis gibt, delten sich auf ein Plus gut 97 Prozent ein wirkt«, sagt Prof. Dr. Andreas Krämer,
dann diese. Lebensmitteldiscounter, Su- und Nudeln hatte man offenbar noch ge- CEO der exeo Strategic Consulting AG
permärkte, SB-Warenhäuser – allesamt nügend im Schrank, sodass der Umsatz und Professor an der University of Ap-
haben in den vergangenen Monaten teils um minus 6 Prozent fiel. plied Sciences in Iserlohn als Co-Autor der
unglaubliche Umsatzsprünge gemacht. Studie OpinionTRAIN zur Bewertung
Denn Corona hat vielen Menschen Angst Freundliche Mitarbeiter gegen von Trends und Wertewandel in der Be-
eingejagt und zu Hamsterkäufen verleitet. stressgeplagte Kunden völkerung.
Klopapier, Mehl, Nudeln, Hefe … Da
wurde Vieles gebunkert, das niemand Zum ersten Mal seit Ende des 2. Welt- Zwar wurde auch viel Ware online geor-
wirklich in rauen Mengen benötigte. Al- kriegs hatten die Deutschen in diesem dert, aber die meisten Händler waren da-
lein im März stieg der Absatz von Brotmi- Frühjahr gesehen, dass stets gefüllte Rega- mit schnell überfordert und mussten im-
schungen um 176,5 Prozent, Teigwaren le keine Selbstverständlichkeit sind. Hun- provisieren: Sowohl größere als auch klei-
wie Nudeln legten um 93,6 Prozent zu gern musste indes niemand. Auch nicht im nere Unternehmen versuchten mit der ge-
und Produkte, die sonst im täglichen Le- März, als bis auf wenige sogenannte sys- stiegenen Nachfrage zurechtzukommen,
ben eine eher untergeordnete Rolle spiel- temrelevante Geschäfte alles geschlossen erweiterten dabei aber selten ihr Lieferge-
ten, schossen auf ein Plus von 366,5 Pro- war. Wir erfuhren: Edeka, Aldi, Rewe, biet. Beispielsweise beliefert AmazonFresh
zent hoch: Desinfektionsmittel. Hatte sich Lidl, Penny & Co – alle sind wichtig, um weiterhin nur Kundinnen und Kunden in
in den darauf folgenden Wochen schon Land und Leute am Leben zu erhalten. Hamburg, Berlin, Potsdam und München.
Vieles wieder normalisiert, blieben die Und noch etwas lernte das verwöhnte Rewe konzentriert sich ebenfalls nur auf
Stadtregionen in Deutschland, hat jetzt die
aktuelle Untersuchung eines Kölner For-
schungsteams ergeben, die im Juli in der
© STEKLO_KRD – stock.adobe.com
Fachzeitschrift Tijdschrift voor Economi-
sche en Sociale Geografie veröffentlicht
wurde. Ländliche Regionen sind nach wie
vor weitgehend ausgeschlossen vom On-
line-Lebensmittelhandel. Dafür hat das
Autorenteam um Dr. Peter Dannenberg
vom Geographischen Institut und Profes-
sorin Dr. Martina Fuchs vom Wirtschafts-
und Sozialgeographischen Institut der
Universität zu Köln eine Erklärung: Vor
allem die Unvorhersehbarkeit der weite-
ren Entwicklung der Covid-19-Pandemie
wirkte sich als Hemmnis für eine Expansi-
on aus. »Die Lebensmittelhändler konn-
Seit Corona werden Mitarbeiter im stationären Handel anders wahrgenommen ten nicht absehen, dass sich umfangreiche
10 GCM 2/2020GERMAN COUNCIL . ZUVERSICHT
rund 55 Prozent der Studienteilnehmer
© Alex Bascuas – stock.adobe.com
Themen, denen sie ihre Aufmerksamkeit
widmen. Für 45 Prozent der Befragten hat
sich die Priorität in Richtung Digitalisie-
rung verschoben.
