Wirtschafts spiegel 5-6|2021 - IHK Nord Westfalen
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wirtschafts 5-6|2021
spiegel
Informationen der
IHK Nord Westfalen
K E H R
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M OB I L
N S CH
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DEN VERPAS S
NICH T
Digital Summit Euregio
IHK-Bildungsprojekt ZertEx Interview mit WJ-Vorsitzenden
Skills für die Zukunft 40 Leuchttürme bauen 58 19. Mai 2021 54AUSRUFEZEICHEN
„It’s the industry,
stupid“
Deutschland braucht wirtschaftliche Stärke, um die
Coronakrise zu bewältigen. Gut, dass die Formkurve
der Industrie steil nach oben zeigt.
Da war doch was? Als Deutschland vor gut meldet einen sprunghaften Anstieg der Pro-
zehn Jahren wie Phönix aus der Asche der duktionserwartungen in der Industrie und des
Finanzkrise stieg, rätselte mehr als die halbe dazugehörigen Indikators auf 30,4 Punkte,
Welt, wie der zuvor „Kranke Mann Europas“ den höchsten Wert seit 1991! Der Bundesver-
so plötzlich zur quietschfidelen band der Deutschen Industrie (BDI) prognos-
Wachstumsmaschine mutieren tizierte zur Eröffnung der Messe fast zeit-
konnte. gleich ein kräftiges Wachstumsplus von acht
Die Antwort war schnell gefun- Prozent gegenüber dem Vorjahr. Noch stärker
den: „It’s the industry, stupid“, werden danach die Exporte wachsen, hier er-
möchte man sagen in Abwand- wartet der BDI jetzt 8,5 Prozent.
lung eines Wahlkampfslogans Nord-Westfalen und die Menschen, die hier
des früheren US-Präsidenten Bill arbeiten und leben, werden von dieser Ent-
Clinton zur Bedeutung der Wirt- wicklung profitieren. Auch langfristig - denn
schaft für die Gesellschaft insge- es wird die Industrie sein, die mit Innovatio-
samt. Die deutsche Industrie war nen die nachhaltigen Produkte liefert, die für
sofort lieferfähig, als die Welt- die anstehenden Herausforderungen in den
konjunktur nach der Finanzkrise Bereichen Klimaschutz, Energiewende, Cir-
wieder ansprang (auch dank der cular Economy und Digitalisierung gebraucht
Kurzarbeiterregelung). Und sie werden. Der Green Deal ist vor allem ein In-
Lars Baumgürtel war wettbewerbsfähig und hat- dustrie-Deal.
Foto: IHK te die Produkte, die weltweit ge- Unser IHK-Bezirk ist eine erfolgreiche In-
fragt waren, in der gewünschten Qualität zum dustrie- und Exportregion und soll es auch
passenden Preis. bleiben. Dafür setzt sich die IHK Nord West-
Ob sich Geschichte wiederholt, bleibt um- falen weiterhin ein.
stritten. Aber wie vor rund zehn Jahren ent-
puppt sich auch jetzt in der Coronakrise die
Industrie als klarer Wettbewerbsvorteil für
Deutschland insgesamt und Industrieregionen
wie Nord-Westfalen ganz besonders.
Passend zur (digitalen) Hannover-Messe,
der wichtigsten und größten Industrieleis- Lars Baumgürtel
tungsschau der Welt, zeigt sich das verarbei- IHK-Vizepräsident und Vorsitzender
tende Gewerbe in Topform. Das ifo-Institut im IHK-IndustrieausschussINHALT
54
Der Digital Summit
58
Interview mit
Euregio setzt Impulse den WJ-Vorsitzenden
Titelthema Themen
14 Den Anschluss nicht verpassen 18
Zug um Zug in die Verkehrswende 36
Höhere Leistung mit
Ein Salto rückwärts in der Verkehrs- Die S-Bahn Münsterland ist ein hoch- weniger Energie
wende ist keine Option, findet komplexes Projekt, das insbesondere eitrag der Wirtschaft zum
B
IHK-Verkehrsexperte Joachim Brendel den Berufsverkehr entlasten soll Klimaschutz
16 Mobilität im Einklang mit dem 20 Kreuzung aus Bus und Taxi 38 Prüfungen in der Coronazeit
Klimaschutz Mit LOOP wird versucht, den ÖPNV Interview über die
Die Position der IHK-Vollversammlung attraktiver zu gestalten - zunächst Herausforderungen im
zu Verkehr und Mobilität nur in einem Stadtteil pandemischen Prüfungsalltag
22 Nachhaltig vorfahren 40 „Sensibilisieren für
Wie in Münster City-Logistik mit digitale Prozesse“
Lastenrädern funktioniert Was Personalverantwortliche vom
IHK-Projekt ZertEx erwarten
25 Gas geben mit Alternativen
Die Brennstoffzelle für Pkw und Busse 54 IT-Gipfeltreffen
Impulse für deutsche und
niederländische Unternehmen
4 Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021INHALT
38
8000 IHK-Prüfungen
40
ZertEx: Sensibilisieren
unter erschwerten Bedingungen für Digitalisierung
Rubriken VerlagsSpezial
56 Digitalisieren statt verlieren 3 AusrufeZeichen 62 Bauen, Erhalten,
Klare Ansagen beim Energieversorgung
2. IHK-Kommunikationsgipfel 6 TerminBörse
72 Maschinenbau und Technik
58 Leuchttürme für die 8 BlickFang
junge Wirtschaft bauen 10 Nord-Westfalen
Interview mit den neuen
Vorsitzenden der Wirtschaftsjunioren 27 KonsumGut
Nord Westfalen Den Wirtschaftsspiegel gibt es
28 IHK-Service auch als E-Paper
32 Aus- und Weiterbildung www.ihk-nw.de/wirtschaftsspiegel
34 Recht
44 BetriebsWirtschaft IHK-Telefonnummern
60 Menschen 0251 707-0 (Münster)
0209 388-0 (Gelsenkirchen)
80 LebensWert
02871 9903-0 (Bocholt)
81 Spezialisten
82 SchlussPunkt
Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021 5TERMINBÖRSE
IHK-Sprechtage Beratung zur CE-Kennzeichnung
Produkte rechtskonform ausweisen
Steuern Mit Sprechtagen zur CE-Kennzeichnung er- päischen Wirtschaftsraum. Sie signalisiert,
Grundwissen und Tipps vom
Steuerberater für Existenzgründer gänzt die IHK Nord Westfalen ihr Angebot dass ein Produkt geprüft wurde und alle
für Unternehmen. Die nächsten Beratun- EU-weit gültigen Anforderungen an Sicher-
10. Mai, online gen finden online statt. In etwa 30-minüti- heit, Gesundheits- und Umweltschutz erfüllt.
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Tipps vom Patentanwalt über Bedeutung und rechtskonformer Anwen-
gewerbliche Schutzrechte
dung der CE-Kennzeichnung. Die CE-Kenn-
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20. Mai zeichnung gewährleistet den freien Verkehr online
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Vorhelmer Straße 81, Beckum
20. Mai
Gründer- und Innovationspark IHK-Verkehrsforum Ruhr
Steinfurt (GRIPS III), Steinfurt
20. Mai
Minister Wüst
IHK in Bocholt im Dialog
17. Juni
wfc Wirtschaftsförderung Kreis Als Drehscheibe für Logistik
Coesfeld GmbH, Dülmen kommt dem Ruhrgebiet eine gro-
17. Juni ße Bedeutung für die deutsche
EWG Rheine mbH, Rheine Wirtschaft zu. Über die daraus
entstehenden Anforderungen an
www.ihk-nw.de, Nr. 156132381
Verkehr und Mobilität diskutiert
NRW-Verkehrsminister Hend-
Nachfolge rik Wüst beim Verkehrsforum
Beratung zu Rechtsfragen der Ruhr-IHKs mit Vertretern aus
27. Mai Wirtschaft und Landespolitik. Vor
IHK in Bocholt dem Hintergrund der Bundestags-
www.ihk-nw.de, Nr. 156120521 wahl im Herbst gibt es außerdem
Beratung zu Konflikten beim eine Gesprächsrunde mit den ver-
Generationswechsel kehrspolitischen Sprechern der
Bundestagsfraktionen.