Gleichzeitig hat sich auch die Sorge der
Mitarbeiter gegenüber der Digitalisierung
verschoben: Im vergangenen Jahr nannten
60 Prozent der Befragten die Ängste der Be-
legschaft als größte Herausforderung für
die Digitalisierung im Lebensmitteleinzel-
handel. Dieser Wert schrumpft vor dem
Hintergrund der aktuellen positiven Digi-
tal-Erfahrungen auf nur noch 46 Prozent.
Keine Fortschritte gab es hingegen bei den
nach wir vor fehlenden technischen Vor-
aussetzungen in vielen Supermärkten sowie
März 2020 – Schock im Supermarkt: die Hamsterer waren wieder schneller dem noch immer fehlenden IT-Wissen bei
Führungskräften und Mitarbeitern. Leicht
gestiegen ist der Anteil derjenigen, die nicht
Investitionen lohnen würden, da sich eine Lockdowns wurde viel improvisiert. Da- ausreichende finanzielle Mittel für den
›Rückkehr zur Normalität‹ abzeichnete«, bei liegt der Schlüssel zu einer effiziente- Ausbau der Digitalisierung angaben.
sagt Fuchs. ren Organisation und einer stärkeren
Kundenorientierung im digitalen Markt- »Der Corona-Lockdown war in seiner
Dennoch gab es während des untersuch- management – und genau dieses Poten Ausprägung sicherlich eine Ausnahmesi-
ten Zeitraums vom 10. März bis 15. Mai zial wollen viele LEH-Unternehmer jetzt tuation. Aber in dieser Zeit wurden die
2020 überproportional hohes Wachstum ausschöpfen«, sagt ReAct-Gründer Wil- Grenzen des traditionellen Marktmanage-
im Online-Lebensmittelhandel. So fand bert Hirsch gegenüber dem Medien. ments gnadenlos offengelegt, während die
laut dem Marktforschungsunternehmen Vorteile der Digitalisierung sich für Kun-
Nielsen ein Wachstum von rund 150 Pro- 86 Prozent der Einzelhändler sehen den wie Mitarbeiter gleichermaßen be-
zent allein im März statt. Und auch die Digitalisierung jetzt positiv zahlt gemacht haben«, so Hirsch.
grundsätzliche Einstellung zum Online-
Handel hat sich inzwischen stark verän- Rund 32 Prozent der Unternehmen setzen
dert: Jeder dritte deutsche Supermarkt inzwischen konsequent auf eine umfas- Ein Beitrag von
oder Discounter verfolgt mittlerweile sende Digital-Strategie. Im vergangenen Susanne Osadnik,
eine umfassende Digitalstrategie. Zum Jahr waren das nur 14 Prozent. Die Skep- GCM-Chefredakteurin
Vergleich: Im vergangenen Jahr waren es sis gegenüber der Digitalisierung sei gewi-
gerade einmal 14 Prozent. Das ergab die chen; jetzt sehen viele Händler den Schritt
Studie »Supermarkt der Zukunft 2020«. in diese Richtung sehr viel positiver. »86
Für die Studie hat das auf digitales Prozent der Einzelhändler gehen davon © Anna Shvets – pexels.com
Marktmanagement spezialisierte Unter- aus, dass sich die Branche insgesamt
nehmen Responsive Acoustics (ReAct) durch die Digitalisierung in den kommen-
im Juni eine Experten-Befragung unter den drei Jahren positiv verändern wird.
Inhabern, Geschäftsführern und Markt- 2019 teilten nur 72 Prozent diese An-
leitern aus dem deutschen Lebensmittel sicht«, so Hirsch.