10. Juni
IHK in Münster » 28. Juni, 16 Uhr, online
Rhein-Herne-Kanal: Wichtige Wasserstraße für die Logi- www.ihk-nw.de/
www.ihk-nw.de, Nr. 156120518 sitikdrehscheibe Ruhrgebiet. Foto: Stephan/Adobestock verkehrsforum
Finanzierung
Expertenrat zur Unternehmens- Workshop für Gründerinnen
finanzierung und Informationen
über Förderprogramme Erfolgreich verkaufen lernen
19. Mai, 23. Juni, online In einem Workshop zeigt Gabriele Reineke ratungsgespräche. Die Veranstaltung ist in
www.ihk-nw.de, Nr. 156127179 von der Marketing-Agentur Reineke in Essen, Präsenz geplant, kann jedoch verkürzt auch
wie Gründerinnen ihre Produkte und Dienst- digital stattfinden. Die Teilnahme ist kosten-
@Alle Veranstaltungen
der IHK Nord Westfalen:
leistungen erfolgreich an den Markt bringen.
Die Veranstaltung der Kampagne „Mutig.
los, eine Anmeldung ist erforderlich.
www.ihk-nw.de/termine » 16. Juni, 9.30 bis 16.30 Uhr
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6 Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021TERMINBÖRSE
Selbstständigkeit
Nebenberuflich
durchstarten
In einem Workshop des STARTERCENTER
NRW im Kreis Recklinghausen lernen die
Teilnehmenden, wie sie ihre nebenberuf-
Die Zeche Herten: Ein beliebter Touristen-Hotspot im Ruhrgebiet und Ziel für viele Radfah- liche Selbstständigkeit richtig organisie-
rerinnen und Radfahrer. Bild: Jochen Tack/Ruhr Tourismus ren. Juristin und Unternehmensberaterin
Constanze Brinkmann von der Coaching-
Agentur ZETTELRAUM vermittelt Know-
IHK-Forum: Neue Wege how zu Zeitmanagement, technischer
Ausstattung und Homeoffice. Die Teil-
für den Ruhr-Tourismus nahme ist kostenfrei, eine Anmeldung
erforderlich.
» 18./19. Mai, 16.30 bis 18.30 Uhr, online
Wie die Tourismus-Branche nach der Corona-Pandemie wieder www.ihk-nw.de, Nr.156145554
Fuß fassen kann, diskutieren Politikvertreter und Unternehmen
Unternehmensnachfolge
beim zweiten digitalen IHK-Tourismusforum Ruhr am 2. Juni.
Nach Fahrplan
Das Tourismusforum ist eine Gemeinschafts- Beispiele und erläutert digitale Geschäftsmo- Die Nachfolgeexperten Britta Schulz von
veranstaltung der Ruhr-IHKs. In Impulsvor- delle. Die Podiumsdiskussionen moderiert die der Handwerkskammer Münster und Mi-
trägen und Podiumsdiskussionen geht es um Journalistin Jeanette Kuhn. Zu Wort kom- chael Meese von der IHK Nord Westfa-
Strategien und neue Wege für die Tourismus- men dabei unter anderem Axel Biermann, len geben Tipps für den Nachfolgeplan
wirtschaft. Unter anderem diskutiert NRW- Geschäftsführer der Ruhr Tourismus GmbH im Unternehmen. Sie informieren pra-
Wirtschaftsminister Prof. Dr. Andreas Pink- (Oberhausen) und Markus Riepe, Geschäfts- xisnah über die wichtigsten Eckpunkte
wart mit Vertretern von Unternehmen und führer der Hotel Drees GmbH & Co. KG (Dort- und eventuelle Fallstricke einer Unter-
Verbänden über die Chancen der Digitalisie- mund). Externe Teilnehmer haben während nehmensübernahme. Die Veranstaltung
rung für die für das Ruhrgebiet so wichtige der Veranstaltung die Möglichkeit, im Chat ist Teil der Initiative #Youngstarts Müns-
Tourismusbranche. Fragen zu stellen. terland. Die Teilnahme ist kostenlos, eine
Florian Bauhuber, Geschäftsführer der Anmeldung ist erforderlich.
Agentur Tourismuszukunft aus Holzkirchen, » 2. Juni, 16 Uhr, online » 29. Juni, 17 bis 18.30 Uhr
zeigt in einem Impulsvortrag Best-Practice- www.ihk-nw.de/tourismusforum www.ihk-nw.de/nachfolge
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Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021 7BLICKFANG
Luft-Hoheit
In der hohen Kunst, Luft abzusaugen, zu filtern und zu reinigen
ist die Industrie im IHK-Bezirk Nord Westfalen führend. Laut
offizieller Statistik von IT.NRW wurden im vergangenen Jahr
landesweit 161 000 Apparate zum Filtrieren oder Reinigen von
Luft hergestellt. Sie hatten einen Wert von 186,3 Millionen Euro.
Über ein Drittel (36,8 Prozent) dieses Produktionswertes wurde
von Betrieben im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Re-
gion erzielt. Die Kompetenz, Luft bis zur Viren- und Keimfreiheit
zu säubern, ist in Corona-Zeiten besonders gefragt. Im vierten
Quartal stieg die Produktionsmenge um 52,7 Prozent gegen-
über dem entsprechenden Vorjahreszeitraum.
8 Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021NORD-WESTFALEN
Homecoming-Kampagne Zahl der Erwerbsfähigen
Fachkräfte zurück
in die Heimat locken schrumpft bis 2040 rasant
Im April hat Münsterland e.V. die Kam- Nord-Westfalen verliert bis zum Jahr 2040 rund 90 000 Einwoh-
pagne Homecoming@Münsterland ge- ner – und noch deutlich mehr Menschen im Erwerbsalter.
startet. Ziel ist, gut ausgebildete Fach-
kräfte mit münsterländischen Wurzeln Nach neuen Berechnungen des Bundesamts Personen im Erwerbsalter - die Altersgrup-
zurück in die Heimat zu locken. Die Kam- für Bauwesen und Raumordnung (BBSR, pe der 20- bis 65-Jährigen - schrumpft von
pagne läuft bis Ende Dezember. März 2021) sinkt die Bevölkerungszahl von 2017 bis 2040 besonders stark, nämlich um
» www.muensterland.com/homecoming 2,6 Millionen Einwohnern im Jahr 2017 auf 19 Prozent in der Emscher-Lippe-Region und
2,5 Millionen in 2040. Besonders stark be- um 14 Prozent im Münsterland. Insgesamt
troffen ist die Emscher-Lippe-Region mit verliert Nord-Westfalen fast 247 000 potenzi-
CO2-Kompass Metropole Ruhr einem Verlust von 84 000 Einwohnern. Das elle Erwerbstätige. Gleichzeitig steigt die Zahl
Minus im Münsterland beläuft sich auf gut der über 65-Jährigen deutlich an – von über
Mit Wasserstoff zur 5000. Unter den kreisfreien Städten und Krei- 530 000 auf fast 695 000. Diese Verschiebun-
Klimaneutralität sen wächst allein die Stadt Münster. gen bilden sich in den Münsterlandkreisen
Die Veränderungen in der Bevölkerungs- Coesfeld, Borken und Steinfurt überdurch-
Wasserstoff-Technologien können den struktur haben dabei gravierende Auswir- schnittlich stark heraus.
Weg zur Klimaneutralität ebnen. Zu kungen für den Arbeitsmarkt: Die Zahl von » www.ihk-nw.de, Nr. 3600048
diesem Schluss kommt der CO2-Kom-
pass Metropole Ruhr, eine aktuelle Stu- Bevölkerungs
die des Instituts der deutschen Wirtschaft
entwicklung
in Köln, die der Regionalverband Ruhr in 80
im Kreis
Auftrag gegeben hat. Danach können in
der Region jährlich bis zu 25,5 Millionen Steinfurt:
Tonnen CO2 außerhalb der Energiewirt- Bis 2040 schrumpft
60
schaft eingespart werden, wenn konse- die Alters-
quent in Wasserstoff investiert wird. gruppe
» metropole.ruhr/transformation/co2- der 20- bis 65-
40
reduktion/studie Jährigen um 14,1
Prozent von 266 600
2040 20 auf 228 900
Deutschlandstipendium
Personen.
FH und Uni von 2017
0
Beginn an dabei
20.000 15.000 10.000 5.000 0 5.000 10.000 15.000 20.000
Mit 300 Euro monatlich unterstützen die Männlich Weiblich
Deutschlandstipendien Studierende. 50 Quelle: Bundesinstitut für Bau-, Stadt -und Raumforschung
Prozent des Geldes stiften Unternehmen
oder Privatpersonen, die andere Hälf-
te steuert der Bund bei. Das Programm Aus Modehaus Mensing wird „das macht SiNN“
wird in diesem Jahr zehn Jahre alt. Von
Beginn an dabei sind die Fachhochschule
400 Arbeitsplätze gerettet
(FH) und die Uni Münster. Rund elf Mil- Die Hagener Modehauskette „das macht SiNN“ (ehemals SinnLeffers) übernimmt die Unterneh-
lionen Euro haben die Hochschulen dafür mensgruppe Mensing mit Stammsitz in Bottrop. Mensing hatte im vergangenen Jahr Insolvenz
bisher eingeworben, mit denen über 3200 anmelden müssen. Seit April dieses Jahres laufen die sieben Filialen, darunter auch in Bottrop,
Studierende gefördert wurden. Dorsten und Rheine, unter dem neuen Namen. Die neue Eigentümerin konnte die meisten der
» www.deutschlandstipendium.de rund 400 Arbeitsplätze erhalten.
10 Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021NORD-WESTFALEN
Einzelhandel
Unternehmen
wollen klagen
Unter der Federführung der Initiative
„Händler helfen Händlern“ will eine
Gruppe von Handelsunternehmen mit ei-
ner Sammelklage vor dem Bundesverfas-
sungsgericht gegen die staatlich angeord-
nete Schließung ihrer Betriebe vorgehen.
Zu den Unternehmen gehören auch Rose
Elfriede Sauerwein-Braksiek erläutert IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel und IHK-
Präsident Dr. Benedikt Hüffer die Einschränkungen durch die Sperrung der A 43 (v.r.). Bikes (Bocholt) und Ernsting's Family
Foto: Krüdewagen/IHK (Coesfeld). Die Initiative sieht durch das
Infektionsschutzgesetz „eine Ungleich-
A-43-Sperrung behandlung im Wettbewerb zementiert“,
heißt es in einer Pressemeldung vom 20.
Unternehmen müssen erreichbar bleiben April. Einzelne Handelskategorien dürf-
Die Sperrung der A 43 zwischen den Auto- weichrouten über städtische Straßen müss- ten unabhängig von den Inzidenzen ihre
bahnkreuzen Recklinghausen und Herne be- ten so geplant werden, dass die Verkehre dort Geschäfte geöffnet halten, während an-
trifft die Wirtschaft massiv. Aus IHK-Sicht weitgehend störungsfrei fließen können, so dere, „in Augen der Politik nicht system-
ist nicht nur wichtig, die großräumige Um- die IHK-Spitze. Sauerwein-Braksiek erklärte, relevante Geschäfte“ schließen müssten,
leitung der Transitverkehre sicherzustellen. dass die Autobahn Westfalen die Situation so sagte Alexander v. Preen, CEO der IN-
Es komme vor allem darauf an, die Erreich- schnell als möglich lösen möchte: „Wir haben TERSPORT Deutschland eG. „Wir sind
barkeit der Betriebe im Umfeld der Sperrung ein umfangreiches Umleitungskonzept aus- nicht gegen einheitliche Regelungen“,
zu gewährleisten, betonten IHK-Präsident Dr. gearbeitet, prüfen aber auch die Möglichkei- sagt Marcus Diekmann, Initiator der In-
Benedikt Hüffer und IHK-Hauptgeschäftsfüh- ten des Einsatzes einer Behelfsbrücke, damit itiative und CEO von Rose Bikes: „Aber
rer Dr. Fritz Jaeckel im Gespräch mit der Di- Lkw bald wieder die A 43 in diesem Bereich wir sind für einen einheitlichen Rahmen,
rektorin der Autobahn GmbH (Niederlassung befahren können, und überlegen, wie wir den der alle Protagonisten zu gleichen Teilen
Westfalen), Elfriede Sauerwein-Braksiek, am ohnehin anstehenden Neubau der geschädig- in die Verantwortung nimmt.“
Tag nach Einrichtung der Sperrung. Aus- ten Emschertalbrücke vorziehen können.“ » www.haendler-helfen-haendlern.com
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Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021 11NORD-WESTFALEN
Regionalplan Ruhr Industrie-Initiative:
1300 Hektar
für Gewerbe Chefs treffen Studierende
Der „Sachliche Teilplan Regionale Ko- Mit der Reihe „Meet the Boss“ bringen sich nord-westfälische
operationsstandorte“ im Regionalplan
Industrieunternehmen bei künftigen Hochschulabsolventen ins
Ruhr sieht die Ausweisung von 24 Wirt-
schaftsstandorten im Ruhrgebiet mit einer Gespräch.