einzelhandel durchgeführt. Und es zeigte
sich: Die Corona-Pandemie hat den Le- Die Digitalisierung betrifft jeden Bereich
bensmitteleinzelhandel (LEH) nicht nur des Einzelhandels: Die Befragten nannten
vor enorme Herausforderungen gestellt, Warenwirtschaft (67 Prozent), Einkaufs-
sondern auch den Weg in die digitale Zu- erlebnis / Besserer Service (64 Prozent)
kunft beschleunigt. »Viele Händler wur- und Steuerung der Mitarbeiter (57 Pro-
den vom Kundenansturm im März über- zent) als die drei wichtigsten Themenfel-
rascht, konnten nicht alle Wünsche erfül- der, die sie digital bearbeiten. Aber auch
len und hatten zudem Probleme mit den die Reduzierung von Wartezeiten an den
Lieferketten. Die Folge: Während des Kassen und Leergutautomaten sind für Kundin bei der Obstauswahl
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Gemeinsam durch die Not hält jeder Teilnehmer einen Gutschein
über zehn Euro, der in allen Restaurants
und Geschäften in der an den See gren-
Im hochverschuldeten Italien hat die Regierung nur begrenzte zenden Gemeinde Graun eingelöst wer-
Möglichkeiten, Unternehmen in der Corona-Krise zu unterstützen – den kann. »Es geht darum, den Neustart
der lokalen Wirtschaft zu ermöglichen«,
und setzt dabei auch noch umstrittene Prioritäten zugunsten seit
sagt Burger.
Jahren malader Großkonzerne wie Alitalia. In Südtirol schließen
sich deshalb Firmen, Banken und Verbände zusammen, um Die Pandemie hat Italien schwer getrof-
kooperativ und innovativ die Wirtschaft wieder in Schwung fen. 239.410 Menschen haben sich mit
dem Virus infiziert, hat die Johns Hop-
zu bringen
kins University in Baltimore, globales Sta-
tistikzentrum der Pandemie, zum Stichtag
25. Juni registriert. 34.644 sind an der
Es ist ein Sportereignis der ganz besonde- cke stehen und das Virus untereinander von ihm ausgelösten Atemwegskrankheit
ren Art, geprägt von der Corona-Pande- verbreiten können. Darum erfolgen die Covid-19 dahingeschieden. Nur Großbri-
mie: Beim diesjährigen Reschenseelauf Starts verteilt über den gesamten Tag tannien zählt in Europa mit 43.165 Ver-
starten die Runner nicht im Pulk gegen- von morgens um 7 bis abends um 19 storbenen noch mehr Todesopfer.
einander. Bei der 21. Auflage des Wett- Uhr. Maximal 2.000 Runner dürfen an
kampfs auf der 15,3 Kilometer langen den Start – weniger als die Hälfte der In Südtirol werden erste Infektionen zwar
Strecke rund um Südtirols größten See mehr als 4.000 Teilnehmer in den ver- erst im März, drei Wochen nach dem
geht jeder Teilnehmer mit minutenlan- gangenen Jahren. Ausbruch in der Lombardei und in Vene-
gem Abstand allein auf den Rundkurs. tien, den Epizentren der Epidemie in Ita-
»Die Gesundheit hat für uns oberste Pri- Kreative Kräfte in Alto Adige lien, festgestellt. Doch in den folgenden
orität«, sagt Gerald Burger, Geschäfts- Wochen steigt auch im Land von Etsch
führer des Tourismusverbands Ferienre- Südtirol fährt seine Wirtschaft und den und Eisack täglich die Zahl der Infizier-
gion Reschenpass und Leiter des Organi- Tourismus, zentrale Sparten im Konjunk- ten – und Toten. Und die Konjunktur in
sationskomitees des Laufevents. turgeschehen der 531.178 Einwohner der nördlichsten Provinz der 60,2 Millio-
zählenden deutschsprachigen italieni- nen Einwohner zählenden drittgrößten
Kein Läufer soll beim Event einen ande- schen Provinz, wieder hoch. Aber dies mit Volkswirtschaft der Eurozone ist im
ren infizieren können. Vor allem aber größter Vorsicht. »Restart« lautet das Frühjahr durch die Krankheitswelle und
sollen keine Zuschauermassen, wie sonst Motto des diesjährigen Reschenseelaufs. die zu ihrer Bekämpfung verhängte lan-
üblich, dicht gedrängt entlang der Stre- Für die Startgebühr von 17,50 Euro er- desweite Ausgangssperre genauso einge-
brochen wie im Rest des Stiefelstaats.