Fläche von 1300 Hektar für überregional
bedeutsame Ansiedlungen vor. Sechs da- Dass die Industrie im Münsterland ein attrak- rotec Flächenheizung (Ahlen), Heinrich Jür-
von liegen in der Emscher-Lippe-Region. tiver Arbeitgeber für die Absolventen der re- gens, Jüke Systemtechnik (Altenberge) und
Auf Anregung von IHKs und Handwerks- gionalen Hochschulen ist, davon überzeugten Ralph Weidling von der WEICON (Münster).
kammern zog der Regionalverband Ruhr sich Ende März 28 Studierende der Fach- „Meet the Boss“ ist in der Industrie-Strategie
(RVR) die Aufstellung des Teilplans zeit- hochschule Münster im Gespräch mit den Ge- der IHK Nord Westfalen ein wichtiger Baustein,
lich vor. Zudem wurden wesentliche An- schäftsführern von sechs Unternehmen. um dem Fachkräftemangel in der regionalen
regungen der Wirtschaft aufgenommen. Als „Bosse, die sich nachdrücklich interes- Industrie entgegenzuwirken. Die IHK führt die
Der Aufstellungsbeschluss durch die siert“ am Fachkräftenachwuchs zeigten, wa- Veranstaltungen der Initiative „In|du|strie – Ge-
RVR-Verbandsversammlung soll am 25. ren beteiligt: Stefan Garmann von der ARM- meinsam. Zukunft. Leben.“ gemeinsam mit der
Juni gefasst werden. Damit werden die ACELL Group/Ultima Holding (Münster), FH Münster und der Westfälischen Hochschule
Voraussetzungen für die Kommunen ge- Marnix Lannoije von der Cargobull Telema- durch. Studierende der FH Münster haben am
schaffen, Flächen für große Betriebsan- tics (Münster), Luigi Di Matteo, DI MATTEO 20. Mai die nächste Gelegenheit, Bosse zu tref-
siedlungen und -verlagerungen bedarfs- Förderanlagen (Beckum), Thomas Heuser, he- fen. » w
ww.ihk-nw.de/meet-the-boss
gerecht zur Verfügung zu stellen.
gds, Sassenberg
Im TechNet Oost IHK-Industrie-
referent Dr.
Julian Allendorf
Die gds GmbH (Sassenberg) wird als ers-
organisiert für die
tes deutsches Unternehmen Teil des nie- Industrie-Initiative
derländischen Netzwerks TechNet Oost. die Reihe „Meet the
Ziel des Expertenclusters ist die Unter- Boss“: WEICON-Ge-
schäftsführer Ralph
stützung von Erstausrüstern entlang
Weidling (auf dem
der gesamten Wertschöpfungskette. gds Laptop-Bildschirm)
bringt ihre Kompetenzen in den Berei- war einer der sechs
chen Technische Dokumentation, Risiko- „Bosse“, die online
im Gespräch mit
beurteilung und CE-Kennzeichnung in
Studierenden der
das Netzwerk ein. FH Münster waren.
» www.gds.eu Foto: Pforr/IHK
IHK-Industrieausschuss zu Smart Field Labs
Niederländisches Modell mit Vorbildcharakter
Der IHK-Industrieausschuss strebt eine enge sagte Lars Baumgürtel im Anschluss an die Niederlande, hatte sie zuvor als Umgebungen
Zusammenarbeit mit den Smart Field Labs jüngste Sitzung. Für Baumgürtel, der Aus- beschrieben, „wo intelligente Industrielösun-
der Niederlande an. „Unternehmen aus bei- schussvorsitzender und IHK-Vizepräsident gen entwickelt, getestet und implementiert
den Ländern können voneinander lernen, wie ist, hat das niederländische Modell der mitt- werden, und wo Menschen lernen können, sie
wir die Industrie beiderseits der Grenze zu- lerweile 45 Field Labs Vorbildcharakter. Peter anzuwenden“. Inzwischen arbeiten über 1200
kunfts- und wettbewerbsfähig aufstellen“, van Harten, Smart Industry Ambassador der Unternehmen in den Field Labs zusammen.
12 Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021NORD-WESTFALEN
Ludger Wissing - 65 Jahre
Prägender Kopf der
Industrie-Initiative
Ludger Wissing, Geschäftsführer der
PFREUNDT GmbH (Südlohn), ist im Ap-
ril 65 Jahre alt geworden. Der Unterneh-
mer ist seit 1998 Mitglied im
IHK-Regionalausschuss Kreis
Borken. 2003 wurde er in die
Batterieforscher: IHK-Regionalsieger Steffen Benkhoff aus Saerbeck überzeugte auch die IHK-Vollversammlung ge-
Jury beim Landeswettbewerb „Jugend forscht“. Foto: Grundmann/IHK wählt, in der er ohne Unter-
brechung bis heute mitarbei-
tet. Als einer der prägenden
Mit Batterieprojekt zum Köpfe der nord-westfälischen
Industrie-Initiative setzt er Ludger Wissing
Bundesfinale „Jugend forscht“ sich dafür ein, das Verständ-
nis der Menschen für die Be-
Foto: IHK
lange der produzierenden
Steffen Benkhoff aus Saerbeck hat sich für das Bundesfinale Unternehmen zu stärken. Für seine Ver-
dienste wurde Wissing 2016 mit der Sil-
von „Jugend forscht“ qualifiziert. Sein Siegeszug begann im Fe-
bernen IHK-Ehrennadel ausgezeichnet.
bruar in Münster beim IHK-Regionalwettbewerb.
Ruhr-Konferenz-Projekt
Auch beim Landeswettbewerb „Jugend am Bundesfinale teil. „Das ist ein tolles Er-
forscht“ überzeugte der Schüler der Maxi- gebnis“, freut sich IHK-Wettbewerbspate Dr.
chemstars.nrw
milian-Kolbe-Gesamtschule Saerbeck die Eckhard Göske. Die Qualifikation fürs Bun- Der Verband der Chemischen Industrie in
Jury im Fachgebiet Chemie mit der Arbeit desfinale haben Frederik Schittny, Lukas Gra- NRW hat die Initiative chemstars.nrw ins
„Untersuchung organischer Anodensubstan- ve und Lukas Haverbeck aus Münster knapp Leben gerufen, um Gründungen in der
zen zur Verwendung in Redox-Flow-Syste- verpasst. Mit ihrem Projekt „parknet – Park- Chemiebranche zu fördern. Das Land be-
men“. Benkhoof untersuchte Flüssigbatte- raum optimal nutzen mit autonom kooperie- zuschusst die Initiative mit 440 000 Euro.
rien und testete verschiedene Substanzen auf renden, vernetzten Fahrzeugen“ landete das Eingebunden ist das Projekt in die Ruhr-
ihre Nutzbarkeit in einer solchen Batterie. Als Trio beim Landeswettbewerb auf Platz 2. Konferenz.
Landessieger nimmt er vom 26. bis 30. Mai » www.jufo-ms.de » www.ruhr-konferenz.nrw
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Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021 13LU S S
N S CH E N
A
DEN VERPAS S
NICH T
Corona hat dem Öffentlichen Personennahverkehr
einen Rückschlag beschert. Wenn die Verkehrswende
trotzdem gelingen soll, muss der Ausbau des
ÖPNV weitergehen.
» Von Joachim Brendel
N och vor gut einem Jahr war die Verkehrswende auf
Kurs. Manchen ging es nicht schnell genug, ande-
re mahnten, Wirtschaft und Bevölkerung mitzunehmen
Fahrrad/E-Bike umsteigen oder einfach mal wieder zu
Fuß gehen. Und Güter? Die gehören grundsätzlich auf die
Schiene oder das Binnenschiff; auf jeden Fall weg vom
und nichts zu überstürzen. Aber in der grundsätzlichen Lkw und runter von den Autobahnen und Stadtstraßen,
Zielsetzung war sich die Politik weitgehend einig: Die um dort mehr Platz für die umweltfreundlichen Verkehrs-
Menschen sollten vom Auto auf Busse, Bahnen und das mittel zu schaffen.