Das setzt in Südtirol aber schnell kreati-
© Alex Rowbotham / Alamy Stock Foto
ve Kräfte frei, um die Provinz mit ihren
44.314 Unternehmen durch die Pande-
mie zu steuern. »Die Welt erlebt eine
neue und dramatische Erfahrung«, sagt
Gerhard Brandstätter, Präsident der Süd-
tiroler Sparkasse, mit einem Kreditvolu-
men von 6,33 Milliarden Euro im vor-
vergangenen Jahr der größte Finanzierer
mittelständischer Betriebe in der Pro-
vinz. »Diese Krisensituation kam für uns
alle unvorhergesehen.« Das bedeute je-
doch nicht, dass das »Land im Gepirg«
den Wirtschaftseinbruch schicksalhaft
hinnehmen müsse. Es gehe darum, sagt
Brandstätter, die Situation »so gut wie
möglich zu meistern«.
Das wichtigste Instrument der Südtiroler
Wirtschaft ist dabei zunächst die Produk-
Trainigslauf: Der alljährliche Reschenseelauf startete trotz Corona, aber unter strengen Auflagen tionsumstellung. Ein Beispiel dafür ist die
12 GCM 2/2020GERMAN COUNCIL . ZUVERSICHT
Bozener Oberalp-Gruppe, Muttergesell-
© PictureArt – stock.adobe.com
schaft der Bergsportartikelproduzenten
Dynafit und Salewa. Sie lässt in ihren
norditalienischen Schneidereien binnen
Tagen neue Waren fertigen: Statt Bergho-
sen und Wanderjacken werden nun
Schutzmasken und -mäntel für Ärzte und
Pfleger in Operationssälen und Intensiv-
stationen gefertigt – überlebensnotwen-
dige Schutzausrüstungen in der schlimms-
ten Gesundheitskrise seit Jahrzehnten.
Desinfektionsmittel statt Obstler
Obstgenossenschaften wie die CAFA in
Meran brennen nicht mehr Spirituosen,
sondern stellen Desinfektionsmittel her,
die vom Zivilschutzzentrum des Landes
an Krankenhäuser und Seniorenheime
verteilt werden. Der Metallbauer Me-
talps in Toblach wiederum hat gleich
eine gänzlich neue Produktpalette einge-
führt: Edelstählerne Dispenser, gefüllt
mit Desinfektionsmittel, Masken und
Handschuhen, obendrein versehen mit
einem Müllkübel zur Entsorgung benutz- Obstler? Das war einmal. In der Hoch-Phase von Corona brannten Obstgenossenschaften wie die CAFA
ter Schutzausrüstung. Es ist ein Produkt, Desinfektionsmittel
das nun beim Wiederanfahren der Wirt-
schaft auch dem Tourismus hilft, Gästen
das Gefühl von Sicherheit zu geben. schließen müssen, weil klassische Metall- schaftsverbänden angesagt, weil die
bauprodukte – von Stahlträgern für das staatlichen Hilfen nicht ausreichen. Der
»Schutzmasken, Handschuhe, Möglich- Bauhandwerk bis hin zum Gartenzaun – hds – Handels- und Dienstleistungsver-
keiten zur Desinfektion sind notwendig, nicht zur Abwehr des Virus benötigt wer- band Südtirol hat bereits Mitte März in
um in Produktionsstätten, bei Dienst- den. Durch die Umstellung auf die Dis- einer Dringlichkeitssitzung ein erstes
leistern aber besonders auch in Geschäf- penser konnten die Toblacher im Lock- Stützungspaket über eine halbe Million
ten die Infektionen verhindern zu kön- down jedoch weiter arbeiten. »Die Nach- Euro für Mitgliedsbetriebe aufgelegt, die
nen«, sagt Metalps-Mitinhaber Johan- frage ist groß«, sagt Schwingshackl. durch die vom Staat verordneten Schlie-
nes Schwingshackl. »Wir haben das »Shopping Center, Geschäfte, Dienstleis- ßungen von Geschäften in Zahlungs-
richtige Produkt zur richtigen Zeit ent- ter und Produktionsbetriebe haben be- schwierigkeiten geraten sind. Unterneh-
wickelt.« reits in der Zeit der Ausgangssperre Be- men, die nicht mehr verkaufen dürfen,
stellungen aufgegeben, um einem eventu- »benötigen dringend Hilfe und finanziel-
Dabei ist für die Eigentümer von Metalps ellen Lieferengpass beim effektiven Re- le Unterstützungsmaßnahmen«, sagt hds-
die Krise zum denkbar ungünstigsten start vorzubeugen.« Auch aus Deutsch- Präsident Philipp Moser.
Zeitpunkt gekommen. Erst im vergange- land seien bereits Anfragen eingegangen.
nen Jahr haben Schwingshackl und wei- »Buchhändler und Boutiquebesitzer so- Wie sehr sich die Lage in Südtirol und
tere Beschäftigte die Schlosserei gemein- wie Manager von Einkaufszentren wol- ganz Italien von der in Deutschland un-
sam übernommen. »Unsere detailliert len Kunden Schutzausrüstung zur Verfü- terscheidet, lässt sich in wenigen Sätzen
ausgearbeiteten Businesspläne und Stra- gung stellen, damit sie vor einem Besuch aufzeigen: Der mit 134,8 Prozent seines
tegien haben von einem Tag zum ande- der Geschäfte nicht zurückschrecken«, Bruttoinlandsprodukts hochverschuldete
ren ihre Gültigkeit verloren, als der sagt der Mitinhaber. Stiefelstaat hat bislang zwar staatlich ab-
Lockdown kam«, sagt der Mitinhaber. gesicherte Darlehen im Volumen von
Geringer finanzieller Spielraum für 340 Milliarden Euro für Unternehmen
Die Regierung in Rom hatte im März den Musterschüler beschlossen und ein Konjunkturpaket
verfügt, dass alle nicht für die Grundver- über bis zu 400 Milliarden Euro in Aus-
sorgung relevanten Betriebe die Produk- Eigeninitiative ist auch deshalb von Kri- sicht gestellt. Bislang ist aber kaum Geld
tion einstellen müssen. Metalps hätte senbeginn an bei den Südtiroler Wirt- bei den Betrieben angekommen. Die
GCM 2/2020 13GERMAN COUNCIL . ZUVERSICHT
rund zehn Milliarden Euro an Steuergel-
© Michael Sheridan / Alamy Stock Photo
dern in die Fluggesellschaft geflossen«,
sagt Andrea Giuricin, Vorstand der Mai-
länder Unternehmensberatungsgesellschaft
TRA Consulting. »Die Regierung sollte
mal überlegen, für welche anderen Zwe-
cke sie dieses Geld hätte besser ausgeben
können.«
»Wenn Rom schon kaum direkte Hilfen
für Einzelhändler leistet, sollte die Regie-
rung zumindest versuchen, den Konsum
schnell wieder anzukurbeln«, sagt Luca
Cantisani, Präsident der Jungen Unter-
nehmer im Südtiroler hds. »Am besten
gelingt das, wenn der Staat die Mehr-
wertsteuer von 20 Prozent vorüberge-
hend senkt – zum Beispiel auf die Hälf-
te.« Von einem solchen Schritt würden
alle Einzelhändler und letztendlich auch
die öffentliche Hand profitieren. »Wir
In Corona-Zeiten keine gute Idee: Après-Ski – die Geselligkeit mit vielen Leuten bedeutet eine erhöhte Infektions- wissen, dass es einen Zusammenhang
gefahr. In Südtirol war man vorsichtiger und hat die Skisaison früher beendet als beispielsweise im Tiroler Skiort zwischen Steueraufkommen und Kons-
Ischgl umfreudigkeit gibt: Je höher die Steuern,
desto geringer die Ausgaben für Kon-
sum«, sagt Cantisani.