14 Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021MOBILITÄT UND VERKEHR
Die genannten politischen Ziele sind seit dem Ende der Verhalten plötzlich ändern – vorübergehend oder auch
1970er-Jahren klar umrissen, als zunächst der Umwelt- dauerhaft. Das gilt auch für das Thema „Mobilität“ und
und später der Klimaschutz zusätzliche Anforderungen stellt aktuell sowohl die Verkehrspolitik als auch Ver-
an die Verkehrssysteme und die Fahrzeugtechnik stellten. kehrsplanung und Mobilitätsdienstleister vor große He-
Profitiert hat bis heute vor allem die Umwelt, genauer ge- rausforderungen. Die Coronapandemie droht, zu einem
sagt: die Luftqualität. In den 1980er-Jahren verschwand „Gamechanger“ der Verkehrswende zu werden und könn-
das Blei aus dem Benzin, dann halfen Katalysatoren und te dazu führen, dass die ambitionierten Ziele
Partikelfilter, die Abgase der Benziner und Diesel sukzes- vor allem im öffentlichen Personennahver-
sive immer besser zu reinigen. Findige Marketingstrate- kehr kritisch hinterfragt und jahrelang ver-
gen der Automobilindustrie preisen ihre modernsten Die- folgte Strategien möglicherweise neu justiert
selaggregate gar als „fahrende Luftreiniger“ an, bei denen werden müssen. Ist die Verkehrswende so
die Abgase sauberer seien als die Umgebungsluft. Die Ver- überhaupt noch zu erreichen?
brenner-Technologie erscheint mittlerweile weitgehend Wer seine persönliche Mobilität in die Hän-
ausgereizt - zumindest mit Blick auf die Schadstoffemis- de anderer legt, der braucht Vertrauen, vor
sionen. Was bleibt, sind die Herausforderungen des Kli- allem was Zuverlässigkeit und Sicherheit
maschutzes. Aber genau hier kommt eine Technologie, die betrifft. War vor Corona – vor allem beim
auf der Verbrennung fossiler Kraftstoffe basiert, an ihre Bahnverkehr – oft die Zuverlässigkeit ein
natürlichen Grenzen. Alternative Antriebe, die auf rege- Problem, kommt jetzt das Thema (Infekti-
nerativ erzeugten und in Akkus gespeicherten Strom oder ons-)Sicherheit hinzu. Denn trotz vieler ge-
auf grünen Wasserstoff setzen, sind zwar klimafreundli- genteiliger Beteuerungen wird immer deut-
cher, aber mit Blick auf Effizienz und breite Alltagstaug- licher, dass der öffentliche Nahverkehr zur
lichkeit zum Teil noch optimierungsbedürftig. Rush-Hour keine virusfreie Zone sein kann.
Die Verkehrswende hingegen setzt nicht zuvorderst auf Die jüngsten Appelle der Virologen und Poli-
den technologischen Fortschritt, sondern auf ein verän- tiker, so viele Mitarbeitende wie möglich von Joachim Brendel, IHK-Ge-
schäftsbereichsleiter Handel
dertes Mobilitätsverhalten der Bevölkerung - und auch zu Hause arbeiten zu lassen, zielt daher auch und Verkehr, Infrastruktur
der Wirtschaft. Das individuelle Mobilitätsbedürfnis des weniger auf die Ansteckungsrisiken im Be- Foto: IHK
Menschen soll im Regelfall in der Gemeinschaft mit an- trieb, sondern vor allem auf die Situation in
deren – also mit Bussen, Bahnen oder Gruppentaxis (neu- gut gefüllten „Gefäßen“ des öffentlichen Personennahver-
deutsch: On-Demand-Verkehre) befriedigt werden. Und kehrs. Es hat lange gedauert, bis Politik und ÖPNV-Betrei-
natürlich durch Muskelkraft: zu Fuß, mit dem Fahrrad, ber die Kraft gefunden haben, diese unbequeme Wahrheit
bei Bedarf batterieelektrisch unterstützt. Ähnliches gilt anzuerkennen und auszusprechen.
für den Transport von Gütern, die in der umwelt- und
verkehrspolitischen Theorie ebenfalls im Kollektiv auf Vertrauen zurückgewinnen
Containerzügen und -schiffen durch das Land zu trans- Was bedeutet all dies nun für die Zukunft des Öffentli-
portieren sind und allenfalls für die letzte Meile auf stadt- chen Nahverkehrs? Fakt ist: Ohne einen starken ÖPNV
verträgliche und CO2-neutrale Transportmittel wie Car- wird die Verkehrswende nicht gelingen. Daher muss al-
gobikes oder E-Scooter umgeladen werden. Jedes Jahr les darangesetzt werden, das Vertrauen der Menschen in
investieren Bund, Länder und Kommunen Milliardenbe- Busse und Bahnen zurückzugewinnen - Vertrauen in die
träge, um diesem Idealbild einer klima- und umweltver- Leistungsfähigkeit, Zuverlässigkeit und Sicherheit des öf-
träglichen Mobilität über ungezählte Pilotprojekte und fentlichen Verkehrs. Dies kann gelingen, wenn die Pend-
Modellvorhaben näherzukommen. Möglicherweise haben lermobilität vor allem in den Ballungsräumen stärker ent-
sie dabei aber die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die- zerrt und das Angebot gleichzeitig spürbar ausgeweitet
ser „Wirt“ ist der Faktor „Mensch“ – ein Faktor, der oft wird. Das verlangt Mut und Entschlossenheit bei den poli-
nur schwer zu berechnen ist. tischen Entscheidern, die trotz der erheblichen Fahrgast-
rückgänge in der Pandemie gerade jetzt in Vorleistung
Zuverlässigkeit ist gefragt treten und massiv in den Ausbau des ÖPNV investieren
Äußere Einflüsse wie privat oder beruflich veränderte Le- müssen. Der Salto rückwärts ist keine Option. Eine er-
bensumstände, persönliche Einstellungen und Werte oder folgreiche Verkehrswende erfordert mehr denn je: „Volle
auch die aktuelle Pandemie-Situation können dazu füh- Kraft voraus“ für Busse, Bahnen und innovative Mobili-
ren, dass Menschen ihr Verhalten zuallererst an ihren per- tätsangebote.
sönlichen Bedürfnissen orientieren beziehungsweise ihr
Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021 15MOBILITÄT UND VERKEHR
Mobilität im Einklang
mit dem Klimaschutz
„Die Erreichbarkeit von Unternehmen und Wirtschaftsregionen gehören seit
jeher zu den wichtigsten Standortfaktoren“ - auf diesem Grundsatz basiert das
IHK-Leitbild Verkehr und Mobilität. » Von Daniel Janning
D as am 4. März 2021 von der Vollver-
sammlung der IHK Nord Westfalen
verabschiedete Leitbild ist nach intensi-
Klimaschutz zu leisten, ist die Weiterentwicklung und
Förderung nachhaltiger Mobilitätskonzepte von großer
Bedeutung“, erklärt Redemann. Hierzu zählen zum Bei-
ver Diskussion in einer mit Vertretern des spiel die Förderung intermodaler Mobilitätsketten durch
Ehrenamtes (IHK-Präsidium, IHK-Vollver- Mobilitätsstationen, die technologieoffene Weiterent-
sammlung, IHK-Fachausschüsse Verkehr und wicklung von alternativen Antrieben (siehe Seite 25) oder
Handel) besetzten Arbeitsgruppe vorbereitet die Unterstützung innovativer City-Logistik-Konzep-
und vom IHK-Verkehrsausschuss mit großer te (siehe Seite 23). Diese Maßnahmen tragen dazu bei,
Mehrheit beschlossen worden. dass die Erreichbarkeit und die Aufenthaltsqualität in den
„Die Qualität und Zukunftsfähigkeit der Innenstädten bestmöglich in Einklang gebracht werden
Verkehrsinfrastruktur sowie der Mobilitäts- kann.
systeme und -angebote beeinflussen in er- Mit dem Ausbau der Angebote im Öffentlichen Perso-
heblichem Maße die Wettbewerbsfähigkeit nennahverkehr (ÖPNV) und dem weiterhin prognostizier-
der Unternehmen in Industrie, Dienstleis- ten Verkehrswachstum, insbesondere im Güterverkehr,
Norbert Redemann, Vorsitzen-
der des IHK-Verkehrsausschus- tungen und Handel“, bringt es Norbert Re- entstehen neue Anforderungen an die Verkehrsinfrastruk-
ses Foto: IHK demann, Vorsitzender des IHK-Verkehrsaus- tur. Dies betrifft alle Verkehrsträger: „Eine bessere Integ-
schusses, auf den Punkt. „Die Mobilität von ration der Region in das ICE- und RRX-Liniennetz, zu-
Das Leitbild Verkehr und Personen und Gütern steht aktuell im Fokus sätzliche Angebote im regionalen Schienenverkehr wie
Mobilität zum Download: von Klima- und Umweltschutzdebatten. Es die S-Bahn Münsterland, die Weiterentwicklung des FMO
www.ihk-nw.de, Nr. 4258084 gilt daher, die Erreichbarkeit der Unterneh- zu einem nachhaltigen Verkehrsflughafen für die Region,
men in Nord-Westfalen für Geschäftspartner, die Beseitigung von Engpässen im Straßennetz sowie die
Kunden und Mitarbeitende sowie die Mobili- Stärkung der Binnenschifffahrt und der Häfen stehen da-
tät bestmöglich mit dem Klima- und Umwelt- her weiterhin im Fokus unserer verkehrspolitischen Ak-
schutz in Einklang zu bringen“, benennt Redemann eine tivitäten“, erklärt der Verkehrsausschussvorsitzende. Da-
zentrale Herausforderung. rüber hinaus gilt es, die Radverkehrsinfrastruktur auch
Das neue Leitbild skizziert insgesamt fünf Herausforde- außerhalb der Städte an die Anforderungen der Berufs-
rungen für den IHK-Bezirk: pendler anzupassen. Das Leitbild enthält daher eine Liste
» die Sicherung der überregionalen Erreichbarkeit des mit den aus Sicht der Wirtschaft prioritären Verkehrsinf-
Wirtschaftsstandortes, rastrukturprojekten im IHK-Bezirk.www.ihk-nw.de
» mehr Nachhaltigkeit durch mehr Busse, Bahnen und
Radverkehr bei der Pendlermobilität,
» eine intelligente Steuerung der Einkaufs- und Besucher-
verkehre,
» eine Verbesserung der Mobilität in der Fläche sowie
» die Sicherung der Leistungsfähigkeit der Logistik. » IHK-Ansprechpartner zum Thema
Verkehr und Mobilität:
„Um attraktive Alternativen zum Motorisierten Indivi- Daniel Janning,
dualverkehr (MIV) und zum Straßengütertransport zu Tel 0251 707-309,
schaffen und gleichzeitig einen Beitrag zum Umwelt- und janning@ihk-nw.de
16 Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021www.stadtwerke-muenster.de
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Zug um Zug in
die Verkehrswende
Für die S-Bahn Münsterland gilt: Alle Wege führen ins Oberzentrum. Denken allerdings
müssen die Planer in viele Richtungen. Das Projekt ist hochkomplex. » von Dominik Dopheide
Projekt S-Bahn Münsterland
Die Stadt Münster und die umliegenden Kreise verfolgen den Plan,
in ihrer Region ein S-Bahn-Netz zu etablieren, das ÖPNV-Mobili-
tät im Raum Münsterland mit der gleichen Verlässlichkeit, Fahr-
plan- und Haltestellendichte verbindet wie in Ballungsräumen. Im
Dezember 2019 stellte Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe
dieses Projekt gemeinsam mit den Landräten und dem Zweckver-
band Nahverkehr Westfalen-Lippe (NWL) vor.
Bis zum Jahr 2035 sollen neun S-Bahnlinien das Münsterland mit
dem Oberzentrum im mindestens halbstündigen Takt verbinden.
Dazu muss die Infrastruktur - Bahnhöfe wie auch Schienenstre-
cken - optimiert werden. Der NWL ist verantwortlich für Planung,
Koordination und das Finanzierungskonzept des Projektes.
M ünster steht vor großen Herausforderungen“, sagt
Joachim Künzel. Starkes Wachstum, zu wenig
Wohnraum und, als Konsequenz, viel zu viele private Pkw,
der Fläche, die mit Parkraum für Autos und Fahrräder,
Ladestationen und Angeboten für Shared-Mobility jeder
Art gerüstet sind: Vieles müsse auf- oder ausgebaut und
die zwischen Umland und City pendeln: Der Geschäfts- alles aufeinander abgestimmt werden, wie der NWL-Chef
führer des NWL sieht die Region von der Verkehrswende erklärt.
noch ein gutes Stück entfernt. Dieses Ziel aber strebe der
in Unna ansässige NWL, vor dem Hintergrund des Klima- Herausforderung Hauptbahnhof
wandels, in seiner Arbeit konsequent an. „Wir betrachten Erweitert werden muss die Infrastruktur im Bereich des
die öffentlich organisierte Mobilität als Teil der Lösung, Hauptbahnhofs Münster. „Das wird wahrscheinlich die
aber das Verhalten der Menschen wird sich nur ändern, größte Baustelle des gesamten Projektes“, sagt Künzel. Es
wenn wir ihnen die richtigen Angebote machen“, ist gehe darum, Kapazitäten zu schaffen, um deutlich mehr
Künzel sicher. Der ÖPNV müsse und werde zulegen – an Leistung auf der Schiene bewältigen zu können – Ver-
Taktung, Schnelligkeit, Komfort, Service und Zugänglich- kehre, die zudem aus allen Richtungen einlaufen, ohne
keit. Die S-Bahn Münsterland soll in dem ganzen Konzept dass aktuell ausreichend Platz dafür vorhanden wäre. Da
eine Basis bilden. Ein Heilsbringer im 30-Minuten-Takt der Bahnhof baulich nicht mehr entscheidend erweitert
also, der im Alleingang die Verkehrswende anschiebt? „S- werden kann, muss die Betriebsführung – Weichenver-
Bahn-Verkehre funktionieren nicht isoliert, sondern nur bindungen, Leit- und Sicherungstechnik – deutlich fle-
in einem integrierten System, deshalb müssen wir auch xibilisiert werden. „Wir werden wahrscheinlich trotzdem
die Subsysteme hinbekommen und die Verkehrsträger die beiden nicht mehr genutzten Gleise einbinden müs-
zusammenbringen“, stellt Künzel klar. Knotenbahnhöfe, sen, die bei der Post liegen“, informiert Künzel. Das wer-
Schnellbusse, Busanschlüsse, On-Demand-Shuttle-Diens- de kompliziert, weil ein Abschnitt in die Fußgängerque-
te sowie Mobilstationen als Dreh- und Angelpunkte in rung am Bahnhof eingebaut werden müsse. Eine weitere
18 Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021MOBILITÄT UND VERKEHR
Projekt „ -Bahn Münsterland“ – Das Angebotszielkonzept
(Bestandteil des übergeordneten Projektes „Mobiles Münsterland“)
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• Durch Integration des S-Bahn-Systems
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Drensteinfurt
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S8 Die nächsten Schritte:
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Haltern am See Capelle (Westf)
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Essen-Steele Lünen-Alstedde
• Prüfung betrieblicher Auswirkungen
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• Ableiten des Infrastrukturbedarfs
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die Münsterlandge-
▸ Ableiten des finalen Angebotsziel-
RRX4 RE4 Regionalverkehr
RRX6 Hagen Fernverkehr nicht dargestellt meinden verbindet.