Bundesregierung hat ein 750 Milliarden zen. In ersten Schritten legt sie Hilfspake-
Euro schweres Konjunkturpaket aufge- te über lediglich 500 Millionen Euro für Hilfe erhalten die Unternehmer in der
legt, um die Wirtschaft zu stützen – ein die überwiegend kleinen und mittelgro- deutschsprachigen Provinz derweil von
dreistelliger Milliardenbetrag ist bereits ßen Firmen im Land auf. »Mit finanziel- den heimischen Banken. Südtiroler Spar-
ausgezahlt worden. Und: Führende Uni- len Förderprogrammen versucht die Poli- kasse, Südtiroler Volksbank und die 40
onspolitiker haben angekündigt, dem- tik derzeit die Liquiditätsprobleme der Raiffeisenkassen im Land haben gemein-
nächst etliche weitere hundert Milliarden Unternehmen und die Einkommensaus- sam ein Koordinationsprogramm be-
draufzusatteln, um die Krise schnell zu fälle der Beschäftigten so gut wie möglich schlossen, um Firmen und Beschäftigte
überwinden. »Wir brauchen neuen abzufangen«, sagt Alfred Aberer, Gene- liquide zu halten. Möglich ist dies, weil
Schwung und bessere Voraussetzungen ralsekretär der Handelskammer Bozen. die Institute kaum notleidende Kredite in
für das Wachstum von morgen«, sagt den Büchern haben. »Die Verschuldung
Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus. Einzelhandel will Mehrwertsteuer- der privaten Haushalte ist im internatio-
senkung um 50 Prozent nalen Vergleich gering«, sagt Petra De-
Südtirols Glück im Unglück: Es ist die gasperi, Ökonomin der Zweigstelle der
wirtschaftsstärkste Provinz Italiens, das Hingegen profitieren von den beschränk- Nationalbank in Bozen.
Bruttoinlandsprodukt pro Kopf liegt 147 ten Hilfen Roms vor allem große Kon-
Prozent über dem EU-Durchschnitt und zerne. 500 Millionen stellt Italiens Re- Kern der Banken-Initiative ist eine weit-
ist dreimal so hoch wie in Apulien, Kalab- gierung für die Rettung der seit Jahren reichende Stundungsregelung. Unterneh-
rien oder Sizilien. »Die Rentabilität der maroden Fluggesellschaft Alitalia bereit. men und Privatpersonen können bei Fir-
Betriebe und die Eigenkapitalausstattung Mit dem Geld soll die Airline verstaat- men- und Hypothekenkrediten die Zah-
der Unternehmen ist in den vergangenen licht und in ein neues Unternehmen lungen für bis zu zwölf Monate einstel-
Jahren gestiegen und die Verschuldung überführt werden, dass »vollständig vom len. Zusätzlich kann die Laufzeit der
zurückgegangen«, sagt Antonio Accetturo, Wirtschafts- und Finanzministerium oder Darlehen um bis zu 24 Monate verlän-
Wirtschaftsforscher der Banca d’Italia. von einer Gesellschaft, die sich mehrheit- gert werden, um die Höhe der Rate zu
»Auch der Anteil der finanziell anfälligen lich in öffentlichem Besitz befindet, kon- drücken. Möglich sei dies »ohne beson-
Unternehmen ist gesunken.« trolliert wird«, verkündet die Regierung. dere Formalitäten«, sagt Sparkassen-
Alitalia hat seit 2002 keinen Gewinn Präsident Brandstätter. Zudem gebe es
Andererseits hat die Landesregierung in mehr erzielt und wird seither immer wie- weder »Zusatzkosten noch Zinsände-
Bozen vergleichsweise geringen finanziel- der mit Staatskrediten gestützt. »In den rungen«. Ziel sei es, »die Kunden, wel-
len Spielraum, um die Wirtschaft zu stüt- vergangenen zwölf Jahren seien bereits che bei einer oder mehreren Südtiroler
14 GCM 2/2020Sie können auch lesen