konzeptes
möglicher neuer Halt ▸ Volkswirtschaftliche
Grafik: NWL Betrachtung:
Der positive Nutzen ist Voraussetzung
• Außerhalb des Münsterlandes nicht alle Linien dargestellt für eine Förderung und vollständige
• Ergänzende (Schnell-)Buslinien sollen das ÖV-Netz verdichten Umsetzung.
Herausforderung ist im ländlichen Bereich zu lösen. Der Blick auf eine Verkehrswende strukturell unterfinanziert,
Kompetenzcenter
NWL – verantwortlich für Planung, Koordination und Fi-
Integraler Taktfahrplan NRW
mit den heutigen Mitteln können wir nicht alles bauen
Stand: Dez. 2019
nanzierungskonzept des Großprojektes – will im S-Bahn- und bestellen, was wir wollen und brauchen“, sagt Kün-
Netz Münsterland ausschließlich elektrische Züge und, zel. Doch stehe der NWL in Kontakt mit Bund, Land und
sobald ausreichend verfügbar, grünen Strom einsetzen. EU, um jede Förderoption zu nutzen, die infrage kommt.
Doch weist das System „S-Bahn Münsterland“ viele Ab- Gesichert ist bereits die Finanzierung für die Reaktivie-
schnitte auf, die gar nicht elektrifiziert sind. Nicht im- rung der Personenstrecke Münster – Sendenhorst, die
mer kommt, wie im Fall Münster−Gronau−Enschede seit zum Modellbeispiel einer Mobilitätsachse à la Münster-
Langem geplant, eine Vollelektrifizierung per Oberleitung land werden soll.
infrage. Der Plan: Batteriebetriebene Züge, die an einem Geplant sind unter
Knotenbahnhof oder unterwegs an einer Oberleitung ihre anderem acht Halte-
Akkus „auftanken“, sollen die stromlosen Strecken über- punkte, Anschlüsse „Das Verhalten der
brücken und in den kommenden zehn Jahren die Diesel- an den Bahn-Fern- Menschen wird sich
triebwagen im Münsterland ablösen. Die Ausschreibung verkehr, den Bahn-
nur ändern, wenn wir
für die Fahrzeuge ist derzeit in Vorbereitung, berichtet der und Bus-Regional-
NWL-Geschäftsführer. Gleichzeitig muss die Vorausset- verkehr sowie den ihnen die richtigen
zung geschaffen werden, damit diese Fahrzeuge – „BE- Bus-Stadtverkehr, Angebote machen“
MUs“ (Battery Electrical Multiple Units) – die notwendige zudem neue Bahn-
Reichweite erzielen. Grundsätzlich werde dafür keine zu- steige mit modernen Joachim Künzel,
Geschäftsführer
Foto: NWL
sätzliche Infrastruktur benötigt, doch gebe es eine Aus- Service-Einrich-
des Zweckverbandes
nahme: „Wir brauchen unbedingt Strom im Knotenpunkt tungen, vom Infor- Nahverkehr
Coesfeld“, erklärt Künzel. Den „Saft“ aus Dülmen oder mationssystem bis Westfalen-Lippe (NWL)
Gronau zuführen oder in Coesfeld vor Ort generieren? zum barrierefreien
Noch rauchen die Köpfe im Planungsbüro und die Diesel- Zugang, sowie Mo-
motoren auf den Schienen. bilstationen für den Anschluss an individuelle Verkehrs-
mittel. Bis solche Strukturen im gesamten Münsterland
Alte Achse, neue Ideen vollständig stehen, wird es aber wohl 2035 werden. „Es
Noch ein weiteres Puzzle muss der NWL lösen: die Finan- ist einfach wahnsinnig viel zu bewältigen, aber man wird
zierung. Sie ist, wie das gesamte Projekt, nur schrittwei- die Fortschritte peu à peu erleben können“, sagt Joachim
se zu bewältigen. „Das Gesamtsystem Nahverkehr ist mit Künzel.
Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021 19MOBILITÄT UND VERKEHR
Der Shuttle-Dienst
LOOP wird per App
bestellt, ist aber
fast so flexibel wie
ein Taxi – in einem
kleinen Bereich des
Stadtgebietes.
Foto: Stadtwerke
Münster
Kreuzung aus
Bus und Taxi
Die Stadtwerke Münster haben den On-Demand-Shuttle-Dienst LOOP ins Rollen
gebracht – (fast) so flexibel wie ein Taxi, günstig wie ein Bus. Das Projekt wird be-
obachtet: von der Fachhochschule Münster und von der Taxi-Branche.
» Von Dominik Dopheide
E s läuft bei LOOP. Der On-Demand-Shuttle-Dienst der
Stadtwerke Münster hat vom Projektstart im Sep-
tember bis Jahresende 2020 bereits 57 353 Fahrgäste be-
der Stadtwerke Münster für den Bereich Mobilität ver-
antwortlich. Große Busse mit Elektromotor, die im Fünf-
minutentakt auf den Hauptachsen fahren, Mobilstationen
fördert. Anfang April 2021 ist die Zahl auf fast 100 000 in den Wohngebieten, die auf Roller, Rad oder Schusters
angestiegen. Dabei ist das Bediengebiet auf den Süden Rappen schnell zu erreichen sind, dazu das verbindende
Münsters begrenzt. Zudem ist die maximale Passagierzahl Element der batterieelektrisch betriebenen On-Demand-
pro Fahrzeug, als Corona-Schutzmaßnahme, von sechs Shuttles: So soll der ÖPNV in Münster klimafreundlich
auf vier reduziert worden. „Wir sind inmitten der Pande- und geräuscharm in die Zukunft rollen.
mie gestartet und wussten, dass Fahrten wegfallen, woll- Bis 2029 wollen die Stadtwerke ihre komplette Flotte auf
ten das Vorhaben aber durchziehen“, berichtet Projekt- emissionsfreie Fahrzeuge umrüsten. „ÖPNV muss sexy
leiter Phil Rose. Schließlich soll der Shuttle-Service zügig werden“, lautet Gäfgens Devise. LOOP jedenfalls scheint
zeigen, ob er in eine bestimmte Bresche fahren kann: für Kunden attraktiv zu sein. Knapp 40 Prozent der Fahr-
„LOOP soll einen Beitrag zur Feinerschließung leisten, gäste hatten per App auf dem Handy Rückmeldung ge-
es geht darum, dass Kunden nahe an ihre Haustür kom- geben und vergaben im Schnitt 4,6 von fünf möglichen
men, ohne dass ein 18-Meter-Bus bis in die letzte Straße Sternen. Dem Smartphone schreibt Gäfgen ohnehin die
fahren muss“, erklärt Frank Gäfgen, als Geschäftsführer Schlüsselrolle im ÖPNV zu. Es habe das Kundenverhal-
20 Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021MOBILITÄT UND VERKEHR
ten massiv verändert. „Die meisten Nutzer möchten schon docken an diesen Prozess, hält Böhm für denkbar. „Auch
morgens beim Kaffee checken, wie sie den Tag über unter- wir haben kräftig digitalisiert, das Tüdelüt über Funk hat
wegs sein werden“, erklärt der Geschäftsführer. „Ich muss ausgedient“, erklärt er und regt an, die Ressourcen priva-
mich als Kunde registrieren können und dann mit einem ter Dienstleister in das On-Demand-Konzept einzubinden:
Wisch von Loop über Bus und Bahn bis hin zum Taxi in- „Wir wollen mit der Verkehrswende ja Flotten reduzieren,
klusive Ticketing alles auf dem Schirm haben“, schildert statt noch welche danebenzustellen“, sagt Böhm.
Rose, wie weit die Stadtwerke den Kunden in der digita-
len Welt entgegenkommen wollen – künftig. Denn noch Expansion geplant
ist die Software nicht soweit. Zwar lassen sich Tickets per Bis zu zehn Shuttles der Stadtwerke Münster sind auf ei-
App buchen. Aber an der großen Mobilitätsplattform, die ner Fläche von ca. 40 km2 für LOOP zeitgleich im Einsatz.
alle nachhaltigen ÖPNV-Varianten der Stadtwerke und Das Gebiet, in dem rund 55 000 Einwohner leben, umfasst
ihrer Partner zusammenfasst, wird wohl noch bis 2025 Ortszentren, Wohn-, Gewerbe- und Naherholungsgebiete.
geschraubt. Die Fahrzeuge haben einen Range-Extender an Bord – ein
Verbrennungsmotor, der bei Bedarf mehr Reichweite er-
Taxis nicht ausbremsen möglicht. Das gesamte Projekt steht unter wissenschaft-
Bis dahin, ist Roland Böhm überzeugt, sind auch mehr Ta- licher Beobachtung: Die Stadtwerke erheben Kennzahlen
xis mit E-Antrieb unterwegs. „Wir haben ja schon 20 Hy- und leiten sie an die Fachhochschule (FH) Münster zur
bridfahrzeuge in der Flotte, da gibt es keine ideologische Auswertung weiter. Dokumentiert wird beispielsweise die
Blockade“, sagt der Vorstand der Taxizentrale Münster, durchschnittliche Reisezeit. Weil sie zehn bis elf Minuten
die Touren vorwiegend an Einzelunternehmer vermit- beträgt, sind die Verantwortlichen sicher, dass das Projekt
telt, genossenschaftlich organisiert ist und auf eine fast auf dem richtigen Kurs liegt: „Wir kannibalisieren nicht
100-jährige Geschichte zurückblickt. Böhm, der auch dem den Fahrradverkehr, sondern bieten eine nachhaltige Al-
Bundesverband Taxi vorsteht, nennt drei andere Hür- ternative für die Strecken,
den, die seiner Branche den Weg in die Nachhaltigkeit die sonst mit dem privaten
erschweren: zu rar die Ladeinfrastruktur, zu schwach die Pkw zurückgelegt worden
Akkus, zu hoch die Preise, die in der geforderten Fahr- wären“, begründet Rose.
zeugklasse aufgerufen werden. Gerade jetzt, da die Bran- Knapp zweieinhalb Jah-
che infolge der Corona-Krise mit dem Rücken zur Wand re noch wird der On-De-
stehe, seien solche Investitionen kaum zu stemmen. Dass mand-Service erprobt und „ÖPNV muss
Foto: Stadtwerke Münster
ÖPNV auf Bestellung im Zuge des neuen Beförderungsge- optimiert. So soll etwa die sexy werden.“
setzes als Verkehrsform genehmigt worden ist, sieht er mit App eine Steuerungsfunk-
gemischten Gefühlen. Das könne einerseits neue Perspek- tion übernehmen, um bei- Frank Gäfgen,
tiven für Partnerschaft und Vernetzung eröffnen. „Warum spielsweise zu vermeiden, Geschäftsführer der
Stadtwerke Münster
soll ein Taxi nicht auch für den ÖPNV On-Demand-Fahr- dass ein mit Schülern ge- für den Bereich
gäste mitnehmen?“, fragt Böhm, um dann den anderen fülltes Shuttle einem spär- Mobilität.
Aspekt anzusprechen: die verschärfte Wettbewerbssitu- lich besetzten Linienbus
ation. „Wäre LOOP ein stadtweites Angebot, würde das hinterherfährt. Bleibt die
den Taximarkt nahezu zum Erliegen bringen“, ist der Un- Frage: Werden die Shuttles nach der Förderphase wie-
ternehmer überzeugt. Dabei kann das Taxi immer noch der aus dem Verkehr gezogen, weil der Dienst wirtschaft-
punkten, weil seine Mobilität individueller ist, wie auch lich nicht tragfähig ist? Denn momentan wird das Projekt
Stadtwerke-Chef Gäfgen einräumt. „Wir versuchen darauf gefördert mit fünf Millionen Euro vom Land NRW und
zu achten, dass LOOP keine Konkurrenz zum Taxi dar- drei Millionen Euro von der Stadt Münster. Für Gäfgen
stellt“, versichert er. So dürfe ein Taxi Fahrgäste auf di- ist klar: „ÖPNV ist Daseinsvorsorge, die ist nie kosten-
rektem Weg von Haustür zu Haustür bringen, während deckend.“ Ohnehin gehöre die Finanzierung des ÖPNV
LOOP an die genehmigten Haltestellen gebunden sei und längst auf den Prüfstein, wenn die Verkehrswende von der
auf der Tour noch Schleifen drehe, sodass Passagiere ei- Gesellschaft gewollt sei. LOOP jedenfalls scheint in Müns-
nige Minuten Wartezeit einplanen müssen. Denn der De- ter willkommen, an der künftigen Finanzierung wird ge-
mand-Service funktioniert nach dem Pooling-Prinzip: Ein feilt. „Wir denken aber nicht alleine, sondern gemeinsam
Algorithmus berechnet in Echtzeit, auf welchem Kurs die mit der Stadt“, sagt Gäfgen. Soviel ist sicher: Die Shuttles
Shuttles kreuzen müssen, um möglichst viele Bestellun- werden nicht das ganze Stadtgebiet bedienen. Taxis wer-
gen in einem Schwung zu bedienen. Dass auch Taxis an- den also wohl weiterhin auf Touren kommen.
Wirtschaftsspiegel Mai | Juni 2021 21Sie können auch lesen